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B978-3-437-22532-1.00080-X

10.1016/B978-3-437-22532-1.00080-X

978-3-437-22532-1

Abb. 80.1

[L106]

Algorithmus zur Differenzialdiagnostik von Anämien.AnämieAlgorithmus z. Differenzialdiagnostik

1 Bei Neugeborenen sind die Werte für MCV physiologischerweise hoch, bei Patienten mit Retikulozytose über 5 % besteht eine scheinbare makrozytäre Anämie. Gegebenenfalls muss der Algorithmus über normales MCV weiterverfolgt werden.

2 Zeichen der Hämolyse sind: indirekte Hyperbilirubinämie, erniedrigtes Haptoglobin, erhöhte LDH, evtl. erhöhte GOT (ASAT). Cave: Bei Akute-Phase-Reaktion (erhöhtes CRP) kann die Haptoglobinkonzentration trotz milder Hämolyse normal sein. Bei Neugeborenen und jungen Säuglingen bis etwa 6 Monate ist die Haptoglobinkonzentration nicht verwertbar.

3 Bei Akute-Phase-Reaktion kann trotz normaler/erhöhter Ferritinkonzentration ein Eisenmangel vorliegen.

4 Kennzeichen der Thalassämie ist die ineffektive Erythropoese, erkennbar an der inadäquat erhöhten Retikulozytenzahl. Eine leichte Hämolyse ist meist dabei, erklärt aber nur die Anämie bei der Sichelzell-β-Thalassämie und Pyropoikilozytose.

5 Die Hämolysezeichen können während der aplastischen Krise fehlen.

6 In seltenen Fällen kann der direkte Coombs-Test (DCT) mit den herkömmlichen Seren negativ sein. Cave: Die Kombination von Coombs-Positivität und genetisch bedingter hämolytischer Anämie ist nicht so selten (z. T. auf vorhergehende Transfusionen zurückzuführen).

7 Die Sichelzellerkrankung ist bei Schwarzafrikanern infolge der häufigen Koinzidenz mit α+-Thalassämie-Anlage oft mikrozytär. Eine Makrozytose kann unter der Behandlung mit Hydroxycarbamid auftreten.

8 Die Diamond-Blackfan-Anämie ist trotz ihrer leichten Makrozytose die wichtigste Differenzialdiagnose der transitorischen Erythroblastopenie.

9 Die Hämoglobinkonzentration liegt fast immer über 10 g/dl.

Das rote Blutbild und diagnostische Kriterien im Serum in Abhängigkeit vom Alter. Die Werte wurden größtenteils aus Angaben im Schrifttum gemittelt. Sie stellen (mit Ausnahme der Normgrenzen) Mittelwerte dar. Die Erythrozytenverteilungsbreite (RDW)Erythrozytenverteilungsbreite (RDW) gibt hier die 97,5. Perzentile der Normalwerte bei Jungen an. Diese unterscheidet sich nur geringfügig von den Werten der Mädchen. Allerdings leiden Mädchen und Frauen im Normalkollektiv häufiger unter Eisenmangel. Dies kann im Vergleich zu etwas höheren RDW im weiblichen Normalkollektiv führen.

Tab. 80.1
Alter bis 3. Tag 7 Tage 2 Wochen 1 Monat 2 Monat 3–6 Monate 0,5–2 Jahre 6 Jahre 12 Jahre
Hämoglobin (g/dl) Mittel 18,8 17,5 16,5 14,1 11,1 11,8 12,1 12,8 13,3
untere Norm 14,5 13,5 12,5 10,0 9,0 9,5 10,5 11,5 11,5
Erythrozyten (1012/l) 5,2 4,9 4,9 4,1 3,6 4,1 4,6 4,6 4,6
Hämatokrit (%) 60,3 55,0 51,0 43,3 33,5 35,5 36,6 37,7 40,0
MCV (fl) Mittel 114,8 111,3 105,0 104,1 96,0 85,9 77,9 80,7 84,0
untere Norm 95,0 88,0 86,0 85,0 77,0 74,0 70,0 75,0 77,0
RDW (%) obere Norm 18,9 18,8 18,6 18,1 17,3 15,7 15,3 14,3 14,0
MCH (pg) 35,8 34,3 34,0 32,0 30,6 28,5 26,3 27,0 28,0
Retikulozyten (‰) 34,5 5,0 5,0 5,5 16,0 12,0 9,5 10,0 10,0
Ferritin (µg/l) 189,5 279,0 350,0 180,0 101,5 28,0 23,0 25,0

Anämien als Teilsymptom von SyndromenShwachman-SyndromMorbus FarquharDyskeratosisOsteopetrosisPeutz-Jeghers-SyndromAnämieMorbus OslerKasabach-Merritt-SyndromAnämieFibrose, zystischeWaring-Blendor-SyndromMorbus WilsonFanconi-Anämie

Tab. 80.2
„Syndrom“ Zusatzbefunde hämatologische Zusatzsymptome
Anämien mit weiteren hämatologischen Symptomen
Shwachman-Syndrom Neutrozytopenie
Panmyelophthise (engl. aplastic anemia)
  • idiopathisch

  • sekundär (Medikamente, Toxine, Infektion [Hepatitis B])

Panzytopenie
Morbus Farquhar (familiäre hämophagozytische Lymphohistiozytose) Leukozytopenie
Infektion
Hämophagozytosesyndrome (CMV, HHV-6, EBV, bakteriell, Leishmania donovani etc.)
Leukozytopenie
Anämien und extrahämatologische Symptome
Osteopetrosis Optikusatrophie, Taubheit makrozytäre Anämie, Retikulozytose, Erythroblastose, myeloische Vorstufen im Blutausstrich
Dyskeratosis (kongenital) Nageldystrophie, Leukoplakie, retikuläre Hyperpigmentierung im Kopf-Hals-Bereich Entwicklung einer Panzytopenie (50 %)
Peutz-Jeghers-Syndrom periorale Pigmentierung intestinaler Blutverlust → Eisenmangel
Morbus Osler Teleangiektasien intestinaler Blutverlust → Eisenmangel
Kasabach-Merritt-Syndrom Riesenhämangiom Thrombozytopenie, hämolytische Anämie
zystische Fibrose Gedeihstörung, pulmonale Infekte Baustoffmangel für Erythropoese?
Waring-Blendor-Syndrom künstliche Herzklappe, Patch-Anlage mechanische Hämolyse
Morbus Wilson Leberinsuffizienz, Kayser-Fleischer-Kornealring Hämolyse
Fanconi-Anämie Hyperpigmentierung, Minderwuchs, Mikrozephalus, Mikrophthalmie, Daumenaplasie Panzytopenie

