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B978-3-437-58930-0.00011-8

10.1016/B978-3-437-58930-0.00011-8

978-3-437-58930-0

Schichtenmodell des menschlichen Gehirns

Veränderung der funktionellen Neuronenverbindungen im Gehirn [2]

Schädel des Neugeborenen (Ansicht von kranial) mit fünf Verknöcherungspunkten und daraus resultierender Orientierung der Knochenbälkchen. Suturen und Fontanellen fungieren dabei als Wachstumsfugen.

Schädelnähte und Fontanellen [5]

Gesichtsschädel eines Neugeborenen [5]

Quer- und Längspfeilerkonstruktion des Schädels in der Transversalebene. [10]

Quer- und Längspfeilerkonstruktionen des Schädels (Ansicht von ventral und Ansicht von lateral) [10]

Kraniale Sutur als Dehnfuge: Dehnfuge einer Brücke (links) und die Sutura sagittalis (rechts).

Diploe-Form der Schädelknochen mit Vv. Vv.:diploicaediploicae [5]

Verzahnungsmuster des Lambdanahtsystems (A und B). Im rechten Bild sind verschiedene Zwischenknochen (Ossa incae oder Inka-Knochen) erkennbar.

Präparat der Sutura lambdoidea: Transversalschnitt (a, links) und Sagittalschnitt (MRT) (b, rechts)

Entwicklung der Verzahnung bei einer kranialen Sutur [10]

Die sechs Suturensysteme des Schädels: 1) koronales, 2) lambdoidales (Lambdanaht), 3) sagittales, 4) kraniofaziales und 5) + 6) temporales Suturensystem links und rechts

Plagiozephalie [10]

KraniostenoseKraniostenose der Sutura sagittalis [10]

Kraniostenose der Sutura metopica [10]

Bilaterale Kraniostenose der Sutura coronalis [10]

BrachykranieBrachykranie und DolichokranieDolichokranie

Trigonokranie, OxyzephalieOxyzephalie und SkaphokranieSkaphokranie

Verschiedene Wirkungen von Kräftepaaren (Belastungen) am Schädel

Schematische Wiedergabe eines Balancepunktes oder Fulkrums bei einem intakten Gelenk [8]

Schematische Wiedergabe eines Balancepunktes oder Fulkrums bei einem Gelenk mit einer Läsion B [8]

Schematische Wiedergabe der Verformung eines gesunden, eines ausgeleierten und eines allgemein-verspannten lebendigen Gewebes

Schematische Wiedergabe der Verformung eines gesunden und eines unidirektional-verspannten lebendigen Gewebes. Verspannung in der Entlastungsphase (links) und Verspannung in der Belastungsphase (rechts)

Harmonischer (oben) und disharmonischer (Bildmitte und unten) Geweberhythmus

Bilaterale und mediane Kompressions-Traktions-Spannungen (KTS) des Schädels [10]

Unilaterale Kompressions-Traktions-Deformierungen des Schädels in der Frontalebene [10].

Sidebending-Rotations-Läsionen der SSB aus kraniosakraler Sicht [10]

Unilaterale Kompressions-Traktions-Deformierungen des Schädels in der Transversalebene [10]

Unilaterale Kompressions-Traktions-Deformierungen des Schädels in der Sagittalebene [10]

Mögliche Symptomatik bei Seitneigungsspannungen [10]

Scherspannungen des Schädels in der Sagittalebene [10]

Vertical Strain und Lateral Strain aus kraniosakraler Sicht [10]

Scherspannungen des Schädels in der Frontalebene [10]

Scherspannungen des Schädels in der Transversalebene [10]

Torsionsspannungen des Schädels in der Sagittalebene [10]

Torsionsspannungen des Schädels in der Frontalebene [10]

Torsionen der SSB aus kraniosakraler Sicht [10]

Torsionsspannungen des Schädels in der Transversalebene [10]

Funktionelle Anatomie des Schädels

Phylogenese des Schädels

Im Gegensatz zu den Akraniern, die überhaupt keinen Schädel:Anatomie, funktionelleKopf haben, ist bei den Fischen der Kopf ein Teil des Rumpfes. Erst als Amphibien und Reptilien sozusagen an Land gingen, entwickelte sich bei ihnen der Kopf unabhängig vom Rumpf. Ein Hals entwickelte sich erst bei den Säugetieren.
Als Urform des Hirnschädels kann man das NeurocraniumNeurocranium der Knorpelfische betrachten, bei dem eine knorpelige Hirnkapsel mit einer separat angelegten Nasen- und Labyrinthkapsel verbunden ist. Augenhöhlen (Orbitae)Augenhöhlen (Orbitae) gibt es bei den primitiven Wirbeltieren nicht, sodass sich ihre Augen in einer Mulde außen am Schädel befinden.
Mit Flüssigkeiten gefüllte flexible Hohlsysteme bilden ein hydraulisches System, das sozusagen auch als Bauplan für die Architektur des Schädels und Gehirns dient.
Gutmann betrachtet den Schädel als ein von hydraulischen Schädel:Hohlorgan mit hydraulische TeilsystemenTeilsystemen untergliedertes Hohlorgan (Gutmann 1995). Allerdings fehlen die Belege, um diese hydromechanische Sicht der Schädelbildung begründen zu können. Weitere Untersuchungen wären hier sicherlich sinnvoll. Blechschmidt zufolge lassen sich die Differenzierungen des Schädels nicht isoliert, sondern nur in Zusammenhang mit seinen Nachbarorganen, vor allem mit dem Gehirn, verstehen (Blechschmidt 1978).
Während der Evolution haben sich erhebliche Veränderungen und Schädel:Veränderungen und Anpassungen in der EvolutionAnpassungen vollzogen. So traten z. B. Lücken auf oder Wände, die nicht mehr komplett geschlossen sind. Mund-, Nasen- und Schädelhöhle sind beim Menschen durch die Aufrichtung typischerweise übereinander und nicht mehr hintereinander angeordnet.
Kennzeichnend für Säugetiere ist allerdings, dass ihre SchädelbasisSchädelbasis zum Großteil knorpelig angelegt ist und Lücken aufweist, die durch Bindegewebe geschlossen werden.
Bei Nichtsäugern ziehen Nerven und Gefäße frei zwischen der Augen- und Nasenkapsel hindurch. Bei Säugetieren haben sich dagegen die Orbita und die Nasenhöhle vergrößert und gegeneinander verschoben, was den oft komplizierten Verlauf der Augen- und Nasenleitbahnen erklärt. Es ist durchaus spannend, das menschliche Gehirn und den Schädel aus Sicht der Entwicklungsgeschichte des Menschen zu betrachten.
Auch wenn die nachfolgende Darstellung des Gehirns äußerst stark vereinfacht ist, kann sie trotzdem interessante Perspektiven für die Praxis vorgeben. Die Hirnfunktionen werden selbstverständlich nicht in einzelnen Strukturen, Kernen usw. zu finden sein, sondern in mehreren Teilbereichen des Gehirns und können deswegen nur in Zusammenhang mit anderen Hirnteilen betrachtet werden. Eine ausführliche Beschreibung dieser funktionellen Verbindungen und der Neuroanatomie der einzelnen Hirnbereiche würde aber den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

Expansionsphasen in der Evolution des Drei-Einheits-Hirns

Obwohl es nicht richtig ist, dass sich mit der Drei-Einheits-Hirns:ExpansionsphasenEntwicklung vom Reptil zum Menschen schön nacheinander drei Gehirne ausgebildet haben, ist es didaktisch trotzdem sinnvoll, zuerst einmal die vereinfachende Sichtweise von Paul MacLean zu übernehmen.
Evolutionsphasen
Man erkennt beim Menschen drei Stockwerke des Gehirn:EvolutionsphasenGehirns (MacLean 1990).
Erste Hirnrevolution
Die erste HirnrevolutionHirnrevolution:erst der Lebewesen fand Drei-Einheits-Hirnetwa vor 300 Millionen Jahren statt, als sich die Reptilien von den Fischen differenzierten und dem Leben an Land anpassten. Die visuelle Bewegungen:visuelle WahrnehmungWahrnehmung von Bewegungen und ihre Verarbeitung wurden immer wichtiger, um Beute aufzuspüren oder Feinden entgehen zu können, und auch Instinkte, Fressgewohnheiten, Verteidigungs- und Angriffsstrategien wurden gespeichert. Der kraniale Teil des Neuralrohr:kranialer TeilNeuralrohrs verfeinerte sich und wuchs sich als erstes Hirnbläschen Hirnbläschenzum StammhirnStammhirn aus. Ab da wird die oberste Kommandozentrale auf dem Neuralrohr aufgebaut. MacLean bezeichnet sie Reptilienhirn oder Stammhirn Reptilienhirn(MacLean 1990). Es beinhaltet beim Menschen den Hirnstamm (Mesencephalon), die Medulla Medulla oblongataoblongata, die Brücke (Brücke (Pons)Pons) und das Kleinhirn (Cerebellum)Kleinhirn (Zerebellum) und steuert die grundlegenden Lebensfunktionen wie Atmung, Kreislauf, Stoffwechsel, Haltung, Gleichgewicht, Reflexe, automatische Bewegungen sowie die Motorik der Gesichts- und Halsmuskulatur. Das Stammhirn ist der Speicherplatz für Erfahrungen der Überlebenskunst. Das Kleinhirn reguliert vor allem unsere motorisches Lernen:KleinhirnBewegungsfähigkeit:KleinhirnBewegungsfähigkeit, unser motorisches Lernen, die Sprechmotorik:KleinhirnSozialverhalten:KleinhirnSprechmotorik, es spielt aber auch eine Rolle für das Sozialverhalten und Erinnern. Zudem werden vom Stammhirn:FunktionenStammhirn Sinneseindrücke umgeschaltet, und in funktioneller Hinsicht reguliert es sowohl die Selbsterhaltung als auch die Arterhaltung. Daran sind Fortpflanzung, Überleben und Urvertrauen geknüpft. Das Vertrauen auf sich selbst und auf andere Menschen, aber auch das Vertrauen auf seine eigenen Instinkte, das Pflegen von Ritualen, Traditionen, Zeremonien sind damit wesentliche Eigenschaften, die im Stammhirn gehegt werden. Bei vielen Aufgaben wird auf bewährte, überlieferte Methoden zurückgegriffen. Die Vergangenheit spielt also eine nicht unwichtige Rolle für das Stammhirn als Erfahrungsspeicher.
Zweite Hirnrevolution
Die zweite Hirnrevolution Hirnrevolution:zweiteder Lebewesen vollzog sich etwa vor 100 Millionen Jahren, als Säugetiere eine neue Überlebensstrategie entwickelten: Sie konnten, indem sie ihre Körpertemperatur regulierten, sich in der Natur besser behaupten, während die Saurier, wahrscheinlich durch Naturkatastrophen, ausstarben.
Auf dem bis dahin obersten Kommandoposten, dem Stammhirn, entwickelte sich jetzt ein zweites Hirnbläschen oder zusätzliches Gehirn: das ältere Säugetierhirn oder Zwischenhirn. SäugetierhirnEs entstehen leistungsfähigere Schaltungen im Gehirn und auch die Speicherkapazität wird erhöht. Typisch ist, dass sich das limbische limbisches SystemSystem, der ThalamusThalamus, HypothalamusHypothalamus, SubthalamusSubthalamus, EpithalamusEpithalamus und die HypophyseHypophyse entwickeln. So können Erinnerungen, beispielsweise an Fundstellen von Wasser oder Nahrung, wer Freund oder Feind ist, was gefährlich ist, gespeichert werden. Gefühle, wie beispielsweise Ängste und Aggressionen, werden differenzierter wahrgenommen, und man kann vorsichtiger reagieren. Auch anspruchsvollere EmotionenEmotionen, wie bei der Brutpflege, Bindung an einen Partner, Freude am Spielen usw., sind jetzt möglich. Es wird gesäugt, abgeleckt, gekrault, wobei das Zwischenhirn sozusagen als emotionaler Gutachter fungiert.
Allgemein kann man beim Menschen stark vereinfacht sagen, dass sich hier die emotionale, hormonelle und neurovegetative Steuerung angesiedelt hat. Damit wird die Welt farbiger, sowohl im positiven wie im negativen Sinn (Überschätzung, Unterbewertung). Es kristallisieren sich Gegensätze heraus, und viele Dinge werden jetzt verglichen und bewertet: als angenehm oder unangenehm, Freund oder Feind, sicher oder gefährlich, Angst oder Aggression. Man bewertet auch sich selbst und die anderen und möchte u. U. gut dastehen. Da eine Hierarchie in einer Gemeinschaft von Menschen notwendig wird, kann es in und zwischen einzelnen Gruppen oft zu Dominanz oder Unterwerfung, zu Streitigkeiten und Kriegen kommen. Statussymbole erhalten einen hohen Stellenwert. Es wird nun nicht immer auf altbewährte Methoden zurückgegriffen, sondern manchmal auch aus dem Bauch heraus entschieden. Die Gegenwart gewinnt gegenüber der Vergangenheit deutlich an Gewicht.
Dritte Hirnrevolution
Der schwere Überlebenskampf führte etwa vor 60 Millionen Jahren zur dritten und jüngsten Hirnrevolution. Hirnrevolution:dritteManche Säugetiere entwickelten sich rasant weiter, kletterten auf Bäume und entwickelten Werkzeuge. Vor allem die Hand bildete einen Geniestreich in der Evolution: Werkzeuge, Waffen, handwerkliche Fähigkeiten führten zu einer Überlegenheit der HominidenHominiden (aufrecht gehenden Primaten). Wahrscheinlich beeinflussten sich die Entwicklung der Greifhand Greifhandund die Aufrichtung zum Zweifüßlerstand sogar gegenseitig. Die Wahrnehmung und die Interpretation des Wahrgenommenen schritten rasch voran. Beobachten und experimentieren, Aktion und Reaktion, führten zu einer Vielzahl von Erfahrungen, die gespeichert und auch verbessert werden mussten.
Es kam zu einer enormen Zunahme des Hirnvolumens mit Furchen und Windungen, und aus einem dritten Hirnbläschen bildete sich als neue Kommandozentrale am kranialen Ende des Nervensystems das jüngere Säugetierhirn oder Großhirn. SäugetierhirnIm GroßhirnVergleich zu den frühen Hominiden hat sich das Hirnvolumen vor etwa 4 Millionen Jahren von 400 cm3 auf etwa 1.350 cm3 bei den heutigen Menschen mehr als verdreifacht (Wilson 2002).
  • Der Lobus Lobus:frontalisfrontalis übernimmt nun vor allem Aufgaben des Synthetisierens, Verknüpfens und Denkens.

  • Der Lobus Lobus:parietalisparietalis steuert eher die Motorik und die Somatosensibilität.

  • Der Lobus Lobus:occipitalisoccipitalis spielt eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung visueller Informationen.

  • Der Lobus Lobus:temporalistemporalis hat eine wichtige Funktion bei der Verarbeitung von auditiven Stimuli und bei der Sprache.

Lerngeschwindigkeit Gehirn:Lerngeschwindigkeitund Gehirn:AnpassungsfähigkeitAnpassungsfähigkeit des Hirns werden also erheblich schneller und größer. Durch die Möglichkeit, vorauszuschauen und zu planen und damit andere Tiere zu täuschen, eröffnen sich immense neue Aussichten. Einzuschätzen, was die Zukunft bringt, und im Voraus zu planen, gewinnt enorm an Bedeutung, erzeugt aber auch Ängste, Sorgen und Unsicherheiten.
Modelle der Hirnentwicklung und -funktionen
Das abstrakte Denken sorgt Gehirn:FunktionsmodelleGehirn:EntwicklungsmodelleGehirn:Entwicklungsmodelle für neue Herausforderungen, und die Wissenschaft entwickelt sich rasant. Altruismus ist nicht typisch menschlich, wie man lange dachte, sondern ist beispielsweise auch bei Schimpansen anzutreffen (De Waal 2000). Durch die SprachentwicklungSprachentwicklung beim Menschen wurden Anpassungen der anatomischen Verhältnisse sowohl im Schädel- als auch im Hals-Schlundbereich erforderlich.
Die enorme Vielfalt an Emotionen, die sich entwickelt hat, untersteht aber logischerweise nicht nur dem Einfluss des Großhirns, sondern wird auch vom Mittel- und Stammhirn gesteuert. Paul MacLean sprach von einem Drei-Einheits-Hirn,Drei-Einheits-Hirn in dem sich die drei Gehirne zu einem menschlichen Gehirn bündeln (MacLean 1990). Wie am Anfang bereits erwähnt, ist es aus evolutionärer Sicht nicht richtig, von einer aufeinanderfolgenden Entstehung der drei Gehirne im Laufe der Entwicklung vom Reptil zum Menschen auszugehen. Denn auch Reptilien haben bereits ein limbisches limbisches SystemSystem (Zwischenhirn) und sogar ein gewisses Großhirn, wenn auch nur sehr rudimentär. Aus funktioneller Sicht kann es aber trotzdem hilfreich sein, die Funktionen der drei Gehirne zuerst separat zu betrachten. Anschließend müssen diese Funktionen aber wirklich eng und weitreichend miteinander verknüpft werden und dürfen nicht einfach aufeinandergestapelt gedacht werden!
Damasio (2003) und Servan-Schreiber (2004) sprechen dagegen nur von zwei Gehirnen: dem Gehirn:kognitiveskognitiven (Großhirn) und Gehirn:emotionalesdem emotionalen kognitives Gehirnemotionales GehirnGehirn (Mittel- und Stammhirn) (Abb. 11.1).
Man muss allerdings auch noch die Asymmetrie der beiden Hirnhälften hinzufügen (Springer & Deutsch 1993, Pinel 2001). Stark vereinfacht könnte man sagen (obwohl auch das wiederum der Vernetzung im Gehirn nicht gerecht wird!), dass die linke Hemisphäre mehr für Verbalisierung, verbales Gedächtnis, zeitliche und analytische Unterteilung, Lesen, Schreiben, Rechnen und das Rationale steht. Die rechte Hemisphäre steht dagegen eher für Visualisierung, Musik, taktile Muster, räumliche Unterteilung, ganzheitliche Zusammenfassung bzw. Synthese und für das Intuitive.Tensegrity:GehirnGroßhirn:InformationenGehirn:VerindungenGehirn:Tensegrity

Verbindungen zwischen den Gehirnen

  • Ich möchte besonders betonen, dass man mit dem Mittelhirn sozusagen einen emotionalen Blick auf das Großhirn wirft.

  • Informationen zum Großhirn müssen zuerst das Stamm- und Zwischenhirn durchlaufen und werden demnach, bevor sie das Großhirn erreichen, bereits mit gewissen Intuitionen, Erinnerungen, Gefühlen versehen und eingefärbt und somit in Kognitionen umgeformt.

  • Auch im Gehirn sollte eine harmonische Verbindung oder Tensegrity zwischen den entwicklungsgeschichtlichen Hirnbereichen sowie zwischen der linken und rechten Hirnhälfte bestehen, um neue Daten ständig mit bereits vorhandenen vergleichen zu können, Kognitionen mit Emotionen zu vermischen und dadurch eine optimale Funktion des Individuums zu ermöglichen!

Viele Funktionen Gehirn:Funktionensind nicht mehr einem einzelnen Hirnbereich zuzuordnen, sondern setzen eine Zusammenarbeit und Verschaltung verschiedener Hirnregionen und ihre Integration zu einem komplexen, aber hochfunktionsfähigen Super-Mega-Computer voraus. Dominanzen oder Defizite in einzelnen Hirnbereichen führen zu typischen Charaktereigenschaften. Vor allem unsere Aufmerksamkeit (Konzentration) undAufmerksamkeit (Konzentration) unser Fühlen und Denken scheinen sich gegenseitig stark zu beeinflussen! Diese intensive und vielseitige Vernetzung unterschiedlicher Hirnbereiche verdeutlicht die ingeniöse Komplexität des menschlichen Gehirns.
Manche Hirnforscher untersuchen die verschiedenen Hirnregionen und Hirnzellen, andere entschlüsseln die Signalstoffe, die Proteine und Neurotransmitter, Neurotransmitterwiedere andere tauchen in psychologische Interpretationen unseres Bewusstseins ab. Laut Precht lässt sich aber weder mit allgemeinen neurochemischen Erkenntnissen noch mit hochtechnologischen Messapparaten oder durch psychologische Gespräche herausfinden, warum sich eigentlich eine bestimmte Sache subjektiv so anfühlt, wie wir es erleben (Precht 2007).
Weil wir erst anfangen, diese komplexen Verbindungen zu verstehen, bleiben wir bei dieser verkürzten und vereinfachenden Schematisierung des Gehirns in Form eines Schichtenmodells (Abb. 11.1). Eine detailliertere Auseinandersetzung würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

Die Schädelgruben (Fossae cranii)

Wenn man den Schädel von innen betrachtet, fallen drei terrassenförmige Stufen oder Schädelgruben aufSchädelgruben:
  • Fossa cranii anterior

  • Fossa cranii:anteriorFossa cranii media

  • Fossa cranii:mediaFossa cranii posterior

Fossa cranii:posteriorHier stellt sich die Frage, ob die drei Evolutionsphasen des Gehirns vielleicht auch für die Entstehung der drei Schädelgruben verantwortlich sind?
  • Die Fossa cranii anterior bildet die kraniale Terrasse und umfasst gemeinsam mit dem Schädeldach einen Großteil des Großhirns. Der Boden der vorderen Schädelgrube wächst postnatal in den ersten Jahren recht schnell und hat mit etwa 7–8 Jahren fast seine endgültige Längenausdehnung erreicht. Os frontale und Os ethmoidale verändern ihre Form vor allem durch Pneumatisierung und bilden mit Luft gefüllte Nebenhöhlen.

  • Die Fossa cranii media oder mittlere Schädelgrube liegt zwischen der Ala minor ossis sphenoidalis und der Crista petrosa ossis temporalis. Sie umgibt grob umrissen das Mittelhirn sowie die temporalen und okzipitalen Lobi des Großhirns.

  • Die Fossa cranii posterior oder hintere Schädelgrube bildet die kaudale Terrasse und Augen:PositionsänderungenwirdAugenhöhlen:Positionsänderungen vom Kleinhirnzelt, Kleinhirnzeltdem Tentorium cerebelli, Tentorium cerebelliüberspannt. Sie umgibt das Stammhirn und das Kleinhirn. Der Abstand zwischen der Sella turcica undSella turcica dem Foramen magnum Foramen:magnumvergrößert sich zwischen dem 12. und 20. Lebensjahr um ca. 4–5 mm. Durch Suturenwachstum Suturenwachstumwird die Schädelbasis auch breiter.

Weitere im Laufe der Evolution entstandene Veränderungen am Schädel

Die Veränderung von Größe und Struktur des körperliche Veränderungen:im Lauf der Evolution entstandeneGehirns Gehirn:Gewichtführte auch zu einer strukturellen Veränderung des Schädels. Der Mensch besitzt prozentual das größte Hirngewicht im Vergleich zum Körpergewicht, was als Enzephalisationsquotient Enzephalisationsquotient (EQ)oder EQ bezeichnet wird. Hooton merkte sarkastisch dazu an: 900 Gramm Hirngewicht sind ausreichend für das Optimum an menschlichem Verhalten. Was darüber hinausgeht, wird nur zu Untaten verwendet. (Hooton 1968)
Auch die Positionsänderung von Augen und Augenhöhlen Augenhöhlen:PositionsänderungAugen:Positionsänderungzur Vorderseite des Kopfes ist auffällig. Das Sehen hat im Laufe der Evolution zunehmend das Riechen als dominante Sinneswahrnehmung verdrängt. Das erklärt auch die verkürzte Schnauze beim Menschen und die Verkleinerung des Hirnbereichs, in dem Gerüche verarbeitet werden. Stattdessen expandierte der Okzipitallappen, der für die Verarbeitung und Speicherung visueller Wahrnehmungen zuständig ist. Es ist also nicht nur wichtig, ob man jemand gut riechen kann, sondern man muss ihn auch gut oder gern sehen.
Van Limborgh et al. untersuchten, wie sich die Entwicklung des Auges aufAugen:Entwicklung die Form der Orbita und des Schädels auswirkte (Van Limborgh et al. 1976). Dabei zeigte sich deutlich, dass außer der Expansion des Hirnvolumens auch die Entwicklung der Sinnesorgane eine Rolle für die Entwicklung und Form des Schädels spielt.
Die Entwicklung der Sprache setzte eine Sprache:EntwicklungSpezialisierung von Kehlkopf und Stimmapparat voraus. Beim erwachsenen Menschen hat sich der Larynx nach kaudal verlagert (etwa in Höhe von C4–C7, verglichen mit C1–C3 beim Affen. Der Affe kann zwar gleichzeitig atmen und schlucken, hat aber dafür einen viel kleineren Resonanzraum seines Sprechapparates. So weist seine Stimme viel weniger Nuancen auf und kann daher viele Töne und Laute der menschlichen Stimme gar nicht bilden.
Bei Vierfüßlern hat der Mund eine Greiffunktion. Deshalb ist ihre Kaumuskulatur am stärksten entwickelt, was sich immer noch beim Menschen zeigt. Nur die Greiffunktion der HWS ging beim Menschen verloren! Auch die Halsmuskulatur desHalsmuskulatur Menschen wird zunehmend schwächer, und seine ganze Schnauze verkleinert sich. Sobald der Homo sapiens das Feuer beherrschte und Töpferwaren herstellen konnte, veränderte sich sein Kauapparat, Kauapparatweil Nahrung in Form von Suppen und Eintöpfen weniger gekaut werden muss. Auch der zunehmende Verzehr vegetarischer Kost war weniger strapaziös für die Zähne, was sich dann auch in ihrer Form widerspiegelte. Das Gebiss verkleinerte sich und war weniger kräftig ausgeprägt.
Am Schädel vergrößerte sich durch den Zweifüßlerstand die Okzipitalschale, und das Foramen magnum Foramenmagnumwanderte aus der Frontalebene in die Horizontalebene. Als Zweifüßler müssen wir die HWS und den Kopf drehen, um uns umzuschauen, während dazu bei einem Vierfüßler eine Lateralflexion derHWS:Lateralflexion HWS notwendig ist. Vor ca. 250 bis 200 Millionen Jahren entstand demzufolge als typisches Merkmal von Landvertebraten eine Verschmelzung des Atlas-Wirbelkörpers mit dem Axis in Form des Dens axis. Dens axisDie Densgelenke zwischen Atlas undAtlas:Rotationsfunktion Axis Axis:Rotationsfunktionhaben vor allem eine Rotationsfunktion. Erst in den letzten 5 bis 8 Millionen Jahren führte die Aufrichtung auf zwei Beinen zu einer Drehung der Blickachse um 90 zur Körperachse. Daraus ergab sich die Notwendigkeit einer horizontalen Kopfbeweglichkeit in Form der Rotation. Auch neurologisch hatte das entsprechende Folgen!
Da Kopf und Körper des Fisches eine funktionelle Einheit bilden, wird er nur durch die Sinnesorgane im Kopf gesteuert. Bei Landvertebraten bekam der Kopf eine eigene Beweglichkeit. Die sensorischen Informationen aus dem Kopf bezogen sich jetzt nur auf seine Position. Es war daher notwendig, die somatosensorischen Informationen aussomatosensorische Informationen dem Körper unterhalb des Kopfes mit denen aus dem Kopf selber zu bündeln. Es ging sogar noch weiter: Die Daten aus dem Übergangsbereich zwischen Kopf und HWS wurden immer wichtiger für die Feineinstellung, weil auch die Motorik der oberen Extremitäten immer feiner wurde! Den Kopfgelenken kann nun auch eine echte Wahrnehmungsfunktion zugeordnet werden, denn über tonische Nackenreflexe koordinieren oder regulieren sie den Muskeltonus in verschiedenen Teilen des Körpers, auch zwischen links und rechts.
So entwickeln sich im Laufe der Evolution beim aufrecht stehenden Menschen:
  • aufrecht stehenden Menschen:Evolutionsveränderungen Drehwirbel (DrehwirbelAtlas und Axis) aus den zwei oberen Halswirbeln und transversale Risse in den zervikalen Bandscheiben, um die Rotationsmöglichkeiten zu verbessern

  • Veränderungen des Hinterkopfs (mit Vergrößerung der Squama occipitalis undSquama:occipitalis Neu-Orientierung in der Transversalebene), sodass sich die Blickrichtung Blickrichtungvertikal zum aufgerichteten Körper aufbaut

  • Ansammlungen von Propriozeptoren im Bereich der Kopfgelenke. Propriozeptoren:KopfgelenkeKopfgelenke:PropriozeptorenNeben den Augen, dem Gleichgewichtsorgan undGleichgewichtsorgan der Propriozeption aus den Gelenken und Sehnen des Körpers verfügen wir also über ein viertes Organ zur Koordination der Körperbewegungen, nämlich über das subokzipitale propriozeptive Organ subokzipitales propriozeptives Organmit einer großen Dichte an Propriorezeptoren in den myofaszialen (subokzipitalen) Strukturen.

  • Propriozeptoren:myofasziale (subokzipitale) StrukturenSpezielle Verarbeitungszentren zur Koordination derKoordination:Verarbeitungszentren Informationen aus dem Bereich des Kopfes (z. B. aus den Augen und dem Vestibularsystem), der Kopfgelenke und den restlichen Körperbereichen, die als Vestibulariskerne (VestibulariskerneNuclei vestibulares mediales, inferiores und laterales) inNucleus(-i):vestibulares mediales, inferiores und laterales der Medulla oblongata in Medulla oblongataHöhe des 4. Ventrikels und der Formatio reticularis angegeben werden.

