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Das Rad der drei Wahrheitsgeschichten

Zwei StressreaktionssystemeStressreaktionssysteme [2]

Integrative Therapie Arbeit auf verschiedenen Ebenen eines Patienten [11]

Krankheiten von Psyche und Seele

Einleitung

Berührung

Man kann als Therapeut (Osteopath), Berührungder an einen Menschen Hand anlegt, nicht vermeiden, dass man beim Patienten nicht nur mit körperlichen Krankheiten, sondern auch mit psychischen und seelischen Problemen konfrontiert wird, genauso wie ein Psychologe kaum vermeiden kann, mit körperlichen Leiden des Klienten konfrontiert zu werden.
Patient hat etwas mit passiv erdulden bzw. leiden (lat. patiens die/der Leidende) zu tun und lässt eine Einbahnstraße vermuten, die vom Therapeuten zum Patienten führt. Klient (lat. cliens Anhänger, Schützling) könnte vielleicht eher eine gleichwertige Partnerschaft zwischen Klient und Therapeut ausdrücken, einen Weg in zwei Richtungen.
Freud riet Psychoanalytikern davon ab, Patienten zu berühren, weil das als Ausdruck sexueller Triebwünsche gedeutet werden könnte. Einige Psychotherapeuten sehen es mittlerweile anders als Freud und halten eine Berührung des Patienten für eine Unterstützung, die Gefühle wecken und auszudrücken hilft. Berührungen und Massagen sollen den Oxytocin-Stoffwechsel und damit das Wohlbefinden positiv beeinflussen können (Marlock & Weiss 2006).
Kenne deine Anatomie und deine Physiologie, aber wenn du mit deinen Händen den Körper des Patienten berührst, vergiss dann niemals, dass eine Seele darin verweilt. (Still 2002)
Littlejohn formulierte es so: In der Vergangenheit haben Physiologie und Medizin unterstellt, dass der Körper etwas ganz Anderes als der Geist sei. [] Der Körper gilt als Instrument und Medium der mentalen 'Offenbarung' (Manifestation), sodass eine der Grundbedingungen für Gesundheit in einem Geist und einem Bewusstsein besteht, die den Körperzustand bestimmen. [] Formung und Gestaltung des Körpers geschehen von innen. Die mentale Funktion ist die Basis jeder physischen Funktion. [] Will man das psychische Gesetz der Vorherrschaft des Geistes zum Beseitigen jener krankhaften Zustände anwenden, muss im Innern begonnen werden. [] Da gibt es nur ein Rezept: Pflege und ständige Aufrechterhaltung des mentalen Gleichgewichts. (Littlejohn 2008)

Krankheitsursachen erkennen

Brunnhuber et al. geben an, Krankheiten:Ursachenerkennungdass Patienten einer Hausarztpraxis in Deutschland in etwa 25 % der Fälle an einer psychischen Erkrankung leiden (Brunnhuber 2005). Mir sind keine Zahlen bekannt, wie viele Patienten mit einer seelischen Erkrankung in eine Osteopathie-Praxis kommen. Wenn ich an die Sorgen und Nöte der modernen krisengeplagten Menschen denke, würde ich spontan eine viel höhere Prozentzahl angeben. Dass etliche Patienten oft erst nach einer längeren medizinisch-diagnostischen Laufbahn zu uns kommen, spricht für eine gewisse psychische Frustrations-, Angst- und Stresskapazität.
Fleet et al. stellten in einer Studie an 441 Patienten fest, dass 25 % der Patienten, die sich wegen Brustschmerzen wiederholt in der Kardiologieambulanz vorstellten, zusätzlich auch Panikattacken in einem Fragebogen angaben. 75 % dieser Patienten mit Panikattacken wurden mit der Diagnose nicht-kardialer Brustschmerzen entlassen. Die Autoren betonen, dass die Anzeichen von Panikattacken von Kardiologen meistens nicht erkannt werden (Fleet et al. 1996).
Die immer besser werdenden gerätetechnischen diagnostischen Möglichkeiten verstärken den Eindruck, dass sogenannte echte (sprich messbare) Krankheitsursachen immer somatisch oder chemisch lokalisierbar und sichtbar sind. Dadurch entsteht die nicht unerhebliche Gefahr, andere (funktionelle, psychoemotionale, soziale, umgebungsbedingte, also nicht sichtbare oder nicht messbare) Krankheitsursachen zu ignorieren bzw. Patienten als eingebildete Kranke abzustempeln. Denken wir einfach an das weniger gut messbare Symptom Schmerz!

Zwischen den Stühlen

Als Therapeut sitzt man ab und zu zwischen den Stühlen einer manchmal seelenlosen Medizin und einer hin und wieder körperlosen Psychologie, zwischen einer akademischen Wahrheit und einem klinischen Alltag.

Manchmal bekommt man als Therapeut auch das ungute Gefühl, zwischen wirklichen (somatischen) Krankheiten und (psychischen oder psychosomatischen) Sonderfällen unterscheiden zu müssen, und wieder irgendwo zwischen die diagnostischen Fronten zu geraten.

Es ist sicherlich nicht Aufgabe des Osteopathen, eine psychotherapeutische Behandlung durch eine osteopathische zu ersetzen, aber es wäre aus ganzheitlicher und menschlicher Sicht trotzdem wichtig, den Patienten zusätzlich psychisch und seelisch begleiten und psychische Störungen erkennen zu können. Der Osteopath wird während der Hands-on-Behandlungssituation häufig mit emotionalen Reaktionen emotionale Reaktionenund seelischen Äußerungen konfrontiert und muss sich demzufolge eine psychologische und philosophische Strategie überlegen! So können beispielsweise Patienten mit Persönlichkeitsstörungen, posttraumatischen Belastungsstörungen oder einer Suchtproblematik ein gewaltiges Chronifizierungsrisiko in sich tragen und müssen daher überwiesen und entsprechend psychotherapeutisch betreut werden.

Erfahrungen hinterlassen Spuren

Das Lösen von myofaszialen Spannungen myofasziale Spannungen:lösen, Emotionen, vergrabenekann beispielsweise tiefer vergrabene Emotionen plötzlich hochkommen lassen, was in der Osteopathie als sogenannter Release:somatoemotionalersomatoemotionaler Release somatoemotionaler Releasebekannt ist. Laut Gendlin tritt dabei ein sehr wichtiges Phänomen auf: Es gibt ein Wissen des Körpers, dem eine eigene Intelligenz und Evidenz zugehört und das nicht durch Deutung, sondern durch Erspüren und Erfühlen zugänglich ist! (Gendlin 1998)
Tiefgreifende Erfahrungen tiefgreifende ErfahrungenErfahrungen:tiefgreifendebeeinflussen selbstverständlich nicht nur die psychische Struktur, sondern hinterlassen deutliche Spuren in den körperlichen Verarbeitungsmechanismen. Manche deuten diese Spuren als Charakterstrukturen (CharakterstrukturenReich), andere als affektmotorische Schemata (Downing), affektmotorische Schematamanche als Verwicklungen (vVerwicklungen. Uexküll) und wieder andere als somatische Marker oder somatische Markerkörperliche Dimensionen von Erfahrung (körperliche Dimensionen:ErfahrungenErfahrungen:körperliche DimensionenDamasio). In der modernen Neurowissenschaft spricht man von Multikodierung, Multikodierungwobei man betont, dass Erfahrungen in mehreren Systemen des Gehirns einerseits als Gedanken, andererseits auch als Gefühle oder körperliche Empfindungen körperliche Empfindungen:ErfahrungenErfahrungen:körperliche Empfindungengespeichert werden.
Krankheiten:Entstehungsmodell Gewebeveränderungen Funktionsschwächen Anpassungsmangel

Modell der Krankheitsentstehung

Littlejohn zufolge besteht das Gesetz der Heilung in Anpassung, Koordination und Kooperation (Littlejohn 2008). Er begründet die Entstehung von Krankheit mit

  • einem Mangel an Anpassung: Eine tote Substanz kann sich eben nicht selbst an ihre Umwelt adaptieren.

  • einer Störung oder Behinderung der normalen Aktivität (Lebenskraft);

  • Funktionsschwächen und daraus resultierenden Gewebeveränderungen (Littlejohn 2008).

Das intensive, beratende und respektvolle Gespräch mit dem Patienten ist einfach eine menschliche Notwendigkeit! Es ist aber auch wichtig, nach dem Ursprung von gelösten bzw. ungelösten Spannungen zu suchen und den verunsicherten Patienten darüber aufzuklären, bevor er die Praxis verlässt. Dabei kann das bereits in früheren Arbeiten beschriebene Konzept der Hysterese, d. h., dass lebendiges Gewebe Energie schluckt oder speichert, erfahrungsgemäß als sinnvolle Erklärung herangezogen werden (Meert 2007).

Drei Anamnese-Geschichten in einer

Es stellt sich als Aufgabe Anamnesedes Therapeuten heraus, sich ein breiteres Bild vom medizinischen, emotionalen, seelischen und sozialen Umfeld des Patienten zu machen! Bei der Anamnese sollten auch solche Fragen berücksichtigt werden.
Ich möchte darauf hinweisen, dass eine Anamnese eigentlich drei Geschichten beinhaltet (Abb. 3.1):
  • Die Geschichte der Krankheit oder Krankheiten:GeschichtederGeschichte der Krankheit Belastung mit ihren genetischen und biochemischen Faktoren und ihrem Verlauf in den verschiedenen Krankheitsstadien. Leider reduziert sich diese Geschichte oft auf einen Krankheitserreger, einen Gendefekt oder die Symptome, und leider wird die Krankheit selbst auch auf diesen Nenner reduziert. Eigentlich sollte es eher die Geschichte der Stressfaktoren heißen, bei denen es sich sowohl um Makrostressoren als auchMakrostressoren um Mikrostressoren und das MikrostressorenFehlen von positiven Ereignissen handelt (Kap. 3.4). Die Frage nach dem Auslöser ist Krankheiten:AuslöserAuslöser:Krankheitendurchaus berechtigt, aber sollte nicht isoliert betrachtet werden. Hierbei ist nämlich besonders wichtig, wie der Patient selber mit seiner Krankheit umgeht, wie vorbelastet er ist und wie viele Reserven vorhanden sind. Laut Kiecolt-Glaser et al. sorgen psychische Krankheiten wie psychische Krankheiten:Immunsystem, DysregulationDepressionen oder Depressionen:Immunsystem, DysregulationAngststörungen und Angststörungen:Immunsystem, Dysregulationschwere Lebensereignisse (Lebensereignisse, schwere:Immunsystem, DysregulationTodesfall) für eine Dysregulation des Immunsystems. Dies wirkt sich vor allem bei Infektionskrankheiten und bei der Wundheilung negativ aus (Kiecolt-Glaser et al. 2002, Fiqueira & Ouakinin 2008).

  • Die Geschichte des Kranken mit Immunsystem, DysregulationGeschichte:des Krankenseinen Erfahrungen, Beziehungen, Emotionen und seiner momentanen Belastbarkeit. Wie geht der Patient mit seinen Fähigkeiten und Talenten um? Ist er fähig, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, einen Lebenssinn zu erkennen und frei zu verfolgen? Geht er zuversichtlich und optimistisch durchs Leben oder verliert er schnell die Hoffnung, weil Schicksalsschläge ihn beuteln? Empfindet er gegenüber seinen Mitmenschen Mitgefühl, Respekt und Zuneigung? Hierbei spielen auch vorangegangene Traumata und Verletzungen (Anzahl und Schwere der Päckchen, die der Patient tragen muss; Abb. 2.9) und bisherige Erfahrungen mit der medizinischen Fachwelt eine bedeutende Rolle. Die Frage Was hat diesen Menschen zusätzlich belastet und seine Abwehr so sehr geschwächt? sollte in die Anamnese integriert werden. Es ist äußerst wichtig zu überprüfen, ob die Belastungstoleranz des Patienten nicht überschritten ist und die Päckchen, die er zu tragen hat, zu schwer geworden sind.

  • Die Geschichte des sozialen Umfeldes, wobei soziales Umfeld:GeschichteGeschichte:des sozialen Umfeldesvor allem der Anerkennung und Wertschätzung durch andere Menschen und auch den Aufgaben im Beruf, in der Freizeit und in der Familie eine wichtige Rolle zukommt. Wenn das Umfeld stimmt, erlebt der Patient Geborgenheit und Unterstützung und kann dadurch oft mit vielen Stressoren besser umgehen als ein isolierter Mensch. Ein harmonischer Umgang mit seinen Mitmenschen und auch mit der Natur ist ein bedeutsames Element von Gesundheit. Hinzu kommt in unserer modernen Welt sicherlich finanzielle Unabhängigkeit. Finanzielle Sorgen und Nöte beinhalten ein großes Krankheitspotenzial. Welche gesundheitsfördernden und unterstützenden Faktoren können dem Patienten helfen? Was kann der Patient selber aktiv beitragen?, sind Fragen nach sehr wertvollen Elementen der Salutogenese. Hier Salutogenese:Elementewirken sich beispielsweise auch die Reaktionen des näheren Umfeldes des Patienten auf die Krankheit aus.

Damit stellt sich unmittelbar die Frage, ob denn alle drei Geschichten bei einem Patienten gleich sind? Und falls nicht, welche Geschichte bei der Diagnosestellung vorrangig (mit Priorität) berücksichtigt werden soll? Es wäre sinnvoll, die Diagnose als gemeinsame Leistung von Patient und Therapeut zu betrachten!BehandlungsstrategieDiagnoseTherapeut-Patienten-BeziehungUnwinding

Therapeut-Patienten-Beziehung

Anamnese

Auch die Therapeut-Patienten-Beziehung, in die unter anderem Vorurteile des Therapeuten (oder der Freunde, Bekannten, Familienmitglieder) gegenüber dem Patienten sowie umgekehrt Vorurteile des Patienten gegenüber dem Therapeuten (Freunden, Bekannten, Familienmitgliedern) einfließen, sollte bei der Anamnese berücksichtigt werden. Die Patientenwahrheit entspricht dabei wohlgemerkt nicht immer der Therapeutenwahrheit, geschweige denn der apparativ-diagnostischen Wahrheit!

Diagnose- und Behandlungsstrategie

Es sollte niemals vorschnell eine Diagnose erfolgen, sondern diese sollte behutsam und am besten gemeinsam mit dem Patienten erarbeitet werden.
Dazu brauchen Therapeuten zuallererst Zeit und Unvoreingenommenheit.
Eine Behandlung ist hoffentlich mehr, als die richtigen Tabletten zu verordnen, problematisches Gewebe rauszuschneiden, die korrekten Begriffe zu benutzen, ein Unwinding von blockiertem Gewebe auszulösen oder den richtigen Körperteil zu mobilisieren. Es soll sich zusätzlich um eine komplexe Untersuchungs- und Behandlungsstrategie handeln, die in aktiver Zusammenarbeit und Kommunikation (im weitesten Sinne des Wortes) mit dem Patienten geplant, gefühlt, erspürt und durchdacht werden sollte.

Qualität der Therapie: Was ist eine gute Therapie?

Die Qualität einer Behandlung ist Therapie:Qualitätäußerst Qualität:einer Behandlungschwierig zu definieren. Einige Parameter, die dabei sowohl vom Therapeuten als auch vom Patienten berücksichtigt werden sollen, sind beispielsweise:
  • Qualifikation des Therapeuten, Standardisierung, aber auch Individualität der Behandlung, Qualitätssicherung durch regelmäßige Weiterbildungen und Supervisionen

  • Qualität der Patient-Therapeut-Beziehung: Fühlt sich der Qualität:Patient-Therapeut-BeziehungPatient-Therapeut-Beziehung:QualitätPatient beim Therapeuten gut aufgehoben und verstanden?

  • Einstellung des Therapeuten (Kap. 2.3.3, wo ich einige Grundhaltungen von Osteopathen Therapeuten:GrundhaltungenGrundhaltungen:Therapeutenbeschrieben habe)

  • Gestaltung der Termine, Behandlungsfrequenz, Zeitrahmen der einzelnen Sitzung

  • Behandlungsresultat: Geht es dem Patienten nach der Therapie besser?

  • Sind realistische Ziele, die sich Patient und Therapeut gemeinsam gesetzt haben, verwirklicht worden?

Grawe definierte vier Wirkfaktoren, die eine Therapie wirksam machen (Therapie:WirkfaktorenGrawe 2004):
  • Bei der Ressourcenaktivierung geht es vor allemRessourcenaktivierung darum, die Möglichkeiten und Stärken des Patienten herauszufinden, aber z. B. auch hilfsbereite Freunde oder Verwandte bei der Behandlung mitarbeiten zu lassen.

  • Problemaktualisierung bedeutet, dass Problemaktualisierungder Patient nicht nur über seine Probleme reden, sondern sie in der Therapie aktiv erleben, erkennen und erfahren soll. Hierbei erscheint es mir wichtig zu betonen, dass bei der Aufarbeitung einer unbewussten (verdrängten) Problematik unbedingt klar sein muss, dass man heute nicht mehr ändern kann, was früher geschehen ist.

  • Aktive Hilfe zur Problembewältigung bedeutet, dass Problembewältigung:aktive Hilfeder Patient lernen muss, ein Problem so zu nehmen, wie es ist, ohne Umschweife und ohne sich durch irgendeine Verschleierung etwas vorzumachen.

  • Eine Klärung soll dafür sorgenKlärung, dass die ursächlichen Faktoren gesucht und die grundlegenden Einflüsse auf die Problematik verstanden werden. Nur unter diesen Voraussetzungen kann der Patient es schaffen, Veränderungen in seinem Leben durchzusetzen.

Die Suche nach einer passenden Behandlung für den Patienten (matching) verlangt vom Therapeuten sowohl die Bereitschaft, über den eigenen Schatten zu springen (z. B. eigene Schwächen erkennen, andere Meinungen akzeptieren zu können), als auch Empathie und ein breites Wissens- und Erfahrungsspektrum. Das ist viel schwieriger, als es auf den ersten Blick aussieht, und bedeutet sowohl für den Therapeuten als auch für den Patienten meistens ein Wachstumsprozess.

Coping

Stress und Stressfaktoren

Es stellt sich oft sowohl für den CopingPatienten als auch für den Therapeuten als schwierig heraus, einen Stressor genau zu benennen.Stressoren In den letzten Jahren hat sich Stress zu einem Modebegriff entwickelt. Selbst die Freizeit scheint leider immer mehr in Stress auszuarten. Stress steht nicht nur für Belastungen (bei Arbeit, Sport, Sozialkontakten), sondern auch für Ängste, Konflikte, Hektik und Überforderung. Stress wird zunehmend als ernsthafte Gesundheitsgefährdung betrachtet, und chronischer Stress kann zu einem Burnout-Syndrom oder einer Burnout-Syndrom:Stress, chronischerDepression führen.
Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf Belastungen. Ob etwas als Stress empfunden wird, hängt von der individuellen Bedeutung ab, die eine entsprechende Situation für den Organismus hat. Was für den einen Menschen eine Belastung darstellt, ist für den anderen vielleicht eher eine Herausforderung.

Das richtige Maß an Stress

Es scheint allgemein zwei Stress-Typen zu geben:

  • Der stress-sensible Typ (Sympathikotoniker) reagiert empfindlich und aufbrausend auf Stress.

  • Der stress-resistente Typ (Vagotoniker) kann gelassener und relativ unbeeindruckt mit Belastungen umgehen.

Ob Stress unbedingt vermieden werden soll, lässt sich nur individuell und situationsbedingt beantworten. Unterforderung kann für einen Menschen genauso desaströs sein wie Überforderung. Deshalb kommt es eindeutig auf das richtige Maß an.

Hier können Patient und Therapeut nur gemeinsam eine adäquate Antwort finden.

Vagotoniker (stress-resistenter Typ)Sympathikotoniker (stress-sensibler Typ)Stress-Typenstress-sensible Typ (Sympathikotoniker)stress-resistente Typ (Vagotoniker)Sarafino definiert Stressoren als physisch oder Stressoren:Definitionpsychisch herausfordernde Ereignisse oder Umstände. Stressoren und Belastungen sind Teil eines Anpassungsprozesses, in dem die Wirkung eines Stressors durch Verhaltens-, kognitive und emotionale Strategien aktiv beeinflusst werden kann (Sarafino 2008). Der Patient macht dabei fortwährend dynamische Anpassungszyklen durch, in denen kognitive Bewertungen, emotionale Empfindungen und Verhaltensänderungen eine Rolle spielen.
Holmes und Rahe haben eine Beurteilungsskala (Social Readjustment psychosoziale Stressoren:BeurteilungsskalaBeurteilungsskala:psychosoziale StressfaktorenRating Scale) für psychosoziale Social Readjustment Rating ScaleStressfaktoren (Lebensereignisse) Stressoren:psychosozialeerstellt, um eine standardisierte Messung eines breiten Spektrums von häufigen Stressfaktoren zu ermöglichen (Holmes & Rahe 1967). Weil aber sowohl die Ziele, Erwartungen, Wertigkeiten und die Persönlichkeit der Menschen sehr unterschiedlich sind, kann eine derartige Skala nur eine grobe und vor allem sehr individuelle Annäherung an die Quantität von Belastungen und die Wahrscheinlichkeit, krank zu werden, darstellen.
Makro- und Mikrostressoren
Trotzdem ist es sinnvoll, bei einer Anamnese einerseits nach schwerwiegenden Lebensereignissen wie Tod eines Lebensereignisse, schwerwiegende:AnamneseAnamnese:Lebensereignisse, schwerwiegendenahestehenden Menschen, Scheidung, Haftstrafe, Arbeitslosigkeit und andererseits nach trügerisch leichten Belastungen wie Bewegungsarmut (oder Übertraining), Unzufriedenheit, einseitiger Ernährung usw. zu fragen. Der Tod eines Ehepartners oder nahen Angehöriger zählt zu den bedrohlichsten und am stärksten belastenden Lebensereignissen (Makrostressoren). MakrostressorenDabei spielt die depressive Reaktion auf das belastende Ereignis eine entscheidende Rolle bei der Immunmodulation (von Uexküll 2003). Auch viele kleinere Auseinandersetzungen im täglichen Leben können die Belastbarkeit eines Menschen herabsetzen. Manche Psychologen arbeiten deswegen mit Skalen alltäglicher negativer Ereignisse (z. B. Hassles Scale). Diese MikrostressorenHassles Scale Mikrostressorenwirken kumulativ und stacheln Frust und Wut an. Deswegen kann es auch sinnvoll sein, nach dem alltäglichen Stress und seiner Bedeutung für den Patienten zu fragen: Gibt es Probleme mit Freunden, mit dem Partner, mit den Kindern oder mit den Eltern? Gibt es Stress im Job? Finanzielle Sorgen? Bewegen Sie sich ausreichend?
Ebenso wichtig ist es aber auch, nach Aufschwungfaktoren und positiven Aufschwungfaktoren:AnamneseErlebnissenAnamnese:Aufschwungfaktoren zu fragen, die den Mikro- und Makrostressoren entgegenwirken können: Welche Erfolge haben Sie in letzter Zeit erzielt? Welches Lob haben Sie bekommen? Auf welche Leistungen sind Sie besonders stolz?
Sowohl die Mikrostressoren als auch die Mikrostressoren:Coping-FähigkeitenCoping-Fähigkeiten:MikrostressorenAufschwungfaktoren hängen sehr stark mit Coping-Fähigkeiten:AufschwungfaktorenAufschwungfaktoren:Coping-Fähigkeitender Bewertung von Ereignissen zusammen und können demzufolge auch die Coping-Fähigkeiten beeinflussen. Auch wenn es oft unmöglich ist, Makrostressoren zu vermeiden oder zu lösen, lassen sich durchaus etliche Mikrostressoren realistisch lösen, vermeiden oder reduzieren! Auch das Wahrnehmen von positiven Ereignissen erscheint wichtig und sollte bewusst trainiert werden.
Umgang mit Stress
Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf Stress, sowohl auf Ereignisse Stress:Umgangmit körperlichen Verletzungsfolgen als auch auf solche mit rein psychischer Wirkung. Dementsprechend ist es wichtig nachzuforschen, wie der Patient selbst die Belastung einschätzt. Die sogenannte Belastbarkeit oder Widerstandsfähigkeit (Belastbarkeitengl. resilience) kann man als Kraft sehenWiderstandsfähigkeit (engl. resilience), die es einem Menschen ermöglicht, nach einem akuten Stressereignis (Trauma) wieder aufzustehen und Prioritäten zu verschieben. Führt ein Trauma unvermeidlich in eine Sackgasse? Oder kann man sich nach der akuten Stressreaktion mit der Problematik auseinandersetzen, um eventuell etwas aus dem Schlamassel zu lernen?
E. von Hirschhausen schreibt belustigt, dass die etablierte Psychotherapie den Schock, wie wenig Menschen dauerhaft zu schockieren sind, noch gar nicht zur Kenntnis genommen, geschweige denn verarbeitet hat, oder dass sie da was verdrängt (von Hirschhausen 2009). Darüber hinaus braucht das Gehirn anscheinend ausreichend Stress (Eustress), sozusagen als Herausforderung, um optimal aktiviert zu werden (Hüther 2007). Schon Hahnemann wusste: In jeder Krankheit ist auch das Potenzial zur Heilung vorhanden.
Ob eine Krise oder Krankheit zur Chance oder zur Falle wird, hängt Krankheiten:Potenzial zur Heilungwesentlich davon ab, wie der Mensch in dieser Krise mit seiner Angst umgeht und selbstverständlich auch von der Stärke der Krise oder Krankheit! So kann ein gefühlloses, manchmal sogar voreiliges und unüberlegtes Dahinknallen einer schockierenden Diagnose (z. B. Krebs) die Angstgefühle eines Patienten übermächtig werden lassen. Das verschärft dann die Krise und macht sie sozusagen zu einem Selbstläufer.
Somatoemotionaler Release
Wenn sich während der Behandlung ein somatoemotionaler Release anbahnt, ist es wichtigRelease:somatoemotionalersomatoemotionaler Release, dem Patienten diese Möglichkeit des Spannungsabbaus zu gewähren und ihn zu ermutigen, die Spannungen aus seinem Körper herauszulassen. Der Therapeut muss allerdings so lange bei dem Patienten bleiben, bis sich die Gefühlsaufwallung komplett gelegt hat. Dabei ist es wichtig, dem Patienten genügend Platz (z. B. auf einer Matte) und Privacy zum Ausruhen anzubieten. Eventuell kann es sogar notwendig sein, einen Verwandten anzurufen und den Patienten abholen zu lassen.
Allerdings erscheint es mir auch wichtig, die verunsicherten und manchmal richtig verängstigten Patienten im Nachhinein darüber verängstigte Patientenaufzuklären (vgl. den Hysterese-Begriff; Meert 2007), dass hier aufgestaute Hysterese-BegriffEmotionen und manchmal sogar unbewusste oder verdrängte Themen wieder aufgetaucht sind. J. und N. Oschman sprechen in diesem Kontext vom somatischen Gedächtnis (somatic recall), wenn sich Patienten somatisches Gedächtnis (somatic recall)Gedächtnis\:somatisches (somatic recall),während der Behandlung plötzlich wie in einem Flashback an etwas erinnern, was Flashbackfrüher passiert ist. Sie erklären das mit der interessanten Hypothese, dass somatische Erfahrungen im myofaszialen System gespeichert würden (Oschman & Oschman 1994). Durch die Anwendung von Weichteiltechniken können diese gespeicherten Informationen wieder an der Oberfläche erscheinen, weil interzelluläre und intrazelluläre Komponenten depolymerisiert und dadurch flexibel und flüssig werden.
Eine Behandlung darf meiner Meinung nach nicht zu schnell als vollendet betrachtet werden. Im Gegenteil, die Aufarbeitung einer Problematik ist eine ernstzunehmende Sache und macht manchmal eine Überweisung zu einem psychotherapeutischen Spezialisten dringend erforderlich. Ein somatoemotionaler Release allein löst das Problem nicht unbedingt. Somatisierung und Emotionalisierung brauchen manchmal (individuell unterschiedlich) zusätzlich eine Verbalisierung und Enttabuisierung, um eine sinnvolle Somatisierung:Verbalisierung und \Enttabuisierung\Bewältigungsstrategie zu finden.
Nicht jeder Patient ist Emotionslisierung:Verbalisierung und \Enttabuisierung\gewillt bzw. fähig, Emotionen während der osteopathischen Sitzung frei zu lassen, und nicht jeder Patient (bzw. Osteopath) kann einen emotionalen Absturz locker verarbeiten oder begreifen (bzw. auffangen). Mancher Patient erlebt einen emotionalen Release sogar als Retraumatisierung. Die Devise muss daher Retraumatisierung:emotionaler Releaseemotionaler Release:Retraumatisierungeindeutig lauten: Erinnern statt wiederholen!
Es sei übrigens extra betont, dass verbale Äußerungen und Gespräche den Körper und das Gedächtnis wahrscheinlich anders beanspruchen als taktile Mitteilungen durch aktive und passive Bewegungen! Kommunikation ist eben breit gefächert und beinhaltet fließende Elemente (wie Sprache, Chemie, Energie, Mechanik, Elektromagnetismus).

