© 2019 by Elsevier GmbH

Bitte nutzen Sie das untenstehende Formular um uns Kritik, Fragen oder Anregungen zukommen zu lassen.

Willkommen

Mehr Informationen

B978-3-437-22061-6.50362-1

10.1016/B978-3-437-22061-6.50362-1

978-3-437-22061-6

Das Schädel-Hirn-Trauma im Kindesalter (S2k)

G. JORCH (FEDERFÜHRUNG)

EINLEITUNG

Diese im Konsens erarbeitete und in den beteiligten Fachgesellschaften abgestimmte Leitlinie ersetzt die vorher parallel vorhandenen Leitlinien der beteiligten Fachgesellschaften zum Schädel-Hirn-Trauma (SHT) im Kindesalter (bis 14 Jahre). Sie beschränkt sich auf Diagnostik und Behandlung des isolierten Schädel-Hirn-Traumas und geht nicht umfassend auf die damit verbundenen Begleitverletzungen ein. Während das SHT des Jugendlichen dem im Erwachsenenalter ähnelt, bestehen insbesondere im Säuglings- und Kleinkindesalter aufgrund unterschiedlicher Kopf-Körper-Proportionen, altersabhängiger metabolischer Voraussetzungen und spezieller Verletzungsmechanismen Unterschiede (1–4). Dennoch muss in dieser Leitlinie auch auf Studien und gesicherte Erfahrungen an Erwachsenen zurückgegriffen werden, um die Evidenz der Aussagen zu belegen (5).
Eine Besonderheit im Kindesalter sind SHT im Rahmen von Kindesmisshandlungen (z.B. Schütteltrauma), von denen vor allem Kinder in den ersten 3 Lebensjahren betroffen sind und die oft aus mehrzeitigen, schweren, kombinierten intrakraniellen Verletzungen bestehen und häufig mit massiven diffusen Hirngewebsverletzungen und Augenhintergrundseinblutungen einhergehen (6). Hinsichtlich des diagnostischen Vorgehens wird auf die AWMF-Leitlinie 071/003 (s. Kap. R6b) verwiesen (7).
Die Wahrscheinlichkeit, eine posttraumatische intrakranielle Blutung zu entwickeln, ist bei Kindern geringer als bei Erwachsenen. Wie bei Erwachsenen führt sie aber zu einer Bewusstseinstrübung und zeigt damit diagnostischen und gegebenenfalls operativen Handlungsbedarf an (8).
Hirngewebe hat die geringste Sauerstoffmangeltoleranz aller Organe, die Rechtzeitigkeit der Behandlung ist daher häufig entscheidend für das Überleben bzw. das Ausmaß der bleibenden Behinderung des Verletzten.
Die Leitlinie soll die derzeit aktuellen Methoden in der Diagnostik und Therapie dieses Krankheitsbildes am Unfallort, auf dem Transport und im Krankenhaus darstellen und richtet sich an die in der Versorgung Schädel-Hirn-verletzter Patienten tätigen Gesundheitsberufe. Zum Verständnis dieser Leitlinie sind medizinische Vorkenntnisse erforderlich. Die Entstehung der Leitlinie wird in einem gesondert publizierten Leitlinienreport beschrieben.
Grundlage dieser Leitlinie ist die bestverfügbare „Evidenz”, die von den Mitgliedern des Redaktionskomittees sorgfältig zusammengetragen und bewertet wurde. Nicht in jedem Falle konnte der Grad der Empfehlungen direkt aus dem Evidenzgrad der vorliegenden Literatur abgeleitet werden (5). So wurde die Indikation für eine operative Versorgung raumfordernder intrakranieller Blutungen mit einem hohen Empfehlungsgrad versehen, auch wenn hierfür keine Studien vorliegen. Derartige Empfehlungen sind Ausdruck allgemein anerkannter guter klinischer Praxis, die seitens der am Delphi-Prozess dieser Leitlinie Beteiligten nicht infrage gestellt wird. Im Hinblick auf die im Verlauf der Fertigstellung dieser Leitlinie gemachten Vorgaben der AWMF für eine einheitliche Struktur der unterschiedlichen Leitlinientypen (S1, S2e, S2k, S3) werden in dieser S2k-Leitlinie die Empfehlungsgrade nicht explizit angegeben, sondern sprachlich durch „soll”, „sollte” und „kann” ausgedrückt. Im Literaturverzeichnis werden aus Gründen der Transparenz die Evidenzgrade der zitierten Studien angegeben.

Therapiestudien

Tabelle B15-1
EvidenzgradStudien-/Literaturtyp
1aSystematisches Review randomisierter kontrollierter Studien
1bMindestens eine randomisierte kontrollierte Studie (RCT)
2a-bSystematisches Review von vergleichenden Kohortenstudien
3a-bSystematisches Review von Fall-Kontrollstudien oder mindestens eine gut geplante kontrollierte Studie
4Fallserien und mangelhafte Fall-Kontrollstudien, begründete Expertenmeinung
5Meinungen ohne explizite kritische Bewertung

Diagnosestudien

Tabelle B15-2
Evidenzgrad Studien-/Literaturtyp
1a Systematisches Review guter Diagnose-Studien vom Typ 1b
1b Studie an einer Stichprobe der Zielpopulation, bei der bei allen Patienten der Refe- renztest unabhängig, blind und objektiv eingesetzt wurde
2a-b Systematisches Review von Diagnosestudien oder mindestens eine, bei der an einer selektierten Stichprobe der Zielpopulation der Referenztest unabhängig, blind und objektiv eingesetzt wurde
3a-b Systematisches Review von Diagnosestudien oder mindestens eine, bei der der Re- ferenztest nicht bei allen Personen eingesetzt wurde
4 Fall-Kontrollstudie oder Studien mit nicht unabhängig, blind oder objektiv einge- setztem Referenztest
5 Meinungen ohne explizite kritische Bewertung

DEFINITIONEN

Ein Schädel-Hirn-Trauma ist Folge einer Gewalteinwirkung, die zu einer Funktionsstörung und/oder Verletzung des Gehirns geführt hat und mit einer Prellung oder Verletzung der Kopfschwarte, des knöchernen Schädels, der Gefäße, des Hirngewebes und/oder der Dura verbunden sein kann. Eine Verletzung des Kopfes ohne Hirnfunktionsstörung oder Verletzung des Gehirns bezeichnet man als Schädelprellung.
Wenn die Dura bei gleichzeitiger Verletzung der Weichteile und des Knochens zerrissen ist und somit eine Verbindung des Schädelinneren mit der Außenwelt besteht, liegt ein offenes SHT vor. Zu unterscheiden ist zwischen einer primären und einer sekundären Läsion. Unter primär wird die im Augenblick der Gewalteinwirkung entstehende Schädigung des Hirngewebes verstanden. Diese Primärläsion umfasst irreversibel zerstörte Zellen einerseits und funktionsgestörte Neurone andererseits, die aber prinzipiell überleben und regenerieren können. Die primäre Schädigung ist Ausgangspunkt für eine Kaskade von Reaktionen, die zu sekundären Läsionen führt. Diese können gegebenenfalls durch eine schnelle und wirksame Therapie gemildert werden. Ihre Begrenzung ist damit das eigentliche Ziel der medizinischen Therapie bei Schädel-Hirn-Verletzungen.

