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B978-3-437-22532-1.00114-2

10.1016/B978-3-437-22532-1.00114-2

978-3-437-22532-1

Abb. 114.1

[L217]

Differenzialdiagnose bei umschriebener Alopezie.Alopezieumschriebene

Abb. 114.2

[L217]

Differenzialdiagnose bei diffuser Alopezie.Alopeziediffuse

Spezielle Untersuchungsmethoden bei AlopezieAlopezieDiagnostik

Tab. 114.1
Indikation Methode
Pilzbefall Kalilaugenpräparat
Strukturdefekt des Haarschafts Haarmikroskopie
anagenes oder telogenes Effluvium? Trichogramm
Alopecia areata, androgenetische Alopezie, Pilzbefall, vernarbende Alopezie Auflichtmikroskopie
progressive, vernarbende Alopezie Biopsie der Kopfhaut
Intoxikation Schwermetallgehalt der Haare

Alopezie

Bernhard Korge

Symptombeschreibung

Unter AlopezieAlopezie versteht man partielle oder vollständige Haarlosigkeit, die entweder diffus auftritt, d. h. alle behaarten Regionen gleichermaßen betrifft, oder auf umschriebene Stellen lokalisiert bleibt (Abb. 114.1 und Abb. 114.2). Das Ausfallen der Haare bezeichnet man als Effluvium. Alopezie kann als eigenständige Erkrankung Ausdruck einer primären Störung des haarbildenden Apparates sein oder als Folge einer Dermatose der Kopfhaut auftreten. Der Haarfollikel reagiert jedoch auch sehr empfindlich auf vegetative Störungen verschiedener Ätiologie, sodass insbesondere die generalisierte Alopezie häufig ein unspezifisches Symptom einer systemischen Erkrankung ist.

Rationelle Diagnostik

Anamnese

Die Familienanamnese kann bei den relativ seltenen angeborenen Störungen der Haarstruktur bedeutsam sein. Besonders bei Alopezien im Säuglingsalter ist die Geburtsanamnese (Trauma?) relevant. Bei der Eigenanamnese sind besonders wichtig: Angaben über das erstmalige Auftreten der Alopezie und über ihren zeitlichen Verlauf; Vorerkrankungen, insbesondere auch Episoden mit hohem Fieber im Rahmen von Infekten; Einnahme von Medikamenten und die Möglichkeit einer Intoxikation; Traumen aller Art im Kopfbereich; bisherige neurologische und psychische Entwicklung. Bei Kindern und Jugendlichen sind die Frisiergewohnheiten (Pferdeschwanz, Zopf, Dauerwelle, Färben, heiße Kämme, exzessives Kämmen) zu erfragen. Außerdem ist in Erfahrung zu bringen, ob Geschwister oder andere Kinder im Umfeld des Patienten ebenfalls an einer Alopezie erkrankt sind.

Körperliche Untersuchung

Zur Beurteilung einer Alopezie ist vor allem eine genaue Inspektion wichtig: Ist der Haarschwund generalisiert oder umschrieben, fehlen die Haare völlig oder teilweise, sind sie abgebrochen? Ist die Kopfhaut entzündet (Erythem, Schuppung, Bläschen, Pusteln), vernarbt oder finden sich andere Hautveränderungen?
Da die Alopezie Ausdruck einer systemischen Beeinträchtigung oder Teil eines Syndroms sein kann, ist eine vollständige körperliche Untersuchung einschließlich neurologischem Status notwendig. Bei der Suche nach assoziierten Fehlbildungen ist besonderes Augenmerk auf Nägel, Zähne und Skelett zu legen.

Klinisch-chemische Untersuchungsmethoden

Zur Abklärung der Alopezie als isolierte Erkrankung sind klinisch-chemische Untersuchungen meist nicht sinnvoll. Bei Verdacht auf Systemerkrankungen, Endokrinopathie oder Intoxikationen sind entsprechende Untersuchungen durchzuführen.

Andere Untersuchungsmethoden

Pilzbefall der Kopfhaut (zwischen 3 und 10 Jahren die häufigste Form der lokalisierten Alopezie) kann durch Kalilaugenpräparation infizierter Haare direkt nachgewiesen werden. Strukturdefekte des Haarschafts können mikroskopisch differenziert werden. Ein Trichogramm (Haarwurzelstatus) kann in unklaren Fällen generalisierter Alopezie zur Differenzierung zwischen anagenem Effluvium (Ausfall von Haaren in der Wachstumsphase, z. B. bei toxischer Alopezie) und telogenem Effluvium (Ausfall in der Ruhephase, z. B. nach hohem Fieber) beitragen. Bei progressiver vernarbender Alopezie ist häufig eine Biopsie der Kopfhaut zur genauen Diagnosestellung notwendig (Tab. 114.1). Mittels Auflichtmikroskopie kann heute bereits klinisch die Einordnung in vernarbene Alopezie, Alopecia areata, Tinea capitis und androgenetische Alopezie recht zuverlässig erfolgen.

