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B978-3-437-22532-1.00123-3

10.1016/B978-3-437-22532-1.00123-3

978-3-437-22532-1

Einteilung der primären Schlafstörungen nach ICSD-3 mit BeispielenSchlafstörungEinteilungInsomnieAtmungsstörung, schlafbezogeneHypersomnie, zentraleSchlaf-wach-RhythmusBewegungsstörungParasomnie

Tab. 123.1
Hauptsektion in der ICSD-3 klinische Beispiele (keine vollständige Klassifikation)
Insomnien
Ein- und Durchschlafstörungen
  • frühkindliche Regulationsstörung

  • akute, anpassungsbedingte Insomnie

  • psychophysiologische Insomnie

schlafbezogene Atmungsstörungen
  • obstruktives Schlafapnoesyndrom

  • zentrale Schlafapnoe

  • kongenitales zentrales Hypoventilationssyndrom

(zentrale) Hypersomnien
Krankheiten mit „zu viel Schlaf“
  • Narkolepsie

  • idiopathische Hypersomnie

Störungen des zirkadianen Schlaf-wach-Rhythmus
  • verzögerte Schlafphasenstörung

  • Nicht-24-h-Schlaf-wach-Störung

Parasomnien
Verhaltensauffälligkeiten im Schlaf bzw. aus dem Schlaf heraus
  • Pavor nocturnus („Nachtschreck“)

  • Somnambulismus („Schlafwandeln“)

  • Albträume

schlafbezogene Bewegungsstörungen
  • Restless-Legs-Syndrom

  • Bruxismus

andere Schlafstörungen

Standardisierte Schlaffragebogen zu Schlafstörungen im Kindesalter*SchlafstörungSchlaffragebogen

Tab. 123.2
Name des Dokuments Inhalt bzw. Verwendungszweck
Pediatric Sleep Questionnaire (deutsch) (PSQ-De) allgemeiner kinderärztlicher Schlaffragebogen
Children's Sleep Habits Questionnaire (deutsch) (CSHQ-De) Schlafgewohnheiten und Schwierigkeiten mit dem Schlaf
Children's Chronotype Questionnaire (CCTQ) Chronotyp
Kinderschlafcomic Schlafgewohnheiten und Schwierigkeiten mit dem Schlaf im Format eines Cartoon
Epworth Sleepiness Scale (ESS) Tagesschläfrigkeit
Schlafprotokoll tabellarische Erfassung der Schlaf- und Wachzeiten

*

Fragebogen zum Download auf der Homepage der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM): www.dgsm.de/fachinformationen

Parameter für die Polysomnografie

Tab. 123.3
Standardparameter Zusatzparameter
EEG (mindestens 3 Ableitungen) zusätzliche EEG-Kanäle
Elektrookulogramm (EOG) (2 ×) Atemstrom am Mund (Thermistor)
Kinn-Elektromyogramm (EMG) transkutane CO2-Messung (Kapnografie)
Atemstrom an der Nase Körpertemperatur
Sauerstoffsättigung im Blut (Pulsoxymetrie) pH-Metrie im Ösophagus
Schnarchgeräusche Hustendetektor/Atemgeräusch-Monitor
EKG Blutdruck (nichtinvasiv)
Bein-EMG (2 ×)
Atemanstrengungen an Thorax und Bauch
Bewegung (Aktigrafie)
Körperlage
Tonsignal (Audiometrie)
Infrarotvideometrie