EPIDEMIOLOGIE

28,1% aller SHT betreffen Patienten unter 16 Jahren (11, 12). In dieser Altersgruppe muss in Deutschland jährlich von 581 Patienten pro 100.000 Einwohner ausgegangen werden; davon sind weniger als 10% als mittelschwere oder schwere SHT einzustufen. Die Sterblichkeit insgesamt beträgt 0,5%, bei schwerem SHT allerdings 14%. Insgesamt ergibt das hochgerechnet ca. 70.000 Patienten unter 16 Jahren mit SHT, wovon etwa 350 Patienten versterben. Die hochgerechneten gesamtgesellschaftlichen Kosten betragen für das SHT in Deutschland ca. 2,8 Milliarden Euro/Jahr.

SYMPTOME

Subjektive Störungen nach einem SHT sind Kopfschmerzen, Benommenheitsgefühl, Übelkeit mit und ohne Erbrechen oder Schwindel, aber auch Doppelbilder und Schwerhörigkeit.
Objektive Verletzungszeichen des Kopfes sind Schwellung, Hämatom, Riss- oder Platzwunden, Skalpierung, Deformitäten des Schädels, Impressionen, Austritt von Blut, Liquor oder Hirngewebe, Blutung aus Mund, Nase oder Ohr.
Hinweise auf eine Schädigung des Nervensystems sind Amnesie, Wachheitsstörungen, Orientierungsstörungen, Erbrechen, Lähmungen, Reflexauffälligkeiten, Sprach- und/oder Koordinationsstörungen, Hirnnervenstörungen, Krampfanfälle, Streckkrämpfe, vegetative Störungen.
Eine Störung des Bewusstseins weist auf eine schwerwiegende Funktionsstörung des Gehirns hin. Zu unterscheiden sind folgende Formen bzw. Stufen:
  • Bewusstseinstrübung: Reduzierte Wachheit, die Orientierung zu Person, Ort und Zeit ist eingeschränkt oder fehlt, die Augen können geöffnet werden.

  • Zeichen bei Kindern unter 24 Monaten: Auffällige Verhaltensänderung mit Schläfrigkeit, verminderter Spontanmotorik, verlangsamten Reaktionen, Spielunlust und Inappetenz. Diese Symptome können vom Untersucher manchmal nur schwer erfasst werden (13). Den Angaben der Bezugspersonen kommt große Bedeutung zu (14).

  • Bewusstlosigkeit (Koma): Fehlen geistiger Wahrnehmung der Umgebung und seiner selbst (15). Die klinischen Zeichen hierfür sind (16–18): nicht erweckbarer Zustand, Augen werden – sofern keine lokalen Verletzungen des Auges und/oder der Augenmuskeln vorliegen – weder spontan noch auf Schmerzreiz geöffnet, Aufforderungen werden nicht befolgt, spontane Bewegungen sind möglich. In der Glasgow Coma Scale entspricht dies Werten unter 9 Punkten (19, 20).

Zeichen einer lebensbedrohlichen Verschlechterung beim bewusstseinsgestörten Kind nach SHT sind Pupillenerweiterung, gestörte Pupillenreaktion auf Licht, Paresen, Beuge- und Strecksynergismen, Bradykardie und Atemstillstand.

Zur Klassifikation der Schwere des Schädel-Hirn-Traumas

Das Schädel-Hirn-Trauma ist insbesondere in der Akutphase eine dynamische Störung. Da sowohl eine rasche Verschlechterung als auch Verbesserung des klinischen Erscheinungsbildes auftreten kann, muss die anfängliche Abschätzung des Verletzungsgrades oft dem klinischen Verlauf angepasst werden.
International am häufigsten verwandt wird die Einteilung in die drei Schweregrade leicht, mittelschwer und schwer. Sie wird heute auf die in der Glasgow Coma Scale (GCS) erfassten neurologischen Teilbefunde bzw. den daraus ermittelten Summenscore bezogen, wobei gewöhnlich, aber keineswegs einheitlich, dem leichten SHT ein GCS von 13–15, dem mittelschweren SHT eine GCS von 9–12 und dem schweren SHT ein GCS von < 9 zugeordnet wird (21–24). Hinsichtlich des besten Zeitpunktes der GCS-Erhebung (nach Stabilisierung am Unfallort, nach Einlieferung ins Krankenhaus, nach 6 oder 12 Stunden, schlechtester Wert innerhalb 48 Stunden usw.) gibt es verschiedene Vorschläge, von denen sich bislang keiner durchsetzen konnte. Weitere methodische Schwächen der GCS für eine prognostisch verlässliche Schweregradeinteilung des SHT stellen die nicht immer mögliche Summenbildung, ihre Abhängigkeit vom Ausbildungsstand der Untersucher und ihre Beeinflussung durch die angewandte Therapie dar, so dass die Anwendung der GCS für Therapieentscheidungen und Prognosestellungen insbesondere bei Kindern einer Modifikation bedarf (25–30).
Die in Deutschland entwickelte Einteilung nach Tönnis und Loew (31) in drei Schweregrade beruht auf der Dauer neurologischer Störungen. Sie ist frühestens nach 3 Wochen, d.h. de facto nur retrospektiv, anwendbar und somit für die Akutversorgung von untergeordneter Bedeutung.
Die Behandlung richtet sich nach dem aktuellen klinisch-neurologischen Befund und dessen Verlauf, der durch wiederholte (und vor allem in der Frühphase engmaschige) Untersuchungen (gegebenenfalls ergänzt durch Schnittbildgebung) erfasst wird (32, 33).