Fazit

Das zartfühlende Erkennen und empathische Respektieren der körperlichen und emotionalen Reaktionen des Patienten sowie das Erspüren und Auffangen mit anschließendem einfühlendem Verbalisieren des Problems gehören zur Professionalität und Pflicht jedes Therapeuten. Es erscheint aber außerordentlich wichtig, dass Behandelnde ihre eigenen Grenzen und die der Patienten kennen und respektieren!

Copingstrategien

In die Psychologie spricht man deswegen von Coping (Bewältigungsverhalten s. CopingBewältigungsverhalten). Damit ist gemeint, wie jemand mit belastenden Lebensereignissen und den damit verbundenen Emotionen umgeht. Coping beinhaltet kognitive, Copingstrategienemotionale und behaviorale Bemühungen bzw. Fähigkeiten, stressige Ereignisse zu bewältigen (Kolt & Andersen 2004).
Emotion und Kognition sind beim EmotionenBewerten von KognitionEreignissen und Situationen eng miteinander verknüpft und es erscheint auch sinnvoll, beides (Wissen und Fühlen) zuzulassen! Zusätzlich spielen einerseits Geschlecht, Alter, Persönlichkeitsmerkmale (z. B. frühere Erfahrungen, negative oder positive Einstellung, Kämpfernatur) und andererseits das soziale Umfeld (z. B. Unterstützung durch Familie oder Freunde), soziale Spielregeln und Lebenserfahrungen eine Rolle.

Emotion und Ratio

In einem SPIEGEL-Themenheft beziffern R. D. Precht und G. Roth die Möglichkeit, dass sich Menschen verändern können, auf etwa 20 % (Roth & Precht 2009).

Precht meint, ein Erwachsener werde sein Leben nur aufgrund einer starken Emotion ändern. Trotzdem könne der Mensch aber lernen, intelligenter mit seinen Macken umzugehen, seine Schwächen zu kultivieren oder zumindest über sie zu schmunzeln.

Ratio allein bewegt laut Roth überhaupt nichts, sondern es braucht zusätzlich als unterste Ebene die Affekte oder das Temperament, als zweite Ebene die frühkindliche Konditionierung und als dritte Ebene die spätere soziale Konditionierung.

Man unterscheidet allgemein adaptive (funktionale oder adäquate) Copingstrategien von maladaptiven (dysfunktionalen) Copingstrategien (Lazarus & Folkman 1984).
Als adaptive Copingstrategien kann man Copingstrategien:adaptivefolgende Mechanismen deuten:
  • problemorientiertes Coping, bei dem nach problemorientiertes CopingCoping:problemorientiertesInformationen gesucht wird, um durch bestimmte Handlungen bzw. Unterlassungen zu einer direkten Lösung des Problems zu gelangen;

  • emotionsorientiertes Coping, bei dem durch emotionsorientiertes CopingCoping:emotionsorientiertesEntspannung, Ablenkung, Unterstützung versucht wird, die negativen Auswirkungen (und Emotionen) des Stresses abzubauen.

Als maladaptive Copingstrategien kann man das Copingstrategien:maladaptiveFlüchten und Vermeiden angeben. Beides führt laut Davison et al. zu einem schnelleren Fortschreiten der Krankheit und letztendlich zu mehr Leid (Davison et al 2007). Wer seinen Stress also nicht bewältigt, sondern nur davor flüchtet, erhöht sein Risiko, krank zu werden.
Konfliktverarbeitung
Alle Menschen scheinen bei der Bewältigung von Konflikten auf Konfliktverarbeitungtypische Formen der Konfliktverarbeitung zurückzugreifen. Marlock und Weiss geben vier Formen der Konfliktverarbeitung an, die darüber hinaus auch erkennen lassen, wie man sich selbst und seine Umgebung wahrnimmt (Marlock & Weiss 2006):
  • Verarbeitung mit dem Körper (Mittel der Sinne)

  • Konfliktverarbeitun:mit dem KörperVerarbeitung mittels Leistung (Mittel des Verstandes)

  • Konfliktverarbeitun:mittels LeistungVerarbeitung mittels Kontakt (Mittel der Tradition)

  • Konfliktverarbeitun:mittels KontaktVerarbeitung mittels Phantasie (Mittel der Intuition).

Diese Konfliktverarbeitun:mittels Phantasievier Formen geben auch die Richtung an, in die eine eventuelle Fluchtreaktion (Fluchtcoping) bei unbewältigten Konflikten zielt:
  • Flucht in den Körper, also in die Krankheit (Flucht:in den KörperSomatisierung): Hierbei sind die emotionale Betäubung und vor allem eine motorische Einfrierung oder Erstarrung zu betonen.

  • Flucht in Leistung, also in Arbeit oder Aktivität: Flucht:in LeistungSo wird beispielsweise weniger nach einer Lösung als nach einer plausiblen Rechtfertigung (Rationalisierung) des Problems gesucht, z. B. wenn ein Vater nur noch zur Arbeit geht und seine Familie vernachlässigt und es damit erklärt, dass es der Familie finanziell gut gehen soll. Das Burn-out-Syndrom kann als Extremform der Flucht in Leistung betrachtet werden.

  • Flucht inBurn-out-Syndrom:Flucht in Leistung Kontaktmöglichkeiten, entweder in Einsamkeit (Flucht:in KontaktmöglichkeitenIsolation, Rückzug aus der Gesellschaft) oder in Geselligkeit. Das Fehlen menschlicher Wärme wird beispielsweise oft durch Alkohol kompensiert.

  • Flucht in die Phantasie (Verleugnung), indem objektive Flucht:in die PhantasieSinneseindrückeVerleugnung als unwahr hingestellt werden. Das kann bis hin zu Wahnvorstellungen führen. Unsicherheit, Angst oderWahnvorstellungen Minderwertigkeitsgefühle werden abgestritten und hinter Minderwertigkeitsgefühleerfundenen Geschichten versteckt. Auch eine Reaktionsbildung (durch Umwandlung von Gefühlen und Motiven ins Gegenteil) ist möglich.

Aus ganzheitlicher Sicht wird verständlich, dass einseitige Formen der Konfliktverarbeitung enormen Einfluss auf die anderen Bereiche der Selbst- und Umgebungswahrnehmung haben.
Komplexe maladaptive Copingstrategien
Umgebungswahrnehmung Selbstwahrnehmung
  • Verdrängung (Repression) ins Repression (VerdrängungUnterbewusstsein, um zu Verdrängung (Repression)verhindern, dass etwas wieder ins Bewusstsein tritt. Diese verdrängte Energie kommt nach Freud in Träumen, Fehlleistungen oder Krankheitssymptomen wieder zum Vorschein.

  • Projektion: Dabei werden unerträgliche ProjektionGefühle und Wünsche einem anderen Menschen zugeschrieben. Wenn jemand unbewusst in einen anderen verliebt ist, die/der aber nichts mit ihm/ihr zu tun haben will, kann er/sie die eigenen sexuellen Wünsche auf den anderen projizieren und sich z. B. sexuell belästigt fühlen.

  • Verschiebung: Dabei werden unerträgliche VerschiebungGefühle auf ein Ersatzobjekt, einen Unbeteiligten verlagert. Zum Beispiel wenn jemand wütend auf seinen Chef ist, seine Wut aber an seiner Frau oder seinen Kindern auslässt.

  • Regression: Dabei kommt es (vor allem bei RegressionKindern) zu einem Zurückfallen in ein früheres Entwicklungsstadium. Wenn ein Kind beispielsweise in der Schule gemobbt wird, kann es wieder ins Bett machen (Enuresis), obwohl es schon längst den Windeln entwachsen war.

  • Sublimierung bedeutet, dass unerträgliche (Sublimierungaggressive) Impulse in sozial akzeptierte Handlungen umgewandelt werden (z. B. unerfüllte sexuelle Wünsche, die in hartem Sport ausgetobt werden).

Stressreaktionen (Regelkreise)

Für Osteopathen und Ärzte ist es besonders wichtig (wenngleich Stressreaktionenein alter Hut), daran zu denken, dass emotionale Stressoren jeglicher Art Stressoren:emotionaleemotionale StressorenMuskelanspannungen auslösen können. Ärger, Frustration und besonders Angst oder Panik verursachen häufig chronische Muskelverspannungen.
Psychologen weisen zudem daraufMuskelverspannungen:emotionale Stressoren hin, dass Stress (Konflikte) nicht nur bei Spannungskopfschmerzen, sondern auch bei Rheumatismus, rheumatoider Arthritis und Parkinson-Krankheit an der Aufrechterhaltung der Muskelverspannungen beteiligt sein kann (Millenson 1998). Auf jeden Fall erscheint es notwendig, bei der Anamnese und Untersuchung des Patienten den Einfluss von Stressfaktoren zu hinterfragen.
Biologische (neuroendokrine) Theorien führen dagegen psychophysiologische Störungen eher auf eine spezifische Organschwäche oder Überaktivität in Organsystemen zurück.
Der Körper verfügt aus neuroendokriner Sicht allgemein über zwei Regelkreise bzw. Systeme, die auf Stress reagieren (Abb. 3.2) (Meert 2007):
  • die hormonale Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse (Stressreaktion nach Selye)

  • Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse:hormonaledie neurale Hypothalamus-Stressreaktion:nach SelyeSympathikus-Nebennierenmark-Achse (Notfallreaktion nach Cannon).

Hypothalamus-Sympathikus-Nebennierenmark-Achse:neuronaleSelye definierte Stress Notfallreaktion:nach Cannon1971 als unspezifische Reaktion des Körpers auf eine Belastung und unterschied dabei allgemein zwischen krankmachendem (Distress) und gesund Distresserhaltendem Stress (Eustress). Wenn die Belastung (der Stressor)Eustress zu stark ist, kann es nach Selye zu einem Magen-Darm-Geschwür, einer Vergrößerung der Magen-Darm-Geschwür:StressNebennieren und einer Thymusatrophie kommenNebennierenvergrößerung:Stress. Nach einem Thymusatrophie:Stresstraumatischen, lebensbedrohlichen Ereignis kann sich ein posttraumatisches Belastungssyndrom mit extremer Angst und posttraumatisches BelastungssyndromHilflosigkeit durch Unterdrückung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse entwickeln. Große Konzentrationen an Stresshormonen können durch Überlastung des Stresshormonkonzentrationen, hohe:Immunsystem, ÜberlastungImmunsystems letztendlich zur Abwehrschwäche und Krankheit führen (Yehuda 2001).
Eine Stressreaktion besteht demzufolge aus einer unspezifischen Aktivierung von kortikalen und limbischen Hirnregionen, die funktionelle und metabolische Verarbeitungsprozesse im zentralen und peripheren Nervensystem auslöst.
Ich habe nachfolgend versucht, drei Phasen dieses komplexen Adaptationsgeschehens zusammenzufassen:
1. Stadium: Alarmreaktion
Als akute, sofortige Reaktion Stressreaktion:AlarmreaktionAlarmreaktion:Stressreaktiondes Körpers (innerhalb weniger Millisekunden) auf einen Stressor oder eine Bedrohung kommt es zu einer unspezifischen Aktivierung kortikaler, limbischer und basaler Hirnstrukturen. Dabei werden Hormone und Neurotransmitter ausgeschüttet und für eine Fluchtreaktion bereitgestellt. Man braucht nicht genau zu wissen, was etwas ist, um zu wissen, dass es gefährlich sein könnte. (Barinaga 1992) Das führt u. a. zur Beschleunigung des Herzschlags, Steigerung des Blutdrucks und des Muskeltonus, Einschränkung der Verdauung, Erhöhung der Blutglukose, Entzündungshemmung durch die ausgeschütteten Glukokortikoide, aber gleichzeitig auch zu einer Umverteilung der Abwehrkräfte und Unterdrückung der Aktivität der B- und T-Lymphozyten (Meert 2007, Millenson 1998). Im Extremfall wird der Körper überfordert und kollabiert.
2. Stadium: Anpassung oder Widerstand
Der Körper stellt nun alle verfügbaren Reserven zur Stressreaktion:AnpassungAnpassung:StressreaktionVerfügung, um Widerstand:StressreaktionsichStressreaktion:Widerstand anpassen bzw. auflehnen zu können. Qualitativ und quantitativ unterschiedliche Stressoren rufen dabei individuell recht unterschiedliche physiologische Reaktionen und emotionale Copingmechanismen hervor, sodass eine allgemeine Vorhersage und Bewertung der Stressfaktoren praktisch unmöglich ist. Laut Millenson ist dieses Anpassungsmuster sogar ähnlich individuell wie ein Fingerabdruck (Millenson 1998). Sowohl genetische als auch soziale, konditionierte, charakterliche und physiologische Faktoren spielen dabei eine Rolle.

Zu bewältigende und nicht zu bewältigende Belastung

Man kann und soll aber trotzdem unterscheiden, ob sich für eine Belastung eine Lösungsmöglichkeit abzeichnet oder nicht.

  • Sieht das Individuum eine Lösungsmöglichkeit, werden neuronale Verschaltungen aktiviert, die an der Lösung des Problems beteiligt sind. Es kommt zum raschen Abklingen der vorher ausgelösten Alarmreaktionen und zu einem adäquaten Coping. Aus der anfangs empfundenen Bedrohung wird nun eher eine Herausforderung, die Angst wandelt sich in Zuversicht und Mut um. Aus der bewältigten Herausforderung kann sich nun Selbstvertrauen entwickeln.

  • Sieht das Individuum keine Möglichkeit, ein Problem zu bewältigen, werden zusätzlich zu den kortikalen und limbischen Strukturen die hormonale Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden- und die neurale Hypothalamus-Sympathikus-Nebennierenmark-Achse aktiviert. Dies hat eine lang anhaltende Ausschüttung von Kortisol und Adrenalin/Noradrenalin zur Folge. Aus der anfänglichen Bedrohung erwächst nun ein Gefühl von Verzweiflung und Ratlosigkeit, das letztendlich zur Unzufriedenheit und einem Verlust an Selbstsicherheit führt.

3. Stadium: Erschöpfung
Belastungen:zu bewältigendeBelastungen:nicht zu bewältigendeWenn der Stressor nicht bewältigt oder vermieden werden Stressreaktion:ErschöpfungErschöpfung:Stressreaktionkann, kommt es zu einer Chronifizierung. Das kann auf Dauer zu einer Stressreaktion:ChronifizierungChronifizierung:StressreaktionErschöpfung der physiologischen Reserven und zum Kollaps des Immunsystems führen.
Aus dieser Sicht ist es beispielsweise unbedingt notwendig, alle Untersuchungsergebnisse, Therapien und Medikationen bei einem Patienten in der Gesamtschau zu betrachten, um einschätzen zu können, ob eine weitere Behandlung den Patienten bzw. sein Abwehrsystem und seine Kompensationsmechanismen nicht noch zusätzlich überlastet! Deshalb sollte immer nach bereits stattfindenden Therapien gefragt werden.

Praktische Bedeutung

Man kann sich als Faustregel merken, dass kleine Reize die Lebenstätigkeit anregen, mittelstarke sie fördern, starke sie hemmen und stärkste sie aufheben. Dabei ist es allerdings individuell verschieden, was als starker oder schwacher Reiz zu gelten hat!

Eine vorsichtige Dosierung der Behandlungsmethoden (egal, ob es sich um Medikamente, Gespräche, manuelle Techniken oder einen somatoemotionalen Release handelt) unter einfühlsamer Beobachtung des Patienten und fundierte natur-, sozial- und geisteswissenschaftliche Kenntnisse ermöglichen eine optimale Herangehensweise in der Betreuung von Patienten.

Rüegg gibt an, dass das Stresshormon Kortisol das Abrufen von Wissen aus dem so genannten deklarativen Gedächtnis, in dem semantisches (verbal kodiertes) Kortisol:deklaratives Gedächtnisdeklaratives Gedächtnis:KortisolWissen, aber auch vergangene Episoden, Erinnerungen an erlebte Ereignisse, gespeichert sind, verhindern kann (Rüegg 2007). So lässt die Kortisolausschüttung gespeicherte Daten wie Termine, Namen usw. schneller vergessen. Stress führt auch zu Versagensängsten, beispielsweise in der Arbeit.
Entscheidend für die Stressreaktion des Individuums ist die subjektive Bewertung der Belastung (Lazarus & Stressreaktion:Entscheidend für die Stressreaktion des Individuums ist die subjektiveFolkman 1984). Lazarus und Folkman gaben interessanterweise drei Reaktionsphasen bei der Stressbewältigung an:
  • die Stressbewältigung:ReaktionsphasenErstbewertung, bei der das Individuum die Auswirkungen der Belastung auf sich selbst einschätzt,

  • die Zweitbewertung, bei der das Individuum seine eigenen Bewältigungsmöglichkeiten einschätzt,

  • die Drittbewertung, bei der das Individuum unter Einbeziehung der ersten beiden Schritte die Situation neu bewertet.

Erst nach einer positiven dritten Bewertung erfolgt dann der Bewältigungsprozess (Lazarus & Folkman 1984).
Bei der Entstehung von Krankheit spielen folgende Faktoren eine wichtige Stressreaktion:Entstehung von KrankheitRolle:
  • Akuter, zu starker Stress (Trauma, schwere Krankheit, schwerer Schicksalsschlag)

  • Chronischer Stress (auch die Summe aller Untersuchungs- und Behandlungselemente sollte hierbei beachtet werden!)

  • Fehlende Anpassungs-/Adaptationsfähigkeit oder schwache Abwehrkräfte

  • Zu starke Umgebungsreize (z. B. Schichtarbeit, Lärmbelästigung bei der Arbeit, Angst, den Job zu verlieren) oder zu schwache unterstützende Umgebungsfaktoren (z. B. Familie fehlt).

Stärken und Ressourcen

Es erscheint mir sinnvoll, sich nicht nur auf Stressoren und Krankheitserreger zu konzentrieren, sondern zusätzlich auch Stärken eines Patienten zu mobilisieren, StärkenRessourcen anzuzapfen und Schwächen abzubauen. Man Ressourcenkann eine Ressource als Hilfsquelle zum Erreichen von Zielen, Zuständen, Veränderungen, Optimierungen auffassen. In diesem Sinne ist es wichtig, dass Therapeuten nach den vorhandenen Ressourcen, Stärken und Schwächen suchen, um diese gemeinsam mit dem Patienten zu visualisieren, zu verbalisieren und zum Gesundwerden einzusetzen. Dabei sollte man selbstverständlich auch darauf achten, die Krankheitsrisiken nicht zu unterschätzen! Bereits Sokrates und Aristoteles beschrieben vier Kardinaltugenden, die man auch als Lebenskünste bezeichnen könnte: Weisheit, Gerechtigkeit, Mut und Besonnenheit oder Gelassenheit.
Zu den individuellen aktiven Ressourcen gehören beispielsweise auch menschliche Stärken, die in der positiven Psychologie menschliche Stärkenfolgendermaßen zusammengefasst werden (Auhagen 2004):
  • Tugenden mit einer starken ethischen Komponente wie Verzeihen, Güte, Mitgefühl, Solidarität, Demut, Empathie, Altruismus

  • Mit einer positiven Meisterung des Lebens verbundene Eigenschaften wie positives Lebensmeisterung:EigenschaftenDenken, Hoffnung, Humor, das Erleben von Sinn, Beharrlichkeit und Wachstum

  • Lebenserleichternde Fähigkeiten wie kommunikativ sein, Kreativität oder Lebenserleichternde FähigkeitenIntelligenz.

In Gemeinschaften (wie z. B. am Arbeitsplatz oder auch in einer medizinisch-therapeutischen Praxis) prallen Menschen immer wieder aufeinander und verletzen sich gegenseitig. Deshalb sind Regeln der Ethik und des zwischenmenschlichen Umgangs wichtig! Ein respektvoller Umgang mit dem Patienten beinhaltet neben der körperlichen Betreuung auch die Beachtung seiner emotionalen, seelischen und sozialen Nöte. In diesem Sinne ist es dringend notwendig, menschliche Stärken zu mobilisieren und vorzuleben, auch als Therapeut!
Nachfolgend möchte ich kurz einige Stärken (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) ansprechen und bewusst auf Patentrezepte verzichten! Es kann sich aber trotzdem lohnen, nach menschlichen Stärken bei Patienten zu suchen, um sie einerseits zu hegen und zu pflegen und andererseits beim Coping einzusetzen.

Sich selbst akzeptieren

In der Auseinandersetzung mit unserer Außen- (Mitmenschen) und Innenwelt Selbstakzeptanzerfahren wir unsere Identität immer wieder aufs Neue, verändern sie und passen sie an. Dabei soll allerdings unser Kern stabil erhalten bleiben. Laut der Professorin für Psychologie Verena Kast sollten wir über ein kohärentes Selbst mit einer größeren Flexibilität an den Rändern verfügen (Neuen 2004). Dazu brauchen wir Anerkennung, nicht nur für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir sind. Dann lernt man, sich selbst zu akzeptieren, mit allen Ecken, Kanten und Schwächen. Darüber hinaus können Menschen, die sich selbst akzeptieren, auch andere leichter akzeptieren! Selbstverständlich muss an dieser Stelle jedoch vor einer Selbstüberschätzung gewarnt werden.
Ein gutes Selbstwertgefühl kann dadurch verstärkt werden, dass man sich in befriedigende soziale Beziehungen eingebunden fühlt und seine Freude und Interessen mit anderen teilen kann.
Jeder Mensch wird im Laufe seines Lebens eine Menge Probleme gelöst und Krisensituationen gemeistert und auch anderen Menschen dabei geholfen haben. Sich an den Umgang mit früheren Krisen zu erinnern, kann helfen, die eigene Kompetenz zu spüren und auch an sie zu glauben!
Hat nicht jeder bereits mit ratsuchenden Menschen gesprochen (z. B. weinende Kinder getröstet)? Hat nicht manchmal eine Ruhepause oder ein Urlaub dafür gesorgt, dass man gestärkt und ausgeruht zurückkam und danach Probleme besser lösen konnte? Hat nicht manchmal ein Gespräch mit einem Freund, Kraft zu einer Entscheidung gegeben? Das alles können sogenannte Ressourcen sein.

Verzeihen können

Die Fähigkeit zu verzeihen kann einem dabei helfen, sich VerzeihungVerzeihung:LoslassungVerzeihen könnenLoslassung:Verzeihungvon erlittenem Unrecht und Verletzungen zu befreien. Sie hilft, Unmut loszulassen, die Selbstachtung zu stärken und an den eigenen Beziehungen zu arbeiten. Verzeihen wird als Pfad zum Glück und als ein Geschenk für das körperliche und psychische Wohlbefinden bezeichnet, weil es ein schneller Weg ist, manches Leid und manchen Schmerz zu beenden. Verzeihen trägt dazu bei, stabile zwischenmenschliche Beziehungen aufrechtzuerhalten. Verzeihen darf aber nicht mit Feigheit, Nachsicht, Vergessen oder Verleugnen verwechselt werden. Es ist sehr wichtig zu betonen, dass Verzeihen kein einmaliger Akt, sondern ein langwieriger, aktiver Arbeitsprozess ist. Wenn die Entscheidung zu verzeihen gefallen ist, beginnt nämlich ein schwieriger Prozess, in dem negative Gefühle bezwungen und respektvolle Gedanken und Handlungen gegenüber dem Übeltäter aufgebaut werden müssen, um ihm eine neue Chance zu geben.
Verzeihen kann ein wichtiges Coping-Element darstellen! Folgende Verzeihen:CopingstrategienCopingstrategien:VerzeihenVorteile sind beschrieben (Auhagen 2004):
  • Verzeihen befreit von emotionalen Schmerzen der Vergangenheit,

  • erhöht die Stimmungsstabilität,

  • vermindert Schuldgefühle, die aus dem unbewussten Zorn entstanden,

  • verringert Ängste und Sorgen,

  • verbessert Beziehungen und macht sie liebevoller.

Gelassenheit

Einfach gelassener zu sein, ist oft eine Gelassenheitschwierige Aufgabe und wird manchmal als Schwäche angesehen. Der römische Philosoph Seneca gab an, die Unruhe des Körpers sei sozusagen natürlich darauf programmiert, die Funktionen des Organismus aufrechtzuerhalten (Seneca 2002). Der Geist aber könne den Körper erheblich stören, indem er durch Maßlosigkeit die Feinabstimmung zwischen Körper und Geist aus dem Gleichgewicht bringt. Seneca betont, die Unzufriedenheit mit sich selbst sei der Seelenruhe entgegensetzt.
Gelassenheit beruht darauf, in einer für mich und meine Umgebung angemessenen und meinen Möglichkeiten entsprechenden Art und Weise mit Affekten und Herausforderungen des Lebens umzugehen. Gelassenheit ist das Gegenteil von gestresst sein. Gelassenheit bedeutet, sich mit der Lösbarkeit oder Veränderbarkeit von Situationen auseinanderzusetzen, und hat etwas mit dem richtigen Maß zu tun. Sie gibt Anlass zu Hoffnung, Neugierde, Empathie und Engagement in Situationen, die man verändern kann. Demzufolge darf sie nicht mit Passivität, Apathie oder Gleichgültigkeit verwechselt werden. Sie darf auch nicht in scheinbare Gelassenheit und Nichthandeln, wo man handeln sollte, ausarten. Gegenüber Verbrechen, Krieg, Gewaltanwendung, wenn die Menschenwürde und die Freiheit mit Füßen getreten werden, sind eindeutig Zivilcourage, Empörung, ja sogar Wut angebracht!
Gelassenheit lernen
Gelassenheit beinhaltet drei Hauptelemente:
  • Hinnehmen, was nicht zu ändern ist Gelassenheit:HauptelementeGelassenheit:lernen(verlangt Demut)

  • Ändern, was zu ändern ist (verlangt Kraft, Mut und Energie)

  • Erkennen, was man hinnehmen und was man ändern muss (verlangt Weisheit und Durchblick).

