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B978-3-437-22532-1.00122-1

10.1016/B978-3-437-22532-1.00122-1

978-3-437-22532-1

Abb. 122.1

[L217]

Differenzialdiagnose von Tic-Störungen.

Abnorme Bewegungen, die in Verbindung mit neurologischen Erkrankungen auftreten können

Tab. 122.1
  • Choreiforme Bewegungen sind tanzende, zufällige, unregelmäßige und sich nicht wiederholende Bewegungen.

  • Dystone Bewegungen sind langsamere Drehbewegungen, bei denen länger anhaltende Zustände von muskulärer Anspannung auftreten.

  • Athetotische Bewegungen sind langsame, unregelmäßige, sich windende Bewegungen vor allem der Finger und Zehen, häufig auch unter Beteiligung der Gesichts- und Halsmuskeln.

  • Myoklonien sind kurze, zuckende Kontraktionen von einzelnen Muskeln oder Muskelgruppen, die jedoch nicht zusammenwirken.

  • Hemiballismische Bewegungen sind periodisch auftretende, grobe, ausholende und einseitig auftretende Bewegungen der Gliedmaßen.

  • Spasmen sind stereotyp, langsamer und länger anhaltend als Tics und betreffen ganze Muskelgruppen.

  • Hemifaziale Spasmen bestehen aus unregelmäßigen, wiederholten und einseitig auftretenden Zuckungen der Gesichtsmuskulatur.

  • Synkinesien beinhalten unwillkürliche Bewegungen, die willkürliche Bewegungen begleiten (z. B. Bewegung des Mundwinkels, wenn die Person das Auge schließen will).

Diagnostische Kriterien der vorübergehenden Tic-StörungTicsvorübergehende

Tab. 122.2
  • Einzelne oder multiple motorische und/oder vokale Tics (d. h. plötzliche, schnelle, sich wiederholende, unrhythmische, stereotype motorische Bewegungen oder Lautäußerungen) treten, jedoch nicht gleichzeitig, zu irgendeinem Zeitpunkt im Verlauf der Krankheit auf.

  • Die Tics treten mindestens 4 Wochen lang fast jeden Tag mehrmals auf. Der Zeitraum, in dem die Tics auftreten, ist jedoch niemals länger als 12 aufeinanderfolgende Monate.

  • Die Störung führt zu starker innerer Anspannung oder verursacht deutliche Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder in anderen wichtigen Funktionsbereichen.

  • Der Beginn der Störung liegt vor dem Alter von 18 Jahren.

  • Die Störung ist nicht durch die direkte körperliche Wirkung einer Substanz (z. B. Stimulanzien) oder einen medizinischen Krankheitsfaktor (z. B. Huntington-Erkrankung oder postvirale Enzephalitis) bedingt.

  • Die Kriterien einer Tourette-Störung oder einer chronischen motorischen oder vokalen Tic-Störung waren zu keinem Zeitpunkt erfüllt.

Diagnostische Kriterien der chronischen motorischen oder vokalen Tic-StörungTicsmotorischeTicsvokale

Tab. 122.3
  • Einzelne oder multiple motorische oder vokale Tics treten, jedoch nicht gleichzeitig, zu irgendeinem Zeitpunkt im Verlauf der Krankheit auf.

  • Die Tics treten mehrmals täglich entweder fast jeden Tag oder intermittierend im Verlauf eines Jahres auf. In dieser Zeit gab es niemals eine ticfreie Phase, die länger als 3 aufeinanderfolgende Monate andauerte.

  • Die Störung führt zu deutlichem Leiden oder verursacht in bedeutsamer Weise Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder in anderen wichtigen Funktionsbereichen.

  • Der Beginn der Störung liegt vor dem Alter von 18 Jahren.

  • Die Störung ist nicht durch die direkte körperliche Wirkung einer Substanz (z. B. Stimulanzien) oder einen medizinischen Krankheitsfaktor (z. B. Huntington-Erkrankung oder postvirale Enzephalitis) bedingt.

  • Die Kriterien der Tourette-Störung waren zu keinem Zeitpunkt erfüllt.

Diagnostische Kriterien der Tourette-StörungGilles-de-la-Tourette-Syndromdiagnostosche KriterienTicsGilles-de-la-Tourette-Syndrom

Tab. 122.4
  • Multiple motorische Tics sowie mindestens ein vokaler Tic treten im Verlauf der Krankheit auf, jedoch nicht unbedingt gleichzeitig.

