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B978-3-437-58830-3.00005-2

10.1016/B978-3-437-58830-3.00005-2

978-3-437-58830-3

Aus einer Dysfunktion(en):und DysstrukturDysfunktion entwickelt sich in Abhängigkeit vom Zeitfaktor eine Dysstruktur. Auf dem Weg dorthin ist zunächst noch eine Regeneration möglich, und es kann frühzeitig zu einer Funktionsverbesserung kommen. Wenn die Dysfunktion bestehen bleibt, wird jedoch der point of no return erreicht, an dem die Struktur in einen irreversiblen Status (Dysstruktur) übergeht.

[L143]

Auswahl der Therapieform: (1) General Osteopathic Treatment, (2) Fascial Distorsion Model, (3) Muscle Energy Technique, (4) Positional Release Technique, (5) Specific Impulse Technique

[L143]

Darstellung der agonistischen und synergistischen Muskelschlingen beim Werfen eines Medizinballs

(Tittel 1976) [R266]

Anteromediane Linie nach Struyf-anteromediane Kette/Linie (AM)Denys

[L127]

Posteromediane Linie nach Struyf-posteromediane Kette/Linie (PM)Denys

[L127]

Posteroanteriore bzw. anteroposteriore Linie nach Struyf-posteroanteriore/anteroposteriore Kette/Linie (PA/AP)Denys

[L127]

Posteriore myofasziale Kette (PMK)

[O566, L126]

Anteriore myofasziale Kette (AMK)

[O566, L126]

Die hier gezeigten Muskeln gehören nicht zur autochthonen Rückenmuskulatur, sondern zu den sekundär eingewanderten Muskeln, die schräg verlaufende Fasern besitzen. Ihre schräge Anordnung ermöglicht Torsionsbewegungen des Rumpfes bei körperlicher Aktivität.

[O566, L126]

Kontaktstellen am Schädel:KontaktstellenKontaktstellen:am SchädelSchädel des Patienten (im Stehen)

[O566]

Kontaktstellen am Schultergürtel:KontaktstellenKontaktstellen:am SchultergürtelSchultergürtel des Patienten (im Stehen)

[O566]

Kontaktstellen:am Zwerchfell(gürtel)KontaktstellenZwerchfell:Kontaktstellen am Zwerchfellgürtel des Patienten (im Stehen)

[O566]

Kontaktstellen am Kontaktstellen:am BeckengürtelBeckengürtel:KontaktstellenBeckengürtel des Patienten (im Stehen)

[O566]

Kontaktstellen am Kopf:KontaktstellenKontaktstellen:am KopfKopf des Patienten (im Liegen)

[O566]

Kontaktstellen am Schultergürtel:KontaktstellenKontaktstellen:am SchultergürtelSchultergürtel des Patienten (im Liegen)

[O566]

Kontaktstellen:am Zwerchfell(gürtel)KontaktstellenZwerchfell:Kontaktstellen am Zwerchfellgürtel des Patienten (im Liegen)

[O566]

Kontaktstellen am Beckengürtel des Patienten (im Liegen)

[O566]

Meningeale Rückenmarkstrukturen:meningealemeningeale RückenmarkstrukturenRückenmarkstrukturen

[E580]

DuraseptenDurasepten

[E580]

Intrakranielle MeningenMeningen: a) Frontalschnitt durch die Schädeldecke, b) Übergang in die Meningen des Rückenmarks

[E580]

HirnventrikelHirnventrikel und SubarachnoidalraumSubarachnoidalraum: Schema der Zirkulation (Pfeile) der Hirnflüssigkeit vom inneren zum äußeren Liquorraum:innererLiquorraum:äußererLiquorraum (Subarachnoidalraum)

[S007-3-23]

Schematische Darstellung der Innervation des Duraschlauch:InnervationDuraschlauchs

[L127]

Schematische Darstellung der plexusartigen Verbindung von sinuvertebralen Nerven (SVN) mit dem R. ventralis nervi spinalis (RV), dem Truncus sympathicus (TS) und den Rr. communicantes grisei (RCG)

(modif. n. Jerosch und Heisel 2006) L127]

Multisegmentale Schmerzausstrahlung:multisegmentale, durale IrritationSchmerzausstrahlung bei duralen durale Irritation, SchmerzausstrahlungIrritationen: lumbaler Bänderschmerz und Trapeziussyndrom

[L127]

Schema der subokzipitalen subokzipitale MuskulaturMuskulatur

[E588, 127]

Arthrokinematische Kette der suprahyale Muskeln:arthrokinematische Kettesubokzipitale Muskulatur:arthrokinematische Ketteinfrahyale Muskeln:arthrokinematische Kettesubokzipitalen, infra- und suprahyalen Muskulatur

[E588, 127]

Verschaltung des N. trigeminus nach zentral

[E588, 127]

Asymmetrisch-tonischer Nackenreflex (ATNR)

[E588, 127]

ab Symmetrisch-tonischer Nackenreflex (STNR)

[E588, 127]

Tonischer Labyrinthreflex (TLR)

[E624]

Die Steuerung der HaltungshomöostaseHaltungshomöostase

[O583]

Beinachsen-Beinachsen:FehlstellungenFehlstellungen

[E607]

Schema von Brody

[L127]

ZahnfehlstellungenZahnfehlstellungen: sagittale Abweichungen (Angle-Angle-Klassen:ZahnfehlstellungenKlassen II und III)

[E625]

Zahnfehlstellungen: transversale Abweichungen

[E626]

Schema der somatogenen negativen Afferenzen

[O583]

Vergleichende Darstellung unterschiedlicher Typologien (Kap. 4.3.1)Typologienpyknischer TypMesoderm-Typleptosomer TypEntoderm-TypEktoderm-Typathletischer Typ

Tab. 5.1
Struyf Denys Kretschmer Sheldon
Zerebraler Typ – PM-Linie Leptosomer Typ Ektoderm-Typ
Überempfindlich-impulsiver Typ – PA-/AP-Linie Athletischer Typ Mesoderm-Typ
Affektiver Typ – AM-Linie Pyknischer Typ Entoderm-Typ

Fußstabilisierende MuskelgruppenMusculus(-i):tibialis anterior/posteriorMusculus(-i):flexor hallucis longusMusculus(-i):flexor digitorum longusMusculus(-i):fibularis longus/brevisMusculus(-i):extensor hallucis longusfußstabilisierende MuskelgruppenFuß:InversionFuß:Eversion

Tab. 5.2
Inversion des Fußes Eversion des Fußes
M. flexor hallucis longus M. extensor hallucis longus
M. flexor digitorum longus M. extensor digitorum longus
M. tibialis anterior M. fibularis longus
M. tibialis posterior M. fibularis brevis

Kniestabilisierende MuskelgruppenTractus iliotibialisMusculus(-i):vastus medialis/lateralisMusculus(-i):semitendinosusMusculus(-i):semimembranosusMusculus(-i):sartoriusMusculus(-i):popliteusMusculus(-i):gracilisMusculus(-i):biceps femoriskniestabilisierende MuskelgruppenKnie:InnenrotationKnie:Außenrotation

Tab. 5.3
Innenrotation des Knies Außenrotation des Knies
M. popliteus M. biceps femoris
M. vastus medialis Tractus iliotibialis
M. gracilis M. vastus lateralis
M. sartorius
M. semitendinosus
M. semimembranosus

Muskuloskelettales System

Christiane Billen-Mertes

Dave Bruckenburg

Thomas Kia

Luc Roggen

Philip Van Caille

  • 5.1

    Das Verhältnis von Struktur und Funktion Dave Bruckenburg, Thomas Kia 184

    • 5.1.1

      Grundlagen184

    • 5.1.2

      Funktion und Struktur in der täglichen Praxis185

    • 5.1.3

      Therapie zur Verbesserung von Struktur und Funktion185

  • 5.2

    Myofasziale Ketten Luc Roggen, Thomas Kia187

    • 5.2.1

      Myofasziale Ketten – eine Synthese, keine Analyse187

    • 5.2.2

      Muskelfunktionsketten191

    • 5.2.3

      Gordon Zinks Diagnosesystem: myofasziale Spannung197

  • 5.3

    Rolle der Hirnhäute und des Liquor cerebrospinalis im Bewegungssystem Thomas Kia203

    • 5.3.1

      Dura mater205

    • 5.3.2

      Arachnoidea und Pia mater205

    • 5.3.3

      Liquor cerebrospinalis (LCS)206

    • 5.3.4

      Innervation der Dura mater207

    • 5.3.5

      Funktionen des Duraschlauchs208

    • 5.3.6

      Integrativer Therapieansatz209

  • 5.4

    Zerebrospinale Fehlsteuerung Christiane Billen-Mertes209

    • 5.4.1

      Sensomotorik und Wirbelsäule210

    • 5.4.2

      Funktionelle Wirbelsäulenstörungen vom Säuglings- bis zum Erwachsenenalter212

  • 5.5

    Harmonisierung von somatoafferenten Impulsen Philip Van Caille216

    • 5.5.1

      Einführung216

    • 5.5.2

      Orthotropismus217

    • 5.5.3

      Das Haltungssystem218

    • 5.5.4

      Rezeptoren des posturalen Systems219

    • 5.5.5

      Sensomotorische Vorgänge221

    • 5.5.6

      Störungen im Haltungssystem – Zusammenfassung229

    • 5.5.7

      Übersicht über mögliche Therapieansätze229

Das Verhältnis von Struktur und Funktion

Dave Bruckenburg, Thomas Kia

There is no real difference between structure and function; they are two sides of the same coin. If structure does not tell us something about function, it means we have not looked at it correctly.

(A. T. Still)

Grundlagen

Andrew Taylor Still hat sein muskuloskelettales SystemBehandlungskonzept Osteopathie genannt, da er an der Knochenstruktur seiner Patienten Änderungen feststellte, die ihm Aufschluss über die Lebensweise bzw. Krankheitsgeschichte der Patienten gaben. Still war der Auffassung, dass ein Patient unterschiedlich auf Funktionsstörungen reagiert (Krankheit): Entweder übersteht er die Krankheit (vollständige Heilung), oder der Körper zeigt eine Kompensations- bzw. Dekompensationsreaktion. In einigen Fällen stellt sich die normale Funktion wieder ein, in anderen kommt es zu einem Funktionsverlust.
Änderungen am Knochen entwickeln sich nicht nur infolge einer veränderten Funktion, sondern auch infolge einer veränderten mechanischen Einwirkung (z. B. Traktion) von Muskeln oder anderen, über Bindegewebe mit dem Knochen verbundenen Strukturen sowie deren angrenzenden artikulären Verbindungen. Diese Grundlage der Osteopathie bezeichnen wir als Wechselwirkung zwischen Struktur und Funktion. Das bedeutet, dass
  • eine normale Struktur:normaleFunktion:normaleStruktur Voraussetzung für eine normale Funktion ist,

  • eine normale Funktion notwendig ist, um die normale Struktur aufrechtzuerhalten, und dass

  • ein normales Milieu vorherrschen muss, um eine regelrechte Interaktion zwischen Struktur und Funktion zu ermöglichen.

Der Körper kann ungünstige Bedingungen nur eine gewisse Zeit kompensieren. Der Faktor Zeit entscheidet, wann eine ungünstige Funktion die Struktur beeinflusst.
Beispiele für die Interaktion von Struktur und Funktion
Struktur:und Funktion, InteraktionFunktion:und Struktur, InteraktionBekannt ist uns allen das Beispiel am Knochen:
  • Normale Belastung führt dazu, dass die Knochenstrukturen:BelastungKnochenstruktur erhalten und gesund bleibt.

  • Bei zu geringer BelastungKnochenstrukturen:Belastung verändert sich der Knochenstoffwechsel, das Verhältnis der Osteoklasten-/Osteoblasten-Osteoklasten-/Osteoblasten-AktivitätAktivität verschiebt sich zugunsten der Osteoklasten. Abhängig vom Zeitfaktor wird allmählich Knochen abgebaut, es kommt zur OsteopenieOsteopenie.

  • Eine zu hohe Knochenbelastung jenseits der physiologischen Grenze führt zu vermehrter Mikrozirkulation bis hin zum Knochenödem. Unter diesen Bedingungen können bei fortgesetzter Belastung biochemische Reaktionen mit Aktivierung der OsteoklastenOsteoklasten auftreten. Die Folge kann eine stressbedingte Dystrophie des Knochengewebes bzw. eine Stressfraktur sein.

Auch im Muskelgewebe lassen sich pathologische Reaktionen einfach durch eine funktionelle Denkweise begründen.
  • Hypertrophie der Wadenmuskulatur:HypertrophieWadenmuskulatur: Durch exzessives Training können sich die faszialen Kompartimente so stark auffüllen, dass die Zirkulation in der Wade belastungsabhängig gestört wird. So entstehen eine erhöhte Neigung zu Wadenkrämpfen und ein Unvermögen, die Muskeln voll zu belasten.

  • Atrophie der Wadenmuskulatur:Atrophie, SpinalnervenirritationWadenmuskulatur: Eine Spinalnervenirritation:Wadenmuskulatur, AtrophieSpinalnervenirritation (Wurzelreizung von S1) kann dazu führen, dass die Muskeln neurologisch nicht mehr adäquat angesteuert werden; auf Dauer entwickeln sich dann trophische trophische StörungenStörungen. WadenkrämpfeWadenkrämpfe sieht man hier häufig als Begleitsymptom.

  • Zu trophischen Störungen kommt es auch bei Einschränkungen der arteriellen Versorgung – und damit der Anlieferung von Substraten (Sauerstoff, Mineralien u. a.), die für eine regelrechte Muskelarbeit benötigt werden. Das ist bei einer peripheren arteriellen Verschlusskrankheit (Raucherbein) der Fall. Die Folgen sind schmerzhafte WadenkrämpfeWadenkrämpfe unter Belastung.

Wolff-Gesetz
Nicht nur die Osteopathiewelt hat sich mit der Frage beschäftigt, inwieweit Funktion und Struktur miteinander interagieren. Unabhängig von der Osteopathie wurden entsprechende Studien v. a. von Ärzten durchgeführt. Ein typisches Beispiel hierfür ist das Wolff-Gesetz. Der Berliner Chirurg Julius Wolff-GesetzWolff (1836–1902) beobachtete, dass Knochen bei Beanspruchung aufgebaut wird und an Festigkeit zunimmt, wohingegen Entlastung zum Knochenabbau führt – eine durchaus ökonomische Arbeitsweise unseres Körpers. Warum sollte eine Struktur auch voll leistungsfähig bleiben, wenn sie nicht benutzt wird? Wolffs Forschungsarbeiten haben gezeigt, dass sich die Knochenform an die Funktion anpasst, d. h., die Funktion formt die Struktur. Wolff erkannte, dass die Ausrichtung der Knochentrabekel im Femurkopf von der Richtung der mechanischen Kräfte abhängt.

MERKE

Die Form folgt der Funktion

Die perfekte Architektur von Knochenstrukturen:ArchitekturKnochenstrukturen ist abhängig von den mechanischen Kräften, die auf das Skelettsystem einwirken.
Wolffs Untersuchungen wurden im Laufe der Zeit von anderen Wissenschaftlern aufgegriffen und weiterentwickelt. In den 1960er-Jahren propagierte dann der US-amerikanische Chirurg Harold Frost sein Mechanostat-Theorem, das die muskuloskelettales System:KnochenadaptationKnochenadaptation:muskuloskelettales SystemKnochenadaptation auf mechanische Reize und somit den Zusammenhang zwischen Muskel und Knochen beschreibt. Weitere interessante Informationen hierzu lassen sich im Utah Paradigm of Skeletal Physiology oder unter www.wikipedia.de (Suche: Mechanostat) nachlesen.

Funktion und Struktur in der täglichen Praxis

In der osteopathischen Terminologie bezeichnen wir eine anormale Funktion:anormaleFunktion als Dysfunktion(en)Dysfunktion oder Läsion und eine von der Norm abweichende Struktur:abweichendeStruktur als DysstrukturDysstruktur.
Nicht alle Patienten, die sich in der Praxis vorstellen, sind frei von Pathologien. Oft liegt eine strukturelle Änderung vor, die schon diagnostisch abgeklärt und bekannt ist. Probleme bereitet es in der täglichen Arbeit nur, aufgrund der Fülle an Informationen zu entscheiden, ob der Patient trotz struktureller Änderungen gesund genug für eine osteopathische Therapie ist. Oder anders formuliert, ob noch genügend Dynamik für eine Änderung im Gewebe vorhanden ist.
Eine Dysfunktion kann abhängig vom Zeitfaktor zu einer strukturellen Veränderung führen (Abb. 5.1). So entwickelt sich bei einer chronischen Fehlbelastung der Hüftgelenk:FehlbelastungHüfte, also einer Dysfunktion, nach Jahren eine Dysstruktur:Entwicklung aus DysfunktionDysstruktur, in diesem Fall eine Arthrose. Das Gelenk hat aufgrund von rezidivierenden Mikrotraumen auf Dauer keine Chance zur Regeneration. Ein steifes Gelenk weist keine Funktionalität mehr auf.
Zu Beginn kann es nach Normalisierung der Funktion bzw. Auflösung aller pathogenen Einflüsse noch zu einer Regeneration der Struktur kommen. Wenn das nicht mehr der Fall ist, sprechen wir vom point of no point of no returnreturn. Wann wird dieser Punkt erreicht, an dem keine Umkehr mehr möglich ist?
Das lässt sich nur in wenigen Fällen klar und deutlich erkennen. Ein Wirbelsäulensegment, das infolge einer fortgeschrittenen Degeneration versteift, wird sicher nie wieder zu seiner Normalfunktion zurückkehren. In den meisten Fällen, in denen dies eben nicht so klar ist, muss ein Therapieversuch zeigen, ob sich auf Dauer etwas nachhaltig verändert. Als Therapeut sollte man nach drei bis fünf Behandlungen überprüfen, ob eine spürbare Verbesserung der Beschwerden erreicht wurde. Das sagt zwar nichts über die Verbesserung der Struktur aus, ist aber der Weg dorthin.

Therapie zur Verbesserung von Struktur und Funktion

Welche Therapieform bzw. Technik wollen wir nutzen, um die Struktur:Therapie zur VerbesserungFunktion:Therapie zur VerbesserungStruktur bzw. Funktion zu verbessern?
Die Wahl der Behandlungstechnik hängt von mehreren Faktoren ab. Das Ziel ist einfacher zu beschreiben als der Weg dorthin. Wie bereits erwähnt (Kap. 4.3.2), gibt es keine in allen Ebenen perfekte Wirbelsäule. Ziel der Therapie sollte es daher sein, die Wirbelsäule in ein harmonisches Gleichgewicht zurückzubringen und so die Basis für eine gute Dynamik und posturale Kontrolle der ganzen Wirbelsäule zu schaffen. Dies ist ein Versuch, dass Patienten mit Wirbelsäulenbeschwerden auf natürlichem Wege symptomfrei werden und bleiben.

MERKE

Nicht jede Abweichung von der Norm muss zwingend zu Problemen führen. Entscheidend ist, wie sich der Körper auf die jeweiligen Voraussetzungen einstellt!

Die Wahl der manuellen Behandlungstechnik ist von verschiedenen Faktoren abhängig:
  • Allgemeinzustand: So dürfen Patienten mit einer antalgischen Schonhaltung:antalgischeSchonhaltung und extremem MuskelhartspannMuskelhartspann z. B. sicher nicht mit HVLA-Techniken behandelt werden.

  • Kontraindikationen (absolute und relative): Bei psychisch labilen Patienten besteht eine relative Kontraindikation für HVLA-HVLA-Techniken:KontraindikationenTechniken.

  • KompensationKompensation: Bei Patienten mit einer strukturell fixierten Störung (z. B. Skoliose) ist die Haltung sicher nicht korrigierbar, sondern zeigt sich in der Regel recht gut kompensiert. Der Körper hat sich im Laufe der Zeit gut organisiert. Wenn durch die Therapie die vorhandenen Kompensationsmechanismen gelöst werden, kann dies sogar zu einer Progression der Erkrankung führen!

Eine Behandlung kann minimal erfolgen, was aber nicht bedeutet, dass es nur darum geht, minimale Reize zu setzen. Gemeint ist vielmehr eine kurze Reizsetzung. Es ist oft viel effektiver, bei Patienten mit chronischen Beschwerden einen kleinen effektiven Reiz zu setzen und zu schauen, was dieser Impuls bewirkt. Zu viele bzw. zu lange Reize führen nicht selten zu einer Überreizung. Weniger ist eben manchmal mehr. Trotzdem gibt es Patienten, deren Dysfunktion(en):maximale TherapieDysfunktionen eine maximale Therapie benötigen. Damit ist gemeint, dass Behandlungszeit, -dauer und -häufigkeit gesteigert werden müssen. Hier wird länger (z. B. 30–40 min) behandelt, weil z. B. eine Dysstruktur mit trophischen trophische StörungenStörungen vorhanden ist.
Die Technik wählt der Therapeut abhängig vom Ergebnis der körperlichen Untersuchung aus.
  • Liegt vorrangig ein strukturelles Problem (Dysstruktur)strukturelle Techniken:DysstrukturDysstruktur:strukturelle Techniken vor, ist es ratsam, strukturelle Techniken anzuwenden, um direkt die geschädigte Struktur zu erreichen.

  • Liegt vorrangig ein Steuerungsproblem vor, werden bevorzugt funktionelle funktionelle Techniken:bei SteuerungsproblemenTechniken angewendet.

Am häufigsten handelt es sich um eine Kombination aus beiden. Eine funktionelle und schon lang anhaltende Störung wird auf Dauer die Struktur entsprechend formen. Die Dysstruktur führt zwangsläufig über eine fehlerhafte afferente Signalkette zu einer Störung der Steuerung. In diesem Fall werden direkte strukturelle Techniken mit funktionellen Steuerungstechniken kombiniert, um den Therapieeffekt zu potenzieren.
Neben dem FDM-FDM-ModellModell werden HVLA- und GOT-HVLA-Techniken:FDM-ModellGOT-Techniken:FDM-ModellTechniken bevorzugt eingesetzt, um einer Dysstruktur einen positiven Heilungsreiz zu geben (Abb. 5.2), während mit Positional-Release-Techniken (PRT):BahnungBahnung:PRTPRT u. a. eine Bahnung auf funktioneller Ebene unterstützt werden kann. Dennoch lässt sich auch bei rein funktionellen Störungen mit einer HVLA-HVLA-Techniken:BahnungBahnung:HVLA-TechnikenTechnik eine Bahnung induzieren (Kap. 7.1). Falls zusätzlich ein Milieuproblem besteht, was häufig vorkommt, sind zwingend Techniken zur MatrixdynamisierungMatrixdynamisierung zu ergänzen. Zusammenfassend stellt sich die Zielsetzung einer osteopathischen Therapie als eine Korrektur auf neuronaler neuronale Ebene:KorrekturEbene dar.

Myofasziale Ketten

Luc Roggen, Thomas Kia

Nehmen Se de Menschen, wie se sind. Andere jibt et nich.

