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Interaktion von psychologischen und physiologischen Reaktionen als Basis für ein Verständnis der Selbstheilungskräfte

Viszerale und nozizeptive Afferenzen scheinen die Transmissionszellen im Hinterhorn des Rückenmarksegments zu stimulieren, dadurch die Schmerzschwelle abzusenken und eine Überflutung dieses Segments zu ermöglichen.

Periphere und zentrale Sensibilisierung

Divergenz der Nozizeption und somato- bzw. viszerosensorische Afferenzen

Verschiedene Kommunikationssysteme und ihre Signalstoffe

Lineare IRAK-Kette Irritation-Regulation-Adaptation-Kompensationskette aus linearer Sicht

(Dank an Dr. Wühr für die Idee zu dieser Darstellung) [1]

Nicht-lineare IRAK-Kette. Stark vereinfachte Darstellung der nicht-linearen Kopplung von Irritationen (Irr) – Regulationen (R) – Adaptationen (A) – Kompensationen (K). Stellen Sie sich dieses Netzwerk bitte dreidimensional und viel größer vor!

(Dank an Dr. Wühr für die Idee zu dieser Darstellung) [1]

Kaskade einer Krankheitsentwicklung

Jeder trägt sein Päckchen. Je nach Zahl und Größe der Päckchen werden die Homöostase und der Gesundheitszustand eines Menschen belastet.

Die Vier-Einheit des Menschen

Aufspaltung der Osteopathie bzw. Medizin in dualistische Ansätze, die nach dem Prinzip sowohl als auch überwunden werden sollen!Empathie

Tab. 2.1
Mechanistischer Ansatz Vitalistischer Ansatz
Eingreifen Geschehenlassen
Stahl-Strahl-Chemo Selbstheilung
Anpacken, relativ hart Entfalten, relativ weich
Chemie, Mechanik, Physik Metaphysik, Psychologie, Philosophie
Pathogenese, Nosologie Salutogenese
wissenschaftlich, evidence-based empirisch
die Tablette, Technik der Weg
Korrektur von außen Korrektur von innen

Osteopathische Grundprinzipien im historischen und modernen Kontext

Entwicklung und Identitätskrise der Osteopathie

A. T. Still (1828–1917), der Begründer der Osteopathie, war nicht nur Arzt, sondern hatte auch ein Ingenieurdiplom der Agricultural and Mechanical Association erworben. Er lobte den Erfindergeist und entwickelte selber einige Maschinen für die Landwirtschaft. In seiner Anfangsperiode als Mechanist verglich er den menschlichen Körper mit einer wunderbaren Maschine: Ich denke, dass es ein großer Fehler ist, den Menschen nicht als Maschine zu betrachten – als letzte, beste und nicht nur gute, sondern sehr gute Maschine –, als Produkt des größten architektonischen Mechanikers des Universums – Gott. [] Osteopathie ist eine Wissenschaft, die meiner Meinung nach nur auf mechanischer Basis erklärt werden kann (Still 2002, S. 485). Ich begann mit dem menschlichen Körper zu experimentieren, so wie es ein Meistermechaniker machen würde, wenn er eine Maschine überprüft (ebd., S. 483).
Littlejohn schrieb, dass dislozierte Wirbel, falsch rotierte Rippen, gekippte und rotierte Beckenknochen und ähnliche Zustände bei vielen Krankheiten festgestellt würden und dass ihre mechanische Korrektur die Krankheit erfolgreich geheilt hätte (Littlejohn 2009). Die Frage nach einer Definition der Osteopathie:mechanistische DefinitionOsteopathie wurde anfangs von ihren Begründern eher mechanistische Definition:Osteopathiemechanistisch beantwortet, was sich aber nur im historischen Kontext begreifen lässt.
Im 19. Jahrhundert machten die exakten Naturwissenschaften mit Physik und Chemie exponentiell starke Fortschritte und verdrängten den Idealismus und die Romantik. Seit den Zeiten von Descartes und De La Mettrie wurden Mensch:als MaschineMensch und Tier als Maschine dargestellt, mit Muskeln und Gelenken als Hebelsystemen und dem Herzen als Pumpe, und Mediziner sahen sich als Iatromechaniker (mechanistischen Mediziner) (Gloy 1996). Durch die industrielle Revolution waren Menschen im Takt der Maschinen zu einer neuen gesellschaftlichen Kraft geworden, und der Glaube an Wissenschaft und Technik kannte keine Grenzen. Die moderne Industrialisierung forderte aber auch zunehmend ihren Preis; Armut, die Zerstörung von Landschaften, Slums in den Städten, stinkende und gefährliche Abwässer usw. sorgten für bittere Enttauschungen.
Das mechanistische Weltbild beruhte auf mathematisch-chemischen Grundfaktoren wie Materie (Atome), Raum (Geometrie) und physikalischen Kräften; man möchte die Natur technisieren. Trotz dieser Technisierung:der NaturTechnisierung ließ sich aber die lebendige Natur mit ihren eigenständigen Kräften nicht erklären, daher tauchten immer wieder vitalistische und holistische Ideologien auf. Sogar Darwin gab zu, dass die absolute Wahrheit für die Wissenschaft unzugänglich sei, was ihm viel Kritik einbrachte.
Vorstellungen über die Einheit und Ganzheit des lebendigen Organismus haben sich immer wieder seiner Zerstückelung in Teile widersetzt. Sie blühten auch in der Osteopathie wieder auf, sodass sich die Sprache des Begründers der Osteopathie:vitalistische SichtweiseOsteopathie im Laufe seines Lebens zunehmend von einer reduktionistisch-mechanistischen zu einer vitalistischen vitalistische Sichtweise:OsteopathieSichtweise änderte. Still entwickelte sein Gesetz der Arterien, suchte nach den Ursachen von Krankheiten und entdeckte vitalistische Selbstheilungskräfte in den Flüssigkeiten des Körpers. Sutherland, der den wissenschaftlichen Vitalismus von Still weiterentwickelte, suchte nach dem unsichtbaren flüssigen Licht oder elektrischen Saft in den Körperflüssigkeiten. Er definierte den Atem des Atem des LebensLebens (Breath of Life) als treibende Lebenskraft, die mehr als nur einfach eine Übertragung von elektrischen Impulsen beinhalte (Kap. 4.8, 4.9 und 4.10Kap. 4.8Kap. 4.9Kap. 4.10).

Entwicklung in den USA

Trowbridge schildert die ernsthafte Identitätskrise der Osteopathie in Amerika im 20. Jahrhundert (Trowbridge 2002). Amerikanische Osteopathen praktizieren (als D. O. – Doctor of Doctor of Osteopathy:(D. O.)Osteopathy) zunehmend auf allen ärztlichen Gebieten inkl. Chirurgie und setzen dabei vor allem auf Medikamente und Konformität mit medizinischen Curricula. Die Handarbeit als wichtiges medizinisches Instrument bei der Diagnosestellung und Behandlung verschwindet laut Trowbridge zunehmend aus der amerikanischen Osteopathiepraxis. Sie kritisiert, dass sich die amerikanischen Osteopathen bereits vor langer Zeit dem politischen und sozioökonomischen Anpassungsdruck gebeugt und durch die Entwicklung der Pharmakologie ihre Einzigartigkeit verloren hätten. Die Schlacht um Anerkennung als echte Ärzte beherrscht offenbar den ganzen osteopathischen Berufsstand in Amerika.
Tempelhof gibt zu bedenken, dass in den USA weniger als 10 % der amerikanischen Osteopathen mit dem Grad D. O. überhaupt noch die manuelle osteopathische Medizin ausüben (Tempelhof 2009). Die übrigen über 90 % beschäftigten sich nur noch mit konventionellen schulmedizinischen Methoden.
Lee zufolge macht die amerikanische Osteopathie eine Identitätskrise durch, da inzwischen essenzielle Elemente der von Still formulierten Philosophie in der offiziellen Definition der Osteopathie fehlen (Lee 2009). Ein Komitee der American Osteopathic Association hat 2002 folgende Grundsätze der Osteopathie vorgeschlagen, die ermutigend sind, obwohl wichtige Konzepte von Still weiterhin fehlen (Lee 2009):
  • 1.

    Eine Person ist das Produkt dynamischer Interaktionen zwischen Körper, Geist und Seele.

  • 2.

    Eine diesen dynamischen Interaktionen innewohnende Eigenschaft ist die Fähigkeit des Einzelnen, seine Gesundheit zu erhalten und sich von Krankheiten zu erholen.

  • 3.

    Viele Kräfte (sowohl von außerhalb wie innerhalb der Person) können diese Fähigkeit anfechten und zum Entstehen von Krankheit beitragen.

  • 4.

    Der Bewegungsapparat hat signifikanten Einfluss auf die Fähigkeit des Einzelnen, diese innewohnende Fähigkeit wiederherzustellen und somit dem Krankheitsprozess zu widerstehen.

Entwicklung in Europa

In Europa gibt es sowohl ärztliche als auch nicht-ärztliche Osteopathen, wobei die nicht-ärztlichen Osteopathen meistens als Hands-on-Hands-on-TherapeutenTherapeuten bezeichnet werden. In Deutschland handelt es sich hierbei hauptsächlich um spezialisierte Physiotherapeuten, Rolfer und Heilpraktiker, die nach Bewegungseinschränkungen im weitesten Sinne des Wortes, also nicht nur nach Beweglichkeitsstörungen der parietalen, kranialen und viszeralen Gelenke, sondern auch der myofaszialen Strukturen und der neurovaskulären (arterio-veno-neuro-lymphatischen) Leitungsbahnen suchen. Es kann durchaus vorteilhaft sein, dass nicht-ärztliche Osteopathen von Anfang an gelernt haben, als Handarbeit sogenannte Weichteiltechniken, Mobilisationen, Bindegewebsmassagen, venolymphatisch-pumpende Handgriffe, Muskel-Energie-Techniken usw. anzuwenden und dazu noch genügend Zeit für ein einfühlsames Gespräch und Fürsorge mitzubringen.

Ausblick

Es bleibt zu hoffen, dass sich in Europa aus der einzigartigen Situation, dass die Osteopathie sowohl durch Ärzte als auch durch Therapeuten ausgeübt wird, eine sinnvolle, sich gegenseitig befruchtende und ergänzende Zusammenarbeit herauskristallisiert! Ein Gehirn kann eben nur neue Ideen ausbrüten, wenn es von anderen Gedanken befruchtet wird. Ich hoffe, dass wir damit die Bedeutung von D. O. als dig on (weitergraben) im Sinne von Still umsetzen werden.

Zusammenarbeit in der Osteopathie

Still glaubte, dass nichts das tastende Erforschen und Analysieren der Qualitäten des Gewebes ersetzen könne. Ein Physiotherapeut kann da beispielsweise auf sein jahrelanges Palpationstraining Palpationstrainingzurückgreifen, durch das er gelernt hat, sein Tastempfinden zu üben, seinen Händen zu vertrauen und demzufolge die lebendige Anatomie mittels Palpation zu erforschen.
Selbstverständlich können aber nicht alle anderen diagnostischen Verfahren (diagnostische Verfahren:Palpationwie Röntgen, Ultraschall, Blutbild) durch das Abtasten mit der Hand ersetzt werden. Ärztliche Osteopathen sind wiederum im theoretisch-physiologisch-biochemischen Bereich im Vorteil, da sie Kenntnisse über pathologische und chemisch-histologische Veränderungen, über das Auswerten von Labortests usw. erworben haben, sodass Ärzte und Therapeuten sich gegenseitig ergänzen können. Weil die Zeit und auch die Osteopathie nach A. T. Still selbstverständlich nicht stillstanden, wären sowohl ein konstruktiver Dialog als auch eine Besinnung auf das Wesentliche, nämlich den Patienten, wünschenswert!

Was heißt osteopathische Behandlung?

Was genau zeichnet nun aber eigentlich einen Osteopathen aus?
Still definierte Osteopathie Osteopathie:Definition nach Stillals Chirurgie von einem physiologischen Standpunkt aus: Der osteopathische Chirurg benutzt das Messer des Blutes, um das Messer aus Stahl zu vermeiden (Still 2002).
Osteopathie scheint eine besondere Form der manuellen Medizin zu sein, aber eben auch eine Art körpertherapeutischer Arbeit und sogar ein philosophisches Zwiegespräch zwischen Patient und Therapeut darzustellen. Im Brockhaus-Kalender Gesund & Fit 2009 wird Osteopathie Osteopathie:Detektivarbeit am Körperinteressanterweise als Detektivarbeit am Körper bezeichnet. So heißt es dort, dass alles mit allem verbunden ist, was bedeuten soll, dass Schmerzen nicht immer da entstehen müssen, wo man sie wahrnimmt. Als Aufgabe der Osteopathie wird angegeben: herausfinden, wie Schmerzsymptome im individuellen Fall verursacht werden.
Sutherland zufolge besteht die Technik der Osteopathie Osteopathie:Technik nach Sutherlandin einer intelligenten Anwendung des taktilen Empfindens und der propriozeptiven Sinne, mit denen wir das relevante Problem im Körper des Patienten aufspüren (Sutherland 2004). Laut Stone gibt es zwar Gemeinsamkeiten zwischen der Osteopathie und anderen Therapieformen, doch diese Therapieformen würden von den Anwendern, Patienten, Gesetzgebern und anderen medizinischen Berufen anders bewertet (Stone 1999). Selbst innerhalb der Osteopathie gebe es mehrere Wege, eine Struktur oder ein Gewebe zu therapieren. Stone vermutet sogar, dass dieselben Patienten von verschiedenen Osteopathen auch anders behandelt werden. Zu Recht stellt sie daher die Frage, wie man wissen kann, was Osteopathie ist und welche Anwendung sich am besten eignet, wenn jede Anwendung unterschiedlich ist (Stone 1999).
Auch Sutherland gab an, dass osteopathische Behandlungen osteopathische Behandlungen:unterschiedliche Artenauf viele Arten durchgeführt werden, seitdem Dr. Still sie zum ersten Mal lehrte (Sutherland 2004).
Für Hartmann besteht die gesundheitspolitische Bedeutung der Osteopathie darin: Eine umfassende und in sich geschlossene Medizinphilosophie [zu sein], welche den Menschen bei allen Beschwerden in seiner individuellen Gesamtheit berücksichtigt (zit. aus Magoun 2007).
Es lässt sich also weder eindeutig noch schnell auf die Frage nach der Bedeutung und Definition der Osteopathie antworten. Es erscheint daher sinnvoll, mit einer Beschreibung der Basisprinzipien der Osteopathie Osteopathie:BasisprinzipienBasisprinzipien der Osteopathieden Anfang zu machen.
Still hat wichtige Wahrheiten entdeckt, die für Osteopathen von entscheidender Bedeutung sind, hat diese Wahrheiten aber in der typischen Begrifflichkeit seiner Epoche formuliert. Deshalb müssen wir sie sozusagen neu entdecken, interpretieren, integrieren und auch ergänzen. Von diesen Basisprinzipien Basisprinzipien:nach Stillausgehend, können wir versuchen, ein (hoffentlich neutrales) lebendigeres Bild der Osteopathie zu vermitteln und die Identitätskrise der Osteopathie zu beenden.
Still baute seine Osteopathie auf grundlegenden Prinzipien auf, die wir nachfolgend eingehend besprechen werden:
  • Selbstheilungskräfte

  • Suche nach der Ursache

  • Das Konzept von Struktur und Funktion

  • Der Körper arbeitet als totale Einheit

  • Das Gesetz der Arterien

Selbstheilungskräfte

Selbstheilungskräfte aus historischer Sicht

SelbstheilungskräfteStill verzweifelte schier an den katastrophalen Heilerfolgen der damals gebräuchlichen Medikamente, die sehr unspezifisch waren und die er als Drogen bezeichnete: Die Welt wäre besser gewesen – zumindest ein kleines bisschen besser –, wenn es niemals die Medikation gegeben hätte. [] Ich sah mich mit dem Beweis konfrontiert, dass Medikation nicht nur unglaubwürdig, sondern auch gefährlich war. (Still 2002, S. 483) Trotz der unheilbaren Seuchen und der Machtlosigkeit der damaligen Medizin ließ sich Still nicht davon abbringen, spiritualistisch das Unerkennbare oder das Absolute in der Natur und im menschlichen Körper zu sehen.
Obwohl er den menschlichen Körper zuerst noch als Maschine darstellte, betrachtete er ihn trotzdem von Anfang an als so komplex, dass es nicht ausreichen würde, einfach einen Hebel umzulegen, um ihn zu reparieren. Still glaubte an die Vollkommenheit des menschlichen Körpers und setzte manipulative Techniken (medikamentenfreie Handarbeit am Körper) dazu ein, die Heilungskräfte der Natur zu befreien.
Der Osteopath sucht die Ursache, entfernt das Hindernis und lässt das natürliche Heilmittel – das arterielle Blut – den Arzt sein, war seine Devise (Still 2002, S. 488). Bei dieser Sichtweise spielten wahrscheinlich unter anderem die Schriften des Hippokrates (460–370 v. Chr.) eine Rolle, der die natürlichen Kräfte als Selbstheilung Selbstheilungskräfte:nach Hippokratesvon Krankheiten Krankheiten:Selbstheilungskräfteund Krankheitssymptome als das Bestreben des Körpers ansah, kranke Körpersäfte unschädlich zu machen und diese auszustoßen. Schon Hippokrates empfahl dazu eine sorgfaltige Beobachtung, Befragung und Untersuchung des Patienten!
Darüber hinaus stützte sich Stills Auffassung auch auf die Evolutionstheorie von Darwin und die Arbeiten von Spencer, denen zufolge sich die natürlichen Selektionskräfte Selektionskräfte:natürlichedurch innere Anpassungen des Organismus an seine Umgebung, also durch sogenannte innere Selbstheilungsprozesse, äußern. Auch der Spiritualismus als Versuch, Religion und die Suche nach der Seele mit Wissenschaft zu verknüpfen, und der Methodismus von J. Wesley (1703–1791) haben Still unverkennbar beeinflusst. So gaben Spiritualisten an, dass der alles durchdringende Geist von Gott und das universelle Gesetz alle lebenden Dinge bestimmten, damit sie zum Guten und zur Vervollkommnung drängten (Trowbridge 2002). Die Methodisten betrachteten die damals gerade entdeckte Elektrizität als Seele des Universums, die als eine Art Feuer das Blut im menschlichen Körper in Wallung brächte. Auch die Phrenologen sahen Gott als den Architekten, der, als er den Menschen schuf, ein wundervolles und selbsterhaltendes Werk geplant hatte (Kap. 1.5).
Still war überzeugt, dass Gott die menschliche Maschine auf wunderbare Weise mit einer Apotheke Gottes Apotheke Gottes:menschlicher Körperausgestattet habe, die bereits alle notwendigen Heilmittel der Natur im Körper Körper:als MaschineKörper:als Apotheke Gottestrage. Die Kunst der Osteopathie besteht laut Still darin, die Selbstheilungs- und Regulierungskräfte der Natur im Körper anzuregen und freizusetzen, um seine Gesundheit zu gewährleisten. Gott habe alles bereitgestellt, was für ein reibungsloses Funktionieren der menschlichen Maschine nötig sei. Letztendlich strebe alles nach Perfektion durch Evolution, also auch der menschliche Körper.
Lebenskraft und Breath of Life
Der deutsche Anatom J. F. Blumenbach (1752–1840) sprach vom Bildungstrieb als treibender Kraft, die nicht nur für die Zeugung und Ernährung, sondern auch für Heilungsprozesse zuständig wäre. Die Theorie von einer edlen Lebenskraft Lebenskraftgewann im 18. Jahrhundert und Anfang des 19. Jahrhunderts stark an Popularität.
Der deutsche Arzt C. W. Hufeland (1762–1836) war Vitalist. Wie Leibniz (Kap. 1.3.3) und Swedenborg (Kap. 1.6.1) rechnete er die Lebenskraft zu den allgemeinsten, unbegreiflichsten und gewaltigsten Kräften der Natur, deren Eigenschaften er ausführlich beschrieb. Hufeland hielt die Lebenskraft, die alles erfüllt und bewegt, für den Urquell, aus dem alle Kräfte der physischen, vornehmlich der organischen Welt herausfließen. Sie sollte sogar das Licht, die elektrische und magnetische Kraft übertreffen, mit denen sie übrigens am nächsten verwandt zu sein schien (Hufeland 1978). Still und Sutherland verstanden in diesem Zeitgeist die Osteopathie als wissenschaftlichen Vitalismus und betrachteten den Atem des Lebens Atem des Lebens(Breath of life) Breath of life:als Lebenskraftals treibende Lebenskraft.Lebenskraft:Breath of life

Anmerkung

Wirklich schade, dass heutzutage nur noch wenige Wissenschaftler ernsthaft über Lebenskraft oder Lebensenergie publizieren. Diese Begriffe werden leider häufig mit Skepsis gesehen und in die esoterische Schublade gesteckt.

Still zufolge sind Anatomie und Physiologie grundlegende Teile im Leitfaden des Erbauers, die der Osteopath studieren und mit den Plänen und Vorgaben der Natur vergleichen muss. Der Osteopath wird die Maschine wie ein Ingenieur wässern, befeuern und anspringen lassen. Die Natur wird dann alles Weitere erledigen.
Still teilte die Sichtweise von C. Bernard, der in seiner Beschreibung der Homöostase Homöostaseangab, dass allen äußeren Faktoren, die diesen inneren Gleichgewichtszustand zu Gleichgewichtszustand:innererändern versuchten, durch physiologische Mechanismen entgegengewirkt würde. Die medikamentenfreien Therapie stand aber in erheblicher Distanz zur damaligen klassischen Medizin. Im 20. Jahrhundert ist diese manipulative Therapie in Amerika anscheinend von der klassischen Medizin zunehmend ignoriert und weitestgehend verbannt worden (Trowbridge 2002).
Littlejohn (1865–1947) betonte, dass der Osteopath nicht heilt, sondern nur entsprechende Rahmenbedingungen schafft, damit die Lebenskraft Lebenskrafteinwirken kann. Er hob hervor, dass die Lebenskraft hinter der Struktur der Materie und der materiellen Funktionalität des Organismus verborgen liege (Littlejohn 2008). Es würde daher keine Korrektur zum Normalen, sondern zum Individuellen durchgeführt! Sutherland (1873–1954) entwickelte etwa zeitgleich die Theorie der Selbstheilungskräfte Selbstheilungskräfte:nach Sutherlandweiter und stellte sich die Frage, wenn eine innere Kraft Änderungen im Körper bewirke, müsste man diese Kraft der Gezeiten eigentlich auch therapeutisch nutzen können. Diese Kraft verfüge über eine Art Intelligenz, den sogenannten Atem des Lebens, die man ohne Anwendung von Gewalt nur zu lenken wissen müsse. Diese unsichtbare Macht besitzt eine inhärente, intelligente, treibende Kraft, Läsionen korrigieren zu wollen.
Sutherland lernte den Punkt aufzusuchen, an dem der Gezeitenmechanismus Gezeitenmechanismusabwartet bzw. innehält, weil die Wellen weder anfluten noch abebben. Es ist ein Punkt zwischen den Wellen, sozusagen ein rhythmischer Balancepunkt oderBalancepunkt:rhythmischer Still-point (Still-point:GezeitenStillstands- oder Stillpunkt; Stillpunkt\t\"Siehe Still-pointKap. 4.11). An diesem Punkt soll laut Sutherland ein Austausch zwischen allen Körperflüssigkeiten stattfinden. Durch diesen stillen Punkt kann man das Anschwellen der Gezeiten, die Entwicklung der inhärenten Macht, das Überspringen des Funkens verstehen lernen (Kap. 4.7). Sutherland zufolge besitzt nur die Stille der Gezeiten diese Macht, nicht die stürmischen Wellen, die sich an der Küste brechen (Sutherland 2004). Er versuchte, die Geheimnisse der Natur zu ergründen und forderte Osteopathen dazu auf, das Prinzip des Lebens (beispielsweise auch die gerade neu entdeckte Elektrizität) zu studieren und Kritik im wissenschaftlichen Sinne zu üben: Ich möchte, dass Sie dieses unsichtbare flüssige Licht betrachten oder dass Sie den Atem des Lebens als eine Art Wetterleuchten und als eine Transmutation verstehen; ein Wetterleuchten durch die Nerven hindurch, ohne dass das Kupferrohr – der Nerv – berührt wird (Sutherland 2004, S. I-43). Still habe sein Bestes getan, um in dieses Phänomen einzuführen, aber die Osteopathen seien wohl noch nicht dazu bereit gewesen. Sutherland empfiehlt ihnen: Das Ziel mit Ihren Patienten ist, den Weg zu einem gesunden Funktionieren des Mechanismus, den sie zu Ihnen mitbringen, zu finden. Sie brauchen das perfekte mentale Bild, um sich führen zu lassen, aber es ist nicht vorteilhaft, das Ideal diesem Kopf, den Sie vorfinden, aufzwingen zu wollen. [] Darauf fand ich, dass, wenn ich den Weg nach unten verließ, etwas im Kopf passiert, dass die Verbindung zwischen dem Sacrum und der normalen Fluktuation der Tide aufzeigt. Mein Wissen vergrößerte sich; es war nicht einfach nur Information (Sutherland 2004, S. I-20–21). Er äußerte sich zudem philosophisch: Am Plexus choroideus findet ein chemischer Austausch statt. Dadurch werden wir Osteopathen zum Apotheker im Gehirn, der das Rezept ausfüllt (ebd., S. I-117).
Nur aus diesem sich stark wandelnden Zeitgeist lässt sich teilweise nachvollziehen, warum Osteopathen peu peu ihre anfänglich stark mechanistisch-geprägte Einstellung ablegten und beispielsweise bemerkten, dass die alleinige Manipulation eines Gelenks nicht sehr erfolgversprechend ist: Das Prinzip der Osteopathie besteht nicht aus einer Regulierung der Knochen, sondern aus einer Regulierung des Körpers, erklärte Littlejohn (2008).
Ridley untersuchte mit Flüssigkristallstreifen die Hauttemperatur an der Wirbelsäule (Ridley 2006). Weil sich in der Hauttemperatur die Hauttemperatur:UnterschiedeFunktion des neurovegetativen Nervensystems widerspiegelt, deuten Unterschiede der Hauttemperatur entlang der Wirbelsäule auf vasomotorische Störungen hin.vasomotorische Störungen:Hauttemperatur-Unterschiede Bei derartigen Asymmetrien führte ein erfahrener Therapeut spinale Manipulationen durch, bevor dann nach einer Anpassungszeit erneut die Temperaturunterschiede entlang der Wirbelsäule untersucht wurden. Völlig überraschend stellte sich dabei heraus, dass Interventionen an der Wirbelsäule durch erfahrene Therapeuten manchmal eine größere vasomotorische Kohärenz, aber manchmal auch eine signifikante autonome Unordnung auslösen. Ridley betonte, dass es weder möglich sei, Kontrolle auszuüben noch vorherzusagen, ob eine therapeutische Intervention erfolgreich sein wird. Er propagierte daher, die Kraft des respiratorischen Mechanismus, dierespiratorischer Mechanismus:als heilende Kraft den Körper gebaut hat, auch den Körper heilen zu lassen.
Die Naturopathy vertritt wie die Osteopathie die Philosophie, durch natürliche Methoden und durch Unterstützung der inhärenten Selbstheilungskräfte desSelbstheilungskräfte:NaturopathySelbstheilungskräfte:Osteopathie Körpers können Krankheiten geheilt oder die Gesundheit aufrechterhalten werden. Sie verwendet ein breites Spektrum an Techniken aus der Osteopathie, Manualtherapie, Homöopathie, Hydrotherapie, Akupunktur, Kräuterkunde, Aromatherapie, Ayurveda usw.
In England sind Naturopathy und Osteopathy laut Wikipedia und auch laut Stone eng miteinander verknüpft (Stone 1999).

Die Selbstheilungskräfte sind mehr als nur ein Placeboeffekt!

Was Placebo bzw. Nicht-Placebo ist, lässt sich sehr schwer definieren und mit Hilfe der Begriffe Spezifität bzw. Unspezifität (ohne spezifische Inhaltsstoffe, ohne spezifische Wirkung) nicht unterscheiden. Zu den Faktoren, die einen Placeboeffekt Placeboeffektvortäuschen können, gehören beispielsweise der natürliche Verlauf der Erkrankung, der unkritische Umgang mit anekdotischen (Einzel-)Fallberichten, irrelevante Prüfkriterien usw.
Nachdem Mitte des 20. Jahrhunderts der Anteil des Placeboeffekts auf bis zu 70 % geschätzt wurde, riefen diese Studien in den letzten Jahren Skepsis hervor. Hrbjartsson und Gtzsche führten eine Metaanalyse zur Effektivität von Placebobehandlungen durch (Hrbjartsson & Gtzsche 2001). Sie überprüften dabei 114 randomisierten Studien und fanden keinerlei Beleg dafür, dass Placebobehandlungen wirksamer als Nichtbehandlungen waren; daraus folgerten sie sofort, dass es keinen Placeboeffekt gäbePlaceboeffekt:Metaanalyse. Drei Jahre später unterzogen sie weitere 52 randomisierte Studien einer Metaanalyse und fanden ihre Auffassung nochmals bestätigt (Hrbjartsson & Gtzsche 2004).Placeboeffekt:Zuhören des Arztes

Anmerkungen

Einige Anmerkungen seien hier aber trotzdem erlaubt:

Kann ein Placebo überhaupt wirken, wenn der Patient selber nicht daran glaubt? Was löst den sogenannten Placeboeffekt eigentlich aus? Ist es wirklich nur die Tablette, wie diese Forscher meinen? Oder kann vielleicht auch das einfühlsame Gespräch, zu dem man sich Zeit nimmt, oder der zuhörende Arzt/Therapeut als Person (z. B. in der sog. Kontrollgruppe ohne Behandlung) einen Placeboeffekt haben?

Um es mit Grönemeyer zu sagen: Ein Arzt, der keinen Placeboeffekt bei seinen Patienten bewirkt, sollte lieber Pathologe oder Anästhesist werden (Grönemeyer 2003).

Brody und Brody bewerten schon das Zuhören eines Zuhören:PlaceboeffektArztes/Therapeuten gegenüber einem Patienten als Placebo (Brody & Brody 2000). Wenn Patienten ihre Geschichte erzählen können, scheint das Gefühl, dass ihnen zugehört wird, wie ein Schlüssel die Selbstheilungskräfte zu Selbstheilungskräfte:Zuhörenaktivieren und größeres Vertrauen zu erwecken.
Koenig et al. untersuchten an 4.000 über 65-Jährigen, ob zwischen körperlicher Gesundheit und individuellem Glauben ein Zusammenhang besteht, was sich interessanterweise bestätigte (Koenig et al. 1997).
Für die biologische Medizin lässt sich die wirksame Unwirksamkeit eines Placebos wissenschaftlich nicht belegen. Weil der Placeboeffekt immer dort entsteht, wo in der Medizin Randbedingungen festgelegt werden, verschwindet dieser Placebobegriff unter Berücksichtigung möglichst vieler Randbedingungen von selbst (Heine 1997).
Es scheint mir aber trotzdem sinnvoll und notwendig, die Bedeutungs-Erwartungs-Reaktion des Patienten bei psychisch-emotionalen Prozessen in der Psychotherapie, der Meditation, der Entspannung, der Visualisierung, des Copings usw. zu berücksichtigen. Empathisches Zuhören und Zeithaben sind durchaus eine wichtige Einstellung des Therapeuten, aber ich hoffe nichtsdestotrotz, dass sie mehr als nur einen Placeboeffekt aufgrund einer Bedeutungs-Erwartungs-Reaktion Bedeutungs-Erwartungs-Reaktion:Placeboeffektdarstellen.
Das ausführliche Erklären und Visualisieren der Krankheit bzw. einer Problematik und das Entwickeln positiver Perspektiven und Lösungsstrategien können meiner Meinung nach tatsächlich die Hoffnung wecken, auf einem besseren Weg zur Kontrolle der Krankheit bzw. Problematik zu sein, und damit zusätzliche Reserven beim Patienten freisetzen.
In den letzten Jahren ist in diesem Zusammenhang das Interesse an einem Neurotransmitter (Dopamin) gestiegen. Dass Nervenzellen Dopamin ausschütten, wenn eine baldige Belohnung bevorsteht, könnte man so deuten, als wollten die Gehirnzellen ihren Besitzer ermutigen, nicht noch kurz vor dem Ziel aufzugeben. Hat Dopamin demzufolge vielleicht etwas mit dem Placeboeffekt zu tun?
Durch den Glauben (z. B. anGlauben:und Placeboeffekt die Behandlung, den Behandler oder an sich selbst) und auch durch Meditation scheint der präfrontale Kortex stimuliert zu werden, der wiederum die Schmerzwahrnehmung bremsen könnte. Es braucht also eindeutig noch viele wissenschaftliche Studien, um die neurophysiologischen Mechanismen, die beim Placeboeffekt, beim Glauben oder bei der Meditation auftreten, besser zu verstehen.

Die Selbstheilungskräfte als Funktion der molekularen Sprache

Ohne die Wichtigkeit des Gesprächs und des Zeithabens für den Patienten schmälern zu wollen, wäre es einfach schade, die Selbstheilungskräfte nur auf Selbstheilungskräfte:Placeboeffekteinen Placeboeffekt, eine konditionierte Erwartungs-Bedeutungs-Reaktion oder eineErwartungs-Bedeutungs-Reaktion:Selbstheilungskräfte spirituelle Ebene zu reduzieren und darüber die wunderbaren inhärenten Regulationsmechanismen des Körpers zu vergessen.
Der Patient braucht meiner Meinung nach vor allem eine dreigliedrige Einstellung zu der gemeinsam erarbeiteten Behandlungsstrategie:
  • BehandlungsstrategieGlauben bzw. überzeugt sein, dass die Behandlungsstrategie sinnvoll ist: Ein motivierter Patient ist ein mutiger Patient!

  • Möglichkeiten und Erfahrungen mit dieser Behandlungsstrategie kennen (Wissen): Ein informierter Patient ist ein besserer Patient!

  • Fühlen, dass eine Behandlungsstrategie gut tut Behandlungsstrategie:Gesundheit findenund die Gesundheit unterstützt: Ein überzeugter und sensibilisierter Patient ist ein zufriedener Patient!

Krankheit kann jeder finden, und es ist die Aufgabe des Osteopathen, Gesundheit zu findenGesundheit finden:Osteopathen. Dazu sollte der Osteopath die große Runde unter den Wächtern machen und schauen, ob sie schlafen, tot sind oder ihre Posten verlassen und dem Feind damit erlaubt haben, in das Lager einzudringen. Er sollte alle Wachen besuchen. Bevor er aber auszieht, die Runde zu machen, sollte er wissen, wo sich alle Posten befinden, und er sollte den Wert der Versorgung, über die er verfügen kann, kennen, sei es nun Munition, Granaten, Essen, Kleidung, Waffen oder alles von Wert für die Kompanie oder Abteilung, hatte Still das richtige Vorgehen beschrieben (Still 2002, S. 330). Littlejohn hob hervor, dass es ohne ein Milieu, in dem die Mikroben Beute machen können, auch keine Krankheit gibt (Littlejohn 2009). In meinem vorigen Buch habe ich versucht, nach Stills Angaben eine große Runde unter den Wächtern (Abwehrzellen, humorale Faktoren und Körperflüssigkeiten) zu machen sowie die Grundlagen und Positionen (Lymphknoten, MALT, GALT, Milz) unserer Abwehrtruppen mit Wirkung auf die Selbstheilungsmechanismen im Selbstheilungsmechanismenlymphatischen und venösen System darzulegen (Meert 2007).
Man kann einen Teil unserer Gesundheit im venolymphatischen System und in den flüssigen Qualitäten unserer psychischen und seelischen Lebenseinstellungen wiederfinden. Die Durchsaftung des Bindegewebes und die Antriebskraft der Diaphragmen für die Körperflüssigkeiten mit allen darin enthaltenen humoralen Faktoren (Zytokine, Hormone, Neurotransmitter, Wachstumfaktoren) bilden eine Art molekular-chemische Sprache zur Kommunikation, die u. a. durch venolymphatische Pumptechniken angeregt Pumptechniken:venolymphatischewerden kann.

Fallbeispiel

Ich erinnere mich an eine Patientin, die sich am Schienbein verletzt hatte und deren offene Wunde nicht heilte. Nach dem manuellen Auflockern des umgebenden myofaszialen Gewebes und der Anwendung von venolymphatischen Pumptechniken verheilte die Wunde erstaunlich schnell, nach nur drei Behandlungen, sodass die geplante Hauttransplantation umgangen werden konnte.

