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B978-3-437-22061-6.50361-X

10.1016/B978-3-437-22061-6.50361-X

978-3-437-22061-6

„Lung injury”-Score nach Murray (8)

Tabelle B14-1
Kriterium Punkte
Röntgen-Befund des Thorax
Keine alveoläre Konsolidierung 0
Alveoläre Konsolidierung
– in 1 Lungenquadrant 1
– in 2 Lungenquadranten 2
– in 3 Lungenquadranten 3
– in 4 Lungenquadranten 4
Hypoxämie
paO2/FiO2 > 300 0
paO2/FiO2 225–299 1
paO2/FiO2 175–224 2
paO2/FiO2 100–174 3
paO2/FiO2 < 100 4
Eingestellter PEEP
< 5 cmH2O 0
6–8 cmH2O 1
9–11 cmH2O 2
12–14 cmH2O 3
> 15 cmH2O 4
Grad der Lungenschädigung Score
Der Murray-Score wird durch Addition der in den einzelnen Kategorien erreichten Punkte und anschließende Division durch 3 ermittelt.
– Keine Lungenschädigung 0
– Leichte bis mäßige Lungenschädigung 0,3–2,5
– Schwere Lungenschädigung (ARDS) > 2,5

Akutes, nicht obstruktives Lungenversagen (ARDS/ALI) im Kindesalter

L. GORTNER

J. MÖLLER

I. REISS

DEFINITION UND BASISINFORMATION

Beim akuten, nicht obstruktiven Lungenversagen (ARDS: Acute Respiratory Distress Syndrome bzw. ALI: Acute Lung Injury) handelt es sich um eine akute entzündlich bedingte Lungenschädigung. Diese wird entsprechend den Kriterien der North American European Consensus Conference (NAECC) definiert (1). Die Prävalenz liegt entsprechend internationalen Daten zwischen 2,2 und 12 pro 100.000 Einwohner im Kindes- und Jugendalter pro Jahr, wobei die Einschlusskriterien in den zitierten Studien hinsichtlich der Alterskriterien und der Systematik der Erfassung der Atemstörungen different sind (2–4); für Deutschland lag bei einer entsprechenden regionalen Erhebung in Nordrhein-Westfalen die Prävalenz bei 5,5 pro 100.000 Kinder und Jugendliche pro Jahr (5). Die Mortalität liegt in neueren Studien aus den USA und China je nach Patientenpopulation in Abhängigkeit von der Verteilung der Grunderkrankungen zwischen 18% und 43% (6, 7). Daten aus dem nordamerikanischen ARDS-Netzwerk für Erwachsene zeigen einen Rückgang der Mortalität beim Vergleich der Zeiträume 1996–1997 von 35% auf 26% in 2004–2005 (7).
Die NAECC nennt vier diagnostische Kriterien des ARDS bzw. ALI (1):
  • Akuter Beginn

  • Bilaterale Infiltrate im Röntgenbild des Thorax

  • ARDS: paO2/FiO2-Quotient ≤ 200 mmHg

  • ALI: paO2/FiO2-Quotient ≤ 300 mmHg

  • Ausschluss einer pathologischen linksatrialen Druckerhöhung.

Die auslösenden Faktoren und Pathophysiologie des ARDS/ALI sind im Kindes- und Erwachsenenalter ähnlich, wobei im Kindesalter Infektionen der unteren Atemwege häufiger auslösend sind (2).
Im Gegensatz zu dem ARDS/ALI im Erwachsenalter ist der Schweregrad der Hypoxämie prädiktiv für die Mortalität (2).

Ursachen des ARDS im Kindesalter (18)

Primär pulmonale Ursachen
  • Pneumonie (viral/bakteriell)

  • Inhalationstraumen

  • Ertrinkungsunfälle

  • Schwere obere Atemwegsobstruktion

Extrapulmonale Ursachen
  • Sepsis

  • Polytrauma

  • Postoperatives ARDS/ALI (systemisch inflammatorische Reaktion)

  • Transfusionsassoziiertes Lungenversagen (TRALI)

  • Pankreatitis

Oxygenierungsindex

OI = mittlerer Atemwegsdruck [ mmHg ] × FiO2 × 100 paO 2 [ mmHg ]

LEITSYMPTOME

Typische klinische Symptome des ARDS/ALI sind die Tachypnoe, Dyspnoe und Zyanose als Folge einer:
  • Gasaustauschstörung,

  • Pulmonal-vaskulären Widerstandserhöhung.