Konrad Adenauer

Myofasziale Ketten – eine Synthese, keine Analyse

Es sollte weitgehend deutlich myofasziale Kettengeworden sein, dass sich die Behandlung eines Patienten nicht auf eine einzige Struktur, losgelöst vom Rest des Körpers, beschränken kann. Das heißt nicht, dass die Anwendung direkter, lokaler oder spezifischer osteopathischer Techniken falsch wäre. Sie sollte aber immer im Kontext einer Behandlungsstrategie erfolgen, die der ganzheitlichen Funktionsweise des Körpers gerecht wird. Nur dann kann die Behandlung zum Erfolg führen.
Kontraktiles myofasziales Gewebe steht mit fast allen Körperfunktionen in Verbindung: Im Stehen und beim Gehen sorgt das muskuloskelettale System für eine gute Ausbalancierung des Körpers. Auch bei der Zirkulation der Körperflüssigkeiten (Blut, Lymphe) sorgt der Druck im Gesamtsystem dafür, dass ihr Fluss kontrolliert wird, während Zwerchfellaktivität, Bauch- und Interkostalmuskeln die Atmung unterstützen. Die Abdominalorgane:myofasziale StabilisierungAbdominalorgane werden ebenfalls myofaszial stabilisiert (Kap. 8). So lassen sich noch unzählige weitere Aufgaben des muskuloskelettalen muskuloskelettales System:AufgabenSystems finden.
Jeden einzelnen Muskel so optimal anzusteuern, dass ein koordinierter, harmonischer und ergonomischer Bewegungsablauf im Körper stattfindet, wäre jedoch eine Aufgabe, die das zentrale Nervensystem allein nicht erbringen kann. So lassen sich teils angeborene, teils konditionierte Bewegungen unterscheiden, die das Bewegungssystem über verschiedenste Muskeln und MyofaszienMyofaszien organisiert; auch Knochen oder intraossäre Membranen:intraossäreintraossäre MembranenMembranen verbinden kontraktiles Gewebe zu belastbaren Strängen. Das Konzept der MuskelkettenMuskelketten haben mehrere funktionelle Therapieansätze beschrieben. Was dies für die Osteopathie bedeutet, wird im Folgenden erläutert.
Schon in der Erstauflage seines Buches Beschreibende und funktionelle Anatomie des Menschen (1956) vertrat Prof. Dr. med. Kurt Tittel den Standpunkt, die funktionelle Anatomie müsse für den Leser noch anschaulicher beschrieben werden. Deshalb verfasste er ein gesondertes Kapitel über die Darstellung von Bewegungsabläufen im Sport unter dem Gesichtspunkt der MuskelschlingenMuskelschlingen (Abb. 5.3). Darin erwähnt er, dass eine analytische Sichtweise der Anatomie nicht ausreicht, um den funktionell anatomischen Aspekt der Wechsel beziehungen zwischen Form und Struktur des Körpers und den Körperfunktionen zu erkennen.
Tittel betrachtet den menschlichen Körper aus einer funktionellen Perspektive und erklärt mögliche Formänderungen von anatomischen Strukturen durch die Anpassungsfähigkeit der unterschiedlichen Gewebe. Dabei ist die Adaptation eines Gewebes jeweils Reizen unterworfen, die eine Ausbildung von optimierten Eigenschaften stimulieren. Diese wechselseitige Anpassungsfähigkeit bleibt bei jedem Individuum ein Leben lang erhalten. Wörtlich schreibt er: Form, Struktur und Funktion bilden demnach eine lebendige, dialektische Einheit, die nur durch den Tod eine Trennung erfährt (Tittel 1976).
Payr (1932) hat schon früh den Begriff kinetische kinetische KetteKette geprägt. Um einen effektiven Bewegungsablauf zu gewährleisten, sei das Zusammenspiel von Knochen-, Muskel- und Gelenkfunktionen wichtig. Für Payr stand fest, dass jeder Funktionsverlust von einem Glied der kinetischen Kette zwangsläufig eine Störung der gesamten Kette nach sich zieht. In der Osteopathie sprechen wir in dem Zusammenhang von einer Ursache-Folge-Kette.
Entwicklung des Konzepts
Ursache-Folge-Ursache-Folge-KettenKetten fanden immer mehr Aufmerksamkeit in Bezug auf die Muskulatur und ihre Funktionen, wobei verschiedene Autoren unterschiedliche Bezeichnungen wie z. B. synergistische Schlingen/Ketten oder myofasziale Meridiane benutzten. Zu den Vertretern gehören unter anderem Franoise Mzires und ihre Methode der globalen Muskeldehnhaltungstechnik; Herman Kabat (1950) und seine propriozeptiven neuromuskulären Fazilitationsmuster; Godelieve Struyf-Denys (1979) und ihre Chanes musculaires et articulaires [Muskel-Gelenk-Ketten]; Leopold Busquet (1985) und seine Chanes musculaires [Muskelketten]; Paul Chauffour (1985) und sein Lien mcanique ostopathique [mechanische osteopathische Verbindung]; Stephen Typaldos (1997) und sein Fascial Distorsion Model sowie Thomas W. Myers (2001) und seine Anatomy Trains.
Eine rein auf die Gelenke bezogene Mechanik des menschlichen Körpers reicht daher als Erklärung für die Physiologie nicht aus. Embryologische, neurologische und pathologische Kenntnisse bilden eine notwendige Voraussetzung, um das Modell der myofaszialen Kettenmyofasziale Ketten in der Behandlung anwenden zu können. Es muss klar sein, wie sich eine Struktur entwickelt hat, wie ihre typische Funktion normalerweise gesteuert wird und was sich bei einer Funktionsstörung oder einer somatischen Dysfunktion im Gewebe verändert.
Es folgt nun eine Einführung in verschiedene Modelle der MuskelkettenMuskelketten. Bereits hier sei vorweggenommen, dass die Konzepte aus verschiedenen Blickwinkeln entwickelt wurden und daher nicht immer übereinstimmen.

MERKE

Die Zusammenarbeit von Muskeln, die sich zu einer Muskelkette vereinen, wird durch neurophysiologische Steuerungen, psychoemotionale Einflüsse und biomechanische Kraftlinien bestimmt.

Aufgrund embryologischer Erkenntnisse wissen wir, dass sich Muskelgewebe:Entwicklung, embryologischeMuskelgewebe aus primärem (embryonalem) Bindegewebe entwickelt, das sich erst weiter differenziert, wenn bestimmte Anforderungen im Sinne eines funktionsfähigen Gewebes mit entsprechenden Aufgaben gestellt werden. Für die spezifischen Muskeleigenschaften war es phylo- und ontogenetisch notwendig, dass sich kontraktiles Gewebe ausbildete (Kap. 1.5.2). Diese Muskulatur:KontraktilitätKontraktilität:MuskulaturKontraktilität ist sowohl im Kreislauf- als auch im vegetativen und lokomotorischen System anzutreffen, wobei sich die Kontraktilität:neuromuskuläreneuromuskuläre neuromuskuläre KontraktilitätKontraktilität am deutlichsten im lokomotorischen System zeigt. Die Entwicklung einer enormen Masse von Nervenzellen, die somatosensible und somatomotorische Informationen koordinieren, und die damit einhergehende Volumenzunahme von Großhirn und Kortex, auch als BrainsprintBrainsprint bekannt, illustrieren, wie wichtig die Bewegungskontrolle bzw. Harmonisierung von SomatoafferenzenSomatoafferenzen für den menschlichen Körper ist (Kap. 5.4).
Kabat weist darauf hin, dass Muskelfunktionen nur koordiniert und in Verbindung mit der eigenen Muskelgruppe korrekt ausgeübt werden können. Um die Stabilität der Wirbelsäule:StabilitätWirbelsäule aktiv zu gewährleisten, genügt es nicht, dass Muskeln longitudinal an der Wirbelsäule entlang verlaufen. Im Hinblick auf die Stabilität müssen sie auch Zentripetalkräfte entwickeln können. Diese Kraft entsteht durch leicht schräg verlaufende Fasern, die eine spiralartige Fixierung der Umgebung (angrenzende Wirbel) bewirken. Wie Piret und Bziers (1971) erklärt auch Kabat die torsions- und spiralartige Kontraktion in einer Muskelgruppe damit, dass sie dazu dient, die Kraft und Geschwindigkeit der Kontraktion effektiv und genau dosieren zu können. Godelieve Struyf-Denys bringt eine gute Muskelfunktion und ein harmonisches Gleichgewicht zwischen den verschiedenen Muskelketten im Körper mit psychoemotionaler Ausgeglichenheit in Verbindung. Während Busquet und Myers die Funktion von Muskelketten in Zusammenhang mit viszeralen viszerale Strukturen:und MuskelkettenStrukturen sehen, stellen Chauffour und Busquet eine Verbindung zwischen Muskelketten und dem kraniosakralen Muskelketten:und kraniosakrales Modell nach SutherlandModell nach Sutherland her.
Wir können hieraus ableiten, dass das Konzept der Muskelketten speziell in den letzten zwei Jahrzehnten osteopathische Nachfolger gefunden hat. Osteopathisch geprägte Autoren ziehen dieses Konzept auf unterschiedlichste Art und Weise zur Untermauerung ihrer diagnostischen und therapeutischen Vorstellungen heran.
Muskelketten, PNF und spiralförmige Bewegungen
  • PNF-PNF-PrinzipPrinzip (Kabat, Knott und Voss): Herman Kabat, Margaret Knott und Dorothy Voss entwickelten das Prinzip der propriozeptiven neuromuskulären Fazilitation (PNF)propriozeptive neuromuskuläre Fazilitation (PNF) zwischen 1946 und 1951 für die Rehabilitation geschwächter oder gelähmter Muskeln. Dabei wird ein schwacher Muskel gemeinsam mit angrenzenden Muskeln, die dieselben Bewegungsaufgaben haben, mittels submaximaler Kontraktion gegen Widerstand trainiert. Die verkürzten Antagonisten werden reziprok inhibiert, während die Agonisten, als geschwächte Muskelgruppe, maximal stimuliert und trainiert werden. Kabat lässt seine Patienten kontinuierlich vordefinierte, meist diagonal verlaufende Bewegungen wiederholen, um durch eine Verwringung des betroffenen Körperteils in einem spiralförmig endenden Bewegungsablauf die Kontraktionen der synergetischen Gruppe zu stimulieren. Die Kontraktionen der verschiedenen Muskelgruppen stabilisieren dabei den Verlauf und die Ansätze der betroffenen Muskeln und Myofaszien.

  • Spiralförmige Bewegungen (Piret und Bziers): Dass spiralförmige spiralförmige BewegungenBewegungen als ein wichtiges Behandlungsprinzip zu werten sind, wird auch von S. Piret und M. M. Bziers unterstützt. Sie erklären es damit, dass diese Kontraktionen von Muskelgruppen bzw. -ketten sowohl die Gelenke als auch den Körperbau positiv beeinflussen.

Muskel-Gelenk-Ketten und Typologie
Godelieve Struyf-Denys vertritt mit ihrer Theorie der Muskel-Gelenk-Muskel-Gelenk-KettenKetten die Ansicht, die Steuerung dieser Ketten werde vor allem psychisch dominiert. Muskel-Gelenk-Ketten:und TypologienSie untersuchte über einen längeren Zeitraum psychomentale Eigenschaften und menschliche Typologien:nach Struyf-DenysTypologien. Gerade die charakteristischen psychoemotionalen Eigenschaften in Verbindung mit den verschiedenen Schädelformen, mit denen sie sich auseinandergesetzt hat, bringt sie in ihre Vorstellung mit ein. Auf jeder Körperseite unterscheidet sie fünf Muskelketten:
  • drei fundamentale (Basis-)Ketten als Verbindung zwischen Rumpf und Kopf, die aktiv an der Stabilisierung der vertikalen Achse beteiligt sind, und

  • zwei komplementäre, horizontal angeordnete Ketten, die über die oberen und unteren Extremitäten mit der Außenwelt in Verbindung stehen.

Die vertikalen Muskelketten:vertikaleMuskelketten stellt sie im Zusammenhang mit verschiedenen Typologien dar und erläutert sie kurz.
  • Muskelketten:anteromedianeAnteromediane anteromediane Kette (AM)Kette (AM, Abb. 5.4)

    • Schädeltypologie: okzipital prominente Region

    • Affektiver AM-AM-Typ, affektiverTyp: Zone des Gefühlslebens und der Psychomotorik: Wie zeige ich meiner Umgebung, wer ich bin? Indem ich meine Gefühle oder Emotionen so zeige, wie sie mir entgegengebracht werden sollten.

  • Posteromediane posteromediane Kette/Linie (PM)Muskelketten:posteromedianeKette (PM, Abb. 5.5)

    • Schädeltypologie: frontal prominente Region

    • Zerebraler PM-Typ, zerebraler-kopfbetonterkopfbetonter PM-Typ: Zone der Rationalität, des Denkens und der Psychomotorik: Wie zeige ich meiner Umgebung, was ich bin? Indem ich zeige, wofür ich stehe, damit sie wissen, welche Person ihnen begegnet.

  • posteroanteriore Kette (PA)Muskelketten:posteroanteriorePosteroanteriore bzw. Muskelketten:anteroposterioreanteroposteriore Kette (AP)anteroposteriore Kette (PA/AP, Abb. 5.6)

    • Schädeltypologie: prominente Parietalregion

    • Überempfindlich-impulsiver Typ:überempfindlich-impulsiver Typ Zone der Dynamik, des Agierens und des Reagierens: Ich zeige meiner Umgebung deutlich, ich bin da und möchte sofortige Aufmerksamkeit und Gehör finden.

Bestehen Ähnlichkeiten zwischen den von Struyf-Denys und von anderen Autoren beschriebenen Typologien? Hier eine Gegenüberstellung der verwendeten Terminologie (Tab. 5.1).
Aus der Kategorisierung verschiedener Typen kann der Therapeut Rückschlüsse auf eine individuelle Körperhaltung des jeweiligen Patienten ableiten. Die Typologien von Kretschmer und Sheldon sind in Kap. 4.3.1 ausführlich erläutert.
Myofasziale Ketten nach Myers
Thomas Myers, ein Rolfing-Therapeut, hat in seinem Buch Anatomy Trains (2001) sieben myofasziale myofasziale Ketten:nach MyersKetten pro Körperhälfte beschrieben. Er unterscheidet die Ketten eher auf Basis der Struktur als auf Basis der Funktion.
  • Superficial LinesSuperficial Lines verlaufen sowohl ventral und lateral als auch dorsal am Körper.

  • Ventral befindet sich zusätzlich eine Deep Front Line,Deep Front Line die verschiedenen viszeralen Verbindungen direkt zugeordnet wird.

  • Die Spiral Lines Spiral Lineszur Beschreibung von Torsionskräften in der Posturologie und die Functional LinesFunctional Lines zur Beschreibung gekreuzter Bewegungsmuster:gekreuzteBewegungsmuster (z. B. linker Arm in Kombination mit dem rechten Bein) sind funktionell zu verstehen.

  • An der oberen Extremität gibt es zudem noch Arm Arm LinesLines.

Zusammenfassung

Grundprinzipien von Muskelketten

  • Muskeln funktionieren Muskelketten:Grundprinzipiennur effektiv in Zusammenarbeit mit anderen Muskeln der gleichen funktionellen Muskelgruppe bzw. Muskelkette (Kabat, Struyf-Denys, Busquet, Myers).

  • Muskelketten sind hauptsächlich longitudinal und spiralförmig am Körper verteilt. Dadurch kommt eine effektivere Unterstützung des säulenartigen Aufbaus zustande.

  • Der spiralförmige Muskeln:spiralförmiger AufbauMuskelaufbau ermöglicht einen gezielten, raschen und funktionellen Wechsel zwischen Dynamik und Stabilität (Kabat, Struyf-Denys, Busquet, Myers).

  • Muskeln werden permanent in einem Zustand reziproker Innervation von Synergisten:MuskelnMuskeln:SynergistenSynergisten (Kabat) und Inhibition der Muskeln:AntagonistenAntagonisten:MuskelnAntagonisten (Sherrington) gehalten.

  • Posturale posturale MuskelnMuskeln:posturaleMuskeln besitzen dank ihrer Dehnungsrezeptoren eine hohe propriozeptive Sensibilität. So reagiert die paravertebrale Muskulatur schon auf eine geringe Neigung des Sakrums, z. B. im Stand, sofort mit einer Veränderung des Tonus, um mit möglichst wenig Energieaufwand durch räumliche Anpassung das Gleichgewicht zu halten (Irvin Korr, zit. in Peterson 1979 und Kuchera 1994).

Muskelfunktionsketten

Wir besprechen nunMuskelfunktionsketten die Funktion einzelner Muskelketten, beschränken uns jedoch auf die Wirbelsäule, wobei wir bestimmte Funktionen voraussetzen, durch die sich Muskelketten voneinander unterscheiden. Diese Herangehensweise soll das Arbeiten mit diesem Modell in der Praxis vereinfachen. Zur Verdeutlichung und unter Bezugnahme auf Paul Chauffour wird hier zwischen drei Bewegungsrichtungen unterschieden:
  • Flexion nach vorne,

  • Extension nach hinten und

  • Rotation bzw. Torsion.

Das ergibt global betrachtet drei verschiedene Muskelanordnungen:
  • in Längsrichtung des Körpers vor der Wirbelsäule,

  • in Längsrichtung des Körpers hinter der Wirbelsäule und

  • quer zur kraniokaudalen Körperachse.

Posteriore myofasziale Kette
Funktion:
  • Gerade, posteriore myofasziale Kette (PMK)aufrechte Haltung:PMKaufrechteposteriore myofasziale Kette (PMK):Funktion Haltung in Zusammenarbeit mit der anterioren myofaszialen Kette

  • Aufrichten des Kopfes und Lordosierung der Wirbelsäule (HWS und LWS)

Bezeichnung bei verschiedenen Autoren:
  • Posteromediane Ketteposteromediane Kette (PM) (Struyf-Denys)

  • Superficial Back LineSuperficial Lines:Back Line (Myers)

  • Statische posteriore posteriore myofasziale Kette (PMK):statischeKetteposteriore myofasziale Kette (PMK):gerade + gerade posteriore Kette/ExtensionsketteExtensionskette (Busquet)

  • Extensionskette zum Öffnen, StreckenExtensionskette:zum Öffnen, Strecken (Chauffour)

Verlauf:
Die posteriore myofasziale Kettemyofasziale Ketten:posteriore\tSiehe posteriore myofasziale Kette (PMK) (PMK)posteriore myofasziale Kette (PMK):Verlauf steht über Faszien und Membranen in enger Verbindung zum ZNS. Alle Autoren betrachten sie als longitudinal entlang der Wirbelsäule orientiert. Die PMK posteriore myofasziale Kette (PMK):aufrechte Haltungist für die aufrechte Haltung aufrechte Haltung:PMKverantwortlich und hat starken Einfluss auf die Wirbelsäulenkrümmungen. Sie erstreckt sich – allen Autoren zufolge – vom Schädel über das Schädeldach an der gesamten Wirbelsäule entlang und über die lumbopelvine Region bis in die unteren Extremitäten. Der zweibeinige Stand und die damit einhergehende aufrechte Haltung haben dazu geführt, dass auch die posterolaterale Seite der unteren Extremität und die Fußsohle eine Verlängerung bzw. Ergänzung der PMK darstellen.
Diese Kette hat überwiegend eine Haltungsfunktion, und ihr Muskeltonus ist in Ruhe erhöht, ebenso wie bei der anterioren myofaszialen Kettemyofasziale Ketten:anteriore\tSiehe anteriore myofasziale Kette (AMK). Die PMK ist überwiegend aus tonischen, roten Muskelfasern mit guten Ausdauereigenschaften aufgebaut. In ihrem Verlauf finden sich regelmäßig Regionen mit dichteren und festeren Bindegewebsschichten, die eine wichtige sensorische Funktion für die aufrechte Haltung ausüben.
Anatomie und Physiologie:
Es soll noch erwähnt posteriore myofasziale Kette (PMK):Anatomie und Physiologie werden, dass es in jeder Körperhälfte eine PMK gibt. Manchmal sind beide Ketten median stark verflochten, aber in jedem Fall ist im frühembryonalen Stadium sowohl eine links- als auch eine rechtsseitige mesodermale Gewebeschicht um das Rückenmark herum entstanden, die nach posterior und aufeinander zu wachsen.

MERKE

Wächst das mesodermale Gewebe auf der hinteren Seite des Rückenmarks nicht zusammen, kommt es zu einer Spaltbildung (offener Rücken) oder einer Spina bifida.Spina bifida

Die beim Stehen beidseitige oder beim Gehen einseitige Gehen:AufrichtungsspannungAufrichtungsspannungStehen:Aufrichtungsspannung der unteren Extremitäten ist eine notwendige Voraussetzung für eine korrekte Körperhaltung und muss bei der Beurteilung der Haltung mitberücksichtigt werden. Hinzu kommt, dass aus dem Bindegewebe der unteren Extremität eine enorme Menge propriozeptiver Informationen ans Großhirn geleitet wird, um das Gleichgewicht der Körperachse sinnvoll steuern zu können.
Die Streckung der unteren Extremität, die das Aufrichten des Körpers gegen die Schwerkraft ermöglicht, kommt durch die gemeinsame Kraft der Beinextensoren und -flexoren zustande. Darauf weisen Struyf-Denys und Busquet in ihren Beschreibungen der Muskelketten hin.
Alle drei elastischen Fußbögen wären beim Bodenkontakt nicht stabil, wenn nicht die Balance von Inversion und Eversion durch gegenläufige Kräfte kontrolliert würde (Tab. 5.2).
Die gegengerichteten Kräfte der beiden Muskelgruppen bilden eine Art Manschette aus Bindegewebe um das FußgelenkFußgelenk:Muskelgruppen, die sich über Torsion fester zuzieht und dadurch die Fußstabilität unterstützt. Die notwendige Torsionskraft bringen die longitudinal und spiralförmig um die Knochenansätze angeordneten Muskellagen auf.
Am Knie ist es ähnlich: Durch gleichzeitiges Anspannen der KnieflexorenKnieflexorenKnieextensoren und -extensoren dreht sich das Knie bei der Streckung in eine geringe Außenrotation, was aufgrund einer strammen Muskelmanschette zur endgradigen Streckstabilität des Kniegelenks führt (Tab. 5.3).
Am Hüftgelenkhüftgelenkstabilisierende Muskelgruppen baut sich durch gleichzeitige Kontraktion der HüftbeugerHüftbeuger und HüftstreckerHüftstrecker eine ausgeprägte Stabilität auf, die sich um den Oberschenkelhals windet. Extensoren, Adduktoren und der M. iliopsoasMusculus(-i):iliopsoas bringen die Hüfte in Außenrotation. Die Hüftkapsel strafft sich und fixiert den Hüftkopf fester in der Pfanne. Sämtliche Hüftmuskeln setzen anterior und posterior am Os ilium an und können es so über dem Oberschenkel stabilisieren, dass eine stabile Basis für die Wirbelsäule entsteht.
An der unteren Extremität kann man also nicht von einem posterioren Verlauf der Haltungs- bzw. Aufrichtungsmuskulatur sprechen. Stattdessen ziehen sich die Muskeln wie einschnürende Schlingen um die untere Extremität herum. Jedes Bein fungiert als stabile Säule mit kräftigen myofaszialen Verbindungen zum Becken:
  • Die ischiokruralen Muskelnischiokrurale Muskeln ziehen zum Tuber ischiadicum und dann weiter über die Ligg. sacrotuberaleLigamentum(-a):sacrotuberale und sacrospinaleLigamentum(-a):sacrospinale zum Kreuzbein.

  • Die GlutealmuskelnGlutealmuskeln ziehen zu den Ligg. sacroiliaca posterioraLigamentum(-a):sacroiliaca posteriora, zur SIPS und zum äußeren Os ilium.

  • Der Tractus iliotibialisTractus iliotibialis und der M. tensor fasciae lataeMusculus(-i):tensor fasciae latae ziehen zur Crista iliaca und SIAS.

  • Der M. sartoriusMusculus(-i):sartorius zieht zur SIAS, der M. rectus femorisMusculus(-i):rectus femoris zur SIAI.

  • Die Adduktoren ziehen zum R. superior und R. inferior des Os pubis.

In der posterioren myofaszialen Kette finden wir nicht nur in Längsrichtung angeordnete Muskelfasern, sondern auch deutlich schräg (in Richtung Rotation bzw. Seitneigung) verlaufende Fasern.

Synopsis der Rückenmuskulatur

Die autochthone autochthone RückenmuskulaturRückenmuskulatur und sekundär eingewanderte Rumpfwandmuskeln bilden zusammen die Rückenmuskulatur:sekundär eingewanderte RumpfwandmuskelnRückenmuskulatur:autochthoneRückenmuskulatur (Abb. 5.7 und Abb. 5.11).

