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B978-3-437-22532-1.00047-1

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978-3-437-22532-1

Ursachen objektiver Ohrgeräusche bei Kindern (sehr selten) Tinnitusobjektiver

Tab. 47.1
vaskuläre Ursachen
  • extrakranielle Lokalisation

    • Karotisstenose

    • Vertebralisstenose

    • Hämangiom

    • Glomuskarotikum-Tumor

    • Herzvitien

  • intrakranielle Lokalisation

    • arteriovenöse Fistel

    • Hämangiom

    • Hochstand des Bulbus venae jugularis

  • veränderte Rheologie

    • Anämie

    • Polyzythämie

muskuläre Ursachen
  • Gaumenmuskulatur

    • Palatomyoklonus des M. tensor oder M. levator veli palatini

  • Binnenmuskulatur des Mittelohrs

    • Spasmus, seltener Myoklonus des M. tensor tympani

    • Spasmus, seltener Myoklonus des M. stapedius

Ursachen subjektiver Ohrgeräusche bei KindernTinnitussubjektiver

Tab. 47.2
  • Schallleitungsbedingte Schwerhörigkeiten, Erkrankungen des Mittelohrs.

  • Paukenergüsse, Tubenbelüftungsstörungen.

  • Schwerhörigkeiten des Innenohrs, erworben, hereditär bedingt oder traumatisch (Lärm, Unfall).

  • Innenohrschwerhörigkeiten mit und ohne Tinnitus können auch bedingt sein durch: Autoimmunerkrankungen, Herz-Kreislauf-Krankheiten, Stoffwechselkrankheiten Nierenkrankheiten, schwere Allgemeinerkrankungen, rheumatische Krankheiten oder Allergien.

  • Zentrale Hörstörungen, die entstehen können durch: neurologische Krankheiten, Erkrankungen des zentralen Nervensystems, durch psychosomatische Krankheitsbilder, vegetative Störungen, Stress und Erschöpfung.

  • Sehr selten entstehen subjektive Ohrgeräusche durch: funktionelle Störungen der Halswirbelsäule oder des Kiefergelenks.

Tinnitus

Gerhard Hesse

Hasso von Wedel

Symptombeschreibung

Einleitung und Epidemiologie

TinnitusTinnitus (lat. tinnire = klingeln) steht gleichbedeutend für Ohrgeräusche und entspricht der Wahrnehmung eines akustischen Phänomens, das nicht durch von außen kommende Geräusche hervorgerufen wird. Es wird an irgendeiner Stelle der Hörbahn, meist in der Kochlea, generiert, dann fortgeleitet und im Kortex als ein Störgeräusch wahrgenommen. Wie alle wiederkehrenden Dauerreize wird es jedoch in den meisten Fällen durch die sinnliche Wahrnehmung wieder habituiert, d. h. bereits subkortikal weggefiltert. Gelingt dies nicht bzw. wird der Tinnitus mit besonderer Bedeutung belegt, so kann er zu einem störenden und manchmal auch zu Folgeerscheinungen führenden Beschwerdebild werden; dadurch kann eine eigenständige Erkrankung entstehen. Epidemiologische Studien für Europa und die Vereinigten Staaten gehen von Zahlen aus, bei denen ca. ¼ aller Menschen bereits Tinnitus-Sensationen einmal erlebt haben, während 10–15 % der Menschen Tinnitus über einen längeren Zeitraum hören, tatsächlich aber nur 3–5 % als behandlungsbedürftig gelten, von denen wiederum die Hälfte erheblich belastet ist (Hesse 2016). Genaue Prävalenzzahlen über das Auftreten von Tinnitus im Kindesalter liegen verlässlich nicht vor. Die meisten diesbezüglichen Publikationen beziehen sich nicht auf repräsentative Datensammlungen, sondern auf Konsultationen in HNO-Praxen oder -Kliniken und sind daher vorselektiert.
Die wenigen existierenden Untersuchungen zur Epidemiologie von Tinnitus bei Kindern gehen von einer 5- bis 10-prozentigen Prävalenz aus (Savastano 2007, Coelho et al. 2007, Bulbul et al. 2009). Häufig, so etwa eine aktuelle groß angelegte Auswertung von 60.000 Kindern aus Polen, werden die Beschwerden eher von den Eltern vorgetragen, nur 33 % der Kinder gaben selbst Ohrgeräusche an. In den allermeisten Fällen bestand eine Koinzidenz zu Hörstörungen (Raj-Koziak et al. 2013).
Dies mag auch damit zusammenhängen, dass Kinder Tinnitus häufig nicht beurteilen können und deshalb auch nicht mitteilen. Da Ohrgeräusche Hörempfindungen darstellen, die keinen Signal- oder Informationscharakter haben, werden sie vor allem bei Kindern anders wahrgenommen und zentral schneller kompensiert und habituiert als im Erwachsenenalter.