Flindt beschrieb eindrucksvoll, wie oft die Zellen in Zellerneuerungverschiedenen Organen des Menschen ausgetauscht werden, was man selbstverständlich auch als Selbstheilung oder Selbstheilung:Reparatur von ZellenReparatur ansehen kann (Flindt 2003). Die meisten Zellen werden innerhalb von einem bis 120 Tagen erneuert. Nur im Nervensystem scheint es Jahre oder sogar Jahrzehnte zu dauern, bis eine Erneuerung stattfindet. Allerdings setzt diese Reparatur und Selbsterneuerung eine ausreichende Versorgung mit Nährstoffen voraus, sodass auch der Durchblutung eine zentrale Rolle zukommt.
Der übermäßige Einsatz von Antibiotika birgt gewisse Gefahren. Mims et al. geben an, dass der übermäßige und vor allem auch missbräuchliche Einsatz antimikrobieller Mittel erwiesenermaßen zur Selektion resistenter Stämme von Krankheitserregern führt (Mims et al. 2006). Auch die Bakterien werden immer neue Wege finden, wodurch immer mehr antimikrobielle Mittel unwirksam werden können.
Kelley weist darauf hin, dass andere physiologische Systeme im Körper nicht weniger wichtig für die Antikörperproduktion durch Antikörperproduktion:im KörperPlasmazellen werden, bloß weil man Antikörper außerhalb des Körpers (in vitro) produzieren kann (Kelley 2004). Kelley zufolge zeigte sich in verschiedenen Untersuchungen, dass das, was in einer Gewebekulturschale passiert, sich drastisch von dem, was in vivo passiert, unterscheiden kann!
Es ist beispielsweise außerordentlich spannend zu erfahren, dass jeder Neuropeptidrezeptor, der im Neuropeptidrezeptoren:im GehirnNeuropeptidrezeptoren:auf ImmunzellenGehirn gefunden wird, auch auf Immunzellen vorhanden ist. Darüber hinaus stellen die Immunzellen auch ImmunzellenBotenstoffe her, die Stimmungen oder Gefühle regulieren und Abwehrsystemund Gemütszustände im Gehirn kontrollieren (Pert 2007). Neuropeptide scheinen beispielsweise die Bewegungen und Wanderungen der Monozyten zu beeinflussen und können dabei auch die Blut-Hirn-Schranke überwinden. Abwehrzellen sorgen demnach nicht nur für die Abwehr, Wundheilung und Reparaturmaßnahmen, sondern beeinflussen auch unsere Gefühle. Auch der umgekehrte Weg gilt, nämlich dass unsere Gefühle Einfluss auf unser Abwehrsystem haben!Abwehrsystem:und Gefühle

Krankheits-/Gesundheitsmodell

Ich finde es interessant, Gesundheit als eine Interaktion zwischen folgenden Faktoren zu betrachten:

  • Psychologische Faktoren: Wie nimmt der Patient Stress auf und wie geht er damit um? Welche Möglichkeiten-Fähigkeiten hat der Patient, auf Stressoren zu reagieren?

  • Soziale Faktoren: Wie viel Stressbelastung ist der Patient ausgesetzt? Hat er eine intakte Familie? Hat er einen unterstützenden Freundeskreis? Hat er ein intaktes Arbeitsverhältnis?

  • Biologische Faktoren: Wie stark ist die Virulenz (krankmachende Aktivität) eines Krankheitserregers? Welche genetischen Veranlagungen hat der Patient? Wie gut ist das Abwehrsystem des Patienten? Wie viel bewegt sich der Patient? Wie ernährt er sich?

Viele Krankheiten entstehen multifaktoriell, und genetische Faktoren bilden dabei nur eine von vielen Komponenten. Es ist mittlerweile unumstritten, dass Umweltfaktoren Änderungen in der Aktivität der Gene verusachen können. Die Komplexität des Immunsystems lässt sich aber nicht nur genetisch umschreiben, sondern auch psychosoziale Faktoren und sogar intra- und interzelluläre Signale von Membranrezeptoren der Zellen können einen Beitrag zur Gesundheit oder Krankheit leisten.

genetische Faktoren:Krankheitpsychosoziale Faktoren:Gesundheitpsychosoziale Faktoren:Krankheit
Die Selbstheilungskräfte des Immunsystems
Lutgendorf und Costanzo betonen, dass eine belegbare Wirkung in Form einer Immunantwort noch nicht direkt beweist, dass man damit auch einen Effekt auf die Entwicklung der Krankheit erzielt hat (Lutgendorf & Costanzo 2003). Sie halten weitere Studien für notwendig, wobei Faktoren wie soziale Unterstützung, Copingstrategien oder physikalische Übungsschemata verändert werden sollten, um deren Effekte auf das Immunsystem zu untersuchen.
Bereits 1984 wurde die interessante Hypothese aufgestellt, das Immunsystem sei eigentlich eineImmunsystem:als Sinnesorgan Art Sinnesorgan (Blalock 1984)! Obwohl das Immunsystem nicht riechen, sehen, schmecken oder hören kann, ist es trotzdem fähig, die molekulare Maschinerie in Gang zu setzen und Mikroorganismen zu erkennen, die in den Körper eindringen. Bei dieser erstaunlichen Fähigkeit des Immunsystems spielen die Körperflüssigkeiten eindeutig eine Körperflüssigkeiten:und Immunsystembesondere Rolle, da die Abwehrzellen Signalstoffe (Zytokine) in die Körperflüssigkeiten ausschütten. Das Immunsystem alarmiert nicht nur Leukozyten, sondern informiert auch das Gehirn über dieses Geschehen, sodass uns eine systemische Immunreaktion bewusst wird und unter Umständen Krankheitsgefühle wie ein erhöhtes Schlafbedürfnis, körperliche Schwäche und Fieber auftreten.
Es ist spannend zu beobachten, wie in ein und derselben Zelle Wechselwirkungen zwischen Hormonen des endokrinen Systems und Zytokinen des Immunsystems stattfinden (Kelley 2004). Hinzu kommt noch, dass Botenstoffe des einen Systems Botenstoffeauch von Zellen des anderen Systems gebildet werden können. So kann beispielsweise ACTH (adrenokortikotropes Hormon) oder auch Acetylcholin von Zellen des Immunsystems produziert werden. Straub betont, dass die Zuordnung eines Botenstoffs zu einem System (Hormonsystem, Immunsystem, Nervensystem, Reparatur- oder Reproduktionssystem) nicht mehr eindeutig möglich ist und ständig neue Möglichkeiten der Interaktionen entdeckt werden (Straub 2006).
Ein Botenstoff kann demzufolge gleichzeitig ein Hormon, ein Zytokin, ein Neurotransmitter und/oder ein Reparatur-Reproduktionsfaktor sein!
Neben einer molekular-chemischen Kommunikation läuft auch noch eine mechanische, eine elektrische, eine elektromagnetische und eine elektrochemische Kommunikation zwischen den ZellenKommunikation:zwischen Zellen ab. Zu diesem Zweck verfügen die Zellen über antennenartige Rezeptoren, die diese Kommunikationssprachen sozusagen deuten-wahrnehmen und daraufhin Signale ins Innere der Zelle weiterleiten.
Zytokine als Kommunikationsmittel der Zellen
Man unterscheidet bei den Zytokinen folgende Untergruppen:
  • 1.

    Wachstumsfaktoren sorgen für die WachstumsfaktorenProliferation und Zelldifferenzierung: z. B. TGF (Transforming Growth Factor), G-CSF (Granulocyte-Colony Stimulating Factor), M-CSF (Macrophage-Colony Stimulating Factor), Fibroblast Growth Factor (FGF), Insulin-Like-Growth-Faktor (IGF) und andere.

  • 2.

    Interleukine (IL-1 bis IL-29) Interleukineaktivieren und inhibieren Leukozyten, die Apoptose, Entzündungen usw.

  • 3.

    Interferone: IFN- und IFN- Interferonewerden von Leukozyten freigesetzt, IFN- wird von Bindegewebszellen freigesetzt. Sie haben eine antivirale Wirkung, sind an allgemeinen Abwehrreaktionen (Soforttyp) beteiligt, bewirken eine Proliferationshemmung und eine Stimulierung des Immunsystems.

  • 4.

    Chemokine (CCL1 bis CCL28, ChemokineCXCL1 bis CXCL15, XCL1 bis XCL2, CX3CL1) sorgen als chemische Lockstoffe für Migration und Chemotaxis.

  • 5.

    Tumornekrosefaktoren: TNF- und - sind Tumornekrosefaktoren:(TNF)multifunktional und führen beispielsweise zur Apoptose oder sind an Entzündungen beteiligt. Sie werden eigentlich den Interleukinen zugerechnet.

Interleukin-1 (IL-1), Interleukin 6 (IL-6) und Tumornekrosefaktor (TNF-) können Entzündungen auslösen, Gelenkstrukturen zerstören und die Leber anregen, Akute-Phase-Proteine (z. B. C-reaktives Akute-Phase-ProteineProtein [CRP], Fibrinogen, Haptoglobin) auszuschütten. Der Transforming Growth Factor-beta (TGF-) spielt bei der Transforming Growth Factor-beta (TGF-<03B2>):WundheilungTransforming Growth Factor-beta (TGF-<03B2>):SklerosierungTransforming Growth Factor-beta (TGF-<03B2>):FibrosierungWundheilung eine Rolle. Wenn zu viel TGF- gebildet wird, TGF-<03B2>"\t""Siehe TRansforming Growth Factorführt es zur Fibrosierung und Sklerosierung und unterdrückt viele Abwehrzellen (NK-Zellen) sowie andere Abwehrmechanismen, die Krebszellen abtöten (Douwes 2007). Enzyme scheinen den TGF- Enzyme:Abwehrsystemebenfalls inaktivieren und demzufolge das Abwehrsystem stärken zu können.
Man entdeckt im Zuge der verstärkten chemischen Forschung zunehmend mehr Zytokine, wodurch natürlich das Verständnis ihrer Funktionen und Kommunikationsmöglichkeiten nicht nur für Immunologen, sondern auch für jeden Arzt und Therapeuten komplexer wird. Viele Fragen tauchen dabei auf, beispielsweise: Was bewirkt das betreffende Zytokin eigentlich genau und inwiefern ist es von seiner Umgebung abhängig? Haben manche Zytokine vielfältige Aufgaben? In welcher Reihenfolge führen verschiedene Zytokine zu welchen Antworten der Zellen? Wie viele unterschiedliche Rezeptoren müssen gleichzeitig erregt werden, um eine Reaktion der Zelle hervorzurufen?
Interaktionen zwischen Molekül und Rezeptor
Oschman weist darauf hin, dass es in einem Meer aus Molekülen ziemlich viel Zeit bräuchte, bis sich ein spezifisches Molekül (Effektor) zufällig mit dem richtigen Rezeptor zusammenfügt (Oschman 2006). Er meint deshalb, dass auch eine elektromagnetische Kommunikation (Bioresonanz) ohne Kommunikation:elektromagnetischedirekten Kontakt zwischen den verschiedenen Molekülen und Rezeptoren stattfinden muss, die sozusagen auf einer Koresonanz wie zwischen einem Radiosender und Empfänger beruht. Diese elektromagnetischen Wellen oder Schwingungen der Moleküle (molekulare SignaleMoleküle:elektromagnetische Signale) haben laut Oschman Frequenzen zwischen 20 und 20.000 Hz (Oschman 2006). Elektromagnetische Signale können große Reichweiten überbrücken und sind, wenn die Emissions- und Absorptionsspektren der Moleküle (Sender und Empfänger) übereinstimmen, auch gut zu empfangen.
Obwohl Lawrence und Adey bereits vor Jahrzehnten nachweisen konnten, dass elektromagnetische Impulse eine Wirkung auf biologische Gewebe ausüben können, werden die komplexen Wirkungsmechanismen noch nicht verstanden und sind in der medizinischen Fachwelt stark umstritten (Lawrence & Adey 1982). Weitere Untersuchungen sind hier unbedingt notwendig und wünschenswert.
Reinberger gibt an, dass Tumoren in einem ständigen Zwiegespräch mit ihrer Umgebung, also mit den umliegenden Zellen und dem interzellulären Bindegewebe, stehen (Reinberger 2007). Dieser Austausch könne die Aggressivität eines Tumors sowohl steigern als auch abmildern. Dabei scheinen die Umgebung und die Matrix drumherum den Ton anzugeben und Einfluss darauf zu haben, ob ein Tumor sich bösartig oder gutartig verhält.
Es scheint so, als würden das Immunsystem, das Wachstumshormon und der Insulin-Like-Growth-Faktor-1 (IGF1) mittels proinflammatorischer Zytokine (wie IL-6, IL-1, TNF) zusammenspielen, um das Zellwachstum und das Überleben der Zelle zu beeinflussen (Kelley 2004). Da IGF1 sehr aktiv im zentralen Nervensystem (ZNS) ist, vermutet man Zwiegespräche zwischen dem Immunsystem und dem ZNS. Die proinflammatorischen Zytokine induzieren darüber proinflammatorische Zytokine\t\"Siehe unter Zytokinehinaus das Krankheitsverhalten und beeinflussen noch andere Bereiche im Gehirn, die sowohl für das Empfinden von Lebensfreude und Lebensqualität als auch für den Umgang mit Schmerzen und für das Gedächtnis zuständig sind (Capuron & Dantzer 2003).
Eine Stimulation des N. vagus verhinderte laut Tracey die schädliche Wirkung der proinflammatorischen Zytokine, die experimentell eine Sepsis, Endotoxinämie, Ischämie, einen hämorrhagischen Schock, Arthritis und andere Entzündungssyndrome auslösten (Tracey 2007). Wie komplex die psychoneuroimmunologischen Wechselwirkungen sind, wird deutlich, wenn man sich überlegt, dass das cholinerge (parasympathische) Nervensystem über die Freisetzung von Acetylcholin (sog. cholinerg-antiinflammatorischer Weg) die Bildung von proinflammatorischen Zytokinen verringert und Entzündungsprozesse hemmt. Dabei Entzündungsprozesse:N. vagusEntzündungsprozesse:Acetylcholin-Freisetzungscheint aber, wie Van Der Zanden et al. überraschenderweise mitteilten, der N. vagus als Modulator der intestinalen Entzündung zu wirken (Van Der Zanden et al. 2009). Czura und Tracey meinen, dass manche Krankheiten eigentlich Ausdruck einer autonomen Dysfunktion sind (Czura & Tracey 2005).

Praktische Bedeutung

In aller Bescheidenheit halte ich es für weise, bei Krankheiten mehrgleisig zu verfahren und Behandlungsstrategien zu entwickeln, die neben sinnvollen Medikationen und einer weiteren Entschlüsselung von Krebsgenen auch eine Aktivierung der Selbstheilungskräfte (z. B. mit venolymphatischen Pumptechniken, Entspannungstechniken, kraniosakralen Techniken) und eine Stärkung des psychisch-seelischen Gleichgewichts (Aktivierung der Lebensfreude, Üben von Gelassenheit, Geborgenheitsempfinden usw.) propagieren.

In meinem Buch über das venolymphatische System sind einige interessante Untersuchungen zu den Wirkungsmechanismen der Pumptechniken angegeben (Meert 2007). Sicherlich sind dazu noch weitere Untersuchungen und wissenschaftliche Studien notwendig. Zudem habe ich die Hypothese geäußert, für das Immunsystem des Patienten könnten Bilder der verschiedenen Abwehrzellen (z. B. Makrophagen, Lymphozyten, Killerzellen) und Visualisierungsübungen zum Erklären der Abwehrmechanismen (z. B. Abwehrstoffe, die über Flüssigkeiten zum Ort des Geschehens gelangen müssen) interessant und sinnvoll sein.

Die magische Suche nach der Ursache

Kurativ versus palliativ

Selbstheilungskräfte:AktivierungBehandlungsstrategienAktivierung:der SelbstheilungskräfteHufeland unterschied bereits 1818 zwischen einer Behandlung der Ursachen (Behandlung:palliativeBehandlung:kurativeBehandlung:der UrsachenBehandlung:der Symptomekurative oder heilende kurative BehandlungBehandlung) und einer Behandlung der Symptome (palliative oder lindernde palliative BehandlungBehandlung) und betonte, dass man immer versuchen solle, eine ursächliche Behandlung anzuwenden (Hufeland 1993). Er unterteilte die Ursachen in weiter entfernte und naheliegende Ursachen aus ganzheitlicher Sicht und schlug vor, Präventivmaßnahmen zu ergreifen und Präventivmaßnahmenfolgende Faktoren beim Patienten zu berücksichtigen:
  • die individuelle physische Beschaffenheit des Organismus,

  • Anzahl und Stärke der Reize, die auf den Patienten einwirkten (Nahrungsmittel, seelische Einflüsse, Verdauung),

  • das Zusammenwirken der Organe,

  • die Lebenstätigkeit (Arbeit, Bewegung).

Er nannte diese Betrachtungs- und Behandlungsweise Makrobiotik oder die Kunst, das Makrobiotik:(Hufeland)Leben zu verlängern (Hufeland 1978).
Auch Still hat Osteopathen beauftragt, nicht nur Symptome zu behandeln, sondern das Augenmerk auf die großen Warums und die Ursachen der Symptome zu richten. So forderteSymptome:Suche nach der Ursache er: Finde und beseitige die Ursache, dann wird auch die Folge verschwinden. (Still 2002, S. 496)
Littlejohn betonte, dass Medizin eigentlich eine Wissenschaft und Kunst wäre, die sich primär auf die Vermeidung von Krankheiten und sekundär auf derenKrankheiten:primär VermeidungKrankheiten:sekundär Heilung Heilung richtet. Bezogen auf die Osteopathie schrieb er: Die Osteopathie:Vermeidung von KrankheitenOsteopathie verkennt nicht die Tatsache, dass es viele indirekte prädisponierende Ursachen gibt, die sich von den direkten Ursachen für Krankheit oder Krankheitszustände unterscheiden. Vererbung, Umwelt, insbesondere aus gesundheitlicher und hygienischer Sicht, unterschiedlichste Bazillen, Infektionskeime müssen hierbei ebenfalls berücksichtigt werden, da sie alle Funktionsstörungen hervorrufen und sowohl lokal wie auch systemisch eine Störung der Körpergewebe verursachen können. Die Osteopathie behauptet, dass sich hinter diesen Faktoren oft eine tatsächliche Krankheitsursache verbirgt. [] Krankheit wird nur insofern beseitigt oder überwunden, als eine anormale Struktur verschwindet, die eine Disharmonie im Körper hervorruft und eine normale funktionelle Aktivität verhindert. (Littlejohn 2009, S. 74–76).
Still sprach anfangs von der osteopathischen Diagnostik von Gelenkfunktionsstörungen und von einer osteopathische Läsion, aber auch Stills osteopathischen LäsionSichtweise entwickelte sich stetig weiter. So bezog er sich später weniger auf Gelenkfunktionsstörungen, sondern vielmehr auf den Druck, der eine funktionelle Störung unterhält. Das Aufspüren einer Hemmung der Blut- und Nervenfunktion sei die Aufgabe eines jeden, der die Ursachen durch Osteopathie ergründen und heilen Osteopathie:Ursachensuchewolle (Still 2002). Nachdem er zuerst nur an Knochen als Ursache einer Läsion gedacht hatte, gab er bald darauf an, dass auch Muskeln, Ligamente oder Eingeweide ursächliche Wirkungen entfalten könnten.

Die somatische Dysfunktion

Es obliegt jedem Osteopathen, sowohl Stills Ansichten als auch die modernen Sichtweisen und Erklärungsmodelle immer wieder neu zu überdenken, zu erfühlen und anzupassen. Weil das Aufspuren von Läsionen natürlich nicht nur Osteopathen vorbehalten ist, wird international seit 1976 der Begriff somatische Dysfunktion verwendet. Gemeint istsomatische Dysfunktion:Osteopathie damit: die abgeschwächte oder veränderte Funktion von Teilen des somatischen Systems (Skelett, Gelenke, myofasziale Strukturen) und den damit in Verbindung stehenden vaskulären, lymphatischen und neuralen Elementen (Ward 1997).
Praktisch bedeutet eine somatische Dysfunktion eine Einschränkung der Dysfunktion:somatische\t\"Siehe somatische DysfunktionMobilität von Gelenken, Muskeln und Faszien mit direkten Auswirkungen auf das benachbarte Gewebe und indirekten Auswirkungen, gemäß den Gesetzen der reflektorischen Adaptation, auf weiter entfernte Funktionen und Strukturen.
Korr untersuchte die neurologischen Mechanismen, die bei einer osteopathischen Läsion auftreten, und beschrieb eine osteopathische Läsion als fazilitiertes osteopathische Läsion:fazilitiertes SegmentSegment: It is concluded thatfazilitiertes Segment:osteopathische Läsion osteopathic lesion represents a facilitated segment of the spinal cord maintained in that state by impulses of endogenous origin entering the corresponding dorsal root. All structures receiving efferent nerve fibers from that segment are, therefore, potentially exposed to excessive excitation or inhibition. (Korr 1995, Vol. 1, S. 127)
In den darauffolgenden Jahren stellte sich dann heraus, dass einerseits Schmerzinformationen für eine periphere Nervensensibilisierung und eine lokale Entzündungsreaktion und andererseits sowohl afferente als auch efferente Informationen aus zerebralen Strukturen für eine zentrale Sensibilisierung des Rückenmarksegments sorgen (Kap. 2.3.10Rückenmarksegment:fazilitiertesRückenmarksegment:zentrale Sensibilisierung). Die osteopathische Läsion scheint also nicht nur das Gewebe, sondern auch (Immun-)Abwehrreaktionen, das Rückenmarksegment und sogar das Gehirn zu beeinträchtigen.
Eine somatische Dysfunktion wurde vom Educational somatische Dysfunktion:DefinitionCouncil on Osteopathic Principles (ECOP) der American Association of Colleges of Osteopathic Medicine (AACOM) 2009 trotzdem folgendermaßen definiert: Eine beeinträchtigte oder veränderte Funktion der zugehörigen Komponenten des somatischen (Körperskelett-)Systems: skelettaler, artikulärer und myofaszialer Strukturen und ihre zugehörigen vaskulären, lymphatischen und neuralen Elemente. Eine somatische Dysfunktion ist mit osteopathischer manipulativer Behandlung therapierbar. Die positions- und beweglichkeitsabhängigen Aspekte können am besten an Hand von mindestens einem von drei Parametern beschrieben werden:
  • Position eines Körperteils, wie durch Palpation vermittelt, in Bezug auf angrenzende Strukturen,

  • Richtungen, in denen die Beweglichkeit freier ist,

  • Richtungen, in denen die Beweglichkeit mehr eingeschränkt ist.

Kritische Anmerkung

Leider veranlasst diese Nomenklatur der somatischen Dysfunktion Osteopathen dazu, sich ausschließlich auf somatische Strukturen und die parietale Ebene (insbesondere die Blockierung) zu konzentrieren. Es besteht die Gefahr, den Menschen zu parietalisieren, dadurch die Stillsche Triunity des Menschen drastisch zu vernachlässigen und eine osteopathische Behandlung mit chiropraktischen Manipulationen zu verwechseln.

So sind beispielsweise die diagnostischen Kriterien zur Identifizierung einer somatischen Dysfunktion laut der AACOM:

  • Änderungen der Empfindlichkeit des Gewebes

  • Anormale Beschaffenheit des Gewebes

  • Asymmetrie und veränderte Qualität der Beweglichkeit

  • Asymmetrie und veränderte Quantität der Beweglichkeit.

Aber das Triunity des Menschen:(Still)somatische Dysfunktion:diagnostische KriterienECOP der AACOM definierte 2009 immerhin auch noch eine viszerale Dysfunktion folgendermaßen: Eingeschränkteviszerale Dysfunktion:Definition oder veränderte Mobilität oder Motilität des viszeralen Systems und der dazugehörigen faszialen, neurologischen, vaskulären, skelettalen und lymphatischen Elemente.
Eine Dysfunktion im kranialen Bereich wird von Dysfunktion:viszerale\t\"Siehe viszerale Dysfunktionder AACOM leider nicht beschrieben.
Littlejohn gab 1903 an, dass osteopathische Läsionen nicht nur Knochenläsionen, osteopathische Läsionsondern auch muskuläre, osteoligamentäre, organische und vitale bzw. psychische Läsionen sowie Ernährungsläsionen sein können (Littlejohn 2009). Es scheint demnach so, als wäre auf dem osteopathischen Weg mittlerweile einiges verloren gegangen.
Sommerfeld stellt die dringend notwendige Frage: Gibt es etwas jenseits der somatischen Funktion, das für eine osteopathische Diagnose wesentlich wäre? (zit. nach Liem et al. 2008, S. 80), und gibt zu bedenken, dass manche Osteopathen einen Pseudo-Holismus betreiben, der sich letztlich in einem mechanistischen und biologistischen Materialismus erschöpft. Das Identifizieren einer Dysfunktion ist laut Sommerfeld keine Diagnose, deshalb schlägt er, in Anlehnung an W. Wieland, vor, von einer osteopathischen Situationsbeschreibung statt von einer Diagnose zu sprechen.
Wir sollten uns also Gedanken machen, welche Definition einer osteopathischen Läsion wir vorziehen. Als osteopathische Läsion:Definitionminimalistische Arbeitshypothese möchte ich eine osteopathische Läsion wie folgt definieren: Eine Störung der Vier-Einheit eines Menschen, die mit einer körperlichen, seelischen, geistigen und/oder sozialen Problematik zusammenhängt.
Primäre Läsion
Chauffour und Prat sprechen von einer totalen osteopathischen Läsion als Summe der individuellen parietalen osteopathischen Läsionen (Chauffour & Prat 2002). Um osteopathische Läsion:totaleosteopathische Läsion:primärenicht alle Läsionen korrigieren zu müssen, erstellen sie Prioritäten und suchen nach der sogenannten primären Läsion. Die primäre Läsion soll sich im Zentrum aller primäre Läsionparietalen Läsionen befinden. Während der Untersuchung soll diese primäre Läsion im Vergleich zu den anderen, den größten geweblichen Widerstand aufweisen.
Das ECOP der AACOM beschrieb 2009 die primäre somatische Dysfunktion als Schlüsselläsion oder als somatische Dysfunktion:primäreinitiale (Schlüsselläsionursächliche) Läsion der Läsionskette. Es erscheint durchaus sinnvollLäsionskette:primäre Läsion, nach Prioritäten der Läsionen zu suchen, um sich bei der Behandlung zuerst der wichtigeren Läsionen anzunehmen.
Sommerfeld (in Liem et al. 2008) wies auf die Gefahr der Selbstüberschätzung bei der Suche nach der primären Läsion hin und erklärte die Fixierung primäre Läsion:kritische Anmerkungauf eine erste Ur-Sache für überholt. Tatsächlich lässt sich die Frage nach der Priorität längst nicht so einfach beantworten, wie man glauben möchte. Zum einen darf hierbei der Erwartungshorizont des Patienten nicht unberücksichtigt bleiben. Zum anderen stellt sich die Frage, ob man die primäre Ursache einer Pathologie überhaupt finden kann und ob es wirklich möglich ist, durch die Korrektur einer primären Läsion alle anderen Läsionen zu korrigieren. Letzteres würde beispielsweise implizieren, dass alle Reaktionen des Patienten vorhersehbar wären und ein bestimmter Reiz dementsprechend auch immer die gleiche Antwort des Patienten hervorriefe.

Kritische Anmerkung

Das erscheint mir nur möglich, wenn man den Patienten auf einen anonymen Träger mechanischer Störungen reduziert und die Störungen, an denen er leidet, zu einzelnen, linear verketteten Blockierungen und Verspannungen fragmentiert.

Die Vorstellung von einer primären Läsion reduziert osteopathische Interaktionen leider auf die Technik, den Patienten auf das Symptom und die Therapie auf eine analoge, lineare Ursachen-Folgen-Kette.

Nichtdestotrotz ist die Suche nach Prioritären ein sehr interessanter und praktischer Ansatz!

Komplexität einer chronischen Erkrankung
Kiene stellt zu Recht die Frage: Wie bringt es denn das Denken zuwege, einer Wirkung die Ursache oder einer Ursache die Wirkung anzusehen? Er geht sogar noch weiter, indem er dazu anmerkt: Die Natur lässt die Lebewesen mancherlei konstante Zusammenhänge erfassen, in deren innere Notwendigkeit einzudringen sie ihnen einstweilen noch verwehrt. (Kiene 2001, S. 20)
Auch Straub warnt davor, für alle Krankheiten einen maßgeblichen Defekt auffinden und diesen dann therapeutisch angehen zu wollen (Straub 2006). Er betont, dass in Wirklichkeit bei vielen chronischen Krankheiten mehrere krankheitsbegünstigende chronischen Krankheiten:mehrere Ursachenchronischen Krankheiten:KomplexitätUrsachen gleichzeitig vorliegen. Dabei gibt es einige unveränderbare Ausgangsbedingungen wie Geschlecht, Körpergröße oder auch die Form der Zellrezeptoren. Doch ein unbedeutender Faktor (wie harmlose Infektionserreger, emotionale oder körperlich ungewohnte Belastungen) kann das Netzwerk so stark zum Schwingen bringen, dass die Symptomschwelle überschritten wird und plötzlich (oder langsam zunehmend) Krankheitssymptome entstehen. Straub betont, dass die Entwirrung der vorhandenen Komplexität einer chronischen Krankheit eine extrem große interdisziplinäre Herausforderung darstellt. Um der Vielschichtigkeit der Situation gerecht werden zu können, fordert er, müssten verschiedene Fachgebiete am selben Strang ziehen. Die zunehmende Auftrennung und Polarisierung innerhalb und auch zwischen den einzelnen Fachgebieten trägt Straub zufolge allerdings nicht gerade zu einer schnellen Lösung bei (Straub 2006)!
Erweiterte Mechanismen einer somatischen Dysfunktion
Konzentrieren wir uns trotzdem noch einmal auf die parietale Ebene und erweitern sie über rein artikuläre Blockierungen hinaus. Dabei lassen sich drei somatische Mechanismen hervorheben, die man als mögliche parietale Mittäter für eine somatische Dysfunktion verantwortlich machen kann:
  • In somatische Dysfunktion:MechanismenAnbetracht des arteriellen Gesetzes von Still sind Veränderungen in der Strömung der Körperflüssigkeiten, insbesondere der Lymphe und des Blutes, für mich ein zentrales (mechanisches) Denkmodell. Dies würde durch eine parietale Einschränkung (in Form einer Verspannung, parietale EinschränkungVerklebung, Blockierung) der notwendigen Versorgung mit Sauerstoff und Nährstoffen sowie des Abtransports von toxischen Abfallstoffen für die Entwicklung von Ödemen, Hypoxie und lokalen Entzündungen Ödemesorgen. Letztere wären dann die EntzündungenAuslöser von muskuloskelettalen und myofaszialen Restriktionen, die wiederum Stauungen und Restriktionen:myofaszialeRestriktionen:muskuloskelettaleEntzündungsprozesse begünstigen und einen Circulus vitiosus entstehen lassen. Aber auch zur DNA-Reparatur, ATP-Produktion oder Apoptose (z. B. bei starker DNA-Beschädigung) werden Enzyme, Mikronährstoffe (wie Vit. A, Vit. D, Folsäure, Selen, Coenzyme) und Sauerstoff gebraucht. Fehlen diese Stoffe, beispielsweise durch einen lokalen Flüssigkeitsstau, kann es demzufolge zu Wachstums- und Zellteilungsstörungen auf zellulärer Ebene kommen.

  • Ödeme und Entzündungen bewirken Ödememikroskopische EntzündungenVeränderungen im Bindegewebe. Dadurch verändern sich die Aktivität der Fibrozyten, die Orientierung der Kollagenfasern und die Zusammensetzung der Matrix. Es entsteht eine Fibrosierung des Bindegewebes, die für SpannungenFibrosierung:Bindegewebe im umgebenden Bindegewebe:Fibrosierungmyofaszialen Apparat sorgt. Da Faszien und an den Faszien ansetzende Muskeln untereinander verbunden sind, breiten sich die Spannungen über den ganzen Körper aus.

  • Afferenzen von Nozizeptoren und Mechanorezeptoren (v. a. freie Nozizeptoren:AfferenzenNervenendigungen) Mechanorezeptoren:Afferenzenscheinen das sympathische Nervensystem und ruhende Nozizeptoren aktivieren und demzufolge eine komplexe Kaskade mit peripherer und zentraler Sensibilisierung und einer neurogenen Inflammation auslösen zu können. Stone spricht in diesem Sinne von einem instabilen Rückenmarksegment (Stone 1999). Da sich diese Rückenmarksegment:instabilesAfferenzen zudem zentral aufsteigend ausbreiten, bilden sich eventuell auch absteigende Efferenzen im Myotom, Dermatom, Viszerotom, Sklerotom und Angiotom.

Diagnose als Momentaufnahme
Es kann sich bei jeder Untersuchung (Diagnose) höchstens um eine detaillierte Momentaufnahme handeln, jedoch niemals um eine komplette, allumfassende Betrachtung des Menschseins. Es handelt sich dabei immer um einen Kranken und nicht um eine Krankheit bzw. die Gesundheit, die krank ist.
Es erscheint mir wichtig, dass sowohl ein Dialog zwischen Patient und Therapeut als auch zwischen den verschiedenen behandelnden Spezialisten zustande kommt. Die Selbstbeschreibung des Patienten darf meiner Meinung nach nicht als subjektiv abgetan werden, sondern im Gegenteil. So kann beispielsweise die vermeintliche Objektivität der osteopathischen Listening-Techniken zwar das Bild des Ganzen ergänzen,Listening-Techniken aber niemals dem Bedeutungshorizont des Patienten und des Therapeuten Bedeutungshorizont:TherapeutBedeutungshorizont:Patientgerecht werden.
Darüber hinaus finde ich folgende Fragen durchaus berechtigt: Bedeutet die Tatsache, dass es einem Patienten nach der Behandlung bessergeht, tatsächlich immer, dass die Ursache seiner Problematik behoben wurde? Oder könnte es beispielsweise sein, dass sich die Problematik nur in einen anderen (momentan nicht observierten Bereich) verschoben hat? Hat man vielleicht nur für eine bessere Kompensation gesorgt oder eventuell das Überlaufen des Fasses verhindert?
Gemeinsame Schnittflächen
Auch den medizinischen Vorkenntnissen und der eigenen Sichtweise des Therapeuten kommt wahrscheinlich ebenfalls eine bedeutende Rolle zu. Es ist denkbar, dass sich der osteopathische Arzt eher auf die chemische Ebene bezieht und dementsprechend ein Medikament verschreibt, während der osteopathische Therapeut eher dazu neigt, sich auf die gewebliche Ebene zu konzentrieren, also das Gewebe zu mobilisieren und die Durchblutung anzuregen. Der osteopathische Heilpraktiker wird eventuell die energetische Ebene bevorzugen und den Energiefluss anregen, während der osteopathisch geprägte Psychotherapeut wiederum eher die psychischen und seelischen Komponenten ansprechen wird. Deshalb möchte ich allgemein erneut dazu aufrufen, ein Sowohl als auch bzw. alle Sichtweisen zuzulassen und vor allem die verschiedenen Wissens- und Kenntnishorizonte der Wissenshorizont:TherapeutTherapeuten (Ärzte) sowie den Bedeutungshorizont des Patienten mit einzubeziehen und Bedeutungshorizont:Patientnach gemeinsamen Schnittflächen zu suchen (Kap. 1.13.3).
Knochenrichten
Still konzentrierte sich, wie vorher bereits erwähnt, anfänglich auf die Dreh- und Gleitbewegungen der Gelenke, beispielsweise der Wirbel- und Rippengelenke. Er benutzte diese aber als Fulcren, um das harmonische Funktionieren des ganzen Körpers wiederherzustellen. Still behandelte auf die Weise nicht nur muskuloskelettale Dysfunktionen, sondern auch viele viszerale Krankheiten, angefangen von Lungenentzündung und Darmverstopfung über Tuberkulose, Diphtherie und Keuchhusten bis hin zu Gallensteinen, Schüttellähmung und Hämorrhoiden!
Trowbridge betont, dass die manipulative Therapie, einst ein unverzichtbarer Bestandteil der osteopathischen Praxis, mittlerweile weitestgehend verlassen wurde (Trowbridge 2002). Dabei hatte aber eigentlich schon Still angegeben, dass es, ohne das Knacken qualitativ zu bewerten, viele verschiedene Möglichkeiten des Knochenrichtens gebe (Still 2002). Wäre es denn Knochenrichten:Möglichkeitennicht schade, die wunderbaren Behandlungsmöglichkeiten der Gelenke und der Wirbelsäule, wenn sie sinnvoll erscheinen, in Zukunft einfach nur noch zu ignorieren?
Aber auch das breite Spektrum an neurologischen, myofaszialen und humoralen Faktoren einer somatischen Dysfunktion bzw. osteopathischen Läsion zu betonen, tröstet eigentlich nicht darüber hinweg, dass osteopathische Ganzheitlichkeit manchmal relativ eng bemessen ist!
Uhlenbruck et al. warnen zu Recht davor, als Mediziner (und Osteopath) ohne Kenntnis des Stammbaums vorschnell wissen zu wollen, aus welchem Holz der Patient geschnitzt ist und wo der Wurm steckt (Uhlenbruck et al. 1990).