Autochthone Rückenmuskulatur (M. erector spinae)

  • Kurze Nackenmuskeln:kurzeNacken- bzw. KopfgelenkmuskelnKopfgelenkmuskeln

    • M. rectus capitis posterior minor und Musculus(-i):rectus capitis posterior minor und majormajor

    • M. obliquus capitis superior und Musculus(-i):obliquus capitis superior und inferiorinferior

    Stabilisierung von Fuß und Knie durch die myofasziale Knie:Stabilisierung, myofasziale VerriegelungFuß:Stabilisierung, myofasziale VerriegelungVerriegelung

    [O566, L126]

  • Medialer Trakt des M. erector Musculus(-i):erector spinaespinae

    • Spinales Rückenmuskulatur:spinales SystemSystem: Mm. Musculus(-i):spinalesMusculus(-i):interspinalesinterspinales, Mm. spinales

    • Transversospinales Rückenmuskulatur:transversospinales SystemSystem: Mm. rotatores breves und Musculus(-i):rotatores breves und longilongi, Mm. Musculus(-i):multifidimultifidi, M. Musculus(-i):semispinalissemispinalis

  • Lateraler Trakt des M. erector Musculus(-i):erector spinaespinae

    • Sakrospinales Rückenmuskulatur:sakrospinales SystemSystem: M. Musculus(-i):iliocostalisiliocostalis, M. Musculus(-i):longissimuslongissimus

    • Spinotransversales Rückenmuskulatur:spinotransversales SystemSystem: M. Musculus(-i):spleniussplenius

    • Intertransversales Rückenmuskulatur:intertransversales SystemSystem: Mm. Musculus(-i):intertransversariiintertransversarii, Mm. levatores Musculus(-i):levatores costarumcostarum

Sekundär eingewanderte Rumpfwandmuskeln

  • Rumpf-Rippen-Rumpfwandmuskeln:sekundär eingewanderteRumpf-Rippen-MuskelnMuskeln

    • M. serratus posterior superior und Musculus(-i):serratus posterior superior und inferiorinferior

  • Rumpf-Schultergürtel-Rumpf-Schultergürtel-MuskelnMuskeln

    • M. levator Musculus(-i):levator scapulaescapulae

    • M. rhomboideus minor und Musculus(-i):rhomboideus minor und majormajor

    • M. serratus Musculus(-i):serratus anterioranterior

  • Rumpf-Arm-Rumpf-Arm-MuskelnMuskeln

    • M. latissimus Musculus(-i):latissimus dorsidorsi

Die primäre Rumpfwand- bzw. autochthone Rückenmuskulatur Rückenmuskulatur:autochthone(Abb. 5.9) wird in ihrer Gesamtheit vom Sakrum bis zum Okziput von einer straffen Faszie umhüllt. Diese Faszie wird als Fascia thoracolumbalis bezeichnet, da sie in Höhe des thorakolumbalen Übergangs am deutlichsten sichtbar ist. Vom Okziput aus verläuft diese tiefe Faszie in der Galea aponeurotica des Schädels bis zu den Augenbrauen. Sie inseriert an der Protuberantia occipitalis externa und an der Linea nuchalis superior. In der Halsregion verdichtet sie sich median zum Lig. nuchae und wird fortan auch Nackenfaszie (Fascia nuchae) genannt. Poyet (1990) weist darauf hin, dass die Ansatzstellen der intrakranialen Durastrukturen1

1

Falx cerebri, Falx cerebelli und Tentorium cerebelli

, der Fascia nuchae und des Lig. nuchae übereinstimmen, sodass es hierüber zu einem intra- und extrakranialen Spannungsausgleich kommen kann.
Die gesamte autochthone Rückenmuskulatur wird von sekundär eingewanderten Rumpfwandmuskeln Rumpfwandmuskeln:sekundär eingewanderteüberdeckt. Sie stammen nicht aus dem paraxialen Mesoderm (epaxone Muskulatur), epaxone Muskulatursondern aus dem lateralen Plattenmesoderm und werden als hypaxone Muskulatur hypaxone Muskulaturbezeichnet. Da sie nicht durch Rr. dorsales der Spinalnerven versorgt werden, zählt man diese sekundär eingewanderten Muskeln auch nicht zur primären Rumpfwandmuskulatur.
M. trapezius Musculus(-i):trapeziusund M. sternocleidomastoideus Musculus(-i):sternocleidomastoideusgehören zwar zu den Rumpf-Schultergürtel-Muskeln, sind aber aus dem Mesenchym der Kiemen-/Branchialbögen entstanden und werden daher durch den N. accessorius (XI. Hirnnerv) innerviert.
Die eingewanderten Rückenmuskeln werden ebenfalls von der Fascia thoracolumbalis Fascia thoracolumbalisumhüllt, allerdings vom oberflächlichen Blatt, der sog. Fascia thoracolumbalis superficialis.
Anteriore myofasziale Kette
Funktion:
  • anteriore myofasziale Kette (AMK):FunktionAufrechteanteriore myofasziale Kette (AMK):Bezeichnung bei verschiedenen Autorenanteriore myofasziale Kette (AMK) Haltung aufrechte Haltung:AMKim Zusammenspiel mit der PMK

  • Flexion des Kopfes und Kyphosieren der Wirbelsäule

Bezeichnung bei verschiedenen Autoren:
  • Anteromediane Kette anteromediane Kette (AM)(Struyf-Denys)

  • Superficial Front Line Superficial Lines:Front Lineand Deep Front Line Deep Front Line(Myers)

  • Gerade anteriore Kette/Flexionskette (Busquet)

  • Flexionskette Flexionskette zum Flexionskette:zum Einrollen, BeugenEinrollen, Beugen (Chauffour)

Die anteriore myofasziale Kette (AMK, Abb. 5.9) steht über Faszien und Membranen in enger Verbindung zum viszeralen System anteriore myofasziale Kette (AMK):Verbindung zum viszeralen System– worauf nicht alle Autoren hinweisen.
Diese Kette befindet sich in einem ständigen reziproken Ausgleich mit der PMK, berücksichtigt aber neben der parietalen auch die viszerale Funktion. Sie ist deutlich röhrenförmig und umfasst das gesamte viszerale System. Von der Schädelbasis aus erstreckt sich die AMK bis zum Beckenboden. Sowohl am Hals als auch im Bauchraum wird sie durch Diaphragmen Diaphragmenin verschiedene Abschnitte unterteilt, was auch Druckunterschiede in den jeweiligen viszeralen Bereichen zur Folge hat. Diese Druckunterschiede sind sowohl für die reguläre Funktion von Atmung und Zirkulation als auch für die aufrechte Haltung aufrechte Haltung:AMKwichtig. Thorax und Abdomen zeigen nach Busquet eine Tendenz zum Öffnen bzw. Schließen. Unter normalen Verhältnissen entspricht die Öffnung auf thorakaler Ebene beispielsweise einer Inspiration und auf abdominaler Ebene einer Dysbiose, während die Schließung z. B. einer Exspiration bzw. abdominalen Kontraktion entsprechen würde.
Pathologische Funktions- bzw. Strukturstörungen anteriore myofasziale Kette (AMK):Funktions- bzw. Strukturstörungen(Raumforderung) wirken sich ebenso wie spastische, retraktive oder schmerzvermeidende Schonhaltungen auf die AMK aus. Wie die PMK findet man auch jeweils eine AMK beidseits der Medianlinie. Im Bauchbereich sind beide leicht aufzuspüren (Nabel, Symphysis pubis, Proc. xiphoideus, Linea alba), doch in der Thorax- und Halsregion wird ihre Aufteilung weniger deutlich.
Anatomie: anteriore myofasziale Kette (AMK):AnatomieWir können folgende drei Komponenten der AMK unterscheiden:
  • Muskelschicht direkt ventral der Wirbelsäule

    • M. rectus capitis lateralis und anterior

    • Musculus(-i):rectus capitis lateralis und anterior M. longus capitis Musculus(-i):longus capitis/colliund colli

    • M. constrictor pharyngis superior, medius und inferior

    • Musculus(-i):constrictor pharyngis superior, medius und inferior Mm. scaleni

    • Musculus(-i):scaleni Diaphragma,Diaphragma Pars lumbalis

    • M. psoas

  • Musculus(-i):psoas Muskelschicht mit direktem Kontakt zu den Organen

    • M. intercostalis internus

    • M. quadratus lumborum

    • Musculus(-i):quadratus lumborum M. iliacus

    • Musculus(-i):iliacus Beckenbodenmuskeln

  • Beckenbodenmuskeln Muskelschicht der Bauch- und Brustwand

    • M. geniohyoideus,Musculus(-i):geniohyoideus M. digastricus

    • Musculus(-i):digastricus M. mylohyoideus,Musculus(-i):mylohyoideus M. stylohyoideus,Musculus(-i):stylohyoideus M. omohyoideus

    • Musculus(-i):omohyoideus M. sternohyoideus,Musculus(-i):sternohyoideus M. thyrohyoideus

    • Musculus(-i):thyrohyoideus M. transversus thoracis

    • Musculus(-i):transversus thoracis M. intercostalis internus und externus

    • Musculus(-i):intercostalis internus und externus M. transversus abdominis

    • Musculus(-i):transversus abdominis M. obliquus internus Musculus(-i):obliquus internus abdominisMusculus(-i):obliquus externus abdominisund externus abdominis

    • M. rectus abdominis

Musculus(-i):rectus abdominis Physiologie:
Kontraktion der Bauchwand führt zu anteriore myofasziale Kette (AMK):Physiologieeiner Druckerhöhung im Bauchraum, die den venösen und portalen Blutrückfluss fördert und die Ausatmung unterstützt. Dieser Druckanstieg im Bauchraum bedeutet eine erhebliche Entlastung für die Lendenwirbelsäule und wirkt der Kippneigung nach vorne entgegen. Beim Heben schwerer Lasten wird automatisch die Bauchpresse eingesetzt. Dadurch bilden Bauchinhalt und Bauchmuskeln eine stabilere Säule vor der Wirbelsäule.
Demgegenüber kommt es durch die Aktivität von Zwerchfell und Brustwandmuskulatur (Interkostalmuskeln) zur Expansion des Thorax. Dies erzeugt einen negativen Druck, der zum Einatmen führt. Anschließend erzwingen dann passive Elastizitätskräfte (Rippenknorpel und kostovertebrale Ligamente) die Ausatmung. Diese gegeneinander wirkenden Kräfte stabilisieren den Thorax und begrenzen die Kyphose der BWS.
Laterale myofasziale Ketten/Komponenten
Funktion:
  • Gerade Haltung in der laterale myofasziale Ketten/Komponentenlaterale myofasziale Ketten/Komponenten:Funktionfrontalen Ebene kontrollieren (Seitenausgleich links/rechts)

  • Kopfgleichgewicht garantieren und Skoliosen vermeiden

Bezeichnung bei verschiedenen Autoren: laterale myofasziale Ketten/Komponenten:Bezeichnung bei verschiedenen Autoren
  • Laterale Ketten in Zusammenhang mit den Extremitäten laterale myofasziale Ketten/Komponenten:Extremitäten(Struyf-Denys)

  • Lateral Line Lateral Line– schräg verlaufend (Myers)

  • Keine spezifische laterale Kette (Busquet und Chauffour)

Mit Ausnahme von Thomas Myers haben die anderen Autoren keine spezifischen lateralen Ketten definiert. Die laterolaterale Stabilität:laterolateraleStabilität laterolaterale Stabilitätsoll durch beidseitige und gleichmäßige Kontraktion der Beugemuskulatur auf der Vorderseite in Verbindung mit beidseitiger und gleichmäßiger Kontraktion der Streckmuskulatur auf der Rückseite gewährleistet werden. Durch ihre reziproke Aktivität stellen Beuge- und Streckmuskulatur die Balance des Körpers von beiden Seiten in der frontalen Ebene ein. Um mit möglichst wenig Muskelspannung das Gleichgewicht zu halten, macht das Becken unauffällige Oszillationen in der frontalen Ebene (sog. body sway). body swayDer Körperschwerpunkt bleibt so immer zentral zwischen den Füßen.
Minimale Ausweichbewegungen in einer frontalen Ebene finden im Rahmen einer reinen Seitneigung statt. Verlagert sich der Körperschwerpunkt infolge einer stärkeren Seitneigung über die bipedale Standfläche hinaus, erfordert die Aufrechterhaltung des Gleichgewichts mehr Muskeleinsatz. Dadurch entstehen deutliche Kompressions- und Dehnungskräfte Körper:Kompressions- und DehnungskräfteKompressions- und Dehnungskräfteim Körper, die ihn in eine Flexion oder Extension, kombiniert mit der Seitneigungskomponente, führen, sodass Torsionseffekte im Körper wahrnehmbar werden.
Schräge (spiralförmige) myofasziale Komponenten
Funktion:
  • Gerade Haltung schräge (spiralförmige) myofasziale Komponentenschräge (spiralförmige) myofasziale Komponenten:Funktionin einer transversalen Ebene kontrollieren (Torsionskomponenten ausgleichen)

  • Kopfgleichgewicht garantieren und Skoliosen der Wirbelsäule vermeiden

  • Torsion des Körpers: Dabei rotieren Schulter- und Beckengürtel in einer transversalen Ebene im Verhältnis zueinander.

  • Raumorientierung der dominanten Seite (Hand, Augen, Ohr, Bein usw.)

Bezeichnung bei verschiedenen Autoren: schräge (spiralförmige) myofasziale Komponenten:Bezeichnung bei verschiedenen Autoren
  • Posteroanteriore/anteroposteriore Kette posteroanteriore/anteroposteriore Kette/Linie (PA/AP)(Struyf-Denys)

  • Spiral Lines,Spiral Lines Functional Lines Functional Lines(Myers)

  • Diagonale anteriore und diagonale posteriore Kette diagonale anteriore und posteriore Kette(Busquet)

  • Torsionskette nach anterior Torsionskette:nach anterior/nach posteriorund Torsionskette nach posterior (Chauffour)

Anatomie und Physiologie: schräge (spiralförmige) myofasziale Komponenten:Anatomie und PhysiologieIn der Literatur finden sich keine Angaben zu exklusiv lateralen oder exklusiv schrägen Muskeln bzw. Muskelfunktionsketten (Abb. 5.10). Aus anatomischer Sicht wurde versucht, sie entsprechend schematisch einzuteilen, obwohl diese Muskeln keine starre Funktion haben.
Bei der unteren Extremität haben wir schon auf ein Phänomen hingewiesen, das auch am Rumpf auftritt, nämlich Torsionseffekte und die daraus entstehenden Zentripetalkräfte.Zentripetalkräfte Im Thorax und Bauchraum erfüllt das Phänomen wichtige Funktionen.
  • Auf die autochthone Muskulatur der Wirbelsäule wird eine zentripetale Kompressionskraft ausgeübt. Dadurch baut sich eine stabilere muskuloskelettale Säule auf, die unter normalen physiologischen Bedingungen jederzeit zur Kompensation bereit ist.

  • Hinzu kommt eine zentripetale Einschnürung durch die sekundär eingewanderten Rumpfmuskeln in Bereich der Bauchwand und am Thorax.

Gordon Zinks Diagnosesystem: myofasziale Spannung

Osteopathen zufolge handelt es myofasziale Spannung:Gordon Zinks DiagnosesystemGordon Zinks Diagnosesystem:myofasziale Spannungsich dabei um eine wichtige Pumpe des venösen und lymphatischen Rückflusses. Gordon Zink ist im Rahmen seiner Studien des venösen und lymphatischen Kreislaufs zu einem großen Anhänger und Befürworter der myofaszialen Untersuchungs- und Behandlungstechniken geworden. Seiner Auffassung nach werden Dysfunktionen als besonders störend empfunden, wenn sie von typischen Rotations-Torsions-Mustern der Muskulatur geprägt sind. In Zusammenhang mit dem Thema Muskelketten erscheint es daher folgerichtig, Gordon Zinks Diagnosesystem und seine Theorie der Compensated-Uncompensated Patterns Compensated-Uncompensated Patternszu erklären.
Zur Illustration wollen wir noch einmal auf Gordon Zinks posturales Modell (Kap. 4.3.1) zurückgreifen. Es zeigt, wie verschiedene Spannungs- und Druckkräfte die spontane Körperhaltung bestimmen. Um die myofasziale Spannung besser beurteilen zu können, bezieht Zink verschiedene Referenzpunkte in die Untersuchung mit ein.
Referenzpunkte und Kontaktstellen
  • Schädel (Abb. 5.11): Mit Daumen myofasziale Spannung:Referenzpunkte und KontaktstellenundKontaktstellen:myofasziale SpannungReferenzpunkte:myofasziale Spannung Zeigefinger wird auf beiden Seiten in Höhe der Linea nuchalis suprema gleichmäßig Kontakt zum Mastoid aufgenommen, unter dem Ohr, über dem Kiefergelenk (TMG) und inferior des Jochbogens.

  • Schultergürtel (Abb. 5.12): Auf beiden Seiten wird gleichmäßig Kontakt aufgenommen – mit dem Daumen unterhalb der Spina scapulae, dem Handteller auf dem Akromion, mit Zeige- und Mittelfinger ober- bzw. unterhalb der Klavikula.

  • Zwerchfell (Abb. 5.13): Auf beiden Seiten nimmt man gleichmäßig Kontakt auf, möglichst großflächig und mit beiden Händen. Dabei zeigen die Daumen nach posterior und die Finger nach anterior. Die Handflächen liegen lateral von den unteren Rippen, die Finger im Bereich des Rippenknorpels und die Daumen dorsal zwischen der 11. und 12. Rippe.

  • Beckengürtel (Abb. 5.14): Auf beiden Seiten haben die Daumen gleichmäßig Kontakt zur Spina iliaca posterior superior. Die Crista iliaca wird so weit wie möglich bis zur Spina iliaca anterior superior umfasst; auf jeden Fall muss die Crista iliaca auf der lateralen Seite berührt werden.

Untersuchungsablauf
Ausgangsposition: Der Patient ist myofasziale Spannung:Untersuchungsablaufbis auf die Unterwäsche entkleidet und steht entspannt in neutraler Stellung: die Füße parallel ausgerichtet und fußbreit auseinander. Der Untersucher steht hinter ihm.
Technik: Beurteilt wird die Gewebespannung anhand des Widerstands, auf den ein vom Untersucher induzierter Bewegungsimpuls trifft. Der Patient verhält sich passiv und sollte am besten nicht wissen, wie die Untersuchung genau abläuft (damit er propriozeptiv neutral bleibt).
Durchführung
  • Am Schädel: Beide Hände des Untersuchers führen den Kopf des Patienten in eine Rotation – im Ansatz, eine endgradige Rotation ist nicht nötig. Dieser Bewegungsimpuls wird im Seitenvergleich getestet. Die Erfahrung hat uns gezeigt, dass man den Kopf vorab am besten ein wenig in Extension bringt, damit die tonischen Muskeln auf der hinteren Seite sich nicht sperren. Bestimmt wird, in welcher Richtung am wenigsten Gewebewiderstand spürbar ist.

  • Am Schultergürtel: Beide Hände des Untersuchers leiten mit leicht nach medial gerichtetem Druck eine Rotation des Schultergürtels ein – auf der einen Seite nach anterior, auf der anderen Seite nach posterior gerichtet. Auch hier wird keine endgradige Rotation benötigt und die Beweglichkeit im Seitenvergleich getestet. Bestimmt wird, in welcher Richtung sich der geringste Gewebewiderstand zeigt.

  • Am Zwerchfellgürtel: Beide Hände des Untersuchers leiten mit leicht nach medial gerichtetem Druck am unteren Thorax auf der einen Seite eine Exspiration und auf der anderen Seite eine Inspiration ein. Der Widerstand wird im Seitenvergleich getestet, um festzustellen, in welcher Richtung der geringste Gewebewiderstand wahrzunehmen ist.

  • Am Beckengürtel: Beide Hände des Untersuchers berühren die Cristae und leiten mit leicht nach medial gerichtetem Druck am Os ilium auf einer Seite ein anteriores Outflare und auf der anderen Seite ein posteriores Inflare ein. Der Widerstand wird im Seitenvergleich getestet, um festzustellen, in welcher Richtung der geringste Gewebewiderstand wahrzunehmen ist.

Interpretation der Untersuchungsbefunde
Abhängig von der myofaszialen Spannung im myofasziale Spannung:Untersuchungsbefunde, InterpretationBereich der jeweiligen Referenzpunkte sind folgende Ergebnisse zu erwarten (nach allgemeiner Übereinkunft wird immer zuerst die Dominanz am Kopf angegeben, dann weiter nach kaudal bis zum Lumbosakralbereich):
Beispiele
Untersuchungsbefund 1
  • Kopf links dominant

  • Schultergürtel rechts dominant

  • Zwerchfellgürtel links dominant

  • Beckengürtel rechts dominant

Interpretation: Es liegt ein CCP-Muster,CCP-Muster ein Common Compensated Pattern, Common Compensated Pattern (CCP-Muster)vor. Der Patient zeigt keine Dekompensation und verfügt über eine ausreichende Beweglichkeit, um mit seiner aktuellen Körperbelastung eine aufrechte Haltung zu gewährleisten.
Untersuchungsbefund 2
  • Kopf rechts dominant

  • Schultergürtel links dominant

  • Zwerchfellgürtel rechts dominant

  • Beckengürtel links dominant

Interpretation: Es liegt ein UCCP-Muster,UCCP-Muster Uncommon Compensated Pattern, Uncommon Compensated Pattern (UCCP-Muster)vor. Auch dieser Patient zeigt keine Dekompensation. Er ist trotz seiner aktuellen Körperbelastung ausreichend beweglich, um eine aufrechte Haltung zu gewährleisten.

MERKE

Die myofaszialen Referenzstellen verschieben sich im Fall einer Kompensation immer. So werden die angrenzenden Regionen kompensiert, um den Körper wieder in Balance bringen.

Untersuchungsbefund 3
  • Kopf links dominant.

  • Schultergürtel links dominant

  • Zwerchfellgürtel rechts dominant

  • Beckengürtel links dominant

Interpretation: Es liegt ein PP-Muster,PP-Muster ein Pathologic Pattern, Pathologic Patternvor. Der Patient zeigt eine Dekompensation. Mit seiner aktuellen Körperbelastung, vielleicht auch außerhalb des Bewegungsapparats (metabole, psychoemotionale Belastung usw.), hat er nicht mehr die Beweglichkeit bzw. die Möglichkeit, eine aufrechte Haltung zu gewährleisten. Es kommt zur Überlastung des muskuloskelettalen Systems, die unvermeidlich zum Funktionsverlust und damit zu Beschwerden führt.
Wo sich die Beschwerden äußern, lässt sich schwierig vorhersagen. Jeder Mensch versucht sich auf seine eigene Art und Weise Überlastungssituationen zu entziehen. Daher kann die Symptomatik in Bezug auf Lage und Charakter sehr unterschiedlich sein. Wir können aber vermuten, wo eine störende Spannung vorherrscht. Sie liegt meist in der Nähe des Uncompensated Pattern, also der nicht funktionierenden Stelle mit vermehrter Spannung. In unserem Beispiel 3 ist dies im Kopfbereich und in der Schulterregion der Fall. Durch eine weiterführende spezifische Bewegungsuntersuchung ergibt sich die Behandlungsstrategie. Wir haben aber, unabhängig vom Schmerzmuster des Patienten, an einer Stelle einen Bewegungsverlust gefunden, den der Patient aus selbstkorrigierender Kraft nicht mehr ausgleichen kann. Diese Stelle muss zuerst behandelt werden, damit der Patient wieder in sein Kompensationsmuster und zur Selbstregulation zurückfindet.
Varianten abweichender Muster
Im Fall von myofasziale Spannung:abweichende Muster, VariantenUncompensated oder Pathologic Patterns, also Dysfunktionen,Dysfunktion(en):Kombination von Pathologic Patterns sind mehrere Kombinationen möglich. Wichtig ist zu erkennen, welche Region (Kopf – Schultergürtel – Zwerchfell – Beckengürtel) nicht ins Gesamtbild passt.
In den folgenden Beispielen ist die abweichende Stelle fett markiert.
Beispiel 1
  • Rechts – Rechts – Links – Rechts

  • In der Kopfregion zeigt sich eine vermehrte Spannung nach rechts. Das heißt nicht zwangsläufig, dass der Kopf des Patienten räumlich rechts steht, es kann aber so sein.

Beispiel 2
  • Rechts – Links – Links – Rechts

  • Hier lässt sich die Dekompensation nicht eindeutig bestimmen; sie könnte sogar an zwei Stellen vorliegen. Ausschlaggebend ist hier zu testen, wo der deutlichste Widerstand spürbar ist. Davon kann man sich bei der weiteren Befundaufnahme leiten lassen.

Beispiel 3
  • Ausgleich – Rechts – Links – Rechts

  • Lässt sich die dominante Seite nicht oder nur schwierig bestimmen, kann man dies positiv bewerten. Um die Balance zu halten, wird keine vermehrte Spannung benötigt. Falls nicht zu entscheiden ist, welche Seite dominiert, verhält sich die Stelle didaktisch wie ein Joker und kann für jede Richtung eingesetzt werden.

Beispiel 4
  • Rechts – Rechts – Rechts – Rechts

  • Diese Kombination kann es nicht geben. Manche Therapeuten meinen aber trotzdem, so etwas sei zu finden. Wenn Schmerzen eine Schonhaltung des Patienten erzwingen, kann er an dem Muster festhalten, bis es zu einem Funktionsverlust kommt. Bei dem hier beschriebenen Fall handelt es sich um eine strukturelle Änderung, die möglicherweise eine Kontraindikation für eine direkte funktionelle Therapie darstellt oder als red flag zu sehen ist.

MERKE

Diese Untersuchungen nach Gordon Gordon Zinks Diagnosesystem:BewegungstestsZink sind allgemeine Bewegungstests. Sie liefern einen Befund, der andeutet, in welcher Region der Spannungszustand am stärksten gestört ist. In dieser Region sollte man nach weiteren Störungen suchen und sie behandeln.

