© 2019 by Elsevier GmbH

Bitte nutzen Sie das untenstehende Formular um uns Kritik, Fragen oder Anregungen zukommen zu lassen.

Willkommen

Mehr Informationen

B978-3-437-22532-1.00041-0

10.1016/B978-3-437-22532-1.00041-0

978-3-437-22532-1

Abb. 41.1

[L217]

Differenzierung der systemischen und lokalen Störfaktoren.Zahndurchbruchsstörung

Abb. 41.2

[P465]

OTPG einer 6-jährigen Patientin mit genetisch nachgewiesener Odontohypophosphatasie. Die Milchfrontzähne sind bereits im Alter von 3 Jahren spontan ausgefallen.

Vorzeitiger Zahnwechsel

Isabelle Graf 1

Symptombeschreibung

ZahnwechselvorzeitigerWenn das

1

Die Vorauflage des Kapitels basiert auf Texten von Bärbel Kahl-Nieke.

Zahnalter mehr als 2 Jahre vom Durchschnittswert abweicht, spricht man von einer verfrühten Zahnung oder Dentitio praecoxDentitio praecox. Bei einer Dentitio praecox bleibt das chronologische hinter dem dentalen Alter zurück. Sie ist häufiger (10,7 %) als die Dentitio tarda (5,7 %) und beide generalisierten Abweichungen von der normalen Zahnentwicklung sind vorwiegend erbbedingt.
Der verfrühte Durchbruch einzelner Zähne oder Zahngruppen ist von der Dentitio praecox als generalisierte verfrühte Gebissentwicklung differenzialdiagnostisch zu unterscheiden. Die Differenzierung zwischen Dentitio praecox und verfrühtem Einzelzahndurchbruch hat eine wesentliche therapeutische Bedeutung für den Zeitpunkt des Behandlungsbeginns und sollte daher immer am Anfang der Diagnostik stehen.
Als Extremform von Dentitio praecox gelten bereits bei der Geburt durchgebrochene natale oder kongenitale Zähne. Neonatale Zähne erscheinen bis zum 30. Lebenstag in der Mundhöhle. Sie werden mit einer Häufigkeit von 1:800–1:3000 Geburten beobachtet. Es handelt sich zu 85 % um untere zentrale Milchschneidezähne. In < 10 % der Fälle handelt es sich um überzählige Zähne. Sie sind sehr beweglich, weisen eine nur partiell gebildete Wurzel auf, können sich aber weiterentwickeln und entweder beim regelrechten Zahnwechsel ausfallen oder darüber hinaus erhalten bleiben oder aber bei entsprechender Indikation entfernt werden. Es handelt sich zumeist um eine multifaktorielle Genese, wobei sowohl endogene als auch exogene Faktoren eine Rolle spielen können. Der Schmelz dieser Zähne ist meist dysplastisch und unvollständig mineralisiert, was die Zähne nach der Geburt gelb-bräunlich erscheinen lässt (Leung und Robson 2006).
Je nach ZahndurchbruchsstörungZahndurchbruchsstörung können sowohl systemische Faktoren, die zur generalisierten Störung der Zahnentwicklung, als auch lokale Faktoren, die zum verfrühtem Einzelzahndurchbruch führen können, unterschieden werden (Abb. 41.1).

Rationelle Diagnostik

Anamnese

Da bei der Genese einer generalisierten Dentitio praecox sowie einer Entwicklungsbeschleunigung von Einzelzähnen endogene und exogene Faktoren eine Rolle spielen, ist eine ausführliche Anamnese wichtig. Relevante Aspekte sind hierbei:
  • Ernährung

  • Sonneneinstrahlung

  • Durchbruchszeitpunkt des ersten Milchzahnes und des ersten bleibenden Zahnes

  • Zeitpunkt des Milchzahnverlustes

  • Allgemeine Entwicklungsbeschleunigung/endokrine Störungen

  • Medikamenteneinnahme

Klinische Untersuchung

Der klinische intraorale Befund hinsichtlich Zahnzahl und Lockerungsgrad von Milchzähnen gibt den ersten Hinweis auf eine Diskrepanz zwischen Lebens- und DentitionsalterDentitionsalter. Beginnt die erste Zahnung sehr früh, endet sie in der Regel auch früh. An der durchschnittlichen Durchbruchsreihenfolge der Milchzähne ändert sich dadurch nichts (i1 = mittlere Milchschneidezähne, i2 = seitliche Milchschneidezähne, m1 = 1. Milchmolaren, c = Milcheckzähne, m2 = 2. Milchmolaren):
Im Gegensatz zu den bleibenden Zähnen sind beim Milchzahn keine oder nur geringe Geschlechtsunterschiede vorhanden. Jungen haben im Allgemeinen einen leichten Vorsprung gegenüber Mädchen. Als Ursache werden in erster Linie genetische Unterschiede beschrieben, doch werden auch exogene, die körperliche Gesamtentwicklung beeinflussende Faktoren wie Art und Menge der Ernährung und Dauer der Sonnenexposition, diskutiert.
Für die 1. Wechselgebissperiode ist die zeitliche Variabilität sehr groß. Sie beginnt mit dem Durchbruch der 6-Jahr-Molaren und der unteren mittleren Inzisivi mit 6 Jahren, setzt sich mit dem Durchbruch der oberen mittleren und unteren seitlichen Schneidezähne fort und endet mit dem Durchbruch der oberen seitlichen Inzisivi mit ca. 8,5 Jahren. Bei frühzahnenden Mädchen kann diese Phase bereits mit 5 Jahren beginnen.
Die zeitliche Variabilität ist auch in der 2. Wechselgebissperiode groß. Bei frühzahnenden Mädchen beginnt sie in der Regel mit Vollendung des 8. Lebensjahres. Erst jenseits dieser Grenze spricht man von Dentitio praecox. Die geschlechtsspezifische Abhängigkeit ist wesentlich deutlicher als in der ersten Phase. Mädchen wechseln früher als Jungen, dieser Unterschied ist mit 11,5 Jahren am ausgeprägtesten.
Der Symmetrievergleich gibt Aufschluss über einen seitenungleichen Zahnwechsel durch lokale Durchbruchsbeschleunigungen und spielt differenzialdiagnostisch zur Abgrenzung einer generalisierten Dentitio praecox eine wichtige Rolle.

