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B978-3-437-58830-3.00001-5

10.1016/B978-3-437-58830-3.00001-5

978-3-437-58830-3

Außer Schimpansen gehören auch Gorillas, Bonobos und Orang-Utans zu den großen Menschenaffen. Die Schimpansen sind unsere engsten Verwandten. Vor fünf Millionen Jahren lebte und starb irgendwo in Afrika der letzte gemeinsame Vorfahre von Mensch und Schimpanse.

[L127]

Strukturelle Übereinstimmung verschiedener Lebewesen im Laufe der Evolution

[L127]

Haeckels Theorie spiegelt den kausalen Zusammenhang zwischen Phylogenese und Ontogenese wider. In den ersten embryonalen Phasen unterscheiden sich höher entwickelte Lebewesen kaum voneinander.

[L127]

Anatomische Merkmale, die typisch für unsere Urahnen waren: a) Sesambein , b) Darwin-Ohrhöcker , c) rudimentäre Milchleisten

  • a)

    [E580]

  • b)

    [L127]

  • c)

    [L127]

Darstellung des ovariellen Zyklus bis zum Eisprung, Befruchtung und menschliche Embryonalentwicklung in der ersten Woche

[E581]

Beginn der Implantation und Differenzierung des Embryoblasten. a) Die Blastozyste hat sich an das Epithel des Endometriums angeheftet. b) Aus dem Trophoblasten wird der Synzytio- und Zytotrophoblast. Der Synzytiotrophoblast durchdringt die Uterusschleimhaut und beginnt ins Bindegewebe des Endometriums einzuwachsen. Der Embryoblast hat sich in zwei übereinanderliegende Schichten gegliedert: Hypoblast und Epiblast.

[E581]

Eine 12 Tage alte Blastozyste mit der zweiblättrigen Keimscheibe

[E581]

Entstehung des Primitivstreifens und der dreiblättrigen Keimscheibe

[E581]

Entwicklung der Chorda dorsalis

[E581]

Differenzierung des Mesoderms in paraxiales Mesoderm, intermediäres Mesoderm und Seitenplattenmesoderm

[E581]

Seitenansicht eines a) 24, b) 26 und c) 28 Tage alten Embryos

[E581]

Anlageplan

[R249]

Entwicklung eines Kontusionsfelds und eines Dilationsfelds in Somiten der Wirbelsäule. 1) Differenzierung zu Vorknochen (enchondrales Gewebe), 2) Differenzierung zu Knorpel (chondrales Gewebe), 3) Differenzierung zum Myotom (Muskelgewebe), 4) Intersegmentalarterien. Ein Kontusionsfeld entsteht durch Verdichtung des enchondralen Gewebes und Schwellung des chondralen Gewebes. Ein Dilationsfeld entsteht durch das Längenwachstum der Wirbelsäule mit daraus folgender Traktion am paravertebralen Gewebe.

[L126]

Die kindliche Bewegungsentwicklung als Voraussetzung für die Bahnung der posturalen Bahnung:posturale Kontrolle, kindliche BewegungsentwicklungKontrolle: a) über das Krabbelmuster zum Stehen, durch eine Kombination aus axialer Stabilität und funktionell korrekter Steuerung der unteren Extremität. b) Aus der Rückenlage und über die Seitenlage drückt sich das Kind hoch in die Sitzposition. Es sitzt noch vornüber hängend, entwickelt aber eine zunehmend bessere axiale Stabilität.

[A300–157]

Zentrales und peripheres Nervensystem

[L127]

a) Sympathikus und b) Parasympathikus

  • a)

    [E346]

  • b)

    [L106]

a) Sympathikus und b) Parasympathikus

  • a)

    [E346]

  • b)

    [L106]

Enterisches Nervensystem

[L143]

Aufbau des Gehirns

[S007-3-23]

Modell des dreiteiligen Gehirns

[L127]

Menschlicher Hirnstamm und Kleinhirn

[E605]

Strukturen des Zwischen- und Mittelhirns

[L127]

Das limbische System und Großhirnstrukturen

[E582]

Einteilung des Neokortex in Lappen

[S007-3-23]

Signaltransduktion eines Peptids unter Beteiligung eines Rezeptors

[L106]

Endokriner Regelkreis

[L107]

Hormone der Hypophyse

[L107]

Vereinfachte Darstellung der Organisation der Somatomotorik

[L141]

Tensegrity

[J790]

Pischinger-Raum

[L143]

Reziproke SegmentmusterSegmentmuster:reziproke

Tab. 1.1
Segment Muskel Organ Reziprokes Segment
C1 M. buccinator -Zellen, Pankreas L5
C2 M. masseter Thymus L4
C3 Diaphragma Magen L3
C4 M. subscapularis Hypothalamus L2
C5 M. pterygoideus lateralis HHL L1
C6 M. teres major Thymus Th12
C7 M. supraspinatus Schilddrüse Th11
Th1 M. occipitalis Thalamus Th10
Th2 M. deltoideus, Pars acromialis Herz Th9
Th3 M. deltoideus, Pars spinalis Lunge Th8
Th4 M. deltoideus, Pars clavicularis Gallenblase Th7
Th5 M. triceps brachii Milz Th6
Th6 M. pectoralis major, Pars clavicularis Magen Th5
Th7 M. orbicularis oris Enzyme, Pankreas Th4
Th8 M. pectoralis major, Pars sternalis Leber Th3
Th9 M. pirifomis NNM Th2
Th10 M. illiopsoas Niere Th1
Th11 M. flexor hallucis longus NNR C7
Th12 M. quadratus lumborum Kolon C6
L1 M. erector spinae Blase C5
L2 M. tensor fasciae latae Sigma C4
L3 M. gluteus maximus Kolon C3
L4 M. tibialis anterior Blase C2
L5 M. biceps femoris Kolon C1

Auswahl der wichtigsten Informationsmoleküle des MenschenInformationsmoleküle:Funktionen

Tab. 1.2
Informationsmolekül Art des Informationsmoleküls Funktionen (Auswahl)
Aminosäuren
Glutamat Neurotransmitter
  • exzitatorisch

  • reguliert Sekretion der Hypophysenhormone und ist wichtigster Transmitter für die Motorik

  • bindet Ammoniak unter Bildung von Glutamin

  • fungiert als Bestandteil von Coenzymen

Aspartat Neurotransmitter
  • exzitatorisch

  • dient als Proteinbaustein

Glycin Neurotransmitter
  • hemmend

  • Steuerung der Willkürmotorik

  • verbessert neuromuskuläre Kontrolle

  • antioxidativ

Biogene Amine
Dopamin Neurotransmitter, Hormon
  • exzitatorisch

  • beeinflusst extrapyramidale Motorik

  • essenziell für Koordination, Motivation, Konzentration, Antrieb, Appetitregulation, kognitive Leistungen

Noradrenalin Neurotransmitter, Hormon
  • exzitatorisch/hemmend

  • hemmt Aktivität der Immunzellen

  • positive Beeinflussung von Aufmerksamkeit, Konzentration, Motivation, Motorik

Serotonin Neurotransmitter, Hormon
  • hemmend, selten exzitatorisch

  • beeinflusst Stimmung, Schlaf-wach-Rhythmus, Nahrungsaufnahme, Schmerzwahrnehmung, Körpertemperatur

GABA (Gamma-Aminobuttersäure) Neurotransmitter
  • hemmend

  • an motorischer Kontrolle im Kleinhirn und in den Basalganglien beteiligt

  • an der Regulation des Schlaf-wach-Rhythmus im Thalamus beteiligt

  • an Reflexverschaltung und Koordination von Bewegungsabläufen in der Medulla spinalis beteiligt

Adrenalin Hormon, Neurotransmitter
  • Steigerung der Herzfrequenz

  • Erweiterung der Bronchien

  • schnelle Bereitstellung der Energiereserven

Peptide
Opioide (Endorphine und Enkephaline) Neurotransmitter, Hormone
  • schmerzunterdrückend

  • Steuerung vegetativer Funktionen

    • Verarbeitung sensorischer Afferenzen

    • Regulation der Körpertemperatur

    • Antriebs- und Verhaltenssteuerung

  • an Feinabstimmung vieler Nerven- und Hormonfunktionen beteiligt

Oxytocin Hormon
  • Vorbereitung auf Geburt (fördert Uteruskontraktion)

  • stimuliert die Bildung von Muttermilch

  • fördert Bindungsverhalten und Orgasmusfähigkeit

Substanz P Neurotransmitter, Hormon
  • erregend

  • analgesierend (steigert Empfindlichkeit der Nozizeptoren)

  • bewirkt Vasodilatation und Durchlässigkeit der Blutgefäße

  • Chemotaxis (reguliert Einwanderung von Leukozyten)

Sonstige
Acetylcholin Neurotransmitter
  • exzitatorisch/hemmend

  • Signalübertragung vom 1. zum 2. Neuron des VNS

  • an kognitiven Prozessen im ZNS beteiligt

  • vermittelt willkürliche Kontraktion der Skelettmuskulatur an der neuromuskulären Endplatte

Stickstoffmonoxid (NO) Neurotransmitter
  • an der Regulation der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse beteiligt

  • durchblutungsfördernd

  • gefäßprotektiv

ATP Neurotransmitter
  • exzitatorisch

Endocannabinoide Neurotransmitter
  • hemmt die Wirkung von Glutamat

Die Osteopathie, der Mensch und die funktionelle Medizin

Thomas Kia

Pathik Hagemann

(1.5.4)

Philip Van Caille

(1.5.5)

  • 1.1

    Entwicklung der Osteopathie2

  • 1.2

    Still und die Regulationsmedizin3

  • 1.3

    Die Osteopathie im 21.Jahrhundert3

  • 1.4

    Gefahren für den Patienten4

  • 1.5

    Der Mensch – eine Fehlkonstruktion?5

    • 1.5.1

      Evolutionäre Grundlagen des Menschen5

    • 1.5.2

      Ontogenese – Übersicht über die embryonale Entwicklung9

    • 1.5.3

      Dynamik als Voraussetzung für Leben21

    • 1.5.4

      Die Steuerungssysteme Pathik Hagemann, Thomas Kia23

    • 1.5.5

      Die Steuerung der Selbstheilung Thomas Kia, Philip Van Caille45

Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Teile (mod. n. Aristoteles)

Entwicklung der Osteopathie

In den 70er-Jahren des 19. Jahrhunderts wurde die osteopathische Medizin in Amerika entwickelt. Der Urvater der Osteopathie:EntwicklungOsteopathie ist der US-amerikanische Arzt Andrew Taylor Still (1828–1917). Stills OsteopathieStills Leben war vor allem durch persönliche Schicksalsschläge geprägt. Drei seiner vier Kinder starben im Zuge einer Meningitis-Epidemie. Die damalige Schulmedizin konnte nicht helfen, was ihn dazu motivierte, nach alternativen Wegen zu suchen.
Still entwickelte ein diagnostisches und therapeutisches Konzept, nach dem schwerpunktmäßig manualtherapeutische Techniken angewendet werden. In seinem Konzept spielt der Bewegungsapparat:Stills BehandlungskonzeptBewegungsapparat die zentrale Rolle. Sowohl die Befunderhebung als auch die Anwendung therapeutischer Techniken erfolgen auf der Ebene der Körperfunktionen und -strukturen, wobei die Palpation zur Befunderhebung im Vordergrund steht. Die Therapie des Gesamtorganismus besteht in einer Behandlung des Bewegungsapparats. Die Bezeichnung osteopathy (aus griech. osteon: Knochen und pathos: Leiden) wurde 1885 von Still geprägt, da er seiner neuen Medizin einen Namen geben wollte und eine Vorliebe für Begriffe hatte, die Knochenstrukturen des menschlichen Körpers bezeichnen.
Still hatte sehr großen Erfolg mit seinem Behandlungskonzept. 1892 wurde in Kirksville, Missouri, die American School of Osteopathy als erstes College gegründet. Nach Stills Tod im Jahre 1917 gründete sein Schüler John Martin Littlejohn die erste Schule für Osteopathie in Europa, die British School of Osteopathy in London.
Stills Konzept wurde nach seinem Tod fortgeführt und ergänzt. Die Osteopathie ist heute typischerweise in drei Bereiche unterteilt:
  • Parietale Osteopathie: Sie ist die Osteopathie:parietaleOsteopathie des Stütz- und Bewegungsapparats. Durch eine gezielte palpatorische Untersuchung werden artikuläre, muskuläre und myofasziale Dysfunktionen erfasst. Diese somatischen Dysfunktionen verursachen immer eine kompensatorische Veränderung der Statik, die eine aufsteigende und/oder absteigende Verkettung von Störungen mit sich bringen kann. Kurz gesagt: verschiedene Störungen sind kausal miteinander verbunden. Die kompensatorischen Mechanismen von der kortikalen Ebene bis zur Peripherie werden in Kapitel 5 erörtert.

  • Viszerale Osteopathie: Sie Osteopathie:viszeralebefasst sich mit den inneren Organen und ihren bindegewebigen Aufhängungen. So können z. B. funktionelle Störungen der inneren Organe über viszerosomatische Reflexbögen die Funktion des Bewegungsapparats beeinflussen und umgekehrt. Therapeutisch versucht der Osteopath, die Mobilität und Motilität von inneren Organen wiederherzustellen. In Kapitel 8 wird genauer auf das viszerale Behandlungskonzept eingegangen.

  • Kraniosakrale Osteopathie: Das kraniosakrale Osteopathie:kraniosakraleSystem ist in der Osteopathie ein wichtiges Regulationssystem des menschlichen Körpers. Basierend auf der Annahme spezifischer inhärenter Rhythmen im menschlichen Organismus – primär respiratorischer Mechanismus (PRM) oder cranial rhythmic impulse (CRI) –, wird die Motilität des Zentralnervensystems mit manuellen Techniken im Bereich des Schädels und Sakrums harmonisiert.

Stills ursprüngliches Behandlungskonzept war die parietale Osteopathie. Die viszerale Osteopathie stellt eine Weiterentwicklung dar, an der in den 1940er-Jahren Osteopathen wie H. V. Hoover oder M. D. Young und später Jean-Pierre Barral maßgeblich beteiligt waren. Die kraniosakrale Osteopathie wurde von dem US-amerikanischen Arzt William Garner Sutherland (1873–1954), einem Schüler Andrew Taylor Stills, begründet. Sie hat sich in den 70er-Jahren weiterentwickelt und unter dem Einfluss Upledgers weitgehend von der ursprünglichen Osteopathie gelöst. Dr. John E. Upledger, ein osteopathischer Arzt und Chirurg, reduzierte das osteopathische Behandlungskonzept auf zehn Schritte (ten steps) und entwickelte das Somato-emotional-Release-Konzept. Das Prinzip des Somato-emotional Release beruht auf einer Integration von seelischer und körperlicher Ebene. Demzufolge kann sich ein Trauma in sog. Energie-Zysten im Gewebe festsetzen. In Kapitel 11 wird genauer auf die Speicherfunktion bzw. die Eigenintelligenz von Körpergeweben eingegangen.
Heute hat sich die Osteopathie von der rein parietalen, viszeralen und kraniosakralen Sichtweise gelöst und erheblich weiterentwickelt. Die moderne Osteopathie betrachtet im Wesentlichen Körpersysteme und bemüht sich, deren Physiologie wiederherzustellen (s. u.).

Still und die Regulationsmedizin

Andrew Taylor Still war fest davon überzeugt, dass der menschliche Körper eine Funktionseinheit ist und die Fähigkeit zur Selbstregulation besitzt. Nach seiner Auffassung hängen alle Körpersysteme zusammen und sind verantwortlich für die Gesundheit eines Menschen:
  • Der Körper ist eine Einheit.

  • Struktur und Funktion stehen in wechselseitiger Abhängigkeit zueinander.

  • Der Körper hat das Potenzial zur Selbstregulierung und Selbstheilung.

  • Leben ist Bewegung.

  • Die Bewegung der Körperflüssigkeiten ist für die Aufrechterhaltung der Gesundheit von essenzieller Bedeutung.

  • Für die Steuerung der Körperflüssigkeiten und den Informationsaustausch spielt das Nervensystem eine zentrale Rolle.

Viele der heutigen alternativmedizinischen Verfahren, die ein ähnliches Konzept wie Still haben, lassen sich unter der Bezeichnung Regulationsmedizin zusammenfassen. Mit Regulationsmedizin:SelbstheilungskräfteRegulationsmedizin ist eine Richtung in der Medizin gemeint, die mit körpereigenen (Selbst-)Regulationsmechanismen bzw. mit körpereigenen (Selbst-)Heilungskräften arbeitet. Die gestörten körpereigenen Selbstheilungskräfte werden dabei entstört und aktiviert, damit der Patient seine Gesundheit wiederfindet. Es geht nicht primär darum, Symptome wie z. B. Schmerzen durch bestimmte Gegenmaßnahmen auszuschalten, sondern darum, die Selbstheilung anzuregen, damit sich der Organismus selbst heilt bzw. reguliert. Die Symptome verschwinden dann zumeist von selbst. Die Steuerung und Regulierung der Selbstheilung(skräfte):RegulierungSelbstheilungskräfte, Regulations- und Körpersysteme werden ausführlich in Kapitel 1.5.3 besprochen.

Die Osteopathie im 21. Jahrhundert

Bis heute fehlt eine klare, länderübergreifend akzeptierte Definition der Osteopathie:im 21. JahrhundertOsteopathie. Der Begriff Osteopathie wird von Land zu Land unterschiedlich gebraucht. Zudem bestehen in den Ländern klare Unterschiede in der Behandlung. So wird die Osteopathie:in den USAOsteopathie z. B. in den USA als osteopathic manipulative treatment (OMT) bezeichnet. Dort kann ein Medizinstudium nach osteopathischen Vorstellungen absolviert werden. Nach Abschluss dieses Studiums stehen dem Arzt und Doctor of Osteopathy (D. O.1

1

Die Bezeichnung D. O. in Deutschland hat keine rechtliche Bedeutung und ist nicht mit dem US-amerikanischen Abschluss zu vergleichen, der auf einer vollwertigen medizinischen Ausbildung basiert.

) alle medizinischen Fachrichtungen offen. Die Ausbildungsinhalte von Osteopathen oder Ärzten sind zum größten Teil identisch (Anatomie, Physiologie usw.). Schaut man sich die Arbeitsweise der amerikanischen Osteopathen an, so ist zu beobachten, dass sie nicht ausschließlich mit manuellen Techniken arbeiten, sondern dass in ihren Praxen zunehmend schulmedizinische und andere komplementärmedizinische Verfahren Anwendung finden.
In Deutschland dürfen nur Ärzte und Heilpraktiker die Osteopathie:in DeutschlandOsteopathie als First-Line-Zugang zum Patienten ausüben. Daraus ergibt sich, dass viele Therapeuten – entsprechend ihrer Berufserfahrung – neben der Osteopathie unterschiedliche Verfahren aus der Schulmedizin und Alternativmedizin anwenden, ähnlich wie die amerikanischen Kollegen.
Die Osteopathie hat sich somit mehr und mehr von der Ursprungsidee einer parietalen, viszeralen und kraniosakralen Methode gelöst und weiterentwickelt. Außer von Ärzten und Heilpraktikern werden osteopathische Techniken noch von Physiotherapeuten angewendet. In den letzten Jahren ist zu beobachten, dass die Zahl der Osteopathen:AusbildungOsteopathen und Studierenden erheblich ansteigt. Die meisten absolvieren ihre Ausbildung an Schulen im benachbarten Ausland (z. B. Belgien und Frankreich), wo sich die Osteopathie schon früh im Gesundheitssystem etablieren konnte. Neben anspruchsvollen klinischen Prüfungen haben diese Schulen früh damit begonnen, wissenschaftliche Aktivitäten nach klinischen Forschungskriterien im Rahmen von Diplomarbeiten zu initiieren. Einige Osteopathieschulen ermöglichen die Qualifikation zum Master of Science (M. Sc.) gemäß dem europäischen Bologna-Abkommen. Dies sagt zwar noch nichts über die therapeutische Qualität eines Osteopathen aus. Dennoch wurde damit ein Meilenstein für die Akademisierung der Osteopathie gelegt und der Weg zur europaweiten Anerkennung der Osteopathie als Berufsbild gebahnt. In Hessen ist sie als Berufsbild seit 2009 anerkannt.

Situation in der Schweiz

Seit 2008 führt die von der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK) in der Schweiz gewählte interkantonale Prüfungskommission Prüfungen für Osteopathen durch. Grundlage hierfür ist das seit dem 1. Januar 2007 geltende Reglement der GDK. Auf Empfehlung der GDK untersteht die selbstständige Ausübung der Osteopathen:Zulassung in der SchweizOsteopathie mittlerweile in fast allen Kantonen der Bewilligungspflicht. Die Zulassung zur Berufsausübung wird nur erteilt, wenn das interkantonale Diplom der GDK vorliegt.
In Zukunft ist davon auszugehen, dass der Osteopath neben dem Arzt und Heilpraktiker als eigenständiger Therapeut arbeiten wird. Ohnehin ist heute schon zu beobachten, dass Patienten, die bereits bei einem erfahrenen Osteopathen in Behandlung waren, diesen häufig wieder als erste Anlaufstelle ansteuern.

Gefahren für den Patienten

Für die Diagnosestellung sind folgende Informationen über den Patienten notwendig:
  • Anamnese

  • körperliche Untersuchung

  • zusätzliche Befunde (Röntgen, Labor, ärztliche Berichte etc.)

