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B978-3-437-22532-1.00069-0

10.1016/B978-3-437-22532-1.00069-0

978-3-437-22532-1

Abb. 69.1

[L106]

Einteilung der Harninkontinenz im Kindes- und Jugendalter.EnuresisEinteilung

Richtwerte bei der Basisdiagnostik einer Harninkontinenz/EnuresisEnuresisBasisdiagnostikRichtwerte

Tab. 69.1
Befund Normalwerte
Miktionsfrequenz
  • vermindert: ≤ 3 oder weniger Miktionen/Tag

  • vermehrt: ≥ 8 oder mehr Miktionen/Tag

Restharn
(mehrfache Bestimmung bis 5 min nach Miktion erforderlich)
  • Kinder ≤ 6 Jahre: > 20 ml

  • Kinder ≥ 7 Jahre: > 10 ml

Blasenkapazität (in ml)
(zu erwartendes Miktionsvolumen)
[Alter des Kindes (J) + 1] × 30 (ml)
(anwendbar bis 12. Lebensjahr)
Range: 65–150 % des zu erwartenden Volumens
nächtliche Polyurie nächtliche Urinausscheidung > 130 % der für das Alter zu erwartenden Blasenkapazität
Blasenwanddicke
  • bei gefüllter Harnblase: < 3 mm

  • bei leerer Harnblase: < 5 mm

Rektumdurchmesser Hinweis für mögliche Obstipation bei Rektumdurchmesser mehr als 30 mm + Pelottierung der gefüllten Blase durch Stuhlmassen
Polyurie Urinmenge: > 4 ml/kg/h oder > 1200 ml/m2 KOF/Tag

Befunde, die eine erweiterte/spezielle Diagnostik erfordernEnuresisDiagnostik, urologischeSonografieEnuresisDiagnostik, urologischeUroflowmetrieEnuresisDiagnostik, urologischeklinische Aspekte

Tab. 69.2
Befunde
Ultraschall
  • Doppelniere mit Megaureter

  • verdickte Harnblasenwand

  • Pseudodivertikel

  • neurogene Blasenkonfiguration

  • verdickte Blasenwand mit Abflussstörungen aus dem oberen Harntrakt (Nierenbeckendilatation, Megaureter)

  • Restharn bei mehrfach wiederholter Untersuchung

Uroflowmetrie
  • Stakkatofluss

  • fraktionierter oder unterbrochener Fluss

  • Plateaufluss

→ mehrfache Untersuchung erforderlich
klinische Aspekte
  • Harninkontinenz und Pyelonephritiden

  • V. a. organische Harninkontinenz

  • Harn- und Stuhlinkontinenz (Bladder Bowel Dysfunction)