DIAGNOSTIK

  • Röntgendiagnostik

    Aufnahme des Thorax im a.p.-Strahlengang mit dem Nachweis bilateraler Infiltrate. Der Murray Lung Injury Score berücksichtigt die Veränderungen der radiologischen Befunde zusammen mit dem paO2/FiO2-Quotienten, dem notwendigen PEEP und der Compliance (8). Der gesamte Murray-Score findet sich in Tabelle B14-1.

  • Echokardiographie zum Ausschluss eines Linkherzversagens als Ursache der Gasaustauschstörung.

  • Arterielle Blutgasanalysen und kontinuierliche Blutdruckmessung sind als Basisüberwachung obligat, darüber hinaus sind die Messungen des Herzzeitvolumens, der rechtsventrikulären Belastung, sowie der gemischt (gegebenenfalls zentral-)venösen Sättigung und des Serumlaktats sinnvoll.

  • Mikrobiologische Diagnostik

Eine bakteriologische sowie virologische Untersuchung von Sekret, das durch eine bronchoalveoläre Lavage gewonnenen wurde, ist obligat. Bei infektiösen Grunderkrankungen wird darüber hinaus die Abnahme von mindestens zwei Blutkulturen aus verschiedenen Zugängen (einmal perkutan) empfohlen (9).
In ursächlich unklaren Verläufen kann eine Surfactant-Analyse einer BAL sinnvoll sein, um Mangelzustände bzw. eine Dysfunktion von Surfactant-Protein C zu diagnostizieren. Es ist dabei zu beachten, dass die letzte Applikation von exogenem Surfactant aus Tierlungen aufgrund deren Gehalts an Surfactant-Protein C mehr als 48 Stunden zurückliegen sollte. In Einzelfällen ohne vorherige diagnostische Zuordnung der Ursachen des Lungenversagens kann eine Lungenbiopsie sinnvoll sein (10).

THERAPIE

Allgemein

Ziel der Therapie des akuten Lungenversagens im Kindesalter ist es, einen adäquaten Gasaustausch sicherzustellen und dabei möglichst Ventilator-assoziierte Lungenschädigungen zu vermeiden. Eine wichtige Säule in der Behandlung hierbei ist die Therapie der auslösenden Mechanismen des akuten Lungenversagens. Eine Vermeidung von sekundären Infektionen, wie z.B. einer beatmungsassoziierten Pneumonie, vermindert das Risiko einer weiteren Progression der Gasaustauschstörung. Auch wenn ein ARDS nicht in Folge einer Sepsis aufgetreten ist, verschlechtert eine sekundäre Sepsis die Prognose und sollte vermieden werden, eine frühzeitige antibiotische Therapie wird daher empfohlen (9).
Andere infektionsvermeidende Techniken, wie kontinuierliche Absaugung geblockter Tuben, pharyngeale Desinfektion, selektive Darmdekontamination und geschlossene Absaugsysteme werden bei Erwachsenen berichtet, kontrollierte Studien im Kindesalter dafür gibt es jedoch nicht (11). Deren Einsatz kann beim pädiatrischen ARDS erwogen werden.

