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Interferenz bei der Kommunikation von Umfeld und Individuen

Das integrative osteopathische Behandlungsmodell (KI Kontraindikationen)

Denkrahmen der Neuzeit

(nach Pietschmann 2009)

Tab. 1.1
Eingeschlossen Ausgeschlossen
Reproduzierbares Einmaliges, Individuelles
Quantitäten Qualitäten
Analyse Zusammenschau, Synthese, Vernetzung, Integration
Eindeutiges Offenes, Buntes
Widerspruchfreies Lebendiges, Konflikte
Kausal Begründetes Wollen, Kreativität

Einige philosophische Gedanken zur Entstehungsgeschichte der Osteopathie

Einführung

Philosophien sind bedeutsame Antriebskräfte der menschlichen Geschichte, aber unterteilen manchmal die Menschheit nach verschiedenen Wissenssystemen (Rationalismus, Empirismus, Idealismus, Positivismus). Es fällt auf, dass im 16. bis 18. Jahrhundert die Forscher gleichzeitig auch Philosophen waren. Im 19. Jahrhundert war das Verhältnis zwischen Naturwissenschaftlern und Philosophen eher gespannt. Manche Wissenschaftler lehnten Philosophie damals sogar ab. Im 20. Jahrhundert näherten sich etliche Wissenschaftler, wie beispielsweise Einstein und Planck, wieder der Philosophie an. Einstein zufolge könne man die kritische Betrachtung der Grundlagen nicht der Philosophie überlassen.
PhilosophiePhilosophie:BedeutungPhilosophie stammt aus dem Griechischen und bedeutet eigentlich wörtlich Liebe zur Weisheit bzw. zum Wissen. Lernen und Studieren sollen Leidenschaft und Interesse wecken und das Künstlerische und Phantasievolle dabei den Verstand erleuchten. Philosophie strebt nach Weisheit, nach Wahrheit, nach Erkenntnis – und jeder, der philosophiert, entwickelt wahrscheinlich seine eigene Sicht der Dinge. Man könnte lakonisch feststellen, dass es auf eine bestimmte Frage genauso viele mögliche Antworten wie Philosophen gibt.
Als Professor der Psychologie und Neurowissenschaften merkte Ramachandran (2006) sarkastisch an, die ganze Philosophie bestehe nur darin, aufzuschlüsseln, auszugraben und zu widerrufen, was bereits gesagt wurde, und sich dann furchtbar darüber aufzuregen. Ludwig Wittgenstein zufolge behandelt die Philosophie nur Scheinprobleme, indem sie lediglich ihre eigenen Sprachverwirrungen heilt. Er betrachtete Philosophie als therapeutische und nicht als erklärende Tätigkeit (Wittgenstein 1998).
Philosophie ist eine Bewegung, mit deren Hilfe man sich nicht ohne Anstrengung und Zögern, nicht ohne Träume und Illusionen von dem freimacht, was für wahr gilt. Philosophie ist die Verschiebung und Transformation der Denkrahmen, die Modifizierung etablierter Werte und all der Arbeit, die gemacht wird, um anders zu denken, um anderes zu machen und anders zu werden, als man ist, schrieb Foucault (in Barck et al. 1990).
Die fortwährende Suche nach Weisheit, Wahrheit und Erkenntnisgewinn:durch PhilosophieErkenntnis äußert sich geschichtlich allgemein in verschiedenen Herangehensweisen: Religion, Kunst, Philosophie und Wissenschaft. Die Religion versucht eher über den Glauben, die Kunst über das Kreative, die Philosophie über die Sprache und die Wissenschaft über die Forschung, Lösungen und Erkenntnisse zu gewinnen.
Doch wie es Karl R. Popper (1989) treffend formulierte: Durch unser Wissen unterscheiden wir uns nur wenig, in unserer grenzenlosen Unwissenheit aber sind wir alle gleich. Der heilige Augustinus gab einsilbig zu, dass es keine Wunder gibt, sondern nur unbekannte Gesetzmäßigkeiten (Lown 2002).
Der schottische Biologe und Genetiker John Burdan Sanderson Haldane (1892–1964) meinte ironisch, dass eine wissenschaftliche Theorie folgende vier Stadien nacheinander durchlaufe:
  • 1.

    Das ist wertlos und Unsinn

  • 2.

    Das ist ein interessanter, aber verdrehter Standpunkt

  • 3.

    Das ist wahr, aber völlig uninteressant

  • 4.

    Das habe ich doch immer schon gesagt!

Die Entstehung und Entwicklung der Osteopathie:empirisch-historischer KontextOsteopathie und ihre Philosophie lässt sich am besten in ihrem empirisch-historischen Kontext, also in der anatomischen, stilistischen und wissenschaftlichen Tradition und Geistesgeschichte des 19. Jahrhundert, nach der Sturm und Drang-Periode, verstehen. Der Traum vom Alles-kontrollieren-Können, die Suche nach der Weltformel und das Forschen nach der Theory of Everything – dieses Verlangen nach dem Geheimnis aller Geheimnisse – ist anscheinend ein typisch menschliches spirituelles Begehren, das auch den modernen Menschen und nicht zuletzt den Wissenschaftler überfällt.
Außerdem neigt der Mensch offenbar dazu, seine eigene seligmachende Wahrheit als die einzig richtige zu betrachten. Andere Meinungen werden daher hin und wieder schnell und unüberlegt als unwahr und unwissenschaftlich oder als Unsinn abgetan. Wilhelm Busch (2007) hielt die Wahrheit für zu schlau, um gefangen zu werden. Und Karl Jaspers (1996) befand: Das Unheil menschlicher Existenz beginnt, wenn das wissenschaftlich Gewusste für das Sein selbst gehalten wird und wenn alles, was nicht wissenschaftlich wissbar ist, als nicht existent gilt.
Die Professorin für Physiologie C. B. Pert (2007) unterstreicht, dass Wissenschaft in ihrer höchsten Form Wahrheitsstreben ist, das die Werte von Kooperation und Kommunikation umfasst und auf Vertrauen beruht, Vertrauen in uns und in andere.
Ist die Erkenntnis, dass es eine ungeheure Vielfalt von spirituellen Wegen und Wahrheiten gibt, die letztendlich alle zur Selbstverwirklichung führen, nicht unheimlich wichtig? Denn dadurch erhält man (insbesondere der Patient) die Gewissheit, dass jeder seinen eigenen Weg suchen muss, der seinem Wesen entspricht und seine Lebenskraft stärkt!
Wir werden nun kurz einige historische Hintergründe beleuchten, die das Werk A. T. Stills stark geprägt haben dürften. So lässt sich manche allegorische Aussage von Still besser verstehen.

Rationalismus, Empirismus und Eklektizismus

Die politische Unsicherheit durch die vielen Kriege, in Kombination mit der Gegenreaktion zur strengen Scholastik, spaltete das 17. Jahrhundert in zwei Fronten, nämlich den Rationalismus und den Empirismus, die aber eigentlich nie zu hundert Prozent voneinander getrennt werden können.
Die Rationalisten betonten die Wichtigkeit des Verstandes oder der Vernunft (lateinisch: ratio) und vertraten die Überzeugung, die Welt sei nach logischen Gesetzmäßigkeiten geordnet. Sie stützten sich oft mehr auf mathematische und methodische Strenge statt den trügerischen Sinnen zu trauen. Die Macht des Denkens ließ sie eher als die Empiristen daran glauben, die Welt als Ganze, die vollkommene Wahrheit denkend erfassen und nachbauen zu können. Sie erkannten zwar die Notwendigkeit von Experimenten an, ordneten sie aber immer der rationalen Argumentation unter.
Der Begründer des Rationalismus:(Descartes)Rationalismus war Ren Descartes (1596–1650), der mit seiner Aussage Cogito, ergo sum (Ich denke, also bin ich) das Denken über alles, auch über die Materie stellte. Descartes betrachtete das Subjekt als denkendes Wesen (res cogitans). Die Dinge der Außenwelt, wie auch der eigene Körper, beständen nur aus kleinen, unsichtbaren Materieteilchen, die sich in der Länge, Breite und Höhe ausdehnen könnten. Materie und Außenwelt bezeichnete er daher als ausgedehntes Wesen oder ausgedehnte Substanz (res extensa). Natürliche Objekte und Tiere waren für Descartes:RationalismusDescartes Maschinen mit mechanistischen Prinzipien. Er legte die Basis für eine materialistische oder mechanistische Sichtweise, indem er auch den menschlichen Körper mit einer Maschine verglich, in der die Nerven wie Seile über Druck und Zug mit dem Gehirn kommunizieren. Nur verfügen Maschinen nun einmal nicht über geistige Fähigkeiten. Deshalb sprach Descartes davon, dass zwei verschiedene Substanzen existieren: Körper und Seele (res extensa/res cogitans). Dies wurde als cartesianischer Dualismus:cartesianischerDualismus bekannt (von Cartesius lateinisch für Descartes).
Die Empiristen betonten mehr die Erfahrung (griechisch: empeiria Erfahrung) und lehnten nicht nur die absolute Gültigkeit von Gesetzen ab, sondern auch, dass moralische Normen und Werte angeboren und allen Menschen gemeinsam wären. Niemand habe die Wahrheit durch Erbrecht gepachtet. Die Empiristen:vs. RationalistenEmpiristen kritisierten die Rationalisten dafür, in Bereiche einzudringen, über die eigentlich kein Wissen erlangt werden könne. Empiristen versuchten überall ohne apriorische (vorgegebene) Begriffe oder Grundsätze auszukommen. Was die Naturwissenschaften betrifft, standen sich Empiristen und Rationalisten aber durchaus nahe.
Die Naturforschung darf sich laut Francis Bacon nicht auf das Hörensagen verlassen, sondern muss unwiderlegbare Beweise erbringen. Während die Griechen Wissenschaft hauptsächlich noch als spekulativ und philosophisch betrachtet hatten, sah Bacon (1986) sie als Mittel zur Machtausübung über die Natur. Der Verstand an sich sei leer (tabula rasa) und könne Sinneseindrücke weder erzeugen noch unterdrücken. Dafür betätige er sich aktiv beim Zusammensetzen und Vergleichen und produziere unendlich viele Ideen, leider aber ohne den Ratschlägen der Vernunft zu folgen. Damit forderte Bacon die Naturwissenschaft:(Bacon)Naturwissenschaft auf, sich einer konstanten Selbstkritik und reinigenden Überprüfung zu unterziehen.
Die Streitigkeiten zwischen Rationalismus und Empirismus reichten bis ins Zeitalter der Aufklärung hinein. Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts versuchte man, einen Mittelweg zwischen Rationalismus und Empirismus mit einer Prise kritischer Reflexion in Form des EklektizismusEklektizismus (von griechisch eklektos ausgewählt) zu finden. Man rief dazu auf, sich nicht aus der realen Welt in die Gelehrtenstube zurückzuziehen und auch nicht planlos auf der Suche nach kuriosen Ergebnissen herumzuexperimentieren. Auch die Universitäten wollten nicht an einem Denksystem festhalten, sondern boten den Studenten beides an, Rationalismus und Empirismus.

Medizin und Naturwissenschaften im 16. und 17. Jahrhundert

Paracelsianismus und Galenismus

Der Arzt und Philosoph Paracelsus (1493–1541) wetterte gegen die scholastischen Lehren des Mittelalters mit ihrer Harnschau und gegen die vorherrschende Viersäftelehre nach Galen. Er stellte das Experiment (z. B. Destillation von Essenzen aus Pflanzen) über die schriftliche Überlieferung und versuchte mit seiner Iatrochemie (ärztliche Chemie), Alchimie, Chemie und Medizin miteinander zu verknüpfen. ParacelsusParacelsus erkannte, dass viele Krankheiten durch äußere Einflüsse (z. B. durch giftige Absonderungen von Erdmineralien der Erde) entstehen und sich mit einfachen chemischen Substanzen behandeln lassen (Porter 2003). Epochal für die Arzneimittellehre:von ParacelsusArzneimittellehre war sein Ausspruch: All Ding sind Gift und nichts ohn Gift; allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.
Paracelsianer verkündeten, der menschliche Körper sei eine chemische Maschine und die Krankheit stelle eine parasitär im Körper existierende und vom Körper unterscheidbare Eigenart dar. Paracelsus wird heute als Grenzgänger gesehen, der mit einem Bein im abergläubischen Mittelalter und mit dem anderen schon weit in einer aufgeklärten Zeit stand (Rippe 2006). Weil Paracelsus:ArzneimittellehreParacelsus auch mit (teilweise bedenklichen) Arzneien aus Metallen und Mineralien wie Quecksilber, Blei und Schwefel behandelte, ist die richtige Interpretation seiner Ausführungen noch heute Gegenstand heftiger Diskussionen zwischen Vertretern der traditionellen und alternativen Medizin. Auf jeden Fall haben aber die Homöopathie, die Spagirik, die anthroposophische Medizin und auch die moderne Pharmazie und Chemie Paracelsus viel zu verdanken.
In Gegensatz zum Paracelsianismus behauptete der Galenismus, Krankheit sei Teil der Person und auf eine Störung der vier Körpersäfte (Humores) zurückzuführen. Als sog. Energieträger (vergleichbar mit den vier Elementen Feuer, Wasser, Luft und Erde) sollen vier Körpersäfte – weiße Galle, schwarze Galle, Blut und Schleim – im gesunden Zustand ausgewogen im Körper verteilt sein (Porter 2003). Galen:Vier.Säfte-LehreGalen verließ sich bei der Behandlung mehr auf Aderlass, Purgierung und pflanzliche Arzneien. Man dachte zudem, Blut würde in der Leber erzeugt und erhielte dort auch seinen natürlichen Geist. Nach dieser Lehre bekäme das Blut darüber hinaus im Herzen seinen Lebensgeist und im Gehirn seinen animalischen Geist. Die Bedeutung der Atmung war noch nicht bekannt. Man glaubte, die Atmung sei dazu da, die rechte Kammer des Herzens zu kühlen, damit es seine Aufgabe bei der Erzeugung des Lebensgeistes meistern könne.

Atomistik

Für die Entwicklung der Medizin war die Lehre der AtomistikAtomistik (Atomismus), die aus der Antike stammte und während der Renaissance wiederbelebt wurde, von entscheidender Bedeutung. Den Begriff Atom prägte der griechische Philosoph Demokrit von Abdera bereits im 5. Jahrhundert v. Chr. für kleinste, nicht weiter zerlegbare Materieteilchen, die unveränderlich und ewig sein sollten und nur durch mechanische Kräfte bewegt werden könnten. Nach der materialistischen materialistischen Lehre:AtomistikLehre der Atomistik sind die Unterschiede zwischen physikalischen Körpern durch die Form, Anordnung und Bewegung ihrer Atome erklärbar.
Noch heute wird die materialistische Sichtweise der modernen Atomistik (Chemie und Biochemie) dem ganzheitlichen Denken des Holismus gegenübergestellt. Lässt sich Leben auf physikalische und chemische Vorgänge im Sinne der Atomistik reduzieren, ist wirklich alles nur Chemie oder ist das Ganze vielleicht doch mehr als die Summe der Einzelteile?

Vitalismus

Monadentheorie von Leibniz
G. W. Leibniz (1646–1716) löste die Grundfrage der Philosophie idealistisch, indem er die Materie als ein Anderssein der Seele deutete. Er betonte die Wichtigkeit von Harmonie, die er als Summe von unendlich vielen Monadentheorie:(Leibniz)Monaden oder unteilbaren spirituellen Substanzeinheiten betrachtete (Busche 2009). Nur Gott sei als der vollkommenste Geist ohne Körper oder Leib. Unsere Welt betrachtete er als die beste aller Welten, in der sich Gutes und Böses gegenseitig bedingen, weil das Gute nur zum Preis von notwendigerweise existierendem Übel zu haben ist.
Leibniz und auch Stahl (siehe unten) lehnten die mechanistischen Ansichten von Descartes ab und betrachteten den menschlichen Körper nicht als Maschine. Für Leibniz war die reduktionistische Philosophie der Atomisten eine faule Philosophie, weil sie die vitale, sich permanent verändernde Welt nicht tiefgründig genug analysierte, sondern Atome als kleinste, leblose (leere) Bausteine des Universums ansah (Busche 2009). Leibniz ging von der Existenz einer Anima oder übergeordneten gottgegebenen Seele aus, die als Vitalkraft die körperliche Gesundheit regulieren würde. Erst durch den Einfluss dieser Anima könnte aus toter Materie ein lebendiger Mechanismus entstehen. Dies wird als Vitalismus:(Leibniz)Vitalismus (lateinisch vitalis zum Leben gehörig) bezeichnet. Leibniz:VitalismusLeibniz:MonadentheorieLeibniz entwickelte seine Monadentheorie, der zufolge das gesamte Universum aus Monaden oder einer Art immateriellen, spirituellen Atomen und beseelten mathematischen Punkten bestand. Die unterste Stufe in der Hierarchie der Monaden bilden sogenannte Entelechien, Zentren spontaner Aktivität einer nicht-physikalischen Kraft in Pflanzen. Auf der höchsten Stufe standen nach Leibniz Monadentheorie die vernunftbegabten Seelen oder Geister, die beim Menschen zur Selbstreflexion befähigt sind und ein Ich-Bewusstsein ermöglichen.
Leibniz unterschied zwischen der Erstmaterie, einer flüssig-elastischen Materie, die alle Körper durchströmen würde (von ihm auch als Äther oder dynamische Lichtmaterie bezeichnet), und der Zweitmaterie in Form ausgedehnter Körper, die eigentlich nur Phänomene darstellten. Das beseelte mathematische Zentrum einer Monade kann nicht ohne seine Hülle aus flüssiger Lichtmaterie existieren. Wo die Hülle nach Ausdehnung strebt und auch zerstört werden kann, ist die Seele als mathematischer Mittelpunkt unzerstörbar und unsterblich. So antwortete Leibniz intellektuell auf das Leib-Seele-Leib-Seele-Dilemma:(Descartes)Dilemma von Descartes. Die Zirkulation von flüssigem Äther oder Lichtmaterie in den Körpern ist laut Leibniz ein von Gott eingerichtetes Kunstwerk, das für eine perfekte Harmonie zwischen den Wahrnehmungen der Seele und den Bewegungen der Körper sorgt (Busch 1997).
Weitere Entwicklung
Nach der von G. E. Stahl (1660–1734) entwickelten Phlogiston-Theorie ist das unsichtbare Phlogiston ein Bestandteil der Materie, der sie brennbar mache (griechisch phlogistos verbrannt). Das Phlogiston-Theorie:(Stahl)Phlogiston würde bei der Umwandlung von Materie, wie etwa bei der Verbrennung oder Verrostung, aus der Materie entweichen. Beim Erwärmen eines Körpers könne Phlogiston in ihn eindringen, während es beim Zusammenpressen aus ihm herausgedrückt werde. Auch Stahl richtete sich gegen den Reduktionismus. Für ihn bestand menschliches Handeln aus mehr als rein mechanischen Kettenreaktionen und setzte eine lenkende Seele voraus. Stahl betrachtete Krankheit als einen Versuch der Seele, krankmachende Materie auszuscheiden (Porter 2003).
Diese Phlogiston-Theorie war gut vereinbar mit dem Vitalismus:AristotelesVitalismus, der bereits von Aristoteles begründet wurde und besagte, dass den Erscheinungen des Lebenskraft:AristotelesLebens eine innere Gesetzmäßigkeit haben, die auf eine besondere Lebenskraft (Vis vitalis) zurückzuführen sei. Aristoteles zufolge wirkt die immaterielle Form des Lebewesens (die Seele) prägend auf die leblose Materie ein und lässt damit erst den Organismus entstehen. Die scheinbar geheimnisvolle Vitalisierung lebloser Materie zum ausgebildeten Geschöpf Mensch sorgte immer wieder für eine Neubelebung des Vitalismus. Man definierte eine unerforschliche nicht-mechanische Lebenskraft, die den Erscheinungen des Lebens zugrunde liegen sollte.
Im berühmten Monadenstreit der Berliner Akademie der Wissenschaften wurde 1747 die Monadenlehre abgelehnt. Es kam zu einer Spaltung in Vertreter der von Leibniz beeinflussten deutschen Aufklärung und einer antimonadischen Auffassung, die von der französisch-englischen Aufklärung geprägt war. E. (von) Swedenborg (1688–1772) und F. A. Mesmer (1734–1815) könnte man als Vertreter der vitalistischen Monadenthese sehen. Wir werden später ausführlicher über die beiden berichten (Kap. 1.7), weil A. T. Still, der Begründer der Osteopathie, sowohl mit der Lehre von Leibniz (Monadenlehre) und Swedenborg (Theosophie) als auch mit der Lehre von Mesmer (Mesmerismus) in Kontakt kam.

Die Aufklärung im 18. Jahrhundert

AufklärungAufklärung:(Enlightenment)Aufklärung hat etwas mit Klarheit oder Licht ins Dunkel bringen zu tun, was sich international in Begriffen wie Aufklärung, Philosophie des Lichts oder Enlightenment für das 18. Jahrhundert widerspiegelt. Dieses Jahrhundert war sozusagen auf dem Weg aus der Dunkelheit des Mittelalters ins strahlend helle Licht der Vernunft und Aufklärung im 18. und 19. Jahrhundert. Man könnte die Aufklärung als hoffnungsvollen Weg vom Dunklen zum Licht betrachten.
Ab dem 17. Jahrhundert blühte das Interesse an naturwissenschaftlichen Entdeckungen auf und ließ das 18. Jahrhundert zum Zeitalter der wissenschaftlichen wissenschaftliche Revolution:18.Jhdt.Revolution heranreifen. Allmählich verlagerte sich das Interesse von der Spekulation zum Experiment. Nur die Medizin hinkte hinterher.
Der Wille, vor allem nach rational-wissenschaftlichen Lösungen für existentielle Fragen und Probleme zu suchen, führte in Verbindung mit einer starken Fortschrittsgläubigkeit weg vom blinden Glauben an die Obrigkeit und an das geschriebene Wort. Die zentralen Forderungen der Aufklärung lauteten: Wissen statt Glauben, Gedankenfreiheit, Glaubensfreiheit und Trennung von Kirche und Kirche und Staat:TrennungStaat.
Instrumentenbauer hatten sich mittlerweile im 18. Jahrhundert, beispielsweise im Bereich der Uhrmacherei, ein respektables technisches Wissen angeeignet. Sie wurden aber zunehmend selber zum Instrument, einerseits der Akademien und Höfe, andererseits der Wirtschaft, und kollidierten immer stärker mit der Zensurkompetenz der katholischen Kirche. Auch die Bürger wollten zunehmend selbst denken und forderten sowohl vom Staat als auch von der Kirche Gedankenfreiheit und gleiches Recht für alle. Mit dem 18. Jahrhundert begann eine Periode des Prüfens, des Infragestellens, der Phantasie, der Aufklärung und der Kritik, und zwar allem gegenüber; nicht nur Lehren oder der Religion, sondern auch dem Staat und der Gesetzgebung gegenüber. Diese Periode der Kritik wurde zum Zeitalter der Philosophen.
Kants Kritik der reinen Vernunft
In der Zeit um 1781, als Immanuel Kant:Kritik der reinen VernunftKant (1724–1804) seine Kritik der reinen Vernunft schrieb, war man also vollauf damit beschäftigt, sich vom Gängelband der geistigen und geistlichen Kultur zu befreien, um endlich wieder frei denken und forschen zu können (Kant 1986). Kant startete regelrecht eine Revolution der Denkart und forderte jeden auf, sich öffentlich für die Freiheit zu denken einzusetzen, zu sagen und zu schreiben, was man für richtig hält und was man denkt. Gleichzeitig warnte er aber auch vor der Gefahr durch eine Bewegung von Selbstdenkern, die überzeugt sind, das Recht zur Wahrheit mit sich herumtragen.
Kant hielt den Streit zwischen Rationalisten und Empiristen für einen Skandal und stellte erneut die Fragen nach Gott, Freiheit, Moral und Staat. Darüber hinaus wollte er die Metaphysik:KantMetaphysik oder Fundamentalphilosophie als Wissenschaft anerkennen lassen. Mit seiner kritischen Transzendentalphilosophie griff er die dogmatische Philosophie seiner Zeit an und erklärte, dass alle Erkenntnis an sinnliche Anschauungen geknüpft und daher nur aus der Erfahrung heraus möglich wäre. Kant befreite damit die Philosophie:als WissenschaftPhilosophie von fremden Denkmustern der Mathematik (Rationalismus) und der Naturwissenschaft (Empirismus) und festigte sie als methodisch autarke Philosophie.
Erkenntnis ist laut Kant ein Vorgang des Synthetisierens, durch den man in den Stand versetzt wird, deutlich den Zusammenhang der Dinge mit ihren Gründen einzusehen. Dabei ist zwischen Erkenntnis:a prioriErkenntnis:a posteriori (empirisch)Erkenntnissen a priori (allgemein gültig – vor der Erfahrung – unabhängig von den Sinnen) und Erkenntnissen a posteriori (empirisch – aus der Erfahrung entstanden) zu unterscheiden.
Reine Erkenntnis entsteht laut Kant aus apriorischen Voraussetzungen, während Mathematik und Physik beispielsweise nur zu logischen Erkenntnissen aus der Konstruktion der Begriffe kommen.
Kant bringt das Feld der Philosophie mit folgenden weltbürgerlichen Fragen zusammen:
  • Was kann ich wissen? (Metaphysik)

  • Was soll ich tun? (Ethik – Moral und Recht)

  • Was darf ich hoffen? (Religion)

  • Was ist der Mensch? (Anthropologie)

Physiognomik und Phrenologie

Auch wenn die Lavatersche Physiognomik und Gallsche Phrenologie als wissenschaftlich fragwürdig abgestempelt werden, haben doch beide im 18. und 19. Jahrhundert dafür gesorgt, dass große Denker wie J. W. von Goethe, C. Darwin, A. Comte, R. Virchow, A. T. Still und andere die Persönlichkeit des Menschen und das humanistische Ideal empirisch intensiv und kritisch untersucht haben.

Lavater und die Physiognomik

Der schweizerische Theologe J. C. Lavater:PhysiognomikLavater (1741–1801) schrieb ein 4-bändiges Werk mit dem Titel: Physiognomische Fragmente zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe. Als Physiognomik:(Lavater)Physiognomik (griechisch physis Körper und gnome Wissen) bezeichnet man die Lehre, aus unveränderlichen Äußerlichkeiten des Körpers, besonders des Gesichts, auf seelische Eigenschaften eines Menschen schließen zu können.
Bis ins Altertum (Aristoteles, Cicero, Galen) lassen sich physiognomische Aussagen zurückverfolgen. So äußerte Galen beispielsweise, dass kleine Augen ein sicheres Zeichen für Verzagtheit seien, während laut Aristoteles eine flache Nase auf eine laszive Neigung und kleine Ohren auf einen Hang zum Diebstahl hindeuteten. Auch in der bildenden Kunst und Dichtung versuchte man, die Organisation der Natur und die universelle Natursprache sichtbar zu machen. Lavater legte ein riesiges Bildarchiv aus Silhouetten und Porträtzeichnungen an und äußerte sich wie folgt dazu: Ich verspreche nicht (denn solches zu versprechen wäre Thorheit und Unsinn) das tausendbuchstäbige Alphabeth zur Entzifferung der unwillkürlichen Natursprache im Antlitze, und dem ganzen Aeußerlichen des Menschen, oder auch nur der Schönheiten und Vollkommenheiten des menschlichen Gesichtes zu liefern; aber doch einige Buchstaben dieses göttlichen Alphabeths so leserlich vorzuzeichnen, dass jedes gesunde Auge dieselbe wird finden und erkennen können, wo sie ihm wieder vorkommen (Lavater 1984).
Weil Lavaters Begeisterung für die Physiognomik manchmal in Schwärmerei ausartete und jegliche analytische Forschung fehlte, wuchs die Kritik an seiner Methode. Anfangs zeigte sich auch Goethe von Lavaters Arbeit begeistert und begleitete ihn sogar auf seiner Deutschlandreise (Hohoff 2006). Ab 1776 distanzierte sich Goethe aber von Lavater und wandte sich der sogenannten PathognomikPathognomik zu. Dazu merkte Goethe genauso wie der deutsche Schriftsteller und Professor für Experimentalphysik G. C. Lichtenberg (1742–1799) kritisch an, dass sich die Seele des Menschen zwar vielleicht vom Äußeren ablesen ließe, jedoch nur, wenn eine Krankheit (deswegen Pathognomik) oder das Schicksal deutliche Spuren am Körper hinterlassen hätten. Deswegen müsste auch auf die Kleidung, Wohnungseinrichtung, Lebensweise und den sozialen Status geachtet werden, die ebenfalls ihre Spuren am Körper hinterließen (Goethe 1962).
Im 20. Jahrhundert wurde Lavater zu Unrecht wissenschaftlicher Rassismus und Antisemitismus vorgeworfen. Dabei hatte er demütig geschrieben: Gott weiß, dass ich von ganzer Seele alle Scharlatanerie, alle lächerlichen Anmaßungen von Allwissenheit und Unfehlbarkeit, die so manche Schriftsteller in den verschiedensten Formen durchscheinen lassen und ihren Lesern einreden wollen, verachte (Lavater 1984).

Gall und die Phrenologie

F. J. Gall:OrganologieGall (1758–1828) studierte Medizin in Straßburg und promovierte 1785 in Wien. Er forschte jahrelang an tierischen und menschlichen Schädeln und Gehirnen und sammelte Gipsabdrücke, Büsten und Schädel von berühmten und berüchtigten Personen. Er entwickelte eine Lehre von Organen mit geistigen Funktionen (z. B. Sprachbegabung, musische Begabung, mathematische Begabung, Religiosität), die er Organologie:GallOrganologie nannte. Diese Organe seien in Großhirnbereichen lokalisiert. Das Hirn ist keine solide Masse, sondern eine große in [] regelmäßigen Falten liegende Haut. Die Hirnwindungen sind die peripherischen Ausbreitungen der Hirnnervenbündel, kein bloßes Spielwerk, sondern tatsächlich die Organe der Geisteskräfte, behauptete Gall 1825 (Gall-Spurzheim 2001).
Von den 27 Geistesorganen wären 19 gemeinsam bei Tier und Mensch (Triebe, Instinkte und Vermögen) vorhanden und 8 typisch menschlich (intellektuelle Fähigkeiten). Der Umfang und die Zusammensetzung der jeweiligen Organe sorgten laut Gall für individuelle Unterschiede. Er begann nach Bauplänen und Zusammenhängen gemäß der Evolution der Lebewesen zu suchen und den Menschen als biologisch beschreibbares Wesen zu untersuchen. Dabei unterstrich er den Zusammenhang von Psyche und Seele mit der Beschaffenheit des Gehirns, was darauf schließen ließ, dass das Gehirn im Gegensatz zur damaligen Lehrmeinung nicht ein simples Werkzeug der Seele war.
In einem Schreiben an den französischen Wissenschaftler G. Cuvier betonte Gall 1802, dass das menschliche Gehirn zum Großteil mit dem tierischen vergleichbar sei und darüber hinaus noch einige Organe zusätzlich besitze, was eine Provokation der etablierten Anthropologie, Psychologie und Religion darstellte. Die moralisch-sittliche Interpretation der menschlichen Handlungen kann laut Gall nicht mehr ausschließlich, vielleicht auch teilweise überhaupt nicht mehr, dem freien Willen zugeordnet werden (Gall-Spurzheim 2001). Daran entzündete sich die Diskussion, ob der Mensch nun frei oder nur ein Produkt der blinden Natur sei. Gall behauptete, wenn der Mensch die Produkte der Natur nicht mehr bewältigen könne, höre er auf, Mensch zu sein, und werde wahnsinnig. Im Wiener Narrenturm, der dem Krankenhaus angegliedert war, untersuchte Gall Geisteskranke und kam zum Ergebnis, dass deren Krankheiten eigentlich Gehirnkrankheiten wären. So sah er beispielsweise Kriminelle als hirnkrank und lehnte die Anwendung von Gewalt gegenüber hirnkranken Menschen ab.
Organprinzipien:(Gall)Gall:OrganprinzipienGall formulierte vier allgemeine Prinzipien, die in der damaligen Zeit zum Stein des Anstoßes wurden (Gall 1825):
  • 1.

    Die sittlichen und geistigen Anlagen sind angeboren und ihre Manifestation eine Frage der Organisation. Damit widersprach er Empiristen wie J. Locke, der den Geist zum Zeitpunkt der Geburt mit einer Tabula rasa (abgeschabte Tafel im Sinne von unbeschriebenes Blatt) verglich, oder P. Cabanis, der behauptete, das Gehirn verdaue Sinneseindrücke und sezerniere Gedanken auf die gleiche Weise, wie der Magen Nahrung verarbeite und Verdauungssäfte absondere.

  • 2.

    Das Gehirn ist das einzige Organ des Geistes. Aristoteles zufolge würden Emotionen aber im Unterleib und Brustkorb gebildet. Darüber hinaus wurde Gall Materialismus vorgeworfen, denn schließlich habe der Geist, die Seele über der schwabbeligen Hirnsubstanz zu stehen.

  • 3.

    Das Gehirn besteht aus so vielen speziellen und unabhängigen Organen, wie es fundamentale Vermögen des Geistes gibt. Obwohl Gall das Gehirn und damit die Seele zergliederte, glaubte er trotzdem an ihre Ganzheit. So äußerte er: Das Denken und das Bewusstsein haben kein besonderes örtliches Organ wie die übrigen, sondern schweben wie der Geist selber gemeinschaftlich über allem. Die Zergliederung der Seele stand übrigens in starkem Widerspruch zu der von Descartes vertretenen heiligen Einheit von Geist und Seele.

  • 4.

    Die Organe des Gehirns seien das biologische Substrat der unabhängigen Fähigkeiten des Geistes. Gall betrachtete den Geist, wie nur wenige vor ihm zu äußern wagten, als das Produkt physischer Prozesse im Gehirn. Wenn Gall das Denken durch Physiologie und die Persönlichkeit durch Anatomie erklärte, dann bestand die größte Gefahr eindeutig darin, dass er die unsterbliche Seele als eine bloße Erfindung ansehen könnte. Wenn der Mensch nur das werden kann, wozu ihm die Natur das passende Organ zur Verfügung stellt, wäre der Mensch lediglich eine Maschine und alle Hoffnungen auf ein Besserwerden nichts als Hirngespinste. Der freie Wille und die unsterbliche Seele wären nur eine Utopie. Man warf ihm auch vor, dass er den Geist und das Geistige mit physiologischen (materialistischen) Erklärungen zu behandeln versuchte, obwohl das eigentlich nur psychologisch (intellektuell) möglich wäre.

Leider verknüpfte Gall seine Prinzipien mit einer anderen Theorie, nämlich mit der Kraniologie:(Gall)Kraniologie oder Schädellehre (auch als Kranioskopie bekannt), indem er einen Zusammenhang zwischen Schädelform und Charaktereigenschaften postulierte. Sicherlich haben sich auch das spektakuläre Gebaren des Entertainers und Unternehmers Gall, der beispielsweise Eintrittsgeld für seine Vorträge und Auftritte in Zucht-, Toll- und Waisenhäusern verlangte, negativ ausgewirkt. Man berichtete zwischen 1805 und 1807 in den kulturellen Zentren Europas begeistert, dass er jedes Mal wieder die besondere Eigenschaft von Verbrechern und Angeklagten entdeckt hätte. Das veranlasste Gall zu der lakonischen Bemerkung: Aus allen Anzeichen geht hervor, dass ich als Schwärmer und exzentrischer Kopf geboren bin und dass man mich als Kind eher ins Spital als in die Schule hätte schicken sollen. (Gall-Spurzheim 2001)
Mit seiner Schädellehre:(Gall)Schädellehre wollte er eigentlich nur die Funktionen des Gehirns und die seiner verschiedenen Teile in Erfahrung bringen und aufzeigen, dass es möglich ist, verschiedene Anlagen und Neigungen aus den Erhöhungen und Vertiefungen am Kopf zu ermitteln. Je stärker die Schädeldecke gewölbt oder eingesunken sei, desto ausgeprägter bzw. schwächer sollten die Organe des Gehirns sein. Dass der Schädel die Form des Gehirns widerspiegle, war natürlich falsch. Gall fing an, die Stirn, Schläfen, den Hinterkopf und die Schädeldecke seiner Patienten besonders intensiv abzutasten. Sein Versuch, durch die Analyse verschiedener Falldarstellungen einen Zusammenhang zwischen Verhalten und Funktionsverlusten einerseits und der Schädelform andererseits empirisch zu belegen, war stark an die zeitgenössische Methode der Erfahrungsseelenlehre angelehnt. So untersuchte er auch Schlaganfallpatienten und lokalisierte die Region des Sprachsinns, die später durch andere Wissenschaftler bestätigt wurde.
Sein Assistent J. C. Spurzheim zerstritt sich mit Gall und exportierte in den 1830er Jahren einen eigenen Ableger der Kraniologie nach Amerika, der dort unter anderem durch G. Combe als Phrenologie:in AmerikaPhrenologie äußerst populär wurde (Düweke 2001). Weil das Zwerchfell (phreno) bei den Griechen als Sitz des Geistes galt, bezeichnete er die Schädel-Gehirnlehre als Phrenologie (Aerni 2003). Spurzheim erweiterte die Zahl der Hirnorgane von 27 auf 35 und ließ die niederen und bösen Organe weg, weil er meinte, das käme der optimistischen Mentalität der Amerikaner mehr entgegen. Die Phrenologie wurde in Amerika von renommierten Wissenschaftlern und Intellektuellen (z. B. H. Mann und S. G. Howe) begeistert aufgenommen und wuchs sich in Form einer Selbsthilfebewegung (praktische Phrenologie) zu einem nationalen Industriezweig mit Schädelkarten und Abdrücken aus (Tomlinson 2005).
Obwohl Gall ein hervorragender Anatom war und vergleichende anatomische Untersuchungen anstellte, dabei allerdings betonte, dass die Begutachtung des Schädels nur einen begrenzten Aussagewert habe und auch Umweltfaktoren, Erziehungseinflüsse und die Reizbarkeit des Hirnorgans berücksichtigt werden müssten, geriet er mit der damaligen wissenschaftlichen Elite immer mehr in Streit. Man verglich die Kraniologie:(Gall)Kraniologie mit der spekulativen Physiognomik von Lavater. Letztendlich warf man ihm Scharlatanerie vor und verbannte ihn zuerst aus Wien und dann auch aus Paris. So wies Kaiser Franz I. die Staatskanzlei an: Da über diese neue Kopflehre, von welcher mit Enthusiasmus gesprochen wird, vielleicht manche ihren eigenen [Kopf] verlieren dürften, diese Lehre auch auf Materialismus hinzuführen, mithin gegen die ersten Grundsätze der Religion und Moral zu streiten scheint, so werden Sie diese Privatvorlesungen alsgleich verbieten lassen. (Aerni 2003) 1817 wurde Gall von Papst Pius VII. sogar exkommuniziert.
Obwohl die Interpretation von Schädelausbuchtungen natürlich Humbug ist, hat sich Galls Vorstellung einer kortikalen Lokalisation geistiger Verarbeitungsprozesse und z. B. auch der Sprachmotorik:kortikale LokalisationSprachmotorik mittlerweile als Tatsache erwiesen. Für die Erforschung von Zusammenhängen zwischen bestimmten Kortexarealen:kognitive FunktionenKortexarealen und spezifischen kognitiven kognitive Funktionen:KortexarealeFunktionen (wie Gall behauptet hatte) fließen mittlerweile Millionen Dollar in die Neurowissenschaften. Manche sprechen deswegen schon von einer neuen Phrenologie. Gesichert ist, dass viele große Persönlichkeiten, wie beispielsweise Goethe, die Vorträge von Gall besuchten (Aerni 2003). A. T. Still und auch W. G. Sutherland haben in Amerika die Phrenologie kennengelernt (Trowbridge 2002).

Theosophie, Mesmerismus und Spiritualismus

Swedenborg und die Theosophie

Der schwedische Wissenschaftler und Theologe E. (von) Swedenborg:TheosophieSwedenborg (1688–1772) suchte nach mechanischen und organischen Zusammenhängen in der Natur. Es bestehen erstaunliche Parallelen zwischen dem Lebenslauf und den Werken von Leibniz (1646–1716) (siehe oben) und denen von Swedenborg. Swedenborg entwickelte auch Apparate und Verbesserungen für den Bergbau, beispielsweise einen Ofen mit langsamer Verbrennung. Er führte das Dezimalsystem ein und veröffentlichte Bücher über Algebra, Differential- und Integralrechnung. In Swedenborgs anatomischen Arbeiten über das Gehirn wird die Anatomie der Meningen und der Sinus durae matris beeindruckend detailliert wiedergegeben (Swedenborg 2005).
In vitalistischer Manier suchte er nach der Struktur der Materie in der Welt der Wirkungen und den Regeln, nach denen die Seele ihr Königreich, den Körper, regiert. Swedenborg betrachtete die Körperflüssigkeiten:als InformationsträgerKörperflüssigkeiten (Blut, Lymphe und Liquor) als Informationsträger, die durch Schwingungen miteinander kommunizieren und inhärente Heilungsmechanismen in sich tragen. So fand Swedenborg, genau wie Leibniz, eine Flüssigkeit mit einem höchsten Grad an Reinheit, die von einigen animalischer Geist (animal spirit) genannt wird; sie dringt als Hauptbestandteil ins rote Blut ein und stellt die Lebenskraft:(Swedenborg)Lebenskraft (vital essence) dar. Diese Flüssigkeit bildet die aktive Kraft, sozusagen die eigentliche Macht (Potency). Das geistige Leben durchströmt, wie die Liebe, den Menschen. Leibniz und Swedenborg beeinflussten damit sicherlich auch Still und Sutherland. Vermutlich hat Sutherland:Paradigmen von SwedenborgSutherland folgende Paradigmen von Swedenborg übernommen (Hartmann 2010, Swedenborg 2005):
  • Es existiert eine intrinsische Bewegung des Gehirns und der Dura Dura mater:Bewegungmater.

  • Die Bewegung des Gehirns ist in Relation zur Lungenbewegung als primär zu bewerten.

  • Die Dura mater bildet in Bezug auf die Bewegung der Schädelknochen eine reziproke reziproke Spannungsmembranreziproke Spannungsmembran:Dura materSpannungsmembran.

  • Die Schädelnähte sind beweglich.

  • Es existiert ein fluidaler Mechanismus im Menschen (an das alte Konzept des Spiritus animalis angelehnt).