Sie bewahrt davor, seine Kräfte für Unmögliches zu verschleißen und schärft den Blick für das Bestmögliche (Neuen 2004).
Zudem ist wichtig zu erkennen, was einen immer wieder stresst oder aufregt, ob und wie man es beeinflussen kann. Wenn man es selber nicht kann, gibt es vielleicht Dinge oder Personen, die einem helfen können.
Zum Üben von Gelassenheit kann Folgendes sinnvoll sein:
  • Gelassenheit:übenKognitives und emotionales Visualisieren, Eingrenzen und Beschreiben der Situation: Welche Faktoren wirken belastend? Wie wichtig und notwendig sind diese Faktoren?

  • Einschätzen und Bewerten der Situation aus der Distanz. Überreaktionen und vorschnelle Entscheidungen vermeiden und sich zu distanzieren lernen. Manchmal schauen Probleme aus einem anderen oder etwas weiteren Blickwinkel ganz anders aus.

  • Den eigenen Umgang mit Stressauslösern analysieren. Lernen, Hilfe (sowohl aus dem sozialen Umfeld als auch professionelle Hilfe) anzunehmen, Situationen neu zu bewerten, aber auch, sich zu entspannen und zu beruhigen.

  • Vorurteile wie typisch Frau, typisch Mann, typisch Ausländer ablegen.

  • Sich selbst wertschätzen und für sich Zeit nehmen. Dazu gehört auch genügend Zeit für Bewegung und Entspannung.

  • Aktiv und konzentriert atmen.

  • Ruhepausen und Stillpoints anstreben, innehalten für Momente intensiver Meditation.

Demut

Demut hat etwas mit Loslassen des eigenen DemutEgos und mit Bescheidenheit zu tun. Damit steht sie in einem diametralen Gegensatz zum Hochmut. E. Fromm definierte Demut als eine der Vernunft und Objektivität entsprechende emotionale Haltung und als Voraussetzung zur Überwindung des eigenen Narzissmus (Fromm 2005). Dies entspreche einem Spagat zwischen Eindämmen der Selbstliebe und Frönen der Nächstenliebe und bedeute, sich mit sich selbst und den eigenen Launen anzufreunden. Fromm gibt an, dass Liebe eindeutig Wissen und aktives Bemühen erfordere und nicht einfach ein schönes Gefühl darstellt, dem man sich hingibt. Liebe dürfe sich deswegen auch nicht auf ein einziges Objekt oder eine einzelne Person beziehen, sondern solle sich auf die ganze Welt erstrecken. Dabei unterscheidet er zwischen Nächstenliebe, Mutterliebe, erotischer Liebe, Selbstliebe und Liebe zu Gott.
Nietzsche dagegen betrachtete Demut als ein gefährliches, verleumderisches Ideal, hinter dem sich Feigheit und Schwäche und daher auch Gottergebenheit verstecke (Nietzsche 2005). Er unterschätzte damit allerdings die Gefahr der Selbstbezogenheit!
Wenn wir Krisen zu persönlich nehmen, können sie wirklich zu einer persönlichen Kränkung werden, verbunden mit der Verpflichtung, sie im Alleingang zu lösen. Ein Akzeptieren der Sterblichkeit sollte unbedingt durch Offenheit für alles, was das Leben zu bieten hat (auch Unerwartetes), ergänzt werden! Das heißt auch, sich gelassen dem Fluss des Lebens anzuvertrauen und immer bereit zu sein, Abschied zu nehmen. Niemand hat ein Anrecht auf dauerhaftes Glück im Leben.
Wenn wir uns selbst weniger ernst nähmen, würden wir leichter über Fehler, Absurditäten und Borniertheiten lachen können.

Geborgenheit

Eine weitere Ressource ist Geborgenheit. Geborgenheit kann mit einem Gefühl von GeborgenheitSicherheit und Schutz umschrieben werden. Geborgenheit symbolisiert eine Sehnsucht nach Wärme, Vertrauen, Liebe, Akzeptanz, Verständnis, Freundschaft, Frieden, Zuneigung, nach einer Situation, in der man sich sozusagen fallen lassen kann, ohne Angst haben zu müssen. Damit ist Geborgenheit vor allem an Familie, Partnerschaft und Freundschaft gebunden, obwohl natürlich auch Arbeit zu haben, finanzielle Unabhängigkeit oder Gesundheit wesentliche Faktoren sind. Für Goethe war Geborgenheit ein stärkerer Ausdruck von Glück. Geborgenheit hat auch etwas mit Hoffnung und Optimismus zu tun, wobei Hoffnung bedeutet, realitätsnahe Wege zu erkennen, wie wir unsere Ziele erreichen können.
Geborgenheit in der Kindheit zu erleben, scheint wichtig für die Entwicklung einer stabilen Persönlichkeit zu sein. Der Verlust eines nahestehenden Menschen, das Fehlen einer Familie oder das Fehlen einer Partnerschaft sind stark belastende Faktoren, die das Geborgenheitsgefühl zerstören und die Gesundheit schädigen.
Rituale
Nichtsdestotrotz lässt sich ein Stück Geborgenheit beispielsweise auch in Ritualen wie Rituale:GeborgenheitGeborgenheit:RitualeKaffeetrinken, Kuchenessen am Nachmittag, einem kurzen Nickerchen in der Mittagspause, der Nachrichtensendung am Abend oder dem Lesen vor dem Schlafengehen finden. Rituale können kleine, sichere Inseln im Strudel der Zeit bilden, um den Überblick zu behalten. Ein kurzes Zurücklehnen und Innehalten, um dann langsam auf eine schnellere oder etwas gefährlichere Gangart umzuschalten.
Bei der Suche nach Geborgenheit können folgende Strategien helfen:
  • Geborgenheit:SuchstrategienGespräche mit Freunden oder Familienangehörigen. Auch ein Therapeut kann versuchen, dem Patienten ein Freund zu sein. Manchmal merken Freunde oder Angehörige gar nicht, dass der Patient Hilfe gebrauchen könnte.

  • Nach Situationen und Ritualen suchen, die Geborgenheit vermitteln: z. B. Naturverbundenheit, Religionsverbundenheit, Freundschaften und Partnerschaften pflegen; gute Bücher lesen, Mittagspause einlegen, ein gemütliches Zuhause einrichten.

  • Spiritualität und Religion können ein positiveres Weltbild und Menschenbild sowie geistige und seelische Geborgenheit vermitteln. Hier können Meditationsübungen, Musik und Kunst sinnvoll eingesetzt werden.

  • Anderen zu helfen, macht einen selber ebenfalls zufriedener und glücklicher.

Sinnfindung

Auch Sinnhaftigkeit im Leben zu erfahren ist eine wichtige Sinnhaftigkeit im LebenSinnfindungLebensqualität und kann Reserven und Kräfte mobilisieren. Sinn kann man als Bedeutung oder Wert definieren, die/den man einem Ereignis oder einer Tätigkeit beimisst. Die Sinnsuche und die Vermeidung von Sinnlosigkeit beschäftigt uns manchmal sogar den ganzen Tag lang.
Dabei sind erneut Religion und Spiritualität wichtig. Auch etwas für andere zu tun, Sinnfindung:Religion und Spiritualitätkann dem eigenen Handeln Sinn geben. Angst könnte man beispielsweise Vertrauen gegenüberstellen, dem eine wichtige Rolle zukommt. Was als Sinnhaftigkeit erfahren wird, ist sehr individuell geprägt; was dem einen sinnvoll erscheint, kann einem anderen völlig sinnlos erscheinen. Diese Individualität zuzulassen und respektvoll die Sinndeutungen eines anderen Menschen anzuerkennen, spielt für die Menschenwürde eine bedeutsame Rolle.
Für Therapeuten kann es demzufolge sehr sinnvoll und aufschlussreich sein, Patienten nach Lebenserfahrungen zu fragen, die ihnen den Sinn des Lebens vermittelten, bzw. gemeinsam danach zu suchen. Dabei ist es weniger der Mensch als vielmehr das Leben selbst, das dem Menschen Fragen stellt. Der Mensch muss seinem Leben selber einen Sinn geben und dies auch verantworten.
Man kann die Sinnsuche und Sinnfindung allgemein in folgende Kategorien Sinnfindung:Kategorieneinteilen (Auhagen 2004): Der Sinn des Lebens wird
  • im eigenen Inneren: z. B. Selbsterfahrung, Gesundheit, Naturerleben

  • in Partnerschaft und Familie

  • in Kariere, Beruf, Sport

  • in Spiritualität, Religion, Vorbildern usw. gesehen.

Viktor Frankl: Ja zum Leben sagen

Der Wiener Psychiater und Neurologe Viktor Emil Frankl (1905–1997) verarbeitete seine Erfahrungen als Jude in vier Konzentrationslagern in einem zutiefst humanistischen Buch mit dem Titel trotzdem Ja zum Leben sagen: Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. Darin schreibt er sehr eindrucksvoll: Die geistige Freiheit des Menschen, die man ihm bis zum letzten Atemzug nicht nehmen kann, lässt ihn auch noch bis zum letzten Atemzug Gelegenheit finden, sein Leben sinnvoll zu gestalten. [] Wenn Leben überhaupt einen Sinn hat, dann muss auch Leiden einen Sinn haben. (Frankl 1977, S. 109)

Frankl sah Humor als eine Waffe der Seele im Kampf um die Selbsterhaltung, der Hoffnung macht und zum Leben ermutigt, sogar in Grenzsituationen. In seinem Buch Ärztliche Seelsorge: Grundlagen der Logotherapie und Existenzanalyse (griech. logos Sinn) gibt er an, der Mensch sei existentiell auf Sinn ausgerichtet (Frankl 2009).

Im alltäglichen Leben Sinn zu Sinnfindung:Ja zum Leben sagenerfahren, kann sehr bedeutsam für die Lebensqualität und die seelische Gesundheit sein. Wenn es einem also gelingt, auch in belastenden und negativen Ereignissen einen gewissen Sinn zu sehen, vermindern sich die Belastungen deutlich.
Zum Üben kann Folgendes hilfreich sein:
  • Sich den Sinn bewusstzumachen, setzt Hingabe und Liebe zur Sache voraus.

  • Motivations- und Begeisterungsfähigkeit einsetzen, um das Interesse an Kunst, Bewegung, Poesie, Studieren zu wecken. Auch engagierte Lehrer, Professoren, Musiker, Künstler um Unterstützung bitten.

  • Stress abbauen und Belastungen verringern, weil sie die Sinn-Wahrnehmung vernebeln.

  • Entspannungstechniken anwenden und sich ab und zu bewusst Zeit lassen.

Vertrauen

Vertrauen beruht auf der Annahme, dass eine EntwicklungVertrauen einen positiven oder den erwarteten Verlauf nimmt. Das setzt sowohl eine Erwartungshaltung als auch eine Handlungsalternative voraus. Allgemein lässt sich zwischen Vertrauen auf sich selbst und die eigenen Fähigkeiten (Selbstvertrauen) und Vertrauen zu anderen Menschen unterscheiden.Selbstvertrauen
Vertrauen wirkt zwar in der Vertrauen:zu anderen MenschenGegenwart, ist aber trotzdem zukunftsorientiert. In einem sozialen Netzwerk ist Vertrauen eine zentrale Grundbedingung.
Konsens besteht über drei Merkmale von Vertrauen (Auhagen 2004):
  • Zeit: Um Vertrauen aufzubauen, benötigt man eine gewisse Zeit.

  • Risiko: Vertrauen ist stets mit dem Risiko verbunden, enttäuscht zu werden.

  • Reziprozität: Man erwartet von dem Menschen, dem man vertraut, ebenfalls Vertrauen.

Vertrauen scheint mit einer optimistischen Lebenseinstellung und demzufolge auch mit körperlichem und seelischem Wohlbefinden zu korrelieren.
Zur Vertrauensbildung kann Folgendes hilfreich sein:
  • Vertrauenförderndes Verhalten: Versprechen einhalten, Patienten ernst Vertrauenförderndes Verhaltennehmen, eigene Fehler eingestehen

  • Signalisieren, dass man sein Bestmögliches tun und eventuell nach Alternativen und Hilfen suchen will.

  • Offen und ehrlich mit den Patienten umgehen. Ihnen alle nötigen Informationen zur Behandlung geben (bei Bedarf auch Nachforschungen anstellen) und sowohl die Risiken als auch die Chancen ansprechen.

Ethische und moralische Grundlagen

Allgemeingültige Normen und Werte eines guten und gerechten Handelns haben einerseits etwas mit moralische Grundlagenethische GrundlagenGewohnheiten und Bräuchen, andererseits aber auch etwas mit Etikette und Gepflogenheiten zu tun.
In unserer Welt der interkulturellen Globalisierung und zunehmenden Spezialisierungen bräuchten wir eigentlich ein regelmäßiges Updaten von Ethik und Moral. Das Gute als Wert an sich zu akzeptieren, gilt dabei als Grundvoraussetzung!
Dazu gehört beispielsweise, sich auf das Niveau des anderen zu begeben. Denn für Therapeuten ist es wichtig, die richtige Sprache mit den richtigen Metaphern zu verwenden, damit Patienten mit den Ratschlägen auch wirklich etwas anfangen können. Jeder Mensch hat selbstverständlich ein Recht auf die bestmögliche Versorgung und Betreuung!
In unserer modernen Zeit der Kosten-Nutzen-Abwägung muss jede Investition für den Homo oeconomicus immer zu einem Plus (Überschuss, Gewinn) führen. Gibt es überhaupt noch Situationen, in denen man selbstlos handelt, ohne Erwartung einer Gegenleistung, oder zeugt das nur von Naivität? Kann Güte vielleicht auch etwas mit einem guten Leben zu tun haben?
Folgende beispielhafte Aufgaben stellen sich dabei:
  • Grundlagenforschung zur Klärung von Begriffen und Spielregeln

  • Respektvolles Ausloten und Einhalten von Grenzen

  • Erkennen, dass der Wahrnehmung auf der mikro- und makroskopischen Ebene Grenzen gesetzt sein können

  • Vernetztes Denken und lebenslanges Bemühen um Weiterbildung und Vernetzung

  • Respektvolles gegenseitiges Kommunizieren, nicht mit aller Gewalt Recht haben wollen, sondern das Gespräch suchen

  • Meinungen respektvoll austauschen und tolerieren. Das Kompetenzgerangel in der medizinischen Welt wirkt manchmal leider sehr zerstörerisch!

  • Sich um Verständnis für den anderen bemühen.

  • Ab und zu selbstlose Nächstenliebe praktizieren.

Trauma und Schock

Es ist wichtig, nach einem akuten Trauma (z. B. Krieg, Naturkatastrophe, Vergewaltigung, TraumaUnfall) die Schocksymptome oder auch bei einem unverarbeiteten Trauma Schockoder einer starken Häufung subliminaler Ereignisse die entsprechenden Reaktionsmuster zu erkennen.
Traumatische Ereignisse können so tief ins Affektive und Vegetative hineinreichen und über das limbische System so stark fixiert werden, dass primär kognitive und verbal orientierte Verfahren der Psychotherapie ihnen schwerlich gerecht werden (Marlock & Weiss 2006). Gerade die regulative, (Erlebnis-) aktivierende Arbeit mit der körperlichen Ebene verspricht laut Marlock dauerhafter Erfolg. Leider ist die Sinnhaftigkeit des Erspürens und Einfühlens in den Körper und das Bewegen durch die Vormachtstellung Sinnhaftigkeit:des Erspürens und Einfühlens in den Körperder modernen Naturwissenschaft als subjektive Methoden marginalisiert worden. Es erscheint mir wichtig zu betonen, dass erfahrungsgemäß die Sprache oft wie von selbst dem Einfühlen folgt.
In unserer schnelllebigen Gesellschaft haben wir leider manchmal zu wenig Zeit, uns mit den Nachwirkungen eines überwältigenden Ereignisses auseinanderzusetzen. Lockere Sprüche wie Reiß dich endlich zusammen oder Das Leben geht weiter erweisen sich dabei nicht unbedingt als hilfreich.
Neuerdings wird der heilsamen Wirkung des Gesprächs (Gesprächstherapie, Gesprächstherapie:heilsame WirkungTiefenpsychologie) die heilsame Wirkung des Fühlens und Agierens (Verhaltenstherapie, Körpertherapie, Ausdruckstherapie) gegenübergestellt. Man bezweifelt offenbar, ob das gesprochene Wort wirklich seelisch etwas bewirkt. Aus meiner Sicht wäre es sinnvoll, beides zuzulassen; sowohl das (rationale) Besprechen und Analysieren als auch das (emotionale) Erleben und Empfinden.
Eine gezielte Traumatherapie sollte aber trotzdem nur von einem erfahrenenTraumatherapie Psychotherapeuten durchgeführt werden (Kap. 3.10.2). Dennoch ist es für Osteopathen/Therapeuten wichtig, Symptome einer Traumatisierung erkennen zu können.
Akut traumatische Traumatisierung:SymptomeTraumatisierung:akuteSymptomatik:
  • motorische Erstarrung oder Einfrierungakut traumatische Symptomatik

  • Sprachverlust

  • Schmerzunterdrückung

  • emotionale Betäubung

  • Blutdruckanstieg, Tachykardie

Chronisch traumatische Symptomatik:
  • gesteigerte Erregbarkeit (mit chronisch traumatische SymptomatikSchlafstörungen, Schreckhaftigkeit, Traumatisierung:chronischeKonzentrationsstörungen)

  • emotionale Labilität

  • anhaltende Schmerzen, oft Kopfschmerzen, Schwindel

  • Angst- und Panikgefühle

  • verlorenes Selbstvertrauen

  • Schuldgefühle (z. B. als Überlebende einer Katastrophe)

  • Intrusion (ständiges Wiedererleben des traumatischen Ereignisses)

  • Vermeiden von allem, was an das traumatische Ereignis erinnert

  • Alkohol-, Drogen- und Medikamentenmissbrauch

Wie belastend ein Stressfaktor im individuellen Fall erlebt wird, hängt, wie Traumatisierung:StressorenStressoren:Traumatisierungoben bereits angegeben, von verschiedenen Faktoren ab, wie z. B.:
  • Stärke des Stressfaktors oder des Ereignisses selbstStressoren:Stärke

  • Soziales Netz des Betroffenen zum Zeitpunkt der Belastung: Wer von Familie und Freunden unterstützt wird, kann die Belastung leichter verarbeiten.

  • Gesundheits-/Allgemeinzustand des Betroffenen: Neben der körperlichen Fitness spielen beispielsweise auch Alter und Ernährung eine Rolle.

  • Kommunikative Fähigkeiten des Betroffenen: Wer sich sowohl verbal (umschreiben) Traumatisierung:kommunikative Fähigkeiten des BetroffenenKommunikative Fähigkeiten des Betroffenen:Traumatisierungals auch körperlich (austoben) ausdrücken, sozusagen über seine Gefühle und Belastungen reden und diese auch zeigen bzw. abreagieren kann, wird sich allgemein leichter tun, mit belastenden Erlebnissen fertigzuwerden.

  • Selbsteinschätzung und Selbstsicherheit des Betroffenen: Jemand mit einem guten Selbstgefühl wird instinktiv eher seine Verteidigungsmöglichkeiten zur Bewältigung einsetzen.

Wie stark und wie schlimm das Trauma auch gewesen sein mag, werden die Wunden mit größerer Wahrscheinlichkeit besser heilen, wenn wir einen positiven Rahmen schaffen können! Dazu müssen wir allerdings auch begreifen, dass sich Ereignisse, die in der Vergangenheit liegen, nicht mehr ändern lassen, wohl aber die Zukunft noch mitgestaltet werden kann!

Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit

Man sollte erkennen, dass man das Geschehene nicht mehr ändern bzw. ungeschehen machen kann, und stattdessen lernen, das Geschehene loszulassen und das krank machende Verhältnis zum Geschehenen aufzulösen! Sich erinnern bedeutet weder ein Geschehen zu wiederholen noch es gutzuheißen!

Furman zufolge muss ein Trauma keine lebenslange Strafe sein. Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben, ist seine Überzeugung, und das klingt sehr ermutigend (Furman 1999).

Durch selbst erlebte schlimme Ereignisse kann ein Mensch beispielsweise ein besonderes Mitgefühl für andere entwickeln. Furman deutet das als eine Fähigkeit, die den Menschen auf eine höhere spirituelle Ebene hebt. Leiden scheint manchmal Menschen zu veredeln.

Wie kann die Motivation des Patienten gesteigert werden?, ist eine wichtige Frage, und ganzheitliche, Motivationssteigerung des Patientenpositive neue (Körper-)Erfahrungen können dabei helfen. Allerdings sollte die individuelle Mischung aus Sicherheit, Entspannung und Herausforderung in der Therapie immer wieder neu durchdacht werden! Der selbstregulative Umbau im Gehirn mit neuen Verknüpfungen von neuronalen Regelkreisen braucht Zeit, Übung und Wiederholung. Positive neue Erfahrungen, unter Einbeziehung der eigenen aktiven Gedanken des Patienten, wirken verstärkend.

Emotionen

Einführung

Die Gefühle galten schon immer als primitiv, tierisch und unzuverlässig, und dem Emotionenrationalen Menschen gilt die Vernunft als überlegen. William James gab bereits 1890 an, ein Gefühl sei vor allem ein körperlicher Zustand und werde erst danach zu einer Wahrnehmung im Gehirn. In den Naturwissenschaften werden Gefühle einfach dem logischen Denkvermögen untergeordnet. Erst in den letzten Jahren hat sich ein starker Wandel in der Einschätzung der Gefühle vollzogen, sodass die emotionalen Fähigkeiten und Gefühle:EinschätzungKräfte gleichermaßen geschätzt werden wie die denkerischen.
Piaget sieht Emotionen (Affekt) als die Kraft, die das Verhalten Emotionen:Verhaltensantriebantreiben, während Vernunft und intellektuelle Faktoren die Richtung des Verhaltens bestimmen (Piaget 2003). Auch Lefrancois (2006) betrachtet Vernunft und Gefühl nicht als Gegensätze, sondern als einander ergänzende Faktoren. Rost geht sogar so weit, Emotionen nicht nur als treibende, sondern auch als richtunggebende Kraft für unser Verhalten aufzufassen. Die Vernunft betrachtet er als verstärkende Kraft (Rost 2005).
Das Erleben von Gefühlen setzt keine Kognition voraus, gedankliche Prozesse tragen aber dazu bei, sie umzugestalten, in neue Gefüge zu stellen und ihnen sozusagen eine (kulturell und sozial akzeptable) Begründung zu geben. Wir finden unsere Gefühle fertig in uns vor. Wir lernen nur noch – es ist schwierig genug und kommt nie zu Ende – sie zu identifizieren und mit neuen Anlässen zu verknüpfen. Und die immer raffiniertere kognitive Analyse der Realität erzeugt immer mehr Gefühle. (Zimmer 1982)
Kruse gibt an, dass Emotionen häufig in Widerspruch zu dem geraten, was Menschen vernünftigerweise tun oder fühlen sollten. Mit Vernunft könnten Gefühle überspielt, aber nicht geändert werden (Kruse 1985). So sei die Psychotherapie dauernd mit emotional-kognitiven Widersprüchen beschäftigt, die man als Grundelement aller psychischen Störungen betrachten könne.

Was sind Emotionen?

Es gibt leider keine allgemeingültige Definition, die alle notwendigen und hinreichenden Kriterien Emotionen:Definitionenzur Bestimmung einer Emotion enthält. So hat jede Emotionstheorie ihre eigene Definition (Holodynski 2006). Das liegt sicherlich am Fehlen eines einigenden Paradigmas; so gibt es beispielsweise keine Einigkeit darüber, ob sich die emotionalen Reaktionen von Säuglingen und Erwachsenen qualitativ unterscheiden.
Unterschiedliche Definitionen
Nach der James-Lange-Theorie sind Gefühle einfach das, was wir über unsere James-Lange-Theorie:EmotionenGefühle:James-Lange-TheorieEmotionen:James-Lange-Theorieeigenen Körperzustände wahrnehmen. Nach dieser körperbetonten Theorie ist man sozusagen traurig, weil man weint, und man weint nicht etwa, weil man traurig ist!
Andere Psychologen betonen, dass unsere Körperzustände oft gleichbleiben, obwohl sich unsere Emotionen ändern. Mit sogenannten kognitiven Emotionstheorien unterstreichen sie, dass unsere Gefühle sich eherEmotionstheorie:kognitivekognitive Emotionstheorie nach dem Inhalt unserer Gedanken richten. Wenn man aber an manche Angstreaktionen denkt (man erschrickt beispielsweise, wenn man plötzlich in einer stockfinsteren Nacht ein Geräusch hinter sich hört), scheinen manche Gefühle doch schneller als Gedanken auftreten zu können.
Levensons funktionalistische Definition von Emotionen lautet: Emotionen sind kurzlebige Emotionen:funktionalistische Definitionpsychologisch-physiologische Erscheinungen, die effiziente Anpassungsarten repräsentieren. [] Psychologisch betrachtet verändern Emotionen die Aufmerksamkeit, verschieben bestimmte Verhaltensweisen aufwärts in Verantwortungshierarchien und aktivieren relevante assoziative Netzwerke im Gedächtnis. Aus physiologischer Sicht organisieren Emotionen schnell die Antworten von verschiedenen biologischen Systemen [] um ein körperliches Milieu hervorzurufen, das optimal für eine effektive Antwort ist. (aus Snyder & Lopez 2009)
Für Servan-Schreiber stellen Emotionen das bewusste Erleben des großen Zusammenspiels der physiologischen Reaktionen dar, die über die Aktivität der biologischen Emotionen:physiologische ReaktionenSysteme des Körpers wachen und sie ständig den Erfordernissen der inneren und äußeren Umgebung anpassen (Servan-Schreiber 2004).
Bilden Gefühle nicht eher die Form, wie subjektive Bedeutung erlebt wird? Gefühle sind eigentlich niemals neutral; sie geben die Richtung unseres Handelns vor und lenken uns wie ein Kompass durch das Leben! Sie sind das Einzigartige, das von außen in der dritten Person und von innen, also vom Standpunkt eines Lebewesens aus, in der ersten Person, wahrgenommen wird. Aristoteles glaubte, dass die Seele dem Wesen seine lebende Form verleiht.