Zusammengefasst führen diese Informationen zur Verdachtsdiagnose oder endgültigen Diagnose eines Syndroms. Hat der Patient beispielsweise Schmerzen im Bereich der unteren Lendenwirbelsäule und zeigt das Röntgenbild degenerative Veränderungen an den Facettengelenken, lautet die Diagnose Facettenarthrose. In der konventionellen Medizin basiert die Diagnosestellung:konventionelle MedizinDiagnosestellung auf der Symptomatik des Patienten, und die Diagnose wird dann zumeist per Bildgebung gesichert. Der Zustand der Struktur ist somit maßgeblich für das Beschwerdebild und die Diagnose.
Die Osteopathie Diagnosestellung:Osteopathieerhebt in erster Linie funktionsbezogene Befunde. Sie orientiert sich an den Körpersystemen (Kap. 1.5.2), aber auch an Körperstrukturen und richtet daran die Therapie aus. Dabei besteht die Gefahr, eine Struktur zu verletzen, vor allem wenn sie schon vorgeschädigt war.

MERKE

Um Komplikationen durch diagnostische und therapeutische Maßnahmen zu vermeiden, ist eine umfassende körperliche Untersuchung und Differenzialdiagnose notwendig.

Stellt sich ein Patient mit einer ernsthaften Strukturschädigung vor, muss im Rahmen der osteopathische Techniken:Verletzungsrisikoosteopathischen Arbeit dafür Sorge getragen werden, eine Verletzung zu vermeiden. Das Verletzungsrisiko hängt auch von der eingesetzten Technik ab und bezieht sich meist auf HVLA-Techniken (thrust), die in Kapitel 7.1 besprochen werden. Aus mangelnden differenzialdiagnostischen Kenntnissen kann sich als weitere Gefahr eine verzögerte oder verpasste Diagnose und Therapie ernsthaft erkrankter Menschen ergeben. Dies schließt natürlich auch psychisch kranke Patienten mit ein, bei denen die Gefahr einer Reaktivierung der Symptomatik besteht (z. B. in Form einer postmanipulativen Krise).
Vor einer osteopathischen Therapie ist daher obligatorisch eine Differenzialdiagnosen:RückenschmerzenDifferenzialdiagnostik durchzuführen. Eine adäquate Diagnostik und Therapie setzt ein gründliches Wissen über die Facetten des Rückenschmerzes voraus. So könnten Rückenschmerzen:DifferenzialdiagnosenRückenschmerzen ein Warnsignal für schwere Erkrankungen sein. Eine übersichtliche, fachübergreifende Darstellung der Differenzialdiagnosen schulmedizinischer Krankheitsbilder in Verbindung mit der Osteopathie an die Hand zu bekommen, war schon lange der Wunsch unserer Studenten. In Kapitel 3 sind ausführlich die Differenzialdiagnosen des Rückenschmerzes besprochen.

Der Mensch – eine Fehlkonstruktion?

Betrachten wir unser tägliches osteopathische Patienten:KrankheitsbilderPatientengut, so stellt sich heraus, dass eine Gruppe von Krankheitsbilder:osteopathische PatientenKrankheitsbildern gehäuft vorkommt, nämlich degenerative Veränderungen am gesamten Bewegungsapparat, Herz- und Gefäßkrankheiten, Bluthochdruck, Typ-2-Diabetes (zunehmend auch bei Kindern), Übergewicht, Krebserkrankungen (Gebärmutter-, Brust-, Eierstock-, Darmkrebs bei Frauen bzw. Prostata- und Darmkrebs bei Männer), Allergien, Hauterkrankungen (Neurodermitis, Akne), Leber- und Gallenerkrankungen, Kopfschmerzen usw. Dabei handelt es sich im Wesentlichen um Krankheitsbilder, die in der vorindustriellen Zeit eher eine Seltenheit waren – sog. Zivilisationskrankheiten bzw. lifestyle diseases. Plagen uns ZivilisationskrankheitenZivilisationskrankheiten, weil unser Körper nicht für die Welt von heute gemacht ist? Sind wir etwa gar nicht dazu geschaffen, mit hochhackigen Schuhen über den Asphalt zu laufen oder stundenlang auf Bürostühlen zu sitzen? Dabei scheint das doch normal zu sein! Man könnte meinen, dass wir auf ein anderes Leben vorbereitet und nicht an den Lifestyle des 21. Jahrhunderts angepasst sind. Deshalb erscheint es sinnvoll, etwas über unseren Ursprung zu erfahren, aus der Steinzeit zu lernen. Es geht nicht etwa darum, wieder zum Höhlenleben zurückkehren zu wollen, sondern darum, unsere evolutionären Grundlagen kennenzulernen, um sie ein bisschen auf unser heutiges Leben übertragen und es körper- bzw. biologiegerechter gestalten zu können. Wenn wir unsere Wurzeln anschauen, verstehen wir viele Störungen in unserem Körper besser. Wir sind sicher nicht die Krone der Schöpfung, sondern ein Ergebnis zahlreicher Veränderungen in der Biologie; aus der Artenvielfalt ist, vereinfacht ausgedrückt, der Mensch entstanden. In der Jahrmillionen langen Erdgeschichte gab es schlicht und ergreifend Überlebensvorteile, Reproduktionsvorteile für den Menschen – wir sind aber sicher nicht perfekt geeignet für die Art und Weise, in der wir jetzt im 21. Jahrhundert leben.

Evolutionäre Grundlagen des Menschen

Homo sapiens
evolutionäre Grundlagen des MenschenDer Begriff Homo Homo sapienssapiens leitet sich aus dem Lateinischen (homo: Mensch und sapiens: weise) ab. Auch wenn das Verhalten des modernen Menschen nicht immer dem eines weisen, klugen Menschen entspricht, hat sich der Homo sapiens bis zum heutigen Tag gehalten, nachdem er vor ungefähr 160.000 Jahren in der heute bekannten Ausführung auf der Bildfläche erschien. Unsere Vorfahren sind die Menschenaffen. Die Verwandtschaft von Menschen und Affen wird, außer einer religiösen Minderheit, niemand mehr anzweifeln. Genanalysen bestätigen, dass der SchimpansenSchimpanse der nächste Verwandte des Menschen ist (Abb. 1.1a). Er steht uns genetisch sehr nah, da bis zu 98 % des Erbguts beider Arten identisch sind. Es gilt als sicher, dass Mensch und Mensch und SchimpanseSchimpanse gemeinsame Vorfahren haben und dass ihre Entwicklung vor rund fünf Millionen Jahren getrennte Wege nahm. Dennoch gibt es deutliche Unterschiede zwischen uns und den Schimpansen, die im Wesentlichen durch das Zusammenspiel zweier Faktoren zustande kommen: durch die unterschiedliche Nutzung der Gene und Veränderungen im Erbgut.
Welch ein enormes Erklärungspotenzial die Evolutionstheorie:ErklärungspotenzialEvolutionstheorie besitzt, zeigt sich daran, dass sich viele voneinander unabhängige Wissenschaftszweige auf sie stützen.
Phylogenese und Ontogenese
Phylogenese:BegriffsdefinitionDer Zoologe, Philosoph, Freidenker und Arzt Ernst Haeckel (1834–1919) prägte den Begriff der Phylogenese: die stammesgeschichtliche Entwicklung aller Lebewesen. Der Begriff wird auch verwendet, um die Evolution einzelner Merkmale im Laufe der Entwicklungsgeschichte zu charakterisieren. Haeckels Denken war stark von der Evolutionstheorie Charles Darwins geprägt. Aus Haeckels Theorie entstand eine spezielle Abstammungslehre, der zufolge sich die Vorgänge der Evolution in der Ontogenese:PhasenOntogenese:BegriffsdefinitionOntogenese wiederfinden. Mit Ontogenese ist in diesem Zusammenhang die Entwicklung des einzelnen Menschen von der befruchteten Eizelle zum erwachsenen Menschen gemeint. Die Ontogenese des Menschen lässt sich in mehrere Phasen einteilen:
Zeugung Blastogenese Embryogenese Fetogenese Geburt Säuglingsphase Kleinkindphase juveniles Stadium Pubertätsphase Adoleszenz Klimakterium Seneszenz Tod
Aus Sicht der Phylogenese ist der Mensch als Produkt der Evolution über eine lange Reihe von Entwicklungen mit zahllosen Verbindungen zu anderen Organismen entstanden (Abb. 1.1b).
Übereinstimmung
Man braucht nur die embryonale Übereinstimmung zwischen sehr verschiedenen Arten zu betrachten, um die morphologische Ähnlichkeit des Menschen im Vergleich zu anderen Organismen zu sehen. Auch wenn sich nach der Geburt beträchtliche Unterschiede zwischen Mensch, Kaninchen, Schildkröte und Huhn zeigen, ist dies während der ersten embryonalen Phase nicht der Fall (Abb. 1.2).
Neben ähnlichen Prozessen im Rahmen der Embryogenese:und PhylogeneseEmbryogenese lassen sich viele Beispiele für phylogenetisch ältere phylogenetisch ältere Strukturen:des MenschenStrukturen anführen, die im menschlichen Körper erhalten geblieben sind:
  • Der M. plantaris spielt beim Menschen anders als beim Affen (Klettern) keine Rolle mehr.

  • Viele Menschen haben in der Hand eine funktionell bedeutungslose Palmaris-longus-Sehne.

  • Der Steiß des Menschen ist als Überbleibsel eines Schwanzes zu betrachten.

  • Frauen besitzen zwei rudimentäre Milchleisten. Während sich der größte Teil beim Embryo im 3. Monat zurückbildet, entwickelt sich aus dem oberen Teil später die weibliche Brust. In seltenen Fällen wachsen mehr als zwei sichtbare Brustwarzen aus den Milchleisten.

  • Im Halsbereich des Embryos vorhandene Kiemenbögen sind anatomisch mit den Kiemen von Fischen verwandt. Als Überbleibsel der embryonalen Kiemenbögen kann sich eine Halsfistel entwickeln.

  • Der sog. Darwin-Ohrhöcker, ein Knorpelfortsatz am hinteren oberen Ohrmuschelrand, ist als evolutionäres Überbleibsel des spitzen Säugetierohres bei ca. 10 % der Menschen ausgebildet.

  • Sesambeine am Metatarsalköpfchen der Großzehen dienten beim Vierfüßlergang dazu, das Metatarsalköpfchen zu entlasten; heute haben sie diese Bedeutung nur noch für den Ballengang (Abb. 1.3).

Warum bleiben anatomische Überbleibsel bestehen, obwohl sie doch offensichtlich keine Funktion mehr ausüben? Die Natur ist ökonomisch und benutzt Baumaterial, das bereits vorhanden ist. Entwicklungsgeschichtlich ältere Strukturen werden in jüngere Strukturen integriert. Der Mensch trägt die Evolutionsgeschichte in sich.
Unterschiede
Zwischen Mensch und Tier gibt es viele Übereinstimmungen, aber auch Unterschiede: die unbegrenzte LernfähigkeitLernfähigkeit des Menschen, sein AdaptationsvermögenAdaptationsvermögen, erlaubt es, Erlerntes an die nächste Generation weiterzugeben. Dem Menschen gelang es, sich eine Kultur und Technologien zu erschaffen. Dies ermöglichte die Entwicklung von Instrumenten, die weit über die biologische Kapazität des Körpers hinausgehen: Der Mensch kann fliegen und Geschwindigkeiten erreichen, die dem Körper nicht möglich sind, er kann die Welt bis ins Allerkleinste erforschen und Atomkerne spalten. Voraussetzung für diese Fähigkeiten war die Evolution des menschlichen Neokortex (neomammalisches neomammalisches Gehirn s. NeokortexGehirn). Der NeokortexNeokortex ist der entwicklungsgeschichtlich jüngste und differenzierteste Teil des Gehirns und nur bei Säugetieren anzutreffen. Er macht 90 % des Großhirns aus, unter anderem die sensorischen Areale (Repräsentation der Sinneseindrücke), den für Bewegungen zuständigen motorischen Kortex und die weiträumigen Assoziationszentren. In phylogenetisch älteren phylogenetisch ältere Strukturen:Hirnstamm und KleinhirnStrukturen wie Kleinhirn:und Hirnstammdem Hirnstamm und Hirnstamm:und KleinhirnKleinhirn (protoreptilisches protoreptilisches Gehirn s. HirnstammGehirn) ist z. B. kein Sprachverständnis möglich. Das Reptiliengehirn in uns äußert sich vor allen Dingen durch
  • Tropismen: mechanisch ablaufende, durch Umgebungsreize evozierte Verhaltensweisen. Auf unseren Alltag bezogen dient z. B. der OrthotropismusOrthotropismus, der Drang, sich gegen die Schwerkraft aufzurichten, um das Gleichgewicht zu wahren, unserer posturalen Steuerung bzw. der Haltungskontrolle (Kap. 5.4).

  • Isopraxie: das Gleiche tun, z. B. Kultphänomene, Mode etc.

  • Routinehaltungen.

  • Mimik: bei der Parkinson-Krankheit z. B. verliert der Mensch die spontane emotionale Ausdrucksfähigkeit.

  • Territorium: der Mensch schafft sich ein Territorium und bewacht es.

Auch das limbische System limbisches System:Emotionenist phylogenetisch phylogenetisch ältere Strukturen:limbisches Systemalt. Es bringt Emotionen:limbisches SystemEmotionen zum Ausdruck. Die Ausdrucksweise vieler Emotionen ähnelt stark der von Tieren. In Glücksmomenten sind Kiefergelenkstellung und Gesichtsmimik anders als im Aggressionszustand. Aggressive Tiere sind schon von Weitem an ihrer Mimik zu erkennen. Verarbeitet denn ein Mensch nicht emotionale Belastungen im Schlaf durch Knirschen (Bruxismus) oder Beißen?
Viele menschliche Verhaltensweisen werden zudem verständlich, wenn man sich klarmacht, dass sowohl tierische als auch typisch menschliche Gesetze in uns am Werke sind. Weiter unten werden die Strukturen des Nervensystems noch genauer besprochen.

Praxisbezug

Die osteopathische Therapie eines Patienten darf sich somit nicht nur auf strukturelle Impulse in der Peripherie beschränken, um dadurch die Physiodynamik des Gewebes wiederherzustellen, sondern muss auch subkortikale und kortikale Systeme erfassen – aber Vorsicht: das Althirn spricht eine andere Sprache als der Neokortex.
Auf die osteopathischen Behandlungsstrategien für die Peripherie (z. B. schmerzendes linkes Knie) und die zentralen Systeme (Adaptation, Neuroplastizität) werden wir im zweiten Teil dieses Buches (Kap. 5 und folgende) eingehen.

Ontogenese – Übersicht über die embryonale Entwicklung

Es folgt eine Übersicht über die embryonale Embryonalentwicklung:ÜbersichtEntwicklung von der Befruchtung bis zum Zeitpunkt der Geburt. Da es sich um eine knappe Darstellung handelt, kann dieser Abschnitt ein gründliches Studium der komplexen Embryologie nicht ersetzen. Dazu wird auf die Standardwerke der Fachliteratur verwiesen.
Embryonal- und Fetalperiode
1. Woche (0.–6. Tag): Morulation
Die Befruchtung erfolgt in der Regel im Eileiter (Abb. 1.4). Dabei verschmelzen der männliche und der weibliche Vorkern zur Zygote. Das Geschlecht des Kindes wird dadurch festgelegt, dass das Spermium ein X- oder Y-Geschlechtschromosom enthält (die Eizelle dagegen immer nur ein X-Chromosom). Innerhalb von 30 Minuten teilt sich die Zygote in zwei Tochterzellen. Der kraniosakrale Rhythmus beginnt, und die Tochterzellen teilen sich in den folgenden ein bis drei Tagen zu weiteren Zellen. Dieser Zellhaufen (Morula) wandert Richtung Uterus. Die Morulation:EmbryonalentwicklungMorula nimmt während des letzten Teils der Wanderung durch den Eileiter Flüssigkeit auf und wird jetzt Blastozyste genannt (Abb. 1.5). Es kommt zu einer Verdichtung (Kompaktion) mit einem innen liegenden Zellhaufen (EmbryoblastEmbryoblast) und einer äußeren Zellschicht (TrophoblastTrophoblast). Etwa um den 6. Tag herum erreicht die BlastozysteBlastozyste das Cavum uteri. Aus dem Trophoblasten hervorgehendes Gewebe verbindet den Embryo mit der Mutter, um so einen kontinuierlichen Ernährungsaustausch zu gewährleisten (Auskleidung der Chorionhöhle, Haftstiel, der sich zur Nabelschnur entwickelt, und Plazenta). Aus dem Embryoblasten wächst der Mensch heran.
2. Woche (7.–14. Tag): Nidation
Nidation:EmbryonalentwicklungDie Blastozyste hat sich der Uterusschleimhaut angelagert und beginnt sich einzunisten (Abb. 1.6). Jetzt teilt sich die äußere Trophoblastenschicht in zwei Funktionsstrukturen auf:
  • Der Synzytiotrophoblast befindet sich außen und ist stoffwechselaktiv.

  • Der Zytotrophoblast befindet sich innen und ist mitoseaktiv.

Es scheint nur eine kurze Zeitspanne von 36 Stunden zu geben, in der die Blastozyste nicht als Fremdgewebe von der Uterusschleimhaut abgestoßen, sondern toleriert wird. Kommt es innerhalb dieser Zeit nicht zur Nidation, tritt der Embryonaltod ein.
Der Embryoblast:DifferenzierungEmbryoblast ist jetzt so groß wie der Punkt am Ende dieses Satzes. Nun beginnt sein Differenzierungsvorgang. Aus einer Schicht abgeflachter Zellen entsteht die Anlage des inneren Keimblatts, das primitive Entoderm (Hypoblast)Entoderm (HypoblastHypoblast). Gleichzeitig entwickelt sich die Anlage des äußeren Keimblatts, das primitive Ektoderm (Epiblast)Ektoderm (Epiblast). Hypoblast und EpiblastEpiblast bilden zusammen Keimscheibe:zweiblättrigedie zweiblättrige Keimscheibe.
Bei der Entwicklung des Ektoderms bilden sich an der Trophoblastenseite der Embryozellen Spalträume, aus denen später die Amnionhöhle (Amnion Embryonalhülle) hervorgeht. Gleichzeitig mit der Amnionhöhle entsteht an der anderen Embryoblastseite ein zweiter Spaltraum, der primäre Dottersack.
Die zweiblättrige Keimscheibe liegt zwischen Amnionhöhle und Dottersack (Abb. 1.6).
3. Woche (14.–21. Tag): Gastrulation
Gastrulation:EmbryonalentwicklungAm kaudalen Ende der Keimscheibe bildet sich auf der Oberfläche des Epiblasten eine längliche Verdickung, der Primitivstreifen. An seinem kranialen Ende entsteht ein Primitivknoten (Hensen-Knoten). Der PrimitivstreifenPrimitivstreifen fungiert als Einstülpungszone, von der aus Zellen zwischen dem Epi- und Hypoblast einwandern (Abb. 1.7).
Durch diese Invagination bilden sich neue Zelllagen zwischen Epiblast und Hypoblast:
  • Aus den Epiblastzellen am Primitivstreifen gehen neue (sekundäre) Entodermzellen hervor, die Heuser-Heuser-MembranMembran. Sie verteilen sich erst lateral am Rand des primären Dottersacks, schnüren diesen aber bald ein und bilden so den sekundären Dottersack:primärer/sekundärerDottersack und damit den primären Darm.

  • Zwischen Epiblast und Entoderm (intraembryonal) ausgebreitete Mesoderm:DifferenzierungMesodermzellen wachsen sich zu vier verschiedenen Gewebegruppen aus (Abb. 1.8 und Abb. 1.9):

    • Axiales Mesoderm:axialesMesoderm: Die Chorda Chorda dorsalisdorsalis stellt den primitiven Achsenstab des Embryonalkörpers dar (Abb. 1.8). Ihre Aufgabe besteht darin, Vorgänge wie die Neuralrohrbildung zu induzieren. Später bildet sie sich zurück, wobei aus ihren Resten der Nucleus pulposus der Bandscheiben entsteht.

    • Paraxiales Mesoderm:paraxialesMesoderm: Direkt um das Neuralrohr herum liegen Somiten, die sich zu Bindegewebe, Knochen- und Muskelgewebe differenzieren. Aus dem paraxialen Mesoderm entwickeln sich später die Schädelbasis, das Achsenskelett, Rippen, Skelettmuskulatur, Lederhaut und spinale Hirnhäute.

    • Intermediäres Mesoderm:intermediäresMesoderm: Somitenstiel als Anlage der Nieren, Keimdrüsen und der inneren Genitalien.

    • SeitenplattenmesodermSeitenplattenmesoderm: Verteilt auf eine äußere (parietale Mesodermplatte oder SomatopleuraSomatopleura) und eine innere Schicht (viszerale Mesodermplatte oder ViszeropleuraViszeropleura), bildet das Seitenplattenmesoderm die Anlage für Bindegewebe:Anlage im SeitenplattenmesodermBindegewebe und Knochengewebe der Extremitäten und Rumpfwand, Bindegewebe der glatten Muskulatur der Eingeweide, für seröse Häute (Perikard, Pleura, Peritoneum), Blutzellen, Blutgefäße, Herz, Lymphgefäße, Milz und Nebennierenrinde.

4.–8. Woche (22.–56. Tag): Embryogenese
Embryogenese:MetamerieAb dem 20. Tag entstehen in kraniokaudaler Richtung immer neue Somitenpaare links und rechts der Chorda dorsalis. Sie bedingen die segmentale segmentale GliederungGliederung des Körpers, die Metamerie:EmbryogeneseMetamerie. Die Somiten gehen in zwei Zellverbänden auf:
  • Sklerotom(e):MesenchymzellenSklerotom: Daraus bilden sich Mesenchymzellen mit der Fähigkeit, sich in verschiedene Zellarten zu differenzieren, z. B. Fibroblasten (Bindegewebszellen), Chondroblasten (Knorpelzellen) und Osteoblasten (Knochenzellen).

  • Dermomyotom (Dermatom + Myotom): Aus der Muskelanlage (Myotom(e):MuskelanlageMyotom) entwickeln sich die autochthone (bodenständige) Rückenmuskulatur, die Muskeln der vorderen und seitlichen Rumpfwand und die Muskeln der Extremitäten. Aus dem Dermatom(e):HautanlageDermatom gehen Haut (Dermis) und subkutanes Bindegewebe hervor.

