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B978-3-437-22532-1.00056-2

10.1016/B978-3-437-22532-1.00056-2

978-3-437-22532-1

Abb. 56.1

[L217]

Differenzialdiagnose des akuten Abdomens.Abdomen, akutes

Akute Bauchschmerzen in Abhängigkeit vom LebensalterBauchschmerzakuterEinteilung n. Lebensalter

Tab. 56.1
Neugeborene
  • nekrotisierende Enterokolitis

  • spontane Magenperforation

  • Mekoniumileus

  • Dünndarmatresie

  • Dünndarmstenosen

  • M. Hirschsprung

  • Peritonitis nach Gastroschisis oder rupturierter Omphalozele

  • traumatische Perforation der Viszeralorgane bei schwieriger Geburt

Säuglinge und Kleinkinder < 2 Jahren
  • Säuglingskoliken (Dreimonatskoliken)

  • akute Gastroenteritis, meist viral

  • traumatische Verletzung von Viszeralorganen (Misshandlung)

  • Invagination

  • inkarzerierte Hernie

  • Volvulus bei Mal-/Nonrotation

Klein- und Schulkinder (2–12 Jahre)
  • akute Gastroenteritis, meist viral

  • Harnwegsinfektionen

  • Appendizitis

  • Trauma

  • Obstipation

  • Pneumonie

Jugendliche
  • akute Gastroenteritis

  • Harnwegsinfektionen

  • Appendizitis

  • Trauma

  • Obstipation

  • Pneumonie

  • Mittelschmerz

  • ektope Schwangerschaft

Differenzialdiagnose „chirurgisch“ bedingter Ursachen von akuten BauchschmerzenBauchschmerzakuterUrsachen

Tab. 56.2
Charakterisierung des Hauptsymptoms weiterführende Nebenbefunde Verdachtsdiagnosen Bestätigung der Diagnose
Schmerzen im rechten Unterbauch Douglas-Schiebeschmerz, Schmerzen beim Hüpfen, Erbrechen, Abwehrspannung im rechten Unterbauch oder diffus, Loslassschmerz Appendizitis Sonografie, Operation
s. o. plus septisches Fieber, fehlende Darmgeräusche, Kind will nur still liegen, CRP > 10 mg/dl, Leukozytose > 20000 perforierte Appendizitis freie Luft im Abdomen in der Röntgen-Abdomenaufnahme oder Sonografie, Operation
tastbare, schmerzhafte Walze im rechten Leistenkanal inkarzerierte Hernie rechts Sonografie, Leistenhernien-OP
tastbare Walze am rechten oder linken Oberschenkel unterhalb des Leistenbands inkarzerierte Schenkelhernie Sonografie, Operation
druckschmerzhafter rechter Hoden, vergrößert und verfärbt (blauschwarz) Hodentorsion rechts Sonografie mit Doppler, operative Freilegung des Hodens
Schmerzen im linken Unterbauch Druckschmerz tiefer, Palpation rechts oder links im Unterbauch Ovarialtorsion Sonografie
tastbare, schmerzhafte Walze im linken Leistenkanal inkarzerierte Hernie links Leistenhernien-OP
druckschmerzhafter linker Hoden, vergrößert und verfärbt (blauschwarz) Hodentorsion links Sonografie mit Doppler, operative Freilegung des Hodens
plötzliche kolikartige Bauchschmerzen aus voller Gesundheit stärkste Bauchschmerzen mit Kreislaufsymptomen: Blässe, schockartiger Zustand, Apathie, „Himbeergelee“ im Stuhl Invagination Sonografie
aufgetriebener Bauch, Erbrechen, fehlende Darmgeräusche, schockartiger Zustand Volvulus Röntgen-Abdomenübersichtsaufnahme im Stehen: Luftverteilung, Spiegel; Sonografie, Operation
Zunahme des Bauchumfangs Rötung des Abdomens, Entleerung von blutigem Stuhl nekrotisierende Enterokolitis Röntgen-Abdomen: freie Luft unter dem Zwerchfell, Pneumatosis intestinalis; Sonografie: Luft in der Pfortader