  • Die Tics treten mehrmals täglich (gewöhnlich anfallsweise) entweder fast jeden Tag oder intermittierend im Zeitraum von über 1 Jahr auf. In dieser Zeit gab es niemals eine ticfreie Phase, die länger als 3 aufeinanderfolgende Monate andauerte.

  • Die Störung führt zu starker innerer Anspannung oder verursacht deutliche Beeinträchtigungen in sozialen, beruflichen oder in anderen wichtigen Funktionsbereichen.

  • Der Beginn liegt vor dem Alter von 18 Jahren.

  • Die Störung ist nicht durch die direkte körperliche Wirkung einer Substanz (z. B. Stimulanzien) oder einen medizinischen Krankheitsfaktor (z. B. Huntington-Erkrankung oder postvirale Enzephalitis) bedingt.

Tics

Manfred Döpfner

Gerd Lehmkuhl

Symptombeschreibung

TicsTics sind unwillkürliche, rasche, wiederholte, nichtrhythmische motorische Bewegungen, die umschriebene Muskelgruppen betreffen (motorische TicsTicsmotorische), oder vokale Produktionen, die plötzlich einsetzen und keinem offensichtlichen Zweck dienen (vokale Tics). Sowohl motorische als auch vokale Tics können in ihrer Komplexität, Intensität und Art inter- und intraindividuell beträchtlich variieren.
Zu den einfachen motorischen Tics zählen:
  • Augenblinzeln

  • Kopfwerfen

  • Schulterzucken

  • Grimassieren

Komplexe motorische Tics sind oft langsamer und wirken in ihrem Erscheinungsbild eher einem Ziel zugeordnet. Sie können jede Art von Bewegung widerspiegeln, die der Körper hervorrufen kann. Übliche komplexe motorische Tics enthalten:
  • Bewegungen des Gesichts