Eigene Theorie

Für mich bilden Emotionen Brücken zwischen den inneren und äußeren Kommunikations- oder Informationsflüssen. Gefühle sind sozusagen verkörperte Informationen und eine Art sechster Sinn.

Ich möchte Emotionen als bewusstes Erleben der permanenten (chemischen, mechanischen, elektromagnetischen, energetischen, humoralen) Informationen aus verschiedenen Körperregionen betrachten. Wir reagieren darauf sowohl physiologisch (mit Änderungen von Atemfrequenz, Herzrhythmus, Blutdruck, Appetit, mit der Ausschüttung von Hormonen, Zytokinen, Wachstumsfaktoren, Neurotransmittern) als auch kognitiv (Copingstrategien).

Es sei zusammenfassend betont, dass Emotionen sowohl das Erleben von körperlichen Informationen als auch die körperlichen Reaktionen darauf beinhalten. Emotionen stehen enger mit dem Körper und Berührungen in Verbindung als das kognitive Gehirn! Demzufolge sollte es uns nicht überraschen, dass Emotionen eigentlich leichter über den Körper, über Berührungen erreichbar sind als über die Sprache.

Jeder Hands-on-Therapeut wird das in der Praxis häufiger erlebt haben.

In unserer modernen coolen Zeit werdenEmotionen:bewusstes ErlebenEmotionen:physiologische Reaktionen Gefühle wieder mehr verborgen, verdrängt oder sogar ignoriert. Gefühle zeigen uns ein neu aufgetretenes Dilemma auf: Denn Emotionen sollen einerseits kontrolliert und kultiviert werden, aber andererseits nicht in eine seelische Sackgasse führen und weder in zerstörerische Aggression noch in eine schwere Depression ausarten.
Funktionen von Gefühlen
Gefühle erfüllen durchaus wichtige Aufgaben:
  • rasche (Gefühle:FunktionenGefühle:AufgabenEmotionen:FunktionenEmotionen:Aufgabendemzufolge auch nicht immer korrekte) Bewertung von Situationen, Umweltreizen usw. (gefährlich – ungefährlich)

  • Vorbereitung, Koordination und Motivation von Handlungen

  • Ausdruck der eigenen Handlungsbereitschaft

  • Steuerung des eigenen Handelns und des sozialen Umgangs

  • emotionale (unbewusste) Bewertung von Entscheidungen und Handlungen (als gut oder schlecht) im präfrontalen Kortex

  • unser Überleben sichern. Besonders die unangenehmen Gefühle wie Angst, Ekel oder Schmerz spielen hierbei überraschenderweise eine wichtige Rolle. So lässt Angst uns vorsichtiger und wachsamer gegenüber einer Gefahr werden, und eine gesunde Portion Argwohn ist durchaus vernünftig. Ekel warnt beispielsweise vor verdorbenen Speisen, und Schmerzen halten uns dazu an, Verletzungen ernst zu nehmen, sie zu versorgen und möglichst zu vermeiden.

Starke Emotionen sind oft mit typischen physiologischen Änderungen Emotionen:starkekombiniert, z. B. Herzrasen, Schwitzen, motorische Unruhe, entsprechende Mimik. Wenn wir lernen würden, negative Gefühle (z. B. Ärger, Wut, Enttäuschung) gleich im Anfangsstadium wahrzunehmen und uns klarzumachen, dass jetzt in irgendeiner Weise eine Grenzüberschreitung stattgefunden hat, könnten wir vielleicht eher in aller Ruhe darüber nachdenken und nach einer Problemlösung suchen.
Holodynski sieht die Funktion von Emotionen darin, dass sie die Handlungen einer Person aus motivrelevanten Aspekten steuern. Er betrachtet Emotionen als ein funktionales psychisches System, das aus dem synchronen Zusammenspiel mehrerer Subsysteme besteht (Holodynski 2006).
Folgende vier Subsysteme lassen sich dabei unterscheiden:
  • Das Appraisalsystem ist für die Einschätzung und reflexive Bewertung der Emotionen:AppraisalsystemAppraisalsystemeigenen Handlungsziele, Handlungsergebnisse und Handlungsfolgen zuständig. Es befindet sich in spezifischen kortikalen und subkortikalen Regionen des Gehirns.

  • Das motorische System sorgt für motorische Ausdrucksformen wie beispielsweise motorisches SystemEmotionen:motorisches SystemMimik (Lächeln), Gestik, ängstliches Zurückweichen, Weglaufen. Es befindet sich im motorischen Kortex und somatischen Nervensystem.

  • Das Körperregulationssystem sorgt für eine vegetative und endokrinologische KörperregulationssystemEmotionen:KörperregulationssystemAnpassung der Körperfunktionen (Herzfrequenz, Atmung, Blutdruck, Erröten) an die Person-Umwelt-Beziehung. So werden beispielsweise bei emotionaler Erregung nicht nur Adrenalin, sondern auch Steroidhormone und Peptidhormone (z. B. Cholezystokinin bei Panikattacken) ausgeschüttet. Dieses Körperregulationssystem befindet sich im autonomen Nervensystem und in subkortikalen Hirnregionen.

  • Das Gefühlssystem sorgt für innerlich wahrnehmbare Empfindungen (Schweiß, GefühlssystemAngst, Gänsehaut), die Emotionen begleiten. Im Unterschied zu den motorischen und körperregulativen Reaktionen ist dieses Gefühl nicht objektivierbar oder messbar, obwohl es sich um ein reales Phänomen handelt! Das Gefühlssystem befindet sich in spezifischen kortikalen und subkortikalen Regionen des Gehirns.

Emotionale und kognitive Prozesse im Gehirn
Damasio weist darauf hin, dass alle Erfahrungen als somatische Marker im emotionalen Gedächtnis gespeichert werden und das psychische Erleben den somatische Marker:emotionales Gedächtnisemotionales Gedächtnis:somatische Markerunaufhörlichen kognitive Prozesse:Gehirnemotionale Prozesse:GehirnVersuch einer Gehirn:kognitive ProzesseGehirn:emotionale ProzesseSymbiose zwischen dem kognitiven und dem emotionalen Gehirn darstellt (Damasio 2003). Er beschreibt zwei grundlegende Prozesse von Gefühlen bzw. Emotionen:
  • Einerseits spielt der Körperzustand (z. B. Unsicherheit) eine Rolle, wobei angeborene Muster Körperzustand(z. B. Anspannung), Erfahrungsbilder aus den somatischen Markern und bildliche Vorstellungen miteinander verglichen werden. Gefragt wird nach dem Gefühl (z. B. Ängstlichkeit), das die beobachtete körperliche Handlung (z. B. Unsicherheit als somatischer Marker) ausdrückt. Der körperlichen Handlung (z. B. Anspannung, Unsicherheit) wird dann intensiv nachgespürt, um die innere, unbewusste Motivation und das zugrundeliegende Bedürfnis (z. B. Wunsch nach Bestätigung) zu offenbaren.

  • Andererseits wird gleichzeitig der emotionale Zustand kognitiv bewertet. Der Körper dient sozusagen als kognitive Bewertung:emotionaler Zustandemotionaler Zustand:kognitie BewertungBrücke zwischen der unbewussten Motivation (Wunschgedanke) und der bewussten Emotion. Der Patient lernt, die Zusammenhänge zu verstehen, seine Angst abzuschütteln und bewusst und stimmig mit der Situation umzugehen.

Unsere beiden Gehirne nehmen laut Damasio, unabhängig voneinander, von der Außenwelt kommende Informationen gleichzeitig auf und müssen entweder kooperativ oder konkurrierend darauf reagieren und die Kontrolle über unser Denken übernehmen. Das kognitive Gehirn agiert bewusst und rational und ist mehr der Außenwelt zugewandt, während das emotionale Gehirn unbewusst handelt und vor allem auf das Überleben und nach innen gerichtet ist.

Körper und Emotionen

Es sei extra betont, dass der Körper das wichtigste Betätigungsfeld des emotionalen Gehirns ist. Eine emotionale Problematik kann sich demzufolge in körperlichen Symptomen (Müdigkeit, Bluthochdruck, Magen-/Darmbeschwerden, Hautkrankheiten usw.) äußern. Emotionen spielen sich nicht nur in unserem Kopf ab, sondern auch unsere Muskeln und unsere Haltung verkörpern das, was wir psychisch unterdrücken oder verdrängen.

Wenn das kognitive und das emotionale Gehirn nicht miteinander zurechtkommen, sind wir eher unglücklich. Ergänzen sich die beiden dagegen, empfinden wir eine innere Harmonie, die als emotionale Intelligenz bezeichnet wird (Coleman 2004, Servan-Schreiber 2004). emotionale IntelligenzEmotionale Intelligenz beinhaltet Fähigkeiten wie Selbstbeherrschung, Eifer, Standhaftigkeit, Selbstmotivation, Mitgefühl und sorgt für Verknüpfungen zwischen Gefühlen, Charaktereigenschaften und moralischen Instinkten.
Laut Panksepp sind Emotionen Geschenke der Natur, um die wesentlichen Anforderungen des Lebens zu bewältigen. Emotionen vermitteln uns sehr schnell, was sich gut, schlecht oder gemischt anfühlt (Panksepp 2005).
Es kann zu einer Dominanz des einen Gehirns kommen. Eine emotionale Dominanz kann sich beispielsweise als Kurzschlussreaktion nach einem Trauma zeigen, bei der das emotionale Gehirn, indem es nun zu oft und zu schnell Alarm schlägt, das kognitive Gehirn sozusagen überlistet (ausschaltet) und sämtliche Körperfunktionen durchdrehen lässt. Andererseits kann eine übertriebene Kontrolle der Gefühle durch die Vernunft unempfindlich machen und demzufolge auch zur Entschlussunfähigkeit führen.
Gefühle angemessen ausdrücken
In Belastungssituationen versuchen manche Menschen, typische Aspekte der Situation zu verändern und ihre Emotionen dadurch besser zu steuern. Um seine Gefühle regulieren zu können, muss man sie zuerst einmal Gefühle:angemessen ausdrückenidentifizieren können. Beim Emotional Approach Coping versucht man, durch den Stressor erzeugte Emotionen zu Emotional Approach Copingverarbeiten, indem man beispielsweise seine Gefühle auszudrücken und zu beschreiben lernt.
Wer von seinen Gefühlen abgeschnitten ist, ist laut Damasio auch vom Leben abgeschnitten. Er widerspricht auch Descartes (Ich denke, also bin ich), indem er angibt: Ich fühle, also bin ich (Damasio 2003). Die Unfähigkeit, seine Gefühle auszudrücken und auszuleben, wirkt sehr belastend, aber es ist auch nie zu spät zu lernen, wie man besser mit seinen Emotionen und mit seinen Mitmenschen umgehen kann.
Emotionale Gehemmtheit oder das Unvermögen, Gefühle zuzulassen oder auszudrücken, wird mit schlechterer Gesundheit in Verbindung gebracht (Kolt & Andersen 2004). Dass Patienten lernen zu fühlen, ihre Gefühle (und deren Auswirkung) zu erleben und zu umschreiben, ist eine wichtige Aufgabe!

Beispiele

  • So sehe ich Angst eigentlich als eine Art negative Energie oder Kraft, die dazu führt, dass sich der Körper zusammenzieht und verkrampft. Sie scheint sich im Körpergewebe zu verstecken und kann auf Dauer Schaden anrichten.

  • Als Gegenpol sind Zufriedenheit (mit sich und mit der Umgebung) und vor allem auch Liebe als eine Art positive Energie zu sehen. Sie lassen den Körper aufweichen und besser durchsaften und können somit gewissermaßen auch heilen.

Wie Holzhey-Kunz betont, ist man seelisch gesund, wenn die eigenen Gefühle der jeweiligen Situation angemessen sind (Holzhey-Kunz 2001). In schwierigen Zeiten darf man also getrost negative Gefühle haben und muss man nicht immer super drauf sein.

Das Wechselspiel von negativen und positiven Emotionen ermöglicht Neugierde und den nötigen Respekt für andere Lebewesen. Wir müssen eigentlich wieder lernen, Gefühle in ihrer prachtvollen und auch schmerzhaften Vielfalt zuzulassen, damit sie das Leben farbiger, reicher und sinnvoller machen können.

Die affektive Neurowissenschaft untersucht momentan, auf welche Weise Emotionen, kognitive Eigenschaften und genetische Muster miteinander verknüpft sind. Das Denkhirn und auch die Kultur sorgen beim Menschen, anders als beim Tier, für eine ziemlich starke Unterdrückung der emotionalen Instinkte.
Alexithymie
Alexithymie ist die Unfähigkeit, die eigenen Gefühlszustände wahrzunehmen und in WorteAlexithymie zu fassen. Der Begriff stammt aus dem Griechischen (alexis und thymos bedeutet soviel wie: kein Wort für Gefühle). Von Alexithymie sollen etwa 10 % der deutschen Bevölkerung betroffen sein. Es ist nicht eindeutig geklärt, ob es sich dabei um eine Krankheit oder um einen Persönlichkeitszug handelt. Durch Alexithymie werden aber häufig zwischenmenschliche Probleme (z. B. in der Partnerschaft) und körperliche Symptome (Somatisierung von emotionalen Problemen) hervorgerufen. Das für die Verarbeitung von Gefühlen verantwortliche limbische System bleibt ausgeschaltet und stattdessen scheint das Frontalhirn, das für die Impulskontrolle zuständig ist, aktiv zu sein. Emotionale Vernachlässigung, belastende Kindheitserlebnisse und traumatische Ereignisse sollen eine ursächliche Rolle spielen. Mit dem LEAS-Test (Levels of Emotional Awareness Scale) beispielsweise, bei dem sich Betroffene in verschiedene soziale LEAS-Test (Levels of Emotional Awareness Scale):AlexithymieSituationen einfühlen müssen, versuchen Psychologen und Psychiater, den Grad der Beeinträchtigung zu messen.
Alexithyme Menschen wissen nicht, dass sie ängstlich oder wütend sind. Sie spüren stattdessen eine Verkrampfung im Bauch oder Rücken und meinen, dass mit ihnen körperlich etwas nicht stimmt. Die kognitive Benennung der Emotion läuft sozusagen schief. So wie sie traurige Ereignisse als nicht so traurig, sondern rational und distanziert betrachten, spüren sie auch Freude weniger intensiv und bleiben eher nüchtern. Man könnte es mit einem Blinden vergleichen, der Farben zu beschreiben versucht.
Zur Behandlung gehören unter anderem Körpertherapie, Entspannungsverfahren und Gesprächstherapie. Auch die Osteopathie kann helfen, einen Zugang zu den eigenen Gefühlen und denen von anderen zu finden.

Einteilung und Entstehung von Gefühlen

Es hat bereits unzählige Versuche zur Einteilung der Gefühle gegeben, aber einig sind sich die Wissenschaftler leider bis heute noch Gefühle:Einteilungnicht.
Aus entwicklungspsychologischer Sicht kann man Emotionen beispielsweise allgemein in vier Stufen Emotionen:entwicklungspsychologische Sichtunterteilen:
  • Prä-Emotionen: Etwas kann sich beispielsweise angenehm (Wohlbehagen) oder unangenehm (Unbehagen),Prä-Emotionen gut oder schlecht anfühlen.

  • Basisemotionen: Aus angenehmen Prä-Emotionen kann sich beispielsweise Freude, Zuneigung, Wollust, BasisemotionenFürsorge, aus unangenehmen Prä-Emotionen Angst, Ärger, Traurigkeit, Wut, Scham, Abneigung, Niedergeschlagenheit und aus neutralen Prä-Emotionen Gleichgültigkeit entwickeln.

  • Sog. primär kognitive Emotionen, die durch gedankliche Bewertung entstehen:

    • Freude wandelt primär kognitive Emotionenkognitive Emotionen:primäreEmotionen:primär kognitivesich beispielsweise in Heiterkeit und Zufriedenheit und bildet damit auch die Grundlage, um glücklich (und gesund) zu sein und sich weiterzuentwickeln.

    • Aus Angst entsteht ein Gefühl der Bedrohung oder Beklemmung, aber Angst aktiviert auch Reserven undAngst Überlebensstrategien.

    • Aus Ärger entwickelt sich Verärgerung, Frustration, aber auch das Bedürfnis, sich zu Ärgerverteidigen.

    • Aus Traurigkeit wird Enttäuschung, Niedergeschlagenheit, aber sie lässt auch die Notwendigkeit Traurigkeiterkennen, dass man sein Leben ändern muss.

  • Sog. sekundär kognitive Emotionen, die durch das Einwirken von Erwartungen, Normen, kulturellen sekundär kognitive Emotionenkognitive Emotionen:sekundäreundEmotionen:sekundär kognitive sozialen Faktoren entstehen: wie beispielsweise Liebe, Gelassenheit, Glück oder Eifersucht, Neid, Zorn, Verachtung, Scham.

Es kann nicht geleugnet werden, dass Emotionen und kognitive Prozesse stark miteinander verbunden sind. Man kann sich beispielsweise besser an Ereignisse erinnern, die einem Spaß gemacht haben. Darüber hinaus können negative Ereignisse (Traumata, Verluste) schwer belastend sein und sogar krank machen. Auch unsere sozialen Kontakte sind mit Emotionen verbunden und bilden wichtige Triebkräfte in unserer Gesellschaft.
Wo und wie entstehen Gefühle?
Die Frage, wo unsere Gefühle entstehen, ist schwer zu beantworten. Es gibt nämlich kein echtes, genau Gefühle:Entstehunglokalisierbares Gefühlszentrum. Unsere Gefühle werden vielmehr in einem weit verzweigten neuronalen Netzwerk erzeugt!
Servan-Schreiber betrachtet genauso wie MacLean das limbische System als das emotionale Gehirn, das sozusagen als Mittelhirn von limbisches System:GefühleGefühle:limbisches Systemeinem neuen Gehirn (Gehirn:emotionalesNeokortex oder emotionales GehirnGroßhirn) umgeben ist (Servan-Schreiber 2004, MacLean 1990). Dieses emotionale Gehirn kontrolliert das Zusammenspiel der physiologischen Systeme und kennt damit den Körper viel besser als das kognitive Gehirn. Die für Emotionen typischen viszeralen und mimischen Veränderungen künstlich herbeizuführen reicht eindeutig nicht aus, dass sich diese Gefühle dann auch einstellen. Einzelne Gefühle scheinen sich aus mehr als einer Körperempfindung zusammenzusetzen und bestehen längst nicht nur aus Erregungsempfindungen, die beispielsweise durch das Injizieren von Adrenalin ausgelöst werden (Holodynski 2006).

Der Spinoza-Effekt

Damasio vertritt die Hypothese, dass der Körper bereits emotional auf Stimuli reagiert, bevor man sich eines Gefühls bewusst wird. Die somatosensorischen Gehirnareale stellen seiner Meinung nach eine Art Bühne dar, auf der nicht nur tatsächliche Körperzustände, sondern auch verschiedene Formen von falschen (als-ob) Körperzuständen aufgeführt werden (Damasio 2003). Das Gehirn lässt uns sogar bestimmte Körperzustände (z. B. Schmerz) auf verschiedenste Art halluzinieren.

Erfahrungen werden in mehreren Formen und Systemen des Gehirns gespeichert: sowohl in Form von Gedanken als auch in Form von Gefühlen und körperlichen Empfindungen (Spannungen, Krämpfe, Schmerzen, Lähmungen). Spinoza hat uns aufgefordert, diesen Gefühle und Empfindungen zu vertrauen. Leider haben viele Menschen den Bezug zu ihrem Körper und auch zu ihren Gefühlen verloren.

Emotionale Ausdrucksformen in zwischenmenschlichen Spinoza-Effekt:GefühleGefühle:Spinoza-EffektInteraktionen beruhen nicht nur auf Emotionen:Ausdrucksformenangeborenen Gefühle:AusdrucksformenMechanismen, sondern gehen auch auf kulturelle Einflüsse zurück. Mit den Ausdrucksformen entwickeln sich gleichzeitig verfeinerte Gefühlsqualitäten. Ausdrucksformen sind einerseits Gegenstand des subjektiven Gefühls und andererseits auch ein Utensil der kulturellen Symbolbildung.
Man kann nicht leugnen, dass prägende Erfahrungen sowohl psychisch als auch körperlich ihre Spuren hinterlassen, egal ob man diese nun als Charakterstrukturen (nach Reich), als Verwicklungen (nach von Uexküll) oder als somatische Marker (nach Damasio) bezeichnet.
Wenn Wörter den einzigen Unterschied ausmachten, könnte somatische Markerman versuchen, das Vokabular des gesunden Menschenverstands durch ein kompliziertes Psychologievokabular zu ersetzen (Gendlin 1996). Doch Gendlin betont, dass es ja bekanntlich nicht nur die Wörter sind, die bei einem Problem (Dilemma, Krankheit, Konflikt) eine Rolle spielen.
Man mag über eine Sache (Problem) alles Mögliche denken, hat aber immer gleichzeitig auch ein körperliches Gefühl (Gendlin & Wiltschko 1999). Laut Gendlin und Wiltschko befindet sich unter den Gefühlen, sozusagen in einer tieferen Schicht, noch etwas Körperlicheres als die Gefühle, eine gewisse körperliche Qualität. Durch focusing (Fokussieren der Aufmerksamkeit) seien die Bereiche im Körper zu entdecken, wo ein Unbehagen versteckt sei.

Praktische Bedeutung

Ich möchte es lieber so ausdrücken: Man sucht die Stellen im Körper, an denen sich die Gefühle niedergeschlagen haben.

Aus therapeutischer Sicht ist es einerseits vernünftig, nach den Ursachen einer Problematik zu suchen, aber andererseits auch wichtig zu erfahren, wie der Körper damit umgeht bzw. welche Wirkung diese Problematik auf den Körper hat.

Gendlin und Wiltschko (1999) zufolge sieht der Körper eine Sache immer ganzheitlich. Er weiß sozusagen immer (besser als das Gehirn), was alles dazugehört und was nicht.

Als Osteopath wird man es täglich in der Praxis erleben, wie leicht man über den Körper (über das emotionale Gehirn) an Gefühle herankommt, manchmal sogar leichter als mit der Sprache!

Ich stimme daher nachdrücklich dem estnischen Biologen und Biosemiotiker K. Kull zu, der behauptet, ohne Berücksichtigung des Fühlens sei der Aufbau eines Lebewesens nicht verständlich und unsere eigene Innenwelt bleibe uns dann rätselhaft (Weber 2007)!

Bereits Jung und Piaget hatten darauf hingewiesen, dass Gefühle:Niederschlagung im Körperesemotionales Gehirn Gehirn:emotionalesverschiedene Arten von Intelligenz gibt. So kann man sicherlich auch von emotionaler Intelligenz sprechen, als einer Begabung, Emotionen zu verstehen und mit Gefühlen umzugehen.
Anhand der folgenden vier Faktoren (Fähigkeiten) kann der emotionale Quotient (EQ) definiert und gemessen werden:
  • seinen eigenen und den Gefühlszustand anderer erkennen können

  • die natürliche Entwicklung von Emotionen verstehen können

  • über seine eigenen Emotionen und die anderer nachdenken und reden können

  • mit seinen eigenen Emotionen und denen anderer richtig umgehen können.

Emotionen und das Immunsystem

Pert gibt erstaunlicherweise an, sie habe jeden Neuropeptidrezeptor im Gehirn auch auf Makrophagen gefunden. Emotionen:ImmunsystemWährend Immunsystem:EmotionenNeuropeptide einerseits die Bewegungen und Wanderungen der Makrophagen bestimmen, schütten die Makrophagen Neuropeptideandererseits wiederum Botenstoffe (Makrophagen:NeuropeptideNeuropeptide) Neuropeptide:Makrophagenaus, die Stimmungen und Gefühle regulieren können (Pert 2007)! Die von den Abwehrzellen ausgeschütteten Neuropeptide können die Blut-Hirn-Schranke überwinden. Makrophagen sorgen also nicht nur für die Immunabwehr, Wundheilung und Reparaturmaßnahmen, sondern beeinflussen auch unsere Gefühle!
Die gleichen Neuropeptide, die von Gehirnzellen gebildet werden, sind beispielsweise auch an der Produktionsstätte der Immunzellen, d. h. im Knochenmark, nachzuweisen. Pert bezeichnet die Neuropeptide interessanterweise als Moleküle der Gefühle. Hiermit deutet sie an, dass es sozusagen ein physiologisches Substrat für den Geist in Form der zirkulierenden Signalstoffe gibt. Alles, was nicht-materieller Natur ist und Informationen beinhaltet, wertet sie als Geist und Gefühle. Da Gefühlsausdrücke immer mit einem Fließen von bestimmten Peptiden verknüpft zu sein scheinen, vertritt Pert die Hypothese, dass eine chronische Unterdrückung von Gefühlen eine massive Störung des Netzwerkes im Körpergeist (Körper und Geist sind nicht voneinander zu trennen) hervorruft (Pert 2007)!
Bauch und Gefühle
Es scheint so, als wären körperliche und emotionale Gesundheit miteinander verknüpft.
Die große Rezeptorendichte im Verdauungstrakt könnte Gesundheit:emotionaleemotionale Gesundheitbeispielsweise dafür verantwortlich sein, dass wir unsere Gefühle teilweise auch im Bauch wahrnehmen. Es ist interessant, dass Verdauung und Gefühle Gefühle:Wahrnehmung im Bauchzusammenhängen. Der Psychoonkologe V. Tschuschke führt folgende Gefühle:VerdauungWechselwirkungen zwischen Verdauung:Gefühlebiologischen Krankheitsfaktoren und psychischen Bewältigungsstrategien an (Tschuschke 2009):
  • Eine kämpferische Einstellung stärkt das Immunsystem.

  • Eine mentale Auseinandersetzung mit der Krankheit fördert die Zusammenarbeit von Arzt und Patient.

  • Das psychische Wohlbefinden hängt davon ab, wie schnell oder langsam die Krankheit fortschreitet.

Tschuschke betont, psychisches Wohlbefindendass wir bis heute nicht wissen, ob eine psychologische Betreuung die Überlebenschancen von Tumorpatienten tatsächlich verbessert, da viele Studien methodische Mängel aufweisen. Er fordert deswegen Ärzte, Therapeuten, Patienten und Angehörige dazu auf, diesem Thema mit gesunder Skepsis zu begegnen. Angst, Depression, Stress und seelische Erschöpfungszustände lassen sich aber durch psychotherapeutische und alternative Behandlungsmethoden leichter bewältigen (Tschuschke 2009).