Osteopathische Strategie und osteopathisches Coping

Weil es bei der Anamnese, Untersuchung und Behandlung darum geht, die Befunde zur Situation des Patienten und zu den anderen Elementen seines Daseins in Beziehung zu setzen, spreche ich gerne von einer osteopathischen Strategie und einem osteopathischen Coping osteopathische Strategie(Bewältigungstaktik) in Bezug auf eine osteopathische Untersuchung/Behandlung (Kap. 3.4). Dabei sollten wir uns bewusstmachen, dass es sich auch hierbei immer nur um eine Momentaufnahme in Form eines Leitfadens für das Team (Behandler und Patient) handeln kann, ohne uns davon eine völlig illusorische Wahrheit oder Ganzheit zu erhoffen.
Ich würde mich hier gerne Beck et al. anschließen, die interessanterweise von einem zusammenarbeitenden Empirismus sprechen. Sie betonen, dass dabei Empirismus:zusammenarbeitenderzwei Menschen zusammenarbeiten, um Fragen zu beantworten, sich gemeinsam über etwas klarzuwerden und Erfahrungen zu verstehen (Beck et al. 1987).

Anforderung an den Therapeuten

Für den Therapeuten steht im Vordergrund, sein Bestmögliches für einen leidenden Mitmenschen zu geben und auf jeder Ebene der Quadriunity des Menschen (körperlich, seelisch, geistig und sozial) nach Problemen zu suchen, um darüber mit dem Patienten zu kommunizieren.

Gemeint ist sowohl eine verbale als auch nonverbale empathische Kommunikation, die bei beiden Beteiligten einiges mit dem Fließen von Informationen, Flüssigkeiten, Emotionen, Gedanken, Energien usw. zu tun hat.

Der Osteopath sollte die Quadriunity des MenschenKommunikation:empathischeSituation von Behandlung zu Behandlung immer wieder neu und gemeinsam mit dem Patienten wahrnehmen, fühlen, nachempfinden, erproben, überdenken und durchleben. Der Patient sollte dabei lernen, Subjekt seines Patient:als SubjektLebens und Leidens zu werden und demzufolge auch selbstbestimmt und selbstverantwortlich sein eigenes Leben und seine Behandlung zu führen.
Kuchera zufolge bestand Stills Mission darin, die Vorgehensweisen im Gesundheitswesen zu ändern: den Patienten mehr Aufmerksamkeit zu widmen als der Krankheit und Studenten zu lehren, sich in Geist, Körper und Seele eines jeden Patienten einzufühlen, um eine individuell angepasste Behandlung vorzunehmen (Magoun 2007).
Es wird sich zeigen, ob Osteopathie und Medizin zukünftig fähig sein werden, die vorhandene (unsinnige) Spaltung aufzuheben und beides zuzulassen (Tab. 2.1).
Osteopathen sollten nicht nach der ultimativen Technik oder der magischen Tablette suchen, die alle Probleme lösen kann, sondern nach einer Bewältigungsstrategie (Coping), um gemeinsam mit jedem einzelnen Patienten den besten Weg zu finden.
Zunahme der Spezialisierungen
Wissenschaftler schätzen, dass es etwa 1015 Faktoren mit Wechselwirkungen auf biologische Systeme gibt und dass eine explosionsartige Zunahme der Spezialisierungen manchmal die Weitsicht erschwert. Spezialisierungen:ZunahmeDeshalb ist eine interdisziplinäre Kommunikation unbedingt notwendig. Man könnte sarkastisch anmerken, dass wir schon ein beträchtliches Wissen brauchen, um das ganze Ausmaß unserer Unwissenheit erkennen oder erahnen zu können.
Aus dieser demütigen Haltung heraus kann die Bereitschaft entstehen, zusammenzuarbeiten und gemeinsam nach individuellen Strategien für den kranken Menschen zu suchen, ohne die eigene Sichtweise als die bessere oder einzig-wahre hervorzuheben.
Wührl wies auf eine doppelte Leerstelle in der Osteopathie hin: die Rolle des Patienten und die Arbeit des Therapeuten an sich (Liem et al. 2008). Auch Magoun forderte Patienten und Osteopathen dazu auf, das eigene Leben mehr auf Gesundheit hin zu strukturieren; das heißt einerseits auf eine optimale Ernährung, vernünftiges Körpertraining, genügend Schlaf und geistig-seelische Ausgeglichenheit zu achten und andererseits den Konsum von Genussmitteln sowie schädliche Umwelteinflüsse zu minimieren oder zu vermeiden (Magoun 2007).
Die Frage, was denn nun eigentlich Osteopathie beinhalten soll, wage ich nicht zu beantworten. Ich traue mich lediglich, einige persönliche Grundhaltungen eines Osteopathen als Arbeitsmodell vorzustellen.Grundhaltungen eines Osteopathen:ArbeitsmodellOsteopathen:Grundhaltungen

Arbeitsmodell Grundhaltungen eines Osteopathen

  • Ein Osteopath respektiert die subjektiven Werte und Zielsetzungen des Patienten und unterstützt ihn dabei, seine eigene Coping- oder Bewältigungsstrategie zu finden.

  • Ein Osteopath untersucht nicht nur die Krankheit bzw. Problematik, an der ein Patient leidet bzw. mit der er kämpft, sondern auch die Art und Weise, wie er damit umgeht.

  • Ein Osteopath akzeptiert, dass kein lebendiges Wesen durch Konzepte vollständig verstanden und erklärt werden kann.

  • Ein Osteopath ist keiner Methode bzw. keinem Konzept verpflichtet. Er verpflichtet sich aber dazu, sein Bestmögliches zu tun, um Patienten zu helfen, ihren eigenen Weg zu finden.

  • Ein Osteopath betrachtet jedes Lebewesen als Subjekt und Vier-Einheit (Körper-Seele-Geist-Umfeld) in einem Raum voller Interaktionen mit der Umwelt und Mit-Lebewesen.

  • Ein Osteopath versucht, innewohnende Lebenskraft und Selbstheilungskräfte zu mobilisieren und zu stärken.

  • Ein Osteopath akzeptiert, dass das Leben grundsätzlich subjektiv, offen, nicht-linear, nicht-abgeschlossen, unfertig und ungesichert ist. Dasselbe gilt auch für die Osteopathie.

Ich hoffe sehr, dass Vier-Einheit (Körper-Seele-Geist-Umfeld)Osteopathen bzw. Mediziner den Mittelweg zwischen einer Evidence-based Medicine und einer Life-based Art, die Individualität und Würde des Patienten respektiert, finden und gehen werden.

Ist Gesundsein gleich Nicht-Kranksein?

Man kann sich zu Recht die Frage stellen, ob Gesundheit nur die Abwesenheit von Krankheit ist. Reicht es Gesundheit:Bedeutungwirklich aus, alle Symptome bzw. Krankheiten auszuradieren, um Gesundheit ernten zu können? Bei der Behandlung von kranken Menschen wird ziemlich schnell deutlich, dass Gesundheit doch mehr bedeutet als das bloße Fehlen von Krankheit. Gesundheit ist eindeutig mehr als Symptomfreiheit!
In der Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung definierte die WHO 1986 Gesundheit als einen Zustand vollständigen physischen, geistigen und sozialen Wohlbefindens, der sich nicht allein durch die Abwesenheit von Krankheit oder Behinderung auszeichnet. In der Ottawa-Charta wird eine Umorientierung von der Verhütung von Ottawa-Charta:WHO-Definition von GesundheitKrankheiten zur Förderung von Gesundheit gefordert, was neue Prioritäten im Handeln und Gesundheit:Ottawa-Charta der WHOeine politische Gestaltung von gesundheitsrelevanten Faktoren und Umweltbedingungen voraussetzt. Der Mensch befindet sich anscheinend immer irgendwo zwischen den beiden Endpunkten Krankheit und Gesundheit und strebt nach Wohlbefinden, Schmerzfreiheit, Leistungsfähigkeit, Glück usw.
Auch Still wollte sich nicht auf eine unbefriedigende Symptomatik konzentrieren, sondern die grundlegenden Ursachen von Krankheiten aufspüren. Krankheit sah er als bloße Wirkung und Gesundheit als Gleichgewicht. Still verlangte von Gesundheit:als Gleichgewicht (Still)Osteopathen, nicht nur nach Krankheiten zu suchen, sondern auch Gesundheit aufzuspüren.
Damit stellen sich unmittelbar Fragen wie: Was ist denn eigentlich Gesundheit bzw. Krankheit? Was sind die Aufgaben eines Gesundheitssystems? Was ist die Hauptaufgabe eines Osteopathen?
Littlejohn betonte interessanterweise, dass es eigentlich weniger um eine Pathologie als vielmehr um eine verkehrte Physiologie geht (Littlejohn 2008)!
Krankheit und Verantwortung
Kolt und Andersen berichten, dass viele Menschen Gesundheit allgemein eher als inhärente (von innen wirkende)Gesundheit:Attribuierung und Krankheit als eine von außen einwirkende Angelegenheit (Krankheit:Attribuierungexterne Attribuierung) ansehen (Kolt & Andersen 2004). Daher fühlen sich einige nicht verantwortlich dafür, dass sie krank werden oder unvernünftig mit ihrer Gesundheit umgehen. Es ist notwendig, Patienten darauf hinzuweisen, dass zu viel Stress krank machen kann. Demzufolge ist es sinnvoll, sich zu überlegen, welche Stressfaktoren vermeidbar bzw. welche Probleme lösbar sind und wie man am besten mit dem jeweiligen Stressfaktor umgehen soll (Kap. 3.5). Krankheiten verlangen eine aktive Teilnahme der Patienten (Krankheiten:Verantwortlichkeitsowohl Verstehen als auch Glauben und Mitwirken) am Prozess des Gesundwerdens und Gesundbleibens!
Grönemeyer warnt davor, die Bedeutung von Krankheit überzubewerten und zu meinen, Brustkrebs oder ein Krankheit:BedeutungProstatakarzinom rühre beispielsweise von mangelnder Liebe her (Grönemeyer 2006). Wenn unter der Hand solche Vermutungen angestellt werden, ist das hochgefährlich, weil Schuldzuweisungen den Menschen in eine ganz falsche Richtung lenken.
Der Psychoonkologe Tschuschke betont, dass es keine Krebspersönlichkeit gibt und dass seriöse prospektive Studien zum Thema Krebspersönlichkeit an einer Hand abzuzählen sind. Man kann und soll nun aber auch nicht komplett ausschließen, dass psychische und soziale Faktoren bei der Krebsentstehung eine Rolle spielen. So zeigt sich, dass Menschen,Krebsentstehung:Risikofaktoren die ihre Emotionen eher unterdrücken und nicht ausdrücken, die ihren Ärger und ihre Wut herunterschlucken, im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung offenbar eher an Tumoren erkranken (Tschuschke 2009). Zudem scheinen depressive Menschen häufiger ein geschwächtes Immunsystem (erniedrigte Leukozytenzahl) zu haben.
Krebs ist eindeutig eine hochkomplexe Krankheit mit zahlreichen Risiko- bzw. Einflussfaktoren, wie Rauchen, Risikofaktoren:KrebsentstehungAlkoholmissbrauch, einseitige Ernährung, Bewegungsmangel, chronischer Stress, psychoemotionaler Gefühlsstau, genetische Faktoren, virale Infektionen, zelluläre Fehlfunktionen, bei der man sich unbedingt vor Schubladendenken hüten sollte!
Gesundheit als ganzheitliche Angelegenheit
Die Ottawa-Charta zur Gesundheitsförderung der WHO geht aber noch viel Ottawa-Charta:WHOweiter und macht Gesundheit zu Recht zu einer ganzheitlichen Angelegenheit!Gesundheit:ganzheitliche Auffassung der WHO Frieden, angemessene Wohnverhältnisse, Bildung, Ernährung, Einkommen, ein stabiles Ökosystem, ein sorgfältiger Umgang mit den vorhandenen natürlichen Ressourcen, soziale Gerechtigkeit und Chancengleichheit werden darin als grundlegende Bedingungen und konstituierende Momente von Gesundheit angeführt. Es wird auch davor gewarnt, dass der Gesundheitssektor allein nicht in der Lage sei, eine gute Gesundheit zu gewährleisten! Gesundheitsförderung setzt vielmehr eine koordinierte Kooperation zwischen Regierungen und den Repräsentanten des Gesundheits-, Sozial- und Wirtschaftssektors sowie mit der Industrie und den Medien voraus!
Schaefer merkte dazu pikanterweise und sicher zu Recht an, dass sich nur entwickelte und wohlhabende Gesellschaften den Luxus leisten können, sich salutogenetisch zu fragen, was denn gesund macht (Schaefer 2002). Wir sollten uns dieses Privilegs bewusst sein und uns verstärkt dafür einsetzen, auch weniger begüterten Menschen gesündere Lebensumstände zu ermöglichen.

Salutogenese und Flow

Salutogenese kann man als Gesundheitsentstehung oder Ursprung vonSalutogenese Gesundheit interpretieren. Antonovsky entwickelte dieses Konzept in den 1970er Jahren als Gegenentwurf zur Pathogenese, die vor allem Krankheitsfaktoren untersuchte (Pathogenese:und SalutogeneseAntonovsky 1997). Er wunderte sich, dass 29 % der Frauen, die ein nationalsozialistisches Konzentrationslager überlebt hatten, als körperlich und psychisch gesund beurteilt wurden. Deshalb suchte er nach Eigenschaften und Ressourcen, dank deren sich diese Frauen trotz der schweren Lebensumstände ihre Gesundheit erhalten hatten. Antonovsky definierte ein Kohärenzgefühl (sense of coherence) als wichtiges Element, das Kohärenzgefühl:Salutogenesepositiv mit Konzepten wie Selbstwertgefühl, Optimismus, psychischer Gesundheit und negativ mit Angst korrelierte. Er betonte das Gesundheitspotenzial von Stressoren und sah in jedem Ereignis (auch Gesundheitspotenzial:von Stressoreneinem negativen Stressoren:GesundheitspotenzialEreignis, wie beispielsweise Krankheit) optimistisch eine Chance, diese Stressoren abzuwehren, seine Mitte wiederzufinden und stärker zu werden.
Das Kohärenzgefühl ist eine globale Orientierung, die ausdrückt, in Kohärenzgefühl:Definitionwelchem Ausmaß man ein durchdringendes, anhaltendes und dennoch dynamisches Vertrauensgefühl hat, dass
  • die Stimuli, die sich im Verlauf des Lebens aus der inneren und äußeren Umgebung ergeben, strukturiert, vorhersehbar und erklärbar sind;

  • einem die Ressourcen zur Verfügung stehen, um den Anforderungen, die diese Stimuli stellen, zu begegnen;

  • diese Anforderungen Herausforderungen sind, die Anstrengung und Engagement lohnen (Antonovsky 1997, S. 36).

Gesundheit erfordert auf jeden Fall die Fähigkeit, sich anpassen bzw. gelassen bleiben zu können. Krankheit wird, außer bei Traumata, aber längst nicht nur Krankheit:Umgang mit Stressvon externen, vom Patienten unabhängigen Auslösern verursacht. Nicht nur der Stressor entscheidet darüber, ob jemand krank wird, sondern auch die Art und Weise, wie der Betroffene und sein soziales Umfeld mit dem Stressor umgehen. Dabei denken wir nicht nur an mechanische Belastungen und Belastbarkeit, sondern auch an die Fähigkeit, emotional, physisch, psychisch und sozial mit Stress umgehen und sich in seinem sozialen Umfeld zurechtfinden zu können. Man könnte es ruhig unter das Leitmotiv stellen, dass nur tote Fische immer mit dem Strom schwimmen!
Krankheit und Copingstrategien
Antonovsky betrachtet Krankheit nicht als Störung der Homöostase, sondern als Krankheit:als Heterostasenotwendigen Zustand im Sinne einer Heterostase bei der Anpassung an Stressoren (Antonovsky 1997). Er versteht Heterostase, Altern und fortschreitende positive Entropie (imHeterostase:und Krankheit Sinne von Chaos, Unordnung) als Kerncharakteristika aller lebenden Organismen.
Ein Krankheitsgeschehen darf nicht immer als passiver, von einem Krankheitserreger (mikrobiologisch oder chemisch) oder einem genetischen Defekt ausgelöster Zustand betrachtet werden, sondern der Patient und sein Abwehr- und Copingsystem sollten unbedingt als aktive Elemente im Team derAbwehr- und Copingsystem:aktive Rolle Krankheitsbekämpfer und Gesundheitserhalter auftreten. Körperliche Symptome sollten uns eigentlich zeigen, dass etwas nicht stimmt und vielleicht sogar auf etwas hindeuten, was uns sonst gar nicht bewusst werden würde.
Jede Anamnese sollte die Frage beinhalten, warum die Abwehr- Anamnese:salutogene FaktorenAnamnese:pathogene Faktorenund Copingmechanismen des Patienten versagt haben. Es reicht nicht, nur die (messbare) Stärke der pathogenen Faktoren zu untersuchen, sondern man sollte auch die Kraft pathogene Faktorender salutogenen Faktoren berücksichtigen. Es kann spannend und sinnvoll salutogene Faktorensein, sich zu fragen, welche Faktoren krankheitsfördernd und welche gesundheitsfördernd sind. Es gibt dazu aber leider kaum Studien, die sicherlich eine Aufgabe für integrativ arbeitende Therapeuten wären. Antonovsky bezweifelt zu Recht, ob Stressoren immer schädlich sind, und fordert Forscher dazu auf, ihre Untersuchungsergebnisse in dieser Hinsicht offen zu betrachten (Antonovsky 1997). So führt er beispielsweise an, dass ein hohes Ausmaß an Stressoren gesundheitsfördernd sein kann, wenn gleichzeitig Stressoren:gesundheitsförderndein hohem Maße soziale Unterstützung erfahren wird – ein Aspekt, den Forscher oft nicht bemerken. Auch die Notwendigkeit, sich gegen alle Risikofaktoren zu rüsten (z. B. impfen zu lassen), zieht er interessanterweise in Zweifel. Eine weitere wichtige Frage wäre meiner Meinung nach, wie der Patient selber die Stressoren bewertet.
So kann man in einer Studie untersuchen, in welchem prozentualen Umfang Risikofaktoren Krebs auslösen; aber wäre es darüber hinaus nichtRisikofaktoren:und Krebs auch interessant zu erforschen, warum andere mit denselben Risikofaktoren nicht an Krebs erkrankten und gesund blieben?
Glück und Gesundheit
Schon immer haben Menschen über das Glück philosophiert und Anleitungen zum Glücklichsein angefertigt. Haben Glück und Gesundheit letztlich viel gemeinsam – oder anders formuliert: Können kranke Menschen überhaupt noch glücklich sein? Die Auswahl an Ratschlägen zum Glücklich-Werden ist unüberschaubar, und man kann sich fragen, welche überhaupt empfehlenswert erscheinen und ob eine moderne Glücksforschung sinnvoll ist.

Glücksphilosophien

Konfuzius gab beispielsweise an, dass zum persönlichen Glück vor allem Mitmenschlichkeit, Familienorientierung und Bildung gehören.

Laotse hingegen war überzeugt, Glück entstehe, wenn man darauf verzichte, die Umstände des eigenen Lebens kontrollieren zu wollen und stattdessen gelassen die Ordnung der Natur akzeptiere. Er verzichtete auf Wissenserwerb und auf ein soziales Leben in Reichtum.

Schopenhauer stellte sich die Frage, ob man Glück überhaupt finden könnte, und versuchte eher pessimistisch, das Ausmaß an Unglück und Schmerz zu reduzieren. Man sollte besser nicht nach materiellem Wohlstand streben und möglichst einsam leben. Soziale Kontakte zu meiden, scheint aber nicht unbedingt ein glücklich machender Rat zu sein, weil menschliche Beziehungen durchaus eine wichtige Quelle für ein zufriedenes Leben bilden.

Aus Sicht des New Age scheint es für das Wohlbefinden wichtig zu sein, an Kräfte zu glauben, die größer sind als man selbst, und die eigene Psyche spirituell auszuleuchten. Dazu gehören auch Bewegungsübungen, Atemübungen, Meditationen und Ernährungsumstellungen.

Csikszentmihaly beschreibt das Gefühl Glücksphilosophienmaximalen Wohlbefindens und Glücks interessanterweise als einen Zustand, in dem man völlig Glücksgefühl:Flow-Zustandin einer Tätigkeit aufgeht (Csikszentmihaly 2008). In diesem Zustand verändert sich die Zeitwahrnehmung und sogar die Sorgen werden vergessen, alles scheint sozusagen von selbst zu laufen oder problemlos zu fließen. Csikszentmihaly wählt dafür den englischen Begriff flow. Dieser Flow-Zustand entspricht einem seelischen Zustand, in dem sich das Flow-Zustand:GlücksgefühlBewusstsein in optimaler Resonanz und produktiver Harmonie befindet und der Mensch etwas um der Sache selbst willen tut. Um in einen Flow-Zustand zu kommen, muss man einer Tätigkeit (Sport, Spiel, Hobby, Musik) nachgehen, die unsere körperlichen Kräfte, unsere sensorischen und kognitiven Fähigkeiten besonders herausfordert. In diesem Zustand sollen auch besonders viele Endorphine (Glückshormone) im Gehirn produziert werden. Der Flow-Zustand Glückshormone:Flow-Zustandentspricht in etwa dem Zustand der Kohärenz nach Antonovsky und bewegt sich genau zwischen Über- Kohärenzgefühl:Flow-Zustandund Unterforderung.
Der Mensch strebt eigentlich immer nach einem erfüllten Leben, nach Möglichkeiten, seine Einzigartigkeit zum Ausdruck zu bringen, nach Wohlbefinden (und dementsprechend auch danach, von Unglück und Krankheit verschont zu bleiben). Das geschieht nach dem Wertschöpfungsprinzip, wobei die Verwirklichung und das Ausleben der eigenen Wertschöpfungsprinzip:WohlbefindenWerte oder Bedürfnisse zum Motiv jeglichen Denkens, Fühlens und Handelns werden.
Allgemein gibt es drei Arten von Aktivitäten, mit denen wir unsere Zeit verbringen: produktive (Beruf, Studium), selbsterhaltende Aktivitäten (Essen, Trinken, Pflege) und Freizeitaktivitäten (Sport, Hobby, Fernsehen). Was wir mit unserer Zeit anfangen, wie wir es qualitativ erleben, ob wir damit auch glücklich sind, scheint damit eine ziemlich individuelle Angelegenheit zu sein.
Csikszentmihaly zufolge kann das Leben unter drei Voraussetzungen produktiv und lebenswert gestaltet werden (Csikszentmihaly 2001):
  • lebenswertes Leben:VoraussetzungenPhilosophen und Denker haben in der Vergangenheit wichtige Wahrheiten entdeckt, die für den Fortbestand der Menschheit äußerst wichtig sind. Auch wenn sie im Zeitgeist und Vokabular ihrer jeweiligen Epoche formuliert sind, dürfen diese Gedanken nicht ignoriert werden, sondern sollten von jeder Generation aufs Neue entdeckt und artikuliert werden.

  • Die Menschheit bezieht ihre wichtigsten Informationen aus der Wissenschaft. Allerdings kann man den momentanen Stand der Wissenschaft auch als heute gültigen Irrtum bezeichnen. Es kommt also darauf an, wie viel Nüchternheit und Realitätssinn wir zu unserem eigenen Zeitfenster aufbauen können.

  • Um entdecken zu können, worauf es im Leben ankommt, sollte man den Stimmen der Vergangenheit lauschen und ihre Botschaften mit den neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen verknüpfen.

Wühr vergleicht Gesundheit und Krankheit mit einer Waage (Wühr 2008). In der einen Waagschale befinden sich pathogene Risikofaktoren und in der anderen salutogene (gesundheitsbildende) Faktoren. pathogene FaktorenUm gesund zu bleiben, sollte sich der Patient demzufolge salutogene Faktorensowohl um therapeutische Hilfe bemühen als auch (aktiv) krankheitsvermeidende und gesundheitsbildende Maßnahmen ergreifen.

Gesundheitsfördernde Werte

Als die zehn wichtigsten gesundheitsbildenden Werte nennen Wühr et al. (www.health-excellence.de):

  • Sinnfindung und Selbstverwirklichung: sich weiter entwickeln und den Sinn des Lebens entdecken

  • Selbstbestimmung und Selbstverantwortung: mit den eigenen Gefühlen gefühlvoll umgehen

  • Flexibles Verhalten und Wahlfreiheit: jede Situation frei und flexibel bewerten

  • Selbstvertrauen und Selbstachtung: sich selbst und dem eigenen Können/Wissen vertrauen

  • Zuversicht, Optimismus und Hoffnung: nicht gleich aufgeben, Hoffnung zulassen

  • Wirtschaftliche Sicherheit und finanzielle Freiheit: realistisch mit Finanzen umgehen und sich in Zufriedenheit üben

  • Zuneigung, Respekt und Liebe zu anderen Menschen

  • Anerkennung und Wertschätzung durch andere Menschen

  • Tragfähiges soziales Netz bzw. Umfeld

  • Leben in Harmonie und im Einklang mit der belebten und unbelebten Natur

Die positive Psychologie vertritt dieWerte:gesundheitsbildende gesundheitsbildende WerteMeinung, man solle lernen, seine Tugenden und Stärken gezielt einzusetzen, um glücklich sein zu können (Auhagen 2004). Glück ist demzufolge nicht Schicksal, sondern jeder ist seines Glückes Schmied und kann es sich sozusagen erarbeiten. Charakterstärken prägen als stabile Persönlichkeitseigenschaften (sog. Signaturstärken) unser Denken, Fühlen und Handeln. Seligman beschrieb folgende drei Pfeiler der Positiven Psychologie (Seligman 2009):
  • Positives Erleben: Zufriedenheit im Job und im Psychologie:positivePositive Psychologie:drei PfeilerLeben

  • Positive Persönlichkeitseigenschaften: Tugenden, Talente, Stärken

  • Positive Institutionen: Rahmenbedingungen, die individuelles Wachstum und Entfaltung erlauben.

Das amerikanische Institut zur Charakterforschung VIA (Values in Action) Institute on Character unterteilte die Tugenden und Stärken in 6 Kategorien (www.viastrengths.org):
  • Weisheit und Wissen: Tugenden und Stärken:KategorienKognitive Persönlichkeitseigenschaften, um Weisheit und Wissen zu erlangen, haben nicht unbedingt etwas mit Persönlichkeitseigenschaften:kognitiveIntelligenz und IQ zu tun. Diese Eigenschaften beinhalten Kreativität, Neugier, Freude am Lernen, kritisches Denken, einen breiten Blickwinkel (geistigen Horizont).

  • Mut: Emotionale Persönlichkeitseigenschaften, seine Ziele trotz Widerständen erreichen zu wollen. Diese Stärke Persönlichkeitseigenschaften:emotionalebeinhaltet Tapferkeit, Durchsetzungsvermögen, Ausdauer, Ehrlichkeit usw.

  • Menschlichkeit: Soziale Persönlichkeitseigenschaften, die einen liebevollen, freundschaftlichen Umgang mit anderen MenschenPersönlichkeitseigenschaften:soziale ermöglichen. Dazu gehören z. B. soziale Intelligenz, emotionale Intelligenz, die Fähigkeit zu lieben und geliebt zu werden, Altruismus.

  • Gerechtigkeitsgefühl: Soziale Stärken, die das Gemeinwesen fördern, beinhalten unter anderem ein Gespür für Gleichheit und Stärken:sozialeGerechtigkeit, Teamfähigkeit, Fairness, Anständigkeit, Vorsicht und Besonnenheit.

  • Mäßigung: Vor Exzessen und Übertreibungen schützen Stärken wie Bescheidenheit, Demut, Gelassenheit, Bereitschaft zur Vergebung.

  • Transzendenz: Stärken:mäßigendeStärken, die dem Leben Sinn verleihen und Verbindungen zum großen Universum herstellen, sind Stärken:sinngebendebeispielsweise ein Sinn für das Schöne und Wunderbare, Hoffnung, Optimismus, Dankbarkeit, Humor, Spiritualität.

Praktische Bedeutung

Es wäre also sinnvoll, nach den individuellen Werten des Patienten zu fragen und zu hinterfragen, ob der Patient überhaupt noch sinnvolle Herausforderungen sieht und gesundheitsbildende Werte aufrechterhält.

Der Patient sollte begreifen, dass nicht nur andere für sein Wohlbefinden bzw. Nichtwohlbefinden verantwortlich sind, sondern er selbst auch. Zu seinen eigenverantwortlichen Einflussnahmen zählen sowohl regelmäßige Schlafenszeiten als auch Mäßigung beim Essen und Trinken, tägliche Bewegung und die Geborgenheit innerhalb der Familie oder des Freundeskreises genießen zu können.

Ein rhythmischer Wechsel zwischen anspruchsvollen Aufgaben und Ruhepausen trägt ebenso wie die Bestätigung, diese Aufgaben richtig erledigt zu haben, viel zur Salutogenese bei.

Individualität des Patienten respektieren
Es zeigt sich Wohlbefinden:VerantwortlichkeitWerte:gesundheitsbildendegesundheitsbildende Werte:individuellezunehmend deutlicher, dass die individuelle Persönlichkeit und die kulturelle Entwicklung die eigene Weltsicht färben und eventuell auch zu verzerren scheinen. Man darf nicht vergessen, dass sich die Individualität sowohl in den psychologischen als auch in den physiologischen Reaktionen auf Individualität:Reaktion auf StressorenStressoren niederschlägt (Abb. 2.1).
Die Medizin wäre gut beraten, sich nicht nur Stressoren:psychologische und physiologische Reaktionenmit krankheitsbildenden, sondern auch mit gesundheitsbildenden Faktoren zu beschäftigen. Praktisch erscheint es sinnvoll, die individuellen Tugenden und Stärken des Patienten zu fördern und demzufolge auch an den Schwächen zu arbeiten. Dabei kann man sowohl den physiologischen Versorgungszustand der betreffenden Organ- und Geweberegionen als auch die psychoemotionalen bzw. sozialen Coping-Fähigkeiten und gesundheitsbildenden Werte überprüfen.
Das erfordert eine gewisse Individualität der Untersuchung und Behandlung. Das bedeutet, dass es sich selbst bei Individualität:von Untersuchung/Behandlungderselben Krankheitsgeschichte/Pathologie nicht unbedingt um gleich kranke Menschen handelt, die dementsprechend auch nicht die gleiche Behandlung benötigen! So kann es für manche Menschen sinnvoll sein, sich in Optimismus zu üben, während sich ängstlichere Menschen vielleicht eher mit einem defensiven Pessimismus besser fühlen. Es gibt bestimmt Menschen, denen es gut täte, sich auf eine Insel zurückziehen zu können, während sich andere lieber dem Studium oder der Kontemplation widmen möchten. Die meisten Menschen scheinen jedoch die Geselligkeit einer Gruppe zu bevorzügen. Es ist also unbedingt notwendig, die eigenen Kräfte (Stärken und Schwächen) richtig einzuschätzen, kombiniert mit einem Weitblick für mögliche Belastungen. Osteopathen sollten beispielsweise auch ergründen, warum das Abwehr-/Copingsystem im Einzelfall ein Krankwerden erlaubt hat, und sich dazu im Sinne von Still auf eine große Inspektionsrunde durch die Vier-Einheit (Körper-Seele-Geist-Umfeld; Kap. 2.7) des Patienten begeben! Dazu sollten sowohl Spannungen und Bewegungsfreiheit als auch das Flüssige der Bindegewebe, der Gedanken und Emotionen untersucht werden. Dabei lässt sich aber nicht immer ein messbares pathologisches Substrat oder ein sichtbarer Krankheitserreger auffinden.

Faszien und Flüssigkeiten: Flowing Tensegrity

Das Bindegewebe ist weitaus mehr als nur ein Stützgewebe und bildet zudem ein hochvernetztes humorales Gewebe. Eine detaillierte Beschreibung des Bindegewebes findet sich in meinem Buch über das venolymphatische System (Meert 2007). Das Bindegewebe mit seinen zellulären (Fibroblasten, Leukozyten, glatte Muskelzellen) und extrazellulären Elementen (Matrixmoleküle, Fasern, Wasser, Gefäße, Nerven, gelöste Stoffe wie Mineralien, Vitamine, Zytokine, Hormone, Neurotransmitter) bildet eigentlich die Basis für das Grundsystem unseres Organismus.
Matrix
Die extrazelluläre Matrix (EZM) besteht aus einem gelatinösen Geflecht von Makromolekülen (extrazelluläre Matrix"\t""Siehe EZM bzw. Matrixinterstitielle Matrix:extrazelluläre (EZM)Matrixmoleküle, intrazelluläre Strukturproteine, Vernetzungsproteine zwischen Zellen und Interstitium undMatrixmoleküle:EZM variable Proteinkomponenten als Botenstoffe), Fasern und Flüssigkeiten, das in stark variierender, gewebespezifischer Zusammensetzung von ortsständigen Zellen (z. B. Fibroblasten, Osteoblasten, Chondroblasten) gebildet wird. Dieses gelatinöse Geflecht habe ich in Anlehnung an Pischinger als Matrisom bezeichnet, als eine funktionelle und strukturelle Einheit des Bindegewebes (Pischinger 1998). Matrisom:BindegewebeGuimberteau spricht von der Mikrovakuole (Guimberteau 2008). Das von Bindegewebe:MatrisomFibrozyten gebildete Matrixnetz (Maschenwerk) aus Kollagenfasern und Matrixmolekülen baut eine elektrostatische Grundspannung mit der interstitiellen Flüssigkeit auf. Der pH-Wert dieser interstitiellen Flüssigkeit beeinflusst die Beweglichkeit und Viskoelastizität des Matrixnetzes und damit auch die Passage von Abwehrzellen, Stoffen und Signalen zwischen Gefäß und Zelle!
Man unterscheidet folgende Matrixmoleküle der EZM:
  • Faserproteine (Kollagene und Elastine),

  • Glykoproteine (Entactin, EZM:MatrixmoleküleFibronektin, Laminin, Tenascin), die aus Faserproteineeinem Kernprotein mit Zucker-Seitenketten bestehen,

  • GlykoproteineProteoglykane (wie Aggrecan, Brevican, Decorin, Neurocan) und Glykosaminoglykane (wie Hyaluronsäure, ProteoglykaneChondroitinsulfat, Heparansulfat, Dermatansulfat), die aus einem GlykosaminoglykaneKernprotein mit sulfatierten Glykosaminoglykan-Seitenketten bestehen (Bandtlow und Zimmermann 2000).

Die Matrixmoleküle und Fasern der EZM werden kontinuierlich durch Enzyme, d. h. Proteinasen oder Proteasen und Glykosidasen, auf- und abgebaut (turnover). Enzyme Enzyme:EZMsind aus Proteinasen:EZMAminosäureketten zusammengesetzt, die zum Großteil aus der Nahrung stammen und vom Körper zu den über 3.000 verschiedenen Enzymarten zusammengebaut werden. Viele Enzyme benötigen Coenzyme und Cofaktoren (Vitamine, Metallionen) zur Katalyse der chemischen Reaktionen (Löffler et al. 2007).
Um ein Fließgleichgewicht beim Auf- und Abbau der EZM zu gewährleisten, müssen auch Proteinase-Inhibitoren und Fließgleichgewicht:EZMGlykosidase-Inhibitoren in der EZM aktiv sein. Bei mechanisch-traumatischen Proteinase-InhibitorenVerletzungen des Bindegewebes werden beispielsweise Makrophagen aktiviert, die Proteinasen,Verletzungen:Proteinasen-Freisetzung insbesondere Kollagenasen und Elastasen, freisetzen und damit sowohl Remodellierungs- als auch entzündliche Prozesse initiieren (Werb & Gordon 2005). Auch andere Abwehrzellen scheiden Proteinasen aus, und durch chronische Entzündungen wird dieses Geschehen noch weiter angefacht! Hauptgruppen der Proteinasen sind Matrixmetalloproteinasen, Serinproteasen und Cysteinproteasen.
Auch Glykosidasen kommen in Tieren, Pflanzen und Mikroorganismen vor, beim Menschen beispielsweise häufig als Verdauungsenzyme. Glykosidasen werden aber auch Waschmitteln und sogar dem Tierfutter (mit Angabe von EC-Nummern) beigemischt.
Glykosidasen Proteinase-Inhibitoren und Glykosidase-Inhibitoren sind unter anderem in Gemüse, Getreide, Ölsamen, Nüssen, Obst, Hülsenfrüchten, Eiern, Glykosidase-InhibitorenKartoffeln und Fleisch enthalten. Insbesondere Sojabohnen und Bohnen haben anscheinend einen hohen Anteil an Proteinase-Inhibitoren und dadurch eine antiinflammatorische und antimikrobielle Wirkung (Kobayashi et al. 2005, Kim et al. 2009). Eine abwechslungsreiche und naturbelassene Ernährung, ohne Zusatzstoffe, scheint demzufolge eine nicht unwichtige Rolle für das gesunde Fließgleichgewicht zwischen Auf- und Abbau der EZM zu spielen.