Respiratorische Unterstützung bei Kindern mit ARDS/ALI

Ist trotz O2-Gabe und/oder CPAP-Therapie kein adäquater Gasaustausch möglich, besteht die Indikation der maschinellen Beatmung. Diese wird in der Regel über einen endotrachealen Tubus appliziert, Fallberichte über eine nicht-invasive Beatmung liegen vor und werden unten aufgegriffen.
Bei Erwachsenen ist entsprechend der Empfehlung des National Institutes of Health ARDS Clinical Trial Network (ARDSNet; www.ardsnet.org) als Zielgröße der maschinellen Beatmung ein arterieller Sauerstoffpartialdruck (paO2) von 55–80 mmHg (7,3–10,7 kPa) bzw. arterielle O2-Sättigung (SaO2) 88–95% vorgegeben (12). Es existieren hierbei keine Studien zu langfristigen Prognosen; paO2-Werte von 60–80 mmHg oder SaO2 ≥ 90% gelten als sicher; prospektive randomisierte kontrollierte Studien zu den genannten Bereichen der Oxygenierung existieren bislang jedoch nicht.
Während der Therapie sollte ein pH von 7,20–7,45 angestrebt werden. Ist dies nur mit einer potenziell lungenschädigenden Beatmung erreichbar, können niedrigere pH-Werte (pH von 7,15–7,30) und höhere paCO2-Werte unter Berücksichtigung der Grunderkrankung erwogen werden von 50–60 mmHg („permissive Hyperkapnie”) (13). Bei persistierenden niedrigen pH-Werten kann eine Pufferung mit Natriumbikarbonat oder Tris-Puffer in Betracht gezogen werden (14).
In klinischen Studien wurde gezeigt, dass höhere paCO2-Werte im Bereich von 50–60 mmHg keine hirnschädigende Wirkung haben (13, 15). In einer kleineren Fallserie wurden Kohlendioxidpartialdrucke von > 150 mmHg in Einzelfällen als risikolos bei Kindern dargestellt (16). Die inspiratorischen Spitzendrücke (PIP) sollten möglichst niedrig gehalten werden und dabei Maxima von 30 cmH2O nicht überschreiten. Es existieren bei Kindern mit ALI/ARDS keine Studien, ob niedrigere Tidalvolumina oder niedrigere Spitzendrücke einen positiven Einfluss auf Mortalität und Morbidität haben. Das Tidalvolumen sollte bei 5–7 ml/kg Körpergewicht liegen und nicht bis 10 ml/kg Körpergewicht erhöht werden. Im Gegensatz zu den Empfehlungen bei Erwachsenen existieren im Kindesalter hierzu keine randomisierten kontrollierten Studien. Bei der Notwendigkeit der Beatmung mit höheren inspiratorischen Spitzen- sowie mittleren Atemwegsdrücken wurde eine steigende Mortalität beschrieben (2).
Der positive endexspiratorische Druck (PEEP) sollte mit initial 5 cmH2O danach in Stufen gesteigert werden, um so Oxygenierung und Herzzeitvolumen gegeneinander zu optimieren („best PEEP”) (17).
Eine Metaanalyse unter Einschluss von drei Studien an Patienten mit ARDS/ALl und einem Alter von > 16 Jahren ergab keinen Vorteil hinsichtlich der Überlebensrate eines hohen im Vergleich zu einem tiefen PEEP. Eine Subgruppenanalyse der Patienten mit ARDS zeigte in der Gruppe mit höherem PEEP (initial 15 cmH2O) eine höhere Überlebensrate als in der Gruppe mit geringerem PEEP (9 cmH2O) (18).
Hochfrequenzbeatmung
Die Hochfrequenzoszillationsbeatmung (HFO) bei ARDS/ALI bei Kindern jenseits der Neugeborenenperiode wurde in Fallserien als Alternative zur konventionellen Beatmung beschrieben. Kontrollierte Studien, die einen Vorteil gegenüber der konventionellen Beatmung aufzeigen, existieren bislang nicht. Die HFO-Beatmung kann als eine Rescue-Therapie bei schwerem Lungenversagen auch im Kindesalter eingesetzt werden (19).
Die typische initiale Einstellung des Beatmungsgeräts bei der HFO wird mit einer Frequenz zwischen 5–12 Hz in Abhängigkeit vom Alter des Kindes bei einer Inspirationsdauer von rund 30% und einem Atemgasfluss von 20–30 l/min angegeben. Der mittlere Atemwegsdruck wird üblicherweise mit 3–5 cmH2O über dem Niveau der konventionellen Beatmung gewählt (20). In einer Metaanalyse unter Berücksichtigung von vier Studien an Erwachsenen und zwei Studien an Kindern/Jugendlichen wurde gezeigt, dass die HFO zu einer Verbesserung der Oxygenierung beitragen kann und die 30-Tages-Mortalität im Vergleich zu konventionell beatmeten Patienten reduziert wird (21).