  • Springen

  • Berühren

  • Stampfen

Bei den vokalen TicsTicsvokale variiert der Komplexitätsgrad von Räuspern, Bellen, Grunzen, Schnüffeln und Zischen bis hin zu der Wiederholung bestimmter Wörter und dem Gebrauch sozial unannehmbarer, oft obszöner Wörter (KoprolalieKoprolalie, Tics) sowie der Wiederholung eigener Laute oder Wörter (PalilaliePalilalie, Tics) und EcholalieEcholalie, Tics (Wiederholung des zuletzt gehörten Lautes, Wortes oder Satzes). Komplexe Tics entwickeln sich so gut wie immer nach einfachen Tics.
Es gibt eine immense Variation des Schweregrades von TicsTicsSchweregrade. Am einen Extrem ist das Phänomen fast normal, da zumindest jedes 10., möglicherweise auch jedes 5. Kind zu irgendeiner Zeit passagere Tics zeigt. Am anderen Extrem steht die Tourette-Störung als eine seltene, oft chronische Störung. Etwa 3–8 von 1000 Menschen entwickeln eine Tourette-Störung. Wahrscheinlich stellen die verschiedenen Tic-Störungen unterschiedliche Ausprägungen auf einem Kontinuum dar und sind keine voneinander abgegrenzten Störungseinheiten. Dennoch dienen die Einteilungen der gängigen klinischen Klassifikationssysteme als eine wichtige Orientierungshilfe.
Tics können manchmal über lange Zeit stabil bleiben. Sie lassen unter nicht angstbesetzter Ablenkung und Konzentration nach, interferieren kaum mit intendierten Bewegungen (werden z. B. beim Schreiben ganz unterdrückt oder auf dabei nicht beteiligte Muskelgruppen „umgeleitet“) und sie nehmen unter emotionaler Anspannung zu. Tics können willkürlich für Minuten bis Stunden unterdrückt werden. Sie zeigen sich fast durchweg zuerst und am häufigsten im proximalen und später (und seltener) im distalen Körperbereich. Während des Schlafes sind die Tics gewöhnlich deutlich abgeschwächt.
Bevor die Patienten einen motorischen oder vokalen Tic ausführen, fühlen sie häufig eine zunehmende Körperanspannung oder innere Unruhe (sensorische Komponente von TicsTicssenorische). Häufig versuchen die Patienten in diesem Stadium, die Bewegungen oder die Lautäußerungen zu unterdrücken, aber im Verlauf von Sekunden oder Minuten steigt der Impuls derart an, dass der Patient diesem nicht mehr Herr werden kann. Manchmal ist der Patient in der Lage, den Andrang dieses Impulses zu vermindern, ihn durch Konzentration und andere Aktivitäten tatsächlich auch ganz aus seinem Erlebensbereich zu eliminieren, vielfach wird es ihm aber trotz einer enormen Anstrengung nicht gelingen. Er wird den Tic nach außen lassen, die Entlastung von der inneren Spannung wohltuend erleben, die unangenehme Sinneserfahrung wird verstummt sein. Innerhalb von Sekunden oder Minuten kann diese Phase der Entlastung allerdings wieder vorbei sein und der Patient dann einer erneuten Welle von innerer Anspannung und der gesamten Prozedur, vielleicht in einem anderen Körperteil, ausgesetzt sein.
Tics können verschoben werden, in ihrer Ausprägung beeinflusst und für kurze oder längere Zeiträume unterdrückt werden. Kindern ist es häufig möglich, zu warten, bis sie zu Hause sind, bevor sie mit dem Ausstoßen eines Schreies beginnen. Sie sind mitunter in der Lage, rechtzeitig für kurze Zeiträume den Klassenverband zu verlassen, um ihre Tics gehen zu lassen, und dann beruhigt wieder zurückzukehren. Besonders unangenehme Tics können verschleiert, in Willkürhandlungen eingebaut, verlangsamt und geordnet werden.
Etwa in der Hälfte der Fälle weisen Patienten mit chronischen multiplen Tics oder mit Tourette-Störung eine Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätstörung (ADHS)TicsAufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) auf. In der Regel entwickelt sich die hyperkinetische Symptomatik vor der Tic-Symptomatik. Verschiedene Studien weisen darauf hin, dass ZwangsstörungenTicsZwangsstörungen eng mit der Tourette-Störung in Verbindung stehen. Bei Patienten mit massiver Tourette-Symptomatik wird gehäuft selbstverletzendes Verhalten beobachtet. Eine depressive SymptomatikTicsDepression kann bei Patienten mit Tic-Störung ebenfalls häufiger festgestellt werden. Die soziale Anpassung und die schulische und berufliche Leistungsfähigkeit können aufgrund der Ablehnung durch andere oder der Furcht vor dem Auftreten von Tics in sozialen Situationen erheblich beeinträchtigt sein. Ferner können in schweren Fällen die Tics selbst die täglichen Aktivitäten wie Schreiben und Lesen beeinträchtigen. Selten auftretende Komplikationen der Tourette-Störung beinhalten körperliche Schäden wie Blindheit durch Netzhautablösung (infolge des Kopfanstoßens oder von Schlägen ins eigene Gesicht), orthopädische Probleme (durch Kniebeugen, ruckartige Bewegungen des Halses oder Drehen des Kopfes) sowie Hautprobleme (durch Zupfen).