Differenzialdiagnose der AnämieAnämieb. Neugeborenen bei Neugeborenen

Tab. 80.3
Blutverlust
  • Placenta praevia

  • vorzeitige Plazentalösung

  • feto-fetale Transfusion

  • feto-maternale Transfusion

  • Blutungsneigung (Vitamin-K-Mangel)

verminderte Erythrozytenbildung
  • Diamond-Blackfan-Anämie

  • kongenitale Leukämie

  • transientes myeloproliferatives Syndrom bei Down-Syndrom

  • Osteopetrosis

Hämolyse
  • Defekte der Erythrozyten

    • Membranopathien (z. B. hereditäre Sphärozytose)

    • Enzymopathien (Glucose-6-phosphat-Dehydrogenase-Mangel, Pyruvatkinasemangel)

    • Hämoglobinopathien (α-Thalassämie oder Störung der γ-Ketten-Produktion [keine β-Thalassämie])

  • extraerythrozytäre Störungen

    • immunologisch (AB0-, Rhesus- und weitere Blutgruppenunverträglichkeiten)

    • Infektionen (intrauterin, bakteriell)

    • disseminierte intravasale Gerinnung

  • passager: hereditäre Pyknozytose, Heinz-Körper-Anämie1

1

 Heinz-Körper werden nur in der Methylenblau- und in Retikulozytenfärbungen sichtbar.

AnämieEisenmangel-Stadien des Eisenmangels. Die Bestimmung des Serumferritins und der Transferrinsättigung sind die beiden wichtigsten Bestimmungsmethoden bei der Frage des Eisenmangels bzw. der Eisenüberladung. Die Bestimmung des Serumeisens hingegen ist wenig hilfreich, da dieser Wert nicht nur beim Eisenmangel vermindert ist, sondern auch bei Infektion und Entzündung. (Beachte außerdem die Tagesschwankung des Serumeisens [hoch am Nachmittag] und die Erhöhung des Transferrins durch orale Kontrazeptiva.) Der lösliche Transferrinrezeptor (sTFR) unterscheidet zwischen Eisenmangel (Konzentration erhöht) und Anämie chronischer Entzündungen.

Tab. 80.4
prälatent latent manifest
Hämoglobin n n
Erythrozytenzahl n
MCV n n
RDW n
Serumeisen n
Ferritin n
Transferrin n
Transferrinsättigung* n
löslicher Transferrinrezeptor (sTFR)

n = normal

↓ = vermindert

↑ = erhöht

*

Normal > 10 % für Kinder oberhalb des 1. Lebensjahres; bei Erwachsenen gilt als unterer Grenzwert 15 %; im Neugeborenen- und Säuglingsalter liegen die Werte deutlich höher.

Differenzialdiagnostik der MakrohämoglobinurieMakrohämoglobinurieAnämieisoimmunhämolytischeAnämieautoimmunhämolytische (AIHA)

Tab. 80.5
Anämieform Vorkommen Nachweis
isoimmunhämolytische Anämie Transfusionsreaktionen indirekter Coombs-Test: AK-Suchtest
Morbus Hämolyticus neonatorum
  • Rhesus-Erythroblastose

  • AB0-Erythroblastose

Mutter: indirekter Coombs-Test (AK-Suchtest) +
Fet: direkter Coombs-Test +
autoimmunhämolytische Anämie (AIHA)
Wärmeantikörper (IgG)
  • idiopathisch

  • sekundär bei

    • NHL

    • SLE

    • Viren

    • Medikamenten

direkter Coombs-Test +
Kälteantikörper (IgM)
  • Z. n. Infekt (EBV, Röteln)

  • idipatisch

  • sekundär bei B-Zell-Lymphomen

bithermische Hämolysine (AIHA vom Donath-Landsteiner-Typ, Synonym: paroxysmale Kältehämoglobinurie) häufigste AIHA im Kindesalter
  • meist nach akuter Virusinfektion

  • Bindung bei Kälte, dann Hämolyse bei Körpertemperatur

G6PD-Mangel Hämolysen durch:
  • Infekte (häufigster Auslöser!)

  • Methylenblau

  • Nitrofurantoin

  • Phenazopyridine

  • Primaquin

  • Dapsone

  • Rasburicase

  • Toluidinblau

  • Favabohnen (bei mediterraner und chinesischer Mutation)

Verminderte G6PD-Aktivität der Erythrozyten
Genetik (s. Anhang)

Anämie

Stefan Eber

Manfred Gahr

Definition und Symptombeschreibung

AnämienAnämie sind Zustände von unter die Altersnorm verminderten Erythrozytenzahlen und/oder Hämoglobinkonzentrationen im Blut. Eine Anämie wird angenommen bei Werten, die niedriger als 2 Standardabweichungen unterhalb des altersnormalen Mittelwerts liegen. Diese Werte sind sehr different für die einzelnen Altersgruppen (Tab. 80.1).

Die Kenntnis der Altersabhängigkeit der Parameter des roten Systems ist die Voraussetzung für das Erkennen einer Anämie und für ihre Klassifikation.

Der Polyglobulie des Neugeborenen folgt die Trimenonreduktion und erst nach dem 6. Lebensmonat kommt es zu einem deutlichen Wiederanstieg von Erythrozytenzahlen und Hämoglobinkonzentrationen. Das mittlere Erythrozytenvolumen (MCV) und das mittlere zelluläre Hämoglobin (MCH) durchlaufen einen ähnlichen Wandel.
Eine nach obiger Definition normale Hämoglobinkonzentration kann aber zu niedrig sein, um bei z. B. kardiopulmonalen Erkrankungen die Sauerstoffversorgung des Gewebes zu gewährleisten.
Auch direkt nach einem Blutverlust werden normale Hämoglobinkonzentrationen und Erythrozytenzahlen (Konzentrationen!) gemessen, obwohl absolut gesehen ein Mangel an Hämoglobin und Erythrozyten vorliegt.
Die typischen klinischen Befunde einer Anämie sind Blässe und Schwäche; (Skleren-)Ikterus, (Hepato-)Splenomegalie, Atemnot und Herzinsuffizienz können vorkommen.
Anämien können durch reduzierte Bildung, durch vermehrten Untergang oder Verlust von Erythrozyten und/oder Erythroblasten entstehen. In der Praxis werden die Anämien am einfachsten nach dem Erythrozytenvolumen (normo-, mikro- und makrozytär) eingeteilt (Abb. 80.1). Dieser Algorithmus berücksichtigt auch die Retikulozytenzahl als Maß der erythropoetischen Regeneration. Er trägt damit neben der Zellgröße auch der unterschiedlichen Pathogenese der Anämien Rechnung (verminderte Erythrozytenproduktion, Hämolyse, Blutverlust). Zur verminderten Erythrozytenproduktion kann das Fehlen von Baustoffen (z. B. Eisen, Folsäure, Vitamin B12, Vitamin C, Proteinmangel) sowie Hypothyreose und zystische Fibrose beitragen.
Eine Anämie kann auch als Teilsymptom eines Syndroms auftreten (Tab. 80.2).