Nicht-invasive Beatmung
In einer Metaanalyse zur Anwendung einer nicht-invasiven Beatmung bei Erwachsen mit ARDS konnten keine signifikanten positiven Effekte auf die Mortalität sowie die Notwendigkeit einer maschinellen Beatmung aufgezeigt werden (22). Im Kindesalter hingegen existieren keine randomisierten Studien zur nicht-invasiven positiven Druckbeatmung. In Fallserien wurde über den Einsatz der nicht-invasiven Beatmung berichtet (23), diese kann in Einzelfällen in Betracht gezogen werden (24).
Bauchlagerung
Studien zur Bauchlagerung während einer Beatmung bei einem ARDS/ALI zeigten einheitlich eine initiale Verbesserung der Oxygenierung. Eine Reduktion der Mortalität bzw. der Beatmungstage wurde in einer randomisierten Studie bei ARDS/ALI im Kindesalter nicht beobachtet (25). Eine aktuelle Metaanalyse bestätigt die Wirksamkeit der Bauchlage bei Erwachsenen mit ARDS zur Verminderung der Mortalität (26).
In individuellen Fällen sollte eine intermittierende Bauchlagerung zur kurzfristigen Verbesserung der Oxygenierung im Rahmen eines ARDS/ALI beim Kind zur Behandlung erwogen werden (27).
Risiken der Bauchlage können durch Tubuskomplikationen wie Dislokation oder Obstruktion im Rahmen der Umlagerung sowie durch Katheterprobleme mit Verlust von oder inkonstanter Förderung der Infusionsvolumina entstehen (28).
Inhalatives Stickstoffmonoxid (NO)
Inhalatives NO bewirkt in niedriger Dosierung (bis 20 ppm) tubusnah zugeführt über den Inspirationsschenkel des Beatmungssystems eine Verbesserung der Oxygenierung bei ARDS/ALI (29). Eine aktuelle Metaanalyse aus insgesamt 14 Studien an Kindern und Erwachsenen konnte jedoch keine Verbesserung der Mortalität und Langzeitmorbidität nachweisen (30). Schwerwiegende unerwünschte Wirkungen wie Blutungen oder Methämoglobinämien waren im Rahmen der pädiatrischen Studien nicht beschrieben worden, bei Erwachsenen zeigte sich ein erhöhtes Risiko der Niereninsuffizienz nach NO-Applikation in einer weiteren Metaanalyse (31). Inhalatives NO kann daher derzeit nicht zur Behandlung des ARDS im Kindesalter empfohlen werden.
Surfactanttherapie
Eine klinisch-kontrollierte Studie belegt, dass die exogene endotracheale Applikation von Surfactant bei Kindern mit einem akuten respiratorischen Versagen zu einer Erhöhung der beatmungsfreien Tage bzw. Verminderung der Verweildauer auf der Intensivstation führt. Daneben war die Mortalität in der Therapiegruppe vermindert (deskriptive Analyse) (32). Dabei ist eine intratracheale Bolusapplikation von Surfactant gewonnen aus Tierlungen nicht mit relevanten Nebenwirkungen assoziiert (32). Obwohl beim ARDS häufig höhere Dosen als beim RDS des Frühgeborenen notwendig sind, ist die Kosten-Effektivität der Therapie im Kindesalter belegt (33). Diese Therapie kann daher beim pädiatrischen ARDS in Betracht gezogen werden. Die Effektivität einer Therapie mit porzinem Surfactant beim ARDS im Erwachsenenalter zur Verminderung der 28-Tages-Mortalität wurde in einer kontrollierten Studie nicht belegt (34).
Entwöhnung von der Beatmung
Eindeutig definierte Kriterien zur Entwöhnung von der Beatmung und nachfolgende Extubation existieren für das Kindesalter nicht. Als Kriterien für eine Extubation wurden vorgeschlagen: minimale Tidalvolumina von 5 ml/kg, SaO2 ≥ 95% bei einem PEEP ≤ 5 cmH2O und FiO2 ≤ 0,5 (35).
Eine deskriptive, retrospektive Analyse einer ARDS-Studie (ALVEOLI-Studie) (12) an Erwachsenen, deren primärer Endpunkt die Frage des optimalen PEEP war, zeigte eine Verlängerung der Dauer der maschinellen Beatmung unabhängig vom PEEP-Niveau, wenn Sedativa oder Opioide (in jeweils rund 80% der Studienteilnehmer verabfolgt) gegeben wurden (36). Als wesentliche Ursache wurde eine verlängerte Dauer der Entwöhnung angegeben (36). Für das Kindesalter liegen zur Verwendung von Sedativa oder Opioiden keine systematischen Daten vor, diese werden jedoch in Übersichten empfohlen (37).

