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B978-3-437-22061-6.50366-9

10.1016/B978-3-437-22061-6.50366-9

978-3-437-22061-6

Zoneneinteilung gemäß Internationaler Klassifikation (15, 18–20)

  • Zone I:

    Die zentrale Nerzhaut innerhalb eines Kreises um die Papille mit dem Radius des doppelten Abstandes von Papille zu Fovea. Die Fovea ist bei sehr unreifen Kindern schlecht definiert. Wenn mit einer 28 dpt-Lupe nasal die Papille und temporal bereits die Vaskularisationsgrenze gleichzeitig zu erkennen sind, liegt eine Zone-I-Erkrankung vor

  • Zone II:

    Die mittelperiphere Netzhaut peripher von Zone I innerhalb eines Kreises mit dem Radius des Abstandes von Papille zu nasaler Ora serrata

  • Zone III:

    Die periphere Netzhaut außerhalb von Zone II

Stadieneinteilung gemäß Internationaler Klassifikation (15, 18–20)

Tabelle B19-1
Stadium 1 Demarkationslinie
Stadium 2 Prominente Leiste
Stadium 3 Prominente Leiste und extraretinale fibrovaskuläre Proliferationen
Stadium 4 Partielle Amotio retinae
  • a.

    ohne Makulabeteiligung

  • b.

    mit Makulabeteiligung

Stadium 5 Totale Amotio retinae

Augenärztliche Screening-Untersuchung von Frühgeborenen

ARBEITSGRUPPE DER RETINOLOGISCHEN GESELLSCHAFT ZUR ERSTELLUNG DER LEITLINIE ZUR AUGENÄRZTLICHEN SCREENING-UNTERSUCHUNG VON FRÜHGEBORENEN 1

1

Die Teilnehmer der Arbeitsgruppe sind am Ende des Kapitels aufgelistet

FÜR DIE ARBEITSGRUPPE:

C. JANDECK

U. KELLNER

B. LORENZ

V. SEIBERTH

Die Frühgeborenen-Retinopathie (Retinopathia praematurorum, RPM) ist Folge einer gestörten retinalen Gefäßentwicklung, bedingt durch Frühgeburtlichkeit. Das klinische Bild der Erkrankung ist gekennzeichnet durch eine akute Phase in den ersten Lebensmonaten, während der es in einigen Fällen zu einer raschen Befundverschlechterung kommen kann. An die akute Phase kann sich eine lebenslange Narbenphase anschließen. In der Mehrzahl der Fälle bilden sich die Netzhautveränderungen der akuten Phase spontan zurück (9, 13) (Empfehlungsgrad A, Evidenzstärke I). Fortgeschrittene Befunde können zu ausgeprägten Funktionsminderungen bis zur Erblindung führen. Mit der Koagulationstherapie in definierten Stadien der akuten Phase steht heute eine Behandlungsmethode zur Verfügung, die die Häufigkeit eines ungünstigen Ausgangs der Erkrankung zu reduzieren vermag (2, 3, 7) (Empfehlungsgrad A, Evidenzstärke I). Die Laserkoagulation erwies sich in mehreren Publikationen in Bezug auf das anatomische und funktionelle Ergebnis der Kryokoagulation überlegen (5, 8, 10, 14) (Empfehlungsgrad A, Evidenzstärke II).

Die sichere und rechtzeitige Diagnosestellung therapiebedürftiger RPM-Stadien ist die Voraussetzung für eine erfolgreiche Koagulationstherapie. Nur ein sorgfältiges Screening aller Risikofrühgeborenen durch Augenärzte, die in dieser speziellen Diagnostik erfahren sind, ermöglicht es, therapiebedürftige RPM-Stadien zeitgerecht zu erkennen. Die rechtzeitige Koagulationstherapie ist bisher der einzige, durch prospektive Untersuchung gesicherte Weg, die RPM-bedingte Erblindungsrate zu senken. Die vorliegende Leitlinie ersetzt die gemeinsame Empfehlung von 1999 (1) mit dem Ziel, neue evidenzbasierte Ergebnisse zur augenärztlichen Behandlung der RPM einzuarbeiten und durch die Modifikation bisheriger Therapiekonzepte die Prognose für Kinder mit RPM zu verbessern (Empfehlungsgrad A, Evidenzstärke III). Diese Leitlinie entspricht im Wesentlichen den aus der ETROP-Studie abgeleiteten Behandlungsempfehlungen für Augen mit Veränderungen in der Zone I (16) (Empfehlungsgrad A, Evidenzstärke 1).