Es dürfte deutlich werden, dass Störungen im Übergangsbereich zwischen Kopf, Hals und HWS weitreichende Folgen haben, aber andererseits auch so diffus verteilt und so vernetzt sein können, dass es nicht immer selbstverständlich ist, dabei gleich an die HWS oder den Hals zu denken!
Folgende Funktionsstörungen und Symptome können miteinander vernetzt sein:
  • Gleichgewichtsstörungen undGleichgewichtsstörungen funktioneller (vertebragener) Schwindel

  • Hörstörungen undHörstörungen Otalgie (OtalgieOhrenschmerzen ohne Ursache am Ohr selbst)

  • Ohrenschmerzen:ohne Ursache am Ohr selbst Dysphagie (DysphagieSchluckstörungen)

  • Schluckstörungen s. Dysphagie Dysphonie (DysphonieStimmstörungen)

  • Stimmstörungen s. Dysphonie Achalasie

  • AchalasieWürgereflex

  • WürgereflexBewegungseinschränkungen der HWS

  • HWS:BewegungseinschränkungenVegetative Beschwerden

vegetative BeschwerdenProf. Neuhuber wies darauf hin, dass die ersten Somiten beim jungen Embryo im kraniozervikalen Übergang entstehen (Hülse 1998). Von dort aus wachsen dann die anderen Somiten nach kaudal, sogar der Urnierengang, aus dem sich das Urogenitalsystem entwickelt. Damit ist der kraniozervikale Übergang diekraniozervikaler Übergang Basis und der älteste Teil des Körpers. Auch das Foramen magnum entwickelt sich mit dem umgebenden Gewebe im oberen Teil der Wirbelsäule und wird erst später im Laufe der Entwicklung in das Okziput aufgenommen.

Neurocranium und Viscerocranium

Topographisch und klinisch wird der Schädel des Menschen in ein Neurocranium (Neurocranium s. HirnschädelHirnschädel) und ein Viscerocranium (Gesichtsschädel) unterteilt.
Der Hirnschädel (Hirnschädel (Neurocranium)Neurocranium) bildet eine geschlossene Schutzkapsel (knöchernen Helm) um das Gehirn und schließt zugleich das Innenohr und das Mittelohr mit ein.
Der Gesichtsschädel (Viscerocranium) Gesichtsschädel (Viscerocranium)besteht aus dem Nasen- und dem Kieferskelett. Osteopathisch wird manchmal auch das Os frontale zum Gesichtsschädel Viscerocranium s. Gesichtsschädelhinzugerechnet.
Es hat sich gezeigt, dass enge Wechselbeziehungen zwischen Schädel und Gehirn sowie zwischen Schädel, Kauapparat und zentraler Sehne bestehen, die das Kranium zu Kraniumeinem Organ machen, das einerseits unter dem formenden Einfluss seiner Umgebung entsteht und andererseits von genetisch (evolutionsgeschichtlich) bedingten Faktoren abhängig ist. Aus Sicht der Kieferorthopädie und der Zahnmedizin ist im Bereich des Kauapparates relativ viel untersucht worden. Es ist aber dringend erforderlich, auch den Einfluss der Myofaszialketten undMyofaszialketten insbesondere den Einfluss der Nacken- und Halsmuskulatur auf die Entwicklung und Funktionalität der Schädelstrukturen in der kraniosakralen Osteopathie mit einzubeziehen.
Schwalbe gab bereits 1902 an, dass die Kopfmuskeln eine wichtige Rolle für die Gestaltung des Schädels und das Wachstum des Gehirns spielen (Von Lanz-Wachsmuth 2004). Auch die Entwicklung der pneumatischen Höhlen (Luftsinus) in den Schädelknochen (Sinus:SchädelknochenSchädelknochen:SinusSinus frontalis, Sinus maxillaris, Sinus ethmoidalis, Sinus sphenoidalis) wirkt sich selbstverständlich auch auf die Formgebung des Schädels aus (Kap. 12.2.4).
Zusammenhänge zwischen dem Wachstum des Schädels und des Gehirns
Genauso wie alle Schädel:WachstumGehirn:Wachstumbiologischen Systeme wächst auch der Schädel unter der Einwirkung von Gestaltungskräften und gewissermaßen nach einem modularen Bauplan. Sowohl genetische Informationen, humorale Flüssigkeiten und neurologische Befehle als auch funktionelle und belastungsabhängige Stimuli spielen dabei eine Rolle. Wir werden uns in diesem Buch vor allem dem Einfluss von mechanischen Faktoren widmen. So wird beispielsweise die Kopfform durch das starke Wachstum und die Windungen des Gehirns, die intrauterine Lage, den Geburtsakt, die Lagerung nach der Geburt, die Spannungen der Schädelknochen uswSchädelknochen:Spannungen. geprägt (Kap. 11.6).
Das Schädelvolumen Schädelvolumen:Neugeboreneseines Neugeborenen beträgt etwa 380–400 cm3 und vergrößert sich auf etwa 1.400 cm3 beim Erwachsenen. Die Volumenzunahme des Gehirns wird durch die Vergrößerung seiner Kapsel, also durch die Elastizität der noch nicht verknöcherten Schädelkapsel und durch das Suturen- und Schädelknochenwachstum ermöglicht. Nach der Geburt nimmt die Zahl der Hirnzellen eigentlich nicht mehr zu, doch die Hirnmasse vermehrt sich noch, weil mehr Verknüpfungen zwischen den Hirnzellen entstehen. Hirn- und Gesichtsschädel wachsen nicht mit gleicher Geschwindigkeit. Laut Henderson et al. ist das tägliche Wachstum des Gehirns zu klein, um eine suturale Osteogenese suturale OsteogeneseOsteogenese:suturaleinduzieren zu können. Sie vermuten, dass andere biomechanische Mechanismen, wie angiogenetische Faktoren oder eine Mechanotransduktion durch die Dura mater, hierbei eine Rolle spielen (Henderson et al. 2004). Herring dagegen gibt an, dass der intrakranielle Druck durch das zunehmende Hirnvolumen quasi eine statische Traktionsbelastung (Hirnvolumen:Traktionsbelastung, statischeDehnung) in Höhe von 300 (Epsilon Längenänderung/ursprüngliche Länge) darstellt, die sich sowohl direktauf die Suturen als auch indirekt durch Mechanotransduktion über die Dura mater Mechanotransduktion:Dura materDura mater:Mechanotransduktionauswirken kann (Herring 2008).
Suturen Suturen:Flexibilitätverfügen eindeutig über eine größere Flexibilität als die umgebenden festeren Schädelknochen. In der Kiefer- und Gesichtsregion sind die Knochen, in Gegensatz zu den Schädeldachknochen, mehr dem allgemeinen Körperwachstum und besonders der Entwicklung des Kau- und Sprachapparates sowie der Mimik untergeordnet. Daher ist vor allem der Gesichtsschädel des Neugeborenen noch relativ wenig entwickelt. Seine definitive Form Gesichtsschädel (Viscerocranium):definitive Formerhält der Gesichtsschädel wie die Kieferregion erst nach dem vollständigen Durchbruch der Zähne, mit Ausbildung der Nasennebenhöhlen und vollständiger Funktionalität des Kau- und Sprechapparats sowie der Mimik.
Eine gute Entwicklung von Zähnen, Zähne:EntwicklungNebenhöhlen:EntwicklungKiefergelenke:EntwicklungKiefergelenken und Luftsinus (Nebenhöhlen) wird aus osteopathischer Sicht mit einer guten Beweglichkeit und relativen Spannungsfreiheit der Knochenverbindungen des Gesichtsschädels einhergehen!
Das Schädelwachstum ist um das 20. bis 25. Lebensjahr größtenteils abgeschlossen. Leider wird die Verknöcherung bzw. Beweglichkeit der Suturen und Schädelknochen ziemlich kontrovers beurteilt und zu diesem Zeitpunkt meistens als abgeschlossen bzw. komplett unbeweglich eingestuft (Kap. 11.5).
Das Stützgewebe (wie Knorpel, Knochen, Bindegewebe) ist lebendig und verhält sich damit funktionell und physiologisch direkt proportional zu seinen mechanischen Belastungen. Es passt sich äußerst genau an diese Beanspruchung an und ist daher stets sehr reaktiv und anpassungsfähig. Zugespitzt formuliert heißt das, das Gewebe von jetzt ist nicht das gleiche wie das Gewebe vorher. Da viele wissenschaftliche Untersuchungen an Knochen erstens an totem Gewebe und zweitens ohne die normale Belastung ausgeführt werden, sind es eigentlich nur Untersuchungen unter pathologischen Bedingungen.

Die Entwicklung des Schädels

Einleitung

Die Natur benutzt aus klassischer Sicht allgemein die Gestaltungskräfte und Bausysteme, die sich in der Vergangenheit bewährt haben und genetisch gespeichert wurden, und versucht sie individuell anzupassen. Ab dem Zeitpunkt, an dem sich die Knochen des Schädeldaches und des Gesichtsschädels zu entwickeln beginnen, entstehen artspezifische Unterschiede der Schädelform. So gesehen ist die Schädelbasis weniger artspezifisch konstruiert, das Schädeldach aber umso mehr. Beim Hai beispielsweise umschließt eine nahtlose Knorpelhülle das Gehirn. Beim Menschen dagegen befinden sich verschiedene Formen von Suturen in der knöchernen Hülle um das Gehirn. Diese Suturen haben eine weitaus spezifischere Aufgabe zu erfüllen als bis jetzt angenommen (Kap. 11.5).

Bewegliches Gehirn in einem beweglichen Schädel

Embryologie
Schon ab dem 8. Gehirn:bewegliches in einem beweglichen Schädelembryonalen Tag kann man zwei einfache Zellschichten (Epiblast und Hypoblast) beim Keim unterscheiden. Während der dritten Woche findet dann die Gastrulation statt, mit Bildung der drei Keimblätter KeimblätterEktoderm, EktodermMesoderm undMesoderm Entoderm.
EntodermDie Mesodermzellen, Mesodermzellenauch Mesenchymzellen Mesenchymzellengenannt, haben die Fähigkeit, sich zu differenzieren und zu proliferieren. Gegen Ende der 4. Embryonalwoche vereinigen sich die Neuralfalten desNeuralfalten Ektoderms zum Neuralrohr (NeuralrohrRückenmark), das zuallererst wie ein gerader Schlauch ausschaut.
Schon sehr früh in der embryonalen Entwicklung, nämlich kurz nachdem sich die Neuralplatte (Neuralplatteoder Neuralleiste) Neuralleiste s. Neuralplattezum Neuralrohr geschlossen hat, fragmentiert sich das Neuralrohr und bildet sozusagen Somiten oder UrsegmenteSomitenUrsegmente. Diese Metamerie oder Segmentierung Segmentierung:NeuralrohrNeuralrohr:Metamerie oder SegmentierungMetamerie oder Segmentierung:Neuralrohrbesteht am Ende der 5. Woche aus 42 bis 44 Somitenpaaren: 4 okzipitalen, 8 zervikalen, 12 thorakalen, 5 lumbalen, 5 sakralen und 8 bis 10 kokzygealen (Sinowatz 1999). Die Segmentierung reicht nicht bis zum Kopf, sondern endet in Höhe des okzipitalen Urwirbels.
An okzipitaler Urwirbelder Vorderseite des Kopfes erscheint eine besondere Gliederung, die am Rumpf fehlt und als Kiemenbögen Kiemenbögenbezeichnet wird. Es soll sich dabei nach klassischem Verständnis um mesoektodermale Zellen handeln, die aus der Neuralleiste in die zukünftige Kopf- und Nackenregion wandern und sich dort im Mesenchym weiter differenzieren und proliferieren. Beim Fisch entwickeln sich hieraus die Kiemen zum Atmen. Laut Blechschmidt sollen sie beim Menschen aber nur Korrosionsfelder Kiemenbögen:Korrosionsfelderdarstellen, in denen sich gebogene Spalten für die Viszeralbogenarterien und dazwischenliegende Kopfwandkerben bilden, die man irrtümlich als rudimentäre Kiemenspalten Kiemenspalten:rudimentäregedeutet hat (Blechschmidt 1976). Beim Menschen entwickeln sich 4 bis 6 solcher Wülste oder Kiemenbogenspalten, Kiemenbogenspaltenaus denen Ober- und Unterkiefer sowie später auch die Kaumuskeln und Gehörknöchelchen (Kaumuskulatur:Entwicklung aus den KiemenbögenGehörknöchelchen:Entwicklung aus den KiemenbögenMalleus, Stapes und Incus), der Zungenbeinbogen, das Os hyoideum, die mimische Muskulatur, Larynx, Pharynx, Tonsillen, Kiemenbögen:DerivateThymus, Schilddrüse und Nebenschilddrüsen hervorgehen.
Ab der 5. Woche beginnen sich am Kopfteil mehrere Erweiterungen (die drei primären Hirnbläschen), Hirnbläschen:primäreKrümmungen und Hohlräume zu bilden:
  • Großhirn Großhirn:Entwicklungoder Vorderhirn (Prosencephalon),

  • Vorderhirn (Prosencephalon):Entwicklung Mittelhirn Mittelhirn:Entwicklungoder Zwischenhirn (Mesencephalon),

  • Hirnstamm, Hirnstamm:EntwicklungStammhirn Stammhirn:Entwicklungoder Rautenhirn (Rhombencephalon).

Rautenhirn (Rhombencephalon):EntwicklungBis zu 250.000 Neuroblasten (Neuroblasten:Überlebenschancenundifferenzierte Nervenzellen) werden pro Minute neu gebildet. Die Überlebenschancen dieser Zellen hängen von ihrer sozialen Fähigkeit und ihrem Orientierungs- und Durchhaltevermögen ab. Fehlt ihnen der Kontakt zu benachbarten Zellen, gehen sie zugrunde. Eine einzige Nervenzelle kann bis zu 100.000 Synapsen bilden! Diese Verknüpfungen berühren sich aber nicht direkt, sondern lassen einen kleinen Spalt offen, und der wirkliche Kontakt findet entweder chemisch (über Neurotransmitter) Neurotransmitteroder elektrisch (über Aktionspotenziale) statt. Die Neuronen wachsen, wandern und knüpfen weitere Verbindungen. Dort, wo die Nervenzellen Nervenzellen:Entwicklunglanden und sich niederlassen, bekommen sie ihre Aufgabe zugeteilt. Die Neuronenwanderung Neuronen:Wanderungbestimmt also anscheinend die spätere Aufgabe, daher ist eine korrekte Wanderung dieser Nervenzellen entscheidend für die Entwicklung normaler Hirnfunktionen. Allerdings ist es bis heute noch teilweise ein Rätsel, was neben genetischen Faktoren die Ortsbestimmung und Routenplanung dieser Nervenzellen beeinflusst. Der Abstand, den manche Nervenzellen dabei sozusagen kriechend zurücklegen, entspricht erstaunlicherweise einem Fußweg von New York City bis nach San Francisco!
Auch die Hirnventrikel Hirnventrikel:Entwicklungentwickeln sich beim menschlichen Embryo weiter und passen sich dem Hirnwachstum an. Gegen Ende des sechsten Monats sind fast alle Nervenzellen (etwa 200 Milliarden) ausgebildet. Fast die Hälfte der Überproduktion an Nervenzellen wird wieder vernichtet, aussortiert und sozusagen recycelt (Abb. 11.2). In Fachkreisen wird dieser natürliche Ausleseprozess als neuronaler Darwinismus neuronaler DarwinismusDarwinismus, neuronalerbezeichnet. Nur diejenigen neuronalen Verknüpfungen, die sich ihrer Umgebung am besten angepasst haben und effiziente Aktionen einleiten, überleben.

Lernen und Üben

Amerikanische Neurobiologen verwenden in diesem Zusammenhang zwei Regeln: Gemeinsam feuernde Zellen verkabeln sich auch und Benutz es, oder verlier es. Das liefert uns eine Erklärung dafür, dass wir durch häufiges Üben und Denktraining Neues hinzulernen können, aber auch bestimmte Fähigkeiten und Funktionen (sprich Synapsen) wieder verlernen (verlieren) können, wenn wir sie nicht mehr üben bzw. ausüben.

Das Gehirn braucht genügend Anreize und neue Aufgaben, um seine Vernetzungen zu verfeinern, zu verbessern, erneuern und optimieren zu können.

Auch in der Osteopathie sollte man aktives Bahnen und Trainieren nicht vergessen!

Man unterscheidet allgemein zwei wichtige Zelltypen im Gehirn: einerseits die Nervenzellen selber und andererseits Gliazellen, die Funktionen und den Metabolismus der Nervenzellen sowie die Weiterleitungsgeschwindigkeit von Informationen der Nervenzellen kontrollieren.
Das Gehirn nach der Geburt
Bis zur Geburt wird also die Hardware des Megacomputers Gehirn aufgebaut und schon vor der Geburt wird damit begonnen, die ersten Software-Programme einzuspielen.
Der Hirnschädel hat sein Wachstum bei der Geburt schon zu einem guten Teil abgeschlossen (aber eben noch nicht endgültig!) – im Gegensatz zum Gesichtsschädel!
Das Gehirn wächst nach der Geburt nur noch langsam weiter und hat mit Beendigung des ersten Lebensjahrzehnts fast seine endgültige Größe erreicht. Hirnschädigungen können in den ersten Lebensjahren glücklicherweise noch besser ausgeglichen werden, weil sich das Gehirn rasch neu vernetzen kann.
Ausbau der neuronalen Vernetzung
In den ersten zwei Lebensjahren nehmen die interneuronalen Verknüpfungen infolge interneuronale Verknüpfungen:GehirnGehirn:interneuronale Verknüpfungender Dendritenbildung gewaltig zu. Um sich optimal entfalten zu können, braucht das Gehirn hier genügend Spannungsfreiheit.
Unsere Gehirn:SpannungsfreiheitKenntnisse über die Entwicklung dieser enorm komplexen Verbindungen stecken noch in den Kinderschuhen. Ichwürde gerne einige Fragen stellen, zu deren Beantwortung noch weitere Untersuchungen gebraucht werden:
  • Inwieweit wirken sich Spannungen in den Schädelknochen, in den Schädelknochen:SpannungenMeningen und den kranialen myofaszialen Anheftungen (M. sternocleidomastodeus, subokzipitale Muskulatur) sowie venöse Stauungsphänomene auf die Beweglichkeit der zarten Filopodien der Wachstumskegel (growth cones) und ihren Weg durch das dichte Neuroepithel aus?

  • Ist hierbei nur Chemotaxis (oder Chemotropismus) wichtig?

  • Inwieweit erschweren Spannungen und Stauungen im Hirngewebe die Übertragung chemischer und elektrischer Signale von der einen zur anderen Zelle?

  • Inwiefern erschweren die intrazerebralen Druckverhältnisse und die Durchsaftung und Dichte des Hirngewebes die Neuroplastizität und Neurogenese?

Gene, Stress und Immunsystem
Nach Angaben von Bauer und auch Ratey konnte experimentell gezeigt werden, dass bestimmte genetische Reaktionsmuster durch genetische Reaktionsmuster:GehirnGehirn:genetische ReaktionsmusterErlebnisse und Erfahrungen eingestellt werden können und sich daraus sehr interessante Wechselwirkungen zwischen seelischen und körperlichen Erkrankungen ergeben (Bauer 2002, Ratey 2003). Gene sind an sich keine Selbstzünder und führen auch kein Eigenleben, sondern müssen erst aktiviert werden, sie unterliegen daher einer fortwährenden Regulation ihrer Aktivität. Die Balance zwischen Stress und Immunsystem, zwischen Genen und Umwelt spielt hierbei eine außerordentlich wichtige Rolle!
Transkriptionsfaktoren (eine Art von kontrollierenden Ablesefaktoren der Gene), Nahrungsfaktoren (auch Gifte!), nichtstoffliche Signale (z. B. UV-Licht) und auch von unseren Sinnen wahrgenommene Signale entscheiden in einem komplexen Zusammenspiel darüber, ob ein Gen aktiviert oder abgeschaltet wird. So können erstaunlicherweise seelische und zwischenmenschliche Signale innerhalb weniger Minuten (!) Gene aktivieren oder abschalten (Bauer 2002).
Schmerzerfahrungen SchmerzerfahrungenGehirn:Schmerzerfahrungenhinterlassen in der Seele bzw. im Gehirn ihre Spuren in Form gewisser Inschriften oder Erinnerungen (neurobiologisch wird von Engrammen oder auch vom Schmerzgedächtnis gesprochen), die sogar längere Zeit stumm und inaktiv (schmerzfrei) bleiben können, ehe sie nach Jahren plötzlich wieder aktiv werden (Bauer 2002).
Ein ausgeglichenes Immunsystem kann Gene, die schwere Krankheiten auslösen oder entzünden könnten, in Schach halten. Durch Stress und Depression verändert sich laut Bauer nicht nur die Genaktivität zahlreicher Zytokine, sondern auch von Zellen des Immunsystems (insbesondere T-Zellen und Natural-Killer-Zellen), sodass deren Abwehrkraft gegenüber Krankheitserregern und Tumorzellen geschwächt wird. Chronischer Stress und Depressionen können die Anzahl und Funktionstüchtigkeit der Natural-Killer-Zellen um 50 %Stress:Natural-Killer-ZellenNatural-Killer-Zellen:StressDepression:Natural-Killer-ZellenNatural-Killer-Zellen:Depression vermindern (Bauer 2002). Deswegen ist es wichtig, als ganzheitliche Behandlungsstrategie auch das Immunsystem zu stärken und Stress abzubauen.
Jätarbeit im Gehirn
Das Gehirn und der Schädel sollen buchstäblich beweglich genug sein, um optimale Verknüpfungen zu ermöglichen. Es sei hervorgehoben, dass hierbei hypothetisch auch die Verschiebung von intrakraniellen Flüssigkeiten (Blut Gehirn:Verschiebung von intrakraniellen Flüssigkeitenund Liquor cerebrospinalis) eine wesentliche Rolle spielt. Spannungen lassen Gehirn:Spannungensich mit Unterstützung sanfter manueller, osteopathischer Techniken erfahrungsgemäß sehr gut und schnell reduzieren, wodurch eine Retardierung der (nicht nur motorischen) Entwicklung verhindert werden kann. Hierzu sind sicherlich weitere wissenschaftliche Untersuchungen angebracht.
Nach dem 2. Lebensjahr nimmt die Zahl der Verknüpfungen nicht mehr sehr zu, sondern jetzt wird sozusagen ausgedünnt und gelichtet; viele Nervenverbindungen und auchGehirn:Nervenverbindungen Nervenzellen gehen zugrunde, während die bestehenden Kontakte verstärkt werden. Das Gehirn des Kindes verbraucht für diese Jätarbeit etwa doppelt so viel Glukose wie das Gehirn des Erwachsenen. Beim Erwachsenen entsteht zwar ein gut eingefahrenes, aber gleichzeitig auch weniger anpassungsfähiges Nervennetz. Neuere Untersuchungen zeigten, dass sich das ganze Leben lang, abhängig von der Übungsintensität, neue Neuronen bilden können (Shors et al. 2002).
Andererseits müssen beispielsweise Säuglinge, die krankheitsbedingt nicht sehen können, innerhalb der ersten 6 Monate behandelt werden, weil das Gehirn sonst nicht sehen lernt und keine Verbindungen zwischen Netzhaut und verarbeitenden Hirnteilen aufgebaut werden, was sich in einer dauerhaften Sehschwäche oder sogar Blindheit äußern kann! Man kann also nicht früh genug anfangen, dem Gehirn optimale Möglichkeiten und Freiheiten zur Entfaltung (sowohl geistig als auch körperlich!) zu verschaffen.
Eine gute Mobilität (oder besser gesagt: Spannungsfreiheit) der Schädelknochen, der Schädelknochen:SpannungsfreiheitMeningen und Schädelflüssigkeiten scheint für die Entwicklung des Gehirns und für eine optimale Vernetzung der Informationsflüsse nicht unwichtig zu sein. Dazu bedarf es allerdings noch einer wissenschaftlichen Bestätigung!

Entwicklung des Schädels

Embryologie
Beim Embryo geht der Kopf nochSchädel:Entwicklung ohne Zwischenschaltung eines Halses in den Rumpf über.
Aus funktioneller und didaktischer Sicht möchte ich vereinfacht drei funktionelle Anlagen des Schädels unterscheiden, die wir nachher einzeln besprechen:
  • •1.

    Schädelbasis (knorpelige Anlage)

  • •2.

    Schädeldach (bindegewebige Anlage)

  • •3.

    Gesichtsschädel (gemischte Anlage: bindegewebig und knorpelig).

Bei der Geburt bestehen die Schädelknochen aus mehreren Teilen, die durch Bindegewebe miteinander verbunden sind.
Die Schädelbasis
In den Furchen zwischen Schädelbasis:Entwicklungden Hirnabschnitten wird das Stroma im Wachstum behindert und gestrafft. Das gestraffte Gewebe bildet dabei ein kräftiges Gurtsystem, das Teile der Dura mater, nämlich die Falx cerebelli, die Falx cerebri und das Tentorium cerebelli, umfasst.
Verdichtende und auflösende Gestaltungskräfte
An der Basis des Gehirns sind die Duragurte zur bindegewebigen Schädelbasis Schädelbasis:Gesraltungskräfte, verdichtende und auflösendeverflochten (Blechschmidt 1978). Durch das stark zunehmende Wachstum des Gehirns wird die Schädelbasis abgeflacht, und unter der Einwirkung verdichtender Gestaltungskäfte entsteht dort zuerst ein sogenannter Vorknorpel und daraus dann ein Knorpel. Die Schädelbasis Schädelbasis:Vorknorpelentwickelt sich also überwiegend enchondral, d. h. durch verdichtende Gestaltungskräfte aus einem Zusammenschluss mehrerer Knorpelanlagen.
Die ersten Schädelknochen liegen am Rand der knorpeligen Schädelbasis. Dort sind auflösende Gestaltungskräfte wirksam, die das Gewebe entwässern und die auch im bindegewebigen Schädeldach wasserarmes Gewebe in Form von Knochenkernen Schädelbasis:KnochenkerneKnochenkerne:Schädelbasisentstehen lassen. Mit Zunahme des Gehirnumfangs werden die Schädelknochen sowohl an der Schädelbasis als auch im Schädeldach auseinandergeschoben, was zu Gleitbewegungen des Gewebes führt und Reibung zwischen den auseinandergleitenden Schichten verursacht, wobei Flüssigkeit herausgepresst wird. Die Knochenbildung in diesen Entwässerungsgebieten geht durch den Anbau von neuem Knochengewebe radiär von diesen Knochenkernen aus. Es bilden sich Knochenbälkchen oder Trajektorien, die Schädelbasis:Knochenbälkchen oder Trajektorienaufeinander zu wachsen und zum Zeitpunkt der Geburt in Form von Synchondrosen miteinander verbunden sind.
Enchondrale Ossifikation der Schädelbasis
Die enchondrale Ossifikation dient Schädelbasis:enchondrale Ossifikationenchondrale Ossifikation:Schädelbasisbei Röhrenknochen vor allem dem Längenwachstum.
Die kartilaginösen (knorpeligen) Teile der Schädelbasis sind:
  • Pars basilaris des Os occipitale

  • Os Pars:basilaris (Os occipitale)sphenoidale, außer Os:sphenoidalevertikalen Teilen der Alae majores

  • Os ethmoidale

  • ParsOs:ethmoidale petrosa ossis temporalis.

Es ist Pars:petrosa ossis temporalisbeispielsweise wichtig, darauf hinzuweisen, dass sich der Processus mastoideus Processus:mastoideuspraktisch erst postnatal unter der Zugbelastung des M. sternocleidomastoideus bildet. M.:sternocleidomastoideusDas bedeutet, dass der N. facialis bei der N.:facialisGeburt noch relativ ungeschützt aus dem Foramen stylomastoideum austritt.
Die enchondrale Verknöcherung der Knorpelanlagen der Schädelbasis verläuft wie bei den Knochen des Skeletts und ist erst zwischen dem 20. und 25. Lebensjahr abgeschlossen. Nach der Geburt sprossen Gefäße in den glasig-transparenten Knorpel ein, die Bautrupps von Osteoblasten, Osteoklasten und Makrophagen anführen. Diese mineralisieren das Knorpelgewebe und nehmen Umbaumaßnahmen vor. Ausdifferenzierte Osteoblasten werden dann sozusagen in extrazellulärer Matrix eingemauert und befestigt. Knochen werden im Allgemeinen lebenslang aktiv umgestaltet und angepasst. Das Wachstum wird nicht nur durch genetische und endokrine Parameter bestimmt, sondern auch mechanische Faktoren sind daran beteiligt. Die intrauterine Lage, Geburt, Traumata und Spannungen, die auf den Kopf einwirken, können eine große Rolle in der Pathomechanik und weiteren Entwicklung des Schädels und des Schädelinhaltes spielen.
Das Schädeldach
Die membranösen Teile des Schädeldaches sind:
  • Schädeldach:membranöser TeilSchädeldach:EntwicklungPars squamosa des Os occipitale

  • Pars:squamosa (Os occipitale)Vertikale Teile der Alae majores ossis sphenoidalis

  • OssaAlae:majores ossis sphenoidalis parietalia

  • Os Os:parietalefrontale.