Flüssigkeitszufuhr und Kreislauftherapie

Im Gegensatz zu Daten klinisch-kontrollierter Studien an Erwachsen mit ARDS und dort nachgewiesener Wirksamkeit einer restriktiven Flüssigkeitszufuhr zur Verbesserung der Überlebensrate (38) finden sich hierzu keine systematischen Daten beim ARDS im Kindesalter. Eine knappe Bilanzierung mithilfe von Diuretika sollte angestrebt werden, dabei sollte jedoch eine hypovolämische Kreislaufdepression vermieden werden (39). Dies gilt insbesondere im Falle einer Therapie eines septischen Schocks (9).
Bluttransfusion
Die adäquate Sauerstoffaufnahme und -abgabe sind grundlegende physiologische Prozesse und Voraussetzung für ein Überleben bei kritischen Atemstörungen. Bei hämodynamisch stabilen Kindern mit ARDS/ALI wurde kein Unterschied im Behandlungserfolg beim Vergleich einer Transfusionsgrenze von Hb 7,0 g/dl versus Hb von 9,5 g/dl gezeigt (40). Während bei Patienten im Schock entsprechend der Stellungnahme eines Expertengremiums Hb-Werte von ≥ 10 g/dl angestrebt werden sollen (9), sind bei hämodynamisch stabilen ansonsten unkomplizierten Kindern mit ARDS/ALI Hämoglobinwerte von 7 g/dl i.d.R. ausreichend (40).

Serumglukose

Bei kritisch kranken Kindern wurde eine Korrelation von Schweregrad der Erkrankung und der Höhe der Blutzuckerwerte gezeigt (41). Bei ARDS im Kindesalter existieren bislang keine Daten für eine Insulintherapie zur Einstellung von Serumglukose-Konzentrationen auf einen entsprechenden spezifischen Zielbereich, das Protokoll für eine klinisch-kontrollierte Studie wurde publiziert, die entsprechenden Studienresultate sollten abgewartet werden, bevor eine definitive Stellungnahme möglich ist (42). Eine Studie aus der pädiatrischen Intensivmedizin, die rund 85% Kinder mit zuvor erfolgten operativen Eingriffen einschloss, berichtete über eine verminderte Mortalität bei nah-normaler altersentsprechender Glukosekontrolle mittels Insulin im Vergleich zur Kontrollgruppe, wo Insulin bei Serumglukose-Konzentrationen ab 214 mg/dl verabfolgt wurde (43). Bei Erwachsenen mit kritischen Erkrankungen hingegen wurde über eine erhöhte Mortalität bei strikter Kontrolle der Serumglukose zwischen 81–108 mg/dl im Vergleich zu einem Zielbereich von < 180 mg/dl berichtet (44).
Die oben dargestellten widersprüchlichen Daten lassen sich dahingehend zusammenfassen, dass bis zum Erhalt definitiver Studiendaten beim pädiatrischen ARDS/ALI, die Empfehlungen von Fachgesellschaften der Erwachsenenmedizin mit Serumglukose-Konzentrationen von 140–180 mg/dl aufgegriffen werden sollten (45).
Für diese Wertung ist maßgeblich, dass die Studiendaten bei Erwachsenen mit kritischen Erkrankungen gewonnen wurden, die zum überwiegenden Teil an einem ARDS/ALI erkrankt waren.

