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B978-3-437-22255-9.00024-9

10.1016/B978-3-437-22255-9.00024-9

978-3-437-22255-9

Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie

Marc Dupont

  • 24.1

    Einführung714

  • 24.2

    Suizidalität714

  • 24.3

    Traumata und Reaktionen auf Traumata715

    • 24.3.1

      Kindesmisshandlung715

    • 24.3.2

      Sexueller Missbrauch715

  • 24.4

    Verhaltens- und emotionale Störungen716

    • 24.4.1

      Hyperkinetische Störung716

    • 24.4.2

      Störung des Sozialverhaltens716

    • 24.4.3

      Angstsyndrome717

    • 24.4.4

      Depressionen718

    • 24.4.5

      Anorexia nervosa718

  • 24.5

    Schulbezogene Probleme719

    • 24.5.1

      Schulreife719

    • 24.5.2

      Vermeiden des Schulbesuchs720

  • 24.6

    Substanzmissbrauch und Sucht720

  • 24.7

    Rechtliche Fragen721

Einführung

  • PsychotherapiePsychiatriePsychische, psychosomatische u. Verhaltensstörungen sind immer auch Beziehungsstörungen, d. h., das Symptom steht nicht nur für sich selbst, sondern signalisiert gleichzeitig dem Gegenüber, dass „etwas nicht stimmt“, dass notw. EntwicklungsaufgabenEntwicklungsaufgaben nicht erfüllt werden können.

  • Die Genese der Störungen ist multifaktoriell; es gibt also i. d. R. ein genetisches „Entgegenkommen“, in der Biografie liegende psychosoziale Schwierigkeiten und einen Konflikt, der zur aktuellen Vorstellung des Kindes o. Jgl. führt.

  • Entsprechend ist die Ther. multiprofessionell, mehrdimensional, in der Diff.-Ind. schwierig u. im Zweifel unter Einbezug von Fachpersonal zu stellen.

Suizidalität

SuizidalitätICD-10: X84. Bei Jgl. Versuch: vollendeter Suizid > 50 : 1, im Kindesalter sehr selten, Suizid m > w, Versuch w >> m, hohes Wdh.-Risiko, deshalb steht „Rezidivprophylaxe“ an erster Stelle.
  • Kinder o. Jgl., die einen Suizid versuchen, haben sich häufig schon längere Zeit mit den konkreten Möglichkeiten des Suizidversuchs befasst u. auch darüber gesprochen.

  • !

    Suiziddrohungen immer ernst nehmen.

Wdh.-Risiko bei Jgl. beträgt 10%. 1% der Jgl., die einen Suizidversuch begehen, stirbt innerhalb von 2J. durch einen vollendeten Suizid!

ÄtiologieNeg. Erlebnisse mit Institutionen (Schule, Kontakt mit Polizei), Beziehungs- u. Selbstwertprobleme, Vernachlässigung, Gewalterfahrung, Substanzmissbrauch. Häufigeres Auftreten bei psychischen Störungen wie Depressionen, Störungen des Sozialverhaltens u. Persönlichkeitsstörungen.
Häufigste Methode ist die Intox. mit Medikamenten.
KlinikAlarmsymptome: Vereinsamung, Grübeln, Teilnahmslosigkeit, Leistungsabfall u. Weglauftendenzen; Suizidversuch unbedingt ernst nehmen!
Diagnostik
  • Auslösende u. prädisponierende Faktoren klären. Inneres Modell für suizidales Verhalten? Psychische Störung?

  • Überlegungen des Pat. als Krise erkennen, Beziehungen (wieder)herstellen, alternative Problemlösungen gemeinsam mit Pat., Eltern u. ggf. weiteren Hilfesystemen (Jugendamt, Beratungsstellen) entwickeln.

Ernsthafte suizidale Absicht

Suizidhandlung wurde ausgeführt, während der Betroffene allein war. Der Zeitpunkt wurde so gewählt, dass ein Auffinden kaum möglich gewesen wäre. Es wurden Vorbereitungen in Erwartung des Todes getroffen, z. B. bestimmte Personen von der Suizidabsicht informiert o. ein Abschiedsbrief hinterlassen.