Swedenborg betonte die Rolle der Hirnrinde als Sitz seelischer Funktionen und entwickelte bereits vor Gall eine Lehre von den Hirnlokalisationen. Seine Theorie über die Cerebellula oder die ursprünglichen Nervenzellen, deren Summe die Gesamtheit der Rinde bildet, war einfach epochal. In seinem Werk Principia betrachtete er das Atom als kleines Sonnensystem aus Energiekernen mit Bewegungen nach mathematischen Gesetzen. Swedenborg gab an, dass Wärme eine Art Bewegung ist und dass Magnetismus und Elektrizität eng zusammenhängen.
Mit der Auffassung, dass unsere Lebenskraft vornehmlich aus kleinsten Schwingungs- oder Wellenbewegungen besteht, war Swedenborg seiner Zeit weit voraus.
Um 1745 beendete er seine wissenschaftlichen Tätigkeiten und beschäftigte sich fortan mit Gott und der Schöpfung. Er veröffentlichte mehrere religiös-philosophische Arbeiten, in denen er die Relation zwischen dem Schöpfer und der von ihm geschaffenen Welt als essentielles Problem der Philosophie betrachtete und dies als Theosophie:(Swedenborg)Theosophie (Gottesweisheit) bezeichnete. Der Makrokosmos spiegelt sich laut Swedenborg im Mikrokosmos wider. Er war überzeugt, dass der Nutzen und Zweck aller Dinge in einem Stufensystem vom Untersten zum Menschen und dann letztendlich durch den Menschen hindurch zu Gott steigere. In der Natur vergegenwärtigt das unfreie Mineralreich (steinige, salzige, ölige, mineralische, metallische, erdige Substanzen) die unterste Stufe; es dient sozusagen der Pflanzenwelt als Nahrungsquelle und Baumaterial, um in ein höheres Lebenspotenzial übergehen zu können. Das in pflanzliche Materie gegossene Leben bildet die mittlere Stufe, wobei die Pflanzen mit ihren Stoffen dazu dienen, die Tiere zu ernähren. Die oberste Stufe der Lebenskonzentrierung findet sich im Tierreich. Das von Pflanzenfressern aufgenommene Leben wird weiter potenziert, verdichtet und konzentriert. Im Menschen erreicht das natürliche Leben einen vorläufigen Höhepunkt an Freiheit. Nach dem Ablegen seines materiellen Körpers kann das Leben in der geistigen Welt weiterexistieren, sich letztendlich zur Weisheit und kompletten Freiheit erheben und eine freiwillige Verbindung mit Gott eingehen (Swedenborg 2005).
Swedenborg:StufensystemSwedenborg betrachtete das Natürliche als die unterste Stufe. Das Geistige schafft die mittlere Stufe mit der göttlichen Weisheit und dem Wahren. Die höchste, himmlische Stufe bilden dann die göttliche Liebe und das Gute. So erklärte er, der eigentliche Mensch sei die Seele und der Körper nur sein Organ, durch das er sich in der irdischen Welt betätige. Swedenborg sah eine direkte Beziehung zwischen der Liebe und dem Leben des Menschen, wobei er die geistige Welt als Welt der Ursachen und die natürliche Welt als Welt der Wirkungen auffasste. Nur die ihm innewohnende Liebe ermögliche es dem Menschen, zu denken, zu fühlen und zu handeln (Swedenborg o. J.).
Dass sich Swedenborg immer mehr auf Begegnungen und Gespräche mit Engeln und Geistern berief, sorgte für viel Unverständnis. Der Spiritismus, der davon ausgeht, dass sich die Seelen Verstorbener, sozusagen als Geister, mit Hilfe eines Mediums mitteilen können, lässt diese Nachrichten der Geister als Lehre gelten. Kant kritisierte Swedenborg als einen Kandidat des Hospitals, der ihn mit seinen Berichten aus der Welt jenseits des Todes in ein Schlaraffenland der Metaphysik verschleppen wolle (Kant 1986).
Leider sorgten derartige Äußerungen Swedenborgs dafür, dass viele naturwissenschaftliche Werke des Universalgenies in Vergessenheit bzw. in Misskredit gerieten und als Faseleien eines Mystikers abgetan wurden.

Mesmer und der Mesmerismus

Der österreichische Arzt und Theologe F. A. Mesmer (1734–1815) vertrat die vitalistische These, dass Magnetfelder (von Planeten, Mineralien und Lebewesen) auf physiologische Funktionen einwirken und dass das ganze Universum von einem Fluidum:(Mesmer)Fluidum (unsichtbare Flüssigkeit oder Lebenskraft) erfüllt sei. Dieses vitalistische Fluidum schleiche sich in die Materie ein und zirkuliere dann auch im Körper. Somit weise auch der menschliche Körper magnetische Eigenschaften auf. Dieses Fluidum bezeichnete er als tierischen Magnetismus. Mesmer experimentierte zuerst mit Magneten, die er am Körper seiner Patienten anbrachte, änderte dann aber seit 1776 seine Therapie, indem er seinen körpereigenen Magnetismus:körpereigener (Mesmer)Magnetismus anstelle von Magneten einsetzte. Er berichtete, nahe am Körper seiner Patienten eine Art Magnetismus mit den Händen spüren zu können (Mesmer 2011).
Der Mesmerismus postuliert, dass diese vitalistische Lebenskraft sich selbst korrigiert und spontan fluktuiert, wie die Gezeiten. Bei ungleichmäßiger Verteilung dieses Fluidums käme es zur Erkrankung. Mesmer versuchte in solchen Fällen, das Fluidum:als LebenskraftFluidum zwischen den Händen, ohne sie zu bewegen, sondern nur durch Willenskraft und Konzentration zu den kranken Körperteilen zu lenken. Enthusiastisch proklamierte er die Heilkraft dieser natürlichen Kraft bzw. den Magnetismus als Allheilmittel. Er versetzte seine Patienten in eine Art magnetisierten oder mesmerisierten (hypnotischen) Zustand, wobei sie manchmal mit emotionalen Entladungen reagierten, weinten oder lachten und einige sogar in krampfhafte Zuckungen verfielen. Mesmer sprach in diesem Zusammenhang von einer heilsamen Krise.
Mesmer wurde aber, genauso wie Gall, als Scharlatan hingestellt und letztendlich aus Wien vertrieben. Seine Nachfolger verknüpften die neuesten Entdeckungen in der Elektrizität mit dem Mesmerismus:HypnosetechnikenMesmerismus und erweiterten in ihrem spirituellen Hunger aber auch die Suggestions- und Hypnosetechniken, die vor allem bei nervösen Störungen anzuschlagen schienen. In der modernen Psychotherapie, Hypnosetherapie:MesmerismusHypnosetherapie und Biofeedbacktherapie finden sich wichtige Elemente dieser Lehre wieder, obwohl nicht geklärt ist, wie Mesmer die Grundlagen entdeckt hat. Der Magnetismus dürfte auf jeden Fall die Kultur seiner Zeit und noch weit darüber hinaus stark beeinflusst haben.SQUID-ForschungMKG (Magnetkardiographie)MEG (Magnetoenzephalographie)Biomagnetismus:Magnetfelder-Messung

Magnetfelder und moderne Forschung

Die moderne SQUID-Forschung (Super-conducting Quantum Interference Device, Superleiter-Quantum-Interferenz-Messgerät) und Messungen von Infrarotstrahlen (Wärme) beim Berühren zeigen, dass die magnetischen Wahrnehmungen von Mesmer wahrscheinlich etwas mit Biomagnetismus und Wärme zu tun hatten. Messungen biomagnetischer Felder, beispielsweise in Form der MKG (Magnetkardiographie) oder MEG (Magnetoenzephalographie), sind heute nicht mehr aus der Medizin wegzudenken. Sie haben Vorteile gegenüber der EKG (Elektrokardiographie) oder Elektroenzephalographie (EEG), bei denen elektrische Signale von Herz bzw. Gehirn gemessen werden. Diese Messungen zeigen, welche wichtige Rolle Rhythmen und Wellen für unsere Gesundheit spielen.

Der englische Chirurg J. Eliotson (1791–1868) wollte, nachdem er sowohl die Phrenologie als auch den Mesmerismus intensiv studiert hatte, die Techniken von Mesmer als eine Art Anästhetikum in Form einer Hypnose Hypnoseeinsetzen. Er gründete die phrenologische Gesellschaft in London und verteidigte die Prinzipien des Phrenomesmerismus, was aber letztendlich dazu führte, dass er als Schwindler geächtet wurde. Obwohl der schottische Arzt J. Esdaile (1808–1859) in Indien auf beeindruckende Weise über 70 verschiedenartige Operationen mit Hilfe des Mesmerismus schmerzlos (immerhin ohne Narkose!) durchführte, wurden seine Untersuchungsergebnisse von der medizinischen Welt ignoriert. Der schottische Arzt J. Braid (1795–1860) sprach 1843 von einem subjektiven psychologischen Zustand und führte letztendlich den Begriff der Hypnose ein.

Spiritualismus

Mitte des 19. Jahrhunderts entstand eine neue populäre Bewegung auf der Suche nach der Seele, die in Amerika als Spiritualismus Spiritualismus:in Amerikabekannt wurde. Sie betrachtete allgemein alles Äußerliche oder Materielle als unwesentlich und dem Wirken des Geistes (die wahre Potency – Macht) untergeordnet. Die sogenannte heilsame Krise des Mesmerismus (eine Art Trance-Zustand mit emotionaler Entladung) während der Seancen (Sitzungen) wurde mit Erkenntnissen des Übernatürlichen (Transzendentalismus), dem Magnetismus, dem Fluidum, dem Anschaulichen der Phrenologie zu einer sinnlich-attraktiven Kombination aus Natur und Gott, aus Wissen und Glauben vermischt.
Überall erschienen spirituelle Gemeinschaften, die das universelle Gesetz und den alles durchdringenden und allmächtigen Geist, der die Vorgänge aller lebenden Dinge bestimmt, damit sie gut leben und existieren können, anpriesen. Phrenomagnetiseure kneteten und rieben den Körper und den Schädel und sprachen von Strukturen und Funktionen des Körpers. Sie verglichen den menschlichen Körper mit einer Maschine und nutzten die neuesten Entdeckungen, vor allem Elektrizität, um Experimente durchzuführen, mit denen angeblich sogar die Erregbarkeit des Gehirns gesteigert werden könnte.
Auch A. T. Still, der Begründer der Osteopathie, Osteopathie:und Spiritualismuszeigte sich sowohl von der Entwicklung der Technik als auch von der Phrenologie, vom Mesmerismus und Spiritualismus fasziniert und konnte sich deren Einfluss nicht entziehen (Trowbridge 2002). Als Philosoph begab er sich auf die Suche nach Antworten, nach dem Sinn in der Wirkung aller Dinge. Da er innerhalb weniger Jahren seine Frau, drei Kinder und seinen Vater verlor, stellte Still nicht nur die Medizin, sondern auch seinen Glauben in Frage. Der Spiritualismus Spiritualismus:Stillsversprach, über Sancen den Kontakt mit Verstorbenen herstellen zu können, und gab dem emotional angeschlagenen Still wahrscheinlich einen gewissen Halt. Die Suche nach dem universellen Gesetz, nach dem alles durchdringenden Geist, nach Gott, nach der Wahrheit wurde nun vor allem in Amerika zu einer Leitideologie. In der Folge beschrieb Still den großen Schöpfer, der den Menschen mit angeborenen Selbstheilungskräften und einem Organismus in vollkommener Übereinstimmung mit seinen Funktionen ausgestattet hat. Spirituelle Treffen mit Vorlesungen über alternative Heilformen wie Homöopathie, Hydrotherapie, spirituelles Heilen des Mesmerismus Spiritualismus:Stlls OsteopathieMesmerismus:Stlls Osteopathiewurden auch von Still regelmäßig besucht. Es wäre töricht, Stills Osteopathie auf einen spiritualistischen Nenner zu reduzieren, aber man sollte sich trotzdem dieses Einflusses bewusst sein.
Die Kombination von Phrenologie, Mesmerismus und Spiritualismus wurde beispielsweise auch vom amerikanischen Arzt J. R. Buchanan (1814–1899) intensiv ausgearbeitet und angewandt (Buchanan 1887). Laut Buchanan soll jedes Organ des Körpers von einer separaten Hirnregion durch unsichtbare elektrische Ströme (sog. Nervauren oder Nervengeister) gesteuert werden. Um die Organfunktionen anzuregen und den Geist zu befreien, wendete Buchanan Hypnosetechniken, Hypnosetechniken:(Buchanan)manipulative Handgriffe und elektrische und magnetische Reize an bestimmten Stellen des Schädels an, um die zerebrale Flüssigkeit zu den Körperorganen zu leiten. Er sah die Temporallappen des Gehirns als Organ der Spiritualität an und glaubte, dass Menschen psychische Energie auf Objekte übertrügen, wenn sie diese berührten. Sensitive Personen könnten die gesammelte Energie, die an Objekten haftete, ablesen. Das American Phrenological Journal gab die bunt zusammengewürfelte Philosophie so wieder, als wäre wirklich Gott der Architekt, der eine perfekte Gestalt in Form des Menschen gestaltet hätte. Auch in A. T. Stills Werken über die Osteopathie findet man ähnliche Aussagen (Trowbridge 2002).

Deutsche Romantik und Idealismus als Gegenrevolution des 18./19. Jahrhunderts

Die Französische Revolution und ihre Ausläufer hatten für einen Umbruch in den individuellen, gesellschaftlichen und politischen Lebensbereichen geführt. Trotzdem hatte die Aufklärung das Dilemma zwischen Rationalismus und Empirismus nicht lösen können, sodass es Anfang des 19. Jahrhunderts eine ganze Bandbreite von Meinungen zu der Kunst des Experiments und der extremen Betonung der Ratio gab. Dabei konnten die Ansichten von einer völligen Ablehnung der Ratio und Betonung der Empfindsamkeit bis hin zu der Überzeugung, das Experiment sei die einzig zuverlässige Art der Untersuchung der Naturphänomene, variieren. Manche sahen im Experimentator oder Erfinder einen neuen wissenschaftlich-akademischen Typus, während andere dem Experimentieren jegliche akademische Forschungstradition absprachen.
Die auf Experimenten basierenden physikalischen Wissenschaften prallten mit traditionellen (von der Schrift geprägten) akademischen Schulen zusammen. Hinzu kamen noch Versuche, die politischen Neuerungen und auch Enttäuschungen der Französischen Revolution mit den Errungenschaften der Wissenschaften zu kombinieren. Die überhebliche, aber leider auch vergebliche Betonung der materiellen und technischen Kompetenz und Ratio entwickelte sich zu einer reaktionären Triebfeder für die übrig gebliebene Skepsis oder sogar Abscheu gegenüber der Staatsmaschine und förderte eine Geringschätzung der Menschenmaschine und der Mechanik.
Die deutsche Klassik mit ihrer Idee von Humanität (humanitas), die in der Individualität des einzelnen Menschen ihr Ideal und zentrales Anliegen sah, entdeckte die Antike und die griechische Philosophie wieder. Die Sprache Sprache:humanistisches Idealgalt nun als Zentrum des Menschseins und das Erlernen der alten Sprachen (Griechisch, Lateinisch) als Zugang zu einer als Ideal aufgefassten Kultur. So entstanden beispielsweise humanistische Gymnasien mit ihrem Schwerpunkt auf antiken Sprachen.
Das Streben nach Wahrheit und das Bemühen, die Geheimnisse der Natur zu ergründen, gepaart mit romantischer Naturphilosophie Naturphilosophie:RomantikNaturphilosophie:Idealismusund Idealismus, wurden im Deutschen Reich wichtiger als die Nützlichkeit, was den Höhenflug der Mechanisten und Materialisten massiv störte. Die Neuhumanisten und Romantiker setzten sich Anfang des 19. Jahrhunderts im deutschen Sprachgebiet zunehmend vom mathematisch-naturwissenschaftlichen, französisch geprägten Bildungsideal ab. In Frankreich herrschten sozusagen Einheit, Unterordnung und vorschriftsmäßige Studienordnung, im deutschen Reich dafür Freiheit, Selbstständigkeit und Lernfreiheit.
Die deutsche Romantik oder der deutsche Idealismus beeinflusste die Literatur der Nachbarländer tiefgreifend. Der Idealismus Idealismus:deutscherkann eigentlich als Gegenpol wie auch als Weiterführung des Dualismus von Empirismus und Rationalismus betrachtet werden. Es bedarf immerhin sowohl einer Wahrnehmung und Außenwelt (Objekt) als auch Ideen und eines Subjekts.
Die Periode des Sturm und Drang (1767–1785) mit ihrer Leidenschaft für die Natur und die Gefühle des Menschen leitete die Romantik Romantikmit Herder, Goethe, Schiller, Lenz, Klinger, Bürger und anderen ein. Die Sturm und Drang-Periode war eine Gegenbewegung gegen die entartete Vernünftelei, gegen die Autorität und Tradition, die jegliche lebenskräftige Aufwallung der Seele unterdrücken wollte, und sollte eine Entfesselung der Gefühle, der Phantasie und der Gemütskräfte bewirken. Das Milde und Elegante sollte verstoßen und dafür das Edle, Großmütige, Kraftvolle und Kompromisslose vom wahren Schöpfer der Kunst besungen und bedichtet werden. Die Natur wurde nun nicht mehr rationalistisch und mechanisch verstanden, sondern als Organismus voll schöpferischer Lebendigkeit! Die Stimme des Herzens und nicht die Moral sollte vernünftige Entscheidungen herbeiführen, und das Credo lautete nun Emotio statt Ratio.

Idealismus am Beispiel von Friedrich Schiller

Nach Friedrich Schillers Tod wurde seine Leiche obduziert. Der zuständige Medicus wunderte sich bei dem schwerwiegenden Obduktionsbefund, wie Schiller so lange hatte leben können. Safranski (2007) merkte dazu an, dass sich aus dem Obduktionsbefund des schwerkranken Schillers die erste Definition des Idealismus ablesen lasse: Idealismus ist, wenn man mit der Kraft der Begeisterung länger lebt, als es der Körper erlaubt. Es ist sozusagen der Triumph eines erleuchteten und hellen Willens.
Eine idealistische Philosophie und spekulative Wissenschaft versuchte Anfang des 19. Jahrhunderts, wie eine Art Gegenrevolution, die verinnerlichten Werte, die Empfindsamkeit und das einfühlsame Genie des Künstlers hervorzuheben. Im Mittelpunkt stand nun vor allem das Originelle, das Individuelle, das Einzigartige. Das ließ natürlich auch Raum für spirituelle Richtungen wie den Spiritualismus, den Mesmerismus und die Phrenologie (siehe oben). Man war einfach davon überzeugt, dass der Mensch mehr ist als eine berechenbare Maschine und eine vitalistische Kraft vitalistische Kraft:des Menschenbesitzt. Vielleicht kann man hier eine prägnante Aussage von F. Schiller aus seiner Examensarbeit im Jahre 1779 stellvertretend für den deutschen Sinneswandel anführen: Wie nimmt der Mensch mit seinem Körper und mit seinen Sinnen die Welt auf, die ja erst einmal nur Materie sei? Welche Mittlerin existiert zwischen Geist und Materie? Ich selbst bin durch tausend Zweifel zu der festen Überzeugung gekommen, dass die Mittelkraft in einem unendlich feinen, einfachen, beweglichen Wesen wohne, das im Nerve, seinem Kanal strömt, und welches ich nicht elementares Feuer, nicht Licht oder Äther, nicht elektrische oder magnetische Materie, sondern Nervengeist heiße. (zit. nach Aufenanger 2006)

Wissenschaft in Goethes Schriften

J. W. von Goethe (1749–1832) las die Arbeiten von Swedenborg und Spinoza, die als wichtigste Lektüre der damaligen Zeit galten, und ließ sich von deren Philosophie angeregen (Hohoff 2006). Beeindruckt von Spinozas Ideen verkündete Goethe, dass man das Wahre, das mit dem Göttlichen Identische, niemals direkt erkennen kann. Deswegen sei es Aufgabe der Naturwissenschaften, des Intellekts, der Künste und der Musik, dem Individuum das Wahre erkennbar zu machen. Für Goethe war Swedenborg ein Seher unserer Zeiten, zu dem Geister durch alle Sinnen und Glieder sprachen, in dessen Busen die Engel wohnten (Hohoff 2006). Goethe versuchte auf einzigartige Weise, Elemente der Romantik und des Rationalismus in seinen Werken zu kombinieren, sah sich aber zunehmendem Unverständnis und herber Kritik der Wissenschaftler ausgesetzt. Der für sein literarisches und dramatisches Werk berühmte Goethe Goethe:wissenschaftliche Werkewurde für seine wissenschaftlichen Werke wissenschaftliche Werke:Goethebelächelt, und obwohl er selbst sie für das Wichtigste hielt, was er hervorgebracht hatte, gerieten sie zunehmend in Vergessenheit (Bortoft 1995).
1774 hatte Goethe den Zürcher Theologen J. C. Lavater kennengelernt, für dessen Arbeit über die Physiognomik (Physiognomik:GoetheKap. 1.6.1) er sich stark begeisterte (Hohoff 2006). Goethe war fasziniert von der Idee, das Charakteristische eines Gesichts erfassen und menschliche Charakterzüge aus der Linie des Profils ablesen zu können. Er arbeitete eine Zeit lang mit Lavater zusammen und fertigte etliche Textbeiträge und sogar Zeichnungen/Skizzen für Lavaters Werke an. Goethe half auch bei der Drucklegung des ersten Bandes der Physiognomischen Fragmente von Lavater. 1776 zog er sich dann aber wegen zunehmender Differenzen aus der Zusammenarbeit mit Lavater zurück. Goethe ging es mehr um die Ganzheit und die Wechselwirkung aller Teile, sodass er nicht nur das Gesicht, sondern auch die Lebensweise und die Kleidung, die Ausstattung des Arbeitszimmers und den sozialen Status betrachten wollte, um Aussagen über den Charakter des Menschen treffen zu können. So schrieb er: Die Natur bildet den Menschen, der Mensch bildet sich um und diese Umbildung ist doch wieder natürlich (zit. nach Maisak 2001).
Wissenschaft:in Goethes Faust körperloser Geist:in Goethes Faust

Faust

In Goethes Faust bemängelt der Forscher und Lehrer Heinrich Faust symbolisch, dass es ihm als Wissenschaftler an tiefer Einsicht fehlt und er eigentlich nichts weiß. Er wirft der Wissenschaft vor, nicht erklären zu können, was die Welt eigentlich im Innersten zusammenhält, und in seiner Verzweiflung verschreibt er sich dem Teufel.

Im zweiten Teil des Faust (Goethe 1888) bastelt der ehemalige Schüler von Faust, Doktor Wagner, auf experimentellem Weg wie ein Alchimist (oder wie eine Art Reagenzglas-Genetiker) in seinem Laboratorium an einem chemischen Menschlein (Homunculus) und träumt vom deutschen Idealismus. Herauskommt letztendlich ein körperloser Geist, der mehr weiß, als es anderen jemals vergönnt ist:

Es leuchtet! Seht! – Nun lässt sich wirklich hoffen,

Dass, wenn wir aus viel hundert Stoffen

Durch Mischung, denn auf Mischung kommt es an,

Den Menschenstoff gemächlich komponieren,

In einen Kolben verlutieren (luftdicht verschließen),

Und ihn gehörig kohobieren (mehrfach destillieren),

So ist das Werk im Stillen abgetan

Zunehmend stärker entwickelte sich bei Goethe der Anreiz, hinter dem äußerlichen Erscheinungsbild zum Wesen der Dinge vordringen zu können. Dazu studierte er nun sogar intensiv vergleichende Anatomie und Osteologie, wandte eine naturwissenschaftlich fundierte Betrachtungsweise an und zeichnete außerdem künstlerische Anatomiestudien (Goethe 1962Anatomiestudien:(Goethe)). Er war davon überzeugt, dass alle vollkommenen organischen Naturen vom Tier bis zum Menschen, nach einem Urbild geformt sind, das sich ständig umbildet.
1805 besuchte Goethe einige Vorlesungen von Gall über Kraniologie in Wien und Halle. Nachdem er sich mit der Physiognomik des menschlichen Gesichts beschäftigt hatte, begann Goethe nun, den Aufbau und die Form des menschlichen Schädels zu inspizieren und abzutasten. Gall hatte Goethe bei der Betrachtung seines Stirnbaus lakonisch attestiert, dass er nicht den Mund aufthun könne, ohne einen Tropus auszusprechen (Aerni 2003).
Obwohl Goethe in Briefen ein positives Interesse an Galls Theorie beteuerte, hielt er sich mit Äußerungen und Veröffentlichungen total zurück (Aerni 2003). Die wütenden Proteste der Kleriker gegenüber der Schädellehre ließen ihn Schädellehre:(Goethe)wahrscheinlich sehr vorsichtig sein; und so bezeichnete er Galls Lehre als eine Art Alltagslehre für den gewöhnlichen Menschen.
Das Verlangen nach Veranschaulichung der Wissenschaften sowohl des Körpers als auch des Geistes, um letztendlich den Menschen verstehen, erklären und in eine gültige Ordnung einbinden zu können, prägte Goethe und seine Zeitgenossen trotzdem stark. Man unterschied zwei gegensätzliche Methoden zur wissenschaftlichen Erkenntnis: Die Erkenntnisgewinn:induktive MethodeErkenntnisgewinn:deduktive Methodeanalysierende, induktive Methode (vom Besonderen zum Allgemeinen) war in den meisten Naturwissenschaften üblich, während Goethe selbst die andere als synthetisierende, deduktive Betrachtungsweise (vom Allgemeinen zum Besonderen) bezeichnete Methode anwendete. Goethes ganzes Verfahren bestand sozusagen in der steten Suche nach einem prägnanten Punkt, von dem sich vieles ableiten lässt.
Beim Studium des Schädels von Wirbeltieren entdeckte Goethe 1784 das Os intermaxillare beim Menschen aufs Neue (Galen hatte es schon erwähnt), das damals als Unterscheidungszeichen des Affen vom Menschen galt und dessen Existenz beim Menschen daher geleugnet wurde (Goethe 1962, Schad 1985). Dadurch sah sich Goethe in seiner Überzeugung bestätigt, dass sich ein allgemeiner Typus oder ein Urbild (in diesem Fall des Schädels) durch Umgestaltung oder Metamorphose in aufsteigender Abfolge während der organischen Entwicklung weiterentwickelt.
Goethe betrachtete die Lehre von der Metamorphose als Metamorphose:vitalistische LebenskraftSchlüssel zu allen Zeiten der Natur und war deswegen wie besessen auf der Suche nach dem ersehnten Schlüssel, mit dem er glaubte, das Ganze überschauen und alle Gesetze der Natur ergründen zu können. Im menschlichen Organismus sah er längst nicht nur physikalisch-chemische Kräfte, sondern auch vitalistische Lebenskräfte am Werk, die gleichen Kräfte, die auch Pflanzen und Tieren zu einem Organismus werden lassen (Kap. 1.14). Suchet nichts hinter den Phänomenen, sie selbst sind die Lehre, äußerte Goethe (zit. nach Bortoft 1995). Damit forderte er dazu auf, keine hypothetischen Kräfte hinter der nicht-objektivierbaren (geistigen) Welt zu suchen, sondern die inneren Kräfte, die in den Dingen selber wirken, zu erkennen und sie fühlend zu erleben. So rief Goethes Werther geradezu vitalistisch aus: Ich finde überall Leben, nichts als Leben!
Der deutsche Mediziner und Naturforscher L. Oken (1779–1851) beschrieb 1807 das Gehirn als voluminöseres Rückenmark und den Schädel als voluminösere Wirbelsäule. Dazu erklärte er mit seiner Wirbeltheorie, die Schädelknochen würden aus (drei) Wirbelknochen entstehen. So kam es zu einem bedauerlichen Plagiatstreit mit Goethe, der behauptete, bereits vor Jahren den Schädel als Teil der Wirbelsäule beschrieben zu haben (Zittel 2009). Es war aber wohlgemerkt Gall, der bereits vor den beiden anderen geschrieben hatte, dass der Schädel aus drei Knochen bestehe.

Carus und die Kranioskopie

Zusammen mit dem deutschen Arzt und Naturphilosophen C. G. Carus (1789–1869) arbeitete Goethe zwischen 1822 und 1828 an einer Typologie, auf der Suche nach Ähnlichkeiten, gemeinsamen Ursprüngen und elementaren Bestandteilen des Skelettsystems in der gesamten Tierreihe (Hagner 2004). Darüber hinaus führten sie vergleichende Anatomiestudien zum Schädel und Gehirn von Fischen, Amphibien, Vögeln, Säugetieren und Menschen sowie zur Embryologie des Gehirns durch. Dabei drängten sich zunehmend (humanistische) Fragen nach dem Wesen des Menschen auf: Was, wenn der Mensch in seinen morphologischen Anfangsstadien nicht mehr als ein Reptil wäre?
Carus behauptete mit seiner wissenschaftlichen Kranioskopie, dass jedemKranioskopie:(Carus) Schädelwirbel ein Teil der Hirnmasse entspräche und jede Hirnmasse wiederum parallel zu einer Seite der Sinnesempfindungen (Gehör, Gesicht, Geruch) wäre. Das Gehirn hatte Carus in drei größere Regionen eingeteilt: vorn die Großhirnhemisphären mit dem vorderen Schädelwirbel, in der Mitte die Vierhügelregion mit dem mittleren Schädelwirbel und hinten das verlängerte Mark und das Kleinhirn mit dem hinteren Schädelwirbel. Nur beim Menschen würden sich die drei Hirnregionen zu einer souveränen Balance entwickeln, während kein Tiergehirn entsprechend große Gehirnhemisphären aufwies. Um sich von der Organologie von Gall (Kap. 1.6.2) zu distanzieren, bezeichnete Carus die Phrenologie herablassend als ein zigeunerhaftes Herumtasten auf den Schädelbuckeln und führte stattdessen mit einem Tasterzirkel Messungen der Höhe, Breite und Länge des Schädels aus.
Zusätzlich wandte Carus sich der Carus:RassismusPsychologie zu und entwarf drei rassistisch anmutende Rassismus:Seelenstufen des MenschenBildungsstufen der Seele. Wilde Völker und Idioten würden im niedrigsten Zustand der Bewusstlosigkeit (ohne Bewusstsein) leben, dafür aber besonders ausgeprägte körperliche und olfaktorische Fähigkeitenhaben. Die zweite Entwicklungsstufe entsprach Carus zufolge dem Zustand des europäischen Menschen, geprägt vom Materialismus und Genussverhalten. Er bemerkte sarkastisch, dem europäischen Mann von Welt mangele es an Besinnung. Die höchste Seelenstufe, die zur geistigen und sittlichen Fortbildung der inneren Welt des eigenen Daseins führe, werde nur von vereinzelten Menschen, nämlich von Genies, erreicht. Das Genie bewegt sich laut Carus sozusagen in den höchsten Sphären des Selbstbewusstseins, und die drei Wirbel des Schädels stünden daher in einem harmonischen Verhältnis zueinander. Bei den niederen Lebewesen zeige sich das göttliche Urphänomen als Unbewusstes im Gehirn, bei den höchsten Lebewesen dagegen als Freiheit und Selbstbewusstsein.
Eine schamlose und unsinnige Anatomie der Differenzen begann sich nun langsam auszubreiten. Carus unternahm unsinnige, groteske Versuche, mit dem Tasterzirkel Länge, Breite und Höhe der drei Schädelwirbel zu vermessen und anhand der Ergebnisse Menschen in verschiedenen Kategorien einzuteilen. So verkündete er beispielsweise, dass bei Nachtvölkern (Äthiopiern) die hintere Schädelregion und bei Schwachsinnigen, Frauen und Dämmervölkern (Mongolen, Malayen und Amerikanern) die mittlere Schädelregion besonders entwickelt sei. Beim intelligenten Mann und bei Kaukasiern sei stattdessen die vordere Schädelregion außerordentlich gut entwickelt (Hagner 2004). Ob Goethe erfreut war über die nun tabellarisch vorgelegten wissenschaftlichen Messungen zum Vergleich der Schädelmaße von Sklaven, Verbrechern und Genies? Mit der fragwürdigen Suche nach dem Gehirn des Genies wurde jedenfalls ein neues trauriges Kapitel der wissenschaftlichen Entwicklung eröffnet, wie wir später sehen werden (Kap. 1.8).

Einfluss auf die frühe Osteopathie

Die phänomenologische Betrachtungsweise von Goethe und die Suche nach dem Wesentlichen hinter den Dingen spiegeln sich auch in den Ideen der Begründer der Osteopathie wider. AuchOsteopathie:Stills Triunity of menStills Osteopathie:Balancepunkt A. T. Still entwuchs zunehmend seinen mechanistischen Wurzeln und forderte Osteopathen dazu auf, hinter den Symptomen nach den Ursachen und Gründen von Krankheit und Gesundheit zu suchen. Er gab beispielsweise morphologische Empfehlungen, dass es manchmal auch sinnvoll sein kann, Stellen (point of balanced ligamentous tension) aufzusuchen, an denen das Gewebe entspannt genug ist, um den natürlich innewohnenden Kräften zu ermöglichen, die Fasern in ihre normale Position und Beziehung zueinander zurückzuführen (Still 2002). Also nicht-aggressive und weniger mechanische Techniken, mit denen man die Richtung der Läsion zwar sozusagen verstärkt, aber eigentlich eine Interaktion zwischen Körper, Geist und Seele (Triunity of men) anstrebt, um eine Entfaltung von vitalistischen Spannungen zu ermöglichen. Zudem forderte Still von Osteopathen, dass sie auf den freien Blutfluss und die Stärke der Natur mit ihren Selbstheilungskräften vertrauen und dem Körper nichts hinzufügen. Er sah den menschlichen Körper als Apotheke Gottes, da alle Heilkräfte der Natur in diesem Körper vorhanden sind (Still 2003).
Auch W. G. Sutherland suchte in Sutherlands Osteopathie:Balancepunktseiner Behandlungsmethode immer mehr nach einem Balancepunkt, den er als point of balanced membranous tension and articular release (Punkt der balancierten membranösen Spannung und Gelenkbefreiung) bezeichnete (Sutherland 2004).

Vom Schädel-Kult zum Gehirn-Ritus: ein dunkles Kapitel der Geschichte

Menschliche Knochen und insbesondere Schädel fanden schon seit je in der Geschichte großes Interesse. Schon in der Urzeit spielten Schädel für Rituale eine besondere Rolle. Zähne wurden bereits vor 20.000 Jahren als Schmuckanhänger getragen und mit ins Grab gegeben (Maringer 1980). Sogar Trinkschalen, angefertigt aus der Schädeldecke, sind bekannt (Koenigswald 1978). In manchen Regionen besitzen Schädel noch immer eine religiös-kultische Bedeutung.
Die Kraniologie (bzw. Kraniologie:SchädelkultPhrenologie) führte Anfang des 19. Jahrhunderts zu einer regelrechten Jagd auf Menschenschädel (besonders auf Schädel wichtiger Persönlichkeiten), die offenbar auch nicht vor Leichenschändung zurückschreckte. So verschwanden beispielsweise die Schädel von Descartes, Shakespeare, Mozart, Heinse, Haydn auf eine mysteriöse Art und Weise. Darüber hinaus wurden Portraits, Büsten und Masken von berühmten Persönlichkeiten angefertigt, die Beispiele für die besondere Ausprägung bestimmter Hirnorgane darstellen sollten. So wurde beispielsweise dem italienischen Komponisten G. Rossini ein besonderer Sinn für Töne, dem deutschen Schriftsteller E. T. A. Hoffmann ein besonderer Sinn für das Wunderbare oder dem französischen Schriftsteller Victor Hugo ein herausragender Sinn für Schönheit attestiert (Hagner 2004).
Ein jeder ist in Wien sehr besorgt und in großer Angst, dass sein Kopf in Galls Sammlung kommen könnte. Nun halten noch überdies alle Menschen so viel auf sich selbst und haben eine so große Meinung von sich, dass jeder überzeugt ist, Gall laure schon lange auf seinen Kopf als einen der wichtigsten seiner Sammlung. Wie wenig vorurteilsfrei aufgeklärte Männer hierüber denken, ist noch neuerdings durch den Oberbibliothekar Denis bewiesen, der in seinem Testamente die sorgfältigsten Vorkehrungen getroffen hat, dass sein Kopf nicht in Galls Hände fallen möge, schrieb 1800 der Kritiker Froriep sarkastisch (Dalchow 1971).
Die Frage nach der Abstammung und Entwicklung des Menschen stand im 19. Jahrhundert sowohl in der Medizin als auch in der Anthropologie im Zentrum. Als äußerst töricht und unsinnig stellte sich dabei die Annahme heraus, dass verschiedene Menschengruppen (Rassen) biologisch ungleich wären. Dies ließ sich leicht zur rassistischen Rechtfertigung einer Minderwertigkeit bestimmter Menschengruppen missbrauchen und eröffnete ein dunkles Zeitkapitel von vermeintlichem Wissen und Glauben.

Virchows Schädelmessungen

Die phrenologische Betrachtung des Schädels zog im 19. Jahrhundert viele in ihren Bann. So verfügten beispielsweise auch Goethe und R. Virchow (1821–1902) über kraniologische Sammlungen, bestehend aus Schädeln, Skeletten und Gipsabdrücken, und kannten offenbar auch die Arbeiten von Gall. Virchow gab sich materialistisch überzeugt, dass das Gehirn durch Zug und Druck das Knochenwachstum des Schädels anregt: [] so werde auch das Gehirn kräftig, wenn die Knorpel und Knochen des Schädelgewölbes sich zur rechten Zeit ausweiten durch Wachsthum an ihren Rändern, und nachher gehen Gedanken hervor, gleich einem mächtigen Wohlgeruch []. Und das mag man, wenn man auch kein Phrenolog ist, doch einem Schädel ansehen. (zit. nach Goschler 2002)
Hagner zufolge bemühten sich im späten 19. Jahrhundert die Stadtverwaltungen und Kirchengemeinden darum, die sterblichen Überreste von bedeutenden Bürgern umzubetten und ihnen eine würdige Grabstätte zu geben (Hagner 2004). Viele Anatomen hatten dadurch Gelegenheit, in Absprache mit dem Kirchenvorstand Schädelmessungen Schädelmessungen:(Virchow)durchzuführen. Auch Virchow ließ als Leiter der Deutschen anthropologischen Gesellschaft beispielsweise an etwa 7 Millionen Schulkindern im deutschsprachigen Raum Schädelmessungen vornehmen (Goschler 2002). Weil diese Untersuchungsergebnisse sowohl die Farbe der Haare, der Augen und der Haut als auch die Angabe der Religion beinhalteten, wurde Virchow kritisiert, damit indirekt Rassismus und Antisemitismus gefördert zu haben. Virchow verfolgte Virchow:Schädelmessungendas Ziel der Selbsterkenntnis, bei der die Frage nach der Abstammung ein wichtiges Element in der Erforschung des natürlichen Wesens verkörperte. Je mehr Schädel Virchow aber untersuchte, desto klarer wurde ihm, dass es keinen Zusammenhang zwischen der Größe des Schädels bzw. des Gehirns und der geistigen und kulturellen Entwicklung von Menschen gibt. Damit wurde auch die Behauptung germanisch gleich blond in Frage gestellt, und der methodische Weg, von der Augen- und Haarfarbe auf die Schädelform (und umgekehrt) zu schließen, erwies sich eindeutig als falsch (Goschler 2002). Den Versuch, Rassen anhand von Schädeln einzuteilen, erklärte er definitiv als gescheitert.
Für Virchow gewann die Einsicht, dass neben einer organischen Vererbung auch eine geistige Übermittlung eine entscheidende Rolle spielte, zunehmend an Bedeutung. Auch wenn er angab, Rasse nur als klassifikatorische Konstruktion und nicht als reales Objekt zu betrachten, sorgte sein Rassen-Begriff für erhebliche Verwirrung und Kritik, zumal es nicht genügend Kenntnisse über die biologische Vererbung gab. Virchow betrachtete Rassen als Rassenbegriff:VirchowsChancenvarianten, d. h. als erworbene Abweichungen vom ursprünglichen Typus, und wies vor dem nationalen Forum einer Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte ausdrücklich darauf hin, dass es keine niederen Rassen gebe (Goschler 2002).
Ein kultureller Aufstieg stand laut Virchow, sowohl durch eigene Entwicklung als auch durch kulturelle Überlieferung, allen menschlichen Rassen offen: Warum sollte nicht, was ein Mensch erfindet, von hundert anderen in gleicher Weise erfunden werden? Und warum sollte nicht, was einmal erfunden ist, auf dem Wege der Überlieferung sich im Laufe langer Zeiträume zu allen Menschen verbreiten können?, schrieb er (zit. nach Goschler 2002).
Die Ansichten Virchows über den Rassen- bzw. Kulturkampf auszuführen, würde allerdings den Rahmen dieser Arbeit sprengen. Die Untersuchungen von Virchow, die seine eigenen Konzepte empirisch belegen und die eigene Höherwertigkeit begründen sollten, wurden vom Nationalsozialismus schändlich missbraucht und die Schlussfolgerungen von Virchow einfach verschwiegen.
Die deutsche Geschichte zeigt uns leider sehr schmerzhaft, zu was aus dem Kontext gerissene Aussagen und ideologischer Wahnsinn führen können!