Formen und Ursachen

Grundsätzlich sind Ohrgeräusche nicht als eigenständige Krankheit anzusehen, sie entsprechen vielmehr einem Symptom gestörter oder veränderter Hörwahrnehmung. Dabei sind Ätiologie und Ursprung unterschiedlich: TinnitusUrsachen
  • Der sehr selten auftretende objektivierbare und objektive TinnitusTinnitusobjektiver wird durch eine interne Schallquelle im Bereich des peripheren Hörorgans hervorgerufen, entspricht daher eher gehörten Körpereigengeräuschen (Hesse 2015). Pulsierende Ohrgeräusche können entstehen durch vaskuläre Prozesse, z. B. Stenosen der Arteria carotis oder ohrnaher Gefäße, durch arteriovenöse Shunts oder Fisteln. Muskuläre Störungen wie Spasmen, Kontraktionen oder Myoklonien der im Mittelohr gelegenen Binnenohrmuskeln sowie der Gaumenmuskeln werden eher als Klacken oder Schmatzen gehört (Tab. 47.1). Diese akustischen Signale werden über entsprechende Gewebestrukturen und über den Knochen an das Innenohr des Patienten weitergeleitet und führen dort zur Stimulation und damit zu einer akustischen Wahrnehmung. Objektive Ohrgeräusche lassen sich häufig mithilfe von Stethoskop, Hörschlauch sowie Mikrofon im Bereich des äußeren Ohrs oder Gehörgangs objektivieren; sie sind aber gerade bei Kindern extrem selten.

  • Im Gegensatz zu den objektiven Ohrgeräuschen lassen sich die subjektiven OhrgeräuscheTinnitussubjektiver, auch als Tinnitus auriumTinnitus aurium

  • bezeichnet, diagnostisch nur eingeschränkt objektivieren. Sie werden subjektiv vollkommen unterschiedlich empfunden (Klingeln, Tönen, Pfeifen, Zischen, Summen, Sausen oder Brummen) und entweder im Ohr, im Kopf, rechts oder links oder beidseitig lokalisiert. Die Frequenz dieser verschiedenen Tinnitusformen ist unterschiedlich, auch wenn hochfrequente Ohrgeräusche wesentlich häufiger sind. Fast immer lässt die Frequenz des Tinnitus Rückschlüsse zu auf eine meist begleitende Hörminderung. Mögliche Ursachen sind in Tab. 47.2 aufgeführt.

Durch Stress, Lärm, Nikotin, Alkohol, Blutdruckänderungen, Nackenverspannungen etc. und auch durch körperliche Belastungen kann Tinnitus individuell unterschiedlich moduliert oder verstärkt werden. Häufig entsteht durch Hinwendungs- und emotionale Reaktionen auf ein derartiges Störgeräusch ein Circulus vitiosus, der eine Tinnitusverstärkung bewirkt. Dadurch werden normale Habituationseffekte der Wahrnehmung auf unwichtige und wiederkehrende Sinneswahrnehmungen verhindert.
Verbunden mit einem (belastenden) Tinnitus sind besonders wegen der emotional psychischen Mitreaktionen häufig Schlaf- und Konzentrationsstörungen bis hin zu Depressionen mit Angstzuständen (Goebel 2010).
Oft werden Ohrgeräusche im Rahmen oder als Begleitung mittelohrbedingter oder kochleärer Hörstörungen ausgelöst und im auditiven Kortex des zentralen Hörbahnsystems sozusagen als Engramme abgebildet. Dies führt dazu, dass häufig Tinnitus über das limbische System sowie subkortikale Areale des vegetativen Nervensystems verstärkt wird und z. B. bei der früher häufig vorgenommenen Durchtrennung des Hörnervs weiterhin persistieren kann.
Kinder geben oft erst auf Nachfragen an, dass sie Ohrgeräusche hören, z. B. in Begleitung von Paukenergüssen oder nach Mittelohrentzündungen (Baguley und McFerran 1999). Wegen der normalen Habituationsfähigkeit des Hörsystems und damit auch der Fähigkeit, Störgeräusche herausfiltern zu können, leiden junge Menschen darunter in der Regel nicht. Da sich Lernprozesse zudem gewöhnlich im jungen Alter wesentlich schneller und wirkungsvoller vollziehen, greifen auch Kompensations- bzw. Habituationsmechanismen schneller.
Allerdings führen gehäufte Otitiden in der Kindheit häufiger zur Wahrnehmung von Ohrgeräuschen im Erwachsenenalter, wie Nachuntersuchungen von Kindern, die wegen einer Mittelohrentzündung behandelt worden waren, zeigen (Dawes und Welch 2010).
Auch bei Kindern sind Ohrgeräusche häufig Erstsymptom einer Schwerhörigkeit, die dann für die Entwicklung des Kindes eine Beeinträchtigung darstellt.