Enuresis und Harninkontinenz

Eberhard Kuwertz-Bröking

Einteilung und Terminologie

EnuresisMit dem Begriff „Harninkontinenz“ wird der unwillkürliche Urinverlust eines Kindes (Einnässen) bezeichnet. Harninkontinenz tritt im Wachzustand (meist am Tag) oder im Schlaf (meist in der Nacht, aber auch beim Mittagsschlaf) auf. Einnässen im Schlaf wird als Enuresis oder Enuresis nocturnaEnuresisnocturna, Einnässen im Wachzustand als Harninkontinenz am TagEnuresisHarninkontinenz a. Tag bezeichnet. Der Begriff „Enuresis diurna“ soll nicht mehr verwendet werden. Bis zum Alter von 60 Lebensmonaten ist Einnässen im Wachzustand und im Schlaf physiologisch und bedarf keiner Diagnostik oder Therapie.
Harninkontinenz wird eingeteilt in eine kontinuierliche und in eine intermittierende Form (Abb. 69.1). Während die kontinuierliche Harninkontinenz fast immer Folge einer organischen Erkrankung ist, liegt bei intermittierender Inkontinenz meist eine nichtorganische (funktionelle) HarninkontinenzEnuresisnichtorganische (funktionelle) vor. Sie ist definiert als unwillkürlicher Urinverlust nach Ausschluss struktureller Anomalien des Harntrakts, epileptischer Anfälle, neurologischer oder anderer nichtpsychiatrischer Erkrankungen. Primäre InkontinenzInkontinenzprimäre wird ein von frühester Kindheit an bestehendes Einnässen genannt, sekundäre InkontinenzInkontinenzsekundäre liegt vor, wenn das Kind mindestens 6 Monate lang stabil trocken war und dann wieder einnässt.
Einnässen in der Nacht bei normaler Blasenfunktion wird als monosymptomatische Enuresis (MEN) Enuresismonosymptomatische (MEN)bezeichnet. Kinder mit MEN sind tagsüber stabil trocken, zeigen keine Symptome einer Miktionsstörung und entleeren Urinmengen, die dem Alter angemessen sind. Finden sich Hinweise für eine funktionelle Blasenfunktionsstörung, liegt eine nicht monosymptomatische Enuresis (Non-MEN) Enuresisnicht monosymptomatische (Non-MEN)vor, auch dann, wenn tagsüber keine Inkontinenz besteht. Dies ist bei bis zu ⅓ der nachts einnässenden Kindern der Fall und wird häufig nicht beachtet. Somit lassen sich 4 Formen der Enuresis unterscheiden: MEN und Non-MEN (mit Blasendysfunktion), jeweils primär oder sekundär.
Häufige Formen einer funktionellen Blasenfunktionsstörung bei Harninkontinenz am Tag und bei Non-MEN sind die überaktive Blase („overactive bladder“, OAB), der Miktionsaufschub, die dyskoordinierte Miktion und (deutlich seltener) die unteraktive Blase. Andere Formen einer Harninkontinenz sind sehr selten: die LachinkontinenzLachinkontinenzInkontinenzLach- (Giggle-InkontinenzGiggle-InkontinenzInkontinenzGiggle-) und die BelastungsinkontinenzBelastungsinkontinenzInkontinenzBelastungs-.

Rationelle Diagnostik

Die Diagnostik soll gewährleisten, dass eine funktionelle Blasendysfunktion möglichst sicher von einer organisch bedingten Harninkontinenz abgegrenzt und die Form der Blasenfunktionsstörung eingegrenzt wird.
Folgende 5 Aspekte sollen im Rahmen der Diagnostik immer erfasst werden:
  • 1.

    Häufigkeit der Harninkontinenz am Tag/der Enuresis nocturna

  • 2.

    Imperativer Harndrang („urgency“)

  • 3.

    Miktionsfrequenz

  • 4.

    Miktionsvolumina

  • 5.

    Trinkmengen und Trinkverhalten

Basisdiagnostik

EnuresisBasisdiagnostikEine standardisierte Basisdiagnostik liefert alle wichtigen Informationen (Tab. 69.1). Dazu gehören:
  • Standardisierter Anamnesefragebogen über Enuresis/Harninkontinenz, Hinweise für Blasenfunktionsstörungen, bedeutsame Komorbiditäten, Screening für psychische Störungen und Symptome, bisherige Therapieversuche, Familienanamnese.

  • Trink- und Miktionsprotokoll über mindestens 2 (besser 3) Tage mit Erfassung der Miktions- und Trinkmengen (mit Zeitangaben), ggf. auch mit Messung der nächtlich ausgeschiedenen Urinmenge zur Diagnostik einer nächtlichen Polyurie.

  • 14-Tage-Protokoll: Dokumentation (Strichliste) von Harninkontinenz tagsüber und in der Nacht, Nykturie, Verwendung von Windeln, Häufigkeit der Darmentleerung, Stuhlschmieren oder Einkoten.

  • Anamnesegespräch: Auf der Basis der Protokolle wird ein Anamnesegespräch geführt mit Familien-, Schwangerschafts-, Geburts- und Entwicklungsanamnese, Hinweisen für Teilleistungs- oder Wahrnehmungsstörungen, Belastung durch die Enuresis/Harninkontinenz, Motivation zur aktiven Mitarbeit bei der Behandlung.