Fragwürdige Messungen und obskure Spekulationen über das Gehirn

Nachdem man Mitte des 19. Jahrhunderts eingesehen hatte, dass die Schädeloberfläche, wie von Gall postuliert, nicht unbedingt für die Intelligenz repräsentativ war, verlagerte sich das Interesse von der Schädeloberfläche auf das Volumen des Schädels und des Gehirns. Schädelvolumen und Hirngewicht sollten nun als zuverlässiger Indikator für die Gehirngröße und damit sozusagen für die Größe der Intelligenz herhalten (Intelligenz:und HirngrößeHagner 2004). Das war aber nicht so einfach, wie man dachte. Sollte man beispielsweise beim Gewicht des Gehirns auch das Gewicht der Gehirnflüssigkeit berücksichtigen? Wo hört das Rückenmark genau auf und wo fängt das Gehirn eigentlich an? Müssten das Alter des Verstorbenen und eventuelle Hirnblutungen berücksichtigt werden? Beim Vergleich zwischen Menschengehirn und Elefantengehirn stimmt doch mit dem Verhältnis Gehirngröße bzw. Gehirngewicht und Gehirnleistung etwas nicht. Auch ein Vergleich des Hirngewichts im Verhältnis zum Körpergewicht ist etwas schief, wenn man bedenkt, dass das Elefantengehirn nur 0,2 % und das menschliche Gehirn zwar 2,3 % des Körpergewichts ausmacht, dafür aber das Gehirn der Spitzmaus auf 3,33 % kommt?
Nun also sollte das Gehirn selbst herhalten. Man sollte aber nicht den Schädel von außen abtasten und auch nicht das Gehirngewicht bestimmen, sondern man musste den Schädel aufbrechen und den Blick nach innen wenden, auf die Anatomie des Gehirns, insbesondere auf die Hirnrinde, um sozusagen endlich den Unsinn der Phrenologie belegen zu können. Daher wurden bei Experimenten sogar die Köpfe abgetrennt und Stromstöße eingesetzt, in der Hoffnung, irgendwelche Äußerungen des Bewusstseins aus dem Gehirn locken zu können.
Nachdem jahrelang Schädel gesammelt wurden, verschob sich nun durch die erbitterte antiphrenologische Anatomie das Interesse vom Schädel auf das Gehirn. Anstelle der Schädel wurden nun die Gehirne außergewöhnlicher Persönlichkeiten in Alkohol konserviert und im Glas ausgestellt. Das Problem war nur, dass ein in Alkohol konserviertes Gehirn sich an der Oberfläche verhärtete und innen einen matschigen Brei bildete. Außerdem neigten Gehirnpräparate dazu, zu schrumpfen und Risse zu bilden, sodass verschiedene Präparate schwierig miteinander verglichen werden konnten (Burrell 2005). Es dauerte übrigens bis 1893, ehe das besondere Durchdringungsvermögen von Formaldehyd entdeckt und es bei der Fixation von Präparaten eingesetzt wurde.
Man durfte aber trotzdem nicht einfach so, aus Sammlerwut, Körperteile entfernen – schon gar nicht bei Berühmtheiten. 1876 gründete die Socit d'anthropologie (Anthropologie-Gesellschaft) in Paris die Socit d'autopsie mutuelle (Gesellschaft für gegenseitige Autopsie), deren Mitglieder sich als intellektuelle Vorbilder für die gesamte Gesellschaft betrachteten (Hagner 2004). Sie stellten ihren Körper und damit auch ihr Gehirn nach ihrem Tod für Studienzwecke zur Verfügung. 1889 wurde in den USA die American Anthropometric Society gegründet; auch hier verpflichteten sich die Mitglieder, ihr Gehirn nach dem Tode zur Verfügung zu stellen.
In Amerika entzündete sich zu dieser Zeit eine Diskussion über männliche und weibliche Gehirne zwischen dem Chirurgen W. Hammond und der Frauenrechtlerin H. Gardener (Hagner 2004). Hammond berief sich auf Untersuchungen aus Europa zur Inferiorität des weiblichen Gehirns. Doch Helen Gardener verwies klug auf die messbaren Unterschiede (insbesondere des Hirngewichts) zwischen männlichen Gehirnen in Europa Gehirn:Messungen und Spekulationenund stellte zu Recht energisch die Frage, ob demzufolge denn auch den unglücklichen männlichen Berühmtheiten mit dem kleineren Gehirn wie den Frauen die gleichen Rechte und sozialen Entwicklungsmöglichkeiten vorenthalten würden? Sie forderte, die Gehirne berühmter Frauen ebenfalls zu untersuchen, was damals eine ausschließlich männliche Domäne war und daher von den Männern abgelehnt wurde (Gardener 2009).
Eine erst kürzlich durchgeführte Metaanalyse von MRT-Messungen des Gehirns kam überraschenderweise erneut zu dem Schluss, dass Menschen mit einem größeren Gehirn klüger seien! Die Interpretation von Daten und Zahlen scheint kompliziert und die Diskussion um Gehirn- und Schädelunterschiede noch nicht beendet zu sein (McDaniel 2005).
Genie und Wahnsinn
1906 forderte der amerikanische Anatom E. A. Spitzka eine verstärkte Untersuchung von Gehirnen verschiedener Menschenrassen. Genauso wie einige europäische Anthropologen vertrat Spitzka leider äußerst fragwürdige und patriotische Ansichten und behauptete, dass sich an der zerebralen Physiognomie genauso wie am Gesicht der Unterschied zwischen Dummheit und Intelligenz ablesen lasse (Hagner 2004). Spitzka verglich das Gehirn von europäischen Gelehrten mit dem von Amerikanern und fand, wie nicht anders zu erwarten, heraus, dass das Durchschnittsgewicht der amerikanischen Gehirne größer war als das der französischen, deutschen und britischen Elitegehirne. Deshalb glaubte er, dass das amerikanische Elitegehirn bald die Erde dominieren würde. Der russische Neuroanatom C. von Monakow (1853–1930) kommentierte dies 1905 sarkastisch mit: Bisweilen handelt es sich bei den Trägern von so schweren Gehirnen um geistig hervorragende Leute oder auch um Idioten, und deutete damit an, dass die Gehirnforscher durchaus anders dachten als so mancher Anthropologe (Hagner 2004).
Die emotionalisierte Suche nach der Genialität des Menschen ging aber noch weiter.
Das Gehirn soll nun Gehirn:Topographiealso nicht nur groß und breit sein, sondern auch ein großes Gewicht und eine feine Textur haben. Vor allem die komplexe Topographie der Furchen und Windungen der Hirnrinde fand neben der Hirngröße und dem Hirngewicht allmählich das Interesse der Wissenschaftler, und man begann, die Furchen und Windungen mit Namen zu versehen (Burrell 2005). Vom Nagetier bis zum Affen wurden die Windungen des Gehirns zunehmend ausdifferenzierter und am kompliziertesten waren die Hirnwindungen des Menschen. Dass das Delphingehirn noch mehr Windungen und Furchen als das Menschengehirn aufwies, wurde dabei vorerst verschwiegen.
Von einer Physiognomik des Schädels war man nun also bei einer Oberflächenschau der Hirnrinde angelangt. Der französische Physiologe F. Magendie nahm an, dass es der Mühe wert wäre zu untersuchen, ob eine bestimmte Beziehung zwischen der Zahl der Hirnwindungen und der Vollkommenheit oder Unvollkommenheit der geistigen Fähigkeiten, zwischen der eigenthümlichen Richtung des Geistes und der individuellen Anordnung der Gehirnwindungen besteht oder nicht (Magendie 1834). Nachdem sich aber aus der großen Variationsbreite der Hirnwindungen und des Hirngewichts (auch bei genialen Persönlichkeiten) unmöglich ein sinnvoller Mittelwert errechnen ließ, und so manches Genie im direkten Vergleich zum Mittelwert sogar ziemlich schlecht abschnitt, musste Magendie eingestehen, dass seine Behauptung nicht stimmen konnte. Auch die Hypothese, dass die Intelligenz umgekehrt proportional zur Menge der Ventrikelflüssigkeit sei, was er anhand der Hydrozephalie meinte belegen zu können, stellte sich als falsch heraus (Hagner 2004).
Leider kam es wieder zu fragwürdigen Versuchen, beispielsweise das Hirngewicht und die Anzahl der Hirnwindungen bei Farbigen, Frauen, Europäern und Affen zu vergleichen. Dass dabei Frauen oder Farbige auf diejenigen Fähigkeiten reduziert wurden, die ihnen sozial ohnehin schon längst angedichtet bzw. zugeschrieben worden waren, dass sich die Resultate manipulieren und zu rassistischen Äußerungen und Überlegenheitsgedanken missbrauchen ließen, kann man hier nur demütig und kopfschüttelnd wiedergeben (Becker 2005). Auch Gall entkam ironischerweise diesem Irrsinn nicht, ihm wurde ein abnormal kleines und leichtes Gehirn attestiert!
Ich möchte hier den amerikanischen Anthropologen E. A. Hooton (1887–1954) zitieren, dass 900 Gramm Hirngewicht ausreichend wären für das Optimum an menschlichem Verhalten. Was darüber hinaus geht, wird nur zu Untaten verwendet (Hooton 1968). Dem kann ich nur beipflichten!
Irrsinnige psychiatrische Konzepte
Der deutsche Psychiater und Internist W. Griesinger (1817–1868) nahm an, dass die Zunahme der Geisteskrankheiten in der modernen Gesellschaft mit der fortschreitenden Entwicklung der industriellen Produktion, der Künste und Wissenschaften zusammenhing und mit einer Überbeanspruchung und Erschöpfung des Gehirns verkettet Gehirn:psyciatrische Konzeptewäre (Griesinger 2006). Aus dieser Sicht wäre eine Neuropathie oder Nervosität als Reizung des (v. a. männlichen) Gehirns zu betrachten. Diese Reizung des Gehirns könnte sowohl zu Schwäche und Ermüdung als auch zu einer gesteigerten Kreativität und Sensibilität führen. Damit stellte sich plötzlich irrsinnigerweise die Frage, ob es sich bei einem genialen Gehirn eher um ein gesundes oder um ein krankes Gehirn handelte?
Man begann, das Leben und Werk bedeutender Persönlichkeiten nun neurologisch-psychiatrisch zu begutachten, was in Form der Pathographie um 1900 in PathographieEuropa enorm populär wurde (Bormuth 2003).
Der italienische Psychiater C. Lombroso (1863–1909) postulierte Zusammenhänge zwischen Genie und Wahnsinn, die stark Genie und Wahnsinn:psychiatrische Konzeptepolarisierten. Er versuchte historische Gelehrte mit psychiatrischen Begriffen seiner Zeit zu beleuchten und betrachtete deren Genie als einen permanenten psychischen Ausnahmezustand, der mit Verrücktheit vergleichbar wäre. So gab er an, man müsse Zänkereien in wissenschaftlichen Schriften [] und den Hang, von sich selbst zu reden und an die Stelle der Logik das Epigramm zu setzen, als krankhafte Erscheinung [] betrachten. Damit aber noch nicht genug, kritisierte er weiter: Manche jungen Leute bemühen sich, die ernsten sozialen Fragen in der Zankweise der Irrenhäuser und in dem verstümmelten Satzbau der biblischen Zeiten zu besprechen; bei dieser Beobachtung wird mir angst für die kommende Generation. (Lombroso 1887) Lombroso sorgte für Lombrosos:Genie-Theorieeine sonderbare psychiatrische Geschichte in Form der sogenannten Kriminalanthropologie (Kriminalanthropologie:(Lombroso)naturwissenschaftliche Verbrecherlehre). Er behauptete, einerseits habe das Genie einen ähnlichen Defekt wie der Verbrecher und andererseits sei die Schöpferkraft des Genies ein wichtiges Element der Kultur. Genie wäre genauso wie Wahnsinn vererbbar. Kriminelle betrachtete Lombroso als einen evolutionären Rückfall, da sie anatomisch mit ihrem riesigen Kiefer, den vorstehenden Wangenknochen und Augenbrauen sowie den henkelförmigen Ohren Ähnlichkeiten mit Wilden und Affen zeigten (Burrell 2005).
Als Kennzeichen (sowohl für Genies als auch für Wahnsinnige und für Verbrecher) gab Lombroso Kleinwuchs, ein großes, schweres Gehirn, eine übermäßige Verzweigung der Hirnwindungen, Epilepsie und das Vorliegen einer sogenannten Affenspalte (Verschmelzung der äußeren Hinterhauptsfurche mit der parietookzipitalen Furche) an. Weil Schädel- und Gehirnmessungen zur Bestimmung der nationalen Identität damals in Italien wie in anderen Länder Europas keine Seltenheit darstellten, standen Lombroso und seinen Kollegen genügend Daten zur Verfügung (Hagner 2004). Obwohl seine Interpretationen sehr zweckorientiert und manipulativ waren, erwarb er sich durch das Anwenden von quantifizierenden und sogenannten objektivierenden Verfahren wie Fotografie, Gesichtsfeldmessungen und Algometrie (Messung des Druck-/Schmerzempfindens) einen gewissen wissenschaftlichen Ruf. Das einzige Positive an der abstrusen Genie-Theorie von Lombroso bestand darin, dass sich etliche Wissenschaftler nun intensiv bemühten, seine Theorie zu widerlegen, und davor warnten, von den Hirnwindungen auf die Intelligenz oder den Charakter schließen zu wollen, was völliger Unsinn wäre (Hagner 2004).
Als Lombroso starb und sein Gehirn in das berühmte kriminalanthropologische Museum kam, ließen sich einige pikante Details feststellen. Sein Gehirn wog nur mäßige 1300 Gramm und wies eine enorm große Affenspalte auf! Damit trug er postum einiges zur Widerlegung seiner eigenen Theorien bei.
Das Sammeln von morphologischen Details des Hirngewebes rückte in der darauffolgenden Zeit langsam in den Vordergrund. Die Diskussion zwischen Naturwissenschaftlern, Philosophen und Theologen zum Thema des Seele-Körper-Dualismus schien sich Seele-Körper-Dualismusaber durch das zunehmende Detailwissen eher noch zu verschärfen. Bezeichnend dafür war die Aussage des deutsch-schweizerischen Naturwissenschaftlers C. Vogt (1817–1895), dass die Gedanken etwa im selben Verhältnis zum Gehirn stehen wie die Galle zur Leber und der Urin zu den Nieren (Vogt 1854). Damit bekundete er einen sogenannten Vulgärmaterialismus oder mechanischen Materialismus, der sich radikal gegen den deutschen Idealismus stellte. Eine Seele anzunehmen, die sich des Gehirns wie eines Instruments bedient, mit dem sie arbeiten kann, wie es ihr gefällt, hielt er für reinen Unsinn (Hagner 2004).

Vertreter des Darwinismus: Lamarck, Darwin und Spencer

Der französische Biologe J.-B. de Lamarck (1744–1829) war eigentlich der Erste, der die Mechanismen der Evolution aufgezeigt Evolutionstheorie:(Lamarck)hatte. Fünfzig Jahre vor Darwin schrieb er, dass jeder Organismus sich in Harmonie mit seiner Umgebung befinden muss, und weil sich die Umgebung ständig ändert, müsse auch der Organismus, um überleben zu können, sich anpassen und einen stetigen Wandel durchmachen. Als inneren Motor für die Entwicklung der Lebewesen sah er einen Vervollkommnungstrieb (Packard 2007). Damit betonte er die aktive Rolle, die der Organismus selbst in seiner Entwicklungsgeschichte spielt. Man griff seine Theorie an, weil Lamarck behauptete, Lamarck:Evolutionstheoriedass erworbene, überlebensorientierte Änderungen von Eigenschaften vererbt werden. Andere Evolutionsforscher betrachteten diese Anpassungen dagegen als Mutationen mit nachfolgender Selektion. Lamarck, der daraufhin nur noch ignoriert und verunglimpft wurde, starb blind und mittellos 1829 in Paris.
Heutzutage ist ein neues Interesse an Lamarcks Theorien über die Rolle der aktiven Kooperation zur Erhaltung des Lebens und der symbiotischen Beziehungen, beispielsweise von Bakterien in unserem Verdauungssystem, erkennbar. Die Genforschung deutet Genforschung:Lamarcks Theorienmomentan sogar darauf hin, dass Organismen genetische Informationen und Erfahrungen austauschen (Gen-Transfer)! So wurde Gen-Transferbeispielsweise ein genetischer Transfer von DNA in Eukaryoten nachgewiesen (Nitz et al. 2004), den manche Forscher sogar als hitchhiking (Trampen) bezeichneten (Simöes-Barbosa et al. 2006). Das Austauschen von Informationen kann man alsInformationsaustausch:genetischer Überlebensstrategie der Natur betrachten. Selbst die Schleimhäute in unserem Körper sind vernetzt, wobei die Lymphozyten die gewonnenen Informationen untereinander austauschen (Meert 2007).
Am Ende seines Lebens schrieb Darwin in einem Brief an Moritz Wagner, dass es sein größter Fehler war, neben der natürlichen Auslese dem Einfluss der Umgebung (Nahrung, Klima etc.) nicht genügend Beachtung geschenkt zu haben (Darwin 2007).
Charles Darwin (1809–1882) postulierte, dass die Welt nicht unveränderlich, sondern einem kontinuierlichen, nicht-sprunghaften Veränderungsprozess unterworfen sei. Alle Organismen stammen Darwin zufolge Darwins:Evolutionstheoriedurch immerwährende Verzweigungsprozesse von gemeinsamen Vorfahren ab. Darwins Ansichten erschütterten das Welt- und Menschenbild bis in seine Grundfeste, und man könnte dazu sarkastisch anmerken, dass das Interesse an Affen nun größer wurde als das Interesse an Gott. Nietzsche erklärte, Gott als erhabener Urheber und Lenker des Universums sei tot und der Mensch nichts weiter als ein intelligentes Tier (Nietzsche 2005).
Das Anwachsen der menschlichen Bevölkerung in den großen Industriestädten und der dort herrschende unerbittliche Kampf um Nahrung und Arbeit machte Darwin eindeutig Angst. Die Evolution sorgt laut Evolutionstheorie:DarwinsDarwin für eine natürliche Selektion unter den im Übermaß entstehenden, geringfügig voneinander abweichenden Individuen, wobei diejenigen überleben, die sich am besten anpassen und die meisten Nachkommen hervorbringen können (survival of the fittest). Er bezeichnete dieses Prinzip der natürlichen Auslese in seinem Werk über die Entstehung der Arten als Kampf ums Dasein (struggle Kampf ums Dasein:(Darwin)of life) (Darwin 2004). Das Überleben ist laut Darwin nicht rein zufällig, sondern von der erblichen Konstitution der überlebenden Individuen abhängig.
Darwin gab an, dass er die Bezeichnung Kampf ums Dasein in einem weiteren, metaphorischen Sinne gebrauche, der die Abhängigkeit der Lebewesen voneinander und nicht nur das Leben des Individuums, sondern auch die Fähigkeit, Nachkommen zu hinterlassen, mit einschließe (Darwin 2004). Trotzdem wurden seine Vorstellungen von dem sich damals entwickelnden Sozialdarwinismus in einer Sozialdarwinismus:SelektionForm übernommen, von der er sich später zu distanzieren versuchte. Der Sozialdarwinismus behauptet, dass auch Menschen und Menschenrassen den gleichen Gesetzen der natürlichen Selektion unterliegen wie Tiere und Pflanzen. Darwin betonte dagegen: Moralische Fähigkeiten sind höher einzustufen als intellektuelle. Moralische Eigenschaften erleben einen direkten oder indirekten Fortschritt weit mehr durch das Einwirken von Gewohnheit, Vernunft, Anleitung, Religion usw. denn durch die natürliche Auslese. (Darwin 1874)
Der Sozialdarwinismus wurde Sozialdarwinismus:und RassismusspäterSozialdarwinismus:und Nationalsozialismus als Rechtfertigung von Imperialismus und Rassismus benutzt. In Deutschland diente er während der Zeit des Nationalsozialismus dazu, Nationalsozialismus:Sozialdarwinismusbehinderten und schwer erbkranken Menschen – zur Vermeidung einer genetischen Degeneration – die Daseinsberechtigung abzuerkennen und sie zu vernichten. Es sei hier explizit darauf hingewiesen, dass heute der Sozialdarwinismus als diskreditiert angesehen wird! Weil sich auch eine genetische Vielfalt und Altruismus (Selbstlosigkeit, Uneigennützigkeit) erfolgversprechend in der Natur verbreitet haben, kann man den Sozialdarwinismus getrost als ad absurdum geführt bezeichnen. Rechtsextremistisches und nationalsozialistisches Gedankengut sowie jede Art von Diskriminierung möchte ich vehement als asozial, amoralisch und menschenverachtend zurückweisen! Einstein warnte ausdrücklich: Die Welt ist viel zu gefährlich, um darin zu leben – nicht wegen der Menschen, die Böses tun, sondern wegen der Menschen, die danebenstehen und sie gewähren lassen.
Der englische Philosoph H. Spencer (1820–1903) war ein eifriger Anhänger des Darwinismus und des Empirismus. Er war, Empirismus:(Spencer)unabhängig von Darwin, davon überzeugt, dass das Evolutionsprinzip die Strukturierung empirischer Daten aus den physikalischen, sozialen und psychologischen Wissenschaften und damit letztendlich einen Fortschritt zu komplexeren und besseren Formen ermöglicht – nach dem Grundsatz: von unzusammenhängender Gleichartigkeit (Homogenem) zu zusammenhängender Verschiedenartigkeit (Heterogenem). Die Dinge in der Welt entwickeln sich laut Spencer ohne göttliche (oder anderweitige) Lenkung, sondern durch die unsichtbare Hand der Evolution selbst, und Evolutionstheorie:(Spencer)dabei entsteht aus Einfacherem etwas Komplexeres-Höheres (Spencer 2004).
Ausgehend von den Evolutionstheorien postulierte er eine allgemeine Philosophie: Das gesamte Universum (auch die Gesellschaft) sei wie ein riesiger biologischer Organismus, wobei die immer höhere Spezialisierung und Differenzierung letztendlich für eine bessere, harmonischere Koordination der einzelnen Komponenten sorge. Langfristig werde sich dann das durchsetzen, was am besten zum Überleben des Organismus beitrage (survival of the fittest). Die Wissenschaft beschäftigt sich laut Spencer zwar hauptsächlich mit dem Erkennbaren, stößt aber immer wieder auf das Unerkennbare. Die kritischen Untersuchungen der Wissenschaft sollten uns lehren, dass die Macht unbegreiflich ist, und das Bewusstsein einer unbegreiflichen Macht, des sogenannten Allgegenwärtigen, insofern ihre Grenzen nicht bestimmt werden können, ist genau das Bewusstsein, auf dem die Religion beruht (Spencer 2002). Spencer betrachtete also die Religion als Ausdruck der Unerforschlichkeit der Wirklichkeit und strebte damit eine Versöhnung zwischen Religion und Wissenschaft an. Ein weiser Mensch solle seinen Glauben, der ihn bestimmt, nicht für zufällig halten.

Still und die Osteopathie im 19. Jahrhundert

Der Anfang bei den Shawnees

Andrew Taylor Still wuchs in Stills frühe JahreStill:Andrew Tayloreiner Pionierfamilie in den Grenzregionen des Mittleren Westens (Virginia, Tennessee, Missouri) auf, inmitten einer grenzenlosen und unerbittlichen Natur. Sein Vater Abraham Still war methodistischer Wanderprediger und zog mit der Familie immer wieder um, um neue, entlegene Siedlungsgebiete für die Methodisten zu erschließen.
Der kleine Andrew wuchs mit der Sprache der Bibel und der Methodisten auf. Der Mensch wurde von Gott erschaffen, ohne Sünde, ohne Krankheit, und mit Unsterblichkeit beschenkt. Die gesamte Schöpfung lebte anfangs in Frieden mit Gott und kannte weder Schmerz, Krankheit noch körperliche Beschwerden. Aber seitdem der Mensch gegen den Schöpfer rebelliert hatte, hatten sich die Samen von Krankheit, Schmerz und Sterblichkeit im Inneren des Menschen ausgebreitet.
Trotzdem gab es etliche Möglichkeiten, die Widrigkeiten des Lebens zu lindern; die Kraft der körperlichen Ertüchtigung, regelmäßiges Bewegen, die Art der Ernährung und Enthaltsamkeit könnten sich positiv auf die Gesundheit und Körperkraft auswirken. Das Vermeiden von stark gewürzter Nahrung, das Trinken von Wasser, der Verzicht auf üppiges Essen am Abend, ein fester Rhythmus beim Zubettgehen und Aufstehen sowie regelmäßiges Beten wären weitere wichtige Ratschläge, um gesund zu bleiben. Auch Still wird den Osteopathen später den wichtigen Auftrag weitergeben, nach Gesundheit und nicht nur nach Krankheit zu suchen!
Es gab aber darüber hinaus auch billige und einfache Hausmittel aus Wasser, Milch, Honig, Rübensirup, Essig, Heilkräutern, die in Büchern niedergeschrieben worden sind; als Beispiel sei hier das Buch Natürliche Arzneien des methodistischen Priesters J. Wesley genannt (Wesley 2005). Hierin wurden die vier herkulischen oder schneidenden Arzneien Opium, Rinde, Stahl und Quecksilberzubereitungen weggelassen, weil sie aus methodistischer Sicht viel zu stark und zu gefährlich für einen gewöhnlichen Menschen wären. Ein außergewöhnliches Heilmittel galt damals noch als besonders überlegen, fast wie eine Universalmedizin: die Elektrizität. Auch Still war von der Elektrizität stark Elektrizität:bei Stillbeeindruckt und fragte eindringlich: Rechtfertigt dies, dass wir uns dem Gehirn zuwenden und die elektrischen und magnetischen Batterien untersuchen? Wir wissen, dass es diese Kräfte gibt, aber solange ihre Lokalisation im Gehirn nicht genauer bekannt ist und das Wissen nicht über das pure Existieren dieser Kräfte hinausgeht, können wir nichts über ihre Ernährung, noch wo sie herkommt, sagen. Wir sind gefordert, eine Verwendung für beide Kräfte, magnetische und elektrische, zu suchen. [] Ohne diese Kräfte könnten Leben und Dynamik nicht existieren. (Still 2002, S. 196)
Neben ihrer seelsorgerischen Aufgabe waren die Wanderprediger es gewohnt, sich auf ihren weiten und langen Wegen durchzusetzen und sich auch medizinisch zu versorgen. J. Wesley (1703–1791), der Begründer der methodistischen Bewegung, hatte das Bibelstudium, die Abschaffung der Sklaverei, die Einrichtung von Volksbibliotheken, den Aufbau von Schulen, die Gründung von Polikliniken und Armenapotheken sowie das Verfassen von Büchern über die Volksmedizin als zentrale Themen des methodistischen Glaubens in den Vordergrund gestellt. So führten viele methodistische Prediger (auch Abraham Still) Schriften und Bücher von J. Wesley bei sich (Wesley 2005).
1849 heiratete Andrew Still Mary M. Vaughan. Er beschäftigte sich einerseits mit der Landwirtschaft und unterrichtete andererseits. Abraham Still zog 1851 als Missionar zu den Shawnee-Indianern nach Kansas. 1853 folgte Andrew mit seiner Frau und seinen Kindern den Eltern zur Shawnee-Mission nach. Er fand dort, entgegen seinen Erwartungen, keine Wilden, die mit Federn geschmückt in Zelten lebten, sondern gebildete, freundliche Indianer in Holzhäusern mit Strohdächern. Die Indianer betrieben ganz zivilisiert Landwirtschaft und Viehzucht (Trowbridge 2002).
Andrew half seinem Vater bei der Behandlung von Indianern mit Gürtelrose, Fieber, Durchfall, Lungenentzündung und Cholera. Seine Frau Mary unterrichtete als Lehrerin die Indianerkinder in der Missionsschule. Etwa zwei Jahre lang lernte Andrew von seinem Vater den Umgang mit den damals bekannten Arzneien der Volksmedizin und war nachVolksmedizin:Stills dieser Ausbildung zunehmend als praktizierender Arzt auf dem Land unterwegs, sowohl bei den Indianern als auch bei den Siedlern. Andrew vertraute dabei auf sein Wissen aus dem großen Buch der Natur.
Es hat ihn wahrscheinlich inspiriert, dass die Indianer, die auf die Natur, allgemeine Hygiene und Bewegung an der frischen Luft achteten, sich einer erstaunlich guten Gesundheit erfreuten. Zudem erfuhr er, dass die Indianer ihr praktisches Wissen über natürliche Arzneien vom Vater auf die Kinder überlieferten (Wesley 2005).

Still und der Bürgerkrieg

1854 hatte die Regierung einen Vertrag mit den Shawnees geschlossen und ihnen ihr Land abgekauft, das nun zunehmend von Siedlern eingenommen wurde, die total unvorbereitet in die Wildnis kamen, in erbärmlichen Hütten lebten, armselig gekleidet und unterernährt waren. Die Frage, ob Kansas ein Sklavenstaat oder ein freier Staat war, wurde zunehmend unter Blutvergießen diskutiert. Auch Andrew setzte sich für die Abschaffung der Sklaverei ein, weil kein Mensch, unabhängig von Rasse oder Farbe, die Freiheit eines anderen beschneiden kann. Dadurch wurde seine Familie in die Kämpfe verwickelt. Im Jahre 1855 befand sich der Staat Kansas im Bürgerkrieg, und Mord und Brandschatzung waren an der Tagesordnung. Die gegen Sklaverei eingestellten Stills mussten die Indianermission 1855 nach großen Schwierigkeiten auflösen. Die Stills und andere Familien gründeten daraufhin, in einem Leben voller Angst und Verzweiflung, die Stadt Palmyra (später in Baldwin umbenannt).
1859 starb Andrews Frau Mary und er heiratete 1860 M. E. Turner. Andrew trat im September 1861 seinen Dienst bei der neunten Kavallerie von Kansas an und verließ die Armee als Major im Oktober 1864, am Ende des Krieges (Northup 1987). Er erweiterte im Krieg, nun vor allem als Krankenpfleger, sein Krankenpfleger:Still im Bürgerkriegpraktisches Wissen über die Anatomie und gab später an, chirurgische Tätigkeiten verrichtet zu haben. Andrew bezeichnete sich fortan als Freimaurer, der jedem Mensch das Recht zusprach, seine religiösen, politischen und wissenschaftlichen Überzeugungen selber frei zu wählen (Stark 2007). Unmittelbar nach dem Krieg begann er Medizin an der Kansas City School of Physicians and Surgeons zu studieren, fühlte sich aber von den Lehren enttäuscht (Trowbridge 2002).
Als größte Bedrohung während des Bürgerkrieges erwiesen sich Seuchen und Seuchen:im BürgerkriegInfektionskrankheiten. So starben tragischerweise eindeutig mehr Soldaten an Krankheiten als an Kriegsverletzungen. Vor allem der Einsatz von Kalomel (griechisch schönes Schwarz, wegen seiner dunklen Farbe so benannt) oder Quecksilberchlorid als Allheilmittel gegen Entzündungen im Nasen-Rachenbereich, Verstopfung, Brechdurchfall, Milz-, Leber- und Lungenleiden, Geschwüre und Syphilis, forderte seinen Tribut. Die Verwendung von Heilmitteln wie giftigem Quecksilber, Brechmitteln und Aufpuschmitteln aus Whiskey und Brandy stieg während des Krieges exponentiell an. Die subkutane Injektion von Morphin wurde beispielsweise äußerst populär und sorgte für eine enorme Anzahl von Drogen- und Alkoholabhängigen während der Drogen- und Alkoholabhängigkeit:im BürgerkriegKriegsjahre.
Im ganzen Land gab es 1864, als die Kriegshandlungen erstmals abklangen, ganze Legionen von Kranken, Verwundeten und Drogenabhängigen, voll gepumpt mit Opium, Morphin, Kokain und Alkohol. Andrew Still sprach in seiner Autobiografie beispielsweise von 280.000 Morphiumsüchtigen in New York (Still 2002).
Rund um die Stills nahmen die Opfer unter den massenhaft zuströmenden Immigranten extrem zu und bildeten nach dem Krieg buchstäblich ein neues Schlachtfeld für Andrew. Die Schulmedizin schien den Schulmedizin:Überforderungvielen Infektionskrankheiten und Seuchen (z. B. Typhusepidemie) völlig überfordert gegenüberzustehen. So entstand langsam ein neuer, nun innerer Krieg für Andrew, ein Krieg, den er gegen die Ignoranz und Inkompetenz der damaligen Schulmedizin führte. Manche Mediziner fassten beispielsweise die Zähflüssigkeit des Blutes als Krankheit auf und entwickelten gewinnbringende alkoholische Getränke (eigentlich ziemlich abenteuerliche Destillate), die sie in Kombination mit Brechmitteln, Abführ- und schweißtreibenden Mittelchen, Quecksilber und Aderlass verabreichten. Manche entzogen ihren Patienten sogar mehr als die Hälfte ihres Blutvolumens. Wer nicht gerade ausblutete, hatte oft ein langsames, schmerzhaftes Sterben zu erwarten (Still 2002). Als 1864 eine spinale Meningitis-Epidemie das Land Meningitis-Epidemie:Tod von Stills Kindernüberrollte, traf es auch drei Kinder von Andrew. Genauso wie Andrew selber waren auch die zu Hilfegerufenen Ärzte und Pfarrer komplett hilflos. Die grauenvolle Krankheit mit Fieber und schmerzhaften Muskelzuckungen schüttelte und verkrampfte die kleinen Leiber der Kinder. Andrew musste machtlos zuschauen, wie die Meningitis ihre Meningitis:Unwirksamkeit von Medikamententödlichen Krallen um seine geliebten Kinder legte. Als kurz darauf auch noch sein Vater starb, verfluchte er total verzweifelt das unbarmherzige Schicksal. Andrew begann die sogenannten Medikamente wegen ihrer Unwirksamkeit und Machtlosigkeit und das ganze damalige, anmaßende, medizinische System zu hassen (Page 1932).

Enttäuschung über die klassische Medizin

Auf der Suche nach den Ursachen für so viel Leiden, Tod und Elend nach den Kriegszeiten entwickelte sich bei Andrew die Einsicht, dass die Schulmedizin seiner ZeitSchulmedizin:Stills Enttäuschung völlig abwegig war und sich auf den Gebrauch von Alkohol und nutzlosen, schlechten Medikamenten, auf eigenartige Gebräue, die mehr Ähnlichkeit mit dem Inhalt eines Hexenkessels hatten, reduzierte. Die Chirurgie war eine blutige Angelegenheit mit grober Anästhesie und der ständig drohenden Gefahr einer Sepsis oder eines Wundbrands (Page 1932). Er weigerte sich, die Vorlesungen an der Kansas City School for Physicians and Surgeons weiterhin zu besuchen und sein Studium abzuschließen.
Verzweifelt fragte er sich, ob Gott den Menschen im Falle einer Krankheit in einer Welt voll Vermutungen verlassen hatte. Das wollte und konnte er einfach nicht annehmen, denn er war überzeugt, dass ein liebender Gott genügend Medikamente im menschlichen Körper zur Verfügung stellen würde, um alle Krankheiten zu heilen. Man müsste sich also auf die Suche nach den Vorratskammern dieser Medikamente im menschlichen Körper machen (Still 2002). Vergebens versuchte er, seine Kollegen und Mitbürger von seinen Ideen zu überzeugen, aber er erntete nur Kopfschütteln. Man stempelte ihn als einen fanatischen Spinner ab. Als Andrew um Erlaubnis bat, seine Theorien an der Baker-Universität in Baldwin vortragen zu dürfen, wurde ihm dies verweigert, obwohl er und seine Brüder das Bauland für die Universität geschenkt hatten. Nach diesen bitteren Enttäuschungen begab er sich auf seine einsame Suche und fing begleitend ein Selbststudium an, das Selbststudium:Stillslange, etwa 20 Jahre, dauern sollte.

Stills Entwicklung osteopathischer Ideen

Andrew las alle medizinischen Bücher, die er ergattern konnte, und streunte nachts übers Land, um Leichen aus Indianergräbern zu exhumieren und mit dem Skalpell zu untersuchen (Still 2002). Er fing mit den Knochen an und studierte, weit abgeschieden von Universitäten wie Oxford oder Harvard, die Körper toter Indianer. Er bastelte beispielsweise die 26 Knochen des Fußes zusammen und untersuchte die anatomischen Verbindungen. Er band dieanatomische Verbindungen:Fußknochen Knochen zusammen und fing an, biomechanische Beziehungen des Körpers zu konstruieren. In seiner Vorstellung fügte er nach und nach Muskeln, Bindegewebe, Gefäße und Nerven hinzu. Die Iliosakralgelenke faszinierten ihn besonders, und er wunderte sich, dass diese Gelenke in Anatomiebüchern als unbeweglich beschrieben wurden. Auch die Wirbelsäule beeindruckte ihn, vor allem die seitlichen Foramina intervertebralia und die Spinalnerven und Gefäße, die durch diese winzigen Öffnungen zu den Muskeln, Organen und zur Haut ziehen, beobachtete er intensiv.
Es schien dabei überraschenderweise sogar schon zu reichen, dass sich ein einzelner Wirbel etwas verschob, um diese Nerven und Gefäße einzuengen. Er studierte die Bewegungen der einzelnen Wirbel zueinander und fragte sich, ob es möglich wäre, dass Obstruktionen dieser Nerven und Gefäße beim Verlassen des Spinalkanals Krankheitssymptome hervorriefen? Auf jeden Fall hatte er noch nie etwas darüber gelesen (Page 1932). Andrew war beeindruckt: Die größte Studie des Menschen ist der Mensch!
Der erste Kollege, mit dem er seine Entdeckung diskutierte, war seine Frau Mary E. Turner. Sie theoretisierten und studierten gemeinsam die Mechanik der Wirbelsäule. Sie WirbelsäulenmechanikWirbelsäulenmechanik:Störungenhypothetisierten, wie Traumata und Krankheiten diese Mechanik stören könnten. Seine anfänglich mechanistischen Wurzeln betonte er folgendermaßen: Der lebende Mensch ist nun die Maschine, die Natur der Ingenieur und Sie der Mechanikermeister. In dieser Position wird von Ihnen erwartet, dass Sie alle Teile der Maschine, die zu Ihnen in die Werkstatt gebracht wurde, sorgsam inspizieren, alle Abweichungen vom Normalzustand erkennen und diese so gründlich wie möglich in den Zustand des vollkommenen Vorbildes in Ihrem Kopf zurückversetzen. (Still 2002, S. 316)
Osteopathie und Spiritualismus
Andrew kam während dieser Zeit auch in Kontakt mit anderen Ärzten, die an renommierten Universitäten studiert und sich auch über Zelltheorien informiert hatten (Stark 2007). Er begegnete des Weiteren sowohl der Phrenologie als auch dem Mesmerismus. Die Phrenologen boten interessante anatomische Vorstellungen über die Schädel von Mensch und Tier und darüber hinaus verlockend einfache psychologische Tipps, um anhand der Schädelausbuchtungen Charaktereigenschaften erkennen zu können oder sogar Ehepartner aussuchen und die Zukunft planen zu können (Kap. 1.6). Die Phreno-Mesmeristen glaubten, dass eine unsichtbare Flüssigkeit (Fluidum) durch den Körper zirkulierte und gleichmäßig verteilt sein sollte, um Gesundheit zu ermöglichen. Durch Konzentration und Willenskraft sollte es möglich sein, dieses Fluidum zu lenken (Kap. 1.7).
Letztendlich verschmolzen Phrenologie, Mesmerismus, Theosophie, Vitalismus und Religion in Amerika zu einer populären Bewegung des Spiritualismus. Getrieben Spiritualismus:in Amerikavom Glauben an das Weiterleben der Seele nach dem Tod, entstand eine spirituelle Philosophie im Stil des Transzendentalismus, die sogar Transzendentalismus:Einfluss auf Stillüber Medien mit Geistern und verstorbenen Seelen in Kontakt zu treten versuchte. Sie entsprach dem Zeitgeist auf der Suche nach der allumfassenden Wahrheit, benutzte mesmerische hypnotische Trancen, naturphilosophische und phrenologische Prinzipien, um Anhänger für diese neue Art von Religion zu gewinnen. Auch Andrew kann sich in seiner Trauer und Verzweiflung diesem Einfluss nicht entziehen (Trowbridge 2002).
Die katholische Kirche belegte aus Angst, der Spiritualismus könnte zu mächtig werden, alle mit einem Bann, die an spiritualistischen Sancen teilnahmen. Manche Spiritualisten betonten, dass es zwischen dem Christentum und dem Spiritualismus kaum Unterschiede gäbe: Letztendlich betrachteten beide den alles durchdringenden Geist, den man Gott nennt, als universelles Gesetz. Viele Aussagen in Stills Büchern können methodistisch-phrenologisch-mesmeristisch-spiritualistisch interpretiert werden, etwa wenn er von Gott als den wahren Architekten des Universums spricht oder Gott und die Natur als einzigen Arzt deutet, den der Mensch respektieren sollte. Mit dem evolutionären Streben nach Vollkommenheit und Perfektion gab Andrew auch Spencers Naturgesetz der Evolution wieder. Dieses Streben versetzte Andrew in großen Aufruhr, denn wie war es möglich, dass Priester und gläubige Mediziner einerseits Gottes Werke als vollkommen priesen und andererseits giftige und alkoholische Medikamente verabreichten?
Ablehnung und Frustration
Der technisch begabte Andrew fing darüber hinaus an, fasziniert von den neuesten technologischen Entdeckungen der Elektrizität und des Elektromagnetismus, Maschinen zu entwickeln, beispielsweise eine Auffangvorrichtung für Getreide, ein Gerät mit Bündelfunktion für das Stroh und eine Buttermaschine, und erwarb 1871 ein Ingenieurdiplom (Trowbridge 2002). Das inspirierte ihn gleichzeitig dazu, den menschlichen Körper mit einer Maschine zu vergleichen und seine mechanistischen Ideen auf den menschlichen Körper zu übertragen. So begann er, Schwungräder und Hebelarme mit Sehnen- und Muskelansätzen im menschlichen Körper zu vergleichen.
Andrew kam aber zunehmend mit der Allopathie seiner ZeitAllopathie:Stills (die mit Arzneien behandelte, die etwas völlig anderes als das am Patienten Beobachtete bewirkten) und auch mit seinen Brüdern, die selber Ärzte waren, in Konflikt. Seine Hypothesen stießen auf Ablehnung und wurden von Geistlichen sogar als Hexerei bzw. er selbst als Spinner verleumdet. Man zwang ihn daraufhin sogar, seine Kongregation zu verlassen (Stark 2007). Erst als er seinem kranken Bruder die 75 Flaschen Opium, die dieser mittlerweile jährlich brauchte, entzog und ihn heilen konnte, zeigten sich zumindest seine Brüder von der Wirkung seiner Methode überzeugt.
Die immer stärker werdende öffentliche Ablehnung seiner Theorien veranlasste Andrew 1875, schwer enttäuscht mit seiner Frau und vier Kindern nach Kirksville in Missouri zu ziehen. Dort hatte er seine Jugend verbracht und immerhin einige Menschen kennengelernt, die offen waren und mit denen er frei heraus über seine Entdeckungen reden konnte. Trotzdem wurde Andrew, der oft schwarz gekleidet und ziemlich exzentrisch mit einem Sack voller menschlicher Knochen zu Demonstrationszwecken unterwegs war, auch hier von den meisten seiner Kollegen als Scharlatan diffamiert und verspottet.
Erneut verbrachte er viel Zeit mit dem Studium der Anatomie, Physiologie, Chemie, Mineralogie und Evolutionslehre. Vor allem Spencers Evolutionstheorie (Kap. 1.10Evolutionstheorie:(Spencer).1), die eine Versöhnung zwischen Wissenschaft und Religion anstrebte, entsprach Andrews Ideen. Spencers Aussage, dass Veränderungen der Struktur nicht ohne Abweichungen der Funktion entstehen können, wurde zu einem Leitmotiv von Stills Biomechanik.
Das Gesetz der Arterien (the arterial rule)
Von den Arbeiten von Pasteur, Lister, Bernard und Virchow wusste Andrew wahrscheinlich noch nichts (Page 1932). Er konzentrierte sich, unabhängig von den Entdeckungen in Europa, trotzdem auf die Frage, warum manche Menschen durch bestimmte Keime krank wurden und andere nicht. Er erklärte dies mit den Abwehr- und Selbstheilungskräften der Natur, Selbstheilungskräften:des Körpersdie dem Körper innewohnten. Durch osteopathische Techniken glaubte er, die Erneuerung der Substanzen im lebenden Körper unterstützen zu können. Er entwickelte eine spezielle manuelle Behandlung, um Blockierungen der Leben Blockierungen:von Körperflüssigkeiten auflösenspendenden Flüssigkeiten des Körpers zu beseitigen und um die Natur soweit möglich im Kampf gegen Krankheit zu unterstützen. Er vertrat die Hypothese, der Blutstrom bilde den Strom des Lebens und führe all das mit sich, was Gott für die Aufrechterhaltung der Gesundheit vorgesehen hatte. Dass das Blut nicht immer frei zirkulieren konnte, machte er für das Entstehen von Krankheit verantwortlich; und wenn es gelänge, das Blut zum Sitz der Krankheit hinzulenken, würde das für Genesung sorgen. Die letzten 20 Jahre habe ich meine Aufmerksamkeit sehr genau dem gewidmet, was von all den besten Autoren gesagt wurde, die ich studiert habe. [] Ich habe Sezierungen durchgeführt und den besten Anatomen der Welt zugeschaut. Ich bin ihrem Skalpell auf der Suche nach Arterien von den großen zu den kleinen Gefäßen durch das ganze Blutsystem gefolgt, bis die Linsen des stärksten Mikroskops ihre Fähigkeit einbüßten, die Endungen der Arterien weiter zu verfolgen. [] Das Blut startet mit großer Eile und hält auch in den kleinen Arterien nicht an. Es ist immer und an jedem Platz in schneller und kraftvoller Dynamik. Diese Dynamik gibt keinen Hinweis auf eine mögliche Aufbauarbeit in dieser Zeit. Doch im Lymphsystem, in den Zellen oder Taschen wird die Dynamik langsam genug, so dass wir annehmen können, dass in diesen Zellen lebendes Material entsteht und durch das Lymphsystem zur Erfüllung seiner Bestimmung an den entsprechenden Ort wie Knochen oder Muskeln gebracht wird. Wir schlussfolgern, dass Blut die große und allumfassende Pflicht hat, das ganze Nervensystem in Form und Funktion zu erschaffen und zu ernähren. (Still 2002, S. 234–235)
Stills arterial rule (Kap. 2.6) war nun geboren: Eine gestörte Arterie markiert den Beginn, wenn eine Krankheit ihre Saat der Zerstörung im menschlichen Körper aussät. Dies wird nun durch den unterbrochenen Fluss arteriellen Blutes ermöglicht, das natürlicherweise Nerven, Bänder, Muskeln, Haut, Knochen und die Arterie selbst versorgt. Wer eine Krankheit oder Deformation ohne Ausnahme erfolgreich behandeln will, wird eine oder mehrere Störungen in Arterie oder Vene finden. [] Das Gesetz der Arterie ist absolut Gesetz der Arterieuniversal und darf nicht ignoriert werden, sonst folgt Krankheit. (Still 2002, S. 83)
Die Suche nach den Ursachen von Krankheit
Mit seiner Methode ohne jegliche gefährlichen Drogen-Medikamente, aber mit gefühlvollen manuellen Einrenk- und Lösungstechniken für Gelenke und Muskeln versuchte Andrew, die physiologischen Funktionen der blockierten Nerven und Gefäße zu befreien. Er bemühte sich, dieser Behandlung zusätzlich eine wissenschaftliche Untermauerung durch die Evolutionsprinzipien zu geben, und betonte, dass es sich bei der Osteopathie weder um einOsteopathie:Evolutionsprinzipien Massagesystem noch um Gesundbeten handle. Weil man zur damaligen Zeit noch keine Ahnung von Immunologie hatte, tauchten verständlicherweise viele Fragen auf: Welche Zusammenhänge bestanden genau zwischen dem Blutstrom und den Selbstheilungskräften des Körpers? Welche Rolle spielten die Nerven dabei?
Durch weitere Beobachtungen und Experimente fand er schließlich heraus, dass Fieber, Erkältung, Fieber:als SymptomDiphtherie, Typhus usw. keine Krankheiten, sondern nur Symptome oder Effekte waren. Fieber zeigte nur das Bestreben des Körpers, mehr Blut zur entzündeten Stelle zu leiten und durch seine Hitze die Krankheit zu verglühen. Die Ursache von Krankheitssymptomen sah Andrew Krankheitssymptome:Ursachenin einer verringerten oder verstärkten Aktivität von Nerven, welche die Flüssigkeiten im Körper steuerten; dies hielt er für die Basis der Osteopathie. Er fing an, nach verhärtetem und empfindlichem Gewebe, nach kühlen Hautregionen, nach verspannten Muskeln und blockierten Gelenken zu suchen, die Nerven Blut- und Lymphgefäße einklemmen könnten. So gab er an: Nicht den Kranken zu heilen ist die Pflicht des Operateurs, sondern einen Teil des ganzen Systems so zu korrigieren, dass die Lebensflüsse wieder fließen und das ausgetrocknete Feld bewässern können. (Still 2002, S. 91)

Neuanfang in Kirksville

Andrew erntete anfangs auch in Kirksville nur Spott und Hohn, und man stempelte ihn als Träumer ab. Es war erneut seine Frau Mary, die zu ihm hielt und ihm Mut zusprach. Andrew richtete sich ein kleines Behandlungszimmer mit einer Behandlungsliege ein. Einige abenteuerliche Seelen besuchten den neuen Doctor aus reiner Neugier und waren überrascht, kein Rezept für Pillen verschrieben zu bekommen. Stattdessen erfolgte eine sorgfaltige Abtastung ihrer Wirbelsäule. Ihre Wirbel und Rippen wurden in verschiedene Richtungen gebogen und verschoben, und an empfindlichen Stellen machte der sonderliche Doktor Still eine schnelle Bewegung, bei der ein komisches knallendes Geräusch auftrat. Eines Tages kam eine verängstigte Mutter mit einem an Dysenterie erkrankten Kind zu ihm. Behutsam suchte Still bei dem Kind nach empfindlichen Stellen und verkrampften Muskeln, dann knetete er diese Muskeln und empfindlichen Bereiche der Wirbelsäule, wo die Nervenversorgung des Kolons durchzieht, bis sich die Krämpfe und das harte Abdomen lösten. Daraufhin empfahl er noch eine Diät und wartete gespannt auf die nächste Sitzung. Mutter und Kind kamen lächelnd und wohlauf zum nächsten Termin.
Andrew heilte mittlerweile viele Patienten mit Lungenentzündungen, Wundrose, eitrigen Verletzungen, Asthma usw. Die Sterberate unter seinen Patienten ging praktisch gegen null (Still 2002). Er erzählte jedem, der es hören wollte, von seiner neuen mechanischen Behandlungsmethode für den Behandlungsmethoden:StillsKörper. Es machte langsam die Runde, dass Doc Still mit seinen wunderlichen Behandlungsmethoden aus Gymnastikübungen und schwarzer Magie alle möglichen Leiden heilen konnte. Er vollbrachte das anscheinend ohne Medikamente, und man berichtete, dass er sich magnetisch anfühlte (Page 1932).
Still machte sich Gedanken über einen Namen für seine Behandlungsmethode, und weil die dominanten Therapien seiner Zeit die Allopathie (Behandlung mit Arzneien, die etwas völlig anderes als das am Patienten Beobachtete bewirkten) und die Homöopathie (Behandlung mit Arzneien, die ähnliche Symptome wie am Patienten zu beobachten bewirkten) waren, entschied er sich, wegen der Bedeutung, die Knochen, Verhärtungen und Engpässe in seiner Theorie haben, für die Bezeichnung Osteopathie.
Als AndrewOsteopathie:Begriffsbildung nach der Heilung der kranken Tochter eines lokalen presbyterianischen Pfarrers mehr Unterstützung und Zuspruch erhielt, änderte sich endlich die Lage in Kirksville (Stark 2007). Langsam begann der Siegeszug der Osteopathie, und Andrew wurde, mittlerweile 49 Jahre alt, als the old doctor bekannt (Page 1932). Er fand sogar in dem berühmten Schriftsteller Mark Twain (1835–1910) einen Bewunderer der Osteopathie (Stark 2007, Trowbridge 2002).
Andrew begann ab 1887 seine Brüder, seine Söhne und weitere Verwandte in Osteopathie zu unterrichten. 1892 gründete er, gemeinsam mit Dr. Smith, einem Absolventen der berühmten schottischen Universität von Edinburgh, die American School of Osteopathy – ASO in American School of Osteopathy (ASO):GründungKirksville. 1894 hielt Andrew eine provokative Rede vor seinen Studenten, die man nur vor dem geschichtlichen Hintergrund begreifen kann: Einfallsreiche Menschen dachten sich Pläne aus, unsere Wissenschaft mit antiquierter Unwissenheit und moderner Dummheit zu verbinden und uns zu zwingen, ein Verhältnis mit allopathischen Medikamenten, Schwitzbädern und Chirurgie einzugehen. [] Dies ist das einzige Anliegen unserer Schule, und wir sollten bestrebt sein, diese fleckenlose Reinheit zu behalten. Keinem allopathischen System mit seinen fatalen Medikamenten sollte erlaubt sein, durch unsere Türen zu treten. Keiner homöopathischen Praxis mit ihren gezuckerten Tabletten darf erlaubt sein, unseren Namen zu beschmutzen. Keine Chirurgie mit ihren Torturen und Enttäuschungen für den Kranken kann einen dauerhaften Platz im Geist des wahren, qualifizierten Osteopathen finden. Osteopathen bitten nichts und niemanden um Hilfe. (Still 2002, S. 127)
Ab 1894 schrieb Andrew zahlreiche Artikel und 4 Bücher. Zwischen 1896 und 1899 wurden 13 weitere Osteopathie-Schulen eröffnet, Osteopathie-Schulensodass sich 10 Jahre nach dem Abschluss der ersten Klasse der American School of Osteopathy kaum noch eine größere Stadt in den Vereinigten Staaten finden ließ, in der es keine Osteopathen gab (Page 1932).