Untersuchung in Rückenlage
Nach dem gleichen Prinzip myofasziale Spannung:Untersuchung in Rückenlagekann man Patienten auch in Rückenlage untersuchen, wobei man sich darüber im Klaren sein muss, dass sich die Schwerkraft hierbei anders auf den Körper auswirkt. Vergleicht man die Testergebnisse im Liegen mit denen im Stehen, kann man erkennen, ob die Dysfunktion von der Schwerkraft abhängig ist:
  • Kopf (Abb. 5.15): Auf beiden Seiten stellen die Zeigefinger mit Unterstützung der Hände posterior in Höhe der atlantoaxialen und atlantookzipitalen Wirbelsäulengelenke einen gleichmäßigen Kontakt her.

  • Schultergürtel (Abb. 5.16): Mit gleichmäßiger Druckverteilung wird der Schultergürtel auf einer Seite in Höhe des Proc. coracoideus nach posterior gedrückt und auf der anderen Seite in Höhe des Akromions nach ventral angehoben. Gordon Zink hat auch einen ventralen Kontakt in Höhe der 1. Rippe mit Druck nach posterior vorgeschlagen. Dies bietet die Möglichkeit, den Skapula-Klavikula- vom Rippen-Wirbel-Gürtel zu differenzieren.

  • Zwerchfellgürtel (Abb. 5.17): Hier kann man von hinten Kontakt zur 11. und 12. Rippe oder von vorn zum Knorpelbereich der unteren Rippen aufnehmen. Auf beiden Seiten sollte mit großflächigem Kontakt und gleichmäßig auf beide Handflächen verteiltem Druck gearbeitet werden. Zu beachten ist, dass man den Druck mit beiden Händen immer diagonal zueinander induziert. Des Weiteren sollte man darauf achten, dass immer eine Seite in Inspiration und die andere Seite gleichzeitig in Exspiration geführt wird.

  • BeckengürtelBeckengürtel:KontaktstellenKontaktstellen:am Beckengürtel (Abb. 5.18): Auf beiden Seiten wird mit Daumen und Fingern am vorderen Rand der Crista iliaca, über der Spina iliaca anterior superior, gleichmäßig der Kontakt hergestellt. Um das Os ilium nach posterior bzw. anterior zu führen, umgreift man die Crista iliaca möglichst bis zur Spina iliaca anterior superior; kleine, elastisch federnde Bewegungen geben hier am deutlichsten Aufschluss.

Wie in stehender Position werden diese Regionen wiederum im Seitenvergleich getestet. Die Befunde lassen dieselben Schlussfolgerungen zu wie die Ergebnisse im Stehen.
Zusammenfassung
Aus Erfahrung können wir sagen, dass die Testergebnisse im Stand mehr über den aktiven, propriozeptiven Zustand des Patienten aussagen. Beim liegenden Patienten erhalten wir mehr Informationen über passive, trophische Änderungen der Elastizität des Gewebes.
Diese Testmethode stellt eine sinnvolle Ergänzung dar, wenn das Prinzip der Muskelketten bekannt ist. Das Wissen, dass die Körperhaltung Körperhaltung:myofasziale Kettenüber verschiedene myofasziale Ketten gesteuert wird, vermittelt dem Untersucher einen Einblick, aus welchen Haltungstendenzen sich Dysfunktionen entwickeln könnten.

Patientenbesprechung

In Bezug auf das myofasziale System wollen wir uns Roland genauer ansehen.

Roland

Wie wir aus der Anamnese und der globalen Inspektion bereits wissen, ist Roland ein ergotroper Typ. Durch ein ergotropes Tuning wird der Grundtonus des myofaszialen Systems erhöht. Das führt zu einer geringeren Dehnungskapazität der Muskelketten und infolgedessen zu einer reduzierten Kompensationsfähigkeit. Vor diesem Hintergrund ist leicht nachzuvollziehen, dass ein Versuch, die Beschwerden durch Einlagen auszugleichen, wenig Erfolg verspricht. Einlagen würden noch mehr Kompensation erfordern und gleichzeitig die Bewegungsmöglichkeiten der Füße einschränken. Die Füße und überhaupt die unteren Extremitäten üben einen starken, direkten Einfluss auf das axiale System aus. Wir alle kennen die zentrale Rolle der BWS beim Gehen: Die bipedale Fortbewegung erfordert alternierende, oszillierende Bewegungen der BWS und des thorakolumbalen Übergangs.

Diagnostisches Vorgehen

Bei Roland sind folgende Fragestellungen von Interesse:
  • Wie verhält sich die anteriore gegenüber der posterioren myofaszialen Kette?

  • Wie verändern sich die Wirbelsäulenkrümmungen bei Flexions-/Extensionsbewegungen des Körpers?

  • Wie verhalten sich die schrägen Torsionsketten und die vier Diaphragmen nach Gordon Zink?

Im Rahmen der körperlichen Untersuchung fand sich neben einer Steilstellung der BWS eine Dysbalance zwischen anterioren und posterioren myofaszialen Ketten. Bei Roland zeigt sich ein klassisches Pathologic Pattern: Linksdominanz von Kopf und Schultergürtel, gefolgt von einem rechts-dominanten Zwerchfell- und einem links-dominanten Beckengürtel.
Kritisch ist zu fragen: Wieso hat Roland im Ruhezustand Schmerzen, nicht aber in aktiven Phasen, z. B. beim Joggen? Eine mögliche Antwort könnte sein stark ergotroper Zustand während der aktiven Phasen sein. Neben der gesteigerten Adrenalin- und Kortisolausschüttung werden bei Ausdauerleistungen vermehrt Endorphine freigesetzt. Schmerzreaktionen können dadurch zunächst maskiert sein und erst später in der Erholungsphase auftreten. Anhaltende ergotrope Belastungen beeinträchtigen die Regeneration und begünstigen überbelastete Zonen im Bindegewebe, die sich durch progredient zunehmende, chronische Schmerzen äußern.

Therapeutische Zielsetzungen

Folgende therapeutische Aspekte stehen im Vordergrund:
  • Optimierung der Gleichgewichtskontrolle anterior/posterior

  • Korrektur möglicher parietaler und kraniosakraler Ursachen der AP-Dysbalance

  • Ausgleich von Muskelverspannungen/Torsionsasymmetrien

  • Beheben von viszeralen und parietalen Störungen, die eine Diaphragma-Dysbalance ausgelöst haben

  • Stärkung schwächerer Muskelketten sowie Dehnung verkürzter Strukturen

Rolle der Hirnhäute und des Liquor cerebrospinalis im Bewegungssystem

Thomas Kia

Staunen ist der erste Schritt zu einer Erkenntnis.

Louis Pasteur

Die Hirnhäute Hirnhäute:und Bewegungssystemwerden in Bezug auf Schmerzen im Bewegungssystem Bewegungssystem:Rolle der Hirnhäutesicher meist unterschätzt. Direkte Verbindungen zum muskuloskelettalen System, ZNS, endokrinen und Immunsystem machen die Hirnhäute zu einem Knotenpunkt in der Regulation des Körpers. Entwicklungsphysiologisch bilden sich die Hirnhäute Hirnhäute:Entwicklungaus Mesoderm und das Gehirn aus Ektoderm. So wird durch die Hirnhäute schon in der Embryogenese eine Verbindung zwischen dem Gehirn und muskuloskelettalen Strukturen angelegt, die aus dem Mesoderm hervorgehen. Heute weiß man, dass Strukturen, die vom selben Keimblatt abstammen, funktionell zusammenwirken. Die Hirnhäute umgeben das Gehirn und geben ihm Halt. Sie formen auch einen Raum für den Liquor cerebrospinalis. Anatomisch unterscheidet man:
  • Dura mater (Dura materharte Hirnhaut)

  • Hirnhaut:harte Arachnoidea (ArachnoideaSpinnwebshaut)

  • Spinnwebshaut Pia mater (Pia materweiche Hirnhaut)

Hirnhaut:weicheZusammen werden diese Strukturen auch als Duraschlauch bezeichnet (Abb. 5.19).

Dura mater

Die Dura mater Hirnhaut:harteDura materbesteht aus straffem Bindegewebe und ist der festeste Teil der Hirnhäute. Sie liegt außenseitig und ist zu 2 % elastisch. Die Dura mater cranialis Dura mater:cranialisbesteht aus zwei Schichten. Dura mater:SchichtenDie äußere Schicht ist mit dem Periost der Schädelknochen verwachsen. An Schädelnähten dringt die äußere Duraschicht teilweise zwischen die Knochenplatten ein und trägt mit dazu bei, dass diese Nähte bis zu einem gewissen Alter mobil miteinander verbunden bleiben. An zahlreichen Stellen entfernen sich die beiden Blätter der Dura mater auch voneinander und bilden zwei Strukturen:
  • Durasepten: DuraseptenSie ziehen in die Schädelhöhle und unterteilen den intrakraniellen Raum. Zu den Durasepten gehören die Falx cerebri, Falx:cerebridas Tentorium cerebelli, Tentorium cerebellidie Falx cerebelli Falx:cerebelliund das Diaphragma sellae (Diaphragma:sellae Abb. 5.20).

  • Hirnblutleiter: HirnblutleiterSinus durae matris Sinus durae matrissind intrakranielle Strukturen, in denen das venöse Blut des Gehirns abtransportiert wird.

In Höhe des Foramen magnum setzt sich nur die innere Duraschicht im Rückenmarkskanal fort (Abb. 5.21).

MERKE

Der Duraschlauch beginnt an der Crista galli des Os ethmoideum, zieht am Schädelrand als Falx cerebri weiter, teilt sich in das Tentorium cerebelli und zieht dann durch das Foramen magnum zum Os sacrum.

Ab dem Foramen magnum ist die Dura mater spinalis Dura mater:spinalisin Höhe von C1 und C2 mit dem umliegenden Gewebe verbunden. Hier sind insbesondere der M. rectus capitis minor und das Lig. nuchae (Ligamentum(-a):nuchaezwischen der linken und rechten Membrana atlantooccipitalis posterior und der Membrana atlantoaxialis posterior) zu nennen.
Im weiteren Verlauf ist die Dura mater spinalis in Höhe von Th3 und Th4 über dünne bindegewebige Fasern mit dem Spinalkanal verbunden. Anatomisch-funktionell scheint diese Verbindung keine Relevanz zu haben. Allerdings lassen sich in der täglichen Praxis viele schmerzhafte Zustände der oberen BWS auf eine durale Veränderung zurückführen. Des Weiteren ist die Dura nur noch am Os sacrum Os sacrum:Dura mater spinalisfixiert (S1–S3), d. h., vom zervikokranialen Übergang bis zum Os sacrum ist der Duraschlauch eine frei bewegliche Struktur. Zwischen Wirbelbögen und Dura mater befindet sich der Epiduralraum, der mit einem lockeren Fettgewebekissen und einem venösen Gefäßplexus gefüllt ist.

MERKE

Der DuraschlauchDuraschlauch hat seine relevanten fixen Anheftungsstellen im Schädel, in Höhe von C1 und C2 sowie am Os sacrum zwischen S1 und S2 (S3). Er stellt somit eine quasi unelastische schlaffe Verbindung zwischen Okziput und Sakrum dar und kann nicht als Zahnradkette zur Bewegungstransmission dienen (Sutherlands Irrtum).

Arachnoidea und Pia mater

Die Arachnoidea SpinnwebshautPia materHirnhaut:weicheArachnoideaist eine sehr dünne kollagene Gewebeschicht, die neben Fibrinfasern viel Elastin enthält. Die zarte Haut der Arachnoidea liegt der Dura mater an, ist aber nicht mit ihr verbunden. Über die sog. Arachnoidalzotten (Granulationes arachnoidales Arachnoidalzotten (Granulationes arachnoideae)oder Pacchioni-Granulationen), Pacchioni-Granulationendie im Schädel als kleine Ausstülpungen in die venösen Sinus durae matris hineinreichen, wird der Liquor cerebrospinalis (LCS) Liquor cerebrospinalis (LCS):Pacchioni-Granulationenin die Blutbahnen zurück drainiert und resorbiert.
Die Pia mater hingegen liegt direkt auf dem Gehirn. Sie folgt seinen Konturen und ist an den Wurzeln der Hirnnerven festgeheftet. Zwischen Pia mater und Arachnoidea befindet sich der einzige flüssigkeitsgefüllte Raum der Meningen, der Subarachnoidal- bzw. Liquorraum. SubarachnoidalraumEr ist durch eine kleine Liquormenge von der Pia mater getrennt, aber gleichzeitig über faserige Trabekel auch mit ihr verbunden. Diese Fasern liegen im Bereich der Spinalnerven dichter beieinander und bilden auf jeder Seite in Höhe der Nervenaustrittsstelle ein Lig. denticulatum. Die Fasern befinden sich also zwischen der Pia mater und der Duramanschette, die jeden N. spinalis durch das Foramen intervertebrale begleitet.

Praktische Relevanz

Risiken bei Manipulationstechniken

Als gefährliche Komplikation kann durch hochzervikale Manipulationstechniken:hochzervikale, RisikenManipulationstechniken (HVLA-Techniken) eine SubarachnoidalblutungSubarachnoidalblutung ausgelöst werden.
Aufgrund ihrer klinischen Kompetenz sollten Osteopathen erkennen können, ob sie besser auf eine Behandlung verzichten, z. B. wegen geringer Stabilität im hochzervikalen Bereich (bei Neugeborenen und jüngeren Kindern), aber auch bei posttraumatischen oder autoimmun bedingten Instabilitäten der HWS-Ligamente.

Liquor cerebrospinalis (LCS)

Einstülpungen der Pia mater und ein Liquor cerebrospinalis (LCS)Epithelüberzug aus Gliazellen bilden ein baumartig verzweigtes Adergeflecht im Ventrikelsystem des Gehirns, den Plexus choroideus. Plexus choroideusIm Plexus choroideus der Hirnventrikel wird der Liquor gebildet (Abb. 5.22). Der Hauptanteil des LCS befindet sich in den Ventrikeln und nur ein kleiner Anteil umgibt das Gehirn. Von der Gesamt-Liquormenge eines Menschen (über 150 ml) bewegt sich der größte Teil (ca. 120 ml) im Subarachnoidalraum (Subarachnoidalraumäußerer Liquorraum) und nur 30 ml im Ventrikelsystem (innerer Liquorraum). Die zirkulierende Liquormenge wird täglich zwei- bis viermal ausgetauscht. Demnach müssen im Plexus choroideus täglich ca. 500 ml LCS produziert werden.
Der LCS hat im Wesentlichen folgende Funktionen:
  • Liquor cerebrospinalis (LCS):Funktionen Schutz (Kissen) des ZNS vor mechanischer Einwirkung

  • Auftrieb für das ZNS: Mit einem Gewicht von ca. 1.400 g ist das Gehirn viel zu schwer für schmerzfreie Bewegungen. Dieses Problem hat der Körper auf eine genial ökonomische Weise gelöst: Da Liquor und Gehirn annähernd dasselbe spezifische Gewicht besitzen, erfährt das Gehirn einen Auftrieb in der Hirnflüssigkeit. So wiegt es effektiv nur noch 45 g und schwimmt wie ein schwereloser Körper im Wasser.

  • Nährstoffzufuhr zum ZNS

  • Abtransport schädlicher Stoffe (Toxine, Stoffwechselendprodukte, Zellen u. a.) aus dem ZNS. Weder im Gehirn noch in den Meningen gibt es Lymphgefäße. Lymphpflichtige Substanzen werden maßgeblich über den Liquorweg aus dem ZNS entfernt (Kap. 9).

  • Transport von Hormonen

MERKE

Eine gut funktionierende Liquordrainage:DetoxifikationLiquordrainage sorgt für eine Detoxifikation von Gehirn und Rückenmark. Sie ist maßgeblich am reibungslosen Ablauf unserer Steuerungssysteme beteiligt.

Innervation der Dura mater

Die Dura mater Dura mater:Innervationist sehr schmerzempfindlich.
  • Im Schädelbereich wird sie sensibel über kleine meningeale Äste des N. trigeminus Nervus(-i):trigeminus (V)und die ersten 2–3 zervikalen Spinalnerven versorgt.

  • Im Wirbelkanal wird die Dura mater spinalis auf jeder Segmenthöhe sensibel über die Nn. sinuvertebrales Nervus(-i):sinuvertebralesversorgt (Abb. 5.23).

Die Nn. sinuvertebrales (syn. Rr. meningei der Nn. spinales) sind gemischte Nerven und bestehen aus einer:
  • Radix spinalis, aus dem R. ventralis eines Spinalnervs, sowie einer

  • Radix sympathica, die aus dem R. communicans des Truncus sympathicus gespeist wird.

Die sinuvertebralen Nerven versorgen die Strukturen ihres Segments über zwei Äste:
  • einen kurzen Ast, der zum Lig. longitudinale posterius und zur ventralen Dura zieht,

  • einen langen Ast, der um den Wirbelkörper herum verläuft, die Bandscheibe versorgt und im Truncus sympathicus sowie dem Lig. longitudinale anterius endet.

Funktionell haben die plexusartigen Ausdehnungen der sinuvertebralen Nerven besondere Bedeutung. Von jedem Segment ziehen Nervenfasern in kaudaler und kranialer Richtung, über bis zu vier Segmente hinweg, wobei sie teilweise zur Gegenseite einer Segmentebene kreuzen (Abb. 5.24). Über Nervenfasern des Grenzstrangs (Truncus sympathicus) Grenzstrang (Truncus sympathicus)können die Hirnhäute auch mit weiter entfernt liegenden Segmenten kommunizieren. In diesem Zusammenhang kann z. B. eine durale Reizung in Höhe von L5 dazu führen, dass über den Grenzstrang im Segment L2 das zugehörige Hautareal des N. genitofemoralis reflektorisch irritiert wird.
Die plexusartige Überlappung der Innervationsareale erklärt auch, warum eine Reizung der Dura mater nie eine monosegmentale Symptomatik, sondern pseudoradikuläre Symptome oder eine beidseitige Schmerzausstrahlung auslöst (z. B. lumbale Bänderschmerzen Bänderschmerzen:lumbale, durale Reizungund Trapeziussyndrom, Trapeziussyndrom:durale Reizung Abb. 5.25).
Dass der dorsale Bereich der Dura mater neurologisch eher unterversorgt ist, zeigt die Möglichkeit, fast schmerzfreie Punktionen von posterior durchzuführen.

MERKE

Durale Schmerzen:duraleSchmerzen entwickeln sich schleichend als charakteristisches Brennen und sind durch ihre multisegmentale diffuse Ausstrahlung gekennzeichnet.

Funktionen des Duraschlauchs

Still und Sutherland waren beide Mediziner und Osteopathen, die einen dynamisch intakten Duraschlauch Duraschlauch:Funktionenals Voraussetzung für das Funktionieren der Körpersysteme ansahen.
Wie oben erwähnt, hat der Duraschlauch eine Pufferfunktion Duraschlauch:Pufferfunktionund gewährleistet neben einem Schutz im Verletzungsfall auch ein Höchstmaß an Flexibilität und Belastbarkeit im Alltag. Traumen können langfristig ihre Spuren im Duraschlauch hinterlassen oder, anders ausgedrückt, langfristig gespeichert werden und eine Dysfunktion der Wirbelsäule von oben nach unten triggern und umgekehrt. Auffallend ist, dass durale Störungen mit oxidativem Stress einhergehen und damit den Weg für chronische Schmerzen bahnen (Kap. 12).
Ein dynamischer Duraschlauch scheint auch Einfluss auf das Immunsystem Immunsystem:Einfluss des DuraschlauchsDuraschlauch:Einfluss auf das Immunsystemzu haben. Die Oberfläche der Nasennebenhöhlen passt sich den äußeren Bedingungen an: Bei Kälte ist sie größer, um die Atemluft anzuwärmen. Daher haben Menschen, die in Nähe der Antarktis leben, größere Lufthöhlen als Menschen in Äquatornähe. Die Größe der Sinus paranasales und der Crista galli wird in der forensischen Medizin zur Beurteilung des Zustands herangezogen. Über die Ansatzstelle der Dura am Os ethmoidale, also die Crista galli, können rezidivierende Nebenhöhleninfekte auf den Duraschlauch übergreifen und eine Stressreaktion auslösen.
Still und Sutherland vertraten beide die Ansicht, ein Dynamikverlust Duraschlauch:Dynamikverlustdes Duraschlauchs könne auf das Immunsystem zurückwirken. Damals gingen sie allerdings immer von einem mechanischen Einfluss aus. Ein Zug am Duraschlauch entstünde entweder an der Ansatzstelle (Crista galli) wie im Fall einer Nasennebenhöhleninfektion oder infolge einer weiter kaudal befindlichen duralen Irritation, die durch direkten Zug die Anpassungsfähigkeit der Nasennebenhöhlen an exogene Einflüsse beeinträchtigt. Sicher ist diese rein mechanische Betrachtungsweise heute nicht mehr haltbar, da ein Zug an der kranialen Dura keine mechanische Auswirkung bis zum Os sacrum hat. Und die spinale Dura kann keine mechanischen Kräfte übertragen, da sie frei beweglich, aber schlaff im Spinalkanal hängt (Sutherlands Irrtum).
Des Weiteren haben wir gesehen, wie stark die Dura mit dem vegetativen Nervensystem vegetatives Nervensystem:und DuraschlauchDuraschlauch:und vegetatives Nervensystemverbunden ist. Eine durale Funktionsstörung kann daher einen negativen Input für das vegetative Nervensystem darstellen und umgekehrt.
Ein weiterer funktioneller Aspekt ist elektrophysikalischer Natur: Der Duraschlauch gewährleistet eine korrekte Übertragung von Nervenimpulsen in die Peripherie. Die spinale Dura hat somit eine Isolierfunktion. Duraschlauch:IsolierfunktionFunktionell betrachtet ist sie als Perineurium an der Signalübertragung des Nervensystems beteiligt.

Integrativer Therapieansatz

Durch die strukturelle und funktionelle Verbindung Duraschlauch:integrativer Therapieansatzdes Duraschlauchs mit anderen Körpersystemen können beispielsweise Kopfschmerzen, Kopfschmerzentemporomandibuläre Dysfunktionen,Dysfunktion(en):temporomandibuläretemporomandibuläre Dysfunktionen Störungen des mukosalen Immunsystems (z. B. Sinusitis) Sinusitisoder Allergien immer in einer Wechselbeziehung zu rezidivierenden Wirbelläsionen stehen.
Ein integrativer osteopathischer Therapieansatz könnte wie folgt aussehen:
  • Dynamisierung der Matrix Verbesserung der Liquordrainage und somit Detoxifikation der Dura

  • Behandlung von Dysfunktionen der Wirbelsäule Korrektur von Dysfunktionen auf segmentaler Ebene und Harmonisierung von negativen somatoafferenten Reizen

  • Body-Mind-Medizin Bahnung einer vegetativen Stabilisierung

  • orthomolekulare Pufferung von oxidativem Stress usw.

Patientenbesprechung

Grundsätzlich können alle unsere Patienten eine durale Störung aufweisen.

Angelika

Bei der körperlichen Untersuchung sind durale Spannungszeichen erkennbar, da Angelika über ziehende, brennende Schmerzen in der BWS bei Flexion der Wirbelsäule mit Kinn-Sternum-Kontakt klagt. Wie oben dargestellt, interagiert die Dura mit vielen Körpersystemen. Angelika ist metabolisch belastet. Man kann davon ausgehen, dass dies keine gute Regulation der Matrix zulässt. Patienten mit metabolisch-toxischer Belastung weisen häufig eine durale Störung auf. Eine isolierte Behandlung der Rückenmarks- und Hirnhäute mit rein manuellen Techniken wird nicht zu einem anhaltend positiven Ergebnis führen. Wir sollten uns die Matrix genauer anschauen.

Günter

Günter klagt über chronische Probleme im lumbopelvinen Bereich. Seine teilweise fixierte kyphotische Fehlhaltung erzwingt eine starke Kompensation. Günters private Aktivitäten sind alle mit Dynamik verbunden. Seit seiner Jugend leistet er als Heizungsbauer körperlich schwere Arbeit. Neurovegetativ scheint sich Günter eher im ergotropen Betriebsmodus wohlzufühlen, was eine Dysbalance im neurovegetativen System vermuten lässt.

Roland

Roland, der viele Traumen hinter sich hat, ist der klassische ergotrope Typ. Allein schon die Anamnese spricht für eine durale Störung.

Inge

Erinnern wir uns, dass Inge vor drei Jahren ein Schleudertrauma hatte, was sicher bis heute Spuren in den duralen Strukturen hinterlassen hat. Schließlich befindet sich in Höhe von C1 und C2 ein wichtiger Anheftungspunkt für die Dura, d. h., dass gerade Traumen in dieser Höhe einen deutlichen duralen Reiz setzen. Eine orthomolekulare Therapie mit Pufferung des oxidativen Stresses dürfte bei Inge einen hohen Stellenwert haben (Kap. 12).

Zerebrospinale Fehlsteuerung

Christiane Billen-Mertes

Der Mensch ist eine seltsame und interessante Erfindung.