In der Zone II bleiben die Kriterien der alten Leitlinie von 1999 (1) unverändert, die den Behandlungskriterien der Cryo-ROP-Studie (2, 3) (Empfehlungsgrad A, Evidenzstärke I) in Bezug auf die Anzahl der mit Stadium 3 betroffenen Stunden entspricht (Empfehlungsgrad A, Evidenzstärke III). Die ETROP-Studie konnte für Augen mit einem Stadium 3+ und 2+ keinen signifikanten Unterschied zwischen früh- und konventionell behandelten Augen bezüglich des anatomischen und funktionellen Ergebnisses nachweisen (16) (Empfehlungsgrad A, Evidenzstärke I).

ANFORDERUNGEN AN DEN AUGENÄRZTLICHEN UNTERSUCHER (EMPFEHLUNGSGRAD A, EVIDENZSTÄRKE III)

Der Augenarzt bzw. die Augenärztin, die ein RPM-Screening durchführen, müssen sachkundig sein. Sie müssen insbesondere Erfahrung haben in
  • der Untersuchung von Frühgeborenen, Säuglingen und Kleinkindern,

  • der indirekten Ophthalmoskopie,

  • der speziellen Diagnostik der RPM, deren Klassifikation (s. Tab. B19-1 und Abb. B-19-1) sowie den aktuellen Behandlungskriterien.

SCREENING AUF AKUTE RPM

Ziel eines RPM-Screenings ist, möglichst alle Frühgeborenen zu erfassen, deren Retinopathie eine therapiebedürftige Ausprägung erreicht, und sie einer adäquaten Therapie zuzuführen.

Kriterien zur Auswahl Frühgeborener zum RPM-Screening

Ein RPM-Screening ist indiziert bei allen
  • Frühgeborenen mit einem Gestationsalter unter 32 Wochen (bei nicht sicher bekanntem Gestationsalter ≤ 1500 g Geburtsgewicht) unabhängig von einer zusätzlichen Sauerstoffgabe (9, 11, 13) (Empfehlungsgrad A, Evidenzstärke I),

  • Frühgeborenen zwischen 32 und 36 Wochen Gestationsalter, wenn postnatal mehr als drei Tage Sauerstoff gegeben wurde (Empfehlungsgrad A, Evidenzstärke III).

Terminierung der augenärztlichen Untersuchungen (Empfehlungsgrad A, Evidenzstärke I)

Erstuntersuchung
Die erste augenärztliche Untersuchung sollte in der 6. postnatalen Woche (Lebenstag 36–42) erfolgen, aber nicht vor einem postmenstruellen Alter von 31 Wochen. Folgeuntersuchungen
Wenn keine therapiebedürftige RPM vorliegt, richtet sich die Terminierung von Folgeuntersuchungen nach dem jeweiligen Augenhintergrundsbefund. Kontrollen
Kontollen sollten erfolgen:
  • a.

    Wöchentlich bei:

    • Vaskularisationsgrenze in Zone I oder zentraler Zone II ohne oder mit RPM,

    • Vaskularisationsgrenze in Zone II mit RPM Stadium 2 oder 3,

    • jeder RPM mit „plus disease”.

    • Kürzere Kontrollabstände als eine Woche können bei rasch progredienter Retinopathie und/oder sehr unreifer Netzhaut nötig sein.

  • b.

    Zweiwöchentlich bei:

    • Vaskularisationsgrenze in peripherer Zone II ohne RPM oder mit RPM Stadium 1.

    • Vaskularisationsgrenze in Zone III ohne oder mit RPM.