Meist sind es aber die Eltern, die besorgt den HNO-Arzt aufsuchen und über Ohrgeräusche ihrer Kinder berichten. Dies trifft umso mehr zu, wenn Eltern selbst unter Tinnitus leiden. Übereinstimmend wird in vielen Untersuchungen dokumentiert, dass Kinder selbst spontan nur sehr selten Ohrgeräusche angeben.

Bei manchen Kindern treten Ohrgeräusche als psychisches Überlastungssymptom oder als Folge von Stressbelastungen auf, in der Regel bedingt durch schulische oder auch familiäre Überforderung (Zorowka 1992). Wenn Kinder daher wirklich über Ohrgeräusche klagen, sollte das sehr ernst genommen werden. HNO-ärztlicherseits muss die genaue Ursache ermittelt und natürlich auch, wenn möglich, eine Behandlung eingeleitet werden.
In vielen Fällen sind es jedoch die Eltern, die auf eine Behandlung des Symptoms drängen. Dann haben die Kinder erwähnt, sie hätten ein Ohrgeräusch, oder ein Elternteil leidet unter Tinnitus und das Kind gibt an, auch gelegentlich ein Ohrgeräusch zu hören. Zwar leiden die Kinder keinesfalls und fühlen sich auch nicht gestört, aber dennoch greifen die Eltern dies auf: Sie sind entweder überbesorgt, denken an die eigene Krankengeschichte oder glauben, eventuell durch das Ohrgeräusch eine Entschuldigung für schlechte schulische Leistungen gefunden zu haben. Sie gehen dann mit den Kindern von Arzt zu Arzt, um die bestmögliche Therapie zu finden. Dabei wird jedoch verkannt, dass, wie wir das bei Erwachsenen auch kennen, auf diese Weise eine Fixierung verstärkt und eine Habituation des Tinnitus verhindert werden.