Mark Twain (1835–1910)

Sensomotorik und Wirbelsäule

Einleitung
Was wäre, wenn wir jede Bewegung zerebrospinale Fehlsteuerungvor der Ausführung überdenken müssten? Es gäbe ein Chaos im Gehirn. Für Bewegungen sind überaus komplexe sensomotorische Regulations- und Kontrollsysteme der Wirbelsäule Wirbelsäule:SensomotorikSensomotorik:Wirbelsäuleverantwortlich.
Von Bedeutung sind die automatisch gesteuerten posturalen Reaktionen, posturale Reaktionendie auf spinaler Ebene verschaltet sind und u. a. das Körpergleichgewicht regulieren. Diese posturalen Reaktionen haben eindeutig Vorrang vor den Willkürbewegungen.
Ein Dynamikverlust der Haltungskontrolle der WirbelsäuleHaltungskontrolle:Wirbelsäule Wirbelsäule:Haltungskontrolle, Dynamikverlustzeigt sich in funktionell gestörten Bewegungsabläufen der gesamten Motorik. Das Resultat sind veränderte sensorische Afferenzen, eine Verstellung der inneren Soll- bzw. Referenzwerte für Bewegungen und eine Störung neuromuskulärer Funktionen. Die Muskelaktivierung erfolgt verzögert, die Haltungs- und Bewegungskontrolle des Körpers ist gestört und hat segmentale Instabilitäten sowie Kraftdefizite zur Folge.
Ein besonderes Augenmerk liegt hier auf der Funktion des segmentalen und globalen Rumpfmuskelsystems (Kap. 11.2).
Die kurze segmentale Muskulatur hat die Aufgabe, die Intervertebralgelenke Intervertebralgelenkeder Wirbelsäule innerhalb der physiologischen Grenzen (sog. neutrale Zone nach Panjabi) zuneutrale Zone nach Panjabi stabilisieren. Wissenschaftliche Untersuchungen scheinen zu belegen, dass bei Patienten mit axialen Dysfunktionen Dysfunktion(en):axialeaxiale Dysfunktionen\und Rückenschmerzen Rückenschmerzeneine erhebliche Störung des neuromuskulären Timings vorliegt. Dies geht mit einer massiven Reduktion der Wirbelsäulenstabilität und mit einem erhöhten Risiko für weitere Wirbelsäulenverletzungen einher. Hier wird seit mehreren Jahren eine Störung der unterschiedlichen Propriozeptoren in Gelenken und Bändern diskutiert.
Um eine bessere Segmentstabilisierung Wirbelsäule:SegmentstabilisierungSegmentstabilisierung:Wirbelsäulezu erreichen, bedarf es einer optimierten und koordinierten Aktivierung der gelenkübergreifenden Muskulatur. Diese Feinabstimmung ermöglicht es, die Muskelsteifigkeit im Segment zu fördern und dadurch mechanische Belastungen auf ein Minimum zu reduzieren. Die segmentale Muskelsteifigkeit wird sowohl von lokalen Reflexen (Muskelspindelreflex) Muskelspindelreflexeals auch durch zentrale Ansteuerung von Gamma-Motoneuronen Gamma-Motoneuronebeeinflusst. Über die Gamma-Loop (Gamma-Loop-Motoneuron – Muskelspindel – primäre Ia-Afferenz) kann eine Vorprogrammierung der periartikulären Muskulatur und somit der Gelenkstabilität stattfinden. Die Existenz solcher muskulomuskulären Reflexe ist experimentell bei Tieren und Menschen nachgewiesen.
Daneben gibt es ligamentomuskuläre Reflexe:ligamentomuskuläreReflexe, ligamentomuskuläre Reflexedie eine Kontraktion der Rückenmuskulatur auslösen und die Segmentstabilität erhöhen können. Sie schützen die Kapsel-Band-Strukturen Wirbelsäule:Kapsel-Bandstrukturender Wirbelsäule vor einer mechanischen Überlastung. Jede Überlastung von Wirbelsäulenstrukturen führt zu Veränderungen im afferenten System, in der zentralen Verarbeitung und der neuromuskulären Aktivierung. Nicht geschädigte Funktionskreise können solche Fehlfunktionen kompensieren. Die neuronale Plastizität des Gehirns ermöglicht neue Bewegungsmuster, indem sich entsprechende Engramme im ZNS bilden (Kap. 11.2.2). Studien belegen, dass sich die kortikalen Bewegungsengramme kortikale BewegungsengrammeBewegungsengramme, kortikalebei Wirbelsäulenschmerzen infolge eines neuronalen Umbaus verändern. Damit gehen Defizite der posturalen Kontrolle einher, die möglicherweise durch eine Reorganisation der Rumpfmuskel-Repräsentation im Motorkortex Rumpfmuskel-Repräsentation:MotorkortexMotorkortex:Rumpfmuskel-Repräsentationbedingt sind.
Bedeutung der oberen Halswirbelsäule
Die obere Halswirbelsäule Halswirbelsäule, obere:Bedeutungbzw. der kraniozervikale Übergang kraniozervikaler Übergang:Bewegungssteuerungist als autonomes Teilsystem der Bewegungssteuerung zu betrachten. Eine Besonderheit dieser Wirbelsäulenregion besteht darin, dass sie mit sinnesorganartigen Qualitäten ausgestattet und mit wichtigen Steuerungszentren des ZNS, z. B. mit dem Hirnstamm, vernetzt ist. Die Rezeptoren der oberen HWS liegen in der tiefen autochthonen Nackenmuskulatur. Nackenmuskulatur:tiefe, autochthoneSie bilden ein permanent aktives Messsystem, um wechselnde Positionen von Kopf und HWS zum Körper auszugleichen. Solange das physiologische Messsystem funktioniert, ist die posturale Kontrolle der Wirbelsäule gesichert. Bewusst werden die feinen neurophysiologischen Mechanismen dieses Messsystems vom Körper nicht wahrgenommen. Erst wenn es durch pathologische Veränderungen im Bereich der oberen HWS zu falschen Afferenzen aus dem Nackenrezeptorfeld Halswirbelsäule, obere:Afferenzen aus dem Nackenrezeptorfeldkommt, die vegetative Beeinträchtigungen (z. B. Übelkeit) im Hirnstamm auslösen, werden dem Patienten die engen Verbindungen zwischen ZNS und axialen Dysfunktionen bewusst.

MERKE

In Höhe von C0–C2 registrieren Propriozeptoren die Kopfposition in Relation zum Rumpf. Fehlermeldungen können funktionelle Störungen im ZNS zur Folge haben.

Entwicklungsgeschichtlich gehört der kraniozervikale Übergang zukraniozervikaler Übergang:Entwicklungsgeschichte den ältesten Regionen des Körpers. Dementsprechend hat er große Bedeutung für die physiologische Entwicklung von Kopf, Rumpf und auch inneren Organen.
Diese Region stellt Osteopathen vor gewisse Herausforderungen in der täglichen Praxis. Die Patienten klagen über mannigfaltige Symptome, von Gleichgewichtsstörungen Gleichgewichtsstörungenüber Kopf- und Halsschmerzen sowie Übelkeit Übelkeitbis hin zu Hör- und Sehstörungen. SehstörungenHörstörungenDiese Symptome sollten Osteopathen entsprechend einer ganzheitlichen Betrachtungsweise des Menschen in die Anamnese und Behandlungsstrategie einzuordnen wissen (Kap. 11.2.2).
Zu einem besseren ganzheitlichen Verständnis des kraniozervikalen Übergangs folgt nun ein kurzer Exkurs in die funktionelle Neuroanatomie.
Funktionelle Neuroanatomie des kraniozervikalen Übergangs
Im Bereich der kraniozervikaler Übergang:Neuroanatomie, funktionelleoberen Kopfgelenke sind sowohl Spinal- als auch Hirnnerven von Bedeutung, da sie direkte und indirekte Afferenzen zum ZNS weiterleiten.
Einen besonderen Stellenwert hat die tiefe subokzipitale Muskulatur, subokzipitale MuskulaturPropriozeption:subokzipitale Muskulaturdie eine hohe Dichte an Muskelspindeln aufweist und somit an der Propriozeption der posturalen Kontrolle beteiligt ist. Die tiefe autochthone Muskulatur spielt eine wichtige Rolle bei der Feinjustierung von Kopf, Körper, Extremitäten und der Augenstellung im Raum. Als Messsystem für die Kopf-Rumpf-Einstellung subokzipitale Muskulatur:Kopf-Rumpf-EinstellungKopf-Rumpf-Einstellung:subokzipitale Muskulaturist die subokzipitale Muskulatur von fundamentaler Bedeutung. Sie wird vom N. suboccipitalis aus C1 innerviert, der mit dem N. occipitalis major anastomosiert. Über diese Anastomose wird ein großer Anteil der Afferenzen über die Hinterwurzel C2 zum ZNS geleitet (Abb. 5.26). Die zentralen Afferenzen aus dem muskulären Anteil der oberen Kopfgelenke verlaufen im zervikalen Rückenmark bis zum Hirnstamm und nach kaudal bis ins thorakale Rückenmark.
Neben den subokzipitalen Muskeln Kopfpositionierung:subokzipitale Muskelnbilden die supra- und infrahyalen Muskeln suprahyale Muskelninfrahyale Muskelneine wichtige Muskelkette für die Kopfpositionierung imKopfpositionierung:infra- und suprahyale Muskeln Raum. Zudem stellt die Zungenbeinmuskulatur eine funktionell wichtige Komponente für die Stabilisierung und Höhenverstellung des Larynx sowie die Kiefer- bzw. Mundöffnung dar. Insbesondere bei Kau- und Schluckbewegungen werden die tiefen Nacken- und Zungenmuskeln, die Zungenbein- und Kaumuskulatur in einer arthrokinematischen Kette aktiv. Im Alltag müssen Kopf- und Kiefergelenke permanent ausgeglichen werden (Abb. 5.27).
Innerviert werden die Kaumuskeln vom N. trigeminus (VNervus(-i):trigeminus (V). Hirnnerv). Der N. trigeminus besitzt drei sensible Hirnnervenkerne, zu denen nicht nur seine eigenen, sondern auch die Fasern anderer Hirnnerven, vor allem des N. facialis (Nervus(-i):facialis (VII)VII. Hirnnerv), des N. glossopharyngeus (Nervus(-i):glossopharyngeus (IX)IX. Hirnnerv) und des N. vagus (X. Nervus(-i):vagus (X)Hirnnerv) hinführen. Es kommt zu einer Konvergenz all dieser Afferenzen sowie spinaler Afferenzen aus C2–C3. Auch Afferenzen aus der intrinsischen und extrinsischen Zungenmuskulatur (N. hypoglossus, XII. Nervus(-i):hypoglossus (XII)Hinrnerv) werden über die Hinterwurzeln von C2–C3 und den Thalamus zum ZNS geleitet (Abb. 5.28). Der Komplex der Trigeminuskerne untersteht der Kontrolle von deszendierenden Bahnen aus dem Kortex, limbischen System und Hirnstamm.
Nicht zu vergessen, auch die Einstellung der Augen Augen:Einstellungsteht zur Kopfposition inKopfpositionierung:Augeneinstellung Beziehung. Jegliche visuelle Fixierung von Objekten kann nur in Feinabstimmung mit der tiefen autochthonen Nackenmuskulatur realisiert werden. Hierbei ist das vom Mittelhirn ins Rückenmark absteigende Längsbündel (Fasciculus longitudinalis medialis) von zentraler Bedeutung. Seine Aufgabe besteht darin, die Blick-, BlickbewegungenKopf- und Rumpfbewegungen RumpfbewegungenzuKopfbewegungen koordinieren. Nicht immer reagieren zuerst die Augen auf einen visuellen Input. Wenn sich ein Zielobjekt beispielsweise nicht im Mittelfeld des Körpers befindet, bewegt sich nämlich zuerst der Kopf. Die autochthone Nackenmuskulatur stabilisiert die HWS, um dadurch eine stabile Basis für schnelle Augenbewegungen zu gewährleisten. Diese Kopf-Augen-Koordination Kopf-Augen-Koordinationbeeinflusst stabilisierende Reaktionen des gesamten Körpers im Raum.

Funktionelle Wirbelsäulenstörungen vom Säuglings- bis zum Erwachsenenalter

Als KISS-Syndrom KISS-Syndromwerden seit Wirbelsäulenstörungen:funktionellefunktionelle Störungen:WirbelsäuleJahren bekannte Asymmetriesymptome bei Säuglingen und Kindern zusammengefasst. Den Begriff der kopfgelenkinduzierten Symmetriestörung (kopfgelenkinduzierte Symmetriestörung s. KISS-SyndromKISS) hat der Dortmunder Arzt Dr. Biedermann geprägt.
In neueren Publikationen weist Hülse (2005) darauf hin, dass Asymmetriesymptome nicht nur auf den kraniozervikalen Übergang beschränkt bleiben. Dementsprechend spricht er von einem Tonus-Asymmetrie-Syndrom.
Tonus-Asymmetrie-SyndromAls logische Konsequenz einer ganzheitlichen Sichtweise des Menschen sollte man Asymmetrien im Rahmen einer weiterlaufenden arthrokinematischen Kette betrachten. Wichtige Regionen sind dabei:
  • Kiefergelenk

  • Kiefergelenk zervikothorakaler Übergang zervikothorakaler Übergangmit beiden Claviculae

  • thorakolumbaler Übergang

  • thorakolumbaler Übergang lumbopelvine Region lumbopelvine Regionund Hüftgelenke

Aufgrund der Pathophysiologie ist eine Störung im Bereich des kraniozervikalen Übergangs nicht nur als rein arthromuskuläre Funktionsstörung, sondern auch als sensomotorische Integrationsstörung zu sehen. Im Abschnitt über die obere Halswirbelsäule (s. o.) ist deutlich geworden, dass funktionelle Störungen in Höhe von C0–C2 (Hirnstammebene) sowohl kortikale als auch subkortikale Fehlschaltungen auslösen können. Bei Säuglingen wäre es äußerst fatal, eine Blockierung der oberen HWS nicht zu erkennen, denn sie kann zu einer ernsten Wahrnehmungsstörung führen, die sich negativ auf die normale sensomotorische Entwicklung auswirkt. Dass ihr Kind die posturale Kontrolle nur zeitlich verzögert lernt, erkennen die Eltern oft erst, wenn es eine dominante Seite entwickelt, d. h., wenn sich das Kind nur zu einer Seite hin dreht.

Kritische Anmerkung

Die Praxis zeigt, dass Kinderärzte die oft sehr deutliche Tonus-Asymmetrie-Tonus-Asymmetrie-Syndrom:Symptomatik im KindesalterSymptomatik einfach negieren und besorgten Eltern nur lapidar entgegnen: Das wächst sich aus.
Für Osteopathen ein nicht nachvollziehbarer Gedanke! Hebammen achten oft viel genauer darauf, ob sich ein Säugling normal entwickelt. Sie gehören, zusammen mit Osteopathen, zu einem interdisziplinären Team, das sich um die Entwicklung des Kindes kümmert.
In der normalen sensomotorischen Entwicklung zeigen sich angeborene Reflexschablonen, die einer ontogenetischen Hierarchie folgen. Die Entwicklung des Säuglings ist, besonders im ersten Lebensjahr, davon geprägt, dass alte phylogenetische Reflexmuster benutzt und in höhere ontogenetische Bewegungsmuster integriert werden.
Die vielfältigen Entwicklungsstadien im ersten Lebensjahr sind von der Kopf- und Rumpfkontrolle abhängig. Neben der Fortbewegung lernt das Kind in dieser Zeit das zielgerichtete Greifen mit beiden Händen und die isolierte Bewegung des Kopfes gegenüber dem Rumpf. Die freie Kopfbewegung ist unerlässlich für eine gute Raumorientierung. Begreifen kommt von Greifen, was im übertragenen Sinn die Entwicklung von kognitiven und intellektuellen Fähigkeiten beinhaltet (Kap. 11.2.2).

MERKE

Die normale posturale posturale Kontrolle:NackenmuskulaturKontrolle und die Fortbewegung in aufrechter Haltung sind ohne eine funktionstüchtige tiefe autochthone Nackenmuskulatur nicht möglich.

Eine wichtige Rolle für die sensomotorische Entwicklung spielen tonische Halsreflexe, die über die Propriozeptoren in der oberen HWS ausgelöst werden. Hierzu zählen der asymmetrisch-tonische Nackenreflex (ATNR), der symmetrisch-tonische Nackenreflex (STNR) und der tonische Labyrinthreflex (TLR).
Diese Reflexe sind in der pädiatrischen Literatur als primitive Reflexe bekannt.
Primitive Reflexe und ihre Auswirkung auf die Motorik
Warum haben Motorik:Reflexe, primitiveReflexe, Reflexe:primitive, Auswirkung auf die Motorikdie auf der Ebene des Rückenmarks und Hirnstamms reguliert werden, Einfluss auf die Haltungs- und Bewegungssteuerung der Wirbelsäule?
Typische reproduzierbare Reaktionsmuster auf gezielte äußere Reize werden als primitive oder frühkindliche Reflexe Reflexe:frühkindlichefrühkindliche Reflexebezeichnet. Diese Reflexe laufen ohne Beteiligung des Großhirns ab und dienen der Nahrungssuche und -aufnahme sowie als Schutzreflexe. Sie lassen sich in den ersten Lebenswochen und -monaten des Kindes beobachten und werden durch höhere Funktionen im Rahmen der Entwicklung des Großhirns nach und nach in den Bewegungsablauf integriert.
Die frühkindlichen Reflexe gehören zu unserer genetischen Grundausstattung, die unser Überleben und die posturale Kontrolle der Wirbelsäule sicherstellt. Im ersten Lebensjahr werden diese Reflexe in höhere motorische Zentren integriert. Dominiert von subkortikalen Kernen (Basalganglien) stehen uns physiologische Reflexe ein Leben lang zur Verfügung. In vielen Lebenssituationen können sie hilfreich sein. Besonders deutlich zeigt sich das bei Angstreaktionen oder einer starken motorischen Beanspruchung, z. B. im Sport. Diese Reflexe gehören zu einem System komplexer motorischer Abläufe, die im ersten Lebensjahr der ontogenetischen Entwicklung verfeinert werden.
Wenn frühkindliche Reflexe außerhalb der normalen motorischen Entwicklung überdauern, weist das auf eine verzögerte Reifung des ZNS hin. Persistierende frühkindliche ReflexeReflexe:frühkindliche frühkindliche Reflexe:persistierendekönnen dazu führen, dass subkortikale Bewegungsmuster Bewegungsmuster:subkortikalebestehen bleiben und die Entwicklung differenzierter Bewegungsabläufe behindern.

MERKE

Reflexe steuern unsere Haltung, Bewegung, unser Gleichgewicht und die Einstellung auf die Umwelt.

Wenn man sich die Stereotypie der Reflexe im Therapieprozess bewusst macht, so wird deutlich, dass Störungen der Primärreflexe:StörungenPrimärreflexe (z. B. Blockierung der oberen Kopfgelenke:BlockierungKopfgelenke) weitreichende Folgen auf die Haltungskontrolle des Körpers im Raum haben.

Beim Erwachsenen sind KoordinationsproblemeKoordinationsprobleme wie z. B. zwei linke Hände und GleichgewichtsstörungenGleichgewichtsstörungen (häufiges Stolpern bei unregelmäßigem Gang:unregelmäßigerGang) typisch. Zudem können Akkommodationsschwierigkeiten auftreten, d. h. die Fähigkeit der Linse, sich auf Nah- und Fernsicht einzustellen, beeinträchtigt sein.

Auch wenn sich dieses Arbeitsbuch primär auf axiale Funktionsstörungen des Erwachsenen bezieht, ist es für Osteopathen elementar zu wissen, wie sich die Persistenz der Halsreflexe Halsreflexe:Persistenzbei Kindern auswirkt. Nur über diese Erkenntnis kann ein funktionelles osteopathisches Behandlungskonzept zur Regulierung von Somatoafferenzen bei Erwachsenen mit axialen Dysfunktionen aufgebaut werden.
Asymmetrisch-tonischer Nackenreflex (ATNR)
Dieser Reflex ist physiologisch Nackenreflex:asymmetrisch-tonischer (ATNR)asymmetrisch-tonischer Nackenreflex (ATNR)bisATNR s. asymmetrisch-tonischer Nackenreflex zum dritten Monat vorhanden. Ausgelöst wird er durch eine Kopfdrehung zu einer Seite im Raum. Dabei werden die Nackenrezeptorfelder gedehnt. Es kommt zu globalen Beuge- und Strecksynergien der Muskulatur der Extremitäten und der Wirbelsäule: auf der Gesichtsseite zu einer Extension und auf der Hinterkopfseite zu einer Flexion der Extremitäten. Der Rumpf wird auf der Gesichtsseite konvex gebogen (Abb. 5.29).
Der ATNR ist präsent, wenn sich die erste visuelle Fixierung naher Objekte entwickelt. Vom Nervensystem gesteuert, wird der Arm nach dem erkannten Objekt ausgestreckt. Persistiert der ATNR über den dritten Lebensmonat hinaus, wird die Entwicklung verschiedener anderer Funktionen verhindert.
Motorische Auswirkungen eines persistierenden ATNR
Bleibt der ATNR präsent, asymmetrisch-tonischer Nackenreflex (ATNR):persistierender, motorische Auswirkungenkann das Gleichgewicht beim Gehen schwieriger gehalten werden. Oft kommt es zu Stürzen aus ganz banalen Situationen heraus.
Auch Schwierigkeiten beim Schreiben werden sich entwickeln. Jedes Mal, wenn das Kind den Kopf dreht, um auf das Blatt vor sich zu schauen, wird sich der Arm ausstrecken wollen. Da sich gleichzeitig die Finger öffnen wollen, kann der Stift kaum adäquat in der Hand gehalten werden. Das macht längeres Schreiben mit der Hand zu einer enormen Anstrengung.
Symmetrisch-tonischer Nackenreflex (STNR)
Auch dieser Reflex ist bis zum symmetrisch-tonischer Nackenreflex (STNR)STNR s. symmetrisch-tonischer NackenreflexNackenreflex:symmetrisch-tonischer (STNR)dritten Lebensmonat physiologisch. Er wird durch eine Extension bzw. Flexion des Kopfes ausgelöst (Abb. 5.30).
  • Bei Flexion des Kopfes kommt es aufgrund der Dehnung der Nackenrezeptorfelder zu einem Hypertonus der Flexoren in beiden Armen und der Extensoren in beiden Beinen – mit primitiven Mustern (Abb. 5.30b).

  • Bei Extension des Kopfes kommt es zu einer tonischen Extension beider Arme und einer tonischen Flexion beider Beine (Abb. 5.30a).

Motorische Auswirkungen eines persistierenden STNR
Dieser Reflex beeinflusst symmetrisch-tonischer Nackenreflex (STNR):persistierender, motorische Auswirkungenbei Kindern und Erwachsenen die visuelle Wahrnehmung. Demnach ist eine freie Arthrokinematik der oberen Kopfgelenke eine wichtige Voraussetzung für eine optimale Okulomotorik (OkulomotorikSteuerung eines Auges) und Blickmotorik (BlickmotorikSteuerung beider Augen). Bei einer Blockade in der oberen HWS müssen die Augenmuskeln die Einstellung des Kopfes kompensieren. Lesen wird schnell anstrengend, da die Augenmuskeln rasch ermüden und sich der Tonus der subokzipitalen Nackenmuskulatur erhöht. Oft resultieren daraus sog. Spannungskopfschmerzen und eine pseudoradikuläre Symptomatik im Bereich der HWS. Es entsteht ein Teufelskreis.
Tonischer Labyrinthreflex (TLR)
Der tonische Labyrinthreflex wird tonischer Labyrinthreflex (TLR)TLR s. tonischer LabyrinthreflexLabyrinthreflex, tonischer (TLR)über die Kopfbewegungen in Bezug zum Körper ausgelöst. Dieser Reflex ist bis zum dritten Lebensmonat physiologisch.
Bewegt sich der Kopf in eine Flexion zum Rumpf, wirkt sich der Einfluss der Schwerkraft auf das Labyrinth im Innenohr so aus, dass sich der Körper mitsamt Armen und Beinen beugt.
Bei Extension des Kopfes bewirkt der TLR eine Streckung von Rumpf, Armen und Beinen (Abb. 5.31).
Motorische Auswirkungen eines persistierenden TLR
Dieser Reflex reguliert dietonischer Labyrinthreflex (TLR):persistierender, motorische Auswirkungen Balance der Beuge- und Streckmuskeln des Rumpfes. Somit besteht ein enger Zusammenhang zum Gleichgewicht und zur Kontrolle der Kopfhaltung.
  • Ist der TLR fortgesetzt präsent, bedarf es ständiger Aufmerksamkeit des Kindes oder Erwachsenen, sein Gleichgewicht zu halten.