  • Körperliche Untersuchung: Wichtig ist die Inspektion der Wirbelsäule (Porus, Nävus, Schwellung) und eine Untersuchung des Genitales (Entzündung, Labiensynechie, Phimose, Epi- oder Hypospadie). Bei Untersuchung der unteren Extremitäten ist auf eine Längen- und/oder Umfangsdifferenz sowie auf trophische oder neurologische Störungen zu achten. Die Prüfung der Muskeleigenreflexe, von Zehen- und Hackengang, Einbeinstand und Einbeinhüpfen sind erforderlich.

  • EnuresisSonografieUltraschalluntersuchung: Bei allen Formen der Harninkontinenz ist eine Ultraschalluntersuchung von Nieren und ableitenden Harnwegen durchzuführen. Erfasst werden sollten Form und Lage beider Nieren, Hinweise für eine Doppelniere, Dilatation von Nierenbecken oder Harnleiter, Blasenwanddicke bei gefüllter und entleerter Harnblase. Außerdem sollte die Weite des Enddarms gemessen werden, um nach Hinweisen für eine mögliche Obstipation zu suchen.

  • Restharn nach Miktion: Wenn Restharn nachweisbar ist, sollte diese Untersuchung mehrfach wiederholt werden. Nur wiederholt nachgewiesener Restharn ist pathologisch.

  • EnuresisUrinuntersuchungUrinuntersuchung: Hierbei ist ein Streifentest (Mittelstrahlurin) meist ausreichend, bei pathologischem Urinstatus abhängig von der Symptomatik auch eine mikroskopische und bakteriologische Untersuchung.

Erweiterte urologische Diagnostik

EnuresisDiagnostik, urologischeBei Verdacht auf eine organische Grunderkrankung, bei wiederholt nachweisbarer Restharnbildung und bei sonografisch nachweisbaren Veränderungen von Nieren und Harntrakt wird vor invasiverer Diagnostik eine Uroflowmetrie evtl. in Kombination mit einem Beckenboden-EMG in einer für diese Fragestellung kompetenten Spezialambulanz empfohlen.

Spezielle urologische Diagnostik

EnuresisDiagnostik, urologischeInvasive urologische Untersuchungen (Miktionszystourethrografie, Zystomanometrie, Videourodynamik, Zystourethroskopie, MR-Urografie u. a.) sind zu diskutieren, wenn die Ultraschalluntersuchung von Nieren und Harnwegen, die mehrfach durchgeführte Restharnbestimmung und die Uroflowmetrie auffällige Befunde zeigen, wenn der Verdacht auf eine organische Ursache der Inkontinenz naheliegt und auch dann, wenn Pyelonephritiden in der Anamnese bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht urologisch abgeklärt worden sind (Tab. 69.2).
Der Nachweis von Blasenentzündungen oder einer asymptomatischen Bakteriurie bei normalem Ultraschallbefund rechtfertigt keine spezielle urologische Diagnostik.
Bei Verdacht auf eine neurogene Blasenentleerungsstörung ist eine Zystomanometrie oder eine Videourodynamik erforderlich, zusätzlich eine Kernspintomografie der Wirbelsäure.