Körpertherapie und Körperpsychotherapie

Einleitung

Die Körperpsychotherapie unterscheidet sich durch systematische Einbeziehung der Psyche von der Körpertherapie.
Der Körperpsychotherapiemenschliche Körper ist mehr als ein Objekt, das wir mit uns herumtragen, und mehr als das Körpertherapiematerielle Pendant unseres Geistes. Der menschliche Körper lebt, atmet, träumt, denkt, fühlt und ist in ständiger Veränderung begriffen, sozusagen als Reaktion auf das biologische, emotionale, geistige, soziale Leben. Die körperlich-seelische Einheit ist in Schichten aufgebaut, die sich im Laufe des Lebens ständig weiterentwickeln.
Man kann Patienten danach fragen, wie sie ihren Rücken, Bauch, Nacken fühlen. Wo sind Verspannungen spürbar? Was bedeuten diese Verspannungen, womit hängen sie zusammen? Wie gehen sie mit den Beschwerden und mit sich um? Bemerken sie selber eventuell vorhandene Spannungen? Es kann sinnvoll sein, Patienten auf ihr Verhalten aufmerksam zu machen, sie dadurch in gewissem Maße zu mobilisieren und eventuell Unbewusstes und Verborgenes aufzudecken. Reich gab beispielsweise an, dass die Verdrängung von unerlaubten Gedanken, Wünschen und Gefühlen mit körperlicher Verspannung einhergeht und dass es demzufolge wichtig ist, nicht nur nachzufragen, was ein Mensch verdrängt, sondern auch wie er verdrängt (Reich 2006).
Exkurs: motorische Intelligenz
Ich finde es spannend, hier einen Exkurs über die motorische Intelligenz einzufügen (Ligeti & Neuweiler 2007). Es sind die motorischen Fähigkeiten (motorische IntelligenzSprechen und Intelligenz:motorischeGestikulieren), die uns von unseren sprachlosen Verwandten im Tierreich unterscheiden. Das Broca-Sprachzentrum im Gehirn arbeitet beim Menschen mit anderen Hirnbereichen (motorischer Kortex, Nucleus ambiguusBroca-Sprachzentrum, Gyrus cinguli, sensorische Kortizes, supplementäres Kortexareal) zusammen, um Handlungselemente der oberen Extremitäten mit der Sprechmuskulatur zu langen Handlungsketten zu verbinden. Dabei wird ein unglaublich komplexes Uhrwerk eingeschaltet, das endlos sich verzweigende Wortfolgen aufbauen kann, auch wenn wir sie nicht aussprechen, sondern nur stumm in Gedanken ablaufen lassen. Weiterdenkend kann man sich vorstellen, dass Sprache sowohl mit den Händen (und dem Körper) als auch mit Wörtern und Gedanken artikuliert und ausgelebt werden kann bzw. soll!
Soll man demzufolge das Dilemma Cogito ergo sum kontra Sentio ergo sum aufrechterhalten oder wäre es nicht vielleicht sinnvoller, ein Sowohl als auch zuzulassen?

Psychisches und körperliches Erleben aus therapeutischer Sicht

Jeder Arzt und Therapeut wird bei seiner Arbeit sowohl mit der Verkörperung der menschlichen Subjektivität psychisches Erleben:aus therapeutischer Sichtkörperliches Erleben:aus therapeutischer Sichtals auch mit der Beseelung der menschlichen Objektivität konfrontiert. Er befindet sich einerseits zwischen der körperlich-seelischen Manifestierung des Menschseins seiner Patienten und andererseits zwischen dem genetisch früher entstandenen, tieferen unbewussten Zustand und dem später entstandenen, kognitiven und emotionalen bewussten Zustand. Das spiegelt sich in vielen körperpsychotherapeutischen Verfahren wider, von bioenergetischen über kinesiologische, (neo)reichianische und massageorientierte bis hin zu Feldenkrais- und bewegungstherapeutischen Methoden.
Die Körperpsychotherapie definiert folgende vier Grundlagen (Marlock & Weiss 2006):
  • Die psychische Dimension des Erlebens und die körperlicheKörperpsychotherapie:Grundlagen Dimension müssen als zusammengehörig betrachtet werden.

  • Intensive Erfahrungen hinterlassen sowohl psychisch als auch körperlich überdauernde Spuren.

  • Die psychische und die somatische Ebene können sich gegenseitig berühren und verändern.

  • Man verlässt sich ideologisch zu oft auf die Selbstheilungspotenziale der menschlichen Natur.

Wilhelm Reichs Theorie
Man kann allgemein feststellen, dass Kräfte, Triebe, Bilder Einfluss auf unser Handeln haben, ohne dass wir uns dessen bewusst Wilhelm Reichs Theorie:KörperpsychotherapieKörperpsychotherapie:Wilhem Reichs Theoriewären. So sprach Reich beispielsweise von einer muskulären Panzerung und muskulären Spannungsmustern, die sich als Reaktion auf Konflikte bilden und muskuläre Panzerungtraumatische Erlebnisse und Schmerzen in muskuläre Spannungsmustereinem derart gepanzerten Körpersegment einschließen (Reich 2006). Die Lebenserfahrungen eines Menschen sind Reich zufolge nicht nur im (psychischen) Unbewussten, sondern auch im Körper in Form von Verspannungen, Haltungsmustern usw. gespeichert. Schmerzhafte, verdrängte Emotionen spiegeln sich in Muskelverspannungsmustern wider, und Erinnerungen gehen immer mit parallelen somatischen Auswirkungen Muskelverspannungsmuster:Emotionen, verdrängteEmotionen:verdrängte, Muskelverspannungsmustereinher. Durch das Öffnen von Körpersegmenten kann es demzufolge zur Freisetzung von in der Vergangenheit erlittenen Verletzungen kommen. Deshalb sei eine Verbesserung des Energieflusses (Bioenergie) anzustreben, um auf diese Weise eine größere emotionale und kognitive Freiheit zu erlangen (Reich 2006). Er sah den Charakter hauptsächlich als narzisstischen Schutzmechanismus oder Panzerung, die die Seele zwischen sich und der Außenwelt (z. B. Familie) narzisstischer Schutzmechanismusaufbaut. So wie Freud das Ich als Puffer zwischen Es und Außenwelt betrachtete, vergleicht Reich das Ich im Freudschen Sinne mit einem reizschützenden Panzer des Es gegenüber der Außenwelt. Den Charakter des Ichs fasste Reich als dynamische Summe der Reaktionsweisen (Mimik, Gang, Haltung, Sprechweise) auf,Ich:Charakter die spezifisch für diese Persönlichkeit ist.
Als Schutz gegen die realen Gefahren der Außenwelt und zur inneren Verdrängung der Triebe stehen dem zivilisierten Menschen neben seinem Charakterpanzer (um innere Ängste meistern und Verdrängungsprozesse auslösen zu können) auch gesellschaftliche Institutionen, sein Muskelapparat (zum Kämpfen oder zum Fliehen) und sein Intellekt (zum Vorhersehen oder Vermeiden von Gefahren) zur Verfügung. Die Zivilisation bringt laut Reich aber auch eine Einschränkung (bzw. Stauung) der Triebe (Aggression, Sexualtrieb) mit sich und führt zur Bestrafung bei einer Übertretung der Normen.
Hannas Theorie
Hanna gibt drei instinktive Muskelreflexe oder neuromuskuläre Reaktionen an, mit Hannas Theorie:KörperpsychotherapiedenenKörperpsychotherapie:Hannas Theorie wir auf viele alltägliche Lebenssituationen reagieren, denen wir nicht ausweichen können: Startreflex, Stoppreflex und Traumareflex (Hanna 2004). Der Startreflex entspricht einem StoppreflexStartreflexAufmerksamkeitsreflex, der vor allem dafür Traumareflexsorgt, dass die Aufrichtungsmuskulatur (M. erector spinae), die Aufmerksamkeitsreflexzentral entlang der Wirbelsäule liegt, aktiviert Aufrichtungsmuskulatur:AufmerksamkeitsreflexAufmerksamkeitsreflex:Aufrichtungsmuskulaturwird und uns sozusagen in (Alarm-)Bereitschaft versetzt. Mit dem Stoppreflex bereiten wir den Körper blitzschnell auf eine Flucht oder Verteidigung vor. Erfahrungsgemäß schränken wir unsere Atmung ein und spannen die Muskeln an, die unsere Extremitäten bewegen sollen. Dieser Reflex entspricht auf muskulärer Ebene der hormonellen und neurovegetativen Stressreaktion, die im Körperinneren abläuft. Als dritten Reflex führt Hanna einen Traumareflex an, der durch ein Trauma (Unfall, Angriff, Schicksal) ausgelöst wird und Muskeln einschaltet, mit derenTraumareflex Hilfe der betroffene Körperteil geschützt werden soll. Der Körper krümmt sich dabei häufig um den betroffenen Körperbereich, sodass beispielsweise eine Skoliose entsteht.
In unserer modernen Zeit werden wir häufig von Informationen und Bedrohungen überflutet, sodass wir das Gefühl bekommen, ständig in Bereitschaft stehen oder eine Verteidigungsstellung einnehmen zu müssen, und sich demzufolge auch chronische Verspannungen aufbauen. Als Beispiel möchte ich hier die Mitteilung einer ernsten Diagnose anführen. Manchmal wird der Patient mit der bedrohlichen Diagnose (z. B. dass er nur noch ein paar Monate zu leben hat) allein gelassen. Im Gegensatz zu einer reellen Gefahr kann der Patient vor dieser Bedrohung weder flüchten noch standhalten und sich verteidigen. In dem Fall ist es meiner Meinung nach umso wichtiger, mit dem Patienten eine Copingstrategie auszuarbeiten, wie er mit dieser Bedrohung umgehen kann.

Therapieansätze

Therapeuten arbeiten beispielsweise mit aktiven Körpertechniken wie Atemübungen, Ausdrucksübungen,Körperpsychotherapie:Therapieansätze Entspannungstechniken, Bewegungsübungen, um sowohl über den Körper als auch über die Verstandesebene einen Zugang zur emotionalen Tiefenwelt zu finden. Durch Focusing kann der Patient lernen, eine tiefere Ebene als die der Gefühle zu betretenFocusing:Körperpsychotherapie, nämlich Körperpsychotherapie:Focusingdas ganzheitliche Körperliche zu empfinden. Das kann eine Quelle für neue Schritte bedeuten.
Somatische Theorien vertreten sogar die Auffassung, dass Menschen unbewusste Bewegungs- und Ausdrucksformen dazu benutzen, sich selber und die Welt zu erfahren. Wenn man Patienten dazu bringt, sich selbst wahrzunehmen, entsteht ein wichtiges Potenzial für neue Einsichten.
Körpertherapeutisch werden sowohl direkte Lockerungs- und Reorganisationstechniken für die myofaszialen Gewebestrukturen als auch kinästhetische Körperpsychotherapi:Lockerungs- und ReorganisationstechnikenBewegungsübungen zur Entwicklung des Gleichgewichtsinns eingesetzt.
Die Verhaltenstherapie nutzt die Wirkung von Körperhaltungen und Körperreaktionen, um beispielsweise mit VerhaltenstherapieRollenspielen Emotionen auszulösen. Dabei wird das Erleben und Verhalten auf körperlicher Ebene erfasst; man beobachtet, wie sich der Patient bewegt, wie sich die Bewegungen anfühlen, welche Bedeutung die Bewegungen und Handlungen für ihn haben, welche Gedanken und Gefühle aus den Bewegungen und Handlungen entstehen.
In der Körperpsychotherapie geht es um das körperliche Empfinden von Gefühlen. Dass unser Körper selbst, ohne Hilfe der fünf Sinne, Situationen empfinden kann, Gefühle:körperliches Empfindenwird in der Körperpsychotherapie als situativ bezeichnet (Gendlin 1998). Gendlin vergleicht das körperliche Wissen mit den komplexen Informationen, über die Tiere und Pflanzen verfügen. Tiere erschaffen sich aus dem, was sie essen, trinken und atmen. Tiere und Pflanzen organisieren eigentlich aus ihrem Körper heraus ihr vielschichtiges Leben. Aus dieser Sicht verfügt auch der menschliche Körper über Informationen, indem er seine Situation bereits von innen kennt, fühlt. Das körperliche Empfinden eines Menschen, den Sie kennen, ist komplex und beinhaltet beispielsweise Erwartungen, Hoffnungen, seine Geschichte, was Sie an ihm mögen oder auch nicht an ihm mögen.

Lebensthemen

Weiss spricht fünf existenzielle Grundthemen an, mit denen sich jeder Mensch auseinandersetzen sollte (Marlock & Weiss 2006Körperpsychotherapie:Lebensthemen). Lebensthemen:KörperpsychotherapieJeder einzelne Themenbereich kann gemeinsam mit den anderen den momentanen Zustand des Menschen sozusagen in einem fünfdimensionalen Raum (5 Bewertungen) beschreiben. Dazu wird jeder Bereich auf einer Achse von 0 (ganz links) bis 1 (ganz rechts) dargestellt. Die Ausprägung der Lebensthemen hängt selbstverständlich sowohl von der Stärke der einzelnen Erfahrungen als auch von der individuellen Art und Weise ihrer Verarbeitung ab. Dabei wird jeder Mensch grundsätzlich immer zwischen den Extremen der einzelnen Lebensthemen schwanken, sozusagen auf der Suche nach der goldenen Mitte.
Diese fünf Lebensthemen sind:
  • Sicherheit: Darin spiegelt sich die Verarbeitung aller durchgemachten Erfahrungen Lebensthemen:Sicherheitwider, die Sicherheit, SicherheitVerbundenheit und Zugehörigkeit betreffen. Wer nur oder überwiegend positive Erfahrungen gesammelt hat, wird sich eher verbunden, vertraut und sicher in der Welt fühlen. Wer hingegen von traumatischen Erfahrungen gezeichnet ist, wird sich eher fremd, bedroht und unsicher fühlen, verspannt sein, flach atmen und blockiert reagieren.

  • Abhängigkeit: Dieses Lebensthema betrifft die zwischenmenschlichen Beziehungen. Wer gute Lebensthemen:AbhängigkeitAbhängigkeitErfahrungen in diesem Sinne gemacht hat, wird sich geborgen, unterstützt und versorgt fühlen. Ist er dabei stark zu kurz gekommen, wird er sich entweder vernachlässigt und allein oder ungebunden und unabhängig fühlen. Aus einem dauernden Mangel an Zuneigung, können zwei grundverschiedene Reaktionen entstehen: Einerseits in Form eines energie- und antriebslosen Menschen, der in sich zusammengesunken (kypholordotische Haltung: Es hat ja doch alles keinen Sinn) nach Zuneigung lechzt, und andererseits in Form der energischen, aufgeputschten, abwehrenden Einstellung (aufgerichtete, lordotische, militärische Haltung: Niemals nachgeben und mich ausliefern!) eines Menschen, der jede Hilfe von anderen ablehnt oder sie nicht merkt.

  • Freiheit: Wer positive Erfahrungen mit dem Lebensthema Freiheit gesammelt hat, wird Lebensthemen:Freiheitseine FreiheitKreativität und Spontaneität ausbauen können. Wer dagegen stark dominiert und eingeschränkt worden ist, wird rebellieren, Wut empfinden oder sich eventuell unzulänglich und schlecht fühlen (Ich kann nichts). Im letzteren Fall wird es sich um einen befangenen, gehemmten Menschen handeln, der festgefahren und selten spontan erscheint, was sich in einer kompakten, eingezogenen Haltung äußern kann.

  • Authentizität: Es geht darum, ob der Mensch mit seinen Eigenheiten und seinen Schwächen Lebensthemen:Authentizitätvon seiner UmgebungAuthentizität akzeptiert wird und so sein darf, wie er ist. Wenn ihm dabei offen, interessiert und tolerant begegnet wird, wird er sich zwar verletzlich, aber auch in sich und in der eigenen Mitte ruhend und authentisch fühlen, mit Fehlern behaftet, aber dennoch akzeptiert. Wird einem Menschen dagegen vermittelt, er sei nicht annehmbar und müsse sich ändern, wird er sich demzufolge nicht akzeptiert fühlen. Das kann entweder zu einer totalen Verleugnung seines Selbst aus lauter Scham oder zu einer aufgeblasen dominanten Erscheinung mit vorgetäuschter Unverwundbarkeit und Fehlerlosigkeit führen.

  • Wert: Es handelt sich um den Stellenwert, den der Mensch innerhalb einer Lebensthemen:WertGemeinschaft, zu der er gehört, Wertim Vergleich zu anderen für sich beansprucht. Hierbei spielen Leistung und Interessant-Sein eine wichtige Rolle. Wird sein Wertgefühl gefördert, fühlt sich der Mensch zentriert in seinem Sein und findet seinen inneren Frieden. Ist sein Wertgefühl dagegen angekratzt, fühlt er sich gestresst, überlastet, ständig unter Druck, etwas tun zu müssen und nicht einfach sein zu dürfen. Das kommt dann oft in einer gestressten, aufgerichteten, niemals stillstehenden Haltung zum Ausdruck.

Ich möchte im Hinblick auf diesen interessanten fünf-dimensionalen Charakterraum doch zu Vorsicht mahnen. Man hüte sich vor einer allzu streng urteilenden, geschweige denn verurteilenden oder plakativen Haltung. Es erscheint mir sinnvoll und notwendig, Patienten nur neutrale Einblicke und Einsichten in ihre Lebensthemen zu vermitteln.
Weiss betont zu Recht, dass die Trennung zwischen gesund und krank längst nicht mehr so klar ist wie noch vor einem halben Jahrhundert! Auch die Kluft zwischen Patienten und Therapeuten verringert sich, während sich die Qualität der Begegnungen vertiefen kann (Marlock & Weiss 2006).

Allostase und allostatische Last

McEwen definierte das Konzept der Allostase und der allostatischen Last (allostatic load). Es besagt, dass verschiedene physiologische Wirkungen Allostaseund Verhaltensweisen induziert werden,allostatische Last wenn das Gehirn Stress wahrnimmt, die zur Anpassung und einer sogenannten Allostase führen und sowohl von der genetischen Veranlagung als auch von den bisherigen Erfahrungen, der Umgebung und vom Verhalten der Person abhängig sind (McEwen 2000). Neben der Flucht-oder-Kampf-Reaktion bei akutem Stress gibt es im alltäglichen Leben Ereignisse, die chronischen Stress hervorrufen.
Man könnte Allostase vereinfacht als Fähigkeit umschreiben, das innere Milieu trotz äußerer Einflüsse mit kompensatorischen Reaktionen konstant zu halten. Durch Allostase werden die kontrollierende Variable undAllostase:kompensatorische Reaktionenkompensatorische Reaktionen:Allostase Allostase:kompensatorische Reaktionendie adaptiven Systeme so beeinflusst, dass sie sich den Anforderungen anpassen und damit sozusagen die Homöostase aufrechterhalten wird.
Der allostatische Mechanismus kommt über Mediatoren (Hormone, Zytokine, HomöostaseNeurotransmitter) in Form einer koordinierten Aktion der verschiedenen beteiligten regulatorischen Systeme zustande, wie z. B. der hormonalen Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinde-Achse und der neuralen Hypothalamus-Sympathikus-Nebennierenmark-Achse. AllerdingsHypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinde-Achse:hormonaleHypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinde-Achse:neuronale können überschießende oder lang anhaltende Wirkungen von Mediatoren auch nachteilige Effekte auf Organe und Funktionen haben (z. B. Endothel- und Monozytenfunktion, Blutgerinnung, Entzündung, Regeneration, Fettstoffwechsel) und damit Krankheiten auslösen.
Stressoren sorgen für eine Belastung, die McEwen als allostatische Last bezeichnet, beispielsweise wenn sie:
  • häufig wiederkehren,

  • eine allostatische Last:Stressorenadäquate Stressoren:allostatische LastReaktion fehlt oder das Coping nicht ausreichend ist,

  • der Stress nicht beendet werden kann.

Man kann allgemein feststellen, dass die allostatische Last und die Gefahr krank zu werden umso größer ist, je mehr Stressoren oder je länger diese Stressoren einwirken. Bei akuter Einwirkung (einige Minuten) sorgen Stressoren für eine adaptive Steigerung einiger Parameter der natürlichen Immunität und für eine Abnahme einiger Funktionen der (zellvermittelten und humoralen) spezifischen Immunität (Segerstrom & Miller 2004).
Der Hippocampus ist neben dem Hypothalamus die erste Hirnregion, die als Zielorgan für Stress und damit für Glukokortikosteroide dient (McEwen 2007). Im Hippocampus, in der Amygdala und im präfrontalen Kortex findet eine stressinduzierte strukturelle Umgestaltung statt, die zu Veränderungen im Verhaltens- und physiologischen Reaktionsmuster führt. McEwen weist darauf hin, dass regelmäßige körperliche Aktivität und soziale Rückendeckung den Einfluss von chronischem Stress abschwächen können.
Die Art des chronischen Stresses, ob mechanischer (traumatischer), emotionaler oder viszeraler Art, soll gemeinsam mit Coping-Fähigkeiten darüber entscheiden, wie sehr dieser Stress unter die Haut geht (Taylor et al. 1997).

Praktische Bedeutung

Es erscheint mir angebracht, kurz über das Stressmanagement, also über Strategien zur sinnvollen Bewältigung von Stressfaktoren nachzudenken. Die klinische Relevanz legt den Schluss nahe, dass Osteopathen und das medizinische Team möglichst viele Komponenten der Quadriunity des Patienten untersuchen und möglichst viele Stressoren abbauen oder reduzieren sollten. Als Behandlungsstrategien sind demzufolge neben osteopathischen Techniken beispielsweise auch Entspannungstechniken, kognitive Umstrukturierungen, vernünftiges Coping (z. B. bessere Zeiteinteilung, effizientere Planung), das Problem selbst aktiv anzupacken und eventuell auch Umstrukturierungen der Umgebung (z. B. Weiterbildung, Anerkennung am Arbeitsplatz), Diätmaßnahmen, Motivierung zu körperlicher Betätigung usw. geeignet.

Psychische versus funktionelle Störung

Da ein sichtbarer BelegPatienten:QuadriunityStressmanagement Quadriunity:Patientenfür eine psychische Ursache schwierig zu erbringen ist, kann man sich die Frage stellen, ob das psychische versus funktionelle Störungfunktionelle versus psychische StörungFehlen eines pathologischen Substrats oder eines messbaren Faktors wirklich ausreicht, eine psychische Störung zu pathologisches Substrat:fehlendesdiagnostizieren. Immerhin könnte auch eine funktionelle oder nicht-körperliche Störung vorliegen!
Ist also beim Fehlen eines pathologischen Substrats oder einer körperlichen Erkrankung eher der Körper, die Psyche oder die Funktion gestört? Vielleicht auch zwei oder sogar alle drei Ebenen? Diese Fragen sind meiner Meinung nach bei der Diagnose unbedingt zu berücksichtigen.
Die Qualität der Messinstrumente wird (erfreulicherweise) pausenlos verbessert. Neuerdings kommt beispielsweise zunehmend die funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT) zum Einsatz, bei der die Durchblutung (und damit auch die Funktionsintensität)funktionelle Magnetresonanztomographie (fMRT)Magnetresonanztomographie, funktionelle (fMRT) der verschiedenen Hirnregionen farblich dargestellt werden kann. Ein spannendes Ergebnis lieferte beispielsweise ein Test, bei dem Hirndurchblutung:fMRTman Versuchspersonen schnell hintereinander einige Serien von Gesichtern zeigte und sie entscheiden mussten, ob sie ein Gesicht bereits gesehen hatten oder nicht. Es zeigte sich interessanterweise, dass andere Hirnbereiche aufleuchteten, wenn eine Versuchsperson glaubte, ein Gesicht zu kennen, als wenn sie es wusste und sich sicher war (Rüegg 2007). Es ließ sich also messen und beweisen, dass Glauben und Wissen in verschiedenen Arealen des Gehirns zu Hause sind.
Was uns das bringt, ist aber nach wie vor unklar. Ich wiederhole deshalb meine Fragen aus dem vorigen Kapitel: Müssen Wissen und Glauben immer voneinander getrennt werden? Anders gefragt: Wäre es nicht manchmal sinnvoller, Körper, Psyche und Funktion nebeneinander statt getrennt zu betrachten?
Chalmers drückte das folgendermaßen aus: Wir können sagen, dass ein mentaler Zustand dann bewusst ist, wenn in ihm eine Eigenschaft gefühlt wird [] Das Problem, diese gefühlten Eigenschaften zu erklären, ist genau das Problem des Bewusstseins. (Chalmers 1996)

Verschiedene Einteilungen psychischer Krankheiten

Weil Osteopathen immer wieder mit somato-emotionalen Reaktionen ihrer Patienten konfrontiert sind, ist es sowohl für sie als auch für die Patienten somato-emotionale Reaktionenwichtig, psychische Erkrankungen und Kontraindikationen zu erkennen.
Da die schwierige Diagnose einer psychischen psychische Erkrankungen:EinteilungenStörung längere Zeit relativ uneinheitlich gehandhabt wurde, versuchte man eine Klassifikation zu erstellen, um die Kommunikation zwischen den Fachdisziplinen zu vereinfachen. Folgende Einteilung der psychischen Krankheiten nach der ICD (International Classification of Diseases) der WHO ist auch in Deutschland das verbindliche Klassifikationssystem.
In International Classification of Diseases s. ICDKapitel V (F00–F99) der ICD sind 10 Syndrome der psychischen Störungen beschrieben (Dilling et al. 2005).
ICD:psychische ErkrankungenDass anscheinend trotzdem weiterhin Unzufriedenheit mit den aktuellen diagnostischen Möglichkeiten vorherrscht, zeigt sich beispielsweise an der Anwendung weiterer Klassifikationssysteme wie der Operationalisierten Psychodynamischen Diagnostik (OPD) und dem amerikanischen Diagnostic and Statistical Manual (DSM). Nach dem psychische Erkrankungen:Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD)Operationalisierte Psychodynamische Diagnostik (OPD):psychische ErkrankungenKlassifikationssystem (DSM) der American Psychiatric Association (psychische Erkrankungen:DSMDSM:psychische ErkrankungenAPA) Diagnostic and Statistical Manual s. DSMwird jede Person in fünf Dimensionen (Achsen) sozusagen multiaxial oder multidimensional beurteilt:
  • Achse I: Alle psychischen Störungen (z. B. Depression, Angststörung) außer Persönlichkeitsstörungen und geistiger Behinderung.

  • Achse II: Persönlichkeitsstörungen und geistige Behinderung

  • Achse III: Medizinische Krankheitsfaktoren, die mit der psychischen Störung zusammenhängen könnten, wie beispielsweise eine Herzerkrankung bei Patienten mit Angststörungen.

  • Achse IV: Psychosoziale und umgebungsbedingte Probleme, die zu der psychischen Störung beitragen können, wie beispielsweise Probleme in der Ausbildung, im Beruf, mit der Wohnung, mit dem Gesetz, wirtschaftliche Probleme usw.

  • Achse V: Globale Beurteilung des Funktionsniveaus des Betroffenen im sozialen, beruflichen und Freizeitbereich. Das Funktionsniveau wird auf einer Skala von 0 bis 100 beurteilt.

Trotz der Gefahr einer Stigmatisierung des Patienten und des Schubladendenkens scheint eine Klassifizierung der Beschwerden sinnvoll zu sein, wenn sie gefühlvoll und respektvoll gehandhabt wird. Forschungsergebnisse von Brunnhuber et al. und auch Davison et al. deuten darauf hin, dass Psychiatriepatienten in der Öffentlichkeit, beispielsweise bei der Arbeitssuche und bei der Kontaktaufnahme in der Freizeit, unter Vorurteilen und einem negativen Image (Stigmatisierung) zu leiden haben, was bei der Diagnosestellung zu berücksichtigen ist (Brunnhuber et al. 2005, Davison et al. 2007).