Cave: Auch ein appellativer Suizidversuch kann akzidentell gelingen. Im Zweifel immer Kinder- u. Jugendpsychiater hinzuziehen.

TherapieBeratung, Stärkung der Problemlösungsfähigkeiten der Jgl., Maßnahmen zur Rückfallprophylaxe (auch im Umfeld), ggf. Psychother., stat. kinder- u. jugendpsychiatrische Krisenintervention, evtl. Herausnehmen aus dem Umfeld.

Traumata und Reaktionen auf Traumata

Kindesmisshandlung (1.4.4), sexueller Missbrauch (1.4.5, 10.7.2).

Kindesmisshandlung

ICD-10: Y04. Kindesmisshandlung
ÄtiologieMisshandelnde Eltern haben selbst oft Gewalt- o. Deprivationserfahrungen gemacht. Hinzu kommen Alkohol- u. Drogenkonsum sowie aktuelle belastende Lebensumstände bei den Eltern, die sich i. R. subjektiver Überforderung als Gewalt äußern.
  • Nichtakzidentelle Verletzung:nichtakzidentelleVerletzung (non accidental injury, NAI (non accidental injury)NAI; Battered-Child-Battered-Child-SyndromSy.) (1.4.4).

  • Münchhausen-Stellvertreter-Sy.Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom (Münchhausen-by-Proxy-Sy.): I. d. R. Mütter erfinden o. erzeugen bei ihrem Kind (Stellvertreter) körperl. Sympt. (falsche anamnestische Angaben, die med. Interventionen induzieren; Manipulation mit Hervorrufen von Sympt., z. B. Verunreinigung von Spritzen → sek. Inf.).

  • KindesvernachlässigungKindesvernachlässigung: Entbehrung von Nahrung, Kleidung u. Unterkunft, häuslicher Regeln u. Aufsicht, Mangel an emotionaler Zuwendung, Mangel an kognitiver Stimulation.

  • Emotionaler Missbrauch:emotionalerMissbrauch: Eltern verhalten sich feindselig ggü. dem Kind, senden doppelte Botschaften, Zurückweisung, Liebes- u. Aufmerksamkeitsentzug, inkonstantes Verhalten mit Drohungen, unangemessenen Forderungen u. Wunscherfüllungen, oder sie „nutzen“ ihre Kinder übermäßig, um sich selbst zu stabilisieren: Parentifizierung.

Klinik u. Vorgehen1.4.4, 10.7.

Sexueller Missbrauch

ICD-10: Y05. Missbrauch:sexueller
DefinitionErzwungenes sexuelles Verhalten u./o. sexuelle Aktivität zwischen einem Kind u. einem Erw. Angaben über Häufigkeit schwanken sehr, da hohe Dunkelziffer u. unscharfe Begriffsdefinition.

Die Kinder bzw. Jgl. können u. dürfen nicht verantwortlich gemacht werden!

Klinik u. Vorgehen1.4.5.
TherapieOberstes Ziel: Schutz des Kindes/Jgl. vor weiteren Missbrauchserlebnissen, ggf. unter Einbezug von Jugendhilfe sowie Kinder- u. Jugendpsychiatrie. Dabei sollte das ärztliche Handeln eher durch präventive u. ther. Überlegungen als strafrechtliche Maßnahmen bestimmt sein.

Verhaltens- und emotionale Störungen

Hyperkinetische Störung

ICD-10: F90.0–9. Hyperkinetische Störung
DefinitionAufmerksamkeitsstörungen mit Hyperaktivität (ADHSADHS), Impulsivität u. leichter Erregbarkeit. Meist Beginn vor dem 6. Lj. (Jungen/Mädchen = 3–9 : 1), mind. 6 Mon. bestehend.
ÄtiologieErbliche Disposition u. psychosoziale Belastung. Betroffene haben oft nicht gelernt, Wünsche, Ideen u. Konflikte in der Fantasie zu regulieren, sondern müssen sie unmittelbar ausagieren; fehlende Mentalisierung.
Klinik
Die Symptome treten situationsübergreifend u. (fast) ständig auf.
  • Ausgeprägte, ungehemmte Überaktivität, Unruhe, Reizhunger, motorische u. emotionale Impulskontrolle ↓, Frustrationstoleranz ↓, selektive Aufmerksamkeit ↓, Ablenkbarkeit ↑, Aufmerksamkeitsdauer ↓