Differenzialdiagnose der Schlafstörungen im Säuglingsalter

Tab. 123.4
Hauptsymptom(Kategorie nach ICSD-3) weiterführende Nebenbefunde Verdachtsdiagnosen sinnvolle Diagnostik
Ein- und Durchschlafstörung (Insomnie) sonst gesunder Säugling physiologische Entwicklung eines stabilen Schlaf-wach-Rhythmus Schlaftagebuch
exzessives Schreien Regulationsstörung Schlaftagebuch, kinderpsychologische Evaluation
Schreien als Hinweis auf Schmerzen gastroösophagealer Reflux pH-Metrie
Atempausen im Schlaf* (schlafbezogene Atmungsstörungen) Schnarchen obstruktive Schlafapnoe PSG, Blutgasanalyse
Atempausen im Schlaf* intermittierend komplettes Sistieren der Atemanstrengungen zentrale Schlafapnoe/periodische Atmung PSG, Blutgasanalyse
Zyanose im Schlaf, auffallend flache Atmung im Schlaf, respiratorische Insuffizienz, Morbus Hirschsprung kongenitales, zentrales Hypoventilationssyndrom (CCHS) PSG, Blutgasanalyse, PHOX2B Genetik
motorische Auffälligkeiten (nicht obligat) Krampfanfälle PSG, EEG
schlafbezogene Bewegungsstörungen einschießendes Zucken der Extremitäten Einschlafmyoklonien Videodokumentation durch die Eltern
rhythmische Bewegungsmuster, eindrucksvolles Umherwerfen des Kopfes, mitunter bis zum Anstoßen an der Wand Jaktationen Videodokumentation durch die Eltern

*

Die Dauer physiologischer Atempausen im Schlaf ist stark altersabhängig. Nicht selten entspricht zudem eine von den Eltern als besorgniserregend wahrgenommene Dauer der Apnoe dem physiologischen Normalbefund.

Differenzialdiagnose der Schlafstörungen im Kleinkind- und Vorschulalter

Tab. 123.5
Hauptsymptom(Kategorie nach ICSD-3) weiterführende Nebenbefunde Verdachtsdiagnosen sinnvolle Diagnostik
Ein- und Durchschlafstörung (Insomnie) (Wieder-)Einschlafen ist gebunden an spezifische Rahmenbedingungen oder Objekte (z. B. „Kind kann nur im Elternbett einschlafen“)
endlose Einschlafrituale
Schlafstörung aufgrund inadäquater Einschlafassoziationen Anamnese
Verweigerungshaltung + Verzögerungstaktik beim Zubettgehen
Kind diktiert den Eltern die Rahmenbedingungen
Schlafstörung aufgrund inkonsequenten Erziehungsverhaltens Anamnese
Ekzem
nächtlicher Juckreiz
atopische Dermatitis Hautinspektion
Atempausen im Schlaf (schlafbezogene Atmungsstörungen) Schnarchen
ADHS-ähnlicher Phänotyp
Tagesschläfrigkeit
Tonsillenhyperplasie
obstruktive Schlafapnoe PSG
Blutgasanalyse
ggf. HNO-ärztliche Vorstellung
Schnarchen Vorliegen einer der folgenden Risikofaktoren:
  • Alter < 2 Jahre

  • Trisomie 21

  • Mukopolysaccharidose

  • Sichelzellanämie

  • Dysgnathien

  • kraniofaziale Fehlbildungen

  • neuromuskuläre Erkrankungen

  • Prader-Willi-Syndrom

  • Achondroplasie

  • Adipositas

obstruktive Schlafapnoe PSG
Blutgasanalyse
Nächtlicher Husten Asthma in der Anamnese nächtliches Asthma bronchiale Anamnese
Lungenfunktion
akustisches Monitoring im Schlaf (Hustendetektor)
epigastrische/thorakale Schmerzen gastroösophagealer Reflux pH-Metrie
Atempausen im Schlaf motorische Auffälligkeiten (nicht obligat) Krampfanfälle PSG
EEG
plötzliches Aufschrecken aus dem Schlaf (Parasomnien) Kinder scheinen nicht richtig wach zu sein und lassen sich praktisch nicht beruhigen
meist in der 1. Nachthälfte
Kinder können sich selbst an nichts erinnern
Pavor nocturnus Anamnese
kinderpsychologische Evaluation
Videodokumentation durch Eltern
ggf. PSG und/oder EEG
meist in der 2. Nachthälfte
Kinder können meist vom ängstigendem Trauminhalt erzählen
Albträume Anamnese
kinderpsychologische Evaluation

