© 2019 by Elsevier GmbH

Bitte nutzen Sie das untenstehende Formular um uns Kritik, Fragen oder Anregungen zukommen zu lassen.

Willkommen

Mehr Informationen

B978-3-437-22532-1.00076-8

10.1016/B978-3-437-22532-1.00076-8

978-3-437-22532-1

Abb. 76.1

Sonografiebefund eines 7 Tage alten Neugeborenen: 4,5 cm × 4 cm große, eingeblutete Ovarialzyste.

Abb. 76.2

[L217]

Sonografische Einteilung der Ovarialzysten.

Differenzialdiagnose der Ovarialzysten (OZ) OvarialzysteDifferenzialdiagnose

Tab. 76.1
Charakterisierung des Hauptsymptoms (Ultraschallbefund) weiterführende klinische Befunde/Manifestationsalter Verdachtsdiagnosen Bestätigung der Diagnose
OZ ein- oder beidseitig, Größe variabel (bis > 5 cm), gut abgrenzbar, innen und außen glattwandig, echofreie oder -arme Binnenstruktur asymptomatisch oder rechts- bzw. linksbetonte abdominale Beschwerden, große Zysten u. U. als prallelastischer, glattbegrenzter Tumor palpabel, bei hormoneller Aktivität transitorische Zeichen einer Pseudopubertas praecox/Auftreten in jedem Alter, häufiger bei Neugeborenen und in der Pubertät funktionelle Ovarialzyste (Follikelzyste, Corpus-luteum-Zyste, Luteinzyste) Sonografie, Verlauf (meist spontane Regression), bei autonomer hormoneller Aktivität Östradiol ↑, LH, FSH präpubertär (im GnRH-Test mangelnder Anstieg)
OZ ein- oder beidseitig, Größe variabel (häufig einzelne große Zysten), glattwandig, echofreie oder -arme Binnenstruktur Café-au-lait-Flecken, Pseudopubertas praecox (Brustdrüsenschwellung, vaginale Blutung), polyostotische fibröse Dysplasie, Zeichen anderer endokrinologischer Überfunktionen (Hyperthyreose u. a.)/Manifestation oft im Kleinkindalter McCune-Albright-Syndrom Klinik, Sonografie, Östradiol deutlich ↑, LH, FSH meist supprimiert (im GnRH-Test nicht stimulierbar), radiologische Diagnostik (Knochenstruktur, Skelettalter oft ↑), weitere endokrinologische Diagnostik (TSH, fT4 u. a.), molekulargenetische Diagnostik im betroffenen Gewebe: GNAS1
Polyzystische Ovarien: beidseitig vergrößerte Ovarien (Volumen > 10 ml) subkapsulär multiple Mikrozysten (< 1 cm), echogenes Stroma Hirsutismus, Akne, Zyklusstörungen, u. U. Adipositas, Akanthosis nigricans/Auftreten im Pubertätsalter polyzystisches Ovarsyndrom Klinik, Sonografie, endokrinologische Diagnostik: Östradiol ↑, LH ↑, FSH ↓, Androgene ↑, SHBG ↓, u. U. Insulin ↑, HOMA-Index, OGTT
OZ ein- oder beidseitig, menstruationsabhängig zunehmend, Zystenwand verdickt, echoreicher Zysteninhalt Dysmenorrhö/Auftreten nach der Menarche endometrioide Ovarialzyste (Teer- oder Schokoladenzyste) Sonografie, Verlauf (keine Regression), Laparoskopie: Histologie
eher einseitig, zystisch-solider Ovarialtumor, Größe variabel (bis > 30 cm), gut abgrenzbar, randständige Knoten (Kopfhöcker), echoreiche Binnenstruktur, Verkalkungen langsam wachsender, abdominaler Tumor/Auftreten in jedem Alter Keimzelltumoren: benignes matures Teratom (Dermoidzyste) Sonografie, Laparoskopie/-tomie: HistologieNachweis von Haaren, Zähnen, Knochen u. a. (bei malignem immaturem Teratom u. U. AFP↑)
ein- oder beidseitig, einfacher oder gekammerter zystischer Ovarialtumor, Größe variabel („Riesenkystome“), gut abgrenzbar, glattwandig, homogene Binnenstruktur beweglicher, prallelastischer (seröser) oder teigiger (muzinöser) Unterbauchtumor, nicht selten Stieldrehung/Auftreten meist nach der Menarche epitheliale Tumoren: benignes Zystadenom (serös/muzinös) Sonografie, Laparoskopie/-tomie: Histologie (bei malignem epithelialem Ovarialkarzinom u. U. CA125, HE4, CA19–9, CEA ↑), cave Punktion: Pseudomyxoma peritonei!
meist einseitig, zystisch-solider Ovarialtumor, Größe variabel, unscharf abgegrenzt Pseudopubertas praecox oder sekundäre Menstruationsstörungen (oft hormonelle Aktivität)/Auftreten häufiger prämenarchal Keimstrang-Stromatumoren: maligner Granulosazelltumor Klinik, Sonografie, MRT, endokrinologische Diagnostik: Östradiol ↑, LH, FSH ↓, Inhibin B, AMH↑, Laparoskopie/-tomie: Histologie