Embryogenese:4. bis 8. WocheAb der 4. Woche entwickeln sich elementare Funktionssysteme wie das Darmrohr, das Neuralrohr, das Herz-Kreislauf-System, erste Anlagen der Gliedmaßen usw.
4. Woche
Ab dem 22. Tag bildet sich ein Herzschlauch. Er beginnt zu pulsieren und ist jetzt für eine effektive Blutzirkulation verantwortlich. Bis zum 26. Tag entwickeln sich Pharyngealbögen und Schlundtaschen. Bis zum 28. Tag schließt sich das Neuralrohr. Zur gleichen Zeit sind Hirnbläschen, Linsenplakode und Labyrinthbläschen vorhanden. Der Embryonalkörper ist jetzt stark C-förmig gekrümmt (Abb. 1.10).
5. Woche
Jetzt prägen sich Gehirn und Sinnesorgane weiter aus. Während die Differenzierung der Schilddrüse und der Lungenanlagen beginnt, schreitet die Differenzierung der Extremitätenknospen voran: Am 33. Tag treten Fingerstrahlen am Handteller auf. An Rumpf und Extremitäten zeigen sich erste Spontanbewegungen. Die Pharyngealbogenarterien und die Herzschleife bilden sich heraus. Aus der Ureterknospe und metanephrogenem Gewebe entsteht die Nachniere.
6. Woche
Nun beginnen die Sprossung der Lungenknospen, die Trennung der Vorhöfe (durch das Foramen ovale secundum), die Pigmentierung der Augenanlage. Der primäre Gaumen und die Nasenwülste prägen sich aus. Die Anlagen des Meatus acusticus externus und der Ohrmuschel sind zu sehen. Es entwickelt sich eine starke Krümmung des Kopfes mit einer Nackenbeuge des Gehirns. Das Endhirn (Telencephalon) breitet über das Zwischenhirn aus.
7. Woche
Zwei Herzkammern bilden sich aus. Am Handteller sind die einzelnen Finger abgrenzbar.
8. Woche
Die Embryonalperiode geht dem Ende zu. Der Embryo reagiert auf Bewegungsreize. Augenlider und Ohrmuscheln bilden sich noch weiter aus. Jetzt werden menschliche Gesichtszüge erkennbar. Die Differenzierung der Genitalien beginnt. Finger und Zehen sind deutlich sichtbar.
9.–38. Woche: Fetalperiode
Die Fetalperiode:9. bis 38. Woche der EntwicklungFetalperiode ist durch starkes Längenwachstum des Körpers, enorme Gewichtszunahme und Ausdifferenzierung aller Organsysteme (außer dem Immunsystem) gekennzeichnet. Ab der 24. Woche gilt der Fetus – mit ärztlicher Hilfe – als überlebensfähig, falls es zu einer Frühgeburt kommen sollte.
9.–12. Woche
Die Sinnesorgane und das Gehirn entwickeln sich zunehmend weiter. Der Kopf macht etwa die Hälfte der Scheitel-Steiß-Länge aus. Die Röhrenknochen beginnen zu ossifizieren. Die Leber wird jetzt zum blutbildenden Organ. Die äußeren Genitalien sind erkennbar. Aus der Nachniere wird Urin in die Amnionhöhle abgesondert.
13.–16. Woche
Die Augen verlagern sich mehr nach ventral. Die Ohren rücken an ihren Platz. Der Bronchialbaum entsteht. In den Ovarien bilden sich Primärfollikel. In der 14. Woche werden die Fingernägel sichtbar.
17.–20. Woche
Erste Kindsbewegungen sind für die Mutter spürbar. Die Gliedmaßen erhalten ihre definitiven Proportionen. Bei Mädchen entwickelt sich die Uterusanlage. Bei Jungen beginnt der Descensus testis.
21.–25. Woche
Die Haut des Fetus ist runzelig, da das Unterhautfettgewebe noch fehlt. Der Fetus hat eine kräftige Lanugobehaarung. Sein Körper wird deutlich schwerer und beginnt sich zu strecken.
26.–29. Woche
Es kommt zur Fetteinlagerung. Die Haut ist gegen Ende der Schwangerschaft von einem weißlichen, fettigen Talgdrüsensekret bedeckt (Vernix caseosa). Diese Käseschmiere ist ein Gleitmittel für die Geburt. Die Erythropoese erfolgt nun im Knochenmark. Das ZNS ist so weit gereift, dass der Fetus jetzt eine Überlebenschance hat. Die Lungenentwicklung ist fast abgeschlossen.
30.–38. Woche
Der Anteil des subkutanen Fettgewebes steigt auf 16 % des Körpergewichts. Die Hoden sollten bis zur 32. Woche in den Skrotalsack hinabsteigen (Reifezeichen!). Die Entwicklung der Alveolen befindet sich in der Endphase. Ab der 35. Woche ist der Greifreflex auslösbar.
Die erste Ultraschalluntersuchung erfolgt meist zwischen der 9. und 12. Woche und kann Aufschluss über die zeitgerechte oder gestörte Entwicklung der Frucht geben.
Funktionelle Aspekte der Embryonalentwicklung
Embryonalentwicklung:funktionelle AspekteDie entscheidende Phase zur Ausbildung der Keimblätter ist, wie oben beschrieben, die Gastrulation zwischen dem 14. und 21. Tag nach der Befruchtung. In den vorhergehenden Phasen der Morulation und Nidation entwickelt sich langsam der Primitivstreifen, an dem sich die Eintrittsstelle für die Einwanderung der Epiblastzellen befindet. So entstehen ein dorsales und ein ventrales Keimblatt – das Ektoderm aus den Epiblastzellen und das Entoderm aus den Hypoblastzellen. In dieser zweiblättrigen Keimscheibe:zweiblättrige, MesodermKeimscheibe kommt es durch Einwanderung weiterer Zellen über den Primitivstreifen zu einem mittleren Keimblatt, dem Mesoderm. Ab jetzt durchläuft der Embryo entscheidende Umgestaltungen (Abb. 1.11).
Aus dem äußeren Keimblatt, dem Ektoderm (Epiblast):StrukturenEktoderm, entwickeln sich:
  • Haut und Epidermis, Haare, Drüsen

  • ZNS: Seine erste Entwicklungsstufe ist das Neuralrohr, das durch die Invagination (s. o.) des Ektoderms zwischen dem 19. und 28. Tag aus der Neuralplatte hervorgeht. Im Innenraum des Neuralrohrs bilden sich das Ventrikelsystem des Gehirns und der Zentralkanal des Rückenmarks aus.

  • Epithelanteile von Auge, Linse, Ohr, Nase

  • Mesenchym des Kopfes, Melanozyten

  • Paraganglien: Diese endokrinen Drüsen des peripheren Nervensystems, die aus Anlagen des Sympathikus hervorgehen, produzieren Katecholamine (Adrenalin und Noradrenalin). Sympathische Paraganglien:sympathischeParaganglien findet man im Nebennierenmark und im Glomus coccygeum. Die andere Gruppe sind parasympathische Paraganglien:parasympathischeParaganglien, die aus parasympathischen Anlagen und dem N. glossopharyngeus hervorgehen. Sie sind unter anderem im Glomus caroticum (Teilungsstelle der A. carotis communis), Glomus aorticum (Aorta descendens), Paraganglion laryngeum (Taschenfalte des Kehlkopfs) sowie Ganglien des N. vagus lokalisiert.

Aus dem mittleren Keimblatt, dem MesodermstrukturenMesoderm, entwickeln sich:
  • Stützgewebe (Bindegewebszellen, Knorpel, Knochen, Sehnen, Muskulatur)

  • Lymphsystem

  • Herz-Kreislauf-System (Gefäße, Herzmuskulatur, Peri-, Epi- und Endokard)

  • Milz und Knochenmark

  • Urogenitalsystem (Niere, obere Harnwege, Uterus, Tuba uterina und Ovarien bzw. Hoden und Ductus deferens)

  • Nebennierenrinde

Aus dem inneren Keimblatt, dem Entoderm (Hypoblast):StrukturenEntoderm, gehen folgende Strukturen hervor:
  • untere Harnwege (Urethra)

  • Epithel und Drüsen von Lunge, Bronchialbaum, Trachea, Larynx

  • Aus den Kiemenbögen entwickeln sich sog. branchiogene Organe wie: Schilddrüse, Nebenschilddrüsen, Tonsillen, Thymus, Tuba auditiva, Pharynx (hinteres Drittel der Mundhöhle), Ösophagus, Magen-Darm-Kanal mit Leber, Gallenwegen und Pankreas.

MERKE

Auch wenn wir die Entwicklung der Keimblätter hier zu Lernzwecken getrennt betrachten, dürfen wir nicht vergessen, dass die Prozesse zum größten Teil gleichzeitig ablaufen. An dieser Stelle wird deutlich, wie eng die embryonale Embryonalentwicklung:funktionelle AspekteEntwicklung des Menschen mit der Ontogenese verzahnt ist, was sich später auch in der funktionellen Komplexität unseres Körpers widerspiegelt.

Mesoderm und Steuerungssysteme
Der Hauptanteil unserer Arbeit in der osteopathischen Praxis spielt sich quasi im Mesoderm ab. Obwohl es sich fast zeitgleich mit den zwei anderen Keimblättern entwickelt, hinkt das Mesoderm:osteopathische ArbeitMesoderm streng genommen etwas hinterher. Das heißt, dass sich zuerst unsere Steuerungssysteme:und MesodermstrukturenSteuerungssysteme entwickeln und sich dann die ausdifferenzierten Mesodermstrukturen:und SteuerungssystemeMesodermstrukturen diesen Steuerungssystemen unterordnen! Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Ektoderm (Epiblast):SteuerungssystemeEktoderm und Entoderm (Hypoblast):SteuerungssystemeEntoderm wichtige Steuerungssysteme beherbergen, wie ZNS, Sinnesorgane, endokrine Drüsen, vitale Respirations- und Verdauungsorgane. Alle Steuerungsstrukturen sind in den beiden Keimblättern angelegt und bleiben während der gesamten Ontogenese – bis zu unserem Tod – funktionell miteinander verbunden. Der ontogenetische Aspekt in der funktionellen Medizin macht deutlich, dass es für Therapeuten nicht vorrangig ist zu wissen, welche Struktur sich wann wie entwickelt. Viel wichtiger ist, dass die Steuerungssysteme:funktionelle MedizinSteuerungssysteme ein reibungsloses Funktionieren in einem sich entwickelnden Individuum induzieren. Dabei sollten alle exogenen und endogenen Einflüsse berücksichtigt werden, die sich negativ auf die Entwicklung eines Menschen auswirken können.

Praxisbezug

Entscheidend für das reibungslose Funktionieren der Organstrukturen sind die Steuerungssysteme.
Interessanterweise legen viele Therapeuten ihr Hauptaugenmerk bei der Untersuchung von Patienten nur auf die Strukturen des Mesoderms. Weiter unten werden wir näher auf die Wichtigkeit der Steuerungssysteme eingehen.
Entwicklung von Kontraktilität
Viele Autoren haben darauf hingewiesen, dass es schon vor der Geburt aktive Bewegungen gibt. Bildgebende Verfahren konnten dies in den letzten Jahrzehnten häufig bestätigen. Die meisten Mütter nehmen ab der 17. bis 20. Woche Kindsbewegungen:pränataleBewegungen ihres Kindes in der Gebärmutter wahr, manche Mütter spüren diese Bewegungen auch erst in der 25. Woche. Mit Ultraschall können unspezifische Eigenbewegungen des Embryos schon ab der 6. Schwangerschaftswoche beobachtet werden. Zungen- und Unterkieferbewegungen sowie Greifen und Strampeln kommen in der pränatalen Wachstumsphase zunehmend häufiger vor. Diese frühen Bewegungen breiten sich aus, wobei sowohl Kopf als auch Gliedmaßen unwillkürliche, aber aktiv ausgelöste Bewegungsmuster:pränataleBewegungsmuster erkennen lassen.
Mit bildgebenden Verfahren hat Fagard (1996) verschiedene Reaktionen eines Embryos entdeckt. Die nachfolgend aufgeführten embryologischen Reaktionsmuster:embryologischeReaktionsmuster müssen sich nicht chronologisch in dieser Reihenfolge zeigen, sondern sind hier entsprechend ihrer statistischen Auftretenshäufigkeit zwischen 7. und 20. pränataler Woche aufgelistet. Die häufigsten und frühesten Reaktionen sind zuerst genannt:
  • Schreckreaktion

  • Bewegungen allgemein

  • Schluckauf

  • Armbewegungen (vereinzelt)

  • Beinbewegungen (vereinzelt)

  • Kopf zurücklehnen

  • Kopf rotieren

  • Hand/Daumen zum Gesicht/Mund führen

  • Atmungsbewegung

  • Mund öffnen

  • Strecken insgesamt

  • Kopf beugen

  • Gähnen, Saugen und Schlucken

Jane Field erklärte 1996 in ihrem Vortrag über Entwicklungsverzögerungen bei Kindern, dass primitive Reflexe schon in der Gebärmutter das Muskelsystem reflexmäßig stimulieren, um es auf die später kortikal induzierte Steuerung des neuromuskulären Systems vorzubereiten. Dieser pränatale Einfluss hält sich an eine bestimmte Reihenfolge. Zuerst wird, trotz der Beugehaltung im Uterus, das Wechselspiel Beugung/Streckung geübt. Dies ist notwendig, damit sofort nach der Geburt die funktionelle Kopfkontrolle in Rücken- und Bauchlage einsetzen kann. Blechschmidt (2002) vertritt die Hypothese, dass alles, was nicht schon vor der Geburt, also gleichsam während der FrühentwicklungFrühentwicklung in der Gebärmutter, eingeübt wird, sich auch nach der Geburt nicht weiterentwickelt und schlussendlich nicht optimiert werden kann. Die Frühentwicklung ist somit eine unabdingbare Voraussetzung für alle späteren Leistungen.
Entwicklung der axialen Muskulatur
In der 4. Entwicklungswoche des menschlichen Embryos wandern Zellen, die sich zu einem Sklerotom entwickeln, in einer Richtung um die Chorda dorsalis und das Rückenmark herum. Dadurch kommt es zu einer langen Säule aus Mesenchymgewebe:KontusionsfeldKontusionsfeld:MesenchymgewebeMesenchymgewebe, die ein kontinuierliches Längenwachstum aufweist. Laut Blechschmidt entsteht dabei ein sog. Kontusionsfeld2

2

Als Kontusionsfeld wird eine Zone im frühembryologischen Gewebe bezeichnet, an der infolge vermehrter Kompression aus Gewebszellen sich Vorknochen differenzieren.

im Kontusionsfeld:durch VerdichtungGewebe, in dem sich in komprimierten Zellen, die ihre optimalen Stoffwechselbedingungen verloren haben, Abbauprodukte (metabole Stoffe) ansammeln. Diese metabole Belastung führt dann über osmotische Prozesse zu einer reaktiv verstärkten Flüssigkeitsaufnahme in die komprimierten Zellen. Das erhöht den Druck und wirkt als Reiz zur weiteren Verdichtung:KontusionsfeldVerdichtung des Gewebes.
Aus diesem Entwicklungsprozess resultiert KnorpelgewebeKnorpelgewebe oder auch Vorknochen, und die Zellen werden aufgrund der Druckverhältnisse weiter auseinandergedrückt. Durch die segmentale Verteilung der Nährstoffe über die Intersegmentalarterien:NährstoffverteilungIntersegmentalarterien entstehen Regionen mit verstärkter Stoffwechselkapazität, in denen sich enchondrales enchondrales GewebeGewebe (Vorknochen) zu Knochengewebe (Wirbelknochen) differenzieren kann. Zwischen den Intersegmentalarterien bleiben jedoch Felder, in denen das Gewebe aufgrund der Kompression nicht optimal versorgt werden kann. Dieses chondrale chondrales GewebeGewebe, das sich zu den intervertebralen Strukturen weiterentwickelt, aber nicht verknöchert, besitzt stark Flüssigkeit anziehende (hydrophile) Eigenschaften. So entsteht ein knorpeliger Discus intervertebralis. Während die hydrophile Neigung zur Kompression dieses Gewebes führt, sorgt das fortschreitende Längenwachstum:DilationsfeldLängenwachstum gleichzeitig für die Dehnung des umliegenden paravertebralen Gewebes. So entstehen Dilationsfelder3

3

Als Dilationsfeld wird eine Stelle im frühembryologischen Gewebe bezeichnet, an der infolge vermehrter Traktion eine Differenzierung der Gewebszellen zu kontraktilem Gewebe bzw. Muskelgewebe stattfindet.

, die infolge der Dilationsfeld:durch Längenwachstum und DehnungDehnung der umliegenden Mesenchymzellen eine Differenzierung zu kontraktilem Gewebe, also zu Muskelzellen, einleiten (Abb. 1.12).
Nach dieser embryonalphysiologischen Hypothese kann die strukturelle Differenzierung des Embryos als Folge des kontinuierlichen Einwirkens von Kompressions- und Traktionskräften betrachtet werden. Verschiedene Dehnungsreize:kontraktiles GewebeDehnungsreize bewirken Dehnungen in bestimmte Richtungen. Aufgrund dieser Reize entwickeln sich die gedehnten Elemente zu kontraktilem Gewebe, das sich schlussendlich zu Muskelgewebe ausdifferenziert. Die Traktionsrichtung bestimmt dabei die Grundform, also den Faserverlauf des Muskelgewebes. Die Bauweise des Körpers und besonders des lokomotorischen Systems unterliegt nicht nur rein genetisch vorbestimmten Entwicklungsprozessen. Vielmehr haben Bewegungseinflüsse schon beim Embryo bestimmenden Charakter. Sie induzieren Wachstumsvorgänge und konditionieren die Gewebeart anhand der jeweils vorherrschenden Umgebungsbedingungen.
Frühmotorische Entwicklung des Neugeborenen
Im 1. Lebensjahr treten spontan verschiedenste Bewegungs- und Haltungsreaktionen auf, die dafür sorgen, dass sich sowohl die lebensnotwendigen Verhaltensweisen als auch die Fähigkeiten zur Auseinandersetzung mit der Umwelt entwickeln. Diese Aktivitäten des Neugeborenen werden unbewusst ausgelöst. Atmung, Nahrungsaufnahme, Koordinierung des Körpers im Verhältnis zur Umwelt sind einige der ersten Notwendigkeiten, die zwar konditioniert, jedoch noch nicht kontrolliert ablaufen. Das wache Kind führt fast ständig – durch aktive ReflexbewegungenReflexe und schon im Zusammenspiel mit der schlussendlich gewünschten Bewegungsintention – rhythmische Bewegungen:rhythmischeBewegungen aus. So werden Durchblutung und Entwicklung des muskuloskelettalen Gewebes bereits im frühkindlichen Alter stimuliert.
Man kann beobachten, wie der Flexionszwang der kindlichen Muskulatur immer weiter nachlässt und sowohl Körper als auch Extremitäten entspannter wirken. Die anfänglichen primitiven Haltungs- und Übergangsreflexe werden durch kortikal gesteuerte, automatisierte Bewegungsabläufe verdrängt. Am Anfang ist der sog. tonische Labyrinth-Reflex, der Labyrinth-Reflexdie Verteilung der Muskelspannung im ganzen Körper beeinflusst, wichtig; er bahnt das Gleichgewicht, bevor die Gleichgewichtskontrolle bewusst vom Kortex aus erfolgt. Mit fortschreitender Entwicklung kortikal gesteuerter Bewegungen wird der Reflexcharakter, den diese primären Bewegungen:kortikal gesteuerteBewegungen in den ersten Monaten noch haben, kontrolliert, ersetzt und verdrängt.
Bei diesem Prozess sollte möglichst jede einzelne Entwicklungsstufe durchlaufen werden, sodass kontinuierlich eine angemessene motorische motorische Entwicklung:StufenEntwicklung stattfindet. Diese Erfahrung hilft dem Kind, die jeweils nächste Entwicklungsstufe der Bewegung zu entdecken. Barbara Zukunft-Huber beschreibt in ihrem Buch Die ungestörte Entwicklung des Säuglings (1990) anschaulich den normalen Verlauf von Bewegungsprozessen aus der Rücken-, Bauch- und Seitenlage und erläutert deren Bedeutung für das spätere Krabbeln, Sitzen, Stehen und Laufen. Ihr zufolge ist es wichtig, dass bei jeder Bewegung des Körpers bestimmte neuromuskuläre Aktionen koordiniert werden, die dann die propriozeptive propriozeptive Informationen:konditionierte BewegungenInformationen konditionieren. Auf diese Weise entstehen automatisierte Bewegungsmuster, die einen geringeren kortikalen Einsatz benötigen, und konditionierte Bewegungen, die Bewegungsmuster:konditionierteBewegungsmuster:automatisiertein einer Kaskade ablaufen können.
Wie soeben anhand des Labyrinth-Reflexes erklärt, entwickelt sich das motorische System aus der Erfahrung mit spontanen Reflexen weiter in Richtung des bewussten Bewegens. Dabei kann es auch zu einem automatischen Ablauf bereits programmierter Bewegungen kommen. Diese erworbene Automatisierung:von BewegungsabläufenAutomatisierung der Bewegungsabläufe hat es uns ermöglicht, für die jeweilige Bewegung verantwortliche Muskelgruppen oder -ketten zu beschreiben. Hier soll die Muskelsynergie in Form von Muskelfunktionsketten:BewegungsrichtungMuskelfunktionsketten nach Bewegungsrichtungen dargestellt werden. Es ist jedoch nicht Ziel dieses Buches, die verschiedenen Reflexe zu erklären. Aus dem bisher Gesagten sollte deutlich geworden sein, dass ein sauberer und nahtloser Übergang von Reflexbewegungen zu routinierten, schnellen Bewegungsabläufen Übung, Entwicklung und Zeit erfordert. Dabei bestimmt die Erfahrung bzw. das Erleben von Bewegung, wie sich eine individuelle Bewegung entwickelt und wie harmonisch oder elegant der Bewegungsablauf wird.
Bewegungskontrolle
BewegungskontrolleAb dem 2. Monat fängt das Kind mit kontrolliert grobmotorischen Bewegungen an: Es richtet den Kopf und Blick auf ein Ziel und reicht die Hand in eine gewünschte Richtung. Obwohl es noch immer nicht die unterschiedlichen Muskel- und Gelenkstrukturen kennt, hat sich zu diesem Zeitpunkt aufgrund der Reflexaktivität schon ein kortikales Reizpotenzial entwickelt, das die Konditionierung:von BewegungsmusternKonditionierung verschiedener Bewegungsmuster ermöglicht. Die Konditionierung erfolgt durch Ausprobieren. So differenzieren sich die grobmotorischen immer weiter zu feinmotorischen Bewegungen, über rhythmisches Wiederholen bis hin zum Halten. Da die gewünschten Kontraktionen der Agonisten systematisch von antagonistischen und synergistischen Aktivitäten begleitet und unterstützt werden, kann sich ein perfekt koordinierter Bewegungsablauf einspielen.
Im 5. Lebensjahr zeigt das Kind schon eine beachtliche Koordinierungsleistung und ist imstande, immer komplexere Bewegungsabläufe zu kontrollieren und zu automatisieren: Es kann sich bewegen und gleichzeitig das Gleichgewicht halten, z. B. beim Fahrradfahren, oder kombinierte Bewegungen ausführen, z. B. gehen und gleichzeitig etwas mit den Händen greifen oder fangen.
Auf die funktionellen Zusammenhänge myofaszialer Ketten und die Therapie unkoordinierter, hypo- oder hypertoner Muskelreaktionen wird in Kapitel 5 eingegangen.
Bewegungsrichtungen
Die Bewegungsrichtungen:WirbelsäuleHauptbewegungsrichtungen der Wirbelsäule:BewegungsrichtungenWirbelsäule sind:
  • Streckung in der Medianebene (Retroflexion bzw. Extension)

  • Beugung in der Medianebene (Anteflexion bzw. Flexion)

  • Seitwärtsneigung in der Frontalebene (Lateralflexion)

  • Drehung um die Längsachse (Rotation/Torsion)

Wie entdeckt das Kind diese Bewegungsrichtungen?
Die reguläre Bewegungsentwicklung sieht etwa so aus (Abb. 1.13):
Bewegungsentwicklung:aus der Bauchlage Bauchlage
  • 1.