Differenzialdiagnose der Schlafstörungen bei Schulkindern und Jugendlichen

Tab. 123.6
Hauptsymptom
(Kategorie nach ICSD-3)
weiterführende Nebenbefunde Verdachtsdiagnosen sinnvolle Diagnostik
Ein- und Durchschlafstörung (Insomnie) starke subjektive Fokussierung auf das „Schlafproblem“ → Angst vor dem Nichteinschlafenkönnen
kognitives Arousal und Grübeln
psychophysiologische Insomnie Anamnese
kinderpsychologische Evaluation
spezifischer Stressor in der Anamnese (konkretes „Ereignis“)
abrupter Beginn
begleitende Ängste
akute, anpassungsbedingte Insomnie Anamnese
kinderpsychologische Evaluation
Verhaltensweisen, die einem gutem Schlaf entgegenstehen (Koffein am Abend, Fernsehen im Bett, Hausaufgaben unmittelbar vor dem Schlafen)
unregelmäßige Bettgehzeiten
pubertätstypisches Risikoverhalten („Durchmachen“; langes Ausschlafen an den freien Tagen)
gestörte Schlafhygiene Anamnese
Schlaftagebuch
kinderpsychologische Evaluation
Atempausen im Schlaf (schlafbezogene Atmungsstörungen) Schnarchen
ADHS-ähnlicher Phänotyp
Tagesschläfrigkeit
Tonsillenhyperplasie
obstruktive Schlafapnoe PSG
Blutgasanalyse
ggf. HNO-ärztliche Vorstellung
Schnarchen Vorliegen einer der folgenden Risikofaktoren:
  • Alter < 2 Jahre

  • Trisomie 21

  • Mukopolysaccharidose

  • Sichelzellanämie

  • Dysgnathien

  • kraniofaziale Fehlbildungen

  • neuromuskuläre Erkrankungen

  • Prader-Willi-Syndrom

  • Achondroplasie

  • Adipositas

obstruktive Schlafapnoe PSG
Blutgasanalyse
nächtlicher Husten Asthma in der Anamnese nächtliches Asthma bronchiale Anamnese
Lungenfunktion
akustisches Monitoring im Schlaf (Hustendetektor)
epigastrische/thorakale Schmerzen gastroösophagealer Reflux pH-Metrie
Atempausen im Schlaf motorische Auffälligkeiten (nicht obligat) Krampfanfälle PSG
EEG
Hypersomnie starke Einschlafneigung in unüblichen Situationen
plötzliches Erschlaffen der Haltemuskulatur (Kataplexie), v. a. beim Lachen oder anderen Emotionen
Halluzinationen beim Einschlafen
Gefühl des Gelähmtseins beim Aufwachen
Narkolepsie mit oder ohne Kataplexie PSG
MSLT
Vigilanztests
starke Einschlafneigung untertags trotz (scheinbar) ausreichender Schlafdauer
Tagschlaf (Naps) ist nicht erholsam
auffallend schwere Erweckbarkeit
idiopathische Hypersomnie PSG
MSLT
Vigilanztests
periodisch wiederkehrende Phasen mit erheblich erhöhtem Schlafbedürfnis
Hyperphagie
Kleine-Levin-Syndrom Anamnese
Störungen des zirkadianen Rhythmus Unfähigkeit, zu den (sozial) üblichen Zeiten, d. h. abends, einschlafen zu können (sozialer Jetlag)
Abbau des Schlafdefizits am Wochenende
Syndrom der verzögerten Schlafphasen Anamnese
Schlaftagebuch
blinder PatientNon-24-Stunden
schlafbezogene Bewegungsstörungen Missempfindungen in den Beinen
Unruhe und Bewegungsdrang
Restless-Legs-Syndrom Familienanamnese
PSG
Ferritin im Serum
ZähneknirschenBruxismusPSG
zahnärztliche Untersuchung

Schlafstörungen

Sebastian Kerzel

SchlafstörungIm Kindesalter verbringen wir etwa die Hälfte unseres Lebens mit Schlafen. Säuglinge verbringen sogar mehr Zeit im Schlaf als im Wachzustand. Dies ist von enormer Bedeutung für die Entwicklung des Kindes – bis hinein ins Jugendalter. So führen Schlafstörungen bei Kindern oft zu vielfältigen Beschwerden auch am Tag. Typisch ist z. B. eine erhöhte Tagesmüdigkeit mit Konzentrationsstörungen in der Schule und allen damit verbundenen Folgeproblemen.