Differenzialdiagnose „medizinischer“ Ursachen von akuten BauchschmerzenBauchschmerzakuterUrsachen

Tab. 56.3
Charakterisierung des Hauptsymptoms weiterführende Nebenbefunde Verdachtsdiagnosen Bestätigung der Diagnose
akute diffuse Bauchschmerzen Erbrechen, wässriger Durchfall virale Gastroenteritis Verlauf, Nachweis des Antigens im Stuhl
Lymphknoten im Abdomen (Ultraschall) bakterielle Gastroenteritis (Yersinien) Nachweis des Antigens im Stuhl, positive Serologie
blutiger Durchfall, Leukozytose, Fieber oder Leukopenie mit Linksverschiebung bakterielle Gastroenteritis Nachweis des Antigens im Stuhl: Salmonellen, Shigellen, Campylobacter jejuni, Lamblien, Amöben
Erbrechen, Thrombopenie, Oligurie, Anämie, Gerinnungsstörung hämolytisch-urämisches Syndrom Verotoxin-Nachweis im Stuhl
Erbrechen, Kußmaul-Atmung, anamnestisch: Polyurie, Gewichtsverlust, Exsikkose, Dehydratation Ketoazidose bei Diabetes Glukosurie, Hyperglykämie, metabolische Azidose
Schmerzausstrahlung in den Rücken, schneidende Schmerzen, Druckschmerz über dem Nabel, Erbrechen, Übelkeit Pankreatitis Serum-Lipase und -Amylase erhöht
Husten, Fieber, Auskultation: Rasselgeräusche Pneumonie Röntgenaufnahme des Thorax
plötzliche Bauchschmerzen nach dem Essen Erbrechen, nach 12–24 h Durchfall Lebensmittelvergiftung Staphylokokken im Stuhl
Flankenschmerz (häufig fehlend) Fieber, Schmerzen beim Wasserlassen (häufig fehlend) Harnwegsinfektion, Pyelonephritis Urinstatus auffällig
kolikartige Bauchschmerzen Schmerzen in der Flanke Nierensteine, Harnleiterstein Makro-, Mikrohämaturie, Sono: Steinnachweis
Schmerzen im rechten Oberbauch, Ikterus, Erbrechen, Schmerzen in der rechten Schulter Gallenstein, Choledochusstein Sono: Steinnachweis
im Zusammenhang mit Menstruation, Schmerz im mittleren Unterbauch Dysmenorrhö zeitlicher Zusammenhang
Amenorrhö, Schmerzen im Unterbauch, vaginale Blutung ektope Schwangerschaft Schwangerschaftstest, Sonografie
Petechien und Suffusionen auf der Haut Purpura Schoenlein-Henoch Hämaturie, Blut im Stuhl, Sono: Blutungen in die Darmwand
Schmerzen nach dem Essen, anamnestisch verstopft Obstipation rektale Untersuchung, volle Ampulle mit hartem Stuhl
epigastrische Schmerzen Bluterbrechen Mallory-Weiss-Syndrom Blut im Erbrochenen
nach dem Essen Duodenalulkus Endoskopie
vor dem Essen; selten Hämatemesis Gastritis, Magenulkus HP-Antigen im Stuhl, Gastroskopie
Schmerzen im rechten Oberbauch Ikterus, Adynamie, Appetitlosigkeit Hepatitis erhöhte Leberenzyme: GOT, GPT, γ-GT; Hyperbilirubinämie
aufgetriebenes Abdomen, schwere diffuse Bauchschmerzen mit Abwehrspannung blutig-schleimige Stühle, Leukozytose mit Linksverschiebung toxisches Megakolon Rektoskopie, Sigmoidoskopie
dumpfe Bauchschmerzen Hepatosplenomegalie, Gelenkschwellungen, flüchtige Exantheme, Fieber Morbus Still Anamnese, Entzündungsparameter im Blut erhöht: BSG, CRP
periumbilikale Bauchschmerzen Übelkeit, Schmerzen nie in der Nacht, meist abhängig vom Tagesablauf, oft im Zusammenhang mit psychischen Belastungen (Schule, Elternhaus) Säuglingskoliken, Nabelkoliken keine