    Kopf anheben und frei bewegen

  • 2.

    Überstrecken im Rücken, sodass sich Arme und Beine frei bewegen können

  • 3.

    Arme strecken, um den aufgerichteten Kopf und Oberkörper zu unterstützen und robben zu können

Das Kind schiebt sich vor und zurück und kommt so zur Hand-Knie-Stütze. In dieser Position entwickelt sich die Stabilität des Schulter- und Beckengürtels, die das Krabbeln ermöglicht.
Rückenlage (Voraussetzung für Seitenlage und Sitzen)Bewegungsentwicklung:aus der Rückenlage
  • 1.

    Kopf anheben und frei bewegen

  • 2.

    Hände in der Medianebene zusammenführen und sie entdecken

  • 3.

    Greifen (z. B. Gegenstände von der linken in die rechte Hand nehmen)

  • 4.

    Beine strecken und Hüften mehr nach außen drehen (Abduktion, Außenrotation Vorbedingung zum Sitzen).

  • 5.

    Die Beine werden in die Luft, zu den Händen und zum Mund hoch geführt.

Aus dieser Position rollt das Kind fast automatisch in die Seitenlage. Dadurch entwickelt sich die Rotationsmobilität von Schulter- und Beckengürtel. Aus der Seitenlage drückt sich das Kind mithilfe von Hand und Ellbogen in die Sitzposition hoch.
Seitenlage (Voraussetzung zum Laufen)Bewegungsentwicklung:aus der Seitenlage
  • 1.

    Das untere Bein, das spätere Stütz- oder Standbein, wird gestreckt, während das obere Bein, das spätere Spiel- oder Schwungbein, gebeugt ständig vor- und zurückschwingt. So kann sich der Schreitautomatismus entwickeln.

  • 2.

    Das seitliche Muskelgewebe wird trainiert, um das Abheben des Schwungbeins bzw. das synergistische Stabilisieren zu konditionieren.

  • 3.

    Entlang einer longitudinalen Achse dreht das Kind den Becken- und den Schultergürtel gegeneinander (Kontrarotation). So werden die ersten Grundbewegungen angelegt, die für den späteren Gang notwendig sind.

Die Entwicklung der Muskulatur während der phylogenetischen, ontogenetischen und frühmotorischen Entwicklung des Kindes richtet sich also nach dem Bewegungsablauf. Dabei sind Form und Verlauf – entsprechend den kontinuierlich wiederholten Traktions- (Dehnung) und Kontraktionskomponenten des Gewebes (Blechschmidt) – individuell ausgeprägt. Dies ist ein gutes Beispiel für eine posttranslationale Modifikation:posttranslationaleModifikation der Genexpression: Muskelgewebe:posttranslationale ModifikationMuskelgewebe ist zwar vorkodiert, wird aber während der Entwicklung stark durch die Anforderungen an das Gewebe modifiziert.
Verschiedene Autoren berichten, dass sich auf biochemischer Ebene bei Mäuseembryonen tatsächlich der zellmodifizierende Faktor MyoD1 (myogenic determination factor) oder MRF (myogenic regulatory factor) finden lässt. Diese Informationsmoleküle beeinflussen die DNS und die Differenzierung des Mesenchyms zu Bindegewebe oder Muskulatur. Wodurch Produktion und Wirkung dieser Faktoren genau gesteuert werden, ist noch nicht bekannt. Könnten es möglicherweise die an das Gewebe gestellten Anforderungen sein?

Neuromuskuläre Entwicklung der Muskelketten

Reflexbewegungen intrauterin
  • primitive Reflexe

Reflexbewegungen des Neugeborenen
  • primitive Reflexe und Haltungsreflexe

  • Übergangsreflexe

Kortikale motorische Steuerung und Kontrolle
  • ab dem 2. Monat fortlaufend besser

  • Automatisierung der Bewegungsabläufe durch Skills (Fertigkeiten), Begabung, Übung, Erfahrung, Motivation, Freude

Dynamik als Voraussetzung für Leben

Der Mensch in der jetzigen Ausführung hat in einer instabilen Welt bis heute durchgehalten. Viele Arten sind bereits ausgestorben, doch der Mensch wird wahrscheinlich erst aussterben, wenn das Ökosystem der Erde kippt. Was macht den Menschen so stark und resistent? Die Antwort ist einfach: die Dynamik der KörpersystemeDynamik aller seiner Körpersysteme:DynamikKörpersysteme.
Zu den Körpersystemen gehören:
  • kardiovaskuläres System

  • endokrines System

  • vegetatives Nervensystem

  • Bewegungssystem

  • reproduzierendes System

  • Verdauungssystem

  • Lymphsystem

  • respiratorisches System

  • stomatognathes System

  • Urogenitalsystem

  • Immunsystem

  • Gehirn und Nervensystem

  • Sinnesorgane

Unser menschlicher Körper besteht somit aus Untersystemen, die in perfekter Harmonie aufeinander abgestimmt agieren. Die Körpersysteme sind funktionell miteinander verbunden. Wie von Andrew Taylor Still beschrieben, ist der Körper eine Einheit. Die heutige Osteopathie hat diese These weiter ausgebaut: Im menschlichen Organismus ist alles miteinander verbunden. Jede Handlung (Aktion) ruft irgendwo an einer oder vielen anderen Stellen eine Wirkung (Reaktion) hervor. Daraufhin erfolgt eine Gesamtabstimmung im Körper.

MERKE

Die Körpersysteme:komplexe VernetzungKörpersysteme sind komplex miteinander vernetzt. Die therapeutische Arbeit an einem einzelnen Körpersystem wird stets eine Auswirkung auf andere Körpersysteme haben.

Flexibilität, Kompensation und Adaptation
Flexibilität, Kompensation und Adaptation sind fundamentale Eigenschaften, die im menschlichen Organismus außerordentlich gut entwickelt sind.
Flexibilität
Der Mensch lebt nicht in einer stabilen, unveränderlichen Umwelt. Daher ist ein problemloses Anpassen an wechselnde Umstände sehr wichtig. Diese Eigenschaft nennt man FlexibilitätFlexibilität. Flexibilität ist eine relativ festgelegte Eigenschaft. Allein das Vorhandensein von zwei Armen und zehn Fingern ermöglicht uns bereits eine große Bandbreite an Flexibilität. Wenn der rechte Arm gebrochen ist, müssen wir ihn schonen und unsere Alltagshandlungen mit dem linken Arm ausführen. Beim Laufen müssen wir nicht nur ständig Hindernissen ausweichen, sondern auch permanent unser Gleichgewicht halten und sollten besser nicht zu häufig hinfallen. Der Mensch besitzt (im Vergleich zu Tieren) entwicklungsgeschichtlich eine sehr große Flexibilität. Unser Organismus ist in der Lage, sehr viele – metabolische, muskuloskelettale und psychische – Problemlösung:FlexibilitätProbleme zu lösen.
Der Spielraum zum Lösen von Problemen ist eine Art Regelraum. Die Summe aller Probleme, die ein Organismus in einem bestimmten Zeitraum zu bewältigen hat, wird als Problemfeld bezeichnet. Wenn der Regelraum und ProblemfeldRegelraum klein und das Problemfeld und RegelraumProblemfeld groß ist, wird der Organismus nicht flexibel genug sein, um mit der Vielzahl der Probleme, mit denen er konfrontiert wird, fertigzuwerden. Das System kann nicht gut funktionieren, es ist verletzbar und in hohem Maße hilflos. Hat das Individuum einen sehr großen Regelraum, können die meisten Probleme gut gelöst werden. Sein Organismus wird bei Interaktionen mit der Umwelt stark im Vorteil sein. Der Regelraum eines Menschen ist eine Momentsituation und von vielen Variablen abhängig: Genetik, Erziehung, Traumen, Intelligenz, toxische Belastung, die heutige Lebensweise, Krankheitsgeschichte usw. Wie wir täglich beobachten können, ist die Flexibilität:ProblemlösungsfähigkeitFlexibilität individuell unterschiedlich ausgeprägt. Es gibt erhebliche Unterschiede in der Fähigkeit von Patienten, mit Problemen umzugehen. Auch gesunde Menschen reagieren unterschiedlich auf Belastungen. So haben manche nach einem Alkoholexzess schlimme Kopfschmerzen am Folgetag, während andere den Alkoholkonsum locker wegstecken.

MERKE

Flexibilität ist die Grundeigenschaft eines Organismus und Folge einer Interaktion zwischen Genetik und Erfahrung.

Woher kommt die Erfahrung?
Der Mensch ist eine biologische Lernmaschine und lernt ununterbrochen aus Erfahrungen. Menschen sind keine bloße Reflexmaschine, die nur auf Umweltreize reagiert, sondern Persönlichkeiten mit psychologischen und sozialen Erfahrungen. Die im neuronalen Netzwerk gespeicherten Muster bestimmen die Statik und das Verhalten des Menschen, aber vor allem auch, wie gut Dysfunktionen im System von Flexibilität, Kompensation und Adaptation gelöst werden können.
Kompensation
Dynamische Organsysteme haben viele Kompensationsmöglichkeiten. Eine Kompensation:dynamische OrgansystemeKompensation wird durch die Flexibilität der Organsysteme:Flexibilität und KompensationOrgansysteme im Fall einer Problemlösung ermöglicht. Die Kompensation kann auch von einem Therapeut angeregt werden. Eine wichtige Aufgabe in der osteopathischen Praxis besteht darin, eine Kompensationsstrategie zu finden.
Adaptation
Die Kompensation führt zur Adaptation bzw. Anpassung s. AdaptationAnpassung, sodass sich ein neues Gleichgewicht einstellt. Die Adaptation:DysfunktionenAdaptation als relativ stabiler Endzustand wird erreicht, indem der Organismus eine funktionelle Störung optimal ausgleicht. Adaptation ist also keineswegs ein passiver Vorgang, sondern entwickelt sich durch kontinuierliches Nutzen von Kompensationsmöglichkeiten, um Dysfunktionen auszugleichen. Dies ist nur möglich, wenn der Mensch ein dynamisches System bleibt.
Verfallen alle Körpersysteme in Starre, tritt der Tod des Organismus ein. So weit kommt es glücklicherweise nur sehr selten. Chronisch schwerkranke Menschen sterben häufig an einem Multiorganversagen, da fast alle Körpersysteme in einem chaotischen Zustand dekompensieren und nicht mehr zur Stabilität zurückfinden. Die Dynamik zwischen Chaos und Stabilität ist verloren gegangen. Bei funktionellen Störungen gilt es, die Dynamik der Dynamik der Körpersysteme:DysfunktionenKörpersysteme wiederherzustellen. Hier liegt der Schwerpunkt der modernen Osteopathie. Die Dynamik aller Körpersysteme spielt die entscheidende Rolle, ebenso wie die Wiederherstellung von Dynamik im Rahmen der Therapie von Dysfunktionen:Wiederherstellung der DynamikDysfunktionen.
Bezogen auf die Statik,Statikstörungen:Adaptationsmöglichkeiten besitzt der Körper sehr viele Adaptationsmöglichkeiten: Schmerzt der laterale Fußrand nach einer Verletzung, wird sich ein neues Laufmuster einstellen, um die Schmerzen zu vermeiden. Die Muskeln werden anders gesteuert. So entsteht eine Gehweise, die relativ neu ist und trotzdem keine Beschwerden verursacht. Es findet eine unmittelbare Kompensation der Störung statt. In diesem Beispiel einer sehr unkomplizierten Störung stellen Adaptation und Kompensation kein Problem dar. Unser kulturelles Leben verlangt uns täglich Adaptationen und Kompensationen ab. Je mehr negativen Belastungen:DekompensierungBelastungen (statisch, metabolisch, psychisch usw.) der Körper ausgesetzt ist, desto eher dekompensiert das System: von der Stabilität zum Chaos – die Dynamik geht verloren, der Körper findet seine Mitte nicht mehr (s. u.).

Dynamik in der Osteopathie

Die Herstellung einer perfekten Dynamik aller Körpersysteme zur Anpassung an die Umwelt, Gegebenheiten und Umstände gibt einem Individuum optimale Stabilität.

Die Steuerungssysteme

Pathik Hagemann, Thomas Kia
Zu den SteuerungssystemeSteuerungssystemen des menschlichen Körpers gehören:
  • das kohärente elektromagnetische Feld

  • Nervensystem

  • endokrines System

  • somatomotorisches System

Das kohärente elektromagnetische Feld
Steuerungssysteme:kohärentes elektromagnetisches FeldUnser Körper funktioniert durch eine unglaublich hohe Zahl gleichzeitig ablaufender Reaktionen. In den 50 Billionen Zellen eines Menschen laufen pro Sekunde ca. 2.000 Stoffwechselprozesse parallel ab. Um diese unvorstellbare Menge an Daten vernünftig zu steuern und zu koordinieren, reicht ein rein biochemisches und neurophysiologisches Erklärungsmodell sicher nicht aus. Allein schon die enorme Geschwindigkeit, die zur Anpassung an alle endogenen und exogenen Umstände notwendig ist, macht eine elektromagnetische Steuerung elektromagnetische Steuerungnotwendig. Der deutsche Biophysiker Fritz-Albert Popp und andere Physiker haben ständig neue Beweise für die Existenz eines elektromagnetischen Steuerungssystems geliefert. Die moderne Physik geht davon aus, dass, wenn überhaupt, nur ein elektromagnetisches Feld in der Lage ist, alle Prozesse in dieser unglaublich hohen Geschwindigkeit zu koordinieren bzw. synchronisieren. Das hieße, die elektromagnetische Steuerung müsste wesentlich schneller ablaufen als alle anderen Systeme. Demnach wäre anzunehmen, dass die elektromagnetische Steuerung allen anderen Systemen übergeordnet ist bzw. diese koordiniert.
Aus Sicht der Biophysik kann nur ein kohärentes elektromagnetisches elektromagnetisches Feld:KohärenzFeld für einen regelrechten Ablauf aller Systeme sorgen. In der Quantentheorie versteht man unter KohärenzKohärenz einen speziellen Zustand. In diesem Zustand sind Wellen einander bestmöglich angenähert – wir sprechen dann von einem hohen Maß an Ordnung:kohärenter ZustandOrdnung. Ein typisches Beispiel für einen solchen Zustand sind die gebündelten Lichtwellen eines Laserstrahls, der auch über große Entfernung kaum breiter wird. In der klassischen Medizin spricht man z. B. von Herzkohärenz, wenn die Rhythmen von Herzschlag, Atmung und Blutdruck optimal synchronisiert sind. Aber wie kann im Körper ein kohärenter Zustand erzeugt werden?
Nur durch Kommunikation kann im Körper ein hohes Maß an Ordnung erzeugt werden. In unserem Körper muss es eine gute Kommunikation zwischenden Zellen geben, um diese Gemeinschaft gut aufeinander abzustimmen. Wird diese enorme Kommunikation:kohärenter ZustandKommunikation unterbrochen bzw. gestört, bricht die Kohärenz:und KommunikationKohärenz zusammen – und wir finden einen chaotischen Zustand vor. In dem Zusammenhang definierte Popp Krankheit sogar als Chaos im Feld. Die Kommunikation muss in der Größenordnung der Lichtgeschwindigkeit vonstattengehen. Dabei scheinen Lichtteilchen, die spontan und fortwährend durch unsere Zellen ausgesendet werden (sog. Biophotonen), eine entscheidende Rolle zu spielen. Hypothetisch gesehen schaffen BiophotonenBiophotonen die Voraussetzung dafür, dass Informationen sich über den gesamten Organismus ausbreiten und Systeme koordinieren können.
Die elektromagnetische elektromagnetische Steuerung:perineurales Systemelektromagnetische Steuerung:MatrixSteuerung scheint u. a. über das perineurale System (s. u.) und die Matrix regulierend auf das System einzuwirken sowie für Interaktionen zwischen dem parietalen und dem viszeralen System verantwortlich zu sein. Im Rahmen der täglichen Arbeit mit Patienten erleben wir regelmäßig Therapieerfolge, die sich auf rein neurologischer oder muskuloskelettaler Ebene nicht erklären lassen. Diese Wirkmechanismen werden wahrscheinlich eine bioenergetische Erklärung über elektromagnetische Felder haben. Die elektromagnetische Steuerung könnte auch die Wirkungsweise einiger bioenergetischer Therapieformen erklären (bioenergetische Osteopathie, Chakra-Medizin, Bioresonanz u. a.).
Empirisch hat sich auch gezeigt, dass es reziproke Muster in unserem Körper gibt, die nicht auf neurologischer Ebene erklärbar sind. Anders ausgedrückt: reziproke Muster:GelenkeGelenke können sich gegenseitig beeinflussen (kommunizieren), ohne anatomisch/topografisch miteinander in Kontakt zu stehen. Wir sprechen Gelenkmuster:reziprokevon reziproken Gelenkmustern4

4

Reziproke Gelenkmuster und Segmentmuster sind empirische Beobachtungen und können nicht auf alle Patienten gleichermaßen übertragen werden. Abweichungen sind möglich.

:
  • TMG kontralaterales ISG

  • Os ilium kontralaterales Os temporale

  • Os pubis kontralaterales Os zygomaticum

  • Vomer Xyphoid

  • Schultergelenk kontralaterales Hüftgelenk

  • Os occipitale Os sacrum

  • Os coccygis Os sphenoidale

Nach dem gleichen Prinzip finden wir nicht selten Dysfunktionen von Wirbelsäulensegmente:reziproke MusterWirbelsäulensegmenten, die reziprok reziproke Muster:Segmentemiteinander verschaltet sind und einem Organ bzw. Muskel zugeordnet werden können, sog. Segmentmuster:reziprokereziproke Segmentmuster4 (Tab. 1.1). Diese Zuordnung lässt sich nicht über das vegetative Nervensystem erklären, sondern es handelt sich um eine bioenergetische Zuordnung. Dennoch sind alle Vorgänge in unserem Körper über das Nervensystem und die Matrix funktionell, neurologisch, metabolisch und reziproke Muster:bioenergetische Erklärungbioenergetisch miteinander vernetzt. So kann eine Dysfunktion des M. gluteus maximus (z. B. bei einem Busfahrer durch jahrelanges Sitzen auf dem Portemonnaie in seiner rechten Gesäßtasche) über die bioenergetische Kopplung an L3 funktionelle Verdauungsstörungen und eine Dysfunktion im reziproken Segment C3 auslösen. Aus demselben Grund könnten auch HWS-Schmerzen und Magenbeschwerden auftreten oder könnte sich auf neurologischem Weg eine Störung des Diaphragmas entwickeln. Der therapeutische Ansatz wäre bei diesem Patienten auf allen Ebenen regulativ – denn die Systeme kommunizieren miteinander!
Das Nervensystem
Aufbau und Systematik
An zweiter Stelle der Steuerungssysteme:NervensystemSteuerungssysteme steht hinter der elektromagnetischen Steuerung das Nervensystem:als SteuerungssystemNervensystem. Mit einer Arbeitsgeschwindigkeit von ca. 100 m/s kann es elektrische Impulse übertragen. Das Nervensystem lässt sich in ein zentrales Nervensystem (ZNS)zentrales Nervensystem s. ZNS und ein peripheres Nervensystem:peripheresNervensystem (PNS)peripheres Nervensystem aufteilen (Abb. 1.14). Zum ZNS:HirnnervenZNS gehören Gehirn und Rückenmark. Zum PNS s. peripheres NervensystemPNS gehören alle peripheren Nerven, die aus dem Gehirn und Rückenmark austreten, sowie die Ganglien. ZNS:und PNS, funktionelle EinheitZNS und PNS gehen nicht nur nahtlos ineinander über, sondern bilden auch funktionell eine Einheit. Die peripheren Nerven des Gehirns werden als HirnnervenHirnnerven, die des Rückenmarks als Spinalnerven bezeichnet. Die 12 paarigen Hirnnerven entspringen bzw. enden in den Hirnnervenkernen und treten im Bereich des Hirnstamms aus dem Gehirn aus. Die Hirnnerven führenmotorische, sensible, sensorische oder vegetative Nervenfasern. In den 31 paarigen SpinalnervenSpinalnerven vereinigen sich Fasern aus der Vorder- (efferente Fasern) und Hinterwurzel (afferente Fasern) des Rückenmarks. Sie verlassen den Wirbelkanal durch die Foramina intervertebralia und teilen sich in 8 zervikale, 12 thorakale, 5 lumbale, 5 sakrale und 1 kokzygeales Nervenpaar auf.