  • c.

    Längere Untersuchungsabstände:

    Die unter a. und b. genannten Untersuchungsabstände können um eine Woche verlängert werden,

    • falls über mehrere Untersuchungstermine ein rückläufiger Befund festgestellt wurde,

    • nach dem errechneten Geburtstermin.

Abschluss der Screening-Untersuchungen auf akute RPM (Empfehlungsgrad A, Evidenzstärke I)

Das Screening auf akute RPM kann beendet werden, wenn
  • die Netzhaut peripher zirkulär vollständig vaskularisiert ist,

  • eine deutliche Regression der peripheren Netzhautveränderungen der akuten RPM zu erkennen ist, aber erst nach dem errechneten Geburtstermin.

Es ist zu beachten, dass eine Befundregression durch eine passagere Vasokonstriktion (z.B. durch erhöhte Sauerstoffkonzentration im arteriellen Blut) vorgetäuscht werden kann (Empfehlungsgrad C, Evidenzstärke II).

Untersuchungsablauf

Die Befunderhebung bei RPM ist schwierig. Voraussetzungen für eine zuverlässige Beurteilung der Erkrankung sind:
  • Vollständige medikamentöse Pupillenerweiterung (Mydriasis) z.B. durch rechtzeitiges Eintropfen von Augentropfen (Tropicamid 0,5% und Phenylephrin 2,5% oder Atropin 0,1%) in den Bindehautsack (Empfehlungsgrad A, Evidenzstärke II). Zur Applikation der Augentropfen bei Frühgeborenen sind in der Regel zwei Personen erforderlich (Empfehlungsgrad B, Evidenzstärke III). Auf mögliche systemische Nebenwirkungen der Mydriatika ist zu achten, jedoch ist eine ausreichende Mydriasis Grundvoraussetzung für die ophthalmologische Diagnostik (Empfehlungsgrad A, Evidenzstärke III).

  • Abdunkeln des Untersuchungsraumes (Empfehlungsgrad A, Evidenzstärke III).

  • Applikation von lokalanästhetischen Augentropfen in den Bindehautsack unmittelbar vor Einsetzen eines Lidsperrers oder von Lidhaken (Empfehlungsgrad C, Evidenzstärke III).

  • Halten des Kindes und des Kopfes durch eine zweite Person (z.B. Pflegekraft, Elternteil). Eine Untersuchung im geschlossenen Inkubator lässt in der Regel lediglich eine orientierende Diagnostik zu und sollte daher nach Abwägung der Risiken nur ausnahmsweise erfolgen. Bei der Betreuung von Frühgeborenen auf der neonatologischen Intensivstation sollte eine Krankenpflegekraft der Intensivstation unmittelbar zur Verfügung stehen (Empfehlungsgrad C, Evidenzstärke III).

  • Augenspiegelung durch indirekte binokulare Ophthalmoskopie. Die binokulare Ophthalmoskopie erlaubt dem Untersucher neben einer stereoskopischen Beurteilung der Augenhintergrundsbefunde die Rotation und die Indentation des Bulbus ohne weitere Hilfsperson (Empfehlungsgrad A, Evidenzstärke III).

  • Die digitale Dokumentation mit einer Weitwinkelkamera des vorderen Augenabschnittes und des Augenhintergrundes ist ein neues Verfahren des RPM-Screenings. Der Einsatz dieser Technik setzt umfangreiche Erfahrung voraus (Empfehlungsgrad C, Evidenzstärke II).

Durchführung der Untersuchung (Empfehlungsgrad A, Evidenzstärke III)

Es empfiehlt sich, beim Screening einen gleichbleibenden Untersuchungsgang einzuhalten.
  • Beurteilung der vorderen Augenabschnitte: Pupillenweite, Tunica vasculosa lentis, Irishyperämie, Rubeosis iridis, Iris-Linsen-Synechien, Katarakt, Glaskörpertrübungen. Irishyperämie, Rubeosis iridis und erweiterte Gefäße der Tunica vasculosa lentis können auf ein therapiebedürftiges RPM-Stadium hinweisen.