Die Os:frontale.Knochen des Schädeldaches, die Schädeldach:KnochenNasenhöhle, die NasenhöhlePars tympanica des Os temporale, die Pars:tympanica (Os temporale)Pars squamosa ossis temporalis, die Maxilla, die MaxillaMandibula (zum MandibulaTeil), das Os palatinum und das Os:palatinumOs zygomaticum Os:zygomaticumentstehen durch desmale Ossifikation. Es entwickeln sich fünf Verknöcherungsherde, nämlich die beiden Ossa frontalia, die beiden Ossa parietalia und das unpaare Os occipitale.
Desmale Ossifikation des Schädeldachs
Os:occipitaleDie desmale Knochenbildung verläuft Schädeldach:desmale Ossifikationschematisch gesehen in zwei großen Mustern:
  • Einerseits über eine Verdichtung und Verknöcherung bindegewebig vorgebildeter Knochen, die von Ossifikationszentren im Bindegewebe ausgeht.

  • Andererseits durch eine Stapelung von Knochenschichten auf der konvexen Seite der Schädelknochen des Schädeldaches.

Die desmale Ossifikation dient bei Röhrenknochen vor allem dem Dickenwachstum. Beim Schädeldach spricht man auch von einer Deckknochenbildung, weil Schädeldach:DeckknochenbildungDeckknochenbildung:Schädeldachsich schubweise neue Schichten der konvexen Außenfläche der Knochen anlagern. Gleichzeitig wird Knochenmaterial von innen durch Osteoklasten abgebaut und resorbiert, sodass die Dicke ungefähr konstant bleibt.
Im Bereich der bindegewebigen Ossifikationszentren dieser Schädeldach:OssifikationszentrenOssifikationszentren:SchädeldachKnochen verdichtet sich das Mesenchym typischerweise und wächst radiär (zentrifugal) nach außen. Die dichte extrazelluläre Matrix enthält ein Netzwerk dünner Bündel von Kollagenfibrillen. Die Mesenchymzellen differenzieren sich zu Osteoblasten, die das dichte Netzwerk in der extrazellulären Matrix mineralisieren und zu einem Osteoid (präossales Gewebe) umbauen.
Die Dicke der Schädelwand beträgt etwa 5 mm, ist aber individuell sehr unterschiedlich. Insgesamt vermehrt sich das Schädelvolumen von der Geburt an um das Dreifache. 85 % dieses postnatalen Volumenzuwachses finden im ersten Lebensjahr statt.
Verstärkungszonen des Schädels
Laut Schmidt verknöchern an der Schädelbasis zuerst Schädelbasis:Verstärkungszoneneinige Verstärkungszonen, die dem Wachstumsdruck des Gehirns standhalten (Von Lanz-Wachsmuth 2004).
Es handelt sich um folgende Verstärkungszonen:
  • zwei frontal gestellte Verstärkungszonen: die Partes petrosae ossis temporalis (Pars:petrosa ossis temporalisFelsenbeinpyramiden) und die Alae minores ossis sphenoidalis (kleine Alae:minores ossis sphenoidalisKeilbeinflügel)

  • eine sagittale Verstärkungszone in Form der Falx cerebri.

Da Falx:cerebri.zwischen diesen Verstärkungszonen die höchsten Druckwerte auftreten, entstehen demzufolge hier auch die ersten fünf Ossifikationszentren (Abb. 11.3):
  • auf beiden Seiten zwischen Falx cerebri und Ala minor ossis sphenoidalis jeweils ein Tuber frontale

  • auf beiden Seiten zwischen Falx cerebri und Pars petrosa ossis temporalis jeweils ein Tuber parietale

  • mittig zwischen beiden Partes petrosae ossis temporalis das Tuber occipitale (Tuber:occipitaleProtuberantia occipitalis externa).

Von Protuberantia:occipitalis externadiesen Ossifikationszentren aus wachsen strahlenförmig Knochenbälkchen aufeinander zu, sodass eine Art Pentagon-Figur (fünfzackiger Stern) gebildet wird (Abb. 11.3). Auf diese Weise kommen sich die Knochen gegenseitig näher. Embryologisch gilt dieser Zustand der anfänglichen bindegewebigen Knochenverbindungen:bindegewebigeKnochenverbindung im bindegewebige Knochenverbindungganzen Körper und ist nicht typisch für den Schädel.

Eisschollen im Meer

Ich möchte erneut eine Metapher benutzen und die Verknöcherung der Schädelstrukturen mit einem Meer aus Eisschollen vergleichen. Das allseitig vorhandene Bindegewebe entspricht dem Meer, und die Ossifikationszentren der Schädelknochen sind die Eisschollen, die langsam aufeinander zutreiben, sprich zusammenwachsen.

Schädelsuturen und Nahtränder
Zwischen den Suturen:EntwicklungSchädelsuturen:EntwicklungKnochenanlagen befindet sich differenziertes Bindegewebe, dessen Schädel:NahtränderKollagenfibrillen mineralisieren und damit Knochenbälkchen bilden, bis sich eine Verbindung der Schädelknochen untereinander aufgebaut hat. Die Knochenränder (Ränder der Eisschollen) nähern sich bis auf Millimeter einander an, und sind zunächst noch glatt oder wellig. Gelegentlich sind schon bald nach der Geburt zackige Schädelnahtränder zu erkennen. Gegen Ende des ersten Lebensjahres kommt es dann vermehrt zu einer Zähnelung der suturalen Ränder. Bis zum dritten Lebensjahr findet man vor allem eine Zähnelung der Sutura coronalis, der SuturaSutura:coronalis sagittalis und der Sutura:sagittalisSutura lambdoidea vor. Die Sutura:lambdoideaZacken der Schädelnähte werden danach länger und zwischen dem siebten und 14. Lebensjahr lagert sich vermehrt Kalk in sie ein. An Stellen, wo sich die Knochenplatten frühzeitig aneinandergelegt haben, entstehen zackige gezähnelte Suturen (Suturae serratae).
Es ist interessant zu beobachten, dass die Falx cerebri nicht am Bindegewebe der Fontanellen, sondern direkt an den begrenzenden Knochen festgeheftet ist. Damit sind die Schädelknochen eigentlich an den Meningen angeseilt. Die Meningen spielen daher als Spannungsmembran auch in der Osteopathie eine extrem wichtige Rolle. In der Therapie ist es wichtig, die Spannung dieser Membran in verschiedenen Faserrichtungen zu testen und zu behandeln (Kap. 19).

Aggregatzustände von Geweben

Hier möchte ich kurz eine interessante Sichtweise der Faszien erläutern. Typaldos vergleicht Knochen-Sehnen-Übergänge mit dem Übergang von Wasser zu Matsch und von Matsch zu Eis. Während das Band (Ligament) dem Wasser entspricht, vergleicht er die Übergangszone (Sehnenansatz am Knochen) mit Matsch und den Knochen mit Eis. Für ihn bauen also unterschiedliche anatomische Strukturen (Knochen – Ligamente) augenscheinlich auf unterschiedlichen Aggregatzuständen des Gewebes auf (Typaldos 1999).

Dementsprechend kann man vielleicht auch besser verstehen, dass Kompression wie eine bindegewebsverdichtende Gestaltungskraft bzw. Traktion wie eine auseinanderziehende Gestaltungskraft auf das Gewebe wirkt.

Traktion:auseinanderziehende GestaltungskraftKompression:bindegewebsverdichtende GestaltungskraftFaszien:BedeutungInbindegewebsverdichtende Gestaltungskraft:Kompression auseinanderziehende Gestaltungskraft:Traktionden Knochenverbindungen des Schädels (Suturen) kommt es dann natürlich auch zu unterschiedlichen Belastungen und starken Veränderungen des Bindegewebes, die verschiedene Formen von Gelenkverbindungen (Sutura plana, Sutura Sutura:planasquamosa und Sutura Sutura:squamosaserrata) entstehen Sutura:serratalassen (Kap. 11.5.1).
Fontanellen
Die desmale Knochenbildung des Schädels istFontanellen:Entwicklung zum Zeitpunkt der Geburt noch nicht abgeschlossen. Bis zur Geburt haben sich die Schädelknochen bis auf schmale Abstände angenähert und sind über bindegewebige Nähte (Suturen) miteinander verbunden. Dort, wo mehrere Knochen zusammentreffen, entstehen breite Bindegewebsspalten, die man als Fontanellen bezeichnet und die man als elastische Fenster betrachten kann.
Es gibt in der Literatur sehr unterschiedliche Angaben zum Verschluss der Fontanellen, und ich habe versucht, sie nachfolgend zusammenzufassen.
Zum Zeitpunkt der Geburt sind sechs Fontanellen vorhanden (Abb. 11.4):
  • Fonticulus anterior (Bregma), Bregma (Fonticulus anterior)mittig Fonticulus:anterior (Bregma)zwischen den beiden Teilen des Os frontale und den beiden Ossa parietalia, auf der Kreuzung der Sutura sagittalis mit der linken und rechten Sutura coronalis: Diese Fontanelle schließt sich meistens als letzte zwischen dem 9. und 20. Lebensmonat.

  • Fonticulus posterior (Lambda), Lambda (Fonticulus posterior)mittig zwischenFonticulus:posterior (Lambda) den beiden Ossa parietalia und dem Os occipitale, auf der Kreuzung der Sutura sagittalis mit der linken und rechten Sutura lamboidea: Diese Fontanelle schließt sich meistens als erste zwischen der 6. und 16. Lebenswoche.

  • Fonticulus sphenoidalis, links und rechts (Ptereion), ventrolateral Pterion(Fonticulus sphenoidalis, links und rechts)Fonticulus:sphenoidalis, links und rechts (Pterion)zwischen Os frontale, Os parietale, Os temporale und Os sphenoidale, auf der Kreuzung von Sutura coronalis, Sutura temporoparietalis und Sutura frontosphenoidalis. Diese Fontanelle schließt sich etwa in der 6. bis 24. Lebenswoche.

  • Fonticulus mastoideus, links und rechts (Asterion) dorsolateral Fonticulus:mastoideus, links und rechts (Asterion),Asterion (Fonticulus mastoideus, links und rechts)zwischen Os parietale, Os temporale und Os occipitale, auf der Kreuzung von Sutura lambdoidea, Sutura Sutura:lambdoideaparietomastoidea (temporoparietalis) und Sutura Sutura:parietomastoidea (temporoparietalis)occipitomastoidea (temporooccipitalis). Diese Sutura:occipitomastoidea (temporooccipitalis)Fontanelle schließt sich etwa in der 6. bis 24. Lebenswoche.

  • Eine zusätzliche Fontanelle auf der Sutura sagittalis zwischen der Sutura:sagittalisanterioren und posterioren Fontanelle kommt laut Davies nur selten vor (6 %) und deutet auf eine unvollständige Verknöcherung der Ossa parietalia hin. Sie wird oft in Verbindung mit anderen Knochenanomalien angetroffen (Davies 2000).

Fontanellen und Schädelnähte verhalten sich zum Zeitpunkt der Geburt einerseits wie eine Art von Bandscheiben, die Verschiebungen der Schädelknochen übereinander und in sagittaler Richtung ermöglichen, und andererseits wie Wachstumszonen. Aber die Verschieblichkeit der Schädelknochen macht sie auch anfällig für eine Verletzung.

Klinische Aspekte zu den Fontanellen

Wenn sich eine oder mehrere Fontanellen vorwölben, kann das auf einen erhöhten intrakraniellen Druck, einen Hydrozephalus, Meningitis, Hypothyreose oder ein Down-Syndrom hinweisen. Starke eingesunkene Fontanellen sprechen dagegen eher für einen erniedrigten intrakraniellen Druck.

Veränderungen der Fontanellen müssen dringend von einem Arzt untersucht werden.

Man sollte die Fontanellen äußerst behutsam mit den Fingerspitzen abtasten. Normalerweise sind sie glatt und weich. Eine spürbare arterielle Pulsation ist normal; immerhin ist die Bezeichnung als Fontanelle vom lateinischen Wort für Quelle abgeleitet, weil hier das Strömen des Blutes wie aus einer Quelle gefühlt werden kann.

Ein vorzeitiger Schluss der Fontanellen kann beispielsweise auf eine Kraniosynostose (Kraniostenose) oder eine kleidokraniale Dysostose hindeuten und sollte vom Arzt überprüft werden.

Fontanellen dürfen niemals als manuelle Therapiepunkte benutzt werden!

Spannungskräfte zwischen Schädelbasis und Schädeldach
raniosynostose (Kraniostenose)kleidokraniale DysostoseFontanellen:vorzeitiger VerschlussFontanellen:Vorwölbung, UrsachenAus meiner Sicht sind die Suturen nicht nur als Schädeldach:und Schädelbasis, SpannungskräfteSchädelbasis:und Schädeldach, SpannungskräfteWachstumszentren zu betrachten, sondern auch als Bereiche, die eine größere Elastizität (Compliance) des Schädels ermöglichen und als mechanische Pufferzonen zwischen dem belastungsunabhängigen Chondrocranium (Schädelbasis) und demChondrocranium belastungsempfindlicheren Desmocranium (Schädeldach) dienen (Desmocranium Kap. 11.5.5)!
Neben genetischen und endokrinen Parametern spielen Spannungen, sowohl Kompressions-, Traktions- als auch Scher- und Torsionskräfte/-spannungen eindeutig eine enorme Rolle für das Aktivieren des Bindegewebes. Denken Sie dabei etwa an die interne Spannungsübertragung durch die Dura mater und die externe Spannungsübertragung durch die inserierenden Muskelansätze!
Wichtig sind auch der Geburtsvorgang und die intrauterine Lage. Beckenprobleme der Schwangere (z. B. Blockierungen der Beckengelenke), eine Hypertonie des Zwerchfells oder starke, langanhaltende Wehen können eine enorme Belastung für den kindlichen Schädel darstellen. Engpasssyndrome von Hirnnerven können Schluck- und Hirnnerven:EngpasssyndromeSaugstörungen (N. glossopharyngeus SchluckstörungenSaugstörungenDysphagieund N. hypoglossus) oder funktionelle Störungen des Mageneingangs- bzw. -ausgangssphinkters (N. vagus) verursachen und Verdauungsstörungen und Blähungen bei Säuglingen manchmal erklären.
Der Gesichtsschädel
Der Gesichtsschädel (Viscerocranium) umfasst sowohl Gesichtsschädel (Viscerocranium):Entwicklungbindegewebige als auch knorpelige Knochenanlagen (Abb. 11.5).
  • Membranöse Anlagen des Gesichtsschädels: Gesichtsschädel (Viscerocranium):membranöse AnlagenOssa zygomatica, Maxillae, Ossa palatina, Ossa lacrimalia, Ossa nasalia, Vomer und Os ethmoidale

  • Kartilaginöse Anlagen des Gesichtsschädels: Gesichtsschädel (Viscerocranium):kartilaginöse AnlagenMandibula, Septum nasale und Conchae nasales inferiores

Auch desmal und chondral entstandene Skelettanteile verschmelzen miteinander und bilden Großknochen. Das Os temporale besteht beispielsweise aus zwei enchondral und zwei desmal entwickelten Anteilen. Das Os sphenoidale hat membranöse Alae Os:sphenoidalemajores, Alae minores und Laminae mediales processus pterygoidei und einen Laminae:mediales processus pterygoideikartilaginösen Körper. Das Os temporale besitzt eine membranöse Pars squamosa, einen kartilaginösen Processus styloideus und eine kartilaginöse Pars petrosa. Das Os occipitale hat eine membranöse Os:occipitaleSquama occipitalis und eine kartilaginöse Pars basilaris.
Es ist spannend, auch noch das Wachstum der am Kopf ansetzenden Muskulatur zu betrachten. Laut Blechschmidt entwickeln sich Muskeln im Allgemeinen durch auseinanderziehende Gestaltungskräfte in sogenannten Dehnungsfeldern. Hier spielt die Schädel:DehnungsfelderDehnungsfelder:Schädelkraniale Wachstumsrichtung des Gehirns im Verhältnis zur Schädelbasis und die gleichzeitig im Verhältniszum Schädelbasis kaudale Wachstumsrichtung der Hals- und Brusteingeweide, zusammen mit dem Zwerchfell, eine wichtige Rolle (Blechschmidt 1978).

Die Rahmenkonstruktion des Schädels

Der Schädel ist nicht überall gleich stark belastbar (von Lanz-Wachsmuth 2004). Während die relative statische Bruchbelastbarkeit des Schädels mit etwa 1.000 bis 1.500 N/cm2 angegeben wird liegt die dynamische Bruchbelastbarkeit (z. B. bei einem Aufprall bei Autounfällen) zwischen 200 und 320 N/cm2 (Benninghoff-Drenckhahn 2003). Vor allem bei einer breit angesetzten Gewalteinwirkung auf den Schädel kann es zu Frakturen der Schädelbasis kommen, weil hier Zonen mit unterschiedlicher Schädelknochenstärke direkt nebeneinanderliegen. An der Schädelbasis befinden sich teilweise papierdünne Knochenlamellen neben Durchtrittsöffnungen für Gefäße und Nerven, die sich mit Längs- und Querbalken abwechseln. Wir werden deswegen den Schädel praktisch in verschiedene Kompartimente einteilen (Kap. 12).

Einflüsse auf die Formgebung des Schädels

Drei Muskelkomplexe spielen biomechanisch bei der Formentwicklung des Schädels eine wesentliche Rolle: die Kaumuskulatur, die Rachen- und Halsmuskulatur (zentrale Myofaszialkette) und die Nackenmuskulatur. Der Einfluss der Kaumuskulatur auf die Schädelgestaltung hat im Vergleich zum Urmenschen abgenommen, aber Angst- und Stressfaktoren sorgen für chronische Verspannungen (z. B. Bruxismus). Über den Einfluss der Nackenmuskulatur und des Zwerchfells mit der zentralen Sehne sollten wir uns wegen unserer sitzenden Lebensweise auch ernsthaft Gedanken machen!
Es wird allgemein angenommen, dass letztlich vor allem das Wachstum des Gehirns eine wichtige Rolle bei der Schädelgestaltung spielt. Durch die Vergrößerung des Gehirns um das Dreifache nimmt der Hirnschädel mehr und mehr eine Kugelform an. Der Schädel von neugeborenen Menschenaffen ähnelt beispielsweise sehr stark dem des Menschen. Während der weiteren Entwicklung sorgt aber der Einfluss der Nacken- und Kaumuskulatur dafür, dass der Schädel des Menschenaffen zunehmend von der anfänglichen Kugelform abweicht.
Wie oben bereits teilweise angedeutet, ist es wichtig, die Konstruktion des Schädels in die verschiedenen Elemente zu zergliedern. Das sind im Einzelnen:
  • viskoelastische Knochenpfeiler

  • dünnere elastische Knochenbögen

  • Zuggurtung durch die Meningen

  • myofasziale Ansätze

  • Nasennebenhöhlen als zwischengeschaltete, schwingungsfähige Hohlräume und

  • Dehnfugen oder Suturen

Pfeilerkonstruktion des Schädels

Der Schädel verfügt über eine Rahmenkonstruktion mit einigen Knochenpfeilern oder Trajektorien, die die großen Höhlen (Nasenhöhle, Nasennebenhöhlen, Orbita) umgeben (Abb. 11.6 und Abb. 11.7):
  • 1.

    Längspfeiler in Form von verdickten dorsoventralen Abschnitten in der Medianebene des Schädels, die von der Sella turcica nach kaudal ziehen, das Foramen magnum einrahmen und dann über den Sulcus sinus sagittalis superior bis zur Crista galli ziehen. Die Spannung der Falx cerebri bildet dabei zusätzlich einen Zuggurtungsmechanismus.

  • 2.

    Transversalpfeiler:

    • Vorderer Querbalken (Transversalpfeiler) im oberen Dach der Orbita

    • Mittlerer Querbalken (Transversalpfeiler) durch die Alae minores ossis sphenoidalis

    • Hinterer Querbalken (Transversalpfeiler) durch die Partes petrosae ossis temporalis

  • 3.

    Kaudruckpfeiler: Die Druckkräfte von Schneide- und Eckzähnen werden um die Schädelöffnungen (Orbita, Nasenöffnung) herum auf das Stirnbein, Scheitelbein und Schläfenbein übertragen. Der Quetsch-/Pressdruck kann im Mahlzahnbereich auf etwa 700 N und im Schneidezahnbereich auf etwa 200 N ansteigen (Benninghoff 2003):

    • Maxillapfeiler, die im Bereich der Eck- und Schneidezähne beginnen, leiten Druckkräfte mit Trajektorien über den Processus frontalis maxillae zum Os frontale.

    • Obere und untere Zygomaticus-/Jochbogen-Pfeiler leiten die Druckkräfte aus dem Bereich der Backenzähne mit Trajektorien über den Processus alveolaris maxillae zum Os zygomaticum und von dort über den Processus frontalis ossis zygomatici und den lateralen Orbitarand weiter zum Os frontale (obere Zygomaticus-Pfeiler) bzw. über den Arcus zygomaticus zur Basis des Processus mastoideus des Os temporale (untere Zygomaticus-Pfeiler).

    • Pterygoidpfeiler leiten Druckkräfte aus dem Backenzahnbereich über den Processus pterygoideus auf das Corpus ossis sphenoidalis weiter.

    • Mandibulapfeiler leiten Spannungen vom Unterkiefer zum Kiefergelenk weiter.

  • 4.

    Temporalis-/Schläfenpfeiler leiten Spannungen bogenförmig über die Lineae temporales des Os parietale zum Processus mastoideus weiter.

  • 5.

    Mastoidpfeiler dienen als Verstärkungen des Processus mastoideus

Kaudruckkräfte auf den Schädelknochen
Querbrücken verbinden diese Pfeiler miteinander und vervollständigen damit die Rahmenkonstruktion des Schädels. Die Bruchfestigkeit sämtlicher Pfeiler soll theoretisch zusammen etwa 6.000 kg betragen, der Kaudruck dagegen nur etwa 80 kg (von Lanz-Wachsmuth 2004). Interessant dabei ist, dass der Torus supraorbitalis oder Brauenwulst über den Augen, der beim Urmenschen typischerweise noch stark ausgeprägt war, beim modernen Menschen fast komplett verschwunden ist. Dieser Brauenwulst ist als eine Brückenkonstruktion zu verstehen, die den Druck der großen Kaukräfte auffängt und über das Schädeldach verteilt. Je breiter sich der Bogen spannt und je kräftiger der Kaudruck ist, desto stärker ist die Krafteinwirkung auf das Stirnbein, das den Druck auffängt. Beim modernen Menschen hat sich das Stirnbein durch die starke Entfaltung des Gehirns aufgerichtet und steht damit parallel zur Richtung des Kaudrucks. Dadurch kann das Os frontale die Krafteinwirkung des Kaudrucks besser verarbeiten, sodass sich beim modernen Menschen die Konstruktion eines Brauenwulstes erübrigt.
Schwachstellen in der Schädelrahmenkonstruktion
Zwischen den Pfeilerkonstruktionen befinden sich dünnere, schwächere Knochenschichten mit wenigen Trajektorien (Rosenbauer et al. 1998). Das hat zur Folge, dass Frakturen bevorzugt an diesen schwächeren Stellen auftreten. Auch intraossäre Spannungen bzw. viskoelastische Verformungen werden sich zuerst dort ansiedeln.
Ich möchte betonen, dass sich nicht nur dünnere Knochenschichten, sondern auch Foramina zwischen den Pfeilerkonstruktionen befinden. Darüber hinaus sind in dieser Rahmenkonstruktion Suturen als eine Art Dehnfugen zwischengeschaltet. EsSuturen:Dehnfugen ist interessant, sowohl die Rahmenkonstruktion des Schädels als auch die Suturen auf ihre intraossäre und suturale Beweglichkeit und Spannungsfreiheit zu untersuchen bzw. zu behandeln (Kap. 17). Wenn man sich außerdem überlegt, dass sich in den dünneren Knochenschichten, insbesondere der Schädelbasis, verschiedene Foramina befinden, durch die Spannungen der Rahmenkonstruktion:ForaminaForamina:Spannungen der RahmenkonstruktionNerven- und Gefäßleitbahnen hindurchziehen, dürfte die klinische Bedeutung klarwerden. Spannungen der Rahmenkonstruktion können sich auf diese Foramina auswirken und funktionelle Störungen, vor allem des venösen Abflusses, auslösen! Der Spannungsabbau im Bereich dieser Foramina nimmt daher eine besondere Stellung in der osteopathischen Behandlung ein.

Kraniale Suturen

Die Bezeichnung der Schädelnähte (Suturen) orientiert Schädelnähte:von-bisSchädelnähte:s. a. Suturensich Suturen:von-bisnormalerweise systematisch an den Namen der entsprechenden Knochen, die sie verbinden. Ausnahmen bilden die Sutura coronalis (zwischen Os frontale Sutura:coronalisund Ossa parietalia), die Sutura lambdoidea (zwischen Os Sutura:lambdoideaoccipitale und Ossa parietalia) und die Sutura sagittalis (zwischen den beiden Sutura:sagittalisOssa parietalia).

Knochenverbindungen und Suturen

Entstehung
Zwischen den Knochenanlagen Suturen:Entstehungbefindet sich SuturenSchädel:Knochenverbindungenembryologisch zuerst immer Mesenchym oder undifferenziertes Bindegewebe. Abhängig von den Einflüssen, denen sie unterliegen, entwickeln sich zwischen diesen Knochenanlagen dann mehr oder weniger gut bewegliche Verbindungen.
Das Bindegewebe zwischen den Knochenanlagen differenziert sich im Körper allgemein:
  • zu komplexeren und hochdifferenzierten Geweben, wie synoviales und knorpeliges Gewebe (Synovialgelenke),

  • zu spezialisiertem Bindegewebe (hyaliner Knorpel und Zwischenwirbelscheiben)

  • zu wenig differenziertem straffem Bindegewebe (Schädelsuturen).

Beim Schädel ist die Bildung der Knochenverbindungen sehr kompliziert, und man könnte sich fragen, worin denn die Funktion der Suturen eigentlich besteht.
Einteilung der Gelenke
Klassisch werden Suturen als Synarthrosen oder unechte GelenkeSynarthrosen:SuturenSuturen:Synarthrosen beschrieben. In der Arthrologie kann man folgende (etwas eigenartige) Einteilung der Gelenke finden:
  • Synarthrosen oder unechte Gelenke Synarthrosenohne Gelenkspalt, die auch als Amphiarthrosen oder Gelenke mit eingeschränkter Beweglichkeit bezeichnet werden. Man unterscheidet Articulationes fibrosae oder Syndesmosen (Bandhaften, bei denen eine Syndesmosen) (BandhaftenGewebebrücke aus straffem Bindegewebe die Knochen miteinander verbindet), Articulationes cartilagineae oder Synchondrosen (Articulationes:cartilagineaeKnorpelhaften, bei Synchondrosen (Knorpelhaften)denen hyaliner Knorpel die Knochen miteinander verbindet) und Hemiarthrosen oder Pseudoarthrosen Hemiarthrosen(Übergangsform zu PseudoarthrosenDiarthrosen). Synostosen sind dadurch Synostosengekennzeichnet, dass das Bindegewebe bzw. der Knorpel durch Knochen ersetzt wurde. Sie lassen keine Bewegung zu und wären per Definition nicht mehr zu den Gelenken zu zählen. Das wirft logischerweise die Frage auf, wozu die Natur überhaupt ein unbewegliches Gelenk vorsehen sollte statt gleich eine knöcherne Verbindung anzulegen?

  • Diarthrosen werden auch als DiarthrosenJuncturae synoviales oder echte Gelenke mitJuncturae synoviales Gelenkspalt bezeichnet.

Aus funktioneller Sicht kann man sich die Frage stellen, ob eigentlich nicht alle Gelenke nur einen gewissen (begrenzten) Bewegungsumfang und somit eine (physiologisch) eingeschränkte Beweglichkeit haben? Aus dieser Sicht erscheint die Bezeichnung einer Amphiarthrose eher unlogisch.
Aufbau und Mobilität der Suturen
Herring weist darauf hin, dass Suturen histologisch oft Suturen:MobilitätSuturen:AufbauKnorpel oder Faserknorpel enthalten und demzufolge eigentlich als Synchondrosen bezeichnet werden müssten (Herring 2008). Herring gibt auch an, dass Suturen durchaus über ein gewisses Maß an Mobilität verfügen und im Extremfall sogar synoviale Gelenkstrukturen haben, sodass man sie eigentlich auch als Diarthrosen (echte Gelenke) sehen müsste.
Letztendlich fasst Herring verschiedene Arbeiten über die Funktion der Suturen bei Säugetieren wie folgt zusammen: Die Funktion ist wichtig für die Morphologie und für das Wachstum der Sutur, aber nur sekundär für die Fusion der Sutur. Weil es nichts Einmaliges an der Konstruktion der Suturen von Säugetieren gibt, lautet ihre Hypothese, dass die Korrelation zwischen Funktion und Form der Suturen eigentlich gleichermaßen für alle Wirbeltiere gelten müsste (Herring 2008). Die meisten Suturen sind bei der Geburt einfach konstruiert. Mechanische Belastungen scheinen ein wichtiger Faktor für die weitere Umgestaltung der Suturen zu sein. So zeigten Untersuchungen von Hinton, dass sich der Knorpelanteil in der Sutura intermaxillaris bei Ratten verringerte, wenn sie weiches Futter erhielten, um Kaubewegungen der Backenzähne zu verhindern (Hinton, 1988).
Herring zufolge waren Belastung und Verformung der Suturen sowohl in vitro als auch in vivo größer als die der umgebenden Schädelknochen. Sie vergleicht den Schädel daher mit einer Konstruktion aus harten Ziegelsteinen, deren Fugen mit nachgiebigem Kitt gefüllt sind (Cohen 2000).

Bedeutung der Suturen

Man kann allgemein die These aufstellen, dass die Nachgiebigkeit (Compliance) der Suturen signifikante Bedeutung für die Biomechanik des Schädels haben muss.