Röntgenuntersuchung

Zur Feststellung einer Dentitio praecox sowie von Einzelzahnentwicklungs- und -durchbruchsbeschleunigungen ist ein Orthopantomogramm (OPTG) die entscheidende Röntgenaufnahme. Zur Bestimmung des Zahnalters mithilfe der Dentitionstabelle siehe Kap. 40.

Besondere Hinweise

Differenzialdiagnose allgemeiner Erkrankungen mit beschleunigter Zahnentwicklung

Hemihypertrophie: Die Hemihypertrophie wird auch unilaterale Hypertrophie genannt und betrifft bei manchen Patienten nicht nur das Gesicht, sondern auch die Extremitäten und andere Körperteile. Es liegt eine halbseitige Vergrößerung des Gesichts vor. Auf der betroffenen Seite können die Zähne größer sein als auf der gesunden Seite und früher durchbrechen. Erste Symptome treten manchmal schon perinatal auf, aber erst während der Pubertät tritt die Symptomatik deutlich in Erscheinung. Auch beim Klippel-Trenaunay-Syndrom – einer embryonalen Entwicklungsstörung mit der Symptomentrias Riesenwuchs, Naevus flammeus und Fehlbildungen der Venen – werden orofaziale Manifestationen beschrieben wie Gesichtsasymmetrie und -dysmorphie sowie frühzeitiger Zahndurchbruch auf der betroffenen Seite. Die Hälftenungleichheit kann Ober- und Unterkiefer, Schleimhäute, Alveolarfortsätze, Zahngröße und -durchbruch betreffen.
Hyperthyreose: Bei dem im Vergleich zur Hypothyreose bei Kindern seltener vorkommenden Überschuss an Schilddrüsenhormonen tritt ein Hypermetabolismus der Gewebe auf; sowohl Körperwachstum als auch die Zahnentwicklung können beschleunigt sein.
Pubertas praecox: Bei der durch Östradiol- bzw. Testosteronüberangebot allgemein beschleunigten Körperentwicklung können auch die Zahnentwicklung und der Zahndurchbruch in Relation zum chronologischen Alter verfrüht ablaufen.
Hypophosphatasie: Die Hypophosphatasie ist eine Enzymdysfunktion, die primär autosomal-rezessiv vererbt wird und auf einem Mangel an alkalischer Phosphatase beruht. Dieser Enzymkomplex ist im Normalfall für den Aufbau gesunder Knochen wichtig. In Abhängigkeit vom klinischen Erscheinungsbild werden fünf bis sechs Formen unterschieden. Differenzialdiagnostisch sind altersabhängig verschiedene Erkrankungen des Knochenstoffwechsels wie Rachitis oder Osteoporose abzugrenzen. Als mildeste Ausprägung manifestiert sich die Odontohypophosphatasie in Form eines verfrühten Milchzahnverlustes ohne vorangegangenes Trauma oder massive Resorption. Die frühzeitige Erkennung ist schwierig, jedoch sehr wichtig, insbesondere hinsichtlich der Identifizierung des jeweiligen Subtyps bei prinzipiell breitem Symptomspektrum von letalen zu milden Verlaufsformen (Mornet und Nunes 2016; Abb. 41.2).

Differenzialdiagnose lokaler Störfaktoren mit nachfolgender Dentitionsbeschleunigung

Vorzeitiger Milchzahnverlust: Der vorzeitige Verlust von Milchzähnen durch kariöse Zerstörung und/oder apikale Prozesse hat für die Entwicklung des bleibenden Gebisses häufig schwerwiegende Folgen. Mit einer Beschleunigung des Zahndurchbruchs ist zu rechnen, wenn die Knochen- bzw. Schleimhautperiostdecke über dem Zahnkeim bereits perforiert ist. Dies gilt insbesondere bei apikalen Prozessen an Milchzahnwurzeln und wenn der Durchbruch des Nachfolgers in weniger als ca. 1,5 Jahren zu erwarten ist. Die Mineralisation der bleibenden Nachfolger ist bei Beschleunigung des Zahndurchbruchs nicht unmittelbar betroffen. Die Wurzeln der zu früh durchbrechenden Zähne sind meistens gering mineralisiert.
Entzündungsprozesse der Kieferknochen: Eine Durchbruchsbeschleunigung kann auch nach Entfernung der Milchzähne mehr als 2 Jahre vor ihrem physiologischen Verlust wegen Milchzahngangrän und rarefizierender Ostitis mit Auflösung der den Ersatzkeim schützenden Lamina dura auftreten.

Literatur

1

A.K. Leung W.L. Robson Natal teeth: a review J Natl Med Assoc 98 2006 226 228

2

E. Mornet M.E. Nunes Hypophosphatasia R.A. Pagon M.P. Adam H.H. Ardinger Gene Reviews® [Internet] 1993–2016 University of Washington, Seattle Seattle, WA

Holen Sie sich die neue Medizinwelten-App!

Schließen