Weitere Verletzungen beim Schädel-Hirn-Trauma

Bei jedem bewusstlosen Patienten ist nach Schädel-Hirn-Trauma grundsätzlich die Möglichkeit mehrfacher, in der Summe lebensbedrohlicher Verletzungen (bedeutungsgleich mit Polytrauma) zu unterstellen. Da der bewusstlose Patient und auch das nicht bewusstlose Kleinkind weder zum Unfallhergang noch zu seinen Beschwerden und Schmerzen selbst Angaben machen können, sind weitere Verletzungen durch sorgfältige Zusatzuntersuchungen auszuschließen. Insbesondere Verletzungen des Respirationstrakts mit konsekutiver Hypoxie und ein hämodynamisch relevanter Blutverlust, der auch in körpereigene Kompartimente (Bauch-, Thoraxtrauma, multiple Frakturen) erfolgen kann, verstärken die zerebrale Schädigung unter Umständen erheblich. Diese Situation sollte daher sofort erkannt werden und bedarf umgehender Gegenmaßnahmen (s. unten). 2% aller Kinder mit SHT nach Sturz haben begleitende Verletzungen des Rückenmarks (34). Bei schweren Unfällen steigt dieser Anteil auf fast 10% (35, 36). Bei Säuglingen sind Rückenmarksverletzungen mit 0,2% sehr selten, wenn nicht ein Verkehrsunfall oder ein Sturz aus großer Höhe (> 3 m) vorausgegangen sind (37). Bei bewusstlosen Kindern nach SHT sollte bis zum radiologischen Beweis des Gegenteils von einer instabilen Wirbelsäulenverletzung ausgegangen werden. Durch die Gewalteinwirkung auf den Schädel kann es auch bei Kindern zur Verletzung der hirnversorgenden Gefäße kommen mit Dissektion, Ausbildung eines traumatischen Aneurysmas und insbesondere bei basalen Frakturen zur Ausbildung einer arteriovenösen Fistel (38–40).

MASSNAHMEN AM UNFALLORT – PRÄKLINISCHE VERSORGUNG

Sofortmaßnahmen

Die nachfolgenden Empfehlungen gelten insbesondere für das schwere SHT. Hypoxämie und arterielle Hypotension sind in einem signifikanten Ausmaß mit einer schlechteren klinischen Erholung verbunden (33, 41–45). Absolute Priorität der diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen am Unfallort hat daher die Erkennung und nach Möglichkeit die sofortige Beseitigung aller Zustände, die mit einem Blutdruckabfall oder einer Abnahme der Sauerstoffsättigung im Blut einhergehen (ABC-Regel). Bei Hirnverletzten ist jederzeit damit zu rechnen, dass eine Verschlechterung der Atmung eintritt, so dass vorbeugende Maßnahmen zur Sicherstellung der Sauerstoffversorgung des Gehirns von oberster Dringlichkeit sind.
Bei bewusstlosen Patienten (Anhaltsgröße GCS < 9) sichern endotracheale Intubation und Beatmung den Gasaustausch und sind deshalb indiziert. Ihre Anwendung setzt allerdings hinreichende Erfahrung bei Kindern voraus (46). Begleitende, atmungsrelevante Verletzungen wie Pneumothorax und Hämatothorax müssen erkannt und notfallmäßig behandelt werden.
Anzustreben sind Normoxie und Normokapnie. Ein Absinken der arteriellen Sauerstoffsättigung unter 90% sollte vermieden werden (33, 46–48).
Erforderlich sind Sicherstellung der Herz-Kreislauf-Funktionen durch Stillen offensichtlicher Blutungen, Überwachung von Blutdruck und Puls sowie Substitution von Flüssigkeitsverlusten. Anzustreben ist arterielle Normotonie. Sofern altersabhängige Normalwertkurven nicht zur Hand sind, kann nach der Formel Systolischer Blutdruck höher als 70 mmHg + 2 × Alter in Jahren” verfahren werden. Dieser Wert entspricht der 5. Altersperzentile. Der Medianwert liegt ca. 20 mmHg höher (47) und sollte angestrebt werden.
Da bei schwerem SHT in bis zu 10% der Fälle auch bei Kindern mit einer zusätzlichen Verletzung der Wirbelsäule gerechnet werden muss, sind insbesondere bei bewusstlosen Kindern Bewegungen des Kopfes gegen die Körperachse bei der Erstversorgung zu vermeiden und eine achsengerechte Lagerung des Kopfes beim Transport sicherzustellen (36, 49).

Anamnese

Neben dem klinischen Befund gibt die Anamnese Hinweise auf eine potenzielle intrakranielle Verletzung. Sie soll daher unbedingt erhoben werden. Angaben über die Art der Fahrzeugbeschädigung oder die Absturzhöhe (50) liefern Informationen über die Gewalteinwirkung und das mögliche Ausmaß einer Verletzung und haben damit Bedeutung für das weitere Vorgehen (z.B. für die Indikation einer CT-Untersuchung – s. Abschnitt „Akutversorgung im Krankenhaus”). Gegebenenfalls liefert die Fremdanamnese (Befragung von Eltern, Unfallbeteiligte oder Unfallzeugen) wichtige Hinweise. Insbesondere der Hinweis auf einen initial, aktuell aber nicht mehr bewusstseinsklaren Patienten muss als Ausdruck einer sich verschlechternden intrakraniellen Verletzung gewertet werden. Wesentlich ist auch die zeitnahe Erhebung einer Medikamentenanamnese (z.B. Einnahme blutgerinnungshemmender Medikamente).

Neurologische Untersuchung

Unverzichtbar sind die Erfassung und Dokumentation von
  • Bewusstseinsklarheit, Bewusstseinstrübung oder Bewusstlosigkeit,

  • Pupillenfunktion,

  • motorischen Funktionen der Extremitäten mit seitengetrennter Unterscheidung an Arm und Bein. Sofern keine Willkürbewegungen möglich sind, muss die Reaktion auf Schmerzreiz erfasst werden. Hierbei sollte auf das Vorliegen von Beuge- oder Strecksynergismen geachtet werden.

  • Liegt keine Bewusstlosigkeit vor, sind zusätzlich Orientierung, Hirnnervenfunktion, Koordination und Sprachfunktion zu erfassen.

Diese neurologischen Befunde, mit Uhrzeit dokumentiert, sind entscheidend für den Ablauf der weiteren Behandlung. Kurzfristige Kontrollen des neurologischen Befunds zur Erkennung einer Verschlechterung sind anzuraten (33, 51).
Trotz verschiedener Schwierigkeiten hat sich der GCS international zur Einschätzung der momentan festzustellenden Schwere einer Hirnfunktionsstörung eingebürgert. Mit ihm können die Aspekte Augenöffnen, verbale Kommunikation und motorische Reaktion standardisiert bewertet werden (23, 33). Der GCS beinhaltet keine Definition des Symptoms Koma, erfasst unzureichend die klinischen Zeichen der lebensbedrohlichen Einklemmung, i.e. Hemiparese, Pupillenstörungen und Strecksynergismen, differenziert kaum bei leichter Symptomatik (GCS 13–15) und überbewertet spinale Bewegungsmuster, so dass im Extremfall ein Summenscore von 6 Punkten noch im Hirntod möglich ist. Der praktische Wert des Summenscores erscheint begrenzt, da die Bedeutung der Einzelsymptome einen sehr unterschiedlichen Stellenwert haben kann (25). Eine Korrelation mit dem Behandlungsergebnis wird zunehmend angezweifelt (32). Die Anwendung der GCS beim Kleinkind ist wegen dessen eingeschränkter sprachlicher Kommunikation unbefriedigend (52).