Dazu gibt es aber widersprüchliche Meinungen. Für die einen sind Suturen dazu da, auf den Schädel einwirkende Kräfte zu dämpfen, während andere sie als Schwachstellen des Schädels betrachten.

Persönlich neige ich dazu, den Suturen neben ihrer Bedeutung als Wachstumfugen auch eindeutig eine Aufgabe bei der Verteilung der einwirkenden Belastungen und Spannungen zuzuschreiben. Zudem erlauben sie wohl auch eine gewisse Beweglichkeit zwischen den verschiedenen Bauteilen (Schädelknochen).

Einfacher dargestellt: Suturen erfüllen meiner Meinung nach die Aufgabe einer Dehnfuge (Bewegungs- oder Dilatationsfuge) oder eines Stoßdämpfers (Abb. 11.8)

Verschiedene Betrachtungsweisen von Suturen
Suturen:Nachgiebigkeit (Compliance)Suturen:BedeutungFür Persson et al. sind Suturen Artikulationen, die nur am Schädel gefunden werden (Persson et al. 1978). Von Pieckartz beschreibt die Schädelsuturen als Gomphosen (von Pieckartz 2001), während Benninghoff und Drenckhahn die Verbindungen zwischen Zähnen und Kieferknochen als Gomphosen definieren (Benninghoff-Drenckhahn 2003). Obwohl dieser Ansatz sehr interessant ist, steht Gomphosis aber eigentlich für Einkeilung. Deshalb könnte diese neue Terminologie meiner Meinung nach leider noch mehr Verwirrung über die Funktionalität von Suturen stiften.
Funktionelle Betrachtung von Suturen
Das Besondere an Suturen scheint mir darin zu Suturen:funktionelle Betrachtungbestehen, dass sie eine gewisse Stabilität (Belastungsfähigkeit) mit einer minimalen Mobilität (Abfederung und Ausgleich von Spannungen und Belastungen) verknüpfen.
Ich halte es deswegen für sinnvoller, die Funktion einer Sutur stärker zu betonen:
  • Eine Diarthrose leitet Belastungen in eine Diarthrosenanguläre Bewegung (Winkel-/Positionsänderung) der Gelenkteile um. Beispiele sind die Gelenke der Extremitäten.

  • Eine Synarthrose dagegen leitet einwirkende SynarthrosenBelastungen (Distorsionen während der Geburt, Auftreibung durch internen Druckanstieg, zyklische Belastungen beim Kauakt, traumatischer Stoß oder Aufprall) in innere (Spannungsänderung) oder intraossäre Spannungen und minimale Bewegungen um, sodass eine Anpassung an die Belastung möglich ist, ohne die Struktur zu zerstören. Als Beispiel kann man eine Sutur betrachten.

Ich vergleiche eine Synarthrose und damit auch eine Sutur daher mit einer Dehnfuge oder einem Stoßdämpfer in Form eines Nut- und-Feder-Mechanismus (Abb. 11.8 und Kap. 11.5.5Suturen:Nut-und-Feder-Mechanismus). Suturen verfügen über eine größere Flexibilität (Viskoelastizität) als die umgebenden steiferenSuturen:Flexibilität (Viskoelastizität) Schädelknochen. Zusätzlich darf man nicht vergessen, dass Suturen auch noch eine wichtige Aufgabe als Wachstumsfugen haben!
Verschiedene Formen von Suturen
Die Suturen werden klassisch nach der Suturen:FormenForm der entsprechenden Knochen in drei Typen eingeteilt: Sutura plana, Sutura squamosa und SuturaSutura:plana serrata.
Aus Sutura:squamosadieser Sicht könnte manSutura:serrata sich folgende Fragen stellen:
  • Ist eine Sutura plana (glatte Nahtverbindung), wie die Sutura internasalis, eher dazu konstruiert, Sutura:internasalisKompressionsbelastungen in senkrechter Richtung zu widerstehen und Translationen bei Schubbelastungen zu erlauben?

  • Ist eine Sutura squamosa (Schuppennaht), wie die Sutura:squamosaSutura squamosa Schuppennaht:s. Sutura squamosaossis temporalis, eher dazu konstruiert, Schub- und Kompressionsbelastungen (wie beim Kauen) zu widerstehen und gleichzeitig minimale Translationen zu erlauben?

  • Ist eine Sutura serrata (Sägenaht), wie die Sutura sagittalis, eher dazu konstruiert, Sutura:sagittalisSchubbelastungen und Translationen zu widerstehen und gleichzeitig Dekoaptationen zu erlauben (senkrechte Separationen der beiden suturalen Knochen, sodass der Suturspalt breiter wird)?

Persson et al. haben zwei strukturelle Muster in Suturen entdeckt (Persson et al. Suturen:strukturelle Muster1978):
  • kollagene Fasern, die sich senkrecht zu den Nahträndern ausspannen, und

  • kollagene Fasern, die eher parallel zu den suturalen Rändern verlaufen.

Sie fanden zudem noch zwei Typen einer initialen suturalen Obliteration:
  • Bei dem ersten Typ spannen sich dünne Knochenlamellen von einem Knochen zum anderen und überbrücken den Suturenspalt ganz oder teilweise. Wenn sich keine Brücke bildet, entsteht sozusagen eine Art Nut-Feder-Konstruktion.

  • Den zweiten Typ findet man fast ausschließlich in Form der Sutura palatina mediana mit unregelmäßig geformten, verkalkten kleineren Massen im Suturenspalt.

Faziale und kraniale Suturen
Laut Cohen und MacLean entwickeln sich Suturen:kranialeSuturen:fazialefaziale Suturen (Gesichtssuturen) anders faziale Suturenals kraniale GesichtssuturenSuturen (Cohen & MacLean 2000). Faziale Suturen sind von fibrösen periostalen Kapseln umgeben, die bereits in der 17. Embryonalwoche vollständig entwickelt sind. Außer der Sutura palatina mediana synostosieren faziale Sutura:palatina medianaSuturen nicht vor dem siebten oder achten Lebensjahrzehnt! Dagegen entwickeln sich die kranialen Suturen des Schädeldaches in einer kontinuierlichen fibrösen Membran und erhalten erst nach der Geburt eine fibröse Kapsel. Schädeldach-Suturen synostosieren anscheinend Schädeldach-Suturenwesentlich früher im Erwachsenenalter als die Suturen des Gesichtsschädels.
Weil physiologisch einwirkende Kräfte meistens über Mandibula, Maxilla und die Gesichtsknochen und weniger über das Schädeldach weitergeleitet werden, erscheint es funktionell vorteilhaft, dass die Suturen des Gesichtsschädels ein Leben lang funktionsfähig bleiben (eben als Dehnfugen!).
Anders ausgedrückt: Regelmäßige Bewegungen (z. B. beim Kauen, SchluckenSuturen:Bewegungen, Sprechen, Singen) erhalten die fazialen Suturen auch wirklich länger beweglich.

Morphogenese der kranialen Suturen

Eine aktive Sutur besteht histologisch aus Suturen:Morphogenesedrei Zonen (Fanghänel & Preuße 2004, Herring 2008):
  • einer lateralen, an den Knochen angrenzenden osteoblastischen Zellschicht

  • einer fibrösen Schicht mit straffen Kollagenfasern, extrazellulärer Matrix, Wasser und verschiedenen Zelltypen

  • einer medianen Schicht mit Blutgefäßen, Nervenendigungen und Nozizeptoren, in der sich die Kollagenfasern der beiden Seiten vereinen.

Diploe-Form der Schädelknochen
In den ersten Lebensjahren sind die Schädelknochen dünne einschichtige Knochen. Die erwachsene Diploe-Form mit ihrem dreischichtigen Schädelknochen:Diploe-FormDiploe-Form:SchädelknochenAufbau aus Lamina externa, Diploe und Lamina interna entwickelt sich erst ab dem 3.–4. Lebensjahr. Das Schädeldach besteht größtenteils aus platten Schädelknochen, die ab dem 3.–4. Lebensjahr mit zwei kompakten Knochenschichten und einer spongiösen Zwischenschicht komplett ausgebildet sind (Abb. 11.9). Im ersten Lebensjahr fehlt die Lamina interna und stattdessen sind unreife Knochenbälkchen vorhanden (von Lanz & Wachsmuth 2004). Die kompakten Knochenschichten werden als Lamina externa und Lamina interna und die Lamina:externaspongiöse Lamina:internaZwischenschicht als Diploe bezeichnet.
In der Diploe verlaufen die klappenlosen Vv. diploicae, die in Form von Vv. emissariae Anastomosen zwischen dem Schädelinneren und dem Schädeläußeren bilden. Für diese Diploevenen sind Knochenkanäle in den Schädelknochen ausgebildet, die bei Jugendlichen einen Durchmesser von 0,3–0,5 cm aufweisen können (von Lanz & Wachsmuth 2004). Besonders bei älteren Menschen können variköse Ausweitungen der Diploevenen vorkommen, und eine der Vv. diploicae frontales kann beispielsweise am inneren Lidwinkel des Auges als dicke variköse Vene unter der Haut hervortreten (von Lanz & Wachsmuth 2004).
Die Vv. diploicae überschreiten die Suturen und münden in die Sinus durae matris und die Vv. emissariae. Die Suturae cranii bestehenVv.:emissariae grundsätzlich aus Bindegewebe, das mit dem Periost der Schädelknochen verwachsen ist. Dazwischen bleibt ein Spalt von etwa 250 m frei, dessen Spaltbreite von intrasuturalen Bindegewebsfasern aufrechterhalten wird.
Gewebe-Interaktionen in Suturen
Das Entfernen der Dura mater führt beim Fötus Gewebe-Interaktionen:Suturenzu einer Fehlentwicklung und frühzeitigen Obliteration (Verschluss) der Suturen.
In der Morphogenese von Suturen spielen Gewebe-Interaktionen, insbesondere der Dura mater, eine bedeutende Rolle (Ogle et al. 2004):
  • Interzelluläre Signale durch die Produktion von Zytokinen (z. B. Fibroblast growth factor [FGF] und Transforming growth factor [TGF]) beeinflussen die Funktionen der unterschiedlichen Zellpopulationen. Zellen an den Rändern der Suturen scheint hierbei eine besondere Rolle zuzukommen.

  • Mechanische Signale: Intrinsische Spannungskräfte in der Größenordnung von Pico- bzw. Nano-Newton, die in der Dura mater wirksam sind, stimulieren durch Mechanotransduktion Zellen dazu, sich zu differenzieren und verschiedene Zellpopulationen hervorzubringen. Diese Zellen besitzen Mechanorezeptoren in ihrer Zellmembran und sind sozusagen in der umgebenden extrazellulären Matrix aufgehängt. Da die mechanischen Signale verschiedene chemische Signalwege innerhalb der Zellen aktivieren, kann sich der Funktionszustand der Zellen verändern, beispielsweise in Richtung einer Differenzierung, Reparatur, Formänderung, Proliferation oder Apoptose.

  • Transformierte Zellen, die zu den Suturen wandern: Während Fibroblasten-ähnliche Zellen Kollagen produzieren und die Sutur offenhalten, lagern Osteoblasten Knochensubstanz im suturalen Randbereich ein, die Osteoklasten wiederum absorbieren. Darüber hinaus findet man auch eine Anzahl apoptotischer Zellen innerhalb der Sutur.

Verschiedene Autoren weisen darauf hin, dass sich die Struktur der Suturen nicht nur von Sutur zu Sutur unterscheiden, sondern sich auch im Laufe der Zeit verändern kann (Cohen & MacLean 2000). Nach Angaben von Herring verfügen Suturen über eine unabhängige Wachstumskapazität, sodass sich die suturale Morphologie und das suturale Wachstum leicht modifizieren lassen (Herring 2008). Herring vermutet auch, dass die Suturen von Säugetieren durch die kräftigen Kaubewegungen zu einer effizienten Transmission von Kräften/Belastungen beschaffen sind. Immerhin bilden Suturen ja Bereiche von größerer Flexibilität und Energieabsorption als die steiferen Schädelknochen. Da Suturen Kollagenfasern, Matrixmoleküle (Proteoglykane, Glykoproteine) und Wasser enthalten, verhalten sie sich viskoelastisch.
Verschiedene Arten mechanischer Belastung von Suturen
Die mechanischen Eigenschaften scheinen in den verschiedenen Suturen zu variieren und auch von Suturen:mechanische Belastungender Richtung einwirkender Belastungen abhängig zu sein. So ist beispielsweise die interfrontale Sutur einwöchiger Ratten weniger steif als die koronalen oder sagittalen Suturen (McLaughlin et al. 2000).
Der Schädel und die Suturen unterliegen allgemein drei Arten von Belastungen (Herring 2008):
  • 1.

    Plötzliche Krafteinwirkung von außen, z. B. Traumata, Suturen:plötzliche KrafteinwirkungStürze und Schläge auf den Kopf

  • 2.

    Zyklische Belastung wie beim Kauen und Schlucken oder durch das Pulsieren von Blutgefäßen: Manche Suturen unterliegen während des Kauaktes einer Kompression (z. B. die Sutura nasofrontalis des Schweines), andere einer Traktion oder Separation (z. B. die Sutura zygomatica des Schweines) und wieder andere beidem, einer Kompression und Separation (z. B. die Sutura coronalis beim Schwein).

  • 3.

    Relativ statische Belastung durch die Spannung der umgebenden Weichteile und myofaszialen Strukturen, aber auch durch Zahnspangen. Im Bereich der Gesichtssuturen kann die Belastung direkt einwirken, weil hier die Dura-mater-Auskleidung fehlt! Durch einen intrakraniellen Druckan

  • stieg, wie beim Hydrozephalus, Suturen:intrakraniellen Druckanstiegintrakraniellen Druckanstieg:Suturenscheinen die Suturen:HydrozephalusHydrozephalus:SuturenSchädelknochen eher dünner zu werden und die Suturen offen zu bleiben, weil sich die Belastung der Suturen eher als Traktion und weniger als Kompression gestaltet. Eine Erniedrigung des intrakraniellen Drucks, wie bei Mikrozephalie, sorgt eher für dickere MikrozephalieSchädelknochen und eine Synostosierung der Suturen, weil sich die Belastung Synostosierung:SuturenSuturen:Synostosierungeher als Kompression weniger als Traktion gestaltet.

Während des Geburtsvorgangs schieben sich die Ossa parietalia sanft über das Os frontale und das Os occipitale, während die Ossa temporalia über die Ossa parietalia und das Os sphenoidale gleiten. Auch die Symphysis sphenobasilaris ist da noch bindegewebig und kann wie eine Art Dehnfuge Belastungen und Spannungen ausgleichen. Die frühkindlichen Schädelknochenstrukturen sind insgesamt noch viel weicher als beim Erwachsenen.
Verzahnung der Suturen
Erst mit der Verzahnung der Suturen entsteht ein Suturen:VerzahnungIneinandergreifen der Nahtränder. Mit zunehmendem Wachstum des Gehirns werden die mechanischen Spannungen der Schädelwände beim Kind immer stärker. Wenn der Druck die Grenze der Materialspannung, an der sich Bindegewebe in Knochen umwandelt, überschreitet, beginnt die Ossifikation. Die Verzahnung der Suturen beginnt aus klassischer Sicht etwa im dritten Lebensjahr und dauert ungefähr bis zum Ende des sechsten Lebensjahrs. Man vermutet aber, dass die Art der Bewegungen, die in Suturen stattfinden, den Aufbau ihrer Nähte bestimmen wird. Eine frühe sowie lebenslange Mobilisation der Schädelknochen wird also wahrscheinlich auch die Beweglichkeit und Verzahnung der Suturen beeinflussen. Bei Schweinen und Fischen ließ sich eine stärkere Verzahnung bei Suturen unter Kompressionsbelastung als bei Suturen unter Traktionsbelastung feststellen (Herring & Ochareon 2005, Herring 2008).
Mechanische Belastung und suturales Wachstum
Wolff hat bereits 1892 das Gesetz der Suturen:WachstumKnochentransformation formuliert (Rauber & Kopsch Suturen:Gesetz der KnochentransformationGesetz der Knochentransformation:Suturen1987). Er erklärte es damit, dass lebendige Knochen ihre Form und Masse selber aktiv bestimmen, um angemessen auf äußere Einflüsse reagieren zu können. Knochen passen sich sozusagen mit der Zeit teils an gewohnheitsmäßige Haltungen und oft wiederholte Bewegungen an. Das Wolffsche Gesetz besagt, dass der Knochenbau abhängig von der Funktion ist. Menge und Verteilung des Gewebes und die Ausrichtung der Knochenbälkchen stellen eine Reaktion auf äußere Einflüsse dar. Auch Pauwels hatte bereits 1950 mit seiner Theorie der kausalen Histogenese angedeutet, dass Knochen Theorie der kausalen Histogenesefunktionell anpassungsfähig sind (Pauwels 1950). Das bedeutet, dass die Differenzierung des Mesenchyms zu Bindegewebe bzw. zu Stützgewebe vom Verformungszustand und damit auch von der Belastung abhängig ist.
Pränatal handelt es sich sowohl bei der enchondralen als auch bei der desmalen Osteogenese des Schädels immer um Ossifikationszentren oder Knochenanlagen, die aufeinander zu wachsen, um dann letztendlich eine Knochenverbindung aufzubauen. Wie oben bereits angedeutet, entwickeln sich die Knochen und Knochenverbindungen aus dem Mesenchym. Die Mesenchymzellen sind eher in 3-D-Verbänden und weniger als Fläche angeordnet. Zudem sind die Interzellulärräume typischerweise weit und die Matrix stets mit Proteinfibrillen gefüllt. Am Anfang befindet sich also undifferenziertes Mesenchym zwischen den zukünftigen Knochen.
Mechanische Belastungen haben nicht nur auf das Skelett selber, sondern auch auf die Knochenverbindungen Einfluss. Die meisten Wissenschaftler nehmen an, dass das Knochenwachstum im suturalen Bereich eine kompensatorische Antwort auf die Kräfte darstellt, die diese Knochen voneinander entfernen (Cohen 2000). Während eine Traktionsbelastung das suturale Wachstum Suturen:Traktionsbelastungankurbelt und für breitere, fibröse Suturen mit dünneren, langgestreckten Knochen sorgt, wird das suturale Wachstum durch eine Kompressionsbelastung hingegen gebremst oder sogarSuturen:Kompressionsbelastung eine Fusion (Synostosierung) gefördert, sodass sich enge Suturen mit dickeren Knochen aufbauen (Herring 2008).
Als die Orthodontisten Herring et al. die kranialen Suturen von Schweinen beim Kauen untersuchten, fanden sie Biegungsbewegungen in Höhe der Suturen, wobei die Spannungskräfte dazu führten, dass die ektokraniale (Außen-)Fläche derSuturen unter Traktion und die endokraniale (Innen-)Fläche der Suturen unter Kompression stand (Herring et al. 2000).Suturen:Kompression
Einfluss der Belastung auf Struktur und Verzahnung der Suturen
Nach Angaben von Cohen und MacLean sind komprimierte Suturen histologisch durch eine Knochenresorption entlang den Nahträndern gekennzeichnet, während faziale Suturen (Gesichtssuturen) unter Traktionsbelastung ein Knochenwachstum entlang den Nahträndern und eine Verbreiterung des Spaltes zeigen (Cohen & MacLean 2000). Verschiedene Belastungstypen beeinflussen den Grad der Verknöcherung, aber auch die Fibroblastenaktivität im suturalen Bindegewebe inFibroblastenaktivität:SuturenSuturen:Fibroblastenaktivität unterschiedlichem Maße. Das führt dazu, dass Suturen individuell aufgebaut sind und sich sogar Zwischenknochen (Ossa incae) entwickeln können (Abb. 11Suturen:Zwischenknochen (Ossa incae).10). Wenn die Belastungen sich abwechseln, normalisiert sich die Sutur histologisch. Je länger eine Sutur offen bleibt, desto gezahnter und unregelmäßiger wird ihre Form sein (Abb. 11.11 und Abb. 11.12).
Herring und Mucci untersuchten die Sutura zygomaticosquamosa zwischen dem Processus Sutura:zygomaticosquamosazygomaticus und dem Os temporale von Schweinen (Herring & Mucci 1991). Diese Sutur besteht bei Schweinen aus einem vertikalen und einem horizontalen Segment. Durch Messungen der suturalen Verformung bei Kaubewegungen fanden sie heraus, dass im Suturen:Verformung bei Kaubewegungenvertikalen Segment Kompressionsbelastungen und im horizontalen Segment Traktionsbelastungen vorherrschten. Das vertikale Segment dieser Sutur ist breitflächig mit Fasern verflochten (interdigitierender Kontakt), die so orientiert sind, dass sieSuturen:interdigitierender Kontakt einer Kompressionsbelastung widerstehen können. Das horizontale Segment dagegen bildet eine einfache Nut-und-Feder-Verbindung und verfügt über Fasern, dieSuturen:Nut-und-Feder-Verbindung vor allem einer Traktionsbelastung widerstehen können. Die Struktur der Sutur spiegelt damit anscheinend das vorherrschende Belastungsmuster wider.
Die postnatalen Formveränderungen des Schädels kann man schematisch in dreiSchädel:Formveränderungen, postnatale Wachstumsprozesse aufteilen: suturales, chondrales und periostales Wachstum (Fanghänel & Preuße 2004):
  • Das suturale Wachstum spielt sich an den Knochenrändern durch ein Aufstapeln von Knochenschichten in den Schädelnähten ab. Opperman wies darauf hin, dass nur unter Anregung durch externe Stimuli (z. B. durch das expandierende Neurocranium) neues Knochengewebe an den suturalen Rändern angelagert wird (Opperman 2000).

  • Das chondrale Wachstum findet interstitiell im Bereich der Synchondrosen statt.

  • Beim periostalen Wachstum werden wiederum Knochenschichten aufeinandergestapelt, aber jetzt im Bereich des Periostes. In Synchondrosen sind die Knochenränder glatt. Bei Suturen sind die Knochenränder hingegen miteinander verzahnt.

Der Schädel als Tensegrity-Struktur
In neueren Publikationen werden die Suturen als spezifische Tensegrity-Struktur:SchädelSchädel:Tensegrity-Strukturbindegewebige Artikulationen des Schädels bezeichnet (Mao et al. 2003, Persson 1995). Diese Untersuchungen deuten darauf hin, dass sich die Biomechanik der Suturen gegenüber mechanischen Belastungen behaupten muss, die sowohl aus natürlichen (Kaubewegungen) als auch aus exogenen Krafteinwirkungen (Traumata) bestehen. Die Suturen bedienen sich dabei sogenannter Strain gauges (Dehnungsmessstreifen), die sie überspannen. Suturen:Strain gauges (Dehnungsmesser),Strain gauges (Dehnungsmesser):SuturenMechanische Belastungen werden nicht direkt im Schädel übertragen, sondern durch die verschiedenen Suturen hauptsächlich in Traktions- oder Kompressionsspannungen umgewandelt. Der Schädel kann also durchaus als Tensegrity-Struktur betrachtet werden. Hypothetisch könnten mechanische Belastungen das suturale Wachstum regulieren und damit neue Behandlungsansätze bieten (Mao et al. 2003).
Kollagenfibrillen im Bindegewebe, Knorpel und Suturen:KollagenfibrillenSchädel:KollagenfibrillenKnochen sind gleichermaßen in Richtung der größten Dehnung orientiert! Überlastung kann demzufolge zu einer Aktivitätshypertrophie und zu Überlastungserscheinungen führen, fehlende Belastung dagegen zu einer Inaktivitätsatrophie des Gewebes.

Vergleiche zum besseren Verständnis

Es lässt sich bei einem Körper, der aus verschiedenen Geweben und Strukturen besteht, nicht immer ohne Weiteres angeben, welche Belastung welche Verformung bewirkt. Dass in der Literatur Begriffe wie Belastung (Stress) und Verformung (Strain) häufig gleichgesetzt werden, erleichtert auch nicht gerade das Verständnis.

  • Hier ein anschauliches Beispiel: Drücken Sie einen mit Wasser gefüllten Ballon zusammen. Dabei werden zwar Teile komprimiert, aber gleichzeitig andere Teile gedehnt und Flüssigkeit verschoben!

  • Stellen Sie sich den Schädel nun wie einen Wasserballon vor!

  • Schädelknochen sind mit einer leicht gewölbten Platte vergleichbar: Eine Biegung zur konkaven Seite führt zu einer Kompressionsbelastung auf der konkaven Seite und einer Traktionsbelastung auf der konvexen Seite der Platte. Bei einer Biegung zur konvexen Seite ist es umgekehrt, sie führt zur Traktionsbelastung auf der konkaven Seite und zur Kompressionsbelastung auf der konvexen Seite.

Durch Inaktivitätsatrophie:Synostierung von Suturendie Biege- und Zugkräfte, die im Knochen wirksam sind, entstehen Verschiebungen in der extrazellulären Matrix und damit auch Veränderungen der elektrostatischen Spannung ( piezoelektrischer Effekt). Wo weniger negative Teilchen vorhanden sind, werden Osteoklasten zum Knochenabbau angeregt, wo mehr negative Teilchen vorhanden sind, werden Osteoblasten zum Aufbau von Knochen angeregt. Das entspricht der sogenannten Deckknochenbildung, bei der schubweise neue Schichten an der Außenseite angelagert werden, wie beispielsweise beim Wachstum des Schädeldachs.
Ich möchte extra betonen, dass Spannungen in den Knochen den Austausch von Knochen:SpannungenFlüssigkeiten (Spannungen:Knochenund damit auch einen Druckausgleich) zwischen Schädelinnerem und Schädeläußerem erschweren können. Das Abtasten des Schädels, um nach Spannungen zu suchen, kann daher einen sinnvollen Untersuchungs- und Behandlungsansatz darstellen!

Die sechs großen Suturensysteme des Schädels

Man kann die Suturen interessanterweise zu sechs Systemen zusammenfassen (Abb. 11.13):
  • Suturen:SystemeDas koronale Suturensystem in der Frontalebene besteht aus der Suturen:koronalekoronale SuturenSutura coronalis und der Sutura sphenosquamosa (Sutura:coronalisdorsokaudalwärts) bzw. der Sutura:sphenosquamosaSutura sphenofrontalis (ventrokaudalwärts). Das koronale Suturensystem erstreckt sich vom Bregma bis zum Pterion und von dort über die Sutura sphenosquamosa einerseits zur Schädelbasis mit dem Foramen lacerum und der Symphysis sphenobasilaris (SSB) und andererseits zum Symphysis sphenobasilaris (SSB)Gesichtsschädel (Orbita) über die Sutura sphenofrontalis. Durch die Aktivität dieses Sutura:sphenofrontalisSuturensystems wird vor allem das Längenwachstum des Schädels gefördert (Scott & Dixon 1978).

  • Das lambdoidale Suturensystem in der Transversalebene besteht aus Suturen: ambdoidalelambdoidale Suturender Sutura lambdoidea und der Sutura occipitomastoidea.Sutura:lambdoidea Es erstreckt sich vom Lambda bisSutura:occipitomastoidea zur Schädelbasis mit dem Foramen jugulare und der SSB. Manchmal ist ein Interparietalknochen (Os incae) eingefügt (Abb. 11.10). Durch Interparietalknochen (Os incae)die Aktivität dieses Suturensystems wird vor allem das Wachstum des Hinterhauptes gefördert (Scott & Dixon 1978).

  • Das sagittale Suturensystem in der Sagittalebene besteht aus der Suturen:koronalekoronale SuturenSutura sagittalis, Sutura metopica (Sutura frontalisSutura:sagittalis), Sutura Sutura:metopicaSutura:metopicainternasalis und Sutura Sutura:frontalisintermaxillaris. Es Sutura:internasaliserstreckt sich vom Lambda überSutura:intermaxillaris das Bregma bis zur Sutura intermaxillaris und verbindet die drei frontal gestellten Suturensysteme (lambdoidales, koronales, kraniofaziales System) in der Medianebene miteinander. Durch die Aktivität dieses Suturensystems wird vor allem das Breitenwachstum des Schädels gefördert (Scott & Dixon 1978).

  • Das kraniofaziale Suturensystem trennt den Hirnschädel vom Suturen:kraniofazialekraniofaziale SuturenGesichtsschädel. Es besteht aus der Sutura frontonasalis, Sutura frontomaxillaris, Sutura Sutura:frontonasalislacrimomaxillaris, SuturaSutura:frontomaxillaris ethmoidomaxillaris, der Sutura:lacrimomaxillarisFissura orbitalis inferior Sutura:ethmoidomaxillarisund der Sutura Fissura:orbitalis inferiorzygomaticomaxillaris. Der Gesichtsschädel, dessen Form Sutura:zygomaticomaxillarisstark mit der Aktivität des Kau- und Sprechapparates sowie der Mimik zusammenhängt, wird erst nach der Geburt, etwa ab dem zweiten Lebensjahr, stärker ausgeprägt.

  • Das linke und rechte temporale Suturensystem verbindet sich jeweils mit der temporale SuturenSuturen:temporaleSutura squamosa. Es erstreckt sich von der SSB zumSutura:squamosa Foramen lacerum und von dort über die Sutura sphenotemporalis weiter zur Sutura squamosa, dann Sutura:sphenotemporaliszur Sutura occipitomastoidea, zum Foramen jugulare und zur Sutura:occipitomastoideaSutura petrobasilaris und letztendlich wieder bis zur Sutura:petrobasilarisSSB. Das temporale Suturensystem bildet ein wichtiges Stoßdämpfersystem für die Kiefergelenke! Es verbindet das lambdoidale Suturensystem in der Sagittalebene (links und rechts) mit dem koronalen Suturensystem.