  • Dem Kind fällt eine gleichbleibende Orientierung schwer, sein Blick springt zwischen den Zeilen, es geht weiterhin im Zehenspitzengang und übt bei einfachen Tätigkeiten (z. B. Schreiben) zu viel Kraft aus.

  • Der TLR verhindert, dass sich die Verbindung der Augen zum Labyrinth vollständig ausbildet, was Auswirkungen auf die Augenmuskelkontrolle hat.

Häufig stellt sich bei Kindern mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche (Lese-RechtschreibschwächeLegasthenie) Legasthenieoder Rechenschwäche (RechenschwächeDyskalkulie) Dyskalkulieheraus, dass der persistierende TLR mit auditiven und visuellen Problemen einhergeht. Dies betrifft die Reihenfolge und den Rhythmus, was sich deutlich zeigt, sobald sie lesen, Aufsätze oder Diktate schreiben bzw. Aufträge ausführen sollen. Wenn grundlegende körperliche Abläufe nicht bewusst kontrolliert werden können, geht das auf Kosten der Begriffsbildungssysteme, die mit dem Spracherwerb, dem Lesen, Schreiben, Rechnen und anderen Lernprozessen in Zusammenhang stehen.
Die beschriebenen Probleme kristallisieren sich manchmal erst im Erwachsenenalter heraus. Über eine gezielte Anamnese lässt sich herausfinden, ob es z. B. Probleme hinsichtlich einer Legasthenie gab bzw. noch gibt.

Zusammenfassung

Bei Erwachsenen lassen sich folgende Symptome einer funktionellen Entwicklungsstörungen:funktionelle SymptomeEntwicklungsstörung beschreiben:
  • Halswirbelsäulenbeschwerden

  • Ohrgeräusche (Tinnitus)

  • erhöhte Infektanfälligkeit im HNO-Bereich

  • kraniomandibuläre Dysfunktionen

  • chronische Rückenschmerzen

  • Kopfschmerzen bis hin zu Migräne

  • vertebragener Schwindel

  • Gleichgewichtsstörungen

  • Nervosität

  • Depressionsneigung

  • Schlafstörungen

Es wird deutlich, dass sich diese Störungen nicht nur auf eine segmentale Funktionsstörung der oberen Kopfgelenke reduzieren lassen, sondern die sensomotorische Entwicklung des ganzen Körpers betreffen. Bei einem unentdeckten KISS-Syndrom KISS-Syndrompotenzieren sich die Beschwerden bis zu einer subkortikalen oder kortikalen Ebene hoch.
Wenn ein KISS-Syndrom diagnostiziert wurde, ist ein frühzeitiger Behandlungsbeginn äußerst wichtig. Als effektive therapeutische Intervention empfiehlt Biedermann, eine Funktionsstörung der oberen Kopfgelenke mit einer dreidimensionalen manipulativen Gelenktechnik in Höhe von C0–C3 zu korrigieren. Falls weitere Dysfunktionen bestehen, sollte man zusätzlich die ganze Wirbelsäule mit ISG/Becken und Hüftgelenken behandeln. Biedermann sieht die Manipulation der oberen Kopfgelenke als gute Voraussetzung für weitere ganzheitliche Therapieansätze im Rahmen einer neuromuskulären Integration.
Untersuchung auf pathologische posturale Reflexe
Zum Nachweis von Reflexe:posturale s. posturale Reflexepathologischen posturale Reflexe:pathologische, Untersuchungposturalen Halsreflexen Halsreflexe:posturale, pathologischegibt es simple Testmethoden. Sie sind hervorragend für den Praxisalltag geeignet, da sie schnell durchgeführt werden können und eine Tendenz zu subkortikaler Dysregulation erkennen lassen.
Einbeinstand
Bei axialen Dysfunktionen Einbeinstand:axiale Dysfunktionenaxiale Dysfunktionen:Einbeinstandkönnen EinbeinstandErwachsene kaum 10 Sekunden lang das Gleichgewicht auf einem Bein halten.
  • Eine weitere Provokation für den Patienten ist das Schließen der Augen im Einbeinstand.

  • Zusätzlich kann die obere HWS passiv in Extension, Lateralflexion und heterolateraler Rotation positioniert werden, um die posturale Kontrolle im Einbeinstand bei geschlossenen Augen zu beurteilen.

Das Schließen der Augen verstärkt die Gleichgewichtsproblematik deutlich, weil dadurch die Augenkontrolle im Raum als Kompensationsmöglichkeit wegfällt.
Hüftabduktionstest
Bei einer Störung der Hüftabduktionstestoberen Kopfgelenke kommt es zu einer deutlichen Einschränkung der Abduktionsbewegung im Hüftgelenk (bis zu 50) im Seitenvergleich.
Funktionelle osteopathische Behandlung
Bei einer zerebrospinalen Fehlsteuerung der Wirbelsäule bedarf es einer Harmonisierung von Somatoafferenzen Somatoafferenzen:Harmonisierungauf unterschiedlichen Ebenen. Möglich ist folgende Vorgehensweise:
  • Deblockierung der oberen Kopfgelenke mit Impulstechniken oder myofaszialen Techniken zur Reduzierung der Nozizeption von persistierenden Halsreflexen

  • Ausschaltung des Einflusses kraniomandibulärer Afferenzen auf die HWS

  • Anbahnung physiologischer subkortikaler Bewegungsmuster

  • Aktive neuromuskuläre Stabilisierung der Wirbelsäule

  • Verbesserung der Stoffwechsellage bzw. des metabolen Zustands

Harmonisierung von somatoafferenten Impulsen

Philip Van Caille

Greift nur hinein ins volle Menschenleben! Ein jeder lebt's, nicht vielen ist's bekannt und wo ihr's packt, da ist's interessant.

J.W. von Goethe

Einführung

Der Mensch ist ein somatoafferente Impulse:Harmonisierunghochdynamisches Informationsverarbeitungs- und Regulierungssystem.
Aus Ungleichgewichten und den Bemühungen sowie Erfahrungen des Körpers, sich zur Mitte hin zu orientieren, erwächst in einem ständigen Übungs- und Lernprozess die Regulierungsfähigkeit des dynamischen Organismus. Wenn ein System dies gelernt hat, kann es sich selbst organisieren und reorganisieren. Das versetzt beispielsweise das axiale System in die Lage, als dynamischer muskuloskelettaler Puffer für interne und externe Reize zu fungieren.
Somatoafferente somatoafferente Reizebzw. somatosensible Reize somatosensible Reizesind die bewussten Empfindungen des Körpers, die das axiale Puffersystem manchmal belasten oder überlasten. Dies kann eine Entgleisung des dynamischen Gleichgewichts zur Folge haben. Krankheiten wie z. B. chronische Rückenbeschwerden sind Ausdruck einer Entgleisung. Das heißt, die Anpassungsfähigkeit ist eingeschränkt, die Informationsverarbeitung langsam und ineffizient, die Selbstregulation nicht mehr vorhanden.
Die Wirbelsäule ist als wesentlicher Bestandteil des muskuloskelettalen Systems mit allen anderen Körpersystemen bis auf die zelluläre Ebene vernetzt. Oft neigt sie dazu, ihre Pufferqualität zu verlieren. Wenn die Wirbelsäule Wirbelsäule:funktionelle Dekompensierungfunktionell dekompensiert, resultiert daraus oft eine akute Erkrankung. Infolge der Entgleisung und Starre der Regulationsmöglichkeiten chronifiziert die Problematik oder zeigt sich therapieresistent.
Eine gesunde Struktur braucht eine Basisregulation, die den neutralen Bereich optimiert. Der sog. neutrale Bereich neutraler Bereichbestimmt die Pufferaktivität und -qualität des axialen Systems. Nur mit diesem Spielraum kann sich die Wirbelsäule an Reize adaptieren, ohne Schaden zu nehmen. Eine Dysfunktion der Wirbelsäule führt per Definition zu einer Einschränkung des neutralen Bereichs.
Um das entgleiste System erfolgreich behandeln zu können, stellt sich die Frage nach der Ursache der Dysbalan DysbalanUrsachenDurch welche somatoafferenten Reize wird das axiale Puffersystem am häufigsten akut oder chronisch belastet?

Orthotropismus

Tropismus ist ein bekannter funktioneller Begriff in der Physiologie von Pflanzen. Gemeint ist eine durch Umweltreize induzierte räumliche Orientierung. Tropismen werden nach dem Reiz benannt, der sie auslöst. So sprechen wir von Phototropismus, wenn Licht der Reiz ist, und von Heliotropismus, wenn die Sonne der Reiz ist. Die Sonnenblume z. B. hat die Eigenart, sich immer zur Sonne hinzuwenden.
Dementsprechend kann der Begriff Orthotropismus Orthotropismusauf die Anpassung des menschlichen Körpers an externe und interne Reize angewendet werden. Orthotropismus führt dazu, dass unser Körper bzw. die muskuloskelettalen Strukturen der Einwirkung der Schwerkraft gegensteuern können, um einen statischen und dynamischen Aufrichtungsprozess zu realisieren und das Gleichgewicht zu halten. Der Körper strebt durch Kompensierung die Rückkehr in die Lotrechte an. Orthotropismus ließe eine Schräglage wie beim schiefen Turm von Pisa nicht zu!
Der Ausgleich kann in aufsteigender und absteigender Richtung erfolgen. Man könnte auch von einer orthokinetischen Homöostase orthokinetische HomöostaseHomöostase:orthokinetischesprechen. Über das okuläre System, Labyrinth- und tonische Nackenreflexe versucht der Körper bei lokomotorischen Bewegungen ständig das Gleichgewicht zu halten, während sich der Körperschwerpunkt natürlich logischerweise permanent im Gravitationsfeld verlagert.

MERKE

Der Drang nach Orthotropismus löst aufsteigende und absteigende Kettenreaktionen aus.

Die Haltungs- Haltungssteuerungoder posturale Steuerung posturale Steuerunglässt sich in zwei wesentliche Bereiche einteilen:
  • 1.

    Der Bereich der Kopfgelenke mit seinen Konvergenzen zeichnet sich durch eine weit überdurchschnittliche Dichte sensorischer Nervenfasern aus. Dies ermöglicht eine exakte sensomotorische Steuerung wie etwa die Blickrichtung der Augen und der kurzen Nackenmuskeln zur Kopfkontrolle und die Auslösung absteigender neuromyofaszialer Kettenreaktionen.

  • 2.

    Der Bereich der unteren Extremitäten mit Füßen und Becken bildet die Basis der Haltungssteuerung. Der Fuß ist ein aktives sensomotorisches Greiforgan, dessen sensible Wahrnehmungen das zentrale Gleichgewicht ergänzen. Die kurzen Fußmuskeln sind aktiv am Aufbau der Fußgewölbe beteiligt und lösen über propriozeptive Verschaltungen aufsteigende neuromuskuläre Kettenreaktionen aus.

Beide Bereiche haben sich als dominant erwiesen. Mehrere Untersucher wie Fitzpatrick und McCloskey (1994) zeigten, dass die Steuerung der sog. Haltungshomöostase Haltungshomöostasevom visuellen und podologischen System dominiert wird (Abb. 5.32).
Theoretisch können noch andere Faktoren das Haltungssystem und somit die Körperhaltung beeinflussen. Jedes biologische System wird von einer Vielzahl innerer und äußerer Reize beeinflusst bzw. belastet. Ein Reiz bedeutet eine Irritation für die Ordnung des Systems. Neben der sog. Kopf- und Fußsteuerung KopfsteuerungFußsteuerungkönnen solche Irritationen als negative Kofaktoren gesehen werden. Es kann sich um chemische, mechanische, elektromagnetische oder psychische Belastungen Haltungssystem:chemische, mechanische, elektromagnetische oder psychische Belastungenhandeln.
  • Chemische Reize sind z. B.

    • metabolische Störungen, Ernährungsfehler,

    • Starre und Entgleisung des Säure-Basen-Gleichgewichts,

    • chronische toxische Belastungen.

  • Mechanische Reize sind z. B.

    • Mobilitätsverlust,

    • fasziale Distorsionen, traumatische bzw. posttraumatische Veränderungen,

    • degenerative strukturelle Änderungen,

    • körperliche Überbelastung.

  • Elektromagnetische Reize: Elektrosmog als Sammelbegriff für eine Umweltbelastung durch elektromagnetische Felder und Strahlungen

  • Psychische Reize sind z. B.

    • Übersteigerung und Verminderung des Selbstwertgefühls,

    • psychosoziale Störungen,

    • mentale Überlastung.

Das Haltungssystem

Die Funktionalität des Haltungssystems HaltungssystemHaltungssystem:Funktionalitätbestimmt die Posturologie, Posturologiedie das sichtbare Resultat der Gleichgewichtsregulation ist. Hier wird das unbewusste, sensorisch-motorisch kontrollierte Haltungssystem des Körpers besprochen.
Die von den Strukturen des Haltungssystems Haltungssystem:Posturologiegesteuerte Posturologie ist ein Regulationsverfahren, mit dem der Körper versucht, sich an somatoafferente Reize wie Schmerzen, Muskeldysbalancen, Störungen des Raumgefühls, Traumen, psychische Belastungen usw. anzupassen. Das Haltungssystem Haltungssystem:DysfunktionDysfunktion(en):Haltungssystemwird immer wieder durch Afferenzen belastet und manchmal von der Intensität und Quantität der Reize überfordert. Diese Überforderungen können zu Dekompensierungen führen und Beschwerden entstehen lassen. Hat sich eine Dysfunktion des Haltungssystems eingestellt, lässt sich dadurch auch erklären, warum bestimmte vertebrale Beschwerden rezidivieren oder warum Schmerzen chronifizieren. Seit über 150 Jahren haben sich Mediziner und Ingenieure immer wieder mit der Frage beschäftigt, die schon der schottische Anatom und Physiologe Sir Charles Henry Bell sich stellte: Wie vermag der Mensch eine aufrechte oder gerade Haltung gegenüber den Windkräften aufrechtzuerhalten? Heute ist es die moderne Posturologie, die diese Frage zu beantworten versucht.

Rezeptoren des posturalen Systems

Das posturale System Rezeptoren:posturales Systemposturales System:Rezeptorenverfügt über ein sensorisches Empfangs- und Verarbeitungssystem, eine motorische Programmierung und motorische Funktionskontrolle durch Rückkopplung. Aus neurophysiologischer Sicht ist dies keine einfach zu realisierende Leistung, und der Körper verwendet dazu verschiedene Informationsquellen:
  • Propriozeptoren, Propriozeptorendie ununterbrochen die Stellung und Bewegung des Körpers im Raum wahrnehmen (Muskelspannung, -länge, Dehnungszustand der kapsuloligamentären Strukturen) und an das ZNS weiterleiten.

  • Exterozeptoren, Exterozeptorendie uns tasten, hören, sehen und eine Beziehung zu unserer Umgebung herstellen lassen.

  • Höhere Zentren, posturales System:höhere Zentrenhöhere Zentren, posturales Systemin denen die Informationen der ersten zwei Quellen verarbeitet und die Reaktionen darauf ausgelöst werden.

Extero- und Propriozeptoren sind Nervenzellen mit speziellen Strukturen zur Reizaufnahme. Diese Rezeptoren vermitteln Informationen. In der Epidermis sind z. B. die Merkel-Zellen zusammen mit den Meissner-Körperchen dafür verantwortlich, das Gehirn über die Intensität eines Reizes zu informieren. Dasselbe machen die Stäbchenzellen in der Netzhaut für Lichtreize, Vater-Pacini-Körperchen inVater-Pacini-Körperchen den Muskeln, Ruffini-Körperchen Ruffini-Körperchenund Golgi-Rezeptoren anGolgi-Rezeptoren den Gelenken usw. Die Rezeptoren können in zwei Arten unterteilt werden:
Die primären Rezeptoren Rezeptoren:primärelösen selbst Aktionspotenziale Aktionspotenziale:Rezeptorenaus. Dazu gehören z. B.
  • Nozizeptoren, Nozizeptorendie auf eine drohende oder eingetretene Verletzung (durch chemische, thermische und mechanische Reize) reagieren. Sie sind außer im Gehirn und in der Leber überall im Körper verteilt. Die größte Dichte haben sie allerdings in der Haut – unserer Schutzhülle.

  • Mechanorezeptoren, Mechanorezeptorendie Druck, Vibration oder Dehnung sensibel registrieren, und

  • Propriozeptoren imPropriozeptoren Bereich von Gelenken und periartikulären Strukturen, wie Sehnen Rezeptoren:sekundäreund Ligamenten.

Die sekundären Rezeptoren, wie etwa die Sinneszellen im Gleichgewichtsorgan, bilden selbst keine Aktionspotenziale, sondern haben Synapsen Synapsenmit dem afferenten Neuron. Darüber wird das Aktionspotenzial zu zentralen Strukturen (z. B. Formatio reticularis) weitergeleitet.

Aktionspotenziale

Definition

In Ruhe weist eine Nervenzellen:AktionspotenzialeAktionspotenzialeAktionspotenziale:NervenzellenNervenzelle ein sog. RuhepotenzialNervenzellen:RuhepotenzialRuhepotenzial (in der Regel –70 mV) auf. Durch eine Reizung wird ein Aktionspotenzial in dieser Nervenzelle ausgelöst. Es kommt zu einer vorübergehenden Veränderung des Membranpotenzials der Zelle. Die Änderung der Zellmembranspannung wird als Information zum Gehirn weitergeleitet.
RezeptorpotenzialeRezeptorpotenziale entstehen eigentlich, weil die Natriumkanäle der Zelle und die Kalziumkanäle der Muskelspindel sich öffnen. Die Ausschüttung von Kalzium- bzw. Natriumionen ist verantwortlich für die Erregung des Rezeptors. Um Mechanorezeptoren:AktionspotenzialeMechanorezeptoren zu reizen (aktivieren), muss z. B. ein Schwellenpotenzial von mehr als 15 mV erreicht werden. Die Reizstärke spielt dabei keine Rolle, wohl aber die Quantität, also die Anzahl der Aktionspotenziale. Anders gesagt, je mehr Aktionspotenziale eine Zelle in einer bestimmten Zeiteinheit erregen, desto stärker ist die Reizung. Wenn sich die Entladungsfrequenzen summieren, kann ein Rezeptorfeld im Ganzen gereizt werden. Die Fußsohle ist ein perfektes Beispiel dafür.

Adaptation

Mechanorezeptoren:AdaptationAktionspotenziale:AdaptationAdaptation:AktionspotenzialeMechanorezeptoren sind ohne Refraktärzeit sofort wieder erregbar, dennoch entsteht nach einigen Millisekunden bis Minuten eine Adaptation. Die Ursache ist eine wieder abnehmende Rezeptorempfindlichkeit. Das hat zur Folge, dass ein gleichbleibender Reiz nach einer bestimmten Zeit nur noch zu einem minimalen Impulserfolg führt.
  • Genau das geschieht z. B. bei der Verwendung von Einlagen. Ist ihre Hauptfunktion eine biomechanische Korrektur, verlieren sie infolge der Adaptation nach kurzer Zeit ihre Wirkung.

  • Das gleiche Phänomen ist bei bestimmten Schienen für Patienten mit kraniomandibulärer Dysfunktion zu beobachten.

Daher führen solche meist kostspieligen Therapiemaßnahmen zu keinem nachhaltig positiven Effekt auf das Haltungssystem der Patienten.

Wiederholte Reize

Sinnvolle therapeutische Ansätze sind Reizwiederholungen:AktionspotenzialeAktionspotenziale:ReizwiederholungenReizwiederholungen. Werden Reize regelmäßig wiederholt, nimmt die Anzahl der Aktionspotenziale immer wieder zu. Wenn ein Reiz groß genug ist, um ein Signal auszulösen, resultiert daraus ein Sinneseindruck, weil das Gehirn diese somato-sensomotorische Information im Kortex verarbeitet. Die Information wird dann nicht nur wahrgenommen, sondern auch mit früheren Erfahrungen verglichen. Diese Erfahrungen führen dazu, dass sich das Adaptationsverhalten und die Qualität von Rezeptoren verändern.
Drei Rezeptortypen mit unterschiedlichem Adaptationsverhalten Rezeptoren:AdaptationsverhaltenAdaptation:Rezeptorensind bekannt: Slow-adapting-Rezeptoren (SA I Slow-adapting-Rezeptoren (SA)und II), Rapid-adapting-Rezeptoren (RA) Rapid-adapting-Rezeptoren (RA)und Pacini-Körperchen (PC-Rezeptoren).
  • RA-Rezeptoren RA-Rezeptorenreagieren nur auf einen mechanischen Reiz, der sich ändert. Konstante Reize führen dazu, dass sich die RA-Rezeptoren ausschalten. Das Gehirn benötigt die RA-Rezeptoren, um schnelle kleine unterschiedliche Reize wahrnehmen zu können (z. B. Berührung oder Vibration).

  • SA-Rezeptoren, zSA-Rezeptoren. B. Druck- oder Schmerzrezeptoren, werden durch länger anhaltende Impulse aktiviert und lösen dabei ständig Aktionspotenziale aus.

  • PC-Rezeptoren PC-Rezeptorenadaptieren sich am schnellsten. Bei einer Beschleunigung zeigen sie z. B. Veränderungen der Reizgeschwindigkeit an.

Übersicht über verschiedene Arten von Rezeptoren

Meissner-Körperchen (RA)

Meissner-Meissner-KörperchenKörperchen zählen zu den schnell adaptierenden (RA-)Mechanorezeptoren:schnell adaptierende (RA)Mechanorezeptoren, die nur bei Veränderung der Reizstärke feuern. Als Druckrezeptoren in der Haut reagieren sie auf das Eindrücken der Haut und signalisieren dies als Veränderung des Drucks. Sie passen sich aber der neuen, tieferen Position des eindrückenden Objekts an und geben dann keine weiteren Signale mehr ab. Die Adaptation an einen gleichbleibenden Druckreiz findet sehr schnell statt (innerhalb von 50–500 ms). Besonders zahlreich sind diese Rezeptoren z. B. in den Fingerkuppen, Fußsohlen, Lippen und der Zungenspitze vorhanden.

Merkel-Zellen (SA I)

Sie gehören zu den Merkel-ZellenSA-I-Mechanorezeptoren:slow adapting (SA I)Mechanorezeptoren der taktilen Wahrnehmung, die auf Druck und Vibration reagieren.

Ruffini-Körperchen (SA II)

Bei den Ruffini-Ruffini-KörperchenKörperchen handelt es sich um langsam adaptierende Dehnungsrezeptoren:langsam adaptierende (SA)Dehnungsrezeptoren, die in der Haut, Dura mater, Iris, im Ziliarkörper und in Gelenkkapseln vorkommen. In der Haut liegen sie im Stratum reticulare der Dermis. In Gelenkkapseln registrieren sie die Stellung und die Auslenkungsgeschwindigkeit der Gelenke. Ruffini-Körperchen haben die Form eines zu den Enden hin abgeflachten, offenen Zylinders, durch dessen Öffnungen kollagene Faserbündel ein- und auf der anderen Seite wieder austreten. Zwischen den Kollagenfaserbündeln sind Nervenendigungen verankert.

Vater-Pacini-Körperchen und Krause-Endkolben (PC)

Diese rasch Krause-Endkolbenadaptierenden Mechanorezeptoren der Haut vermitteln besonders gut Vibrationsempfindungen. Vater-Pacini-Vater-Pacini-KörperchenKörperchen finden sich in der Subkutis, an großen Sehnenplatten, Muskelfaszien, Gelenkkapseln, periartikulären und spinalen Ligamenten sowie im Periost. Da Vater-Pacini-Körperchen auf (positive und negative) Beschleunigungen reagieren, sind sie als Vibrationsdetektoren geeignet. Die Obergrenze ihrer Empfindlichkeit liegt bei Vibrationen um 300 Hz; dabei genügt eine Verformung von wenigen Mikrometern, um die Rezeptoren zu erregen. Die kleinere Variante der Vater-Pacini-Körperchen wird als Krause-Endkolben bezeichnet.