Rationelle Diagnostik

Anamnese

Symptome
Zu erfragen ist, ob die Kinder ständig blass und/oder gelb ausgesehen haben, ob es zu krisenhaften Verschlechterungen kam und ob schon Bluttransfusionen verabreicht wurden. Hämolytische und aplastische Krisen gehen oft mit unklaren abdominalen Symptomen einher. Man muss erfragen, ob dabei rot verfärbter Urin beobachtet und ob die Verschlechterung des Zustands nach Einnahme von Medikamenten eintrat. Sichelzellpatienten leiden an schweren krisenhaften Schmerzattacken. Nach Gallensteinen, Milzvergrößerungen oder Splenektomien in der Familie muss ebenfalls gefragt werden.
Bei familiär gehäuftem Auftreten von Anämien müssen die Formen der Vererbung ergründet werden. Eine X-chromosomale Vererbung kann auf Glucose-6-phosphat-Dehydrogenase-Mangel hindeuten.
Ein autosomal-dominanter Erbgang ist typisch für die meisten Formen der hereditären Sphärozytose. Erythrozytenenzymdefekte (z. B. Pyruvatkinasemangel), die meisten Hämoglobinopathien (Hämoglobin S) und die Thalassämien werden autosomal-rezessiv vererbt.
Ethnische Besonderheiten
Ethnische Besonderheiten müssen ebenfalls beachtet werden. Bei nordeuropäischer Herkunft sind hereditäre Sphärozytose und Pyruvatkinasemangel häufig, während im Mittelmeerraum die Thalassämie und der Glucose-6-phosphat-Dehydrogenase-Mangel dominieren. Afrikanische Herkunft spricht für Hämoglobin S, Glucose-6-phosphat-Dehydrogenase-Mangel, Hämoglobin C und Hämoglobin D. α-Thalassämie und Hämoglobin E treten bevorzugt in der südostasiatischen Bevölkerung auf.
Manifestationsalter
Das Manifestationsalter kann ein wichtiger differenzialdiagnostischer Hinweis sein.
  • Anämien bei Neugeborenen (Tab. 80.3) ohne verstärkten Ikterus müssen an Blutverlust denken lassen, z. B. durch Blutungen aus der Nabelschnur oder feto-maternale bzw. feto-fetale Transfusionen. Dies sind die häufigsten Anämieformen in dieser Altersgruppe. Bei den hämolytischen Zuständen stehen solche durch mütterliche Antikörper im Vordergrund. Aber auch hämolytische Anämien durch Membrananomalien (Sphärozytose) sowie angeborene Enzymdefekte können in der Neonatalperiode zu Transfusionensbedürftigkeit führen. Selten sind kongenitale dyserythropoetische Anämien (CDA)Anämiekongenitale dyserythropoetische (CDA) Ursache einer schweren Anämie bei Neugeborenen und Säuglingen. Mikrozytäre Anämien sind in dieser Lebensphase selten. Die Synthese der β-Globin-Ketten ist noch reduziert. Mit den klinischen Erscheinungen einer β-Thalassämie muss erst ab dem 6. Monat gerechnet werden. Nur α-Thalassämien und seltene Störungen der γ-Ketten-Synthese verursachen schon bei Neugeborenen Anämien. Sehr selten manifestieren sich schon im Neugeborenenalter aregeneratorische Anämien, wie z. B. die Diamond-Blackfan-AnämieAnämieDiamond-Blackfan-. Auch isoimmunhämolytische Anämien können mit einer Retikulozytopenie einhergehen und somit wie eine aregeneratorische Anämie aussehen.

  • In der frühen Säuglingsperiode sind nutritive Eisenmangelanämien nicht zu erwarten, können aber in der 2. Hälfte des 1. Lebensjahres durch fehlende Nahrungszufuhr (kein Fleisch) auftreten. Bei ehemals zu früh geborenen Säuglingen kommt es wegen der geringeren pränatal angelegten Eisendepots und des stärkeren Wachstums früher zu Zeichen einer EisenmangelanämieAnämieEisenmangel- (Tab. 80.4). Solche typischerweise hypochromen mikrozytären Eisenmangelanämien können auch durch enteralen Blutverlust bei Kuhmilchunverträglichkeit ebenso auch ohne stärkere Enteritis auftreten. Vitamin-B12-Mangelzustände (z. B. durch mütterlichen Vitamin-B12-Mangel und vorwiegendes Stillen) oder angeborene Transcobalamin-Stoffwechseldefekte können auch im frühen Säuglingsalter zu makrozytären Anämien sowie zu irreparablen neurologischen Schäden führen. Allerdings sind makrozytäre Anämien durch bloße Malabsorption des Säuglings in dieser Altersstufe sehr selten, weil die Reserven für Folsäure wenigstens 3, die für Vitamin B12 mindestens 6 Monate ausreichen. In dieser Säuglingsphase kommen vorwiegend Kinder mit angeborenen Anämien zur Aufnahme. Auch autoimmunhämolytische Anämien können schwere Ausmaße erreichen.

  • In der späteren Säuglings- und Kleinkinderperiode dominieren die Mangelanämien durch ungenügende Eisenprophylaxe bei Frühgeborenen, durch alimentären Eisenmangel (kein Fleisch), durch nutritiven Mangel (z. B. vegane Ernährung) sowie Resorptionsstörungen für Vitamin B12 und Folsäure. Wenn auch selten, sollte in dieser Altersperiode ebenfalls an Leukämien und die transiente Erythroblastopenie gedacht werden.

  • Bei Adoleszenten beachte man, dass die i. v. Applikation von Marihuana und das Schnüffeln von Klebstoffen hämolytische Anämien auslösen können. Eisenmangelanämien kommen bei Mädchen in der Adoleszenz nicht selten vor.