Symptombeschreibung

Schlafstörungen gehören zu den häufigsten Gesundheitsproblemen im Kindesalter überhaupt. Die bislang größte epidemiologische Studie zum Thema Kinderschlaf zeigte, dass 15 % der Kinder in Deutschland von Schlafstörungen und schlafbezogenen Gesundheitsproblemen betroffen sind. Dabei zeigt sich ein großes Spektrum von Ursachen primärer Schlafstörungen, für das bis dato keine einheitliche Klassifikation besteht. Die in der internationalen Literatur gebräuchliche Einteilung ist die International Classification of Sleep Disorders (ICSD) in ihrer 3. Fassung, die von der American Academy of Sleep Medicine (AASM) herausgegeben wird. Die ICSD-3 teilt die primären Schlafstörungen in 7 Hauptkategorien ein (Tab. 123.1).
Dabei ist für das Kindes- und Jugendalter von großer praktischer Bedeutung, dass sich die Ursachen der Schlafstörung deutlich zwischen den verschiedenen Altersgruppen unterscheiden (Tab. 123.4, Tab. 123.5, Tab. 123.6). Über alle Altersgruppen hinweg haben die schlafbezogenen Atmungsstörungen eine hohe therapeutische Relevanz. Neben dem obstruktiven Schlafapnoesyndrom (OSAS) spielen im Kindesalter auch die zentrale Schlafapnoe und die (hereditären) Hypoventilationssyndrome eine wichtige Rolle. Den schlafbezogenen Atmungsstörungen ist ein eigenes Kapitel gewidmet (Kap. 50).

Rationelle Diagnostik

SchlafstörungDiagnosikAufgrund des großen Spektrums von schlafbezogenen Gesundheitsstörungen im Kindes- und Jugendalter unterscheiden sich die diagnostische Strategie und die Herangehensweise stark zwischen den verschiedenen Entitäten. So ist ein großer Teil der Schlafstörungen in erster Linie, manchmal auch ausschließlich, der Anamnese zugänglich, da sich in technischen Untersuchungen schlichtweg keine Auffälligkeiten finden. Dies trifft auf die meisten Insomnien und Parasomnien zu. Demgegenüber stehen die schlafbezogenen Atmungsstörungen und Bewegungsstörungen, für deren diagnostische Einordnung mittels Polysomnografie (PSG) ein sehr großer technischer Aufwand betrieben wird und deren Diagnostik sehr gerätelastig ist.

Anamnese

SchlafstörungAnamneseDie gründliche Anamnese ist auch bei Schlafstörungen der entscheidende Schlüssel zur Einordnung des klinischen Problems und zur Planung des weiteren Vorgehens. Mit Blick auf den Vorstellungsgrund, z. B. beim Kinderarzt oder auch in einer kinderschlafmedizinischen Ambulanz, ist die Anzahl der berichteten Leitsymptome erstaunlich übersichtlich.
Im Wesentlichen werden folgende 3 Beschwerdebilder berichtet:
  • „Das Kind schläft zu wenig.“

    (z. B. bei Regulationsstörungen im Säuglingsalter oder bei anderen Insomnien)

  • „Das Kind ist auffallend müde.“

    (z. B. bei den Hypersomnien, aber auch bei schlafbezogenen Atmungsstörungen)

  • „Das Kind verhält sich während des Schlafs auffällig.“

    (z. B. bei den Parasomnien; aber auch Zähneknirschen, Schnarchen etc.)

Für die schlafmedizinische Anamnese ist es von großer Wichtigkeit, dass Schlafstörungen, die mit einer reduzierten Schlafqualität und Schlafeffizienz einhergehen (z. B. durch die anhaltende Fragmentierung des Nachtschlafs beim obstruktiven Schlafapnoesyndrom), im Kindesalter oftmals nicht das Leitsymptom „Müdigkeit/Schläfrigkeit“ zur Folge haben. So ist es im Vorschul- und Grundschulalter sogar recht ungewöhnlich, dass die Kinder oder die Eltern über eine auffallende Müdigkeit berichten. In diesem Alter führt der Schlafdruck vielmehr zu einer Monotonie-Intoleranz in reizarmen Situationen, derer sich die Kinder dann durch aktive Stimulation (z. B. Herumzappeln, Stuhlkippeln etc.) zu entziehen versuchen. Die dadurch entstehende motorische Unruhe hat dabei auf den ersten Blick phänotypisch große Ähnlichkeit mit einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS).