  • Beurteilung der zentralen Netzhaut: Vaskularisationsgrenze, „plus disease”, Verziehung der Netzhautgefäße (Winkel zwischen den temporalen Gefäßbögen), Amotio retinae.

  • Beurteilung der peripheren Netzhaut zirkulär: Vaskularisationsgrenze, RPM-Ausprägung, Ausdehnung, retinale und/oder vitreale Blutungen, Gefäßschlängelung, Gefäßdilatation, Amotio retinae.

  • Einordnung und Dokumentation der erhobenen Befunde gemäß der Internationalen Klassifikation (s. Tab. B19-1 und Abb. B19-1) (15, 18–20): Lokalisation (Zone), Ausdehnung (Uhrzeiten), Stadium und so genannte zusätzliche Befunde. Zu beachten ist, dass die Zone-I-Erkrankung rasch progredient verlaufen kann und nicht die in der Internationalen Klassifikation beschriebenen Stadien durchlaufen muss, so dass Stadium 1 (Demarkationslinie) und Stadium 2 (Leiste) ophthalmoskopisch schwer zu erkennen und einzuordnen sind (aggressive posteriore RPM). Ein alarmierendes Zeichen der Zone-I-Retinopathie ist häufig die Ausbildung pathologischer Gefäßmuster an der Vaskularisationsgrenze. Eine Fehleinschätzung des Vaskularisationsgrades kann sich zudem durch eine Verwechslung von Aderhaut- mit Netzhautgefäßen ergeben.

  • Festlegung des weiteren Vorgehens durch

    • Terminierung eines Kontrolltermins zur erneuten augenärztlichen Untersuchung,

    • Indikationsstellung und Terminierung einer Koagulationstherapie, gegebenenfalls Veranlassung und/oder Organisation einer Konsiliaruntersuchung in einem kinderophthalmologischen bzw. retinologischen Zentrum mit Angabe der Dringlichkeit,

    • Abschluss des Screenings.

Indikationen zur Koagulationstherapie

Aufgrund der publizierten Behandlungsergebnisse und der Erfahrungen der Mitglieder der Arbeitsgruppe ergeben sich derzeit folgende Indikationen zur Koagulationstherapie. Bei einer Vaskularisationsgrenze
  • in Zone III ist eine Therapie in der Regel nicht erforderlich (2, 9) (Empfehlungsgrad A, Evidenzstärke I).

  • in Zone II ist die Therapie indiziert bei Erreichen von Stadium 3+, wenn extraretinale Proliferationen mittelschwerer Ausprägung über mindestens 5 zusammenhängende oder 8 unzusammenhängende Stunden in Verbindung mit „plus disease” (Gefäßerweiterung und Tortuositas am hinteren Augenpol über mindestens 2 Quadranten) vorliegen („threshold disease”) (2) (Empfehlungsgrad A, Evidenzstärke I). Im Einzelfall kann eine frühere Therapie angezeigt sein (z.B. bei rascher Progression, beginnender Verziehung der Netzhaut) (20) (Empfehlungsgrad A, Evidenzstärke I).

  • in Zone I ist die Therapie indiziert bei Vorliegen von „plus disease” in mindestens 2 Quadranten unabhängig vom Stadium oder bei Vorliegen eines Stadium 3 ohne „plus disease” (16) (Empfehlungsgrad A, Evidenzstärke I).

  • Wegen der Seltenheit einer Zone-I-Erkrankung, der Befundvariabilität und der schlechten Prognose erfordert die Indikationsstellung zur Therapie in Zone I besondere Erfahrung. Bei Zone-I-Erkrankung sollte daher Rücksprache mit und – wenn aus neonatologischer Sicht möglich – eine Verlegung in ein kinderophthalmologisches bzw. retinologisches Zentrum mit Neonatologie erfolgen.