Körperliche Untersuchung

Eine Tachykardie kann ein wichtiges Symptom einer akuten behandlungsbedürftigen Anämie sein. Im Gegensatz zur akuten Anämie kann bei der chronischen Anämie sowohl die Herzfrequenz normal als auch die Belastbarkeit nur gering eingeschränkt sein. Kinder mit zyanotischen Vitien werden schon bei leichtem Hb-Abfall symptomatisch. Wichtig ist die Erfassung der Milzgröße. Die Milz wird bei hämolytischen Anämien, aber auch bei Sichelzellkrankheit bei Kleinkindern und Thalassämien vergrößert gefunden. Ein Hyperspleniesyndrom kann seinerseits mit einer Anämie, meist zusammen mit einer Neutrozytopenie und einer Thrombozytopenie, einhergehen.
Ein Ikterus lässt an hämolytische Anämien denken, selten ist der Ikterus aber auch klinisches Zeichen einer Hepatitis, die selbst zu einer aplastischen Anämie führt. Einen Sklerenikterus kann man ab einem Serumbilirubinwert von 2 mg/dl, einen Hautikterus ab 3 mg/dl beobachten.
Petechien erkennt man bei Leukämien, autoimmunhämolytischen Anämien mit Thrombozytopenie (Evans-Syndrom), hämolytisch-urämischem Syndrom und Knochenmarkaplasie.
Mundwinkelrhagaden und Nagelanomalien können auf Eisenmangel hinweisen.
Auftreibungen von Schädelknochen finden sich bei schweren hämolytischen Anämien und bei Thalassämien. Bei Sichelzellkrankheit und Hämoglobin C können Ulzera an den Beinen auftreten.

Labordiagnostik

Man bestimmt Erythrozytenzahl, Hämatokrit und den Hämoglobinspiegel. Aus dem Verhältnis dieser Parameter werden die folgenden Erythrozytenindizes errechnet:mittleres korpuskuläres Volumen (MCV)mittlerer korpuskulärer Hämoglobingehalt (MCH)mittlere korpuskuläre Hämoglobinkonzentration (MCHC)
Automatische Zählgeräte drucken Volumenverteilungskurven aus und den Verteilungsindex der Erythrozyten (RDW)Verteilungsindex der Erythrozyten (RDW) als Maß für die Kurvenbreite und somit für die Anisozytose. Nach dem Kriterium MCV lassen sich makro-, normo- und mikrozytäre Anämien unterscheiden (Abb. 80.1), nach dem MCH hyper-, normo- und hypochrome Anämieformen. Diese Kriterien müssen nicht immer gleichsinnig verändert sein, wenn auch die meisten mikrozytären Anämien hypochrom sind.
Die RetikulozytenzahlRetikulozytenzahl ist ein Maß für die Regeneration der Erythrozyten. Man erkennt und zählt sie in frischem Blut nach Supravitalfärbung der Substantia granulofilamentosa mit Brillantkresylblau. Verbreiteter ist allerdings die durchflusszytometrische Messung nach Anfärbung z. B. der RNA. Routinemäßig wird die Retikulozytenzahl in % oder ‰ der gesamten Erythrozytenzahl angegeben. Bei einigen Patienten mit Anämie scheint mit dieser prozentualen Betrachtung die Retikulozytenzahl erhöht zu sein, obwohl sie in absoluten Zahlen (z. B. 40.000/µl bzw. mm3) vermindert und damit insuffizient ist, die Anämie zu korrigieren. Daher ist es sinnvoll, die Retikulozytenzahl entweder in absoluten Werten (pro µl bzw. mm3) anzugeben oder den Retikulozytenproduktionsindex zu ermitteln. Er berücksichtigt die Tatsache, dass die Reifungszeiten im Knochenmark vom Hämatokrit des peripheren Blutes abhängt. Bei niedrigem Hämatokrit verschiebt sich der Reifungsort der Retikulozyten vom Knochenmark in das periphere Blut. Die normale Reifungszeit peripher beträgt 1 Tag. Bei einem Hämatokrit von 15 % beträgt die Reifungszeit im Blut ca. 3 Tage. Die Formel für den Retikulozytenproduktionsindex (RPI)Retikulozytenproduktionsindex (RPI) lautet:
Im Normalfall (keine Anämie) liegt der RPI bei 1. Liegt eine Anämie vor, sprechen Werte > 3 für eine gesteigerte Erythropoese, während bei Anämien Werte < 2 für eine erythropoetische Insuffizienz sprechen. Die Basisdiagnostik wird ergänzt durch die Bestimmung der Werte des Eisenstoffwechels (Ferritin, Transferrin, sTFR), die Konzentration des indirekten Bilirubins und bei Verdacht auf Hämolyse durch den Coombs-Test.

Morphologische Kriterien

Blutausstrich
Zur Anämiediagnostik gehört immer die Bewertung der Erythrozytenmorphologie in nach Pappenheim gefärbten Blutausstrichen. Einige morphologische Anomalien sind in Abb. 80.2 (Farbtafel) zusammengestellt.
  • Bei Eisenmangel und Thalassämie finden sich sehr dünne Erythrozyten, sog. AnulozytenAnulozyt.

  • Die vielfach als charakteristisch für Thalassämien gehaltenen Target-Zellen gibt es auch bei vielen anderen Anämien, besonders bei hypochromen Anämien, insbesondere bei schweren Eisenmangelanämien, Lebererkrankungen, Gallenwegsverschlüssen, nach Splenektomien und bei Hämoglobinopathien.

  • SphärozytenSphärozyt sieht man außer bei der hereditären Sphärozytose bei AB0-Unverträglichkeit bei Neugeborenen, bei autoimmunhämolytischen und mikroangiopathischen Anämien.

  • FragmentozytenFragmentozyt (SchistozytenSchistozyt) kommen außer bei mikroangiopathischen Anämien bei disseminierten intravasalen Gerinnungsprozessen (DIC), beim hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS), bei Urämie, schweren hämolytischen Anämien, Klappenprothesen, Kardiomyopathien, Nierenvenenthrombosen und vielen anderen Zuständen vor.

  • ElliptozytenElliptozyt sollten nur in größeren Anteilen (25–90 % aller Erythrozyten) als pathologisch bewertet werden. Man sieht sie außer bei hereditären Elliptozytosen bei mikrozytärer familiärer Anämie, perniziöser Anämie, Leukämie und schweren bakteriellen Infektionen.

  • StomatozytenStomatozyt prägen das Bild bei der hereditären Stomatozytose, kommen aber auch bei Thalassämien, Bleivergiftung, unter Vincaalkaloiden und bei Leberleiden vor.