Wissenschaftliche Untersuchungen zur Beweglichkeit der Schädelknochen

Kontroversen
Schon sehr früh wurde über bewegliche Suturen und Schädelknochen berichtet, doch auch heute noch wird dem teilweise mit viel Skepsis begegnet. Laut Sutherland gibt jedes einzelne Merkmal der Gelenkflächen von Schädelknochen einen Hinweis auf ihre Gelenkbeweglichkeit. Allerdings entstehen derartige Gelenkflächen erst nach dem dritten bis fünften Lebensjahr. Sutherland war überzeugt, dass die Motilität des Neuralrohrs spezifische Gelenkflächen für den Kraniosakralmechanismus bildet (Sutherland 2004).
Von Rogers und Witt wird Osteopathen, die mit der Kraniosakraltherapie arbeiten, zu Vorsicht geraten, solange noch immer Kontroversen über die Beweglichkeit der Schädelknochen bestehen (Rogers & Witt 1997). Sie verweisen darauf, dass zu viele Texte spekulativ und nicht wissenschaftlich fundiertseien. Darüber hinaus sind viele ältere Untersuchungen leider an ausgetrockneten Schädelpräparaten durchgeführt worden und spiegeln daher nicht unbedingt die Verhältnisse im lebenden Gewebe unserer Patienten wieder. Ich bin aber weiterhin der Meinung, dass man nicht alle Untersuchungen einfach ignorieren bzw. als Spekulationen abwerten sollte. Immerhin lassen sich einige der praktischen Überlegungen und Hypothesen überdenken und anpassen oder Ideen für neue Untersuchungen gewinnen.
Verformbarkeit und Bruchfestigkeit von nicht-mazerierten Schädeln
Messerer führte bereits 1880 seine Messungen an nicht mazerierten (nicht in Flüssigkeit aufgeweichten) Schädeln durch, die er zwischen ebenen Platten komprimierte (von Lanz-Wachsmuth 2004). In transversaler Richtung war ein nicht mazerierter Schädel erstaunlicherweise um 5 mm, in der Sagittalebene immerhin um 2,77 mm komprimierbar. Die maximale Verformbarkeit bis zum Bruch betrug 8,8 mm, und Schädel:Verformbarkeit, maximaledie mutmaßliche Elastizitätsgrenze lag bei 4,5 mm. Die maximale Belastbarkeit bis zum Bruch betrug in sagittalerSchädel:Belastbarkeit, maximale Richtung 400 bis 1.200 kg und in transversaler Richtung 350 bis 800 kg.
Weitere Untersuchungen zeigten, dass die Druckfläche natürlich von entscheidender Bedeutung ist. Je großflächiger die Druckeinwirkung erfolgt, desto stärker ist die Verformbarkeit, bis es zum Bruch kommt. Ford wies beispielsweise darauf hin, dass es bei einem Aufpralltrauma auf ein Armaturenbrett erst durch höhere Energien und Geschwindigkeiten zum Bruch kommt, weil bestimmte Energiemengen absorbiert werden (Von Lanz-Wachsmuth 2004). Ich möchte in dem Zusammenhang auf meine Erläuterungen zur Rheologie und zur Hysterese verweisen (Meert 2007). Es scheint mir nicht nur sinnvoll, sondern dringend geboten, die Speicherung von Energie in einem Gewebe als osteopathische Läsion zu betrachten! Durch langsames, osteopathische Läsionbehutsames intraossäres Verbiegen der Schädelknochen kann man überprüfen, ob Flüssigkeits- bzw. Energiestauungen vorliegen (Kap. 11.7 und Kap. 17)Schädelknichen:Flüssigkeits- bzw. Energiestauungen.
Beweglichkeit, Breite und Dicke von Suturen
Billaudel führte 1991 Messungen der Mikrobeweglichkeit von Suturen durch. Die Werte lagen in einer Suturen:DickeSuturen:BreiteSuturen:BeweglichkeitGrößenordnung von 20–50 m (Caparossi 1992). Auch Oudhof bestätigte, dass die Beweglichkeit der kranialen Suturen bis ins hohe Alter erhalten bleibt (Oudhof 1982).
Manchmal können sich in einer Sutur kleine, inselartige Knochen bilden: Ossa suturarum (Nahtknochen) und Ossa intercalaria (Ossa suturarum (Nahtknochen)NahtknochenSchaltknochen).
Ab dem 45. Lebensjahr kommt es SchaltknochenOssa:intercalaria (Schaltknochen)offenbar häufiger zu einer vollständigen Verknöcherung auf der Innenseite des Schädels. Aber nur wenige äußere Nahtzonen sollen bis ins hohe Lebensalter vollständig verknöchern (Von Lanz-Wachsmuth 2004)!
Soboleski et al. haben die Breite (Abstand zwischen den Knochen) und Dicke (Tiefe) der großen normalen (nicht-synostosierten) Suturen gemessen (Soboleski et al. 1997) und durchschnittlich eine Breite von 0,93 mm ( 0,28) und eine Dicke von 1,97 mm ( 0,54) für die Sutura sagittalis, eine Breite von 0,89 mm ( 0,35) Sutura:sagittalisund eine Dicke von 1,88 mm ( 0,56) für die Sutura coronalis sowie eine Breite von 0,96 mm ( 0Sutura:coronalis,39) und eine Dicke von 2,49 mm ( 0,86) für die Sutura lambdoidea ermittelt. Es fand sich jedoch Sutura:lambdoideakeine Korrelation zwischen der Breite und Dicke der Suturen und dem Alter des Patienten. Als dieselbe Forschergruppe anormale (synostosierte) Suturen untersuchte (Soboleski et al. 1998), zeigte sich folgende Besonderheiten altersabhängiger Synostosierungen:
  • Verlust der fibrösen Lücken Synostosierungen:SuturenSuturen:Synostosierungenzwischen den Knochenenden (Breite der Sutur),

  • unregelmäßig verdickter Innenrand der Sutur,

  • Verlust der abgeschrägten Randform der Sutur,

  • asymmetrische vordere Fontanelle.

Die Gruppe um Soboleski wies zudem darauf hin, dass sich Suturen bei einer Zunahme des intrakraniellen Drucks verbreitern. Ein vorzeitiger Verschluss der Suturen führt zu Schädeldeformitäten (Kap. 11.6).
Veränderungen an den Suturen im Laufe des Lebens
Retzlaff et al. beschrieben anhand von Tierexperimenten, dass intra- und Suturen:Veränderungen im Laufe des Lebensextrakraniale Kraftanwendungen Bewegungen im Bereich der Suturen verursachen (Retzlaff et al. 1975, 1976, 1987). Sie gaben an, dass Suturen erst in einem sehr hohen Alter (über 90 Jahre) verknöchern. Die weitverbreitete These, dass Schädelsuturen bereits in einem relativ frühen Lebensalter ossifizieren, wurde auch von Bernardy et al. (1994) widerlegt. Kieferorthopädische und zahnmedizinische Untersuchungen zeigen, dass die Suturen mindestens bis zum 30. Lebensjahr offen bleiben. Im Bereich der Maxilla sollen intraossäre Bewegungen von 1,5 bis 3 mm auftreten (Baker 1970, Libin 1982).
Laut Paltsev weicht der Liquordruck in der zerebrospinalen FlüssigkeitLiquordruck, die das Gehirn umgibt, vom interstitiellen Druck in der Hirnrinde ab (Paltsev 1983). Er betrachtet die verbindenden Elemente (z. B. Meningen) als extrem wichtig für die Druckübertragung von der Hirnflüssigkeit auf den Kortex und auf die oberflächlichen Schichten des Gehirns.
Die Proportionen des Hirnschädels können sich während des Lebens Hirnschädel (Neurocranium):Proportionennoch verändern (Köhler & Zimmer 1989). So verringert sich die Höhe des Schädels beim Älterwerden um 5–8 % (bei der Frau mehr als beim Mann), während die Breite geschlechtsunabhängig zunimmt. Vor allem die Stirnwölbung soll nach dem 70. Lebensjahr niedriger werden. Das Schädeldach verdickt sich in 71 % der Fälle im Laufe des Lebens. Im höheren Alter kommt es häufiger zu einer Atrophie des Schädeldachs (Kraniotabes senilis), bei der die Schädeldicke durch den Abbau der Lamina externa abnimmt, besonders im Bereich der Ossa parietalia. Die Schädelkalotte kann in diesem Bereich papierdünn werden oder sogar Lücken aufweisen.

Klinische Bedeutung

Interessant ist auch, dass bei vermehrter Zeichnung der Diploevenen sowie bei vorwiegend unilateral ausgebildeten Pacchioni-Granulationen gehäuft vasomotorisch-vegetative Symptome (Kopfschmerzen) angegeben werden. Ich möchte deswegen nochmals betonen, wie wichtig es ist, für Spannungsfreiheit an den Durchtrittsstellen der Vv. emissariae und den Abflusswegen des venösen Blutes im Schädel und Gehirn zu sorgen!

Köhler und Zimmer gaben Pacchioni-GranulationenKopfschmerzen:vermehrte Zeichnung der DiploevenenDiploevenen:Zeichnung, vermehrte, vasomotorisch-vegetative Symptomezudem an, dass es bei anhaltend erhöhtem Hirndruck, unzureichender Nachgiebigkeit oder mangelndem kompensatorischem Wachstum der Suturen zu einer gesteigerten Modellage der membranösen Deckknochen kommt (Köhler & Zimmer 1989). Radiologisch stellt sich bei Kindern eine gesteigerte Modellage der Deckknochen durch das wachsende Gehirn als Impressiones digitatae dar, als hätte jemand mit den FingernImpressiones digitatae die Schädelknochen von innen modelliert und geknetet. Diese Impressiones digitatae sollten vorsichtig interpretiert und nicht zwingend als pathologisch bewertet werden. Pathologisch ist es laut Kohler und Zimmer, wenn diese Impressiones digitatae bei Kindern, die älter als ein Jahr sind, fehlen. Dann besteht immer der Verdacht auf Mikrozephalie (vermindertes Hirnwachstum).
Tierversuche und Tiermodelle
MikrozephalieLaut Jaslow sind die Suturen weniger stark als die angrenzenden Suturen:U ntersuchungen in Tiermodellen und -versucheKnochen, obwohl sie viel mehr Energie absorbieren (Jaslow 1990). Untersuchungen von Sutton am Arcus zygomaticus von Schweinen bestätigten diese Angaben (Sutton 1993).
Adams et al. führten in ihrer Untersuchung chirurgische Eingriffe an betäubten Katzen durch und zeigten, dass eine laterolaterale Kompression des Schädels von außen Folgendes verursachte (Adams et al. 1992): das Verschließen der Sutura sagittalis, eine Innenrotation der Ossa parietalia, einen erhöhten intraventrikulären Druck und einen unstabilen arteriellen Blutdruck. Eine Zunahme des intrakraniellen Volumens bewirkte eine laterale Erweiterung der Sutura sagittalis und eine Außenrotation der Ossa parietalia.
Adams et al. wiesen auf die Wichtigkeit der suturalen Compliance als Teil der totalen kranialen Suturen:ComplianceComplianSuturenCompliance (Nachgiebigkeit oder Viskoelastizität) hin (Adams et al. 1992). Eine Gruppe von Neurochirurgen um Heisey injizierte Flüssigkeit in die Seitenventrikel von Katzen und beobachtete die Schädelreaktion (Heisey et al. 1993). Nach ihrem Modell ist die Compliance des Schädels als Kombination aus der Beweglichkeit der Suturen und einer Flüssigkeitsverschiebung (Blut und Liquor cerebrospinalis) zu betrachten. Ihre Daten zeigten, dass sich die kranialen Knochen schon bei minimaler Erhöhung des intrakraniellen Volumens (um 0,2 ml) auseinanderbewegen. Bei einer Zunahme des intrakraniellen Volumens um weniger als 3 % spielt vor allem die Flüssigkeitsverschiebung eine Rolle. Je mehr das Suturen:Flüssigkeitsverschiebungintrakranielle Volumen zunimmt, desto stärker spielt die Mobilität der Schädelknochen eine Rolle.
Aus dieser Sicht sind Schädelknochen:Beweglichkeitauch die neurochirurgischen Untersuchungen von Hamada et al. (1993) interessant. Dabei erhielten Hunde Flüssigkeitsinfusionen in die Cisterna magna, während die Untersucher den intrakraniellen epiduralen Druck mit dem lumbalen intraspinalen epiduralen Druck verglichen. Es fand sich bei allen Druckwerten eine lineare Korrelation zwischen dem intrakraniellen und dem intraspinalen Druck. Laut Hamada et al. sollen MessungenDruck:intrakranialerDruck:intraspinaler des intraspinalen Drucks in der klinischen Praxis ein Bild des intrakraniellen Drucks vermitteln können.

Klinische Bedeutung

Unter diesem Blickwinkel ist es therapeutisch nicht verkehrt, sowohl die Beweglichkeit der Wirbelsäule (Spinalkanal und Foramina intervertebralia) als auch die Beweglichkeit des Schädels (Suturen, Viskoelastizität, Foramina etc.) zu verbessern und Spannungen zu beseitigen, um einen optimalen Flüssigkeitsaustausch zwischen den kranialen und spinalen Epiduralräumen zu ermöglichen. Denken Sie dabei beispielsweise an Stauungs-/Spannungskopfschmerzen, Spinalkanalstenosen oder Bandscheibenprotrusionen.

Compliance (Nachgiebigkeit) als Materialeigenschaft des Schädels
Moskopp verglich den Schädel mit einem Fußball (mit dem Gehirn als Schädel:ComplianceComplianSchädelBlase im Innern, der Schädelhülle als Lederüberzug von außen und dem Liquorraum als Luftraum zwischen beiden), um die intrakraniale Compliance zu veranschaulichen (Moskopp 1994).
Untersuchungen von Zanakis et al. zeigten, dass es unabhängige Bewegungen der Schädelknochen gibt, die nicht so sehr rhythmisch Schädelknochen:Bewegungeneingebunden sind (Zanakis et al. 1996)! Mit Infrarot-Messungen stellten sie eine Beweglichkeit der Suturen in der Größenordnung von 250 m fest. Diese Beweglichkeit lässt sich weder auf Kriechen (Creep) noch auf eine intraossäre Formbarkeit zurückführen! Bei den Untersuchungen am Os frontale, an den Ossa parietalia und am Os occipitale stellte sich deutlich heraus, dass es sich hierbei um komplexe Bewegungen der Schädelknochen um mehrere Achsen handelt! Manchmal bewegte sich ein Os parietale in eine andere Richtung als auf der anderen Seite, auch die beiden Ossa frontalia bewegten sich unterschiedlich.
Die Bioingenieure Margulies et al. erstellten nach ihren Untersuchungen an jungen Schweinen ein Schädel-Computermodell, um die Compliance des kindlichen Schädels mit dem Erwachsenen-Schädel zu Complianc:Schädel, kindlichervergleichen (Margulies et al. 2000). Die membranösen Eigenschaften der kindlichen Suturen bewirken bei einer Belastung von außen größere Änderungen der Schädelform und ein diffuseres Distorsionsmuster des Gehirns als beim Erwachsenen.

Kraniale Suturen als Gelenk oder Dehnfuge?

Wir haben bereits oben (Kap. 11.5.1) angedeutet, dass die Aufgabe einer Sutur Suturen:Gelenkeviel mehr im Suturen:DehnungsfugeBereich der Spannungs- und Druckverteilung als in der angulären Beweglichkeit an sich liegt. Man kann eine Sutur oder Dehnfuge als eine spannungseinheitliche Struktur betrachten, die Belastungen dreidimensional im Schädel umlenkt.

Rolle der Dura mater

Die Dura mater überbrückt die Suturen auf der Innenseite und kann sie daher mit interzellulären und mechanischen Signalen versorgen oder auch Zellen informieren, die eine Transformation durchmachen und ins Mesenchym der Suturen einwandern (Ogle et al. 2004).

Die Suturen ermöglichen es daher, Suturen auf der Innenseite und kann sie daher mit interzellulären und mechanischen Signalen:Dura materDura mater:Suturen auf der Innenseite und kannStabilität mit Flexibilität zu kombinieren. Bei Krafteinwirkungen, egal in welcher Richtung, verteilt sich die Belastung somit uniform auf die umliegenden Knochen. Dies ermöglicht einerseits eine gewisse Beweglichkeit (oder Nachgiebigkeit Compliance) des Schädels zum Druckausgleich, verleiht ihm aber gleichzeitig auch Stabilität, um das leicht verletzliche Gehirn innerhalb dieser Schädelstruktur zu schützen.
Mechanische Eigenschaften von Suturen
Jaslow hat die mechanischen Eigenschaften von kranialen Suturen am Ziegenschädel untersucht (Jaslow 1990). Suturen:mechanische EigenschaftenEs zeigte sich, dass Suturen, was Biegungsbelastungen betrifft, weniger stark sind als Knochen, aber dafür bei Aufprallbelastungen 16–100 % mehr Energie absorbieren können als Knochen.
Herring und Teng gaben an, dass Suturen ein interstitielles Wachstum des Schädels erlauben, aber gleichzeitig auch die Transmission von Belastungen und Verformungen des Schädels verändern (Herring & Teng 2000). Ein Schädel mit intakten Suturen solle daher eher als Komplex aus unabhängigen Teilen denn als solide Struktur betrachtet werden.
Je breiter der Spalt der Sutur ist, desto größer ihre Biegsamkeit und ihre Kapazität, Energie zu absorbieren,Suturen:Biegsamkeit stellten Adams et al. fest. Sie gaben auch an, dass kraniale Suturen nachgiebiger (compliant) sind als Schädelknochen (Adams et al. 1992). Die Compliance ist nicht nur von der lateralen Bewegung der angrenzenden Knochen, sondern auch von der Rotation in Höhe des Fulkrums der Sutur abhängig.
Gefäßverbindungen und Nerven
Spezifisch für die Suturen des Schädeldaches sind die Gefäßverbindungen zwischen dem Nahtgewebe und der Diploe, Suturen:GefäßverbindungenGefäßverbindungen:Suturensodass sich alle Druckschwankungen von einem auf das andere Gewebe übertragen. Diese Gefäßverbindungen fehlen größtenteils an der Schädelbasis, sodass dort direkte Gefäßverbindungen durch richtige Foramina für einen Druckausgleich sorgen müssen (Kap. 5 und Kap. 6Kap. 5Kap. 6).
Retzlaffs mikroskopisch-histologische Untersuchungen an den Suturen erwachsener Affen (Saimiri sciureus) ergaben, dass sich das Bindegewebe in den Suturen als Ligamente mit bestimmten Faserrichtungen darstellt (Retzlaff 1987). Blutgefäße und freie Nervenendigungen durchziehen das Bindegewebe der Suturen.
  • Nervenendigungen:SuturenNervenendigungen:SuturenSuturen:NervenendigungenAutonome, nicht-myelinisierte efferente Nervenfasern ziehen mit den Arteriolen zu den Schädelknochen, zu den periostalen Sharpey-Fasern und zu den kollagenen Fasern der Dura mater und der Suturen.

  • Afferente, nicht-myelinisierte Nervenfasern in Begleitung der Venen vermitteln Informationen über das Blutvolumen, den Blutdruck und über Schmerzen.

  • Myelinisierte freie Nervenendigungen sind im Periost an der Innenseite der Schädelknochen vorhanden. Sie vermitteln ebenfalls Informationen über Druckänderungen und Schmerzimpulse.

Reorganisierung (Remodeling) von Suturen
Verschiedene Autoren wiesen auf die Anpassungsfähigkeit des suturalen Bindegewebes hin und gaben an, dass (kleine und größere) Krafteinwirkungen zu einer Aktivierung von Osteozyten, Chondrozyten und Fibrozyten führen. Dadurch kommt es anfänglich zu einer Verbreiterung der Sutur, bis sich nach der Belastung ein neues Suturen:Reorganisierung (Remodeling)Gleichgewicht einstellt und eine Reorganisierung (Remodeling) stattfindet, durch die sich die Sutur wieder neu organisiert und repariert (Ten Cate et al. 1977, Droschl 1975, Bakker 1985). Im Gegensatz zu anderen Geweben, bei denen eher Narbengewebe entsteht, kann sich eine Sutur sogar meistens komplett regenerieren!
Die Anpassungsfähigkeit des suturalen Bindegewebes zeigt sich Suturen:Anpassungsfähigkeit des Bindegewebeswährend der Entwicklung des Schädels funktionell in verschiedenen Reaktionen der Suturen (Zusammenstellung nach den Angaben unterschiedlicher Autoren):
  • Kompressionsbelastung führt zur Stimulation der Synostosierung Suturen:Kompressionsbelastungder Suturen (Hassler et al. 1980).

  • Synostosen:StimulationTraktionsbelastung führt zum Knochenabbau durch Stimulation der Osteoklasten und zur Bildung von kollagenen Faserverbindungen durch Stimulation der Fibrozyten (Drukker et al. 1975).

  • Intermittierende Belastungen stimulieren den Aufbau einer suturalen Verbindung mit spezifischen inneren Bindegewebsfasern (Storey 1972 und 1973). Die Herzfrequenz mit systolisch-diastolischen Druckschwankungen in den Hirngefäßen und Druckschwankungen im Liquor cerebrospina lis sollen hierbei eine wichtige Rolle spielen (De Cock 1988, Von Pieckartz 2001).

Tanaka et al. untersuchten die Veränderungen der biomechanischen Eigenschaften der Sutura interparietalis an Ratten unter Suturen:biomechanische Eigenschafteneiner kontinuierlichen Traktionsbelastung (durchschnittlich 2 mPa) während 15, 30 und 50 Stunden (Tanaka et al. 2000). Sie fanden heraus, dass sich die biomechanischen Eigenschaften abhängig von der Zeitdauer der von außen einwirkenden Belastung veränderten.
In der Orthodontie (Kieferorthopädie) werden schon lange Techniken angewandt, dieOrthodontie (Kieferorthopädie) das Wachstum der Schädelknochen, insbesondere von Maxilla, Mandibula und Schädelknochen:Wachstumsbeeinflussunghartem Gaumen, mechanisch beeinflussen, z. B. durch Bügel oder Zahnspangen. Es sei darauf hingewiesen, dass die Krafteinwirkung auf die Schädelteile bei diesen Techniken über lange Zeiträume (Wochen bis Monate) aufrechterhalten bleibt und damit ein viskoelastisches Kriechen (Creep) verursacht, bis sich ein stabiler Zustand der Knochen einstellt. Während der Zeitfaktor in einer kieferorthopädischen Behandlung sehr intensiv und lange genutzt werden kann, ist das in einer osteopathischen Therapie leider nur sehr eingeschränkt möglich.
Verknöcherung (Synostosierung) von Suturen
Obwohl die Verknöcherung individuell unterschiedlich (sowohl früher Verknöcherungs. Synostierungals auch Synostierung:SuturenSuturen:Synostierungspäter) verlaufen kann, wird folgende Reihenfolge angeben (De Cock 1988, Fanghänel et al. 2004): Von den größeren Suturen verknöchert zuerst die Sutura frontalis (Sutura metopica), und zwar bereits in denSutura:frontalis ersten Sutura:metopicaLebensjahren, dann folgt die Sutura sagittalis im 20. bis 30. Lebensjahr, die Sutura Sutura:sagittaliscoronalis im 30. bis 40. Lebensjahr und dann die Sutura lambdoidea zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr. Es können sich sogar eigenständige Ossifikationszentren mit sogenannten Schaltknochen (überzähligen Knochen) ausbilden.
Ein verfrühter (prämaturer) Schluss der Suturen (Synostosierung) kann zu Suturen:verfrühter (prämaturer Schluss)Schädeldeformitäten führen (Fanghänel et al. 2004). Fanghänel et al. vergleichen die Synchondrosis sphenobasilaris und die Suturen mit einem Stemmeisen.
Rosenberg et al. wiesen darauf hin, dass eine Synostosierung an der Schädelbasis (Synchondrosis sphenobasilaris) an sich Synostosierung:SchädelbasisSchädelbasis:Synostosierungschon Abweichungen der Schädelform und -bauweise verursacht (Rosenberg et al. 1997). Die Schädelbasis scheint eine wichtige Rolle im kraniofazialen Wachstum zu spielen.
Die Synchondrosis sphenooccipitalis (sphenobasilaris), die in der Osteopathie Synchondrosis:sphenooccipitalisn (sphenobasilaris)bekanntlich eine sehr wichtige Rolle spielt, soll bereits ab dem 16. bis 18. Lebensjahr synostosieren (Rosenbauer et al. 1998)! Beim Erwachsenen wird daher oft auch vom Os sphenooccipitale oder Os basilare gesprochen. LogischerweiseOs:sphenooccipitale werden Os:basilareBeweglichkeit und auch Läsionen dieser Synchondrosis (wie von der Osteopathie beschrieben) demzufolge von der klassischen Medizin angezweifelt.

Läsionen der SSB als Stein des Anstoßes

Meiner Meinung handelt es sich bei den Läsionen dieser Synchondrosis oder Symphysis sphenobasilaris (SSB) um intraossäre Spannungen im ganzen Schädel, die weniger von dieser ominösen Synchondrosis, sondern vom ganzen Schädelbereich mit Meningen, Faszien, Muskeln, Suturen und Schädelknochen ausgehen! Somit sind Läsionen der SSB eher als intraossäre (viskoelastische) Spannungen im Schädel, das heißt in Schädelknochen und Suturen zu betrachten.

Vielleicht wäre es weniger verwirrend, von Deformierungs- und Spannungsmustern des Schädels statt von Läsionen der SSB zu sprechen (Kap. 11.7.3).

Kopfschmerz als Gelenkschmerz?
Symphysis sphenobasilaris (SSB)Symphysis sphenobasilaris (SSB):LäsionenBryceSchädel:Deformierungs- und Spannungsmustern et al. sind interessanterweise der Ansicht, dass kraniale Suturen als Gelenke Kopfschmerzen:als Gelenkschmerzbetrachtet werden können und dass möglicherweise mancher Kopfschmerz eigentlich ein Gelenkschmerz ist und nicht unbedingt eine neurologische Ursache haben muss (Bryce et al. 2005). Der Kopfschmerz ist dabei im Bereich einer Sutur lokalisiert und der neurologische Befund ist normal. Von 70 Patienten mit einer Decompression Sickness (Taucherkrankheit) wiesen 23 % (16 Patienten) möglicherweise TaucherkrankheiteineDecompression Sickness (Taucherkrankheit) Gelenkproblematik im suturalen Bereich auf. Weitere Untersuchungen sind allerdings notwendig.
Zusammenfassung
Wir dürfen also nicht vergessen, dass die biomechanischen und hydrodynamischen Eigenschaften des lebendigen Schädels nicht nur von den Suturen (und sicherlich nicht nur von der Synchondrosis sphenobasilaris) abhängig sind, sondern auch von den Schädelknochen, vom Blut- und Liquorvolumen, von den viskoelastischen und rheologischen Eigenschaften des Bindegewebes und von der Möglichkeit eines Druckausgleichs durch Flüssigkeitsverschiebungen (Blut und LCS).
Die ausgedehnte Sutura squamosa zwischen dem Os temporale und dem Os parietale Sutura:squamosastellt ein besonders gutes Beispiel für einen Stoßdämpfer oder eine Dehnfuge dar. Denken wir daran, dass die Kaumuskulatur (am Kiefergelenk) die stärkste Muskulatur des ganzen Körpers bildet und dass damit große Kraftvektoren auf das Os temporale übertragen werden. Zusätzlich kommt es im Kinnbereich häufiger zu traumatischen Krafteinwirkungen. Wenn wir an Stürze, aber auch an Treffer (Aufwärtshaken) beim Boxen oder Kopfbälle beim Fußballspielen denken, ist es ein wahres Wunder, dass sich nicht mehr Schädel- oder Kieferbrüche ereignen, was die Effektivität der viskoelastischen Eigenschaften der Schädelstrukturen umso eindrucksvoller unterstreicht!

Schädelformen und Schädeldeformitäten

Schädelformen

Suturen:von-bisSchädelnähte:von-bisDie Schädelform scheint schon immer das Objekt von SchädelformenSpekulationen gewesen zu sein. Die Ägypter haben schon in der Antike das Molding (Formen des Schädels) praktiziert, indem sie den Kopf von Säuglingen mit Bändern umwickelten, damit sie den typisch langgezogenen Kopf des königlichen Ägypters bekommen. Auch Hippokrates war der Meinung, dass Hebammen die Köpfe der Kinder plattdrückten, bis sie eine schöne langschädelige Form aufwiesen. Vesalius nahm dagegen an, dass Hebammen dafür bezahlt würden, die Köpfe der Kinder kugelrund zu machen.
Zu A. T. Stills Zeit erlebten Phrenologie und Kraniologie gerade einen Aufschwung. Es war Phrenologieneu, aus Form Kraniologieund Ausbuchtungen des Schädels eine Charakter- und Verhaltensanalyse abzuleiten. Da der Körper damals als Organismus in vollkommener Übereinstimmung mit seinen Funktionen gesehen wurde, erschien es nur logisch, Messungen am Schädel durchzuführen und sie bei verschiedenen Rassen zu vergleichen. Das schlimme Kapitel der Medizingeschichte ist inzwischen Gott sei Dank längst überholt (Kap. 1.8).
Swedenborg hatte 1744 angegeben, dass die Schädelnähte beweglich sind, die Dura mater eine reziproke Spannungsmembran bildet und ein an das Konzept des Spiritus animalis angelehnter fluidaler Mechanismus im Menschen besteht (Swedenborg 2005, Hartmann 2010). Sutherlands kraniales Konzept baute auf Swedenborgs Paradigmen auf (Hartmann 2010).
Es gibt allgemein etwa drei Schädelformen: dolichokran oder langschädelig, brachykran oder kurzschädelig und mesokran oder mittelschädelig. Je nach Lage des Großhirns kann man nach Froriep zwischen einem frontipetalen (Verschiebung ventralwärts) und einem Schädelformen:frontipetaleokzipitopetalen Typ (Verschiebung dorsalwärts) unterscheiden (Schädelformen:okzipitopetalevon Lanz-Wachsmuth 2004). Minkin unterscheidet zusätzlich noch eine basiopetale (Schädelbasis verhältnismäßig groß) von einer Schädelformen:basiopetaleparietopetalen (Schädeldach verhältnismäßig groß) Schädelform Schädelformen:parietopetale(von Lanz-Wachsmuth 2004).
Es ist mittlerweile bekannt, dass starker und vor allem lang anhaltender Druck die Schädelform viskoelastisch verändern kann. Deshalb spielt die Lagerung desSchädelformen:viskoelastische Neugeborenen bzw. ein regelmäßiger Lagewechsel eine wesentliche Rolle bei der Entstehung von bestimmten Schädelformen. Wenn Neugeborene beispielsweise in Rückenlage auf einer etwas festeren Unterlage stabilisiert werden, kommt es eher zur Abflachung des Hinterhauptes. Auch Mützen, Kopfbinden, Helme usw. haben Einfluss auf die Schädelform. Neuerdings werden in Amerika und auch in Deutschland Helme zur Therapie einer Plagiozephalie eingesetzt.