SchlafmangelSchlafmangel führt bei Kindern oft zu einem ADHS-ähnlichen Phänotyp.

Daher sollte im Rahmen der kinderschlafmedizinischen Anamnese gezielt auch nach ADHS-ähnlichen Symptomen gefragt werden und bei Kindern mit V. a. auf ADHS unbedingt differenzialdiagnostisch auch eine Schlafstörung mit in Betracht gezogen werden.
Für die strukturierte Anamnese bei einer Schlafstörung hat sich die Verwendung standardisierter Schlaffragebogen bewährt (Tab. 123.2). Diese stehen auf der Homepage der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) zum Download zur Verfügung: www.dgsm.de/fachinformationen.
Neben der Erfassung des Leitsymptoms spielt bei der kinderschlafmedizinischen Anamnese die Analyse des 24-Stunden-Profils und aller mit dem Tag-Nacht-Rhythmus verbundenen Aktivitäten sowie die Tagesbefindlichkeit des betroffenen Kindes und seiner Familie eine große Rolle. Hierfür ist die Verwendung von SchlafstörungSchlaftagebuchSchlaftagebüchern und SchlafstörungSchlafprotokollSchlafprotokollen sinnvoll, die von den Eltern oder, je nach Alter, vom Jugendlichen selbst über einen Zeitraum von mindestens 2–3 Wochen geführt werden. Ein solches Schlafprotokoll sollte bei allen Kindern mit V. a. auf eine schlafbezogene Problematik geführt werden und wird im Idealfall ausgefüllt zum Ambulanztermin mitgebracht. Vorlagen zum Ausdrucken sind ebenfalls auf der Homepage der DGSM erhältlich.
Im Tag-Nacht-Protokoll werden folgende Aspekte erfasst:
  • Wann wacht das Kind morgens auf? Erwacht es spontan oder muss es geweckt werden?

  • Wie ist die Tagesbefindlichkeit?

  • Schläft das Kind untertags (z. B. Mittagsschlaf)?

  • Wann geht das Kind zu Bett? Aktivitäten unmittelbar vor und nach dem Zubettgehen?

  • Wann schläft das Kind schlussendlich ein?

  • Erwacht das Kind in der Nacht? Was macht es dann?

  • Gibt es Auffälligkeiten im Schlaf?

  • Wie lang ist die gesamte Schlafenszeit?

Wichtig ist, dass das Schlafprotokoll über 2 Wochen geführt wird, die auch repräsentativ für die in der Familie sonst üblichen Situation sind. So macht es wenig Sinn, das Protokoll nur in den Ferien auszufüllen. Es sollten unbedingt sowohl Werktage (= Schultage) als auch freie Tage am Wochenende mit enthalten sein, da die differenzierte Betrachtung oftmals aufschlussreich ist.
Kommt es im Schlaf zu auffälligen Verhaltensweisen (Parasomnien, Bewegungsstörungen) oder akustischen Ereignissen (Schnarchen, auffällige Atempausen), so ist zudem die VideodokumentationSchlafstörungVideodokumentation (z. B. mittels Smartphone) durch die Eltern hilfreich.
Über den regelmäßigen Tag-Nacht-Rhythmus hinaus sollten auch die Rahmenbedingungen der Schlafsituation erfasst werden: Schläft das Kind allein im Zimmer oder gemeinsam mit Geschwistern? Wie ist die Beleuchtungssituation (Nachtlicht)? Gibt es Lärmquellen in der Nähe?
Bislang gibt es noch keinen validierten Fragebogen zur strukturierten Erfassung der Nutzung digitaler Medien. Diese spielen aber im Kontext von Schlafstörungen im Kindes- und Jugendalter eine immense Rolle. Daher sollte im Rahmen der Anamnese immer auch gezielt nach Dauer und Zeitpunkt von Fernsehen, Computer- und Konsolenspielen gefragt werden. Ganz wichtig ist die Erfassung von Handy- und/oder Tablet-Nutzung im Bett sowie grundsätzlich während der Nacht.
Selbstverständlich gehören zur Anamnese bei Schlafstörungen auch Fragen nach weiteren Symptomen, Vorerkrankungen, medikamentöser Therapie, Ernährungsgewohnheiten (koffeinhaltige Getränke) sowie zur Familiengeschichte.