Klinische Bedeutung

Eine Fehlsteuerung mit überschießender proteolytischer Aktivität kann zu Gewebeschäden und einschneidenden Veränderungen der EZM-Zusammensetzung führen, was sich letztendlich in verschiedenen Krankheitsbildern (z. B. Arthritis, Marfan-Syndrom, Tumoren) äußern kann.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (2008) gibt folgende Verbindungen zwischen Nährstoffen (Über- bzw. Unterangebot) und Stoffwechselstörungen an:

  • Kohlenhydrate: Diabetes mellitus, Laktoseintoleranz und Galaktosämie

  • Proteine: Phenylketonurie, Ahornsirupkrankheit, Albinismus

  • Purine und Pyrimidine: Gicht

  • Mikronährstoffe: Mangelerscheinungen, Hämochromatose, Rachitis

  • Fette: Adipositas, metabolisches Syndrom, Hypercholesterinämie

Das Bundesministerium weist zugleich auf die Wichtigkeit einer gesunden Lebensführung mit einem Mindestmaß an Bewegung und einer ausgewogenen und individuell angepassten Kost mit viel frischem Obst und Gemüse hin. Das Thema der Ernährung habe ich in meiner Arbeit über das venöse und lymphatische System (ab 2. Auflage) ausführlich besprochen.

Ames und McCann vermuten, dass sich durch eine chronische Minderversorgung bzw. einen suboptimalen Konsum von Mikronährstoffen (etwa 40 essenzielle Mineralien, Vitamine, Aminosäuren und Fettsäuren) das Risiko von Krebs- und chronischen degenerativen Erkrankungen erhöht (Knasmüller et al. 2009). Als messbare Folgen eines Mangels an Mikronährstoffen (u. a. Magnesium [Mg], Eisen [Fe], Zink [Zn], Vit. B6, Vit. B12, Folsäure, Biotin) geben sie:

  • DNA-Schäden,

  • Zerfall von Mitochondrien und

  • Störungen des Immunsystems an.

Das Fließgleichgewicht:EZMBindegewebe kann alle vier Arten von Nährstoffen Stoffwechselstörungen:und NährstoffePhenylketonurie:ProteineNährstoffe:und StoffwechselstörungenMikronährstoffe:MangelerscheinungenGicht:PurineDiabetes mellitus:KohlenhydrateAdipositas:Fettespeichern: Kohlenhydrate in den Glukosaminoglykanen (GAGs) und Bindegewebe:Speicherung von NährstoffenProteoglykanen (PGs), Eiweiß als Aminogruppen in den PGs und Kollagenfasern, Fettsäuren in den Zellmembranen und Wasser überall. Die gelatinösen Matrisome bilden funktionell das Transportsystem der Grundsubstanz.
Weil nun dieses Matrix-Netzwerk über die Kapillaren mit dem humoralen System (Hormone, Zytokine, Wachstumsfaktoren) und über die Nervenfasern mit dem Nervensystem (Neurotransmitter) und Gehirn in Verbindung steht, wächst langsam die Einsicht, wie komplex dieses Matrix-System ist, in das auch noch die Psyche, die Seele und das Immunsystem integriert sind.
Wenn man sich dazu noch Matrix-System:als komplexes Netzwerküberlegt, dass Leukozyten durch den Körper wandern, die Informationen mit den anderen Zellen austauschen bzw. weiterleiten, und dass Zytokine in den interstitiellen Flüssigkeiten weitertransportiert werden, kann man über die Ingeniosität der Natur nur noch staunen (Meert 2007). Hierin liegt meiner Meinung nach der Schlüssel zum Verständnis der Stillschen Triunity von Körper-Geist-Seele.
Pischinger und auch Heine geben an, dass Fibrozyten in der Lage sind, Proteoglykane und Glukosaminoglykane innerhalb von Sekunden sowohl quantitativ als auch qualitativ so anzupassen, dass raschProteoglykane dynamisch wechselnde GlukosaminoglykaneRingschlüsse zwischen den Zuckerketten der Proteoglykane und Glukosaminoglykane gebildet werden (Pischinger 1998, Heine 1997). Gleichzeitig können Makrophagen durch Phagozytose Teile der Bindegewebsmatrix wieder abbauen. So wird das Matrix-Netzwerk durch das Duo Fibrozyten/Makrophagen und das Duo Proteinase/Proteinase-Inhibitor bzw. Matrix-Netzwerk:StrukturmacherMatrix-Netzwerk:StrukturbrecherGlykosidase/Glykosidase-Matrix-Netzwerk:WächterInhibitor sozusagen dauernd neu gestrickt, wobei Fibrozyten und hydrophobe Substanzen Strukturmacher und die Makrophagen Strukturbrecher sind (Pischinger 1998). Heine bezeichnet zudem Mastzellen als die Wächter der Grundsubstanz (Bindegewebsmatrix), weil sie sozusagen als einzellige endokrine Drüsen das Entzündungsgeschehen und damit die Grundsubstanz"\t""Siehe MatrixDurchgängigkeit im Bindegewebe kontrollieren (Heine 1997).
Tensegrity-Konzept
Es ist wichtig, die Zellen nicht als passive Wasserballons zu betrachten (Ingber 1998). Vielmehr besteht eine ganzheitliche fasziale Vernetzung, die sich von der makroskopischen Körperebene über die Organebene und die interzelluläre Ebene fasziale Vernetzung:ganzheitlicheerstaunlicherweise bis in den intrazellulären Bereich hinein fortsetzt!
Es ist eine faszinierende Vorstellung, dass man mit manuellen (z. B. faszialen und pumpenden) Techniken durch die Mechanotransduktion sogar eine Wirkung bis auf die Zell- und Zellkernebene ausüben kann. Auch das Fließen der interstitiellen Flüssigkeiten durch aktive Vasomotion der Gefäße, einschließlich der Lymphgefäße, bildet einen wichtigen Parameter für den Metabolismus und die ganzheitliche Kommunikation der Zellen. Weitere Untersuchungen wären hier wünschenswert.
Ingber, der das Tensegrity-Konzept auf die Zellen übertrug, vergleicht das Zellskelett mit einer Tensegrity-Struktur, wobei die Mikrofilamente ein Tensegrity-Konzept:Zellenvielflächiges Gerüst bilden und in der Zellskelett:Tensegrity-StrukturBindegewebsmatrix aufgehängt sind. Das Zellskelett reagiert auf mechanische Belastung mit einer Reorganisation, damit die Zellorganellen geschont werden. Wenn die Belastung trotz Formänderungen andauert, reagieren die Zellen mit genregulatorischen Mitteln (transcriptional upregulation) und senden Signale aus, z. B. dass Wachstumsfaktoren und Stressfaktoren ausgeschüttet werden sollen! Auch der Ausstrom von Flüssigkeiten aus der Zelle und homöostatische Änderungen stehen mit dem Tensegrity-Netzwerk in Verbindung!

Anmerkung

Ingber betont, dass es nicht ausreicht, nur die chemische Zusammensetzung der Gewebe zu studieren, sondern dass man auch die dreidimensionale mechanische Zusammensetzung verstehen sollte. Ich möchte dem hinzufügen, dass man auch das Fließen der interstitiellen, arteriellen und venolymphatischen Flüssigkeiten intensiver studieren und begreifen sollte. Oschman zufolge darf eine Zelle niemals biologisch ohne den Lebensraum betrachtet werden (Oschman 2006).

Durch die lebende Matrix werden mechanische Belastungen sozusagen in schwingende Informationen statt in Schädigungen umgewandelt!
Bewegt man einen Teil des Körpers, bewegt und schwingt auch der Rest des Körpers mit. Es ist faszinierend, sich zu überlegen, dass mechanische Kräfte, wie oben bereits erwähnt, sogar zu den biochemischen Prozessen in Zellen beitragen!
Die Myofaszialketten lassen sich demzufolge bis auf die Zellebene und die energetische Ebene weiterzeichnen und sind sogar am Kommunikationssystem der Zellen beteiligt. Die viskoelastischen Myofaszialketten kommunizieren über das Matrix-Netzwerk Kommunikationssystem:der Zellenmiteinander und sorgen durch eine Zellen:Kommunikationisometrisch aufeinander abgestimmte Spannung sozusagen für eine Autostabilisation des Körpers, damit wir uns aufrechthalten können.
Tensegrity ist ein spannendes und faszinierendes Konzept, um die menschliche Biomechanik zu betrachten; es braucht aber sicherlich noch weitere Untersuchungen und eine Änderung der Denkweisen. Zwischen den bindegewebigen Ikosaeder-Strukturen des kontraktilen Bindegewebes fließen die gelatinösen interstitiellen Flüssigkeiten zum lymphatischen und venösen System hin. Dazu gibt es ein wunderbar aktives System der Vasomotion, das diese Flüssigkeiten:interstitielleFlüssigkeiten autonom weiterpumpt und das Bindegewebe gewissermaßen melkt.

Praktische Bedeutung

Faszien zu mobilisieren bedeutet für mich mehr als nur Spannungen abzubauen.

Es ist wichtig zu betonen, dass eine pumpende Mobilisation der venolymphatischen Flüssigkeiten auch (chemische, elektromagnetische, mechanische) Informationen, Emotionen und elektromagnetische Felder zum Fließen bringt und das Bindegewebe sowohl ernährt als auch gereinigt wird. Infolgedessen werden auch die Selbstheilungskräfte mit Abwehrzellen und Elementen des Immunsystems aktiviert.

Wegen der kontraktilen Myofibroblasten und glatten Muskelfasern in Faszien und im Bindegewebe ist das Lösen von mechanischen Spannungen im Bereich der viszeralen wie auch der muskuloskelettalen Faszien ein zentrales Element der osteopathischen Behandlung. Damit soll eine Detonisierung der myofaszialen Elemente, eine Reinigung und Durchsaftung des Gewebes, eine bessere Sauerstoff- und Nährstoffversorgung sowie die (chemische, elektrische, mechanische, elektrochemische, elektromagnetische) Kommunikation zwischen den Körperzellen angeregt werden.

Sensibilität von Geweben und Nozizeption

VasomotionMan kann allgemein zwischen Selbstheilungskräfte:AktivierungFaszien:muskuloskelettalesomatischer (Faszien:viszeraleSomatosensorik) und viszeraler Sensibilität (Viszerosensorik) unterteilen. Die somatische Sensibilität kann man weiter in SomatosensorikOberflächensensibilität (Haut) und Tiefensensibilität (ViszerosensorikSkelettmuskeln, Sehnen, Gelenkkapseln, Sensibilität:somatischeFaszien, Periost) unterteilen. Die Oberflächensensibilität:Hautviszerale Sensibilität wird von den faszialenTiefensensibilität:Muskeln und Faszien Hüll- und Aufhängungsstrukturen der Eingeweide wahrgenommen. Man weiß mittlerweile, dass sensible Sensibilität:viszeraleNervenfasern auch Informationen über die Aktivität des Immunsystems vermitteln (Straub 2006).
Sensibilität und Rezeptoren
Man unterscheidet allgemein zwischen Oberflächen- und Tiefensensibilität.
Die Oberflächensensibilität wird von Mechanorezeptoren, Thermorezeptoren und Chemorezeptoren vermittelt, die Druck, Oberflächensensibilität:ThermorezeptorenOberflächensensibilität:MechanorezeptorenBerührung, Oberflächensensibilität:ChemorezeptorenVibration, Spannung, Verschiebung, Bewegung und Dehnung (Mechanorezeptoren), Abkühlung und Erwärmung (Thermorezeptoren), Hitze, Quetschungen oder Gewebeschädigungen (Bradykinin, Prostaglandin, Mechanorezeptoren:Bewegung und DehnungSerotonin, Histamin, freie Radikale usw. reizen Thermorezeptoren:ErwärmungChemorezeptoren) registrieren. Hautrezeptoren werden manchmal auch als Exterozeptoren und Eingeweiderezeptoren als Chemorezeptoren:GewebeschädigungenInterozeptoren bezeichnet (Benninghoff-Drenckhahn Hautrezeptoren:Exterozeptoren2004).
Auch die Eingeweide verfügen über Mechanorezeptoren, Eingeweiderezeptoren:InterozeptorenThermorezeptoren und Chemorezeptoren. Letztere nehmen bestimmte chemische Werte (beispielsweise pH, pO2, pCO2, Glukose) wahr. Die viszeralen Mechanorezeptoren ähneln zum Großteil den mechanosensitiven Nozizeptoren der Haut (Deetjen 2005), es gibt aber auch spezialisierte Mechanorezeptoren:viszeraleviszerale Mechanorezeptoren (Pacini-Körperchen):
  • Mechanorezeptoren mit Nozizeptoren:Hautniedriger Auslösungsschwelle (low-threshold mechanoreceptors), die nicht-schmerzhafte Empfindungen, Pacini-Körperchenbeispielsweise aus dem Intestinaltrakt, vermitteln, und

  • Mechanorezeptoren mit hoher Schwelle, die Schmerzempfindungen auslösen.

Viszerale Nozizeptoren melden meistens chemische Stimuli (Entzündungsstoffe), können aber auch auf mechanische Stimuli reagieren.
Die Tiefensensibilität Nozizeptoren:viszeralewird von speziellen Mechanorezeptoren, den sogenannten Propriorezeptoren, vermittelt, die Stellung und Lage der verschiedenen Körperteile imTiefensensibilität Raum sowie Bewegung und Kraft wahrnehmen.
Man kann allgemein folgenden Input (Afferenzen) unterscheiden:
  • Schmerz

  • Propriozeption (Tiefensensibilität)

  • Tastsinn, grob und fein

  • Informationen über die Aktivität des Schmerz-AfferenzenPropriozeption:TiefensensibilitätImmunsystems.

Rezeptoren im Bindegewebe
Tiefensensibilität:PropriozeptionIm Bindegewebe (auch in den Faszien und Tastsinnfaszialen Hüllen der Eingeweide) befinden sich viele Mechanorezeptoren:
  • Merkel-Tastzellen und -Bindegewebe:MechanorezeptorenTastscheiben (Typ II) in der behaarten Haut: Sie ermöglichen v. a. das ErtastenMechanorezeptoren:Bindegewebe der Form und Oberflächenbeschaffenheit eines Objektes. Merkel-Tastzellen:HautIhre zahlreichen Bläschen enthalten möglicherweise ein Neuropeptid. Sie reagieren etwa 10-mal empfindlicher auf Bewegungs- als auf statische Reize.

  • Haarfollikelzellen (Typ II) in der behaarten Haut: Sie registrieren v. a. die Bewegung eines Haares und damit die Geschwindigkeit der Bewegung.

  • Haarzellen in HaarfollikelzellenEpithelien.

  • Muskelspindeln (Typ Ia) in Muskeln: Sie sind parallel zu den Muskelfasern orientiert und registrieren die Muskeldehnung.

  • Meissner-Körperchen (Typ II) in Muskelspindelnder unbehaarten Haut: Sie registrieren nur Druckveränderungen und werden deswegen als Differenzialrezeptoren bezeichnet (Meissner-KörperchenDeetjen et al. 2005). Als (rapidly adapting) RA-Mechanorezeptoren spielen sie eine wichtige Rolle bei der Feinmotorik.

  • DifferenzialrezeptorenGolgi-Apparate (Typ Ib) z. B. in Sehnen, Aponeurosen, Ligamenten,Mechanorezeptoren:rapidly adapting (RA) Gelenkkapseln: Ihre Stimulation (durch Feinmotorik:RA-Rezeptorenstarke Dehnung) sorgt für eine Abnahme des Tonus Golgi-Apparatequergestreifter Muskelfasern.

  • Vater-Pacini-Körperchen (Typ II) z. B. im Peritoneum, in myotendinösen Übergängen, Ligamenten der Wirbelsäule: Ihre Stimulation (Übergang vom Stillstand Vater-Pacini-Körperchenzur Bewegung oder von Bewegung zum Stillstand, schneller Druckwechsel, Vibrationen) liefert Feedbackinformationen für die Bewegungskontrolle (Benninghoff-Drenckhahn 2003). Durch ihre besondere Struktur aus flachen Zellen und Flüssigkeitsräumen, die wie Zwiebelschalen um das marklose Nervenende liegen, vermitteln sie eine sehr schnelle Off-On-Antwort (Deetjen et al. 2005). Sie werden als (rapidly adapting) RA-Mechanorezeptoren bezeichnet.

  • Ruffini-Körperchen (Typ II) z. B. in der Haut, Dura mater, Ligamenten, verschiedenen Bindegeweben: Ihre RA-MechanorezeptorenStimulation (anhaltender Druck und Schubkräfte) Ruffini-Körperchenführt zur Inhibierung der sympathischen Aktivität. Sie werden als (slowly adapting) SA-Mechanorezeptoren bezeichnet.

  • Freie Nervenendigungen als interstitielle Rezeptoren (Typen III und IV) sind z. B. im Periost, Mechanorezeptoren:slowly adapting (SA)aber eigentlich überall im Bindegewebe (auch in viszeralen und kranialen Strukturen), sogar innerhalb von Knochen anzutreffen: Ihre Stimulation (sowohl bei schnellem Druckwechsel als auch bei anhaltendem Druck, daher als Proportional-Differenzial[PD]-Rezeptoren bezeichnet) führt zu Änderungen der Durchblutung und zur Extravasation von Plasma.

  • Mechanosensitive Ionenkanäle Proportional-Differenzial-[PD-]Rezeptorenin vielen Epithelien (wie Darm, Niere, Bronchien, exokrine Drüsen): Durch den Zug von Bindegewebsfasern der extrazellulären Matrix (EZM) werden bei einer mechanischen Verschiebung der EZM gegenüber einer Zelle Ionenkanäle in der Zellmembran geöffnet, sodass positiv-geladene Ionen (z. B. Natrium) in die Zelle einströmen EZM:Ionenkanälekönnen. Dadurch kommt es zu einer Depolarisierung des Rezeptorpotenzials. Alle Zellen müssen ihr Volumen regulieren können. Die mechanosensitiven Ionenkanäle, die durch eine erhöhte Membrandehnung aktiviert werden, ermöglichen der Zelle, beim Einströmen von Wasser das Volumen zu regulieren.

Nozizeptoren
Ionenkanäle:mechanosensitiveSogenannte Nozizeptoren können sowohl durch mechanische als auch durch thermische und chemische Stimuli aktiviert werden. Demzufolge gibt es eigentlich keine richtig Nozizeptorenspezifischen Schmerzrezeptoren, Schmerzbahnen oder Schmerzzentren, was für eine ziemliche Verunsicherung in der Literatur und unter Therapeuten sorgt.
Butler und Moseley zufolge gibt es Neuronen im Gewebe, die auf alle Arten von Reizen reagieren, insbesondere wenn die Stimuli ausreichend stark sind (Butler & Moseley 2005). Diese Neuronen melden sozusagen eine drohende Gefahr für das Gewebe, und diese Gefahrenmeldung wird mit höchster Dringlichkeit ans Rückenmark weitergeleitet. Butler und Moseley schlagen deshalb vor, sie als Gefahren meldende Neuronen zu bezeichnen, was eine sinnvollere Nomenklatur als Nozizeptoren darstellen könnte. Das nozizeptive System ist also eigentlich ein Frühwarnsystem.
Die Gefahrenmeldung allein ist aber seltsamerweiseNozizeption:als Frühwarnsystem keine notwendige Voraussetzung für Schmerzempfindungen (Butler & Moseley 2005). Es stimmt nachdenklich, dass man einerseits nicht unbedingt eine Gewebeverletzung braucht, um Schmerz zu spüren (z. B. psychogener Schmerz), und andererseits eine Gewebeverletzung allein nicht unbedingt zu einer Schmerzempfindung führen muss. Merskey und Bogduk definieren für The International Association for the Study of Schmerzempfinden:C-NozizeptorenPain Schmerz folgendermaßen: Schmerzempfinden:A<03B4>-NozizeptorenSchmerz ist ein unangenehmer Reiz und eine emotionale Erfahrung, verbunden mit einer aktuellen oder potentiellen Gewebeschädigung, oder wird mit Ausdrücken, die auf eine Schädigung hindeuten, umschrieben. (Merskey & Bogduk 1994)
Die Schmerzwahrnehmung stellt sich als ziemlich komplexes Geschehen heraus. Die Nozizeption findet über A-Nozizeptoren (Typ III) und C-Nozizeptoren (Typ IV) statt, die in der Haut, in Muskeln und Eingeweiden vorhanden sind (Loeser & Melzack 1999).
  • A-Nozizeptoren (Typ III) vermitteln rasch ein erstes Schmerzempfinden mit 5–25 m/s, das den Organismus dazu veranlasst, sich zurückzuziehen.

  • C-Nozizeptoren (Typ IV) vermitteln ein verzögertes oder zweites Schmerzempfinden mit weniger als 2 m/s, das den Organismus immobilisiert (Flossos 2004).

Diese A- und C-Nozizeptoren vermitteln wohlgemerkt thermische, mechanische und auch chemische Stimuli (auch Chili-Pfeffer), aber nur ab einer gewissen Reizstärke (Gewebeschädigung). Sie können durch Entzündungsprozesse und neurale Veränderungen beeinflusst werden.
Aufgrund ihres Antwortverhaltens lassen sich nozizeptive spezifische Neurone (NS-Neurone), die nur durch noxische Reize erregt werden, und Wide dynamic range-Neurone (WDR-Neurone), die auch auf nichtNeurone:nozizeptive-noxische Reize reagieren und eine höhere maximale Entladungsrate bei noxischen Neurone:wide dynamic range (WDR)Reize aufweisen können, unterscheiden (Dudel et al. 2001).
Verschiedene Schmerztypen
  • Beim Gewebeschmerz kann man zwischen einem physiologischen Nozirezeptorschmerz, der als Warnsignal bei der Einwirkung thermischer, mechanischer, Schmerzen:Gewebeschmerzelektrischer oder chemischer Reize (z. B. beim Zwicken) auftritt, und einem pathophysiologischen Nozirezeptorschmerz, der bei Gewebeschädigungen (z. B. bei Verbrennung, Aufschürfung) und Entzündungen entsteht, unterscheiden.

  • Neuropathische Schmerzen werden durch eine direkte Schädigung (Quetschung, Irritation) von Nervengewebe ausgelöst (z. B. bei einem Bandscheibenvorfall). Neuropathische Schmerzen scheinen nicht so gut auf Analgetika, wie Morphin, anzusprechen wie Schmerzen durch eine Gewebeschädigung.

  • Psychogene oder Schmerzen:neuropathischepsychosomatische Schmerzen sind strukturell nicht erklärbar und Ausdruck eines psychischen Leidens (z. B. Stress-/Spannungskopfschmerzen, somatoforme Schmerzen). Sie treten also ohne eigentliche Nozizeption auf!

  • Vegetative Schmerzen werden durch eine Schmerzen:somatoformeSchmerzen:psychogeneReizung oder Funktionsstörung des Schmerzen:psychosomatischevegetativen Nervensystems ausgelöst, z. B. bei Angina pectoris, Sudeck-Schmerzen:vegetativeSyndrom, restless legs (Schäfer 1999).

Rezeptormoleküle und Analgetika
Nozizeptive Neurone (Nozizeptoren) in den Weichteilen enthalten laut Mense (2001) eine Menge Rezeptormoleküle bzw. spezifische Rezeptoren in ihrer Membran:
  • NMDA-Nozizeptoren:RezeptormoleküleRezeptoren (N-Methyl-D-Aspartat),

  • Nicht-NMDA-Rezeptoren,

  • Glutamatrezeptoren.

Diese sogenannten Nozizeptoren können durch spezifische Agonisten aktiviert und durch spezifische Antagonisten gehemmt werden. Sie besitzen Bindungsstellen für exzitatorische (algetische) Substanzen wie Glutamat, Bradykinin, Serotonin, Prostaglandin E2, Adenosintriphosphat (ATP) und Protonen (H+), die bei Schmerzreizen oder pathologischen Gewebeveränderungen von den beschädigten Zellen und Abwehrzellen freigesetzt werden (Mense 2001). Neuropeptide mit hemmender Wirkung sind vor allem Opioide (wie Kodein, Morphin).
Man unterscheidet im Wesentlichen folgende Gruppen von Analgetika:
  • Nicht-Opioid-Analgetika und nichtsteroidale Antiphlogistika (NSAID non steroidal anti-inflammatory drugs) mit Analgetika-Gruppenschwacher analgetischer, Nicht-Opioid-Analgetikafiebersenkender und entzündungshemmender Antiphlogistika:nichtsteroidale (NSAID)Wirkung (z. B. Diclofenac, Paracetamol, Metamizol). Diese hemmen meistens die Synthese von Prostaglandinen, die bei einer Gewebeschädigung als entzündungsfördernde Substanzen gebildet werden. NSAID haben aber neben ihrer analgetischen Wirkung auch noch Einfluss auf die Nierendurchblutung, Natriumausscheidung, NSAID:()nichtsteroidale AntiphlogistikaThrombozytenaggregation, den Bronchialtonus, Darmtonus, Gefäßtonus, Uteruskontraktionen (Wehen), Chemotaxis, Säureschutz der Magenschleimhaut usw.

  • Opioid-Analgetika, die an Opioidrezeptoren binden und schwach (z. B. Tramadol, Tilidin) bis stark (z. B. Buprenorphin, Morphin) schmerzlindernd wirken. Als Opioid-AnalgetikaNebenwirkungen sind hier vor allem Opioidabhängigkeit, Obstipation, Atemdepression (Hypoventilation), Übelkeit und Erbrechen zu befürchten.

  • NMDA-Rezeptorantagonisten, die als Anästhetikum dienen (z. B. Ketamin).

Das fazilitierte Segment: eine überholte oder wertvolle Hypothese?

StillNMDA-Rezeptorantagonisten:Anästhetika hat angegeben, dass funktionelle muskuloskelettale Dysfunktionen Schmerz und autonome Reaktionen beinhalten und eine segmentale Quelle für das Entstehen von viszeralen Dysfunktionen und Krankheiten bilden können. Eine somatische Dysfunktion kann von einer muskuloskelettalen Restriktion oder von einer Infektion,viszerale Dysfunktion:Schmerzen einem Trauma oder einer Pathologie des Bindegewebes, der Viszera oder des Nervensystems ausgehen und verbindet sozusagen muskuloskelettale Restriktionen mit einer Schmerzsymptomatik sowie vegetativen und segmentalen Reaktionen.
Das Gesetz von Hilton (1863) besagt, dass ein Nerv, der ein Gelenk Schmerzsymptomatik:somatische Dysfunktioninnerviert, tendeziell auch die Muskeln, die das Gelenk bewegen, und die Haut über den distalen Hilton-GesetzAnsätzen dieser Muskeln innerviert.
Sensoren oder Rezeptoren werden allgemein in mechanische (z. B. Barorezeptoren, Propriorezeptoren), thermische und chemische Rezeptoren unterteilt. Nozizeptoren können interessanterweise oft zu allen drei Kategorien gehören (Kap. 2.3.8).
Anfangs hatte Korr postuliert, dass vor allem Propriorezeptoren eine wichtige Rolle bei der Fazilitierung (Sensibilisierung) eines Rückenmarksegments spielen. Später vermutete man, dass insbesondere die sogenannten Nozizeptoren (mit freien Nervenendigungen, A-/Typ-III- und C-/Typ-IV-Nozizeptoren- als morphologischen Korrelaten), die sich sowohl im Nozizeptoren:Fazilitierungmuskuloskelettalen als auch im viszeralen Bereich befinden, eine segmentale Fazilitierung bewirken (Korr 1995 und 1997, Meert 2009). Viszerale und propriozeptive Afferenzen scheinen bei der Fazilitierung eine wichtige Rolle zu spielen.
Mit der Hypothese des fazilitierten Segments ist gemeint, dass die Nervenwurzeln des betreffenden Rückenmarksegments überempfindlich sind. Weil diese hyperaktiven ventralen motorischen Wurzeln auch mit dem Truncus sympathicus verbunden sind, könne eine Bombardierung des sympathischen Ganglions in eine Sympathikotonie der Zielorgane (Bindegewebe, Muskeln, Gefäße, Knochen, Eingeweide, Haut, Schweißdrüsen) ausarten, die sich wahrscheinlich in dem Sympathikotonie:FazilitierungGewebe äußert, das momentan am schwächsten ist.
Kritikpunkte an der Hypothese
Die Hypothese des fazilitierten Segments muss selbstverständlich einer kritischen Sichtung nach neueren Erkenntnissen unterzogen werden:
  • So hat man beispielsweise kritisiert, deszendierende Einflüsse der höheren Zentren des ZNS würden nicht berücksichtigt. Das spinale Segment kann selbstverständlich nicht ohne die Kontrolle der höheren Zentren, die längst nicht nur im kortikalen Bereich zu suchen sind, operieren. Man sollte die Hypothese daher unbedingt um den Begriff der central sensitization (zentrale Sensibilisierung) erweitern (Kap. 2.3.10).

  • Beim modernisierten Prinzip der Fazilitierung hat sich das Substrat geändert bzw. eine Sensibilisierung:zentraleErgänzung stattgefunden. Anstelle des Hinterhorns (wieFazilitierung:central sensitization in der Gate-Control-Theorie) Fazilitierung:Neuromatrix im Gehirnist nun die Neuromatrix im Gehirn ins Rampenlicht gerückt. Angst, Schmerz und das Fokussieren auf den Schmerz sorgen für eine Zentrierung von Afferenzen auf den interozeptiven Kortex und für eine Schonhaltung des betroffenen Bereichs. Chronische Schmerzen und Schonbewegungen setzen verschiedene Mechanismen in Gang:

    • Neuroanatomische und neurophysiologische Änderungen im Schmerzen:Aktivierung von GliazellenRückenmark und Gehirn

    • Aktivierung von Gliazellen, die Immunreaktionen (proinflammatorische Zytokine) im ZNS auslösen: Wieseler-Frank et al. geben beispielsweise an, dass durch solche Gliazellen im Rückenmark Schmerzen verstärkt werden können, indem sie die Erregbarkeit der Rückenmarksneuronen modulieren (Wieseler-Frank et al. 2005).

    • Psychosoziale und emotionale Änderungen mit Angst und Konzentration auf den Schmerz.

Wenn die Afferenzen einmal ins Rückenmark eingetreten sind, breiten sie sich nach kranial und kaudal aus, wodurch sich die Anzahl der angesprochenen Afferenzen:DivergenzSegmente stark erhöht. Aus einer segmentalen Afferenz entsteht sozusagen eine starke Divergenz zu mehreren Segmenten im Rückenmark. Bei den Efferenzen, die das Rückenmark verlassen, kommt es wiederum zu einer starkenDivergenz:Afferenzen Konvergenz, sodass die anfänglich multisegmentalen Informationen nun Efferenzen:Konvergenzsozusagen fast monosegmental (auf jeden Fall aber über eineKonvergenz:Efferenzen kleinere Zahl von Segmenten) das Rückenmark verlassen!
Sportler, die oft mit parietalen Verletzungen zu kämpfen haben, müssten nach der Fazilitierungshypothese eigentlich viele viszerale Probleme haben, was sich aber nicht durch Untersuchungen bestätigen lässt. Die Existenz von somatoviszeralen Reflexen wird eindeutig in Frage gestellt. Loeser und Melzack (1999) geben an, dass akute Schmerzen mit autonomen und somatischen Reflexen einhergehen, die aber bei Patienten mit chronischen Schmerzen wieder verschwinden.
Fibrositis als Ausdruck eines fazilitierten Segments
Allerdings sei hier die Bemerkung gestattet, dass das Segment nicht durch eine parietale Verletzung fazilitiert wird, sondern eher durch eine Summe verschiedener Reize. Im Gehirn scheint bei einer Aktivierung des angeborenen Immunsystems ein zelluläres und molekulares Abbild der peripheren inflammatorischen Reaktion auf das Pathogen zu entstehen (Dantzer et al. 2008). Die proinflammatorischen Zytokine, die von aktivierten Makrophagen produziert werden, induzieren eine Freisetzung der gleichen Zytokine im Gehirn. Die Zytokine im Gehirn sind verantwortlich für das Verhaltensmuster bei Krankheit.
Upledger hält den Begriff Fibrositis für eine zutreffende Beschreibung des sympathikotonen Zustands im Bindegewebe eines fazilitierten Segments (Upledger 2003). Er gibt an, dass fazilitierte Segmente vermehrt in Bereichen mit posturalem Stress, Traumatisierungen und viszeralen Problemen auftreten und durchaus Fazilitierung:posturaler Stresschronifiziert sein können. Für Upledger besteht das Ziel der Behandlung im Reduzieren des sensorischen Inputs zu dem fazilitierten Segment, beispielsweise durch sanfte Mobilisation der dazugehörigen myofaszialen Strukturen und Flüssigkeiten, im Reduzieren von posturalem Stress und einer Verringerung der Signale, die von höheren Zentren des ZNS kommen (beispielsweise mit Hypnose, Psychotherapie, Biofeedback, Kraniosakraltherapie usw.).
Fazilitierung, Gate-Control-Theorie und Neuromatrix
Die Hypothese der Fazilitierung stützt sich auf die Gate-Control-Theorie von Melzack und Wall, die postulierte, dass bei einer Aktivierung der nach zentral Fazilitierung:Gate-Control-Theorieprojizierenden P-Zellen (Zellen des Gate-Control-Theorie:des SchmerzesTractus spinothalamicus und vorgeschaltete Zellen), die über ein kritisches Maß hinausgeht, die zentralen Schmerzsysteme erregt werden und die Zellen der Substantia gelatinosa (Lamina I und II) die eintreffenden Schmerzsignale dann sozusagen wie Kontrollschranken verstärken (Schranke geöffnet) bzw. abschwächen (Schranke geschlossen). Durch Experimente wurde die Gate-Control-Theorie aber widerlegt und daraufhin angepasst. Laut Schmidt (1993) wird jedoch zu wenig beachtet, dass jede Form von Afferenzen, einschließlich der Nozizeption, dem regulierenden Einfluss verschiedener Mechanismen unterliegt, die sich sowohl auf spinaler als auch auf supraspinaler Ebene befinden. Tatsächlich deuten Erscheinungen wie Phantomschmerzen darauf hin, dass alle Sinneswahrnehmungen, auch Schmerzen, die das somatosensorische System betreffen, in komplexen neuronalen Netzwerken des PhantomschmerzenGehirns (Neuromatrix) gespeichert sind. Man kann die Neuromatrix sozusagen als genetisch determiniertes Netzwerk von Neuronen betrachten, das aber durch Neuromatrix:im Gehirnsensorische Informationen aus der Peripherie angepasst werden und sozusagen dazulernen kann.
Ruhende Nozizeptoren
Korr betonte die Funktion des Rückenmarks, insbesondere des fazilitierten Segments, als Organisator von Krankheitsprozessen (Korr 1997, Meert 2009). Anscheinend spielen vor allem nozizeptive und viszerale Afferenzen eine Rolle bei der Hemmung der Kontrollsysteme für ankommende Afferenzen. Barnert und Wienbeck sprachen in diesem Sinne von sogenannten ruhenden Nozizeptoren (silent nociceptors), die Nervenzellen im Rückenmark sensibilisieren, sodass die Schmerzschwelle durch einen noch Nozizeptoren:ruhendeunbekannten Mechanismus erniedrigt wird (Abb. 2.2) (Barnert & Weinbeck 1996). Zudem können auch aus dem Schmerzschwelle:erniedrigteGehirn absteigende Bahnen (z. B. Tractus bulbospinalis) die Erregbarkeit der Neurone im Hinterhorn des Rückenmarks hemmen. Zusätzlich spielen auch noch Neurotransmitter wie Noradrenalin, Serotonin und Opioide eine Rolle. Um den genauen Mechanismus zu klären, sind weitere Untersuchungen erforderlich.
Parallel Distributed Processing
Man weiß mittlerweile, dass die elektrischen Signale weder im zentralen noch im vegetativen Nervensystem eins zu eins übersetzt werden, sondern dass manche Gebiete divergierend und parallel mit einer Kaskade von elektrischen Signalen und Neurotransmittern aus verschiedenen Bereichen versorgt werden. Das kann man als Parallel Distributed Processing (parallel-verteilte Verarbeitung) bezeichnen. Der Konnektionismus betrachtet die Untersuchung der mentalen Aktivität als Studie des neuralen Systems und ist deswegen eng mit den Neurowissenschaften verknüpft. Ähnlich wie in der Informatik wird nach der Software gesucht, mit der das Gehirn arbeitet. Die einzelnen Nerven können sowohl seriell als auch parallel verkabelt sein, was eine simultane Verarbeitung von komplexen Informationen durch Rechenzentren erlaubt, die im ganzen Gehirn verteilt sind. Es ist die Plastizität der Parallel-Vernetzung, also die Fähigkeit, die Gehirn:PlastizitätKomplexität der Vernetzung während LernprozessenGehirn:Parallelvernetzung zu modulieren und anzupassen, die ein individuell aufgebautes Gehirn ermöglicht (Kandel et al. 1996). Lernen und Plastizität haben eindeutig auch etwas mit Schmerz zu tun (Wall & Melzack 2005).
Schmerzafferenzen (Nozizeption) sind ein gutes Beispiel für eine divergente oder parallele Verarbeitung. Schmerz wird somatische Schmerzafferenzen:parallele VerarbeitungÄnderungen auslösen, beispielsweise in Form von Muskelverspannungen (Schmerzen:MuskelverspannungenSchutzspannung), aber auch eine Schmerzen:neurovegetative Reaktionenemotionale Bewertung (wie Angst, Sorgen) daran koppeln und autonome (neurovegetative) Reaktionen (z. B. Zittern, Schwitzen) mit sich bringen.
Osteopathen vermuten, dass auch Spannungen und Torsionen im myofaszialen System für eine Distorsion oder Dysfunktion der lokalen Propriorezeptoren sorgen und damit zu einer Bombardierung des Rückenmarksegments mit Afferenzen führen können. Das interessante Fasziendistorsionsmodell von Stephen Typaldos ist ein gutes Beispiel für diese Sichtweise (Typaldos 1999).
Darüber hinaus gibt es das propriospinale System, das die verschiedenen Rückenmarksegmente koordiniert und unter dem Einfluss der Pyramidenbahn und der extrapyramidalen Bahnen steht. Das propriospinale System ist ein Netz aus Interneuronen und Prämotoneuronen (Assoziationszellen), die um die graue Substanz des Rückenmarks liegen. Es kann propriospinales Systemüber das ganze Rückenmark ankommende Impulse auf verschiedene Rückenmarksegmente ausdehnen und für eine Umschaltung auf efferente Bahnen sorgen, damit einfach erlernte Bewegungsprogramme (wie Atmen, Laufen, Kratzen) auf spinaler Ebene automatisch und schnell ablaufen können. Die propriospinalen Fasern sind meistens kurz und ziehen höchstens bis zum übernächsten, kaudal gelegenen Segment (Nathan et al. 1996).
Das Gehirn wird letztendlich alle ankommenden Informationen (auch Schmerzinformationen) auswerten und zu einem sinnvollen Szenario zusammenfügen. Dabei werden viele Bereiche des Gehirns gleichzeitig aktiviert.