MERKE

ZNS und PNS bilden funktionell eine Einheit, denn das PNS ist das peripheres Nervensystem:Rezeptor- und Effektororgan des ZNSRezeptor- und Effektororgan (entgegennehmendes und ausführendes Organ) des ZNS.

Neurone bzw. Nervenzellen sind – als auf die Erregungsleitung spezialisierte Zellen – die eigentlichen Funktionsträger des Nervensystems. Jedes NeuroneNeuron besteht aus einem Zellkörper (Perikaryon oder Soma), aus dem sich zwei Fortsätze entwickeln, nämlich das Axon mit seinen zahlreichen Endverzweigungen sowie die vielfach verästelten Dendriten. Dendriten verbinden sich mit den Endigungen der Axone anderer Neurone. Zu den größten Nervenzelltypen zählen die Pyramidenzellen im motorischen Kortex, deren Axone durch die Pyramidenbahn (Tractus corticospinalis) und den Hirnstamm (wo sie auf die kontralaterale Seite kreuzen) bis ins Rückenmark ziehen. Dort bilden sie synaptische Verbindungen mit den Dendriten von Motoneuronen, die ihrerseits die Muskeln des Bewegungsapparat:MotoneuroneBewegungsapparats innervieren. Neurone sind für die Erregungsleitung, die Verteilung und Verarbeitung von Informationen sowie für die Steuerung willkürlicher und unwillkürlicher Bewegungen und Vorgänge zuständig. Sie stellen hochspezialisierte Zellen dar, die auf die Unterstützung von Gliazellen angewiesen sind, um funktionsfähig zu bleiben.
Neurone:EinteilungskriterienNeurone lassen sich unter anderem nach folgenden Kriterien unterteilen:
  • nach ihrer Auswirkung auf Zielzellen: als inhibitorisch, exzitatorisch oder sekretorisch,

  • nach ihrer Funktion: als sensorisch, motorisch oder verschaltend, oder

  • nach den von ihnen genutzten Neurotransmittern, wobei diese Einteilung jedoch nicht berücksichtigt, dass viele Neurone mehrere Neurotransmitter verwenden können.

Neben den Neuronen, die beim Menschen nur ca. 10 % aller Zellen im Nervensystem ausmachen, sind deutlich zahlreicher Zellen des perineuralen Systems vertreten, sog. Neurogliatypen. Das perineurale System fungiert als Hochgeschwindigkeits-Hochgeschwindigkeits-Kommunikationsnetzwerk:perineurales SystemKommunikationsnetzwerk des Körpers. Es ummantelt jede Nervenzelle im zentralen und peripheren Nervensystem und arbeitet mit Gleichstrom, der beim Energiestoffwechsel (z. B. aus Zucker) entsteht. Fluktuierende Potenzialschwankungen (Oszillationen) regulieren die Aktivität der Neurone, steuern die Regeneration, sorgen für eine systemübergreifende Integration verschiedener Funktionen und regulieren vermutlich auch das Bewusstsein. Zu den Gliazellen:FunktionenGliazellen gehören:
  • Astrozyten: Sie Astrozytenmachen 50 % aller Hirnzellen aus und haben folgende Funktionen: Versorgung der Neurone (Stofftransfer zwischen Blut und Neuron), Blut-Hirn-Schranke, Beteiligung am Informationstransfer; als Neurotransmitter benutzen sie Glutamat.

  • Makrogliazellen: Sie Makrogliazellenbilden die Markscheiden, durch die sich die Leitgeschwindigkeit in Nervenzellen etwa um das Zehnfache erhöht.

  • Perizyten: Sie Perizytensitzen auf den Kapillaren und begünstigen die Gefäßneubildung.

  • Mikrogliazellen: Sie Mikrogliazellenmachen 20 % aller Hirnzellen aus und dienen der aktiven Immunabwehr.

  • Endothelzellen: Sie Endothelzellenbilden Kapillaren (zusammen mit den Perizyten), regeln den Blutfluss und damit die Energiezufuhr.

Die Funktionseinheiten des Nervensystem:FunktionseinheitenNervensystems sind Neuronenkreise bzw. neuronale neuronale NetzeNetze, also Nervenzellen, die in Reihen hintereinandergeschaltet sind, um bestimmte Informationen weiterzuleiten. Nervenleitbahnen, die in der Peripherie beginnen und enden, sind dabei über mehrere zwischengeschaltete Neurone (Interneurone) mit neuronalen Netzen des ZNS verbunden. So nimmt beispielsweise ein Rezeptor Reize aus der Umgebung auf und leitet diese Erregungen über ein afferentes Neuron an das ZNS weiter. Dort werden sie verarbeitet, und die Antwort wird dann als neue Erregung über efferente Fasern zum ausführenden Organ geleitet.
Funktionell kann man das Nervensystem:somatischesNervensystem auch in ein somatisches (animalisches) und ein vegetatives (autonomes) Nervensystem unterteilen. Zum somatischen Nervensystem gehören die mit der Umwelt in Kontakt stehenden Anteile, die bewusste Wahrnehmungen und willkürliche Bewegungen vermitteln. Sie sind durch eine schnelle Informationsverarbeitung gekennzeichnet. Das vegetative Nervensystem:vegetatives s. vegetatives NervensystemNervensystem:vegetativesNervensystem steuert die inneren Organe und ist für die Aufrechterhaltung des inneren Gleichgewichts zuständig. Alle Anteile des Nervensystems sind engmiteinander verbunden und beeinflussen sich gegenseitig.
Vegetatives Nervensystem
Das sympathische Nervensystem (Sympathikus) mit dem Nebennierenmark, das parasympathische (Parasympathikus) und das enterische Nervensystem bilden zusammen das autonome oder vegetative vegetatives Nervensystem:Sympathikus und ParasympathikusNervensystem (VNS). Dieses Nervensystem unterliegt nicht dem Willen. Es kontrolliert die glatte Muskulatur aller inneren Organe, die Drüsen und das lymphatische Gewebe. Wichtige Körperfunktionen wie die Herztätigkeit, Durchblutung der Gewebe, Atmung, Verdauung, Drüsentätigkeit und Stoffwechsel sowie Körpertemperatur, Immunreaktionen und Fortpflanzung werden vom vegetativen vegetatives Nervensystem:Regulierung von KörperfunktionenNervensystem reguliert und untereinander abgestimmt. Sympathikus und Parasympathikus mit ihren Rezeptoren für Neurotransmitter, Neuropeptide und freigesetzte Hormone sowie darin eingebundene intrazelluläre Signalkaskaden vermitteln durch differenzierte Aktivierung eine optimale Anpassung an die jeweilige Situation und die jeweiligen Bedürfnisse des Organismus (Abb. 1.15).

MERKE

Für die Osteopathie, die von der Körperoberfläche und vom axialen System aus entfernte Areale sowie Organe erfassen will, spielen das vegetative vegetatives Nervensystem:InnervationsarealeNervensystem und seine Innervationsareale eine eminent wichtige Rolle.

Peripheres sympathisches Nervensystem
Die sympathischen Efferenzen
Efferenzen:sympathischeDie Perikarya der präganglionären sympathischen sympathische Neurone:präganglionäreNeurone liegen in den Kerngebieten der grauen Substanz der Segmente C8 bis L3 (L4). Der Sympathikus:thorakolumbales SystemSympathikus wird deshalb auch als thorakolumbales thorakolumbales System:SympathikusSystem bezeichnet. Die Axone verlassen das Rückenmark über die Vorderwurzel und ziehen in den Rr. communicantes albi zum GrenzstrangganglienGrenzstrang. Dieser besteht aus einer Kette von vegetativen Ganglien, die beidseits der Wirbelsäule liegen und durch Rr. interganglionares miteinander verbunden sind. In den Ganglien befinden sich die Perikarya der postganglionären sympathische Neurone:postganglionäreNeurone. Hier wird ein Teil der präganglionären Fasern auf das postganglionäre Neuron umgeschaltet, während der andere Teil zu den prävertebralen Ganglien zieht. Die prävertebralen Ganglien liegen am Abgang der großen unpaaren Bauchgefäße. Unter Bildung eigener sympathischer Nerven erreichen die präganglionären Fasern die prävertebralen Ganglien. Die Fasern aus Th5–Th9 bilden den N. splanchnicus major und die Fasern aus Th9–Th11 den N. splanchnicus minor. Die postganglionären Fasern der Grenzstrangganglien verlaufen über die Rr. communicantes grisei wieder zum jeweiligen Spinalnerv und erreichen mit diesem das Erfolgsorgan. Die postganglionären Fasern der prävertebralen Ganglien ziehen an Blutgefäßen entlang zum Magen-Darm-Trakt, zur Harnblase und zu den Geschlechtsorganen.
In allen Stresssituationen:Sympathikus-EinflussStresssituationen dominiert der Einfluss des Sympathikus:StresssituationenSympathikus, der den Organismus auf Kampf oder Flucht vorbereitet: Die Muskeldurchblutung, Atem- und Herzfrequenz werden gesteigert, die Durchblutung von für die Kampf- oder Kampf- oder Fluchtverhalten/-reaktionFluchtreaktion unwichtigen Organen (Haut, Eingeweide) dagegen reduziert.
Die sympathischen Afferenzen
Afferenzen:sympathischeDer Sympathikus leitet Informationen von der Körperoberfläche (somatosensible Fasern) und von allen viszeralen Strukturen (viszerosensible Fasern) zu den Segmenten C8–L3. So erhält der Sympathikus:viszerosensible FasernSympathikus Informationen über alles, was in seinem Segmentanteil an der Körperoberfläche und im viszeralen System passiert. Bei Störungen der Organe können daher bestimmte Rückenmarkssegmente irritiert werden. Die viszeroafferenten viszeroafferente Fasern:sympathischeFasern vermitteln Schmerzempfindung:sympathische AfferenzenSchmerzempfindungen. Wegen der Anbindung der inneren Organe nennt man das Segment auch Enterotom.
In Kapitel 8 werden wir näher auf die Reflex-Kreisläufe des VNS eingehen.
Peripheres parasympathisches Nervensystem
Die parasympathischen Efferenzen
Efferenzen:parasympathischeDie Perikarya der präganglionären parasympathischen parasympathische Neurone:präganglionäreNeurone liegen in den Kernen der III., VII., IX. und X. Hirnnerven sowie in den Segmenten S2 bis S5 des Rückenmarks. Deshalb wird der Parasympathikus:kraniosakrales SystemParasympathikus auch als kraniosakrales System kraniosakrales System:Parasympathikusbezeichnet. Die präganglionären Fasern werden in Ganglien umgeschaltet, die erst am oder im Erfolgsorgan liegen. Die präganglionären Fasern des kranialen Teils, die in den Hirnnerven verlaufen, werden in den entsprechenden Kopfganglien:ParasympathikusKopfganglien umgeschaltet. Der N. vagus versorgt die inneren Organe bis zur linken Kolonflexur (Cannon-Böhm-Punkt). Die präganglionären Fasern des sakralen Teils verlaufen in eigenen Nn. splanchnici pelvici und im N. pudendus zu den Ganglien des kleinen Beckens und zu den intramuralen Ganglien der Erfolgsorgane: des Magen-Darm-Trakts – ab der linken Kolonflexur bis zum Rektum – sowie sämtlicher Beckenorgane.
Um die Aorta herum bilden Sympathikus und Parasympathikus Geflechte aus Nervenfasern und -zellen, die nach ihrer Lage benannt werden (Plexus thoracicus, Plexus coeliacus, Plexus mesentericus superior et inferior, Plexus hypogastricus superior et inferior).
In ruhigen und entspannten entspannte Situationen:Parasympathikus-EinflussSituationen überwiegt der Einfluss des Parasympathikus: Der Herzschlag verlangsamt sich, die Atmung ist ruhig und die Verdauungsfunktion aktiviert.
Die parasympathischen Afferenzen
Afferenzen:parasympathischeDie afferenten parasympathischen Fasern verlaufen im N. vagus und in den Nn. splanchnici pelvici. Interessanterweise haben 90 % der Vagusfasern:afferente/efferente FunktionVagusfasern eine afferente Funktion und nur etwa 10 % einen efferenten Charakter. Das verdeutlicht, dass zwischen viszeralem System (v. a. Magen-Darm-Trakt), Hirnstamm und Hypothalamus eine sehr enge Beziehung besteht. Daneben können auch parasympathische Fasern im N. phrenicus Informationen von den subdiaphragmalen Organen an das Segment vermitteln (C3–C5). Da sich die Kerngebiete des N. phrenicus nicht nur in den Segmenten C3–C5 befinden, sondern manchmal auf die Segmente C3–C8 verteilt sind, können bei Abdominalerkrankungen reflektorische Beschwerden in diesen Halssegmenten auftreten (Kap. 8).

Unterschiede der Afferenzen

Während Sympathikusfasern der Schmerzleitung dienen, vermitteln parasympathische Fasern vor allem Organgefühle wie Übelkeit, Brechreiz, Angst, Harn- und Stuhldrang.
Enterisches Nervensystem
Das enterische Nervensystem:enterischesenterisches NervensystemNervensystem (ENS) gehört per Definition zum vegetativen Nervensystem. Es liegt als dünne Schicht zwischen den Wänden des Magen-Darm-Trakts. Hauptkomponenten des ENS s. enterisches NervensystemENS sind:
  • Plexus:myentericusPlexus myentericus (Auerbach-Plexus) zwischen Ring- und Auerbach-PlexusLängsmuskelschicht

  • Plexus:submucosusPlexus submucosus (Meissner-Plexus) in der Meissner-PlexusSubmukosa

  • kleinere Plexus unterhalb der Tunica serosa, in der Ringmuskulatur und der Schleimhaut (Mukosa)

Mit etwa 100 Millionen Nervenzellen besitzt das ENS vier- bis fünfmal mehr Neurone als das Rückenmark. Diese Nervengeflechte steuern die Funktionen des Magen-Darm-Trakts als Verdauungsorgan, endokrines Organ und Teil des Immunsystems. Die Aktivität des ENS kann durch den Parasympathikus und den Sympathikus moduliert werden (Abb. 1.16).
Zentrales Nervensystem
Im Embryonalstadium bildet sich aus dem Neuralrohr das zentrales Nervensystem\tSiehe ZNSZentralnervensystem (ZNS:HirnregionenZNS). Es besteht aus Gehirn und Rückenmark. Die wichtigsten Regionen des Gehirns sind von kaudal nach kranial (Abb. 1.17):
  • Hirnstamm mit verlängertem Mark (Medulla oblongata)

  • Brücke (Pons) und Mittelhirn (Mesencephalon)

  • Kleinhirn (Cerebellum)

  • Zwischenhirn (Diencephalon)

  • Balken (Corpus callosum)

  • Limbisches System

  • Großhirn (Cerebrum), das von der Großhirnrinde (Cortex cerebri) überdeckt wird

Drei Hirnhäute – harte Hirnhaut (Dura mater), Spinngewebshaut (Arachnoidea), weiche Hirnhaut (Pia mater) – umgeben das Gehirn und das Rückenmark. Zwischen Spinngewebshaut und weicher Hirnhaut befindet sich ein Spalt, der mit Liquor gefüllt ist und das Gehirn dadurch vor Erschütterungen schützt. In der Spinngewebshaut verlaufen zahlreiche Blutgefäße, während die weiche Hirnhaut das Gehirn mit Nährstoffen aus dem Liquor versorgt.
Unser Gehirn:Nerven- und GliazellenGehirn setzt sich aus ca. 100 Milliarden Nervenzellen und ca. 1 Billionen Gliazellen zusammen. Jedes Neuron steht durchschnittlich wiederum mit mehreren tausend anderen Nervenzellen in direkter Verbindung. So entsteht ein Geflecht von ungeheurer Komplexität mit mehreren hundert Billionen Zellkontakten, die als Synapsen bezeichnet werden.
Das Gehirn – Aufbau und Funktionen
Nach entwicklungsgeschichtlichen Kriterien lässt sich der Aufbau des Gehirn:Aufbau und FunktionenGehirns am besten mit dem Konzept von Funktionsniveaus beschreiben (Abb. 1.18). Ausgehend vom Triune Brain-Triune-Brain-ModellModell des amerikanischen Hirnforschers MacLean haben sich im Laufe der Evolution immer wieder neue Hirnstrukturen auf schon vorhandene aufgebaut. Die Überlagerungen im Gehirn brachten entsprechend höhere Entwicklungsniveaus mit sich und befähigten die Organismen zu immer komplexeren Funktionen. Unter diesem Aspekt lässt sich das Gehirn in drei Abschnitte einteilen: das protoreptilische, das paläomammalische und das neomammalische Gehirn.
Das protoreptilische Gehirn
Der phylogenetisch älteste Teil des Gehirns ist das protoreptilische Gehirn:protoreptilischesGehirn, das aus dem Hirnstamm und dem Kleinhirn besteht. Seine Entwicklung begann vor über 500 Millionen Jahren. Die Namensgebung bezieht sich darauf, dass das Gehirn von Reptilien ausschließlich aus diesen Hirnstrukturen aufgebaut ist. Das protoreptilische Grundfunktionen des Lebens:protoreptilisches GehirnGehirn ist für alle Grundfunktionen des Lebens – Bewegung, Jagd, Pflege, Revierverhalten und Fortpflanzung – zuständig, wobei Gewohnheiten und Verhaltensweisen nahezu unabänderlich gespeichert werden. Es lernt äußerst langsam und vermittelt ein Gefühl von Routine und Sicherheit. Emotionen werden hier nicht ausgelöst.
Der Hirnstamm ist für die lebenswichtigen Funktionen zuständig: Er steuert Herzfrequenz, Blutdruck, Atmung und kontrolliert außerdem einige wichtige Reflexe:HirnstammReflexe wie den Lidschluss-, den Schluck- oder Husten-Reflex. Der Hirnstamm:ReflexeHirnstamm:FunktionenHirnstamm ist eine Schnittstelle zwischen dem übrigen Gehirn und dem Rückenmark (Abb. 1.19). Hier wechseln eintreffende bzw. austretende Nerven die Seite, sodass die linke Körperhälfte von der rechten Hirnhälfte gesteuert wird und umgekehrt. Im Hirnstamm liegt auch die Formatio Formatio reticularis:Bewusstseinszuständereticularis, die großen Einfluss auf die Regulation von Aufmerksamkeit und Bewusstseinszuständen hat.
Das Kleinhirn:BewegungskoordinationKleinhirn (Cerebellum s. KleinhirnCerebellum) ist vor allem für die Koordination von Bewegungen verantwortlich. Es ermöglicht einen fließenden Bewegungsablauf sowie die Einstellung des Gleichgewichts. Hier findet auch die unbewusste Wahrnehmung von Bewegungen:Koordination durch KleinhirnBewegungen statt.
Das paläomammalische Gehirn
Mit der Entwicklung von Säugetieren musste sich das Gefühlsrepertoire:paläomammalisches GehirnGefühlsrepertoire erweitern, denn Säugetiere müssen sich um ihren Nachwuchs kümmern. Dies setzt die Fähigkeit voraus, sich in ein anderes Wesen hineinzuversetzen, um dessen Bedürfnisse nachempfinden und darauf reagieren zu können. In diesem Kontext entwickelte sich das limbische limbisches System:EmotionenSystem als Spezialist für die Speicherung von Emotionen und Basis des Gefühlslebens. Das paläomammalische Gehirn:paläomammalischesGehirn umfasst die Strukturen des Zwischenhirns, des Mittelhirns und des limbischen Systems. Seine Entwicklung begann vor ca. 300 Millionen Jahren und erreichte ihren Höhepunkt vor ca. 250.000 Jahren. Es ist besonders stark bei Säugetieren ausgeprägt und dient vor allem der Koordination von Signalen, die Innen- und Außenwelt verbinden. Dieses emotionale Gehirn ist von zentraler Bedeutung für Gedächtnisleistungen, Essverhalten und Sexualität, Euphorie und Depression sowie Kampf- und Kampf- oder Fluchtverhalten/-reaktionFluchtverhalten. Hier ist auch die Kontrolle des vegetativen Nervensystems inklusive der Regulation des inneren chemischen Gleichgewichts lokalisiert.
Das Zwischenhirn liegt unmittelbar Zwischenhirn:Thalamus und Hypothalamusauf dem Hirnstamm und enthält den Thalamus und den Hypothalamus:
  • Der Thalamus wird auch als Tor zum Bewusstsein bezeichnet. Als Filter und Verteiler entscheidet er darüber, welche Sinneseindrücke bewusst werden und ob eintreffende Erregungen zu den weiterverarbeitenden Hirnarealen gelangen. Deshalb steht der Thalamus:Tor zum BewusstseinThalamus mit quasi allen anderen Hirnregionen in Verbindung. Dank dieser Struktur sind wir in der Lage, gleichzeitig eine riesige Anzahl von Informationen:Filterung im ThalamusInformationen aus unserer Umwelt aufzunehmen und so zu ordnen, dass nur eine überschaubare Menge an lebenswichtigen Informationen dem Neokortex zugeführt wird.