Körperliche Untersuchung

Wie bei allen klinischen Fragestellungen gehört eine komplette körperliche Untersuchung obligat zur diagnostischen Evaluation eines Patienten.
Bei der Beurteilung von Kindern mit Schlafstörungen sollte dabei, mit Blick auf schlafbezogene Atmungsstörungen, besonderes Augenmerk auf den HNO-Status gelegt werden. Die Inspektion des Rachens mit Beurteilung der Tonsillen gehört ebenso dazu wie die Otoskopie und die vordere Rhinoskopie. Bei Letzterer kann die Verwendung eines kleinen Nasenspekulums empfohlen werden, das die Beurteilung der Nasenmuscheln hinsichtlich Zeichen der Entzündung oder Hypertrophie deutlich erleichtert. Die Untersuchungstechnik ist für jeden Arzt rasch zu erlernen.
Nicht versäumt werden sollte auch eine sorgfältige Inspektion der Haut. So ist z. B. die im Kindesalter sehr häufige atopische Dermatitis (Neurodermitis) aufgrund eines starken nächtlichen Juckreizes nicht selten Ursache für einen gestörten Schlaf.

Laborchemische Diagnostik

Laborchemische Untersuchungen spielen bei der Differenzialdiagnostik von Schlafstörungen eine nachrangige Rolle, machen jedoch in folgenden Konstellationen Sinn:
  • Blutgasanalyse (BGA) bei V. a. auf eine schlafbezogene Atmungsstörung

    Diese wird im Kindesalter vorzugsweise als kapilläre BGA durchgeführt (die wesentlich traumatischere arterielle Punktion bietet in diesem Zusammenhang keine wesentliche Mehrinformation und ist meist verzichtbar). Wird die BGA im stationären Aufenthalt durchgeführt, so sollte sie morgens, unmittelbar nach dem Erwachen, durchgeführt werden, um mit der Frage nach einer Hypoventilation die größte Sensitivität zu erreichen. Oft weist auch ein pathologisch hoher (also zu positiver) Basenüberschuss auf eine chronische CO2-Retention hin.

  • Blutbild inkl. Retikulozyten sowie Eisenstoffwechsel bei V. a. ein Restless-legs-Syndrom

  • TSH und fT3 bei V. a. eine Schilddrüsenfunktionsstörung

  • Bei V. a. Narkolepsie: Bestimmung des HLA-Haplotyps DQB1*0602 sowie in speziellen Einzelfällen Orexin (= Hypocretin) im Liquor

  • Gezielte Untersuchungen bei V. a. auf eine andere organische Ursache von Schlafstörungen

Technische Untersuchungsverfahren

Polysomnografie
SchlafstörungPolysomnografieHerzstück der apparativen kinderschlafmedizinischen Diagnostik ist die kardiorespiratorische Polysomnografie (PSG), die durch die parallele Erfassung einer Vielzahl von (oft elektrischen) Biosignalen und weiteren physiologischen Parametern eine differenzierte Charakterisierung des Schlafes und eine Erfassung von Störungen ermöglicht (Tab. 123.3).
Die PSG ist der Goldstandard zur Diagnostik und Einordnung von schlafbezogenen Atmungs- und bewegungsstörungen sowie von Hypersomnien. Darüber hinaus kann die PSG auch bei anderen Schlafstörungen sinnvoll sein. Aufgrund des hohen technischen und zeitlichen Aufwands (sowohl für die Kinder und deren Eltern als auch für das medizinische Personal) sollte die Indikation aber individuell, mit Bedacht und nur bei einer konkreten Fragestellung gestellt werden.
Wann ist die Durchführung einer PSG sinnvoll?
  • V. a. schlafbezogene Atmungsstörung, z. B. obstruktives Schlafapnoesyndrom (OSAS) bzw. Atempausen im Schlaf