Wird die Indikation zur Koagulationstherapie gestellt, sollte die Behandlung innerhalb weniger Tage erfolgen (Empfehlungsgrad A, Evidenzstärke II).
Aus diesem Grund ist es sinnvoll, eine bevorstehende Operation bei Befundprogression mit den betreuenden Neonatologen, Anästhesisten, dem Operateur und den Eltern des Frühgeborenen frühzeitig abzustimmen. Als Koagulationsverfahren steht die Laserkoagulation zur Verfügung (5, 7, 8, 10, 14) (Empfehlungsgrad A, Evidenzstärke I).

NACHUNTERSUCHUNGEN BEI EHEMALIGEN FRÜHGEBORENEN (EMPFEHLUNGSGRAD A, EVIDENZSTÄRKE II)

Bei Frühgeborenen treten anatomische und funktionelle Probleme der Augen häufiger auf. Unabhängig von den Narbenstadien einer RPM können weitere Veränderungen beobachtet werden: Refraktionsanomalien, Strabismus, Amblyopie, Makulahypoplasie, Optikusatrophie, zerebrale Sehstörungen.
Nachuntersuchungen der Augen sollten bei allen Frühgeborenen mit einem Gestationsalter unter 32 Wochen (bei nicht sicher bekanntem Gestationsalter ≤ 1500 g Geburtsgewicht) unabhängig vom Vorliegen einer akuten RPM und bei Frühgeborenen zwischen 32 und 36 Wochen Gestationsalter mit RPM mindestens erfolgen:
  • halbjährlich im ersten und zweiten Lebensjahr,

  • jährlich ab dem dritten bis zum sechsten Lebensjahr,

  • nach dem sechsten Lebensjahr bei nachweisbaren Augenveränderungen.

Nach Koagulationstherapie und bei Kindern mit neurologischen Störungen sollten Untersuchungstermine in kürzeren Abständen individuell festgelegt werden.