Pathophysiologie

Tinnitus ist ein Symptom gestörter Hörwahrnehmung, er kann daher auch die unterschiedlichsten Ursachen haben. Liegt eine Schädigung in irgendeiner Station der Hörbahn vor, dann resultiert daraus immer auch eine Veränderung der Hörwahrnehmung; in der Regel entsteht ein Tinnitus in der Folge dieser Veränderung.
Veränderungen der Schallleitung im äußeren Gehörgang, etwa durch Zerumen oder eine Otitis externa, oder Erkrankungen des Mittelohrs, wie akute oder chronische Mittelohrentzündungen, Otosklerose, aber auch Paukenergüsse oder Tubenbelüftungsstörungen können einen Tinnitus hervorrufen. Immer bilden die veränderte Schallübertragung und der resultierende Hörverlust den auslösenden Faktor dafür, dass sich die Spontanaktivität der Neuronen der Hörbahn ändert und diese Veränderung als Tinnitus gehört wird.
Wesentlich komplexer und zugleich hypothetischer sind die Zusammenhänge, versucht man, die Entstehung von Ohrgeräuschen im Innenohr zu erklären. Sicherlich ist eine Schädigung oder eine Fehlsteuerung der Schallempfindung als Tinnitusursache wesentlich häufiger (> 90 % bei n = 1874; Hesse et al. 2001) als jeder andere denkbare Mechanismus.
Die molekularen Mechanismen der Schallübertragung und auch deren Störung stellen sich in den einzelnen anatomischen Strukturen der Hörbahn durchaus ähnlich dar. Mögliche Schädigungsmechanismen als Auslöser von Ohrgeräuschen können sein:
  • LärmtraumataLärmtrauma/chronische Lärmbelastung: Besonders die empfindlichen äußeren Haarzellen (ÄHZ) können durch Lärmtraumata oder chronische Lärmbelastung wie auch durch degenerative Veränderungen Schaden erleiden. Durch die rein mechanische Belastung bei hohen Schalldruckpegeln können die Haarzellen von der Deckmembran des Innenohrs abreißen (Tonndorf 1980); dies führt zu Entkoppelungsmechanismen. Die Tip-Links der ÄHZ wie auch der inneren Haarzellen (IHZ) können, wiederum durch überhöhten Schalldruck bei Lärm- oder Explosionstraumata, zerstört werden und so eine Dauerdepolarisation hervorrufen – eine mögliche Erklärung für einen kochleären Tinnitus (Zenner und Ernst 1993). Schädigungen der ÄHZ können auch Störungen von Transduktionsprozessen in der Kochlea oder Veränderungen des Kalziumstoffwechsels hervorrufen, die sich insbesondere auf die Freisetzung von Neurotransmittern (Warr 1992) und die Funktionsfähigkeit der lonenkanäle (Jastreboff 1990) auswirken – auch dies könnte Tinnitus auslösen:

  • Toxische Schädigungen der Haarzellen (Viren, Stoffwechselentgleisungen): Diese sind ebenfalls als Ursache für einen Tinnitus diskutiert worden (Ehrenberger und Felix 1995).

  • HypoxieHypoxie: Hypoxie, wiederum als Folge einer Lärmbelastung, aber auch bei vegetativen Stressreaktionen, kann pathologische Mechanismen an den Haarzellen oder der Signalübertragung von Haarzellen auf die Ganglienzellen hervorrufen. Dann resultiert eine Dauerdepolarisation oder auch lediglich eine Veränderung der Spontanaktivität, die als Tinnitus „gehört“ wird (Mazurek et al. 2010).

  • Endolymphatischer HydropsHydropsendolymphatischer: Bei Morbus Menière z. B. entsteht ein meist tieffrequenter Tinnitus, der entweder als Kaliumüberschuss in der Endolymphe oder als Dauerreizung durch die bestehende Vordehnung der Basilarmembran mit daraus resultierender Haarzellschädigung erklärt werden kann. Da der Hydrops sich vornehmlich, bedingt durch die Steifigkeit der Basilarmembran, in Richtung Modiolus ausbreitet, sind tatsächlich mehr die tiefen Frequenzen betroffen; daher ist in der Regel auch eine begleitende, oft schwankende Tieftonschwerhörigkeit vorhanden (Schaaf und Hesse 2007).

  • DurchblutungsstörungenTinnitusDurchblutungsstörung: Diese wurden bislang als die Tinnitusursache schlechthin angesehen, scheinen aber tatsächlich weniger eine Rolle zu spielen. Allenfalls könnte ein Tinnitus entstehen, wenn es durch Schädigung der Stria vascularis zu Elektrolyt- oder Sauerstoffmangel der Haarzellen kommt (Zenner 1998). Dies ist als Ursache für ein akutes Auftreten des Ohrgeräusches oder einen Hörsturz denkbar, ist aber als Dauerzustand nicht mit normalem Hören vereinbar.