Osteopathie-Schulen

Ab 1900 hatte Andrew angefangen, teils wegen gesundheitlicher Probleme, weniger Unterricht zu geben. In seiner eigenen Osteopathie-Schule wuchs die Osteopathie-Schulen:Littlejohns AnsatzKritik an Still, vor allem wegen seines Spiritualismus. Verschiedene osteopathische Dozenten, vornehmlich der schottische Arzt und Osteopath J. M. Littlejohn, wollten mehr Physiologie und darüber hinaus alle Aspekte und diagnostischen Möglichkeiten der medizinischen Wissenschaft in die osteopathische Ausbildung integrieren. Das führte zu einer Konfrontation mit Andrew Still. Zudem sorgten neue medizinische und chirurgische Methoden für Furore und Konkurrenz.
1897 gründeten Osteopathen die American Association for the Advancement of Osteopathy (AAAO) und American Association for the Advancement of Osteopathy (AAAO):Gründungkämpften für das Recht, Medizin, Geburtshilfe, Anästhesie und Osteopathie zu kombinieren. Die Association of Colleges of Osteopathy (ACO) wurdeAssociation of Colleges of Osteopathy (ACO):Gründung 1898 gegründet. Als sie Mindestanforderungen für den Unterricht an Osteopathie-Schulen (auch Chirurgie, Radiologie, Arzneilehre usw.) definierte, kündigten Andrew Taylor Still und seine Schule, die ASO, ihre ASO\t\"Siehe American School oft OsteopathieMitgliedschaft bei der ACO bis 1920 (Still 2002).
Andrew, der von sich behauptete, eine Aura und Schwingungen bei seinen Patienten sehen und diese diagnostisch auswerten zu können, verhielt sich zunehmend skeptisch gegenüber den neueren Geräten (z. B. Röntgengeräte, Mikroskope). Seine Kollegen, die keine übernatürlichen Fähigkeiten besaßen, reagierten wiederum misstrauisch auf diese angeblichen Fähigkeiten von Still (Trowbridge 2002). Als 1898 ein chirurgisches Sanatorium an die ASO angegliedert wurde, sorgte das für noch größere Unstimmigkeit zwischen Still und Littlejohn. Als Still und Littlejohn:StreitLittlejohn und Still:StreitLittlejohn dann auch noch einen Abschluss als Doktor der Medizin für die Osteopathie-Schule verlangte, eskalierte der Streit zwischen den beiden. Es endete 1900 mit dem Rücktritt von Littlejohn und einem Rechtsstreit.
Unmittelbar nach seinem Rücktritt gründete Littlejohn 1900 die Amerikanische Schule der Osteopathischen Medizin und Chirurgie. 1917 verließ er Amerika, enttäuscht von den politischen Entwicklungen in Bezug auf die Osteopathie, und zog nach London, wo er die erste Osteopathie-Schule in Europa gründete, die British School of Osteopathy (BSO).
Obwohl British School of Osteopathy (BSO):Gründungniemand die Philosophie der Osteopathie in Frage stellte, entstanden (auf natürliche Weise) zunehmend weiter gefasste Interpretationen und eine liberalere Einstellung gegenüber der Integration von Arzneitherapie, Impfstoffen und anderen Entdeckungen der modernen Medizin in die Osteopathie. Selbst Still konnte diese Entwicklung nicht mehr aufhalten. Obwohl Still sich mittlerweile über die Entdeckungen von Bakteriologen wie Pasteur, Virchow und anderen freute, weil sie im Grunde genommen seine Theorie, das Gesetz der Arterien, bestätigten, wunderte er sich trotzdem, warum Wissenschaftler Tiere quälen müssen, um ein künstliches Serum herzustellen, wo er doch schon längst nachgewiesen hatte, dass Blut sein eigenes Serum bereitstellen könnte, wenn man es osteopathisch behandelte!
Wie kontrovers die Meinungen innerhalb der jungen osteopathischen Gemeinschaft damals schon waren, zeigte eine Äußerung von Fryette: When he left, Littlejohn took all of the brains out of Kirksville. (zit. nach Hermanns 2007, S. 47)
Auch für Littlejohn sollte sich die Geschichte wiederholen, denn auch er musste logischerweise mehrere Interpretationen der Osteopathie zulassen. Stone merkte dazu an, dass interessanterweise die Schule, die Littlejohn in Europa gründete (BSO – British School of Osteopathy), in unseren Tagen anscheinend seine ursprünglichen Konzepte gar nicht mehr unterrichtet, sondern dass ausschließlich das Maidstone College of Osteopathy das Werk vonMaidstone College of Osteopathy Littlejohn weitergeführt hat (Stone 1999).
Aber nun zurück zu Still. 1904 wurde in Amerika das Council on Medical Education gegründet, das sich die Restrukturierung der amerikanischen medizinischen Ausbildung zum Ziel gesetzt hatte. Daneben gab es auch noch den Flexner Report von 1910, in dem die medizinischen Ausbildungen in den Vereinigten Staaten von Amerika und Kanada begutachtet wurden. Die Bewertung der Osteopathie-Schulen fiel nicht Osteopathie-Schulengut aus und verdrängte die osteopathische Ausbildung für längere Zeit in eine Nische.
Am 12. Dezember 1917 starb Still, und seine letzten Worten sollen ironischerweise Haltet sie rein, Jungs, haltet sie rein! (Trowbridge 2002, S. 201) gewesen sein. Seine typische metaphorische Sprache und seine Bücher wirken heute manchmal etwas fremd und unwissenschaftlich auf medizinische Gelehrte und werden leider oft unbeeindruckt wieder weggelegt. Ohne Kenntnis des historischen Kontextes und des persönlichen Engagements ist es schwierig, den Kern der Philosophie von Andrew Philosophie:StillsTaylor Still zu verstehenStills Philosophie und schätzen zu lernen. Deshalb haben wir uns entschieden, das Leben von Still hier etwas ausführlicher zu behandeln.
Nach Still wurde 1928 die American Osteopathy Foundation mit dem Ziel gegründet, Osteopathie wissenschaftlich mehr zu fundieren. Erst 1954 fand eine für die Osteopathie positive Bewertung der osteopathischen Ausbildung durch eine offizielle Kommission statt. Es wurden nur geringfügige Unterschiede zum Medizinstudium festgestellt. Trotzdem dauerte es noch bis 1974, bis die Osteopathie-Schule von MichiganOsteopathie-Schule:D. O. als erste einer amerikanischen Universität angegliedert wurde. Etwas später wurde die Osteopathie in Amerika allgemein anerkannt und der D. O. (Doctor of Osteopathy) dem M. D. (D. O. (Doctor of Osteopathy)Medical Doctor) gleichgestellt.
Auch in Großbritannien entstanden nach der Ankunft von Littlejohn keine einheitlichen Vorgaben, weder zwischen verschiedenen osteopathischen Richtungen noch zwischen der Osteopathie und der klassischen Medizin. Es dauerte in Großbritannien anscheinend sogar bis 1993, ehe mit dem Osteopathics Act 1993 (Statut der Osteopathen) Richtlinien für die osteopathische Berufsausübung festgelegt wurden. 1998 wurde das General Osteopathic Council (GOsC) als General Osteopathic Council\\"(GOsC):EnglandKontrollorgan installiert. Erst seit dem 9. Mai 2000 ist der Titel Osteopath in England per Gesetz geschützt. Die Zielsetzung des GOsC besteht nunGOsC:(General Osteopathic Council)GOsC:Qualitätsstandards in einer Registrierung qualifizierter Osteopathen, in der Erstellung von Qualitätsstandards für die osteopathische Praxis und osteopathische Ausbildung sowie in der Hilfe für Patienten bei Beanstandungen gegenüber einem Osteopathen (www.osteopathy.org.uk/). Stone zufolge zeigt sich innerhalb der osteopathischen Landschaft in Großbritannien eine große politische Zersplitterung, von der sie sich erst jetzt langsam zu erholen beginnt (Stone 1999). Anscheinend verfügt die Osteopathie momentan nurOsteopathie:gesetzliche Regelung in den USA und in England über eine vollständige gesetzliche Verordnung, die ihre Anerkennung und Zulassung regelt; Osteopathen dürfen dort legal diagnostizieren und therapieren. In Australien und Neuseeland gibt es teilweise eine gesetzliche Regelung für gesetzliche Regelung:OsteopathieOsteopathen. Es fragt sich, wie sich die Osteopathie in den anderen Ländern und demnach auch in Deutschland politisch und gesetzlich etablieren wird?
Eine Definition des Lebens finde ich als Abschluss dieses Kapitels sehr passend. Sie gibt Andrew Stills Sichtweise Stills:Definition des Lebenssowohl der Triunität des Menschen als auch des Materie-Geist-Dualismus wieder: Leben ist eine Substanz, welche das gesamte Universum erfüllt. Eine seiner Eigenschaften ist Aktivität unter passenden Bedingungen. Es gibt sowohl dem Körperlichen als auch dem Geistigen Form und Antrieb. Eine seiner Kräfte ist, jene Materie auszuwählen, aus welcher das jeweils passende Fleisch für die Fasern und Muskeln im Menschen, im Tier, im Vogel und im Reptil entsteht oder aus welcher sich Mineralien, Pflanzen, alle Gase, Flüssigkeiten und die Kraft der ganzen Natur bilden. Es wählt aus, ordnet und liefert Leben an Atome, Wesen und Welten. Es versieht sie mit Material und Bewegung, mit Geist und Weisheit. So werden sämtliche Bewegungen jenes Körpers konstruiert und gelenkt, der auf Grund seiner ewigen Anstrengungen entstanden ist. Leben ist Gott, Weisheit, Kraft und sämtliche Bewegung! (Still 2002, S. 659)

Die Quantentheorie revolutioniert im 20. Jahrhundert die Weltanschauung

Quantentheorie und Geisteswissenschaften

Am Ende des 19. Jahrhunderts revolutionierten einige Entdeckungen in der Physik die Weltanschauung. Sowohl die Geisteswissenschaften als auch die Naturwissenschaften wurden dadurch erheblich gefördert und beeinflussten sich gegenseitig. Die Geburtsstunde der Quantentheorie von Planck Quantentheorieund Einstein war Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Quantentheorie beschreibt das Verhalten von Materie im atomaren und subatomaren Bereich und beinhaltet bewegende Neuigkeiten:
  • Während in der klassischen Physik Beobachtungsgrößen kontinuierlich und damit auch messbar sind, können in der Quantenphysik die Beobachtungsgrößen nur diskrete Werte annehmen.

  • In der klassischen Physik sind bei Kenntnis eines Systems sichere Vorhersagen für zukünftige Beobachtungen innerhalb dieses Systems möglich. In der Quantenphysik hingegen können, selbst bei vollständiger Kenntnis des Systems, nur Wahrscheinlichkeitsaussagen getroffen werden.

  • Die Quantenphysik ermöglicht QuantenphysikKorrelationen von Messergebnissen, die mit klassischen Theorien nicht erklärbar sind.

  • Im Verständnis der Materie entsteht ein neuer Dualismus zwischen Wellen und Teilchen.

  • Die Relativitätstheorie verweist aufRelativitätstheorie Gravitationsfelder, die zu einer Krümmung des Raums führen, sodass im Bereich der Astronomie der klassische dreidimensionale (euklidische) Raum seine Gültigkeit verliert.

Die Naturwissenschaften haben im 20. Jahrhundert zunehmend das Feld von Geist, Materie, Energie, Natur etc. eingenommen, und die Debatte zwischen Naturwissenschaften und Philosophie ist dadurch sowohl noch breiter als auch mehrspuriger geworden. Aufgrund der neuen technischen Möglichkeiten (z. B. CT, MRT) wächst die Überzeugung, bald genau chemisch-molekular und neuronal enthüllen zu können, wie der Geist (mechanistisch) funktioniert. Aus dem Leib-Seele-Dilemma ist Leib-Seele-Dilemmamittlerweile ein Körper-Seele-Geist-Trilemma geworden, und es sind darüber hinaus auch noch das Wellen-Teilchen-Dilemma und das Theorie-Praxis-Dilemma hinzugekommen.

Eine ganzheitliche Systemtheorie?

Seit der Deklaration von Helsinki des Weltärztebundes sind Ethikkommissionen gegründet worden, die sich mit einer zunehmenden Zahl von ethischen Problemen wie Sterbehilfe, Abtreibung, Arzt-Patient-Beziehung, Organtransplantation, Reproduktionsmedizin usw. auseinandersetzen müssen. Schopenhauer stellte die Philosophie als ein Ungeheuer mit vielen Köpfen dar, wobei jeder eine andere Sprache spricht! Eine übergreifende Theorie, sozusagen eine Art Systemtheorie, erscheint sinnvoll und notwendig.
Nichtsdestotrotz meine ich aus der Geschichte verstanden zu haben, dass neue Interpretationen auch die Art und Weise, wie wir die Welt sehen, verändern können.
Die Systemtheorie ist Systemtheorie:ganzheitlichewohlgemerkt keine Disziplin der Philosophie, sondern ein System zur Beschreibung und Erklärung von komplexen Phänomenen, wie beispielsweise den Körper des Menschen. Weil Osteopathen von sich behaupten, ganzheitlich zu behandeln, ist es nicht unwichtig, die Systemtheorie hier kurz zu beschreiben (Kap. 1.18).
Das systemische, ganzheitliche Vorgehen ist zurückzuführen auf die Systemtheorie des Systemtheorie:Mensch-Umweltösterreichischen Biologen L. von Bertalanffy (1901–1972). Er verwies darauf, dass isolierte Phänomene, wie sie manchmal wissenschaftlich beschrieben werden, in der Realität nicht vorkommen und dass es demzufolge sinnvoller wäre, keine Einzelphänomene, sondern eine Kombination von Phänomenen und deren Verbindungen untereinander zu beschreiben. Es ist wichtig, zwischen offenen Systemen, die wie der Mensch auch in (nicht-vorhersagbare) Wechselwirkungen mit ihrer Wechselwirkungen:SystemtheorieUmwelt treten, und geschlossenen Systemen, die nicht von der Umwelt beeinflusst werden, zu unterscheiden.
Den Menschen als System zu betrachten bedeutet, dass es sich um eine Menge von Elementen handelt, die in einem abgegrenzten Bereich (individuell im Körper, zwischenmenschlich in der Gesellschaft) so zusammenwirken, dass dabei ein vollständiger, funktionell sinnvoller Zusammenhang entsteht. Es ist vielleicht auch noch wichtig zu betonen, dass nach der Systemtheorie Aufbau und Funktionsweise eines Systems vom Standpunkt des Betrachters abhängig sind!
Dabei betonte von Bertalanffy, dass Einzelphänomene bei einer organisierten Komplexität (wie sie im menschlichen Körper gegeben ist) nicht linear logisch miteinander gekoppelt sind, sondern dass Wechselwirkungen zwischen ihnen bestehen. Aus dieser Sicht sind beispielsweise die osteopathischen linearen (auf- und absteigenden) Läsionsketten kritisch zu betrachten (Kap. 2.3.15).

Systemtheorie

Erst durch die Beschreibung der wechselseitigen Vernetzungen kann man versuchen, sich ein Bild von der Ganzheit oder Summe des Systems Mensch zu machen. Die medizinische Systemtheorie bemüht sich um ein besseres Verständnis von Vernetzungen, die innerhalb des gesunden wie auch des kranken Systems Mensch bestehen.

Der menschliche Körper bildet also ein offenes System, was auch bedeutet, dass er Energie und Materie mit der Umwelt austauschen kann und damit ein homöostatisches Gleichgewicht anstrebt. Ein homöostatisches Gleichgewicht stellt sich durch eine sekundäre Regulation ein, die auf einem speziellen Informationssystem beruht, das für eine positive und negative Rückkopplung (Feedback) sorgt.

Das Körper-Seele-Geist-Problem

Einführung

SystemtheorieGleichgewicht:homöostatischesDie Begriffe Geist und Seele werden sehr Geist und Seele:Begriffsbestimmunguneinheitlich verwendet. Seit je spielt die Vorstellung einer Seele eine besondere Rolle als Erklärung für Bewusstsein, Belebtheit und Unsterblichkeit, während der Geist oft mit dem Verstand gleichgesetzt wird. Dazu werden eine oder manchmal sogar mehrere Substanzen beschrieben, die diese Seele besonders edel, fein und leicht machen sollen und einen wesentlichen Bestandteil des lebendigen Menschen darstellen. Der Geist wird oft als eine Art nicht-stoffliche Substanz angegeben, die wir nicht berühren können und die sozusagen alle flüchtigen Gefühle und Gedanken repräsentiert. Trotzdem ist unser Geist fähig, Lust und Schmerz zu empfinden, zu lieben und zu hassen, sich etwas vorzustellen und zu denken. Manche verschärfen diese Debatte, in dem sie anführen, der Geist sei ein Prozess und kein Ding.
Es herrschte eigentlich nie völlige Einigkeit über den Sitz der Seele. Für manche war das Haupt, für andere das Herz der Sitz der Seele, und weil das Gehirn eine weiche Konsistenz hat und so geheimnisvoll wirkte, war es ebenfalls als Sitz für die Seele interessant. Im Laufe der Geschichte vermischten sich die verschiedenen Seeleninterpretationen immer wieder und sorgten anscheinend für etliche unterschiedliche Darstellungen von Seele und Geist.
Weil die Seele Spiritualität und Glauben beinhaltet, entzieht sie sich der wissenschaftlichen Nachprüfung. So lässt sich laut Einigen (aus wissenschaftlicher Sicht) die Frage stellen, ob die Seele damit ihre Existenzberechtigung verliert?
In einem separaten Kapitel werden die Krankheiten oder Störungen der Seele und Psyche etwas ausführlicher besprochen (Kap. 3).

Begriffsbestimmung von Geist und Seele

Die Seele wurde Geist und Seele:Begriffsbestimmungbereits sehr früh in verschiedenen Kulturen beispielsweise als Vogel dargestellt. Vom göttlichen Schöpfer geformt, soll die Seele beim Tod als Homunculus (Menschlein) den Körper verlassen. In der christlichen Vorstellung deutet man die Seele als das, was weiterlebt.
Freud betrachtete die Seele häufig als das Unbewusste. Persönlich möchte ich mir die Seele als den individuellen Lebenswunsch vorstellen, als das, was den Körper zusammenhält.

Seelen-Begriffe

  • Der Begriff atman umschreibt in der indischen Philosophie das individuelle Selbst und die unzerstörbare, ewige Essenz des Geistes. Er wird häufig mit Seele übersetzt und liegt vermutlich auch unserem Atem-Begriff zugrunde.

  • Die griechische Bezeichnung für Seele lautet psyche, die lateinische anima und wird in verschiedenen Bedeutungen verwendet.

  • Das deutsche Wort Seele stammt vom althochdeutschen se(u)la ab, was eigentlich zum See gehörend bedeutet. Nach germanischer Vorstellung waren Seelen dem Medium Wasser ähnlich.

  • Der englische Begriff soul beinhaltet eher eine religiöse Vorstellung von Seele, die von Gott geschaffen wurde und nach dem Tod weiterlebt.

Oft Seelen-Begriffwird die Seele auch als Lufthauch vorgestellt. Das Aushauchen des Lebensatems symbolisiert den Tod. In der Bibel (Genesis 2) schuf Gott den Menschen aus Staub oder dem Erdboden und hauchte ihm den Atem des Lebens in die Nase, damit der Mensch zu einer lebenden Seele wurde. Demzufolge besteht der menschliche Körper aus Lehm, die Seele dagegen aus dem göttlichen Atem.
W. G. Sutherland bezeichnete deswegen, inspiriert von diesem Bild, den Rhythmus des lebenden Gewebes (sog. Kraniosakralrhythmus) als Breath of life oder Atem des Lebens. Vitalismus und Atem des LebensSpiritualismus führen, wie oben angegeben, eine bis heute anhaltende Diskussion über diese besondere Lebenskraft oder den Atem des Lebens (Kap. 1.3.3 und Kap. 1.6).

Geschichtliche Entwicklung des Leib-Seele-Dilemmas

Aufteilung der Seele in der Antike
Die Seele ist von Anfang an stark zergliedert worden. Die griechischen Philosophen Demokrit (460–370 v. Chr.) und Platon (429–348 v. Chr.) betrachteten die Seele als ein dreifaltig Seele:in der Antikezusammengesetztes Organ des Körpers:
  • Im Kopf siedelten sie als rationalen Teil der Seele den Verstand an, der als Vernunftseele (logistikon) für geistige Funktionen (wie Denken, Erkenntnis) zuständig war.

  • Im Herzen siedelten sie Gemütsempfindungen wie Vertrauen, Wut, Angst, Stolz und Mut an; diese Affektseele (thymoeides) war für die Emotionen zuständig.

  • Im Bauch waren letztendlich Begierde und Triebe oder niedere Leidenschaften (wie Sexualtrieb, Schlaftrieb, Nahrungstrieb) zu Hause, was sie als vegetative Seele (epithymetikon) bezeichneten.

Für Aristoteles (384–323 v. Chr.) verhielten sich Seele und Leib wie Form und Materie. Er verband die Vorstellung, dass die Seele nicht unabhängig vom Körper existieren könne, mit der Idee von Plato, dass die Seele eine gesonderte, nicht-körperliche Einheit darstelle.
Heute ist der Begriff Seele im allgemeinen Sprachgebrauch häufig religiös gefärbt, während in der Wissenschaft meistens der Begriff Psyche für Bewusstsein und PsycheVerstand (Geist) benutzt wird (Helferich 2005).
Galen (129–200 n. Chr.) beschrieb die Entstehung von feinem Spiritus oder Lebensgeist aus Korpuskeln (Körperchen), indem Luft aus den Lungen in die linke Herzkammer gelangt und dort zu Spiritus vitalis, einer Spiritus vitalis:(Galen)lebenswichtigen Feinsubstanz, verarbeitet wird. Über die Arterien gelangt das Blut dann ins Gehirn, wo es als Spiritus animalis in den Hirnkammern gespeichert wird. Zu den Tätigkeiten der Seele rechnete Galen Denken, Erinnern und Vorstellen. Die Leidenschaften kämen aus dem Bauch, wobei das Verlangen in der Leber, das Temperament im Herzen und der Intellekt im Gehirn vorzufinden wäre. Die Mischung dieser drei Elemente bewirke dann den Charakter eines Menschen. Unter den Temperamenten unterschied Galen vier Typen: den cholerischen (leicht erregbar, jähzornig, unausgeglichen), den sanguinen (heiter, lebhaft, leichtblütig), den melancholischen (schwermütig, trübsinnig, traurig) und den phlegmatischen Typ (langsam, schwerfällig, ruhig).
Im Mittelalter versuchten Theologen, Galens Ansichten mit dem christlichen Glauben zu vermischen. Weil die Vorstellung einer Gehirnmasse viel zu materialistisch war, entwickelte man die sogenannte Drei-Kammer-Theorie und siedelte die Seele in den Hirnkammern an.Seele:Hirnkammern Dabei sollte die Hirnkammern:Seelesinnliche Einbildung in der ersten Hirnkammer wohnen, die man deswegen als Cellula phantastica bezeichnete. Der Verstand sollte in der zweiten Hirnkammer oder Cellula rationalis und das Gedächtnis in der dritten Hirnkammer oder Cellula memoriae angesiedelt sein. Mit dieser Theorie versuchte man logisch zu erklären, dass das Seelenorgan in der ersten Hirnkammer die Sinneseindrücke aufnahm, das Denkorgan in der zweiten Hirnkammer die Eindrücke verarbeitete und auswertete und das Gedächtnisorgan das Produkt letztendlich als Erinnerung speicherte (Jütteman et al. 2005).
Descartes und das Leib-Seele-Dilemma
Mit der Renaissance vermehrte sich das Wissen explosionsartig, was viele Menschen ängstigte und aus ihren gottgefügten Schicksalhaftigkeit stieß. Immer mehr wurde in Frage gestellt, wobei sich wahrscheinlich viele Menschen in einer Welt, in der nichts mehr sicher, aber alles möglich erschien, nicht allzu behaglich gefühlt haben werden. Ein Graben zwischen Wissen und Glauben tat sich auf, der sich teilweise sogar heute noch nicht leicht überbrücken lässt. Der Mensch müsste erst den Mut bekommen, sich des eigenen Verstandes zu bedienen und sich von seiner Unmündigkeit zu befreien, was erst im Zeitalter der Aufklärung passieren wird (Kant 1974).
Descartes (1596–1650) kann man vielleicht stellvertretend für diese beginnende Wissensrevolution betrachten. Er fasste Körper und Geist (res extensa >< res cogitans) als zwei völlig unterschiedliche Substanzen auf (cartesianischer Dualismus). Er ordnete das Dualismus:cartesianischerDenken und den Willen dem Geist oder der Seele zu. Zusätzlich wies er aber darauf hin, dass diese Seele von Gott geschaffen sein müsste (Kap. 1.2). Descartes versuchte zunehmend den Begriff Seele zu vermeiden; stattdessen sprach er bei Denkvorgängen vom Geist und grenzte damit die Funktionen des traditionellen Begriffs der Seele aus. Aus einem Dualismus entwickelte sich eigentlich langsam ein Trialismus von Körper-Seele-Geist. Eine genauere Körper-Seele-Geist:TrialismusBegriffsbestimmung, insbesondere die Unterscheidung zwischen Seele und Geist, erscheint schwierig, daher werden die Begriffe Seele und Geist weiterhin oft (bewusst?) durcheinander benutzt.
Obwohl Descartes die mechanische Physik als Grundlage für ein neues Weltbild sah und den lebenden Körper des Menschen als eine Art Maschine betrachtete, schrieb er Meditationen über die erste Philosophie, in der die Existenz Gottes und die Unsterblichkeit der Seele bewiesen wird. Er stieß damit aber bei Theologen eher auf Ablehnung. Zweifellos hat Descartes hiermit eine fortdauernde Diskussion über das Körper-Geist-Seele-Dilemma entfacht. Es wird zu Körper-Geist-Seele-Dilemma:(Descartes)einer existentiellen Frage für jeden denkenden-fühlenden Menschen, sich sowohl mit der res cogitans (Geist und Seele) als auch mit der res extensa (Körper) zurechtzufinden!
Manche Wissenschaftler wählen eine Form des Monismus, dem zufolge sich alle Vorgänge und Phänomene der Welt auf ein einziges Grundprinzip zurückführen lassen. Insbesondere für den Materialismus oder Physikalismus ist alles nur Materie (oder Chemie) und da nur materielle Substanzen als real gelten können, ist demzufolge auch die Seele materialistisch. Dem steht als eine andere Form des Monismus der Idealismus oder die Phänomenologie gegenüber, wonach alles Geist ist und nur geistige Vorgänge als real anzusehen sind. Dem neutralen Monismus gilt weder ein materieller noch ein geistiger Vorgang, sondern ein anderes, unabhängiges Grundprinzip als Basis der Welt (Jütteman et al. 2005).

Die Suche nach der Seele im 18. Jahrhundert

Wie stark der Wunsch war, endlich ein festes Substrat für die Lokalisation der Seele zu finden, zeigt sich im weiteren Verlauf der Geschichte. Wissenschaftler wie der englische Arzt T. Willis (1621–1675), der italienische Anatom M. Malpighi (1628–1694) und der schweizerische Mediziner A. von Haller (1708–1777) bemühten sich, teilweise durch Tierversuche, mentale Funktionen im Hirngewebe zu lokalisieren.
Der französische Physiologe J.-P. Flourens (1794–1867) entfernte bei Versuchstieren immer größere Teile des Gehirns und beobachtete die Auswirkungen. Er fand mit den damals zur Verfügung stehenden Operationsmöglichkeiten heraus, dass nicht etwa bestimmte Funktionen, sondern alle Funktionen gleichermaßen beeinträchtigt wurden. Die Vorstellung, dass das Gehirn homogen, ohne spezialisierte Bereiche, funktioniert, sollte noch lange in den Köpfen der Wissenschaftler erhalten bleiben.
Der deutsche Anatom S. T. Soemmering (1755–1830), der als Erster den Verlauf der Hirnnerven, der Rückenmarksnerven und der sympathischen Nerven beschrieben hat, gab in seiner Schrift Über das Organ der Seele an, der Liquor cerebrospinalis, die Flüssigkeit in Liquor cerebrospinalis:und Seeleden Hirnkammern, sei das Organ oder Hirnkammern:Seeleder Sitz der Seele und entfachte damit Seele:Hirnkammerneinen immensen Streit unter den Wissenschaftlern. Er wies auf die Schwierigkeit hin, dass eine feste Materie schwerlich für Bewegung sorgen könnte, wenn sie sich nicht verflüssigte. Die Entstehung von bewussten Empfindungen könnte man nur in Form einer Flüssigkeitsbewegung verstehen (Soemmering 1996). Er vermutete, dass der Liquor cerebrospinalis wegen seiner (für damalige Verhältnisse) komplexen chemischen Zusammensetzung für die mentalen Prozesse zuständig wäre.
Goethe schrieb an Liquor cerebrospinalis:PotencySoemmering, es wäre besser gewesen, die Philosophen ganz aus dem Spiel gelassen, ihr Wesen und Treiben ignoriert und sich recht fest an die Darstellung der Natur gehalten zu haben (Goethe 1892). Andere, wie der deutsche Mediziner J. F. Ackermann (1765–1815), entwickelten die Theorie von Soemmering weiter, indem sie vermuteten, ein Gas im Liquor cerebrospinalis repräsentiere das Liquor cerebrospinalis:und Seeleeigentliche Organ der Seele.

Bezug zur Osteopathie

Es ist interessant, Äußerungen von Still und Sutherland, den Begründern der Osteopathie mit besonderem Interesse an der Ventrikelflüssigkeit, vor dem Hintergrund dieser Hypothese und dieses Zeitgeistes zu betrachten!

Sutherland gab beispielsweise an, die Fluktuation der zerebrospinalen Flüssigkeit besitze eine Potency (Macht, Potenz), die intelligent wäre. Diese Potency entstehe durch eine unsichtbare Flüssigkeit innerhalb des Liquor cerebrospinalis (Sutherland 1990).

Still verglich den Plexus choroideus sogar mit einer Apotheke, in der ein Austausch zwischen allen Chemikalien, der zerebrospinalen Flüssigkeit und dem arteriellen System stattfindet (Sutherland 1990).

De la Mettrie (1709–1751) verglich, als eingefleischte Materialist, den Menschen provokativ mit einer in aufrechter Haltung dahinkriechenden Maschine. Für ihn seien die Fähigkeiten des Menschen wichtiger als die Streitfrage, ob der Geist nun materiell oder immateriell sei. So habe er sich mit dem unbegreiflichen Wunder der Natur abgefunden, Empfinden und Denken in einem Wesen zu ermöglichen, das eigentlich nur aus ein wenig Schlamm bestehe (de la Mettrie 2001).
Auch Gall (1758–1828) versuchte mit seiner Phrenologie, die Seele materiell zu begreifen, lehnte aber die Vorstellung ab, die Seele befinde sich in der Tiefe des Gehirns. Er suchte eigentlich weniger nach dem Sitz als nach den Werkzeugen der Seele (Kap. 1.6.2). Gall sah die Hirnwindungen als Organe der Geisteskräfte an und ordnete bestimmten Gehirnarealen konkrete geistige Fähigkeiten zu. Der Geist wirke sozusagen durch Organe in uns. Damit deutete Gall an, dass geistig-seelische Fähigkeiten ein materielles Korrelat im Gehirn hätten, womit er seiner Zeit um einiges voraus war (Gall-Spurzheim 2001). Gall bekam, wie bereits erwähnt, die Wut der Theologen und Philosophen zu spüren und wurde als Scharlatan abgetan. Letztendlich hatten der Geist und die Seele über der Materie zu stehen, insbesondere über der schwammigen, weichen Gehirnmasse! Die materialistischen Vorstellungen eines Arztes hatten im Bereich des Geistes nichts verloren, der unmissverständlich das Terrain der Theologen und Philosophen war. So galt weiterhin, dass das Gehirn, wie die Seele, unteilbar sei.
Die Seele im Deutschen Idealismus
I. Kant (1724–1804) fand den Vergleich Mensch-Maschine völlig abwegig. Er übte vernichtende Kritik an den Äußerungen Soemmerings und sagte voraus, dass die Suche nach dem Sitz oder dem Organ der Seele zum Scheitern verurteilt wäre. Für ihn war die Seele ein Vernunftbegriff oder Seelenbegriff:Kantseine Erkenntnis a priori, die der praktischen Vernunft als Grundlage unseres Handelns dient. Weder die Existenz noch die Unsterblichkeit der Seele sind laut Kant durch die Vernunft beweisbar. Die Sinne sind sozusagen blind für die Seele, sodass sich die Seele nur durch sich selbst wahrnehmen lässt. Trotzdem ist ein konsequent moralisches Handeln ohne die Annahme der Existenz einer Seele nicht möglich (Kant 1974).
Die Philosophen Kant, Fichte, Schelling und Hegel lehnten sowohl die monistische als auch die dualistische Vorstellung von Seele und Körper ab. Es handele sich beim Thema Körper-Seele nicht um ein Entweder-oder, sondern eher um ein Sowohl-als-auch. Damit ist gemeint, dass die denkende Substanz (res cogitans) und die ausgedehnte körperliche Substanz (res extensa) nicht verschieden, sondern durch das Ideal einer wunderbaren Seele vereinigt sind. Hegel sah die Seele als ein frühes Entwicklungsstadium des Geistes an, in dem sich der Geist sozusagen noch im Schlaf befindet. Er bezeichnete das Körper-Seele-Dilemma als Scheinproblem, weil er sowohl das Physisch-Materielle als auch das Bewusstsein als reine Erscheinungsformen des Geistes auffasste (Höffe 2001).
Letztendlich konnte aber auch dieses deutsche idealistische Quartett die Diskussion um das cartesianische Dilemma nicht beenden.