ANMERKUNGEN

Es ist das Ziel der überarbeiteten Leitlinie, durch Einarbeitung neuer evidenzbasierter Ergebnisse zur augenärztlichen Behandlung der RPM und durch die Modifikation bisheriger Therapiekonzepte die Prognose für Kinder mit RPM und anderen mit Frühgeburtlichkeit assoziierten Augenerkrankungen zu optimieren. Es gilt jedoch zu beachten, dass kein Screening hundertprozentige Sicherheit liefern kann. Daher müssen folgende Gesichtspunkte berücksichtigt werden.
Die Einschlusskriterien basieren auf den Erfahrungen, die die Autoren zumeist im deutschsprachigen Raum in zumeist großen Perinatalzentren gesammelt haben. Diese stimmen mit Angaben großer Zentren in anderen westlichen Industrieländern überein (6, 9, 11–13, 21). In diesem Umfeld wurde in den letzten Jahren eine Verschiebung des RPM-Risikos zu unreiferen Frühgeborenen beobachtet. Es ist aber bekannt, dass abhängig von der Zusammensetzung des Patientengutes und dem Standard der neonatologischen Versorgung auch reifere Frühgeborene an einer behandlungsbedürftigen RPM erkranken (4). Wegen einer möglicherweise anders gearteten medizinischen Versorgung ist eine Übertragung der vorliegenden Leitlinie auf andere Länder nicht ohne weiteres möglich. Hier müssen die Einschlusskriterien gegebenenfalls erheblich erweitert werden.
Die Diagnostik der RPM erfordert Erfahrung mit diesem speziellen retinologischen Krankheitsbild. Der Erfahrungsstand des einzelnen Untersuchers wie auch ein Abgleich mit den Gegebenheiten der jeweiligen neonatologischen Abteilung können häufigere Untersuchungsintervalle als die in der vorliegenden Leitlinie angegebenen erforderlich machen. Ein individuelles Vorgehen ist anzuraten.
Die Therapie der akuten RPM hat ihre spezifischen Probleme. Die Indikationsstellung ist schwierig, da bei dem ganz überwiegenden Teil (ca. 90%) der an einer RPM erkrankten Augen eine spontane Regression der akuten Veränderungen zu beobachten ist. Bei Erreichen eines therapiebedürftigen Stadiums (siehe Abschnitt B6) ist bei spontanem Krankheitsverlauf mit einem ungünstigen Ausgang (d.h. funktioneller Erblindung) bei etwa der Hälfte der Augen zu rechnen. Mit einer Koagulationstherapie kann die Prognose gebessert werden. Wird eine Koagulationstherapie erst bei fortgeschrittener Befundausprägung durchgeführt, sind die Erfolgsraten eindeutig schlechter (Empfehlungsgrad A, Evidenzstärke I). Da bei dem dynamischen Krankheitsgeschehen die akute RPM in kurzer Zeit von Stadium 3 zum Stadium 4 oder 5 übergehen kann, ist die rechtzeitige Therapie für den Erfolg von größter Bedeutung. Wenige Tage können über Erfolg oder Misserfolg der Koagulationstherapie entscheiden.
Zur Durchführung der Koagulationstherapie wird die Laserkoagulation empfohlen (5, 8, 10, 14) (Empfehlungsgrad A, Evidenzstärke I). Der Diodenlaser ist mit seiner Wellenlänge im Infrarot-Bereich (810 nm), insbesondere bei Vorliegen einer Tunica vasculosa lentis oder von Glaskörperblutungen, dem Argonlaser mit seiner Wellenlänge im sichtbaren Bereich (514 nm) überlegen (Empfehlungsgrad C, Evidenzstärke II). In seltenen Fällen mit schlechtem Funduseinblick ist die transsklerale Diodenlaserkoagulation unter Umständen mit Bindehauteröffnung eine Alternative (Empfehlungsgrad B, Evidenzstärke II).
Für fortgeschrittene Stadien der RPM (Stadium 4 und 5) kann eine eindeutige Indikationsrichtlinie hinsichtlich netzhautchirurgischer Eingriffe (z.B. Amotio-Operation, Vitrektomie) derzeit nicht formuliert werden, da kontrollierte klinische Studien hierzu nicht vorliegen und wegen der geringen Zahl der von Spätstadien betroffenen Augen auch in absehbarer Zeit nicht zu erwarten sind. Dies schließt einen günstigen Effekt eines solchen operativen Eingriffes jedoch nicht aus. Die Durchführung einer bulbuseindellenden Operation oder einer Vitrektomie, evtl. in Kombination, sollte nach genauer Beurteilung des Einzelfalles erwogen werden. Die zu erwartenden Ergebnisse sind jedoch erheblich schlechter als nach erfolgreicher Koagulationstherapie im Stadium 3+. Bei einem Sekundärglaukom kann eine Lentektomie zum Erhalt des Auges notwendig sein (Empfehlungsgrad B, Evidenzstärke II).

ANHANG

Glossar

Glossar
Gestationsalter Reifealter bei Geburt wird in vollen Schwangerschaftswochen ab dem 1. Tag der letzten Regelblutung angegeben (z.B. 28 Wochen + 5 Tage = 28 SSW)
Lebensalter Postnatales Alter
Postmenstruelles Alter Summe aus Gestationsalter und postnatalem Alter (irrtümlich wird häufig der Begriff „postkonzeptionelles” Alter verwendet)
Unreife Netzhaut Unvollständige Netzhautvaskularisation ohne Vorliegen einer RPM
Retinopathia praematurorum (RPM) Unvollständige Netzhautvaskularisation mit typischen Befunden an der Vaskularisationsgrenze und/oder am hinteren Augenpol. (Zur Stadieneinteilung der RPM s. Tab. B19-1)
„Threshold disease” Extraretinale Proliferationen mittelschwerer Ausprägung über mindestens fünf zusammenhängende oder acht nicht zusammenhängende Stunden in Verbindung mit „plus disease”
„Plus disease” Gefäßerweiterung und Tortuositas am hinteren Funduspol in mindestens zwei Quadranten
Aggressive posteriore RPM
  • Veränderungen im Bereich des hinteren Pols, die unbehandelt zu einem Stadium 5 führen.