Schädeldeformitäten: Differenzialdiagnosen

PlagiozephalieBei Abweichungen der Schädelform ist es praktisch und prognostisch Schädeldeformitätenäußerst wichtig, differenzialdiagnostisch zwischen folgenden Pathologien zu unterscheiden und insbesondere Synostosierungen nachzuweisen oder auszuschließen; eine ärztliche Untersuchung ist zwingend notwendig:
  • Kraniosynostose oder Kraniostenose (Plagiozephalie mit KraniosynostoseSynostosis): Wenn ein Kraniostenosevorzeitiger Verschluss von einer Plagiozephalie:mit Synostosisoder mehreren Suturen vorliegt, liegt eher eine trapezförmige Deformierung vor. Es handelt sich um eine Schädeldeformierung mit Verknöcherung der Suturen, die das Gehirn einengen oder einen intrakraniellen Druckanstieg und schwerwiegende neurologische Folgen auslösen kann. Deswegen sind oft chirurgische Maßnahmen erforderlich.

  • Pathologische Strukturveränderungen der Schädelknochen mit Lücken, Verdickungen oder Geschwülsten Schädelknochen:Strukturveränderungen, pathologischeder Schädeldecke

  • Einseitige Hirnatrophie, Raumforderung und Neurofibromatose

  • HirnatrophiePlagiozephalie (Schiefköpfigkeit ohne Synostose) (Abb. 11Plagiozephalie.14): Da eine Schiefköpfigkeit s. PlagiozephalieVerknöcherung (Plagiozephalie:ohne SynostoseSynostose) der Suturen fehlt, ist sie demzufolge meistens weniger gravierend und kann mit konservativen Maßnahmen behandelt werden. Es handelt sich oft um eine lage- oder haltungsbedingte (z. B. Schiefhals) viskoelastische Deformierung. Bei einer Plagiozephalie sind osteopathische Behandlungen und Lagewechsel (Seitenlage – Rückenlage) beim Schlafen sinnvoll. Weil das postnatale Schädelwachstum zu 85 % im ersten Lebensjahr stattfindet, ist es wichtig, möglichst früh mit der Behandlung anzufangen (Biggs 2003)!

Messungen verschiedener Schädeldurchmesser
Es ist äußerst wichtig, den Schädelumfang von kranial zu betrachten, um Formabweichungen Schädelumfang:Messungenfestzustellen (Ehret et al. 2004) (Abb. 11.14).
Van Vlimmeren et al. entwickelten eine relativ einfache und billige Methode der Plagiozephalometrie: Ein thermoplastisches Band wird genau an der PlagiozephalometrieStelle mit dem breitesten Kopfumfang des Kindes angelegt und ermöglicht eine reproduzierbare, exakte Messung verschiedener Schädeldurchmesser (van Vlimmeren et al. 2006). Es konnte gezeigt werden, dass es keine signifikanten Unterschiede zwischen teuren dreidimensionalen CT-Scans und der Plagiozephalometrie mit dem thermoplastischen Band gab (van Adrichem et al. 2008). Mittlerweile werden auch oft lasergestützte dreidimensionale Schädelvermessungen durchgeführt.

Veränderungen der Kopfform während der normalen Geburt

Bei der normalen Geburt wird der Schädel beim Durchtritt durch den Geburtskanal deformiert und in die Länge gezogen, oder die Schädelknochen schieben sich sogar teilweise übereinander. Das Überlappen von Knochen des Schädeldachs ist in den ersten 2–3 Tagen nach einer termingerechten Geburt bzw. in den ersten 2–3 Wochen nach einer Frühgeburt regelmäßig anzutreffen.

Manchmal kann sich sogar Flüssigkeit unter der Haut ansammeln und sich wie eine Beule vorwölben (Caput succedaneum). Meist bildet sich diese Flüssigkeitsansammlung von selber wieder zurück.

Kopfumfang, Gewicht und Größe
Der Schädel:Deformierung unter der Geburtokzipitofrontale Schädelumfang kann weitere wichtige Hinweise geben: Weicht er Schädelumfang:okzipitofrontalermehr als 3 cm von den Mittelwerten ab, spricht man von Mikrozephalie (kleinerer Schädelumfang als normal) bzw. von MikrozephalieMakrozephalie (größerer Schädelumfang:kleinerSchädelumfang:großerSchädelumfang als normal, evtl. MakrozephalieHydrozephalus). Diese Messdaten werden vom Kinderarzt in das HydrozephalusUntersuchungsheft für Kinder eingetragen, in dem auch die Normalwerte angegeben sind (oder als Tabelle in Claeys 1993).
Wenn auch das Gewicht und die Größe des Kindes unter den Normalwerten liegen, sollte esSchädel:Gewicht und Größe intensiv beobachtet werden. In dem Fall ist eine ärztliche Untersuchung notwendig und eine begleitende osteopathische und physiotherapeutische Behandlung des Kindes sinnvoll.

Schädeldeformitäten: Ursachen und Pathologien

Während des Wachstums findet eine deutliche Modifikation der Kopfform Schädeldeformitäten:Ursachen und Pathologienstatt. Die Ursachen für Spannungen und Störungen sind sehr vielfältig.
Während des ersten Lebensjahres findet ein besonders schnelles Wachstum des Kopfes statt (von Lanz-Wachsmuth 2004). Bis zum 5. oder 6. Lebensjahr zeigt sich nur noch ein geringes Längenwachstum der in der Mitte liegenden Schädelknochen. Im 6. und 7. Lebensjahr entstehen u. a. die Stirnhöhlen, während sich das Corpus ossis sphenoidalis, die Stirnhöhlen:EnstehungPars petrosa ossis temporalis und die Lamina cribrosa des Os ethmoidale vervollständigen. Zwischen dem 7. Lebensjahr und der Pubertät liegt eine Wachstumspause, ehe nach der Pubertät eine kräftige Entwicklung der Gesichtsbasis, des Stirnbeins und des Gesichtes erfolgt.
Wir besprechen folgende Schädeldeformitäten:
  • 1.

    Kraniosynostose (Kraniostenose)

  • 2.

    Pathologische Strukturveränderungen der Schädelknochen

  • 3.

    Hirnatrophie, Raumforderung und Neurofibromatose

  • 4.

    Plagiozephalie

Kraniosynostose (Kraniostenose oder Plagiozephalie mit Synostosis)
Kraniostenosen oder Kraniosynostosen bezeichnen Fehlformen des KraniostenoseSchädels, eventuell in KraniosynostoseKombination mit Deformitäten des Gehirns. Sie entstehen durch einen vorzeitigen Verschluss (bereits vor der Geburt oder in den ersten Lebensjahren) einzelner oder mehrerer Schädelnähte und können im Rahmen eines Syndroms oder vereinzelt auftreten. Auf jeden Fall sollte das Vorliegen einer Synostose von Suturen durch einen Arzt ausgeschlossen werden, und manchmal sind dazu Gen-Screening, radiologische Untersuchungen, Kernspintomographien und neurologische Plagiozephalie:mit SynostoseUntersuchungen notwendig!
Das Schädelwachstum wird bei unilateraler Synostosierung auf der Seite der verknöcherten Naht gehemmt. Auf Synostosierung:unilateraleder Seite der offenen Naht wird das Wachstum kompensatorisch gesteigert, sodass es zu entstellten Schädelkontur kommt.
Delashaw et al. wiesen darauf hin, dass sich Schädelknochen, die bereits pränatal miteinander verwachsen sind, wie einzelne Knochen mit vermindertem Wachstumspotenzial verhalten (Delashaw et al. 1991). Suturen, die an synostosierte Suturen anschließen, zeigen in stärkerem Maße ein Suturen:Synostosierungkompensatorisches Wachstum als Suturen, die nicht direkt an synostosierte Suturen angrenzen, indem sie asymmetrisch an ihren Rändern Knochen anlagern.
Sinowatz et al. unterscheiden zwischen Kranioschisis, Kraniosynostose und Mikrozephalie (Sinowatz et al. 1999). Sie bezeichnen es als Kranioschisis, wenn ein Teil des Schädels fehlt. Bei einer KranioschisisKraniosynostose soll es sich um einen genetisch bedingten vorzeitigen Nahtverschluss handeln. Bei Mikrozephalie bleibt das Hirnwachstum zurück oder aus. Die MikrozephalieHäufigkeit der Kraniosynostose beträgt laut Kohler und Zimmer 0,6 % der Lebendgeburten (Kohler & Zimmer 1989), während Cleghorn ihr Vorkommen mit ca. 1 von 2.000–3.000 Säuglingen angibt (Möckel 2006).
Syndrome und Schädeldeformitäten
Das Crouzon-Syndrom ist ein vererbbares Syndrom mit einer Häufigkeit vonCrouzon-Syndrom 1/25.000 Lebendgeburten (Kabbani 2004). Es manifestiert sich mit einem Turmschädel durch verfrühte Synostose der Sutura coronalis, TurmschädelExophthalmus, Hypertelorismus (überweiter Augenabstand), Sehstörungen, Hypoplasie der Maxilla und manchmal mit einer Gaumenspalte. Außerdem kommen regelmäßig Pathologien der Ohren (Innenohrschwerhörigkeit) und der HWS vor.
Das Apert-Syndrom (Akrozephalosyndaktylie) ist ein vererbbares Apert-SyndromSyndrom mit einer Häufigkeit von 1/Akrozephalosyndaktylie160.000 Lebendgeburten (Kabbani 2004). Es manifestiert sich mit einem Kurzschädel und einer steilen, seitlich ausladenden Stirn als Folge einer vorzeitigen Synostose der Schädelnähte, insbesondere der Sutura coronalis, Hypertelorismus, Hypoplasie des Gesichtes und mit einer typischen symmetrischen Syndaktylie (angeborene Verwachsung von Fingern oder Zehen) derSyndaktylie, symmetrische Extremitäten. Herz- und Nierenerkrankungen können zusätzlich vorliegen.
Beide Syndrome können auch mit einer verzögerten geistigen Entwicklung einhergehen.
Pathologische Veränderungen der Schädelnähte können beispielsweise auch beim Down-Syndrom auftreten. Offene Schädelnähte und zwischengeschaltete Nahtknochen kommen ebenso wie ein Fehlen der Klavikula auch bei der Dysplasia cleidocranialis vor.
Häufigkeit der Kraniosynostose (Kraniostenose)
Anderson und Geiger haben 204 Fälle einer Kraniosynostose (Kraniostenose) untersucht und festgestellt, dass Kraniosynostose:Häufigkeitin 57 % der FälleKraniostenose:Häufigkeit die Sutura sagittalis, in 10 % die Sutura interfrontalis (Sutura metopicaSutura:sagittalis), in 18 % eine oder beide SuturaeSutura:interfrontalis coronales und in 8 Sutura:metopica% alle Suturen betroffen waren (von Lanz-Wachsmuth 2004).
Nach den Angaben von Kabbani et al. war in 40–60 % der Fälle die Sutura sagittalis, in 20–30 % die Sutura coronalis und in weniger als 10 % die Sutura metopica betroffen. Die Sutura lambdoidea ist anscheinend eher selten betroffen (Kabbani et al. 2004).
Kraniosynostosen in Syndromform kommen seltener (in etwa 20 % der Fälle) vor.
Eine verknöcherte Schädelnaht führt zu einem verstärkten Schädelwachstum parallel zur Schädelnaht und hemmt das Wachstum senkrecht zur Schädelnaht (Abb. 11.15, 11.16 und 11.17).
Bei der lambdoidalen Synostose soll sich die Vorwölbung dorsal im parietalen Bereich auf der kontralateralen Seite der abgeflachten Kopfseite befinden (Kabbani & Raghuveer 2004). Das Ohr ist zudem dorsalwärts zu der verschlossenen Sutur verschoben. Bei Plagiozephalie dagegen befindet sich die Vorwölbung im frontalen Bereich auf der homolateralen Seite der abgeflachten Seite und das Ohr ist nach anterior verschoben (Abb. 11.14).
Ätiologie der Kraniosynostose
Jane Carreiro vermutet, dass anomale Kräfte im Bereich der Schädelbasis zu Kraniosynostose:Ätiologieeiner anomalen Dehnung im Schädel führen, die für eine vorzeitige Verknöcherung von Suturen sorgt (Carreiro 2004). Sie weist auch darauf hin, dass Kompressionskräfte im Bereich der Schädelbasis eine anomale Dehnung der Duragewebe im Bereich des Schädeldachs verursachen können.
Laut Panchal und Uttchin ist die Ätiologie der Kraniosynostose zwar weithin unbekannt, doch Tierexperimente lassen Interaktionen zwischen der Dura mater und dem darunterliegenden Gehirn vermuten (Panchal & Uttchin 2003). Wachstumsfaktoren und Fibroblasten haben dabei vermutlich eine Schlüsselfunktion.
Moss betrachtet den vorzeitigen Nahtverschluss nicht als Ursache, sondern nur als Symptom (von Lanz-Wachsmuth 2004). Er hält eine mechanische Alteration des Duragewebes für die Ursache und unterstützt damit einige osteopathische Grundgedanken.

Klinische Bedeutung

Weil der vorzeitige Verschluss von Schädelnähten das Schädelwachstum beeinträchtigen und demzufolge auch den intrakraniellen Druck erhöhen könnte, ist selbstverständlich in erster Linie eine ärztliche und neurologische Abklärung notwendig.

Es erscheint aber hypothetisch durchaus sinnvoll, Spannungen im Schädel und insbesondere im Suturenbereich abzubauen, um mögliche Komplikationen in Form eines verfrühten Nahtverschlusses zu vermeiden oder zu verringern.

Pathologische Strukturveränderungen der Schädelknochen
Verkalkungen können im Sinus sagittalis, in der Falx cerebri sowie in Gefäßen Schädelknochen:Verkalkungenauftreten. Als Ursachen kommen unter anderem fortgeleitete Entzündungen aus dem Nasenrachenraum, Traumata, Entzündungen, Blutungen, Toxoplasmosen oder Tumoren in Betracht. Manchmal werden die Verkalkungen auch als Hirnsteine bezeichnet. Sie sollten immer ärztlich abgeklärt werden.
Verdickungen von Schädelknochen (Hyperostosen) und Knoten an der Schädeloberfläche können Schädelknochen:HyperostosenHyperostosen:Schädelknochenbeispielsweise kongenital, endokrin, postinfektiös, posttraumatisch oder tumorbedingt sein und sollten ebenfalls immer ärztlich abgeklärt werden.
Schädelosteome sind gutartige Wucherungen von ausgereiftem SchädelosteomeKnochengewebe und im Röntgenbild als rundliche, sehr schattendichte, scharf begrenzte Herde erkennbar. Schädelosteome müssen auf jeden Fall (ärztlich) differenzialdiagnostisch von Osteosarkomen (malignen Knochentumoren), Osteofibromen bzw. Osteosarkome:SchädelKnochenfibrosarkomen unterschieden werden.
Einseitige Hirnatrophie, Raumforderung und Neurofibromatose
Osteofibrome:SchädelFibrosarkomn:SchädelFenestrae parietales sind ovale, einige Millimeter bis Zentimeter große, auf NeurofibromatoseHirnatrophie:einseitigeRöntgenbildern deutlich erkennbare Schädeldachdefekte. Sie kommen im dorsalen Bereich der Ossa parietalia vor und sind häufig familiär bedingt, aber klinisch nicht signifikant.
Auch der Lückenschädel (Wabenschädel, Leistenschädel oder Reliefschädel) und Lückenschädelder WeichschädelWabenschädel (Kuppenweiche) Leistenschädelweisen ähnliche Reliefschädelangeborene SchädellückenWeichschädel und Schädeldefekte auf.
Neurofibromatose ist eine Erbkrankheit, bei der sich Neurofibrome (Nerven- und Hirntumoren) bilden und auch oft andere Organe betroffen sind.
Es können auch kombinierte Fehlbildungen von Schädel und Gehirn vorliegen. Die Ursache ist nicht geklärt. Diskutiert werden ein erhöhter intrakranieller Druck sowie fetale Zirkulationsstörungen des Knochens.
Wichtig: Jede anormale Verdickung oder Schädellücke und jede neurologische Symptomatik, die eine Schädellücke:Verdickung, abnormeRaumforderung im Hirnbereich vermuten lässt (Lähmungserscheinungen, Sehstörungen, Koordinationsstörungen, Sprachstörungen, Beeinträchtigung des Auffassungsvermögen, plötzlich auftretende Kopfschmerzen, Krampfanfall, Übelkeit, Erbrechen), sollte unbedingt ärztlich abgeklärt werden.
Plagiozephalie
Seitdem die American Academy of Pediatrics 1992 die Empfehlung Plagiozephalieaussprach, Kinder am besten in Rückenlage statt in Bauchlage schlafen zu lassen, um das Risiko eines plötzlichen Kindstods (SIDS Sudden Infant Death Syndrome) zu verringern, stieg die Zahl der Schädeldeformitäten SIDS (Sudden Infant Death Syndrome)(Persing 2000, Simmons und Prost 1998).
Nach Angaben von Mulliken et al. sind Fälle von frontaler Plagiozephalie im Zeitraum von 1992 bis 1996, seitdem die Kinder nichtPlagiozephalie:frontale mehr auf den Bauch, sondern auf den Rücken gelegt werden, fast komplett verschwunden, während dafür vermehrt posteriore Plagiozephalien registriert werden (Mulliken et al. 1999).
Eine Plagiozephalie:posteriorePlagiozephalie (Positional Molding oder Verbiegung des Schädels) Plagiozephalieentsteht durch die Biegsamkeit der jungen Schädelknochen. Liegt das Baby in den ersten Lebenswochen immer in der gleichen Position (beispielsweise Rückenlage), können sich die Schädelknochen unter dem ständig einwirkenden Druck durch das Gewicht des Kopfes verformen. Man spricht manchmal auch von okzipitaler (oder posteriorer) Plagiozephalie, wenn das Os occipitale abgeflacht ist und der Schädel breiter wird. Hat das Baby zusätzlich den Kopf im Liegen bevorzugt zu einer Seite gedreht, kommt es zu einer asymmetrischen trapezförmigen Deformierung des Schädels. Oft sind die Druckstellen auch weniger behaart.
Risikofaktoren, Häufigkeit und mögliche Ursachen einer Plagiozephalie
Eine Plagiozephalie wird durch anhaltenden Druck in der gleichen Richtung Plagiozephalie:UrsachenPlagiozephalie:RiskiofaktirenPlagiozephalie:Häufigkeitvon außen auf den schnell wachsenden Schädel ausgelöst und sorgt oft für eine Parallelogramm-artige Deformierung. Risikofaktoren sind Frühgeburt, höheres Alter der Schwangeren, Plagiozephalie:RisikofaktorenMuskelhypertonie im Becken- und Zwerchfellbereich der Schwangeren, ein kongenitaler Torticollis, genetische Faktoren und intrauterine Spannungen (z. B.Torticollis. genitaler:Plagiozephalie bei Oligohydramnie-Fruchtwassermangel). Asymmetrien des Kopfes des Kindes können Plagiozephalie:Oligohydramnie-Fruchtwassermangelgrundsätzlich auf intrauterine Zwangshaltungen, eine schwierige Geburt (Saugglockenentbindung, enger Geburtskanal), intrakranielle Zysten oder Blutungen, Kraniosynostose (Kraniostenose) usw. hindeuten, bedürfen deswegen Kraniosynostose:Plagiozephaliegrundsätzlich zuerst einer weiterführenden ärztlichen Untersuchung und Anamnese.
Van Vlimmeren et al. (2007) untersuchten 380 gesunde Neugeborenen während der ersten sieben Wochen nach der Geburt und fanden folgende Risikofaktoren für eine Plagiozephalie: männliches Geschlecht, Erstgeborene, bevorzugte Schlafhaltung und gleiche Kopfposition auf der Wickelkommode, Flaschennahrung (Kinder, die nicht gestillt werden) und immer gleiche Position beim Trinken aus der Flasche, weniger als 3-mal am Tag Bauchlage im Wachzustand, leichte motorische Retardierung.
Es ist demzufolge wichtig, eine Plagiozephalie stets in Zusammenhang mit der ganzheitlichen Entwicklung des Kindes zu betrachten. Störungen wie KISS, Skoliose, Schiefhals, eine Entwicklungsverzögerung KISS:Plagiozephalieoder Skoliose:Plagiozephalieverstärkte ATNR Schiefhals:Plagiozephaliehaben großen Einfluss auf die Entstehung einer Plagiozephalie und sollten deshalb immer mit untersucht und behandelt werden.Achten Sie bitte auch auf die Wirbelsäule, um einer Skoliose rechtzeitig vorbeugen zu können.
Schädeldeformierungen oder Plagiozephalie-Formen ohne Synostose scheinen auf längere Sicht weniger neurologische FolgenPlagiozephalie:ohne Synostose zu verursachen und können eher konservativ (auch osteopathisch) behandelt werden. Kommt es bei einer Kraniosynostose, die das Gehirn einengt, zu neurologischen Begleiterscheinungen, können sogar chirurgische Maßnahmen notwendig sein. Laut Bridges et al. ist wenig über die Ursachen einer Plagiozephalie bekannt, obwohl ihr Vorkommen in den letzten Jahren zunimmt (Bridges et al. 2002).
Carreiro gibt sowohl intrauterine als auch Wehen- oder Entbindungskräfte und postnatale Lagerungsanomalien als mögliche Ursachen an (Carreiro 2004).

Praktische Bedeutung

Carreiro weist darauf hin, wie wichtig es ist, Spannungsmuster in Knochen und Membranen im ersten Lebensjahr zu korrigieren, weil sich sonst der Körper des Kindes skoliotisch um das Spannungsmuster herum entwickelt!

Laut Dudenhausen und Pschyrembel erfolgen 94 von 99 Geburten aus der Kopf- oder Schädellage des Kindes heraus (Dudenhausen & Pschyrembel 2001). Das bedeutet, dass der kindliche Kopf vor allem in den letzten Schwangerschaftswochen und während des Geburtsvorgangs Kompressionsbelastungen ausgesetzt wird. Die rechte Seite des Kopfes scheint mehr Schädelknochen:Kompressionsbelastungenbetroffen zu sein, was wahrscheinlich teilweise mit der intrauterinen Kopfposition zusammenhängt, die sich in 70 % der Fälle links anteriore okzipito-iliakale Position darstellt, bei der das Os occipitale des Kindes auf dem linken Os ilium der Mutter liegt (Sergueef 1995). Diese Lage wird auch als erste oder linke Hinterhauptslage bezeichnet (Dudenhausen & Pschyrembel 2001). Bei dieser HinterhauptslageEinstellung des Kindes im Becken werden die linke Okziputhälfte des Kindes (von der Symphysis pubica der Mutter) und das rechte Os frontale des Kindes (vom linken Os ilium der Mutter) im Wachstum gehemmt. Dass dies häufiger bei männlichen Kindern vorkommt, könnte mit dem schnelleren Wachstum und der geringeren Flexibilität des Kopfes von männlichen Feten zusammenhängen. Bradley et al. unterstützen aufgrund ihrer Experimente an Lämmern die These, dass intrauterin eingeschränkte Positionen des kindlichen Kopfes die Ursache einer Plagiozephalie sein könnten (Bradley et al. 1977).
Laut Golden und Chate könnten Gesichtsskoliosen und eine Plagiozephalie durch Hypertonie des M. Gesichtsskoliosensternocleidomastoideus und Torticollis Plagiozephalieverursacht werden (Golden et al. 1999, Chate 2004).
Behandlungs- und Präventionsmöglichkeiten einer Plagiozephalie
Laut Bridges et al. gibt es in der Literatur keine eindeutigen Hinweise darauf, dass der Gebrauch von Plagiozephalie:Behandlungs- und PräventionsmöglichkeitenOrthesen im Kopfbereich (Helmtherapie) sinnvoll ist (Bridges et al. 2002). Sie fragen sich auch,Helmtherapie:PlagiozephaliePlagiozephalie:Helmtherapie inwieweit ein Helm oder eine Orthese nicht auch Nachteile hat und ob es verantwortet werden kann, einem Kind aus ästhetischen Gründen diese Behandlung aufzuzwingen.
Eine Plagiozephalie soll laut Biggs mittlerweile bei 1 von 60 Geburten vorkommen. Bei einer frühzeitigen Diagnosestellung und Intervention können die meisten Plagiozephalieformen konservativ mit physikalischer Therapie oder einem Kunststoffhelm behandelt werden (Biggs 2003). Positive Behandlungsresultate ließen sich durch die richtige Lagerung beim Schlafen und eine Physiotherapie bei Kindern mit Plagiozephalie erreichen (O'Broin et al. 1999, Pople et al. 1996). Auch Hutchison et al. wiesen darauf hin, dass es zur Prävention einer Plagiozephalie wichtig sei, Dysfunktionen der Hals- und Nackenmuskeln so früh wie möglich zu erkennen und zu behandeln (Hutchison et al. 2003). Es sei zudem wichtig, das Kind zu Lagewechseln während des Tages und des Schlafens anzuregen. In einer späteren Studie bestätigte sich, dass eine eingeschränkte Kopfrotation, motorische Retardierung und Rückenlage beim Schlafen wichtige Elemente für das Entstehen einer Plagiozephalie sind (Hutchison et al. 2004). Osteopathische Behandlungen können in den ersten Lebensmonaten vorteilhaft eingesetzt werden (Philippi et al. 2006). Physiotherapeutische (z. B. nach Bobath, Vojta) und osteopathische Behandlungen sollten aus dieser Sicht viel häufiger präventiv bei jungen Kindern eingesetzt werden! Weitere Studien dazu wären wünschenswert.