Differenzialdiagnose chronisch rezidivierender Bauchschmerzen im KindesalterBauchschmerzchronischer

Tab. 56.4
Charakterisierung des Hauptsymptoms weiterführende Nebenbefunde Verdachtsdiagnosen Bestätigung der Diagnose
epigastrische Schmerzen, Magenulkus HP-Antigen im Stuhl Helicobacter-pylori-Gastritis Gastroskopie
intermittierende heftige Koliken Ikterus Cholelithiasis gemischte Hyperbilirubinämie, Sonografie der Gallenblase
Morbus Gilbert-Meulengracht indirekte Hyperbilirubinämie
Erbrechen, Schock intermittierender Volvulus bei Malrotation Lage der Mesenterialgefäße im Ultraschall, obere Magen-Darm-Passage: Malrotation
postprandiale Schmerzen Obstipation rektale Untersuchung
Schmerzaustrahlung in den Rücken Pankreatitis Lipase im Serum erhöht, Nachweis von Unregelmäßigkeiten des Ductus wirsingianus bei der ERCP oder MRCP
Hämaturie Nierenstein(e) Ultraschall: Nachweis von Stein(en)
abhängig von der Periode Ovarialzyste Ultraschallnachweis der Ovarialzyste
Kopfschmerzen Migräne klinische Beurteilung, EEG
Koliken nach der Mahlzeit, Bauchschmerzen und Blut/Schleim im Stuhl zwischen 1. und 6. Lebensmonat Säuglingskoliken klinische Beurteilung
Marisken, Analfistel(n) Morbus Crohn Koloskopie
Gelenkschmerzen Colitis ulcerosa Koloskopie
Uveitis chronisch entzündliche Darmerkrankung Koloskopie
Flankenschmerzen Dysurie, Polyurie Pyelonephritis pathologischer Urinstatus, Harnwegsinfektion

Bauchschmerzen

Michael J. Lentze

Akute Bauchschmerzen

Symptombeschreibung

BauchschmerzenBauchschmerzakuter, die den Verdacht auf ein „akutes Abdomen“ lenken, erfordern unmittelbare ärztliche Diagnostik und Therapie. Die akut aufgetretene Schmerzsymptomatik führt zu einer schnellen Vorstellung des Kindes beim Arzt, der sich entscheiden muss, ob eine chirurgisch zu behandelnde Ursache vorliegt oder nicht. In den meisten Fällen liegt diese nicht zugrunde. In der Regel kann die genaue Ursache eines akuten Abdomens nicht sofort festgestellt werden. Daher ist es wichtig, eine Arbeitsdiagnose aufzustellen, die darüber entscheidet, ob der Chirurg hinzugezogen werden muss. Dies bedeutet für den untersuchenden Arzt, dass er herausfinden muss, ob es sich um „organische“ oder um „funktionelle“ Bauchschmerzen handelt?
Akute Bauchschmerzen treten diffus im Abdomen oder in spezifischen Regionen auf. Hier präsentieren sie sich entweder epigastrisch, periumbilikal, suprapubisch in der Mitte des Abdomens, in den Flanken oder im rechten Unterbauch.

Für die Unterscheidung, ob es sich um „organische“ oder „funktionelle“ Bauchschmerzen handelt, bewährt sich die Regel: Je weiter vom Nabel entfernt, desto häufiger handelt es sich um „organische“ Bauchschmerzen.

Der Schmerzcharakter – kolikartig, stechend, bohrend oder dumpf – kann erst von Schulkindern beschrieben werden. Bei der Schmerzintensität ist wichtig: Hält der Patient die Schmerzen gut aus oder krümmt er sich vor Schmerzen?
Der (zeitliche) Zusammenhang gibt Aufschluss über die Ursache:
  • Vor/nach dem Essen: gastroösophagealer Reflux mit Refluxösophagitis bzw. Ulcus duodeni (ventriculi) oder Obstipation

  • Vor/nach dem Stuhlgang: Obstipation, Kolitis

  • Beim Wasserlassen: Harnwegsinfektion, Appendizitis, Abszess im kleinen Becken

  • Beim Atmen: Pneumonie

  • Bei Bewegung: Appendizitis

Eine Aussage über die Ausstrahlung der Schmerzen in andere Körperregionen hilft, den Ausgangsort der Schmerzen zu lokalisieren:
  • Gallenkolik → in die rechte Schulter, meist unterhalb der rechten Scapula.