Komorbiditäten

EnuresisKomorbiditätenKomorbiditäten bei kindlicher Harninkontinenz sind häufig und sollten bei der Basisdiagnostik erfasst werden. Harninkontinenz und komorbide Störungen können sich in unterschiedlicher Intensität gegenseitig unterhalten oder begünstigen. Sie sind nicht als organische Ursache, sondern als Risikofaktor einer Harninkontinenz zu verstehen.
EnuresisKomorbiditätenStuhlentleerungsproblemeStuhlentleerungsprobleme (Obstipation, Stuhlinkontinenz) sind die häufigsten mit einer Harninkontinenz tagsüber assoziierten Störungen. Ein gleichzeitiger Nachweis von Harn- und Stuhlinkontinenz (Bladder Bowel DysfunctionBladder Bowel Dysfunction) kann auf eine okkulte neurogene Störung hinweisen.
EnuresisKomorbiditätenHarnwegsinfektionenHarnwegsinfektionen (ZystourethritisZystourethritis) oder eine asymptomatische Bakteriurie finden sich bei vielen Mädchen mit funktioneller Blasendysfunktion, vor allem bei Kindern mit überaktiver Blase und dyskoordinierter Miktion. Bei Pyelonephritiden ist an das Vorhandensein eines vesikoureteralen Refluxes zu denken.
Klinisch relevante psychische StörungenEnuresisKomorbiditätenpsychische Störungen zeigen 20–30 % der Kinder mit sekundärer Enuresis und Non-MEN, 20–40 % mit einer Harninkontinenz tagsüber und 30–50 % mit einer Stuhlinkontinenz, verglichen mit 10 % der kontinenten Kinder. Externalisierende Störungen (vor allem ADHS und Störungen des Sozialverhaltens) finden sich bei Kindern mit Enuresis, oppositionelle Störungen des Sozialverhaltens vor allem bei Kindern mit Miktionsaufschub und internalisierende Störungen (Angststörungen, depressive Störungen) bei Kindern mit überaktiver Blase.
Kinder mit umschriebenen EntwicklungsstörungenEnuresisKomorbiditätenEntwicklungsstörungen (Legasthenie, Dyskalkulie, Störungen der Sprache und des Sprechens, motorische Entwicklungsverzögerung) und mit geistiger Behinderung sind überdurchschnittlich häufig von einer Harninkontinenz betroffen. Frühgeborene mit zerebralen Folgeschäden, Kinder mit Entwicklungsstörungen des ZNS und behinderte Kinder mit körperlichen Einschränkungen zeigen ein erhöhtes Risiko für eine Harninkontinenz/Enuresis.
In seltenen Fällen ist die Harninkontinenz/Enuresis assoziiert mit SchlafstörungenEnuresisKomorbiditätenSchlafstörungen, Parasomnien oder auch dem Schlafapnoesyndrom bei Obstruktionen der oberen Atemwege (bei sehr großen Adenoiden oder Tonsillenhypertrophie).

Differenzialdiagnose

Einnässen im Schlaf

Monosymptomatische Enuresis nocturna (MEN)
Einnässen im SchlafEnuresisEinnässen im SchlafMonosymptomatische Enuresis nocturna (MEN)Enuresismonosymptomatische Enuresis nocturna (MEN)Kinder mit MEN schlafen sehr tief und erwachen weder bei zunehmender Blasenfüllung noch bei der Blasenentleerung. Hinweise für eine organische Erkrankung, eine Inkontinenz tagsüber oder sonstige Symptome einer Blasenfunktionsstörung fehlen. Die MEN ist zu verstehen als verzögerte Reifung der nächtlichen Blasenkontrolle. Bei deutlicher familiärer Disposition besteht eine Arousaldysfunktion: Der Reiz der sich füllenden oder entleerenden Blase wird nicht durch eine adäquate Aktivierung des Arousals beantwortet. Kortikale dämpfende Einflüsse auf die nächtliche Detrusoraktivität sind noch nicht ausgreift. Bei einer Subgruppe von Kindern findet sich eine noch nicht ausgereifte zirkadiane Rhythmik der ADH-Sekretion mit nächtlicher Polyurie.
Nicht monosymptomatische Enuresis nocturna (Non-MEN)
Nicht monosymptomatische Enuresis nocturna (Non-MEN)Enuresisnicht monosymptomatische Enuresis nocturna (Non-MEN)Bei Non-MEN finden sich Hinweise für eine funktionelle Blasenfunktionsstörung, die bei bis zu ⅓ der Kinder nicht mit einer Inkontinenz am Tag einhergeht und daher oft übersehen wird. Häufigste Ursache ist die überaktive Blase mit instabilem Detrusor. Diese Kinder nässen oft mehrfach in der Nacht ein.