Kortikosteroide

Bei Erwachsenen konnte gezeigt werden, dass eine präventive Behandlung mit Kortikosteroiden bei einem sich entwickelnden ARDS/ALI zu einer Erhöhung der Mortalität führen kann (46). Auch späte, d.h. jenseits der 2. Krankheitswoche, verabfolgte Kortikosteroide bei erwachsenen Patienten mit einem ARDS bewirken entsprechend den Daten aktueller Metaanalysen keine signifikante Verbesserung der Mortalität, es konnte jedoch eine Reduktion der Beatmungstage beobachtet werden, ohne dass das Infektionsrisiko erhöht war (47). Vergleichbare Daten wurden für das ARDS des Erwachsenen in einer weiteren Metaanalyse berichtet, wobei Mortalität und Morbidität nach Steroiden signifikant vermindert waren (48).
Aktuelle Studiendaten zum Stellenwert einer Steroidbehandlung bei kindlichem ARDS existieren im Gegensatz zum adulten ARDS/ALI nicht. Eine Empfehlung zur Therapie des ARDS/ALI im Kindesalter wird daher nicht abgegeben, ihr Einsatz kann erwogen werden.

ECMO und andere extrakorporale Verfahren

Die extrakorporale Membranoxygenierung (ECMO) oder andere extrakorporale Verfahren wie die extrakorporale CO2-Elimination (ECCOR) sollten beim Versagen der konventionellen Methoden in Betracht gezogen werden.
Die Überlebensrate beim ARDS, welches mittels ECMO behandelt wird, liegt in Abhängigkeit von der Patientenpopulation bei rund 50%, beim Neugeborenen mit ECMO-Therapie bei rund 67% (49). Klinisch-kontrollierte Studien zur ECMO-Behandlung beim ARDS/ALI bei Kindern existieren nicht. In einer randomisiert-kontrollierten Studie bei Erwachsenen mit einem ARDS (CESAR-trial) konnte unter Kosten-Effektivitätsaspekten ein positiver Effekt der ECMO-Therapie auf das Behandlungsergebnis gezeigt werden (50). Größere Fallserien zum Einsatz der ECMO-Therapie beim ARDS wurden anlässlich der H1N1-Pandemie publiziert, wo in Australien-Neuseeland 68 Patienten aller Altersstufen mittels ECMO bei therapierefraktärem ARDS behandelt wurden. Insgesamt konnten 71% erfolgreich therapiert und von der Intensivstation verlegt werden (Intent-to-treat-Analyse) (51).
Eine frühzeitige Kontaktaufnahme mit einem ECMO-Zentrum beim neonatalen Lungenversagen wird empfohlen (49). Klar definierte Kriterien für den Beginn einer ECMO-Therapie beim pädiatrischen ARDS wurden bislang nicht definiert, jedoch sollte im jeweiligen Einzelfall deren Einsatz beim Kind mit therapierefraktärem Verlauf überprüft werden. Erfolgreiche Verläufe unter ECMO wurden unter anderem auch für Kinder mit ARDS bei onkologischen Grunderkrankungen in einer kleineren Fallserie beschrieben (52).
Alternative Verfahren in der extrakorporalen Therapie, wie sie bei Erwachsenen mit respiratorischen Versagen berichtet wurden, z.B. die extrakorporale CO2-Elimination oder pumpenlose interventionelle Gasaustauschsysteme, wurden bislang noch nicht systematisch beim Kind untersucht.
Die Kombination extrakorporaler Verfahren als Überbrückungstherapie mit einer konsekutiven Lungentransplantation wurde in Einzelfällen beschrieben (53, 54).