Schädel-Hirn-Trauma bei Bewusstseinsstörung aus anderer Ursache

In einzelnen Fällen führt eine akut einsetzende Bewusstseinsstörung zu einem Unfallgeschehen mit Schädel-Hirn-Trauma. Eine während der Versorgung am Unfallort einfach zu erkennende und sofort zu therapierende Ursache ist die Hypoglykämie (33). Neben endokrinologischen und metabolischen Ursachen, Infektionskrankheiten, Hypoxie und Liquorzirkulationsstörungen, ist auch an kardiovaskuläre und zerebrovaskuläre Erkrankungen (Lungenembolie, Schlaganfall, Subarachnoidalblutung) sowie andere Gründe wie Intoxikation und Hypothermie zu denken.

Indikationen für eine Einweisung in ein Krankenhaus

Bei Vorliegen folgender Symptome soll eine stationäre Einweisung zur weiteren diagnostischen Abklärung und gegebenenfalls Beobachtung des Patienten veranlasst werden:
  • Koma

  • Bewusstseinstrübung

  • Neurologische Ausfälle

  • Krampfanfall

  • Hinweise auf Schädelfraktur

  • Verdacht auf nasale oder otogene Liquorfistel

Bei folgenden Symptomen im Zusammenhang mit einer Gewalteinwirkung auf den Schädel ist die Einweisung in ein Krankenhaus ratsam:
  • Erbrechen, insbesondere wenn es mehrfach auftritt und ein enger zeitlicher Zusammenhang zur Gewalteinwirkung besteht

  • Hinweise auf eine Gerinnungsstörung (Fremdanamnese, nichtsistierende Blutung aus oberflächlichen Verletzungen usw.)

  • Starke, andauernde Kopfschmerzen

  • Verdacht auf Kindesmisshandlung mit Wiederholungsgefahr

  • Im Zweifel, z.B. bei kindlicher Verhaltensänderung aus elterlicher Sicht insbesondere bei Kindern < 24 Monaten

Die Wahl der Klinik richtet sich nach ihrer Entfernung und der Ausstattung. Im Falle eines Schädel-Hirn-Traumas mit anhaltender Bewusstlosigkeit (GCS < 9), einer zunehmenden Eintrübung (Verschlechterung einzelner GCS-Werte), Pupillenstörung, Lähmung oder Anfällen sollte die Klinik über die Möglichkeit einer qualifizierten operativen Versorgung intrakranieller Verletzungen und intensivmedizinischer Betreuung von Kindern verfügen (33, 53).

Transport

Zur Frage der Analgosedierung und Relaxierung für den Transport kann keine eindeutige Empfehlung ausgesprochen werden, da Studien fehlen, die eine positive Wirkung belegen (54). Die kardiopulmonale Versorgung ist sicherlich mit diesen Maßnahmen einfacher zu gewährleisten, so dass dies in das Ermessen des versorgenden Notarztes gestellt werden muss. Der Nachteil dieser Maßnahmen ist eine mehr oder weniger starke Einschränkung der neurologischen Beurteilbarkeit (23).

Hirnprotektive Therapie

Auf die lange Zeit umstrittene Gabe von Glukokortikoiden soll nach neuesten Erkenntnissen aufgrund einer signifikant erhöhten 14-Tage-Letalität verzichtet werden (55, 56). In den Fällen mit Verdacht auf transtentorielle Herniation und den Zeichen des Mittelhirnsyndroms (Pupillenerweiterung, Strecksynergismen, Streckreaktion auf Schmerzreiz, progrediente Bewusstseinstrübung) kann die Hyperventilation als Behandlungsoption in der Frühphase nach Trauma eingesetzt, aber nicht grundsätzlich empfohlen werden (23, 33, 57). Für die hirnprotektive Wirkung von Mannitol und hypertonen Kochsalzlösungen während des Transports gibt es bislang noch keine ausreichende Datenlage, die eine Empfehlung ermöglicht (58). Die Gabe von Barbituraten, die in früheren Leitlinien bei anderweitig nicht beherrschbaren Hirndruckkrisen empfohlen wurde (23), ist nicht ausreichend belegt (59). Auf die negativ-inotrope Wirkung und den möglichen Blutdruckabfall bei Barbituratgabe muss geachtet werden (60). Die Ergebnisse in klinischen Studien haben bisher nicht den Nutzen weiterer medikamentöser Therapieregime belegen können, denen aufgrund experimenteller Untersuchungen eine hirnprotektive Wirkung zugeschrieben wird. Derzeit kann keine Empfehlung für die Gabe von 21-Aminosteroiden, Kalziumantagonisten, Glutamatrezeptor-Antagonisten, Tris-Puffer usw. gegeben werden (33, 61–63).

Dokumentation

Für die weitere Versorgung des Schädel-Hirn-verletzten Patienten sind Angaben zum Unfallmechanismus, der initiale Befund und der weitere Verlauf von großer Bedeutung. Sobald die Versorgung des Patienten es erlaubt, sollten die Angaben schriftlich dokumentiert werden.

AKUTVERSORGUNG IM KRANKENHAUS

Bei nicht bewusstlosen Patienten (> 95% aller Kinder mit SHT) erfolgt die Indikationsstellung zum Schädel-CT differenziert. Große prospektive neuere Kohortenstudien geben hier eine Hilfestellung (14, 64, 65). Es ist beim leichten SHT ohne Bewusstlosigkeit abzuwägen, ob eine sorgfältige Beobachtung unter stationären Bedingungen über 12–48 Stunden gegenüber einem initialen Schädel-CT mit Strahlen- und gegebenenfalls Narkoserisiko die geeignetere Alternative darstellt.
Aufgrund der Möglichkeit einer bislang nicht erkannten Mehrfachverletzung ist für bewusstlose Patienten eine interdisziplinäre Versorgung bei der Einlieferung ins Krankenhaus anzuraten. Nach Überprüfung des klinischen Befunds, gegebenenfalls der Sicherstellung der Vitalfunktionen ist bei bewusstlosen Patienten eine bildgebende Diagnostik erforderlich. Unmittelbar lebensbedrohliche Verletzungsfolgen, Blutungen in die großen Körperhöhlen Schädel, Thorax, Abdomen müssen vorrangig vor nicht lebensbedrohlichen Verletzungsfolgen diagnostiziert werden. Bei bewusstlosen Verletzten müssen grundsätzlich sowohl eine akut lebensbedrohliche intrakranielle Blutung als auch lebensbedrohliche Mehrfachverletzungen unterstellt werden. Hinweise ergeben sich aus der Vorgeschichte und dem ersten Untersuchungsbefund. Da die sofortige Entlastung einer raumfordernden intrakraniellen Blutung lebensrettend sein kann, ist bei stabiler Atem- und Kreislauffunktion eine Verzögerung der sofort notwendigen Schädel-CT (s. unten) nicht gerechtfertigt. Auch für das am Unfallort ansprechbare, für Intubation und Transport aber sedierte Kind gilt diese Forderung, weil die Unterscheidung einer sich entwickelnden intrakraniellen Blutung von einer medikamentösen Ursache der Bewusstlosigkeit nur mittels CT möglich ist. Die schnellste und im Hinblick auf die weitere Behandlung aussagekräftigste bildgebende Diagnostik bei Mehrfachverletzung stellt ein Spiral-CT des Schädels mit Wirbelsäule, Thorax und Abdomen dar. Nach Ausschluss bzw. Behandlung der akut lebensbedrohlichen Verletzungsfolgen sind knöcherne und je nach Umständen andere Verletzungen auszuschließen.