Besondere Hinweise

Die differenzialdiagnostischen Tabellen berücksichtigen Zustände, in denen die Alopezie eine eigenständige Erkrankung darstellt oder ein wegweisendes Syndrom sein kann. Die Alopezie tritt außerdem im Rahmen einer Vielzahl von Syndromen auf, die nicht aufgeführt werden, wenn die Haarlosigkeit ein klinisch im Hintergrund stehender Nebenbefund ist.

Differenzialdiagnostische Tabellen

Differenzialdiagnose der umschriebenen AlopezieAlopezieumschriebene

Tab. 114.2
Charakterisierung des Hauptsymptoms weiterführende Nebenbefunde Verdachtsdiagnosen Bestätigung der Diagnose
lokalisierte Alopezie mit unauffälliger Kopfhaut okzipital, bei Säugling bis 5. Monat „Säuglingsglatze“ (mechanische Alopezie) Verlauf
vollständiger Haarverlust, oft Tüpfelung der Nägel im Karomuster, nach dem Säuglingsalter Alopecia areata („Pelade“) am Rand der Läsion: unter Lupenvergrößerung Haare in Form eines Ausrufezeichens, Kolbenhaare
bizarre Kahlstellen (oft Streifen im Bereich des Scheitels oder parietal), anamnestisch häufiges Rupfen an den Haaren Trichotillomanie nie vollständiger Haarverlust, Haarstümpfe unterschiedlicher Länge
Frisur mit straffem Zug auf Haarschaft (z. B. Pferdeschwanz) Traktionsalopezie Besserung nach Änderung der Frisur
lokalisierte Alopezie bei Fehlanlagen oder Dysplasien der Kopfhaut u. U. typischer Hautbefund Nävi (Hämangiome, epidermale Nävi, Pigment-und Bindegewebsnävi), hamartomatöse Fehlbildung bei Unklarheit Hautbiopsie
lokalisierte Alopezie bei entzündlichen Veränderungen der Kopfhaut (Erythem, Schuppung, Bläschen, Pusteln) Haare abgebrochen, ohne Glanz Tinea capitis Kalilaugenpräparat infizierter Haare positiv
bakterielle Follikulitis Kalilaugenpräparat negativ, Keimnachweis im bakteriologischen Abstrich
lokalisierte Alopezie bei Vernarbung der Kopfhaut Trauma der Kopfhaut (thermisch, stumpf, Säure, Laugen, Strahlen) traumatische Vernarbung der Kopfhaut Anamnese
bei Geburt ausgestanzte Ulzera im Bereich der Kopfhaut Aplasia cutis congenita Verlauf, bei Unklarheit Hautbiopsie
Kopfhautveränderungen: Blasen, Papeln, Pigmentation Incontinentia pigmenti Hautbiopsie
progressiv chronische Entzündung: nichtinfektiös (Lupus erythematodes, Folliculitis decalvans) oder infektiös (Lues, Stadium III, Lepra, Tuberkulose) Hautbiopsie, Serologie der jeweiligen Grunderkrankung
nach unbehandelter Tinea capitis Kerion Anamnese, Pilznachweis

Differenzialdiagnose der diffusen AlopezieAlopeziediffuse

Tab. 114.3
Charakterisierung des Hauptsymptoms weiterführende Nebenbefunde Verdachtsdiagnosen Bestätigung der Diagnose
generalisierte Alopezie, Haare brechen ab, „wachsen nicht“ Familienanamnese; Manifestation im 2. bis 3. Lebensmonat Monilethrix Mikroskopie: spindelförmige Verdickungen des Haarschafts
Manifestation im 2. bis 3. Lebensjahr, u. U. Zeichen einer assoziierten Multisystemerkrankung Pili torti Mikroskopie: Verdrehung des Haars um die Längsachse
Anamnese: häufiges Bleichen, Dauerwellen, exzessives Kämmen Trichorrhexis nodosa Mikroskopie: „Form ineinandergeschobener Pinselborsten“
generalisierte Alopezie, Haarausfall diffuser Haarausfall (< 50 %) drei bis fünf Monate nach schwerer systemischer Belastung (hohes Fieber, Operation, schwere Erkrankung, psychisch) telogenes Effluvium Verlauf; selten Trichogramm der Kopfhaare nötig
diffuser Haarausfall (bis 90 %) mehrere Tage bis Wochen nach systemischer Intoxikation bzw. Chemotherapie, andere Medikamente (Antikoagulanzien, Valproat) toxische Alopezie wenn anamnestisch unklar: Trichogramm (anagenes Effluvium); Fahndung nach Blei, Arsen, Thallium, Quecksilber
reduzierter Allgemeinzustand; zusätzliche Zeichen der jeweiligen Grunderkrankung schwere systemische Störung: Marasmus, chronische Malabsorption, Eisen-, Zinkmangel, Mangel an essenziellen Fettsäuren, Nieren-, Leberinsuffizienz, Endokrinopathie Diagnostik entsprechend Grunderkrankung
Gesichtsanomalien; Fehlbildungen der Nägel, Zähne, Schweißdrüsen ektodermale Dysplasie-Syndrome Störungen kongenital, mindestens zwei Gewebe ektodermalen Ursprungs betroffen

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