Einnässen im Wachzustand (am Tag)

EnuresisEinnässen im WachzustandEinnässen im WachzustandHarninkontinenz bei funktioneller Blasenfunktionsstörung kann entweder der Speicher- oder der Entleerungsphase der Harnblase zugeordnet werden. Symptome der Harnspeicherstörung sind neben der Harninkontinenz der imperative Harndrang, Pollakisurie, Haltemanöver, Miktionsaufschub sowie eine Miktionsfrequenz, die von der Norm abweicht. Zu den Symptomen der Harnentleerungsstörung gehören das verzögerte Ingangkommen der Miktion, Miktion mit Bauchpresse, stotternde Miktion, unterbrochene Miktion und der abgeschwächte Harnstrahl.
Die folgenden aufgeführten Störungsbilder können sich in ihrer Symptomatik überschneiden, auch kann eine Störung in eine andere übergehen.
Überaktive Blase und Dranginkontinenz
BlaseüberaktiveEnuresisBlaseüberaktiveDranginkontinenzEnuresisDranginkontinenzInkontinenzDrang-Die häufigste Form der Blasendysfunktion ist die überaktive Blase. Inkontinenz bei OAB wird als Dranginkontinenz bezeichnet. Ursache ist sehr wahrscheinlich eine verzögerte Reifung der zentralen Detrusorhemmung mit familiärer Häufung. Typisch für diese Störung ist der oft plötzliche und heftige imperative Harndrang, der von den Kindern mit Haltemanövern beantwortet wird. Meist finden sich kleine Miktionsvolumina bei reduzierter Blasenkapazität (häufig Urinmengen < 100 ml). Einschießende Detrusorkontraktionen können zur Inkontinenz führen, ohne dass die Kinder dies bemerken. Abhängig von der Trinkmenge ist die Miktionsfrequenz normal oder auch erhöht. Viele Kinder trinken unbewusst sehr wenig, um häufige Miktionen zu vermeiden. Die OAB muss nicht unbedingt mit Inkontinenz tagsüber einhergehen und wird dann immer wieder nicht beachtet (z. B. bei Non-MEN).
Miktionsaufschub
Der MiktionsaufschubMiktion, dyskoordinierte EnuresisMiktionsaufschubist zu verstehen als Verhaltensstörung gegenüber der Miktion, die (meist unbewusst) hinausgezögert wird, typischerweise bei intensivem Spiel, beim Fernsehen oder vor dem Computer, aber auch bei Ekel vor verschmutzten Schultoiletten. Meist finden sich große Miktionsvolumina und seltene Miktionen, abhängig von der Trinkmenge. Bei starker Blasenfüllung kommt es zu Haltemanövern mit Inkontinenz, aber die imperative Drangsymptomatik fehlt meist.
Dyskoordinierte Miktion
Ursache der dyskoordinierten MiktionMiktion, dyskoordinierte EnuresisMiktion(Detrusor-Sphinkter-Dyskoordination, DSDDetrusor-Sphinkter-Dyskoordination (DSD)) ist eine Störung der Entleerungsphase mit habitueller Kontraktion des Beckenbodens bei gleichzeitiger Detrusorkontraktion. Die Genese dieser Blasenentleerungsstörung ist im Einzelnen unklar, möglicherweise spielen verzögerte Reifungsprozesse eine Rolle, aber auch ein erlerntes Fehlverhalten bei Miktion wird diskutiert. Die Miktion kommt verzögert in Gang, imperativer Harndrang ist möglich, Haltemanöver werden beobachtet. Miktionsvolumina sind normal oder vergrößert. Die Diagnose kann letztlich nur durch eine wiederholt durchgeführte Uroflowmetrie mit dann typischer stakkatoartiger Miktionskurve gestellt werden. Blasenwandverdickung ist möglich, Restharn findet sich häufig. Es besteht die Gefahr sekundärer Harnabflussstörungen aus dem oberen Harntrakt.
Unteraktive Blase
BlaseunteraktiveEnuresisBlaseunteraktiveBei der unteraktiven Blase (früher: „lazy bladder“) ist der Detrusor hypoaktiv, entweder idiopathisch, neurogen oder als Endzustand bei ausgeprägtem Miktionsaufschub. Die Miktion kommt verzögert in Gang und verläuft mit Unterbrechungen (fraktionierte Miktion in der Uroflowmetrie). Häufig wird die Bauchpresse benutzt. Die Blasenwand kann verdickt sein, Restharn ist häufig.