Interstitielle Rezeptoren

Da sie in allen Körperfaszien und jeder Art von Bindegewebe zu finden sind, werden diese Rezeptoren:interstitielleinterstitielle RezeptorenRezeptoren auch als interstitielle Geweberezeptoren bezeichnet. Oft werden sie als eindeutige Schmerzrezeptoren behandelt. Zutreffend ist, dass tatsächlich einige dieser zahlreichen freien Nervenendigungen Nozi-, Chemo- oder ThermorezeptorenChemorezeptorenThermorezeptoren Nozizeptorensind; viele gelten auch als multimodal. Detaillierte Forschungen haben jedoch ergeben, dass es sich mehrheitlich um Mechanorezeptoren handelt. Von diesen haben ca. 50 % eine hohe Reizschwelle, reagieren also nur auf kräftige mechanische Einwirkungen. Die andere Hälfte hat eine niedrige Reizschwelle und spricht schon auf geringeren Druck an – wie das Bestreichen mit einem Pinsel. Betrachtet man die Neuronen, die das ZNS erreichen, stammt die größte Anzahl von den Rezeptoren im interstitiellen Gewebe. Sie hängen mit den Golgi-Golgi-RezeptorenRezeptoren, den Pacini- und Ruffini-Körperchen sowie den Muskelspindeln zusammen. Aufgrund ihrer propriozeptiven Fähigkeit reagieren interstitielle Rezeptoren bereits auf leichteste Änderungen der Spannung in myofaszialen Strukturen. So kann eine chronische Muskelverspannung, die z. B. im stomatognathen Bereich zu dysfunktionellem Pressen oder Knirschen führt, als Dysregulierung der Funktion der interstitiellen Rezeptoren gesehen werden. Eine große Dichte an sympathischen Nervenendigungen in großflächigen faszialen Strukturen zeigt, wie eng sie mit dem neurovegetativen Nervensystem verbunden sind.

Golgi-Rezeptoren

Die propriozeptiven Golgi-Golgi-RezeptorenRezeptoren, die u. a. in Muskeln, Sehnen, Faszien, Gelenkkapseln und periartikulären Ligamenten anzutreffen sind, regulieren die Muskelspannung. Werden Golgi-Rezeptoren stimuliert, bewirken sie über ihre Rückenmarkverschaltung eine Spannungsabnahme in quergestreiften Muskeln.

Muskelspindeln

MuskelspindelnMuskelspindeln sind Rezeptoren, die in allen Skelettmuskeln vorkommen. Es handelt sich um Sensoren, die parallel zur Arbeitsmuskulatur ausgerichtet sind und bei Bewegungen passiv mitgedehnt oder verkürzt werden. Muskelspindeln messen die Dehnungsrezeptoren:MuskelspindelnDehnung des Muskels und werden auch als Dehnungs- oder Längenmesser bezeichnet.

Sensomotorische Vorgänge

Jeder Wahrnehmung – sensomotorische Vorgängespeziell der Körperwahrnehmung – Körperwahrnehmung:sensomotorische Vorgängeliegen sensomotorische Vorgänge zugrunde. Sinnesorgane können unterschiedliche Reize aufnehmen, die im Gehirn oder auf Rückenmarksebene verarbeitet und mit motorischen Verhaltensweisen beantwortet werden. Jede Haltung und Bewegung ist somit als Anpassung an äußere oder innere Stimuli zu verstehen. Die Propriozeptoren, Propriozeptorendie essenziell für die Kontrolle der Körperhaltung sind, registrieren dabei den Spannungszustand sowie die Bewegung der Skelettmuskulatur und der Gelenke. Die durch propriozeptive Sensoren in Muskeln und Gelenken gewonnenen Informationen dienen dazu, schnelle, über Rückenmarksneurone vermittelte Reflexe zur Körperstabilisierung zu koordinieren.
Das dynamische Haltungssystem istHaltungssystem:dynamisches also ein vielseitiges, mit verschiedenen Rezeptoren arbeitendes System, das große Mengen an Informationen weitergeben kann. Für die Verarbeitung dieser Informationen sind mehrere Hirnzentren wie Formatio reticularis, Thalamus, Cerebellum etc. zuständig, die dadurch am Zustandekommen der aufrechten Haltung und des dynamischen Gleichgewichts beteiligt sind. Diese Zentren werden die ganze Zeit durch somatoafferente Impulse über verschiedene somatosensorisch-motorische Inputs informiert.
Die beiden dominanten Inputs für das axiale System sind die oben genannte Kopf- und die Fußsteuerung.
Fuß, untere Extremität und Becken als Basis der Haltungssteuerung
In der achten Schwangerschaftswoche Fuß:Haltungssteuerungzeigen die Fußsohlen des Fetus noch Haltungssteuerung:BeckenBecken:Haltungssteuerungzueinander. Während der weiteren Entwicklung machen die unteren Extremitäten eine Entfaltung durch. Diese Entfaltung findet an den Füßen im Bereich von Kalkaneus, Talus, Vorfuß und Zehen statt. Der uns allen bekannte Klumpfuß KlumpfußistHaltungssteuerung:Fuß das Haltungssteuerung:Extremität, untereExtremität:untereextreme Beispiel einer Deformierung, bei der diese Entfaltung nicht stattgefunden hat.
Wenn die Entfaltung zu früh aufhört, werden eine deformierte Ferse und eine unvollständige Torsions entfaltung des Talus mit entsprechendem Abstand der Großzehe zum Boden die Folge sein.

MERKE

Funktionell führt eine Störung der Fuß:Entfaltungsstörung in der FetogeneseFußentfaltung in der Fetogenese, die häufiger vorkommt, als man denkt, zu einer Überpronation beim Gehen, oft kombiniert mit einer lateralen Fußinstabilität.

Traditionell wird eine Überpronation Überpronation, FußFuß:Überpronationgerne mit orthopädischen Einlagen korrigiert, was nur dazu führt, dass die Füße eine bessere mechanische Unterstützung bekommen. Dies mag am Anfang der Behandlung noch effektiv sein. Aber bei einer Haltungsanalyse zeigt sich bald, dass sich der Körperschwerpunkt bei den meisten Patienten so stark verschiebt, dass sie kaum noch ihr Gleichgewicht halten können.
Aus Sicht der Posturologie istPosturologie:Fußfunktion mittlerweile klar, dass das Heben des Bodens zum Fuß keine sinnvolle Behandlung darstellt. Viel besser und logischer ist es, die Funktion des Fußes zu optimieren und, wenn nötig, mit viel flacheren, sog. sensomotorischen Einlagen zu arbeiten.
Bei jedem Schritt wird die Großzehe durch das Körpergewicht, d. h. die Schwerkraft, zum Boden gedrückt, und es kommt zur Überpronation.
Je mehr der Patient die Hüfte außenrotiert bzw. je weniger er die Innenrotation der Hüfte ansteuert, desto stärker die Überpronation. Das Subtalargelenk wird dabei sehr stark belastet.
Der Fuß spielt also eine sehr wichtige ursächliche Rolle bei Belastungen im axialen System. Allerdings können auch infolge absteigender somatoafferenter Reize somatoafferente Reize:FußbeschwerdenBeschwerden im Fußbereich auftreten, z. B. vom stomatognathen System oder von einer kopfgelenkmotorischen Störung aus. Die unteren Extremitäten versuchen immer, egal welches Ungleichgewicht vorliegt, das Gewicht gleichmäßig auf beide Füße zu verteilen. Wenn beide Füße optimal funktionieren, sind sie in der Lage, den Körper an seinem Schwerpunkt einzupendeln. Bei normaler Beweglichkeit können die Füße einen korrekten Bodenkontakt aufnehmen. Durch ihre dynamisch ausgeglichene Muskelaktivität sind sie imstande, exterozeptive Impulse durch Reize, die von außen kommen, in körpereigene Signale umzuwandeln. Diese exterozeptiven Informationen exterozeptive Informationenwerden über die Haut und polysynaptische Bahnen an die Fuß- und Beinmuskeln übermittelt. Zum Teil werden diese Informationen dann via lemniskale und extralemniskale Bahnen an den somatosensorischen Kortex weitergeleitet.

Das lemniskale System

Das lemniskale lemniskales SystemSystem hat etwas mit sensibler Wahrnehmung, mit der sog. allgemeinen Somatoafferenz (ASA)Somatoafferenzen:allgemeine (ASA)ASA (allgemeine Somatoafferenz)allgemeine Somatoafferenz (ASA),, zu tun. Es wird dem extralemniskalen extralemniskales SystemSystem gegenübergestellt und hat die Tendenz, dieses zu hemmen. Über das lemniskale System entstehen Berührungs- bzw. haptische Informationen:
  • Epikritische Wahrnehmungen sind taktile Empfindungen wie Berührung, Druck und Vibration.

  • Propriozeptive Wahrnehmungen (sog. TiefensensibilitätTiefensensibilität) informieren über die Gelenkstellung und vermitteln Informationen, die aus Golgi-Sehnenorganen und Muskelspindeln kommen.

Bei der protopathischen Leitung des extralemniskalen Systems sind intralaminäre Thalamuskerne mit Teilen der Formatio reticularis zusammengeschaltet. Wenn das Gleichgewicht zwischen beiden lemniskalen Systemen bzw. die Hemmung des extralemniskalen Systems gestört ist, können Hyperalgesien oder Spontanschmerzen entstehen.
Störungen derExterozeptoren:Störungen normalen Aktivität der Exterozeptoren in den Fußsohlen durch falschen oder fehlenden Bodenkontakt (z. B. infolge absteigender negativer Afferenzen oder einer lokalen Dekompensierung im Becken- oder Beinbereich) führen immer zu einer vorübergehenden oder bleibenden, mehr oder weniger stark ausgeprägten Instabilität der gesamten Körperhaltung. Nach der Korrektur einer somatischen Dysfunktion im Fußbereich oder einer muskulären Reorganisation können exterozeptive Informationen wieder auf adäquate Weise verarbeitet werden. Das gesamte Haltungssystem kann sich neu (re)organisieren, sodass alte Fehlmuster gelöscht werden. Dadurch nimmt die Anpassungsfähigkeit der unteren Extremität deutlich zu, und das axiale System wird weniger an die Grenzen seines neutralen Bereichs getrieben.
Hautrezeptoren an den Fußsohlen Hautrezeptoren:FußsohlenFußsohlen:Hautrezeptorensind beim normalen funktionellen Fuß in der Lage, den räumlichen Ursprung, die Intensität und die Druckschwankungen bei Einwirkungen auf die Haut zu erkennen. Diese Fähigkeit macht deutlich, dassschon geringe Änderungen die Beinachse und das posturale Gleichgewicht beeinflussen können.
Neurowissenschaftler haben herausgefunden, dass zu starke Reize die Aktivität der Sinnesrezeptoren stören. Das bedeutet, indem sie die normale Dynamik des Fußes in hohem Masse verändern, können Einlagen Einlagendazu führen, dass die Reizimpulse zur Körperstabilität ausbleiben, weil die Aktionspotenziale fehlen. Das erklärt, warum biomechanisch korrigierende Einlagen das Haltungssystem oft nur kurze Zeit positiv beeinflussen und dann nach einiger Zeit ihre Bedeutung als Impulsgeber für das Haltungssystem Haltungssystem:Einlagenverlieren. Für die Praxis heißt das konkret, dass eine alleinige Therapie mit orthopädischen biomechanischen Einlagen aus neurophysiologischer Sicht nicht sinnvoll ist und auf längere Sicht für die Dynamik im Bein-Becken-Bereich und im ganzen posturalen System wenig bringt.
Die Füße haben ein wunderbar komplexes muskuloskelettales System, muskuloskelettales System:FußzuFuß:muskuloskelettales System dem allein schon 30 kurze Fußmuskeln und die Ansätze der langen Unterschenkelmuskeln am Fuß beitragen. Füße entwickeln sich durch Übung. Ihr Training gibt den Extero- und Propriozeptoren Entwicklungsimpulse. Die Reizsetzung fängt bei kleinen Kindern an, sobald sie mit ihren kleinen Pseudoplattfüßen Pseudoplattfüße, Kinderkrabbeln, stehen und laufen lernen. Im Alter von 6–7 Jahren haben Kinder meist symmetrische Knick-Senkfüße, Knick-Senkfüßederen neurophysiologische Fähigkeiten sich nach und nach verbessern. Der Grund für die symmetrischen Knick-Senkfüße sind die noch relativ unreifen Mechanorezeptoren im Becken- und Wirbelsäulenbereich. Dadurch neigt das Becken dazu, nach vorne zu kippen, wobei die Beinachsen nach innen rotieren. Aus dieser Situation entstehen die typischen symmetrischen X-Beine (X-BeineAbb. 5.33). Etwa ab dem 11./12. Lebensjahr sollten die extero- und propriozeptiven Qualitäten so weit ausgereift sein, dass sich eine normale bzw. optimale Fußdynamik und ebensolche Körperhaltung einstellen können.
Die normale Statik des Fußes, mitFuß:StatikStatik:Fuß Bodenkontakt des Groß- und Kleinzehengrundgelenks sowie der Ferse, geht mit funktionellen Quer- und Längsgewölben einher. Wenn sich die Füße um das 12. Lebensjahr erwartungsgemäß entwickelt haben, normalisieren sich in Verbindung mit der Ausreifung der Bein-, Becken- und Wirbelsäulenmuskulatur auch die Beinachsen. BeinachsenTraining bzw. wiederholtes Üben, ein Ungleichgewicht wieder ins Gleichgewicht zu bringen, führt zur Automatisierung dieser Fähigkeiten. Wenn Abläufe automatisiert und im Langzeitgedächtnis gespeichert werden, kann das Gehirn im Laufe des Lebens immer wieder auf die in der Kindheit erlernten Fähigkeiten zurückgreifen.
Bei dynamischen Füßen Fuß:dynamischerliegen die Längsgewölbe nicht auf. Die Aufgabe, den Fuß zu stabilisieren, übernimmt die Mitte der Fußsohle. Dazu ist sie durch die in der Plantarfaszie liegenden, auf Druck und Vibrationen reagierenden Rezeptoren in der Lage. Die Biomechanik gibt vor, dass die Fußgewölbe dynamisch sein müssen, um als Fußfühler funktionieren zu können. Darum wäre eine permanente Druckausübung auf die Rezeptoren, wie schon gesagt, unlogisch und unerwünscht. Bei Kinderfüßen ist es wichtig, ihnen keine Unterstützung zu bieten, sondern dafür zu sorgen, dass sie dynamisch sind. Gutes Abrollen ist eine wichtige Voraussetzung, um der später bei Jugendlichen und Erwachsenen häufig vorkommenden Varusinstabilität Varusinstabilitätvorzubeugen. Natürlich wird, wie schon erwähnt, diese Fehlinformation bzw. negative Somatoafferenz das ganze Haltungssystem beeinflussen. Der Vollständigkeit halber muss darauf hingewiesen werden, dass biomechanische Einlagen beiEinlagen schweren strukturellen orthopädischen Abweichungen, unfallbedingten Folgen und neurologisch bedingten Krankheiten selbstverständlich sinnvoll oder notwendig sein können.

MERKE

Die Praxis zeigt, dass die bloße Adaptation eines Fußproblems in der Regel ausreichend ist, um die Beinachse, das Becken und das axiale System, trotz der negativen Afferenz, in der Mitte zu halten und damit die Voraussetzung für körperliche Beschwerdefreiheit zu erfüllen.

Der entscheidende Faktor, der zu einer Dekompensierung und damit zu Beschwerden führt, sind zusätzliche negative Afferenzen, z. B. aus der Kopfsteuerung oder durch ein Trauma.

Wenn im Rahmen der Therapie nur mit einer spezifischen Impulstechnik bzw. Manipulation versucht wird, die lokale Mobilität und Funktionalität wiederherzustellen, sind Rezidive oft vorprogrammiert.
Aufgrund der Fußstörungen haben schon über längere Zeit Adaptationen in den Muskelketten Muskelketten:Adaptation bei Fußstörungenstattgefunden. Die Rezeptoren, die alles symmetrisch steuern wollen und uns immer wieder in die Mitte bringen, sind asymmetrisch programmiert und führen über Mikrokontrakturen zur Chronizität. Bilaterale symmetrische Abweichungen sind weniger schwer zu kompensieren als eine asymmetrische Dysharmonie. Dysharmonie:asymmetrischeDieses Phänomen zeigt sich deutlich bei einem Kind mit bilateralen Knick-Senkfüßen, die in der Regel gut kompensiert und adaptiert werden können. Wenn eine unilaterale Fußstörung vorliegt, ist die Anpassung aber viel schwieriger.

Praxisbezug

In der täglichen Praxis weist ein Großteil der Patienten eine Links-rechts-Dysharmonie mit aufsteigenden Ketten oder als Folge von absteigenden Afferenzen auf. Diese Dysharmonie belastet das posturale System per Definition beim Stehen, Gehen und Laufen.
Sichtbar für den Therapeuten ist neben der Fuß- und Beinfehlstellung eine funktionelle Beinlängendifferenz.
  • Das Becken ist logischerweise der wichtigste Puffer für die Beinlängendifferenz. Solange es sich anpassen kann, bleibt die Wirbelsäule einigermaßen geschont.

  • Wenn das Becken im Rahmen der Haltungssteuerung als Puffer für negative Reize aus der unteren Extremität ausfällt (dekompensiert), muss sich die Wirbelsäule entsprechend anpassen.

Die häufigsten absteigenden Afferenzen kommen aus Strukturen der Kopfsteuerung. Beteiligt sind räumliches/binokulares Sehen, Gleichgewichtsfindung und -regulation, Kopfgelenke und stomatognathes System.
Die Rolle der Augen für das Haltungssystem
Regelmäßig wird vergessen, welche wichtige Rolle die Augen Haltungssystem:Rolle der AugenAugen:Haltungssystemals Informationslieferanten für das posturale System spielen. Die meisten Patienten wissen, ob sog. Refraktionsstörungen wie eine Myopie oder ein Astigmatismus bei ihnen vorliegen, aber dass die Augen auch wichtige somatogene afferente Impulse liefern, ist ihnen weniger bewusst.
Augenmuskelstörungen wieAugenmuskelstörungen latentes Schielen Schielen, latenteswerden oft nicht diagnostiziert und führen automatisch zu propriozeptiven Störungen. Latentes Schielen oder ein Mikrostrabismus alsMikrostrabismus lokale Dysfunktion werden oft vom Gehirn neutralisiert, bleiben aber eine Störung, die das Haltungssystem sehr negativ beeinflussen kann. Da das Sehen nicht merklich beeinträchtigt ist, besteht folglich oft kein Behandlungsbedarf. Das visuelle System visuelles Systemermöglicht durch ein komplexes Zusammenspiel von Exterozeptoren (Stäbchen und Zäpfchen), Propriozeptoren (Augenmuskeln) und synaptischen Verschaltungen zu den visuellen Zentren im Gehirn, dass wir sehen. Augenrezeptorstörungen führen zu absteigenden Reaktionen, Augenrezeptorstörungen:absteigende Reaktionenabsteigende Reaktionen:Augenrezeptorstörungenwobei sich die Kompensierungen und Adaptationen oft im stomatognathen System, in den Kopfgelenken und bis hinunter zu den Füßen zeigen. Wenn Intensität und Menge der somatogenen afferenten Reize zu stark sind, kann das Haltungssystem dekompensieren: Die Rückkehr zur Mitte ist nicht mehr möglich, der neutrale Bereich überschritten und eine veränderte Physiologie z. B. der Wirbelsäule sowie Störungen sind die Folge.
Die konvergierenden Augenbewegungen dienen dazu, die Sehachsen auszurichten und Kopfbewegungen auszugleichen, damit wir bewegten Objekten mit dem Blick folgen können. Bei der sensorischen Beurteilung des binokularen Sehens Sehen:binokularesbinokulares Sehenstellt das Simultansehen, Simultansehendie gleichzeitige Wahrnehmung von Seheindrücken mit beiden Augen, die erste Stufe dar. Als zweite Stufe wird die Fähigkeit, die Bilder beider Augen zu einem einzigen Bild zu verschmelzen (Fusion), untersucht. Sie bildet die Grundlage für die dritte und höchste Form des binokularen Sehens, das räumliche Sehen (Stereopsis). räumliches Sehen (Stereopsis)Diese drei Formen fasst man auch als binokulare Funktionen zusammen.
Genau die Fusionsfähigkeit ist bei bekannten oder nicht selten maskierten Dysfunktionen wie Schielen, Schielen, latentesMikrostrabismus, MikrostrabismusSehschwäche uswSehschwäche. beeinträchtigt. Optimales binokulares Sehen ist eine Grundvoraussetzung für die normale Entwicklung und Aufrechterhaltung des Haltungssystems. Haltungssystem:binokulares SehenWenn z. B. eine asymmetrische Konvergenz vorliegt, wird und soll sich das gesamte Haltungssystem an diese Fehlinformation anpassen. Aber der Sehfehler selbst, die Ursache der posturalen Belastung, bleibt weiterhin als negativer Reiz bestehen. Der Körper passt sich an Rezeptorfehler an, genauso wie beim Fuß oder stomatognathen System, aber der negative afferente Reiz bleibt und belastet ihn weiter.
Dekompensierung
Nach einigen Monaten haben sich Fehler bzw. deren Anpassung dem System eingeprägt und können, wenn weitere Irritationen hinzukommen oder wenn das System überlastet wird, zu einer Dekompensierung führen. Das erklärt, warum z. B. ein banales Trauma bei einem Erwachsenen, der jahrelang ohne Beschwerden an zwei Rezeptorfehler adaptiert war, plötzlich eine komplette Dekompensation (DekompensationBandscheibenleiden) auslösen kann.
Genau dasselbe geschieht, wenn Kinder mit einem Fuß- Fuß:Rezeptorfehler, DekompensationundAugenrezeptorstörungen:Dekompensation Augenrezeptorfehler durch eine kieferorthopädische Maßnahme plötzlich dekompensieren und möglicherweise massive Spannungskopfschmerzen Spannungskopfschmerzen:Dekompensierungbekommen oder einen Beckenschiefstand und skoliotische Änderungen zeigen, weil das Puffersystem erschöpft ist.
Bei Erwachsenen kann eine latente Augenmuskeldysfunktion Dekompensation:AugenmuskeldysfunktionAugenmuskeldysfunktion, DekompensationJahre maskiert bleiben und perfekt ausgeglichen werden, bis plötzlich eine kraniomandibuläre Dysfunktion (kraniomandibuläre Dysfunktion (CMD)CMD) auftritt, die dafür verantwortlich ist, dass es z. B. zu einer starken Einengung des neutralen Bereichs der Wirbelsäule durch eine Beinlängendifferenz Beinlängendifferenzkommt. Etwas stärker belastende Arbeit kann dann schnell zu Beschwerden führen.

MERKE

Die wichtigsten und dominierenden Auslöser von Belastungen des posturalen posturales System:Belastungen durch AugenrezeptorstörungenSystems bei Augenrezeptorstörungen:posturale BelastungenAugenrezeptorstörungen sind Dysbalancen der Augenmuskeln wie eine asymmetrische Konvergenz mit Sehachsenfehlstellung (1/3 der Bevölkerung) oder eine Hypoakkommodation.

Entscheidend sind also immer wieder belastende Kombinationen. Ein unbalancierter asymmetrischer Rezeptorfehler wie bei einer Fuß-Beinachsen-Dysfunktion, Fuß-Beinachsen-Dysfunktion:Rezeptorfehler, asymmetrischerkombiniert mit einem belastenden Kofaktor (z. B. Narbe, chronische viszerale Afferenz, CMD), verursacht eine kompensatorische Lateralflexion-Rotation vonLateralflexion:und Rotation, kompensatorische Becken und Schultergürtel mit Einschränkung der Physiologie der Wirbelsäule. Wenn die Ursachen nicht behandelt werden, können die gleichen Wirbelsäulenabschnitte immer wieder zu Blockierungen Wirbelsäule:BlockierungenBlockierungen:Wirbelsäuleneigen. Es muss ganz deutlich gesagt werden, dass Dysfunktionen, die z. B. von den Augen oder vom stomatognathen System ausgehen, ohne Behandlung nicht verschwinden. Im Gegenteil, mit der Zeit nehmen die Dysfunktionen ohne Therapie eher noch zu, wodurch das posturale Haltungssystem immer stärker belastet und der axiale neutrale Bereich immer enger wird.

Praktische Hinweise

Bei folgenden Hinweisen auf eine Augenrezeptorstörungen:HinweiseAugenrezeptorstörung ist durch weiterführende Untersuchungen ein eventueller Behandlungsbedarf abzuklären:
  • Unsicherheit beim Autofahren im Dunkeln oder in der Dämmerung

  • Kinetosen, Koordinations-, Gleichgewichtsstörungen und Schwindel

  • Rasche Ermüdbarkeit und (Stirn-)Spannungskopfschmerzen beim Lesen

  • Lese-Rechtschreib-Schwäche bei Kindern

  • Gefühl, dass die Brille nicht richtig passt (usw.)