Die Suche nach der Seele im 19. Jahrhundert

Ab dem 19. Jahrhundert spitzten sich die Spannungen zwischen den materialistisch-mechanistisch orientierten Naturwissenschaftlern und den idealistisch-metaphysischen Philosophen zu. Der Zuwachs an neuen anatomischen Erkenntnissen sowie empirischen Beweisführungen für die Lokalisierung von geistigen Funktionen in der Hirnforschung sorgte für noch mehr Zündstoff in der Diskussion.
Manche Materialisten bezeichneten die Vorstellung einer Seele als Unsinn und betrachtetenSeelenbegriff:materialistischer das Bewusstsein als eine reine Hirnfunktion. Für sie war das Bewusstsein produzierende Gehirn vergleichbar mit der Urin produzierenden Niere. Das Modell des Menschen als Maschine trat wieder in den Vordergrund, und Fragen zur Willensfreiheit oder zur Unsterblichkeit der Seele brachten erneut religiöse und soziale Aspekte ins Spiel. Der Darwinismus tastete gewissermaßen die Würde des Menschen an, indem er den Unterschied zwischen Mensch und Tier verschmälerte und die biblische Genesis in Frage stellte. Bis heute scheinen diese Streitpunkte um die Seele leider immer noch nicht ausgeräumt zu sein!
Von der Seele zu einer Lebenskraft und ganzheitlichen Zusammenhängen
Für viele Ärzte und Philosophen ließen sich aber Lebensfunktionen nicht auf Prozesse der unbelebten (materiellen) Natur zurückführen. Der Anatom J. F. Blumenbach (1752–1840) gab beispielsweise einen Bildungstrieb von Organismen der sowohl für die Ernährung als auch für Heilungsprozesse zuständig sei (Plauen 2007).
Der deutsche Arzt C. W. Hufeland (1762–1836) lehnte die materialistische Einstellung, wonach nur chemische oder physikalische Grundprinzipien gelten, ab. Er betonte die Wichtigkeit der Lebenskraft (vis vitalis) und äußerte Lebenskraft:(Hufeland)sich ähnlich wie Gall: Die Seele ist etwas ganz vom Körper verschiedenes, ein Wesen aus einer ganz andern, höhern, intellectuellen Welt; aber in dieser sublunarischen Verbindung und um menschliche Seele zu seyn, muß sie Organe haben, und zwar nicht bloß zu den Handlungen, sondern auch zu den Empfindungen, ja selbst zu den höhern Verrichtungen des Denkens und Ideenverbindens und diese sind das Gehirn und das ganze Nervensystem. Die erste Ursache des Denkens ist also geistig, aber das Denkgeschäft selbst (so wie es in dieser menschlichen Maschine getrieben wird) ist organisch. So allein wird das so auffallend Mechanische in vielen Denkgesetzen, der Einfluss physischer Ursachen auf Verbesserung und Zerrüttung des Denkgeschäftes erklärbar, und man kann das Geschäft selbst materiell betrachten und heilen [] ohne ein Materialist zu sein, d. h. ohne die erste Ursache desselben, die Seele für Materie zu halten, welches mir wenigstens absurd zu seyn scheint. (zit. nach Düweke 2001)
Hufeland behandelte übrigens die Armen kostenlos und kritisierte die unhygienischen Verhältnisse in Berlin: Auch ein hervorragender Arzt kann nichts gegen das Wesen der Krankheit unternehmen, wenn die Arbeits- und Lebensbedingungen der Menschen krankmachend bleiben. (Hufeland 1978)
In seinem berühmtesten Werk Makrobiotik oder die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern schilderte er seine ganzheitliche Sichtweise, wobei er Körper, Seele und Umwelt in der Therapie miteinanderKörper-Seele--Umwelt:ganzheitliche Sichtweise verknüpfte (Hufeland 1978). Er beeinflusste auf wunderbare und bewundernswerte Weise, mit enormem persönlichem Engagement, die Naturheilkunde und plädierte für sanfte Behandlungen, aktive Leibesübungen und eine Anwendung der Heilkraft der Natur. Hufeland schrieb auch: Das Gehirn macht die menschliche Organisation zu einem Zauberband, durch welches zwei Welten, die körperliche und geistige, miteinander verknüpft werden. [] Was weiß das Tier von fehlgeschlagener Hoffnung, unbefriedigtem Ehrgeiz, verschmähter Liebe, von Kummer, Reue, Verzweiflung? Und wie lebensverzehrend und tötend sind für den Menschen diese Seelengifte? (Hufeland 1993)
Kritische Stimmen nach der Periode des Idealismus
Nach Hegels Tod und damit sozusagen nach dem Zusammenbruch des Idealismus mehrten sich die kritischen Stimmen gegenüber dem vitalistischen Geist. Der deutsche Philosoph A. Schopenhauer (1788–1860) sah die Vorstellungswelt als dem Willen untergeordnet. Er setzte gewissermaßen Seele mit Willen gleich, weil Seele:als Willen (Schopenhauer)die Seele im Willen zum Ausdruck gebracht werde. Er schränkte aber die Willensfreiheit stark ein, ohne den Grund des Willensaktes ergründen zu können. So gab er an: Der Mensch kann zwar tun, was er will, aber er kann nicht wollen, was er will. (Höffe 2001)
Der deutsche Philosoph und Theologe F. A. Lange (1828–1875) plädierte für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit geistigen Phänomenen, wobei er nur empirisch feststellbare Fakten und exakte Wissenschaften akzeptierte, transzendentale Erfahrungen und die Metaphysik hingegen verwarf (Lange 1974). Lange glaubte, nur mit Hilfe der Kantschen Philosophie (bzw. der eigenen Interpretation von Kant) in der Auseinandersetzung mit den modernen Naturwissenschaften bestehen zu können, was als Neokantianismus bezeichnet wurde. Er warf Neokantianismus:(Lange)allerdings Kant vor, keine zureichende Bestimmungsmethode zum Auffinden der apriorischen Bedingungen unserer Erkenntnis, also von den Faktoren, die eine empirische Erfahrung erst möglich machen, angegeben zu haben. Lange kritisierte die Kantsche Philosophie mit ihrer schwer fassbaren Vorstellung von transzendentalen Voraussetzungen der Erfahrung als endlose, an die Gotik erinnernde Begriffsbestimmungen. Der materialistische Naturwissenschaftler würde in seiner Naivität nicht erkennen, dass die Gegenstände seiner Wissenschaft im Wesentlichen Denkprozesse sind. Auch die Naturerkenntnis brauche Ideen, die zu neuen Experimenten, Hypothesen und Theorien führen. Die Möglichkeit, wissenschaftlich zu forschen, und die Freiheit zum subjektiven Denken standen laut Lange genauso wenig im Widerspruch zueinander wie eine Farbe und ihre Töne. Allerdings gäbe es auch unüberwindbare Grenzen der Naturerkenntnis; wir können nämlich die letzten Bausteine der Materie (Atome) nicht wirklich begreifen und auch nicht die Entstehung des Bewusstseins erklären. Bei der Betrachtung, wie ein äußerer Naturvorgang zu einem inneren Vorgang des denkenden Subjekts wird, stößt die Naturwissenschaft laut Lange eindeutig an ihre Grenzen (Lange 1974).
Der deutsche Physiker und Philosoph G. T. Fechner (1801–1887) sah den Unterschied zwischen der geistigen und der physischen Ebene nur in der Art der Beschreibung und Betrachtung, sozusagen als Identitätsansicht. Was einem beispielsweise selbst auf der inneren Ebene als geistig (psychisch) erscheint, wird gleichzeitig von einem Gegenüber auf seiner inneren Ebene als leiblich (physisch) empfunden. Aus dieser Sicht hat jedes Wesen immer zwei Seiten, eine geistig-psychische und eine materiell-körperliche. Fechner deutete das als Psychophysik. Was er als eine Antwort Psychophysik:Leib-Seele-Problemauf das Leib-Seele-Problem anstrebte, wurde später vorLeib-Seele-Problem:Psychophysik allem durch den deutschen Psychologen W. M. Wundt (1832–1920) als psychophysiologischer Parallelismus eingebürgert. Diese psychologisch-philosophische Theorie bedeutet, dass Körper und Geist (Leib und Seele) zwar, abhängig vom Betrachter (erste oder dritte Person), eine andere Form haben, aber nicht zwei grundsätzlich verschiedene Wesen sind.
Der französisch-deutsche Physiologe E. du Bois-Reymond (1818–1896) entdeckte, dass die Funktionsweise von Nerven elektrischer Natur ist. Sowohl die bis dahin gültige Vorstellung von einem Strom aus Teilchen oder Nervensaft in den Nerven als auch die Vorstellung einer animalischen (tierischen) Elektrizität (nach L. Galvani) wurden damit aufgegeben. Du Bois-Reymond gab aber gleichzeitig zu bedenken, dass er mit einer Bewegung materieller Teilchen keine Brücke ins Reich des Bewusstseins bauen könne; die Erzeugung von Bewusstsein sei mechanistisch nicht erklärbar.
A. T. Still (1828–1917), der Begründer der Osteopathie, unterschied zwischen materiellem Körper, spirituellem Wesen und Verstand. Er vermutete, dass des Menschen Seele mit all ihren Strömen voll Seelenbegriff:Stillsreinen, lebendigen Wassers in den Faszien des Körpers wohnte. Er führte zudem an: Knochen, Muskulatur, Nerven, Blut, das Haar und alle Körperflüssigkeiten sind sichtbare Tatsachen. Wir kennen ihre Formen, Orte und ihren Nutzen, aber wir wissen nichts darüber, wie oder wodurch das Blut von der Nahrung ins Fleisch überging. Dies wird solange so bleiben, bis wir jenen Vorgang entdecken, der das arterielle Blut durchläuft, um ein Atom darauf vorzubereiten, sich mit dem Leben zu vereinigen, seinen Platz einzunehmen und dem Verlangen von Geist und Bewegung zu gehorchen. (Still 2002, S. 659–660)

Sprung ins 20. Jahrhundert: Entstehung der Neurowissenschaften

Der dänische Physiologe C. Lange (1834–1900) und der amerikanische Psychologe und Philosoph W. James (1842–1910) stellten die James-Lange-Theorie auf, die besagt, dass James-Lange-TheorieGefühle als direkte Folge von peripheren Informationen ausgelöst werden und Begleiterscheinungen von körperlichen Vorgängen sein können.
Das Bewusstsein wäre laut dieser Theorie Bewusstseinweder Geist noch Seele, sondern nur ein Vermittler zwischen Sinneseindrücken und Verhalten, um den Organismus so zu lenken, dass er sich in seiner Umwelt zurechtfindet.
Die amerikanischen Physiologen W. B. Cannon (1871–1945) und P. Bard (1898–1977) geben an, dass subkortikale Strukturen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Emotionen spielen (Kandel et al. 1996).
Grundlagen der Neurowissenschaften
Die Weiterentwicklung der Grundlagen in der Physiologie des Nervensystems und der Neurowissenschaften, aber auch der Histologie, Zytologie und Färbetechniken machte nun rasante Fortschritte. Der deutsche Neuroanatom und Psychiater K. Brodmann (1868–1918) entdeckte mit dem Mikroskop verschiedene Zelltypen in verschiedenen Hirnregionen und legte damit den Grundstein für die sogenannte Zytoarchitektonik (Zellarchitektur). So teilte er den Kortex histologisch in 52 Areale ein (Brodmann-Areale), wobei erst später Brodmann-Areale:Kortexdeutlich wurde, dass diesen Arealen auch bestimmte Funktionen zugewiesen werden können.
Dem britischen Neurophysiologen C. Sherrington (1857–1952) war es wichtig, darauf hinzuweisen, dass mentale Vorgänge wie Denken oder Fühlen zeitlich übereinstimmend mit Erregung und Hemmung des Nervensystens ablaufen. Trotzdem befänden sich diese mentalen Prozesse außerhalb jeder Naturwissenschaft. Die Naturwissenschaften, wie Biologie, Chemie und Physik, haben es seiner Meinung nach sozusagen mit geistlosem Leben zu tun. Fasziniert von der Idee, dass individuelle, nicht-materielle, isolierte Geister verschiedener Menschen miteinander kommunizieren und zusammenarbeiten können, stellt er sich die Frage, warum ein Geist überhaupt einen Körper Geist:ohne Körperbrauche. Ganz banal schien ihm der Nutzen eines Körpers darin zu bestehen, zwischen ihm und einem anderen Geist zu vermitteln (Düweke 2001).
Der spanische Mediziner S. R. y Cajal (1852–1934) entdeckte, dass nicht nur elektrische Signale, sondern auch chemische Signale (Chemotaxis) für Nervenzellen wichtig sind. Er wies auf Nervenzellen:elektrische SignaleNervenzellen:chemische Signale (Chemotaxis)die unbeschreiblich komplexe Struktur der grauen Substanz der Großhirnrinde hin und betonte, dass das Nervensystem aus Milliarden einzelner Neuronen besteht. Cajal sah das einzelne Neuron als unabhängige Einheit und geriet in Konflikt mit Golgi, der das Gehirn eher als ein Synzytium (eine vielkernige Zelle) oder eine Art Netzwerk betrachtete (Gazzaniga et al. 2002).
Der amerikanische Anatom J. Papez (1883–1958) stellte sich 1937 die Frage, ob eine Emotion ein magisches Produkt oder vielleicht doch eher ein physiologischer Prozess, und als solcher abhängig von einem anatomischen Substrat sei. Er zog es eindeutig vor, den zweiten Teil der Frage materialistisch zu beantworten, und schlug als Erklärung für Emotionen einen allgemeinen KreislaufEmotionen:Papez-Kreis vor, den sogenannten Papez-Kreis, bei dem die anatomischen Papez-Kreis:EmotionenStrukturen im Hippocampus und limbischen Ring eine wichtige Rolle spielen sollten (Düweke 2001).
Die genaue Bedeutung des Hippocampus war nicht geklärt, aber er sollte etwas mit dem Riechen zu tun haben und Gerüche als angenehm oder unangenehm einstufen. Papez stimmte nicht mit der damaligen Meinung überein, dass nur der Thalamus das Zentrum für Emotionen wäre. Laut Papez konnten Emotionen in zwei Quellen ihren Ursprung haben (Düweke 2001): bei psychischer Aktivität im Kortex oder bei körperlicher Aktivität im Hypothalamus. Die Emotionen aus dem Kortex würden zum Hippocampus und über hypothalamische Strukturen und Kerne zum Gyrus cinguli weitergeleitet. In diesem Gyrus cinguli, glaubte Papez, entwickelten sich dann das subjektive Gefühl und die emotionale Färbung. Der Hypothalamus sollte zusätzlich Sinneswahrnehmungen und Körperempfindungen aus der Körperperipherie und von den inneren Organen empfangen. Auch diese Sinneswahrnehmungen würden laut Papez dem Gyrus cinguli zugeführt, um dort ebenfalls emotional gefärbt zu werden.
Der amerikanische Hirnforscher P. D. MacLean (1913–2007) griff die Ideen von Papez auf und fügte noch etliche Strukturen zum limbischen Ring hinzu, den er dann als limbisches System definierte. MacLean limbisches System:Emotionenunterteilte das menschliche Gehirn aus phylogenetischer Sicht in drei Subsysteme, die alle miteinander verschaltet sind, und sprach deswegen vom Drei-Einheitshirn (MacLean 1990). So unterschied er ein Reptilienhirn, ein älteres und ein jüngeres Säugetierhirn (Kap. 11.1.1). MacLean vertrat die Ansicht, dass das limbische System im älteren Säugetierhirn den ersten Versuch der Natur darstellt, ein Bewusstsein zu entwickeln. Hier würden Gedächtnisinhalte emotional gefärbt, während im übergeordneten Subsystem des Gehirns, dem jüngeren Säugetierhirn oder Großhirn, die im limbischen System gebildeten Emotionen modifiziert würden. Weil Emotionen:limbisches Systemdas limbische System laut MacLean nur über wenige Verbindungen mit dem Kortex verfügt und nur die Hirnrinde mit Sprache arbeitet, kommunizieren beide nicht so gut miteinander. Der ewige Konflikt zwischen Verstand und Gefühl hätte damit MacLean zufolge sogar eine strukturelle Ursache.
Der amerikanische Neurochirurg W. Penfield (1891–1976) leitete bei Hirnoperationen ein EEG ab. Etwas später fing er an, die Oberfläche des Gehirns mit schwachen elektrischen Strömen zu reizen und die Reaktionen zu registrieren. Er entdeckte drei Arten von Reaktionen: Muskelbewegungen, Körperempfindungen und psychische Erlebnisse. Dabei stellte er fest, dass die Reizpunkte im Gehirn wie eine Art Landkarte angeordnet waren (Düweke Landkarte des Gehirns:(Penfield)2001). Vor und hinter der Zentralfurche des Gehirns konnte er bilateral das motorische und das somatosensorische Rindenfeld lokalisieren. Penfield zeichnete daraufhin einen Homunkulus, bei dem die HomunkulusGrößenverhältnisse mit ihren Projektionsfeldern im Gehirn übereinstimmten. In späteren Jahren wagte sich Penfield auch auf das Gebiet der Philosophie vor und fragte sich, was mit dem Bewusstsein bei Bewusstlosigkeit oder nach dem Tod geschehe. Für Penfield gab es nur zwei Möglichkeiten: entweder existiert das Bewusstsein unabhängig von der Hirnaktivität, oder es wird beim Schlafen jeweils ausgeschaltet und beim Aufwachen wieder eingeschaltet bzw. neu erschaffen. Penfield neigte eindeutig zu der ersten Möglichkeit und war überzeugt, dass der Geist im Laufe des Lebens nach seiner eigenen Erfüllung strebe und sogar den Tod überleben könne (Düweke 2001).

Den Schaltplan des Gehirns entschlüsseln?

Das erste Mal drängte sich damit auch die schwerwiegende Frage auf, ob wir, wenn wir alle Elemente des Gehirns kennen, damit auch tatsächlich das System begreifen?

Wenn wir uns überlegen, dass sich auf einem Quadratmillimeter etwa 100.000 Neuronen befinden, wobei jede einzelne Nervenzelle wiederum mit Tausenden anderer Hirnzellen kommuniziert, ist jeder Versuch, den Schaltplan des Gehirns zu entschlüsseln, eine Herkulesarbeit. Darüber hinaus scheint auch noch jedes Gehirn anders verschaltet zu sein!

Anfänge der Psychologie und Psychiatrie
Schaltplan des GehirnsDie Anfänge von professioneller Psychotherapie werden meistens auf das Ende Psychotherapie:Freuddes 19. Jahrhunderts mit Freud datiert (Kriz 2007). Nach der Freuds:TiefenpsychologieTiefenpsychologie des österreichischen Arztes und Psychologen S. Freud (1856–1939) setzt sich die Struktur der Psyche aus drei Teilen zusammen, die eine Einheit bilden (Brunnhuber et al. 2005):
  • Das Es steht dabei für das Es:(Freud)Unbewusste und bildet das triebhafte Element der Psyche. Hierin gründen die Triebe (Ess-, Sexual-, Lebens-, Todes- oder Destruktionstrieb), Bedürfnisse und Affekte (Liebe, Hass, Neid, Vertrauen etc.). Das Es liefert die Energie (Libido) für das psychische Geschehen und ist sozusagen als biologischer Mechanismus von Geburt an da. Laut Freud sucht das Es nach einer direkten Befriedigung (Lustprinzip). Wenn diese Befriedigung ausbleibt, entsteht Spannung, die das Es so schnell wie möglich loszuwerden versucht.

  • Das Ich entwickelt sich ab der zweitenIch:(Freud) Hälfte des ersten Lebensjahres und ist der Vermittler, der mittels selbstkritischen Denkens, Normen und Werten zwischen den phantasievollen Ansprüchen des Es, dem Über-Ich und der sozialen Umwelt eine konstruktive Lösung (Ausgleich und Kompromisse) anstrebt. Die leidenschaftlichen Triebe des Es werden durch das Ich gezügelt, das seinerseits wiederum vom Gewissen (Über-Ich) kontrolliert wird. Das Ich bezieht aber seine Energie vollständig vom Es.

  • Das Über-Ich ist sozusagen das Gewissen, Über-Ich:(Freud)das sich aus den von der Umwelt, Gesellschaft und Autoritäten geprägten Handlungsnormen, Idealen, Rollen, Geboten und Verboten ein eigenes Weltbild und Vorstellung von der Welt anfertigt.

In den ersten Lebensjahren entwickelt ein Kind ein erstes Bewusstsein von den eigenen Körpergrenzen und Selbstgefühlen. Freud deutete das als frühes Ich, das sich langsam um das Es herum bildet. Die Psyche vervollständigt sich dann in einem komplexen Wechselspiel dieser drei psychischen Instanzen allmählich. Das Wechselspiel der Kräfte bezeichnete Freud als Psychodynamik der Persönlichkeit. In Freuds Theorie der Psychoanalyse Freuds:Theorie der Psychoanalysewerden die ins Unbewusste verdrängten Triebe und Ereignisse als die entscheidenden Kräfte bei der Entstehung von Neurosen gedeutet. Freud wies darauf hin, dass auch viele Aktivitäten des Über-Ichs und sogar des Ichs aufgrund von Abwehrmechanismen (z. B. Verdrängung, Verleugnung etc.) unbewusst ablaufen würden.
Der deutsche Psychiater C. G. Jung (1875–1961) war ein Schüler von Freud, aber ihre Wege trennten sich, weil Jung dem Sexualtrieb keine zentrale Bedeutung beimessen wollte. Auch Jung betrachtete das Unbewusste als Jungs:analytische Psychologieumfassende Grundlage des Geistig-Seelischen. In seiner Analytischen Psychologie stellte er, im Gegensatz zu Analytische Psychologie:(Jung)Freud, nicht das persönlich Unbewusste, sondern das kollektiv Unbewusste in den Mittelpunkt. Das kollektiv Unbewusste sah er als zentrales Sammelbecken für verborgene Erinnerungen der gesamten Menschheitsgeschichte und als schöpferischen Nährboden des Bewusstseins. In diesem Nährboden wurzeln die vier psychischen Funktionen des Menschen, nämlich Denken, Intuition, Fühlen und Empfinden (Kriz 2007).
Mit Jung, Adler und anderen zersplitterte sich die psychoanalytische Bewegung zunehmend und es entstanden neue Therapierichtungen (Ich-Psychologie, Neoanalytik, Körpertherapie, Gestalttherapie usw.; Kap. 3.14).
Spaltung des Gehirns
Der amerikanische Neurobiologe R. W. Sperry (1913–1994) startete 1953 mit Tierversuchen, bei denen er die Sehnervenkreuzung und den Balken oder das Corpus callosum (Nervenbrücke zwischen beiden Gehirnhälften) durchtrennte. Dadurch entdeckte er, dass jede Gehirnhälfte unabhängig von der anderen wahrnimmt, lernt und sich erinnert. Daraufhin beschloss er, auch bei epileptischen Patienten eine Durchtrennung des Balkens durchzuführen, damit sich die epileptischen Entladungen nicht mehr auf die andere Seite übertragen konnten. Die operierten Patienten wurden als Split-Brain-Patienten bezeichnet. Ihre beiden Split-Brain-PatientenGehirnhälften können nach der Durchtrennung des Balkens nicht mehr miteinander kommunizieren. Dadurch stehen beispielsweise Informationen, die in der rechten Hirnhälfte verarbeitet werden (wie Bilder aus dem linken Gesichtsfeld) für das Sprachzentrum (das bei den meisten Menschen in der linken Hirnhälfte liegt) nicht mehr zur Verfügung. Durch weitere Split-Brain-Experimente konnte Sperry gemeinsam mit demSplit-Brain-Experimente:Funktion der Gehirnhälften amerikanischen Neurowissenschaftler und Psychobiologen M. Gazzaniga (geb. 1939) und dem amerikanischen Neurophysiologen J. Bogen (1926–2005) beweisen, dass die linke und die rechte Gehirnhälfte unterschiedliche Aufgaben Gehirnhälfte(n):Aufgabenerfüllen (Gazzaniga et al. 2002). Damit lösten sie eine weitere Debatte über die Einheit des Bewusstseins aus.

Aufgaben der beiden Gehirnhälften

Die linke Gehirnhälfte scheint bei den meisten Leuten das Instrument der Logik und der analytischen Denkprozesse zu sein; sie analysiert, interpretiert, löst Probleme und kann Sprache verstehen und hervorbringen. Die linke Gehirnhälfte ist sozusagen stets auf der Suche nach Sinn und findet bzw. erfindet (!) ihn letztendlich. Sie konstruiert Theorien über die Beziehung zwischen Wahrnehmungen und Gefühlen. Die linke Gehirnhälfte ist auch führend in der Steuerung der Feinmotorik.

Der rechten Gehirnhälfte fehlt zwar weitgehend die Möglichkeit, Kontakt zur Umwelt aufzunehmen, aber dafür verfügt sie über die Gabe, Gesichter zu erkennen. Darüber hinaus ist sie ein besserer Zuhörer und Zuschauer (Beobachter) und lenkt die Aufmerksamkeit. Die rechte Gehirnhälfte scheint also eher still zu sein und bildet das sog. künstlerische und emotionale Gehirn.

Die Gehirnhemisphären sind immer beide in die Ausführung einer Aufgabe involviert, aber jede eben mit ihren eigenen spezifischen Aufgaben (Gazzaniga et al. 2002). Der amerikanische Professor R. Ornstein kritisierte zwar 1970, dass in der westlichen Welt die linke (logische) Gehirnhälfte zum Nachteil der rechten (intuitiven) Gehirnhälfte überstimuliert und überbewertet würde. Man sollte aber nicht vergessen, dass die beiden Gehirnhälften normalerweise intensiv kooperieren und sich austauschen.

Die Emergenz-Theorie
1985 äußerte Sperry, dass die Naturwissenschaften zwar experimentell die Gehirnvorgänge untersuchten, aber das mentale Erleben ignorierten, weil sich Gefühle oder Gedanken nicht messen oder wiegen lassen. Er fügte interessanterweise hinzu, dass subjektive Werte und Einstellungen die höchste Kontrollgewalt über die Kausalzusammenhänge im Entscheidungsapparat des Menschen ausüben (Sperry 1985). Sperry hält es für unglaublich sinnlos, geistig-seelische Qualitäten nur in Form von Nervenimpulsen erklären zu wollen.
Der britische Zoologe und Psychologe C. L. Morgan (1852–1936) entwickelte zusammen mit dem britischen Philosophen S. Alexander (1859–1938) die sogenannte Emergenz-Theorie. Emergenz verweist auf das Emergenz-TheorieErscheinen von Phänomenen oder Merkmalen in einem System, die erst durch das Zusammenwirken der niedrigeren Subsysteme ermöglicht werden. Man könnte das frei so interpretieren, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. So ist eine lebende Zelle eindeutig mehr als bloß die Summe ihrer Moleküle. Laut Morgan und Alexander sollen sich im Laufe der Evolution durch die Interaktion der verschiedenen Elemente neue Eigenschaften, wie beispielsweise das Bewusstsein, entwickelt haben. Sperry übertrug daraufhin die Emergenz-Theorie auf das Gehirn. Er betrachtete subjektive Gehirn:Emergenz-TheorieErlebnisse, wie Ideen, Gedanken, Vorstellungen, als emergente Resultate der Nervenprozesse, die dann wiederum übergeordnete Aktivitätsmuster anregen. Mentale Prozesse sollten also laut Sperry die elektrischen und chemischen Prozesse beeinflussen können, was allerdings bei seinen Kollegen auf Ablehnung stieß (Düweke 2001).
Wiederentdeckung des Lebendigen in der Wissenschaft
Der Philosoph K. R. Popper (1902–1994) betrachtete lebendige Wissenschaft als einen permanenten Prozess, in dem das Aufstellen von kreativen Hypothesen am wichtigsten wäre. Sein Motto lautete: Von nichts kommt nichts, Theorien dürften frei erfunden werden, sollten aber allerdings danach durch Experimente bestätigt oder entkräftet werden. Zudem forderte Popper intellektuelle Bescheidenheit und beanstandete, dass manche schwer verständlichen Schwulst schreiben und von Zeit zu Zeit Trivialitäten hinzufügen, damit das dem Leser, der geschmeichelt ist, in einem so tiefen Buch Gedanken zu finden, die er selbst schon mal gedacht hat, schmeckt (Popper 1987).
1977 stellte sich Popper gemeinsam mit dem australischen Physiologen J. C.Eccles (1903–1997) gegen die materialistische Auffassung, Bewusstsein lasse sich auf rein physikalische Bewusstsein:materialistische Auffassungund chemische Vorgänge zurückführen. Sie behaupteten in ihrer Drei-Welten-Theorie, dass die Welt aus drei Bereichen Drei-Welten-Theorie:(Popper und Eccles)bestehe:
  • Welt 1 die physikalische Welt aus Materie und Energie

  • Welt 2 die Welt der subjektiven, individuellen Wahrnehmungen (Gefühle, Absichten, Erinnerungen, Träume, Vorstellungen etc.) und Bewusstseinszustände

  • Welt 3 die Welt des objektiven Wissens (wissenschaftliche Theorien) und der geistigen und kulturellen Produkte (Kunstwerke, Sprachen etc.).

Popper und Eccles kehrten damit teilweise zu einer Drei-Einheit zurück, die man bereits im klassischen Griechenland als Logos (Sinn, Vernunft), Psyche (Seele, Gemüt) und Physis (Natur) bzw. bei den Römern als Ratio (Vernunft, Verstand), Anima (Seele) und Materia (Stoff, Stoffliches) und auch bei Kant als Vernunft, Verstand und Außenwelt finden kann.
Popper und Eccles wiesen darauf hin, dass die drei Welten sich teilweise überlappen und durch Drei-Welten-Theorie:(Popper und Eccles)vielfache Wechselwirkungen oder Interaktionen verbunden sind. Sie erklärten, dass ein Geschehen nicht nur durch kausale Faktoren bestimmt werden könne und beleuchteten dazu die vielen Wechselwirkungen zwischen Gehirnprozessen und Bewusstseinszuständen. Welt 2 fungiert sozusagen als Vermittler zwischen Welt 1 und Welt 3. Als Beispiel führen sie ein Haus ( Welt 1) an, das nach den Vorstellungen des Hausherrn ( Welt 2) gebaut worden ist und vorher intensiv am Modell ( Welt 3) geplant, besprochen und angepasst wurde (Popper & Eccles 1989). Eccles stellte sich die Interaktion zwischen mentalen Einheiten (Psychonen) und neuronalen Einheiten (Dendronen) als Wahrscheinlichkeitsfeld in der Quantenphysik vor. Das Besondere an dieser Vorstellung ist, dass ein Quanteneffekt physikalisch wirksam sein kann, ohne Masse oder Energie zu besitzen. Eccles sah das Ich oder die Seele, genauso wie Platon, als einen Steuermann, dessen Instrument das Gehirn ist. Zudem war er überzeugt, dass diese Seele eine göttliche Schöpfung wäre, die dem Fetus vor der Geburt eingepflanzt wird und den Tod des Körpers überstehen kann. Für seine religiösen Äußerungen erntete er derbe Kritik (Eccles 1989).
Eine Emotion braucht Körper und Geist
Die amerikanischen Psychologen S. Schachter (1922–1997) und J. Singer untersuchten die körperlichen Veränderungen beim Erleben von Emotionen. Sie widerlegten damit sowohl die Emotionen:kognitive TheorieJames-Lange-Theorie als auch die Cannon-Bard-Theorie. Sie fanden 1962 an Hand von Experimenten, bei denen sie Versuchspersonen Adrenalin spritzten, heraus, dass zwei Komponenten für eine Emotion notwendig wären:
  • eine unspezifische körperliche Erregung, die die Intensität der Emotion beeinflusst, und

  • eine Kognition, die die Qualität der Emotion einstellt.

Die Kognition besteht aus einer emotionsrelevanten Einschätzung der Situation und einer Suche nach Gründen für die Erregung, wobei das Vertraute für die Einschätzung der Versuchsperson wichtig ist. Sie nannten ihre Theorie die kognitive Theorie oder Zwei-Faktoren-Theorie der Emotionen (Schachter & Singer 1962).
Folgeexperimente von Kritikern dieser Theorie führten zu abweichenden Ergebnissen und sorgten wiederum für Schlagzeilen. Man schlussfolgerte daraus, dass sich körperliche Erregung nicht beliebig einer Emotion attribuieren lässt.
Ein Gehirn-Lügentest?
Der amerikanische Neurowissenschaftler L. A. Farwell entwickelte die Brain Fingerprinting-Technologie (Gehirn-Fingerabdrücke) und setzte sie das erste Mal 1999 vor einem amerikanischen Gericht ein. Dabei wird ein EEG in Form des MERMER (Memory and Encoding Related Multifaceted Electroencephalic Response) benutzt, um die Hirnwellen des Probanden aufzuzeichnen. Bei der bewussten Wahrnehmung und Erkennung von Informationen soll das Gehirn P300-Wellen aussenden, die 300 Millisekunden nach der Darbietung eines Reizes auftreten; sie sollen mit kognitiven und emotionalen Verarbeitungsprozessen verbunden und damit auch grafisch darstellbar sein. Dieses Verfahren sollte laut Farwell als eine Art Gehirn-Lügentest, sogar in Gerichtsverfahren, Gehirn-Lügentest:MERMEReingesetzt werden können (Gramann & Shandry 2009). Ob das realistisch umsetzbar ist, wird die Zukunft zeigen. Ehrlich gesagt, habe ich hier etwas Angst, es könnte sich um eine moderne Form der Kraniologie oder Phrenologie handeln, allerdings mit dem Unterschied, dass die Folgen der Befundauswertung nun weitaus gravierender sein werden als damals. Sie soll immerhin über schuldig oder unschuldig entscheiden.
Oscar Wilde verdanken wir folgendes Zitat: Die Seele kommt alt zur Welt und wird jung. Das ist die Komödie des Lebens. Der Leib kommt jung zur Welt und wird alt. Das ist die Tragödie des Lebens. (Wilde 2000)

Liefern moderne Sichtweisen die Lösung des Leib-Seele-Dilemmas?

Die strukturelle Anatomie schreitet im 20. und nun auch im 21. Jahrhundert immer weiter voran, und zahlreiche Forscher erweiterten das Wissen um das Gehirn. Der Thalamus wird beispielsweise als Tor zum Thalamus:Tor zum BewusstseinBewusstsein interpretiert; alle afferenten Informationen aus der Innen- und Außenwelt werden im Thalamus gesammelt, Empfindungen verarbeitet und koordiniert. Der Hippocampus ist wichtig bei Lern- und Speicherungsvorgängen und kann sogar gespeicherte Informationen zum Vergleichen bereitstellen. Der Hypothalamus steuert überhomöostatische Hormon-Regelkreise autonome Funktionen wie den Blutdruck, den Temperaturhaushalt und die Nahrungsaufnahme und hat zahlreiche Verbindungen zu anderen Hirnzentren. Experimente haben gezeigt, dass auch der Mandelkern (Amygdala) eine wichtige Rolle im Gefühlsleben Mandelkern (Amygdala):Emotionenspielt. Positive und negative Reize haben anscheinend eine Doppelwirkung. Einerseits leitet die Amygdala autonome und endokrine (hormonelle) Amygdala:EmotionenReaktionen ein, die über den Hypothalamus laufen und unbewusst den inneren emotionalen Zustand verändern. Andererseits schalten sich bei der Interaktion mit der Außenwelt Teile der Großhirnrinde ein (besonders der orbitofrontale Kortex), die entscheiden, was bewusst emotional erlebt wird (Gazzaniga et al. 2002).
Momentan widmen sich verschiedene Forschungszweige vor allem der Endokrinologie des Gehirns. Sowohl der HypothalamusEndokrinologie:des Gehirns als auch die Hypophyse produzieren Hormone, und durch richtige Hormonkaskaden kommt es sowohl bei körperlichen als auch bei geistigen Prozessen zu komplizierten Rückkopplungs-(Feedback-)Kreisläufen. Funktionelle Magnetresonanz-Tomographien (f-MRT), Positronen-Emissions-Tomographien (PET) und andere computergenerierte Verfahren haben paradoxerweise für eine Wiederentdeckung von Grundfragen gesorgt, wie beispielsweise: Was unterscheidet lebende Strukturen von unbelebter Materie? Was ist Bewusstsein? Ist eine seelische Krankheit nur eine Gehirnkrankheit? Diese Grundfragen sind nur mittlerweile technologisch schöner gefärbt und mit komplizierten Namen versehen.
Hagen stellt sich die Frage, wie lange diese Art von Cyber-Phrenologie noch weitergeführt werden soll. Ob es nicht allmählich langweilig wird, unterschiedliche Farbmarkierungen im Hirnbild zu sehen, die auf eine stärkere Aktivierung bestimmter Hirnregionen beim Musikhören, beim Denken an Gott oder beim Betrachten von Nacktbildern hindeuten, wenn es den Wissenschaftlern trotzdem nicht gelingt, aus diesen Informationen ein neues Verständnis der Hirnfunktionen aufzubauen (Hagen 2004).
Im Laufe der Geschichte scheint sich die Begriffsbestimmung des Geistes vernebelt zu haben! Das Denken wurde im letzten Jahrhundert durch die Entwicklung der neurologischen Wissenschaften zunehmend weniger als Leistung des Geistes, sondern als materialistisches oder biochemophysikalisches Hirnphänomen betrachtet. Die Aufgaben des Geistes verschieben sich dadurch immer mehr in den Bereich der Bewusstwerdung und Verarbeitung des Wahrgenommenen.
Die Begriffsbestimmung der Seele scheint sich demzufolge eher noch Seele:Begriffsbestimmungschwieriger zu gestalten. Die Seele symbolisiert einerseits das belebte Wesen des Menschen, ist aber gleichzeitig eine vom Körper unabhängige Substanz, die aus einer Art edlen Substanz besteht und damit eine gewisse Spiritualität beinhaltet.
Im 20. Jahrhundert entstand auch bei der Bearbeitung des Körper-Geist-Seele-Problems eine zunehmende Spezialisierung und Körper-Geist-Seele-Problem:SpezialisierungGrenzverschiebung. Die Neurologie, die Psychologie, die Neuropsychologie, die Biopsychologie, die Psychobiologie, die Philosophie, die Neuropsychoimmunologie etc. interessieren sich für die Wissenschaft der Seele und des Geistes. Die wissenschaftlichen DisziplinenWissenschaft der Seele und des Geistes suchen dabei nach genetischen Abweichungen, nach Rezeptoren für chemische Botenstoffe (wie Zytokine, Neurotransmitter, Hormone), nach chemischen Verschiebungen im Neurotransmitter- und Hormonhaushalt, nach neuronalen Netzwerken, nach viralen Krankheitserregern, nach elektrischen Gehirnwellen – kurz gefasst nach dem primären Problem und driften damit leider teilweise noch weiter auseinander, weil eine gemeinsame Basis und ein allgemeiner Konsens fehlt. Safranski (2007) zitiert sehr zutreffend die Schillersche Wette: Das wollen wir doch einmal sehen, wer wen über den Tisch zieht, der Geist den Körper oder der Körper den Geist!
Die sogenannte Naturalisierung des Geistes, indem man den Geist als Teil der physischen Welt betrachtet und ihn durch naturwissenschaftliche Definitionen zu erklären versucht, beinhaltet allerdings gewisse Problemstellungen. Geistige Prozesse haben eine Bedeutung (wahr-falsch), die sich physisch-materialistisch-chemisch schwierig erklären lässt. Geistige Prozesse haben auch einen emotionalen Faktor und ein subjektives Empfinden, denn es ist immer ein Subjekt dabei aktiv, das denkt, empfindet, sich erinnert usw. Auch das ist mit naturwissenschaftlichen Methoden schwer reproduzierbar und analytisch reduzierbar.
Der amerikanische Professor für Psychiatrie J. J. Ratey beschrieb 2001 unsere Epoche kritisch als eine Ära, in der in den USA das Antidepressivum Prozac fast so häufig eingenommen wird wie Aspirin und in der manche Ärzte versuchen, jedes psychische Leiden und jede Verhaltensstörung gleich medikamentös anzugehen. Die Pharmakotherapie sei nach wie vor ein grobes und primitives Instrument, das wir erst in Ansätzen verstehen (Ratey 2003).

Rateys Modell der vier Theater

Ratey betrachtet das Gehirn als ein sich selbst organisierendes Ökosystem, das so komplex und fein austariert ist, dass fast jeder Lebensaspekt diagnostisch und therapeutisch relevant sein kann. Um diese Komplexität trotzdem überschaubar zu halten, vereinfachte er 2001 die neurophysiologische Tätigkeit des Gehirns in einer Metapher zu einem Modell der vier Theater (Ratey 2003).

  • Sinneseindrücke gelangen zuerst in das Theater der Wahrnehmung.

  • Das Wahrgenommene fließt zum zweiten Theater, dem Theater der Aufmerksamkeit, des Bewusstseins und der Kognition, wo der Mensch dann das Wahrgenommene gedanklich verarbeitet und darauf reagiert.

  • Danach fließen die Informationen weiter zum dritten Theater, dem der Zentralfunktionen. Die Zentralfunktionen beinhalten Bewegung, Gedächtnis, Emotionen, Sprache und das soziale Gehirn (z. B. zwischenmenschliche Kommunikationsfähigkeit). Einerseits tragen diese Zentralfunktionen direkt zum bewussten Erleben bei, werden aber andererseits nach und nach auch vom bewussten Erleben mitgeprägt, indem die Netzwerke des Gehirns permanent modifiziert werden.

  • Letztendlich läuft dann alles im vierten Theater, dem Theater der Identität (Persönlichkeit) und des Verhaltens, zusammen. Hier verschmelzen die biologischen Vorgänge des Gehirns mit unserer Lebenserfahrung, hier formieren sich unsere Entscheidungen, unser Verhalten und das Bild, das wir von uns haben.

Ratey betont allerdings, dass es sich beim Durchströmen der vier Theater nicht um einen linearen Prozess handelt, sondern um Strömungen in allen Richtungen, also auch in umgekehrter Richtung. Die vier Theater strahlen jeweils auf alle anderen Theater aus.

Im Zusammenwirken von Modell der vier Theater:Neurophysiologie des GehirnsGehirn:Modell der vier Theater (Ratey)vielen kleinen Komponenten und Elementen, die für sich genommen nur von geringer Bedeutung sind, kann etwas völlig Neues entstehen und Gestalt annehmen. Ratey (2003) weist darauf hin, dass es unbedingt notwendig ist, im Leben der Patienten nach positiven Potenzialen, Stärken und Begabungen zu suchen. Das Aufdecken von kreativen Seiten der Patienten kann viel zum Behandlungserfolg beitragen. Es ist spannend an seinem Buch, dass er als Psychiater den Mut aufbringt, sich zur ganzheitlichen Denkweise zu bekennen, und dass er Patienten und Therapeuten dazu auffordert, sich zu bewegen, Geist und Körper zu trainieren, genügend zu schlafen, sich in Selbstreflexion und Meditation zu üben, auf eine gesunde Ernährung zu achten usw.
Ich fühle, also bin ich
Der amerikanische Neurowissenschaftler A. R. Damasio (geb. 1944) hält die Trennung von Geist und Körper für einen Irrtum. Er findet, dass Descartes Aussage Ich denke, also bin ich falsch ist und in Ich fühle, also bin ich umgeändert werden müsste (Damasio 2004). Für Damasio ist klar, dass Denken nur im Zusammenspiel mit dem Fühlen und mit den Signalen des Körpers möglich ist. Die niedrigeren Organisationsstufen des menschlichen Organismus sind aus dieser ganzheitlichen Sicht genauso wichtig wie die höheren Hirnfunktionen. Denken geht mit der Empfindung eines körperlichen Zustands (z. B. Aggression, Wut, Angst) einher. Damasio hat die Theorie der somatischen Marker entwickelt, die davon ausgeht, dass somatische Marker:(Damasio)Erfahrungen eines Menschen in einem emotionalen Erfahrungsgedächtnis ( somatische Marker) gespeichert werden. Erfahrungsgedächtnis:emotionalesÜber körperliche Signale geben diese somatischen Marker eine von Erfahrungen gefärbte Rückmeldung, die entscheiden hilft, wie man auf eine bestimmte Situation reagieren sollte. Dabei ist nicht das kognitive In Ordnung ausschlaggebend, sondern die über positive somatische Marker wahrgenommene affektive Bestätigung.
Die Seele als Software
Manche Neurowissenschaftler vergleichen die Seele mit einem Computerprogramm. Wenn man den Seele:als ComputerprogrammComputer ausschaltet, was dem Tod entspräche, würde damit auch das Programm, sprich die Seele, gelöscht. Andere sehen die Seele als Steuermann eines Schiffes. Wieder andere vertreten die Auffassung, es gebe keinen Steuermann und das Schiff steuere sich sozusagen selbst. Der Steuermann wäre eigentlich nur ein Passagier, der von sich selbst glaubt, der Kapitän zu sein. Das Ich entsteht demzufolge aus komplexen neuralen Prozessen und meint nur, dass es selber entscheidet.
In der Artificial Intelligence-(Künstlichen-Intelligenz-)Forschung untersucht man, ab wann reaktionsfähige Maschinen eigentlich Wissen bzw. ein Bewusstsein Maschinen:Bewusstseinhaben. Dazu wurde 1950 von A. Turing der Bewusstsein:von Maschinenetwas eigenartige Turing-Test entwickelt. Dabei stellt ein Mensch mittels Tastatur und Bildschirm, ohne Sicht- und Hörkontakt, zwei unbekannten Gesprächspartnern (einem Menschen und einer Maschine) Fragen. Beide versuchen ihn mit ihren Antworten davon zu überzeugen, dass sie denkende Wesen seien. Kann der Fragesteller nach der intensiven Befragung nicht eindeutig sagen, welcher von beiden die Maschine ist, hat die Maschine den Turing-Test bestanden. Seit 1991 ist der mit 100.000 US-Dollar dotierte Loebner-Preis ausgeschrieben für das Computerprogramm, das als erstes den Turing-Test besteht. Bislang hat es jedoch noch kein Computerprogramm geschafft.

Plädoyer für die Einheit von Körper, Geist und Seele

Die Quantenphysik hat mittlerweile gezeigt, dass Materie und Energie zusammenhängen. Auf ähnliche Weise hängen auch Körper und Geist zusammen, und es ist unendlich schade, dass die westliche Medizin sie trotzdem immer noch trennt. Was, wenn das Göttliche die Welt nicht in Form von materiellen Dingen erschaffen, sondern sich selbst in eine werdende Natur verwandelt hätte? Was, wenn eine stofflich gewordene (göttliche) Subjektivität in jedem von uns selbst steckte?

Das Zeitalter der Aufklärung hat uns zwar die Hoffnung geschenkt, mit Hilfe unseres Verstandes und rationalen Denkens alles Elend dieser Welt, Ängste und Krankheiten überwinden zu können, trotzdem berichtet die WHO über einen dramatischen Anstieg psychosomatisch-seelischer Erkrankungen in den hoch entwickelten Industriestaaten!

Verstand oder Rationalität alleine scheint nicht zu genügen, um eine Weiterentwicklung des modernen Menschen zu gewährleisten. Denken können wir sozusagen so viel wir wollen, doch um glücklich und zufrieden zu sein, müssen wir unsere Gefühle ins Spiel bringen, und zwar nicht passiv, sondern aktiv!