  • Gehäuft Unfälle (z. B. durch Nichterkennen von Gefahrenquellen)

  • Schulleistungsstörungen

  • Soziale Isolation, gehäuft Koexistenz von ADHS u. TeilleistungsstörungenTeilleistungsstörungen (Lese- u. Rechtschreibschwäche), Störung des Sozialverhaltens, motorischen Entwicklungsbeeinträchtigungen u./o. Störung der Sprachentwicklung

DifferenzialdiagnosenNormale Reifungsvariante, Verhaltensstörung aufgrund Schädigung o. organischer Erkr. des Gehirns, Intelligenzminderung, Manie, Deprivationssy., Psychosen, akute u. chron. Intox., Tics, tiefgreifende Entwicklungsstörungen.
DiagnostikEigen- u. Familienanamnese, prä-, peri- o. postnatale Entwicklung, Verhaltensbeobachtungen zu Hause u. in der Schule, testpsycholog. Unters., Vorstellung bei Kinder- u. Jugendpsychiater.
TherapieBeratung u. Schulung von Kind, Eltern, Schule, ggf. Psychother. o. Stimulanzien in Komb. mit Psychotherapie. Atomoxetin stellt Alternative dar. Die medikamentöse Ther. sollte nur durch Kinder- u. Jugendpsychiater o. durch Kinder-/Nervenärzte mit störungsspez. Kenntnissen erfolgen.
PrognoseAufmerksamkeitsstörungen können bis ins Erw.-Alter bestehen bleiben. Bei gleichzeitiger Störung des Sozialverhaltens hohes Risiko für dissoziale Entwicklung u./o. Substanzmissbrauch.

Störung des Sozialverhaltens

ICD-10: F91.0–9. Sozialverhaltensstörungen
ÄtiologieDer Einfluss der Umgebungssituation ist größer als der der genetischen Disposition: psychische Störungen/Kriminalität der Eltern, Erziehungspraktiken mit Wut u. Ärger ggü. dem Kind, Mangel an elterlicher Wärme. Neutrale Äußerungen anderer Personen werden von aggressiven Kindern häufig als Angriff fehlinterpretiert.
Klinik
  • Jüngere Kinder: oppositionell-trotzige Störung (häufige Temperamentsausbrüche, rechthaberisch, gezieltes Ärgern anderer, leicht reizbar, wütend u. vorwurfsvoll)

  • Ältere Kinder: oppositionelles Verhalten, Regel- u. Gesetzesverstöße bis hin zu gezielter Sachbeschädigung, Körperverletzung u. Grausamkeit, häufiges Schulschwänzen

  • Begleitende Merkmale: psychiatrische Störungen (Hyperaktivität, Depressionen, Angst, Sucht), Ausbildungsversagen (schlechte Schulabschlüsse), wenig tragfähige Beziehungen

TherapieBeratung, soziale Unterstützung, Verhaltensmodifikation bei Kind u. Eltern (Jugendhilfe), Behandlung der Begleiterkr., z. B. ADHS.
PrognoseSchlechter bei frühem Beginn, hoher Anzahl störungsspez. Sympt., situativer Durchgängigkeit, begleitender Hyperaktivität, psychischer Erkr. der Eltern.