Bildgebende Diagnostik

Computertomographie: Die kraniale CT gilt als Goldstandard und soll bei Schädel-Hirnverletzten Patienten erfolgen (obligate Indikation), wenn folgende Befunde vorliegen (65–72):
  • Koma

  • Anhaltende Bewusstseinstrübung

  • Fokale neurologische Störungen wie z.B. Paresen, Hirnnervenausfälle, zerebraler Anfall

  • Verdacht auf Impressionsfraktur, Schädelbasisfraktur und offene Verletzungen

Eine kraniale CT sollte in Zweifelsfällen durchgeführt werden (fakultative Indikation), z.B. bei:
  • Schwerer Unfallmechanismus, z.B. Pkw-Unfall, Fallhöhe > 1,5 m (14, 73) oder unklaren Angaben zur Unfallanamnese

  • starken bzw. anhaltenden Kopfschmerzen

  • Erbrechen mit engem zeitlichem Zusammenhang zur Gewalteinwirkung und bei mehrfachem Auftreten

  • Intoxikation mit Alkohol oder Drogen

  • Bei Hinweisen auf eine Gerinnungsstörung

Ohne vorübergehenden Bewusstseinsverlust, wiederholtes Erbrechen, starke Kopfschmerzen, schweren Unfallmechanismus oder Hinweise auf Schädelfraktur ist die Wahrscheinlichkeit einer klinisch relevanten Hirnverletzung bei Kindern > 24 Monate geringer als 1%. Bei Kindern < 24 Monate sind zusätzlich nichtfrontale Hämatome und Verhaltensauffälligkeiten zu berücksichtigen (14, 64, 65, 74–76).
Durch eine Röntgen-Schädel-Aufnahme kann eine intrakranielle Verletzung nicht ausgeschlossen werden, so dass sie keine Alternative zum Schädel-CT darstellt (77, 78).
Wenn bei fakultativer CT-Indikation auf eine CT verzichtet wird, ist alternativ zur CT eine engmaschige neurologische Überwachung durchzuführen.
Im Falle einer neurologischen Verschlechterung ist die Durchführung einer (Kontroll-)CT erforderlich. Auch bei fehlender Erholung oder bewusstlosen Patienten ist eine Verlaufs-CT nach 4–8 Stunden ratsam. Eine generelle Schädel-CT-Kontrolle ist nicht erforderlich (79).
Sonographie: Die Indikation zur transfontanellaren (bis etwa 18 Monate) und transkraniellen (bis 16 Jahre) Sonographie kann grundsätzlich bei jedem Schädel-Hirn-Trauma gestellt werden (80–82). In den Fällen, in denen eine Indikation zur stationären Aufnahme und sofortigen CT-Untersuchung nicht gegeben ist, kann sie zusätzliche Sicherheit beim Ausschluss behandlungsbedürftiger intrakranieller Blutungen geben. Eine unauffällige Sonographie schließt eine raumfordernde kalottennahe Blutung nicht aus, Veränderungen in der hinteren Schädelgrube können nicht hinreichend erfasst werden. Eine sonographische Untersuchung darf demnach eine nach anamnestischen oder klinischen Befunden indizierte Schädel-CT nicht verzögern.
Elektroenzephalographie: EEG-Untersuchungen nach SHT können Allgemeinstörungen oder Herdbefunde als Folge einer funktionellen oder strukturellen Hirnschädigung aufweisen und prognostische Hinweise geben (83). Durch EEG-Verlaufsuntersuchungen kann der passagere Charakter solcher Veränderungen belegt werden. Ferner kann ein EEG Hinweise auf eine zerebrale Anfallsbereitschaft geben, die bei unbekannter Ursache eines Sturzereignisses diagnostisch hilfreich sein können. Beim bewusstlosen Patienten kann durch ein EEG ein Status epilepticus ausgeschlossen werden (84). Der Nutzen eines EEG für die Indikationsstellung zur Bildgebung oder Entscheidung über die Dauer der stationären Betreuung ist nicht durch Studien belegt. Der Nachweis hypersynchroner Aktivität im EEG allein begründet nicht die Notwendigkeit einer antiepileptischen Therapie.
Magnetresonanztomographie: Aufgrund des hohen apparativen Aufwands bei schwer verletzten Patienten eignet sich die MRT derzeit nicht als primäre bildgebende Untersuchung (85) in der Akutsituation. Im Vergleich zur CT hat sie jedoch eine höhere Sensitivität für umschriebene Gewebsläsionen (86, 87). Sie wird daher vor allem bei Patienten mit neurologischen Störungen ohne pathologischen CT-Befund empfohlen, u.a. um diffuse axonale Scherverletzungen zu erkennen.

Indikation für den stationären Verbleib im Krankenhaus

Eine stationäre Aufnahme zur Überwachung und Therapie des Patienten sollte erfolgen bei
  • operativ zu versorgenden Verletzungsfolgen,

  • Bewusstseinsstörungen, Bewusstlosigkeit,

  • neurologischen Störungen,

  • Schädelfraktur,

  • Liquoraustritt, offener Schädel-Hirn-Verletzung,

  • im CT erkennbaren Verletzungsfolgen,

  • Erbrechen, insbesondere wenn es mehrfach auftritt und ein enger zeitlicher Zusammenhang zur Gewalteinwirkung besteht (88),

  • bei Hinweisen auf eine Gerinnungsstörung (Fremdanamnese, nicht sistierende Blutung aus oberflächlichen Verletzungen usw.),

  • bei starken andauernden Kopfschmerzen,

  • bei Verdacht auf Kindesmisshandlung mit Wiederholungsgefahr,

  • bei weiteren behandlungspflichtigen Störungen,

  • bei Intoxikation mit Drogen,

  • im Zweifel, z.B. bei kindlicher Verhaltensänderung aus elterlicher Sicht insbesondere bei Kindern < 24 Monate.