  • Der Hypothalamus dient als Vermittler zwischen dem neuronalen und dem endokrinen System. Seine wichtigste Funktion besteht in der Bildung und kontrollierten Freisetzung von Peptidhormonbildung:HypothalamusPeptidhormonen, die unter Einschaltung der Hypophyse Funktionen im Körperinnern regulieren. Die chemische Homöostase:Regulierung durch HypothalamusHomöostase, wozu beispielsweise die Aufrechterhaltung der Körpertemperatur oder des Hormonspiegels zählt, wird vom Hypothalamus:HomöostasefunktionHypothalamus gesteuert. Weitere wichtige Kontrolleffekte beziehen sich auf den Schlaf-wach-Schlaf-Wach-Rhythmus:HypothalamusRhythmus, das Hunger- und Durstempfinden sowie die Sexualfunktion. Auch emotionale Reaktionen werden von dieser Struktur mit beeinflusst.

Das Mittelhirn enthält Mittelhirn:Hypophyse und Zirbeldrüseu. a. die Hypophyse und die Zirbeldrüse (Abb. 1.20):
  • Auch die Hypophyse ist ein Peptidhormonbildung:HypophysePeptidhormon bildendes Organ (wie der Hypothalamus). Sie untersteht sowohl der Kontrolle der Peptidhormone des Hypothalamus als auch der Kontrolle neuronaler Einflüsse. Die aus dem Hypophysenvorderlappen (Adenohypophyse), HormoneHypophysenvorderlappen (Adenohypophyse) Adenohypophyse:Hormoneausgeschütteten Hormone zirkulieren auf dem Blutweg zu den peripheren Hormondrüsen und regulieren dort die Bildung und Freisetzung entsprechender glandulärer Hormone (s. u. endokrines System). Der Neurohypophyse:HormoneHypophysenhinterlappen (Neurohypophyse) Hypophysenhinterlappen (Neurohypophyse), Hormonespeichert die im Hypothalamus gebildeten Hormone Vasopressin s. ADHVasopressin (adrenokortikotropes Hormon, ADH) und Oxytocin.

    • ADH (adrenokortikotropes Hormon, Vasopressin)ADH ist an der Regulation der Nierentätigkeit beteiligt. Es steuert gemeinsam mit dem Corticotropin-Releasing-Hormon (CRH) den hormonalen Stressmechanismus des Körpers.

    • OxytocinOxytocin ist am Geburtsvorgang beteiligt. Unter dem Einfluss von Oxytocin wird ein Bindungsverhalten gefördert, das eine enge Mutter-Kind-Beziehung ermöglicht.

MERKE

Die Hypophyse:Tor zwischen Nerven- und endokrinem SystemHypophyse ist in ihrer Funktion als Tor zwischen dem Nerven- und dem endokrinen System an der Kontrolle nahezu aller Körperfunktionen beteiligt.

  • Die Epiphyse oder Zirbeldrüse ist eine erbsengroße Drüse im hinteren Teil des Mittelhirns, in der das Hormon Epiphyse:MelatoninMelatonin gebildet wird. Als Zwischenstufe entsteht dabei auch der Neurotransmitter Serotonin. Über MelatoninMelatonin und Serotonin beeinflusst die Zirbeldrüse (Epiphyse):MelatoninZirbeldrüse unseren Schlaf-Wach-Rhythmus. Unter dem Einfluss von Sonnenlicht wird vor allem SerotoninSerotonin und in der Dunkelheit Melatonin gebildet.

Das limbische System im mittleren Bereich des Gehirns liegt wie ein Saum (Limbus) um den Hirnstamm herum (Abb. 1.21). Es steht mit vielen weiteren Regionen, insbesondere dem Thalamus und dem Neokortex, in enger Verbindung. Seine wichtigsten Strukturen sind der Hippokampus, die Corpora mamillaria, der Gyrus cinguli, Nucleus accumbens und Mandelkern (Amygdala). Das limbische limbisches System:EmotionenSystem ist wesentlich an der Verarbeitung von Emotionen sowie an Lern- und Gedächtnisprozessen beteiligt.
  • Der Hippokampus ist eine Schaltstelle zwischen Kurz- und Langzeitgedächtnis. Wie eine Verrechnungsstelle für Erinnerungen sortiert er eintreffende Informationen nach ihrer kurz- oder langfristigen Bedeutung und speichert sie im Kurz- oder Langzeitgedächtnis ab. Der Hippokampus:Kurz-/LangzeitgedächtnisHippokampus funktioniert dabei assoziativ, d. h., die (Gedächtnis-)Informationen werden z. B. mit Menschen, Orten, Gerüchen, Gefühlen und einer entsprechenden Zeit assoziiert. So wird beispielsweise ein Kind, dem eine Biene beim Eisessen in die Lippe sticht, dieses Ereignis als komplexes Erinnerungsmuster im Gedächtnis behalten: Einzelne Erfahrungen in Verbindung mit dem schmerzhaften Stich – wie das Eis, der Geruch eines Sommernachmittags, vielleicht der Geruch einer aufgetragenen Salbe und der Gesichtsausdruck der Oma – werden als Erinnerungsinseln:HippokampusErinnerungsinseln abgespeichert, die neuronal untereinander verbunden sind. So ist es möglich, dass ein wiederkehrendes Erlebnis (z. B. der Geruch einer Salbe) noch Jahre später eine Flut an Erinnerungen wachruft. Da der Hippokampus erst mit ca. 4 Jahren ausgereift ist, können wir uns kaum an etwas aus unserer frühesten Kindheit erinnern. Assoziative assoziative Erinnerungen:HippokampusErinnerungen ermöglichen es, Bekanntes heranzuziehen, um Unbekanntes besser verstehen zu können. Ist beidseits der Hippokampus zerstört, kann man keine neuen Informationen mehr abspeichern (anterograde Amnesie:anterogradeAmnesie).

  • Durch die Amygdala (Mandelkern s. AmygdalaMandelkern) werden aus der Umwelt eintreffende Informationen Emotionen:Amygdalaemotional gefärbt und bewertet. Das spielt eine wichtige Rolle für Gedächtnis, Lernen und die Verarbeitung von Gefühlen, insbesondere von Angst. Die Amygdala:emotionale FärbungAmygdala beurteilt beim Auftreten einer Gefahr blitzschnell, wie bedrohlich sie ist, oft Sekunden bevor wir bewusst Angst empfinden. Über eine vegetative Nervenerregung wird dann eine Angst- und Fluchtreaktion ausgelöst, wobei es durch Aktivierung des Hypothalamus und des autonomen Nervensystems zu einer Ausschüttung von Stresshormonen kommt. Das alles sind unbewusste subkortikale Reaktionen. Auch Muskelzittern und vegetative vegetative Reaktionen:AmygdalaReaktionen wie Herzklopfen und beschleunigte Atmung gehören zu den von der Amygdala initiierten Notfallmaßnahmen. Ein bewusstes Gefühl von Angst entsteht erst etwas verzögert durch Aktivierung der Großhirnrinde. Mithilfe der Amygdala können Langzeiterinnerungen und bestimmte emotionale Zustände verknüpft werden. Indem beispielsweise lebensbedrohliche Situationen als beängstigend abgespeichert werden, hilft uns die Erinnerung daran, ähnliche Situationen in Zukunft zu meiden.

  • Gegenspieler der Amygdala ist gewissermaßen der Nucleus accumbens, der quasi als Sensor für positive, lustvolle und motivierende Schlüsselreize dient. Durch die Freisetzung von Endorphinen im frontalen Kortex erzeugt er Nucleus accumbens:DopaminfreisetzungGlücksgefühle:Nucl. accumbensGlücksgefühle, sobald seine Neurone mittels Dopamin aktiviert werden. Angeregt wird dieser Neuromodulator bei entsprechender Motivation oder durch den Einfluss bestimmter Drogen wie Kokain. Wenn zu wenig Dopamin im Nucleus accumbens freigesetzt wird, verliert ein Mensch jegliche Motivation:DopaminMotivation. Er wird lustlos bzw. depressiv und reagiert nicht selten auch sehr empfindlich auf Schmerzreize, die eine Aktivierung des vorderen (anterioren) Gyrus Gyrus cinguli:Schmerzempfindencinguli bewirken.

  • Der Gyrus cinguli, der auch als emotionales Gehirn bezeichnet wird, befindet sich auf der medialen Seite der beiden Hirnhemisphären direkt über dem Balken und windet sich wie ein Gürtel um dessen vorderes Ende. Die subjektiv empfundene Schmerzintensität:Gyrus cinguliSchmerzintensität hängt mit dem Aktivitätsniveau des Gyrus cinguli zusammen. Schmerzlinderung geht mit einer Reduktion der Aktivität im anterioren Gyrus cinguli einher.

Das neomammalische Gehirn
Gehirn:neomammalischesDas Großhirn des Menschen ist komplexer und größer als das von anderen Arten. Es enthält fast 100 Milliarden Nervenzellen, die in bis zu sechs Schichten übereinanderliegen. Es macht rund zwei Drittel des menschlichen Gehirns aus und verleiht ihm Eigenschaften, die uns von anderen Tieren unterscheiden.
Die Großhirnrinde (Neokortex)Großhirnrinde:Neokortex ist der Teil des Großhirns, in dem bewusste Vorgänge, kognitive kognitive Prozesse:NeokortexProzesse, planvolles Handeln, willkürliche Ausführung von Bewegungen und viele weitere Funktionen verarbeitet werden. Hier laufen Informationen aus den Sinnesorganen ein, die den Thalamus passiert haben. Nach ihrer kortikalen Verarbeitung werden sie schließlich im Gedächtnis gespeichert.
  • Der innere Teil des Großhirns, der dem Mittelhirn angelagert ist, besteht vor allem aus Neokortex:weiße Substanzweißer weiße SubstanzSubstanz. Diese enthält Nervenzellen, die von einer fetthaltigen Myelinschicht umgeben sind, und Gliazellen. Neben vielen anderen Funktionen fördern Gliazellen:synaptische VerbindungenGliazellen die Bildung synaptischer Verbindungen. Wann immer wir etwas Neues lernen, sodass in unserem Gehirn neue synaptische synaptische Verbindungen:Gliazellen (Astrozyten)Verbindungen entstehen, sind bestimmte Gliazellen (Astrozyten) daran beteiligt. Jedes Neuron kann unzählige Verbindungen mit anderen Neuronen eingehen. Dass die Evolution Menschen mit einer solchen Fülle an Gliazellen ausgestattet hat, ermöglicht den Aufbau jeder Mengen synaptischer Verbindungen.

  • Die äußere Schicht des Großhirns, der Neokortex:graue SubstanzNeokortex, ist vielfach gefaltet und besteht aus grauer graue SubstanzSubstanz. Diese 3–5 mm dicke Schicht enthält derart viele Neurone, dass sie neben dem Kleinhirn die neuronenreichste Hirnstruktur bildet.

Das Großhirn besteht aus zwei Hemisphären, die einen quasi spiegelbildlichen Aufbau zeigen. Im Inneren der beiden Hemisphären:GroßhirnHemisphären befinden sich zwei mit Liquor gefüllte Hohlräume, der erste und der zweite Ventrikel:LiquorräumeVentrikel. Die Trennung zwischen den Hirnhälften verläuft entlang einer gedachten Linie, die von der Mitte der Stirn über den Scheitel bis zum unteren Ende des Hinterkopfs reicht. Der Neokortex umhüllt in beiden Hemisphären das Mittelhirn und den Hirnstamm. Jede Hemisphäre steuert die gegenüberliegende Körperseite, da von hier startende Efferenzen im Hirnstamm auf die kontralaterale Seite hinüberwechseln. Über eine brückenartige Struktur, das Corpus callosum, sind die beiden Hemisphären miteinander verbunden. Mit rund 300 Millionen Neuronen stellt das Corpus Corpus callosumcallosum das dickste Bündel von Nervenfasern im Körperdar. Es ist vermutlich zeitgleich mit dem neuen Großhirn entstanden, damit die beiden Hälften miteinander kommunizieren konnten. Über das Corpus callosum laufen ständig Nervenimpulse:Corpus callosumNervenimpulse zwischen den Hemisphären hin und her, sodass die Informationen und Fähigkeiten beider Hirnhälften integriert werden können.
Die beiden Hemisphären sind Hirnregionenin je vier Regionen bzw. Lappen unterteilt (Abb. 1.22):
  • zwei Frontal- oder Stirnlappen

  • zwei Parietal- oder Scheitellappen

  • zwei Temporal- oder Schläfenlappen

  • zwei Okzipital- oder Hinterhauptlappen

Jeder dieser Bereiche ist für andere sensorische Informationen, motorische und mentale Funktionen eingerichtet und erfüllt unterschiedliche Aufgaben.

Kartierung der Großhirnrinde

Brodmann-Areale

Durch die Arbeiten des deutschen Anatomen Korbinian Brodmann konnte die Großhirnrinde Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals kartografiert werden. Brodmann-Areale:GroßhirnrindeBrodmann fand 52 Areale, die mikroskopisch einen unterschiedlichen zellulären Aufbau aufweisen. Zu der Zeit setzte sich langsam die Erkenntnis durch, dass bestimmte Areale der Großhirnrinde:Brodmann-ArealeGroßhirnrinde für spezifische Leistungen zuständig sind. Den ersten Nachweis dafür lieferte Paul Broca.

Broca- und Wernicke-Zentrum

Broca entdeckte, dass die Schädigung eines bestimmten Areals an der Unterseite des linken Frontallappens zu einer schweren Beeinträchtigung der Sprache (motorische Aphasie:motorischeAphasie) führt. Diese Region der Großhirnrinde:Broca-ZentrumGroßhirnrinde wird heute als Broca-Broca-Zentrum:SprachentstehungZentrum bezeichnet und gilt als der Ort, an dem Sprache im Gehirn entsteht.
Carl Wernicke führte nur wenig später den Nachweis, dass neben dem Broca-Zentrum in der jeweils dominanten Hirnhälfte ein weiteres Areal existiert, das für das Sprachverständnis zuständig ist. Bei einer Schädigung des Wernicke-Wernicke-Zentrum:SprachverständnisZentrums können die Patienten zwar sprechen, ohne jedoch die Bedeutung des Gesagten zu verstehen (sensorische Aphasie:sensorischeAphasie).
Den Lappen der Großhirnrinde lassen sich grob folgende Funktionen zuordnen:
  • Die FrontallappenFrontallappen:Bewusstsein sind für willkürliches Handeln und zielgerichtete Aufmerksamkeit zuständig. In dieser Region liegt somit quasi unser Bewusst sein. In den Frontallappen werden zudem fast alle Funktionen des restlichen Gehirns koordiniert, inklusive denen des motorischen Kortex und des SprachzentrumsSprachzentrum:Frontallappen.

  • In den ParietallappenParietallappen:Verarbeitung von Berührungsempfindungen werden alle mit Berührung und Tastsinn zusammenhängenden Empfindungen verarbeitet. Sie sind zuständig für visuell-räumliche Aufgaben, Körperorientierung und einige Sprachfunktionen.

  • In den Temporallappen Temporallappen:Verarbeitung von Erinnerungenwerden Geräusche, Gerüche, Sprache und Erinnerungen verarbeitet und visuelle Reize mit Emotionen und Erinnerungen vernetzt.

  • In den OkzipitallappenOkzipitallappen:Verarbeitung visueller Informationen werden vor allem visuelle Informationen verarbeitet. Sie werden daher oft als SehrindeSehrinde (visueller Kortex) oder visueller KortexKortex:visueller bezeichnet.

Darüber hinaus ist jede Hemisphäre auf bestimmte Aufgaben spezialisiert: Während die linke Hirnhälfte:linke, Sprache und logisches DenkenHirnhälfteHirnhälfte:rechte, Kreativität und Orientierungssinn vor allem für Sprache und logisch-analytisches Denken verantwortlich ist, sind in der rechten Hemisphäre emotionales und kreatives Denken sowie der Orientierungssinn angesiedelt.

Zusammenfassung

Entscheidungsprozesse spielen sich bei jedem Mensch in einem der drei Gehirne ab: Dabei steht das protoreptilische Gehirn (Reptiliengehirn) für Entscheidungen aus dem Bauch, das paläomammalische Gehirn für das Herz und das neomammalische GehirnGehirn:neomammalisches repräsentiert gewissermaßen den Verstand.
  • Das Reptiliengehirn:InstinkteReptiliengehirn ist das am niedrigsten entwickelte Gehirn, das aber ständig und ohne nachzudenken wichtige Entscheidungen trifft, um lebensnotwendige Körperfunktionen aufrechterhalten. Hier sind angeborene Instinkte lokalisiert, die uns reflexartig auf Umweltreize reagieren lassen. Es besitzt kein Sozialverhalten und nur eine minimale Lernfähigkeit.

  • Mit dem paläomammalischen GehirnGehirn:paläomammalisches entscheiden wir, wen wir mögen, wen wir gut riechen können, wann es Zeit für die Nahrungsaufnahme ist usw. In diesem Teil des Gehirns werden Gedächtnisinhalte gebildet und dann affektiv/emotional gefärbt.

  • In unserem hochentwickelten kognitiven Gehirn können logische Denkprozesse:kognitives GehirnDenkprozesse ablaufen. Dies ermöglicht strategische Überlegungen, die u. a. Vorteile auf dem Gebiet der Partnersuche und des Überlebenskampfs sichern.

Das Prinzip der Neurotransmitter-Neuropeptid-Signaltransduktion
Die unzähligen Verbindungen von Axonen mit Dendriten oder den Perikarya anderer Neurone werden als Synapsen bezeichnet. Hier haben die Neurone allerdings keinen direkten Kontakt, sondern bleiben durch einen submikroskopisch kleinen synaptischen Spaltsynaptischer Spalt:Informationsaustausch voneinander getrennt. Mithilfe von NeurotransmitternNeurotransmitter:synaptischer Spalt können sie diesen Spalt jedoch überwinden und Informationen austauschen. Neurone kommunizieren miteinander, indem jede Nervenzelle über ihre verzweigten Axone an unzähligen SynapsenSynapsen Nachrichten zu anderen Nervenzellen sendet und umgekehrt mit ihren Dendriten ebensolche Signale empfängt. Von diesen Impulsen wird die Nervenzelle entweder erregt oder in ihrer Aktivität gehemmt. Letztlich entscheidet dann die Summe aller empfangenen (hemmenden bzw. erregenden) Signale darüber, ob ein Neuron aktiviert oder gehemmt wird. Auf diese Weise wird die Hirnaktivität von zahllosen Neurotransmittern bestimmt, die Billionen von erregenden oder hemmenden Synapsen in der grauen Substanz durchströmen.
Der Begriff Neurotransmitter wurde anfänglich nur für eine kleine Gruppe von Substanzen verwendet, die typischerweise in Nervenzellen gebildet und in den synaptischen Spaltsynaptischer Spalt:Neurotransmitter abgegeben werden und die über ihre Rezeptorbindung an der postsynaptischen Membran eine Reaktion bewirken. NeurotransmitterNeurotransmitter:synaptischer Spalt befinden sich nur für kurze Zeit im synaptischen Spalt, bevor sie entweder über die präsynaptische Membran wieder aufgenommen oder im synaptischen Spalt enzymatisch abgebaut werden.
Im Laufe der letzten Jahrzehnte ist eine zunehmende Zahl von Verbindungen, insbesondere Peptide und Fettsäurederivate, identifiziert worden, die ebenfalls an neuronale RezeptorenRezeptorbindung:Neuropeptide binden, jedoch auch in nichtneuronalen Zellen synthetisiert werden. So finden sich in unterschiedlichen Hirnarealen beispielsweise Rezeptoren für Geschlechtshormone. Für Progesteron besitzt das Hirngewebe sogar die höchste Rezeptorendichte. Auch der gegenteilige Fall, also dass von Neuronen freigesetzte Peptide durch spezifische Rezeptoren an den unterschiedlichsten Körperzellen gebunden werden, ist in diesem Zusammenhang nachgewiesen.

MERKE

Das Nervensystem stellt sich mehr und mehr als ein hochkomplexes Informationsverarbeitungssystem:NervensystemInformationsverarbeitungssystem dar, das über seine anatomischen Grenzen hinaus mit allen anderen Körperstrukturen in Wechselbeziehung steht.

Die amerikanische Biochemikerin Candace Pert, die herausragende Forschungen zu den Rezeptor-Peptid-Wechselwirkungen betrieben hat, schlägt den Begriff Informationsmoleküle für diese Gruppe informationsvermittelnder Moleküle vor, der hier in diesem Sinne verwendet wird (Tab. 1.2).
Der klassische Wirkmechanismus eines Neurotransmitters besteht darin, dass er, von einer präsynaptischen Zelle ausgeschüttet, den synaptischen Spaltsynaptischer Spalt:Neurotransmitter überwindet und die postsynaptische Zelle beeinflusst. Beim Eintreffen eines elektrischen Reizes im axonalen Endköpfchen wird über die präsynaptische Membran die Ausschüttung eines Neurotransmitters in den synaptischen Spalt ausgelöst. Nach Durchwandern des synaptischen Spalts bindet der NeurotransmitterNeurotransmitter:synaptischer Spalt an spezifische Rezeptoren der postsynaptischen Membran. Dadurch werden Ionenkanäle in der postsynaptischen Membran geöffnet, wodurch sich der Polarisationszustand dieser Zelle verändert. So kann beispielsweise ein neues Aktionspotenzial an der postsynaptischen Nervenzelle ausgelöst werden. Typischerweise tritt diese Wirkung sehr schnell ein, ist jedoch nur von kurzer Dauer.
Je nachdem, welche Art Neurotransmitter an ionenkanalgekoppelte RezeptorenRezeptoren:exzitatorische Neurotransmitter bindet, werden andere Ionen durchgelassen:
  • Exzitatorische Neurotransmitter (z. B. Acetylcholin, Glutamat, Serotonin) bewirken ein Einströmen von Na+.