  • Charakteristische Veränderungen: posteriore Lokalisation (überwiegend Zone I), prominente „plus-disease” (frühere „rush type disease”)

  • Unproportionale vermehrte Gefäßfüllung und Schlängelung in allen vier Quadranten im Verhältnis zu den peripheren Veränderungen.

  • Shuntgefäße zwischen den retinalen Gefäßen nicht nur im Bereich der Vaskularisationsgrenze, dort evtl. Blutungen Die Veränderungen durchlaufen nicht die klassische Stadieneinteilung.

  • Flaches Neovaskularisationsnetz an der verwaschenen Grenze zwischen durchbluteter und undurchbluteter Netzhaut (leicht übersehbar)

  • Die aggressive posteriore RPM dehnt sich typischerweise zirkulär aus.

Zusätzliche Befunde Rubeosis iridis (vermehrt sichtbare Gefäße der Iris), Glaskörpertrübungen, retinale und/oder vitreale Blutungen, mäßige medikamentöse Pupillenerweiterung
Tunica vasculosa lentis Entwicklungsbedingte Gefäßhaut auf der vorderen Linsenkapsel (Membrana epipupillaris)

RPM-Stadien- und Zoneneinteilung gemäß Internationaler Klassifikation

Die Stadieneinteilung gemäß Internationaler Klassifikation (15, 18–20) ist in Tabelle B19–1, die Zoneneinteilung in Abbildung B19-1 wiedergegeben.

Dokumentationsbogen

Ein Dokumentationsbogen für Befunde der akuten RPM ist auf der AWMF-online-Internetseite unter: http://www.uni-duesseldorf.de/AWMF/ll/024-010.htm, Abbildung 2 dargestellt.

Farbabbildungen typischer Befunde der akuten RPM

Abbildungen typischer Befunde bei verschiedenen Stadien der akuten RPM befinden sich auf der AWMF-online-Internetseite unter: http://www.uni-duesseldorf.de/AWMF/ll/024-010.htm, Abbildungen 3 bis 13.
Einstufung der dargestellten Empfehlungen
Die in Fettdruck gesetzte Kombination von Buchstaben und Zahlen dient der Einstufung der klinischen Relevanz und Evidenzstärke der dargestellten Empfehlungen. Die fettgedruckten Zahlen hinter den einzelnen Literaturstellen im Literaturverzeichnis entsprechen dem Evidenztyp nach AWMF und ÄZQ.
Einstufung der klinischen Relevanz für die Patientenversorgung
Stufe A äußerst wichtig
Stufe B von mäßiger Wichtigkeit
Stufe C relevant, aber nicht entscheidend
Einstufung der Evidenzstärke
Grad 1 starke Evidenz – entspricht gemäß AWMF + ÄZQ den Evidenzstärken Ia, Ib, IIa, IIb
Grad 2 beträchtliche Evidenz – entspricht gemäß AWMF + ÄZQ der Evidenzstärke III
Grad 3 auf Experten-Konsens beruhend – entspricht gemäß AWMF + ÄZQ der Evidenzstärke IV

Evidenzstärke nach AWMF und AZQ

Tabelle B19-2
Stufe Evidenz aufgrund
Ia von Metaanalysen randomisierter, kontrollierter Studien
Ib mindestens einer randomisierten, kontrollierten Studie
IIa mindestens einer gut angelegten, kontrollierten Studie ohne Randomisierung
IIb mindestens einer gut angelegten, quasi-experimentellen Studie
III gut angelegter, nicht experimenteller deskriptiver Studien (z.B. Vergleichsstudien, Korrelationsstudien, Fall-Kontrollstudien)
IV von Berichten/Meinungen von Expertenkreisen, Konsenskonferenzen und/oder klinischer Erfahrung anerkannter Autoritäten
Evidenztyp nach AWMF und ÄZQ