Die Dauer des stationären Aufenthalts ist abhängig von der Dauer der Symptome. Intrakranielle Blutungen als Folge des SHT führen fast immer in den ersten 6–12 Stunden nach dem Ereignis zu klinischen Symptomen (89, 90).

THERAPIE

Ziel der Therapie nach einem SHT ist es, das Ausmaß der eingangs erwähnten sekundären Hirnschädigung zu begrenzen und den funktionsgeschädigten, aber nicht zerstörten Zellen des Gehirns optimale Bedingungen für die funktionelle Regeneration zu geben. Operationspflichtige Verletzungsfolgen müssen rechtzeitig behandelt werden. Die Therapie beginnt am Unfallort (s. Abschnitt „Maßnahmen am Unfallort”) und setzt sich im Krankenhaus fort.

Notfallmäßige operative Versorgung

Die Indikation für eine operative Entlastung einer traumatischen intrakraniellen Raumforderung ist nie durch prospektiv randomisierte und kontrollierte Studien überprüft worden. Es gibt mehrere retrospektive Analysen (91–98), aus denen der Nutzen einer operativen Dekompression ebenfalls ableitbar ist. Aufgrund der jahrzehntelangen, übereinstimmenden Erfahrung kann die Notwendigkeit des operativen Vorgehens als eine Grundannahme guter klinischer Praxis angesehen werden, die nicht infrage gestellt wird.
Raumfordernde, intrakranielle Verletzungen stellen eine absolut dringliche Operationsindikation dar. Dies gilt sowohl für traumatische intrakranielle Blutungen (Epiduralhämatom, Subduralhämatom, Intrazerebralhämatom/Kontusion) als auch für raumfordernde Impressionsfrakturen. Die Definition der Raumforderung ergibt sich dabei durch die Verlagerung zerebraler Strukturen, insbesondere des normalerweise in der Mittellinie gelegenen 3. Ventrikels. Neben dem Befund in der Computertomographie (Dicke, Volumen und Lokalisation des Hämatoms, Ausmaß der Mittellinienverlagerung) ist der klinische Befund entscheidend für die Indikationsstellung und die Schnelligkeit, mit der die operative Versorgung zu erfolgen hat. Bei Zeichen einer transtentoriellen Herniation können Minuten über das klinische Ergebnis entscheiden.

Operationen mit aufgeschobener Dringlichkeit

Offene oder geschlossene Impressionsfrakturen ohne Verlagerung der Mittellinienstrukturen, penetrierende Verletzungen und basale Frakturen mit Liquorrhö stellen Operationsindikationen mit aufgeschobener Dringlichkeit dar. Ihre Durchführung bedarf neurochirurgischer bzw. entsprechender kinderchirurgischer Kompetenz. Der Zeitpunkt des operativen Eingriffs hängt dabei von vielen Faktoren ab und sollte individuell vom Behandlungsteam festgelegt werden. Nicht vital erforderliche Operationen von Begleitverletzungen sollten im Rahmen der Primärversorgung nur durchgeführt werden, soweit sie für die Herstellung einer adäquaten Intensivtherapie erforderlich sind. Dabei dürfen keine größeren Blutverluste oder Volumenverschiebungen entstehen. Die Methodenwahl richtet sich nach den Prinzipien der „damage control surgery” (99). Im weiteren Verlauf sollten Eingriffe, die nicht aus den genannten Gründen erforderlich sind, bei anhaltender Bewusstlosigkeit zurückgestellt werden, bis der Zustand des Patienten hinreichend stabil erscheint (24, 100).

Entlastungskraniektomie

Eine wirksame Möglichkeit, den erhöhten intrakraniellen Druck (ICP) zu senken, ist die operative Dekompression durch Kraniektomie und gegebenenfalls Dura-Erweiterungsplastik. Die Notwendigkeit ergibt sich meist bei Entwicklung eines ausgeprägten (sekundären) Hirnödems und daher häufiger mit einer mehrtägigen Latenz. Die Methode ist nach einzelnen Studien mit gutem Behandlungserfolg zurzeit Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen und kann daher noch nicht abschließend bewertet werden (101–104).

Konservative Behandlung intrakranieller Blutungen

In Einzelfällen ist bei nicht raumfordernden Blutungen und stabilem neurologischem Befund ein nicht operatives Vorgehen gerechtfertigt (93–96). Diese Patienten müssen aber einer engmaschigen klinischen und computertomographischen Verlaufsbeobachtung unterzogen werden. Im Falle einer klinischen Verschlechterung oder Zunahme der Raumforderung muss eine sofortige operative Entlastung durchführbar sein.

Messung des intrakraniellen Druckes

Die Messung des intrakraniellen Druckes hat in den letzten Jahrzehnten international Einzug in die Akutversorgung bewusstloser Schädel-Hirn-verletzter Patienten gehalten und wurde mittlerweile in mehreren internationalen Leitlinien implementiert (24, 48, 105–107). Aus pathophysiologischen Überlegungen heraus erscheint sie sinnvoll, da die klinische Überwachung vieler zerebraler Funktionen nur eingeschränkt möglich ist. Sie kann bei sedierten Patienten als Instrument der Überwachung auf eine drohende Mittelhirneinklemmung durch progrediente Hirnschwellung oder raumfordernde intrakranielle Hämatome hinweisen und erlaubt so, frühzeitig Gegenmaßnahmen zu ergreifen.
Auch wenn es derzeit keine prospektive randomisiert-kontrollierte Studie gibt, die das klinische Ergebnis in Relation zur Durchführung eines ICP-Monitorings setzt (108), weisen sowohl mehrere Kohortenstudien der letzten Jahre als auch die klinische Praxis auf ihren Wert für die intensivmedizinische Überwachung hin (109–112). Die Häufigkeit der Anwendung der invasiven ICP-Messung bei bewusstlosen Kindern liegt bei 33% (113). Die Einführung von Leitlinien, die unter anderem ein solches ICP-Monitoring vorsehen, führte darüber hinaus zu einer Zunahme günstiger Verläufe bei SHT-Patienten (114, 115). Die intrakranielle Druckmessung wird bei bewusstlosen Patienten unter Berücksichtigung des klinischen Verlaufs und der bildmorphologischen Befunde nach SHT zur Überwachung und Therapiesteuerung eingesetzt. Sie ist nicht bei jedem Bewusstlosen erforderlich.
Der praktische Nutzen der invasiv gemessenen ICP- und CPP-Werte wird aber auch kontrovers diskutiert (116–119), da Medikamente, die wirksam und nachhaltig einen erhöhten ICP senken könnten, nicht verfügbar sind. Wenngleich die Risiken einer invasiven Hirndruckmessung im Kindesalter insgesamt als niedrig eingeschätzt werden (107), gibt es dennoch Hinweise, dass das Risiko einer intrazerebralen Blutung durch diese invasive Messung bei 10% liegen kann (120). Bei diesen gegensätzlichen Beobachtungen ist die Indikation zur operativen Anlage einer intrakraniellen Hirndrucksonde im Einzelfall durch den Operateur und Intensivmediziner im Einvernehmen zu stellen und kann nicht zum allgemein verbindlichen Standard erklärt werden (121).
Voraussetzung einer ausreichenden Hirndurchblutung ist ein adäquater zerebraler Perfusionsdruck (CPP), der sich vereinfacht aus der Differenz des mittleren arteriellen Blutdrucks und des mittleren ICP errechnen lässt. Die Frage, ob bei erhöhtem ICP mehr die Senkung des ICP oder die Aufrechterhaltung des CPP im Vordergrund der Therapie stehen sollte, wird in der Literatur unterschiedlich beantwortet. Die derzeit vorliegende „Evidenz” spricht dafür, dass
  • der CPP im Kindesalter nicht unter 40 mmHg sinken sollte, möglicherweise aber ein höherer CPP (bis 65 mmHg) günstiger ist (118, 122),