Ausblick

Die Hypothese des fazilitierten Segments muss im Lichte der modernen Schmerztheorien überarbeitet werden. Hierzu wären wissenschaftliche Untersuchungen wünschenswert.

Wall und Melzack geben beispielsweise an, die Wirkung der Schmerztherapie lasse sich mit einem Durchbrechen des Teufelskreises erklären (Wall & Melzack 2005). Der periphere Schmerzinput wird blockiert, damit der Organismus sozusagen ein Reset (Neustart) durchführen kann.

Im Folgenden ergänzen wir die Hypothese der Fazilitierung durch eine Beschreibung der peripheren und zentralen Sensibilisierung und des neurogenen Umschaltens.

Periphere und zentrale Sensibilisierung

Normalerweise wird Schmerz erst wahrgenommen, wenn die Stimuli stark genug sind, um das Gewebe tatsächlich oder potenziell zu schädigen. Wenn Reize, die normalerweise keinen Schmerz auslösen würden, Schmerzen verursachen, spricht man von Allodynie; in dem Fall ist sozusagen die Reizschwelle herabgesetzt. Wenn nozizeptive Stimuli einen verstärkten und länger anhaltenden Schmerz auslösen, Allodyniespricht man von Hyperalgesie.
Allgemeiner ausgedrückt, kommt es zu einer Sensibilisierung (Fazilitierung) der Neurone, sodass sie sensibler auf Stimuli reagieren.
Periphere Sensibilisierung
HyperalgesieEine periphere Sensibilisierung sorgt für eine Herabsetzung der Reizschwelle und eine Schmerzüberempfindlichkeit des verletzten und entzündeten Gewebes. Denken Sie Sensibilisierung:peripherebeispielsweise daran, wie empfindlich die Haut direkt nach einem Sonnenbrand reagiert. Bei Überbeanspruchung, Ischämie oder Entzündung der Weichteile steigt die Konzentration von algetischen Substanzen (z. B. ATP) und Entzündungsmediatoren (z. B. Prostaglandine, Histamin) und die Nozizeptoren werden hypersensibilisiert, was zu einer erhöhten Anzahl von Afferenzen zum jeweiligen Rückenmarksegment führt. Darüber hinaus werden Mastzellen und Granulozyten aktiviert, die das Enzym Cox-2 (Zyklooxygenase 2) freisetzen, was wiederum die Prostaglandinsynthese anfacht. Dieser Schritt wird übrigens durch NSAID gehemmt.
Je länger die nozizeptiven Reize andauern, desto länger hält die Sensibilisierung des spinalen Segments an; dadurch kann eine längerfristige Sensibilisierung oder sogar Fixierung (mehrere Tage bis Wochen) entstehen.
Pathogenese: Man vermutet, dass in den Schlüsselproteinen und Ionenkanälen, von denen die Erregbarkeit des Nozirezeptors bestimmt wird, Veränderungen auftreten (Häbler & Jänig 2003, Flossos 2004; Abb. 2.3). Es wurden zwei Wege zur Entwicklung einer peripheren Sensibilisierung festgestellt (Woolf & Salter 2000, Julius & Basbaum 2001):
  • Veränderungen an bereits existierenden nozizeptiven Proteinen (post-translational processing), beispielsweise durch das Hinzufügen von Phosphatgruppen ( Phosphorylierung) zu den Aminosäuren der Proteine durch Enzyme (Kinasen), oder

  • Veränderungen der vom Nozizeptor produzierten Proteine Phosphorylierung:periphere Sensibilisierungdurch eine veränderte Genexpression (altered gene expression).

Neurogenes Umschalten (Neurogenic Switching)
Bei der peripheren Sensibilisierung werden Afferenzen über andere periphere Äste des Nozirezeptors wieder zur Peripherie zurückgesandt (so entsteht eine primäre Hyperalgesie) und Neuropeptide (Substanz P, Somatostatin) freigesetzt, die durch Vasodilatation, Chemotaxis von Makro- und Hyperalgesie:primäreMikrophagen und Neuropeptide:neurogene EntzündungDegranulierung von Mastzellen eine neurogene EntzündungSubstanz P induzieren. Substanz P scheint ein richtiges Lockmittel für Abwehrzellen darzustellen, daher gehen Schmerzen immer mit einer lokalen Ansammlung von Abwehrzellen einher. Zudem setzen diese Neuropeptide auch noch die Reizschwelle der Nozizeptoren herab.
Nozizeptoren haben typischerweise viele periphere Äste, die benachbarte Gebiete derselben Struktur innervieren. Von den nozizeptiven Neuronen der oberen thorakalen Spinalganglien ziehen aber beispielsweise sowohl Äste zum Plexus brachialis als auch zum Perikard, was gekoppelte Reflexreaktionen in beiden Zielgebieten vermuten lässt!
Van Buskirk vermutet, dass eine viszeral-somatische Gelenkinnervation im Körper gebräuchlich zu sein scheint (Van Buskirk 1990). Meggs spricht in diesem Zusammenhang von einem neurogenen Umschalten (neurogenic switching) (Meggs 1995). Nach dieser Hypothese sorgt ein Mechanismus dafür, dass ein Stimulus, der aus einem Gewebe zum zentralen
Nervensystem geleitet wird, neurogenic switchingzu einer neurogenen Entzündung in einem anderen Gewebe führen kann. Das könnte auch erklären, warum Allergene oder Toxine beispielsweise Asthma, Arthritis oder eine Fibromyalgie Entzündung:neurogeneinduzieren können.
  • Eine immunologische Entzündungsreaktion entsteht, wenn ein Antigen sich mit einem Antikörper oder mit einem Rezeptor auf Leukozyten verbindet und dadurch eine EntzündungskaskadeEntzündungsreaktion:immunologische initiiert wird.

  • Eine neurogene Entzündungsreaktion entsteht, wenn ein chemischer Stoff oder ein Nervenimpuls einen sensorischen Nervenrezeptor reizt und dadurch zur Freisetzung von Substanz P und anderen entzündlichen Neuropeptiden führt.

Dabei kann es, vereinfacht dargestellt, zu einem Zusammenspiel von immunologischen und neurogenen Faktoren kommen, weil einerseits Substanz P eine Degranulation von Mastzellen bewirken und andererseits Histamin sensorische Nerven aktivieren kann.
Li et al. bestätigten, dass systemische Erkrankungen beispielsweise durch orale Infektionen ausgelöst werden können (Li et al. 2000). Utomo berichtete über asthmatische Symptome, die von oralen Infektionen verursacht wurden (Utomo 2006).
Im Fall von chronischen Muskelläsionen, beispielsweise einer Myositis, zeigt sich eine stärkere Innervation durch freie Nervenendigungen, die das Neuropeptid Substanz P enthalten und die sich meistens wie Nozizeptoren verhalten.
Die freien Nervenendigungen in Muskeln sind oft nozizeptiv. In ihnen findet man die Substanz P:MyositisNeuropeptide Substanz P, Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) und Somatostatin. Diese Neuropeptide haben einen stark vasodilatierenden Effekt auf Blutgefäße und induzieren demzufolge Ödeme. Ödeme in der Nachbarschaft von Nozizeptoren gehen mit Neuropeptide:Ödembildungder Freisetzung von Bradykinin einher, was wiederum die Erregbarkeit der freien NervenendigungenÖdeme:Neuropeptide erhöht. Dadurch wird ein Circulus vitiosus ausgelöst, der sogenannte Triggerpunkte entstehen lassen kann.
Coffin et al. untersuchten Patienten mit Reizdarm und konnten herausfinden, dass bei vielen eine gesteigerte Erregbarkeit spinaler nozizeptiver Prozesse vorlag (Coffin et al. 2004).
Zentrale Sensibilisierung
Durch Experimente an Ratten (künstlich ausgelöste Myositis des M. gastrocnemius und M. soleus) konnte man feststellen, dass sich bei einer Entzündung die Anzahl der Neurone im Hinterhorn des Rückenmarks, die auf einen elektrischen Impuls dieser Wadenmuskeln reagierten, vergrößerte. Dies lässt auf eine Aktivierung von sogenannten ruhenden Nozizeptoren schließen (Abb. 2.3), was als zentrale Sensibilisierung bezeichnet wird (Mense 2001, Häbler et al. 2003).
Man könnte eine zentrale Nozizeptoren:ruhendeSensibilisierung als gesteigerte Erregbarkeit der ZNS-Neurone Sensibilisierung:zentraleumschreiben, sodass normale Stimuli eine anormale Reaktion in Form einer Allodynie auslösen. Diese Definition stimmt eigentlich ZNS-Neurone:gesteigerte Erregbarkeitziemlich mit der Hypothese des fazilitierten Segments überein (Kap. 2.3.8). Die zentrale Sensibilisierung ist meistens von einer plötzlichen Zunahme der Aktivität der Nozizeptoren gekennzeichnet (beispielsweise bei einer Verletzung), durch die sich die Stärke der synaptischen Verbindungen zwischen den Nozizeptoren und dem Rückenmark verändert. Das wird auch als activity-dependent synaptic plasticity (aktivitätsabhängige synaptische Plastizität) bezeichnet.
Pathogenese: Eine zentrale Sensibilisierung entsteht über eine unmittelbare, relativ kurze Phase mit Veränderungen der Plastizität:synaptischevorhandenen Proteine und eine zweite langsamere, länger anhaltende Phase mit einer neuen Genexpression (Ji et al. 2003). Bei der zentralen Sensibilisierung laufen demnach, genauso wie bei der peripheren Sensibilisierung, zwei Prozesse ab (Woolf & Salter 2000, Julius & Basbaum 2001):
  • In der unmittelbaren Phase der zentralen Sensibilisierung löst ein Signal der Nozizeptoren Veränderungen in den

  • synaptischen Verbindungen im Rückenmark aus. Daraufhin werden aus den zentralen Endigungen der Nozizeptoren Signalmoleküle wie beispielsweise Glutamate und Neuropeptide (Substanz P, CGRP) freigesetzt. Diese Signalmoleküle wirken auf spezifische Rezeptoren in Rückenmarksneuronen, die intrazelluläre Signalwege aktivieren und zu einer Signalmoleküle:gesteigerte ErregbarkeitPhosphorylierung von Membranrezeptoren (Glutamatrezeptoren NMDA- und AMPA-Rezeptoren) und Kanälen führen. Dadurch kommt es dann zu einer Phosphorylierung:zentrale SensibilisierungHerabsetzung der Reizschwelle und gesteigerten Erregbarkeit der Neurone.

  • In der späteren Phase der zentralen Sensibilisierung findet eine erhöhte Proteinproduktion statt. Hierbei spielen endogene Opioide (Dynorphin), Cox-2 (die Produktion von Prostaglandin E2 stimulierendes Enzym) und eine veränderte Genexpression eine Rolle.

Die gesteigerte Erregbarkeit sowohl von peripheren als auch zentralen Neuronen spielt eine besondere Rolle bei der Entstehung anormaler Schmerzen. Durch die molekularen Komponenten und intrazellulären Kaskaden haben sich in den letzten Jahren neue Möglichkeiten für die Schmerzen:gesteigerte Erregbarkeit von NeuronenEntwicklung von Schmerzmitteln (Analgetika) ergeben.
Kartografie des Schmerzes im Gehirn
Bei einer Verletzung saust eine Botschaft über Nerven zum Rückenmark und von dort zum Gehirn mit der Folge, dass es schmerzt (meistens), aber eigentlich nur, weil unser Gehirn das sagt.
Obwohl eine sogenannte schmerzverarbeitende Neuromatrix im Gehirn vermutet wird, die auf verschiedene Bereiche verteilt sein soll, gehen neuere Sichtweisen nun doch von spezifischen Schmerzzentren im Gehirn aus, was für ziemlich kontroverse Debatten sorgt (Craig 2003). Funktionelle MRT- und PET-Untersuchungen sowie anatomische und Schmerzzentren:im Gehirnphysiologische Experimente haben neue Erkenntnisse über die schmerzverarbeitenden Bereiche im Gehirn beigesteuert.
Neuromatrix-Modell
In den letzten 40 Jahren galt allgemein, dass Schmerz nach dem Neuromatrix-Modell als ein Aspekt des Tastsinnes zu betrachten sei, der pathologisch sensibilisiert werden kann und unsere emotionalen Reaktionen Neuromatrix:im Gehirnbeeinflusst. Sensorische Neurone leiten den Schmerz konvergierend zum Rückenmark, und von dort werden Botschaften zu spezialisierten Hirnarealen des somatosensorischen Kortex geschickt. Der somatosensorische Kortex wird als das Herzstück der sogenannten Neuromatrix angesehen. Referred Pain und Hyperalgesie Kortex:somatosensorischerwerden dabei im Sinne einer Sensibilisierung über die vernetzten Querverbindungen und komplexe Referred Pain:zentrale Sensibilisierungzentrale Vorgänge Hyperalgesie:zentrale Sensibilisierungerklärt. Es bleiben trotzdem Fragen offen, wie beispielsweise: Wieso nimmt der Schmerz bei Verletzungen einer speziellen aufsteigenden Bahn im Rückenmark oder im parieto-insulären Kortex des Gehirns deutlich ab? Eine Abnahme der Stickstoffmonoxid(NO)-Konzentration im Rückenmark scheint beispielsweise ein Faktor für die Entstehung von chronischen Schmerzen zu sein. Anscheinend hängt die Zunahme chronischer Schmerzen auch mit einer Vergrößerung der repräsentierenden Zone im primären somatosensorischen Schmerzen:chronischeKortex zusammen und prägt demzufolge das Schmerzgedächtnis.
Mense vertrat als neue Hypothese, dass ein starker nozizeptiver Input zum Rückenmark zum Absterben von inhibitorischen Interneuronen führt (Mense 2001).
Flossos betonte, dass es Verbindungen zwischen dem efferenten sympathischen Nervensystem und sensiblen Afferenzen gebe, die aber noch nicht genügend wissenschaftlich untersucht sind. Zudem haben absteigende inhibitorische Bahnen anscheinend einen Effekt auf das Öffnen und Schließen des Schmerztors (Gate-Control-Theorie). Die Substantia grisea periaqueductalis des Mittelhirns soll beispielsweise eine Rolle bei der absteigenden Schmerzunterdrückung spielen (FlossosGate-Control-Theorie 2004).
Schmerzzentren
Es scheint auch Beweise zu geben, dass Schmerzen unterschiedlicher Intensität eigene spezifische Bahnen zum Gehirn haben und dass es sogenannte Schmerzzentren im Gehirn (Thalamus, Gyrus cinguli, parieto-insulärer Kortex, somatosensorischer Kortex, medialer frontaler Kortex) gibt, was allerdings Schmerzzentren:im Gehirnkontrovers diskutiert wird. Auch subkortikale Kortex:somatosensorischerBereiche (Amygdala, Cerebellum, Striatum) Kortex:parieto-insulärerwerden anscheinend aktiviert. Manche Autoren sprechen deswegen von einem komplexen Netzwerk mit verteilten Funktionen (Craig 2003).
In der oberflächlichen Lamina I des Cornu posterius der Substantia grisea des Rückenmarks liegen sowohl Neurone, die bei verschiedenen Schmerzintensitäten (z. B. scharf, brennend, Muskelschmerz) aktiviert werden, als auch Neurone, die Empfindungen wie warm, kalt, Juckreiz, Berührung usw. vermitteln. ZudemSchmerzintensitäten verstärkt sich die Vermutung, dass der parieto-insuläre Kortex im Gehirn wichtig für die Verarbeitung von Schmerzinformationen ist (Eickhoff et al. 2005, Changjun & Davis 2002).
Lui et al. untersuchten mit der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) die Hirnaktivität bei Berührung und bei Schmerz (Lui et al. 2008). Sie fanden heraus, dass sich die Aktivität bei einer kurzen schmerzhaften und bei einer nicht-schmerzhaften Berührung des Handrückens größtenteils in der homolateralen und heterolateralen Gehirnhälfte zeigt und in Teilen des parietalen, insulären und frontalen Kortex und im Gyrus cinguli überlappt. Dabei ließen sich raum-zeitliche kortikale Aktivitätsmuster mit Kortex:parietalerKortex:insulärereiner Ab- und Zunahme der Aktivität in Kortex:frontalermanchen Teilbereichen dieser Hirnregionen beobachten.
Craig zufolge könnte die spezifisch menschliche, subjektive Schmerzqualität durch eine Überlappung von (aus evolutionärer Sicht) älteren Gehirnbereichen, die physiologische Prozesse steuern, und jüngeren Gehirnbereichen, die emotionale Prozesse verarbeiten, erklärbar sein. Aus dieser Perspektive wäre Schmerz beim Menschen als eine phylogenetisch neue kortikale Erweiterung eines alten homöostatischen Systems zu bewerten. Schmerz könnte demzufolge als eine spezifische homöostatische Antwort auf eine körperliche Empfindung (Schmerzen:körperliche EmpfindungSchmerzen:als homöostatische Antwortrepräsentiert im parieto-cingulären Kortex)Schmerzen:emotionale Komponente und eine emotionale Komponente (repräsentiert im Gyrus cinguli) betrachtet werden (Craig 2003).
Es findet demnach im Gehirn eine Kortex:parieto-cingulärerspannende Interaktion zwischen Schmerzen, autonomen (vegetativen) Aktivitäten,Gyrus:cinguli\"\i Sinneswahrnehmungen und Emotionen statt.
Für ein besseres Verständnis der komplexen Schmerzphysiologie sind aber sicherlich noch weitere wissenschaftliche Untersuchungen notwendig.
Divergenz der Nozizeption
Allgemein kann man feststellen, dass nozizeptive Afferenzen divergierende efferente Reflexantworten (Abb. 2.4) auslösen (Van Buskirk 1990):
  • Die nozizeptiven Afferenzen werden auf Neurone des Seitenhorns (Nucleus intermediolateralis) umgeschaltet, und von dort gelangen dann efferente Signale zur Haut und zu den segmental zugeordneten Eingeweiden und Skelettmuskeln, die sich sogar über mehrere Segmente ausbreiten können. Sie führen zu einer Vasokonstriktion in Haut und Eingeweiden und zu einer Vasodilatation in den Skelettmuskeln, zu einem Anstieg von Vasokonstriktion:EingeweideHerzfrequenz und Blutdruck sowie zu Vasokonstriktion:Hauteiner Abnahme der Magenmotilität, Vasodilatation:SkelettmuskelnBronchodilatation, zu Zittern und Schweißausbrüchen. Die Vasodilatierung in den Skelettmuskeln bewirkt zusätzlich eine venolymphatische Stauung mit Funktionseinschränkung der Muskeln. Es sei auch darauf hingewiesen, dass die ausgeschütteten Neuropeptide in der Peripherie zusätzlich für eine Chemotaxis von Abwehrzellen sorgen. Inwiefern sympathische Impulse zu den lymphatischen Organen (Thymus, Milz, Lymphknoten, MALT) Chemotaxis:Abwehrzellenaktiviert werden, ist weniger bekannt.

  • Die nozizeptiven Afferenzen werden auch zu Neuronen des Vorderhorns umgeschaltet und sorgen für einen Schutzreflex in Form einer Hypertonie der segmental zugeordneten Afferenzen:nozizeptiveSkelettmuskeln und myofaszialen Strukturen. Auf diese Weise versucht der Körper, den Stress der Hypertonie:als Schutzreflexbetroffenen Nozizeptoren zu mindern. Die myofaszialen Spannungen können sich sogar im ganzen Körper ausbreiten.

  • Zudem werden die nozizeptiven Afferenzen über spinothalamische Bahnen auch zum myofasziale Spannungen:SchutzreflexHirnstamm und Thalamus gesendet, wo sie emotional gefärbt und zum Bewusstsein weitergeleitet werden. Über die neurale (sympathisches Nervensystem – Nebennierenmark) und die hormonale Achse (Hypophysenvorderlappen – Nebennierenrinde) können dann eventuell weitreichende (psychoemotionale) Stressreaktionen ausgelöst werden.

Viszerale Afferenzen und das vegetative Nervensystem

Viszeraler Schmerz entsteht, wenn Organe verletzt werden, und ist überraschenderweise die geläufigste Form von Schmerzen (Cervero & Laird 1999). Umso erstaunlicher istSchmerzen:viszerale es, dass nicht alle inneren Organe schmerzempfindlich sind; manche können sogar erheblich geschädigt sein, ohne dass man es spürt. So sind beispielsweise manche Krankheiten der Leber, der Lunge oder der Niere komplett schmerzfrei, und der Patient bemerkt nur die Funktionsstörungen. Dafür können aber bereits leichte Läsionen manch anderer Eingeweide, wie Magen, Harnblase oder Ureteren, qualvolle Schmerzen auslösen. Das scheint mit der Innervation der Eingeweide zu tun zu haben. Hohlorgane (wie Darm, Harnblase, Uterus) werden meistens von Nozizeptoren versorgt, weil sie mit der Außenwelt und demzufolge auch mit potenziell gefährlichen Substanzen in Kontakt stehen (Craig 2002). Viszerale Nozizeptoren melden meistens chemische Stimuli (Entzündungsstoffe), können aber auch auf mechanische Stimuli reagieren.
Entzündungsmediatoren und Nozizeptoren:viszeraleGewebereizungen im Viszeralbereich scheinen sogenannte ruhende Nozizeptoren zu aktivieren, die afferente spinale Neurone sensibilisieren und Entzündungsmediatorendie Schmerzschwelle senken können. Wie das genau abläuft, ist allerdings nicht Nozizeptoren:viszeralegeklärt (Barnert & Wienbeck 1996). Neuere Untersuchungen deuten darauf hin, dass auch nicht-entzündliche Mediatoren viszerale Schmerzen auslösen und die Reizschwelle für neuronale Reaktionen auf mechanische Stimuli herabsetzen können. Auch Stress erhöht die viszerale Empfindlichkeit (Bueno & Fioramonti 2002).
Übertragener Schmerz und viszerosomatische Afferenzen/Efferenzen
Von Eingeweiden Stress:viszerale Schmerzenscheinen darüber hinaus auch Schmerzen auszustrahlen (referred pain bzw. übertragener Schmerz) und in Bereichen wahrgenommen zu werden, die vom betroffenen Organ weit entfernt sind. Das liegt am Fehlen einer sensorischen Leitbahn im Gehirn, die sich ausschließlich um die Informationen der inneren Organe kümmert. Die sensorischen Bahnen der Viszera verbinden sich im Gehirn mit den sensorischen Bahnen der Haut und Muskeln, sodass das Gehirn Informationen aus den Viszera als Signale von Muskeln und der Haut interpretieren kann. Das wird als viszerosomatische Konvergenz bezeichnet. Neuere Untersuchungen deuten aber darauf hin, dass auch andere Faktoren an der Integration der sensorischen Konvergenz:viszerosomatischeInformationen der Eingeweide beteiligt sind.
Nicht selten besteht eine erhöhte Sensitivität von Organen nach einer Entzündung noch weiter fort. Auch hierbei erfüllen die periphere und die zentrale Sensibilisierung eine wichtige Aufgabe (Kap. 2.3.10). Derzeit wird nach den molekularen Strukturen gesucht, die bei der viszeralen Hyperalgesie eine Rolle spielen, weil wir momentan noch wenig spezifische schmerzstillende Mittel für viszerale Schmerzen haben.
Das Konzept Hyperalgesie:viszeraleder Fazilitierung, dass Afferenzen aus viszeralen Aufhängungselementen somatische Efferenzen auslösen, wird wie bereits erwähnt, von der klassischen Medizin oft in Frage gestellt. Über die Vermittlung von viszeralen mechanosensiblen Afferenzen – beispielsweise dem intraluminalen Druck in Gefäßen (z. B. von Barorezeptoren im Aortenbogen und der Karotisgabel Afferenzen:mechanosensibleregistriert), dem Füllungszustand von Hohlorganen (z. B. Harnblase, Vorhof des Herzens, Rektum) und Scherkräften, die auf Organe einwirken – ist aber relativ wenig bekannt.
Viszerale Afferenzen scheinen stark zu divergieren, und das schon auf spinaler Ebene. Man findet im Rückenmark keine Neuronen, die nur auf viszerale Reize reagieren, und es gibt auch keine aufsteigenden Bahnen im Rückenmark, die nur viszerale Afferenzen führen (Deetjen et al. 2005). Dadurch lässt sich viszeraler Schmerz schlecht lokalisieren und wird als übertragener Schmerz (referred pain) bezeichnet.
Wir haben vorher schon angegeben, dass viszerale Faszien und Organkapseln besonders viele Schmerzen:übertragene (Referred Pain)Myofibroblasten aufweisen (Schleip. 2006). Glatte Muskelfasern sind sowohl im umgebenden Bindegewebe der Beckenorgane (Rauber & Kopsch 1987) als auch beispielsweise in den Ligamenten der Gebärmutter beschrieben (Netter 1987, Gabriel et al 2005).
Die Gruppen von Floyd und Häbler untersuchten die viszerosympathischen Reflexantworten auf eine mechanische Stimulation der Beckenorgane bei der Katze. Dabei fanden sie heraus, dass Afferenzen der Harnblase über den N. hypogastricus sympathische Reflexantworten auslösen können (Floyd et al. 1982, Häbler et al. 1992).
Gillette et al. untersuchten Neurone des Hinterhorns, die nozizeptive Informationen aus lumbalen paraspinalen Geweben erhalten, und gaben an, dass sich LWS-Schmerzen eine durch Reizung sowohl der efferenten als auch der afferenten Fasern des lumbalen Truncus sympathicus verschlimmern können. Dies deuteten sie dahingehend, dass einerseits viszerale Afferenzen somatische Antworten, aber andererseits auch somatische Afferenzen viszerale Reaktionen auslösen können (Gillette et al. 1994).

Somatische Afferenzen ändern die viszerale Funktion

Sato zufolge lässt sich mit Tierexperimenten aufzeigen, dass nozizeptive und nicht-nozizeptive somatische Afferenzen reflektorische Änderungen in der sympathischen und parasympathischen efferenten Aktivität und somit auch in der Funktion der Effektororgane verursachen. Dieses Phänomen konnte für den Gastrointestinaltrakt, die Harnblase, das Nebennierenmark, lymphatisches Gewebe, Herz, Hirnfasern und periphere Nerven nachgewiesen werden (Sato 1992, 1995). Ab und zu sind es allgemeine Reflexantworten der Effektororgane, wie bei der zerebrokortikalen Durchblutung, der Herzfrequenz und der Hormonsekretion des Nebennierenmarks. Hin und wieder sind die Reflexantworten aber stark segmental organisiert, wie bei der Magenmotilität und der Kontraktilität der Harnblase. Ob die Aktivität sympathisch oder parasympathisch ausfallen wird, hängt laut Sato vom Organ, vom Stimulationsort und von der Art der Stimulation ab und lässt sich schwer verallgemeinern (Sato 1997).

Arbeitshypothese von Sato

Restriktionen im Bereich der Wirbelsäule können ätiologische Faktoren für viszerale Funktionsstörungen darstellen. Dementsprechend könnten manche viszerale Funktionsstörungen durch Behandlungen der Wirbelsäule zu beheben sein.
Weitere Untersuchungen sind nötig.
Umschaltung der Afferenzen im Rückenmark
Beim Eintritt der afferenten Fasern in den dorsalen Bereich des Effektororgane:ReflexantwortenRückenmarks erfolgt eine gewisse Sortierung der Afferenzen in ein laterales und ein mediales Bündel. Das laterale Bündel umfasst die dünnen Fasern der Rezeptortypen III und IV, die freien Nervenendigungen der Thermorezeptoren und Nozizeptoren entsprechen (Abb. 2.4). Diese dünnen Fasern leiten vor allem Schmerzempfindungen der Haut und der Thermorezeptoren:dünne FasernEingeweide sowie Temperatur-, SpannungsNozizeptoren:dünne Fasern- und Dehnungsempfindungen der inneren Organe (Viszeroafferenzen). Weil sowohl die Afferenzen aus der Haut als auch die Afferenzen aus den Organen über dieselben Interneurone des Rückenmarks Viszeroafferenzenumschalten und von dort über spinothalamische Afferenzen:Umschaltung im RückenmarkBahnen zum somatosensorischen Kortex geleitet werden, kann bei Organerkrankungen eine Fehlzuordnung (neuronale Verwirrung) entstehen, sodass der Schmerz beispielsweise nicht in einem Organ, sondern dem segmental dazugehörigen Hautgebiet angegeben wird. Man spricht daher, wie bereits angegeben, von einer Schmerzübertragung in Head-Zonen (Hautareale).
Das mediale Bündel umfasst die dicken Fasern der Rezeptortypen I und II, die Mechanorezeptoren und Propriorezeptoren Head-Zonen:Schmerzübertragungentsprechen (Abb. 2.4). Diese dicken Fasern leiten vor allem Druck- und Bewegungs- sowie Stellungs- Mechanorezeptoren:dicke Fasernund Lageempfindungen. Diese Propriorezeptoren:dicke Faserndicke Fasern verlaufen sowohl nach kranial als auch nach kaudal über mehrere Segmente und werden dann dort umgeschaltet (Benninghoff & Drenckhahn 2004).
Über viszerosomatische Reflexe können Viszeroafferenzen aus Organen auf segmental dazugehörige -Motoneurone umgeschaltet werden und zu Kontraktionen bestimmter Muskeln (z. B. der BauchwandViszeroafferenzen:Umschaltung auf Motoneurone) führen. Auch Somatoafferenzen aus der Haut können auf Neurone der Viszeromotorik und der Eingeweidemuskulatur umgeschaltet werden (Benninghoff-Somatoafferenzen:Umschaltung auf viszeromotorische NeuroneDrenckhahn 2004).
Sympathisches und parasympathisches Nervensystem
Dass das sympathische Nervensystem nach einem Alles-oder-Nichts-Prinzip funktioniert, ohne zwischen den verschiedenen Effektororganen zu unterscheiden, und dass eine einfache Nervensystem:sympathischesantagonistische Organisation zwischen dem sympathischen und parasympathischen Nervensystem bestehen soll, halten Jänig und Häbler für ein irreführendes, mangelhaftes und unhaltbares Konzept (Jänig & Häbler 2000).
Aus neurovegetativer und Nervensystem:parasympathischesviszeroafferenter Sicht kann man folgendes Schema aufstellen (Kuchera & Kuchera 1994, Appenzeller 1999):
Sympathische Segmentierung:
  • C8–Th4: Kopf- und Halsorgane, Thoraxorgane

  • Th2–Th8: Gefäße der oberen Extremitäten

  • Th5–Th9: Leber, Gallenblase, Magen, Milz, Segmentierung:sympathischePankreas, Duodenum

  • Th10–Th11: Jejunum, Ileum, Caecum, Colon ascendens, rechte Hälfte des Colon transversum, Niere und Nebenniere

  • Th12–L2: linke Hälfte des Colon transversum, Colon descendens, Colon sigmoideum, Rektum, Harnblase, Prostata, Uterus, Ovarien, Tests

  • Th11–L2: Gefäße der unteren Extremitäten.

Parasympathische Segmentierung:
  • Nn. vagi: alle Organe

  • S2–S4: Rektum, Harnblase, Prostata, Uterus, Ovarien, Tests

Organsympathische Wirkungparasympathische Wirkung
PupilleDilatation (Mydriasis)Konstriktion (Miosis)
M. ciliarisKontraktion (Augenlid heben)
TränendrüseSekretion
Corpus pinealeSynthese von Melatonin
SpeicheldrüsenInhibierungSekretion
HerzErregungInhibierung
Tracheobronchiale MuskulaturEntspannungAnspannung
BronchialdrüsenInhibierungSekretion
Schleimdrüsen (bronchial, nasopharyngeal)?Sekretion
Arterien und Venen allgemeinVasokonstriktionVasodilatation
Arterien in SkelettmuskelnVasokonstriktion/Vasodilatation
SchweißdrüsenSekretion
Pilomotorik-MuskelnKontraktion
SchilddrüseVasokonstriktion
Gastrointestinale DrüsenInhibierungSekretion
Gastrointestinale PeristaltikAbnahme der PeristaltikZunahme der Peristaltik
Gastrointestinale SphinktermuskelnKontraktionRelaxierung
PankreasInhibierungSekretion
LeberGlukogenolyse, Glukoneogenese
Gallenblase/GallenwegeRelaxierungKontraktion
FettzellenLipolyse
MilzKontraktion der Milzkapsel
NiereVasokonstriktion
NebenniereSekretion von Adrenalin, Noradrenalin
HarnblaseRelaxierung (Kontinenz)Kontraktion (Miktion)
Harnblasensphinkter (M. sphincter vesicae internus)KontraktionRelaxierung
Analsphinkter (M. sphincter ani internus)KontraktionRelaxierung
UterusfundusKontraktion oder Relaxierung
Cervix uteriRelaxierungKontraktion
GeschlechtsorganeOrgasmus/EjakulationErektion
Prostata, SamenblaseKontraktion
Arbeitshypothese
Segmentierung:parasympathischeMir erscheint es sinnvoll, möglichst viele afferente Organe:sympathische WirkungOrgane:parasympathische WirkungReizungen auf verschiedenen Ebenen (chemisch, mechanisch, emotional, neurologisch, energetisch) herunterzufahren, um durch Wegnahme der Spannungen, Reizungen usw. die Belastung des Rückenmarksegments zu reduzieren.
In diesem Sinne halte ich es auch für sinnvoll, die Faszien und viszeralen Ligamente zu behandeln. Denn sie haben eine propriozeptive Funktion und können, indem sie Spannungen durch Verklebungen und Narben melden, muskuläre Abwehrspannungen aktivieren bzw. Segmente fazilitieren.