  • Pankreatitis → in den Rücken.

  • Nierenkolik → in die Hoden der betroffenen Seite; umgekehrt weisen Schmerzen im Hoden manchmal auf eine Appendizitis hin bzw. Schmerzen im rechten Unterbauch auf eine Hodentorsion.

Rationelle Diagnostik

Anamnese
Die Anamnese ist gerichtet auf zeitlich mit den aufgetretenen Bauchschmerzen im Zusammenhang stehende Traumata. Aber auch weiter zurückliegende Traumata sind wichtig, z. B. bei Pankreaspseudotumoren. Dazu ist die Frage nach assoziierten Symptomen notwendig: Fieber, Erbrechen, Durchfall und Schmerzen beim Wasserlassen, frühere Operationen sowie die Menstruation bei Mädchen. Treten die Schmerzen kolikartig auf, oder handelt es sich um Dauerschmerzen, welchen Schmerzcharakter haben sie, sind sie auszuhalten oder nicht?
Klinische Untersuchung
Die klinische Beurteilung muss entscheiden, ob der Allgemeinzustand des Patienten gut oder schlecht ist. Ein schmerzverzerrtes Gesicht, blasse Hautfarbe und Angst weisen auf eine ernstere Ursache hin.
Besonders im Zusammenhang mit akuten Bauchschmerzen sind bei einer kompletten körperlichen Untersuchung und neben der ausführlichen Untersuchung des Abdomens (einschließlich rektal-digitaler Untersuchung) grundsätzlich zu untersuchen: die Lungen, die Hoden, das Skrotum, Inguinalregion (direkte Leistenhernien) und die angrenzende Femoralregion (Schenkelhernien). Leber- und Milzgröße und ihre evtl. Druckschmerzhaftigkeit geben Hinweise auf ihre Beteiligung bei akuten Bauchschmerzen, z. B. bei Hepatitis, Cholezystitis, Cholelithiasis. Die rektal-digitale Untersuchung ist bei Unterbauchschmerzen obligatorisch. Eine Abwehrspannung ist ein sicheres Zeichen einer bereits vorhandenen Peritonitis. Sowohl Druckschmerz als auch Loslassschmerz und das Vorhandensein und die Qualität der Darmgeräusche müssen geprüft werden.

Hochgestellte Darmgeräusche weisen auf eine Obstruktion oder eine Hyperperistaltik bei Gastroenteritis hin. Fehlende Darmgeräusche sind pathognomonisch für einen paralytischen Ileus.