Weitere additive Therapien

In einer klinisch-kontrollierten Studie an Erwachsenen mit ARDS konnte ein positiver Effekt der Relaxation mit Cisatracium hinsichtlich der Überlebensrate nach 90 Tagen und der Beatmungsdauer nachgewiesen werden (55). Für Kinder sollte beim Fehlen von kontrollierten Studien zur Rolle der Relaxierung daher bei hohen Spitzendrücken und aktivem Atmen gegen das Gerät trotz Sedierung eine Therapie mit Muskelrelaxanzien erwogen werden.
Die inhalative Therapie mit Prostazyklin zur pulmonalen Vasodilatation und konsekutiver Verbesserung der Oxygenierung ist entsprechend den Daten einer aktuellen Metaanalyse unter Einschluss von Studien an Kindern mit ARDS/ALI nicht geeignet, die Überlebensrate zu verbessern (56). Die Applikation von Prostazyklin als Aerosol über den endotrachealen Tubus beim pädiatrischen ARDS/ALI kann daher nicht als Therapiestandard empfohlen werden.
Beim akuten anurischen Nierenversagen im Rahmen eines Multiorganversagens mit ARDS ist der Einsatz extrakorporaler Verfahren zur Wahrung der Flüssigkeitshomöostase indiziert (37). Beim Nachweis von Virus-, Pilz- oder bakteriellen Erregern als Auslöser einer Pneumonie mit ARDS/ALI bzw. bei einer Sepsis mit ARDS/ALI sollte eine adäquate, gezielte antimikrobielle Behandlung durchgeführt werden (9).
ABKÜRZUNGENARDS

Acute Respiratory Distress Syndrome; akutes respiratorisches Versagen

ALI

Acute Lung Injury; akute Lungenschädigung

ECMO

Extrakorporale Membranoxygenierung

FiO2

Fraktionelle, inspiratorische Sauerstoffkonzentration

I/E-ratio

Inspirationszeit zu Exspirationszeit je Atemzug

PIP

Spitzendruck

PEEP

Positiver endexspiratorischer Druck

paO2

Arterieller Sauerstoffpartialdruck

paCO2

Arterieller Kohlendioxidpartialdruck

SaO2

Arterielle Sauerstoffsättigung

SvO2

Gemischt-venöse Sauerstoffsättigung

OI

Oxygenierungsindex

LITERATUR
Die Literaturverweise zum Beitrag finden Sie in der Online-Version unter www.elsevier.de/leitlinien-paediatrie.
Die Evidenzgrade wurden bestimmt gemäß der Klassifikation des Center for evidence based medicine, Oxford 2009 (www.cebm.net).www.cebm.net.

Verfahren der Konsensbildung

1. Fassung 10.09.1998: L. Gortner, J. Möller und der Vorstand der Gesellschaft für Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin
2. Fassung 2011:
L. Gortner, Homburg/Saar, Deutschland
J. Möller, Saarbrücken, Deutschland
I. Reiss, Rotterdam, Niederlande
Erarbeitet von den zuvor Genannten, konsentiert von einer Delphi-Konferenz mit 32 Teilnehmern, die vom Vorstand der GNPI einberufen worden war. Der 1. Entwurf wurde am 18.08.2010 elektronisch zugestellt. Änderungsvorschläge konnten binnen 4 Wochen an den Leitlinienbeauftragten eingereicht werden. Diese Vorschläge wurden zeilenbezogen in den Entwurf eingefügt und allen Teilnehmern zugestellt. Die Autoren nahmen zu den Änderungen am 10.05.2011 Stellung. Der 2. Entwurf erhielt eine Zustimmung von 18 der 20 abgegebenen Voten aus der Delphi-Konferenz. Acht Voten mit grundsätzlicher Zustimmung trugen Bedenken vor. Eine finale Fassung wurde am 14.06.2011 diesen acht Kollegen zugestellt mit der Bitte um Zustimmung. Danach bestand eine Zustimmung von 18 Stimmen von 20, entsprechend 90%. Mit Zustimmung der DGKJ wurde die Leitlinie vom Vorstand der GNPI am 8.07.2011 verabschiedet.
Nächste Überarbeitung: 2016

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