Die wichtigsten psychischen Störungen

Unter dem Begriff Neurose wurden lange Zeit so viele unterschiedliche Störungen (Verhaltens-, Zwangs-, Angststörungen usw.) Neurosesubsumiert, dass eine Differenzierung notwendig erschien und der Begriff abgeschafft wurde. Eine Neurose sah man relativ nonchalant als Ursache chronischer Angst, widersprüchlicher Emotionen oder eines schwankenden und sinnlosen Verhaltens. Hauptsächlich wegen der unzulänglichen Abgrenzbarkeit zur Neurose verzichtete man auch auf den Begriff Psychose und ersetzte ihn durch psychotische Störung. Eine psychotische Störung ist ein Krankheitszustand, in dem ein Mensch den Bezug zur Realität verliert und seine psychotische StörungSituation nicht erkennt. Menschen mit einer psychotischen Störung leiden typischerweise an extremer Unruhe und Wahnvorstellungen, wobei sie starr an ihren falschen und verzerrten Wahrnehmungen festhalten. Sie verlieren damit den Kontakt zur Realität und sind oft nicht mehr fähig, den Anforderungen des täglichen Lebens gerecht zu werden. Schizophrene, paranoide und affektive Störungen werden zwar zu den Psychosen gezählt, aber komischerweise nicht unter diesen eingeordnet (Davison et al. 2007).
Millenson betont, dass eine einfühlsame und aufmerksame Beobachtung für Patienten viel hilfreicher wäre, als sie als neurotisch abzustempeln. Da hinter solchen Etiketten immer die Komplexität der Prozesse eines Menschen verborgen bleibe, könnten sie entmenschlichend sein (Millenson 1998).
Es ist wichtig, dass Osteopathen die wichtigsten psychischen Erkrankungen und Kontraindikationen (die eine Überweisung des Patienten notwendig machen) erkennen! Deshalb orientiere ich mich nachfolgend aus didaktischen und praktischen Gründen an einer eher symptombezogenen Einteilung der Störungen.
Symptombezogene Einteilung psychischer Erkrankungen:
  • 1.

    Angststörungen: z. B. Phobie, Panikstörung, generalisierte Angststörung (F40–F41 der ICD)

  • 2.

    Posttraumatische psychische Erkrankungen:symptombezogene EinteilungAngststörungenBelastungsstörung (PTBS oder PTSD post-traumatic stress disorder): extreme Belastung infolge eines Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)Traumas (F43 der ICD)

  • 3.

    Somatoforme Störungen: z. B. körperdysmorphe Störung, Hypochondrie, Konversionsstörung (früher Hysterie), somatoforme StörungenSomatisierungsstörung (F45 der ICD)

  • 4.

    Dissoziative Gedächtnisstörungen und Ich-Störungen: z. B. Amnesie (Gedächtnisverlust), Depersonalisationsstörung, dissoziative GedächtnisstörungenIdentitätsstörung (F44 der ICD)

  • Ich-Störungen 5. Essstörungen: z. B. Anorexie, Bulimie (F50 der ICD)

  • 6.

    Affektive Störungen: z. B. Depression, Manie, manisch-depressiveEssstörungen Störung (Zyklothymie) (F30–F39 der ICD)

  • 7.

    affektive StörungenDenkstörungen: z. B. formale Denkstörungen (verlangsamt, weitschweifig, zerrissen) und inhaltliche Denkstörungen (WahnideenDenkstörungen, Zwangsideen) (F42 und F70–79 der ICD)

  • 8.

    Wahrnehmungsstörungen: z. B. Halluzinationen und einfache Wahrnehmungsstörungen (Intensitätsverminderung, WahrnehmungsstörungenIntensitätssteigerung) (F20–F29 der ICD)

  • 9.

    Psychophysiologische Störungen: durch psychische Faktoren ausgelöste oder verschlimmerte organische Erkrankungen, z. Bpsychophysiologische Störungen. Hypertonie, kardiovaskuläre Störungen, Kopfschmerzen, Asthma (F45–F48 der ICD)

  • 10.

    Schizophrenie und Wahrnehmungsstörungen: komplexe Mischung aus Störungen des Denkens, WahrnehmensSchizophrenie, Verhaltens, Fühlens (F20–F29 der ICD)

  • 11.

    WahrnehmungsstörungenPersönlichkeitsstörungen und Kontaktstörungen (F20–F29 der ICD), unterschieden nach

    • PersönlichkeitsstörungenPersönlichkeitsstörungen mit sonderbarem und exzentrischem Verhalten: z. B. Kontaktstörungenparanoid

    • Persönlichkeitsstörungen mit dramatischem und emotional-launenhaftem Verhalten: z. B. emotional-instabile (Borderline), histrionische, narzisstische, antisoziale Persönlichkeitsstörung

    • Persönlichkeitsstörungen mit ängstlichem Verhalten

  • 12.

    Sexuelle Störungen: z. B. Störungen der Geschlechtsidentität, Paraphilien, sexuelle Funktionsstörungen (F64–F66 und F52 sexuelle Störungender ICD)

  • 13.

    Störungen in Kindheit und Jugend: z. B. Störungen mit unkontrolliertem Verhalten (z. B. ADHS, Störungen des sozialen Störungen in Kindheit und JugendVerhaltens), Lernbehinderungen (z. B. Legasthenie), Enuresis, geistige Behinderung, autistische Störung (F80–F99 der ICD)

  • 14.

    Psychische Störungen im Alter: z. B. Demenz, Alzheimer-Krankheit, Delirium (Verwirrtheit) (F00–F09 der ICD)

  • 15.

    psychische Störungen:im AlterSuchterkrankungen: Alkohol-, Medikamenten-, Drogenmissbrauch (F10–F19 der ICD)

Zu den affektiven Störungen zählen auch SuchterkrankungenDepression und Manie. Depressionen gehören weltweit zu den häufigsten affektive Störungenpsychischen Erkrankungen. DepressionDie Mehrzahl der Patienten erkennt Maniedas Problem nicht und begibt sich deswegen auch nicht in fachärztliche Behandlung, sondern sucht den Hausarzt oder einen Therapeuten auf. Das frühzeitige Erkennen der Diagnose ist demzufolge wichtig und ermöglicht die gezielte (und notwendige) Überweisung an einen Psychotherapeuten oder Psychiater. Es werden mehr Untersuchungen gebraucht, um feststellen zu können, ob osteopathische Techniken am Schädel einen sinnvollen Beitrag zur Behandlung von psychischen Störungen leisten können.

Suizidgefährdung

Extra erwähnt sei, dass Suizidäußerungen ernst zu nehmen sind und keine leere Drohung darstellen! Unterstellen Sie dem Patienten dabei niemals einen Erpressungsversuch und spielen Sie die Ernsthaftigkeit seiner Absichten nicht herunter, sondern führen Sie ein ausführliches, respektvolles Gespräch (empathisches Zuhören), um nach den Hintergründen zu fragen und ihm die Möglichkeit zu geben, seine Gefühle auszudrücken.

Sie dürfen einen suizidgefährdeten Patienten nicht einfach entlassen, sondern sollten mit Angehörigen, dem Hausarzt, Sozialpsychologischen Dienst oder eventuell einem Notarzt oder sogar der Polizei Kontakt aufnehmen und darauf achten, dass irgendjemand (Familienangehöriger, Freund) den Patienten abholt und bei ihm bleibt, bis er ärztlich betreut wird.

Es muss unbedingt abgeklärt werden, wie der Patient weiter betreut wird. Dazu ist eine Überweisung zu einem Psychologen oder Psychiater notwendig.

Angststörungen

Angststörungen gehören zu den häufigsten Störungen. Angst ist Suizidgefährdungzudem an etlichen psychopathologischen Syndromen beteiligt. Es Angststörungenhandelt sich auch um eine Gruppe von Störungen, die mit einer unrealistischen Furcht und damit zusammenhängenden Problemen und Beeinträchtigungen des Lebens einhergehen. Es ist wichtig, als Therapeut ruhig und besonnen auf die Angst des Patienten zu reagieren. Denken Sie aber daran, dass eine akute Panikattacke eine Notsituation für den Patienten darstellt und eine Kurzschlussreaktion (Suizid) hervorrufen kann.
Depressionen und Angst kommen häufig gemeinsam vor. Angststörungen wurden lange Zeit als NeurosenDepression:Angststörungen und alle Angststörungen:Depressionneurotischen Zustände als Ausdruck verdrängter Angst betrachtet.
Psychodynamisch handelt es sich beispielsweise bei Phobien weniger um die Verdrängung eines Triebimpulses, sondern vielmehr um die Verdrängung eines zwischenmenschlichen PhobienProblems. Aus lerntheoretischer Sicht sind Phobien dagegen gelernte oder konditionierte Reaktionen. Die Betroffenen haben nicht gelernt, wie sie mit dem besagten Gegenstand oder einer bestimmten Situation umgehen bzw. sie vermeiden können.
Die sozialkognitive Theorie untersucht die Verknüpfung von Angst mit negativen Reizen. Dabei werden sozialkognitive Theorie:AngststörungenInformationenAngststörungen:sozialkognitive Theorie als bedrohlich eingeschätzt und mit dem Glauben verbunden, dass sich die negativen Ereignisse leicht wiederholen könnten. Die Biopsychologie geht von einer individuell unterschiedlichen Erregbarkeit des autonomen Nervensystems aus. Ein Mensch mit einem labilen autonomen Nervensystem reagiert schneller auf Reize, beispielsweise mit Angst. Auch genetische Faktoren scheinen bei der Entwicklung von Angststörungen eine Rolle zu spielen.
Die Behandlungskonzepte sind ziemlich divergent und reichen von einer imaginären Vorstellung der Konstellationen und Gesprächen über die Angstsituationen (zur systematischen Desensibilisierung) über Entspannungstechniken bis hin zu einer Konfrontation mit der Angst, bis sie nachlässt (Reizüberflutung).
Man unterscheidet heute folgende Angststörungen:
  • Phobien: unbegründete Ängste durch spezifische Auslöser (objekt- oder situationsgebunden auftretend) wie Gegenstände (z. B. PhobienInjektionsspritzen), Situationen (z. B. enge Räume, Höhen), Tiere (z. B. Spinnen), soziale Kontakte (z. B. Urteil von unbekannten Menschen), die eigentlich keine reale Gefahr darstellen.

  • Panikstörungen: plötzliche, unerklärliche Panikattacken (meistens über einige Minuten) mit Symptomen wie Atemnot, Herzrasen, PanikstörungenÜbelkeit, Schwitzen, Zittern, Schwindelgefühl, in Kombination mit Angst und manchmal sogar einem Gefühl des Wirklichkeitsverlustes. Die Attacken treten unabhängig von Situationen oder Reizen auf, können aber aufgrund der Symptome zu einem medizinischen Notfall werden.

  • Generalisierte Angststörung: anhaltende Angst in vielen Lebenssituationen und chronische, unkontrollierbare gneralisierte AngststörungSorge um alles Angststörungen:generalisierteMögliche. Hinzu kommen körperliche Symptome wie Atemnot (bis zum Asthmaanfall), Beklemmungsgefühle, Herzklopfen, Schweißausbrüche, Konzentrationsstörungen, leichte Ermüdbarkeit, Ruhelosigkeit, Gereiztheit, starke Muskelverspannungen, Schlafstörungen, Magen-Darm-Probleme (z. B. Durchfall). Der Patient kann den Auslöser der Angst nicht benennen und hat oft einfach Angst vor der nächsten Angstattacke!

Fragen an den Patienten

Stellen Sie dem Patienten eventuell folgende Fragen:

  • Haben Sie Angst oder Panikgefühle?

  • Was macht Ihnen Angst?

  • Wie äußert sich Ihre Angst?

  • Was unternehmen Sie gegen diese Angst?

  • Sind Sie wegen dieser Angst in Behandlung?

  • Welche Symptome löst diese Angst bei Ihnen aus?

Posttraumatische Belastungsstörung (PTSD post-traumatic stress disorder, auch PTBS)

Man kann posttraumatische Belastungsstörungen zu den Angststörungen rechnen. Weil sie eigentlich einen besonderen Zustand darstellt und man als posttraumatische Belastungsstörung (PTSD)Therapeut öfter mit einer versteckten PTSD konfrontiert wird (die der Patient zunächst verschweigt), haben wir sie hier separat aufgeführt. Bei einer Traumatherapie besteht immer die Gefahr, dass das Trauma erneut auflebt (sog. Retraumatisierung) und eine akute Krise ausgelöst wird! Eine gezielte Traumatherapie sollte deswegen nur durch erfahrene Psychotherapeuten erfolgen.
Es handelt sich dabei um Angstzustände nach einer (oder mehreren) schweren Belastungssituationen (Verkehrsunfall, Vergewaltigung, Gewaltverbrechen), die mit einer gesteigerten Erregbarkeit (Schlafstörungen, Schreckhaftigkeit, Konzentrationsstörungen), einer Vermeidung von mit dem Ereignis zusammenhängenden Reizen und Erinnerungsängsten bzw. dem erneuten Durchleben des traumatischen Ereignisses (in Träumen) einhergehen und zu einer Beeinträchtigung des sozialen und beruflichen Lebens führen. Die Bedeutung des erneuten Durchlebens sollte nicht unterschätzt werden und auch bei der Behandlung zur Vorsicht gemahnen. Oft treten zusätzlich Depressionen, Schuldgefühle, Medikamentenmissbrauch, Suizidgedanken, Alpträume, Kopfschmerzen und verschiedene körperliche Beschwerden auf. Bei traumatisierten Kindern kann es zu Verhaltensänderungen (z. B. plötzliche Aggressivität), Enuresis, Sprachproblemen kommen.
Shalev et al. wiesen darauf hin, dass nicht alle Menschen nach einem traumatischen Erlebnis mit Körperverletzungen eine posttraumatische Belastungsstörung entwickelten (Shalev et al. 1996). Wir haben oben bereits erwähnt, dass nicht nur der Stressor, sondern auch die Art und Weise, wie ein Patient mit dem Stressor umgeht, darüber entscheidet, ob der Patient krank wird, zusammenbricht oder vielleicht sogar an der Aufgabe wächst. Auch hier scheinen mehrere ätiologische Faktoren zusammenzuspielen.

Fragen an den Patienten

Stellen Sie dem Patienten eventuell folgende Fragen:

  • Haben Sie ein Trauma erlitten?

  • Waren Sie Zeuge eines Traumas, Unfalls (oder Ähnliches)?

  • Belastet Sie dieses Trauma auch weiterhin?

  • Wie fühlen Sie sich, wenn Sie daran denken?

  • Sind oder waren Sie wegen dieses Traumas in Behandlung?

  • Leiden Sie an Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen, Alpträumen?

Somatoforme Störungen

Bei somatoformen Störungen werden wiederholt körperliche Symptome angegeben und mit der hartnäckigen Forderung nach medizinischen Untersuchungen verbunden, ohne dass einsomatoforme Störungen positiver Befund oder eine physiologische Ursache gefunden wird. Oft hat der Patient eine langwierige und komplizierte Anamnese hinter sich und weigert sich manchmal resolut, die Möglichkeit einer psychischen Ursache in Betracht zu ziehen.
In unserer Welt der Evidence-Based Medicine, in der oft nur das gilt, was sichtbar oder messbar ist, besteht das Risiko, dass diese Störungen bagatellisiert oder sogar ignoriert werden. Betroffen sind häufig das Herz-Kreislauf-System, das Verdauungssystem, das muskuloskelettale System, die Atmungsorgane, das Urogenitalsystem. Aus psychologischer Sicht handelt es sich um psychische Probleme oder starke, irreale Ängste, die durch körperliche Symptome ausgedrückt werden. Auch hierbei spielt manchmal also ausgeprägte Angst eine wichtige Rolle.
Es werden 5 Risikofaktoren für somatoforme Störungen angegeben (Davison et al. 2007): genetische Faktoren (z. B. Alkoholmissbrauch in der Familie), epidemiologische Faktoren (z. B. weibliches Geschlecht, niedriger sozialer Status, ausländische Herkunft), entwicklungspsychologische Faktoren (z. B. sexuelle Traumata), auslösende Faktoren (z. B. kritische Lebenserfahrungen) und aufrechterhaltende Faktoren (z. B. soziale Vorteile, mangelnde Unterstützung).
Man unterscheidet folgende somatoforme Störungen:
  • Körperdysmorphe Störung: Die Patienten beschäftigen sich nachhaltig mit einem eingebildeten oder somatoforme Störungen:körperdysmorphe Störungübertriebenen Manko ihres Äußeren (z. B. Größe der Nase).

  • körperdysmorphe StörungHypochondrie: Die Betroffenen haben übertrieben viel Angst vor einer schweren Krankheit, obwohl ihnen physiologisch-med. nichts fehlt. Sie betrachten leichte HypochondrieUnregelmäßigkeiten wie Schwitzen, Husten, Empfindlichkeit oder Hautflecken als Bestätigung ihrer Befürchtungen. Hypochondrie tritt häufig in Verbindung mit Angststörungen und affektiven Störungen auf.

  • Somatisierungsstörung: Die Patienten klagen über wiederkehrende, vielförmige körperliche Beschwerden (z. B. Schmerzen + gastrointestinale Symptome + einSomatisierungsstörung sexuelles Symptom + ein neurologisches Symptom) mit einer längeren Vorgeschichte seit mindestens 2 Jahren, obwohl kein organischer Befund vorliegt. Die Symptome sind stärker als bei Hypochondrie ausgeprägt und führen meistens zu sozialen und beruflichen Einschränkungen. Manchmal werden mehrere Ärzte gleichzeitig aufgesucht und die Beschwerden ziemlich theatralisch vorgetragen.

Als Behandlungskonzept bietet sich eine systematische Desensibilisierung der Angst an. Auch Familientherapie, Selbstsicherheitstraining und somatoforme Störungen:BehandlungskonzeptEntspannungstherapie können sinnvoll eingesetzt werden.

Dissoziative Gedächtnisstörungen und Ich-Störungen

Bei dissoziativen Störungen oder Konversionsstörungen handelt es sich um Veränderungen im Bereich von Identität (z. B. Gedächtnisstörungen:dissoziativedissoziative StörungenIdentitätsverlust), Gedächtnis (z.Ich-Störungen B. Gedächtnisverlust) und Wahrnehmung (der KonversionsstörungenUmwelt, der Gefühle, der eigenen Person). Die Patienten weisen oft auch neurologische Symptome (z. B. Lähmung, Blindheit, Koordinationsstörungen, Missempfindungen, Stimmverlust) auf, ohne dass ein organischer Befund vorliegt. Der Begriff Konversion stammt ursprünglich von Freud, der glaubte, dass die Energie eines verdrängten Konfliktes in sogenannte sensomotorische Bahnen umgelenkt (konvertiertKonversion) und damit die Organfunktion blockieren würde. Dissoziation steht für eine Abtrennung oder Abspaltung von psychischen Funktionen. Die Störungen werden oft in körperliche Symptome umgewandelt (konvertiert).Dissoziation Auch hier liegt kein messbarer organischer Befund vor.
Dass das Bewusstsein Erinnerungen an Erlebnisse speichert und damit Kognitionen, Erfahrungen und Motivationen aufbaut, ist die allgemeine Grundannahme. Traumatisch belastende Erfahrungen können jedoch so gespeichert werden, dass sie später nicht mehr zugänglich sind, man sich also nicht mehr an das Geschehene erinnert (Amnesie). Aus lerntheoretischer Sicht betrachtet man die Dissoziation als eine Vermeidungsreaktion, die den Betroffenen vor belastenden Konflikten und der Erinnerung daran schützt.
Zur Ätiologie der dissoziativen Identitätsstörungen gibt es zwei Theorien (Davison et al. 2007). Die erste sieht einen schweren sexuellen Missbrauch oder Identitätsstörungen:dissoziativekörperliche dissoziative Identitätsstörungen:ÄtiologieMisshandlung als Ursache der Störung an. Zusätzlich wird eine entsprechende Veranlagung bei dem Betroffenen vermutet, wie beispielsweise eine starke Neigung, sich Phantasien hinzugeben, oder eine leichte Hypnotisierbarkeit, die sie unbewusst selbst einsetzen. Die zweite Theorie sieht die Ursache eher in einem erlernten Rollenverhalten. Kritiker verweisen jedoch darauf, dass dissoziative Identitätsstörungen komplexe Störungen mit multiplen Symptomen sind.
Untersuchungen in 19 Ländern neben den USA und Kanada zeigten, dass 7 bis 36 % der Frauen und 3 bis 29 % der Männer als Kind sexuell missbraucht wurden (Finkelhor 1994). Frauen sind laut den schockierenden Studienergebnissen 1,5- bis 3sexueller Missbrauch:dissoziative Identitätsstörungen-dissoziative Identitätsstörungen:sexueller Missbrauchmal häufiger betroffen als Männer. Lundqvist et al. geben sogar einen Prozentsatz von 15 bis 30 % bei Frauen an (Lundqvist et al. 2004). Viele Frauen haben das niemandem erzählt – aus Angst, dass ihnen nicht geglaubt wird.
Es gibt allerdings auch Warnungen davor, die in einer Therapie wiedererlangten Erinnerungen bedingungslos für wahr zu halten (Loftus & Davis 2006, Davison et al. 2007). Spezifische Therapieformen können demnach anscheinend zu falschen Erinnerungen führen. So wird der Gedanke an einen sexuellen Missbrauch in der Kindheit unter Umständen durch Hypnose vom Therapeuten suggeriert. Es scheint auch durchaus möglich zu sein, dass tatsächliche und nur vorgestellte (gehörte, gesehene) Ereignisse in der Erinnerung verwechselt werden (Johnson et al. 1984 und 1988). Manchmal werden Träume fälschlicherweise als Realität angesehen (Mazzoni & Loftus 1996).

Anmerkung

Es sei darauf hingewiesen, dass Erinnerungen allgemein und insbesondere Erinnerungen an einen sexuellen Missbrauch in der Kindheit vorsichtig und respektvoll, aber trotzdem kritisch betrachtet werden sollten. Eine falsche Anschuldigung oder Fehlinterpretation kann sehr weit reichende Folgen haben, sowohl für den Betroffenen als auch für den Beschuldigten.

Man unterscheidet folgende dissoziative Störungen (Davison et al. 2007):
  • Dissoziative Amnesie: plötzlich einsetzende Unfähigkeit, sich an wichtige persönliche Daten zu erinnern. Meistens entsteht Amnesie:dissoziativedie Störung nach einem belastenden Ereignis.

  • dissoziative Amnesie Dissoziative Fugue: vollständiger Gedächtnisverlust bis dahin, dass die Betroffenen Heim und Arbeitsplatz verlassen und eineFugue:dissoziative neue Identität annehmen.

  • dissoziative FugueDepersonalisationsstörung: schlagartige Veränderung der Selbstwahrnehmung und des Selbsterlebens ohne Gedächtnisverlust. Die Betroffenen haben das Gefühl, sich Depersonalisationsstörungaußerhalb ihres eigenen Körpers zu befinden und sich selbst wie aus der Ferne wahrzunehmen.

  • Dissoziative Identitätsstörung (multiple Persönlichkeit): Dabei existieren zwei oder mehr Persönlichkeiten innerhalb des Betroffenen.

Allgemein richtet sich die dissoziative IdentitätsstörungTherapie darauf, Betroffenen die Identitätsstörung:dissoziativeEinsicht zu vermitteln, dass es nicht mehr nötig ist, zu vergessen oder sich in verschiedene Persönlichkeiten aufzuteilen, um mit ihrem Trauma umzugehen. Psychodynamisch wird oft eine Rückführung unter Hypnose angestrebt.

Essstörungen

Essstörungen lassen sich allgemein folgendermaßen unterteilen:
  • Anorexie: Die Patienten lehnen es zwar ab, verlieren aber nicht das Interesse am Essen und befassen Essstörungensich sogar ausführlich mit Essen und Kochen. Manchmal kommtAnorexia nervosa es zu einem lebensbedrohlichen Gewichtsverlust, und trotzdem sorgt eine gestörte Wahrnehmung der eigenen Figur dafür, dass sie sich, egal wie dünn sie sind, immer noch zu dick finden. Bei Frauen entwickelt sich zusätzlich eine sekundäre Amenorrhö durch endokrine Störungen (als Folge des Hungerns), bei Männern ein Libido- und Potenzverlust. Das extreme Abnehmen wird entweder durch übermäßiges Fasten oder durch Fressattacken mit anschließend selbst ausgelöstem Erbrechen erreicht. Zwischen Anorexia nervosa und Depression besteht ein enger Zusammenhang (Komorbidität). Hohe Erwartungen, psychische Traumatisierungen, Depression:Anorexia nervosaübertriebener Perfektionismus, geringe Anorexia nervosa:DepressionCopingfähigkeiten sowie ein schwaches Selbstbewusstsein begünstigen häufig die Entstehung der Störung.

  • Bulimia nervosa: Sie ist vor allem durch heftige Heißhungerattacken gekennzeichnet, die meistens versteckt ablaufen, bis sich die Betroffenen eklig vollgepfropft fühlen. Bulimia nervosaDanach folgen phasenweise Erbrechen und Fasten, extreme Sportaktivitäten oder ein Missbrauch von Abführ- oder Brechmitteln. Dies führt nicht zu einem lebensbedrohlichen Gewichtsverlust, sondern Bulimie-Patienten sind meistens normalgewichtig. Oft begleiten Suchtverhalten (Alkohol- oder Drogenmissbrauch, autodestruktives Verhalten, Kaufsucht, Karrierestreben) und DepressionenSuchtstörungen:Bulimia nervosa die Störung.

  • Binge-Eating: Bulimia nervosa:SuchtverhaltenHeißhunger- oder unkontrollierbare Fressattacken. Diese Störung tritt oft in Kombination mit Schuld- und Schamgefühlen nach einem auslösenden Ereignis (wie Binge-EatingVerlust einer geliebten Person, Krankheit, große Sorgen) auf.

Therapeutisch ist immer eine ärztliche Kontrolle (Stoffwechsel-, Herz-Kreislauf-Funktion), manchmal auch eine stationäre Aufnahme ins Krankenhaus notwendig, um eine lebensrettende Gewichtszunahme zu ermöglichen. Im akuten Stadium können Antidepressiva sinnvoll sein. Durch Psychotherapieformen wie operantes Konditionieren (Belohnung fürs Essen, Gesellschaft beim Essen), Förderung der Eigenständigkeit, Hinterfragen der gesellschaftlichen Schönheitsnormen usw. können Erfolge verbucht werden.