Organische Harninkontinenz

EnuresisorganischeAngeborene organische Ursachen sind häufig seit Geburt bekannt (Spina bifida aperta, Fehlbildungen des Os sacrum, Blasenekstrophie, Epispadie, Kloakenfehlbildung, Sinus urogenitalis u. a.).
Typische organische Erkrankungen, die beim einnässenden Kind mit nichtphysiologischer Inkontinenz abzuklären sind und bis dahin übersehen werden können, sind Folgende.
Vaginaler Influx
Enuresisorganischevaginaler InfluxBei manchen Mädchen führt ein vaginaler Influx bei Miktion zu einem Harnträufeln bis zu etwa 10 Minuten nach Blasenentleerung. Ursache kann gelegentlich eine gering ausgeprägte Form einer weiblichen Hypospadie oder auch eine Labiensynechie sein.
Harnröhrenklappen/Harnröhrenstenose
EnuresisorganischeHarnröhrenklappenEnuresisorganischeHarnröhrenstenoseBei Jungen mit Harnröhrenklappen und geringem Stenosierungsgrad kann Harninkontinenz das einzige klinisch fassbare Symptom sein, Harnwegsinfektionen sind möglich. Eltern berichten häufig, dass ihr Sohn bei Miktion pressen muss und der Harnstrahl „schwach“ sei. Sonografisch finden sich häufig Restharn und eine verdickte Blasenwand, in der Uroflowmetrie eine Plateaukurve.
Ektope Harnleitermündung bei Mädchen
Enuresisorganischeektope Harnleitermündung b. MädchenBei Mädchen mit Doppelniere und Dysplasie der oberen Anlage kann der zugehörige Ureter unterhalb der Sphinkterebene z. B. im Introitus vaginae oder in der Vagina selbst münden. Abhängig von der produzierten Urinmenge kommt es zu einer meist kontinuierlichen Inkontinenz in unterschiedlichem Ausmaß. Sonografisch lässt sich eine Doppelniere mit erweitertem Ureter blasennah darstellen. Die Verdachtsdiagnose wird durch eine MR-Urografie bestätigt.
Spina bifida occulta und sakrale Dysgenesie (neurogene Blasendysfunktion)
EnuresisSpina bifida occultaEnuresisDysgenesie, sakraleEnuresisBlasendysfunktion, neurogeneSpina bifida occultaDysgenesie, sakraleBlasendysfunktion, neurogeneDie klinischen und sonografischen Befunde können sehr variabel sein. Typisch sind hohe Restharnmengen, ein mangelndes Gefühl für die Füllung der Blase, aufällige Uroflowmetriekurven, Blasenwandverdickung und gelegentlich auch Hinweise für Blasenwanddivertikel. Eine spezielle urologische und neurologische Diagnostik ist notwendig.
Nichtneurogene neurogene Blase
Blasenichtneurogene neurogeneEnuresisBlasenichtneurogene neurogeneHier handelt es sich um eine Sonderform der dyskoordinierten Miktion, bei der sich klinisch und urodynamisch das Bild einer neurogenen Blasenentleerungsstörung zeigt, ohne dass sich ein neuropathologisch-anatomisches Korrelat finden lässt.
Ochoa-Syndrom
Ochoa-SyndromEnuresisOchoa-SyndromBei dieser sehr seltenen autosomal-rezessiv vererbten Erkrankung finden sich neben der Inkontinenz faziale Dysmorphien, die beim Lachen oder Weinen zu beobachten sind. Sonografisch finden sich ausgeprägte Veränderungen einer obstruktiven Uropathie.
Polyurische Erkrankungen
Enuresispolyurische ErkrankungenBei wiederholtem Nachweis einer Polyurie (Urinausscheidung > 4 ml/kg/Tag bzw. > 1200 ml/m2 KOF/Tag) ist eine nephrologische, ggf. auch endokrinologische Diagnostik erforderlich. Hinweise liefern das Trink- und Miktionsprotokoll und die Aussage der Eltern, dass die Kinder regelmäßig in der Nacht wach werden, um zu trinken. Mögliche Ursachen sind Diabetes mellitus, hypophysärer ADH-Mangel und Diabetes insipidus renalis. Neben der habituellen Polydipsie ist an seltene Nierenerkrankungen mit „Zwangspolyurie“ (Nephronophthise, Tubulopathie) zu denken. Die Polyurie ist im eigentlichen Sinne keine organische Inkontinenzform. Die Reifung der Blasenkontrolle vor allem in der Nacht ist bei oft sehr großen nächtlich ausgeschiedenen Urinmengen verzögert.