Stomatognathes System und Kopfgelenke
Das stomatognathe KopfgelenkeSystem iststomatognathes System ein Regulationssystem, das bestimmte eugnathe Qualitäten aufweist. Ein funktionelles eugnathes Gleichgewicht:eugnathesGleichgewicht eugnathes Gleichgewichtbeinhaltet eine ungehinderte Okklusion und Artikulation, harmonische Funktionen der orofazialen Muskulatur und der Kiefergelenke, keine Fehlbelastung einzelner Zähne. Funktionell wichtige Kriterien sind regelrechte Kaumotorik, Phonetik, Schluckmotorik, Lippenschluss und Zungenposition.
Das stomatognathe System spielt eine sehr prominente Rolle in der Verbindung von anterioren und posterioren Muskelketten. Schon kleine chronische Veränderungen im Zahn-/Kieferbereich können schnell zu Muskeldysbalancen stomatognathes System:MuskeldysbalancenMuskeldysbalancen:stomatognathes Systemführen. Das Schema von Brody stomatognathes System:Brody-SchemaBrody-Schema:stomatognathes Systemzeigt, wie das muskuläre Gleichgewicht in komplexer Zusammenarbeit der stomatognathen Muskulatur entsteht (Abb. 5.34).
Deutlich erkennbar ist das Zungenbein der Schaltknochen der anterioren Muskelketten. In motorischen Grundprogrammen im sensomotorischen Kortex sind die monosynaptischen Reflexe des stomatognathen Systems abgespeichert. Es stellt ein wichtiges Element für die normale physiologische Entwicklung des posturalen Systems dar und kann genau wie andere Rezeptorsysteme sowohl Ursache als auch Folge von Dysfunktionen sein. Dabei lassen sich mehrere absteigende Ketten und Reize finden, z. B.
  • orofaziale Dysfunktionen mitorofaziale Dysfunktionen Engrammen (Speicherung) einer starken Muskeldysbalance,

  • absteigende Ketten mit Dekompensierung über die Kiefergelenke, Schädelgelenke bis zu den Kopfgelenken.

Wie schon erwähnt, kann das stomatognathe System auch visuomotorische Störungen visuomotorische Störungen:stomatognathes Systemstomatognathes System:visuomotorische Störungenauslösen und darüber das Haltungssystem belasten bzw. negativ beeinflussen. Viele Patienten zeigen aber das umgekehrte Bild: Meist dominieren nämlich die aufsteigenden Afferenzen und lassen das stomatognathe System entgleisen. Werden diese Fehler nicht ausgeglichen bzw. behandelt, entsteht per Definition auch die Möglichkeit absteigender Reize. Der Kopf muss immer versuchen, sich an eine sog. belastende aufsteigende Fehlinformation anzupassen. Dadurch entsteht eine asymmetrische Verspannung der Nacken- und orofazialen Muskulatur, die eine veränderte Kopfposition gegenüber Nacken und Schultergürtel nach sich zieht und der Entwicklung einer Dysgnathie (z. B. Kreuzbiss Kreuzbissoder andere Fehlbisse) Vorschub leisten kann.
Fehlbisse
Am häufigsten diagnostiziert werden in der Peripherie entstandene Fehlbisse wieFehlbisse Verschiebungen des Unterkiefers gegenüber dem Oberkiefer in der Sagittalebene. Diese Fehlbisse werden als Dysgnathie derDysgnathien Angle-Klasse II oder III bezeichnet (Abb. 5.35).
Verhalten der Zahnbögen beim Gehen:
  • Zahnbögen:Verhalten beim GehenGehen:Verhalten der Zahnbögen Wenn beim Gehen durch eine Hüftinnenrotation der Bodenkontakt eines dynamischen normotonen Fußes korrekt zur Mittelposition angesteuert wird, sind die Zahnbögen in der Regel offen und breit. In diesem Fall sind viel weniger laterale Shifts wie ein Kreuz-, Kopf-, Lingual- oder Bukkalbiss LingualbissKreuzbissBukkalbissfestzustellen (Abb. 5.36).

  • Wenn ein hypotoner Plattfuß Plattfüße:hypotonebeim Gehen durch die Schwerkraft einfach zu Boden fällt, wobei der Kontakt oft schlecht durch relative Außenrotation der Hüfte angesteuert wird und sich somit eine valgisierte Beinachse Beinachsen:valgisierteergibt, werden gehäuft Abweichungen im Sinne von zu engen Zahnbögen mitZahnbögen:zu enge Platzmangel für die Zähne beobachtet. Die Zunge wird in ihrer Freiheit eingeschränkt, zudem finden sich oft auch laterale Shifts im Kieferbereich. Shifts:laterale, KieferbereichKieferbereich:laterale ShiftsHier wird deutlich, dass die alleinige Behandlung des Fehlbisses keine sinnvolle Therapie ist.

Zähne, die miteinander artikulieren, verfügen über einen sensiblen Tastsinn. Die repetitiven Zahnkontakte während des Kauens, Schluckens, Pressens und Knirschens steuern die orofaziale und stomatognathe Muskulatur. Bei Erwachsenen mit einem Fehlbiss zeigen sich folgende grundsätzliche Probleme:
  • Ein Fehlbiss Fehlbissenimmt mit dem Alter in der Regel zu, weil die ursächlichen Reize noch immer vorhanden sind.

  • Die Adaptationsmöglichkeiten desHaltungssystem:Adaptationsmöglichkeiten bei Fehlbiss Haltungssystems Fehlbisse:Adaptationsmöglichkeiten des Haltungssystemsnehmen im Alter ab. Als Reaktion auf die Kieferlage wird der Kopf oft nach vorn geschoben, was eine chronisch verspannte und nach Jahren verhärtete Nackenmuskulatur verursachen kann.

Auf diese Weise sind motorische Überlastungen oder DekompensierungenKopfgelenke:Überlastung oder DekompensierungKopfgelenke:Überlastung oder Dekompensierung HWS-Beschwerden:Kopfgelenke, Überlastung/DekompensierungBeckenprobleme:Kopfgelenke, Überlastung/Dekompensierungder Kopfgelenke zu erwarten. So kommt es, dass ein Erwachsener, der sich bis zum 45. Lebensjahr an Fehlafferenzen anpassen konnte, plötzlich dekompensiert und massive Beckenprobleme oder HWS-Beschwerden entwickelt, die oft sehr resistent sind. Auslöser eines solchen Extrareizes kann z. B. ein Trauma, eine Intoxikation oder psychischer Stress sein.
Kraniomandibuläre Dysfunktion (CMD)
Untersuchungen zeigen, dass über 60 % der Bevölkerung Symptome einer kraniomandibulären Dysfunktion (CMD) kraniomandibuläre Dysfunktion (CMD)aufweisen. Wegen des oft unspezifischen, schwer zu fassenden klinischen Erscheinungsbilds wird eine CMD in den USA auch big imposter (großer Betrüger) genannt. Bei Erwachsenen beruhen Dysfunktionen des Kiefergelenks am häufigsten auf einer gestörten Vorschubbewegung des Kondylus-Discus-mandibularis- und Fossa-Tuberculum-articulare-Komplexes. Der Bewegungsspielraum des Kondylus ist abnorm erweitert (Kondylushypermobilität). kraniomandibuläre Dysfunktion (CMD):KondylushypermobilitätKondylushypermobilität:kraniomandibuläre Dysfunktion (CMD)Wird der Mund noch weiter geöffnet, kann der Kondylus über das vordere Diskusband oder sogar über das Tuberculum articulare aus seinem Gleitlager herausrutschen (Kondylusluxation). kraniomandibuläre Dysfunktion (CMD):KondylusluxationKondylusluxation:kraniomandibuläre Dysfunktion (CMD)Relativ häufig sind auch Fälle mit einer gestörten Ruhelage des Diskus. Meist ist der Kondylus schon vor Beginn der Bewegung nach vorn verschoben, sodass er sich in Ruhelage unter und hinter – statt vor – dem posterioren Diskusband befindet. Knackgeräusche alsKnackgeräusche häufiges Zeichen einer TMG-Dysfunktion entstehen oft dadurch, dass der Kondylus infolge einer Diskusverlagerung Diskusverlagerungbeim Vor- oder Zurückbewegen über das hintere Band des Diskus springt. Nicht selten sind Symptome und Erscheinungsbild so irreführend, dass nicht kausal, sondern nur symptomatisch behandelt wird, weil die Ursache unerkannt bleibt.

Praktische Hinweise

Ein Kurzbefund kann schnell Hinweise zur weiteren diagnostischen Abklärung geben. Typische kraniomandibuläre Dysfunktion (CMD):SymptomeSymptome einer CMD sind:
  • asymmetrische bzw. eingeschränkte Mundöffnung

  • Gelenkgeräusche, okklusale Geräusche

  • schmerzhafte Muskelpalpation

  • traumatische Exzentrik

Gleichgewichtssinn und Gleichgewichtsregulation
Die Hauptfunktion des vestibulären GleichgewichtssinnGleichgewichtsregulationSystems besteht darin, die Augen und den Kopf bei Bewegungen zu stabilisieren. Das Gleichgewichtsorgan ist also als Einzelorgan nicht in der Lage, uns in der Balance zu halten. Für die bewusste Orientierung im Raum sind neben dem vestibulären auch das visuelle und das gesamte propriozeptive System verantwortlich:
  • Der N. vestibularis (Nervus(-i):vestibularis (VIII)VIII. Hirnnerv) braucht Bewegungsinformationen. Die Steuerung erfolgt durch den vestibulookulären Reflex, vestibulookulärer ReflexReflexe:vestibulookuläreder die Augenmuskelkerne mit den Vestibulariskernen im Hirnstamm verbindet. So kommt es bei einer Änderung der Kopfstellung sofort zu gegenläufigen Augenbewegungen über den vestibulookulären Reflex.

  • Das Gleichgewichtssystem, könnte man sagen, ist als regulierendes Element für die Posturologie von Bedeutung – in Kombination mit den Rezeptoren des stomatognathen Systems, der Augen und der Füße.

  • Aus diesem Grund sind bei einer Gleichgewichtsstörung Gleichgewichtsstörungenimmer zwei Abschnitte beteiligt: die Kopfgelenke als Folge der Anpassung an die oben genannten Rezeptorstörungen und die Füße als potenzieller Auslöser einer aufsteigenden Ursache-Folge-Kette.

Ursache-Folge-Ketten:GleichgewichtsstörungDie Gleichgewichtsregulation ist ein komplexer Steuerungsprozess im Sinne eines biokybernetischen Regelkreises. Wie schon erwähnt, sind viele Strukturen an diesem Prozess beteiligt. Das Gleichgewicht Gleichgewicht:dynamischessollte natürlich in erster Linie dynamisch sein. Beide Ebenen, die Kopfgelenke am oberen Ende der Wirbelsäule und die Füße als Kontakt zum Boden, schwingen abwechselnd miteinander, um das Gleichgewicht aufrechtzuerhalten. Dass sich das Gleichgewicht dynamisch einstellen muss, erklärt, warum ein Körper immer leicht schwankende Bewegungen macht, wenn die Posturologie im Stand observiert wird. Diese Schwankungen können anhand einer Lotlinie oder mit Gleichgewichtsplatten (Posturografie) Posturografie:GleichgewichtsplattenGleichgewichtsplatten:Posturografiebeurteilt werden. Dabei können sich Hinweise auf Dekompensierungen ergeben, wenn der Patient nicht in der Lage ist, sich immer wieder zur Mitte zurückzusteuern.

MERKE

Eine muskuloskelettale Entgleisung aus der Mitte deutet auf die Unfähigkeit hin, sich an die Summierung somatoafferenter Impulse anzupassen.

Die Wirbelsäule wird hier als instabile skelettale Struktur sehr gefordert. Das Gehirn muss ständig die gesamte Muskulatur aktivieren, um die Körperhaltung, auch eine Fehlhaltung, gegen die Schwerkraft zu stabilisieren.

Störungen im Haltungssystem – Zusammenfassung

Warum lösen somatogene afferente Impulse Reaktionen aus?
Das Haltungssystem Haltungssystem:Störungenmuss und kann sich an verschiedene Afferenzen anpassen. Rein theoretisch kann jede Dysfunktion zu einer Dekompensierung führen. Für das Gleichgewicht im Bewegungssystem und speziell der Wirbelsäule sind drei Faktoren bestimmend:
  • Summierung von mehreren afferenten Reizen

  • Entstehungsort von somatogenen afferenten Impulsen, d. h. die Füße, das stomatognathe System mit Schädelbasis und Kopfgelenken, die Augen und der vestibuläre Apparat

  • Reizstärke

Alle diese Elemente führen zu einer gestörten Kalibrierung und Steuerung der Grundprogramme, die für das tonische Haltungssystem verantwortlich sind. Der Bewegungsapparat, und zwar hauptsächlich die Wirbelsäule, wird abnorm beansprucht. Nach einer Weile wird die Fehlprogrammierung als normal im Haltungssystem (auch auf kortikaler und subkortikaler Ebene) gespeichert. So entstandene Fehlmuster führen nicht zwangsläufig zu Beschwerden. Für die Provokation sind zusätzlich die schon erwähnten Extrareize entscheidend.

MERKE

Mobile Menschen mit langen funktionellen myofaszialen Ketten können diese Fehlmuster wesentlich besser und länger ausgleichen. Bei der Behandlung ist dann aber oft mehr Aufmerksamkeit für die sog. Restabilisierung erforderlich.

Wenn eine Anpassung an somatogene Afferenzen stattfindet oder stattgefunden hat, sind die asymmetrischen Änderungen in der Wirbelsäule meistens in den Kopfgelenken, im Schultergürtel und im Becken lokalisiert. Diese Ebenen stellen die wichtigsten Puffer zum Schutz der Wirbelsäule dar. Anpassungen im Haltungssystem, speziell im axialen System, sind zu Beginn noch dynamisch und in hohem Maße reversibel, aber wenn nach einigen Monaten die Engrammierung bzw. Speicherung beginnt, verändert sich Dynamik in Starre.

Übersicht über mögliche Therapieansätze

Der Weg zur effektiven Behandlung führt über die Erkennung der ursächlichen Zusammenhänge bzw. die Harmonisierung der somatogenen afferenten Impulse (Abb. 5.37).
Hier sollen nicht alle möglichen Tests und Behandlungsmethoden für die besprochenen somatogenen Afferenzen im Detail erklärt werden. Ein Überblick über sinnvolle Behandlungsmethoden darf aber nicht fehlen.
Stomatognathes System und Kopfgelenke
Das stomatognathe System iststomatognathes System:Therapieansätze ein kompensierender dynamischer Komplex zwischen dem vorderen und hinteren Schädelbereich. Seine Rolle besteht, zusammen mit den kranialen Strukturen, in der Adaptation der Okklusion. Man könnte es auch so sehen, dass die Okklusion die Qualität der kranialen Dynamik reflektiert.
Therapeutische Ansätze bestehen in der Behandlung der häufig asymmetrischen Muskelverspannung alsMuskelverspannungen:asymmetrische Ursache für die Fehlbisslage und in der Behandlung des motorischen Engramms, der falschen Angewohnheit im stomatognathen System, stomatognathes System:Bahnungstechnikendie deprogrammiert werden soll, um danach eine neue programmieren zu können. In diesem Zusammenhang sprechen wir von Bahnung und machen uns effektive Bahnungstechniken Bahnungstechniken:stomatognathes Systemzunutze.
Dies bedeutet nicht, dass eine Schienentherapie stomatognathes System:SchienentherapieSchienentherapie:stomatognathes Systemnicht sinnvoll sein kann, aber sie ist nur als Zwischenlösung zu sehen. Bestimmte Kriterien sollten dabei beachtet werden:
  • Okklusionsschienen Okklusionsschienensollten Patienten nur temporär anwenden. Sie müssen so konzipiert sein, dass sie das interokklusale Kontaktmuster ändern, d. h. die Unterkieferhaltung und das mandibuläre Funktionsmuster.

  • Theoretisch sollte ein gleichmäßiger Kontakt im Seitenzahnbereich unter Front-Eckzahn-Führung bestehen. Die Schiene darf weder zur Tonuszunahme der Kaumuskulatur noch zu einer Hyperaktivität der Triggerpunkte führen.

  • Das Tragen der Schiene darf auch keine Dysfunktionen in der kraniomandibulären und kraniozervikalen Region verursachen.

Gleichgewichtssystem und intrakraniales Gewebe
Ein Trauma oder intrakraniales Gewebe:TherapieansätzeGleichgewichtsstörungen:TherapieansätzeEntzündungsprozesse sind in der Regel die Hauptursachen für Probleme des VIII. Hirnnervs, allerdings sind die funktionellen Störungen oft maskiert. Der vestibuläre Teil der VIII. Hirnnervs spielt natürlich eine große Rolle für das Haltungssystem. Durch intrakraniale durale Spannungsmuster und Rotationsläsionen in der Temporalregion können Entrapment- bzw. Engpasssymptome EntrapmentsymptomeEngpasssymptomeausgelöst werden.
Eine Behandlung dieser kranialen Störungen kann die Neurodynamik und damit verbunden die Funktionalität der kranialen Nerven normalisieren.
Augen
Die Bulbusbeweglichkeit BulbusbeweglichkeitAugenmuskelstörungen:Therapieansätzehängt von sechs Muskeln ab, vier Mm. recti für die Vertikal- und Seitwärtsbewegungen und zwei Mm. obliqui für komplementäre schräge und rollende Bewegungen. Eine begrenzte Beweglichkeit des Bulbus, z. B. als Folge einer funktionellen neurodynamischen Störung motorischer Hirnnerven, führt eher selten zur Einschränkung des normalen Sehens. Für die Praxis ist die anatomische Beziehung zwischen den Kernen der Nerven III, IV und VI und den Kernen des N. accessorius (XI) wichtig.
Die Kopfrotation Kopfrotationerfolgt vor allem durch die Kontraktion des M. sternocleidomastoideus, Musculus(-i):sternocleidomastoideuswährend der M. trapezius Musculus(-i):trapeziusmehr bei der Koordinierung und Anpassung eine Rolle spielt. Schräge Abweichungen der Sehachse und Asymmetrien zwischen beiden Sehachsen müssen kompensiert werden. Daraus ergibt sich, dass bei gestörten visuellen Afferenzen sowohl die Harmonie als auch der Automatismus der reaktiven und unbewussten Blick- und Kopfbewegungen Kopfbewegungen:unbewussteBlickbewegungen:unbewusstebeeinträchtigt sein kann, wodurch Haltungsstörungen entstehen können.
In Bezug auf die Steuerung und Funktion der Augen können natürlich Anpassungen und demnach auch Dekompensierungen entstehen. Drei typische Entgleisungen sind vermehrt in der täglichen Praxis zu beobachten: posturologische bzw. Haltungsfehler, Lernstörungen und Kopfschmerzen. Die letzten zwei werden häufiger bei Kindern/Jugendlichen festgestellt.
  • Die Therapie besteht in der Behandlung von Dysregulationen wie Stauungen und pathologischen Strains im Bereich von Schädel und Kopfgelenken, kranialem Gewebe, Orbita und Bulbus.

  • Hinzu kommt als Must ein Augentraining, umAugentraining das Sehorgan wieder zu dynamisieren.

Füße
Die osteopathische Fuß:TherapieansätzeBehandlung wird sich auf die Normalisierung der Mobilität und Stabilität der Füße, auf die myofaszialen Ketten und die Normalisierung der aufsteigenden und absteigenden Dekompensierungen konzentrieren.
Grundsätzlich muss ein Unterschied zwischen Plattfüßen und Hohlfüßen mit oder ohne zusätzliche Mobilitätseinschränkung gemacht werden. Beide sind natürlich auch funktionell sehr unterschiedliche Fußtypen. Bei Plattfüßen zeigt sich in der Regel eine hypotone und bei Hohlfüßen eine hypertone Muskulatur. Folgende Therapiemaßnahmen können sinnvoll sein:
Bei Neigung zu hypotonen Plattfüßen:
  • Fußsohlen regelmäßig mit dem Plattfüße:hypotoneHandrücken ausstreichen, mit einer weichen Bürste oder einer elektrischen Zahnbürste stimulieren (Exterozeption). Die Bürstmassage auf die ganzen Beine ausdehnen.

  • Viel Barfußlaufen auf harten und unebenen Böden, um die Wahrnehmungsrezeptoren in den Fußsohlen zu trainieren.

  • Greifübungen machen (Blätter oder andere Gegenstände mit den Zehen greifen).

Bei Neigung zu hypertonen Hohlfüßen:
  • Hohlfüße, hypertone Mobilität im Mittelfuß immer wiederherstellen.

  • Übungen mit Beanspruchung der Füße, bei denen Abrollbewegungen und Muskeldehnung im Vordergrund stehen.

  • Eine aktive Dehnung ist wichtig; sie sollte so intensiv sein, dass sie den Golgi-Apparat aktiviert und ein umgekehrter myostatischer Reflex ausgelöst werden kann.

Da ein Mobilitätsverlust im Fuß Fuß:MobilitätsverlustUrsache oder Folge sein kann, sollte er in einem Gesamt-Behandlungsschema zusammen mit der Beinachse, dem Becken, der Wirbelsäule und nicht zuletzt den für absteigende Afferenzen verantwortlichen Strukturen berücksichtigt werden.

Patientenbesprechung

Günter

Günter ist der typische Patient, dessen Arbeit eine permanente Belastung für sein muskuloskelettales System mit sich bringt. Seine Leidensgeschichte ist schon relativ lang und zeigt jetzt Anzeichen einer Progredienz. Daraus ergeben sich zwei logische Fragen:
  • 1.

    Lagen bei Günter schon immer somatogene Afferenzen vor, die den neutralen Bereich seiner Wirbelsäule einschränken?

  • 2.

    Sind neuerdings andere Afferenzen dazugekommen, die seine Progredienz erklären?

Interessanterweise hat Günter zwar immer gut auf manualtherapeutische Behandlungen angesprochen, ohne dass der Erfolg lange anhielt, und Belastung wirkt sich eindeutig negativ auf seine relativ unspezifischen Beschwerden aus. Was ist mit seiner Bisslage, seinen Füßen usw. – oder besser gesagt, wie harmonisch und dynamisch ist seine Posturologie?

Angelika

Bei Angelika zeigen sich nicht direkt Hinweise auf primär mechanische Beschwerden. Vielleicht gibt es negative somatogene Afferenzen, aber ihre Art der Beschwerden spricht eher dafür, dass diese nicht dominant sind.

Roland

Roland gehört zu den Patienten, bei denen logischerweise somatogene Afferenzen eine wichtige Rolle spielen können. Dass er 100 km pro Woche rennt, bedeutet eine starke Belastung für sein muskuloskelettales System, und die von Fuß, unterer Extremität und Becken ausgehende Steuerung hat dabei einen wichtigen Einfluss. Gegen aufsteigende negative Afferenzen sprechen aber Rolands Ruheschmerzen im BWS-Bereich und die Tatsache, dass drei Versuche mit verschiedenen Einlagen nichts gebracht haben.
Die Kopfsteuerung bzw. aus seinen Kopf- und Kiefergelenken absteigende negative Afferenzen müssen natürlich abgeklärt werden. Wenn diese eine wichtige Rolle bei den BWS-Beschwerden spielten, würden sich morgens oft ausgeprägte Beschwerden nach nächtlichem Pressen und/oder Knirschen zeigen, die im Laufe des Tages und durch Bewegung wieder verschwinden. Allerdings finden sich Dekompensierungen durch absteigende Afferenzen aus dem Kieferbereich (bei Okklusionsstörung und/oder Fehlbiss) meistens im Zervikalbereich und nicht in der BWS. Weiterführende Untersuchungen ermöglichen hier eine differenzialdiagnostische Abklärung.

Inge

Bei Inge stellt sich die Frage, warum sie nicht mehr in der Lage ist, sich in der Mitte zu halten, und warum ihr Krafttraining keinen Erfolg zeitigt, sondern sich eher gegenteilig auswirkt. Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Ihr Neutralbereich ist überschritten, d. h., sie kann keine Reize mehr verarbeiten. Entweder haben ihre Probleme nichts mit Muskelschwäche zu tun, oder das Krafttraining hat zu einer noch stärkeren Dysbalance geführt. Ob es sich lohnt, nach negativ belastenden Afferenzen zu schauen, kann mit einer Okklusionsschiene getestet werden. Was bewirkt die Schiene? Wie verhält sich die Okklusion in Bezug auf die Spannung und Triggerpunkte der Kaumuskeln?
Bei Inge zeigen sich sonst keine starken Hinweise darauf, dass eine Summierung von somatogenen Afferenzen der primär ursächliche Faktor sein könnte. Vielmehr ist es die Gesamtheit der Probleme, die unsere Aufmerksamkeit erregen muss: eine mögliche posttraumatische Instabilität der HWS, kombiniert mit einer kraniomandibulären Dysfunktion, und die aus der Vergangenheit bekannten LWS-Probleme. Zusammen könnten diese Faktoren die typischen Schulter-Nacken-Beschwerden ausgelöst haben.

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