Die gründliche klinische Untersuchung bei akutem Abdomen gibt in der Regel bereits Aufschluss darüber, ob eine chirurgische Intervention sofort notwendig ist, oder sie weist auf ein weniger ernstes Leiden hin, bei dem abgewartet bzw. konservativ behandelt werden kann.
Einen Überblick zum differenzialdiagnostischen Vorgehen bei akutem Abdomen gibt Abb. 56.1.
Symptome und Zeichen der intestinalen ObstruktionObstruktion, intestinaleBauchschmerzakuterObstruktion, intestinale: Bei der Evaluation akuter Bauchschmerzen ist die Frage nach einer intestinalen Obstruktion von großer Bedeutung. Hier unterscheidet man die proximale von der distalen Obstruktion. Proximale Obstruktionen sind meist verbunden mit Erbrechen (oft gallig), aber nicht assoziiert mit aufgetriebenem Abdomen, diffusem Druckschmerz und hochgestellten Darmgeräuschen. Je nach Grad der Obstruktion treten die Bauchschmerzen kolikartig auf. Bei distalen Obstruktionen kommt es zu einem aufgetriebenen Abdomen mit diffusem Druckschmerz über dem Abdomen, hochgestellten Darmgeräuschen und Erbrechen mit zeitlichen Intervallen. Distale Obstruktionen im Ileum oder im Kolon führen bei längerem Vorhandensein zu fäkulentem Erbrechen (Miserere). Auch kommen leicht blutig tingierte Stuhlentleerungen vor („Himbeergelee“ bei Invagination).
Nachweisbare „Masse“ im Abdomen: Eine Masse im Abdomen kann entweder getastet werden oder wird bei der Sonografie sichtbar. Bei nachweisbarer Masse mit Entzündung und Druckschmerz (abdominal und/oder rektal) handelt es sich meist um Abszesse. Maligne Tumoren wie Wilms-Tumor oder Neuroblastom sind mit Ausnahme der akuten Blutung in den Tumor oder in das Retro-/Peritoneum nicht mit einem akuten Abdomen assoziiert. Klinisch wichtig ist der Nachweis von tastbaren Stuhlmassen in der Ampulla recti bei Obstipation.
Zeichen der PeritonitisPeritonitis: Bekannte Zeichen der Peritonitis sind die Abwehrspannung, der Loslassschmerz, der „harte“ Bauch, Abwesenheit von Darmgeräuschen, Douglas-Schiebeschmerz bei rektaler Palpation, Schmerzen im Abdomen beim Hüpfen auf einem Bein und Schmerzen im Abdomen beim Strecken eines Beines (Iliopsoasschmerz).
Bei einer entzündlichen Infiltration der internen Faszien über dem Musculus obturatorius internus kommt es zu Schmerzen im Unterbauch bei der Außenrotation des gebeugten Beines.
Klinisch-chemische Untersuchungen
Wichtige Blutuntersuchungen bei akuten Bauchschmerzen sind: rotes und weißes Blutbild, CRP, BSG und Urinstatus. Bei jugendlichen Mädchen nach der Menarche sind evtl. ein Schwangerschaftstest sowie eine Untersuchung auf sexuell übertragbare Krankheiten notwendig. Eine Leukozytose > 20.000 spricht für eine akute bakterielle Infektion. Ein CRP > 10 mg/dl bei Schmerzen im rechten Unterbauch lenkt den Verdacht auf eine perforierte Appendizitis. Eine normale Leukozytenzahl sowie ein pathologischer Urinbefund schließen wiederum eine akute Appendizitis nicht aus. Der schwer pathologische Urinstatus weist auf eine Pyelonephritis hin, schließt jedoch den perityphlitischen Abszess bei einer retrograd gelegenen Appendix nicht aus.
Technische Untersuchungen
Die Thoraxröntgenaufnahme ist indiziert bei Vorhandensein von Rasselgeräuschen und Bauchschmerzen.
Die Röntgenübersichtsaufnahme des Abdomens ist angezeigt bei V. a. eine Obstruktion im Gastrointestinaltrakt und dem Nachweis einer „Masse“ im Abdomen. Auffällige Luftverteilung und das Vorhandensein von Luft-Flüssigkeits-Spiegeln weisen auf einen Ileus hin. Bei V. a. eine Perforation ist die Röntgenaufnahme im Stehen bzw. die seitliche Aufnahme im Liegen erforderlich.
Die Ultraschalluntersuchung des Abdomens kann unmittelbar eine Invagination darstellen, die verdickten Darmwände aufzeigen, Lymphknoten im Abdomen nachweisen, den Konglomerattumor bei Appendizitis darstellen, freie Luft im Abdomen sowie eine Masse im Abdomen nachweisen. Sie bestätigt das Vorhandensein von Steinen im hepatobiliären System (Gallensteine, Choledochussteine) und in den Harnwegen (Nierensteine, Harnleitersteine, Blasensteine). Sie erkennt die Malrotation an der Position der Mesenterialvenen im Vergleich zur A. mesenterica superior.
Die Computertomografie bzw. ein MRT des Abdomens ist indiziert beim Nachweis von Massen im Abdomen.