Affektive Störungen

Bei affektiven Störungen sind das Gefühlsleben und die Stimmungslage stark beeinträchtigt. Das Spektrum der Störungen reicht von starker Traurigkeit bei der Depression bis hin zu affektive Störungenextremer Hochstimmung bei der Manie.
Formen
Depressionen gehören weltweit zu den häufigsten psychischen Störungen und es wäre wünschenswert, sie so früh wie möglich zu diagnostizieren. Depressionen scheinen beiDepression Frauen zwei- bis dreimal häufiger als bei Männern vorzukommen. In den letzten Jahren war ein Anstieg bei immer jüngeren Menschen zu beobachten (Davison et al. 2007). Depressive leiden die meiste Zeit des Tages unter einer starken Traurigkeit, einer auf ein Wert- und Sinnlosigkeitsgefühl eingeengten Stimmungslage, einer Antriebshemmung oder inneren Unruhe, Konzentrationsstörungen, Denkstörungen, Schlafstörungen, Desinteresse an alltäglichen Aktivitäten, Appetitlosigkeit usw. Eine Depression geht häufig mit anderen psychischen (Panikattacken, Persönlichkeitsstörungen) und körperlichen Störungen (Schmerzen, sexuelle Dysfunktionen) einher.
Depressive Menschen betrachten jedes Problem als unlösbar und unüberwindbar und denken häufiger an den Tod oder an Selbstmord. In Deutschland bringt sich etwa alle 50 Minuten jemand um! Vor allem das Feststecken in Hoffnungslosigkeit birgt eine Suizidgefahr.
Etwa 1,4 Millionen Deutsche sind abhängig von Beruhigungsmitteln und anderen Medikamenten (Saum-Aldehoff & Nolte 2007).
Wenn ein depressiver Mensch zusätzlich noch an Wahnvorstellungen und Halluzinationen leidet, wird eine psychotische Depression diagnostiziert.
Bei einer chronischen Depression spricht man auch von Dysthymie.

Hinweise für die Praxis

Nicht nur der Arzt oder Therapeut, sondern auch die Menschen im Umfeld tragen eine gewisse Verantwortung für depressive Patienten. Nicht wegschauen, sondern handeln (den Arzt und/oder die Familie verständigen) sind bei einer Depression wichtig!

Bedenken Sie, dass es meistens keine Vorwarnung gibt. Achten Sie besonders auf negative Äußerungen des Patienten, auf Passivität, Apathie und den Rückzug aus dem sozialen Leben. Die Annahme, dass jemand, der über Selbstmord spricht, es nicht tut, ist absolut falsch!

Bei einer ManieDepression:psychotische kommt es zu einer intensiven, aber psychotische Depressionunbegründet euphorischen Stimmung mit Depression:chronischerastloser Hyperaktivität, DysthymieUnruhe und einem hemmungslosen und unkritischen Verhalten. Der ManieBetroffene äußert ständig neue großartige, nicht-durchführbare Ideen mit einem Hang zum Größenwahn, verliert sich beim schnellen Reden oft in weitschweifigen Gedanken und kommt vom Hundertsten ins Tausendste (Ideenflucht). Der Versuch zu widersprechen kann einen Wutausbruch auslösen. Manische Patienten haben oft ein stark vermindertes Schlafbedürfnis und vernachlässigen manchmal ihre Körperhygiene und Nahrungsaufnahme.
Bei einer bipolaren oder manisch-depressiven Störung sind Verläufe mit depressiven, manischen oder gemischten Episoden typisch. Bei einer Zyklothymie sind die bipolare StörungenSymptome weniger stark ausgeprägt und leicht manisch-depressive Störungdepressive wechseln sich mit hypomanen Stimmungen ab.
Theorien zur Ätiologie
Es gibt verschiedene psychologische Sichtweisen zu den Ursachen affektiver Störungen (Davison et al. 2007).
Psychodynamisch wird die Ursache oft in einer affektive Störungen:ätiologische Theorienmissglückten Trauerarbeit und unbewussten Konflikten mit Leiden, Trauer und Verlust gesehen.
Die kognitive Theorie sucht den Grund für eine Depression eher in einer negativen Verzerrung der Gedankengänge und kognitive Theorie:DepressionSchlussfolgerungen. Depressive Menschen ziehen willkürlich Depression:kognitive Theorienegative Schlüsse und neigen zur Übertreibung oder Untertreibung. Die kognitive Theorie konzentriert sich auf die intellektuelle Kontrolle der Gefühle. Sie dreht den Spieß um und postuliert, dass die negative Deutung von Ereignissen letztendlich zur Depression führen kann und dass es eine gegenseitige Beeinflussung von Depression und negativen Denkmustern gibt!
Nach der Lerntheorie hat ein depressiver Mensch durch unangenehme Erfahrungen eine Art Hilflosigkeit erlernt. Dass er sein eigenesLerntheorie:Depression Leben nicht in den Griff bekommt, erzeugt einDepression:Lerntheorie Gefühl der Hilf- und Hoffnungslosigkeit, das letztendlich zur Depression führt.
Sogenannte interpersonale Theorien erklären eine Depression damit, dass depressive Menschen durch ihr melancholisches Verhalten und ihre interpersonale Theorien:Depressionmangelnden sozialen Fähigkeiten andere Depression:interpersonale TheorienMenschen von sich fernhalten und damit ihre Depression verstärken.
Biologische Theorien tippen eher auf eine Rolle der Neurotransmitter bei affektiven Störungen. So soll ein niedriger Noradrenalin- oder Serotoninspiegel zu einerDepression:biologische Theorien Depression und ein hoher Noradrenalinspiegel zu einer Manie führen. Auch die Hypothalamus-Serotoninspiegel:DepressionHypophysen-Nebennierenrinden-Achse oder dieDepression:Serotoninspiegel Produktion von Noradrenalinspiegel:DepressionKortisol und Schilddrüsenhormonen Depression:Noradrenalinspiegelkönnten eine Rolle spielen. Für die Speicherung Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse:Depressionund Depression:Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-AchseVerarbeitung von positiven und negativen Erfahrungen sind zudem bestimmte Hirnregionen wie der präfrontale und der anteriore zinguläre Kortex, der Hippocampus und die Amygdala von Bedeutung. Der präfrontale Kortex, der vor allem für die Speicherung von positiven Erfahrungen zuständig zu sein scheint, ist bei Depressionen hypoaktiv und verkleinert. Die Amygdala scheint dagegen eher bei negativen Gedanken aktiv zu sein und ist bei Depressionen meist hyperaktiv und vergrößert.
Psychobiologisch werden neuerdings komplexe Interaktionen zwischen belastenden Lebensereignissen, Neurotransmittern, neuronalen Strukturen und Genaktivität diskutiert.
Therapeutische Ansätze
Mit psychodynamischen Behandlungsstrategien wird versucht, den Betroffenen zu einer Einsicht in ihre verdrängten Konflikte zu verhelfen. Oft werden sie dazu ermutigt, ihrem Zorn Luft zu verschaffen und Schuldgefühle als unbegründet zu betrachten.
Aus kognitiver Sicht werden Betroffenen dazu angeleitet, ihre verzerrten und negativen Sichtweisen zu erkennen und stattdessen neue Denk- und Verhaltensmöglichkeiten auszuprobieren und einzuüben. Dazu gehören beispielsweise Rollenspiele, Selbstmanagement-Strategien, Techniken zur Aktivitäts- und Kompetenzförderung sowie ein Training der sozialen Fähigkeiten.
Oft werden zur Behandlung von affektiven Störungen Antidepressiva eingesetzt, deren Nebenwirkungen (Exantheme, Gelenkschmerzen, Schwindel, Benommenheit, Schlafstörungen) jedoch nicht unerheblich sind.

Denkstörungen

Denken ist unter anderem mit Vorstellungen, Überlegungen, Beurteilungen, Abstraktionen und Schlussfolgerungen kombiniert.
Man kann allgemein zwischen formalen Denkstörungen (z. B. Denkstörungenverlangsamtes, eingeengtes, weitschweifiges Denken, zerrissenes oder inkohärentes Denken) und Denkstörungeninhaltlichen Denkstörungen (Wahnideen, Zwangsideen) Denkstörungen:formaleunterscheiden.
Als Wahnidee gilt eine inhaltlich falsche Überzeugung, an der Patienten unbeugsam festhalten. Beispiele sind Denkstörungen:inhaltlicheWahnformen wie Beziehungswahn (alles auf sich beziehen), WahnideeVerfolgungswahn, Größenwahn, Eifersuchtswahn.
Als Zwangsideen gelten Gedanken oder Handlungsimpulse, die Beziehungswahnnicht unterdrückt oder Verfolgungswahnverdrängt werden können,Größenwahn selbst wenn der EifersuchtswahnBetroffene sie als unsinnig und unangenehm empfindet. Beispiele sind Zählzwang, Kontrollzwang, Waschzwang.
Denkstörungen dürfen nie isoliert betrachtet werden, sondern sind immer an einer komplexeren Störung beteiligt. Formale Denkstörungen kommen beispielsweise bei depressiven Störungen oder Schizophrenie vor. Inhaltliche Denkstörungen können beispielsweise bei Schizophrenie, depressiven oder neurologischen Erkrankungen auftreten.

Wahrnehmungsstörungen

Wahrnehmung bezieht sich auf das Bewusstwerden von Sinnesempfindungen der inneren und äußeren Welt. Das beinhaltet die Reizaufnahme durch die Sinnesorgane und Wahrnehmungsstörungendie kognitive Verarbeitung dieser Reize. Störungen können demzufolge einerseits im Bereich der Sinnesorgane durch organische Krankheiten und/oder andererseits im Bereich der Interpretation der Reize auftreten. Bei einer gestörten Interpretation der wahrgenommenen Reize spricht man von Halluzinationen (akustische, optische, taktile oder olfaktorische Halluzinationen), bei denen also kein Außenreiz vorliegt. Bei einfachen Veränderungen der Wahrnehmung werden Intensität und QualitätHalluzinationen:akustische, optische, taktile bzw. olfaktorische der Reize verzerrt wahrgenommen (mit gesteigerter oder verminderter Intensität). Wahrnehmungsstörungen kommen selten isoliert sondern meistens im Rahmen einer komplexeren Störung (z. B. bei einer Schizophrenie) vor, können aber auch bei nicht-psychotischen Zuständen (z. B. Angststörungen) auftreten.

Psychophysiologische Störungen

Im Gegensatz zu den oben beschriebenen somatoformen Störungen handelt es sich bei den psychophysiologischen Störungen um organische Erkrankungen, die medizinisch objektivierbar sind und durch psychophysiologische Störungenpsychische Faktoren verschlimmert oder ausgelöst werden können. Früher wurden sie als psychosomatische Krankheiten beschrieben.
Im Grunde genommen kann aber jede Krankheit durch psychische Faktoren beeinflusst werden, und umgekehrt wird jede körperliche Störung auch die Psyche beeinflussen. Chronischer Stress spielt beispielsweise eine wichtige Rolle in der Ätiologie von Krankheiten. Bluthochdruck (Hypertonie), kardiovaskuläre Störungen, Kopfschmerzen und Asthma scheinen beispielsweise durch Stress negativ beeinflusst zu werden (Bluthochdruck (Hypertonie):Stress, chronischerDavison et al. kardiovaskuläre Störungen:Stress, chronischer2007) (Kap. 3.5). Kopfschmerzen:Stress, chronischerDarüber hinaus scheinen psychische Asthma bronchile:Stress, chronischerFaktoren auch auf chronische Schmerzen und Stressbelastungen Einfluss zu haben.

Schizophrenie

Schizophrenie (griechisch: schizein für abspalten und phren für Seele) ist eine schwere psychische Störung des Denkens, der Wahrnehmung und Aufmerksamkeit, des Verhaltens Schizophrenieund der Gefühle. Weil die Symptome so verschieden sind und es kein zentrales (Leit-)Symptom gibt, sind die Anzahl und das Ausmaß der Symptome, die diese Diagnose begründet erscheinen lassen, in Diagnosesystemen festgelegt. Die Hauptsymptome der Schizophrenie werden in Positivsymptome ( Übersteigerung des normalen Erlebens) und in Negativsymptome ( Einschränkungen des normalen Erlebens) aufgeteilt (Davison et al. 2007).
Zu den Positivsymptomen gehören eine desorganisierte Sprechweise, der niemand folgen kann, Halluzinationen (z. B. Stimmenhören) und Positivsymptome:SchizophrenieWahnideen (z. B. eingebildete Überwachung Schizophrenie:Positivsymptomedurch elektronische Geräte, Paranoia oder Verfolgungswahn).
Zu den Negativsymptomen gehören Apathie, kognitive Defizite (komplexes Denken und Begreifen nicht mehr Paranoiamöglich), Sprachverarmung, VerfolgungswahnNegativsymptome:Schizophrenieemotionale Verflachung und Schizophrenie:NegativsymptomeUngeselligkeit. Dies führt zur Isolation und zum Abbruch der sozialen Kontakte.
Zusätzlich können Symptome wie Katatonie, bizarre Verhaltensweisen und Tics auftreten.
Ätiologisch scheint eine genetische Prädisposition zur Schizophrenie zu bestehen. Auch durch eine erhöhte Belastung mit psychischen Stressfaktoren wird eine Schizophrenie begünstigt. Vermutet wird auch, dass eine übermäßige Aktivität oder ein Überschuss an Dopamin bzw. eine Überempfindlichkeit der Dopaminrezeptoren eine Rolle spielen könnte.
Die Behandlung einer Schizophrenie gestaltet sich äußerst schwierig. Als medikamentöse Behandlung kommen Antipsychotika und Neuroleptika zur Anwendung. Auch eine Familientherapie, soziales Lernen, Aufklärung über die Symptome der Krankheit, Entspannungstechniken oder Copingstrategien zur besseren Bewältigung der Belastungen sind geeignete Maßnahmen.

Persönlichkeitsstörungen und Kontaktstörungen

Hierbei handelt es sich um Störungen der Persönlichkeit (Charakter) mit unangemessenen und starren Verhaltensweisen im Bereich der Konfliktverarbeitung, im Umgang mit PersönlichkeitsstörungenLebensereignissen und mit anderen Menschen. Das Verhalten weicht aufgrund der Fehlanpassung stark von dem ab, was die Umgebung erwartet. Die abweichenden Verhaltensweisen zeigen sich in mehreren Bereichen (Kognition, Affekte, Beziehungsaufbau, Impulskontrolle), sind aber eigentlich Extremformen von Charaktermerkmalen, die wir alle besitzen. Auf Dauer leidet weniger der Betroffene selber unter dieser Störung, sondern vielmehr seine Mitmenschen, sodass zusätzlich Probleme im beruflichen und sozialen Bereich entstehen.
Persönlichkeitsstörungen werden nach charakteristischen Merkmalen klassifiziert, wobei es aber häufig zu Überschneidungen kommt. Eine Grobeinteilung nach dem Diagnostic and Statistical Manual (DSM) folgt im Anschluss (Davison et al. 2007).
Persönlichkeitsstörungen mit sonderbarem und exzentrischem Verhalten
  • Paranoide Persönlichkeitsstörung: gekennzeichnet durch Misstrauen gegenüber anderen. Das Misstrauen der Patienten kann so weit gehen, dass siePersönlichkeitsstörungen:paraboide eine Verschwörung vermuten und paranoide Persönlichkeitsstörungnach Anzeichen dafür suchen, dass man sie betrügen oder schädigen will. Sie zeigen sich anderen gegenüber streitsüchtig und feindselig. Dem eigenen Partner wird mit Eifersucht und Argwohn hinsichtlich seiner Treue und Glaubwürdigkeit begegnet.

  • Schizoide Persönlichkeitsstörung: gekennzeichnet durch den fehlenden Wunsch nach affektiven und sozialen Kontakten. Die Patienten wirken Persönlichkeitsstörungen:schizoideemotionslos, freudlos und gelangweilt undschizoide Persönlichkeitsstörung ziehen sich als Einzelgänger komplett zurück.

  • Schizotypische Persönlichkeitsstörung: gekennzeichnet durch zwischenmenschliche Probleme mit zusätzlichen Symptomen wie Denk- und schizotypische PersönlichkeitsstörungWahrnehmungsverzerrung.

Bei Persönlichkeitsstörungen:schizotypischePersönlichkeitsstörungen mit sonderbarem Verhalten scheinen ätiologisch keine eindeutigen Faktoren vorzuliegen, obwohl möglicherweise genetische Faktoren sowie erweiterte Hirnventrikel und ein Abbau von grauer Substanz im Lobus temporalis eine Rolle spielen können (Davison et al. 2007).
Persönlichkeitsstörungen mit dramatischem und emotional-launenhaftem Verhalten
  • Borderline- oder emotional instabile Persönlichkeitsstörung: gekennzeichnet durch sehr wechselhafte Stimmungen (reizbar-aggressiv-Borderline-Persönlichkeitsstörungexplosiv), Persönlichkeitsstörungen:emotional instabileBeziehungsstörungen, mangelndes Selbstvertrauen, emotional instabile Persönlichkeitsstörungsprunghafte Emotionen, autoaggressives Verhalten (z. B. Schnittwunden/Brandmale an den Extremitäten) und ein verzerrtes, instabiles Selbstbild mit der Angst, allein zu sein oder verlassen zu werden. Ursprünglich bedeutete der Borderline-Begriff, dass sich der Patient auf der Grenze zwischen Neurose und Psychose befand. Bei Borderline-Patienten ist darüber hinaus eine Komorbidität mit Drogenmissbrauch und Essstörungen festzustellen.

  • Histrionische Persönlichkeitsstörung (früher als hysterische Persönlichkeitsstörung aufgefasst): gekennzeichnet durch Persönlichkeitsstörungen:histrionischedramatisch-theatralisches Verhalten, übertriebene histrionische PersönlichkeitsstörungEmotionalität, hysterische Persönlichkeitsstörung s. histrionische Persönlichkeitsstörunggesteigertes Verlangen nach Beachtung (z. B. durch provokative Sprache, ausgefallene Kleidung, Make-up, Haarfarbe), Oberflächlichkeit, übermäßiges Interesse an der eigenen körperlichen Attraktivität und im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stehen wollen.

  • Narzisstische Persönlichkeitsstörung: gekennzeichnet durch ein sehr ausgeprägtes Selbstbewusstsein und festen Glauben an diePersönlichkeitsstörungen:narzisstische eigenen grandiosen Fähigkeiten bis hin zum Größenwahnnarzisstische Persönlichkeitsstörung, Fantastereien über nie erlebte Erfolge, gesteigertes Verlangen nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und Bewunderung, fehlende Empathie und Gefühllosigkeit anderen gegenüber (sich niemals entschuldigen), Überempfindlichkeit in Bezug auf Kritik und gestörte zwischenmenschliche Beziehungen.

  • Dissoziale bzw. antisoziale Persönlichkeitsstörung (mit Psychopathie und manchmal sogar mit Soziopathie verbunden): gekennzeichnet durch ein ausgeprägt Persönlichkeitsstörungen:antisozialedissoziale Persönlichkeitsstörungantisoziale Persönlichkeitsstörungantisoziales Verhalten, Missachtung Persönlichkeitsstörungen:dissozialesozialer Normen, Regeln und Verpflichtungen (z. B. Nichtzurückzahlen von Schulden, SoziopathieAggressivität, Rücksichtslosigkeit), fehlende Reue für Missetaten, Lügen, fehlende Angst, Gefühlsarmut (z. B. Fehlen von Mitleid, Liebe). Es lässt sich eine hohe Komorbidität mit Drogenmissbrauch feststellen.

Ätiologisch scheinen Persönlichkeitsstörungen mit dramatischem und emotional-launenhaftem Verhalten auch eine genetische Komponente aufzuweisen. Zudem deuten einige Untersuchungen bei Persönlichkeitsstörungen:ÄtiologieBorderline-Patienten auf Funktionsstörungen (Probleme mit dem Glukosestoffwechsel, niedriger Serotoninspiegel) im Bereich der Frontallappen hin.
Psychodynamisch wird vermutet, dass schlechte bzw. widersprüchlich-Serotoninspiegel:Borderline-Patientenambivalente kindliche Borderline-Persönlichkeitsstörung:SerotoninspiegelErfahrungen mit der Liebe und Zuwendung der Eltern für ein unsicheres Ego sorgen und zu Schwierigkeiten mit der Regulierung von Emotionen führen. Auch traumatische Erlebnisse und eine Umgebung (Familie), die solche Patienten nicht genügend berücksichtigt und respektiert, können erschwerend eine Rolle spielen. Psychodynamiker betrachten die narzisstische Persönlichkeitsstörung als typisch für unsere moderne Zeit und unser Wertesystem (Davison et al. 2007).
Das Fehlen von Angst-, Reue- und Schamgefühlen sowie von Schreckreaktionen scheint besonders bei Psychopathen eine Rolle zu spielen, weil sie aufgrund dessen weniger aus negativen Erfahrungen lernen können. Allgemein wird eine Psychopathie als praktisch nicht behandelbar gesehen (Davison et al. 2007).
Die Behandlung eines Borderline-Patienten verlangt eine sachliche und trotzdem empathische Einstellung des Psychotherapeuten, was sehr anstrengend sein kann. Darüber hinaus besteht ein erhöhtes Suizidrisiko, sodass hier besondere Vorsicht angebracht ist. Häufig werden Antidepressiva und Neuroleptika eingesetzt.
Persönlichkeitsstörungen mit ängstlichem Verhalten
  • Ängstliche (vermeidend-selbstunsichere) Persönlichkeitsstörung: gekennzeichnet durch übermäßige Sorge und Angst vor Persönlichkeitsstörungen mit ängstlichem Verhalten:mit ängstlichem Verhaltensozialer Ablehnung oder Erniedrigung, in der Überzeugung, ängstliche (vermeidend-selbstunsichere) Persönlichkeitsstörungselbst inkompetent und anderen unterlegen zu sein, sowie einen stark reglementierten Lebensstil, um jegliches Risiko oder Neues auszuschließen.

  • Abhängige (dependente) Persönlichkeitsstörung (früher asthenische Persönlichkeitsstörung): gekennzeichnet durch fehlendes Selbstvertrauen und die Unfähigkeit, eigene abhängige (dependente) PersönlichkeitsstörungEntscheidungen zu treffen, Angst davor, für sich selbst sorgen zu müssen, unverhältnismäßig starke Abhängigkeit und Nachgiebigkeit gegenüber anderen.

  • Zwanghafte (anankastische) Persönlichkeitsstörung: gekennzeichnet durch Perfektionismus, übertriebene Gewissenhaftigkeit, ständiges Kontrollieren, Zweifel, pedantische Beschäftigung mit Details und Regeln, sodass das eigentliche Ziel aus den Augen verloren wird, sehr eingeschränkte Anpassungsfähigkeit, geringe Flexibilität, unfähig, sich von Altem zu trennen.

In der Ätiologie der Persönlichkeitsstörungen mit ängstlichem Verhalten scheint die Eltern-Kind-Beziehung eine erhebliche Rolle zu spielen. Die Ängstlichkeit der Eltern kann sich durch sogenanntes Imitationslernen auf das Kind übertragen.
Die Behandlung von Persönlichkeitsstörungen richtet sich häufig zunächst auf andere psychische Störungen (Depression, Angst), wegen denen der Patient sich eigentlich in Behandlung begeben hat. Psychodynamisch wird versucht, die Einstellung des Patienten gegenüber Problemen in der Kindheit zu ändern. Ansonsten kann eine Verhaltenstherapie geeignet sein, ein besser angepasstes Verhalten zu erlernen. Auch eine rational-emotive Therapie kann sinnvoll sein, um zu lernen, aus sich herauszukommen.

Sexuelle Störungen

Störungen der Geschlechtsidentität
  • Kennzeichen: In der Regel besteht von Kindheit an das Gefühl, zum anderen Geschlecht zu gehören, verbunden mit einer Abneigung gegen Kleidung und Aktivitäten des eigenen Sexuelle StörungenGeschlechts.

  • Ätiologie: Als biologische Ursachen werden unter Geschlechtsidentitätsstörungenanderem ein Hormonmangel bei Kindern und die Verabreichung von Sexualhormonen in der Schwangerschaft (z. B. zur Vorbeugung von Uterusblutungen) diskutiert. Inwiefern Umgebungseinflüsse, etwa von Familienangehörigen oder beispielsweise eine schwache Vaterbindung und Missbrauch eine Rolle spielen, ist nicht eindeutig geklärt.

  • Therapie: Ehe eine operative Geschlechtsumwandlung durchgeführt wird, müssen sich die Betroffenen in der Regel einer 12-monatigen Psychotherapie unterziehen.

Paraphilien
  • Kennzeichen: Paraphilien sind Störungen, die auf einer phantasierten sexuellen Attraktivität von ungewöhnlichen Objekten beruhen. Diese Phantasien und Verhaltensweisen müssen über Paraphilienmindestens 6 Monate wiederkehren und sehr intensiv und drängend sein. Beispiele sind Fetischismus (z. B. für Frauenschuhe), Pädophilie, Voyeurismus, Exhibitionismus, Frotteurismus (Berührung einer nichts ahnenden Person), Sadismus und FetischismusMasochismus.

  • Ätiologie:

    • Aus VoyeurismusExhibitionismuspsychodynamischer Sicht entsteht eine Paraphilie durch Frotteurismusdas Verdrängen von Ängsten Sadismusund negativen Erinnerungen Masochismusund deutet auf sexuelle Unreife oder verkümmerte Sexualität hin.

    • Manche Verhaltenstherapeuten interpretieren Paraphilien als Konditionierung infolge einer wiederholten zufälligen sexuellen Erregung durch bestimmte von der Gesellschaft verbotene Reize.

    • Als multifaktorielle Ursachen werden beispielsweise Missbrauch in der Kindheit, Mangel an sozialen Fertigkeiten, geringes Selbstbewusstsein oder eine gestörte Eltern-Kind-Beziehung angesehen.

    • Weil die meisten Patienten Männer sind, vermutet man, dass das männliche Hormon Testosteron (Androgen) bei Paraphilien eine Rolle spielt. Möglicherweise liegt bei Sadismus und Exhibitionismus auch eineTestosteron:Paraphilien Funktionsstörung im Temporallappen vor.

  • Paraphilien:TestosteronTherapie: Bei der Aversionstherapie wird versucht, die Erregung und Befriedigung durch den ungewöhnlichen Reiz abzubauen und ihn durch konventionelle Reize zu ersetzen. Mit kognitiven Methoden lassen sich soziale Fertigkeiten und Empathie trainieren.

Sexuelle Funktionsstörungen
  • Man unterscheidet folgende Formen:

    • Störungen der sexuellen Appetenz (vermehrte bzw. verminderte Libido), bei denen die Erwartungen, die Menschen an ihre Sexualität und an ihre sexuelle FunktionsstörungenPartner haben, eine sehr wichtige Rolle sexuelle Appetenzstörungenspielen,

    • Störungen der sexuellen Erregung,

    • Orgasmusstörungen,

    • Störungen mit sexuell bedingten Schmerzen (Dyspareunie Schmerzen beim sexuelle ErregungsstörungenGeschlechtsverkehr, Vaginismus Spasmen der Vagina).

  • Die SymptomeOrgasmusstörungen müssen wiederkehrend bzw. kontinuierlich auftreten, um die Diagnose Dyspareuniezu sichern.