Ovarialzysten

Wiebke Ahrens

Symptombeschreibung

OvarialzystenOvarialzyste sind flüssigkeitsgefüllte Hohlräume im Ovar, die solide Anteile enthalten können. Differenzialdiagnostisch werden bei Mädchen jeden Alters funktionelle OvarialzystenOvarialzystefunktionelle (z. B. Follikelzysten, Luteinzysten) von zystischen benignenOvarialtumorbenigner und malignen OvarialtumorenOvarialtumormaligner (Keimzell-, Epithel-, Keimstrang-Stromatumoren) unterschieden. Sie können unilateral oder beidseitig auftreten, es finden sich einzelne Zysten unterschiedlicher Größe oder multizystische Ovarien (mindestens 6 Zysten mit einem Durchmesser ≥ 4 mm).

Sowohl funktionelle Ovarialzysten als auch Ovarialtumoren können eine von gonadotroper Stimulation unabhängige hormonelle Aktivität aufweisen und zu den gleichen akuten OvarialzysteKomplikationenKomplikationen (Ruptur, Einblutung, Torsion) führen.

Rationelle Diagnostik

Anamnese

Bei Neugeborenen fallen größere Ovarialzysten häufig bereits pränatal im Rahmen der Ultraschalldiagnostik auf. Postnatal sind die meist funktionellen Zysten oft asymptomatisch. Anamnestische Angaben über Trinkschwäche, Erbrechen, Stuhl- oder Harnentleerungsstörungen können auf raumfordernde zystische Ovarveränderungen hinweisen. Im Kindesalter und in der Pubertät werden bei Auftreten von Beschwerden von jüngeren Mädchen häufig periumbilikale, mit fortschreitender Pubertät oft einseitig im Unterbauch lokalisierte Schmerzen angegeben. In der Anamnese werden Art der Symptomatik (stechender Schmerz, Druck- oder Völlegefühl), Beginn und Dauer (akut auftretend, anhaltend, rasch abklingend, rezidivierend), Zyklusabhängigkeit und Begleitsymptome (Fieber, Übelkeit, Gewichtsveränderungen u. a.) erfragt.

Bei plötzlich auftretenden und anhaltenden, stechenden Unterbauchschmerzen und klinischen Zeichen eines akuten Abdomens muss bei Mädchen in jedem Alter eine stielgedrehte OvarialzysteOvarialzystestielgedrehte, Unterbauchschmerzen ausgeschlossen werden. Klingen die Beschwerden rasch ab, kann dies auf eine ZystenrupturOvarialzysteRuptur hindeuten.

Da sowohl funktionelle Ovarialzysten als auch Ovarialtumoren hormonell aktiv sein können, sollten anamnestisch der bisherige PubertätsverlaufOvarialzystefunktionellePubertätsverlauf (Thelarche, Pubarche, Menarche, Zyklusdauer und -störungen), Symptome einer vorzeitigen PubertätsentwicklungOvarialzystefunktionellePubertätsentwicklung, vorzeitige (Brustdrüsenschwellung, vaginale Blutung, Wachstumsbeschleunigung) und VirilisierungszeichenOvarialzystefunktionelleVirilisierungszeichen (zunehmende Körperbehaarung, Vertiefung der Stimme u. a.) erfasst werden.

Körperliche Untersuchung

Der abdominale Untersuchungsbefund und die Beurteilung der Pubertätsentwicklung stehen im Vordergrund der körperlichen Untersuchung.

Die Ovarien liegen bei Neugeborenen relativ hoch an der seitlichen Beckenwand, treten im Laufe der Entwicklung tiefer und sind zum Zeitpunkt der Menarche ins kleine Becken eingetreten.
Bei der abdominalen UntersuchungOvarialzysteabdominale Untersuchung können Ovarien normaler Größe nicht getastet werden, eine rektoabdominelle Palpation ist mit fortschreitender Pubertät möglich. Kleine Ovarialzysten sind in der Regel auch hierbei nicht tastbar. Erstes Symptom eines großen zystischen Ovarialtumors kann eine abdominale Vorwölbung sein. Während der Palpation wird auf Abwehrspannung und Druckschmerz geachtet, Größe, Konsistenz und Verschieblichkeit des Tumors werden beurteilt. Vergrößerte Lymphknoten und Aszites können auf einen malignen Ovarialtumor hinweisen. Ovartorsionen durch stielgedrehte Ovarialzysten treten häufiger rechtsseitig auf und sind mit einer Appendizitis zu verwechseln.
Zur Beurteilung von Wachstum und Pubertätsentwicklung erfolgen die Bestimmung von Körperlänge und -gewicht, die Einteilung der Pubertätsstadien nach Tanner und die Inspektion des Genitales (Östrogenisierungszeichen). Während der Untersuchung sollte auf klinische Zeichen einer Hyperandrogenämie (Hirsutismus, starke Akne u. a.) und Hinweise für eine vorzeitige Pubertät geachtet werden.
Auch Nebenbefunde, wie Café-au-Lait-Flecken der Haut beim McCune-Albright-Syndrom, können differenzialdiagnostisch richtungweisend sein.