Angstsyndrome

Psychische Störung mit der höchsten Prävalenz bei Kindern u. Jgl. (ca. 10 %).Angstsyndrome
Ätiologie
  • Belastende Umweltfaktoren wie Trennungserfahrung (z. B. Krankenhausaufenthalt), Erkr. o. Verlust von Beziehungspersonen (Tod, Scheidung)

  • Verhaltenshemmung, unsicherer Bindungsstil, Erziehungsstil mit großer Kontrolle u. wenig Feinfühligkeit

  • Familiär gehäuftes Auftreten

  • Eltern können adaptiv o. path. Modellfunktion für die Art der Angstbewältigung haben

KlinikKörperl. Sympt.: HF ↑, Schwitzen, Erröten, Erblassen, Kälte- o. Hitzewallungen, trockener Mund. Aufmerksamkeit gesteigert.
Unterformen
TrennungsängstlichkeitTrennungsängstlichkeit(ICD-10: F93.0) Unrealistische Ängste der Kinder, dass den Eltern etwas zustößt, Sorgen um Krankheiten o. unvorhersehbare Umstände. Widerstand o. Weigerung, die Schule zu besuchen, abendliche Trennungsprobleme, die zu Einschlafstörungen führen können o. auch Schlafen im eigenen Zimmer verhindern.
Generalisierte AngststörungAngststörung, generalisierte(ICD-10: F41.1) Sorgen um die Zukunft, früheres Verhalten u. persönliche Kompetenzen. Anspannung, mangelnde Entspannungsfähigkeit, niedriges Selbstwertgefühl u. somatische Beschwerden.
PanikstörungPanikstörung(ICD-10: F41.0) Paroxysmale, schwere Angstattacken ohne Auslöser von meist nur kurzer Dauer.
Spezifische PhobienPhobien(ICD-10: F40.0–9 o. F93.1)
  • Angst vor Tieren, am häufigsten (2.–4. Lj.)

  • Furcht vor Dunkelheit o. Fantasiefiguren (4.–6. Lj.)

  • Furcht vor Tod o. Krieg (häufig bei Jgl.)

  • Soziale Phobie

  • „Klassische“ Phobien vor Brücken, Spinnen etc.

Therapie
Akut Beruhigung, 1:1-Betreuung, ggf. räumliche Veränderung. Weiterhin Beratung von Kind u. Eltern, ggf. Psychotherapie. Bei schwerster akuter Sympt. nur im stat. Bereich vorübergehend Benzodiazepine, evtl. SSRI.

Depressionen

ICD-10: F32.0–9. Depression
Ätiologie
  • Psychosozial: Deprivation, ungünstige Familienverhältnisse, widrige Lebensereignisse: Hass auf neg. besetzte Bezugsperson wird zu deren Rettung von ihr abgezogen – sonst wäre das Kind subjektiv völlig verlassen – u. intrapsychisch auf die eigene Person übertragen, dadurch Selbstwirksamkeit u. -vertrauen ↓ (erlernte Hilflosigkeit)

  • Immer wieder auch Überforderung von schwach begabten Kindern

  • Genetisch im Sinne einer Neurotransmitterstörung

  • Bei Sgl. mögliche Auslösung eines Depressionssy. durch Trennung von geliebter Bezugsperson u. anschließend inkonstanten Beziehungsangeboten

Klinik
  • Allgemein: traurige Grundstimmung mit Freudlosigkeit u. Antriebsstörungen, Angst, Gehemmtheit u. Rückzug; niedriges Selbstwertgefühl, Selbstvorwürfe u. Schuldgefühle, Hilf- u. Hoffnungslosigkeit, Konzentrationsstörungen u. Vergesslichkeit, Unruhe, auch Aggressivität, Einnässen, Schlafstörungen, Mutismus, Weinen, Weglaufen, Schulschwierigkeiten

  • KK: psychosomatische Sympt., z. B. Schlafstörungen, Schreien, Appetitstörungen, Nabelkoliken, motorische Stereotypien, Kopfschmerzen

  • SK: traurige Grundstimmung, ängstlich-gereizte Unsicherheit, Spiel- u. Lernhemmung, Konzentrationsstörungen, verminderte Aufmerksamkeit u. Ausdauer, Nasch-, Fett- o. Magersucht, Zündeln

  • Ältere SK u. Jgl.: vermehrtes Grübeln, Minderwertigkeitsgefühle, Bedrücktsein, psychosomatische Beschwerden, Kopfschmerzen, Suizidgedanken u. -versuche

DifferenzialdiagnosenEisenmangelanämie, Schilddrüsenerkr., Zöliakie.
TherapieImmer mehrdimensional: Psychother., Elternberatung, Heilpädagogik, evtl. Milieuänderung, Antidepressiva.