Rationelle Diagnostik

Anamnese

Grundlage einer rationellen Diagnostik sind die Anamnese und Exploration der Eltern und des Kindes/Jugendlichen, wobei zunächst neben den Tic-Symptomen auch andere psychische Auffälligkeiten und Hinweise auf organische Erkrankungen erhoben werden müssen. Die erhöhte Rate hyperkinetischer Symptome und zwanghafter Verhaltensweisen, letztere vor allem bei jugendlichen Patienten mit Tourette-Syndrom, sowie die erhöhte Rate emotionaler Störungen – häufig als Folge der Tic-Symptomatik – machen eine genaue Abklärung vor allem dieser Symptome notwendig. Zur klinischen Beurteilung psychischer Auffälligkeiten können das psychopathologische Befundsystem sowie die Diagnose-Checklisten zur Erfassung psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter herangezogen werden (Kap. 121).
Tics im Rahmen einer primären Grundstörung
Abb. 122.1 zeigt ein Flussdiagramm zur differenzialdiagnostischen Abgrenzung. Tics sind von anderen Arten abnormer Bewegungen zu unterscheiden, die in Verbindung mit anderen medizinischen Grunderkrankungen auftreten können (z. B. Chorea Huntington, Schlaganfall, Lesch-Nyhan-Syndrom, Wilson-Krankheit, Chorea Sydenham, multiple Sklerose, postvirale Enzephalitis, Hirnverletzungen) (Tab. 122.1). Abnorme Bewegungen können auch durch die direkten Auswirkungen einer Substanz (z. B. Neuroleptika oder Stimulanzien) bedingt sein. Diese Differenzierung wird weiter erleichtert, wenn die Merkmale einer zugrunde liegenden Erkrankung (z. B. eine typische familiäre Vorgeschichte bei der Huntington-Krankheit) oder eine Vorgeschichte von Medikamentengebrauch mit berücksichtigt werden. Außerdem sind Tic-Bewegungen relativ leicht willkürlich zu unterdrücken und zu produzieren. Auch wenn manche Dyskinesien willentlich unterdrückt werden können, so ist diese Möglichkeit selten, geringgradig und höchstens sehr kurzfristig möglich. Der Wechsel von einem Tic-Phänomen zu einem anderen ist ein Merkmal von Tic-Störungen, das in dieser Form kaum bei anderen Dyskinesien zu beobachten ist.
Medikamenteninduzierte Störung
TicsmedikamenteninduzierteTreten Tics als direkte Folge von Medikamentengebrauch auf, würde anstelle eines Tics eher eine nicht näher bezeichnete medikamenteninduzierte Bewegungsstörung infrage kommen. In einigen Fällen können bestimmte Medikamente (z. B. Methylphenidat) einen bereits bestehenden Tic verstärken.
Stereotypien
Tics sind auch von stereotypen Bewegungen zu unterscheiden, die bei einer stereotypen Bewegungsstörung oder bei Autismus-Spektrum-Störungen beobachtet werden. Die Unterscheidung einfacher Tics (z. B. Blinzeln) von komplexen Bewegungen, die für stereotype Bewegungen charakteristisch sind (z. B. wiegende Körperbewegungen, Gegenstände in den Mund nehmen, sich selbst beißen), ist relativ einfach. Komplexe motorische Tics sind dagegen von stereotypen Bewegungen weniger klar zu trennen. Stereotype Bewegungen erscheinen im Allgemeinen eher getrieben und absichtlich, während Tics eher unwillkürlich und unrhythmisch ablaufen.
Zwangshandlungen
TicsZwangshandlungenTics müssen auch von ZwangshandlungenZwangshandlung (wie z. B. bei der Zwangsstörung) unterschieden werden. Zwangshandlungen sind typischerweise recht komplex und treten meist als Reaktion auf Zwangsvorstellungen auf oder laufen nach strikten Regeln ab. Zwangshandlungen gleichen manchmal komplexen Tics, unterscheiden sich jedoch dadurch, dass ihre Ausgestaltung eher durch den Zweck (etwa ein Objekt in einer bestimmten Häufigkeit zu berühren oder umzudrehen) als durch die betroffene Muskelgruppe definiert wird. Im Unterschied zu Zwängen sind Tics typischerweise weniger komplex und haben nicht die Funktion, Ängste zu reduzieren, die aus Zwangsvorstellungen resultieren. Einige Personen zeigen sowohl Symptome der Zwangsstörung als auch Symptome eines Tics (insbesondere bei Tourette-Störung), sodass beide Diagnosen gerechtfertigt sein können.
Schizophrenie
TicsSchizophrenieBestimmte vokale oder motorische Tics (z. B. Bellen, Echolalie, Palilalie) sind von unorganisierten Verhaltensweisen oder katatonen Symptomen bei SchizophrenieSchizophrenie zu unterscheiden. Manierismen, die z. B. bei manchen schizophrenen Störungen auftreten, umfassen eher komplexere und variablere Bewegungen, als sie üblicherweise bei Tics gesehen werden.