  • Z. n. Apparent Life Threatening Event (ALTE)

  • V. a. schlafassoziierte zerebrale Anfälle

  • V. a. organische Ursache einer Schlafstörung

  • V. a. Restless-legs-Syndrom

  • V. a. Hypersomnie

Wann kann die PSG im Einzelfall ggf. einen Zusatznutzen bringen?
  • V. a. Insomnie

  • V. a. Störung der Zirkadianik

  • V. a. Parasomnie

Die ambulante Polygrafie spielt, anders als im Erwachsenenalter, nur eine untergeordnete Rolle, da die Messungen altersbedingt oft schwierig durchzuführen und durch den Artefaktreichtum häufig von geringem diagnostischem Wert sind.
Messung der Tagesschläfrigkeit und der Vigilanz
Zur Erfassung der Tagesschläfrigkeit sowie der Vigilanz werden in spezialisierten schlafmedizinischen Einrichtungen unter anderem folgende Verfahren eingesetzt:
  • Multipler Schlaflatenz-Test (MSLT): Er spielt insbesondere bei der Diagnostik von Hypersomnien eine wichtige Rolle.

  • Multipler Wachbleibetest (MWT).

  • Pupillografischer Schläfrigkeitstest.

  • Psychologische Testbatterien zur Aufmerksamkeitsprüfung (TAP): Diese sollten im Kindesalter grundsätzlich in der altersadaptierten Form eingesetzt werden (KITAP).

  • Konzentrationstests (z. B. d2-Test).

  • Computerbasierte Vigilanztests (z. B. nach Quatember und Maly).

Weitere technische Untersuchungsverfahren
Diese dienen in erster Linie der differenzialdiagnostischen Abklärung von organischen Ursachen einer Schlafstörung und sollten in Abhängigkeit von der klinischen Fragestellung beim individuellen Patienten erwogen werden. Folgende weitere technische Untersuchungsverfahren können im Einzelfall sinnvoll sein:
  • Volles 10/20-EEG

  • 12-Kanal-EKG

  • Echokardiografie

  • pH-Metrie im Ösophagus

  • Lungenfunktionsuntersuchung

  • Akustisches Monitoring der Atemgeräusche (z. B. LeoSound®-Monitor)

  • MRT des Schädels (bei Säuglingen ggf. Sonografie)

  • Ambulante Langzeitaktigrafie

Differenzialdiagnostische Tabellen

Nachfolgend sind in tabellarischer Form die wichtigsten Differenzialdiagnosen von Schlafstörungen bzw. schlafbezogenen Gesundheitsstörungen im Kindes- und Jugendalter dargestellt. Da die jeweiligen Differenzialdiagnosen sehr vom Alter des Patienten abhängen, sind die Tabellen in die 3 Altersgruppen gegliedert:
Wichtig ist zu beachten, dass praktisch jede Schlafstörung aufgrund einer damit verbundenen Unterbrechung des Schlafes (Schlaffragmentierung) und dadurch reduzierten Schlafeffizienz zum Leitsymptom Tagesschläfrigkeit führen kann. Verbunden damit tritt bei Kindern oftmals eine Unkonzentriertheit und ggf. Einschränkung der schulischen Leistungsfähigkeit auf.

Tagesschläfrigkeit kann bei allen Schlafstörungen das Leitsymptom sein.

In den Tabellen sind Schlafstörungen mit eindeutiger Symptomatik nicht enthalten, deren Abbildung aufgrund der Offensichtlichkeit wenig hilfreich ist, wie z. B. Sprechen im Schlaf und Schlafwandeln.

Literatur

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F. Kirchhoff E. Feldmann A. Kramer Diagnostik von Schlafstörungen und schlafbezogenen Atmungsstörungen im Kindes- und Jugendalter im Schlaflabor Monatsschr Kinderheilkd 160 2012 62 66

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J.A. Owens A. Spirito M. McGuinn The children's sleep habits questionnaire (CSHQ): psychometric properties of a survey instrument for school-aged children Sleep 23 8 2000 1043 1051

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