  • Ätiologie: Die Ursachen sind Vaginismussehr vielfältig, beispielsweise:

    • Angst, Beziehungsproblematik, Schüchternheit, Missbrauch

    • Nebenwirkungen von sexuelle Funktionsstörungen:Ätiologieblutdrucksenkenden Mitteln, Antidepressiva und Tranquilizern

    • Krankheiten wie Diabetes oder Nierenprobleme.

  • Die Ursachen von Dyspareunie und Vaginismus sind fast immer körperlicher Art.

    • Aus psychodynamischer Sicht versucht man, die symbolische Bedeutung Dyspareunieder Symptomatik zu verstehen (z. B. Vaginismusvorzeitige Ejakulation als Ausdruck von Eheproblemen?).

    • Auch hier wiederum können sehr viele Faktoren (Religion, Beziehung, Angst, Traumata) eine Rolle spielen. Aus osteopathischer Sicht können Verspannungen, Verklebungen, Narben usw. in den myofaszialen Aufhängungsstrukturen der Beckenorgane eine Rolle spielen (Meert 2009).

  • Therapie: Psychotherapeutisch können Paartherapie, Angstreduktion, Sensory-Awareness-Verfahren (lernen, sich angenehmen Empfindungen zu überlassen), Kommunikationstraining usw. sinnvoll sein.

Störungen in Kindheit und Jugend

Störungen mit unkontrolliertem Verhalten
Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) oder hyperkinetische Störung
Sensory-Awareness-VerfahrenADHS bedeutet, dass sich die Kinder ständig bewegen, herumzappeln (Zappelphilipp-Syndrom), hin und her rutschen, ratschen und Konzentrationsschwierigkeiten haben. Man Störungen in Kindheit und JugendAufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS)unterscheidet drei Zappelphilipp-Syndrom s. ADHSADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom)Unterkategorien, je nachdem, ob die Kinder vor hyperkinetische Störungenallem an Aufmerksamkeitsstörungen, vor allem an Hyperaktivität oder an beidem leiden.
ADHS-Kinder können nicht still sitzen, wirken unorganisiert (planlos) und sprunghaft und lassen sich leicht ablenken. Viele ADHS-Kinder haben zudem Probleme, mit Gleichaltrigen Freundschaft zu schließen. Jungen sind stärker davon betroffen als Mädchen, dafür leiden Mädchen häufiger an einem ADS ohne Hyperaktivität. Ungefähr 15 bis 30 % der Kinder mit ADHS weisen zugleich auch Lernschwierigkeiten auf (Davison et al. 2007). Die Diagnose ist nicht leicht zu stellen, weil viele Kinder in den ersten Schuljahren einfach lebhafter sind! Diese Störung bleibt relativ oft auch im Erwachsenenalter weiter bestehen, wobei sich die Hyperaktivität dann oft mit einer inneren Unruhe bemerkbar macht.
Die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS) wird gestellt, wenn sich mindestens sechs der folgenden Unaufmerksamkeitssymptome in den letzten sechs Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADS)Monaten entwickelt haben (Davison et al. ADS (Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom)2007):
  • Flüchtigkeitsfehler und Übersehen von Einzelheiten bei Aufgaben

  • Mangelnde Ausdauer der Aufmerksamkeit

  • Oft nicht zuhören, wenn andere reden

  • Anweisungen nicht ganz befolgen und Aufgaben nicht zu Ende bringen

  • Organisationsschwierigkeiten bei Aufgaben und Aktivitäten

  • Häufiges Verlieren von Gegenständen

  • Ungewöhnlich stark ausgeprägte Ablenkbarkeit bei schulischen Leistungen (wie Lesen, Rechnen, Hausaufgaben)

  • Vergesslichkeit bei Alltagstätigkeiten

  • Vermeiden von lang anhaltenden und anstrengenden geistigen Aufgaben

Die Diagnose Hyperaktivität wird gestellt, wenn sich mindestens sechs der folgenden Symptome in den letzten sechs Monaten entwickelt haben (Davison et al. 2007):
  • Ausgeprägte Zappeligkeit Hyperaktivitätund motorische Unruhe in Situationen, die Ruhe verlangen (Mahlzeiten, Unterricht, Gottesdienst)

  • Steht oft auf, wenn sitzen bleiben angeordnet ist

  • Läuft und springt herum in unpassenden Situationen

  • Kann sich nicht oder nur sehr kurz ruhig beschäftigen

  • Wirkt allgemein extrem ruhelos und getrieben

  • Redet viel und ist übermäßig laut

  • Kann es kaum erwarten, an die Reihe zu kommen

  • Unterbricht und stört andere oft

  • Platzt oft zu früh mit Antworten heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt ist

Die Behandlung des ADHS besteht häufig aus einer medikamentösen Therapie mit dem Psychoanaleptikum Methylphenidat (Ritalin). Neuerdings wird darauf hingewiesen, dass dieses Medikament kurzzeitig sinnvoll sein kann, aber langfristig keine Besserung bringt und viele Nebenwirkungen (Appetitverlust, Schlafprobleme, Abhängigkeit) aufweist. Psychotherapeutisch sind Konzentrationstraining, Übungen zur Vermittlung von Grundfertigkeiten der Verhaltens- (Zuhören, Nacherzählen) und komplexen Handlungssteuerung (Problemlösen), Übungen zur Wissensvermittlung (Lernstrategien) sowie eine Beratung und Anleitung für Eltern bzw. Lehrer sinnvoll.
Manchmal eignen sich ergänzend auch kraniosakrale Techniken, um das multimodale Vorgehen zu unterstützen und die Entspannung und Konzentration zu fördern.
Störung des Sozialverhaltens
  • Kennzeichen: andauerndes bzw. sich wiederholendes asoziales, aggressives oder aufständisches Verhalten, z. B. Aggressionen gegenüber Tieren und Menschen, Betrug, SozialverhaltensstörungenZerstörung von Eigentum, Diebstahl, Ausreißen. Oft zeigen sich diese Kinder gefühllos und ohne Reue. Häufiger besteht eine Überschneidung mit einem ADHS.

  • Ätiologie: Angegeben werden genetische Faktoren, Funktionsstörungen des Lobus frontalis (insbesondere des Striatums) und Durchblutungsstörungen des Gehirns. Umstritten ist, ob Umweltgifte (wie Blei, Nikotin) eine Rolle bei der Entstehung der Störung spielen. Darüber hinaus haben die Eltern-Kind-Beziehung, frühkindliche Traumata und ungünstige familiäre und schulische Verhältnisse eine gewisse Bedeutung. Auch eine Reizüberflutung durch das Überangebot an Informationen (Fernsehen, Computer, Internet, Mobiltelefon) kann zu einer Überforderung führen.

  • Behandlung: beispielsweise mit Familientherapie, positives Verstärken des erwünschten und negatives Verstärken (Bestrafen) des unerwünschten Verhaltens, Stärkung der Selbstkontrolle.

Lernbehinderungen
Bei Lernbehinderungen handelt es sich um Entwicklungsstörungen in einem bestimmten Bereich der schulischen Fertigkeiten, der motorischen Fertigkeiten, der Sprache oder des Sprechens.Lernbehinderungen Es liegt dabei jedoch weder eine geistige Behinderung oder Autismus noch eine organische Erkrankung oder Erziehungsproblematik vor.
  • Formen:

    • Lernstörungen: unterteilt in Lesestörung (Dyslexie), Rechtschreibstörung, Lese-Rechtschreibstörung (Legasthenie) und Rechenstörung (Dyskalkulie)

    • LernstörungenLesestörungKommunikationsstörungen: Dyslexieunterteilt in expressive RechtschreibstörungSprachstörung (Lese-RechtschreibstörungWortfindungsstörung), RechenstörungLegasthenieArtikulationsstörung (Probleme mit Dyskalkuliebestimmten Sprachlauten) und Stottern

    • Störung Kommunikationsstörungender motorischen Fertigkeiten: eine Wortfindungsstörungentwicklungsbedingte Koordinationsstörung (z. B. derArtikulationsstörung Feinmotorik beim Schreiben), die sichStottern auf die schulische und alltägliche motorische Fertigkeiten, StörungLeistungsfähigkeit auswirkt.

  • Ätiologie: Als Ursache der Dyslexie werden eine erbliche Komponente sowie Anomalien im Bereich der kortikalen Sprachregion vermutet. Auch Wahrnehmungsdefizite könnten hypothetisch die Ursache sein. Bei DyslexieDyskalkulie werden zusätzlich Gedächtnisstörungen und eine Fehlfunktion in der linken oder rechten Hirnhemisphäre angenommen.

  • Therapie: Psychotherapeutisch ist es Dyskalkuliewichtig, lernbehinderte Kinder zu motivieren und ihr Selbstvertrauen zu stärken. Aus osteopathischer Sicht ist es wichtig, unter anderem die Mobilität und Durchblutung des Schädels und des Sprechapparates zu untersuchen und zu behandeln.

Enuresis
Kinder werden in der Regel zwischen dem 18. und 30. Monat sauber. Es ist jedoch schwierig, hier eine genaue Grenze zu ziehen!
  • Formen: Man unterscheidet zwischen Enuresis nocturna (nächtliches Einnässen), Enuresis diurna (Einnässen tagsüber) und einer Enuresis nocturna et diurna (Einnässen sowohl nachts als auch tagsüber).

  • Ätiologie: Enuresis diurna/nocturnaAußer genetischen Faktoren werden auch somatische Einnässen s. EnuresisFaktoren (Infektionen) und emotionale Faktoren (wie Missbrauch, Angst) angegeben.

  • Therapie: Die Behandlung besteht häufig aus Urin-Alarmsystemen (Klingelkissen) und Medikamenten (Imipramin, Desmopressin). Das Kind soll mit der Zeit lernen, nicht mehr auf das Signal, sondern auf den Harndrang zu reagieren. Aus osteopathischer Sicht ist es wichtig, unter anderem die myofaszialen Aufhängestrukturen der Harnblase, die Druckverhältnisse im Bauch- und Beckenbereich sowie die Schließmuskeln und Beckenbodenmuskeln zu untersuchen und zu behandeln. (Meert 2009)

Geistige Behinderung
  • Formen: Man unterscheidet zwischen einer leichten geistigen Behinderung (IQ zwischen 50 und 70), einer mäßigen geistigen Behinderung (IQ zwischen 35 und 50) und einer schweren geistigen Behinderung (IQ zwischen 20 und 35).

  • geistige BehinderungBehandlungsziel: Das Ziel besteht allgemein in einer Respektierung der Schwächen und einer Stärkung der Stärken des geistig behinderten Kindes.

Autistische Störung
  • Symptome: Als Hauptsymptome des Autismus gelten unter anderem: schwache Bindung an die Eltern, schwaches Sozialverhalten, fehlende Kontaktaufnahme, erhöhtes Interesse an unbelebten Gegenständen, fehlende AutismusEmotionalität und fehlende Empathie, Kommunikationsstörungen (Sprachprobleme bis hin zur Unfähigkeit zu sprechen), verzögerte Echolalie (Nachsprechen vorgesagter Wörter), zwanghafte und rituelle Handlungen (Schaukeln des Körpers, Reiben der Finger).

  • Formen:

    • Rett-Syndrom: tritt nur bei Mädchen auf. Die Entwicklung verläuft bis zum ersten oder zweiten Lebensjahr normal, dann verlangsamt sich das Kopfwachstum, was zu Rett-SyndromKoordinationsstörungen der Gangbewegungen, zu starken Sprachstörungen, stereotypen Handbewegungen und zwischenmenschlichen Kontaktstörungen führt.

    • Desintegrative kindliche Störung: mindestens bis zum zweiten Lebensjahr verläuft die Entwicklung normal, danach verliert das Kind die bereits kindliche Störung, desintegrativeerworbenen sozialen und desintegrative kindliche Störungmotorischen Fertigkeiten.

    • Asperger-Syndrom: betrifft überwiegend Jungen und wird oft als leichte Form des Autismus angesehen. Trotz eines stark stereotypen Verhaltens sind Sprachvermögen und Intelligenz Asperger-Syndromnormal.

  • Ätiologie: Von der Annahme, dass Probleme in der Eltern-Kind-Beziehung Ursache des Autismus wären, ist man inzwischen weggekommen. Es gibt eher Anzeichen für eine Hirnschädigung und Abweichungen im EEG. Bei einem Drittel der autistischen Patienten treten epileptische Anfälle auf. Ein erhöhtes Autismusrisiko besteht nach einer Meningitis oder Enzephalitis und wenn die Mutter während der Schwangerschaft an Röteln erkrankt.

  • Behandlung: Weil autistische Kinder keine Veränderungen der täglichen Routine mögen und oft eine fehlende Bereitschaft zur Kontaktaufnahme vorliegt, kann sich die Behandlung sehr schwierig gestalten.

Psychische Störungen im Alter

Psychische Störungen im Alter sind oft hirnorganisch bedingt.
Formen
  • Bei Demenz handelt es sich um eine allmähliche (über Jahre) Verschlechterung der intellektuellen psychische Störungen:im AlterFähigkeiten. Man unterscheidet zwischen frontotemporalen und fronto(sub)-Demenzkortikale Demenzen.

    • Bei den frontotemporalen Demenzen (z. B. Pick-Atrophie) treten aufgrund der Lokalisierung der Atrophie Veränderungen des Verhaltens und der Persönlichkeit auf.

    • frontotemporale DemenzBei den fronto(sub)kortikalen Demenzen treten Pick-Atrophieaufgrund der Lokalisierung in subkortikalen Hirnbereichen kognitive und motorische Funktionsstörungen auf: Bei der Chorea Huntington kommt fronto(sub)kortikale Demenzes zu krampfartigen Bewegungen, bei der Parkinson-Krankheit zu Muskelzittern, Muskelsteifheit und Akinesie.

    • Bei vaskulären Demenzen treten durch Unterbrechung der Blutzirkulation neurologische Symptome beispielsweise in Extremitäten auf.

  • Bei der Alzheimer-Krankheit entwickeln sich vaskuläre Demenzschleichend Konzentrationsschwierigkeiten und Gedächtnisprobleme. Eventuell kommen dann noch Aphasie (Sprachverlust), Alzheimer-KrankheitApraxie (Störung der zielgerichteten Bewegungsausführung) und Agnosie (Störung des Erkennens) hinzu.

  • Beim Aphasie:Alzheimer-KrankheitDelirium handelt es sich um eine Apraxie:Alzheimer-KrankheitBewusstseinstrübung (Verwirrtheit) mit Konzentrations-, Agnosie:Alzheimer-KrankheitAufmerksamkeits- und Orientierungsstörungen, oft verbunden mit Wahrnehmungsstörungen, DeliriumWahnvorstellungen, Aktivitäts- und Stimmungsschwankungen sowie einem gestörten Schlaf-wach-Rhythmus.

Ätiologie und Behandlung
Ätiologisch werden genetische Faktoren und organische Störungen wie beispielsweise Amyloidablagerungen im Gehirn, Hirnatrophie, neurofibrilläre Verklumpungen zwischen den Neuronen, Infektionskrankheiten (Enzephalitis, Meningitis), Schädeltraumata oder Hirntumoren diskutiert. Ein Delirium kann durch Drogenintoxikation, Stoffwechselstörungen (Diabetes, Schilddrüsenerkrankung), Infektionen und akute Stresszustände verursacht sein.
Zur Behandlung werden Gespräche, Aktivitäten, eine Tagesstrukturierung und die Förderung sozialer Kompetenzen angeboten. Es wäre interessant und spannend zu untersuchen, wie sich hier osteopathische Techniken zur Verbesserung der Kopfdurchblutung und zum Abbau von Spannungsmustern im Schädel auswirken (Kap. 17 und Kap. 18Kap. 17Kap. 18).

Suchterkrankungen

Suchterkrankungen sind durch ein starkes Verlangen (Abhängigkeit oder Abusus) nach psychotropen Substanzen (Alkohol, Medikamente, Drogen) gekennzeichnet.
Zur Entgiftung und SuchterkrankungenEntwöhnung ist eine stationäre Einweisung notwendig.

Psychologische Modelle und Theorien

psychotrope SubstanzenIn den 70er und 80er Jahren waren in psychotherapeutischen Fachbüchern bis zu 500 Therapien für die Seele aufgelistet. Inzwischen hat sich deren psychische Erkrankungen:psychologische Modelle und TheorienZahl reduziert, aber es gibt immer noch eine relativ große Anzahl an psychologischen Theorien und Methoden, um psychische Störungen zu erklären bzw. zu behandeln (Geuter & Paulus 2009). Nachfolgend eine kleine Auswahl:
  • Das biologische Modell führt psychische Störungen auf Veränderungen der Neurone, der Neurotransmitter oder der Hormone zurück.

  • Nach der Stresstheorie wirken Dauerbelastungen und aussichtslose Situationen Neurotransmitter:psychische Erkrankungenals Stressoren, die auf psychische Erkrankungen:Neurotransmitterneurohormonellem Wege Stresstheorie:psychische Erkrankungenpsychische Störungen auslösen.

  • psychische Erkrankungen:StresstheorieDas psychodynamische Modell geht davon aus, dass psychische Störungen auf unbewussten Schwierigkeiten und prekären Entwicklungen in der psychodynamisches Modell:psychische ErkrankungenKindheit basieren.

  • psychische Erkrankungen:psychodynamisches ModellDas lerntheoretische (behavioristische) Modell liefert eher präzise Beschreibungen von dissozialem Verhalten und weniger allgemein diagnostische Kriterien.lerntheoretische (behavioristische) Modell:psychische Erkrankungen psychische Erkrankungen:lerntheoretische (behavioristische) ModellPsychische Störungen sollen vor allem durch einen defizitären Erziehungsstil und unerwünschte oder fehlende Lernvorgänge entstehen.

  • Das psychoanalytische Modell sucht die Ursachen von psychischen Störungen vor allem in frühkindlichen Beeinträchtigungen der psychischen psychoanalytisches Modell:psychische ErkrankungenEntwicklung. Aktuelle psychische Erkrankungen:psychoanalytisches ModellBelastungen können dann unter Umständen für eine Reaktivierung sorgen. Die klassische Behandlung besteht meistens in einer Gesprächstherapie, bei der man sich sozusagen zurücklehnen, das Bewusstsein nach innen richten und auf das achten soll, was an Gefühlen, Gedanken, Phantasien und Erinnerungen vorhanden ist. Freud zufolge soll ein Psychoanalytiker die Seele erforschen wie ein Arzt den kranken Körper. Neuerdings wird zunehmend erkannt, dass neue emotionale Erfahrungen ein wichtiges Korrektiv darstellen und dass Einsichten beim Patienten unbedingt ein emotionales Echo finden müssen, um etwas bewirken zu können.

  • Die psychosoziale Theorie sieht soziale bzw. gesellschaftliche Spannungen als Krankheitsursache.

  • Das kognitive Theoriemodell geht psychosoziale Theorie:psychische Erkrankungendavon aus, dass psychische Erkrankungen:psychosoziale Theoriefehlerhafte Kognitionen bei der Entstehung und Aufrechterhaltung von psychischen kognitives Theoriemodell:psychische ErkrankungenStörungen eine erhebliche psychische Erkrankungen:kognitives TheoriemodellRolle spielen.

  • Das Diathese-Stress-Modell verweist auf Wechselwirkungen, die zwischen der Krankheitsdisposition (Diathese) und belastenden Diathese-Stress-Modell:psychische ErkrankungenUmweltfaktoren oder psychische Erkrankungen:Diathese-Stress-ModellLebensereignissen (Stress) bestehen.

  • Nach dem biopsychosozialen Modell sollen mehrere Faktoren bei der Entstehung und Entwicklung einer psychischen Störung eine Rolle spielen. biopsychosoziales Modell:psychische ErkrankungenDabei wird sowohl das psychische Erkrankungen:biopsychosoziales ModellFehlen von angemessenen Lösungsstrategien als auch die entsprechende Bereitschaft (Schwächung) des Organismus als wichtiger Einflussfaktor hervorgehoben.

Störungen beim Menschen, und zwar nicht nur psychische, sind aber viel zu mannigfaltig und kunterbunt, um sie innerhalb eines Denkmodells angemessen deuten und behandeln zu können! Deswegen sollte, genauso wie auf der körperlichen Ebene, auch auf der psychisch-seelischen Ebene versucht werden, mehrere Denkmodelle zu kombinieren und einen individuell abgestimmten Behandlungsweg zu beschreiten.

Der Mensch als integrative Maschine?

Wir wissen mittlerweile, dass mechanistische Sichtweisen den Menschen gerne mit einer Maschine vergleichen. Das birgt die Gefahr, den Körper auf einen Haufen von Zellen zu reduzieren, der nur durch chemische Prozesse (Mensch als integrative\\MaschineAtome und Moleküle) und mechanische Elemente wie Muskeln (Seile) und Gelenke (Zahnräder) gesteuert wird.
Um das, was Gesundheit und Krankheit ausmacht, besser verstehen zu können, wäre es trotzdem sinnvoll, den menschlichen Körper beispielsweise mit einem Computer zu vergleichen und sich anhand dieser Metapher zu überlegen, welche Faktoren für das Funktionieren wichtig sind.
Ein Computer braucht zum optimalen menschlicher Körper als ComputerFunktionieren:
  • Eine richtig funktionierende Hardware, also Tastatur, Desktop, Bildschirm usw. Auf den Körper übertragen heißt das, dass Gelenke, myofasziale Strukturen, Gewebe, Organe richtig funktionieren müssen. Dank der vielen Spezialisierungen in der Medizin kann die Struktur der Organe und Gewebe auf mikroskopischer, chemischer und genetischer Ebene untersucht und behandelt werden. Wir können die Hardware des Computers mit der strukturellen (mechanischen, chemischen und genetischen) Ebene des Körpers vergleichen.

  • Der Stecker muss angeschlossen sein, um den Computer mit Strom zu versorgen. Für den Körper heißt das, dass er einerseits materiell versorgt werden muss, beispielsweise mit Substanzen wie Wasser, Sauerstoff, Nahrung. Die Ernährung muss ausgewogen sein und genügend Vitamine, Mikronährstoffe, Mineralien enthalten. Für das Wohlbefinden und die Gesundheit der Seele und des ganzen Menschen heißt das andererseits, dass er auch immateriell mit Wärme (Temperatur), Antrieb, Motivation, Energie, Liebe usw. versorgt werden muss. Diese nicht-materielle Versorgung (Wohlbefinden, Kraft oder Energie) kann man individuell aus verschiedenen Quellen schöpfen, wobei die Werte des Individuums eine große Rolle spielen. Werte oder Bedürfnisse stehen für das, was dem Individuum im Leben wichtig und wertvoll ist, beispielsweise die Familie, Liebe, Religion, Freundschaft, Anerkennung, Freiheit, finanzielle Sicherheit. Wir können die Stromversorgung des Computers mit der energetischen Ebene des Körpers vergleichen.

  • Die Software des Computers muss richtig funktionieren und man muss sich mit dem Softwareprogramm auskennen. Als einfachstes Beispiel für eine Software des Menschen kann man vielleicht die Sprache nennen. Ein Computer bringt Ihnen nichts, wenn Sie deutsch sprechen, der Computer aber auf Chinesisch programmiert ist und nur in chinesischer Sprache antwortet. Wenn ein Gesprächspartner beispielsweise nur über Fußballspielen und der andere nur über Mode reden möchte, kann es sein, dass dieses Paar keine gemeinsame Software für eine Unterhaltung findet und demzufolge Probleme bekommt, die in eine Frustration und letztendlich sogar in eine Depression (Krankheit) ausarten. Wir können die Software des Computers mit dem Wissen, also der Wissenschaft und ihren Teilgebieten, oder genauer mit der geistigen kognitiv-informativen Ebene des Menschen vergleichen.

  • Das Netzwerk, an das der Computer angeschlossen ist, muss intakt sein, damit man Updates und die neueste Antivirensoftware herunterladen kann. Es wäre übrigens auf Dauer ziemlich langweilig, einen Computer, aber keinen Internetanschluss zu haben. Auch Menschen müssen sich updaten und sozusagen Daten und Gefühle austauschen können. Um beispielsweise einen Rat zu erbitten, brauchen Sie einen Kreis aus Bekannten und Spezialisten, bei denen Sie sich bei Bedarf Rat, Hilfe und Unterstützung holen können. Auch das ist individuell wieder sehr unterschiedlich. Der eine wird es leichter auf einer einsamen Insel aushalten, während es dem anderen dort schnell sterbenslangweilig würde. Darüber hinaus kommt selbstverständlich auch der direkten Umgebung, sozusagen dem Arbeitsplatz, eine wichtige Rolle zu. Würde der Computer beispielsweise in einem feuchten Raum stehen, wo Kondenswasser von der Decke heruntertropft, käme es schnell zu Störungen. Wenn ein Mensch sich nicht mit seinen Arbeitskollegen versteht oder seine Arbeit überhaupt nicht gerne macht, vielleicht auch überfordert ist, wird er in diesem Arbeitsklima auf Dauer krank werden. Wir können das Netzwerk des Computers mit dem Wissen im sozialen Netzwerk, in dem sich der Mensch befindet, vergleichen.

  • Der Benutzer des Computers muss sich logischerweise sowohl mit dem Computer als auch mit der Software soziales Netzwerkauskennen. Es sei aber extra betont, dass sich der Benutzer außerhalb des Computers befindet! Der beste Computer und die neueste Software sind eigentlich nutzlos für jemand, der nicht mit dem Computer umgehen kann oder sich nicht mit der Software auskennt. Auch ein Mensch muss sich also mit seinem Körper (Computer) und dem Wissen (Software) auskennen, das er braucht, um beispielsweise in der Arbeit, in der Familie, im Sportclub existieren zu können. Er muss also auch die Sprache und die allgemeinen Regeln kennen sowie über das nötige Fachwissen verfügen. Wir können den Benutzer des Computers mit dem individuellen Verständnis (sich auskennen), mit dem Subjektiven, das ich als die seelische Ebene des Individuums bezeichnen möchte, vergleichen.

Die klassische Medizin hat sich besonders auf den Bereich der Hardware spezialisiert, in dem sie sich auch ein enormes Können und Wissen angeeignet hat. Dieses Wissen wird zunehmend digitalisiert und mess- bzw. reproduzierbar gemacht.
Trotzdem finde ich es sehr schade, dass alle anderen Bereiche (Stromversorgung, Software, Netzwerk und Benutzer) manchmal eher stiefmütterlich behandelt und als psychosomatisch abgetan bzw. manchmal sogar ignoriert werden. Den Menschen in seiner Ganzheit zu untersuchen und zu behandeln, weil diese Faktoren bzw. Ebenen sich unmissverständlich gegenseitig beeinflussen, muss man daher als wichtigste Aufgabe der Medizin und Therapie betrachten (Abb. 3.3).
Es sei daran erinnert, dass wir bereits im ersten Kapitel auf eine ganzheitliche Betrachtung des Menschen gedrängt und ein ganzheitliches (osteopathisches) Behandlungsmodell vorgeschlagen haben (Kap. 1.19). Es wäre äußerst wünschenswert und begrüßenswert, wenn auch die klassische Medizin diesen Weg einschlagen und die Individualität des Menschen in ihren Denkrahmen integrieren würde!

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