Verfahren zur Konsensbildung der Leitlinie von 1998

PD Dr. Kellner für eine 12-köpfige ophthalmologische Arbeitsgruppe mit Zustimmung des Berufsverbandes der Augenärzte Deutschlands (9.7.1998), der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (24.9.1998), der Retinologischen Gesellschaft (4.7.1998) und Prof. Jorch mit dem Vorstand der GNPI (26.6.1998).
Letzte Überarbeitung 11/2007
PD Dr. Jandeck für eine 11-köpfige ophthalmologische Arbeitsgruppe mit Zustimmung des Berufsverbandes der Augenärzte Deutschlands (23.9.07), der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (2.11.07), der Retinologischen Gesellschaft (21.9.07) und Prof. Pohlandt mit dem Vorstand der GNPI (5.10.07).
Diese überarbeitete Leitlinie ersetzt die Leitlinie von 1999.
Teilnehmer der ophthalmologischen Arbeitsgruppe
Dr. V. Bau, Augenklinik der Martin-Luther-Universität, Halle-Wittenberg
Prof. Dr. S. Clemens, Universitäts-Augenklinik, Greifswald
PD Dr. O. Ehrt, Augenklinik der Ludwig-Maximilians Universität, München
Prof. Dr. M.H. Foerster, Augenklinik, Charité Campus Benjamin Franklin, Berlin
Prof. Dr. H. Gerding, Augenzentrum, Klinikum Pallas, Olten (Schweiz)
PD Dr. C. Jandeck, Artemis Zentren Dillenburg/Frankfurt, Frankfurt
Prof. Dr. U. Kellner, Augenzentrum, Siegburg
Prof. Dr. B. Lorenz, Klinik und Poliklinik für Augenheilkunde, Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH Standort Gießen
Prof. Dr. J. Petersen, Universitäts-Augenklinik, Göttingen
Prof. Dr. J. Roider, Universitätsklinikum Schleswig Holstein Campus Kiel, Kiel
Prof. Dr. V. Seiberth, Klinik für Augenheilkunde, Marienhospital, Osnabrück
Für die Gesellschaft für Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin
Prof. Dr. G. Jorch, Universitäts-Kinderklinik, Magdeburg für die vorherigen Fassungen
Prof. Dr. F. Pohlandt, Universitäts-Kinderklinik, Ulm
Korrespondenz:
PD Dr. C. Jandeck
Artemis Zentren
Dillenburg/Frankfurt
Kennedyallee 55
60596 Frankfurt
Tel.: 069/69769769, Fax: 069/69769766

LITERATUR

1

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2

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3

Cryotherapy for Retinopathy of Prematurity Cooperative Group Multicenter trial of cryotherapy for retinopathy of prematurity. Snellen visual acuity and structural outcome at 5 1/2 years after randomization Arch Ophthalmol 114 1996 417 424 (Evidenzstärke Ib)

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5

C Jandeck U Kellner H Heimann MH Foerster Koagulationstherapie der Frühgeborenenretinopathie: Vergleich der anatomischen und funktionellen Ergebnisse nach Laser- oder Kryokoagulation Ophthalmologe 102 2005 33 38 (Evidenzstärke III)

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Policy Statement of the Section on Ophthalmology, American Academy of Pediatrics, American Academy of Ophthalmology, American association for pediatric Ophthalmology and Strabismus Screening examinations of premature infants for retinopathy of prematurity Pediatrics 117 2006 572 576 (Evidenzstärke IV)

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8

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9

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14

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15

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16

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17

The Early Treatment for Retinopathy of Prematurity Cooperative Group The Early Treatment for Retinopathy of Prematurity Study: structural findings at age 2 years British Journal of Ophthalmology 90 2006 1378 1382 (Ib)

18

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19

The International Committee for the Classification of the Late Stages of Retinopathy of Prematurity An international classification of retinopathy of prematurity. II. The classification of retinal detachment Pediatrics 82 1988 37 43 (IV)

20

The International Committee for the Classification of Retinopathy of Prematurity An international classification of retinopathy of prematurity revisited Arch Ophthalmol 123 2005 991 999 (IV)

21

The Report of a joint working party of the Royal College of Ophthalmologists and the British Association of Perinatal Medicine Retinopathy of prematurity: guidelines for screening and treatment Early Hum Dev 46 1996 239 258 (IV)

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