Anorexia nervosa

ICD-10: F50.0. Anorexia nervosa
DefinitionAbsichtlich herbeigeführter Gewichtsverlust. Beginn der Erkr. zwischen 9. u. 18. Lj. (Mädchen/Jungen = 10 : 1).
ÄtiologieFamilienstörung (Beziehungs- u. Bindungsstörung), hohe Leistungsorientierung, Kommunikationsprobleme.
  • Häufig verstrickte, übervorsorglich-übergriffige, gleichzeitig konfliktvermeidende u. kontrollierend-rigide Familiensysteme mit z. T. unscharfen Generationsgrenzen

  • Sympt. dient als scheiternder Lösungsversuch, in o. g. System wenigstens den Körper selbst zu kontrollieren u. darüber Autonomie zu erreichen

  • Ambivalenz in der Identifikation mit gesellschaftlichem Frauenbild zeigt „verhinderte Weiblichkeit“ mit Körperschemastörung

Auslösende FaktorenBelastende Familienereignisse, Schlüsselerlebnisse in der Peergroup, kulturelle Faktoren (hochentwickelte Industrieländer bes. betroffen).
KlinikKörperschemastörungEinschränkung der Nahrungsaufnahme, fehlende Krankheitseinsicht mit Körperschemastörung, übermäßiges Sporttreiben u. gesteigerter Bewegungsdrang, evtl. Einnahme von Appetitzüglern o. Abführmitteln, selbstinduziertes Erbrechen, Einläufe o. Diuretika. Endokrine Störung: Amenorrhö, verzögerte o. gehemmte Pubertätsentwicklung bei frühem Beginn.
Somatische FolgeerscheinungenUntergewichtUntergewicht (mind. 15 % unter Idealgewicht, BMI < 17,5 kg/m2. Altersperzentile zu berechnen z. B. über www.mybmi.de; Normalwerte Abb. 29.12), endokrine Störungen (Amenorrhö), internistische Erkr. (Hypotonie, Bradykardie, Ödeme, Hypothermie), Lanugobehaarung, Haarausfall, trockene Haut, Zahnschäden. Laborveränderungen (Hypoglykämie, Leuko- u. Thrombozytopenie, Krea ↑, Harnstoff ↑, Transaminasen ↑, Bili gesamt ↑, Amylase ↑, E'lyt-Verschiebungen möglich durch selbstinduziertes Erbrechen, Laxanzien- u. Diuretikamissbrauch, insb. Hypokaliämie), Bradykardie.
DifferenzialdiagnosenOrganische Erkr. (13.1.8, Malabsorption, Nierenerkr., Hirntumoren, Malignome), andere psychisch bedingte Essstörungen (Depression, Vergiftungswahn).
DiagnostikAnamnese, Fremdanamnese, Familiendiagn., körperl. Unters., Labor, EKG, kraniales MRT.
Therapie
Ind. zur stat. kinder- u. jugendpsychiatrischen Behandlung:
  • Gewichtsverlust > 25 %

  • Somatische KO (Hypotonie, Bradykardie o. Arrhythmie, E'lyt-Verschiebungen)

  • Gleichzeitiges Vorliegen von Depressionen, Suizidgefährdung

  • Statische path. Familieninteraktion, soziale Isolation

  • Eingeschränkte körperl. u. kognitive Leistungsfähigkeit

  • Scheitern amb. Maßnahmen

Ind. zur stat. päd. Behandlung:
  • Kardiale KO (z. B. Bradykardie, Herzrhythmusstörungen, Perikarderguss) o. erhebliche E'lytstörungen (z. B. gravierende Hypokaliämie)

  • Sondenernährung dann indiziert, wenn es unter kinder- u. jugendpsychiatrischen stat. Bedingungen nicht gelingt (selbst bei 1:1-Zuwendung, hochkalorischer Ernährung), eine Gewichtszunahme zu erreichen o. wenn andere schwerwiegende körperl. Beeinträchtigungen (z. B. kardiale KO) vorliegen