  • Inhibitorische Neurotransmitter Rezeptoren:inhibitorische Neurotransmitterwie z. B. Gamma-Aminobuttersäure (GABA) oder Glycin öffnen Cl-Kanäle, was die Bildung weiterer Aktionspotenziale durch die postsynaptische Membran hemmt.

Im Gegensatz zu den klassischen Neurotransmittern vermitteln Neuropeptide ihre Wirkungen über sehr viel langsamere, aber auch länger anhaltende Mechanismen. Peptide werden ebenfalls über spezifische Rezeptoren an ihre Zielzellen gebunden, lösen aber andere Reaktionen aus als Neurotransmitter. Nach der Bindung eines Peptids an seinen Rezeptor entsteht ein Peptidhormonkomplex, der eine intrazelluläre SignalkaskadeSignalkaskade:Neuropeptide Neuropeptide:Signalkaskadein Gang setzt (Abb. 1.23). Am Ende dieser Kaskade wird in aller Regel ein Molekül aktiviert, das in den Zellkern eintritt und die Proteinbiosynthese der DNS beeinflusst. Daneben können über die Signalkaskade auch zytosolische Effekte ausgeübt werden. Über die Bindung an spezifische Rezeptoren der Zielzellen können NeuropeptideNeuropeptide:Rezeptorbindung also Reaktionen in den Zellen auslösen, die mit tiefgreifenden Veränderungen im zellulären Stoffwechsel einhergehen können.
Dass manche InformationsmoleküleInformationsmoleküle:Neuropeptide, die von Zellen im Gehirn freigesetzt werden, nicht nur auf benachbarte Neurone, sondern auch auf Zellen der meisten anderen Gewebe einwirken, lässt erahnen, dass neuronale Prozesse bei Weitem nicht auf das Nervensystem begrenzt bleiben. Aus Nervenzellen freigesetzte Neuropeptide können auf dem Blutweg quasi alle Körperregionen erreichen und damit sowohl physische als auch psychische Effekte auf den Organismus vermitteln.
Das endokrine System
Das endokrine Systemendokrines System:Steuerungssystem, langsames ist mit einer Arbeitsgeschwindigkeit von ca. 0,5 m/s das langsamste der SteuerungssystemeSteuerungssysteme:endokrines System. Dafür hält seine Wirkung lange an und sorgt für eine nahezu unerschütterliche Stabilität der Körperfunktionen. Im HormonsystemHormonsystem:Informationsfluss werden Informationen auf dem Blutweg übertragen. Empfänger sind Zielzellen mit spezifischen Rezeptoren für das jeweilige Hormon (Schlüssel-Schloss-Prinzip).
Epiphyse und Hypothalamus bilden die Steuerungszentralen des endokrinen Systems und arbeiten eng mit der Hypophyse, ihrem Ausführungsorgan, zusammen. Die Hypophyse wiederum erhält ununterbrochen Rückmeldung von allen anderen Systemen (periphere Drüsen und auch Nerven). Abhängig von dieser Information kann sie das jeweilige System modulieren und den momentanen Bedürfnissen anpassen (Abb. 1.24). Im Hypothalamus werden die Hormone des HypophysenhinterlappensHypophysenhinterlappen (Neurohypophyse), Hormone gebildet. Durch axonalen Transport gelangen diese Hormone von hypothalamischen Kernen (Nucleus supraopticus und Nucleus paraventricularis) zur Hypophyse. Der HypothalamusHypothalamus:und Hypophyse ist wie die HypophyseHypophyse:und Hypothalamus eng mit dem Nervensystem verbunden und steht über neuronale Strukturen mit dem limbischen System und Zentren der Großhirnrinde in Verbindung. Exogene Einflussfaktoren (z. B. Stress) können über diese Schiene das Hormonsystem beeinflussen. Dementsprechend kann eine Hormonsekretion Rückwirkung auf die Psyche haben (psychoneuroendokrine Kommunikation:psychoneuroendokrineKommunikationpsychoneuroendokrine Kommunikation).
Die Adenohypophyse als Teil des endokrinen Systems
Die Hypophyse besteht aus dem Hypophysenhinterlappen (HHL, Neurohypophyse) und dem Hypophysenvorderlappen (HVL, Adenohypophyse). Im Abschnitt über das Nervensystem (s. o.) sind wir bereits auf die Schlüsselfunktion der Hypophyse eingegangen. Nachfolgend betrachten wir die Adenohypophyse etwas genauer. Die Adenohypophyse:EffektorhormoneAdenohypophyseAdenohypophyse:Steuerungshormone wird am 24. Tag der embryonalen Entwicklung aus einer Einschnürung (Rathke-Tasche) gebildet, während sich die Neurohypophyse dagegen aus einer Aussackung des Zwischenhirns entwickelt (und somit Teil des Nervensystems ist). Sie produziert zum einem Effektorhormone, d. h. Hormone mit peripherer Wirkung am Endorgan, und zum anderen Steuerungshormone, d. h. Hormone mit regulierender WirkungSteuerungshormone:Hypophyse auf die EffektorhormoneEffektorhormone:Adenohypophyse (Abb. 1.25).
Die wichtigsten Hormone der Adenohypophyse sind:
  • Wachstumshormon (Growth Hormone, GH, oder somatotropes Hormon, STH)

  • Thyroidea-stimulierendes Hormon (TSH)

  • adrenokortikotropes Hormon (ACTH)

  • luteinisierendes Hormon (LH)

  • Follikel-stimulierendes Hormon (FSH)

  • Prolaktin (PRL)

Bildung und Sekretion dieser Hormone sind von verschiedenen Voraussetzungen abhängig und werden über einen cleveren RegelkreisRegelkreis:Hormone koordiniert:
  • 1.

    Produktion, Freisetzung und Inaktivierung eines Hormons bestimmen die Konzentration im Blut. HormoneHypophysenhormone:Blut-Hirn-Schranke aus der Adenohypophyse werden direkt in die Blut- oder Lymphbahn freigesetzt. Über die Blut-Hirn-SchrankeBlut-Hirn-Schranke können sie dann in die Peripherie gelangen.

  • 2.

    Viele Hormone sind im Blut an TransportproteineTransportproteine:Hormonwirksamkeit gekoppelt, die sie bis zu ihren Zielgeweben bringen. Dies ist eine Voraussetzung für die Wirksamkeit solcher Hormone.

  • 3.

    Wird die Zielzelle schließlich erreicht, muss sie sozusagen auch ansprechbar sein für das Hormon. Aus der Blutbahn muss das Hormon durch die Matrix zu Rezeptoren Rezeptor-Ligand-Bindungsfähigkeit:Hormoneder Zielzelle gelangen (gute Rezeptor-Ligand-Bindungsfähigkeit).

  • 4.

    Über Feedback- bzw. RückkopplungseffekteFeedback:Hormonwirkung müssen die Steuerungszentralen (Hypothalamus, Hypophyse und Epiphyse) regelmäßig über die HormonwirkungHormonwirkung:Feedback informiert werden.

Alle diese Parameter dienen dazu, die Konzentration eines biologisch aktiven Hormons dem aktuellen Bedarf anzupassen und so einen regelmäßigen Ablauf unserer KörperrhythmenKörperrhythmen:Hormon-Regelkreis (z. B. Schlaf-wach-RhythmusWach-Schlaf-Rhythmus, Wachstum, Abwehr und Fortpflanzung) zu gestalten.
Toxische Substanzen können den beschriebenen Regelkreis toxische Substanzen:Störung des Hormon-Regelkreisesin vielerlei Hinsicht stören. Vor allem wenn sie hormonähnlich sind, können sie über die Blut-Hirn-SchrankeBlut-Hirn-Schranke ins Gehirn gelangen und von dort auf das Zusammenspiel der Hormone im Körper einwirken. Dadurch kann der natürliche Regelkreis beeinträchtigt werden. Blockiert eine toxische Substanz einen Hormonrezeptor in der Steuerungszentrale, entsteht für den Organismus der Eindruck, als sei in der Peripherie genug von dem Hormon vorhanden. Die Hypophyse produziert daraufhin die erforderliche (Hormon-)Substanz nicht nach. Solche Toxine, die aufgrund ihrer biochemischen Ähnlichkeit Hormone imitieren, haben natürlich nicht die gleiche Wirkung wie unsere eigenen Hormone. Das lässt die dynamische Regulierung zusammenbrechen. Genauso verhält es sich in der Peripherie. Eine Belastung der Matrix kann die Rezeptor-Ligand-Bindungsfähigkeit von Zielzellen und ihrem Hormon beeinträchtigen. Solche Vorgänge wirkensich auch auf Neurotransmitter aus und führen zu einer Störung aller Körperfunktionen.
Die Rolle der Epiphyse
Die Epiphyse ist eine interessante Struktur in unserem ZNS. Funktionell betrachtet ist sie eine endokrine Drüse, topografisch gehört sie zum Zwischenhirn. Die EpiphyseEpiphyse:Melatonin produziert vor allem nachts das Hormon MelatoninMelatonin:Epiphyse und beeinflusst den Schlaf-wach-RhythmusWach-Schlaf-Rhythmus:Melatonin und andere Körperrhythmen. Sie wirkt auf die Produktion von LH und FSH ein und moduliert die Funktion des Hypothalamus. Neben diesen hormonellen Funktionen ist die EpiphyseEpiphyse:DMT (Spirit-Molekül) auch für die Abgabe von N,N-Dimethyltryptamin (DMT) verantwortlich. DMTDMT (Dimethyltryptamin), auch als sog. Spirit-Molekül bekannt, ist ein halluzinogener NeurotransmitterNeurotransmitter:halluzinogener (DMT). Eine vermehrte Aktivität der Epiphyse und gesteigerte DMT-Synthese scheinen direkt mit psychischen Aktivitäten (z. B. Meditation) in Zusammenhang zu stehen. Das aus der Epiphyse stammende MelatoninMelatonin:Wirkungen stimuliert das Immunsystem und wirkt antioxidativ gegen freie Radikale. Melatonin hat zudem einen günstigen Einfluss auf das Herz-Kreislauf-System und reguliert die Zellregeneration. Dies verdeutlicht, wie wichtig Nachtruhe und Schlaf sind.

Praxisbezug

Die osteopathische Arbeit, v. a. die Dynamisierung der Matrix, schafft die Voraussetzung dafür, dass Hormone mit ihren Zielzellen in Kontakt treten können und der hormonelle Regelkreis wieder ordnungsgemäß abläuft.
Somatomotorisches System
Ein weiteres SteuerungssystemSteuerungssysteme:somatomotorisches System in unserem Körper ist das somatomotorische Systemsomatomotorisches System (Abb. 1.26). Vereinfacht gesagt, geht es um motorische Mustermotorische Muster:Verhalten, in denen sich ein bestimmtes Verhalten widerspiegelt, z. B. Neugier, Fürsorge, Lust, Spielen, Wut, Angst, Panik. Die Motivation dazu (der initiale Handlungsantrieb) scheint aus dem Handlungsantrieb:Bewegungsmusterlimbischen System zu kommen. Von dort werden die Impulse zu Assoziationsfeldern (z. B. im präfrontalen Kortex) weitergeleitet, wo eine Handlungsstrategie entwickelt wird. Um sie in ein Verhalten umzusetzen, werden sekundär-motorische Feldersekundär-motorische Felder:Bewegungsplanung mit einbezogen. Dort finden – unter Vermittlung von Kleinhirn und Basalganglien – die BewegungsplanungBewegungsplanung und Verfeinerung des Bewegungsprogramms statt. Nach dieser Planungsphase wird das entsprechend modulierte Bewegungsprogramm:AusführungBewegungsprogrammBewegungsprogramm:Planung über den Thalamus zumotorischen Arealen, insbesondere zum Motorkortex, weitergeleitet. Der MotorkortexMotorkortex:Ausführung von Bewegungen veranlasst dann die Ausführung (Ausführungsphase). An der eigentlichen Koordination der BewegungsaktivitätBewegungsaktivität:Koordination sind verschiedene Systeme beteiligt:
  • Zielmotorik: Über Zielmotorikdie PyramidenbahnPyramidenbahn:Zielmotorik läuft im Wesentlichen die willkürliche Motorik ab. Dabei wird hauptsächlich die distale Muskulatur aktiv (du greifst mit der Hand gezielt nach einem Gegenstand). Zur Kontrolle geht eine Kopie der Aktion über die Olive zum Kleinhirn, damit es möglicherweise notwendige Korrekturen rechtzeitig initiieren kann.

  • Stützmotorik/Reflexmotorik: StützmotorikEine ausgeprägte sensorische Rückmeldung aus der Peripherie, die auf alle Strukturen zurückwirkt, sorgt zudem für einen reibungslosen Ablauf der motorischen Vorgänge (du greifst nach einem Gegenstand, ohne dabei umzufallen).

  • Gemeinsame motorische Endstrecke: -Motoneurone, -Motoneurone, motorische Endstrecke:gemeinsameRenshaw-Zellen

Muskeln werden über MotoneuroneMotoneurone gesteuert. Wie stark und wie lange ein Muskel angespannt werden muss, um die strukturelle Integrität zu wahren, hängt zunächst von lokalen sensorischen Daten aus der Muskelspindel (Muskellänge) und dem Golgi-Sehnenorgan (Muskelspannung) ab. Darüber hinaus werden Informationen aus Propriozeptoren in den angrenzenden Gelenken (Gelenkstellung und die Position des Körpers im Raum) in die Berechnung einbezogen. Dabei spielen zwei grundlegende Programme eine wesentliche Rolle:
  • Gait Pattern (Gangmuster) und

  • horizontale Ausrichtung der Augen.

Die Realisierung einer ökonomischen, an das ausgelöste Verhalten angepassten Körperhaltung wird letztendlich durch das Tensegrity-PrinzipTensegrity-Prinzip:Bewegungssystem ermöglicht.
Tensegrity
Den Begriff Tensegrity, der sich aus tension (Spannung) und integrity (Integrität) zusammensetzt, hat der Architekt Richard Buckminster-Fuller geprägt. Er steht für ein Prinzip, nach dem das BewegungssystemBewegungssystem:Tensegrity-Prinzip aufgebaut und organisiert ist. Man kann es so beschreiben, dass durch die gleichmäßige Verteilung von Zugspannungskräften über ein Zugspannungskräfte:StützsystemStützsystem die strukturelle Integrität eines Gebildes aufrechterhalten wird (Abb. 1.27). Das Interessante an diesem Modell ist, dass das StützsystemStützsystem:Zugspannungskräfte seine Funktion nicht durch Kompression, sondern durch Distraktion erfüllt.
Auf den Mensch angewendet bedeutet das, dass beispielsweise die WirbelkörperWirbelkörper:Stütz- und Zugsystem (also das Stützsystem) nicht wie ein Stapel von Ziegelsteinen durch Kompression der Schwerkraft standhalten. Die ligamentären und myofaszialen Strukturen (Zugsystem:ligamentäre StrukturenZugsystemZugsystem:myofasziale Strukturen) erlauben es dem einzelnen Wirbel, in einem Schwebezustand zu sein. Durch die Bandscheibe werden also zwei Wirbel nicht auseinander-, sondern zusammengehalten. Kompressionselemente (Knochen) sind diskontinuierlich, Spannungselemente (Ligamente, Muskeln, Faszien) sind kontinuierlich angeordnet.

Praxisbezug

Der wichtigste Unterschied zwischen einem architektonischen und einem biologischen System besteht darin, dass das biologische System ein ZNS-Potenzial zur Aufrechterhaltung und Anpassung der Zugkräfte braucht.
Dieses Prinzip ist für das Verständnis aller Störungen im Bewegungssystem:Tensegrity-PrinzipBewegungssystem relevant. Auch Organstörungen können aufgrund der Bioenergetik oder der Segmentanatomie zu einer Beeinträchtigung der Muskelfunktion und damit zur Störung der strukturellen Integrität führen.
Dr. Stephen M. Levin hat das Tensegrity-Konstruktionsprinzip auf lebendiges Gewebe übertragen. So entstand der Begriff Biotensegrity als Biotensegrity:lebendiges GewebeBezeichnung für lebendiges Gewebe, dessen Matrix ein Netzwerk aus Fibrin- und Elastinfasern umschließt. Dieses GewebeGewebe:Sol-Zustand kann neben seiner variablen Dichte unterschiedliche Aggregatzustände annehmen, die als Sol- oder als Gel-Zustand beschrieben werden. Je nach Zustand erfolgt eine unterschiedliche Reaktion auf physikalische Reize. Den flüssigen Zustand des interzellulären Raums bezeichnet man als Sol-Zustand (von Sole Salzlösung). Dieser Sol-ZustandSol-Zustand bietet optimale Voraussetzungen für den Stoffwechsel und auch für die Wirkung des elektromagnetischen Felds (s. o.). Bei sehr geringem Wassergehalt oder Übersäuerung des Gewebes geht der Sol- in einen Gel-Zustand über. Der festere Gel-ZustandGel-Zustand erschwert den Stoffaustausch der Zelle ganz erheblich. Je visköser (gelartig) das GewebeGewebe:Gel-Zustand ist, desto träger reagiert es auf Kompression, Dehnung oder Torsion, sodass dem jeweiligen Reiz neben einer Umverteilung des Drucks auch Widerstand entgegengesetzt wird. Visköses Gewebe hat geringe Fließeigenschaften. Je solartiger sein Zustand, desto besser sind die Fließeigenschaften des Gewebes. Solches Gewebe ist gerade in stoffwechselintensiven Regionen gefragt. Druck wird eher in die Umgebung umgeleitet, aber gleichzeitig auch vom Gewebe abgefangen und akzeptiert. Sol- und Gel-Zustand lassen sich nicht zwingend einem Gewebe zuordnen, sondern können dynamisch variieren. So kann sich beispielsweise die Rigidität des Gewebes kurzzeitig durch eine rasche Druckausübung erhöhen, und auch Störungen der Stoffwechselprozesse oder Stauungen können eine Zustandsänderung herbeiführen.
Wir werden an vielen Stellen in diesem Buch auf die Körperhaltung und deren Steuerung eingehen sowie osteopathische Modelle zur Beurteilung der Körperhaltung (Posturologie) vorstellen. Warum ein Gewebe nicht auf Reize reagieren kann, wenn das Milieu nicht stimmt, wird in Kapitel 9 erklärt. Welche therapeutischen Ansätze sich aus der Kenntnis der somatomotorischen Steuerung ableiten lassen, wird im zweiten Teil (Osteopathisches Konzept) besprochen.

Die Steuerung der Selbstheilung

Thomas Kia, Philip Van Caille
Beschwerden im axialen Systemaxiales System:chronisch degenerative Beschwerden gehören zu den häufigsten Krankheiten in der modernen Gesellschaft. Zwei fundamentale Fragen stellen sich bei Patienten mit diesen Störungen immer wieder:
  • 1.

    Warum kommt es zu Beschwerden und wieso können sie chronifizieren?

  • 2.

    Warum ist der Patient nicht in der Lage, sich selbst zu heilen?

Chronisch degenerative Erkrankungenchronisch degenerative Erkrankungen:axiales System nehmen ständig zu. Die Wissenschaft sucht pausenlos nach Lösungen und neuen Behandlungswegen, aber gerade Phänomene wie Chronifizierung, Selbstheilung, Heilungschancen und Therapieresistenz bleiben dabei oft außen vor. Chronische Verlaufsformen haben multifaktorielle Ursachen. Bekannt sind u. a. belastende Faktoren wie Mikroorganismen, Giftstoffe, Dauerstress, Junkfood und psychoemotionale Probleme. Entscheidend ist aber, wie ein Individuum mit diesen Belastungen zurechtkommt.
Ist der Patient nicht mehr in der Lage, die Fähigkeiten abzurufen, die notwendig sind, um sich adäquat an schnell wechselnde Umgebungssituationen anzupassen, können Dynamik und Flow auf körperlicher und geistiger Ebene gestört sein. Das hat Starre oder Entgleisung zur Folge. Die körpereigenen Reparaturmechanismen sind eingeschränkt bzw. blockiert.
Für Diagnostik und Therapie ist es wichtig, dass der Therapeut den eingeschränkten Antrieb der Heilungskräfte des Patienten richtig einzuschätzen und die Regulationsblockaden dazu in Beziehung zu setzen vermag.
Voraussetzungen
ChronizitätChronizität:durchbrechen und TherapieresistenzTherapieresistenz:durchbrechen können nur durch die Schaffung von Voraussetzungen für die Heilung durchbrochen werden. Ziel einer effektiven Behandlung sollte es sein, Patienten aus der Starre in die Bewegung zu begleiten. Der therapeutische Ansatz sollte die Bereitschaft des Organismus und das Bewusstsein des Patienten zur Dynamik und Selbstheilung fördern. Wenn das Zellpotenzial und die Regulationsfähigkeit ausreichend funktionieren, kann der Prozess der Selbstheilung in Gang kommen, sodass sich eine Krankheit nicht weiterentwickelt.
Eine wichtige Voraussetzung für die HeilungHeilung:Voraussetzungen ist das Bewusstsein des Patienten, seine Bereitschaft, sich für Gesundheit und gegen Krankheit zu entscheiden. Diese Einstellung bzw. Denkweise entscheidet über den weiteren Verlauf der Krankheit und die Heilung. Ist ein Patient nicht in der Lage, sich auf Heilung hin zu orientieren, wird er keinen Heilungserfolg zulassen.
Die Mitte finden
Mitte, Harmonie, Gleichgewicht, Symmetrie sind Begriffe für einen Zustand, den lebendige Systeme von Natur aus anstreben. Wenn es Harmonie, Symmetrie und Gleichgewicht gibt, muss es auch Dysharmonie, Asymmetrie und Dysbalance geben. Ein Ungleichgewicht und die Bemühungen sowie Erfahrungen des Körpers, sich Orientierung zur Mitte:dynamischer Organismuszur Mitte hin zu orientieren, führen zu einem dynamischen Organismus mit Regulierungsfähigkeiten – es ist ein Trainings- und Lernprozess.
Wenn ein System es gelernt hat, kann es sich selbst organisieren und reorganisieren. So ist das axiale System in der Lage, ein dynamischer muskuloskelettaler Puffer für interne und externe Reize sein. Um ein entgleistes System erfolgreich zu behandeln, ist die Frage nach der Ursache der DysbalanceDysbalance wichtig.
Matrix und Säure-Basen-Regulation
Die Funktionalität der Matrix wird stark vom Säure-Basen-GleichgewichtSäure-Basen-Gleichgewicht:Matrix bestimmt. Die Matrix ist der mit Bindegewebe gefüllte Raum außerhalb der Körperzellen, der auch als Pischinger-RaumPischinger-Raum bezeichnet wird5

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Prof. Albert Pischinger (1899–1983) war Ordinarius für Histologie und Embryologie an der Universität in Wien. Er entwickelte die Lehre von der Grundregulation des Organismus über das Bindegewebe (syn. Grundsubstanz, Zellmatrix, Gewebematrix oder einfach nur Matrix).