11.6.4 Einteilung der Schädelformen in der klassischen Medizin

Brachykranie
Ein vorzeitiger Verschluss der Sutura coronalis führt zur Brachykranie (Brachyzephalie oder Kurzschädel) SAchädelformen:Einteilungmit eingeschränktem BrachykranieWachstum in der BrachyzephalieSagittalebene und kompensatorischem Wachstum in der Frontalebene (Abb. 11.18). Der Schädel schaut kurz und breit aus mit steiler Stirn. Die Augen treten oft hervor und liegen weiter seitlich. Seltener tritt eine Platyzephalie (Chamäzephalie oder Flachschädel) oder eventuell eine PlatyzephalieAkrokranie (ChamäzephalieVertikalschädel) auf.
Es kann Flachschädelsich sowohl um ein Akrokranievermehrtes (laterolaterales) VertikalschädelWachstum in der Frontalebene, also im Bereich der Sutura sagittalis und der Sutura metopica, als auch um ein vermindertes (dorsoventrales) Wachstum in der Sagittalebene, im Bereich der Sutura coronalis bzw. der Sutura lambdoidea, handeln. Nach dem klassisch-osteopathischen Konzept liegt hierbei eher eine Läsion der SSB (Synchondrosis sphenobasilaris) in Flexion vor. Man kann dies aus meiner Sicht auch als Synchondrosis:sphenobasilaris (SSB)dorsoventrale und kraniokaudale Kompressions-Traktionsdeformierung betrachten (Kap. 11.7.3).
Ein vorzeitiger Verschluss der Sutura coronalis, der Sutura sagittalis und teilweise auch der Sutura squamosa führt zur Turrikranie (Turrizephalie, Turmschädel oder prismatische Schädelform).Turrikranie Die TurrizephalieSchädelbasis ist dabei Turmschädelunterentwickelt, sodass der Schädelformen:prismatischeKopf kurz, schmal und hoch ist, mit steiler Stirn und abfallendem Os occipitale. Manche Untersucher vermuten eine Liquordrucksteigerung als Ursache, andere halten eine Mittelohrentzündung mit Vernarbungen, eine Hyperostose des Tegmen tympani mit Verlegung des Antrums sowie eine zu geringe Pneumatisation des Processus mastoideus für verantwortlich.
Dolichokranie
Bei der Dolichokranie (Dolichozephalie oder Langschädel) handelt es sich um Dolichokranieeinen langen SchädelDolichozephalie mit eingeschränktem (Langschädellaterolateralem) Wachstum in der Frontalebene, also im Bereich der Sutura metopica und Sutura sagittalis und kompensatorisch gesteigertem (dorsoventralem) Wachstum in der Sagittalebene, also im Bereich der Sutura coronalis und Sutura lambdoidea. Manchmal wölbt sich die Sutura sagittalis wulstförmig vor; der Augenabstand ist eng und die Schädelbasis meist abgeflacht (Abb. 11.18). Häufig liegt ein vorzeitiger Verschluss der Sutura sagittalis zugrunde. Vereinzelt kommt es auch zu einer Vorwölbung im Bereich des Fonticulus major.
Bei dieser Form der Kraniosynostose wäre es interessant, die Spannung im Bereich der Sutura sagittalis zu untersuchen und zu behandeln. Nach dem klassisch-osteopathischen Konzept liegt hierbei eher eine Läsion der SSB (Synchondrosis sphenobasilaris) in Extension vor. Man kann dies aus meiner Sicht auch als laterolaterale Kompressions-Traktionsdeformierung betrachten (Kap. 11.7.3).
Trigonokranie
Wenn der Kopf auch bei der Betrachtung von oben her dreieckig erscheint, mit der Basis am Hinterhaupt und der Spitze im Stirnbereich, spricht man in der klassischen Medizin von einer Trigonokranie (Trigonozephalie oder dreieckiger Schädel; Abb. 11.19). TrigonokranieDer umgekehrte TrigonozephalieDreiecksform mit vorne breitem und hinten spitzem Schädel wird nicht angegeben.Man kann das aus meiner Sicht auch als transversale Biegung ventral betrachten (Kap. 11.7.3).
Laut Anderson und Geiger verschließt sich die Sutura metopica in der Regel nicht vor dem zweiten Lebensjahr (von Lanz-Wachsmuth 2004). Ein vorzeitiger Verschluss der Sutura metopica könnte diese Deformierung (Trigonokranie) bewirken.
Skaphokranie und Oxyzephalie
Bei der Skaphokranie (keilförmiger Schädel) und der Oxyzephalie (Skaphokraniepyramidenförmiger Schädel) läuft der Schädel:keilförmigerSchädel entweder nachOxyzephalie unten-hinten (Schädel:pyramidenförmigerOxyzephalie) oder nach unten-vorne (Skaphokranie) keilförmig zu. Oft sieht der Kopf auch bei der Betrachtung Skaphokranievon oben dreieckig aus.
Skaphokranie
Bei der Skaphokranie führt meistens ein vorzeitiger Verschluss der Sutura Skaphokranieoccipitomastoidea dazu, dass sich der Schädel keilförmig stärker im ventralen bzw. im kranialen Bereich entwickelt (Abb. 11.19). Es kann sich bei der Skaphokranie sowohl um ein vermehrtes Wachstum im Stirnbereich (Sutura metopica) Skaphokranieals auch um ein vermindertes Wachstum im mittleren und/oder Sutura:metopicadorsalen (Sutura sagittalis) oder im kaudalen Bereich (Sutura occipitomastoidea) handeln. Sutura:sagittalisMan kann eine Skaphokranie aus meiner Sicht als Sutura:occipitomastoideafrontale Biegung kaudal bzw. als transversale Biegung dorsal betrachten (Kap. 11.7.3).
Oxyzephalie
Bei der Oxyzephalie führt ein vorzeitiger Verschluss der Sutura Oxyzephaliesphenoparietalis und derOxyzephalie Sutura sphenofrontalis dazu dass sich der Schädel pyramidenförmig stärker im kaudalen bzw. dorsalen Bereich entwickelt (Abb. 11.19). Bei der Oxyzephalie kann es sich sowohl um ein vermehrtes Wachstum im mittleren und/oder dorsalen Bereich (Sutura sagittalis) als auch um ein vermindertes Wachstum im frontalen und/oder kranialen Bereich (Sutura metopica, Sutura sphenoparietalis und Sutura sphenofrontalis) handeln.
Man kann eine Oxyzephalie aus meiner Sicht als frontale Biegung kranial bzw. als transversale Biegung ventral betrachten (Kap. 11.7.3).
Es wäre also durchaus interessant, bei diesen Formen und bei einem fehlenden Nahtverschluss die Spannung im Bereich der Frontalebene und der Sutura metopica zu untersuchen und zu behandeln.
Plagiokranie
Bei der Plagiokranie (Plagiozephalie oder Schiefschädel) zeigt sich eine PlagiokranieAsymmetrie der PlagiozephalieSchädelkalotte, wenn man den SchiefschädelSchädel von oben und von vorne betrachtet. Manchmal wird sie durch eine vorzeitige einseitige Verknöcherung der Sutura coronalis oder der Sutura lambdoidea verursacht. Von Lanz und Wachsmuth sprechen von einer Schädelskoliose, wenn sich eine Schädelasymmetrie, aber keine Synostose der Suturen darstellt (von Lanz-Wachsmuth 2004). Sie weisen zudem darauf hin, dass eine Schädelskoliose sowohl isoliert als auch in Kombination mit einem Schiefhals vorkommen kann.
In der Osteopathie werden verschiedene komplizierte Läsionsmuster der Synchondrosis sphenobasilaris (Spannungsmuster) bei der Plagiokranie diskutiert: das linke und rechte Sidebending-Rotations-Läsionsmuster, das linke und rechte Torsions-Läsionsmuster sowie das Sidebending-Rotations-Läsionsmuster:PlagiokraniePlagiokranie:Sidebending-Rotations-Läsionsmusterlinke und rechte Lateral-Strain-Läsionsmuster. Man kann dem aus meiner Sicht auch noch unilaterale Biegedeformierungen, Schubdeformierungen und Torsionsdeformierungen hinzufügen (Kap. 11.7.3).
Mikrokranie
Bei der Mikrokranie oder Mikrozephalie besteht ein Missverhältnis zwischen GesichtsMikrokranie- und MikrozephalieHirnschädel, wobei der Kopfumfang eines Erwachsenen mit Mikrokranie deutlich unter 48 cm liegt. Die offenen Nähte sind nach Köhler und Zimmer auf eine mangelnde neurale Induktion zurückzuführen (Köhler & Zimmer 1989). Hier müssen ernsthaft neurologische Entwicklungsstörungen befürchtet bzw. als Ursache betrachtet werden. Es existiert eine Verschmälerung der Schädelbasis mit Steilstellung der Squama occipitalis und Einziehung der Alae majores des Os sphenoidale.
Basiläre Impression
Bei der basilären Impression handelt es sich um eine Fehlbildung der Schädelbasis. Die basiläre ImpressionRänder des Okziputs und die oberen Halswirbel scheinen in den Schädel hinein verlagert zu sein. Der Dens axis ragt ins Schädelinnere hinein. Man kann zwischen einem kongenitalen Typ und einem erworbenen Typ (Erweichung der Schädelbasis, z. B. bei Paget-Syndrom oder Osteomalazie) unterscheiden. Die Beweglichkeit der HWS ist meistens eingeschränkt. Manchmal kommt die basiläre Impression in Kombination mit einem Schiefhals vor.

Integration von Rheologie und Tensegrity-Prinzipien in die kraniosakrale Osteopathie

Weil es funktionell unsinnig wäre, nur die Schädelform zu betrachten, möchten wir Tensegrity-Prinzipiennachfolgend zusätzlich die Spannung und Verformbarkeit der Schädelelemente mit berücksichtigen.

Einführung

Weil wissenschaftliche Untersuchungen darauf hindeuten, dass die SSB (Symphysis sphenobasilaris) bereits früh, etwa um das 16. bis 18. Lebensjahr, Symphysis:sphenobasilaris (SSB)verknöchert, werden die osteopathisch definierten Läsionen der SSB in der klassischen Medizin in Frage gestellt (Rauber & Kopsch 1987). Es ist aber durchaus interessant, sich kurz zu überlegen, warum Sutherland von membranösen Strains sprach und damit sowohl auf die Beteiligung von Ligamenten als auch Gelenkverbindungen an einer Dysfunktion hinwies (Sutherland 2004). Er verglich ein Schädeltrauma mit dem Zusammenprallen eines Schwingungsimpulses und Trägheit. Still hatte angedeutet, dass Knochengewebe Flüssigkeit enthält und dass wir Osteopathen nicht nur Mechaniker des Skelettsystems, sondern auch Mechaniker der Körperflüssigkeiten sind (Still 2002). Genauso wie Swedenborg spricht auch Sutherland von einem fluidalen Mechanismus im Menschen (Kap. 4.7, 4.8, 4.9), ähnlich dem Spiritus animalis (Hartmann 2010).

Viskoelastizität der kranialen Knochen und des Schädels

Kraniale Compliance in verschiedene Altersgruppen
Es ist wichtig, den Schädel mit seinen Knochen, Meningen und Suturen als viskoelastische Sphäre zu betrachten. Moskalenko et al. verglichen die Compliance des Schädels in Ruhe und bei hämo- und liquordynamischen Tests in drei Altersgruppen von 20–30, 40–50 und 70–85 Jahren (Moskalenko et al. 2008). Sie definierten kraniale Compliance als die Fähigkeit des Schädels, in Begleitung der Herzschläge extra einströmendes Blut auffangen zu können. In der mittleren Gruppe (40- bis 50-Jährige) war ein Verlust der kranialen Compliance durch eine erkennbar gesteigerte Rigidität der Schädelknochen und Ligamente festzustellen. Dafür nahm die Compliance in der Altersgruppe von 70 bis 85 Jahren wieder zu, was auf eine Vergrößerung der intrakranialen Liquorräume und verbesserte intrakraniale Liquorzirkulation zurückzuführen war.
Coats und Margulies untersuchten die Materialeigenschaften von Schädelknochen und Suturen des Schädeldaches bei Kindern unter einem Jahr (Coats & Margulies 2006). Dazu wandten sie Biegungen und Streckungen mit einer Belastungsgeschwindigkeit von 1,2 bis 2,8 m/s an. Die kindlichen Knochen sind 35-mal steifer als die kindlichen Suturen. Außerdem sind kindliche kraniale Suturen 30-mal stärker als kindliche Schädelknochen und 243-mal stärker als erwachsene Schädelknochen verformbar, bevor sie aufreißen.

Merke

Die kindlichen Schädelknochen und Suturen können dramatische Formveränderungen durchmachen, ohne zu brechen, und können demzufolge möglicherweise sogar eine beträchtliche Deformierung des Gehirns zulassen.

Einflussfaktoren auf die Viskoelastizität des Schädels
Bei Verlust dieser Viskoelastizität kann es zu Ermüdungsbrüchen von stützenden und tragenden Knochen kommen. Im Schädel verringert sich stattdessen eher die Durchsaftung (Stoffwechselversorgung) der umschlossenen Strukturen, was mit Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Kopfschmerzen, funktionellen Symptomen der Hirnnerven usw. einhergeht.
Folgende anatomische Besonderheiten des Schädels scheinen die Auswirkungen von Krafteinwirkungen auf den Schädel zu beeinflussen:
  • Alter: jüngere Schädelknochen und Suturen sind elastischer als ältere.

  • Dichte und Beweglichkeit der Kopfhaut und der myofaszialen Hüllstrukturen

  • Kuppelform des Schädeldachs, das einwirkende Kraftvektoren umleiten kann

  • Anzahl der Knochen und Suturen

  • Bindegewebe zwischen den Suturen

  • Verknöcherung der Suturen

  • Elastizität der äußeren Schicht des Schädels

  • Überlappen der Schädelknochen und Verzahnung der Suturen

  • Vorwölbungen von Knochen und Leisten

  • Beweglichkeit des Kopfes auf die Wirbelsäule.

Verformungs- und Spannungsmuster (Strain Pattern)
Die kraniosakrale Osteopathie beschreibt Belastungen, die auf die Symphysis sphenobasilaris (SSB) einwirken und sich als Verformungsmuster (Strain Pattern) im Schädel ausbreiten.

Wichtig für das Verständnis

Die Gelenkfläche der SSB wird in der kraniosakralen Osteopathie als zweidimensionale Ebene (etwa die Frontalebene) betrachtet!

White und Panjabi definieren Verformungsmuster (Strain Pattern):SchädelSchädel:Verformungsmuster (Strain Pattern)Strain als Verformung (u. a. auch intraossär) eines Materials bei Belastung, die in Längen-oder Winkeleinheiten ausgedrückt wird (White & Panjabi 1990). Der Begriff Stress steht für eine Belastung, die in verschiedenen Richtungen und Ebenen auf ein Gewebe ausgeübt werden kann.
Belastungen setzen im Schädel aber längst nicht nur zentral an der SSB ein, sondern können beispielsweise auch von extern auf den Schädel einwirken. Wenn man die Auswirkungen von Belastungen nicht nur auf die Ebene der SSB und der Schädelbasis beschränkt, sondern auf die ganze Schädelsphäre ausweitet, ist es sinnvoll, die Terminologie der SSB-Läsionen zu erweitern. Die Verformung des Schädels, die bei Belastung stattfindet, ist meiner Meinung nach sowohl unter suturalen als auch unter intraossären und membranösen (meningealen) Aspekten zu betrachten und sie führt auch zu Flüssigkeitsverschiebungen (Blut und LCS). Es entstehen intraossäre, meningeale, suturale Spannungen sowie Flüssigkeitsstauungen im Körper und im Schädel, die mit der Zeit, wenn sie länger Schädel:Flüssigkeitsstauungenbestehen bleiben, für Deformierungen der Körper- und Schädelarchitektur sorgen werden. Wir sollten nicht warten, bis eine sichtbare und messbare Deformität entsteht, sondern uns bereits auf alle spürbaren Spannungen konzentrieren. Deswegen möchte ich lieber von Verformungs- und Spannungsmustern des Schädels als von SSB-Läsionen sprechen.
Weil man den Schädel meistens mit beiden Händen abtastet und behandelt, wäre es sinnvoll, Belastungstests nicht nur auf die zweidimensionale Ebene der SSB zu begrenzen, sondern auf die dreidimensionale Räumlichkeit der kompletten Schädelsphäre auszudehnen. Deshalb habe ich nachfolgend etliche Verformungs- und Spannungsmuster des Schädels zu den bekannten kraniosakralen Deformierungsmustern hinzugefügt und diese aus didaktischen und praktischen Gründen in drei Hauptebenen eingeteilt. Dabei bin ich von der Behandlungssituation ausgegangen, in der wir bilateral mit unseren Händen jeweils in der Frontal-, der Transversal- und der Sagittalebene (also in den drei Hauptebenen) Kontakt mit dem Schädel des Patienten aufnehmen.

Wichtiger Hinweis

Einerseits ist es wichtig, myofasziale und intraossäre Spannungen zu lösen, bevor sie eventuell schwerwiegende Deformierungen hervorrufen, andererseits ist es genauso wichtig, nach den Ursachen von inneren Spannungen im Gewebe zu suchen und diese bei der Behandlungsstrategie zu berücksichtigen.

Hierbei dürfen vor allem ursächliche psycho-sozio-emotionale Belastungen nicht unterschätzt werden!

Das Screenen der Spannungsmuster beinhaltet eine extreme Vereinfachung der realen Komplexität eines Schädels, weil sich Spannungen selbstverständlich nicht nur in den Hauptebenen, sondern auch in schrägen und abgewinkelten Ebenen auswirken können. Aus didaktischen Gründen ist es aber unmöglich, alle denkbaren Ebenen (eigentlich sind es unendlich viele) darzustellen, weswegen ich nur die Hauptebenen nenne.
Nach Angaben von Benninghoff und Drenckhahn kann der Schädel im frontalen Bereich eine Belastung bis 7.700 N aushalten, bevor er bricht, und sich dabei um 4,2 bis 7,3 mm verformen. Bei einer vertikalen (kraniokaudalen) Belastung bis 7.900 N verformte sich der Schädel um bis zu 12 mm (Benninghoff-Drenckhahn 2003). Der Schädel muss erheblichen Belastungen wie dem Kaudruck oder Stößen bzw. Schlägen von außen standhalten können und besitzt deswegen eine besondere Konstruktion. Belastungen können sowohl von peripher als auch von zentral (z. B. über die Meningen) oder von der Symphysis sphenobasilaris auf den Schädel einwirken.
Sutherland verglich den menschlichen Kopf zum Zeitpunkt der Geburt mit einem weichschaligen Ei oder modifizierten Globus (Sutherland 2004). Er betonte, dass die Dura mater die Schädelknochen wie eine reziproke Spannungsmembran verbindet, ähnlich wie die Kabel zwischen zwei Telefonmasten. Auch wenn die Kabel bei einem Schneesturm so mit Schnee beladen sind, dass sie sich durchbiegen und die Masten sich aus der Senkrechte neigen, bleiben sie trotzdem miteinander verbunden.

Tensegrity-Struktur des Schädels

Ich möchte den Schädelaufbau mit einer Tensegrity-Kugel vergleichen: Er besteht aus viskoelastischen Membranen und schwingungsfähigen Bögen, die seine Kugelform aufrechterhalten. Diese Tensegrity-Struktur setzt sich wieder aus einer unendlichen Zahl kleinerer Tensegrity-Strukturen (bis in den zellulären Bereich hinein) zusammen.

Hinzu kommt noch die innere Zuggurtung durch die Meningen, die Schwingungsdämpfung durch die Nasennebenhöhlen und die äußere Zuggurtung durch die myofaszialen Kopf- und Gesichtsstrukturen. Auch die Flüssigkeitsverschiebungen (Blut und LCS) möchte ich hinzufügen.

Deformierungs- und Spannungsmuster des Schädels

WirktSchädel:Tensegrity-Struktur ein Kräftepaar (Spannungen) auf einen Körper (z. B. Schädel) ein, so absorbiert der Körper diese Belastung und baut eine innere Schädel:Deformierungs- und SpannungsmusterSpannung auf. Dabei wird sich der Körper ab einer bestimmten Belastungsgröße und Belastungszeit verformen. Auch der Schädel kann durch Kompressions- und Traktionsbelastungen, durch Biege-, Schub- und Torsionskräfte oder durch eine Kombination davon belastet werden und innere Spannungsmuster aufbauen. Ich habe den Schädel aus didaktischen und praktischen Gründen hypothetisch in zwei Hälften pro Ebene geteilt, weil er meistens mit zwei Händen behandelt wird. In der angesprochenen Ebene ist der Schädel vereinfacht etwa in der Mitte geteilt.
Es erscheint sinnvoll, die Wirkungen der belastenden Kräftepaare folgendermaßen einzuteilen (Abb. 11.20):
  • Ist das Kräftepaar darauf ausgerichtet, den Abstand zwischen den beiden Teilen (z. B. Schädelhälften) zu verringern

  • und demzufolge in der Verbindungslinie zwischen den Mittelpunkten der beiden Teile (Schädelhälften) wirksam, handelt es sich um eine Kompressionsbelastung, die im Gewebe eine Kompressionsspannung auslöst. Eine mediane Schädel:KompressionsbelastungKompressionsbelastung verursacht eine Kompression oder Stauchung mit eventueller Verformung der betroffenen Ebene des Schädels (Frontalebene, Transversalebene oder Sagittalebene). Da die Belastung median in allen drei Ebenen stattfinden kann, lassen sich drei bilaterale Kompressionsmuster finden (Abb. 11.26): Kompression der dorsoventralen, der laterolateralen und der kraniokaudalen Ebene.

  • Setzen die Kräfte dagegen so an, dass sie den Abstand zwischen beiden Teilen (Schädelhälften) vergrößern und demzufolge in der Verbindungslinie zwischen den Mittelpunkten der beiden Teile (Schädelhälften) wirksam sind, handelt es sich um eine Traktionsbelastung, die eine Traktionsspannung im Gewebe auslöst. Von außen in der Medianebene Schädel:Traktionsbelastungenwirkende Traktionsbelastungen lassen sich am Schädel logischerweise kaum feststellen. Von innen können Spannungen der Falx cerebri und der Falx cerebelli aufgebaut werden.

  • Ist das Kräftepaar darauf ausgerichtet, den Abstand zwischen beiden Teilen (Schädelhälften) zu verringern oder zu vergrößern, aber dabei parallel zur und lateral von der Verbindungslinie zwischen den Mittelpunkten der beiden Teile (Schädelhälften) wirksam, handelt es sich um eine Biegebelastung, die im Gewebe eine Biegespannung mit einer Kompressionsbelastung auf der Schädel:Biegebelastungenkonkaven Seite und einer Traktionsbelastung auf der konvexen Seite auslöst. Eine Biegebelastung wird durch eine unilaterale Kompressions- oder Traktionsbelastung des Schädels verursacht. Eine Biegung kann in allen drei Ebenen stattfinden (Abb. 11.27 bis Abb. 11.30):

    • in der Sagittalebene (sagittale Biegung nach ventral, sagittale Biegung nach dorsal, sagittale Biegung nach kranial und sagittale Biegung nach kaudal)

    • in der Frontalebene (frontale Biegung nach links, frontale Biegung nach rechts, frontale Biegung nach kranial und frontale Biegung nach kaudal) und

    • in der Transversalebene (transversale Biegung nach links, transversale Biegung nach rechts, transversale Biegung nach ventral und transversale Biegung nach dorsal). Damit lassen sich 12 Biegungsmuster finden.

  • Sind die Kräfte so ausgerichtet, dass sie in einer Ebene an beiden Teilen in entgegengesetzter Richtung senkrecht zur Verbindungslinie zwischen den Mittelpunkten der beiden Teile (Schädelhälften) wirken, handelt es sich um eine Schub- oder Scherbelastung, die eine Schub- oder Scherspannung im Gewebe auslöst. Eine Schädel:Schub- oder ScherbelastungenScherbelastung entspricht einer translatorischen Bewegung parallel zur betrachteten Ebene und verursacht eine Winkeländerung oder Scherung im belasteten Objekt. Eine Scherbelastung kann am Schädel in allen drei Ebenen stattfinden. Jede Ebene hat dabei zwei Freiheitsgrade und zwei Seiten (Abb. 11.32 bis Abb. 11.35): 4 Scherung in der Frontalebene, 4 Scherung in der Sagittalebene und 4 Scherung in der Transversalebene. Damit lassen sich 12 Schermuster finden.

  • Sind die Kräfte so ausgerichtet, dass sie in verschiedenen Ebenen an beiden Teilen in gleicher Richtung senkrecht zur Verbindungslinie zwischen den Mittelpunkten der beiden Teile (Schädelhälften) wirken, handelt es sich um eine Torsionsbelastung, die eine Torsionsspannung im Gewebe auslöst. Eine Torsionsbelastung des Schädel:TorsionsbelastungenSchädels verursacht eine Torsion der beiden Schädelhälften gegeneinander. Eine Torsion kann in allen drei Ebenen stattfinden (Abb. 11.36 bis Abb. 11.39). Damit lassen sich sechs Torsionsmuster finden.

  • Verschiedene Kombinationen der zuvor beschriebenen Belastungsformen sind ebenfalls möglich.

Diese Spannungsmuster sind zwar an die SSB-Läsionen angelehnt, müssen aber nicht unbedingt von der SSB und auch nicht von einer Ebene (Frontalebene) ausgehen. Betont sei vielmehr, dass sie sowohl von meningealen Spannungen, myofaszialen Spannungen, Blockierungen der Suturen und intraossären Spannungen als auch von traumatischen Belastungen ausgehen können und sich dreidimensional in der ganzen Schädelsphäre auswirken.

Beziehung zur SSB

  • Meningeale Spannungen und auch Spannungen der zentralen Myofaszialkette setzen ziemlich zentral im Bereich der SSB an.

  • Spannungen der anderen myofaszialen Strukturen (z. B. Kaumuskeln, Nackenmuskeln) setzen oft peripher am Schädel an und kriechen dann sozusagen in den Schädel hinein (viskoelastischer Creep).

Ob und wie sich die Spannungen bis auf die Symphysis sphenobasilaris (SSB) auswirken, hängt nicht nur von der Größe und Dauer der Belastung ab, sondern auch von der Ansatzposition der myofaszialen Strukturen, von der Richtung der einwirkenden Belastungen usw.! Deswegen erscheint es sinnvoll, sich dem Schädel nicht nur von der SSB aus, sondern insgesamt als einer Tensegrity-Sphäre anzunähern.

Sutherland hat die Dysfunktionen im Schädelbereich als membranöse Strains bezeichnet und dabei betont, dass sowohl die Membranen innerhalb des Schädels als auch die Gelenke des Schädels betroffen sein können (Sutherland 2004).
Im Sinne von Sutherland möchte ich auch vorschlagen, den Schädel systematisch in den drei Ebenen auf Spannungs-Deformierungsmuster zu untersuchen und diese als eine Art Orientierungshilfe für Beobachtungen am Schädel zu benutzen, die während einer Behandlungsreihe aufgezeichnet und verfolgt werden. Diese Beobachtungen und Dokumentationen können helfen, die kraniosakralen Grundlagen der Osteopathie auszuarbeiten.
Das Fulkrum-Konzept
Bei einem Gelenk ist es sinnvoll, von einem Bewegungsumfang mit physiologischen und anatomischen Barrieren zu sprechen. Irgendwo in dem Fulkrum-Konzepttotalen Bewegungsumfang findet man einen neutralen Mittelpunkt, an dem die Spannung im periartikulären Gewebe am kleinsten ist (Abb. 11.21).
Sutherland nannte diesen Punkt Balancepunkt (Point of Balance) oder Fulkrum und verglich die Mobilität eines Gelenks dabei Gelenke:Balancepunkt (Point of Balance)Balancepunkt (Point of Balance):Gelenkeinteressanterweise mit einer Hängewaage. Je nachdem, wo man die Waage festhält (Achse) und in welcher räumlichen Position sie sich befindet, aber auch abhängig von äußerlich einwirkenden Kräften (z. B. Wind, an Teilen der Waage ansetzende Seile – sprich Ligamente) entsteht jeweils ein neuer Balancepunkt, an dem die Spannung für das Gelenk und die umgebenden Strukturen situationsabhängig am geringsten ist. Sutherland sprach von einem sich automatisch verlagernden Fulkrum. Auch wenn sich restriktive Strukturen einmischen und ein Bewegungsverlust entsteht, wird die Waage (Gelenk) trotzdem einen neuen (kompensatorischen) Balancepunkt oder Fulkrum finden.
Ich möchte betonen, dass alle an der Dysfunktion beteiligten Membranen, Ligamente und myofaszialen Strukturen die Position des Balancepunktes mit bestimmen. Man könnte den neutralen Punkt (Balancepunkt) demzufolge auch als Tensegrity-Punkt darstellen (Abb. 11.22)!
Damit sich eine lebendige Struktur wie beispielsweise dem Schädel unter Tensegrity-PunktBelastung viskoelastisch verformt, sind anguläre Quantitäten weniger angebracht. Für ein besseres Verständnis lohnt es sich eher, die viskoelastische Deformierungskurve mit den Gewebequalitäten aufzuzeichnen (Abb. 11.23 und Abb. 11.24).
Viskoelastische Deformierung und Gewebequalitäten des Schädels
Beim Testen von normalem, gesundem, lebendigem Gewebe lässt es sich mit einer langsam gesteigerten und dann konstant gehaltenen Belastung (Kompression, Traktion, Biegung, Schub, Torsion) qualitativ langsam kriechend und viskös (zähflüssig) verformen, und nach Wegnahme der Belastung (Entlastung) wird es auch wieder qualitativ langsam kriechend und elastisch zu seiner Ausgangsform zurückkehren.

Praktische Hinweise

Es sei nochmals extra betont, dass man lebendiges Gewebe eher mit einem Minimum an Kraft und dafür mit einem Maximum an Zeit bearbeiten sollte!

Lebendige Knochen können als Beispiel für eine sich dilatierende Flüssigkeit betrachtet werden. Das bedeutet, je schneller man sie belastet, desto steifer reagieren sie auf diese Belastung. Um etwas über die viskoelastische Verformbarkeit sagen zu können, ist es deswegen sehr wichtig, die Belastung nur äußerst behutsam und langsam zu steigern (Meert 2007)!

Allgemein verspanntes bzw. versteiftes Gewebe lässt sich auch mit einer langsam gesteigerten Belastung kaum viskoelastisch verformen und fühlt sich weiterhin hart, unelastisch, nicht-lebendig und spröde an. Ausgeleiertes Gewebe ist über seine Elastizitätsgrenze hinaus belastet worden und plastisch deformiert, sodass es eine Restdeformierung beibehält und instabil und kraftlos wirkt (Abb. 11.23)!
Das Deformierungsmuster (Strainmuster)wird nach der Richtung der freier, elastischer, ausladender möglichen Bewegung Schädel:Deformierungsmuster (Strainmuster)benannt!
Während der manuellen Untersuchung steht man allerdings vor dem Dilemma: Zieht es mich nun eigentlich zur freieren Seite hin, oder schiebt es mich eher von der festeren Seite weg? Anders ausgedrückt: Liegt das Problem auf der Seite, zu der es mich hinzieht, oder auf der Seite, von der es mich wegschiebt?
Testmethoden
Grundsätzlich gibt es dabei zwei Arten, das Gewebe zu testen:
  • Testmethode 1 mit Listening: Man belastet das Gewebe symmetrisch äußerst sanft und langsam und verfolgt mit einem Listening die Reaktion des Gewebes. Dabei kümmert man sich weniger darum, auf welcher Seite das Gewebe zu wenig mobil ist, sondern man behandelt die komplette Struktur (z. B. den Schädel) entweder direkt (indem die Richtung, die nicht gut geht, verstärkt wird) oder indirekt (indem die Richtung, die gut geht, verstärkt wird).