  • der CPP andererseits nicht durch eine aggressive Therapie über 70 mmHg angehoben werden sollte (48).

Zur kontinuierlichen Bestimmung des CPP ist eine invasive ICP-Messung erforderlich. Solange die Ventrikel nicht vollständig ausgepresst sind, bietet das ICP-Monitoring über eine Ventrikeldrainage die Möglichkeit, durch Ablassen von Liquor einen erhöhten ICP zu senken (123). Eine Bestimmung des individuell optimalen CPP setzt eine gleichzeitige Kenntnis von Hirndurchblutung, Sauerstoffversorgung und -bedarf und/oder Hirnstoffwechsel voraus. Regionale Messungen (mittels Parenchymsensoren, transkranieller Doppleruntersuchungen oder perfusionsgewichteter Bildgebung) zur Abschätzung dieses Wertes sind derzeitig Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen (124, 125).

Konservative Therapie

Die erforderliche klinische Überwachung richtet sich nach dem neurologischen Befund. Zu dem Zeitintervall, in dem die klinischen Verlaufsuntersuchungen zu wiederholen sind, liegen keine evidenzbasierten Daten vor. Engmaschige Verlaufskontrollen sind wegen der oft raschen Verschlechterung des neurologischen Befunds erforderlich.
Bei Schädel-Hirn-verletzten Patienten ist eine Substitution ausgefallener Funktionen wie Atmung, Nahrungsaufnahme und Flüssigkeitszufuhr (48, 126, 127) erforderlich. Wesentliches Ziel nach dem gegenwärtigen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis ist es, eine Homöostase (u.a. Normoxie, Normotonie, Vermeiden einer Hyperthermie, Normoglykämie) zu erreichen und drohende (z.B. infektiöse) Komplikationen abzuwenden (128). Sepsis, Pneumonie und Blutgerinnungsstörungen sind unabhängige Prädiktoren eines schlechten klinischen Ergebnisses (129). Die hierzu bereits am Unfallort begonnenen Maßnahmen werden im Krankenhaus, häufig im Rahmen einer intensivmedizinischen Behandlung, fortgesetzt.
Auch wenn es in der Literatur keine „gute” oder „höhergradige” Evidenz für den Nutzen gibt, so stellt doch die Aufrechterhaltung eines adäquaten CPP aus pathophysiologischen Überlegungen heraus ein wichtiges Element dieser Homöostase dar. Dies beinhaltet die Vermeidung von Blutdruckabfällen, die gegebenenfalls den Einsatz von Katecholaminen erfordern. Zur Senkung eines erhöhten ICP stehen mehrere Möglichkeiten zur Verfügung:
  • Osmodiuretika, z.B. Mannitol bewirken eine kurzzeitige Senkung des ICP (48, 130–132). Auf die Serum-Osmolarität und die Nierenfunktion muss geachtet werden.

  • Die Hyperventilation kann bei erhöhtem Hirndruck und akuter Gefahr einer transtentoriellen Herniation für einen kurzen Zeitraum hilfreich sein. Sie bewirkt über eine Vasokonstriktion eine Verminderung des intrakraniellen Blutvolumens und damit eine meist vorübergehende ICP-Senkung. Eine prolongierte Hyperventilation kann aber zu einer schlechteren Gewebsperfusion und damit zu nachteiligen Ergebnissen führen (48, 131, 133). Sie sollte daher nur in begründeten Ausnahmefällen angewandt werden.

  • Die Oberkörperhochlagerung auf 30° wird häufig empfohlen, obwohl hierdurch der CPP nicht beeinflusst wird. Extrem hohe ICP-Werte werden jedoch reduziert.

  • Die (Analgo-)Sedierung per se hat keinen ICP-senkenden Effekt. Unruhezustände unter abnormer Eigenatmung können aber zur ICP-Erhöhung führen, die sich günstig beeinflussen lassen (131). Durch die verbesserte Beatmung lässt sich darüber hinaus eine bessere Oxygenierung erreichen.

  • Für die hirnprotektive Wirkung hypertoner Kochsalzlösungen gibt es bislang noch keine ausreichende Datenlage, die eine Empfehlung ermöglicht (29, 131).

  • Die Gabe von Barbituraten, die in früheren Leitlinien bei anderweitig nicht beherrschbaren Hirndruckkrisen empfohlen wurde (23, 131), ist nicht ausreichend belegt (59). Auf die negativ inotrope Wirkung, den möglichen Blutdruckabfall und die Beeinträchtigung der neurologischen Beurteilbarkeit bei Barbituratgabe muss geachtet werden.

Weitere beim SHT angewandte Therapiekonzepte sind:
  • Die hyperbare Sauerstofftherapie, deren Nutzen jedoch nicht belegt ist (134).

  • Die Hypothermie, deren potenziell günstigem Effekt vermutlich eine erhöhte Rate an Komplikationen entgegensteht (29, 131, 135–139) und die eine neurologische Verlaufsbeobachtung unmöglich macht, ist weiterhin Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen.