  • SichelzellenSichelzelle (DrepanozytenDrepanozyt) entstehen bei Sichelzellkrankheit, ein Anteil > 20 % Hämoglobin S vorausgesetzt.

  • AkanthozytenAkanthozyt, am meisten bekannt bei der Abetalipoproteinämie, aber auch bei DIC, Lebererkrankungen, Vitamin-E-Mangel, Hypothyreose und nach Splenektomien auftretend, müssen von Echinozyten unterschieden werden. Erstere besitzen nur bis zu 10 unregelmäßige Ausläufer, Letztere haben 10–30 gleich große Spiculae und weisen die typische Seeigelform auf.

  • EchinozytenEchinozyt sind meist Artefakte, werden aber auch bei Urämien, Dehydratation, Lebererkrankungen und Pyruvatkinasemangel angetroffen.

  • Basophile TüpfelungenTüpfelung, basophile stellen Präzipitate von RNA und Ribosomen dar und finden sich bei allen Anämien mit überstürzter Neubildung (hämolytische Anämien) und bei Bleivergiftung.

  • Howell-Jolly-KörperHowell-Jolly-Körper sind chromosomale Fragmente; ihr Auftreten spricht für anatomische oder funktionelle Asplenie.

  • Heinz-InnenkörperHeinz-Innenkörper sind nach Färbung mit Brillantkresylblau oder Methylviolett sichtbare Präzipitate, die typischerweise bei Glucose-6-phosphat-Dehydrogenase-Mangel und instabilen Hämoglobinen sowie bei Neugeborenen vorkommen.

Knochenmarkuntersuchungen
Bei vielen AnämienAnämieKnochenmarkuntersuchung sind KnochenmarkuntersuchungenKnochenmarkuntersuchung unverzichtbar. Bei aplastischen Anämien empfiehlt sich auch eine Knochenmarkbiopsie mit histologischer Diagnostik. Eine Knochenmarkspunktion (KMP)AnämieKnochenmarkpunktion (KMP) zur Diagnostik eines Eisenmangels ist obsolet. Allerdings kann eine Eisenfärbung des Knochemarks zur Diagnostik der Myelodysplasie oder einer sideroblastären Anämie indiziert sein (Nachweis von Ringsideroblasten).

Besondere Hinweise

Die wichtigsten Kriterien für die Klassifizierung der Anämie sind das Erythrozytenvolumen, die Retikulozytenzahl (ergänzt durch den RPI) und das Serumferritin (ggf. noch weitere Parameter des Eisenstoffwechsels). Alle bisher besprochenen Kriterien sind vieldeutig und niemals für eine Anämieform beweisend. Aber in ihrer Kombination gestatten sie zumindest eine Verdachtsdiagnose (Abb. 80.1 und Tab. 80.4), wenn auch zur Diagnosesicherung meist noch spezielle diagnostische Methoden erforderlich sind.

Patienten mit schweren Anämien (Hb < 4–5 g/dl) müssen unabhängig von der Pathogenese sofort transfundiert werden. Darüber hinaus sollte eine sorgfältige Artdiagnose der Anämie gestellt werden, bevor eine Substitution (z. B. mit Eisen oder Vitamin B12) erfolgt. Die Therapieergebnisse können zur Bestätigung der Diagnose dienen.

Vor einer Transfusion bei unklarer Anämie muss eine Blutprobe für die spezielle Erythrozytendiagnostik asserviert werden. In einigen Fällen (z. B. bei Kleinkindern im Alter von 6 Monaten bis 3 Jahren mit typischer alimentärer Eisenmangelanamnese oder scheinbar normozytärer Anämie bei kombiniertem Eisen- und Vitamin-B12-Mangel) kann eine probatorische Eisen- oder Vitamin-B12 Gabe gerechtfertigt sein. Zur Kontrolle des Effekts bestimmt man nach 1–2 (dann alle 6–12) Wochen die Parameter des roten Systems einschließlich der Retikulozytenquote. Nach oralen Folsäuregaben bei nutritivem Mangel stellt sich eine Retikulozytose nach 2–4 Tagen ein. Nach Gabe von Vitamin B12 verschwinden die megaloblastischen Veränderungen im Knochenmark bereits nach 48 Stunden. Der Serumeisenspiegel fällt um 50 % innerhalb von 24 Stunden. Die Retikulozytose ist nach 5–10 Tagen ausgeprägt. Bei schwerer Eisenmangelanämie ist ein Retikulozytenanstieg 72 Stunden nach Zufuhr von Eisen zu erwarten. Die Hämoglobinkonzentration steigt pro Woche um ca. 1 g/dl an. Vor Behandlungsbeginn sollte ein Eisenresorptionstest (3–5 mg Eisen 2++/kg KG oral) durchgeführt werden. Der Anstieg des Serumeisenspiegels auf das 2- bis 3-Fache nach 3–4 Stunden schließt eine Resorptionsstörung sicher aus.
Bei V. a. hämolytische AnämieAnämiehämolytische sollte das Programm immer um die sog. Hämolyseparameter erweitert werden. Dazu zählen eine erhöhte Laktatdehydrogenase und eine verminderte Haptoglobinkonzentration. Beide sind auch bei Hämolysen verändert, die überwiegend im RES ablaufen. Haptoglobin ist der feinste Parameter für eine einsetzende Hämolyse und daher schon bei geringster Hämolyse nicht mehr nachweisbar. Aus diesem Grund eignet sich Haptoglobin nicht zur Schwerediagnostik einer Hämolyse. Der Wert der Haptoglobinbestimmung ist begrenzt, da es schon bei Anstieg des Erythrozytenumsatzes auf das Doppelte der Norm nicht mehr nachweisbar ist, erst nach der 4. Lebenswoche überhaupt messbar wird und bei einem geringen Bevölkerungsanteil gänzlich fehlt. Eine Erhöhung der GOT (ASAT) bei normaler GPT (ALAT) wird bei starker Hämolyse gefunden. Der Nachweis freien Hämoglobins im Serum und Hämoglobinurien weisen auf intravasale Hämolysen hin, z. B. bei autoimmunhämolytischen Anämien, Transfusionsreaktionen und oxidanzieninduzierter Hämolyse bei Glucose-6-phosphat-Dehydrogenase-Mangel sowie auf eine nächtliche paroxysmale Hämoglobinurie. Hämoglobin im Serum ist weiterhin schwach erhöht bei Sichelzellkrankheit und Thalassaemia major. Eine Hämoglobinurie muss durch Zentrifugation des Urins von einer Hämaturie unterschieden werden.
Nach sehr großen Blutverlusten sind die Parameter des roten Blutbildes oft noch normal, bis der Verdünnungseffekt nach 6–12 Stunden eingetreten ist. In diesem Fall eignen sich die Vitalparameter (Herzfrequenz und Blutdruck) zur Einschätzung der Schwere des Blutverlustes.
Eine MakrohämoglobinurieMakrohämoglobinurie (Tab. 80.5) als Ausdruck einer schweren akuten intravasalen Hämolyse erfordert eine sofortige stationäre Einweisung zur Überwachung und ggf. Transfusion.
Typisch ist die Hämoglobinurie bei den akuten immunvermittelten Anämien. Bei jeder akut auftretenden Hämolyse muss eine iso- oder autoimmunhämolytische Anämie (AIHA) in Betracht gezogen werden, die mit einem positiven direkten Coombs-Test einhergeht. Morphologisch kann hier der Nachweis von vermehrten Sphärozyten eine hereditäre Sphärozytose vortäuschen. Bei der Rhesus-Unverträglichkeit oder AB0-Erythroblastose des Neugeborenen können antierythrozytäre Isoimmunantikörper nachgewiesen werden. Die paroxysmale Kältehämoglobinurie (AIHA vom Typ Donath-Landsteiner) ist die vermutlich häufigste AIHA im Kindesalter und durch eine akute Hämolyse nach Kälteexposition und viraler Infektion gekennzeichnet. Beweisend ist ein (C3d-)positiver direkter Coombs-Test und ein positiver Donath-Landsteiner-Test. Die selteneren AIHA mit Kälteagglutininen (vor allem Mykoplasmen- und EBV-Infektionen) oder vom Wärme-Typ können Ausdruck einer infektiologischen, immunologischen oder onkologischen Grunderkrankung sein und bedürfen einer weitergehenden Diagnostik. Bei allen breit reagierenden Antikörpern kann die hämolytische Aktivität durch eine Transfusion verstärkt werden. Auf ein engmaschiges Monitoring der Vitalparameter, des Hb-Verlaufs, eine möglichst passende Spenderauswahl sowie eine begleitende höherdosierte Prednisolongabe, ggf. in Verbindung mit Immunglobulinen sollte geachtet werden. Die klinische Symptomatik bei den AIHA hängt von der Geschwindigkeit des Hb-Abfalls ab. Zur Beurteilung, ob ein Patient mit Hämolyse akut gefährdet ist, kann im Kindesalter die Urinuntersuchung beitragen: Bei Urobilinogenurie oder gar Hämoglobinurie ist in der Regel eine sofortige stationäre Einweisung erforderlich.
Sonderform der akuten Hämolyse: Eine Hämolyse bei mikroangiopathischen Erkrankungen (HUS, thrombotisch-thrombozytopenische Purpura) oder im Rahmen einer disseminierten intravasalen Gerinnung (Sepsis, Verbrennung, Kasabach-Merritt-Syndrom) geht meist mit einer Thrombozytopenie und krankheitsspezifischen Symptomen einher. Bei schweren Formen ist in der Regel eine stationäre Abklärung notwendig.
Wir danken Frau cand. med. Alexandra Wagner für umfangreiche redaktionelle Hilfe bei der Neufassung des Kapitels.