Wenn es sich hierbei um reversible Schädigungen handelt, so verschwindet das Geräusch in aller Regel nach Abklingen der Grunderkrankung oder nach einer Lärmpause wieder von selbst. Persistiert der Hörverlust jedoch, so bleibt auch das Ohrgeräusch bestehen und wird als Tinnitus zumeist in der Frequenz des größten Hörverlustes beschrieben. Oder der Tinnitus wird erst nach Erholung eines Hörverlustes wahrgenommen, meist ebenfalls in der Frequenz eben dieses Hörverlustes. Dann entspricht er am ehesten einer neu entdeckten oder veränderten Spontanaktivität, bedingt durch zentrale Kompensationsmechanismen.
Die primäre Entstehung eines Ohrgeräusches korreliert dabei fast immer mit einer Veränderung in der Hörbahn, aber die Penetranz des Symptoms und vor allem seine konkrete Ausprägung und Bedeutung für Wohlbefinden oder Leiden des Betroffenen werden durch andere Einflüsse determiniert. Zwar hat sich der Wissensstand in Bezug auf die physiologischen und pathologischen Prozesse des Hörens in den letzten Jahren deutlich vergrößert, nach wie vor beruht aber ein wesentlicher Teil wissenschaftlicher Auseinandersetzung und Forschung auf Theorien und Tiermodellen; besonders im Hinblick auf den Tinnitus und seine Vernetzung zwischen Hörbahn und anderen kortikalen Strukturen sind noch viele Fragen und Zusammenhänge ungeklärt.
Für das Auftreten des Tinnitus, z. B. bei Taubheit oder beim Vestibularisschwannom, muss ohne die Beteiligung der Haarsinneszellen im Innenohr ebenfalls eine Störung der Spontanaktivität von Hörnervenfasern verantwortlich gemacht werden. Fortschreitende Degenerationen können hier zu einer Instabilität der zugehörigen Musterverarbeitung bis zum auditiven Kortex und damit zur Tinnituswahrnehmung führen. Analoge Mechanismen lassen sich als Phantomschmerz nach Amputation von Gliedmaßen beobachten (Tonndorf 1987).
Auch bei Tinnitus, der seinen Ursprung mehr im zentralen Hörbahnsystem hat, sollen Änderungen der Spontanaktivität in den verschiedenen Bereichen vom Hirnstamm bis zum auditiven Kortex auftreten, die diese veränderten Erregungsmuster verursachen.
In der Regel kann davon ausgegangen werden, dass bei der Mehrzahl der Betroffenen der ursprünglich peripher ausgelöste Tinnitus zentralisiert und dort in seiner Wahrnehmung verstärkt wird. Diese zentrale Sensitivierung kann als Ergebnis spezifischer zentralnervöser neurophysiologischer Lernvorgänge gegenüber der Noxe Tinnitus auf dem Boden der Plastizität des zentral-auditorischen Systems angesehen werden.

Rationelle Diagnostik

Zur Diagnostik von Tinnitus bedarf es einer speziellen Anamnese sowie der üblichen HNO-ärztlichen Untersuchungen, die im Einzelfall durch zusätzliche internistische, pädiatrische, gnathologische, orthopädische, neurologische und psychosomatische Untersuchungen ergänzt werden müssen. Eine fundierte Tinnitusdiagnostik muss die vielfältigen und verzweigten diagnostischen Schritte berücksichtigen.
Wesentlicher Schwerpunkt sind die audiologischen oder pädaudiologischen Untersuchungen zur Ermittlung von Art und Grad einer möglichen Hörstörung. Nach einer OtoskopieOtoskopie stehen die TonschwellenaudiometrieTonschwellenaudiometrie und die ImpedanzmessungImpedanzmessung im Vordergrund. Zur weiteren Differenzierung, nicht nur zur Objektivierung und Verifizierung des Hörverlustes, sollten dann die otoakustischen Emissionen sowie insbesondere, möglichst frequenzspezifisch und schwellennah, deren Distorsionsprodukte (DPOAE) bestimmt werden. Die Hirnstammpotenziale (BERA) werden bei Kindern sicher nur in Ausnahmefällen abgeleitet werden müssen, steht doch die Diagnostik retrokochleärer Hörstörungen hier eher im Hintergrund (AWMF-Leitlinie „Tinnitus“ 2015). Liegen Hinweise auf zentrale Hörverarbeitungs- und -Hörwahrnehmungsstörungen vor, etwa bei tonaudiometrisch normaler Hörschwelle und Mittelohrfunktion und klinischem Verdacht auf eine Hörminderung, ist es etwa ab dem 4. Lebensjahr sinnvoll, einen dichotischen HörtestTinnitusHörtest, dichotischer durchzuführen. Auch psychoakustische Messungen wie etwa die Binaural Masking Level Difference (BMLD)Binaural Masking Level Difference (BMLD) können in diesen Fällen sinnvoll sein.
Eine gezielte Tinnitusanalyse sollte dann erfolgen, wenn ein erhöhter Leidensdruck vorliegt und die Kinder älter als 5–6 Jahre sind. Vergleichend können die Verdeckbarkeit und Intensität des Tinnitus gemessen werden, jedenfalls bei älteren Kindern. Dies gelingt durch Vergleich mit Tönen oder Schmal- bzw. Breitbandgeräuschen am Audiometer. Häufig effektiver und aussagekräftiger auch im Hinblick auf entsprechende Therapiemaßnahmen sind Maskierungsuntersuchungen mit Sinustönen oder Schmal- und Breitbandgeräuschen. So wird in diesem Zusammenhang festgestellt, dass der subjektiv als stark störend empfundene Tinnitus häufig bereits mit geringen Lautstärken über der Hörschwelle maskierbar ist. Dies entspricht auch den Erfahrungen von Tinnituspatienten, dass häufig externe akustische Signale im alltäglichen Umfeld den Tinnitus überdecken. Grundsätzlich ist es von Bedeutung festzuhalten, dass im Hinblick auf den Leidensdruck, der durch Tinnitus verursacht wird, die subjektive Lautheit des Tinnitus nicht mit den häufig geringen Maskierungspegeln von Tinnitus im Bereich von 5–10 dB über der Hörschwelle des Tinnitus korreliert.
Wie Aust (Aust 2002) sahen auch Rosanowski und Mitarbeiter (Rosanowski et al. 1997) eine Vielzahl psychologischer Faktoren als Mitursache bei kindlichem Tinnitus; folgerichtig wird zur Diagnostik auch die genaue Erhebung der Krankengeschichte mit besonderem Blick auf psychische und soziale Aspekte, etwa in der Familie oder der Schule, gefordert.
Um den Leidensdruck besser zu erfassen, sollten die Belästigung durch das Ohrgeräusch und die Stressfaktoren durch validierte psychometrische Testverfahren wie etwa den Tinnitusfragebögen (Goebel und Hiller 1998) oder den Mini-TF-12 (Hiller und Goebel 2004) erfasst werden.