Neben kognitiver Intelligenz ist also mindestens noch emotionale Intelligenz gefragt. Eigentlich müssen wir wieder lernen, die Kraft unserer Gefühle zu erkennen und sie aktiv zu nutzen. Wir müssen lernen, Denken und Fühlen, Rationalität und Emotionalität zu kombinieren, die Stärken von Geist, Seele und Körper harmonisch zu verknüpfen und einzusetzen. R. Steiner schrieb, dass Denken und Fühlen die Doppelnatur unseres Wesens darstellen, weil wir durch das Denken das allgemeine Geschehen des Kosmos mitmachen und uns durch das Fühlen in die Enge unseres eigenen Wesens zurückziehen können (Steiner 2005).

Als Schlusswort zu diesem Kapitel Intelligenz:kognitiveIntelligenz:emotionaleDoppelnatur:des MenschenDenken und Fühlenmöchte ich mich gerne Damasio anschließen. In seinem Buch Der Spinoza-Effekt fordert er eine Spiritualität, in der die Suche nach Erkenntnis mit Begeisterung und mit einer gewissen Disziplin betrieben wird und dadurch zur Quelle der Freude wird (Damasio 2003). Sowohl die wissenschaftlichen Erklärungen als auch die künstlerische Erfahrung gehören zu dieser Lebenspraxis.
Spirituelle Gefühle und Erfahrungen bilden laut Damasio die Grundlage für die Erfahrungen:spirituelleintuitive Erfassung des Lebensprozesses. Das Zentrum eines spiritualistischen Gefühlskomplexes liegt ihm zufolge in einem Schnittpunkt von Erfahrungen, wobei reine Schönheit, aber auch die Antizipation von Handlungen, die liebevoll und friedlich vorgenommen werden, einige dieser Erfahrungen darstellen. Damasio weist auch darauf hin, dass Freude aktiv (!) gesucht werden sollte, weil sie gesundheitsförderlich ist.

Praktische Bedeutung

Nicht nur Osteopathen sind gut beraten, wenn sie nicht allein auf passive Techniken (und Medikamente oder Globuli) zurückgreifen, sondern auch interaktive und aktive Prozesse in die Therapie einbauen. Natur erleben, über wissenschaftliche Entdeckungen nachdenken, sich weiterbilden, Musik hören, Zartgefühl im Umgang mit Mitmenschen, ausdrucksvolle Bewegungen usw. können sich für Patienten und Therapeuten als unerschöpfliche Quelle und wunderbare Gelegenheit anbieten, positive Gefühle zu wecken.

Das Wissen um Emotionen und Gefühle ist wertvoll für die Art und Weise, in der wir leben und wie wir therapieren. Bewusstsein und die Drei-Einheit aus Körper-Seele-Geist lassen sich nicht algorithmisch erfassen. Daher lässt sich auch kein Algorithmus, keine Handlungsvorschrift zur Lösung menschlicher Probleme aufstellen, weder mit einem Computer noch mit einer exakten Wissenschaft!

Das Verknüpfen wissenschaftlicher Therapie:aktive ProzesseErkenntnisse mit spirituellen und gefühlsbetonten Erfahrungen muss meiner Meinung nach weder einen mechanistischen Abbruch noch eine esoterische Abwertung dieser Wissenschaft darstellen. Vielmehr sollte sich hieraus sowohl für den passionierten Philosophen und Therapeuten als auch für den überzeugten Wissenschaftler der Auftrag herauskristallisieren, aufeinander zuzugehen und einen Dialog anzustreben, um das Dilemma von Körper-Seele-Geist zu einem hoffnungsvollen Weg in Richtung einer Körper-Seele-Geist-Dilemmaliebevollen Menschlichkeit mit neuen Entfaltungsmöglichkeiten umzugestalten.
Damasio zeigt sich hoffnungsvoll, dass die Dualismen von Körper und Gehirn, Körper und Seele, Gehirn und Geist verschwinden werden. Er verweist darauf, dass wir den Geist durch die biologische Erklärung seiner Grundlagen nichtGeist:Strukturebene abschaffen, sondern die Struktur des Geistes auf einer tieferen (oder höheren?) Ebene begreifen werden. Der Geist wird seine Erklärung überstehen, so wie eine Rose auch dann noch lieblich duftet, wenn die molekulare Struktur ihrer Duftstoffe analysiert worden ist (Damasio 2002).

Wissenschaft und Evidence-based Medicine

Das Theorie-Praxis-Dilemma

Es ist die Aufgabe der wissenschaftlichen Forschung, empirisches Wissen in Frage zu stellen. Dazu versucht sie, dieses empirische empirisches WissenWissen standardisiert zu messen und zu analysieren und es daraufhin fundiert zu widerlegen oder zu beweisen.
Man darf aber nicht vergessen, dass man als Forscher streng genommen nur etwas aussagen kann (soll) über die Daten, die erhoben wurden. Sobald man die Daten interpretiert und eine Hypothese bildet, befindet man sich bereits in der philosophischen Betrachtung. Man stellt eine Hypothese oder Theorie auf, um Fakten und Phänomene erklären zu können und mittels empirischer Forschung auf ihre Richtigkeit hin zu überprüfen.
Häufig besteht nach der Entdeckung von neuen Informationen die erste Stufe eines wissenschaftlichen Erkenntnisprozesses in der Bildung einer Hypothese (Abduktion), die in Erkenntnisprozess:wissenschaftlicherForm eines wohlüberlegten Hypothesenbildung:(Abduktion)Gedankens zu einem Abduktion:Hypothesenbildungbestimmten Problem oft auf praktischen Überlegungen aufbaut. Demzufolge kann eine philosophische Hypothese der Wissenschaft enorme Impulse geben. In einem zweiten Schritt folgen Ableitungen oder Voraussagungen aus der Hypothese (Deduktion). Im dritten Schritt werden Fakten (Hypothesenableitung:(Deduktion)experimentell, Deduktion:Voraussagenklinische Studie) gesammelt, um die Voraussagungen zu verifizieren (Induktion). Eventuell dient in einem Voraussagungen:verifizieren (Induktion)vierten Schritt die Induktion:Verifizierungbestätigte oder entkräftete Hypothese zur Anpassung oder Entwicklung einer neuen Theorie, sodass auch die Wissenschaft wiederum die Philosophie anregen kann, über alte Themen neu nachzudenken. Wissenschaft und Philosophie müssen sich nicht diametral Wissenschaft:und Philosophiegegenüberstehen, sondern Philosophie:und Wissenschaftkönnen sich gegenseitig ergänzen!
Anfang des 20. Jahrhunderts bestand die Auffassung, Wirkung und Wirkmechanismen einer Behandlung müssten im Labor abgeklärt werden. Mitte des 20. Jahrhunderts änderte sich diese Ansicht aber dahingehend, dass man randomisierte (doppeltblinde) Studien bevorzugte, um die Wirksamkeit einer Behandlung nun – unter Ausschaltung der persönlichen Einschätzung des Behandlers – an Patienten zu erproben. In den letzten Jahren erweiterte man diesen Ansatz zur sogenannten Evidence-based Medicine (EBM). Wissenschaftlich tragfähige Studien (Evidence)Evidence-based Medicine:(EBM) mit Metaanalysen und der Unterstützung elektronischen Medien sollten dem Behandler nun den Weg zur optimalen Therapie weisen und den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Forschung aus dem Informationsdschungel vermitteln. Die moderne Wissenschaft ist demzufolge eher eine experimentelle Wissenschaft und leider weniger eine Erfahrungswissenschaft, geschweige denn eine erkenntnisgeleitete Wissenschaft! Dennoch wäre es erstrebenswert, auch Erfahrungen Wissenschaft:experimentelleundWissenschaft:erkenntnisgeleitete Erkenntnisse in der Forschung zuzulassen!

Wichtige Formen und Aufgaben wissenschaftlicher Arbeit

Verschiedene Formen wissenschaftlicher Arbeit
  • Randomisierte klinische Studie: Experiment mit Patienten, um die klinische Relevanz der angewandten Therapie zu überprüfen ( Effektivitätsstudie)

  • Grundlagenforschung: z. B. anatomische Studien von Strukturen, die bis dato wenig untersucht worden sind und klinische Relevanz haben

  • Metaanalyse oder Übersichtsarbeit: Vergleich verschiedener empirischer Untersuchungen und ihrer Ergebnisse

Eine Effektivitätsstudie ist ein Experiment mit dem Ziel herauszufinden, ob eine EffektivitätsstudieBehandlung für zukünftige Patienten mit einem bestimmten Gesundheitsproblem sinnvoll ist, oder ob man eine andere wählen soll. Als klassisches Beispiel kann man die randomisierte klinische Studie angeben, wobei allgemein zwischen einer pragmatischen Studie (Vergleich von 2 Behandlungen miteinander) und einer erklärenden Studie (Vergleich einer echten Behandlung mit einer Placebobehandlung) zu unterscheiden ist.
Qualitätsstandards
Die Wissenschaft verlangt gewisse Kriterien (methodologische Qualität),Wissenschaft:Qualitätsstandards um den wissenschaftlichen Standard bei Experimenten aufrechtzuerhalten. Hier einige Qualitätsstandards als Beispiele:
  • Objektivität: es muss unter vorher Qualitätsstandards:Wissenschaftfestgelegten Bedingungen (objektiv) Objektivitätvorgegangen werden.

  • Validität (Gültigkeit): das Instrument misst nur das, was es messen soll, keineValidität anderen Faktoren.

  • Eindeutigkeit/Widerspruchsfreiheit: die Aussagen der Theorie dürfen sich nicht widersprechen

  • Reliabilität und Reproduzierbarkeit: es dürfen nur zuverlässige (Reliabilitätreliable, standardisierte) ReproduzierbarkeitMessungen ausgeführt werden, und die Beobachtungen müssen überall mit dem gleichen Resultat (reproduzierbar) beliebig oft wiederholt werden können. Eine besondere Form der Reliabilität ist die Intertester-Reliabilität, bei der mindestens zwei Untersucher, unabhängig voneinander, in ihrer Testbewertung das gleiche Resultat erreichen müssen. Zudem sollten am besten auch einheitliche und reproduzierbare Behandlungstechniken eingesetzt werden. Das führt allerdings zu einem Verlust an Individualität (alle Patienten werden mit den gleichen Techniken untersucht bzw. behandelt) und birgt leider auch die Gefahr, dass Behandlungstechniken nach einem Schubladensystem praktiziert werden.

  • Effektivität: kontrollierte Studien sollten die Wirksamkeit belegen.

  • Effektivität • Randomisierung: aus einer Gesamtheit von Elementen wird eine zufällige RandomisierungAuswahl getroffen, d. h., ein Zufallsverfahren entscheidet darüber, welcher Therapiegruppe ein Patient zugeordnet wird! Eine randomisierte Studie kann zwar in hohem Maße eine kausale Beziehung (zwischen Ursache und Wirkung) beweisen, aber die Resultate sind trotzdem Durchschnittswerte und gelten demzufolge nicht unbedingt für jeden einzelnen (individuellen) Patienten.

  • Complian damit ist bei einer klinischen Studie gemeint, ob sich alle CompliancePatienten der Vergleichsgruppen auch wirklich an die definierte Behandlung halten. Bei einer Abbruchquote von mehr als 20 % ist die Validität einer Studie sehr gering.

Besonderheiten der Osteopathie
Neben der Bedeutung eines standardisierten, methodischen Ablaufs einer Studie (Experiment) wäre es für die Osteopathie auch wichtig, folgende wissenschaftlich erforderliche Arbeiten vorzuschalten, ohne die eine wissenschaftliche Entwicklung der Osteopathie nicht möglich ist:
  • Ausarbeitung der anatomisch-physiologisch-biologischen Wissensgrundlagen. Weil einige Grundlagen in der Osteopathie (z. B. Kraniosakralrhythmus, Definition und Funktion Osteopathie:Grundlagenforschungvon Schädelsuturen, Definition osteopathischer Dysfunktionen, venöse Drainage des Schädels) nicht eindeutig geklärt, sondern teilweise immer noch hypothetisch sind, wäre neben klinischen Studien auch dringend eine Grundlagenforschung erforderlich! Mit dieser Arbeit möchte ich einige Grundlagenforschung:OsteopathieGrundlagenthemen für eine nachfolgende experimentelle Überprüfung aufarbeiten.

  • Es wäre sinnvoll (bzw. dringend notwendig), die Individualität jedes einzelnen Patienten zu respektieren. Dazu Individualität:Osteopathiebedürfte es allerdings einer Auflockerung der strengen wissenschaftlichen Standardisierung.

  • Bei der unbedingt notwendigen Datensammlung sollte man auf klare und präzise Formulierungen achten. Das kann hinterher, beim Analysieren und Synthetisieren der Daten, die Hypothesen- und Theoriebildung stimulieren. So können beispielsweise Fallstudien oder Single-case-Studies (wenn sich viele FallstudienFallstudien:Osteopathie dem gleichen Thema zuwenden) durchaus zum Erstellen von Hypothesen und Aufarbeiten von klinischen Studien anregen.

  • Gewissenhafte Kreativität der Theoriebildung, damit Theorien oder Hypothesen der empirischen Forschung den Weg weisen und darauf warten können, bestätigt bzw. widerlegt zu werden.

Kritische Anmerkungen zur evidenzbasierten Medizin
Evidenzbasierte Medizin (EBM) steht für die Formen medizinischer Behandlung, Evidenzbasierte Medizin"\t""Siehe EBMbei denen ein wissenschaftlicher Nachweis der Wirksamkeit vorliegt. Hier stelle ich mir einfach frech die Frage, worin die Wirksamkeit der Behandlung aus Sicht des Patienten liegt? Kann bzw. soll man subjektive Angaben des Patienten wirklich aus unserem wissenschaftlichen Denken ausklammern?
Zum Belegen der wissenschaftlichen Effektivität beruft man sich auf den aktuellen Stand der wissenschaftlich fundierten Medizin. Die Anwendung und Integration der besten zur Verfügung stehenden Daten der EBM soll zu einer besseren Behandlung des Patienten führenEBM:Wirksamkeitsnachweis. Diese Daten werden von medizinischen Datenbanken (z. B. Medline, Cochrane) zur Verfügung gestellt.
Aus Sicht der EBM steckt die Osteopathie (wie viele andere EBM:kritische Fragenparamedizinische Therapien) noch in den Kinderschuhen (gezwungenermaßen, da weder Geld noch Institute vorhanden sind). Doch auch die wissenschaftliche oder evidenzbasierte Medizin sollte an ihren Grundlagen arbeiten und sich logischerweise folgender Diskussion stellen:
  • Übt ein einzelner Reiz denselben Einfluss aus wie ein wiederholt dargebotener Reiz oder eine Kombination von verschiedenen Reizen? Bereits Paracelsus hatte gesagt, dass es allein von der Dosis abhängt, ob eine Substanz bzw. eine Belastung ein Gift ist. Ist es tatsächlich egal, ob man tagelang ein Antibiotikum oder ein Schmerzmittel schluckt, oder ob man es nur einmal einnimmt? Hat ein banales Trauma oder eine minimale Infektion denselben Effekt bei einem gesunden wie bei einem bereits kranken oder geschwächten Menschen?

  • Wie steht es mit dem Zeitfaktor? Ist es vielleicht möglich, dass sich manche (auch minimale und unterschiedliche) Reize kumulieren und dann nach einer sogenannten Latenzzeit erst später für eine größere Belastung sorgen?

  • Ist nicht nur der Reiz, sondern auch das Umfeld wichtig? Spielen Speicherung, Ausscheidung, Entschlackung oder Entgiftung keine Rolle? Ist es beispielsweise sinnvoll, allen Patienten die gleiche Dosis eines bestimmten Medikaments zu verabreichen bzw. alle gleich häufig zu behandeln? Ist es etwa nicht sinnvoll, sich auch vom Zustand des Abwehrsystems und der Fitness des Patienten ein Bild zu verschaffen?

  • Wenn die Ausscheidungsfunktion eines Menschen geschwächt ist, werden sich dann nicht bei anhaltender (auch minimaler) Belastung Abfallstoffe im Bindegewebe einlagern?

  • Verfügt nicht auch das Ökosystem Mensch über bestimmte Grenzen und Kompensations- bzw. Regulationsmöglichkeiten? Gilt eigentlich nicht: so viel Medikamente wie nötig und so wenig wie möglich?

  • Über welche Zeitspanne hinweg kann der Mensch denn Ursachen und Folgen von Belastungen, Störungen oder Krankheiten noch erkennen und miteinander in Verbindung bringen?

  • Sagen Momentaufnahmen, wie Blutwerte, auch was über die Latenzzeiten und über die Werte im Interstitium aus?

Evidenzbasierte Medizin allein reicht nicht aus

Niemand wird die Informationsgewinnung der Wissenschaft als unsinnig betrachten, ganz im Gegenteil. Nichtsdestotrotz ist es notwendig, einige kritische Gedanken zu diesem Thema zu äußern! Ist beispielsweise eine Wirksamkeitsbeurteilung am Einzelpatienten prinzipiell nicht evidenzbasiert? Kiene fragt hier zu Recht, ob das Fehlen eines Wirksamkeitsbeweises wirklich als Beweis der Unwirksamkeit gelten kann (Kiene 2001).
Sind Therapien, für die es einen Wirksamkeitsnachweis in randomisierten Studien gibt, tatsächlich besser (Wirksamkeitsnachweis:randomisierte Studienwirksamer) als solche, für die es keine randomisierte Studien gibt? Soll wirklich nur noch vergütet werden, was messbar ist? Viele Hands-on-Therapien, wie beispielsweise die Osteopathie oder die Physiotherapie, können aus vielen Gründen – Osteopathie:Schwierigkeit der Randomisierungfinanziellen, praktischen, technischen, ethischen Gründen usw. – die formalen Kriterien der Randomisierung, geschweige denn Doppelverblindung, nicht erfüllen! Diese Therapien werden dementsprechend auch nicht von der EBM berücksichtigt. Zudem werden (bzw. sollten!) aufgeklärte Patienten sich das Recht herausnehmen, selbst über ihre Behandlung entscheiden zu können und dies nicht dem Zufall oder dem Kompetenzgerangel der Behandler überlassen wollen!
Ein anderer Aspekt ist, dass Patienten im Alltag niemals randomisiert auftreten, Behandlungen selten standardisiert ausgeführt und Interventionen ziemlich eigentümlich gestaltet werden. Darüber hinaus findet eine Menge von Variablen niemals Berücksichtigung bei klinischen Studien (denken Sie beispielsweise an die Persönlichkeit und Tagesform des Patienten, die Persönlichkeit und Tagesform des Therapeuten, das soziale Umfeld des Patienten). Demzufolge liegt der Evidence-Anspruch der EBM nicht so klar auf der Hand, sondern hat auch durchaus seine Grenzen!
Kiene weist auf die paradoxe Situation hin, dass es für die Entscheidungskriterien der EBM selbst keine Evidenz gibt, nur den Glauben, dass es außerhalb randomisierter Studien keine verlässlichen Erkenntnisse über die therapeutische Wirksamkeit geben kann (Kiene 2001). Aber selbst diese Auffassung ist nicht mit ihren eigenen Methoden (randomisierte Studien) überprüft worden.
Grundsätzlich ist zwischen einer Hypothesen-findenden und einer von Hypothesen-geleiteten (experimentellen) Forschung zu unterscheiden. Dabei stellen sich experimentelle Forschung:Hypothesen-geleiteteexperimentierendeexperimentelle Forschung:Hypothesen-findende Wissenschaftler manchmal die Frage, ob sich durch das alleinige logische Nachdenken über eine Erscheinung überhaupt herausfinden lässt, warum sie auftritt und welche Bedeutung sie für den Menschen hat. Heine bezweifelt, dass man durch rationale quantifizierende Methoden auf analytischem Wege ein ganzheitliches System verstehen kann (Heine 1997). Dazu wären bei fortschreitender Erkenntnis unabwendbar immer kompliziertere Methoden nötig, sodass es letztendlich zu einer Zersplitterung ehemals kohärenter Wissensgebiete käme. Die Sicht auf das eigentliche Problem ginge damit jedoch verloren.

Praktische Bedeutung

Seit die Welt so kompliziert geworden ist, dass sie ohne Hypothesen nicht mehr vernünftig zu handhaben ist, unterscheiden wir sozusagen zwischen Wahrheit und Hypothese.

Die kausal-analytische Methode der Wissenschaft funktioniert optimal, wenn es sich um sachliche Betrachtungen oder um totes Material handelt. Alles, was wir verstehen möchten, zerlegen wir. Sobald wir aber diese Methode auf menschliche Bedürfnisse und lebendige Körper anwenden, merken wir schnell, dass man nicht immer zu einer eindeutigen und messbaren Schlussfolgerung kommt, sondern dass manchmal zwei oder mehrere Aussagen zutreffen, die alle einen gewissen Wahrheitsgehalt haben und trotzdem verschieden sind.

Die Hirnforschung gewinnt durch neue Technologien, wie beispielsweise die funktionelle MRT, zweifelsohne ständig neue, interessante Informationen und kann demzufolge bestimmte Gehirnfunktionen allmählich lokalisieren. Trotzdem können diese neu gewonnenen Informationen aber nicht erklären, warum und wie das Individuum gerade dies oder jenes empfindet.

Es sollte uns eigentlich nachdenklich stimmen, wenn Subjekte mit Messinstrumenten Informationen über Subjekte gewinnen wollen und versuchen, diese objektiv zu interpretieren.

Hans-Peter Dürr unterstreicht, dass viele nach etwas suchen, was sicher, fest und logisch erscheint (Dürr 2008). Deshalb ist Rationalität ausreichend, um sich ein in sich geschlossenes, eindeutig definiertes System zurechtzuzimmern. Nur darin finden viele die vollkommene Sicherheit vor, die Ausdruck ihrer Wahrheit ist. Lebendigkeit dagegen ist offen, lässt Freiheit und Kreativität zu. Da sie allerdings keine vollkommene Sicherheit bietet, macht sie vielen angst. Dürr betont, dass streng rationale Systeme alle in gewisser Weise auf Missverständnissen beruhen, bestenfalls näherungsweise gültige Modelle sind und Gefahr laufen, ihre Gültigkeit und Sicherheit zu überschätzen.
Einige praktische Beispiele
Es ist beispielsweise nicht einfach, die folgenden Fragen zu beantworten:
  • Woran und wie lässt sich biochemisch der Unterschied zwischen totem und lebendigem Gewebe erkennen?

  • Hat jemand Sorgen, weil er krank ist, oder ist er krank, weil er Sorgen hat, oder noch komplizierter, vielleicht verstärken beide (die Sorgen und die Krankheit) sich gegenseitig?

  • Warum fühlt sich ein PatientSorgen:und Krankheit mit einer Krankheit:und Sorgenbestimmten Diagnose bei der Behandlung gut, ein anderer Patient mit der gleichen Diagnose bei der gleichen Behandlung aber schlecht?

Das kann man gewissermaßen als Aporie (Unlösbarkeit eines philosophischen Problems nach Sokrates) bezeichnen. Zur AporieErklärung der Erscheinungen erscheint es durchaus vernünftig, nicht nur darüber nachzudenken, sondern auch aus der Erfahrung und Beobachtungen in der Praxis zu schöpfen. In diesem Sinne kann man auch die Kluft betrachten, die sich manchmal zwischen menschlichem Denken und menschlichem Handeln auftut: Wie oft fragt sich der Kopf: Lohnt sich das?, und der Bauch antwortet: Nein, aber es tut gut! Manche werden die Wertigkeit der Fragestellung umgekehrt sehen, sodass in dem Fall der Bauch fragt: Tut es gut?, worauf der Kopf antwortet: Nein, aber es lohnt sich!

Erweiterung um den Aspekt der Individualität

Die Axiome der Logik (nach Aristoteles) verlangen, dass sich eine allgemein gültige Beschreibung auf eindeutig definierte Begriffe stützt und widerspruchsfrei ist.
Etwas eingeschüchtert stelle ich mir die Frage, woher wir eigentlich wissen, ob eine Beschreibung widerspruchsfrei ist und ob Widerspruchsfreiheit unbedingt als positiv zu bewerten ist? Wenn Hegel als Widerspruchsfreiheit:und LebendigesVertreter des deutschen Idealismus äußerte: Etwas ist lebendig nur insofern es den Widerspruch in sich enthält. Und zwar diese Kraft (des Lebendigen) ist esWiderspruch:Kraft des Lebendigen (Hegel), den Widerspruch in sich zu fassen und auszuhalten (Hegel 2005), dann stelle ich mir etwas schelmisch die Frage, ob das logischerweise nicht auch bedeutet, dass alles, was widerspruchsfrei ist, tot ist?
Pietschmann schrieb, dass der Umgang mit Aporien (Unlösbarkeit eines philosophischen Problems) nicht wie logisches Denken (z. B. Mathematik) erlernt werden kann, sondern wie eine Kunst (z. B. Klavierspielen) geübt werden muss (Schimmel 1990). Selbstverständlich müssen beide, Mathe und Musik, sowohl geübt als auch gelernt werden, aber trotzdem wird die Betonung des Einzelnen ziemlich unterschiedlich ausfallen.
Wir haben wahrscheinlich alle von unseren Eltern als Kind gelernt, dass man sich an Feuer verbrennt, wenn man unvorsichtig hinlangt. Aber wirklich ernst genommen haben wir es erst, als wir die Erfahrung selber machten.

In der Schule

Ohne pauschal werden zu wollen – und der passionierte Lehrer sei vorab um Verzeihung gebeten –, möchte ich hier trotzdem einige Bemerkungen loswerden:

In der Schule scheint alles nur auf kognitive Leistung ausgerichtet zu sein: Aber wo sind die kreative Ausbildung, die künstlerische Erziehung und die soziale und emotionale Intelligenz in manchen Schulen und Universitäten abgeblieben?

Einstein sah die wichtigste Kunst des Lehrers darin, die Freude am Schaffen und am Erkennen zu wecken. Spitzer und Bertram kommentierten die Stimmung in manchen Klassenzimmern etwas belustigt: Langeweile ist für das Gehirn genauso desaströs wie für den Sex: die Aktivität lässt nach und man macht schlapp. (Spitzer & Bertram 2007)

Pietschmann gibt einen Denkrahmen der Neuzeit wieder, der aufzeigt, was heute als Wahrheit akzeptiert und in den Denkrahmen der NeuzeitNaturwissenschaften eingeschlossen wird (Tab. 1.1, linke Spalte). Dem kann man auch gegenüberstellen (rechte Tabellenspalte), was nicht mehr in diesen Denkrahmen passt und demzufolge aus der Öffentlichkeit und den Naturwissenschaften verdrängt wird (Pietschmann 2009):
Selbstverständlich haben wir etliche Errungenschaften unserer modernen Zeit den Kriterien in der linken Spalte des Denkrahmens mit dem eingeschlossenen Wissen zu verdanken, und es wäre töricht, das abzustreiten. Leider benutzen wir diesen Denkrahmen sehr oft, um zu entscheiden, ob etwas richtig, wahr, ja sogar wertvoll oder gut ist. Sogar in der Schule unterscheiden einige Pädagogen noch immer zwischen den Guten und den Dummen. Wir trennen und bewerten die Gegebenheiten und Gepflogenheiten unserer Welt leider oft an Hand der linken Tabellenspalte. Dabei geht allerdings einiges verloren, nämlich das, was wir in der rechten Spalte des Denkrahmens ausgeschlossen haben: das Qualitative, das Bunte, das Künstlerische, das Einmalige, das Individuelle.
Pietschmann betont zu Recht, dass dadurch neuerdings viele Menschen einen immer stärkeren Drang zu Spiritualität verspüren! Mit dem Zitat Dieser Sohn ist nach unserem Glauben als Person von Gott-Vater und dem Heiligen Geist geschieden, doch ohne Trennung (Konzil in Toledo im Jahre 675) fordert Pietschmann zu dialektischem Denken auf: Unterscheide, ohne zu trennen! (Pietschmann 2009) Ich möchte dem noch hinzufügen: Lassen Sie, wenn es sinnvoll erscheint, beides (linke und rechte Tabellenspalte im Denkrahmen) zu!
Dieser Denkrahmen der Neuzeit lässt sich meiner Meinung nach auch auf das Dilemma zwischen Wissenschaft und Osteopathie übertragen:
Wissenschaft
Zentral: Struktur, Organ, Materie
Registrierung von Momentaufnahmen
Zeitfaktor: schnell und kurz
Messbare Quantität
Unbewegt, statisch, unemotional
Reproduzierbar, standardisiert
Handeln, Denken
Wissen
Osteopathie
Zentral: Funktion, Aktion/Reaktion
Registrierung von Prozessen
Zeitfaktor: langsam und lange
Beobachtbare Qualität
Bewegt, dynamisch, emotional
Einmalig, individuell
Fühlen, Erspüren
Glauben
Wer kennt nicht den Patienten, dem es schlechtgeht, der Schmerzen hat, müde und antriebslos ist, bei dem sich aber trotz intensiver Diagnostik kein pathologisches Substrat und kein pathologischer Befund nachweisen lässt? Entspricht das nicht einer schlechten Qualität bei hervorragender Quantität? Oder andersrum, wer kennt nicht den Qualität:und QuantitätPatienten, der im MRT oder Röntgenbild eine ziemlich starke Abnutzung aufweist, aber relativ wenig Beschwerden hat? Entspricht das nicht eher einer schlechten Quantität bei guter Qualität?
Rost gab sehr zutreffend an: Qualität ist die FähigkeitQuantität:und Qualität, die vorhandene Quantität zu nutzen. Qualität ist die Fähigkeit zur Regulation. (Rost 1995)
Relevanz von randomisierten Studien
In der sogenannten komplementären Medizin, wie beispielsweise der Osteopathie und der Physiotherapie, aber auch in der Chirurgie und der Osteopathie:GanzheitlichkeitPsychotherapie richten sich die therapeutischen Zielsetzungen nicht auf zelluläre oder molekulare Teilbereiche, sondern auf ganzheitliche Zusammenhänge (z. B. Funktionalität, Wohlbefinden, Überleben), sodass eine randomisierte Studie nicht immer sinnvoll oder ethisch vertretbar ist.

Beispiel Contergan

In-vitro-Versuchsergebnisse, die mit Gewebekulturen oder Versuchstieren erzielt werden, entsprechen übrigens nicht immer den klinischen Ergebnissen beim Patienten! So hatte beispielsweise Contergan bekanntlich schwere Folgen für den Menschen, während Ratten und Mäuse unversehrt blieben.

Zudem sei randomisierte Studie:Relevanzdarauf hingewiesen, dass eine randomisierte Doppelblindstudie auch nichts darüber aussagt, bei welchen einzelnen Patienten das ausgewählte Verfahren wirksam gewesen ist. Demzufolge ist es auch nicht möglich, eine Kausalität bei den einzelnen Patienten zu erkennen. Den betroffenen Patienten wird es wenig trösten können, dass das geprüfte Verfahren bei allen anderen wirkt, nur bei ihm nicht.
Auch das Vorher-Nachher-Zeitverhältnis ist in vielen Studien mangelhaft aufgebaut. Wenn Patienten bereits seit 10–15 Jahren Schmerzen und Beschwerden hatten, ist ein sogenannter Therapieerfolg 2 bis 3 Monate nach der Behandlung schwer einschätzbar, dazu wäre eine längere Follow-up-Studie notwendig. So wäre es beispielsweise wünschenswert, wenn Chirurgen nach einer Operation Follow-up-StudieInformationen über ihre Patienten über einen längeren Zeitraum verfolgen könnten. In einem Gespräch mit einem Chirurgen fiel mir beispielsweise auf, dass ihm nicht bekannt war, dass etliche seiner Patienten nach einer Schilddrüsenoperation funktionelle Stimmprobleme haben. Nach einer Operation sieht er seine Patienten erstaunlicherweise nur noch einmal, und zwar kurz und direkt nach der Operation.
Bei einer medikamentösen Behandlung sollte die Dosis eigentlich entsprechend dem Ansprechen des Patienten eingestellt werden; das gilt selbstverständlich auch für die Dosierung von Techniken, die in der Therapie eingesetzt werden. Die Dosis muss also, ohne eine Kontrollgruppe einzubeziehen, an dem betreffenden Patienten selbst eingestellt werden.
Sowohl randomisierte klinische Studien als auch das Kausalitätserkennen beim Subjekt tragen zu einem besseren Verständnis der Kausalzusammenhänge bei! Die therapeutische bzw. ärztliche Kompetenz soll einerseits überprüfen, wie relevant die Evidenz der randomisierten Studie beim individuellen Patienten ist, aber gleichzeitig neue Ideen für Studienrandomisierte Studie:Relevanz zur Verbesserung der Kausalerkenntnisse entwickeln. Hierbei sollte eher versucht werden, alle (oder möglichst viele) relevante Bereiche miteinander zu verbinden und nach Zusammenhängen zu suchen. Dazu muss man unbedingt zu einer multidisziplinären, fachübergreifenden Zusammenarbeit aufrufen.
Die zwischenmenschliche Wirklichkeit
Neben der Theorie, dem Wissen und Denken gilt es auch die Empfindungen des Patienten, die Erfahrung, Praxis und das Einfühlungsvermögen des Therapeuten zu berücksichtigen. Wir Menschen unterscheiden uns ja gerade dadurch von den Tieren, dass wir die Erfahrungen, die wir mit unseren Sinnen erleben, im Geiste reflektieren und kognitiv verarbeiten. ErfahrungenNeben der Theorie steht also die Praxis, das Fühlen, Empfinden, Erspüren mit ambivalenten und individuellen Lebenserfahrungen. Zwischen dem Patienten und dem Therapeuten bzw. dem Arzt befindet sich zweifelsohne immer das Zwischenmenschliche.
Gibt es vielleicht gar nicht die eine, einzig wahre Realität, sondern mehrere richtige, die eben sowohl durch Experimente als auch durch Erfahrungen ergänzt werden und demzufolge ein Stückchen mehr Wahrheit beinhalten?
Das sorgt für Erfahrungen:Wahrheiteine philosophische Aporie, die der Empirist Locke folgendermaßen ausdrückte: Nichts ist im Geiste, was nicht vorher in der Erfahrung war, während der Vitalist Leibniz dem dialektisch widersprach: Nichts ist im Geiste, was nicht vorher in der Erfahrung war, außer dem Geist.
Der Physiker und Philosoph Hans-Peter Dürr hat das an Hand der Quantenmechanik aufgezeigt: Wissenschaft ist keine Realität mehr in der Quantenmechanik:Wirklichkeit, erfahreneursprünglichen Bedeutung einer dinghaften Wirklichkeit. Wirklichkeit offenbart sich primär nur mehr als Potenzialität, als ein noch nicht aufgebrochenes, gewissermaßen unentschiedenes Sowohl, als auch. Und er geht sogar noch einen Schritt weiter: Die Wirklichkeit, die wir unmittelbar leben und erleben, offenbart sich viel reicher als die Erfahrung, die wir rational zu erfassen und wissenschaftlich zu erkennen versuchen. [] Wir sind in eine Wirklichkeit eingebettet, die prinzipiell keinen Reduktionismus mehr zulässt, so dass jede Analyse letztlich den tieferen Zusammenhang verletzt. (Dürr 2008)
Individualität der Behandlung
Es erscheint mir extrem wichtig, die Individualität einer Behandlung zu gewährleisten und beispielsweise unterschiedliche Individualität:der Behandlungosteopathische Behandlung:IndividualitätTechniken (allerdings mit der gleichen Zielsetzung) für unterschiedliche Patienten mit ähnlicher Symptomatik zuzulassen! Das scheint zunächst den Nachteil zu haben, dass aus wissenschaftlicher Sicht die Reproduzierbarkeit und Standardisierung der Arbeit vernachlässigt wird!
Für die Entscheidung, ob eine Frage wissenschaftlich erlaubt sei, genügte auch dem Biowissenschaftler und Philosophen J. von Uexküll (1864–1944) nicht nur das einfache Kriterium der empirischen Nachprüfbarkeit (Reproduzierbarkeit). Weil Lebewesen nicht auf kausale Einwirkungen, sondern auf die Bedeutung, die diese Einwirkungen für sie haben, antworten, seien Fragen, die den subjektiven Bedeutungsaspekt der beobachteten Lebewesen nicht berücksichtigen, ihrem Gegenstand nicht angemessen (von Uexküll 1980)!
Ist es eigentlich nicht extrem sonderbar, eine lineare Denkweise bei einem kranken Menschen anzusetzen? Die Individualität des Patienten wird sozusagen gegen die Reproduzierbarkeit der Individualität:vs. ReproduzierbarkeitBehandlung eingetauscht. Ist es sinnvoll, wenn sich Patient K Reproduzierbarkeit:vs. Individualität der Behandlungmit der Pathologie A bei der Behandlungstechnik X wohlfühlt, Patient L mit der gleichen Pathologie A sich aber extrem schlecht fühlt bei der Behandlungstechnik X, trotzdem beide reproduzierbar nach Schema X weiterzubehandeln?
Bates von der Universitätsklinik in Toronto gab übrigens zu bedenken, dass die Folgen von Medikamentenunverträglichkeiten zu den häufigsten Todesursachen zählen (Bates 1998)!
Wenn jemand eine chronische Sinusitis entwickelt, mag es sicherlich sinnvoll und notwendig sein, bei einem akuten Schub ein Antibiotikum zu verschreiben, um Komplikationen zu vermeiden. Aber sollte dann subakut nicht gleich präventiv weitergedacht und nach den ursächlichen und zusätzlichen Belastungsfaktoren gesucht werden, um Rezidive zukünftig zu verhindern?
Wissenschaft ist zweifelsohne eine notwendige Grundlage für die Untersuchung und Behandlung, reicht aber bei Weitem nicht aus! Auch Erfahrung und die Subjektivität des Untersuchten sind notwendige Grundlagen, aber sozusagen nicht immer verlässlich (reproduzierbar).

Eine kleine Rechenaufgabe

Wenn ein Mann zwei Arbeitsaufträge in einer Stunde erledigen kann, wie viele schaffen dann zwei befreundete Männer in der gleichen Zeit?

Vier als Antwort ist falsch! Sie schaffen es nämlich nur, drei Arbeiten zu erledigen, weil sie so viel miteinander schwatzen und lachen!

Die größte Herausforderung stellt sich folgendermaßen dar: Sind Statistiken und Versuchsreihen unbedingt notwendig, wenn gerade ein bedeutendes Charakteristikum des Menschen seine Individualität ist? Die Anerkennung des Einmaligen steht in der Naturwissenschaft leider in einem diametralen Gegensatz zur geforderten Reproduzierbarkeit. Hier stellt sich zwingend die Frage, ob wir Therapeuten einen Ausweg aus Reproduzierbarkeit:vs. Individualitätdieser Sackgasse finden oder ob wir einfach die Individualität des Patienten opfern müssen?

Komplementär-medizinischer Strategie-Rahmen

Individualität:vs. ReproduzierbarkeitIch möchte hier einen allgemeinen medizinischen Strategie-Rahmen, eine Art roten Faden, präsentieren. Dabei sollte jeder Therapeut zunächst Strategie-Rahmen:medizinischeruntersuchen, in welchem Krankheitsstadium und in welchem Untersuchungs-/Behandlungsfenster sich der Patient befindet. Später kann der Therapeut dann individuell nachschauen, wo und wie er sich in diesem Rahmen für den Patienten als nützlich erweisen kann. Das erlaubt einerseits einen individuellen Behandlungsplan, der trotzdem nachvollziehbar ist, indem man die reproduzierbaren Leitfäden der Reihe nach überprüft und die Register öffnet, auf die der Patient anspricht. Andererseits erklärt es auch, warum Patienten mit ähnlichen Symptomen (Pathologien) trotzdem verschiedene Therapieformen brauchen!
Modell eines medizinischen Strategie-Rahmens
  • 1.

    Erheben einer ausführlichen Anamnese und Sammeln von Informationen: Die Strategie-Rahmen:medizinischerBefunde und verschiedenen Geschichten der Krankheit und des krankenAnamnese Menschen zu vergleichen, finde ich wichtig, um zu überprüfen, ob man die Diagnose sinnvoll ergänzen kann (Kap. 3.2). Das Erkennen des Krankheitsstadiums (Kap. 3.2), um daraus die Behandlungsstrategie und Prognose abzuleiten, ist ebenfalls ein wichtiger Schritt, der erfahrungsgemäß nicht unbedingt bei der ersten Untersuchung auf Anhieb gelingt.

  • 2.

    Es ist wichtig, Akutmaßnahmen bzw. eine ergänzende Diagnostik einzuleiten, wenn das notwendig erscheint oder um eventuelle AkutmaßnahmenKontraindikationen auszuschließen. Eine Überweisung zum Arzt ist daher unter Umständen erforderlich. Auch die osteopathische Diagnostik trägt selbstverständlich wichtige Aspekte zum Bild des Patienten und der Krankheit bei.

  • 3.

    Es ist völlig richtig, sich zuerst auf lebensrettende Maßnahmen zu konzentrieren. Man darf aber trotzdem nachher nicht vergessen, auch an den Ursachen der Problematik zu arbeiten. Häufig liegt eine Kombination ursächlicher Faktoren vor, sodass manchmal nur eine multidisziplinäre Behandlungsstrategie sinnvoll erscheint. Das ursächliche FaktorenErkennen und In-Beziehung-Setzen der verschiedenen menschlichen Aspekte setzt Wachsamkeit, Teamfähigkeit und Empathie des Therapeuten voraus. Eine Reflexion über die bisherigen Behandlungen und Interventionen ist eine weitere wichtige Aufgabe für den Behandelnden. Eine Krankheit beinhaltet mehr als nur die Symptome, zuallererst (!) natürlich einen kranken Menschen.

  • 4.

    Eine integrative Betrachtungsweise lässt uns den Menschen als Ökosystem sehen. Aus dieser Sicht gilt es zu überprüfen, ob sich Mensch:als ÖkosystemStauungen (venolymphatische Stauungen im Ökosystem:MenschBindegewebe, aufgestaute emotionale Belastungen), Durchsaftungsprobleme (Durchblutungsstörungen), Mangelerscheinungen (Vitaminmangel, Mikronährstoffmangel, aber auch Mangel an Zuwendung, fehlende Anerkennung), Abwehrschwächen usw. im System Mensch zeigen. Es ist beispielsweise notwendig, einen aggressiv wachsenden Tumor aus dem Gewebe zu entfernen. Es erscheint mir aber auch sinnvoll, gleichzeitig das Abwehrsystem und das Ökosystem des Patienten zu stärken. Das bedeutet einerseits, belastende Faktoren (wie falsche und einseitige Ernährung, Strahlenbelastung, Übersäuerung, Stress) abzubauen und andererseits Mangelerscheinungen (Basenmangel, zu wenig Abwehrkräfte, zu wenig Bewegung, zu wenig soziale Kontakte) entgegenzuwirken.

  • 5.

    Jeder Mensch wird von Krankheiten in seinem innersten seelischen Mensch-Sein getroffen und muss mit Änderungen seines Krankheit:Mensch-SeinLebensverlaufs, ja sogar mit seiner Mensch-Sein:und KrankheitSterblichkeit, oder mit Ängsten (z. B. einer Krebsdiagnose) fertig werden, vor denen man nicht davonlaufen kann. Das bedeutet unvermeidlich eine extreme seelische und emotionale Belastung. Spätestens jetzt wird jeder, der betroffen ist, mit der Frage nach dem Sinn des Lebens undBelastungen:beseitigen der Bedeutung des eigenen Weges konfrontiert. Das wichtigste Ziel, das es aus meiner Sicht für den Patienten zu erreichen gilt, ist neben Schmerzfreiheit die Zufriedenheit mit dem eigenen Lebensweg. Dazu bedarf es einer Copingstrategie (Kap. 3.4) für den Patienten, die meistens die Mitarbeit des ganzen medizinischen Teams und nicht zuletzt des Patienten selbst erfordert. Möglichst viele Faktoren, die den Patienten belasten, sollten entfernt werden. Nicht nur das, was dem Körper schadet, sondern auch das, was seiner Seele und seinem Geist schadet. Man sollte auch daran denken, dass zu viel Behandlung ebenfalls zu Stress führen kann.

  • 6.