. Die MatrixMatrix:Bestandteile besteht aus (Abb. 1.28):
  • Zellen: Fibroblasten, Elastin, Immunzellen, Mastzellen u. a.

  • strukturierter Zwischenzellsubstanz: Glykoproteine, Proteoglykane, gebundene Lipide, Histokompatibilitätskomplexe u. a.

  • Nervenendigungen: vegetative Axone

  • Endstrombahn der Lymphgefäße

  • Endstrombahn des Gefäßsystems (Kapillaren)

Die von BindegewebszellenBindegewebszellen:Matrix gebildete MatrixMatrix:Zellstoffwechsel ist das zentrale Regulationsorgan des menschlichen Organismus: Hier werden Vitalstoffe wie z. B. Proteine gefiltert, die Zellen zur Verarbeitung (Stoffwechsel) benötigen. Der Zustand bzw. die Struktur dieses Gewebes beeinflusst die Körperzellen und ihre Funktionen, ebenso wie die verschiedenen Zellfunktionen die Struktur des Bindegewebes verändern. Das Bindegewebe hat neben seiner Transportfunktion auch die Fähigkeit, verschiedenste Stoffwechselprodukte zu binden und vorab zu filtern. Die MatrixMatrix:Belastung durch Ablagerungen ist über die Endstrombahn an das hormonelle System und über die Axone der vegetativen Nerven an das ZNS angeschlossen. Die Qualität der Grundsubstanz kann sich durch Ablagerungen aus belastenden Abfallprodukten wie Mikroorganismen, Schwermetallen, hormonartigen Stoffen, organischen Fettsäuren etc. verschlechtern. Entscheidend für die Grundsubstanz ist die Leberentgiftung. Wenn die Leber z. B. nicht in der Lage ist, eine große Menge an organischen Fettsäuren zu verarbeiten und über die Galle zu entsorgen, wird es zu einer chronischen Übersäuerung des GewebesÜbersäuerung kommen.
Ohne in dieser Einführung ins Detail gehen zu wollen, sollte klar sein, dass Stoffwechsel und Säuren-Basen-Gleichgewicht untrennbar verbunden sind (Näheres dazu Kap. 9). Es hat wenig Sinn, Aussagen über eines der beiden Systeme zu machen, weil das umgebende Milieu und der pH-Zustand entscheidend für die Stoffwechsellage der Zellen sind.

MERKE

Der Metabolismus und das Säure-Basen-Säure-Basen-Gleichgewicht:Bedeutung für Harmonie und DynamikGleichgewicht bestimmen durch ihre Dynamik und Harmonie die Funktion von Körperzellen und Matrix.

Mitochondrien
Was findet auf der Zellebene statt, wenn sich hier eine DysharmonieDysharmonie:Zellebene zeigt?
In jeder Struktur, die aus Zellen mit einem Zellkern aufgebaut ist6

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Eine Ausnahme stellen die Erythrozyten dar. Sie reifen ohne Zellkern heran und besitzen keine Mitochondrien.

, gibt es MitochondrienMitochondrien:Funktionen, die mit ihrer eigenen DNS die Leistung sämtlicher Körperzellen steuern. Diese Kraftwerke produzieren die Bioenergie (ATP), erfüllen aber noch viele andere wichtige Funktionen. Die ATP-Synthese verläuft nur korrekt, wenn sich die Mitochondrien von reaktiven Sauerstoffspezies (reactive oxygen species, ROS), die durch oxidativen Stressoxidativer Stress bei der Energieproduktion entstehenden freien Radikalefreie Radikale:Entgiftungsfunktion der Mitochondrien, befreien bzw. entgiften können. Mitochondrien haben ihre eigene DNS und können daher mit der zelleigenen DNS symbiotisch zusammenleben. Als Mitochondriopathie wird eine Funktionsstörung der Mitochondrien bezeichnet. Eine chronische Dysfunktion der Zellorganellen kann zur Zerstörung ihrer Struktur führen. Eine MitochondriopathieMitochondriopathie:Ursachen kann multifaktorielle Ursachen haben: Nährstoffmangel, chronischer Stress, Umweltbelastungen aller Art (durch Herbizide, Pestizide), chronische Entzündungen, chronische Starre und Entgleisung des Säure-Basen-Gleichgewichts usw.

Praxisbezug

Eine Störung des axialen axiales System:StörungenSystems ist nicht immer nur biomechanisch bedingt, sondern kann durch Regulationsdefizite bis hinunter zur Zellebene für eine ausbleibende Selbstheilung verantwortlich sein.
Chaos und Ordnung
Ilya Prigogine, Nobelpreisträger für Physik, hat deutlich gemacht, dass ein natürliches (physisches) System immer zu ChaosChaos:und Ordnung bzw. EntropieEntropie neigt, aber auch eine Ordnungsinsel ist. Um den Begriff der Entropie besser zu verstehen, nehmen wir ein Kartenspiel als Beispiel. Bei einem neu gekauften Kartenspiel sind die Karten in der Regel in einer bestimmten Reihenfolge sortiert. Alle Einser, Zweier, Dreier usw. sind zueinander geordnet. Es liegt ein geordneter Zustand oder, thermodynamisch ausgedrückt, ein Zustand mit niedriger EntropieEntropie: Kartenspiel als Beispiel vor. Mischen wir die Karten, verändert sich der Zustand: Durch Mischen der 32 Karten wird niemals mehr die anfängliche Situation, nämlich ein Zustand völliger Ordnung, erreicht. Durch jedes Mischen ergibt sich eine weitere Möglichkeit, aber der Unordnung. Da die Wahrscheinlichkeit der Unordnung nach dem Kartenmischen größer als die der Ordnung ist, die ja nur einmal da war, hat sich die Entropie vergrößert.
Auch wenn der Organismus in seiner Gesamtheit in Unordnung gerät, können und sollten Teile des Ganzen trotzdem eine bestimmte Organisation aufweisen. Der Mensch ist eigentlich ein unwahrscheinlich komplexes, hoch organisiertes System – unwahrscheinlich insofern, als lebende Organismen grundsätzlich eine hohe Entropie zeigen.
Auf makroskopischer Ebene sind Molekülgruppen funktionelle Einheiten, die wir als spezifische Körpergewebe kennen. Funktionsfähigkeit, Regulationsvermögen und SelbstheilungSelbstheilung(skräfte):metabole Ordnung des Organismus setzen eine metabole Ordnung voraus. Der Energiestrom, der unser LebenLeben:Energiestrom in Gang hält, bildet einen Regelkreis mit vielen Feedback-Kontrollmechanismen. Die Produkte von biochemischen Reaktionen können zu einer Hemmung oder Anregung des Metabolismus führen. Kein Prozess ist statisch, sondern sollte per Definition dynamisch sein.

MERKE

Leben ist die Summe aller rhythmischen Selbstorganisationsprozesse:rhythmischeSelbstorganisationsprozesse, die uns im Gleichgewicht halten oder dorthin zurückbringen. Dabei sind strukturelle und funktionelle Integrität, Dynamik und Flow des Organismus die entscheidenden Faktoren.

Puffersysteme des Menschen
Der Mensch ist ein hochdynamisches, informationsverarbeitendes und regulierendes System. KrankheitKrankheit:als Entgleisung ist Ausdruck einer Entgleisung. Die Anpassungsfähigkeit ist eingeschränkt, die Informationsverarbeitung verlangsamt und ineffizient, die Selbstregulation nicht mehr vorhanden.
Das axiale System ist ein sehr gutes Beispiel für ein Körpersystem, das bis auf die zelluläre Ebene eng mit allen anderen Körpersystemen vernetzt ist und oft seine Pufferqualitäten verliert. Wenn das axiale Systemaxiales System:Entgleisung und Starre dekompensiert, zeigt sich dies oft als akute Erkrankung. Infolge der Entgleisung und Starre der Regulation entwickelt sich eine chronische oder therapieresistente Problematik.
Eine gesunde Struktur braucht eine Basisregulation, die den neutralen Bereich optimiert. Der sog. neutrale Bereichneutraler Bereich:Pufferkapazität bestimmt die Pufferkapazität eines Körpersystems, z. B. des axialen Systems, und versetzt es in die Lage, sich gezielt an Reize zu adaptieren, ohne zu dekompensieren bzw. Schaden zu nehmen. Eine Dysfunktion führt per Definition zu einer Einschränkung des neutralen Bereichs. Dabei kann es sich um eine mechanische, fluide, chemische, psychovegetative (usw.) Einschränkung handeln.

Praxisbezug

Funktionelle Einschränkungen von Körpersystemen richtig einzuschätzen und sie wieder in Bewegung zu bringen ist der Schlüssel zum therapeutischen Erfolg.
Heilung
In der Medizin kann zwischen Krankheit heilen und GesundheitGesundheit:fördern fördern unterschieden werden. Im ersten Fall ist es das Ziel, eine KrankheitKrankheit:heilen durch eliminieren aus dem Körper zu eliminieren: z. B. einen bösartigen Tumor mit kurativem Ansatz chirurgisch zu entfernen oder eine Infektionskrankheit durch den Einsatz einer Antibiose zu heilen.
Viele Patienten machen sich komplett von ihrem Behandler abhängig und finden es bequem, die Verantwortlichkeit an die jeweilige Gesundheitsdisziplin abzutreten. Sie konsumieren Medizin. Heilung ist aber leider nicht käuflich, sondern findet nur unter bestimmten Heilungsvoraussetzungen statt, die durch einen bewussten Handlungsprozess entstehen.
Entscheidend für die HeilungHeilung:Voraussetzungen ist das Bewusstsein: Im Geiste können wir sie zur Realität werden lassen. Nur wenn sie diesen Gedanken verinnerlichen konnten, sind Patienten in der Lage, kreativ damit umzugehen.
Im Gegensatz zur mechanischen (Newton'schen) Denkweise ist der Vitalismus auf den ganzen Menschen und seine Lebensweise gerichtet. Als Therapie orientiert sich der VitalismusVitalismus:Selbstheilungskräfte daran, die SelbstheilungskräfteSelbstheilung(skräfte):anregen anzuregen, um den Menschen in Richtung seiner Selbstheilung zu lenken. Das bedeutet nicht, dass sog. Mechanisten keine wertvolle Therapie durchführen können. Die konventionelle Medizin ist oft unersetzbar, und im akuten Stadium sind bestimmte medikamentöse oder chirurgische Behandlungen einfach die einzig sinnvolle Therapie.
Selbstheilung bedeutet, dass ein Organismus in der Lage ist, sich selbst zu regulieren, sich selbst wieder in eine dynamische Mitte zu bringen, sodass echte Selbstheilung stattfinden kann. Regulierungsblockaden der verschiedenen Körpersysteme und ihrer Vernetzungen können jedoch eine Selbstheilung verhindern. Auch in dem Fall ist eine Therapie von außen notwendig, die sich aber auf die RegulationsblockadeRegulationsblockaden und nicht auf die Symptome richtet. Jeder Organismus strebt spontan nach Heilung, ist aber manchmal nicht mehr imstande, den Ausgleich selbst herbeizuführen. So entstand der Begriff der RegulationsmedizinRegulationsmedizin. Die Regulationsmedizin versucht, die Ausgleichsfähigkeit wiederherzustellen, damit sich der Organismus nach Auflösung der Blockaden selbst zu harmonisieren, also selbst zu heilen, vermag.
Ein Organismus lässt sich, wie oben dargestellt, in verschiedene KörpersystemeKörpersysteme:Regulationsmedizin einteilen, die anatomisch und funktionell miteinander vernetzt sind. Jedes der Systeme hat ganz einfach die Aufgabe, Teil der Integration und Regulation des Ganzen zu sein. In der Regulationsmedizin werden diese Fähigkeiten als entscheidend für die Selbstheilung und das Therapieziel der Behandlung von RegulationsblockadenRegulationsblockaden:Behandlung angesehen.

MERKE

Nur wenn die Regulierungsfähigkeiten vorhanden oder wiederhergestellt sind, ist eine harmonische Steuerung und Selbstheilung möglich.

KrankheitKrankheit:als Energiemangel kann als Energiemangel in Bezug auf die Selbstheilung betrachtet werden. Das axiale System ist ein muskulo-faszio-skelettales Puffersystem für rhythmische (Atmung, Knirschen, Peristaltik, Puls etc.) und nicht rhythmische (willkürliche und unwillkürliche Bewegungen) Reize. Wenn es nicht mehr in der Lage ist, sich dynamisch an immer neue Reize anzupassen, entsteht Krankheit, die oft chronifiziert und sich behandlungsresistent zeigt.
Therapeutische Ansätze wie SelbstcoachingSelbstcoaching:als therapeutischer Ansatz bzw. innerer Dialog können sehr wichtig sein. Der innere Dialog mit dem eigenen Bewusstsein kann Kräfte wie Zielorientierung, Kreativität, Lebensfreude, Erwartung von Heilerfolgen und Selbststeuerung der seelischen Gesundheit freisetzen. Ein Mangel an Dynamik macht es unmöglich, sich wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Heilung kann sich auf der informativen (physikalisch), biochemischen, physisch-mechanischen oder psychischen Ebene abspielen.
Regulierung und Steuerung des Bindegewebes im axialen System
Belastungen werden im Bindegewebe abgeschwächt und kompensiert. Ohne diese Regulation kommt es zu pathophysiologischen Veränderungenpathophysiologische Veränderungen:negative Afferenzen des Bindegewebes. Mikroverletzungen, Adhäsionen und Kontrakturen sind die Folgen. Werden die negativen Afferenzen behandelt, wird das Gewebe theoretisch in die Lage versetzt, sich selbst zu heilen. Diese Heilung kann nur stattfinden, wenn sich das Bindegewebe reinigt, indem durch die Versorgung und Entsorgung über die extrazelluläre Matrix eine Regeneration der Zellen ermöglicht wird.
Daher erscheint es logisch, dass in der Behandlung alle Aspekte des axialen Systems Berücksichtigung finden: Wie muss die negative Afferenz behandelt werden? Was braucht das Gewebe, um sich regenerieren zu können?
Wenn hier die richtigen Impulse gesetzt werden, können Patienten zur Selbstheilung und dynamischen Steuerung angeleitet werden.
Neuroplastizität
Das Nervensystem spannt sich zwischen allen Organsystemen aus und verknüpft periphere mit zentralen Strukturen. Alles ist gut aufeinander abgestimmt. Während früher die Ansicht vorherrschte, das Nervensystem sei zwar komplex, aber strukturell im Wesentlichen ein fest geknüpftes Netzwerk, belegen zahlreiche Befunde, die in den letzten Jahren gewonnen werden konnten, die strukturelle Wandelbarkeit sowohl des peripheren als auch des zentralen Nervensystems. Das NervensystemNervensystem:strukturelle Veränderungen (Neuroplastizität) ist demnach kein rein funktionelles Phänomen, sondern auch strukturellen Veränderungen unterworfen. Diese Eigenschaft wird als NeuroplastizitätNeuroplastizität bzw. neuronale Plastizität bezeichnet. Das heißt, das Nervensystem besitzt die Fähigkeit, neue synaptische Verbindungen zu knüpfen, und kann demnach Neues lernen.
Evolutionsbiologisch gesehen, ist ein breit gefächertes sensorisches System eine gute Voraussetzung für das Überleben. Unser genetisch determiniertes sensorisches Systemsensorisches System umfasst:
  • Photorezeptoren: Sehvermögen

  • mechanosensitive Stereozilien der Haarzellen: Hörsinn

  • Riechzellen: Geruchssinn

  • Mechanorezeptoren der Haut: Tastsinn

  • Thermorezeptoren: Temperaturempfinden

  • Nozizeptoren: Schmerzempfinden

  • Propriozeptoren v. a. des Kopfgelenks: Haltungskoordination

Das sensorische Systemsensorisches System:Umgebungsreize nimmt UmgebungsreizeUmgebungsreize:sensorisches System auf, die entsprechend weiterverarbeitet werden. Dabei entsteht eine Art Trampelpfad, der einen bestimmten Weg vorgibt und unterschiedliche Wege miteinander verknüpft – es findet eine Bahnung statt. Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Der Reiz gibt an, welcher Trampelpfad Bahnung:Reizverarbeitungmoduliert wird.
Nervenzellen in den unterschiedlichen Abschnitten des NervensystemsNervensystem:Bahnung unterscheiden sich voneinander. Demnach sind sie für verschiedene Leistungen (Motorik, Emotionen usw.) vorherbestimmt. Ein Trampelpfad muss eingelaufen werden, ähnlich wie im Dschungel. Je häufiger der Trampelpfad benutzt wird, desto schneller und besser funktioniert die Verbindung zwischen Siedlungen, der Weg zur Wasserquelle usw. Wenn so ein gebahnter Pfad nicht länger benutzt wird, kann er zuwuchern und verloren gehen. Hierin liegt wahrscheinlich die Erklärung für einen der wichtigsten Ansätze in der osteopathischen Therapieosteopathische Therapie:Harmonisierung von Reizen: die Harmonisierung somatoafferenter Reizesomatoafferente Reize:osteopathische Therapie, um negative Einflüsse auf das komplexe Haltungssystem zu neutralisieren, d. h. falsche Trampelpfade, die sich durch Fehlbelastung (z. B. posttraumatisch) eingelaufen haben, zu löschen (Kap. 5.5). Sowohl Techniken zum Modulieren einer zerebrospinale Fehlsteuerung als auch übende Verfahren ermöglichen die Bahnung neuer, gut funktionierender Trampelpfade (Kap. 5.4 und Kap. 12Kap. 5.4Kap. 12).

Praxisbezug

Die Art der Stimuli (Reize) ist von großer Bedeutung für eine effektive Therapie.
Interessant ist die Plastizität im afferenten Teil des ZNSZNS:Nozizeptoren. Der größte Anteil der nozizeptiven Nerven wird unter physiologischen Bedingungen nie genutzt (stumme NozizeptorenNozizeptoren:stumme). Kommt es zu einer Entzündung im Gewebe (z. B. Kniegelenk), können diese Afferenzen jedoch durch noxische Reize stimuliert werden. Auch die HyperalgesieHyperalgesie bei entzündlichen Prozessen ist durch diesen Mechanismus zu erklären. Bei Aktivierung der Nozizeptoren vergrößert sich das rezeptive Feld der Hinterhorn-Neurone. So entsteht ein wesentlich größeres Nervenareal, das die Schmerzwahrnehmung organisiert. Das Nervensystem reagiert überempfindlich. Bei länger bestehenden GewebeveränderungenGewebeveränderungen:Neubildung von Synapsen (Mikrotrauma, Entzündung) spielt offensichtlich eine Aussprossung von afferenten Kollateralen mit der Neubildung von SynapsenSynapsen:Neubildung bei Entzündungen eine Rolle. Induziert wird diese Reaktion durch Peptide wie z. B. Substanz P und Calcitonin Gene-related Peptide (CGRP), die aus afferenten Neuronen im Hinterhorn freigesetzt werden. Neuroplastische Vorgänge beginnen bereits in den ersten Minuten bis Stunden nach einer Gewebeveränderung. Auf Dauer können auch irreversible Folgezustände eintreten. Daher gilt die Regel: Je länger ein Problem besteht, desto komplexer wird die Therapiestrategie.
NeuroplastizitätNeuroplastizität kommt auf allen afferenten Verarbeitungsebenen vor, vom Hinterhorn bis zum Kortex. Eine manuelle Reizung löst demnach auch eine neuroplastische Reaktion des Gewebes aus. Die Matrixdynamisierung (Kap. 9) hat demnach nicht nur einen lokalen regenerativen Effekt, sondern moduliert auch das neuronale Netzwerk, indem sie die Plastizität beeinflusst. Der Reiz muss nur effektiv sein und an der richtigen Stelle gesetzt werden. Das autonome Nervensystem besitzt ebenfalls die Fähigkeit zu plastischen Veränderungen. Außerdem ist gerade der Sympathikus an der Entstehung und Unterhaltung von Entzündungsvorgängen und Reaktionen auf eine Gewebeschädigung beteiligt. Hier kommt einer Therapie des autonomen Nervensystems besondere Bedeutung zu (Kap. 10).

MERKE

Trotzdem muss klargestellt werden, dass sich die Möglichkeiten, Neuronenverbindungen zu verändern, in engen Grenzen bewegen. Sie hängen von Größe, Sitz und Alter der Störung, vom Zeitpunkt des Therapiebeginns, von der Behandlungsdauer und -frequenz ab. Damit dürfte klar sein, dass Neuroplastizität:GrenzenNeuroplastizität nicht als Heilungsversprechen missverstanden werden darf.

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