Differenzialdiagnostische Tabelle

Differenzialdiagnose des Tinnitus

Tab. 47.3
Charakterisierung des Hauptsymptoms weiterführende Nebenbefunde Verdachtsdiagnosen Bestätigung der Diagnose
Ohrgeräusch Hörstörung
Schwindel
Druckgefühl
Mittelohrtinnitus (Paukenerguss, akute oder chronische Mittelohrentzündung, Otosklerose, Tubenfunktionsstörung, Barotrauma, traumatische Trommelfellverletzung) pädaudiologische Diagnostik (genaue Anamneseerhebung, Otoskopie, Tonschwellenaudio-gramm, Tinnitusanalyse, Impedanzaudiometrie, otoakustische Emissionen – DPOAE)
Hörverlust (meist im Frequenzbereich des Ohrgeräusches)
Unruhe, Ängste, Schlaf- und Konzentrations-störungen, Depressionen
Innenohrtinnitus (akutes Lärmtrauma: Knall, Explosion; Lärmschäden: MP3-Player, Diskothek, lautes Konzert etc.; stumpfes Schädeltrauma, hereditäre Innenohrschwerhörigkeit, ototoxische Einflüsse; stressbedingte, psychische Faktoren: Überforderung, schulische oder familiäre Belastung oder Gewalt) pädaudiologische Diagnostik (Tonaudiogramm, überschwellige Audiometrie, Tinnitusanalyse, Impedanzaudiometrie, FAEP, OAE), Vestibularisprüfungen, Röntgen, peri- oder postnatal erworbene Hörstörungen (Asphyxie, Kernikterus etc.)
Hörverlust, Schwindelsymptome, auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörung neuraler Tinnitus (Lues, Vestibularisschwannom, tumorale, vaskuläre, entzündliche oder degenerative Schädigungen) pädaudiologische Diagnostik, Fazialisdiagnostik, BERA, zentrale Hörtests (dichotisch, OLSA), vestibuläre Diagnostik, NMR