Allgemeine Therapiemaßnahmen:
  • Psychother., Familienther., Ernährungsberatung u. -steuerung

  • Bei Komorbidität mit Depression, Zwängen u. Angst ggf. Gabe von SSRI

  • Substitution von E'lyten bei ausgeprägten Verschiebungen, evtl. Eiweiß- u. Vit.-Präparate

PrognoseMortalität ≈ 2 %, Heilung 68–83 %, 20 % chron. Verlauf.
  • Prognostisch ungünstig: zu rasche Gewichtszunahme bei stat. Pat., Erbrechen, Essanfälle, Chronizität u. prämorbide Störungen

  • Prognostisch günstig: gute Eltern-Kind-Beziehung, frühzeitige Diagn. u. Ther.

Schulbezogene Probleme

Schulreife

ProblemeSchulreifeAuswahl der Schulform; neue, evtl. schwierige soziale Beziehungen (Lehrer, Mitschüler); identische Leistungsbewertung bei unterschiedlichen Lernvoraussetzungen; Überforderung, auch durch unangemessenen Ehrgeiz der Eltern.
Schulfähigkeitsuntersuchung
  • Hör- u. Sehprüfung

  • Prüfung von Visuomotorik, Zeichenfertigkeit, differenzierter optischer Wahrnehmung

  • Erfassen des geistigen, seelischen, sozialen, motorischen u. sprachlichen Entwicklungsstands sowie umschriebener Entwicklungsrückstände

  • Wichtige Voraussetzungen für eine erfolgreiche Einschulung: soziale Fertigkeiten des Kindes

Im Zweifelsfall ist Zurückstellen besser als das Risiko des Versagens. Alternativen zur Einschulung erwägen: Kindergärten mit Vorschulbildung, Schulkindergärten, Vorklassen. Bei Teilleistungsschwäche o. Wahrnehmungsstörungen spez. Förderung (z.B. Ergother., Psychomotorikgruppe, Frostig-Ther.).

Vermeiden des Schulbesuchs

Schulangst Formen
  • Schulangst (ICD-10: F40.1, Furcht vor Bewertungsvorgängen o. Beziehungsprobleme in der Schule, insb. Mobbing u. Bullying), häufig zusätzliche Phobie

  • Schulphobisches Verhalten (ICD-10: F93.0, Angst, von zu Hause wegzugehen), häufig zusätzliche depressive Verstimmung, Trennungsangst, familiäre Interaktionsprobleme

Klinik
  • Verweigerung des Schulbesuchs, körperl. Beschwerden (Kopf-, Bauchschmerzen, Schwächegefühl, Übelkeit) ohne organpath. Befund.

  • Körperl. Beschwerden treten an Schultagen auf.

  • Kinder halten sich in der Nähe der Eltern auf, gehen weniger gern zu anderen Kindern.

  • Bei Jgl. zusätzlich sozialer Rückzug.

DifferenzialdiagnosenSchulschwänzenSchulschwänzen mit u. ohne Störung des Sozialverhaltens.
TherapieWichtigstes Ziel: möglichst bald Rückführung in den Schulalltag, evtl. Familienther. u./o. stat. Aufnahme in Kinderpsychiatrie.

Substanzmissbrauch und Sucht

ICD-10: F1x.1 & F1x.2. SuchtSubstanzmissbrauchAbhängigkeit:stoffgebundene
Wichtige Risikofaktoren
  • Geringes Selbstwertgefühl, psychische Komorbidität, gestörte Impulskontrolle u. AggressivitätAggressivität, „Sensation-Seeking“

  • Männl. Geschlecht, soziale Beeinträchtigung der Herkunftsfamilie, familiäre Häufung (z. B. Risiko für Söhne alkoholkranker Väter bis zu 10 × höher)

  • Suchtgedächtnis (SuchtgedächtnisVeränderung des internalen Belohnungssystems durch chron. Einnahme des Suchtmittels, im jugendlichen sich entwickelnden Gehirn bes. ausgeprägt u. entsprechend gefährlich)