Differenzialdiagnostische Tabellen

Verdachtsdiagnosen – Differenzialdiagnose der Anämien durch Störungen der Hämatopoese Anämiedurch Störungen der Hämatopoese

Tab. 80.6
Charakterisierung des Hauptsymptoms weiterführende Nebenbefunde Manifestationsalter, Vererbungsmodus) Verdachtsdiagnosen Bestätigung der Diagnose
normochrome hyporegeneratorische Anämie Nierenerkrankungen renale Anämie durch den klinischen Verlauf, Erythropoetin ↓
bekannte oder unbekannte hämolytische Anämie, Bilirubin=/↑, Serumeisen ↑, aber Retikulozyten ↓ völliges Fehlen der Erythropoese in Markausstrichen, gelegentlich Verminderung von Thrombozyten oder Granulozyten, klinisch Fieber, Anorexie, Erbrechen, Bauch- und Kopfschmerzen. Klassisch: Kontakt zu Ringelröteln, aber kein Ausschlag aplastische Krise bei verschieden-artigen hämolytischen Anämien durch den Verlauf, spontane Behebung nach 1–2 Wochen mit starkem Anstieg der Retikulozyten, meist durch Parvovirus-B19-Infektion ausgelöst, serologischer Nachweis!
normochrome Anämie mit Bilirubin im Normbereich, Serumeisen ↑und Retikulozyten ↓ Manifestation 2.–3. Lebensjahr, nach Virusinfekten, im Mark weitgehendes Fehlen der Erythropoese (KMP selten erforderlich, nur bei fehlender erythropoetischer Regeneration), Granulozyten peripher leicht vermindert transitorische Erythroblastopenie (akute Erythroblastophthise) spontane und vollständige Reparation nach Tagen oder Wochen mit ↑ MCV und Hämoglobin F
makrozytäre Anämie mit Bilirubin im Normbereich, Serumeisen ↑ und Retikulozyten ↓ autosomal-dominant oder -rezessiv vererbt, Manifestation im 1. Lebensjahr, erhöhtes Hämoglobin F, selten assoziierte kongenitale Defekte: Mikro- oder Makrozephalie, Katarakt, Daumenanomalien u. a., Minderwuchs (50 %), leichte Neutropenie, Thrombozyten oft ↑, Ausschluss kongenitaler Parvovirus-B19-Infekt kongenitale aplastische Anämie (Morbus Diamond-Blackfan) Markpunktat: keine oder wenige Erythroblasten (keine Riesenerythroblasen wie bei Parvovirus B19), Spontanremissionen spät und selten, bei einem Teil der Patienten Remission unter Prednisolon, Genetik: Ribosomale Mutation (v. A. RPS19)
normo- oder makrozytäre Anämie mit Ikterus und ineffektiver Erythropoese (Retikulozyten selten > 5 %, RPI ↓), indirektes Bilirubin ↑, LDH ↑ Splenomegalie und Gallensteine, KMP: erythroide Hyperplasie dyserythropoetische Anämien (≥ 4 Typen) Markbefund: megaloblastär und/oder Vielkernigkeit der Erythroblasten, Chromatinbrücken (Typ I) SDS Polyacrylamid-Gelelektrophorese der Erythrozytenmembran (SDS-Page)
Panzytopenie autosomal-rezessiv vererbt, von Geburt an bei 50 % der Patienten Anomalien (Hyperpigmentation, Skelett- und Nierenfehlbildungen, Anomalien des ZNS), im Verlauf Entwicklung einer Panzytopenie, meist mit Thrombozytopenie beginnend, anfangs sogar erythroblastäre Hyperplasie mit megaloblastärer Entartung; hohes Malignomrisiko Fanconi-Anämie Markpunktion und -biopsie: zellarmes Mark mit Hypoplasie aller Systeme, zytogenetische und molekulare Untersuchungen: Chromosomenbrüchigkeit, die unter Dioxybutan provoziert werden kann
Komplementationsgruppenbestimmung
metaphysäre Dysplasie, Zwergwuchs, Pankreasinsuffizienz, erhöhtes Leukämierisiko, V. a. Neutro- und Panzytopenie möglich Shwachman-Syndrom Knochenmark hypozellulär, normale Schweißelektrolyte, Pankreasfunktionsdiagnostik oder -biopsie (fettige Degeneration)
meist außer der Anämie auch die anderen Zellreihen betroffen, Klinik nach Ausmaß der Defekte: Blutungen, Infektneigung erworbene aplastische Anämie durch Markpunktion oder noch besser durch -biopsie: „leeres Knochenmark“
Panzytopenie mit blastären Elementen im peripheren Blut Hepatosplenomegalie, Lymphknotenschwellungen, Klinik nach Ausmaß der Panzytopenie Leukämie Markpunktion: meist einförmiges Zellbild, Zytochemie, Immunphänotypisierung
anfangs normozytäre, später mikrozytäre Anämie chronische Infektionen „Infektanämie“ (Anemia of Chronic Disease) Serumeisenspiegel ↓, aber Serumferritin oft normal oder ↑; keine Besserung der Therapie unter Eisengaben, sTFR normal (zur DD Eisenmangelanämie)