    Letztendlich soll der neu gebahnte Weg nun gefestigt werden. Hierbei ist die wichtigste Person der Patient selber. Nur wenn er sich seinen Problemen stellt, kann er lernen, sie auch wirklich zu beheben bzw. zu akzeptieren. Man kann zwar mit Schmerzmitteln Schmerzen lindern oder mit einem Antidepressivum vielleicht die akute Suizidgefahr abwenden, aber wenn die Ursachen nicht angegangen werden, wird die Wirkung der Tabletten auf Dauer verpuffen und die Nebenwirkungen stärker hervortreten lassen. Dazu kann man beispielsweise sowohl die Stärken als auch die Schwächen des Patienten visualisieren und praktisch darangehen, sie richtig einzusetzen bzw. abzubauen.

Um Zufriedenheit mit dem eigenen Weg zu erlangen, gehört es meiner Meinung nach unbedingt dazu, sich lösbare Aufgaben zu stellen. Häufig können solche Aufgaben in Form von Hobbys, Freizeitaktivitäten oder künstlerischen Tätigkeiten besser gemeistert werden. Das stärkt das Selbstwertgefühl und aktiviert neue Kräfte in einem Menschen.
Es wäre wünschenswert, dass Patienten, Selbstwertgefühl:stärkenÄrzte und Therapeuten gemeinsam die optimale Therapie für das Individuum festlegen, was im psychologischen Fachjargon als matching bezeichnet wird. Die Prioritäten sollten dabei, meiner Meinung nach, weder durch die Reproduzierbarkeit noch durch akademische Kompetenzen allein bestimmt werden. Vielmehr sollten auch das Gefühl und das Ansprechen des Patienten, die Erfahrung und ein liebevoller Umgang mit dem Patienten die Prioritäten der Behandlung mitbestimmen bzw. ergänzen!

Hoffnungsvoller Ausblick

Ich hoffe sehr, dass Therapeuten und Mediziner den Mittelweg zwischen einer evidenzbasierten Osteopathie bzw. Medizin und einer Heilkunst der Osteopathie bzw. Medizin, die Individualität und Würde des Patienten respektiert, finden werden. Dieser Weg wird sicherlich kein leichter sein und dürfte genügend Stoff für einige Glaubens- und Kompetenzkriege beinhalten.

Ja, ich möchte in diesem Buch leise rebellieren, und nein, ich fürchte mich dabei nicht vor Irrtum und Widerspruch. Ihn zu belächeln, lieber Leser, ist Ihr gutes Recht, ihn zu begehen, das meine!

Ich möchte hiermit einfach meine Sorge bekunden, dass eines Tages die wissenschaftlich reproduzierbare Osteopathie nicht mehr gefühlt, nachgefragt, probiert, durchdacht und gelebt, sondern nur noch systematisiert, etikettiert und standardisiert werden könnte.

Das wäre unendlich schade und ein schwerwiegender Verlust, nicht nur für den Therapeuten, sondern vor allem für den Patienten!

Ist Goethes Morphologie und Phänomenologie noch modern?

Goethe'sche Liebe zur Natur

Patienten:Umgang mitOsteopathie:evidenzbasierteOsteopathie:als HeilkunstMan könnte die Morphologie als goetheanische Wissenschaft der lebenden Gestalten betrachten. Sie handelt von Morphologie:goetheanische Libe zur Naturder Faszination für lebende Tiere und Pflanzen und die Formen und Arten, in denen sie erscheinen. Diese goetheanische Liebe zur Natur wird von manchen Forschern leider nur als Ausdruck der deutschen Romantik angesehen. Die Suche nach Mustern steckt aber in allen Menschen und Kulturen. Die Kraft und Beständigkeit bei aller Biegsamkeit eines Baumes erinnert den romantischen Menschen beispielsweise an die Standfestigkeit, sich jedem Sturm widersetzen zu können. Die Romantik liebt die Phantasie, sie ist erfindungsreich, metaphysisch, imaginär, verlockend und vielgestaltig. Das Wogen im Getreidefeld erinnert an die Meereswellen und weckt in meiner romantischen Seele die Sehnsucht nach Ferne und Unendlichkeit.
Die affektive Neurowissenschaft greift diese romantischen Gedanken auf und verweist darauf, dass Gefühle niemals unsichtbar sind, sondern sich eben überall in der Natur zeigen. Das Leben, auch der Pflanzen, deutet sie als Gefühlsphänomen. Zu jedem Erlebnis gehören zu einem gewissen Grad Gefühle (Lust oder auch Leiden), und zu jedem dieser Gefühle gehört eine bestimmte körperliche Erfahrung.
Die Gefühle:und LebenAuswirkung einer physikalischen Kraft ist eindeutig von ihrer Umgebung abhängig. So kann beispielsweise die Kraft einer Kompression Glas zersplittern lassen oder eine Delle in Plastik drücken, aber auch eine Sandburg, ein Kunstwerk aus Knetmasse oder eine Klaviersonate hervorbringen.

Was ist Morphologie?

Begriffsdefinitionen

  • Anatomie leitet sich vom griechischen anatemnein ab und bedeutet so viel wie zergliedern. Wir analysieren in der Anatomie die Form und den Aufbau von Strukturen, wir studieren die einzelnen Teile des menschlichen (und tierischen) Körpers. Die Gefahr, dass darüber die Synthese und Ganzheit des Körpers verlorengehen, ist damit auf natürliche Weise in der Anatomie und erst recht in der Biochemie gegeben.

  • Morphologie stammt vom griechischen morph (Gestalt) und bedeutet in den Naturwissenschaften die Lehre von der äußeren Gestalt der Lebewesen. Gestalt ist etwas, das nie fertig ist, im Werden begriffen und sich ändernd. Durch die Dynamik des Lebendigen verändert sich die Form tatsächlich im Laufe der Zeit. Pasteur sprach von Vitalismus und bekannte sich damit überraschenderweise zum unüberwindbaren Unterschied zwischen rein chemischen und lebensechten Phänomenen.

Es besteht durchaus die Gefahr, dass Anatomie und Morphologie Morphologie:BegriffsdefinitionDynamik des Lebendigen:FormänderungAnatomie:Begriffsdefinitionunsinnigerweise als gegensätzlich aufgefasst werden; Struktur gegenüber Gestalt. Wenn man aber die vergleichende Anatomie auf verschiedene Tierarten anwendet und sich für den Gesamtzusammenhang interessiert, kann sie durchaus zur VertiefungAnatomie:Gestalt des Wissens und einem Verständnis für die Gestalt führen. Beim Hochstemmen eines Gewichts spielt nicht nur der einzelne (agonistische) Muskel, sondern auch die exzentrische Kraft der stabilisierenden (antagonistischen) Muskelketten eine wesentliche Rolle. Beim Schattenspiel hingegen verlieren die Finger für unsere Kinder jegliche Bedeutung als Greif- und Kraftorgan und werden einfach zum gestalterischen Spielzeug. Beim bewussten Genießen von Gelenkbewegungen beim Schwimmen, Tanzen oder Basketballspielen nehmen wir die Geschmeidigkeit und Koordinationsmöglichkeiten umso deutlicher wahr.
Während sich die Anatomie dem Studium der äußerlichen Gestalt und Form mehr analytisch widmet, interessiert sich die Morphologie eher Gestalt:synthetisierendes Studium (Morphologie)Gestalt:analytisches Studium (Anatomie)synthetisierend für die Gestalt und Gestaltphänomene. Als Metamorphose wird der Wandel der Morphologie:Gestalt(phänomene)Gestalt bezeichnet, und wir wissen alle, dass eine Gestalt entsteht, sich bewegt Metamorphose:Gestaltwandelund wieder vergeht. Die Lehre von der Metamorphose stützt sich auf die Überzeugung, dass alles Menschliche, Tierische oder Pflanzliche, sogar auch das Geistige, sich irgendwo in einer gewissen Gestalt äußern und zeigen wird bzw. muss.

Zellen als kleinste Baueinheiten

Trotz der enormen Vielfalt von Lebewesen und Pflanzen findet man bei ihrer Zergliederung als kleinste Baueinheit die Zelle, die sich im Laufe der Evolution kaum verändert hat.

  • Gewebe (z. B. Epithel, Bindegewebe, Muskelgewebe, Nervengewebe) bestehen aus einer Ansammlung von Zellen. Die Spezialgebiete der Medizin, die sich damit befassen, heißen Histologie und Zytologie. Doch je spezialisierter die Fachdisziplin wird, desto weiter entfernt sie sich leider auch wieder von der ganzheitlichen Gestalt des Organismus.

  • Durch das Zusammenfügen von Geweben entstehen Organe (wie Gehirn, Magen, Muskeln, Knochen). Die Medizin hat auch hier ihre Spezialgebiete, z. B. die Neurologie, innere Medizin.

  • Verschiedene Organe bilden zusammen Organsysteme (Nervensystem, Verdauungssystem, Muskelsystem).

  • Verschiedene Organsysteme bilden letztendlich einen Organismus mit der Gestalt eines Menschen, eines Tieres oder einer Pflanze.

  • Ein Mensch (und auch ein Tier) kann mit seiner Gestalt aber Verschiedenes ausdrücken. Die sinnliche Wahrnehmung der Gestalt öffnet uns eine ganz andere Welt, die emotionale Welt des Ausdrucks.

Obwohl die verschiedenen Zellen, Gewebe, Organe und einige Organsysteme an sich manchmal kaum voneinander zu unterscheiden sind, bilden sie zusammengefügt eine andere Gestalt, eben Mensch oder Tier.

Das Interessante an einer Pyramide, an einem Gemälde oder auch an Zellen:als kleinste BaueinheitOrgansystemeOrganismusOrgane:GewebeGewebe:Zelleneinem Gedicht sind Gestalt:Wahrnehmungweniger die Steine, Striche oder Buchstaben, sondern das Gebilde der Pyramide, die künstlerische Ausdrucksform des Gemäldes oder des Gedichtinhalts als Ganzes. Ähnlich verhält es sich beim Menschen. Es ist durchaus interessant anzuschauen, was der Mensch mit seinem ganzen Wesen darstellt. Für alle Gegenstände, Strukturen und Organe haben wir Begriffe parat, wir färben sie, zerschneiden sie, konservieren sie, zergliedern sie in chemisch-physikalischen Teilchen – in der Hoffnung, endlich irgendwann das Unzusammengesetzte, das unteilbare Teilchen, den (meta)physischen Punkt zu finden. Dabei ist es verwirrend, dass Atome (die Unzerlegbaren) als kleinste Materieteilchen ihrerseits nicht mehr aus Materie aufgebaut sind, sondern etwas Lebendiges Atome:und Materiedarstellen, das mehr dem Geistigen ähnelt und aus Informationsfeldern, Erwartungsfeldern und Potenzialität besteht. Dürr gibt an, dass das Primäre nicht Materie, sondern Beziehung ist. Er deutet Materie demzufolge als Phänomen, das erst bei einer gewissen vergröberten Betrachtung erscheint (Dürr 2009). Der zeitliche Prozess ist einMaterie:als Phänomen ständiger Schöpfungsprozess und eine Verwandlung von Potenzialität in Realität. Realität ist sozusagen die materiell-energetische Manifestation oder geronnene Form des Möglichen!
Die Frage bleibt aber, wenn wir all diese Teilchen zusammenlegen, wie dann daraus ein lebendiges, beseeltes Wesen entsteht und wo die seelischen (nicht-materialistischen) Empfindungen wie Liebe, Trauer, Schmerz, Glück herstammen? Dazu fehlen uns eindeutig die Begriffe. Auch hier wird erneut deutlich, dass unser wissenschaftlicher Denkrahmen manche Qualitäten wie das Lebendige, das Beseelte usw. ausschließt (Kap. 1.13.1). Prof. J. W. Rohen stellt sich zu Recht die Frage, warum das Erkennen von Gesetzmäßigkeiten bei unbelebten Naturobjekten möglich ist, nicht aber bei belebten und beseelten Organismen (Rohen 2000).
Dürr zufolge sind die ursprünglichen Elemente der Quantenphysik nicht materiell, sondern Beziehungen der Formstruktur. Im Grunde gibt es laut ihm nur Geist, und wenn dieser Geist sozusagen gerinnt oder verkalkt, entsteht daraus etwas Materielles, das man als Gestaltveränderung (Metamorphose) deuten kann (Dürr 2009). Er bedauert, dass wir in der klassischen Vorstellung den Kalk, weil er greifbar ist, ernster nehmen als das, Metamorphosewas vorher da war, das geistig Lebendige!

Ausstatten mit Qualitäten

Goethe ging in seinen Schriften zur Naturwissenschaft auf die Suche nach Gestaltphänomenen und ihrer Verwandlung. So studierte er die Osteologie, also die Anatomie der Knochen von Tieren und Menschen (z. B. Schädel), um das Gemeinsame bei den Knochen zu finden. Auf der Suche nach einer allgemeinen Knochenlehre hatte er (wie viele andere Wissenschaftler damals) Knochen gesammelt, betrachtet, untersucht und ebenso bei Pflanzen nach dem Gemeinsamen gesucht.
Unser Denken und das Bilden von Begriffen bestehen immer sowohl aus einer Anschauung mit den Sinnesorganen (sozusagen objektives Wahrnehmen von außen) als auch aus einer Anschauung mit dem Denken und Fühlen (sozusagen Anschauungsubjektives Wahrnehmen von innen). Wahrnehmen:objektives (von außen)Das Abbild, beispielsweise eines Baumes, auf unserer Netzhaut (Sehnerv), der Geruch des Holzes (Wahrnehmen:subjektives (von innen)Riechnerv), das Rauschen der Blätter (Hörorgan), das Gefühl der verwitterten Rinde (Tastsinn) müssen sich im Gehirn zu einem Bild (und damit zu einer Synthese) eines Baumes zusammenfügen. Dabei können wir den Baum nicht real neu erschaffen, sondern müssen das Bild eines Baumes in unserem Gehirn erzeugen. Aus dieser Sicht ist es wunderbar, wie sich beispielsweise ein Blinder ein Bild von einem Baum oder von einem Mitmenschen machen kann. Dazu gehört eindeutig ein aktiver synthetisierender Prozess, den man als Vorstellen, Begriffsbildung oder (meiner Meinung nach besser) als Ausstatten mit Qualitäten bezeichnen kann.
Noch wunderbarer wird Begriffsbildung:Ausstatten mit Qualitätenes, wenn man einer Aneinanderreihung von Tönen lauscht und darin eine Ausstatten mit QualitätenMelodie entdeckt. Nicht nur das Fühlen, sondern auch das Denken hat demzufolge immer eine objektive und auch eine subjektive Seite. Warum sollte das Erleben eines Musikstückes eigentlich einen anderen Vorgang darstellen als das Lösen einer mathematischen Fragestellung? Der Mensch kann etwas (ein Objekt, Lebewesen) beobachten, mit seinen Sinnen wahrnehmen und in sich aufnehmen. Dadurch verliert das Beobachtete zuerst seine Realität und Objektivität und geht in die subjektive Gedankenwelt des Beobachtenden auf.

Resynthese

Rohen spricht von einem Resyntheseprozess oder Begriffsbildungsprozess beim Denken, wobei die Idee (oder das Urphänomen nach Goethe), die bereits im Beobachteten selbst existiert, im Denken des Beobachters aufleuchtet (Rohen 2000).

Der Mensch zerlegt sozusagen das Beobachtete mit seinen Sinnen, setzt es dann mit Denkprozessen und Emotionen wieder zusammen (Resynthese) und erlebt so das Beobachtete als Ganzes. Rohen hat einen wunderbaren Vergleich dafür gefunden: Es ist so, als ob der Mensch im Kleinen jedes Mal von Neuem den Schöpfungsprozess für alles, was er beobachtet, erleben könnte. Beim Wahrnehmen und Erkennen des Beobachteten sind wir fähig, die Natur im Geist schöpferisch nachzubilden und demzufolge aktiv am Schöpfungsprozess teilzuhaben (Rohen 2000).

Die Komponenten, die eine Gestalt prägen, sind von einer Doppelnatur und Resynthese:Denken und Emotionenbeinhalten sowohl Schöpfungsprozessden Stoff (das Gewebe) als auch die Kraft (die Energie). Was den Stoff Gestalt:Stoff und Kraftbetrifft, geben die Anatomie, die Physiologie und die Naturwissenschaften genügend Aufschluss und haben entsprechend viele Begriffe aufgestellt. Das Thema Kraft (oder Energie) ist aber deutlich schwieriger, dazu fehlt uns die begriffliche Ausstattung mit Qualität. Ist die anatomische Form wirklich starr vorgegeben, oder ist sie nicht vielmehr von physischen Faktoren (wie Ausstatten mit Qualität:Kraft (Energie)Ernährung, Arbeit, körperliche Belastung und Entspannung, Verdauung) sowie psychischen und seelischen Elementen (Verspanntheit, Entspanntheit, Wohlbefinden, Gelassenheit, Gedanken, Emotionen) abhängig? Welche Kräfte oder Energien lassen uns beispielsweise unsere Wut oder Triebe zügeln bzw. Kunstwerke gestalten? Welche Kraft verleiht uns Flügel, wenn unser Lebenspartner uns anschaut? Welche Energie lässt uns Wohlgefallen empfinden, wenn wir unseren Kindern beim Spielen zuschauen?
Es müssen also andersartige Begriffe entwickelt werden, die den gestalterischen, synthetisierenden Qualitäten eines Lebewesens gerecht werden, und dazu gibt es keinen anderen Weg als den des Denkens, des Empfindens und des Fühlens!
Im menschlichen Körper wirken nicht nur chemische und physikalische Phänomene, die für die Funktion des Körpers wichtig sind, sondern auch Kräfte wie Liebe, Zuneigung, Wut, Glück, Schmerz, die man nicht unbedingt als rein chemisch-physikalisch einordnen kann. Klar kann man versuchen, Glücksgefühle materialistisch mit molekularen Glückskügelchen oder Endorphinen zu erklären. Aber reduzieren wir auch unsere Liebe zu unseren Kindern und zu unserem Lebenspartner auf einen zufälligen Cocktail aus chemischen Stoffen oder genetischen Programmierungen? Oder erleben wir diese Emotionen vielleicht doch eher als tiefe, in sich wirksame Kräfte?

Übrigens

98 % aller neuronalen Aktivitäten bestehen aus Selbstgesprächen zwischen den Nerven!

Ein Lebewesen ist demzufolge keine Maschine, die von Reflexen und Genen gesteuert wird, sondern eine aktive, lebendige kommunikative Gesellschaft (aus verschiedenen Gruppen von Zellen), die Werten und Bedeutungen folgt. Die affektiven Naturwissenschaften verstehen das Leben sogar als Gefühlsphänomen, das an körperliche Erfahrungen gekoppelt ist. Das wirft viele Fragen auf: Ab Naturwissenschaften:affektivewann beginnt eigentlich das beseelte menschliche Leben? Reichen hier die genetisch-chemisch-physikalischen Begriffe aus, oder liefern sie auch nur mechanistische Umschreibungen?
Aus dieser Sicht können beispielsweise Bilder und Visualisierungen wiederum helfen, eine Grundlage für ein besseres Verständnis der sogenannten Ganzheitlichkeit zu schaffen, ohne das geschulte Denken noch das empfindsame Erleben aufzugeben. Es sei darauf hingewiesen, dass ein Gleichnis keine Analogie ist, Ganzheitlichkeitsondern vielmehr ein Abkürzungsverfahren, um hochkomplexe Angelegenheiten möglichst verständlich auszudrücken. Ich möchte auch betonen, dass die Synthese die Analyse weder ersetzen noch rückgängig machen kann, sondern dass beide neben- bzw. nacheinander betrieben werden sollten.
Die Morphologie oder Gestaltlehre beschäftigt sich also mit dem Bild (Gleichnis) in seiner ganzheitlichen Form, es handelt sich Morphologie:ganzheitliches Bildsozusagen um eine goetheanische Gestaltlehre\t\"Siehe MorphologieWissenschaft mit einer Faszination für lebende Tiere und Pflanzen.
Goethe fordert uns heute noch buchstäblich dazu auf, die Natur (und damit auch den Wissenschaft:goetheanischeMenschen) besser zu betrachten. Er suchte in seinen Schriften zur vergleichenden Anatomie, Zoologie und Physiognomik in der Pflanzen- und Tierwelt nach dem Formenspiel der Naturgeschichte, nach wiederkehrenden Formen und Gestalten und versuchte Wissen (Verstehen) und Erlebnis näher zusammenzubringen (Goethe 1962). Die Natur bleibt ewig respektabel, ewig bis auf einen gewissen Punkt erkennbar, ewig dem Verständigen brauchbar. Sie wendet uns gar mannigfaltige Seiten zu; was sie verbirgt, deutet sie wenigstens an, dem Beobachter wie dem Denker gibt sie vielfältigen Anlass, und wir haben Ursache, kein Mittel zu verschmähen, wodurch ihr Äußeres schärfer zu bemerken und ihr Inneres gründlich zu erforschen ist. Wir nehmen daher zu unseren Zwecken ohne weiteres die Funktion in Schutz. Funktion, recht begriffen, ist das Dasein in Tätigkeit gedacht.
Können wir aber beim Betrachten des Menschen sicher sein, dass das Beobachtete, was wir mit den Augen sehen, auch wirklich mit dem Bild übereinstimmt, das unser Gehirn sich von der Welt des Beobachteten macht? Ist das, was in unserem Gehirn aufleuchtet, wirklich identisch mit der Idee, die im Beobachteten selbst bereits existiert?

Selektive Wahrnehmung

Erstaunlicherweise wird nur ein Prozent aller von den Sinnen aufgenommenen Informationen zum Gehirn weitergeleitet (Martin 2007). Anscheinend ist die Leitungskapazität der Nervenbahnen weitaus geringer als die Aufnahmekapazität der Sinnesrezeptoren!

Dass sich Konzentration und Bewusstsein auf bestimmte Reize richten, sollte daher nicht außen vor gelassen werden. Man könnte es lakonisch so ausdrücken, dass wir nur das wahrnehmen, was wir wahrnehmen wollen. Wir konzentrieren uns sozusagen vor allem auf das, was uns interessant erscheint.

Ulrich zufolge begegnet uns ein Mitmensch weder ausschließlich mit der objektiv Leitungskapazität:Nervenbahnenerforschbaren RealitätAufnahmekapazität:Rezeptoren seines Leibes noch mit der psychischen Realität seines Erlebens, sondern selbstverständlich mit der unbezweifelbaren Einheit beider Seiten (Ulrich 1981).
Heine betont, dass sich die Eigengesetzlichkeiten des Psychischen weder aus chemisch-physikalischen noch aus neuropsychologischen Abläufen erklären lassen. Die Berücksichtigung von subjektiv belastenden psychischen Zuständen des Patienten gehöre daher unbedingt zu einer ganzheitlichen Untersuchung dazu (Heine 1997).

Praktische Bedeutung

Goethe sprach oft lieber von einem Gewahrwerden der Form, mit der die Natur spielend das vielfältige Leben hervorbringt. Diesem Gedanken möchte ich mich gerne demütig anschließen. Jeder Arzt und Therapeut hat meiner Meinung nach die Aufgabe, sich um das Erfahren und Erspüren der Gestaltungskräfte zu bemühen, die das Individuum geformt und zu dem gemacht haben, was und wie es ist!

Lebensprozesse und Schöpfungsgedanken

Der estnische Naturforscher K. E. von Baer (1792–1876) Gestaltungskräfte:Individuumentdeckte die Säugetier-Eizelle und gab an, dass die Embryonalentwicklung bei Tieren von allgemeinen zu spezifischen, artgerechten Formen fortschreitet. Diese sogenannte Baersche Regel machte ihn zum Begründer der modernen Embryologie. Während Darwin nach den Gesetzen für eine große Vielfalt an Formen suchte, sah von Baer Baersche Regel:EmbryologieDarwins Theorie kritisch und suchte, ähnlich wie Goethe, nach Embryologie:Baersche Regelden Kräften in einem Organismus, die zu dessen eigentlicher Form führten (von Baer 1908). Man könnte ihn deswegen auch als Morphologen betrachten. Die wissenschaftliche Untersuchung der Natur strebt von Baer zufolge danach, in den Einzelheiten das Allgemeine zu erkennen. Es seien aber die niederen Formen des Lebens, die das Dasein der höheren ermöglichen, und nur dem denkenden Naturforscher erschließe sich dieser Zusammenhang. Dazu verweist er auf das grüne Blatt und die grünen blattlosen Wasserfäden der Pflanzenwelt, die Sauerstoff produzieren, den alle Tiere brauchen, um existieren zu können. Darüber hinaus dienen Pflanzen auch als Nahrung für die Tierwelt. Ein anderes Beispiel sind Insekten, die auch ein wichtiges Glied in der Nahrungskette der höheren Tiere bilden. Von Baer war der Ansicht, dass es nicht ausreicht, nur die Veränderungen der Lebewesen zu beschreiben, um verstehen zu können, was Leben ist. Es sei vielmehr notwendig, den Geist, der in der Natur weht, zu verstehen.
Das bringt sein folgendes Zitat wunderbar zum Ausdruck: Wir halten den Lebensprozess nicht für ein Resultat des organischen Baues, sondern für den Rhythmus, gleichsam die Melodie, nach welcher der organische Körper sich aufbaut und Lebensprozess:Rhythmusumbaut. Allerdings müssen im Organismus die Mittel sich finden, durch welche die einzelnen Verrichtungen des Lebensprozesses sich äußern können. Vom materialistischen Standpunkt aus hat man ein Recht, zu sagen, eine Melodie besteht aus einer Reihe von Tönen, d. h. Vibrationen der Luft, und ebenso, eine Rede sei eine Reihe von Sprachlauten. Aber man hat Unrecht, wenn man sagt, eine Melodie bestehe nur aus Tönen, eine Rede nur aus Sprachlauten, und aus diesen physikalischen Vorgängen erwachse die Melodie und die Rede, denn eine andere Verknüpfung derselben Töne und Laute wird diese Musik oder diese Rede nicht geben, sondern nur ein Gewirre von Tönen oder Lauten. Ebenso wenig ist mir denkbar, dass der Lebensprozess aus den einzelnen physikalischen und chemischen Vorgängen erwächst, oder dass unser Selbstbewusstsein von unzähligen kleinen Vorgängen zusammengesetzt wird. Das es wächst und zunimmt, muss ganz anders aufgefasst werden. [] Deswegen glaube ich, die verschiedenen Lebensprozesse, mit musikalischen Gedanken oder Themata vergleichend, Schöpfungsgedanken nennen zu können, die sich ihre Leiber selbst aufbauen. Was wir Lebensprozess:Schöpfungsgedankenin der Musik Harmonie und Melodie nennen, ist hier Typus (Zusammensein der Teile) und Rhythmus (Aufeinanderfolge der Bildungen). Dass diese Gedanken ihre Verkörperung als ihren Leib selbst aufbauen, ist schon ein Grad Selbständigkeit. Ein höherer ist der, wenn sie ein Gefühl von sich selbst und von der Außenwelt, als verschieden von ihrem Selbst, bekommen, und die Möglichkeit, auf diese zu wirken, oder den Willen. (Baer 1908)
Da wo Darwin, der inmitten der hungernden Industriegesellschaft aufwuchs, den Konkurrenzstreit und das Überleben als zentrales Thema sah, waren für von Baer, als Kind der unberührten Natur in Estland, das Zusammenleben und die Ganzheit wichtig. Für von Baer besteht der menschliche Körper, ähnlich wie die Natur, aus einem harmonischen Ganzen mit verschiedenen Zellen und Geweben.
Von Baer beschäftigte sich auch mit Körper:als harmonisches Ganzesphilosophischen Fragestellungen der Naturwissenschaften. Kennzeichnend ist folgendes Zitat: So ist der Erdkörper nur das Samenbeet, auf welchem der geistige Erbteil des Menschen wuchert, und die Geschichte der Natur ist nur die Geschichte fortschreitender Siege des Geistes über den Stoff. (Von Baer 1864) Von Baer bedauerte es, dass man anfängt, sich selbst nur noch als Produkt des Stoffes, den man physikalisch und chemisch untersucht hat, zu betrachten. Er bedauerte es, dass man materialistisch den Stoff anbetet, statt des Geistes, durch den er eigentlich erst seine Wirksamkeit erlangt.
Am 4. Oktober 1931 hielt A. Einstein einen Vortrag im Berliner Planetarium, der am nächsten Tag folgendermaßen zusammengefasst in der Zeitung stand: Zur Aufstellung einer Theorie genügt niemals das bloße Zusammenbringen registrierter Erscheinungen – es muss stets eine freie Erfindung des menschlichen Geistes hinzukommen, die dem Wesen der Dinge näher auf den Leib rückt. Der Physiker darf sich nicht begnügen mit der bloßen phänomenologischen Betrachtung, die nach der Erscheinung fragt, sondern muss vordringen zur spekulativen Methode, welche die Existenzform sucht. (Einstein 1981)
Schlussbetrachtung und positiver Ausblick
In unserer modernen Welt prasseln pausenlos Sinneseindrücke auf uns ein, wodurch die Gefahr besteht, eigenständiges Denken einfach bleiben zu lassen und Wahrnehmungen nur noch zu konsumieren. Eindrücke nimmt man einfach unverdaut oder manchmal sogar vorverdaut auf, wie Fertiggerichte. Goethe äußerte im Sinne von mehr Eigenständigkeit lakonisch: Man muss eine Sache gefunden haben, wenn man wissen will, wo sie liegt. In Goethes Auftrag sollten wir alle, Therapeuten und Ärzte, einfühlsamer beobachten, zuhören, das osteopathische Listening (dem Gewebe mit den Händen zuhören oder lauschen) phantasiereicher gestalten.
Die hochtechnologische Wissenschaft hat zu unserem Glück bereits viele Listening:osteopathischestechnische Möglichkeiten entdeckt und ausgearbeitet. Den Segen der Notfallmedizin wird wohl kein kluger Mensch bestreiten wollen. Trotzdem bleiben auch hier noch viele Fragen offen!
Steht nicht die Komplexität lebender Systeme einer fehlenden Synthese der mannigfaltigen komplexen Spezialisten-Meinungen gegenüber? Ist es überhaupt noch möglich, ein Muster bei einem Komplexität lebender SystemePatienten zu beschreiben, das trotz der komplexen Spezialisierungen als Quersumme aller Details ins Auge springt? Muss Fortschritt gleichzeitig auch einen Schritt vom Menschen fort bedeuten?
Wenn man spielerisch-gestalterisch im Wort ärztlich einen Buchstaben umstellt, nämlich das z nach vorne verschiebt, ergibt sich durch das neugestaltete Wort zärtlich plötzlich eine ganz andere Bedeutung.
Können wir vielleicht auch heute noch einiges von Goethes Morphologie und Phänomenologie lernen? Ich möchte das eindeutig mit einem passionierten Oh ja, und wie beantworten! Sowohl Wissenschaftler als auch Künstler versuchen die Welt zu verstehen, aber sie verfolgen dabei unterschiedliche Wege. Da, wo die Wissenschaft die Welt entzaubert, verzaubert die Kunst die Welt. Wir sollten beide Wege gehen!

Die Zunahme des Detailwissens

Die Grenzen zwischen Vernunfterkenntnis und Erfahrungswissen haben sich seit Kants Zeit verschoben. Es entwickelte sich langsam ein Dualismus aus Körper (für Organmediziner) und Geist (Geistesmediziner).
Kants philosophische Frage Was ist Leben? deutete von Uexküll (1980) als konkretes Körper-Geist.-Dualismus:MedizinProblem der Biologie.
Maschinelle Humanmedizin?
Von Uexküll kritisierte die Humanmedizin, weil sie vom Menschen nur das weiß, was er mit den Tieren gemeinsam hat, und von diesen wiederum nur so viel, wie sie von Maschinen weiß (v. Uexküll 1980). Studenten der Medizin erfahren seiner Ansicht nach nur von maschinellen Eigenschaften der Organe und Organfunktionen bei Menschen und Tieren und wie man Krankheiten als Maschinenschaden lokalisieren und behandeln kann. Von den Unterschieden zwischen Tier, Mensch und Maschine erfahren sie während des StudiumsKrankheit:als Maschinenschaden nicht einmal, dass es sie überhaupt gibt. Von Uexküll bedauerte weiter, dass unsere Humanmedizin nicht das ganze Spektrum menschlicher Leiden zum Gegenstand hat, sondern nur Techniken zur Bekämpfung einer relativ kleinen Gruppe von Humanmedizin:Uexkülls KritikGesundheitsstörungen beinhaltet (v. Uexküll 1980). Dazu kommt noch, dass die Humanmedizin in eine immer größere Zahl von Spezialdisziplinen zerfällt, die immer weniger voneinander und von den Zusammenhängen zwischen Krankheit und Kranken wissen.
Es entwickelt sich aber allmählich die Einsicht, dass lebende Systeme sozusagen Überlebenseinheiten aus Organismus und Umwelt bilden, deren externe Wirkseite der Beobachtung zugänglich und deren interne Merkseite lebende Systeme:Kommunikationaber gleichzeitig für Beobachtungen geschlossen sei. Ein Zentralthema stellt dabei sicherlich die Kommunikation dar (v. Uexküll 2003).
Je weiter sich Technologie und Instrumentenbauer entwickelt haben, desto tiefer wird sowohl auf der Mikro-Ebene (der Kommunikation:lebender SystemeMoleküle, Wellen und Teilchen) als auch auf Makro-Ebene (von der Gesellschaft bis zum Kosmos mit Supernovae und schwarzen Löchern) geforscht. Demzufolge werden die Zusammenhänge immer komplexer, je kleiner die Teilchen und je ausgedehnter der Makrokosmos wird. Dass die beiden (Mikro- und Makro-)Ebenen sich dabei immer weiter von der Mitte, d. h. vom Menschen selber, entfernen, stimmt mich nachdenklich und bereitet mir einfach Sorgen.
Heisenbergsche Unschärferelation
In der Physik hat sich durch das Wissen der Quantenmechanik, dass es nicht nur Teilchen, sondern neuerdings auch Wellen gibt und dass sowohl der Beobachter als auch das Beobachtete nicht länger unabhängige Größen sind, ein grundlegender Wandel vollzogen. Zudem besagt die Heisenbergsche Unschärferelation, dass man Ort und Geschwindigkeit eines Teilchen nicht gleichzeitig präzise bestimmen kann: Bei einem Messversuch erscheint das Teilchen immer an Heisenbergsche Unschärferelationeinem anderen, nicht vorhersehbaren Ort. So ist ein neues quantenmechanisches Mysterium und ein weiterer Dualismus entstanden: Ist das Erscheinen des Teilchens an einem Ort nun mehr Zufall oder eher Schicksal? Das zeigt augenfällig, dass die Wissenschaft neuerdings auch mit dem eigenen Anspruch der Widerspruchsfreiheit zu kämpfen hat.
Der französische Arzt C. Bernard (1813–1878) äußerte sich damals schon sarkastisch über seinen Wissenschaftskollegen: Sobald sie das Laboratorium betreten, legen sie ihre Einbildungskraft zusammen mit ihrem Mantel ab. Und Einstein meinte lakonisch, dass Phantasie eben wichtiger sei als Wissen, denn Wissen ist begrenzt. Als Professor für Neurologie findet A. R. Damasio beispielsweise eine Wissenschaft (Neurobiologie) der Gefühle nicht unrealistischer als die Neurobiologie des Sehens oder des Gedächtnisses (Damasio 2003).
Seit der Dominanz der Naturwissenschaften versuchte man, die Seele vom Körper loszulösen und sie als eine nicht-wissenschaftlich fassbare Sache zu betrachten. Obwohl im heutigen technologischen Zeitalter erneut die Überzeugung wächst, Körper:und Seelemit modernen bildgebenden Verfahren wie der funktionellen MRT oder mit zukünftig noch genaueren Verfahren das materielle Substrat der Seele, sprich die Neuronen, Transmitterstoffe und Synapsen der biopsychologischen Phänomene und Bewusstseinserfahrungen, aufspüren zu können, hat man den Sitz der Seele Seele:und Körpernoch immer nicht gefunden. Ja, der Körper kann zerschnitten, chemisch analysiert, färberisch dargestellt und quantifiziert werden. Die Seele lässt sich aber anscheinend nicht so einfach handhaben, sie kann nicht gemessen, sondern höchstens empfunden werden. Wird die Wissenschaft es wirklich schaffen, irgendwann ein Seelenmessgerät zu entwickeln?
Es bezweifelt zwar kaum noch jemand, dass emotional belastende Situationen Risikofaktoren für die Entstehung einer Krankheit sein können, aber emotionale und seelische Probleme werden unter dem Nenner einer Psychoneurose leider oft noch immer zur Untersuchung Krankheitsentstehung:Risikofaktorenbzw. Behandlung in den abgeschotteten (geschlossenen) Bereich der Psychologie und Psychiatrie abgeschoben.
Genetik, Epigenetik und Detailwissen
PsychoneuroseNeuerdings wird der faustische Anspruch erhoben, auf der chemischen und genetischen Ebene die Natur bald beherrschen zu können. Max Planck (1858–1947) deutete bereits an, dass Gott für den gläubigen Menschen am Anfang und für den Wissenschaftler am Ende aller Überlegungen steht.
Eigentlich sind manche Wissenschaftler immer schon auf der Suche nach einer neuen Weltformel, einer Theorie von Allem (Theory Of Everything), die als einzige Wahrheit sowohl die Relativitätstheorie als auch die Quantenphysik Weltformel:Theory of Everythingzusammenfügt. Diese Theorie soll alle bekannten Theory Of Everythingphysikalischen Phänomene und grundlegenden Wechselwirkungen der Natur vollständig erklären und verknüpfen können.
Seitdem das Human Genome Project, das 1990 gestartet wurde, um das Genom des Menschen vollständig zu entschlüsseln, 2003 seine Fertigstellung verkündete, hat man angefangen, die Human Genome ProjectVorgänge zu studieren, die darüber entscheiden, welche Gene abgelesen werden und welche nicht. Es heißt, dass die für das Gros der Lebensprozesse wichtigen Regionen zu 99,9 Prozent erfasst sind (anscheinend gab es 2001 einige Fehler) und dass etwa 1500 Krankheitsgene gefunden wurden. Man kann den aktuellen Stand des Online Mendelian Inheritance in Man auf der Website (www.ncbi.nlm.nih.gov/omim) einsehen. Eine endgültige KrankheitsgeneVersion der menschlichen Erbgutsequenz ist jedoch nicht zu erwarten, weil selbst die Genome von zwei Menschen um bis zu 0,1 Prozent variieren.
Nun verschiebt sich die Aufmerksamkeit vom bereits entschlüsselten Gen zur Entschlüsselung des Proteoms. Die Proteomik untersucht alle Proteine (Proteome), die sich in einem Lebewesen befinden. Entschlüsselung:ProteomeIm Gegensatz zu den statischen Genen sind dieEntschlüsselung:Gene Proteome dynamisch, was bedeutet, dass sich unter veränderten Bedingungen (Umgebungsfaktoren) ihre qualitative und quantitative Aminosäurenzusammensetzung verändern kann. Das Proteomebekannteste Beispiel für epigenetische Signale ist die DNA-Methylierung (Methylgruppen heften sich an die DNA und funktionieren wie eine Art Schalter), die mit der Stilllegung (Abschalten) von Genen assoziiert wird, bzw. die DNA-DNA-MethylierungDemethylierung, die zu einer Aktivierung von Genen führt (Löffler et al. 2007). Weiterhin scheinen auch Acetylierung bzw. Deacetylierung und Proteinkomplexe (Polycomb-trithorax DNA-DemethylierungPc-G/trx) eine Rolle bei der Genexpression zu spielen (Ehlert & von Känel 2011). Wie die Methylierungs-/Acetylierungsmuster und die genetische Varianz genau generiert werden, muss weiter untersucht werden. Die Epigenetik stellt die Wissenschaft von der Regulation der Gene dar. Damit wäre eigentlich wissenschaftlich bewiesen, dass sowohl die Umgebung (äußere Faktoren) als auch die Gene Epigenetik(innere Faktoren) eine Rolle für die Entschlüsselung des Menschen spielen. Es gilt nur noch zu entschlüsseln, wie sich Umweltfaktoren auf das Methylierungsmuster auswirken können.
Aminosäuren sind die Bausteine der Proteine und damit Hauptbestandteil von Muskeln, Haut, Botenstoffen im Gehirn, Hormonen, Botenstoffen des Immunsystems, Immunglobulinen, Enzymen usw. Selbst die Kommunikation der Zellen untereinander findet über Signalstoffe statt, die aus Aminosäuren aufgebaut sind. Das Leben wäre ohne Aminosäuren also eindeutig nicht möglich. Um uns Zellkommunikation:Aminosäurenein Bild von dem Ganzen zu machen, sind ein paar Zahlen vielleicht hilfreich.
Aminosäuren

Aminosäuren in Zahlen

Das menschliche Genom enthält etwa 30.000 für Proteine kodierende Gene (Löffler et al. 2007). Ein einzelnes Ribosom bildet durch die Aneinanderreihung von Aminosäuren etwa alle 2 Minuten ein Eiweiß. Ein einzelnes Coli-Bakterium verfügt über etwa 15.000 Ribosomen, menschliche Zellen mit einem Zellkern über etwa 105 bis 107 Ribosomen. Eine Zelle wird mindestens 100.000 Proteine pro Minute bilden. Wenn man bedenkt, dass

unser Körper aus etwa 1013 bis 1014 Zellen besteht, wird es schon relativ schwer, sich die Anzahl der ständig neu gebildeten und abgebauten Proteine vorzustellen. Nun gibt es aber noch schätzungsweise für ein relativ kleines Protein aus 100 Aminosäuren etwa 1,3 10130 Verknüpfungsmöglichkeiten (Löffler et al. 2007). Darüber hinaus spielt auch die Art und Weise der dreidimensionalen Faltung der Proteine eine äußerst wichtige Rolle für deren Funktion. Der Faltungscode von Proteinen ist noch nicht aufgeklärt (Löffler et al. 2007).

Durch jede Form von Stress (physisch, seelisch, geistig und sozial) erhöht und verändert sich aber der Bedarf an Aminosäuren und damit auch das Methylierungsmuster. Die Anzahl der Umgebungsfaktoren, die auf uns einwirken, wird darüber hinaus auf etwa 1015 geschätzt. Und ein durchschnittliches Neuron trägt mehrere Millionen Rezeptoren (Proteine) auf seiner Oberfläche (Pert 2007), und in einer einzelnen Leberzelle finden pro Sekunde etwa 1012 enzymatische Reaktionen statt usw. Die Molekulargenetik, Psychoneuroendokrinologie und Psychoneuroimmunologie stecken dabei übrigens noch in den Kinderschuhen (Ehlert & von Känel 2011).