Differenzialdiagnostische Tabelle

Fragebögen und Protokollsysteme finden sich im Anhang der AWMF-S2k-Leitlinie „Enuresis und nichtorganische (funktionelle) Harninkontinenz bei Kindern und Jugendlichen“ (www.awmf.org/leitlinien/detail/II/028-026.html).

Differenzialdiagnose der Harninkontinenz/EnuresisEnuresisDifferenzialdiagnose

Tab. 69.3
Form der Harninkontinenz Symptome und Befunde
überaktive Blase und Dranginkontinenz
  • Harninkontinenz am Tag

  • Einnässen mehrfach in der Nacht

  • imperativer Harndrang (urgency)

  • Haltemanöver

  • kleine Miktionsvolumina

  • Blasenkapazität häufig vermindert

  • hohe Miktionsfrequenz, abhängig von der Trinkmenge

  • kein Restharn

  • Uroflowmetrie normal

  • Ultraschall meist normal

Miktionsaufschub
  • Aufschub der Miktion mit z. T. ausgeprägten Haltemanövern

  • große Miktionsvolumina

  • Miktionsfrequenz selten bis normal

  • Blasenkapazität häufig erhöht

  • Restharn möglich

  • Blasenwand gelegentlich verdickt

  • Uroflowmetrie meist normal

dyskoordinierte Miktion
  • verzögertes Ingangkommen der Miktion

  • Harndrang normal oder imperativ

  • Haltemanöver

  • Miktionsvolumina normal oder groß

  • Miktionsfrequenz selten bis normal

  • Restharn

  • Blasenwand verdickt

  • Uroflowmetrie: Stakkatomiktion

unteraktive Blase
  • verzögertes Ingangkommen der Miktion

  • Miktion mit Bauchpresse

  • Miktionsfrequenz unterschiedlich

  • Restharn

  • Uroflowmetrie: unterbrochene Miktion

monosymptomatische Enuresis (MEN)
  • Tiefschläfer

  • erschwerte Erweckbarkeit

  • Blasenfunktion am Tag normal

  • Ultraschall/Uroflowmetrie normal

nichtmonosymptomatische Enuresis (Non-MEN)
  • Einnässen im Schlaf mit Tagessymptomen (Blasenfunktionsstörung)

  • Blasenfunktionsstörung mit/ohne Inkontinenz am Tag

  • häufig überaktive Blase

Bladder Bowel Dysfunction
  • Assoziation von Harn- und Stuhlinkontinenz

  • neurogene Ursache möglich

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