Die Notwendigkeit einer antibiotischen Prophylaxe bei frontobasalen Frakturen mit Liquorrhö ist kontrovers diskutiert worden. Eine zwingende Evidenz für die Gabe von Antibiotika liegt jedoch nicht vor (140, 141).
Auf die lange Zeit umstrittene Gabe von Glukokortikoiden soll nach neuesten Erkenntnissen aufgrund einer signifikant erhöhten 14-Tage-Letalität verzichtet werden (55, 142, 143).
Eine antikonvulsive Therapie verhindert das Auftreten epileptischer Anfälle in der ersten Woche nach Trauma. Das Auftreten eines Anfalls in der Frühphase führt jedoch nicht zu einem schlechteren klinischen Ergebnis (48, 144, 145).
Eine über 1 bis 2 Wochen hinausgehende Antikonvulsivagabe ist nicht mit einer Reduktion spättraumatischer Anfälle verbunden (48, 144–146).
Die Datenlage in der wissenschaftlichen Literatur hat bisher nicht den Nutzen weiterer, als spezifisch hirnprotektiv angesehener Therapieregime belegen können. Derzeit kann keine Empfehlung für die Gabe von 21-Aminosteroiden, Kalziumantagonisten, Glutamat-Rezeptor-Antagonisten, Tris-Puffer usw. gegeben werden (29, 33, 61–63).
Bei der Gabe von Heparin bzw. Heparinderivaten muss der Nutzen gegenüber der Gefahr einer Größenzunahme intrakranieller Blutungen abgewogen werden. Zudem gibt es bei Hirnverletzungen keine Zulassung für diese Präparate und daher bleibt die Anwendung außerhalb des Zulassungsbereichs zustimmungspflichtig durch den Patienten oder seinen gesetzlichen Vertreter.
Mydriatica sind bei bewusstlosen Patienten nach SHT grundsätzlich kontraindiziert, da nach ihrer Anwendung die Entwicklung einer Anisokorie als Frühzeichen einer intrakraniellen Einklemmung nicht mehr erfasst werden kann.

Prognose

In der Frühphase nach Schädel-Hirn-Trauma kann die Prognose auch durch den Geübten nur mit großer Ungenauigkeit abgeschätzt werden. Als wesentliche Faktoren von fundamentaler prognostischer Bedeutung haben sich die Bewusstlosigkeit und begleitende neurologische Störungen, die Dauer der Bewusstlosigkeit und das Alter erwiesen (147). Unter den Zusatzuntersuchungen kommt den evozierten Potenzialen eine hohe prognostische Bedeutung zu. Die Lokalisation von Hirnschädigungen im Schädel-MRT, besonders des Hirnstamms, ist ebenfalls bedeutsam für die Prognose (86).
Eine häufig übersehene Spätfolge nach SHT ist die hypophysäre Insuffizienz (148–150). Bei Verdacht sollte eine endokrinologische Abklärung erfolgen.
Selten kann es auch nach relativ leichter Gewalteinwirkung mit mehrwöchiger Latenz zur Ausbildung einer intrakraniell raumfordernden Blutung, eines chronischen subduralen Hämatoms, kommen.
Nachuntersuchungen nach leichtem SHT zeigen, dass nur selten mit Spätstörungen zu rechnen ist (151).

REHABILITATION

Während die Notwendigkeit einer anschließenden Rehabilitationsbehandlung bei schwerem SHT meist augenscheinlich ist, kann es bei leichteren Verletzungen mit rascher Erholung und vermeintlich vollständiger Heilung zum Persistieren neuropsychologischer Funktionsstörungen kommen, die im Kliniksetting nicht oder nur wenig auffallen, die schulische oder berufliche Wiedereingliederung aber erheblich behindern können. Unter diesem Gesichtspunkt sollte der Bedarf einer Anschlussbehandlung in jedem Fall kritisch überdacht und gegebenenfalls eine neuropädiatrische, sozialpädiatrische oder rehabilitationsmedizinische Nachuntersuchung geplant werden.

Algorithmus, der den diagnostischen und therapeutischen Empfehlungen dieser Leitlinie zugrundeliegt.

ABKÜRZUNGENABC

ABC-Regel: Airways, Breathing, Circulation – Atemwege freihalten, Beatmung, Zirkulation (Kreislauf) prüfen und gegebenenfalls in Gang bringen

CT

Computertomographie, Computertomogramm

EEG

Elektroenzephalographie, Elektroenzephalogramm

ICD10 GM

International classification of diseases – Version 10, German modification

ICP

Intracranial pressure – Intrakranieller Druck/Hirndruck

CPP

Cerebral perfusion pressure – zerebraler Perfusionsdruck

GCS

Glasgow Coma Scale, Glasgow Coma Score

MR, MRT

Magnetresonanztomographie, Magnetresonanztomogramm

SHT

Schädel-Hirn-Trauma

RCT

Randomisierte kontrollierte Studie

EG

Evidenzgrad, level of evidence

LITERATUR

Die Literaturverweise zum Beitrag finden Sie unter diesem Link.

Verfahren zur Konsensbildung

Redaktionskomittee
  • Gesellschaft für Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin (Gerhard Jorch, Magdeburg)

  • Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie (Guido Fitze, Dresden)

  • Gesellschaft für Neuropädiatrie (Matthias Kieslich, Frankfurt)

  • Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie (Raimund Firsching, Magdeburg)

  • Deutsche Gesellschaft für Neuroradiologie (Martin Skalej, Magdeburg)

  • Gesellschaft für Pädiatrische Radiologie (Gerhard Alzen, Gießen)

  • Deutsche Gesellschaft für Anästhesie und Intensivmedizin (Markus Schreiber, Ulm)

  • Deutsche Gesellschaft für Unfallchirurgie (Ingo Marzi, Frankfurt)

  • Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Andreas Markewitz, Koblenz)

2008–2010 erarbeitet von den zuvor Genannten unter Federführung von G. Jorch, konsentiert von einer Delphi-Konferenz mit 32 Teilnehmern der beteiligten Fachgesellschaften, die vom Vorstand der GNPI einberufen worden war. Der 1. Entwurf wurde am 17.12.2008 elektronisch zugestellt. Änderungsvorschläge wurden bis zum 19.02.2009 an den Leitlinienbeauftragten eingereicht. Diese Vorschläge wurden zeilenbezogen in den Entwurf eingefügt und allen Teilnehmern zugestellt. Die zahlreichen Änderungswünsche veranlassten G. Jorch, den Entwurf grundlegend zu überarbeiten. Der 2. Entwurf wurde am 01.09.2010 elektronisch den Mitgliedern der interdisziplinären Delphi-Konferenz zugestellt und erhielt die Zustimmung 17 von 22 abgegebenen Voten aus der Delphi-Konferenz. Der 2. Entwurf wurde gemeinsam von G. Jorch und G. Fitze als Vertreter der Kinderchirurgen modifiziert hinsichtlich des leichten SHT, erreichte damit die Zustimmung von 21 von 22 abgegebenen Stimmen und wurde vom Vorstand der GNPI am 28. Februar 2011 verabschiedet.
Erstellungsdatum: 13.02.2011
Nächste Überarbeitung geplant: 2017

Holen Sie sich die neue Medizinwelten-App!

Schließen