Klassifikationsmerkmale von Tic-Störungen

TicsKlassifikationZentrale Klassifikationsmerkmale von Tic-Störungen sind das isolierte bzw. gemeinsame Auftreten von motorischen und vokalen Tics und ihr Chronifizierungsgrad. Dementsprechend wird zwischen der vorübergehenden Tic-Störung, der chronischen motorischen oder vokalen Tic-Störung und der Tourette-Störung, der Kombination von vokalen und motorischen Tics, unterschieden. Zur diagnostischen Einordnung kann die Diagnose-Checkliste für Tic-Störungen herangezogen werden, die Bestandteil der Diagnose- und Symptom-Checklisten zur Erfassung psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter (DISYPS-KJ) ist.
Die vorübergehende Tic-StörungTicsvorübergehende dauert gewöhnlich eine Woche oder wenige Monate, jedoch nicht mehr als ein Jahr (Abb. 122.1). Vorübergehende Tics können aber auch wiederkehren, vor allem während der Phasen, in denen das Kind unter Stress steht. Tab. 122.2 zeigt die Diagnosekriterien nach DSM-IV für die vorübergehende Tic-Störung, die mit den Kriterien nach ICD-10 weitgehend übereinstimmen. Sie ist als die häufigste Tic-Störung im Alter von 4 oder 5 Jahren am meisten verbreitet, oft in Form von Blinzeln, Grimassieren oder Kopfschütteln. Das US-amerikanische Klassifikationssystem für psychische Störungen (DSM-5) spricht von einer vorläufigen Tic-Störung, weil im 1. Jahr des Auftretens der Symptome nicht entschieden werden kann, ob die Symptomatik tatsächlich vorübergehend ist oder ob sich eine chronische Form der Tic-Störung entwickelt
Bei der chronischen motorischenTicsmotorische oder vokalen Tic-StörungTicsvokale (Tab. 122.3) persistieren motorische oder vokale Tics zumindest über ein Jahr, sie treten jedoch nicht gemeinsam auf und können als Einzel-Tic, häufiger jedoch als multipler Tic ausgeprägt sein. Die Mehrzahl der Kinder erlebt in der Adoleszenz eine spontane Besserung, obwohl auch später ein erneuter Rückfall möglich ist.
Bei der Tourette-Störung (Gilles-de-la-Tourette-SyndromGilles-de-la-Tourette-SyndromTicsGilles-de-la-Tourette-Syndrom) müssen gegenwärtig oder in der Vergangenheit multiple motorische Tics und zumindest ein vokaler Tic aufgetreten sein, auch wenn beide Tic-Formen nicht notwendigerweise gleichzeitig auftreten (Tab. 122.4). Die betroffene Körperregion, Anzahl, Häufigkeit, Komplexität und der Schweregrad der Tics verändern sich mit der Zeit. Tics betreffen typischerweise den Kopf und häufig auch andere Körperteile, wie z. B. den Rumpf und die oberen und unteren Gliedmaßen. Gelegentlich treten komplexe motorische Tics mit dem Drang zu Berührungen, zum Niederkauern, zu tiefen Kniebeugen, zu Rückwärtsschritten und zum Herumdrehen während des Laufens auf.
Die vokalen Tics sind oft ebenfalls multipel ausgeprägt und können aus den unterschiedlichsten Lauten wie Zungenschnalzen, Grunzen, Jaulen, Bellen, Schnüffeln, Husten oder Ausstoßen von Wörtern bestehen. Koprolalie, ein komplexer vokaler Tic mit dem Drang, Obszönitäten auszusprechen, tritt bei einigen Betroffenen (weniger als 10 %) auf. So gut wie immer liegt der Beginn in der Kindheit oder der Adoleszenz. Das Durchschnittsalter bei Beginn beträgt 7 Jahre, meist beginnt die Störung vor Vollendung des 14. Lebensjahres. Gewöhnlich gibt es eine Vorgeschichte motorischer Tics, bevor sich vokale Tics entwickeln. Die Störung hält gewöhnlich das ganze Leben an, wobei Remissionsphasen von Wochen oder Jahren auftreten können. In den meisten Fällen nehmen der Schweregrad, die Häufigkeit und die Variabilität der Symptome während der Adoleszenz und im Erwachsenenalter ab. In anderen Fällen verschwinden die Symptome bis zum frühen Erwachsenenalter vollständig.