Mir dämmert allmählich, dass Detailwissen neue Hoffnungen wecken und Forschungsmöglichkeiten Proteine:FaltungProteine:AminosäurenAminosäuren:in Zahlenergeben kann, Methylierungsmuster:Stressaber auch gewisse Gefahren (Überschätzung) beinhaltet. Die besorgte Frage, ob wir je diese stochastischen Aufgaben der Proteomik und Epigenetik sinnvoll lösen und praktisch für den Menschen anwenden können, erscheint mir übrigens durchaus erlaubt! Man kann den Menschen weder auf einzelne Zellen oder Gene reduzieren noch ihn von seiner Umwelt und Erfahrungen trennen. Uhlenbruck (1994) formulierte es folgendermaßen: Der freie Wille ist die Entfesselungskunst aus den Nucleinsträngen unserer Gene bzw. der Versuch, sich aus der Spirale der Nucleinsäuren herauszuwinden. Man kann sich getrost dem Gedanken des Physikers und Nobelpreisträgers W. Heisenberg anschließen: Je mehr wir wissen, desto verwirrter werden wir. Aber auf einem höheren Niveau.
C. Pert schenkt Mut und Zuversicht, indem sie angibt: Es setzt sich ein kooperatives, partizipatorisches Erkenntnismodell durch. Die rationale, maskuline materialistische Welt, in der wir leben, legt zuviel Wert auf Konkurrenz und Aggression. Wissenschaft in ihrer höchsten Form ist Wahrheitsstreben, das die Werte von Kooperation und Kommunikation umfasst und auf Vertrauen beruht – Vertrauen in uns und in andere. (Pert 2007, S. 485)
Strings und Loops
Die Quantentheorie stellt eine gewisse holistische Sonderbarkeit der materiellen Welt dar: Materie ist eben nicht aus Materie aufgebaut. Trotzdem sehen Wissenschaftler gerne darüber hinweg undQuantentheorie entwickeln immer wieder neue Ideen, wie die String- oder die Loop-Quantengravitations-Theorie, auf ihrer neoromantischen Suche nach einem berechenbaren und messbaren Urteilchen. Die Strings der Stringtheorie sind winzige, vibrierende Saiten, die man sich als Urbausteine des Universums vorstellen soll und von denen sich alle Teilchen und Wellen ableiten lassen. Jeder Ton dieser StringtheorieSaite (String) entspricht also einem Teilchen und die Urbausteine des Universums:stringsSchwingungen der Saite verkörpern die Wellen. Allerdings leben die Strings angeblich in einem Raum mit sechs oder sieben zusätzlichen Dimensionen, die so eng um die Strings gewickelt sind, dass wir sie nicht erfahren (messen) können!
Bei der anderen Theorie, der Loop-Quantengravitation, stellt man sich den Raum nicht glatt vor wie bei Einstein, sondern als eine gigantische, sich bewegende Dünenlandschaft mit blubbernden Schleifen (Loops), die sich miteinander verketten. An dynamischen Knotenpunkten (die kommen und gehen), treffen sich die Schleifen, dort befindet sich dann die Materie in Form von Quarks und Leptonen. (Und ich dachte immer, dass Wissenschaftler keine Phantasie hätten!☺) Es ist darüber hinaus höchst sonderbar, dass die Strings und Loops so klein sind, in der Größenordnung von 10-33 m, dass sie weder mit dem Mikroskop noch mit dem Teilchenbeschleuniger sichtbar werden – und das, obwohl in den Naturwissenschaften grundsätzlich nur sicht- und messbare physikalische Größen gelten?
Ständiger Wandel des Augenblicks
Es gibt also keine festen Teilchen, die unzerstörbar sind, sondern ein ständiges Entstehen und Vergehen. In jedem Augenblick wird die Welt sozusagen neu erschaffen und das auch nur im Erwartungsfeld des Vergehenden. Die Zukunft ist also augenfällig die Verwandlung von Potenzialität in Realität! Mit der Reproduzierbarkeit schaut es hierbei schlecht aus, aber es beruhigt mich trotzdem, zu sehen, dass auch die größten Genies der naturwissenschaftlichen Welt noch immer dabei sind, ihre Grundlagen zu definieren!
Deswegen möchte ich abermals betonen, dass auch wir Osteopathen und Therapeuten Grundlagenforschung betreiben müssen und weiterhin Arbeitshypothesen aufstellen sollten!
Es gibt eigentlich zu denken, dass sich an der Atomistik der Antike im Grundlagenforschung:OsteopathieGrunde nur die Namensgebung geändert hat, nämlich als Stringistik mit Wellenteilchen, als Quarkistik mit Teilchenwellen oder als Proteomik mit Programmierungskodes der Aminosäuren. Wenn man sich zudem noch überlegt, dass es laut der Stringtheorie etwa 10500 Universa, also ein richtiges Multiversum, geben muss und darüber hinaus vielleicht auch noch jedes Universum seine eigene Weltformel hat, na ja – dann haben wir noch einiges zu lernen, zu entdecken, zu hypothetisieren und zu phantasieren, bevor wir die Wahrheit gefunden haben!
In der Zwischenzeit möchte ich aber vor allem den Glanz des Seins nicht vergessen, sondern es einfach leben. Grau, teurer Freund, ist alle Theorie, und grün des Lebens goldner Baum, wie Goethe es in Faust I formulierte. Man steht als Wissenschaftler also auf dem doppelten Boden der Tatsachen, sich irgendwo zwischen Pawlows Hund und Schrödingers Katze entscheiden zu müssen. Da lässt sich mit Nietzsche nur fragen: Wenn die Wissenschaft nicht an die Lust der Erkenntnis, an den Nutzen des Erkannten geknüpft wäre, was läge uns an der Wissenschaft ? Wenn nicht ein wenig Glaube, Liebe und Hoffnung unsere Seele zur Erkenntnis hinführte, was zöge uns sonst zur Wissenschaft?

Brauchen wir Glauben, um zu wissen?

Der Neuropsychologe Mulder (2007) betonte, dass der Geist nicht an Materie gekoppelt werden darf. Er drehte die Aussage von Descartes sogar um zu: Ich bin, also denke ich! Ich lege hier einfach mal Widerspruch ein, denn ob nun der Körper vom Geist oder der Geist vom Körper getrennt wird, ändert nichts an der Tatsache dieses Dualismus.
Das Bewusstsein eines Menschen entsteht irgendwo in einem Wechselspiel von Selbstgesprächen zwischen 100 Milliarden Neuronen und ihren Billionen Verknüpfungsstellen. Obwohl theoretisch Bewusstseinkeine einzige dieser Nervenzellen ein Bewusstsein haben soll, entsteht aus der ständig wechselnden Kooperation der Hirnzellen ein sogenanntes beständiges Bewusstsein. Wie Bewusstsein entsteht, ist also auch Bewusstsein:Entstehungquantenmechanisch-physikalisch-chemisch noch immer nicht entschlüsselt.
Religion ist laut Mulder kein Erklärungssystem, sondern selbst ein Produkt unserer psychischen Architektur. Etwas selbstherrlich meint er, dass nur der Mensch ein Gehirn hat, das groß genug ist, um einen Gott zu erschaffen und einen zu brauchen, nach dem Motto: Der Himmel hilft denen, die sich selber helfen (Mulder 2007).
Alles nur Hormone?
Oh je! – denke ich mir, in dieser neuropsychologischen Welt des Zufalls nach Mulder und Co muss es ja ziemlich öde und langweilig zugehen. Wenn meine Frau mit mir flirtet und ich dabei Schmetterlinge im Bauch spüre, erfüllt mich das mit einem intensiven, überwältigenden Gefühl. Es ist mir durchaus bewusst, dass sich da Hormone einmischen, aber das ist mir, ehrlich gesagt, völlig egal. Sich in diesem Moment zu überlegen, dass man eigentlich nur verliebt ist, weil man Dopamine gesucht und Endorphine gefunden hat, wäre ein ziemlicher Stimmungskiller, und dass 95 % des Serotonins im Darm gebildet werden, na ja.
Ich meine damit einfach, dass ein chemisch-neurologisches Faktenwissen alleine nicht ausreicht, um lieben zu können. Die Liebe, die ich bei meiner Frau kennengelernt habe, fühlt sich eindeutig besser an als neurophysiologischer Kuschelsex auf molekularer Ebene!
Das Wahrnehmen wird manchmal zu schnell buchstäblich zu einem Für-wahr-Nehmen umgemodelt und vor allem das eigene Wahrnehmen als das objektiv wirklich Wahre postuliert.
Wenn ich dem Bolero von Ravel lausche und sich mir langsam die Haare aufstellen, bin ich mir bewusst, dass hier gewisse Schwingungen mein Trommelfell streicheln und elektrische Potenziale über den N. vestibulocochlearis in bestimmte Regionen meines Gehirns übertragen werden. Aber trotzdem hilft mir das nicht zu verstehen, wie diese abstrakten elektrischen Entladungen von diesem strukturellen Nerv in meine subjektive Gedankenwelt überspielt werden. Aus der oben genannten Sicht wären die Schwingungen des Boleros genau das Gleiche wie die Wellen auf der Wasseroberfläche, wenn ich Steinchen hüpfen lasse. Physikalisch gesehen sind es tatsächlich nur Vibrationen oder Auf-und-ab-Bewegungen. Nun mag Steinchenwerfen zwar ganz amüsant sein, aber trotzdem glaube ich, gewisse Unterschiede beim Hören des Boleros wahrnehmen und empfinden zu können.
Wenn ich ein Gedicht von Rilke lese, kann es sein, dass mein Herz zu flattern anfängt, obwohl es genau genommen doch nur Striche auf dem Papier sind. Wenn ich meine Kinder im Arm halten darf, füllt sich mein Herz mit wohltuender Wärme, Bewunderung, Respekt und Dankbarkeit. Sich in dem Moment zu überlegen, welche Polymerase nun gerade aktiviert wird und welches Gen sie abliest, hört sich zwar beeindruckend an, vermittelt mir aber trotzdem eindeutig zu wenig Sinn, zu wenig Qualität, zu wenig Gefühl. Dann bekenne ich mich eindeutig lieber als Glaubender – an die Macht der Liebe, an das Wunderbare der Kunst, an das Geheimnisvolle des Lebens, an den Breath of life – auch wenn das wissenschaftlich (noch) nicht verifizierbar ist!

Ein Organismus ist mehr als die Summe der Einzelteile

So komplex er auch sein mag, ein Organismus stellt nie mehr als die Summe seiner Elementarteile dar, verkündete Jacob, der Nobelpreisträger für Medizin, in reduktionistischer Manier (Jacob 2002). Demgegenüber vertrat L. von Bertalanffy die Auffassung: Der Mensch ist mehr als lediglich die Summe seiner Bestandteile, ein paar Liter Wasser und die dazugehörige Menge an Fett, Kohlenstoff, Blei, Phosphor, Eisen, Kalzium, Magnesium und Schwefel. Er ist die Organisation seiner Teile [] Ein System ist größer als die Summe seiner Teile, weil ein System nicht nur aus seinen Teilen besteht, sondern auch aus der Art und Weise, wie diese Teile zueinander in Beziehung stehen, und den Merkmalen, die aus diesen Beziehungen hervorgehen. (zit. nach Davidson 2005, S. 22)
Ich möchte mich demütig J. Bauer anschließen, der in seinem Werk über das kooperative Gen Denkverbote, Dogmatismus und Mangel an Vorstellungskraft als das Ende jeder Wissenschaft bezeichnet (Bauer 2008). Darwin schrieb 1876 in seiner Autobiographie: Das Mysterium vom Anfang aller Dinge können wir nicht aufklären; und ich jedenfalls muss mich damit zufrieden geben, ein Agnostiker zu bleiben.
Der Evolutionsbiologe Dawkins (1996) spricht vom blinden Uhrmacher, der keinen Plan und keinen Zweck im Sinnhat. Dieser Uhrmacher wirft sozusagen unzählige Modelle in die Welt und hofft, dass sich die am meisten geeigneten durch natürliche Auslese schon durchsetzen werden. Einen intelligenten Uhrmacher hinter dem Ganzen gibt es demzufolge für manchen Wissenschaftler einfach nicht. Es ist laut Dawkins sinnlos, die Wirklichkeit außerhalb der materiellen Prozesse zu suchen. Man sollte also die Wirklichkeit nicht außerhalb, sondern innerhalb der materiellen Prozesse und der Objekte der Mikrowelt suchen. Aber besagt denn die Heisenbergsche Unschärferelation (Unbestimmtheitsrelation) der Quantenphysik nicht, dass jeweils zwei Messgrößen eines Teilchens (Ort und Impuls) nicht gleichzeitig genau bestimmt werden Heisenbergsche Unschärferelationkönnen? Man kann also eigentlich nur Wahrscheinlichkeiten auf der materiellen Ebene der Wellenteilchen benennen.
Laut dem Biologen Weber ist es der Körper, der Erbanlagen interpretieren und in Bedeutung verwandeln muss (Weber 2007)! Von dem Mediziner und Biologen Kauffmann stammt die These, dass bei der Entstehung von komplexen biologischen Organismen die Selbstorganisation ein mindestens ebenso wichtiger Faktor sei wie die Darwinsche Selektion (Kauffmann 1993). Er bezeichnet Lebewesen als autonom und nicht als genetische Automaten.
Maturana und Varela geben an, dass jede Emotion einen biologischen Antrieb mit tiefen Wurzeln darstellt und im Organismus gewisse strukturelle Muster definiert (Maturana & Varela 1987). Jede Emotion ist damit ein Schritt zu Interaktionen, die in verschiedene Bereiche der übergeordneten Zusammenhänge des sozialen Lebens (Flucht, Kampf, Rückzug) hineinreichen können. Darin ist unser gesamter Körper mit einbezogen. Varela interpretiert einen Reiz sogar interessanterweise als Störung der Selbstgespräche, die der Körper führt. Maturana und Varela haben folgende biologische Grundlage von Ethik beschrieben: Wenn wir annehmen, dass unsere Welt notwendig eine Welt ist, die wir zusammen mit anderen hervorbringen, dann können wir im Falle eines Konflikts Ethik:biologische Grundlagemit einem anderen menschlichen Wesen, mit dem wir weiterhin koexistieren wollen, nicht auf dem beharren, was nur für uns gewiss ist, weil das die andere Person negieren würde. Wollen wir mit der anderen Person koexistieren, müssen wir sehen, dass ihre Gewissheit – so wenig wünschenswert sie uns auch erscheinen mag – genauso legitim und gültig ist wie unsere. [] Ein Konflikt ist nur zu überwinden, wenn wir uns in einem anderen Bereich bewegen, in dem Koexistenz stattfindet. Das Wissen um dieses Wissen ist der soziale Imperativ jeder auf der Menschlichkeit basierenden Ethik. [] Ohne Liebe, ohne dass wir andere annehmen und neben uns leben lassen, gibt es keinen sozialen Prozess, keine Sozialisation und damit auch keine Menschlichkeit. Alles, was die Annahme anderer untergräbt – vom Konkurrenzdenken über den Besitz der Wahrheit bis hin zur ideologischen Gewissheit – unterminiert den sozialen Prozess, weil es den biologischen Prozess unterminiert, der diesen erzeugt. [] Ein lebendes Systemreagiert nicht nur auf seine Umwelt, um seine Homöostase aufrechtzuerhalten. Es schafft sich auch seine Umwelt selbst. (Maturana & Varela 1987)
Wir lebendes System:und Umweltbrauchen, ähnlich wie ein Kind, einfach gewisse Grenzen, damit wir nicht Gott spielen. Wir brauchen unbedingt Grenzen und Ethik. Manche Grenzen und Überzeugungen müssen allerdings sogar während des Lebens öfters neu gezogen werden Grenzen:Ethikund Grenzen:Gesellschaftsind weder als absolut noch als starr zu bewerten. Darüber Ethik:und Grenzenhinaus müssen in einer Gesellschaft manche Grenzen und Dogmen für die erste (ich), dritte (er/sie/es) und vierte (wir) Person kompromissbereit aufeinander abgestimmt werden.

Physik und Chemie reichen nicht aus, Lebensvorgänge zu verstehen

Forschungsansätze in der Medizin und der Osteopathie richten sich bis heute meistens nur auf reproduzierbare Änderungen eines Faktors und leider nicht auf Regelkreise oder Prozesse, was logischerweise nur zu fragmentarischen Schlussfolgerungen für den Patienten führen kann. Der menschliche Körper wird dabei nicht als offenes System betrachtet.
Die allgemeine Systemtheorie nach von Bertalanffy betrachtet den Menschen stattdessen als organisierte Komplexität, die in einem dynamischen Austausch mit der Umwelt steht (vSystemtheorie:(v. Bertalanffy). Bertalanffy 1977). Es erscheint tatsächlich logisch, Mensch:und Umweltphysiologische oder chemische Einzelphänomene nicht nur einzeln im Labor zu untersuchen, sondern diese auch in Umwelt:Menschenihrer Vernetzung zu beschreiben. Diese Vernetzung lässt sich keineswegs linear darstellen und weist variable Relationen auf, die auch durch nicht-voraussagbare Umwelteinflüsse veränderlich sind.
Auch die Kybernetik versucht als Regelungs- und Kommunikationstheorie, komplexe Zusammenhänge der verschiedenen Körperebenen und Funktionen miteinander zu Kybernetik:Körperebenen und -funktionenkoppeln. In den letzten Jahrzehnten kamen beispielsweise aus der Chaostheorie Ideen wie der Konnektionismus und komplexe adaptive Systeme hinzu, mit denen eine Brücke zwischen biologischen Forschungswissenschaften und technischen Anwendungen geschlagen werden sollte. Bis jetzt ist es leider noch nicht gelungen, eine einheitliche medizinische Systemtheorie zu erstellen.
Ob das Denken nun allein die eingeschränkte Folge physiologischer Prozesse oder eher auf einen nicht-kausalen Dualismus zwischen Materie und Geist zurückzuführen ist, polarisiert nach wie vor. T. und B. Görnitz beantworten diese Frage hypothetisch anders, indem sie revolutionärDualismus:Materie und Geist die Quantenmechanik zur Grundlage der Information erheben und elektromagnetische Felder als Träger der Quanteninformation betrachten (Görnitz & Görnitz 2006). Quantenmechanik:und InformationNaturwissenschaftlern mag diese Theorie nicht wirklich überzeugend und elektromagnetische Felder:Quanteninformationeher spekulativ erscheinen, aber sie erlaubt auf jeden Fall die Freiheit des Denkens und Deutens in einer quantentheoretischen Welt und gibt der Subjektivität immerhin eine Existenzberechtigung. Leben gilt ihnen interessanterweise als Schaffen von Bedeutung aus anfänglich bedeutungsloser Information (Görnitz & Görnitz 2006). Bedeutung gibt es also nur für Lebewesen; Lebewesen nehmen ununterbrochen Informationen aus ihrer Umgebung auf und ordnen diese in bedeutungsvolle und wertlose Information. Dürr zufolge liegt die wesentliche Freiheit des Menschen darin, seine Wahrnehmungsfähigkeit für Information:bedeutungsvolleInformationen gezielt verändern zu können (Dürr 2008). Man kann das Information:wertlosevereinfacht so darstellen, dass es für den Menschen äußerst wichtig ist, sich selbst erklären zu können, was gerade mit ihm geschieht! Das Identifizieren ungelöster Probleme ist ein wichtiger Schritt sowohl in der Diagnostik als auch in der Therapie.
Der englische Chirurg R. Selzer machte in seiner Beichte eines Messers folgende wichtige Aussage: Fleisch ist verdichteter Geist (Selzer 2011). Dem deutschen Begründer der psychosomatischen Medizin T. von Uexküll ist zuzustimmen, dass Physik und Chemie nicht ausreichen, Lebensvorgänge zu verstehen! Er betont, dass wir darüber hinaus auf Konzepte der Zeichenlehre oder Semiotik angewiesen sind (v. Uexküll 2003). Leben bedeutet immer auch Kommunikation, Sprache, Bewegung, Liebe und befindet sich in einem Netz aus Kommunikationswellen in einer sozial geprägten Kommunikationsmatrix Leben:Kommunikation(Abb. 1.1).
Biosemiotik und Kommunikation zwischen Organismen
Die Biosemiotik ist, als einer der jüngsten Kommunikationsmatrix:LebenWissenschaftszweige, aus der Unzufriedenheit mit der wissenschaftlichen Beschränkung auf Daten, auf der Suche nach einem neuen Verständnis Biosemiotikdes Lebens entstanden. Dabei versucht sie, Lebewesen weder als genetisch gesteuerte Automaten zu betrachten noch in einen übernatürlichen Vitalismus zu flüchten. Die Biosemiotik sieht biologische Prozesse nicht nur unter physikalischen und chemischen Gesetzmäßigkeiten, sondern als Kommunikationsprozesse über Zeichensysteme in und zwischen lebenden Organismen bis hin zu einer Sprache der Zellen über molekulare Botenstoffe.
Der Embryologe M. Barbieri (2007) Kommunikationsprozesse:Biosemiotikgibt an, dass man nur mit dem genetischen Code allein die Entstehung des Lebens nicht erklären kann, sondern dass es noch andere (organische) Codes geben muss. Sogar Darwin hatte in seiner späteren Arbeit Der Ausdruck der Gemütsbewegung bei den Menschen und bei den Tieren auf die Universalität grundlegender Emotionen wie Angst, Wut, Ärger, Trauer und Freude hingewiesen (Darwin 2000). Damit bekundete er ausdrücklich, dass Lebewesen für ihn durchaus keine Maschinen sind.
Der baltische Emotionen:DarwinBiologe und Philosoph J. J. von Uexküll (1864–1944) ist ein wichtiger Pionier der biologischen Semiotik. Er kritisierte die Medizin dafür, dass sie streng getrennt aus einer Medizin für Körper ohne Seele und einer Medizin für Seelen ohne Körper bestehe. Die Grenzen eines Lebewesens sind laut Uexküll nicht durch seine Medizin:Trennung von Körper und SeeleHautoberfläche gegeben, sondern durch seine Wahrnehmung und Aktivität; er gestand jedem Tier ein eigenes Grenzen:Lebewesensubjektives Zeit- und Raumempfinden zu.
Bevor ein Mensch handelt, verarbeitet er das Wahrgenommene in seinem Denken zu Symbolen. Tiere hingegen verarbeiten ihre Wahrnehmungen als reine Zeichen und können sich demzufolge auch nur zeichenhaft, ohne logische Struktur, ausdrücken. Im Gegensatz zum Tier kann der Mensch etwas mit Sinngehalt und Logik äußern und damit auch abstrakt denken.
Der deutsche Philosoph und Soziologe M. Scheler (1874–1928) schrieb: Wir sind in der ungefähr zehntausendjährigen Geschichte das erste Zeitalter, in dem sich der Mensch völlig und restlos problematisch geworden ist: in dem er nicht mehr weiß, was er ist; zugleich aber auch weiß, dass er nicht weiß. (Scheler 2005)
Allgemein könnte man die Menschheit etwas ironisch in Gläubige (glauben ans Schicksal) und Andersgläubige oder Skeptiker (glauben an den Zufall) unterteilen. Einstein hatte seinen Glauben so geäußert: Gott würfelt nicht.Zu welcher Gruppe ein Mensch gehört, erscheint mir weniger bedeutend, aber Glauben:EinsteinGlauben:an den Zufalldafür ist es praktisch umso wichtiger, was er Glauben:an das Schicksalaus seinem Glauben macht. Der Zufallsgläubige muss sozusagen die Kraft und das Glück suchen, um die zufälligen Barrieren zu überwinden. Der Schicksalsgläubige hingegen muss die verborgene Chance und die Kraft suchen, sich dem lästigen Schicksal zu entziehen.
Was ist Leben?
Bei der Frage Was ist Leben? bzw. Was unterscheidetSchicksalsgläubige belebte von unbelebter Natur? prallen, wie man aus den vorherigen Unterkapiteln erkennen kann, nach wie vor philosophische mit naturwissenschaftlichen und theologischen Meinungen aufeinander. Sogar innerhalb des eigenen Spezialisierungszweiges streiten sich die Gelehrten. So betrachten manche eine semipermeable Lipidmembran, andere einen Stoffwechselzyklus und wieder andere ein RNA-gesteuertes genetisches System als Beginn des Lebens.
Lahav fasste die Definitionen von Leben von 48 Experten zusammen (Lahav 1999). Es waren die unterschiedlichsten Angaben, angefangen von einer sachlichen Aussage Population von Einheiten, die zur Leben:DefinitionenVermehrung, Vererbung und Variation fähig sind, über etwas skurrile Aussagen wie kollektives Vermögen katalytischer Polymere zur Selbstorganisation oder sehr minimalistisch: die Fähigkeit zu kommunizieren, bis hin zu einer digitalisierten Version von einem Fluss von Energie, Materie und Information.
Hazen verglich diese Debatte über das Leben unter den Gelehrten mit der Geschichte von Blinden, die einen Elefanten beschreiben sollen: Weil jeder einen anderen Körperteil zu fassen bekommt, betrachtet keiner den ganzen Elefanten, sodass sich ziemlich unterschiedliche Vorstellungen von einem Elefanten entwickeln (Hazen 2007). Dennoch enthält aber jede Einzelbeschreibung etwas Wahres. Nachdenklich stellte sich Hazen die wirklich interessante Frage, ob vielleicht in ähnlicher Weise jede Theorie über das Leben einen anderen Ausschnitt einer viel komplexeren Wahrheit beschreibt.
Dürr gibt interessanterweise an, dass lebendige (instabile) Materie nichts anderes als die tote (stabile) Materie ist (Dürr 2009). Damit setzt sich lebendige Materie im Grunde aus denselben Atomen zusammen, die an sich wiederum nicht aus Materie zusammengesetzt sind. Lebendigkeit tritt laut Dürr makroskopisch in Erscheinung, wenn sich das Gesamtsystem in einem labilen Schwebezustand befindet. Gerade in diesem instabilen Zustand Lebendigkeit:instabiler Zustandkönnen sich Offenheit, Lebendigkeit, Unvorhersehbarkeit, Kreativität und all die Dinge entfalten, die Schwebezustand:labilerWirklichkeit ausmachen. instabiler Zustand:LebendigkeitGrundvoraussetzung des makroskopisch Lebendigen ist das Chaos, das durch gewisse Muster charakterisiert wird.
Um nun aber trotzdem menschlich weiter fortschreiten zu können, ohne dabei Gefahr zu laufen, sich selbst zu Chaos-Muster:Lebendigesverlieren, komme ich immer mehr zur Einsicht in die Notwendigkeit, kompromissbereit zu sein und interdisziplinär zusammenarbeiten zu wollen!
Die Biosemiotik betrachtet übrigens den Abbau von Grenzen zwischen den verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und eine interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Biologie als Biosemiotikerste Teilziele.

Praktische Bedeutung

Es erscheint auf jeden Fall erstrebenswert, die Grundlagen dieser biosemiotischen Methode, die Empfindungen und Werte als Basis der Lebensprozesse ansieht, überall, also auch in der Medizin und in der Osteopathie, anzuwenden. Insekten, Pflanzen und Tiere sind demzufolge keine minderwertigen, geistlosen Mechanismen, sondern kleine Lebenswelten. Und als höhere Lebewesen sind wir auf eine kommunikative Symbiose sowohl mit den Kleinstlebewesen als auch mit unseren Mitmenschen angewiesen.

Das wichtigste Ziel eines Organismus und auch einer Zelle wird es sein, sich im Ganzen zu erhalten. Wäre es aus dieser Sicht nicht logisch, nach einem übergeordneten Ordnungsprinzip und nach einem Streben zur Erhaltung des Organismus (und der Zellen) Ausschau zu halten? Dabei spielen sowohl die Umgebung der Zelle, die Bindegewebsmatrix, als auch die Umgebung des Organismus, das soziale Umfeld, eine wichtige Rolle!

Gesundheit als Gleichgewicht
Weber gibt an, dass eine neue Wissenschaft vom Leben akzeptieren muss, dass Lebensprozesse:EmpfindungenSubjektivität und Schönheit, Werte und Wahrheit im Erreichen oder Verfehlen der Lebensziele untrennbar zum Charakter der Biosphäre gehören (Weber 2008). Dabei bilden nicht allein Effizienz und Auslese die Basis für den Erfolg des Lebens, sondern ebenso Selbstorganisation und gegenseitige Hilfe.
Ein Streben nach Harmonie und Wohlergehen prägt das Handeln aller Organismen. Maturana und Varela gehen sogar noch weiter und geben an, dass ein lebendes System nicht nur auf seine Umwelt reagiert, um seine Homöostase aufrechtzuerhalten, sondern sich sogar seine eigene lebendes System:und UmweltUmwelt schaffen kann (Maturana & Varela 1987).
Dielebendes System:und Homöostase Osteopathen J. J. McGovern (Professor der Physik) und R. J. McGovern (Homöostase:und UmweltProfessorin für Neuroverhaltenswissenschaft) berichten, dass im Laufe des 20. Jahrhunderts die Aufmerksamkeit für den natürlichen Heilungsprozess und für die Philosophie, Gesundheit als Gleichgewicht zu betrachten, zunehmend verschwunden ist (McGovern 2003). Sie betonen dagegen, dass ein Mensch gesund (oder normal) ist, wenn er sich Gesundheit:als Gleichgewichtim Gleichgewicht mit sich selbst und seiner Umgebung befindet.
Aber nicht jede Stresseinwirkung und nicht jeder Krankheitserreger führt zu einer Störung oder Pathologie! Nicht nur vom Stressfaktor, sondern auch von der individuellen Art und Weise, mit dem Stressor umzugehen, hängt es ab, ob jemand tatsächlich krank wird (Kap. 3.5). Osteopathen kennen die Selbstheilungsmechanismen und lernen, dass die Kraft zu heilen nicht in ihrer Macht steht, sondern in ihren Patienten liegt. Trotzdem beklagen die McGoverns, dass es Osteopathen, wie anderen Selbstheilungsmechanismenmedizinisch Tätigen, an einem übergreifenden, ganzheitliches Konzept fehlt, das gleichzeitig viele Interaktionen von Ursache und Wirkung zusammenfassen kann. Aus dieser Sicht ist das Definieren und Ausarbeiten der eigenen (ganzheitlichen Konzept:Osteopathieosteopathischen) Grundsätze und Philosophie sehr wichtig (Kap. 2). Eine Philosophie entwickelt sich meiner Meinung nach in der Auseinandersetzung mit anderen philosophischen Tendenzen und ist daher niemals als statisch noch als absolut zu betrachten.

Ein ganzheitliches Bild von Krankheit und Gesundheit

Der Patient muss als komplexes Lebewesen mit einem mechanisch-materialistischen Körper, einem psychisch-kognitiven Geist und einer emotional-spirituellen Seele in einem sozial vernetzten Umfeld betrachtet werden. In Zusammenarbeit mit Teamkollegen anderer Spezialisierungen sollten wir – bereit zur Kommunikation und zu Kompromissen – für eine interdisziplinäre Untersuchung und Behandlung der Quadriunity (Körper-Seele-Geist-Umfeld) eintreten (Kap. 2.7).
Als Osteopath habe ich die Erfahrung gemacht, dass sich Flüssigkeiten manchmal stauen und das Gewebe demzufolge aufquellen und Quadriunity (Körper-Seele-Geist-Umfeld)verkleben kann, was sich in verschiedenen Formen darstellen kann, von Myogelosen bis hin zu Verkalkungen oder Flüssigkeiten:Stauungbösartigen Tumoren. Ob sich nun Flüssigkeiten, Energie oder Emotionen stauen, macht im Grunde kaum einen Unterschied. Aus der Chemie wissen wir, dass beim Komprimieren von Gas eine Flüssigkeit entsteht und sich die Inhaltstoffe Emotionen:Stauungniederschlagen, wenn man eine Flüssigkeit länger stehen lässt.
Die Menschen kommen weich und geschmeidig zur Welt; tot sind sie steif und starr. Die Pflanzen kommen zart und biegsam zur Welt; tot sind sie spröde und dürr. Wer steif und starr ist (bzw. therapiert), ist ein Schüler des Todes. Wer weich und geschmeidig ist (bzw. therapiert), ist ein Schüler des Lebens. Das Starre und Steife wird zerbrechen. Das Weiche und Geschmeidige wird sich durchsetzen. (Laotse)
Ein Teil unserer osteopathisch-therapeutischen Tätigkeit kann also im Verflüssigen und Lösen des Erstarrten oder Blockierten bestehen und sich sowohl auf die flüssigen als auch die materiellen, die chemischen, die energetischen, die kognitiven und die emotionalen Lösen:von SpannungenElemente des Menschen beziehen.
Als Therapeut soll man dafür sorgen, den flüssigen Elementen (und Energien) freien Durchgang zu verschaffen, damit sie sowohl den Geist als auch die Seele und das Fleisch saftiger machen und zum Fließen bringen (flüssiger und geschmeidiger). Auch das Lösen emotionaler Spannungen (z. B. posttraumatisch) und das Finden von Still-points (Ruhepausen), damit keine Verschlackung des Geistes und der Seele entsteht, kann aus dieser Sicht sinnvoll sein. Allerdings sollte jeder Spezialist seine Grenzen kennen und respektieren; und manchmal ist eine interdisziplinäre Kooperation notwendig.
Der Therapeut und der Arzt werden sich immer mit Subjekten, mit einzigartigen Individuen und daher mit unvorhersehbaren und Therapeuten:emotionale Intelligenznicht-objektivierbaren Emotionen, Spannungen, Therapeuten:soziale IntelligenzHoffnungen konfrontiert sehen. Sie werden es eben mit subjektiven menschlichen Dingen zu tun haben. Deshalb müssen sie nicht nur über medizinische Kenntnisse verfügen, sondern auch Eigenschaften eines Philosophen und Psychologen haben und eine gewisse emotionale und soziale Intelligenz mitbringen. Sie müssen oft den Mittelweg zwischen Wissenschaft und Weisheit suchen.
Heine spricht das gezielt an: Es ist falsch, wenn nur der Ausschnitt der Erfahrung, der quantifizierbar, experimentell reproduzierbar und nach festen Kriterien bestimmbar ist, als Wissenschaft bezeichnet wird. (Heine 1997)
Marlock und Weiss zufolge ist das Thema der Berührung, trotz schulenübergreifender Integration in der Psychologie, ein nicht-integrierbarer Restposten, der noch immer Voreingenommenheit, Unkenntnis und Polemik hervorbringt (Marlock & Weiss 2006). Zudem geben sie an, dass es in der akademischen Psychologie zwar 114 wissenschaftliche Theorien zur psychischen Entwicklung, aber keine einzige Theorie zur Entwicklung des menschlichen Leibes als ein komplexes, dialektisch-systemisches Ganzes gibt! Therapeutisches Berühren verstehen sie als Kunst und Technik, die man sich nur an Hand von Therapie- und Selbsterfahrung aneignen kann, was eine Supervision, Intervision und begleitende Theorie Berühren:therapeutischesvoraussetzt.

Praktische Bedeutung

Einen medizinischen Strategie-Rahmen (Kap. 1.13.3) in Kombination mit einem intensiven Palpationsbefund eines Handwerkers als Ergänzung zur hochtechnologischen apparativen Diagnostik in die Behandlung zu integrieren, muss meiner Meinung nach keinen Widerspruch oder wissenschaftlichen Rückschritt bedeuten. Es könnte vielleicht sogar helfen, die Kostenexplosion im modernen Gesundheitswesen einzudämmen.

Nach einem schweren Unfall möchte bestimmt niemand auf die moderne chirurgische Medizin (eines Technikers) verzichten, aber gleichzeitig wäre eine integrative Behandlung (eines Theoretikers) in Verbindung mit einer manuellen Behandlung (eines Handwerkers) der seelischen, emotionalen und körperlichen posttraumatischen Verletzungen ebenfalls sinnvoll.

Auch den Nutzen einer medikamentösen Behandlung bei einer hochgradigen Infektion möchte wohl niemand in Frage stellen, aber gleichzeitig wäre es begleitend oder im Anschluss wünschenswert, das Immunsystem sowohl durch eine manuell pumpende als auch eine homöopathische Aktivierung zu stärken, um einem Rezidiv in der postakuten und chronischen Phase vorzubeugen.

Heine wies darauf hin, dass im Unterschied zur Schulmedizin Patienten in der biologischen Medizin bei Strategie-Rahmen:medizinischerBehandlung:integrativegleicher Diagnose nicht in Immunsystem:Aktivierunggleicher Weise, sondern entsprechend der Anamnese – unter Berücksichtigung von Konstitutionstyp, Krankheitsbereitschaft, Temperament, geistiger und seelischer Verfassung – individuell verschieden behandelt werden (Heine 1997). Er spricht dazu vielsagend von einem Denken in Lösungsräumen.

Randnotiz

Ob die Osteopathie nun eine privilegierte Stellung innerhalb der Medizin einnimmt, möchte ich ernsthaft bezweifeln. Sie kann jedoch einen wichtigen Beitrag zur Suche nach dem richtigen Weg für den Patienten leisten. Als spezialisierter Physiopath (Physiotherapeut und Osteopath) fühle ich mich eben nicht immer fachlich idiotensicher und bin deswegen dankbar, in einem Team arbeiten zu dürfen. Die Wahrheit liegt oft in der Mitte, und ich hoffe zutiefst, dass sie dort nicht begraben liegt.

In der Praxis sehe ich mich oft mit verschiedenen Aufgaben konfrontiert; manchmal ist diese Aufgabe mobilisierend, manchmal auflockernd, manchmal pumpend, manchmal innehaltend oder fokussierend, ab und zu auch beratend, zuhörend, mutmachend (Abb. 1.2).
Auf der Suche nach der Vier-Einheit (Quadriunity, Kap. 2.7) des Menschen fielen mir von Anfang an die Flüssigkeiten, oder besser gesagt das Flüssige auf. Nicht nur die Gelenke sollen locker und rund laufen bei der Bewegung, auch die myofaszialen Elemente sollen geschmeidig sein, das Psychisch-Emotionale sollFlüssigkeiten flexibel-belastbar sein, die sozialen Kontakte sollen biegsam-strapazierfähig-interaktiv sein. Das Nicht-Starre, das Geschmeidige, das Bewegliche und das Gewandte beschreiben Fähigkeiten des Lebendigen und des Normalen und unterscheiden es vom Starren und Toten. Eigenschaften des Normalen lassen sich auf den verschiedenen Ebenen zwar nur umschreiben, aber die Suche nach ihnen darf aus unserem Denkrahmen nicht ausgeschlossen werden.
Für mich gibt es genauso viele (osteopathische) Sichtweisen, wie es Patienten gibt. Gerade deswegen soll die Praxis von einem undogmatisch-flexiblen Leitfaden geprägt sein, der Individualität und Subjektivität zulässt. Bauen Sie Ihr ganzheitliches osteopathisches Behandlungsmodell in den oben beschriebenen medizinischen Strategie-Rahmen ein.
Das große Vorrecht beim Unterrichten von heterogenen Gruppen (wie Ärzten, Physiotherapeuten, Zahnärzten, Behandlungsmodell:osteopathischesHeilpraktikern, Logopäden, Hebammen) besteht darin, viele Meinungen und Wahrheiten erleben zu dürfen.

Fallbeispiel

Nehmen wir einen Patienten mit Sodbrennen als Beispiel:

  • Der praktische Arzt wird als Wahrheitsdiagnose wahrscheinlich das Bakterium Helicobacter pylori angeben, weil durch wissenschaftliche Untersuchungen erwiesen ist, dass x % der Patienten mit Sodbrennen tatsächlich das gramnegative Helicobacter im Magen tragen.

  • Der passionierte Psychologe wird irritiert dreingucken. Dieser Patient leidet seiner Meinung nach an einer Depression, weil x % der Patienten mit Sodbrennen tatsächlich unter Depressionen leiden.

  • Der Osteopath wird abwinken und andeuten, dass der Patient bestimmt ein Schleudertrauma erlitten hat, was sich durch die Anamnese auch in x % der Fälle bestätigt. Bei einem Schleudertrauma kann der Hiatus oesophageus des Zwerchfells belastet und infolge einer Refluxpoblematik das Sodbrennen ausgelöst werden.

  • Chirurgen werden das sogar bestätigen und demzufolge eine Falte von der Vorderwand des Magenfundus um das Ende der Speiseröhre nähen, damit diese Manschette das Zurücklaufen von Magenflüssigkeit in die Speiseröhre verhindert.

  • Der Chiropraktiker wird Einspruch erheben, weil x % der Patienten mit Sodbrennen Blockierungen in den Wirbelsegmenten Th6–Th9 aufweisen, was man mit Manipulationen hörbar nachvollziehen kann.

  • Der Heilpraktiker könnte einwerfen, dass es sicherlich an einer Übersäuerung des Gewebes liegt, die man mit pH-Messungen belegen kann.

  • Letztendlich wird der Genetiker nur grinsen und den Kopf schütteln. Es dürfte doch wohl klar sein, dass das alles Unfug ist. Die einzige Wahrheit liegt in der genetischen Fehlprogrammierung des Schutzmechanismus in den Zellen der Speiseröhre, die dadurch empfindlicher auf Magensäure reagieren.

  • Der Epigenetiker wird dafür plädieren, raffinierte Kohlenhydrate und Getreide in der Nahrung zu vermeiden, weil wir aus evolutionsgeschichtlicher Sicht Jäger und Sammler ohne Acker waren. Die übermäßige Aufnahme von Kohlenhydraten mit der Nahrung sorge über den Pentosephosphatzyklus in der Magenwand für eine Überproduktion von Kohlendioxid, was wiederum einen Überschuss an Kohlensäure nach sich zieht usw.

Wie man sehen kann, steckt möglicherweise in allen aufgeführten Ansichten ein Körnchen Wahrheit – und doch Wahrheiten:heterogene Gruppenhaben alle auch wieder teilweise Sodbrennen:FallbeispielUnrecht. Für den Patienten kann man nur hoffen, dass er (zufällig) in die für ihn passende Schublade gerät.
Bei den Kursen erlebe ich oft, dass wir, sobald wir uns genügend Detailwissen in einem neuen Fach angeeignet haben, dazu neigen, unsere alten Wahrheiten (Paradigmen) durch die neu erlernten Wahrheiten (Paradigmen) zu ersetzen! Wäre es aber eigentlich nicht sinnvoller, die alten Wahrheiten nicht zu ersetzen, sondern durch die neuen zu ergänzen? Wäre Wahrheiten:alte und neu erlerntees also nicht sinnvoller, mehr Wahrheit zuzulassen und unseren momentanen Wissensstand nur als den heute gültigen Irrtum zu akzeptieren?
Ionen, Moleküle, Dipole usw. bilden chemische Vorgänge in unserem Körper, die wir subjektiv vielleicht als energetischen Fluss wahrnehmen können. Ein fließender chemischer Vorgang führt zu einem elektrischen und biomagnetischen Äquivalent. Für mich bilden Emotionen Brücken zwischen inneren und äußeren Kommunikations- oder Informationsflüssen. Dazu möchte ich eine Äußerung von Prof. Uhlenbruck wiedergeben, die mir sehr ans Herz gewachsen ist: Menschliche Wärme ist die Emotionen:als Brückeneinfachste Molekularbewegung der Liebe. (Uhlenbruck 1994)
Fortschritt bringt sicherlich Nutzen, und eine Technik- und Chemiefeindlichkeit ist eindeutig falsch. Ein bisschen Angst habe ich aber schon, dass das Detailwissen immer größer und demzufolge die Wahrheit für manche Wissenschaftler immer kleiner wird! Machbarkeit sucht also menschliche Wärme!
Solange jeder Spezialist eigentlich nur wie ein Zimmermann weiterhin Schränke und Schubladen für seine Symptome bastelt, werden wir weder eine humane Medizin noch eine individuelle Heilkunde erleben, sondern leider nur eine schematische Pauschalmedizin. Maslow sah es folgendermaßen: Wenn das einzige Werkzeug, das du hast, ein Hammer ist, dann ist es vermutlich verlockend, alles so zu behandeln, als wäre es ein Nagel. [] Wenn du Wissenschaft als das definierst, was sie kann, dann wird das, was sie nicht kann, Nicht-Wissenschaft oder unwissenschaftlich. (Maslow 1969)

Zielsetzung

Jede Behandlung sollte meiner Meinung nach stets von Neuem individuell gestaltet, nachgefragt, probiert, durchdacht, gefühlt und erlebt werden. Krankheit besteht eben nicht nur aus Keimen und Stressoren, sondern auch aus einer fehlerhaften oder mangelhaften Reaktion des Menschen auf diese Stressoren! Diese Reaktion kann aber nicht immer nur kognitiv geplant, durchdacht und vorausgesehen werden, sondern muss auch spontan, individuell, fühlend, kreativ empfunden, erfahren und gestaltet werden.

Die Gesundung wird bilateral beeinflusst, sowohl durch die Behandlung von außen als auch durch die Selbstheilung von innen. Das Freisetzen dieser innewohnenden Selbstheilungskräfte kann dabei eine wunderbare Unterstützung bieten! Es wäre schade, wenn das noch immer als unwissenschaftlich betrachtet würde.
Um es mit Goethe zu sagen: Die Natur hat weder Kern noch Schale – sie ist beides Selbstheilungskräfte:freisetzenzugleich.

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