Neurowissenschaften und Informationstechnologie

Das Foresight Cognitive Systems Project versucht Neurowissenschaften und Informationstechnologie miteinander zu verknüpfen. Sowohl natürliche als auch künstliche kognitive Systeme, Fühlen, Handeln, Denken, Kommunizieren, Lernen, Neurowissenschaften:und Informationstechnologieentwickeln sich weiter. Man arbeitet momentan am Aufbau Informationstechnologie:und Neurowissenschafteneiner neuen Computergeneration, und auch hier findet zunehmend eine interdisziplinäre Kooperation statt. Biologen und Computerspezialisten reichen sich die Hand und können beide wechselseitig vom jeweiligen Fachwissen profitieren.
Das Forschungsfeld verlagert sich dabei von der sogenannten nassen Forschung im Labor (wo sonst noch mit Flüssigkeiten hantiert wird) zur trockenen Forschung im Inneren leistungsstarker Computer. Man erhofft sich davon, übersichtliche Schaltpläne von Zellen, Geweben und Organen erstellen zu können, um die funktionellen Zusammenhänge und das Entstehen von Krankheiten besser zu verstehen. Dieser neue Forschungszweig wird als Systembiologie bezeichnet. Man hofft nun offenbar, mit mathematischen Gleichungen und Computermodellen die komplexen Systeme des Lebens erfassen zu können.
In dem Zusammenhang ist es erneut notwendig, das Prinzip der Selbstorganisation Systembiologieanzusprechen (Kap. 2.3.6). Das spontane Entstehen von stabilen, regelmäßigen (dissipativen) Strukturen in einem offenen System, das einem ständigen Energiefluss unterliegt, haben wir als Selbstorganisation:offenes SystemeSelbstorganisation angegeben. Das Nervensystem organisiert und repariert sich sozusagen kontinuierlich selbst als Reaktion auf Änderungen und Belastungen.
Über das Prinzip der Selbstorganisation im ZNS ist momentan noch wenig bekannt. Dabei ist es notwendig, die verschiedenen wissenschaftlichen Ebenen miteinander zu verbinden. Denn um das Protein-Netzwerk mit den synaptischen und zellulären Netzwerken verknüpfenSelbstorganisation:im ZNS und diese dann wiederum in ein Informationsnetzwerk einbauen zu können, braucht man neue Sichtweisen.
Willshaw hat drei Formen der neuralen Selbstorganisation angegeben (Morris et al. 2006):
  • Selbstorganisation in der Entwicklung: Die Entwicklung einer simplen befruchteten Eizelle zu einem derart komplexen Lebewesen wie dem Menschen unterliegt Selbstorganisation:neuraleSelbstorganisationsprinzipien. Dabei entstehen Selbstorganisation:in der Entwicklungerstaunlicherweise Zellen vom richtigen Zelltyp, in der richtigen Anzahl, in den richtigen Regionen und mit den richtigen Verbindungen. Willshaw weist darauf hin, dass für die 1014 Verbindungen zwischen den 1010 Neuronen des menschlichen Kortex mindestens 1015 Bits an Informationen notwendig wären, im menschlichen Genom aber nur 109 Bits zur Verfügung stehen. Demzufolge enthält das Genom wahrscheinlich eher nur die Grundzüge der Entwicklung. So sind topographische Karten zwischen den verschiedenen sensorischen Strukturen und dem Neokortex vorzufinden.

  • Selbstorganisation als Ergänzung zu empirischen Veränderungen: Durch den konvergierenden Entwicklung:SelbstorganisationInput zum Neokortex und die Eigenschaften der externen Stimuli entstehen sogenannte feature maps (Merkmalskarten) und neuronale Netzwerke. SelbstorganisationUnwesentliche Merkmalseigenschaften werden dabei unterdrückt, und durch die Annahme von Ähnlichkeitsbeziehungen werden komplexe Informationen auf das Wesentliche reduziert. Die Netzwerke sind notwendig, um etwas über spezifische Input-Output-Verhältnisse durch selektives Anpassen der Verbindungsstärke zwischen Neuronen zu lernen.

  • Selbstorganisation als Ergänzung bei Schädigungen: Das Nervensystem kann auf chirurgische oder traumatische Schädigungen reagieren. Gesunde Hirnregionen können dabei Funktionen von benachbarten beschädigten RegionenSelbstorganisation:bei Schädigung übernehmen. Das erwachsene Gehirn hat eine viel größere Reorganisationskapazität als bisher vermutet. Obwohl allgemein angenommen wird, dass beschädigte Axone sich teilweise regenieren können, Nervenzellen aber nicht, zeigen neuere Untersuchungen,Gehirn:Reorganisationskapazität dass sich in vielen Teile des erwachsenen ZNS der Säugetiere sogenannte Stammzellen befinden. Diese Stammzellen können sich in verschiedene Typen von Zellen, beispielsweise in Nervenzellen, differenzieren und möglicherweise geschädigte Nervenzellen im Gehirn ersetzen.

Vernetzte Kommunikationssysteme und Psychoneuroimmunendokrinologie

StammzellenNoch mehr als die Nervenbahnen erreichen die Körperflüssigkeiten und Botenstoffe (Blutplasma, Interzellulär- und Intrazellulärflüssigkeiten) jeden Körperteil und jedes Organ. Die Signalstoffe sorgen damit über die Flüssigkeiten für eine komplex vernetzte chemisch-humorale Kommunikation zwischen dem Gehirn, dem peripheren und autonomen Nervensystem, dem Immunsystem und dem Hormonsystem.
Es ist verblüffend, Flüssigkeiten:humorale Kommunikationdass primitive Einzeller viele Informations- oder Signalstoffe (Peptide wie InsulinKommunikation:chemisch-humorale, Endorphine usw.) herstellen, die auch der Mensch produziert (Pert 2007). Diese Informationsstoffe scheinen also in allen Lebewesen, vom Einzeller bis zu hochkomplexen Lebewesen, ihre Funktion zu Signalstoffe:Kommunikationerfüllen und für Kommunikation zu sorgen, sowohl zwischen den Zellen als auch zwischen den Organen und zwischen Kopf und Körper.
Man kann allgemein vier Kommunikationssysteme des Körpers mit ihren eigenen chemischen Signalstoffen unterscheiden (Abb. 2.5):
  • peripheres und autonomes Nervensystem mit Neurotransmittern und (weit verzweigten) Nervenfasern

  • Immunsystem mit Kommunikationssysteme:SignalstoffeZytokinen

  • Hormon- oder endokrines System mit Hormonen

  • zentrales Nervensystem (ZNS) als zentrales Organ mit Emotionen, Instinkten und kognitiven Gedanken.

Es werden ständig Immunsystem:Zytokineneue Verknüpfungen (Interaktionen), neue endokrines System:HormoneRezeptoren, neue Liganden und neue chemische Signalstoffwirkungen zwischen diesen ZNS:EmotionenKommunikationssystemen entschlüsselt. Viele Zellen der vier Systeme scheinen erstaunlicherweise auch über Rezeptoren für die Signalstoffe der anderen Systeme zu verfügen! Der amerikanische Biologe F. O. Schmitt (1903–1995) führte als Pionier in der Molekularbiologie und den Neurowissenschaften den Begriff der Informationsstoffe für die Signalstoffe ein. Dazu rechnete er sowohl die Neurotransmitter als auch Hormone, Neuropeptide und Wachstumsfaktoren.

Körper und Geist auf der Molekularebene

Pert stellte sich den Informationsfluss zwischen den verschiedenen Körpersystemen und zwischen Zellen und Organen als Geist vor (Pert 2007). Dieser Fluss von (bewussten und unbewussten) Informationen sei das physiologische Substrat des Geistes. Auf der Molekularebene gebe es keinen Unterschied zwischen Körper und Geist (Pert 2007).

Die Kommunikation zwischen den Gehirnzellen wird klassisch als Geist angegeben. Würde man demzufolge die Kommunikation zwischen verschiedenen Körperzellen ebenso als Geist betrachten, wäre der Geist auch überall im ganzen Körper zu finden. Aus der Interpretation aller inneren (mechanischen, chemischen, elektromagnetischen, elektrischen) und äußeren (akustischen, optischen, olfaktorischen) Informationen entstehen letztendlich die Gefühle und Gedanken.

Spannend ist zudem, dass sowohl das zentrale Nervensystem als auch das Immunsystem mit seinen Abwehrzellen über ein Gedächtnis und über Lernfähigkeit verfügen.

Eine direkte Trennung von Körper und Geist erscheint damit immer unwahrscheinlicher.

Das mobile Gehirn
Weil die Abwehrzellen durch den ganzen Körper reisen und sogar wieder Signalstoffe:als Informationsstoffeheimkehren (Homing) und weil sie Informationsfluss:zwischen Zellen und Organennicht nur die Schleimhäute, Körper und Geist:Molekularebenesondern wie wir jetzt wissen, die verschiedenen Körperbereiche miteinander vernetzen, kann man von einem Abwehrzellen:als mobiles Gehirnmobilen Gehirn (das Immunsystem) sprechen (Meert 2007).
Ob eine Gehirnfunktion genau im Gehirn lokalisierbar oder eine Eigenschaft des gesamten Nervensystems ist, erscheint manchen als ein dialektisches (Widerspruch Gehirn:mobiles (Immunsystem)beinhaltendes) Problem (Kandel et al. 1996). Dieses dialektische Problem erinnert an die Frage der Quantenmechanik, ob Licht aus Teilchen oder Wellen besteht. Die Antwort wird, genauso wie in der Quantenphysik, sowohl von den Interessen des Fragenden als auch vom jeweils Untersuchten abhängen! Darüber hinaus kann man feststellen, dass kein Teil des Nervensystems isoliert in gleicher Weise wie in Verbindung mit den anderen arbeitet. Die Vernetzung scheint darüber hinaus umso komplexer zu werden, je weiter man im zentralen Nervensystem kortikalwärts aufsteigt und je mehr man die chemischen Signalstoffe (humorale Faktoren) hinzurechnet. So weisen Kandel et al. bezeichnenderweise darauf hin, dass man, wenn ein Teil des Gehirns eines Tieres entfernt wurde, eigentlich eher die Anpassungsfähigkeiten des verbliebenen Gehirns untersucht, als die Funktionen des entfernten Teiles (Kandel et al. 1996)!
Trotzdem kann die Untersuchung von kleineren anatomischen Einheiten des Gehirns selbstverständlich wichtige Informationen liefern, die zu einem besseren Verständnis der Funktionsweise des Ganzen beitragen.
Dass Konnektionisten die Beziehung zwischen neuronaler Aktivität und Kognition allgemein als sehr elementar betrachten, wird von manchem Wissenschaftler als reduktionistisch gedeutet.
Kommunikation im Körper
Die Kommunikation im Körper ist sehr vielseitig aufgebaut.
  • Chemische (humorale) Signalstoffe wie Hormone, Neurotransmitter, Zytokine werden über die Körperflüssigkeiten transportiert.

  • Mechanische Signale verbreiten sich über körperweite Tensegrity-Netzwerke.

  • Elektromagnetische Wellen bewegen sich durch Signalstoffe:Kommunikation im Körperden ganzen Körper.

  • Elektrische und elektrochemische Signale werden im Bereich der Synapsen weitergegeben.

Aller et al. verglichen den menschlichen Organismus interessanterweise mit einer Signale:mechanischeSignale:elektrischeneuroimmunoendokrinen Einheit, die auf drei Signale:elektrochemischeKörpersystemen aufbaut: dem Nervensystem, dem Immunsystem Signale:chemischeund dem endokrinen System (Aller et al. 2001). Hinzu kommt noch ein Reparatur- oder neuroimmunoendokrine Einheit:KörpersystemeReproduktionssystem, das beispielsweise Stammzellen aus dem Knochenmark freisetzen kannKörpersysteme:neuroimmunoendokrine Einheit, die bei der Reparatur von Organsystemen eine wichtige Rolle spielen können (Straub 2006). Ich habe zur Vereinfachung das Reparatursystem zum endokrinen System hinzugerechnet.
Der OrganismusStammzellen:Reparatursystem kann bei der interzellulären Kommunikation meiner Meinung nach fünf Ausdrucksformen anwenden:
  • Kontrollkomponenten, repräsentiert durch das (schnelle) Nervensystem mit Neurotransmittern, das (mittlere) Immunsystem mit Zytokinen und das (langsame) endokrine System mit Hormonen

  • Vermittlerkomponenten, repräsentiert durch endotheliale, Kontrollkomponentenepitheliale und mesotheliale Barrieren und durch Informationen: Das Endothel integriert mechanische und biochemische Signale und beantwortet sie mit der Freisetzung von vasoaktiven Substanzen,Vermittlerkomponenten Zytokinen, Wachstumsfaktoren und Hormonen.

  • Strukturkomponenten, repräsentiert durch Bindegewebe, glatte und quergestreifte Muskulatur, Knochen und Fettgewebe

  • Gefühls- und Instinktkomponenten, repräsentiert durch Teile des Gehirns und durch die Seele

  • Gedanken und Überlegungen, Strukturkomponentenrepräsentiert durch den Verstand oder Geist.

Der menschliche Organismus als neuroimmunoendokrine Einheit

GefühlskomponentenUnter physiologischen Bedingungen sind die Funktionen der drei bzw. vier Systeme Gedankenkomponentenausgeglichen. Ein traumatisches Ereignis kann aber zu einer Prädominanz eines der Systeme führen. Ein mechanisches Trauma beispielsweise scheintneuroimmunoendokrine Einheit zuerst eine neurologische und psychologische Antwort (Angst), dann eine immunologische und zuletzt eine endokrine Antwort auszulösen.

Akute Entzündungsreaktion

Eine akute Entzündung löst eine mäßige Erhöhung der Kortisolausschüttung durch die Nebennierenrinde aus. Das leicht erhöhte Kortisol sorgt wiederum für eine massive Mobilisation von Abwehrzellen. Gleichzeitig aktiviert eine akute Entzündung auch das sympathische Nervensystem; dies sorgt für eine mäßig erhöhte Noradrenalin-Produktion, die das Abwehrsystem ebenfalls aktiviert. Auch das sympathische Nervensystem in der Milz und den Lymphknoten wird aktiviert, was eine stärkere Mobilisierung der Abwehrzellen hervorruft (Del Rey et al. 2002). Makrophagen fressen die Zelltrümmer der Abwehrschlacht auf und transportieren dieses Material zu den nächstgelegenen Lymphknoten, wo es den anderen Abwehrzellen vorgestellt wird – was man als Lernprozess und Informationsspeicherung des Immunsystems deuten kann.

Beim Abklingen der akuten Entzündung sorgt eine negative Rückkopplung dafür, die Ausscheidung von Kortisol und die Aktivität des sympathischen Nervensystems zu hemmen (Del Rey et al. 2003).

Bei einer schmerzhaften Verletzung werden die Schmerzreize über das sensible Nervensystem zum Großhirn geleitet, wo dann Zytokine ausgeschüttet und die Informationen im Gedächtnis Entzündungsreaktion:akutegespeichert werden. Im Verletzung:SchmerzreizeBereich der Verletzung setzen die Nervenendigungen Substanz P frei. Substanz P lockt Schmerzreize:VerletzungAbwehrzellen an und sorgt durch eine lokale Vasodilatierung für eine bessere Extravasation der Abwehrzellen. Die sympathischen Nervenfasern ziehen sich daraufhin (im Gegensatz zu den sensiblen Nervenfasern) erstaunlicherweise aus dem Verletzungsgebiet zurück, weil eine zu hohe Noradrenalin-Konzentration den Entzündungsvorgang behindern würde. Stattdessen produzieren anscheinend Makrophagen in mäßigem Umfang Noradrenalin.
Bei einer rheumatoiden Arthritis scheinen die sympathischen Nervenfasern sogar fast komplett zu verschwinden (Miller et al. 2000). Zudem werden von den Makrophagen im entzündeten Gewebe bei der rheumatoiden Arthritis Östrogene aus Vorstufen der männlichen Geschlechtshormone gebildet. Diese Östrogene sorgen für eine starke Gefäßneubildung und eine Aktivierung lokaler Stammzellen, die bei der Reparatur des Gewebes mithelfen sollen (Straub 2006).
Emotionale Komponente bei Krankheit
Ein kleiner Stimulus löst eine lokale Reaktion der vier Systeme (Hormonsystem, Immunsystem, autonomes Stammzellen:Aktivierung durch ÖstrogeneNervensystem und zentrales Nervensystem) und eine zentrale Antwort aus. Wird die Intensität des Stimulus stärker, wird sich die Antwort dieser Systeme auf den ganzen Organismus auswirken und eine emotionale Komponente hinzukommen. Es sei auch darauf hingewiesen, dass die Interaktionen zwischen den vier Systemen genauso wichtig sind wie die Interaktionen innerhalb eines Systems.
Laut Böttiger brauchen wir dringend eine integrative emotionale Komponente:Intensität von Stimuli(ganzheitliche) Biologie und Physiologie, um das ganze Wissen in ein ganzheitliches Verstehen der Gewebe, Organe und des Individuums integrieren zu können (Böttiger 1995). Wenn man sich zudem noch überlegt, dass jede Antwort der vier Systeme vom Individuum gefühlt und erfahren wird, scheint auch eine integrative Psychosomatologie gleichfalls unverzichtbar zu sein.
Autoaggressive Reaktion
Bei chronisch entzündlichen Krankheiten kommt es durch mehrere Fehlreaktionen der verschiedenen Kommunikationssysteme zu einer nicht-angepassten Abwehrreaktion und einer individuellen emotionalen Komponente!
Straub gab an, dass hypothetisch auch autoaggressive Immunzellen aktiviert werden können, wenn Fresszellen körpereigenes Material in der Milz oder in Lymphknoten präsentieren (Straub 2006). Die Gefahr emotionalen Komponente:chronisch entzündliche Krankheiteneiner autoaggressiven Reaktion scheint vor allem dann zu bestehen, wenn bereits eine proentzündliche Situation während der Präsentation von körpereigenem Material vorliegt. Auch das Vorhandensein von bestimmten vererbten Oberflächenrezeptoren auf Abwehrzellen und die Konzentrationen von Prolaktin, Östrogenen oder Substanz P scheinen eine wichtige Rolle bei der Entstehung von autoaggressiven Reaktionen zu spielen.
Im Gehirn findet gleichzeitig eine angeregte Interaktion zwischen Schmerzen, autonomen (vegetativen) Aktivitäten, Sinnesempfindungen und Emotionen statt. Die proinflammatorischen Zytokine, die von aktivierten Makrophagen produziert werden, induzieren eine Freisetzung der gleichen Zytokine im Gehirn. Diese Zytokine im Gehirn sind für das Verhaltensmuster bei Krankheit verantwortlich.
Laborbedingungen und komplizierte Wirklichkeit
Wir haben bereits über das neurogene Umschalten (neurogenic switching) gesprochen, das heißt, dass ein Stimulus aus einem Gewebe, der zum zentralen Nervensystem geleitet wird, zu einer neurogenen Entzündung in einem anderen Gewebe führen kann (Kap. 2.3.9). Das macht die Interaktion der verschiedenen neurogenic switchingKommunikationssysteme äußerst komplex, sodass eine interdisziplinäre Zusammenarbeit eigentlich geboten wäre. Es sei hier in aller Entzündung:neurogeneVorsicht angemerkt, dass man zwar bei biotechnologischen Untersuchungen von Molekülen unter genau standardisierten Bedingungen im Labor durchaus eine exakte (mathematische) Wissenschaft betreiben kann, dass aber die Prozesse bei einem lebendigen Wesen durchaus komplizierter und eher unvorhersehbar ablaufen!
Eine exakte Wissenschaft der Proteomik scheint extrem komplex zu sein (Kap. 1.15).
Darüber hinaus stehen Proteine in hunderttausendfachen Interaktionen und Wechselwirkungen untereinander, mit umgebenden Strukturen (Genen, Zucker, Fetten, Salzen) und ProteomikUmgebungsbedingungen (Temperatur, Feuchtigkeit, Konzentrationsgefälle, Säuregrad usw.). Von den Proteine:Interaktionenunzähligen bekannten und unbekannten Proteinen des menschlichen Körpers, die jeweils durch Hunderttausende Interaktionen miteinander verbunden sind, wurden aber bisher experimentell erst einige Tausend identifiziert!
Inwiefern hier auch noch Nanopartikel eine Rolle spielen, ist ebenfalls noch unbekannt.

Proteine und Datenflut (Kap. 1.15)

Ich bin mir durchaus des großen Potenzials bewusst, das die Physiologie und die Biochemie für zukünftige Forschungen besitzen, und ich empfinde Hochachtung vor den Leistungen, die Molekularwissenschaftler erbracht haben. Trotzdem drängt sich mir allmählich die Sorge auf, ob diese Wissenschaftler nicht Gefahr laufen, der eigenen Datenflut zum Opfer zu fallen und das Ganze bzw. den Menschen aus dem Auge zu verlieren?

Der Biophysiker Gerwert warnte: Proteomik alleine ist wie Blümchen sammeln und katalogisieren – wie die Natur funktioniert, lernt man daraus noch nicht (Klimpel 2003).

In diesem hochkomplexen Netzwerk der Proteine wird deutlich, dass ein Protein verschiedene und, abhängig von Umgebungsfaktoren, sogar total entgegengesetzte Funktionen (z. B. hormonell, enzymatisch, metabolisch, immunologisch, mechanisch, transporttechnisch) ausüben und ganz unterschiedlicheProteine:Funktionen Verbindungen aufbauen kann, was sich in Form von sogenannten Nebenwirkungen äußern kann.
Der Sprung von der Molekular- zur Zellebene und von kontrollierten (Labor-)Bedingungen zu den hochkomplexen Situationen in vivo bei Organen und lebendigen Menschen lässt uns eindeutig den Bereich der exakten Wissenschaft verlassen, und das erscheint mir aus wissenschaftlicher Sicht etwas abenteuerlich!
Beim Umgang mit Menschen begibt man sich ironischerweise zunehmend in eine Welt der Fuzzy Logic (unscharfe Logik), in der man sich nicht auf ein Entweder-oder, sondern auf Zwischenstufen wie etwas mehr, etwas weniger, etwas schneller einlässt. Wir brauchen hier dringend mehr integrative Studien, wie beispielsweise die Systembiologie, die versucht, Fuzzy Logic (unscharfe Logik)biologische Organismen in ihrer Gesamtheit zu verstehen.
Ablauf von Stressreaktionen
Man kann die Antworten der Kommunikationssysteme bei Stress allgemein in drei aufeinanderfolgenden Schritten zusammenfassen:
  • Schnelle Antwort des Nervensystems (z. B. über elektromagnetische Wellen) mit Kommunikationssysteme:Reaktion auf StressMuskelanspannung (Schutzspannung) und einer vasomotorischen Reaktion (Stressreaktionen:des Nervensystemsmeistens Vasokonstriktion). Im zentralen Nervensystem entsteht das physische Gefühl des Krankwerdens mit emotionaler Färbung. Die gezielte und schnelle Reaktion des sympathischen Nervensystems wird häufig unterschätzt, weil wir die lokal freigesetzten Wirkstoffe, wie Noradrenalin, Nervensystem:schnelle Reaktion auf Stressnicht direkt in der Blutbahn messen können (Straub 2006). Hierbei sollte übrigens auch das neurogene Umschalten (neurogenic switching) beachtet werden. Es gibt auch Nervenverbindungen zwischen dem sympathischen und dem Hormonsystem (z. B. Nebennieren), sodass die Aktivierung des sympathischen Nervensystems (über Nordrenalin) auch für eine Freisetzung von Kortisol sorgt. Noradrenalin neurogenic switchingund Kortisol sorgen anfänglich für eine Immunstimulation und entfalten später (nach einigen Tagen) eine entzündungshemmende Wirkung. Bei einer Ischämie kommt es zur Vasodilatation. Als allgemeine Antwort kristallisiert sich eine schmerzhafte Hypertonie (und oft auch Angst) heraus.

  • Intermediäre Antwort des Immunsystems mit Entzündungsreaktion: lokale Ansammlung von Abwehrzellen, Extravasation, Aktivierung von T- und B-Lymphozyten und Makrophagen, Infiltration von Immunsystem:intermediäre Antwort auf StressAbwehrzellen. Als Stressreaktionen:des Immunsystemsallgemeine Antwort kristallisiert sich die Entzündung heraus.

  • Langsame Antwort des HormonsystemsEntzündungsreaktion:auf Stress mit Freisetzung von Fetten und Glukose ins Blut, Hemmung der antiinflammatorischen und der antiallergischen Mechanismen, Blutdruckerhöhung, Hormonsystem:langsame Antwort auf StressHypertrophie und Proliferation des Endothels. Als allgemeine Antwort kann sich auf Dauer sogar Stressreaktionen:des Hormonsystemseine Proliferation (Tumor) herauskristallisieren.

Das Nervensystem, das Immunsystem und das Hormonsystem beeinflussen sich gegenseitig und werden emotional und rational im ZNS bewertet. Sowohl Nerven- als auch Immun- und endokrine Zellen verfügen über Rezeptoren für Zytokine, Hormone und Neurotransmitter, sodass Informationen auch zwischen den Systemen interdisziplinär ausgetauscht werden können.
Etliche Moleküle (wenn sogar nicht alle?) scheinen multifunktionale Kapazitäten zu haben. Als typisches Beispiel dafür bietet sich das pluripotente Stickstoffmonoxid (NO) an (Aller et al. 2001):
  • Stickstoffmonoxid ist an der Reaktion des Nervensystems beteiligt, indem es Analgesie vermittelt, zur Kontraktion oder Relaxation der glatten Gefäßmuskulatur, Bronchodilatation, Kontraktion des Stickstoffmonoxid (NO):pluripotentesMyokards, Relaxation der gastrointestinalen glatten Muskelfasern und zur Neurotransmission beiträgt.Nervensystem:Stickstoffmonoxid

  • Stickstoffmonoxid ist an der Immunantwort beteiligt, indem es die Permeabilität der Kapillaren erhöht, zur Adhäsion und Agglutination der Blutplättchen sowie zur Adhäsion der Leukozyten beiträgt.

  • Stickstoffmonoxid ist an der endokrinen Reaktion beteiligt, indem es die RegenerationImmunantwort:Stickstoffmonoxid des Endothels und die Proliferation der glatten Muskelzellen reguliert.

Zytokine der aktivierten Immunzellen scheinen darüber hinaus die Funktion der Geschlechtsdrüsen zu hemmen und damit für eine endokrine Reaktion:Stickstoffmonoxidvorübergehende Unfruchtbarkeit zu sorgen (Straub 2006).

Plädoyer für integrative Ansätze

Für Lenfant ist es beim menschlichen Organismus genauso wie bei der Musik: Man lernt die himmlische Harmonie eines Orchesterwerks niemals schätzen, wenn man die einzelnen Musiker nur separat anhört (Lenfant 1995).

Wir brauchen also unbedingt eine Integration der verschiedenen Teilbereiche des Wissens, eine Kombination aus integrativer Biologie mit integrativer Anatomie, integrativer Physiologie und integrativer Pathologie – um über die kunstvolle Pracht der Natur noch staunen zu können.

Irritationen, Regulationen, Adaptationen und Kompensationen (IRAK-Ketten) im menschlichen Netzwerk

Die medizinische Forschung spielt sich eigentlich in verschiedenen fachspezifischen Welten ab:
  • Der Molekularbiologe arbeitet in der Welt innerhalb der Zelle.

  • Der IRAK-Kette:Irritation-Regulation-Adaptation-Kompensation)Endokrinologe, der Immunologe und der Neurologe haben sich auf die Welt zwischen den Forschung:fachspezifische medizinischeZellen mit Hormonen, Zytokinen und Neurotransmittern spezialisiert.

  • Der Orthopäde arbeitet in der parietalen-mechanischen Welt der Spannungen in Gelenken, Muskeln und Bindegeweben.

  • Der Physiologe und der Internist untersuchen die Organe in der Körperwelt des Menschen.

  • Der Psychologe und der Psychiater erforschen die Geisterwelt in den Menschen.

  • Der Soziologe befasst sich mit der Welt zwischen den Menschen.

Sowohl Patienten als auch Kliniker und Therapeuten sitzen eindeutig zwischen den Stühlen und gehen dann und wann im Kompetenzgerangel unter.

Zur Übertragbarkeit des Wissens

Die Sprünge bei der Übertragung des Wissens von der einen in die andere Welt sind manchmal zu weit und zu linear; denn nicht alles kann einfach eins zu eins für ein Lebewesen übernommen werden.

Oder sollte es tatsächlich möglich sein, an der Tankuhr abzulesen, wohin das Auto fahren wird?

Es werden momentan in jeder Fachdisziplin bereits mehr Publikationen veröffentlicht, als ein Wissenschaftler überhaupt noch lesen, geschweige denn erfassen kann!

Die Eigenschaften und Teile des Körpers sind alle nachweislich miteinander verbunden. Diese Verknüpfungen bestehen aber nicht aus separaten linearen Ketten (Abb. 2.6), sondern aus einer großen Zahl sich überkreuzender Wege (Oschman 2000). Die chaotische Anordnung der Kollagenfasern im Bindegewebsnetzwerk unterstützt diese These eindeutig (Kap. 2.3.6).
Insgesamt werden Irritationen (körperlicher, seelischer, geistiger oder sozialer Art) aus allen möglichen Ecken und Richtungen aufeinander treffen. Es wird demzufolge zu einer Regulation kommen, um die normale Ordnung mit einer chaotischen, nicht-linearen Ausprägung wiederherzustellen. Irritationen:IRAK-KetteManchmal reicht eine solche Regulation nicht, und es treten Anpassungen (Adaptationen) und Rückkopplungsreaktionen mit subjektiven Missempfindungen (irgendwas passt Regulation:IRAK-Kettenicht) auf, wie beispielsweise Statikänderungen, Bewegungseinschränkungen, Durchblutungsstörungen, emotionales Aufgewühltsein. Führt das immer noch nicht zu einer Lösung, Adaptation:IRAK-Ketteentsteht eine Kompensation (manchmal auch Dekompensation genannt), beispielsweise mit Funktionsverlust, Schmerz, Krankheitsgefühl. Und auch chemisch läuft nun einiges aus dem Ruder. Ich habe das sarkastisch zu einer IRAK-KetteKompensation:IRAK-Kette (Irritation-Regulation-Adaptation-Kompensationskette) abgekürzt, wobei man sich nebenbei Dekompensation:IRAK-Ketteauf die politischen Komplikationen im Irak-Krieg besinnen kann, wo anscheinend leider auch das Anpassungssystem überfordert war und gewaltige (De-)Kompensationen ausgelöst wurden (Abb. 2.7).
IRAK-Kette (Irritation-Regulation-Adaptation-Kompensation)Im Labor lassen sich diese Kettenreaktionen linear für einzelne chemische Vorgänge nachvollziehen und messen. Im menschlichen Körper laufen derartige Ketten jedoch kreuz und quer und gleichzeitig ab, und das nicht nur auf chemischer, sondern auch auf mechanischer, seelischer und sozialer Ebene!
Bei chronischen Erkrankungen ist dieses Anpassungs-Kompensationssystem überfordert und überlastet, sodass selbst kleinste Irritationen zu einer sofortigen (De-)Kompensation führen. Insgesamt entstehen viel eher nicht-lineare statt lineare IRAK-Ketten, die individuell sehr unterschiedlich gestaltet sein können.
Ein Übermaß an viszeralen, emotionalen und nozizeptiven Afferenzen kann darüber hinaus für die Dekompensation:chronische ErkrankungenÜberflutung (Fazilitierung oder Sensibilisierung) eines IRAK-KetteRückenmarksegments sorgen und durch Herabsetzen der IRAK-Kette:nichtlineareSchmerzschwelle zur Drehscheibe eines Krankheitsgeschehens werden.

Die Entwicklungskaskade einer Krankheit

Ein weniger bekanntes, aber dafür sehr Fazilitierung:Herabsetzen der Schmerzschwelleinteressantes naturheilkundliches Denkmodell ist die Homotoxinlehre nach Reckeweg (1905–1985), die sich an Erkenntnissen der Molekularbiologie und der Enzympathologie orientiert. Nach dieser Theorie rufen homotoxische (den Mensch vergiftende) endogene und exogene Substanzen in einem lebendigen Organismus Abwehrmechanismen Homotoxinlehre:nach Reckeweghervor: Der Körper versucht diese Gifte unschädlich zu machen und sie auszuscheiden, wobei er entweder gewinnt oder verliert (Reckeweg 1993). Die Vorgänge, die homotoxische Substanzenwir als Krankheit bezeichnen, sind damit eigentlich naturgerechte zweckmäßige Vorgänge, die der Giftabwehr und Entgiftung dienen. Je nachdem, welche Gifte vorliegen, wie stark und wie lange sie den Körper belasten bzw. überlasten, unterscheidet Reckeweg verschiedene Phasen der Krankheitsentwicklung. So unterscheidet er zwischen einer Ausscheidungsphase, einer Entzündungsphase, einer Ablagerungsphase, einer Einprägungsphase, einer Verschleißphase und letztendlich einer Entartungsphase (Reckeweg 1993).
Diese Sichtweise lässt sich meiner Meinung nach mit der Krankheitsentwicklung:Phasennicht-linearen Kopplung von Belastungen und der neuroimmunoendokrinologischen Vorstellung verbinden.
Ich möchte hier als Beispiel eine dreiphasige Krankheitsentwicklungskaskade beschreiben (Abb. 2.8):Humorale Phase (nervale Phase)
Diese Phase entspricht der Abwehrreaktion des Nervensystems und führt meistens zu einer schmerzhaften Hypertonie der myofaszialen Elemente. Krankheitsentwicklung:KaskadeDiese Hypertonie führt zu einer Adaptation, beispielsweise in Form einer lokalen Krankheitsentwicklung:humorale (nervale) PhaseStauung der arteriellen und venolymphatischen Flüssigkeiten, eventuell sogar mit einer lokalen Entzündung und relativ milden Symptomen und emotionalen Komponenten (Unwohlsein, leichte Hypertonie:als AbwehrreaktionSchmerzen). Die erste und anspruchsloseste Möglichkeit, mit Giften (auch emotionalen Belastungen, psychischen Stressfaktoren) umzugehen, besteht darin, sie einfach auszuscheiden, beispielsweise durch Durchfall, Erbrechen, Schwitzattacken, erhöhte Schleimproduktion, erhöhte Urinproduktion, Gespräche, Bewegung
  • Behandlungsansatz: Hier wäre es sinnvoll, mit venolymphatischen Techniken und aktiver Unterstützung des Patienten (mehr Bewegung, Gefühle ausdrücken, vielseitige Ernährung, mehr Trinken, Störfaktoren beseitigen) die Abwehrkräfte zu stärken. Es wäre auch wichtig, die Behandlungsansatz:humorale PhaseHintergründe und Ursachen ausfindig zu machen!

Akute Phase (immunologische Phase)
Wenn der Körper nicht mehr mit der Müll- und Giftabfuhr fertig wird, kommt es zur Kompensation, beispielsweise in Form einer größeren Abwehrreaktion, die teilweise zum Ziel hat, mehr Abwehrzellen vor Ort Krankheitsentwicklung:akute (immunologische) Phaseanzulocken. Allerdings geht das auch mit Krankheitssymptomen wie Fieber, Eiterbildung, Schwellung, Schmerz, Müdigkeit einher. Als Mülldeponie eignen sich besonders Muskulatur, Gelenkkapsel oder Bindegewebe. Die Schlacken lagern sich ab, und die Belastungen verfestigen sich. Jetzt läuft sozusagen die Matrix-Phase an, in der sich die Umgebung der Zellen verändert und akute, schwerere Krankheitssymptome (Fieber, Funktionseinschränkung, starkes Krankheitsgefühl) den Körper und das zentrale Nervensystem darauf aufmerksam machen, dass einiges schiefläuft. Es entstehen neben den akuten Krankheitssymptomen beispielsweise rheumatoide Beschwerden und Gelenkkomplikationen.
  • Behandlungsansatz: Leider werden hier oft nicht gleichzeitig die ursächlichen Faktoren und die Symptome bekämpft und behandelt, sondern meistens allein die Symptome (mit Schmerzmitteln, Antibiotika, fiebersenkenden Mitteln). Hier muss der Patient unbedingt davon überzeugt Behandlungsansatz:akute Phasewerden, dass es nicht sinnvoll ist, nur die Symptome zu bekämpfen. Er soll mit die Verantwortung übernehmen, Eigeninitiative zeigen und sich in Form von gesundheitsfördernden und krankheitsvermeidenden Aktivitäten einbringen. Es wäre durchaus sinnvoll, die venolymphatischen und aktiven Techniken zusätzlich noch durch Entgiftungs- und Ausleitungstechniken (Ausscheidungsorgane stimulieren, Bewegen, Kolon-Hydrotherapie, Schwitzkuren), Gesprächstherapien, Copingstrategien usw. zu ergänzen.