Detaillierte Exploration der Tic-Symptomatik

TicsExploration, detaillierteBei der detaillierten Exploration der Tic-Symptomatik sind neben den Angaben der Eltern bei älteren Kindern auch die Informationen der Patienten selbst sehr wichtig. Viele Tic-Patienten erleben die Symptomatik als beschämend, sie leiden massiv unter der zumindest irritierten, häufig verletzenden Reaktion der Umwelt auf die Tic-Symptomatik und sind deshalb einer Exploration zumindest anfangs schwer zugänglich. Deshalb erscheint es oft notwendig, vor einer differenzierten Exploration der Symptomatik das Gespräch auf andere Lebensbereiche zu richten, damit den Beziehungsaufbau zu unterstützen und dann vorsichtig mit der Exploration der Symptomatik zu beginnen.
Dabei sollten zunächst die aktuelle Tic-Symptomatik (der letzten Woche) hinsichtlich Art, Frequenz und Intensität einzelner Tics sowie der subjektive Leidensdruck des Patienten erhoben werden. Bei multiplen Tics sollte eine möglichst genaue Herausarbeitung und Unterscheidung der einzelnen Tic-Symptome erfolgen. Eine modifizierte Form der Yale Global Tic Severity Scale (YGTSS-R), die im Diagnostiksystem für psychische Störungen nach ICD-10 und DSM-5 für Kinder- und Jugendliche (DISYPS-III) eingesetzt wird, ist dabei hilfreich. Da die Selbstwahrnehmungsfähigkeit der Symptomatik meist vermindert ist, die Patienten darüber hinaus zu Dissimulationen neigen und Patienten häufig andere Tic-Symptome belastender empfinden als Bezugspersonen, ist die Exploration von Bezugspersonen, vor allem der Eltern, von besonderer Bedeutung. Weil die Tic-Symptomatik mit dem sozialen Kontext mitunter erheblich variieren kann, sollten auch Angaben von Lehrern oder Erziehern eingeholt werden.
Bei der Exploration der Intensität und Frequenz einzelner Tics sollten situative Variationen berücksichtigt werden. Typischerweise treten Tics häufiger bei positiven oder negativen Erregungszuständen und bei Anspannung und seltener während ablenkender Tätigkeiten auf. Häufig ist eine Abhängigkeit von sozialen Situationen zu beobachten, die auch durch aktive Selbstkontrollversuche der Patienten bedingt ist: In Situationen, in denen aversive Reaktionen der Umgebung besonders gefürchtet werden, vor allem in der Öffentlichkeit, in der Schule, in der Gleichaltrigengruppe, sind Selbstkontrollbemühungen besonders intensiv, wodurch Tic-Impulse aktiv unterdrückt oder in weniger auffällige Handlungen eingekleidet werden.
Die Erhebung des Verlaufs der Tic-Symptomatik gibt ebenfalls weitere Hinweise auf situative Einflüsse auf die Symptomatik (z. B. familiäre Stresssituationen, schulische Be- und Entlastung), und sie gibt Aufschluss auf den Chronifizierungsgrad der einzelnen Tic-Symptome. Bei der Exploration der Tic-Symptomatik sind klinische Beurteilungsskalen und Explorationsleitfäden besonders hilfreich.

Fragebogenverfahren und testpsychologische Untersuchungen

TicsTestpsychologieFragebogenverfahren und testpsychologische Untersuchungen dienen
  • der Erhebung anderer psychischer Auffälligkeiten des Patienten,

  • der genaueren Erfassung der Tic-Symptomatik,

  • der Überprüfung der intellektuellen Leistungsfähigkeit,

  • der Erfassung familiärer Bedingungen.

Zur Erhebung psychischer Auffälligkeiten werden Fragebogenverfahren eingesetzt, die ein breites Spektrum psychischer Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen erfassen. Dabei wird neben dem Elternurteil auch das Urteil von Kindergarten-Erzieherinnen oder Lehrern und bei älteren Kindern (etwa ab 11 Jahren) auch die Selbsteinschätzung der Kinder erhoben (Kap. 121).
Häufig ist eine genaue Erhebung der Symptomatik durch die Exploration der Patienten und der Bezugsperson nur begrenzt möglich. Genauere Informationen lassen sich meist durch tägliche Einschätzungen der Symptomhäufigkeit in bestimmten Tagesabschnitten oder über den ganzen Tag hinweg anhand einer Tagesbeurteilung oder durch eine unmittelbare Registrierung des Auftretens der Symptome in umschriebenen Situationen durch den Patienten selbst oder durch Bezugspersonen erheben.
Eine zumindest orientierende Intelligenz- und LeistungsdiagnostikTicsIntelligenz-/Leistungsdiagnostik ist dann indiziert, wenn Hinweise auf schulische Leistungsprobleme vorliegen. Bei Hinweisen auf familiäre Probleme ist eine entsprechende Familiendiagnostik auch unter Anwendung von Fragebogenverfahren notwendig.

Verhaltensbeobachtung

TicsVerhaltensbeobachtungWährend der Untersuchung und Exploration werden Tic-Symptome beobachtet und registriert. Allerdings ist es nicht ungewöhnlich, dass sowohl der Patient als auch die Eltern von ausgeprägten Tics berichten, in der Untersuchungssituation jedoch keine oder nur eine geringfügige Tic-Symptomatik beobachtet werden kann.

Körperliche Untersuchung

Eine neurologische Untersuchung einschließlich einer Ableitung des HirnstrombildesTicsHirnstrombild dient dem Ausschluss anderer neurologischer Ursachen der Symptomatik.

Besondere Hinweise

Besonders FragebogenverfahrenTicsFragebogenverfahren und Beobachtungsbögen sollten auch zur Verlaufskontrolle und zur Kontrolle von Therapieeffekten eingesetzt werden.

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