Differenzialdiagnose der Anämien mit verminderter ErythrozytenproduktionAnämiem. verminderter Erythrozytenproduktion

Tab. 80.7
Charakterisie-rung des Hauptsymptoms weiterführende Nebenbefunde (Manifestationsalter, Vererbungsmodus) Verdachtsdiagnosen Bestätigung der Diagnose
mikrozytäre hypochrome Anämie, RDW ↑ Früh- und Mangelgeborene, chronischer Blutverlust, Malabsorptions- und Kurzdarmsyndrome, Lungenhämosiderose, Goodpasture-Syndrom Eisenmangelanämie
selten: Iron Resistant Iron Deficiency Anemia (IRIDA), eisenrefraktäre Eisenmangelanämie durch TMPRSS6-Mutation → verminderte orale Eisenabsorption
RDW ↑, Ferritin im Serum↓, Transferrinsättigung ↓, sTFR↑, Anstieg von Retikulozyten und Hb unter oraler Eisensubstitution (soweit indiziert)
mikrozytäre Anämie mit normalem oder erhöhtem Serumeisen und erhöhter Transferrinsättigung X-chromosomaler oder autosomal-rezessiver Erbgang, aber auch erworben durch Medikamente (Tuberkulostatika, alkylierende Substanzen), Rheumatoidarthritis, Urämie, maligne Prozesse, Hinweise auf chronische Bleiintoxikation, Myelodysplasien hereditäre oder sekundäre sideroblastische Anämie (sideroachrestische Anämie) ineffektive Erythropoese im Knochenmark mit Anzeichen der Eisenüberladung: bei Berliner-Blau-Färbung > 6 perinukleäre Granula in über 10 % der Erythroblasten, eine Form wird durch Gabe von Pyridoxin gebessert
makrozytäre Anämie mit megaloblastisch verändertem Knochenmark und Ikterus (eine KMP ist nicht mehr indiziert) erhöhte Eisen- und Laktatdehydrogenase-Werte im Serum infolge hoher Absterberaten von Erythroblasten und verkürzter Überlebenszeit von Megalozyten peripher, Neutrozytopenie mit übersegmentierten Granulozyten und Thrombozytopenie, bei schwerem Mangel: gastrointestinale und neurologische Symptome (cave: die Anämie folgt meist den neurologischen Symptomen), Prozesse oder Resektion im Dünndarmbereich, Therapie mit Folsäureantagonisten (z. B. Valproat) Vitamin-B12-Mangel (Vitamin B12 im Serum =/↓, Methylmalonsäure-Ausscheidung im Urin ↑)
echte juvenile Perniziosa, kongenitale perniziöse Anämie (selten), Imerslund-Gräsbeck-Syndrom (IGS)
Vitamin-B12-Malabsorption (Zöliakie, Kurzdarm, IGS)
Folatmangel, hereditäre Defekte Therapie mit Folsäureantagonisten
Methylmalonsäure-Ausscheidung im Urin und Blutspiegel ↑ (weniger geeignet: Vitamin-B12-Serumspiegel), Vitamin-B12-Substitution, Antikörpern gegen Magenzellen und Intrinsicfaktor, Intrinsicfaktor vermindert von Geburt an
bei Malabsorption i. m. Substitution, ggf. Therapie der Grunderkrankung
Folatserumspiegel, Bestimmung der Dihydrofolatreduktase, probatorische Substitution mit Folsäure