Besondere Hinweise

Jedes Lebensalter hat bevorzugte Ursachen für akute Bauchschmerzen. Sie sind in Tab. 56.1 aufgeführt. Häufigste Ursache im Säuglingsalter sind neben den angeborenen Ursachen virale Erkrankungen wie die akute virale Gastroenteritis.

Chronische Bauchschmerzen

Symptombeschreibung

BauchschmerzchronischerChronisch rezidivierende Bauchschmerzen werden von etwa 15 % aller Kinder im Verlauf der ersten 7 Lebensjahre erlebt. Hierbei sind beide Geschlechter gleich häufig betroffen. Die von den Kindern immer geäußerten Beschwerden führen zu Besorgnis der Eltern und Verwandten, was dann zur Konsultation beim Arzt führt.

Bevor die Untersuchung des Patienten stattfindet, muss sich der Arzt bewusst sein, dass nur in 5 % eine organische Ursache gefunden wird. Dies ist insofern wichtig, als diese Patienten zu denjenigen gehören, die in der Regel zu viele und zu teure Untersuchungen erhalten mit einem für gewöhnlich unbefriedigenden Ergebnis.

Daher erscheint es notwendig, Handlungshilfen zu geben, wann weitergehende Untersuchungen erforderlich sind und wann nicht. Kinder mit chronisch rezidivierenden Bauchschmerzen kommen aus Familien, in denen auch andere funktionelle Beschwerden wie Migräne, Nervosität und Hypochondrie gehäuft vorkommen. Der immer wieder zitierte Satz „Je weiter vom Nabel entfernt, umso wahrscheinlicher sind organisch bedingte Bauchschmerzen“ ist richtig. Er unterstreicht die funktionellen Beschwerden um den Nabel herum ebenso wie die ernster zu nehmenden Schmerzen, die entfernt davon geäußert werden. Dementsprechend ist dann die Zurückhaltung gegenüber bzw. die Aktivität in Richtung Zusatzuntersuchungen.

Rationelle Diagnostik

Anamnese
Das zeitliche Auftreten der Schmerzen (tagsüber oder nachts, werktags oder an Wochenenden, während der Schulzeit oder in den Ferien) kann schon Hinweise darauf geben, ob es sich um „funktionelle“ oder „organische“ Schmerzen handelt. Assoziierte Symptome (Fieber, Durchfall, Verstopfung, Erbrechen, Ikterus) lassen erste Schlüsse auf das betroffene Organ zu. Dauer und Heftigkeit unterliegen der gleichen Einschätzung. Der Schmerzcharakter (kolikartig, Dauerschmerz, stechend, bohrend, dumpf) kann erst von älteren Kindern beschrieben werden.
Bei Verdacht auf nahrungsabhängige Beschwerden muss nach Nahrungsmitteln und Getränken gefragt werden. Stuhlgewohnheiten und -beschaffenheit (Frequenz, Form und Aussehen – Farbe, Vorhandensein von Blut, Schleim) können bei Säuglingen und Kleinkindern von den Eltern gut erfragt werden. Bei älteren Schulkindern und Jugendlichen ist dies schwierig, da sie nicht nachsehen.
Klinische Untersuchung
Die Beurteilung des Krankheitsgrades ist bei chronischen Bauchschmerzen besonders wichtig. Ein gesundes Kind mit Bauchweh ist sehr viel günstiger zu beurteilen als ein „krankes“ Kind mit Bauchschmerzen. Die vollständige klinische Untersuchung einschließlich der ausführlichen Untersuchung des Abdomens und der rektalen Austastung ist bei jedem Kind erforderlich:
  • Druckschmerz im Epigastrium weist auf eine Gastritis, Refluxösophagitis bzw. ein Ulkus des Magens hin.

  • Palpable Schmerzen zwischen Nabel und Epigastrium sind verdächtig auf eine Pankreatitis.

  • Schmerzen im rechten Oberbauch weisen auf eine hepatobiliäre Erkrankung im weitesten Sinne hin, insbesondere dann, wenn ein Ikterus vorhanden ist.

  • Druckschmerz im rechten Unterbauch mit tastbarer Walze lenkt den Verdacht auf einen Morbus Crohn.