Chronische Phase (endokrine Phase)
Gewebe und Zellen werden zunehmend zugemüllt, was zu Veränderungen und Funktionsstörungen der Zellen und der Organe führt. Es entstehen chronische Krankheiten, wie Amyloidose, Rheumaknoten, Hepatomegalie (FettleberKrankheitsentstehung:chronische (endokrine) Phase), Überpigmentierung, Gefäßverkalkungen, Fibromyalgie. Wird auch jetzt noch keine Gegenstrategie aufgebaut, werden die Krankheit und die Beschwerden chronisch; es kann sogar zu Entartungen und Proliferationen kommen.
  • Behandlungsansatz: Die osteopathischen Behandlungstechniken können hier noch unterstützend eingesetzt werden, aber es wird immer wahrscheinlicher, dass eingreifendere Maßnahmen (Operation, Medikation) notwendig werden. Die Patienten sollten sich nach wie vor um eine Behandlungsansatz:chronische Phasegesundheitsbildende Lebensführung bemühen.

Nicht nur Chemie zählt

Milieu und Wirkung
H. Heine kritisiert, dass die Medizin Jahrtausende lang eine Gesundheitslehre war, ehe sie zum System der Krankenversorgung wurde. Er bedauert, dass das Zweckdenken als subjektiv und unwissenschaftlich abqualifiziert wird, obwohl der Arzt und der Therapeut es immer mit dem jeweiligen Subjekt, dem individuellen Einzelfall zu tun haben (Heine 1997).
Dubos (1901–1982) äußerte sich kritisch dazu, dass die Eliminierung eines Mikroorganismustyps nur eine Nische für andere Krankheitserreger schaffe. Die Wissenschaft sorge sich nur um die Schädlinge und nicht um ihre Ökologie (Dubos 1995).
Man kann allgemein feststellen, dass im Körper ein empfindliches Gleichgewicht zwischen oxidierenden und oxidierten Stoffen herrscht, wobei viele Substanzen von der einen in die andere Form und wieder zurück wechseln können. Wie sie sich im Einzelfall verhalten, hängt u. a. von den Reaktionspartnern, vom Milieu, vom Sauerstoffgehalt und von ihrer Konzentration ab. Das Milieu entscheidet also eindeutig mit über die Wirkung einer chemischen Substanz! Manche Antioxidanzien können beispielsweise unter Umständen eine prooxidative Wirkung haben, und Stickstoffmonoxid kann anscheinend Milieu:und Wirkungsowohl eine Vasodilatierung als auch eine Vasokonstriktion bewirken. Es ist demzufolge nicht nur Chemie, Wirkung:milieu-abhängigewas zählt, und auch nicht alles, was im Labor mess- und testbar ist, lässt sich eins zu eins auf den Körper übertragen.
Droge Arzt bzw. Therapeut
J. und R. McGovern geben an, dass die Pflege des Patienten in der Zukunft einen anderen Typ Arzt/Therapeut erfordert, nämlich einen Arzt oder Therapeuten, dessen Bemühen sich auf den Patienten statt auf eine lokale Pathologie konzentriert (McGovern & McGovern 2003).
Der Psychiater Balint (1896–1970) machte darauf aufmerksam, dass nicht nur der Therapeut etwas mit dem Patienten, sondern auch der Patient etwas mit dem Therapeuten macht, und das dabei durchaus Gefühle und eventuell sogar unbewusste Konflikte ausgelöst werden können (Balint 2001). Balint plädierte für eine gründliche Untersuchung der Arzt-Patient- (bzw. Therapeut-Patient-)Beziehung und wies darauf hin, dass sich, wenn sich diese Beziehung verbessert, auch die Behandlung des Patienten verbessern wird. Seinem Konzept liegt das psychodynamische Krankheitsverständnis der Psychoanalyse zugrunde, wobei das Zusammenspiel von Therapeut-Patient-Beziehung:(Balint)Beziehungsmustern, inneren Konfliktsituationen und strukturellen Bedingungen hervorgehoben wird. Als Hauptziel wollte Balint die Pharmakologie der Droge Arzt (bzw. Therapeut) mit ihren Krankheitsverständnis:psychodynamischeserwünschten und unerwünschten Wirkungen untersuchen. Dabei spielen Elemente wie Übertragung (der Patient überträgt unbewusst seine Gefühle gegenüber früheren Bezugspersonen auf den Therapeuten), Gegenübertragung (der Therapeut reagiert auf Droge Arzt:(Balint)den Patienten und überträgt seine eigenen Gefühle, Vorurteile, Erwartungen und Wünsche auf ihn) und Regression (Rückgriff auf kindliche Verhaltensmuster) eine gewisse Rolle.
Schulmedizin und Alternativmedizin
Millenson sieht die moderne Schulmedizin vor allem als eine biomechanische Medizin (Millenson 1998). Bei der biomechanischen Medizin treten Krankheiten entweder in spezifischen Organen oder Geweben oder als systemische Pathologie im ganzen Körper auf. Da diese Medizin viele Körpersysteme Schulmedizin:als biomechanische Medizinunterscheidet, gibt es reichlich Spezialisierungen, die hauptsächlich allopathische Medikamente (nach Hahnemann Arzneien, die etwas völlig anderes als das am Patienten Beobachtete bewirken) oder korrigierende Operationen anwenden. Es gibt hier zwar Raum für eine unterstützende Psychotherapie und psychosomatische Medizin, aber eben nur als Spezialisierung für Probleme, mit denen die Schulmedizin nicht fertig wird.
Besonders bei Infektionskrankheiten und Notfällen kann die Allopathie erfolgreich eingreifen. Aber trotz ihres Siegeszugs sind laut Millenson neue Krankheiten wie Krebs, Herzerkrankungen, Allergien, Depressionen und chronisch degenerative Erkrankungen an die Stelle der besiegten Pathologien getreten. Millenson deutet die neu auftretenden AllopathieKrankheiten als eine Art Signal, das uns vor einem Ungleichgewicht warnt. Er sieht den Patienten als integrales Element eines größeren Systems, das die soziale, psychologische und materielle Umgebung dieses Menschen mit einschließt.
Dass die alternative Außenseitermedizin, zu der Millenson auch die Osteopathie rechnet, von der klassischen Schulmedizin mit ihrer dualistischen Sichtweise von Körper und Seele getrennt ist, liegt einerseits an antiintellektuellen Vorurteilen, aber andererseits auch darin Osteopathie:als Außenseitermedizinbegründet, dass sie es teilweise selber versäumt, ihr Wissen, ihre Grundlagen und Fertigkeiten zu Schulmedizin:Körper-Seele-Dualismuserweitern. Bereits Galen (129–201 n. Chr.) hatte die Bewahrung der Gesundheit über die Überwindung von Krankheit gestellt. Im Laufe des 20. und 21. Jahrhunderts wurde die philosophische Vorstellung von Gesundheit als Gleichgewicht leider zunehmend verlassen. Millenson bedauert es außerdem, dass wir Schnellreparaturen in Form von Tabletten und Operationen fordern, ohne die Unausgewogenheiten in unserem Leben zu korrigieren.
Variabilität des Verhaltens
Gesundheit:als GleichgewichtGrobstein formulierte das Gesetz des Tierverhaltens: Unter sorgfältig kontrollierten experimentellen Bedingungen wird ein Tier sich so verhalten, wie es ihm gefällt. Dieses sogenannte Harvard-Gesetz wird als Basis für das Verhalten aller Lebewesen, einschließlich des Menschen, von manchen Wissenschaftlern nicht ernst genommen (Ramachandran 1994). Grobstein betonte, dass sowohl das Nervensystem als auch das Verhalten als sich gegenseitig Harvard-Gesetz:des Verhaltensbeeinflussende datenverarbeitende Systeme zu betrachten seien. Da jedes für sich genommen über mehr oder weniger viel Input und Output verfüge, sei eine gewisse Unvorhersagbarkeit des Verhaltens unvermeidbar, aber auch wünschenswert. Das führt eindeutig zu einem methodologischen Problem: Wie soll man denn eine mysteriöse Variabilität messen?
Für Grobstein ist der Vergleich zwischen dem Verstehen des Verhaltens und der Fähigkeit, das Verhalten eines Verhalten:UnvorhersagbarkeitLebewesens vorauszusagen aus Sicht der Verhaltenswissenschaften fehlerhaft. Eine intrinsische (innewohnende) Variabilität des Verhaltens und des Nervensystems beinhaltet eine gewisse Nicht-Vorhersagbarkeit und könnte laut Grobstein die Basis dafür schaffen, das Konzept eines freien Willens eines Lebewesens in der Wissenschaft zu etablieren.
Darüber hinaus ist Verhalten:Variabilitätdiese intrinsische Variabilität nicht störend, sondern ein essenzieller Bestandteil von Nicht-Vorhersagbarkeit:des Verhaltenserfolgreichem Verhalten. Die Variabilität entspricht einer optimalen Anpassungsfähigkeit in einer gegebenen Situation, wobei man optimal demzufolge als variabel und weniger als spezifisch deuten Variabilität:des Verhaltensmuss. Das erschwert allerdings die gerne angestrebte Reproduzierbarkeit einer wissenschaftlichen Studie, es sei denn, man akzeptierte endlich Individualität als einen wissenschaftlichen Parameter (Kap. 1.13). Aus dieser Sicht können manchmal kleine Ursachen große Wirkungen haben.

Für mehr Individualität

Im Sinne der biologischen Medizin möchte ich dazu aufrufen, nicht unter Vernachlässigung der Individualität und des Verhaltens der Patienten nach allgemein gültigen Lösungen (Schubladen) zu suchen, sondern zusätzlich in individuell abgestimmten Lösungsräumen zu denken (Heine 1997).

Die Wissenschaft ist die Asymptote der Wahrheit, sie nähert sich ihr unaufhörlich und erreicht sie nie. (Victor Hugo)

Das Konzept von Struktur und Funktion

Dass Veränderungen der Struktur nicht ohne Veränderungen der Funktion auftreten könnten (Spencer 2004), fand Still bestätigt, als er bei seinen Patienten entdeckte, dass veränderte Wirbelstellungen oder verspannte Muskeln Nerven und Gefäße blockierten und den Blutfluss sowie physiologische Prozesse behinderten. Energisch distanzierte er sich zwar vom Mesmerismus, indem er äußerte, dass die Osteopathie kein Heilungssystem durch den Glauben sei, doch seinen eigenen Glauben und Spiritualismus gab Still nicht auf.
Es wird also deutlich, dass Osteopathen nach dem Unbeweglichen, nach dem Verlust von Beweglichkeit suchen. Aber diese Suche findet nicht nur in Gelenken statt, sondern auch in Geweben und – wie ich unbedingt betonen möchte – auch in Flüssigkeiten und sogar in Gedanken und Gefühlen!
Das wird Osteopathen:Suche nach Unbeweglichemanhand der Arterien-Regel deutlich (Kap. 2.6). Wenn der arterielle, venöse, lymphatische, neurale, energetische oder emotionale Fluss ins Stocken gerät, sind Pathologien vorprogrammiert. Die Stauung von Flüssigkeiten und Emotionen möchte ich deswegen explizit auch als Arterien-Regel:(Still)Beweglichkeitseinschränkung deuten. Diese Einschränkung oder Stauung wird für eine Funktionsstörung sorgen, und bei einer Stauung:von FlüssigkeitenChronifizierung wird eine Veränderung der Struktur (Arthrose, Fibrosierung, Stauung:von EmotionenVerkalkung, Schrumpfung, Verklebung) daraus hervorgehen.
Genauso wie die Phrenologie, sah Still eine Beziehung zwischen jedem Organ des Körpers und dem zentralen Nervensystem. Er überprüfteChronifizierung:Veränderung der Struktur die Integrität der Wirbelsäule und des Bewegungsapparats und konnte durch seine strukturellen Korrekturen viele Dysfunktionen lösen. Still zog eine manuelle Behandlung (Manipulationen) dem therapeutischen Gebrauch von Medikamenten oder Elektrizität vor. Durch das Einrenken und Mobilisieren von Wirbeln, Knochen, Muskeln und Organen und durch das Lösen von myofaszialen Spannungen versuchte er, Reizungen und Widerstände im manuelle Behandlung:von DysfunktionenKörper zu lösen, damit sich der Körper besser gegen Krankheiten zu verteidigen vermochte. Durch das Anwenden von ausschließlich manuellen Techniken und den Erfolg, den er damit erzielen konnte, wuchs Stills myofasziale Spannungen:LösenÜberzeugung, dass er mit seinen Techniken innere Reaktionen freisetzte, um die natürlichen Körperfunktionen wiederherzustellen.
Während Still meinte: Die Struktur regiert die Funktion, manuelle Techniken:innere Reaktionenentgegnete Littlejohn: Die Funktion regiert die Struktur. Beide hatten Recht. Deswegen möchte ich mich C. Stone anschließen, die, eine Änderung der Aussage in Beweglichkeit steht in Zusammenhang Struktur:und Funktionmit der Physiologie vorgeschlagen hat (Stone 1999). Man kann das so interpretieren, dass sich in der Funktion:und StrukturQualität der Weichteile die Durchsaftungsqualität und damit auch die Qualität der inneren Kommunikation (der Körperzellen Beweglichkeit:und Physiologieuntereinander) und letztendlich die physiologische Effizienz widerspiegelt.
Schon der Dichter Friedrich Schiller hatte angeben, dass es der Geist ist, der sich den Körper baut.
Allgemein stellt sich die Frage, ob Bewegung und Aktivität nur zusätzliche Gesundheitsfaktoren oder vielmehr eine Voraussetzung für das normale Funktionieren des Menschen darstellen? Immer mehr Wissenschaftler unterstreichen die Wichtigkeit von regelmäßiger Bewegung für das normale Funktionieren unseres Körpers.
H. Mechling, der Professor für Sportwissenschaft an der Universität Bonn ist, betont, dass im normales Funktionieren:Bedeutung von BewegungKörper von Menschen, die sich nicht regelmäßig bewegen und einen sedentären Lebensstil haben, eine Art Ausnahmezustand herrscht (Mechling & Munzert 2003). In diesem Ausnahmezustand laufen permanent krankmachende Vorgänge in den Geweben und Zellen ab. Man kann feststellen, dass der menschliche Organismus, der eigentlich metabolisch auf Sparsamkeit ausgerichtet ist, in einem Umfeld von Bewegungsmangel und übermäßigem Junkfood zusammenbricht. Eine Gruppe von Evolutionsmedizinern an der Columbia-Universität in Missouri gibt sogar an, dass sich ohne ein Mindestmaß von täglich 30 Minuten moderater Bewegung (Wandern, leichte Gymnastik, Radfahren), wie es Bewegungsmangel:Ausnahmezustandunser Genom erwartet, wahrscheinlich eine pathologische Genexpression entwickelt (Booth et al. 2002). Sarkastisch weisen diese Mediziner darauf hin, dass das Erfolgsmodell Homo sapiens auf eines gar nicht eingestellt ist: Bewegungsarmut. Physische Inaktivität spielt anscheinend bei vielen chronischen Krankheiten eine wichtige Rolle.

Der Körper als totale Einheit (Holismus)

Stills Entwicklung vom Mechanismus zum Vitalismus

Still verglich den menschlichen Körper anfangs mit einer Bewegungsarmut:chronische KrankheitenMaschine, deren Räder, Achsenlager, Deichsel und anderen Teile der Osteopath wie ein Maschinist untersuchte und neu einstellte. Er sollte sozusagen zuerst die physiologische Vollkommenheit der Form suchen, um es den Arterien zu gestatten, Nährstoffe zuzuführen, den Venen und Lymphgefäßen zu ermöglichen, Abfallstoffe abzutransportieren, sowie den Nerven zu helfen, die Lebenskraft zu verteilen. Danach sollte der Osteopath wie ein Ingenieur die Maschine wässern, anfeuern und auf den Weg bringen, und die Natur würde dann den Rest erledigen.
Die verschiedenen Körpersysteme schienen damit zumindest aus mechanistischer Sicht einheitlich miteinander verbunden zu sein. Still forderte von Osteopathen, die Anatomie zu studieren, bis sie ein lebendiges Bild von allen Körperteilen verinnerlicht hätten, wie ein Künstler das Bild, das er malen will, vor seinem geistigen Auge sieht.
Still sah die ganze Maschine aber trotzdem von Anfang an als Mensch und Drei-Einheit (Triunity), aus erstens einem materiellen Körper, zweitens einem spirituellen Wesen und drittens einem Geisteswesen. Auch die Sehnsucht der Romantik nach dem Wahren, Guten und Schönen kam in der spirituell-holistischen Suche nach dem Sinn, Wert und der Drei-Einheit:des MenschenBedeutung des Lebens (nicht nur des eigenen Lebens) zum Ausdruck.
Für Littlejohn gab es weder Krankheiten eines einzelnen Organs noch Organtherapien, weil kein Organ des Körpers isoliert für sich alleine bestehe (Littlejohn 2008). Das neurovegetative System steuere den Körper eben als ein Gemeinwesen von Zellen.

Was Ganzheitlichkeit bedeutet

Der moderne Osteopath versteht sich als ein ganzheitlich arbeitender Therapeut. Das beinhaltet eine holistische Betrachtungsweise, die nicht nur den Körper, sondern auch den Menschen als ganze Einheit sieht und deshalb nicht nur die Einzelkomponenten untersucht bzw. behandelt. Ein ganzheitlicher Organismus lässt sich nach der holistischen Sichtweise nicht einfach in unabhängige Einzelteile (Gewebe, Organe, Zellen) auflösen, weil das Ganze mehr ist als die Summe seiner Einzelteile. Wenn sich ein Teil des Ganzen verändert, verändert sich unmittelbar das Ganze.

Viele europäische Osteopathen haben ihre Wurzeln in einer physiotherapeutischen Ausbildung, sind geprägt von Handarbeit und finden daher leichter einen Point of Entry (Einstiegsmöglichkeit in die Therapie) bei myofaszialen Geweben, Gelenken und den venolymphatischen Flüssigkeiten. Viele ärztliche Osteopathen haben ihren Schwerpunkt hingegen auf physikalische und chemische Vorgänge gelegt und arbeiten demzufolge eher mit Pharmaka. Die Gefahr eines Reduktionismus ist bei beiden gegeben: die Gefahr eines mechanistischen genauso wie die Gefahr eines chemischen Reduktionismus. Für beide gilt die Herausforderung, die komplexen Wechselwirkungen im menschlichen Körper zu verstehen. Hier könnte sich ein Schulterschluss durchaus als hilfreich erweisen!

Ganzheitlichkeit war von Anfang an, sogar bereits in der Antike, ein wichtiges, aber (leider) auch polarisierendes Thema, das die Gemüter noch immer hochkochen lässt. Deswegen scheint es angebracht, sich kurz hierüber Gedanken zu machen.

Wikipedia gibt folgende Definition an: Ganzheit ist die auf die Vielfalt angewandte Einheit, und die Teile sind die Vielfalt selbst, die von der Einheit totalisiert ist. Man könnte verallgemeinern, dass das Eigentliche (Individuelle) des Menschen nur begriffen werden kann, wenn er als ganzheitliche oder nicht-reduzierbare Einheit betrachtet wird.

Bereits Aristoteles lehrte, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Und Platon schlug vor, zwischen dem Ganzen (holon) und dem Gesamt (pan) zu unterscheiden.

Still sah den Menschen als triune man, als dreifach differenzierte Einheit aus Verstand (mind), Körper (body) und Seele (spirit or spiritual being), Osteopathen:Handarbeitholistische Sichtweise:des Menschenund sprach auch Osteopathen:ärztlichevon der connected oneness (vernetztes Einssein).
Ganzheitlichkeit:DefinitionPöttner und Hartmann zufolge hat Still immer betont, dass der Osteopath das Individuum in all seinen Beziehungen wahrnehmen muss, um die Selbstheilungskräfte von Blockierungen befreien zu können. Sie zitieren in ihrem Artikel auch Viola Frymann, die angibt, man müsse selbst nichts machen, sondern nur die Dinge durch sich hindurch geschehen lassen (Pöttner & Hartmann 2005).
Still legte die Selbstheilungskräfte teilweise dem Großen ArchitektenSelbstheilungskräfte (Gott) in die Hände, wo sie sich dem Einfluss des Osteopathen und des Arztes entziehen, was noch immer zu lebhaften Diskussionen führt.
Das Einzige, was wir (Osteopathen) laut Upledger zu tun haben, ist, den therapeutischen Raum offen zu halten, mit dem Menschen und seinem Gewebe zu verschmelzen, eins zu werden, und der Führung der inneren Weisheit zu folgen, bis sich die Lösung ergibt (Upledger 2006). In seinem Buch Your inner physician and you deutet er an, dass er früher geglaubt habe, heilen zu können (Upledger 1997). Jetzt wisse er, dass er in seinen früheren Tagen nicht erwachsen und auf einem Ego Trip war. Es sei der Patient, der sich heilt, während der Osteopath das Privileg habe, als Zeuge dabei sein und vielleicht am Heilungsprozess partizipieren zu dürfen. Upledger sieht sich heute als Schüler und den Patienten als seinen Lehrer (Upledger 2006).

Entwicklung ganzheitlicher oder integrativer Gedanken

Es kristallisiert sich hier deutlich eine spiritualistische (und polarisierende)Heilungsprozess:Beteiligung von Osteopath und Patient Debatte heraus: Ist die osteopathische Tätigkeit eher mit (etwas festerem) Eingreifen, Manipulieren und Parietalisieren oder eher mit (etwas zarterem) Heilen, Geschehenlassen und Kranialisieren vergleichbar? Ist ihr Ansatz eher biomechanisch oder vielleicht doch mehr biodynamisch? Wäre es nicht vielleicht an der Zeit, auch hier ein Sowohl als auch gelten zu lassen?
Manche reden in diesem Zusammenhang sogar von einer sogenannten lost generation von Osteopathen, die ihre Philosophie und ihre spirituellen Wurzeln sozusagen bereits seit der Mitte des 20. Jahrhunderts verloren haben soll. Diese Grundsatzdiskussion findet aber nicht nur innerhalb der osteopathischen Kreise statt, sondern beschäftigt seit geraumer Zeit die medizinische Fachwelt, wo über die Extreme einer seelenlosen Medizin und einer körperlosen Psychologie debattiert wird.
Der deutsche Arzt Liek (1878–1935) kritisierte beispielsweise 1927 die Technisierung und Mechanisierung der Medizin und betonte demgegenüber die Einheit von Seele, Geist und Körper als Unterschied zwischen der Naturheilkunde und der klassischen Medizin (Schulmedizin). So kommentierte er lakonisch, dass das Staatsexamen wohl den Mediziner, aber niemals den Arzt ausmache. Die maßlose Überschätzung des formalen Wissens und die Naturheilkunde:und SchulmedizinNichtbeachtung bzw. Verachtung geistiger und seelischer Einflüsse seitens der sogenannten exakten Forscher trübten Schulmedizin:und Naturheilkundederen diagnostischen Blick (Liek 1927). Viele Mediziner schlossen sich ihm an und betonten, dass praktische Heilkunst mehr als Naturwissenschaft sein müsse.
Nach dem Zweiten Weltkrieg fügte man Naturheilkunde und Schulmedizin zu einer sogenannten biologischen Medizin zusammen. Im Zeitraum zwischen 1950 und 1960 wurde eine Ganzheitsmedizin propagiert, die Homöopathie, Naturheilkunde, Akupunktur und Psychotherapie vereinte.
Ab den sechziger und siebziger Jahren entwickelte sich ein stärkeres Umweltbewusstsein. Einerseits traumatisiert vom Vietnamkrieg, Big Business und kapitalistischen Militarismus und andererseits Ganzheitsmedizinbeflügelt von der freien Liebe und gewaltfreier Spiritualität, reiften die ganzheitlichen Bewegungen der Humanistischen Psychologie und des New Age heran. In den letzten Jahrzehnten nahm die als ganzheitlich bezeichnete Medizin unterschiedliche Einflüsse auf. Daraus entwickelten sich verschiedene Ansätze der psychosomatischen Medizin und der medizinischen Kybernetik, unter anderem mit Elementen der medizinischen Systemtheorie (Modellierung der physiologischen Kräfte im gesunden und kranken Organismus), des Konnektionismus und der Systembiologie (Informationsverarbeitung in neuronalen Netzwerken), der medizinischen Entscheidungstheorie (Formulierung evidenzbasierter Grundlagen für klinische Systemtheorie:medizinischeEntscheidungen) oder der medizinischen Informatik (Beschreibung der Signalübertragungs- und Signalspeicherungsprozesse auf verschiedenen physiologischen Ebenen).

Unschärferelation der biomedizinischen Forschung

Es wird allerdings deutlich, dass sich in einem lebenden Organismus die physiologischen Vorgänge (Transport der Nähr- und Abfallstoffe, Enzyme, Temperatur, pH-Wert, Proteine) ständig verändern, weil es sich eben um ein offenes System (ständiger Stoff- und Energieaustausch mit der Umgebung) handelt. Dadurch entsteht eine Unschärfe, die wir nicht in den Griff bekommen (Straub 2006).

Um exakt messen zu können, sind unbedingt feste Rahmenbedingungen wie in einem geschlossenen System nötig, was leider nicht den Verhältnissen in lebendigen Systemen entspricht. Bei lebendigen Wesen ist es nicht möglich, alle Einflussfaktoren exakt zu bestimmen oder zu berechnen. Straub nennt das in Anlehnung an die Heisenbergsche Unschärferelation der Quantenphysik die Unschärferelation der biomedizinischen Forschung. Er betont auch, dass sich durch das Einführen von Messgeräten in eine Zelle die Wirklichkeit und die Physiologie dieser Zelle verändern (Straub 2006).

Auch wenn es momentan wenig Alternativen gibt, muss sich jeder Wissenschaftler dessen bewusst sein.

In der osteopathischen Szene ist es zu dieser Perspektive von Ganzheitlichkeit seit langem relativ still. Wührl bewertet die Stillsche Dreieinigkeit auch Heisenbergsche Unschärferelationzu Unschärferelation:HeisenbergscheRecht als spannungsreich, weil sie von manchen als Unschärferelation:der biomedizinischen Forschungpeinliche theologische Last der Osteopathie und von anderen als höhere philosophische Erhabenheit aufgefasst wird (Wührl 2005). Viele Osteopathen liebäugeln laut Wührl sogar mit einer Reduzierung der Triunität auf eine Dualität von Materie und Energie. Andere wiederum meinen etwas zu idealistisch-optimistisch, wenn sie die Selbstheilungskräfte einfach nur mal antippen, werde sich alles schon von selber richten.
Vier-Einheit
Ich halte es für notwendig, den Menschen in einer Kommunikationsmatrix mit seiner Umgebung zu sehen und damit eigentlich vier Einheiten – Körper, Seele, Geist und Umfeld – zu betrachten.
Für Naturwissenschaftler möchte ich das anhand einer Computeranalogie (Maschine) verdeutlichen (Kap. 3.15):
  • KommunikationsmatrixDer menschliche Körper wäre beispielsweise mit der Hardware eines Computers vergleichbar (einem Gerät mit Prozessoren, Speicherplatten, Schaltkreisen).

  • Der Geist (Verstand) entspräche gewissermaßen der Software, die immaterielle Daten und Informationen beinhaltet.

  • Inhalt und Sinn (Gedanken, Körper:als HardwareInformationen) der Texte, die ein Autor auf dem Computer schreibt, wären analog zur Seele (Emotionen, Gefühle, Glauben) sehr individuell und Geist (Verstand):als Softwareeinzigartig.

  • Die Interpretation, also die Aufnahme und Bewertung, der auf dem Computer geschriebenen Informationen durch den Computer-Benutzer könnte man durchaus mit einer Umgebungsmatrix vergleichen. Auch hier lässt sich eine persönliche, subjektive Note nicht mehr leugnen.

(Was hätte Still wohl zu dieser dreisten mechanistischen Idee gesagt?)
Aus diesem Vergleich dürfte deutlich werden, dass alle vier Einheiten (Körper-Geist-Seele-Umfeld) wichtige Beiträge zum Ergebnis (Individuum) leisten. Die Frage nach gewissen Vorzugsrechten bestimmter Einheiten lässt sich hierbei nicht eindeutig klären. Es wäre aber durchaus katastrophal, eine der Einheiten zu vernachlässigen bzw. zu bevorzugen, wenn man in der Vier-Einheit (Körper-Geist-Seele-Umfeld):IndividuumGesellschaft bestehen möchte! Warum wendet man dieses Prinzip eigentlich nicht in der Medizin an? Muss nicht auch der Patient auf und in seiner Wahrheit bestehen?
Hans-Peter Dürr und Marianne Oesterreicher formulierten folgenden Gedanken: Wissenschaft kann nicht mehr an der Objektivierbarkeit aufgehängt werden. [] Es gibt nicht die eine Wahrheit. [] Der Zweck, das Ziel ist doch, dass der Mensch der Wirklichkeit, in die er eingebettet ist, näher kommt, dass er sie intensiver und fülliger wahrnimmt und erlebt. (Dürr, Oesterreicher 2004)

Beinhaltet Ganzheitlichkeit auch einen Glauben?

Spiritualität
Es sei darauf hingewiesen, dass auch der Atheismus eine Form von Glauben darstellt, nämlich an das Fehlen eines göttlichen Wesens. Hat nicht auch das Denken sowohl eine kognitive als auch eine neurophysiologische (körperliche) und eine integrative (emotionale) Komponente? Gerade die Verbindung der vier Einheiten eines Menschen (Körper-Geist-Seele-Umfeld) ist meiner Meinung nach das, was das Individuum ausmacht.
Spiritualität kann Kranken einen Weg weisen, besser mit Krankheit und Leiden umzugehen. Spiritualität kann für schwerkranke Patienten sogar eine wichtige Copingstrategie darstellen (Puchalski 2004). Für Kliniker Individuum:Vier-Einheitgibt es ein einzigartiges Trainingsprogramm mit etwa 400 Ausbildungsstunden in Spiritualität:Copingstrategieklinisch pastoraler Edukation (Todres et al. 2005).
J. und R. McGovern (2003) projizierten die reziproke Abhängigkeit von Struktur und Funktion als osteopathisches Prinzip auch auf die Seele (Geist). Demnach muss sich auch die Seele (Geist) in einer gesunden Struktur befinden, um gut funktionieren zu können. So wie körperliche Beschwerden die Gefühle des Betroffenen beeinflussen, wirken umgekehrt natürlich auch emotionale Struktur und Funktion:AbhängigkeitZustände (z. B. Angst, Wut) auf den Körper ein. Wenn sich ein Glaube ausbildet, können bewusste psychische Prozesse die unbewusste Psyche dadurch beeinflussen, dass die unbewusste körperliche Beschwerden:und GefühlePsyche der kognitiven Behauptung sozusagen zustimmt. Auch der umgekehrte Weg ist möglich, dass der emotionale Zustände:körperliche Auswirkungunbewusste Geist die Kognition beeinflusst, wenn wir vertrauensvoll etwas äußern. Über das autonome Nervensystem sind Psyche (unbewusster Geist) und Körper verknüpft, und über die Zirkulation der Flüssigkeiten ist der Körper mit dem Verstand (bewusster Geist), der Psyche (unbewusster Geist) und der Seele zusammengeschaltet (McGovern & McGovern 2003)
Sowohl als auch
Es liegt mir sehr am Herzen zu betonen, Psyche:unbewusster Geistdass ein Entweder-oder, also Eingreifen oder Geschehenlassen bei der Behandlung, zu schwarz-weiß, zu engstirnig Verstand:bewusster Geistinterpretiert ist. Es sollte stattdessen sowohl als auch heißen, also sowohl eingreifen als auch mitmachen und geschehen lassen. Damit meine ich, dass es wichtig ist, sowohl einzugreifen, um Flüssigkeiten, Gelenke, Emotionen usw. zum Fließen und in Bewegung zu bringen, als auch im Notfall selbstverständlich eine Medikation anzuwenden, dann nach aktiven Mitmach-Eingreifen:und GeschehenlassenStrategien für den Patienten zu suchen und das Weitere geschehen zu lassen bzw. den Abwehrmechanismen (und der Medikation) Zeit zu geben, ihre Arbeit zu erledigen. Das Mitmachen des Patienten verlangt eigentlich einen Glauben an den eingeschlagenen Weg, der meiner Meinung nach weit über einen Placebo-Effekt hinausgeht (Kap. 2.2.2).
Ob wir beim Festlegen der Copingstrategie für den Patienten nur symptomatisch arbeiten oder immer Ganzheitlichkeit anpeilen können, möchte ich Mitmachen des Patientenhier frei zur Diskussion stellen. Dies hat sicherlich auch etwas mit dem Glauben des jeweiligen Behandlers zu tun, Copingstrategie:symptomatischemit der Hoffnung oder dem Glauben, das Ganze getroffen zu haben. ObCopingstrategie:ganzheitliche das gesteckte Ziel tatsächlich auch erreicht wird, lässt sich wahrscheinlich nur schwer messbar bestätigen.

Praktische Bedeutung

Die Hauptsache ist aber zunächst einmal, dass der Patient seine eigene Abwehr-/Copingstrategie ankurbelt und eine praktikable Lösung für seine Problematik findet – anders ausgedrückt, dass er überlebt und sich besser fühlt.

Physik der lebenden Systeme

Gesetze der Thermodynamik
Die Thermodynamik ist ein Teilgebiet der Physik. Sie beruht ursprünglich auf empirischen Beobachtungen und untersucht die Energie, deren Erscheinungsformen und Leistungsfähigkeit. Dabei vernachlässigt sie die Bewegung der Atome und Moleküle und arbeitet nur mit Mittelwerten wie Volumen, Druck und Temperatur. Die ThermodynamikEnergiemenge in einem thermodynamischen System wird auch als Enthalpie angegeben.
Es ist sinnvoll, hier kurz die Hauptsätze der Thermodynamik wiederzugeben:
  • Nullter Hauptsatz: Stehen zwei Systeme jeweils mit einem dritten in einem thermodynamischen Gleichgewicht, stehen sie auch untereinander im Gleichgewicht.

  • Enthalpie:(thermodynamische Energiemenge) Erster Hauptsatz: Energie kann in einem geschlossenen System weder erzeugt noch vernichtet,Thermodynamik:nullter Hauptsatz sondern nur in andere Energiearten umgewandelt werden. Bei offenen Systemen hingegen kann das System sowohl thermodynamisches GleichgewichtEnergie als auch Materie (z. B. Flüssigkeiten) mit Energie:im geschlossenen Systemseiner Umgebung austauschen. Für ein offenes System kann demzufolge eine Energie:im offenen SystemEnergiebilanz und eine Stoffbilanz erstellt werden.

  • Zweiter Hauptsatz: Thermische Energie (in der ungeordneten Bewegung der Atome oder Moleküle eines Stoffes gespeicherte und nicht für Arbeit verfügbare Energie) ist nicht in beliebigem Maße in andere Energiearten umwandelbar. Anders formuliert: Wärme kann nicht von selbst von einem Körper niedriger Temperatur auf einen Körper höherer Temperatur übergehen. Dieser zweite Hauptsatz lässt sich auch so umschreiben, dass in geschlossenen Systemen die Unordnung (Entropie) mit der Zeit wächst oder bestenfalls gleichbleibt. Die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Hauptsatz nicht zutrifft, wird umso größer, je kleiner das beobachtete System und je kürzer die Zeitspanne ist. Es scheint so, als würden sich winzig kleine Maschinen nicht wie Entropie:Unordnung im geschlossenen Systemgroße verhalten. Ähnlich verhält es sich bei lebendigen Systemen, in denen biochemische Reaktionen auf mikroskopischer Ebene ablaufen. Es stellt sich demzufolge die Frage, ob der zweite Hauptsatz überhaupt auf lebendige Systeme angewandt werden kann.