Differenzialdiagnose der hämolytischen Anämien Anämiehämolytische

Tab. 80.8
Charakterisierung des Hauptsymptoms weiterführende Nebenbefunde (Manifestationsalter, Vererbungsmodus) Verdachtsdiagnosen Bestätigung der Diagnose
hämolytische Anämie mit Bilirubin ↑, GOT ↑, Retikulozyten ↑ und weiteren Hämolyseparametern (LDH ↑, Haptoglobin ↓)
normozytär, aufgrund der Retikulozytose oft makrozytär
Morbus haemolyticus neonatorum (mit Sphärozyten bei AB0) AB0- oder Rh-Inkompatibilität bei AB0-Inkompatibilität auch ohne vorherige Immunisierung möglich, Rh-AK erst nach Immunisierung; positiver direkter Coombs-Test, Isoantikörper beim Kind können fehlen
Splenomegalie, evtl. Transfusionsbedürftigkeit in der Neugeborenenzeit, Familienanamnese oft positiv (autosomal-dominanter Erbgang) Sphärozyten im Ausstrich, Gallensteine hereditäre Sphärozytose osmotische Fragilität der Erythrozyten ↑, positiver Glycerollysetest (AGLT), EMA-Test pathologisch, optional Verminderungen der Membranproteine Spektrin, Ankyrin etc.
Splenomegalie, Ovalozyten (> 30 %), hereditär, selten klinische Symptomatik hereditäre Elliptozytose osmotische Fragilität =/↑, verringerte Hitzestabilität der Erythrozyten, Nachweis von Strukturanomalien des Spektrins oder des Bande-4.1-Proteins, klassische Morphologie und Vererbung
Hämolyseparameter positiv, makrozytäre Anämie, Stomatozyten im Ausstrich, Splenomegalie hereditäre Stomatozytose klassische Morphologie, intraerythrozytäre Na+- und K+-Kontzentration ↑, Xerozyten und Echinozyten im Ausstrich
hämolytische Anämie mit Bilirubin ↑, GOT ↑, Retikulozyten ↑ und weiteren Hämolyseparametern (LDH ↑, Haptoglobin ↓)
normozytär, aufgrund der Retikulozytose oft makrozytär
normozytäre, nichtsphärozytäre Anämie; meist autosomal-rezessiv vererbt, chronische Hämolyse Enzymopathien der Erythrozyten, v. A. Pyruvatkinase (PK)-mangel → Gallensteine, Splenomegalie quantitative Enzymbestimmungen (cave: PK-Restaktivität auf Retikulozytenzahl beziehen!)
normozytäre, nichtsphärozytäre Anämie, X-chromosomaler Erbgang, nur bei einigen Varianten chronische Hämolyse, sonst hämolytische Schübe nur nach Einnahme oxidativ wirksamer Medikamente (Malariamittel, Sulfonamide u. a.), bei Infektionen und postnatal, oft Favismus Glucose-6-phosphat-Dehydrogenase-Mangel Enzymbestimmungen, Varianten molekulargenetisch zu differenzieren
Photosensitivität der Haut Porphyrien und erythropoetische Protoporphyrie Porphyrinbestimmungen im Urin und Bestimmung des Protoporphyrins der Erythrozyten
normozytäre, nichtsphärozytäre Anämie, drastisch verstärkte Hämolyse nach Aufnahme von Oxidanzien und bei fieberhaften Infektionen, manchmal auch Polyglobulie mit Zyanose, Heinz-Innenkörper positiv, pathologische Befunde bei modifizierter Hämoglobinanalyse Hämoglobinopathie, instabile Varianten (kongenitale Heinz-Innenkörper-Anämie) Stabilität in vitro, molekulargenetischer Nachweis
Sichelzellen im Ausstrich, ab 3. Lebensmonat septische Gefährdung, Salmonellenosteomyelitis, Skelettveränderungen, Gallensteine, Autosplenektomie, Milzsequestration, Schmerzkrisen, chronisches Nierenversagen, vorwiegend bei Afrikanern (USA), Arabern und im Mittelmeerraum Sichelzellerkrankung Sichelungstest durch In-vitro-Löslichkeitstests, molekulargenetische Nachweise, Hb-Analyse
akuter und perakuter Beginn mit abdominaler Symptomatik und Blässe vor dem Ikterus, oft nach Virus- und Mykoplasmeninfektion, auch zugleich mit Immunthrombozytopenie (Evans-Syndrom) oder Neutrozytopenie, Livedo und Raynaud-Syndrom nach Kälteexposition, Sphärozyten und Fragmentozyten; Retikulozyten =/↓ autoimmunhämolytische Anämie Antikörpernachweis: direkter Coombs-Test für Wärmeantikörper, Donath-Landsteiner-Test für biphasische-bithermische Antikörper, Nachweis von Kälteantikörpern, osmotische Fragilität ↑ (patholog. AGLT), EMA normal
mikrozytäre Anämie mit oder ohne Ikterus und mit Target-Zellen Hepatosplenomegalie, Gallenkonkremente schon früh, Skelettanomalien und Kardiomegalie, mit oder ohne Familienanamnese (Heterozygote) Thalassämie-Syndrome Hämoglobinanalyse bei β-Thalassämien immer charakteristisch, bei α-Thalassämien (Hämoglobin Bart's postnatal oder Hämoglobine Constant Spring oder HbH) Genetik erforderlich, molekularbiologische Analysen, Beratung und ggf. Pränataldiagnostik
mikrozytäre Anämie mit Fragmentozyten und Sphärozyten, bei Riesenhämangiomen, DIC, HUS, Vaskulitis, Abstoßung von Transplantaten, oft kombiniert mit Thrombozytopenie, in der Schwangerschaft: HELLP mikroangiopathische hämolytische Anämien aus klinischer Konstellation und Verlauf, nach Gerinnungsbefunden, Nachweis der Fragmentozyten und von Hämolyseparametern, HUS: Krea ↑, TTP: ADAMTS-13-Aktivität ↓

Anhang: Molekulargenetik bei hämatologischen Erkrankungen

In besonderen Fällen kann eine molekulargenetische Testung zur genauen Artdiagnose beitragen.

Molekulargenetik bei hämatologischen ErkrankungenGlucose-6-phosphat-Dehydrogenase-Mangel (G6PD)Pyruvatkinase-Mangel (PK)Sichelzellerkrankungα-Thalassämieβ-Thalassämie

Tab. 80.9
Erkrankung Genlokus Gen Vererbung
Enzymopathien
Glucose-6-phosphat-Dehydrogenase-Mangel (G6PD) Xq28 G6PD X-chromosomal-rezessiv
Pyruvatkinase-Mangel (PK) 1q22 PKLR autosomal-rezessiv
Hämoglobinopathien/Thalassämien
Sichelzellerkrankung 11p15.4 HBB autosomal-rezessiv
α-Thalassämie 16p13.3 HBA1, HBA2 v. A. autosomal-rezessiv
β-Thalassäime 11p15.4 HBB v. A. autosomal-rezessiv
Membranopathien
Sphärozytose
Typ I (Ankyrin)
Typ II (β-Spektrin)
Typ III (α-Spektrin)
Typ IV (Bande-3-Protein)
Typ V (Protein 4.2)
8p11.21
14q23.3
1q23.1
17q21.31
15q15.2
ANK1
SPTB
SPTA1
SLC4A1
EPB42
autosomal-dominant
autosomal-dominant
autosomal-rezessiv
autosomal-dominant
autosomal-rezessiv
angeborene Knochenmarkserkrankungen
CDA I
a
b
15q15.2
15q14
CDAN1
C15orf41
autosomal-rezessiv
autosomal-rezessiv
CDA II 20p11.23 SEC23B autosomal-rezessiv
CDA III 15q21 sphäreoN3 autosomal-dominant

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