EpidemiologieRauchen: 15 % der 12- bis 15-Jährigen, 43 % der 16- bis 19-Jährigen, Jungen ≈ Mädchen. CannabisCannabis: (regelmäßiger. Konsum): 3 % der 12- bis 19-Jährigen. Jungen > Mädchen. Alkohol: 9 % der 16- bis 17-Jährigen, Missbrauch, zusätzl. 6 % abhängig, Jungen > Mädchen.
Da durch entsprechende Züchtungen die Wirkstoffkonz. im Cannabis in den letzten Jahren extrem zugenommen hat, ist der Umstieg auf sog. harte DrogenkonsumDrogen nicht mehr „nötig“, deren Konsum entsprechend deutlich rückläufig.
Sonderform: Binge-Binge-DrinkingDrinking („Koma-KomasaufenSaufen“), > 50 % der 16- bis 17-Jährigen, bei somatisch erforderlicher Ther. 3.4.4, darüber hinaus nach Klinikentlassung spez. Beratung über Schulbehörde, sozial-psychiatrischen Dienst o. Jugendhilfe (regional sehr unterschiedlich). Wichtig: anschließend Rückmeldung an detoxifizierende Klinik!
SymptomeZur Diagnose einer Sucht o. eines Substanzmissbrauchs gehören neben den durch das Agens direkt hervorgerufenen Symptomen:
  • Interesselosigkeit, Leistungsabfall, zunehmende soziale Desintegration u. Aggressivität, mittelfristig Entwicklungsverzögerung ggf. Beschaffungskriminalität

  • Craving u. Toleranzentwicklung

Bei Jgl. sind schwere körperl. Veränderungen u. Entzugssympt. sehr selten u. kein Parameter für den Schweregrad der Erkr.!
Sonderform: PC-PC-MissbrauchMissbrauch/InternetsuchtInternetsucht (ICD-10: F63.x): sog. nichtstoffgebundene Abhängigkeit:nichtstoffgebundeneAbhängigkeit. Missbrauch 15 % der 14- bis 16-Jährigen, Abhängigkeit 5 %, Mädchen > Jungen (!), Vorgehen s. u.
Bahnung der TherapieIm Ggs. zur suchtmittelzentrierten Ther. bei Erw. ist bei Jgl. die Fokussierung auf den Jgl. selbst in seinem sozialen System unabdingbar. Somit frühzeitige Überweisung an spezialisierte Kinder- u. Jugendpsychiater/Ambulanzen ggf. unter Einbeziehung der Jugendhilfe.

Rechtliche Fragen

  • Bei KindeswohlgefährdungKindeswohlgefährdung durch Erziehungsberechtigte kann das Familiengericht über § 1666 BGB das Sorgerecht o. Teile desselben (Gesundheitsfürsorge, Aufenthaltsbestimmungsrecht) entziehen o. auch gefährdenden Personen verbieten, Kontakt zum Kind aufzunehmen. Der diesbezügliche Schutzauftrag der Jugendhilfeinstitutionen ist über den § 8a SGB VIII geregelt.

  • Ist bei der Kindeswohlgefährdung Gefahr im Verzug, kann das Jugendamt über § 42 KJHG das Kind in Obhut nehmen, ggf. auch in einer Klinik, allerdings nur mit deren Zustimmung.

  • Bei erheblichem eigen- o. fremdgefährdenden FremdgefährdungEigengefährdungVerhalten eines Kindes beantragen Sorgeberechtigte sog. freiheitsentziehende Maßnahmen beim Familiengericht, das über § 1631b BGB den Sorgeberechtigten genehmigt, ihr Kind auch gegen dessen Willen z. B. in einer Klinik unterzubringen. Dieser Antrag muss stattfinden, sobald das Kind über den sog. natürlichen Willen verfügt, i. d. R. also mit Beginn des 8. Lj. Sind Sorgeberechtigte nicht kooperativ o. erreichbar, können freiheitsentziehende Maßnahmen auch kurzfristig durch Polizei/Ordnungsamt nach den jeweiligen bundeslandspez. PsychKGs o. deren Äquivalente erfolgen.

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