Laboruntersuchungen

OvarialzysteLaboruntersuchungenDie Bestimmung von Laborparametern bei Nachweis von Ovarialzysten ist nicht routinemäßig erforderlich.
Treten akute abdominale Beschwerden auf, sollten differenziertes Blutbild und C-reaktives Protein zum Ausschluss eines entzündlichen Geschehens bestimmt werden. Endokrinologische Untersuchungen sind bei Zeichen einer vorzeitigen oder beschleunigten isosexuellen Pubertätsentwicklung (LH, FSH, Östradiol, GnRH-Test) und bei Auftreten von Virilisierungserscheinungen (Testosteron, DHEAS, Androstendion, SHBG) notwendig. Anhand der Vaginalzytologie kann der Östrogenisierungsgrad des Vaginalepithels beurteilt werden.
Bei Adoleszentinnen sollte eine Schwangerschaft ausgeschlossen sein (Serum-β-HCG). Besteht der V. a. einen Ovarialtumor, empfiehlt sich die Asservierung von Serum zur Bestimmung von Tumormarkern (AFP, β-HCG, CEA, CA125, CA19–9, HE 4, Inhibin B, AMH).
Ist im Rahmen einer laparoskopischen Untersuchung eine Zystenpunktion indiziert, sollte das Punktat zytologisch und u. U. endokrinologisch (Östradiol, Progesteron) analysiert werden. Auch eine molekulargenetische Untersuchung der Zellen des Zystenpunktates kann bei V. a. ein McCune-Albright-Syndrom bei Mutationsnachweis (GNAS1-Gen) zur Diagnosesicherung führen.

Technische Untersuchungen

An erster Stelle der Diagnostik bei V. a. Ovarialzysten steht die sonografische Untersuchung. OvarialzysteSonografie

Sie wird im Kindesalter transabdominal mit voller Blase, bei Adoleszentinnen mit ausreichend weiter hymenaler Öffnung u. U. auch transvaginal oder transrektal durchgeführt. Sonografisch wird zwischen nichtsuspekten und suspekten Ovarialzysten unterschieden (Abb. 76.1 und Abb. 76.2). Der dopplersonografische Nachweis einer Hyperperfusion gilt als zusätzliches Malignitätskriterium.
Bei Hinweisen auf einen malignen OvarialtumorOvarialtumormalignerKernspintomografie wird der Befund einer Kernspintomografie oder einer ComputertomografieOvarialtumormalignerComputertomografie zur Beurteilung der Ausdehnung und möglicher Lymphknotenbeteiligung herangezogen und die radiologische Diagnostik bei V. a. Metastasierung erweitert.

Ein zystischer Ovarialtumor unklarer Dignität, eine sonografisch persistierende Ovarialzyste oder anhaltende Beschwerden erfordern eine laparoskopische Untersuchung mit histologischer Diagnostik, da nur durch die Histologie eine endgültige Zuordnung erfolgen kann.

Besondere Hinweise

Bei nahezu einem Drittel aller reifen weiblichen Neugeborenen können sonografisch kleine, in manchen Fällen aber auch bis zu einigen Zentimetern große Ovarialzysten nachgewiesen werden. In der Regel handelt es sich um funktionelle Zysten, die zum einen durch Stimulation der fetalen Ovarien mit mütterlichem β-HCG, zum anderen in der neonatalen „Minipubertät“ OvarialzysteMinipubertät, neonataledurch die stimulierenden hypophysären Gonadotropine entstehen und sich meist spontan zurückbilden. Während der sich anschließenden Ruhephase des kindlichen Ovars weisen die Ovarien eine homogene Binnenstruktur auf, können aber auch kleine Zysten (< 1 cm) enthalten. Mit einsetzender Pubertät überwiegen zunehmend multizystische Ovarien mit häufig größeren, vorwiegend funktionellen Zysten, die sich oft zyklusabhängig verändern und spontan zurückbilden. Etwa die Hälfte der funktionellen Zysten sind Follikelzysten.

Echte Ovarialtumoren im Kindes- und Jugendalter sind selten, sie treten vermehrt mit voranschreitender Pubertätsentwicklung auf. Zunehmend häufiger wird dagegen bei jugendlichen Mädchen die Diagnose eines polyzystischen Ovarsyndroms gestellt.

Differenzialdiagnostische Tabelle

Die folgende Tab. 76.1 umfasst Differenzialdiagnosen der Ovarialzysten im Neugeborenen-, Kindes- und Jugendalter. Da die sonografische Untersuchung bei der Diagnostik im Vordergrund steht, wurde das Hauptsymptom „Ovarialzyste“ unter diesem Aspekt charakterisiert. Bei den Ovarialtumoren sind für die jeweiligen Tumorgruppen die Tumorarten aufgeführt, die im Kindesalter am häufigsten auftreten und typische zystische Strukturen enthalten können.

Holen Sie sich die neue Medizinwelten-App!

Schließen