  • Dritter Hauptsatz: Jede Substanz hat eine begrenzte positive Entropie (Unordnung), aber beim absoluten Nullpunkt der Temperatur und im Falle einer perfekt kristallinen Substanz nähert sich die Entropie gegen null.

Offenes (lebendiges) System
Der Mensch bildet definitiv ein offenes System, was beinhaltet, dass er einerseits aus einem Zusammenwirken vieler Einzelelemente (Entropie:positiveOrgane, Gewebe, Zellen) besteht und andererseits gekoppelte und rückgekoppelte Reaktionen zum Mensch:als offenes SystemAustausch von Stoffen und Energie mit der Umgebung auftreten. Man spricht daher bei einer ausgewogenen offenes\ System:Austausch mit UmgebungSituation auch von einem Fließgleichgewicht oder steady-state (Homöostase), wobei das System fähig sein muss, auf Änderungen und Störungen des Austausches mit der Umgebung zu reagieren.
Ho vergleicht den lebendigen Organismus mit einer dissipativen Struktur, dieFließgleichgewicht:offenes System einem steady-state durch das Fließen von Energie und chemischen Stoffen unterliegt. Eine dissipativeHomöostase:(Steady-State) Struktur bildet ein offenes System, das keinem thermodynamischen Gleichgewichtszustand entspricht und sich trotzdem zu einer höheren Ordnung entwickeln kann. Sobald das Fließen unterbrochen wird, kommt es zum Zerfall und Tod dissipative Struktur:offenes System(Ho 2008).

Schutz vor Überhitzung

Kein Organismus kann wie ein Verbrennungsmotor funktionieren, sondern lebendige Systeme benutzen die Quantenmenge an Energie, die ausreicht, um eine spezifische Bewegung der Elektronen im äußeren Orbital der Moleküle zu verursachen. Damit kann das hohe Energieniveau in lebendigen Systemen aufgefüllt werden, ohne den Körper übermäßig zu erhitzen.

Der russisch-belgische Physikochemiker und Philosoph Ilya Prigogine (1917–offenes System:dissipative Struktur2003) versuchte zu belegen, dass auch in offenen Systemen Ordnung aus dem Chaos geschaffen werden könne, und damit den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik zu lebendiges System:Schutz vor Überhitzungwiderlegen. So beschrieb er als Beispiele für dissipative Strukturen chemische Uhren (oszillierende chemische Reaktionen), den Glykolysezyklus oder die Bildung von wabenförmigen Zellen in offenes System:dissipative Struktureiner von unten erhitzten Flüssigkeitsschicht.
Ho zufolge besteht in einem Organismus eine organisierte Heterogenität mit dynamischen Strukturen in alle Bereichen, die zyklischen oder azyklischen Veränderungen unterliegen. Es gibt also keine Homogenität, keine statischen Phasen in einem Organismus. Selbst eine Zelle ist durch zelluläre Membranteile und Organellen noch in verschiedene Organismus:HeterogenitätKompartimente unterteilt. Zwei oder mehr Moleküle können als molekulare Energiemaschine funktionieren (Ho 2008).
Steady-state und Homöostase
Der steady-state in einem lebendigen Organismus stellt weniger einen Zustand, sondern vielmehr ein Konglomerat von organisierten räumlich-zeitlichen Prozessen dar, die oft kaskadenartig ablaufen (Ho 2008). Diese kettenförmigen Prozesse verlaufen über Zeiträume, die einerseits kleiner als 10-14 Sekunden (beim Steady-State:OrganismusEnergietransfer zwischen Molekülen) und andererseits bis zu 107 Sekunden (bei zirkadianen Rhythmen eines räumlich-zeitliche ProzessenJahres, z. B. den Jahreszeiten) sein können. Die räumlichen Prozesse:räumlich-zeitlicheAusmaße dieser Prozesse variieren von 10-10 Metern (bei Prozesse:kettenförmigeintramolekularen Interaktionen) bis hin zu einer Größenordnung von einigen Metern (bei der Nervenleitung größerer Tiere). Verschiedene Prozesse unterstützen bzw. verstärken sich gegenseitig, aber es gibt auch negative Feedbacksysteme, durch die Veränderungen abgeschwächt werden. Es entstehen laufend neue steady-states, wobei sich eventuell auch ein Gewebe neu entwickelt oder differenziert, oder der Organismus kann sogar seine Umgebung umändern, etwa durch die Abgabe chemischer Stoffe oder neue Feedbacksysteme:negativeKonstruktionen (Werkzeuge, Nest, Haus bauen).
Der lebendige Organismus ist also derartig dynamisch, dass sogar jede einzelne KörperzelleSteady-State simultan von verschiedenen Kreisläufen durchquert wird. Erstaunlicherweise verfügt dabei jeder einzelne Kreislauf auch noch über seinen eigenen Zeitplan und Takt, seine individuelle räumliche Orientierung, seine lokale Pumpwirkung sowieOrganismus:dynamischer chemische, elektrische und mechanische Transformationen.
Wir bleiben dabei erstaunlicherweise alle erkennbar dieselbe Person, mit klaren Abgrenzungen zum Umfeld, obwohl wir ständig ein- und ausatmen, bei der Metabolisierung sozusagen jedes Mal kleine Tode sterben und kleine Wiedergeburten erleben. Obwohl es angesichts dieses hochkomplexen dynamischen räumlich-zeitlichen Geschehens bestimmt die Untertreibung des Jahrhunderts ist, werden wir (als Nicht-Physiker) weiterhin stark vereinfachend von einem Gleichgewicht (Homöostase) sprechen.
Raum-Zeit-Dimensionen in lebendigen Systemen
Ho schlägt eine neue Formulierung des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik räumlich-zeitliche Prozesse:dynamischevor: Moleküle verrichten nützliche Arbeit durch einen direkten Transfer von gespeicherter Energie, und thermalisierte Energie kann nicht im gleichen System in gespeicherte Energie umgewandelt werden. Das System kann als ein Bereich betrachtet werden, in dem sich thermische und andere schnell auswechselbare Energien ausbalancieren. (Ho 2008, S. 31) Er betont, dass hiermit die Möglichkeit gegeben ist, dass thermalisierte Energien ( Energien, die sich untereinander austauschen und innerhalb einer gewissen Zeitgrenze und bei einer gewissen Temperatur eine Art Gleichgewicht erreichen) eines Subsystems in größeren übergreifenden Systemen, in denen thermalisierte und andere Energien in einem Nichtgleichgewicht verteilt sind, arbeiten bzwEnergie:thermalisierte. aktiv sein können. Einfacher ausgedrückt: In einem lebendigen System können bei vielen biochemischen Reaktionen lokale Gleichgewichte und Schwingungsenergie (Resonanzenergie) vorgefunden werden, weil sie sich in (für die Zelle völlig normalen) Zeitspannen einer Größenordnung von 10-12 Sekunden aufbauen und so schnell ablaufen, dass keine Zeit zum Erhitzen bleibt.
Dem Körper müssen physiologische Prozesse, die im Bereich von Sekunden oder Millisekunden ablaufen, demzufolge als Ewigkeiten vorkommen. Es stellt sich darüber hinaus die Frage, wie individuelle molekulare Maschinen über makroskopische Distanzen zusammenarbeiten können. Es wird also deutlich, dass die räumlich-zeitlichen Dimensionen und auch die Kohärenz (Synchronisierung ihrer Rhythmen) eine außerordentliche Rolle beim thermodynamischen Gleichgewicht in lebendigen Organismen spielen. Wir müssten unsere Sichtweise dementsprechend flexibler gestalten und anpassen. Makroskopische Phänomene scheinen nicht davon abhängig zu sein, ob wir thermodynamisches Gleichgewicht:räumlich-zeitliche Dimensionenin allen Einzelheiten wissen, was auf der Molekularebene abläuft!
Energiefluss und Speicherung in Organismen
thermodynamisches Gleichgewicht:KohärenzHo gibt an, dass es der Energiefluss ist, der das materielle System organisiert und es weit weg vom thermodynamischen Gleichgewicht führt, indem er das Energieniveau dieses Systems erhöht, Gefälle und zyklische Fließmuster für Materialien (Recycling von CHNOPS – Kohlenstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Sauerstoff, Phosphor und Schwefel) und Energie Energieflussproduziert und damit eine Hierarchie von Raum-Zeit-Strukturen erzeugt, die wiederum an sich den Energiefluss organisiert (Ho 2008). Laut Ho liegt der Schlüssel zum Leben in dieser Gegenseitigkeit, die sich in Form einer spontanen Beziehung zwischen System und Umgebung herausbildet, in der beide sowohl Organisator als auch Organisierte sind.
Ein lebendiges System verfügt über folgende Hauptmerkmale:
  • ein allgegenwärtiges zyklisches Fließen in allen Bereichen und

  • eine Kopplung dieser zyklischen Prozesse.

Es ist beeindruckend, sich zu überlegen, dass vom ökologischen Zyklus der Biosphäre bis hin zu biochemischen lebendiges System:Hauptmerkmalemetabolischen Zyklen anscheinend alle irgendwo minutiös choreographiert sind (Kap. 4.1).
Ein wesentlicher Unterschied zwischen lebendigen und nicht-lebendigen Systemen besteht in der Art und Weise, wie Energien gespeichert, kanalisiert und gelenkt werden. Der lebendige Organismus kann das ganze Spektrum an Energien, von der translatorischen bis zur elektronischen und elektromechanischen Energie, mobilisieren und dabei zwischenlebendiges System:Energiespeicherung gebundener und freier, zwischen verfügbarer und nicht-verfügbarer Energie unterscheiden. Lebendige Systeme fangen Energie direkt auf dem elektronischen Niveau ein (von Elektronen, die von einem hohen Niveau herunter gebremst werden), speichern diese Energie aber nicht nur als Vibrationsenergie und elektronische Bindungsenergie, sondern auch in der Struktur des Systems: in Gradienten (Gefälle), Feldern und Energiespeicherung:in lebendigen SystemenDurchflussrichtungen, in Organellen, Zellen und Geweben.
Lebendige Systeme speichern ihre Energie typischerweise so, dass sie trotzdem mobilisierbar (kohärent) und rasch und effizient verfügbar ist. Dabei bilden sich komplexe Kaskaden von gekoppelten zyklischen Prozessen innerhalb des Organismus aus, die Energie einfangen und speichern, bevor sie nach außen abgeführt wird.
Wirbel, Fraktale und Rhythmen
Alle zyklischen Prozesse sind auf eine spezielle Art mit dem Lebenszyklus verknüpft, um für den Energiefluss zu sorgen, so wie ein kompliziertes System von Strudeln oder Wirbeln in einem wilden Fluss. Je mehr Wirbel sich bilden, desto mehr Energie wird gespeichert. Wenn man dabei einen einzelnen Wirbel vergrößert, ergibt sich das gleiche Bild wie vorher (vergleichbar mit einem mathematischen Fraktal, also Energiefluss:zyklische Prozesseeinem geometrischen Muster, das aus mehreren kleineren Kopien seiner selbst besteht); das kann man so lange wiederholen, bis man am kleinsten Zyklus angelangt ist, nämlich einer Schwingung von Elektronen, die eine Periode von einer Femtosekunde (10-15 s) aufweist.
Das lebendige organische System verfügt also sowohl auf mikoskopischer als auch auf makroskopischer Ebene sozusagen über aktive Regulations- und Copingvorgänge, sodass die (körperlich-seelisch-geistig-soziale) Homöostase ein dynamisches Gleichgewicht darstellt und weder als passiv noch als statisch betrachtet werden darf! Es muss also freie Energie für die Regulation zur Verfügung stehen. Dieser Anteil der inneren Energie, die für Arbeit freigestellt werden kann, ist ebenso wie lebendige Systeme sozusagen als autopoietisch (selbsterschaffend und selbsterhaltend) und autonom aufzufassen. Wir müssen Energie:freiedemzufolge nicht kontinuierlich essen, sodass glücklicherweise genügend Energie:autopoietischeZeit für sinnvolle, angenehme Aktivitäten bleibt.
Interessanterweise kann ein makroskopisches System im lebendiges System:autopoietische EnergieGleichgewicht über mehrere kleinere, nicht im Gleichgewicht befindliche Systeme verfügen (bzw. ein makroskopisches System in einem Ungleichgewicht über mehrere kleinere Systeme in Gleichgewicht). Die Stoffwechselregulation und chemischen Reaktionen, bei denen Moleküle gebildet und zerlegt werden und Energietransformationen stattfinden, gehören in der Physiologie mittlerweile zum Standardwissen. Es würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen, alle metabolischen Zyklen zu besprechen.
Die ineinandergreifenden biologischen Rhythmen (Zyklen) geben dem Organismus eine komplexe, multidimensionale, verschachtelte Raum-Zeit-Struktur, die von einer einfachen linearen Newtonschen Struktur weit entfernt ist. Lebendige Organismen haben keine festgelegten Sollwerte, zu denen sie zurückkehren müssen. Stattdessen lebt der Organismus von Moment zu Moment, völlig frei und Organismus:Biorhythmenspontan!

Entropie als Potenzial der Unordnung

Entropie kann man als Potenzial der Unordnung in einem physikalischen System angeben. Die Entropie vergrößert sich demzufolge, wenn sich das System zu einem weniger geordneten Zustand verändert.
Kreisläufe beim Menschen beinhalten nicht nur das Fließen der Körperflüssigkeiten, sondern auch das Fließen der Gedanken,Entropie:(Unordnung) Emotionen und Strategien in einem System, das in Bezug zum individuellen (Seele-Geist) Innenbereich und zum sozialen Fließen:von KörperflüssigkeitenUmfeld offen ist.
In dem zweiten Gesetz der Thermodynamik wird Fließen:von Gedankenangegeben, dass alle spontan ablaufenden Prozesse Fließen:von Emotionenirreversibel sind und demzufolge eine Zunahme der Entropie entsteht. Die Wiederherstellung des vorherigen, geordneteren Zustands erfordert den Einsatz von Energie oder Informationen. Anders ausgedrückt: Jedes System, das sich selbst überlassen wird, zeigt eine Tendenz zu irreversiblen Zersetzungsprozessen und zur Anarchie. Lässt man beispielsweise etwas (egal lebendig Entropie:Zunahmeoder leblos) ohne Wasser, Nahrung und Schutz draußen stehen, wird es merklich abbauen, zerfallen, vergehen. Das scheint einfach der Gang der Dinge zu sein, widerspricht aber eigentlich ironischerweise der darwinistischen Evolutionstheorie, dass alles nach Perfektion, Weiterentwicklung und größerer Effizienz streben soll.
Evolution und Entropie
Evolution und Entropie stehen sich sozusagen diametral gegenüber, was für eine Polarisierung sorgt. So glauben manche Evolutionisten, die Evolution könne auf magische Weise ein Evolutionstheorie:(Darwin)offenes System (Zelle, Lebewesen) auf eine Evolution:und Entropiehöhere Stufe heben. Andere Evolutionisten meinen, das zweite Gesetz der Thermodynamik gelte nur Entropie:und Evolutionfür geschlossene Systeme, die Welt bilde aber ein offenes System mit der Sonnenenergie.
Vielleicht müssen wir Evolution als aktiven Prozess des Lebendigen gegenüber Entropie betrachten? Dazu brauchen lebendige Systeme neben zyklischen Prozessen und Kohärenz auf jeden Fall auch noch ein Bewusstsein, einen Willen und freie Energie! Die gekoppelten Zyklen und Rhythmen könnte man meiner Meinung alslebendiges System:Bewusstseinlebendiges System:Kohärenz Weisheit der Natur bezeichnen (Kap. 4).lebendiges System:freie Energie Dabei sind die mikroskopisch kleinen und kurzen Zyklen hochkomplex lebendiges System:zyklische Prozessein die makroskopisch großen und langen Zyklen verschachtelt – ebenso wie die mechanischen faszialen Verbindungen von der Zelle bis zum Körper wie Zwiebelschalen oder Fraktale zusammengefügt sind.
Fraktale und chaotische Systeme können zwei wichtige Botschaften enthalten:
  • Hinter sehr komplexen, chaotisch regellos wirkenden Erscheinungen stecken oft relativ einfache mathematische Gesetze.

  • Kleine Ursachen können große Wirkungen haben.

Auch wenn alles im Umfeld eines Lebewesens gleich bliebe, wäre doch eine Zerfallsneigung inhärent vorhanden. Demzufolge ist seine räumlich-zeitliche Homöostase durchaus als aktiver Prozess zu verstehen. Wenn nun viele kleinere und größere Störfaktoren das dynamische Gleichgewicht zu kippen versuchen, können seine Regulationsvorgänge irgendwann überfordert sein. Dann wird dieses Lebewesen krank. So gesehen kann es sinnvoll sein, sich auf die Suche nach lösbaren Störungen (eventuell auch kleineren) und nach einer sinnvollen Strategie für das Individuum zu begeben und einen Versuch zu starten, die Belastbarkeitsgrenze der Regulationsmechanismen wieder zu unterschreiten.
Jeder trägt sein Päckchen
Ohne aktive Anstrengung und Anpassung werden die Funktionalität und das dynamische körperlich-seelisch-geistige Gleichgewicht (Homöostase) eines Lebewesens auf jeden Fall nicht stabil bleiben! Das habe ich in Form eines Bildes darzustellen versucht (Abb. 2.9). Wenn ein Mensch die vielen Störfaktoren (körperliche + seelische + geistige + soziale), die auf ihn einwirken (bildlich als Päckchen dargestellt), nicht mehr tragen Gleichgewicht:dynamischeskann, wird sein Organismus krank, und er geht buchstäblich in die Knie.
Neben der emotionalen Einstellung (gut drauf, ausgeschlafen, ausgeglichen sein) des Päckchenträgers spielen möglicherweise die Größe, Schwere, Stapelung und Anzahl der Päckchen bei der Krankheitsentstehung und demzufolge auch bei der Behandlung eine Rolle! Wir haben bereits angedeutet, dass das Ganze nicht unbedingt gleich der Summe der Einzelteile ist. Das gilt wahrscheinlich auch bei den Päckchen, deren Art der Stapelung und Gesamtwirkung durchaus größer sein könnte als die Summe Krankheitsentstehung:sein Päckchen tragender jeweiligen Einzelwirkung. Dabei wird auch deutlich, dass es verschiedene Wege und Strategien geben kann, die Päckchen zu entfernen. Das spricht für die Pluralität und Individualität der medizinischen Behandlungsmöglichkeiten! Es gibt demzufolge auch nicht die einzig wahre Behandlungsmethode, sondern viele Wege führen nach Rom bzw. zum Patienten!
Aufgaben von Osteopathen
Der Osteopath sollte sich gemäß dem Auftrag von Still auf die Suche nach Gesundheit und damit auf die Suche nach Möglichkeiten und Strategien Behandlungsmethoden:Pluralitätbegeben, den Patienten einige schwerere Behandlungsmethoden:IndividualitätPäckchen abzunehmen. Die Suche nach Päckchen, die schwerer wiegen oder störender wirken, oder anders gesagt, die Suche nach Osteopathen:Suche nach Gesundheitgewissen Prioritäten und Zusammenhängen bei dem betreffenden Individuum kann sich als sehr interessant erweisen.
Es ist sinnvoll, sich vor allem auf ursächliche, zusammenhängende Faktoren und Bereiche zu konzentrieren, statt nur auf Symptome wie Schmerzausstrahlung oder akute Beschwerden zu achten. So kompensiert eine Hypermobilität beispielsweise häufig eine Hypomobilität, Blockierung oder Versteifung benachbarter Strukturen. Es wäre aus dieser Sicht ursächliche Faktoren:suchennicht unbedingt klug, nur die momentan schmerzhafte hypo- bzw. hypermobile Struktur zu untersuchen, ohne die anderen Gelenke und Einheiten (Körper-Geist-Seele-Umfeld) des Patienten einzubeziehen. In ähnlicher Weise erscheint es auch fahrlässig, Patienten mit Ermüdungserscheinungen nur nach physischen, aber nicht nach seelischen Belastungen und Sorgen zu fragen.
Es kann also zweckmäßig sein, (auf der Suche nach Prioritäten) mit gewissen Screening-Schnelltests (sozusagen diagnostische Fenster) eine Reise durch den Körper des Patienten zu machen. Allerdings sollte der Patient vorab darüber aufgeklärt werden, warum auch asymptomatische Bereiche seines Daseins untersucht werden, was häufig erstaunlicherweise ein erhöhtes Interesse und eine Angabe von weiteren (Screening-Schnelltestszuerst nicht genannten) anamnestischen Informationen seitens des Patienten zur Folge hat.
Die Relevanz der physiologischen-psychischen-seelischen-sozialen Störfaktoren, die beim Screening aufgefallen sind, richtig einzuschätzen, verlangt Erfahrung, Empathie und Wissen und beinhaltet somit logischerweise immer eine gewisse Subjektivität und individuelle Entscheidung des Therapeuten. Auch das wird sicherlich weiterhin für polarisierende Diskussionen sorgen.

Das Gesetz der Arterie (rule of the artery)

Im Jahre 1874 erklärte ich, dass eine gestörte Arterie den Beginn angibt, wann eine Krankheit ihre Saat der Zerstörung im menschlichen Körper auszusäen beginnt. Das kann niemals ohne einen unterbrochenen oder eingestellten Fluss des arteriellen Blutes ausgeführt werden, der von der Natur vorbestimmt ist, Nerven, Ligamente, Muskeln, Haut, Knochen und die Arterie selbst zu versorgen [] Das Gesetz der Arterie muss absolut, universal und ununterbrochen sein oder Krankheit wird das Resultat sein, heißt es in Stills Autobiographie (Still 2002).
Damit die menschliche Maschine harmonisch läuft, muss eine freie Zirkulation von Nervenimpulsen, Blut, Lymphe und zerebraler Flüssigkeit gewährleistet sein. Alle Gesetz der Arterie:(Still)Nerven hängen dabei vom humoralen System ab. Still hatte wahrscheinlich in späteren Jahren die experimentellen pathologisch-anatomischen Arbeiten von Virchow kennengelernt und muss von den Folgen der Verstopfung von Blutgefäßen sehr beeindruckt gewesen sein, weil sie seine Theorien eigentlich begründeten. Virchow hatte nachgewiesen, dass Blutgerinnsel für eine Verlangsamung oder sogar komplette Stauung des Blutstroms sorgen und dadurch Virchow:Arbeiten zur BlutgerinnselbildungKrankheiten entstehen könnten. Still suchte, genauso wie Virchow, nach gewissen Barrieren, die Bewegungen abbremsen oder stoppen und damit die Zirkulation, das BlutgerinnselFließen der Körperflüssigkeiten, den Transport von neuronalen Impulsen, die Ausschüttung von Hormonen und Blutstrom:StauungNeurotransmittern, das Weiterleiten von Botenstoffen (Zytokinen) usw. stören können.
Still befasste sich wohl Zirkulation:Störung durch Barrierenauch intensiv mit Pasteurs Studien über die Gärung, mit zersetzenden Stoffwechselprozessen Fließen:von Körperflüssigkeitendurch das Fehlen von Sauerstoff. So gab Still an, die Pflicht des Operateurs bestehe nicht darin, den Kranken zu heilen, sondern einen Teil des ganzen Systems so zu korrigieren, dass die Lebensflüsse wieder fließen und das ausgetrocknete Feld bewässern können. Er wies außerdem daraufGärung hin, dass zu viel Bewässerung ebenso schädlich ist wie zu wenig oder gar keine.
Das Bindegewebssystem verfügt zwischen dem Zellinneren und dem Gefäßlumen eigentlich über drei Filtersysteme:
  • das Endothel der Gefäßwände, das bereits für eine Selektion der durchgelassenen Teilchen (nach Molekülgröße, elektrischer Ladung und chemischer Konzentration) sorgt,

  • das Bindegewebe:FiltersystemeInterstitium, das mit seiner gelartigen Zusammensetzung Filtersysteme:im Bindegewebeaus Matrixmolekülen, Wasser, Kollagen-Elastinfasern und abgelagerten Schlackenstoffen eine Endothel:FilterTransitstrecke aufbaut,

  • die Zellmembran, die (durch Kanäle) für eine passive und (durch Pumpen, Carrier-Transportsysteme) für eine aktive Selektion u. a. Interstitium:als Filterbei den Proteinen sorgt.

Die Körperflüssigkeiten nehmen eine zentrale Stelle in der Kommunikation der Zellen des Menschens ein, indem sie die Botenstoffe, Neurotransmitter und Hormone Zellmembran:Selektionzirkulieren lassen. Dabei spielen nicht nur das arterielle und venöse Blut, sondern auch die Körperflüssigkeiten:Zellkommunikationlymphatischen, interstititiellen und intrazellulären Flüssigkeiten eine wesentliche Rolle. Spannungen der Zellkommunikation:KörperflüssigkeitenBindegewebshüllen (Faszien) können die Flüssigkeitsversorgung der Zielstrukturen stören und venolymphatische Stauungen verursachen. Durch ein (venolymphatisches) Ödem kann die Funktion einer Struktur, wie beispielsweise eines Muskels, gestört werden (Kap. 2.3.3)!
Als Antriebskräfte fürSpannungen:venolymphatische Stauungen die Flüssigkeitsdynamik des menschlichen Körpers spielen unter Stauungen:venolymphatischeanderem die Diaphragmen eine entscheidende Rolle. Deshalb sollten Spannung und Beweglichkeit des Zwerchfells, Ödeme:venolymphatischeBeckenbodens, Fußdiaphragmas, des thorakalen Operculums und des Flüssigkeitsdynamik:Antriebskräftekranialen Diaphragmas Flüssigkeitsdynamik:Rolle von Diaphragmenuntersucht und behandelt werden (Meert 2007). Aus dieser Sicht können Bewegungs- und Strömungsbarrieren die Diaphragmen:Rolle in der FlüssigkeitsdynamikKommunikation im Körper zusammenbrechen und Krankheiten entstehen lassen.

Flüssigkeiten und Fließen

Durch Stills Gesetz der Arterie (das ich gerne zu einem Gesetz des Flüssigen erweitern möchte) kam ich auf die Idee, einen bescheidenen Überblick aufgrund der Flüssigkeiten aufzubauen, weil diese Flüssigkeiten eben überall im Körper vorhanden sind.

Ich hoffe, dass auch Ihre Gedanken beim Lesen dieses Werkes im Fluss bleiben und nicht vor Empörung erstarren.

Integration der osteopathischen Grundprinzipien

Zusammenfassung

Wenn man den Menschen als ganzheitliches System betrachtet, merkt man, dass es sich eigentlich um ein offenes Tensegrity-System handelt, was bedeutet, dass die Gesetz der Arterie:(Still)Teile sowohl untereinander als auch mit dem Ganzen und der Außenwelt in einer Wechselwirkung stehen. Die unterschiedlichen Teile des Ganzen sind unter Mensch:als ganzheitliches Systemanderem durch Rückkopplungssysteme miteinander verbunden. Genauer betrachtet, funktioniert die Einheit aus Körper-Seele-Geist nicht in Tensegrity-Systemeinem Vakuum, sondern in einer sozialen Umgebung (Familie, Kollegen, Freunde), in einer natürlichen Umwelt (Klima, Wasser, Luft), in einem künstlichen (Technik, Wissenschaften) und übersinnlich-spirituellen Umfeld (Religion, Glauben). Aus dieser Sicht erscheint es hilfreich, die Stillsche Triunity durch die Hinzunahme des Umfelds (Umwelt und soziale Interaktionen) mindestens zu einer Quadriunity oder Vier-Einheit umzustrukturieren bzw. zu erweitern.
Leider wird es nicht möglich sein, in einem Buch alle denkbaren Wechselwirkungen zwischen den verschiedenen Elementen zu Triunitybesprechen, sondern es können immer nur Quadriunitystellvertretend kleinere Beispiele herangezogen werden. So gesehen ist es Vier-Einheit:(Körper-Seele-Geist-Umfeld)natürlich notwendig, sich die Frage zu stellen, was denn eigentlich eine osteopathische Läsion ist und wie man eine osteopathische Diagnose stellen bzw. interpretieren soll. Wir haben das bereits in Verbindung mit der magischen Suche nach der Ursache (Kap. 2.3) angesprochen und als dringend notwendige Ergänzung zur Terminologie der osteopathische Läsionosteopathischen Läsion und osteopathischen Diagnose den Begriff osteopathische Strategie vorgeschlagen.
osteopathische DiagnoseErinnert sei auch daran, dass für die inhärente Kommunikation der Zellen im Matrixnetz eines Individuums nicht nur chemische Signalstoffe (z. B. Zytokine, Neurotransmitter), sondern auch mechanische (über kollagene und fasziale Verbindungen) und elektrischeosteopathische Strategie Impulse (über Nerven), elektrochemische ZellkommunikationSignale (über Neurotransmitter und Synapsen) und elektromagnetische Matrixnetz:Kommunikation von ZellenSchwingungen (über Ionenladungen des Matrixnetzes und der Flüssigkeiten) zur Verfügung stehen. Dabei spielen die Flüssigkeiten und die Faszien mit den darin enthaltenen Signalen eine äußerst wichtige Rolle (Meert 2007).
Die Durchlässigkeit der Matrix – für das Fließen der chemischen Signalstoffe, der mechanischen, elektrischen und elektromagnetischen Impulse, der elektromagnetischen Schwingungen sowie für die Nährstoffe und Abfallstoffe – ist für das Leben unerlässlich. Durch dieses Matrixnetz wandern außerdem die Leukozyten (Abwehrzellen) zu denMatrix:Durchlässigkeit Stellen, wo sie gebraucht werden. Das ganze Bindegewebsnetz sollte dementsprechend als dynamisch betrachtet werden. Diese Dynamik kann man als Sprache der lebenden Matrix verstehen (Kap. 2.3.2)! Als funktionelle Einheit oder zweckdienliches Substrat des Matrixnetzes kann man das Matrisom oder die Mikrovakuole angeben.
Bewegung sorgt in einem lebendigen Matrixnetz einerseits für die mechanische Umwälzung der Flüssigkeiten, deren Strömungsrichtung durch die Vasomotorik (Matrixnetz:DynamikGeweberhythmus), die Venenklappen und die Matrixnetz:SpracheLymphgefäßklappen bestimmt wird,Matrisom und andererseits für elektromagnetische Felder, die durch Matrixnetz:BewegungKompression bzw. Dehnung (piezoelektrische und Matrixnetz:FlüssigkeitenStrömungspotenziale) entstehen (Oschman 2000). Es soll hier betont werden, dass sowohl das Fließen der Körperflüssigkeiten, derGeweberhythmus:Vasomotorik humoralen Faktoren, der Energie, der Emotionen und der Gedanken als auch die elektrochemischen und elektromagnetischen elektromagnetische FelderFelder eine Sprache für aktive Fließen:von KörperflüssigkeitenZellen Fließen:von Energiebilden, beispielsweise für Leukozyten, die Zytokine freisetzenFließen:von Emotionen, oder für Bindegewebszellen, die Kollagen synthetisieren Fließen:von Gedankenoder resorbieren und damit das Körpergewebe funktionell formen und umformen!
Für die Kommunikation des Individuums im sozialen Netzwerk unserer Gesellschaft und der Sprache:der ZellenFamilie sind unter anderem die Sprache, die Ethik, die Kunst, die Fähigkeit zu lieben und Respekt zu empfinden, die Gelassenheit, emotionale und soziale Kompetenz extrem wichtig.
Also Kommunikationmüssen auch die Emotionen, die Gedanken, die Kommunikation:soziales Netzwerkzwischenmenschliche Kommunikation frei fließen, um Gesundheit proklamieren zu können (Abb. 2.10).
Barrieren können demzufolge chemischer, mechanischer, emotionaler, sprachlicher, elektrischer, elektromagnetischer, sozialer, zwischenmenschlicher, subjektiver Art sein. Dies setzt beim Arzt/Therapeuten ein großes Kommunikation:zwischenmenschlicheEinfühlungsvermögen und einen ausgeprägten Spürsinn und Fernblick voraus. Darüber hinaus besteht die Gefahr, eine ganzheitlich-integrative Betrachtungsweise mit einer perfekten, einmaligen, einzig-wahren oder mit einer ganzkörperlichen Sicht- bzw. Behandlungsweise zu verwechseln.
Ich möchte Therapeuten:Einfühlungsvermögendeswegen für eine gewisse Demut sowohl der Ganzheitlichkeit als auch der Individualität des Patienten (und des Therapeuten) gegenüber Betrachtungsweise:ganzheitlich-integrativeplädieren und mich damit Goethes Suche nach einem Gewahrwerden der Idee der Wirklichkeit anschließen!

Osteopathische Strategie

Bei komplexen Problemfällen sollten Ganzheitlichkeitinterdisziplinäre Gespräche in Zukunft unbedingt im Mittelpunkt stehen und hoffentlich dazuIndividualität:des Patienten beitragen, das Kompetenzgerangel einzudämmen. Kein normal denkender Mensch wird ernsthaft bestreiten wollen, dass die Abwehr einer Notlage in Form der Notfallmedizin Vorrang hat. Über osteopathische Strategiedie zweite Frontlinie wird (oder sollte) in der Regel der Patient entscheiden, indem er seine(n) Ansprechpartner – Hausarzt, Psychologe, Zahnarzt, Heilpraktiker, Physiotherapeut, Osteopath – wählt. Wichtig hierbei ist vor allem, die eigenen Grenzen (des Arztes/Therapeuten) zu erkennen. Deswegen sind Kenntnisse der Differenzialdiagnosen, gesunder Menschenverstand (in Bezug auf sich selbst und den Patienten) sowie eine integrative Sichtweise der Einheit von Körper-Geist-Seele-Umfeld äußerst wichtig.
Aristoteles hatte bereits darauf hingewiesen, dass der wahre Arzt auch Philosoph sein müsse. Heine betont, dass die Kräfte und Möglichkeiten eines Menschen wissenschaftlich nicht präzisierbar sind. Was gesunder Menschenverstand ist, entziehe sich der Vier-Einheit von Körper-Geist-Seele-Umfeld:integrative Sichtweiseklassischen zweiwertigen Logik, führe aber auf das Prinzip der Mitte zu (Heine 1997).
Es wäre wünschenswert, Patienten nicht in gleicher, reproduzierbarer Weise, sondern entsprechend der Anamnese – unter Berücksichtigung von individuellen Verhaltensweisen, des momentanen Gesundheitszustands, des Temperaments, der Bereitschaft, des seelisch-emotionalen Zustands, der geistig-Patienten:individuelle Behandlungkognitiven Fähigkeiten, des sozialen Umfelds usw. – individuell verschieden zu behandeln.
Seit der deutschen Romantik haben Anamnese:individuelle Behandlungsich immer wieder etliche Philosophen und Wissenschaftler kritisch gegenüber der Industrialisierung, Mechanisierung und Fragmentierung des Menschen (Trennung der Seele vom Körper) geäußert. Der österreichische Philosoph Christian von Ehrenfels (1859–1932) wies zu Recht darauf hin, dass wir nicht die atomistischen Teilchen (und auch nicht die quantenmechanischen Wellen) wahrnehmen, aus denen wir bestehen, sondern ihre Beziehung zueinander in dem strukturierten Ganzen, das er als Gestalt definierte. Als Beispiel führte er an, dass eine andere Mischung der Töne einer Melodie oder eine andere Tonart eine völlig andere Melodie ergibt. Damit deutete er, dass eine Melodie (und in vergleichbarer Weise auch der Mensch) mehr ist als nur die Summe der einzelnen Töne. Die Unterschiede des Ganzen gegenüber seinen einzelnen Teilen nannte er Gestaltqualitäten. Gewähren wir jedem Patienten bitte eine individuelle Mischung seiner Töne und schieben wir ihm nicht die langweilige Melodie eines standardisierten Schemas unter!
Grönemeyer gibt an, dass er in der heutigen Medizin eine medizinische Gesamttheorie, eine medizinische Anthropologie vermisse. Diese medizinische GestaltqualitätenAnthropologie solle eine ganzheitliche Medizintheorie entwickeln, die Erkenntnisse und das medizinische Wissen aller Kulturen mit einschließt und neben naturwissenschaftlichen Erkenntnissen über die Organe und den Organismus auch Anthropologie:medizinischeErkenntnisse der Psychologie, Psychiatrie und Evolutionsbiologie über die geistige Entwicklung des Menschen beinhaltet. Auch Medizintheorie:ganzheitlichephilosophische Aspekte sowie die historische, kulturelle und medizinische Geschichte des Individuums sollten dabei berücksichtigt werden (Grönemeyer 2003). Es kommt laut Grönemeyer auch in der High-Tech-Medizin auf die geistig-emotionale Haltung, die Empathie für das Leiden des anderen Menschen an.

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