Beispiel

Wenn bei einer langsamen kraniokaudalen Kompression des Schädels mit leichtem Druck die Hand auf der linken Seite deutlich leichter eindringt, wird das als eine kraniokaudale Kompressions-Traktions-Spannung unilateral links (KTS links) oder als frontale Biegung links (Abb. 11.27) definiert. Zur Behandlung kann man die KTS links entweder indirekt verstärken oder direkt in Richtung KTS rechts mobilisieren. Damit ist aber nicht geklärt, ob sich nun die linke Seite zu leicht oder die rechte Seite zu schlecht komprimieren lässt (z. B. weil sie gestaut ist)

Darüber hinaus beinhaltet eine frontale Biegung links auf der linken Seite eine Kompressionskomponente und auf der rechten Seite eine Traktionskomponente.

Hier ist demzufolge weder geklärt, ob die rechte Seite schlechter komprimiert oder ob die linke Seite schlechter gedehnt werden kann, noch welches Gewebe Probleme aufweist.

Es wäre im Hinblick auf die Flüssigkeiten sinnvoll, neben direkten bzw. indirekten Techniken auch pumpende Techniken einzusetzen.

  • Testmethode 2 durch Vergleich der beiden Bewegungsrichtungen: Man Schädel:kraniokaudale KompressionSchädel:Kompressions-Traktions-SpannungkannKompressions-Traktions-Spannung:Schädel als erweitertes Testverfahren den Schädel in eine linke KTS (frontale Biegung links, Abb. 11.27) führen, um gleichzeitig die Kompressionsfähigkeit der linken Seite und die Traktionsfähigkeit der rechten Seite zu bewerten. Danach untersucht man im Seitenvergleich die Beweglichkeit des Schädels während der KTS links (frontale Biegung links) und während der KTS rechts (frontale Biegung rechts). Die Seite des Schädels, die eine qualitativ schlechtere Viskoelastizität aufweist, wird anschließend mit verschiedenen Belastungstechniken (Kompression, Traktion, Biegung, Scherung, Torsion) und Pumptechniken im Geweberhythmus behandelt. Die Namensgebung der Läsion bleibt trotzdem dieselbe wie beim ersten Testverfahren.

Vorgehensweise beim Testen und Behandeln
Beim Durchtesten der nachfolgend beschriebenen Strainmuster des Schädels sucht man nach dem Bereich, der eine qualitativ schlechtere Komprimierbarkeit, Dehnbarkeit, Biegsamkeit, Scher- und/Schädel:Strainmusteroder Torsionsfähigkeit aufweist, und auch nach dem Bereich, in dem sich das Gewebe nach der Belastung weniger viskoelastisch verhält bzw. schlechter zur Ausgangsform zurückkehrt.
Bei der Behandlung kann man entweder nur noch die Ebene anpeilen, die vom Listening vorgegeben wird, oder man kann ausführlich alle Ebenen und Spannungsmuster durchtesten und sie bei Bedarf einzeln behandeln.

Empfehlung

Es erscheint mir trotzdem sinnvoll, bei der Untersuchung zuerst das Listening als Wegweiser zu benutzen, um daraufhin die Dehnbarkeit, Komprimierbarkeit, Biegsamkeit, Scher- und Torsionsfähigkeit in beiden angedeuteten Richtungen zu testen.

Zeigt das Listening beispielsweise ein bilaterales Kompressions-Traktions-Spannungsmuster oder eher eine Biegespannung in Form einer Biegung in der Frontal-, Sagittal- oder Transversalebene (unilaterales Kompressions-Traktions-Spannungsmuster), vielleicht eine Scherspannung oder doch eher eine Torsionsspannung? Dies kann bereits mit direkten (Spannungsmuster entgegenwirken), indirekten (Spannungsmuster verstärken) oder pumpenden Techniken behandelt werden.
Zwei Arten von Verspannung im Gewebe
Es lassen sich empirisch zwei Arten von Verspannung im Gewebe feststellen:
  • Eine Verspannung mit Versteifung des Gewebes kann in allen Richtungen einer oder mehrerer Ebenen vorliegen. Sowohl die Verformung während der Belastung als auch die Rückkehr zur Ausgangsform nach der Entlastung läuft zwar gleichmäßig ab, aber nur minimal. Das bezeichnen wir als allgemeine Verspannung-Versteifung (Abb. 11.23).

  • Die Verspannung des Gewebes tritt vor allem in einer Richtung (entweder während Belastung oder während Entlastung) einer Ebene auf. Das Gewebe lässt sich beispielsweise unter Belastung in einer Ebene schnell verformen, kriecht aber während der Entlastung nur sehr langsam zur Ursprungsform zurück. Oder das Gewebe verformt sich unter der Belastung nur sehr langsam, kehrt aber während der Entlastung sehr schnell wieder zur Ausgangsform zurück. Wir bezeichnen dies als unidirektionale Verspannung (Abb. 11.24).

Es sollte hier wissenschaftlich weiter untersucht werden, wie sich dieses empirisch festgestellte Verhalten des Gewebes genau erklären lässt. Eine Anordnung von Kollagenfasern und Wasserstoffbrücken usw. in einer Richtung kann hier beispielsweise eine Rolle spielen.
Behandlungswege
Für die Behandlung stehen selbstverständlich sowohl der direkte (in die Richtung bewegen, in der es nicht gut geht) als auch der indirekte Weg (in die Richtung, in der es gut geht) offen. Weil der indirekte Weg die dem Gewebe innewohnende Lebenskraft (Eigendynamik mit Motilität, Vasomotion und Geweberhythmus) als Korrektiv benutzt und demzufolge nicht aggressiv ist, empfiehlt es sich, bei der Behandlung von akuten Störungen immer zuerst mit indirekten und pumpenden Techniken anzufangen. Man kann indirekte Techniken sogar noch verstärken und den Bewegungsumfang in der Richtung, in der es gut läuft, vergrößern, was man auch als Weg der Übertreibung (Übersteigerung) bezeichnen kann.
Der Qualität des Geweberhythmus lauschen
Lebendiges Gewebe soll im entlasteten Zustand einen neuen Balancepunkt finden und in diesem Fulkrum zudem auch die Geweberhythmus:Verspannungen im SchädelVasomotion bzw. den Geweberhythmus (Kraniosakralrhythmus) zulassen, die eine Kompensation und eine Aufrechterhaltung der Homöostase des Körpers ermöglichen. Sobald das nicht mehr möglich ist, kann eine akute Pathologie des Gewebes entstehen.
Dieses Grundwissen gibt uns, neben dem viskoelastischen Verformen, eine zweite Möglichkeit, lebendiges Gewebe zu testen und zu behandeln, indem wir das Gewebe sehr sanft berühren und dem Geweberhythmus lauschen. Beurteilt wird vor allem die Qualität des Geweberhythmus. Sutherland sprach von der Intelligenz und Potency der zerebrospinalen Flüssigkeits-Tide. Er hat darauf hingewiesen, dass wir bei Unsicherheit oder Zweifel an der richtigen Flüssigkeits-Tide:zerebrospinalerDiagnose die Tide zumzerebrospinaler Flüssigkeits-Tide verdächtigen Bereich des Schädels dirigieren und für uns arbeiten lassen sollen!
Am Geweberhythmus spürt man, ob das Gewebe ausgeglichen ist; in dem Fall stellt sich der Rhythmus harmonisch dar, denn die Anschwellphase ( kraniosakrale Flexion und Außenrotation, Aufrichtung des Körpers) ist harmonisch und mit quasi identischer Geweberhythmus:AnschwellphaseWellenlänge auf die Abschwellphase ( kraniosakrale Extension und Innenrotation, Zusammenrollen des Körpers) abgestimmt (Abb. 11.25).
Starke Geweberhythmus:AbschwellphaseDysfunktionen im Gewebe äußern sich unter anderem darin, dass der Geweberhythmus disharmonisch wirkt und sich eine Phase (beispielsweise die Anschwellphase) langsam und verzögert aufbaut, während die andere Phase kurz und schnell vorbeizieht, als ob sie an einer Barriere oder Blockade zurückprallt (Abb. 11.25). Die kürzere Phase wird dabei manchmal als Zurückprallen oder auch als Abschwächung palpiert oder kaum noch als Welle wahrgenommen.
Bei der Behandlung des Geweberhythmus versucht man, den schlecht wahrnehmbaren Teil der Welle abzubremsen und zu verlangsamen, um damit den Balancepunkt zu verschieben. Es hat sich empirisch auch bewährt, einen Stillpunkt einzufügen oder die Richtung, die gut geht, zu verstärken (Übertreibung). Auch einen harmonischen Rhythmus zu induzieren kann durchaus sinnvoll sein.
Bilaterale und mediane Kompressions-Traktions-Spannungen des Schädels
Bilaterale und mediane Kompressions-Traktions-Spannungen (KTS) können sich jeweils in einer der drei räumlichen Ebenen des Schädels aufbauen: Schädel:Kompressions-Traktions-Spannungen (KTS)Kompressions-Traktions-Spannungen (KTS):bilteralekraniokaudale, Kompressions-Traktions-Spannungen (KTS):medianelaterolaterale bzw. dorsoventrale Kompressions-Traktions-Spannung (Abb. 11.26).
Praktisch unterschieden werden:
  • Bilaterale oder mediane kraniokaudale KTS des Schädels: Eine Abnahme des kraniokaudalen Schädeldurchmessers kann mit einer kraniokaudalen Kompressions- oder Traktionsbelastung Kompressions-Traktions-Spannungen:bilateralezusammenhängen. Das entspricht einer kraniosakralen Flexionsläsion der SSB in der Anschwellphase des Schädels und Aufrichtungsphase des Körpers mit den posterioren Myofaszialketten (Meert Flexionsläsion der SSB2007 und 2009).

    • Als Kompressionsbelastungen können beispielsweise Traumata, Hypertonie oder Verklebungen der Kaumuskeln, der Nacken- und Rückenstreckmuskulatur, der Muskeln der posterioren MFK und der Suturen an der Schädelbasis betrachtet werden.

    • Hypertonie, Spannungen, Vernarbungen der kraniokaudalen Fasern der Falx cerebri, der Falx cerebelli und der spinalen Dura mater können als Traktionskräfte zu KTS im Schädel führen.

    • Auch soziale und emotionale Probleme sowie viskoelastische Verformungen mit gespeicherten intraossären Spannungen und Geburtstraumata können eine Rolle spielen.

  • Bilaterale oder mediane laterolaterale KTS des Schädels: Eine Abnahme des laterolateralen Schädeldurchmessers kann mit einer laterolateralen Kompressions- oder Traktionsbelastung zusammenhängen. Das entspricht Kompressions-Traktions-Spannungen:bilateraleeiner kraniosakralen Extensionsläsion der SSB in der Abschwellphase des Schädels und Zusammensinkphase des Körpers mit den anterioren Myofaszialketten (Meert 2007 und 2009).

    • Als Kompressionsbelastungen können beispielsweise Traumata, Hypertonie oder Verklebungen der Mm. temporoparietales, der Mm. temporales, der Mm. auriculares, der Muskeln der anterioren MFK sowie der Suturae squamosae und der Sutura sagittalis betrachtet werden.

    • Auch Hypertonie, Spannungen, Vernarbungen der laterolateralen Fasern des Tentorium cerebelli und des Periosts der Schädelknochen können als Traktionskräfte KTS im Schädel auslösen.

    • Auch soziale und emotionale Probleme sowie viskoelastische Verformungen mit gespeicherten intraossären Spannungen und Geburtstraumata können eine Rolle spielen.

  • Bilaterale oder mediane dorsoventrale KTS des Schädels: Eine Abnahme des dorsoventralen Schädeldurchmessers kann mit einer dorsoventralen Kompressions- oder Traktionsbelastung Kompressions-Traktions-Spannungen (KTS):bilateralezusammenhängen. Das entspricht einerseits einer kraniosakralen Flexionsläsion der SSB in der Anschwellphase des Schädels und Aufrichtungsphase des Körpers mit den posterioren Myofaszialketten (Meert 2007 und 2009) und andererseits einer kraniosakralen Kompressionsläsion der SSB.

    • Als Kompressionsbelastungen können beispielsweise Hypertonie oder Verklebungen der Nacken- und Rückenstreckmuskulatur, der Galea aponeurotica und des M. epicranius sowie Traumata betrachtet werden.

    • Hypertonie, Spannungen, Vernarbungen der dorsoventralen Fasern der Falx cerebri und der Falx cerebelli können als Traktionskräfte zu KTS im Schädel führen.

    • Auch soziale und emotionale Probleme sowie viskoelastische Verformungen mit gespeicherten intraossären Spannungen und Geburtstraumata können eine Rolle spielen.

Einwirkende Belastungen werden nach dem Tensegrity-Prinzip im Schädel absorbiert, von der Einwirkstelle abgelenkt und im ganzen Körper verteilt. Dadurch wird die Verletzungsgefahr reduziert, aber es lässt sich auch schwerer vorhersagen, welche Schädelbereiche mehr von der Spannung bzw. Deformierung abbekommen.

Praktische Empfehlung

Es empfiehlt sich deswegen, die Spannungsmuster der Reihe nach komplett durchzutesten bzw. die viskoelastische Mobilität der verschiedenen Schädelabteilungen mit sogenannten Screeningtests zu untersuchen (Kap. 17.2).

Wir können den Schädel zum Screenen in sieben größere Schädelkompartimente unterteilen. Bei der Beschreibung der Foramina mit den durchziehenden Leitungsbahnen beschränken wir uns auf sieben Schädelabteilungen, um die vorhandene Symptomatik besser verstehen zu können und die Sachlage nicht unnötig zu verkomplizieren (Kap. 12.2):
  • Schädelbasis oder sphenobasiläre Abteilung

  • Hinterkopf oder okzipitomastoidale Abteilung

  • Schädeldach oder parietotemporofrontale Abteilung

  • Gesichtsschädel oder frontomaxillo-zygomatikonasale Abteilung

  • Medianebene oder palatinovomero-ethmoidosphenoidale Abteilung

  • Mandibula und Kiefergelenke links und rechts.

Bei kraniokaudalen KTS sind oft die Schädelkompartimente des Schädeldachs und der Schädelbasis betroffen. Dadurch können die vorhandenen Foramina und Leitungsbahnen eingeengt werden (Kap. 12.2.1 und Kap. 12.2.3Kap. 12.2.1Kap. 12.2.3).
Bei laterolateralen KTS sind oft die Schädelkompartimente der linken und rechten Seite des Schädels und die Kiefergelenke betroffen (Kap. 12.2.5 und Kap. 12.2.6Kap. 12.2.5Kap. 12.2.6).
Bei dorsoventralen KTS sind oft die Schädelkompartimente des Gesichtsschädels und des Hinterkopfes am stärksten betroffen (Kap. 12.2.3 und Kap. 12.2.4Kap. 12.2.3Kap. 12.2.4).
Bei chronischen KTS treten mit der Zeit einige besondere Deformierungen im Bereich des Gebisses auf. Beim Gebiss fällt manchmal eine unterschiedliche Bogenweite der Maxilla gegenüber der Mandibula auf, wobei die Maxilla bei laterolateralen KTS enger und bei dorsoventralen KTS breiter als die Mandibula wird. Bei kraniokaudalen KTS können Mischformen vorliegen, und regelmäßig sind oft auch Schliff-Facetten der Zähne, Bruxismus und Zahneindrücke in Zunge und Wange anzutreffen.
Unilaterale Kompressions-Traktions-Spannungen (KTS) oder Biegespannungen des Schädels
Unilaterale KTS können sich jeweils in einer der drei räumlichen Ebenen aufbauen (Abb. 11.27 bis 11.30):
  • Biegung inKompressions-Traktions-Spannungen (KTS):unilaterale der Frontalebene: frontale Biegung rechts, frontale Biegung links, frontale Biegung kranial und frontale Biegung kaudal

  • Biegung in der Transversalebene: transversale Biegung rechts, transversale Biegung links, transversale Biegung ventral und transversale Biegung dorsal

  • Biegung in der Sagittalebene: sagittale Biegung ventral, sagittale Biegung dorsal, sagittale Biegung kranial und sagittale Biegung kaudal.

Eine unilaterale KTS des Schädels in der Frontalebene (Abb. 11.27) bedeutet:
  • Abnahme des kraniokaudalen Schädeldurchmessers auf einer Seite, wobei die obere und untere Schädelhälfte in der Frontalebene zueinander gedreht bzw. verschoben sind (frontale Biegung nach rechts bzw. links).

  • Abnahme des laterolateralen Schädeldurchmessers oben oder unten, wobei die linke und rechte Schädelhälfte in der Frontalebene zueinander gedreht bzw. verschoben sind (frontale Biegung nach kranial bzw. kaudal).

Eine kraniosakrale Sidebending-Rotations-Läsion der SSB entsteht nach der kraniosakralen Sichtweise um hintereinander geschaltete (zwei kraniokaudaleSSB:Sidebending-Rotations-Läsion und eine Sidebending-Rotations-Läsion:SSBdorsoventrale) Achsen. So soll sich beispielsweise bei einer Läsion der SSB in Sidebending-Rotation rechts zuerst das Os occipitale um eine kraniokaudale Achse nach rechts (Rotation im Uhrzeigersinn) und das Os sphenoidale um eine kraniokaudale Achse nach links (gegen den Uhrzeigersinn) drehen. Dadurch entsteht Kompression in der linken Schädelhälfte, die zu einer gemeinsamen Rotation des Os occipitale und des Os sphenoidale nach rechts um eine dorsoventralen Achse führen soll (Abb. 11.28).
  • Eine kraniosakrale Sidebending-Rotations-Läsion links der SSB ist eine Kombination aus einer transversalen Biegung des Schädels nach rechts mit einer frontalen Biegung des Schädels nach links.

  • Eine kraniosakrale Sidebending-Rotations-Läsion rechts der SSB ist eine Kombination aus einer transversalen Biegung des Schädels nach links mit einer frontalen Biegung nach rechts.

    • Als Kompressionsbelastungen können beispielsweise durch unilaterale Hypertonien oder Verklebungen der Kaumuskeln, der Nacken- und Rückenstreckmuskulatur und unilaterale Traumata (z. B. Schlag auf den Kopf, schwere Zahnextraktion) betrachtet werden.

    • Als Traktionskräfte können z. B. unilaterale Hypertonien, Spannungen, Vernarbungen der kraniokaudalen Fasern der Falx cerebri und der Falx cerebelli betrachtet werden.

    • Auch psychoemotionale und soziale Belastungen können hierbei eine Rolle spielen.

Eine unilaterale KTS des Schädels in der Transversalebene (Abb. 11.29) bedeutet:
  • Abnahme des dorsoventralen Kompressions-Traktions-Spannungen (KTS):in der transversalebeneSchädeldurchmessers auf einer Seite, wobei die vordere und hintere Schädelhälfte in der Transveralebene zueinander gedreht bzw. verschoben sind (transversale Biegung nach rechts bzw. links).

  • Abnahme des laterolateralen Schädeldurchmessers vorne oder hinten, wobei die linke und rechte Schädelhälfte in der Transversalebene zueinander gedreht bzw. verschoben sind (transversale Biegung nach ventral bzw. dorsal).

    • Als Kompressionsbelastungen können beispielsweise homolaterale Hypertonien oder Verklebungen der Galea aponeurotica, des M. epicranius, der Kaumuskulatur und unilaterale Traumata (z. B. Schlag auf den Kopf, schwere Zahnextraktion) betrachtet werden.

    • Als Traktionskräfte können z. B. unilaterale Hypertonien, Spannungen, Vernarbungen der laterolateralen Fasern des Tentorium cerebelli betrachtet werden.

    • Auch psychoemotionale und soziale Belastungen können hierbei eine Rolle spielen.

Eine unilaterale KTS des Schädels in der Sagittalebene (Abb. 11.30) bedeutet:
  • Abnahme des kraniokaudalen Schädeldurchmessers vorne oder hintenKompressions-Traktions-Spannungen (KTS):in der Sagittalebene, wobei die obere und untere Schädelhälfte in der Sagittalebene zueinander gedreht bzw. verschoben sind (sagittale Biegung nach ventral bzw. dorsal).

  • Abnahme des dorsoventralen Schädeldurchmessers oben oder unten, wobei die vordere und hintere Schädelhälfte in der Sagittalebene zueinander gedreht bzw. verschoben sind (sagittale Biegung nach kranial bzw. kaudal).

    • Als Kompressionsbelastungen können beispielsweise Hypertonien oder Verklebungen der Nacken- und Rückenstreckmuskulatur, der Galea aponeurotica und des M. epicranius oder der Gesichts- und Kaumuskulatur sowie unilaterale Traumata betrachtet werden.

    • Als Traktionskräfte können z. B. Hypertonien, Spannungen, Vernarbungen der dorsoventralen Fasern der Falx cerebri und der Falx cerebelli betrachtet werden.

    • Auch hierbei können psychoemotionale und soziale Belastungen eine Rolle spielen.

Bei frontalen und transversalen Biegespannungen nach links und rechts sind die Medianebene und die konkave Schädelhälfte mit ihren Foramina und durchziehenden Leitungsbahnen betroffen, vor allem der Gesichtsschädel (Kap. 12.2.5 und Kap. 12.2.4Kap. 12.2.5Kap. 12.2.4).
Bei chronischen unilateralen KTS sind auch das Gebiss und die Kiefergelenke betroffen, und mit der Zeit kommt es dann zu Malokklusionen (Fehlbissen). Hier kann beispielsweise ein seitlich offener Biss entstehen (Abb. 11.31). Das Gleichgewichtsorgan und das Hörapparat sind auf der Kompressionsseite, genauso wie die Orbita mit den durchziehenden Leitungsbahnen und das Auge, in Mitleidenschaft gezogen. Manchmal können demzufolge auch Visus-, Hör- und Gleichgewichtsstörungen auftreten.
Bei unilateralen Biegungsspannungen sind vor allem die venösen Sinus und die Meningen oft betroffen. Das kann zu Stauungs- und Spannungskopfschmerzen führen. Oft liegen einseitige Verspannungen der Myofaszialketten mit skoliotischen Haltungen oder strukturellen Skoliosen vor, die durch die unilateralen Biegungsdeformierungen verursacht oder verstärkt werden!
Scherspannungen (Schubspannungen) des Schädels
Scherspannungen bauen sich jeweils in einer der drei räumlichen Ebenen auf (Abb. 11.32 bis 11.35):
  • Scherspannungen:SchädelScherspannungen in der Sagittalebene:Schädel:Scherspannungen sagittale Scherung (Schub) ventral links bzw. ventral rechts und sagittale Scherung superior links bzw. superior rechts.

  • Scherspannungen in der Frontalebene: frontale Scherung ventral links bzw. ventral rechts und frontale Scherung ventral inferior bzw. ventral superior.

  • Scherspannungen in der Transversalebene: transversale Scherung kranial rechts bzw. kranial links und transversale Scherung kranial dorsal bzw. kranial ventral.

Scherspannungen des Schädels in der Sagittalebene hängen mit entgegengesetzt-parallel wirkenden Kräften zusammen, beispielsweise mit einer unilateralen Spannung im Nackenbereich (z. B. subokzipitale Muskulatur, M. splenius capitis, M. longissimus capitis) und einer gleichzeitigen Spannung im heterolateralen Halsbereich (z. B. M. sternocleidomastoideus, Kaumuskulatur) (Abb. 11.32).
  • Eine sagittale Scherung ventral links entspricht (genauso wie eine frontale Scherspannung ventral links) einer kraniosakralen Lateral Strain links-Läsion (Abb. 11.33).

  • Eine sagittale Scherung ventral rechts entspricht (genauso wie eine frontale Scherspannung ventral rechts) einer kraniosakralen Lateral Strain rechts-Läsion (Abb. 11.33).

Scherspannungen des Schädels in der Frontalebene hängen mit entgegengesetzt-parallel wirkenden Kräften zusammen, beispielsweise mit einer unilateralen Spannung im Nacken- und Halsbereich oder im Kaumuskelbereich (Abb. 11.34).
  • Eine frontale Scherung ventral links entspricht (genauso wie eine sagittale Scherspannung ventral links) einer kraniosakralen Lateral Strain links-Läsion.

  • Eine frontale Scherung ventral rechts entspricht (genauso wie eine sagittale Scherspannung ventral rechts) einer kraniosakralen Lateral Strain rechts-Läsion.

  • Eine frontale Scherung ventral inferior entspricht einer kraniosakralen Vertical Strain inferior-Läsion.

  • Eine frontale Scherung ventral superior entspricht einer kraniosakralen Vertical Strain superior-Läsion.

Scherspannungen des Schädels in der Transversalebene hängen mit entgegengesetzt-parallel wirkenden Kräften zusammen, beispielsweise mit unilateralen Traumata, einer unilateralen Spannung im Schädeldachbereich oder im Kaumuskelbereich (Abb. 11.35).
Eine transversale Scherung kranial links bzw. rechts entspricht ebenso wenig einer kraniosakralen Läsion wie eine transversale Scherung kranial dorsal bzw. ventral.
Allgemein sei darauf hingeweisen, dass nicht nur mechanische und chemische Ursachen, sondern auch psychoemotionale und soziale Faktoren hier selbstverständlich eine Rolle spielen können.
Es ist äußerst schwierig, eine allgemein vorkommende Symptomatik für Scherspannungen anzugeben. Auch hier empfiehlt es sich vielmehr, die Spannungsmuster durchzutesten und Schnell-Screeningtests anzuwenden und die auffälligen Muster und Bereiche daraufhin zu behandeln.
Okklusionsstörungen bei Scherspannungen
Chronische Scherspannungen in der transversalen Ebene führen mit der Zeit auch zu Okklusionsstörungen, insbesondere wenn die Spannung das Verhältnis zwischen Mandibula und Maxilla beeinträchtigt. Man bezeichnet das allgemein als Retroposition bzw. Anteposition der Maxilla gegenüber der Mandibula. Diese Okklusionsstörungen können aber beispielsweise auch durch unilaterale Verspannungen der Kaumuskulatur oder Hypertonien in der supra- und infrahyalen Muskulatur verursacht werden. Im Gebiss lassen sich oft auch komplexe Verschiebungen zwischen der Mandibula und der Maxilla finden.
Mikrognathie deutet auf eine Unterentwicklung der Kinnpartie hin. Bei der mandibulären Mikrognathie oder Mikrogenie entsteht ein Vogelgesichtsprofil mit einem Distalbiss (Überbiss), bei dem die Oberkieferzähne die Zähne der Mandibula überragen. Eine Prognathie kann sowohl im Ober- als auch im Unterkiefer vorkommen. Sie ist gekennzeichnet durch eine Vorverlagerung des betroffenen Kiefers. Bei der mandibulären Prognathie zeigt sich das typische Profil mit einer vorragenden Unterkieferpartie (sog. Habsburger Kinn) und mit einem Mesialbiss (Unterbiss), bei dem sich die Zähne der Mandibula vor die Zähne der Maxilla schieben.
Torsionsspannungen des Schädels
Die Namensgebung der Torsionsspannungen richtet sich, genau wie in der kraniosakralen Therapie, nach dem Hochstand der Ala major des Os sphenoidale. Bei einer sagittalen Torsion links ist dementsprechend die linke Ala major des Os sphenoidale nach kranial gedreht, owohl die linke Schädelhälfte nach dorsal rollt. Bei einer frontalen Torsion links ist auch die linke Ala major des Os sphenoidale nach kranial gedreht, obwohl die ventrale Schädelhälfte nach rechts rollt.
Torsionsspannungen können sich jeweils in einer der drei räumlichen Ebenen aufbauen (Abb. 11.36 bis 11.39):
  • Torsionsspannungen:Schädel In der Sagittalebene: Schädel:Torsionsspannungensagittale Torsion nach links bzw. rechts.

  • In der Frontalebene: frontale Torsion nach links bzw. rechts.

  • In der Transversalebene: transversale Torsion nach links bzw. rechts.

Torsionsspannungen des Schädels in der Sagittalebene hängen mit entgegengesetzt wirkenden Kräften, beispielsweise mit einer unilateralen Spannung im Nackenbereich (z. B. subokzipitale Muskulatur, M. splenius capitis, M. longissimus capitis) und einer gleichzeitigen Spannung im heterolateralen Halsbereich (z. B. M. sternocleidomastoideus, Kaumuskulatur), zusammen (Abb. 11.36).
Torsionsspannungen des Schädels in der Frontalebene hängen mit entgegengesetzt wirkenden Kräften und Verspannungen zusammen (Abb. 11.37).
  • Eine frontale Torsionsspannung links superior entspricht (genauso wie eine transversale Torsion links) einer kraniosakralen Torsion links-Läsion (Abb. 11.38).

  • Eine frontale Torsionsspannung rechts superior entspricht (genauso wie eine transversale Torsion rechts) einer kraniosakralen Torsion rechts-Läsion (Abb. 11.38).

Torsionsspannungen des Schädels in der Transversalebene hängen mit entgegengesetzt wirkenden Kräften und Verspannungen zusammen (Abb. 11.39).
  • Eine transversale Torsionsspannung links ventral entspricht (genauso wie eine frontale Torsion links) einer kraniosakralen Torsion links-Läsion (Abb. 11.38).

  • Eine transversale Torsionsspannung rechts ventral entspricht (genauso wie eine frontale Torsion rechts) einer kraniosakralen Torsion rechts-Läsion (Abb. 11.38).

Auch bei Torsionsspannungen ist es äußerst schwierig, eine allgemein vorkommende Symptomatik zu besprechen. Es empfiehlt sich vielmehr, die Strainmuster der Reihe nach durchzutesten und die Screeningtests anzuwenden (Kap. 17.2), um die auffälligen Muster und Bereiche daraufhin zu behandeln.
Allgemein sei darauf hingeweisen, dass nicht nur mechanische und chemische Ursachen, sondern auch psychoemotionale und soziale Faktoren hierbei selbstverständlich eine Rolle spielen können.

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