Therapeutische Optionen

Kausale Therapien von Ohrgeräuschen im Kindesalter sind dann möglich, wenn die Ursache an Veränderungen der Schallleitung im Mittelohr liegt. Dies sind hauptsächlich Paukenergüsse, Tubenbelüftungsstörungen oder Folgen akuter Mittelohrentzündungen. Dann wird die Grundkrankheit konservativ durch abschwellende oder antientzündliche Medikation oder operativ durch Paukendrainage, evtl. Paukenbelüftungsröhrchen oder eine Tympanoplastik behandelt. Dadurch normalisiert sich in der Regel die Hörfähigkeit wieder, das Ohrgeräusch verschwindet meistens.
Für den bei Kindern extrem seltenen Fall des Auftretens akuter Ohrgeräusche im Gefolge einer plötzlichen Hörminderung oder eines akuten Lärmtraumas (und nur dann!) ist analog der Leitlinie „Hörsturz“ der AWMF (AWMF-Leitlinie „Hörsturz“ 2014) eine hochdosierte Kortisontherapie indiziert, jedenfalls, wenn keine Kontraindikationen bestehen. Diese kann systemisch oder – bei älteren Kindern und Jugendlichen – auch intratympanal durchgeführt werden.
Keine medikamentöse Therapie bei chronischem Tinnitus
TinnituschronischerBei länger bestehenden, chronischen Ohrgeräuschen sollte – wie bei Erwachsenen – auf eine medikamentöse Therapie gänzlich verzichtet werden, da es keinerlei wissenschaftlichen Beleg für deren Wirksamkeit gibt. Das empfehlen sowohl die S3-Leitlinie Tinnitus für Deutschland (AWMF-Leitlinie „Tinnitus“ 2015) als auch entsprechende Leitlinien für die USA (Tunkel et al. 2014). Keinesfalls ist es sinnvoll, Kindern „durchblutungsfördernde“ Mittel zu geben. Diese haben nicht nur pathophysiologisch keinerlei Effekte, sondern vielmehr trüge eine länger dauernde Medikation, gleich welcher Art, nur zu einer weiteren Fixierung des Symptoms bei.
Gehörschulung
TinnitusGehörschulungNeben einer individuellen Beratung sollten Kinder mit Tinnitus angeleitet werden, ihr Gehör zu schulen, am besten durch musikalische Erziehung. So können sich die Fähigkeiten ihres Hörsystems entwickeln bzw. verbessern. Auch das Hören von Musik kann sich sehr positiv auf die auditive Entwicklung auswirken; gleichzeitig sollten die Kinder über moderate Lautstärken und die Möglichkeiten einer weiteren Hörschädigung durch zu laute Musik aufgeklärt werden. Fast immer wird sich dadurch auch das Ohrgeräusch schnell und gut habituieren lassen und wieder „im Grundrauschen des Hörsystems verschwinden“. Auch für mögliche zentrale Hörstörungen als Ursache eines Ohrgeräusches ist eine Hörtherapie, also eine Entwicklung und Schulung des Hörsinnes, von entscheidender, auch therapeutischer Bedeutung (Hesse und Schaaf 2012).
Kinderpsychologische Betreuung bei seelischer Not
TinnitusBetreuung, kinderpsychologischeManchmal kann ein von Kindern angegebenes Ohrgeräusch Ausdruck einer seelischen Not sein. Eventuell wird dies zuerst Erziehern und Lehrern auffallen. Auch dann muss diagnostisch abgeklärt werden, ob sich eine organische Ursache für den Tinnitus finden lässt, der eine spezifische Therapie erfordert. Ist dies nicht der Fall, sollte bei den kleinen Patienten aufmerksam und zugleich behutsam auf psychische Konstellationen, wie etwa Belastungen in der Schule, auf ungeklärte oder einschränkende Familienverhältnisse, manchmal sogar auf Gewalt und Missbrauch geachtet und geforscht werden. Dann müssen sicher andere Maßnahmen greifen, wie etwa eine kinderpsychologische Betreuung oder – das ist sicherlich noch häufiger – eine genauere Betrachtung der familiären Situation im Hinblick auf Unregelmäßigkeiten oder besondere Belastungen des Kindes, ggf. unter Einschaltung des Jugendamtes.
Fazit
Tinnitus bei Kindern ist wie auch bei Erwachsenen ein ernst zu nehmendes Symptom. Es sollte aber keinesfalls überbewertet, sondern vielmehr gründlich untersucht, zugeordnet und nur behutsam behandelt werden. Ein wichtiger Teil der Therapie ist es auch, den Eltern die Angst zu nehmen.

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