  • Schmerzen im linken Unterbauch mit tastbarer Walze deuten auf eine Colitis ulcerosa.

  • Flankenschmerzen lenken die Aufmerksamkeit auf die Nieren.

  • Unergiebig und deshalb schwierig zu beurteilen sind die palpablen Schmerzen im Bereich des Nabels; sie lassen sich in der Regel nicht zuordnen.

Eine tastbare Masse im Abdomen bei chronischen Bauchschmerzen kann schmerzlos sein wie Skybala bei Obstipation oder schmerzhaft wie bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen. Tumoren wie das Neuroblastom oder der Wilms-Tumor verursachen in der Regel keine Bauchschmerzen, ebenso wenig die B-Zell-Lymphome im Abdomen.
Klinisch-chemische Untersuchungen
Wichtige Untersuchungen sind rotes und weißes Blutbild, Urinstatus und die Analyse auf Blut im Stuhl. Zusätzliche Untersuchungen sind nur sehr restriktiv zu handhaben.
Technische Untersuchungen
Eine Ultraschalluntersuchung bei periumbilikalen Schmerzen ist nicht indiziert. Sie ist insgesamt weniger anzuwenden als bei akuten Bauchschmerzen. Bei tastbaren Befunden wie Walze im rechten Unterbauch, tastbare und/oder schmerzhafte Masse im Abdomen ist sie sinnvoll, auch bei Nachweis von Blut im Stuhl. Verdickte Darmwände im rechten bzw. linken Unterbauch lenken den Verdacht auf eine chronisch entzündliche Darmerkrankung.
Eine Cholelithiasis oder Nephrolithiasis kann zwar schnell durch die Ultraschalluntersuchung nachgewiesen werden, verursacht jedoch kaum chronische Bauchschmerzen. Der nicht so seltene Befund von zufällig nachgewiesenen Gallensteinen durch die Ultraschalluntersuchung bei chronischen Bauchschmerzen sollte keine weiteren Untersuchungen nach sich ziehen, da die Konkremente nur selten als Ursache für die Beschwerden zu betrachten sind.
Epigastrische Schmerzen erfordern dann eine Endoskopie, wenn zusätzliche Hinweise auf eine Antrumgastritis bei Helicobacter-pylori-Infektion vorliegen, wie z. B. ein positiver HP-Antigennachweis im Stuhl. Eine Rektoskopie wird notwendig bei unklaren rektalen Blutverlusten. Bei Blut und Schleim im Stuhl ist zu einer Koloskopie zu raten.
Röntgenuntersuchungen sind bei chronischen Bauchschmerzen selten indiziert. Ausnahmen sind ein bereits koloskopisch nachgewiesener M. Crohn mit einer oberen Magen-Darm-Passage nach Sellinck und eine fraktionierte Magen-Darm-Passage. Ein MRT mit Kontrasmittel liefert in den meisten Fällen ebenfalls die Diagnose.
Ein Kolonkontrasteinlauf bei Verdacht auf Colitis ulcerosa ist heute nicht mehr indiziert. Hier ist die Koloskopie die Methode der Wahl.
Sind die Bauchschmerzen mit Blähungen und Durchfall kombiniert, können gezielte Zuckerbelastungtests durch den Nachweis erhöhter Wasserstoffabatmung nach Gabe des verdächtigen Zuckers die Ursache klären helfen (Laktoseintoleranz, Saccharoseintoleranz, Fruktosemalabsorption).

Differenzialdiagnostische Tabellen

In den differenzialdiagnostischen Tabellen zu akuten Bauchschmerzen (Tab. 56.2, Tab. 56.3) wird zwischen „medizinisch-konservativen“ Ursachen von Bauchschmerzen und „chirurgischen“ Ursachen unterschieden. Hierbei muss eine „chirurgische“ Ursache als allererstes bestätigt (oder ausgeschlossen) werden, da evtl. ein unmittelbares Eingreifen erforderlich ist. Für die chronischen Bauchschmerzen (Tab. 56.4) werden die vielfältigen Ursachen aufgeführt.

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