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BE30-9783437225451.10001-8

10.1016/BE30-9783437225451.10001-8

E30-9783437225451

Diagnostik und Therapie des kongenitalen Hyperinsulinismus (KHI)

T. Meißner

O. Blankenstein

M. Lindner

M. Santner

Definition und Basisinformation

Der kongenitale HyperinsulinismusHyperinsulinismuskongenitaler (KHI) (KHI) ist eine seltene Erkrankung, jedoch die häufigste Ursache für persistierende Hypoglykämien im Kindesalter. Bei persistierenden Hypoglykämien ist eine präzise Ursachenklärung und Erstellung eines therapeutischen Konzeptes zur Aufrechterhaltung der Euglykämie erforderlich. Eine frühzeitige Therapie und Stabilisierung der Blutzuckerwerte ist essenziell, da rezidivierende schwere Hypoglykämien bereits in der Neugeborenenperiode zu einer irreparablen Schädigung des Gehirns führen können.
Ursächlich für den kongenitalen Hyperinsulinismus sind verschiedene genetische Defekte, die zu einer unterschiedlich ausgeprägten Dysregulation der Insulinausschüttung führen. Diese verursacht je nach Defekt unterschiedlich ausgeprägte Hypoglykämien. Die meisten betroffenen Patienten werden in den ersten Lebensstunden durch tiefe Hypoglykämien auffällig. Die klinischen Symptome sind in der Neonatalperiode unspezifisch. Eine Abgrenzung zu transienten Formen von neonatalen Hypoglykämien ist schwierig. Patienten mit leichteren Formen des Hyperinsulinismus werden oft erst im Alter von Wochen bis Monaten klinisch symptomatisch, können dann aber durch unbemerkte Hypoglykämien schon eine Hirnschädigung aufweisen.
Die folgenden Empfehlungen wurden von ärztlichen Mitgliedern der Deutschen Gesellschaft für Kinderendokrinologie und -diabetologie (DGKED) e.V und der Arbeitsgemeinschaft für pädiatrische Stoffwechselerkrankungen (APS) gemeinsam erstellt. Die Mitglieder der Leitliniengruppe vertreten auch die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) sowie die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG).
Diese Empfehlungen sollen bereits bei der Erkennung von Patienten mit Verdacht auf einen kongenitalen Hyperinsulinismus helfen. Ziel ist es, Patienten mit schweren, unmittelbar einer Behandlung bedürftigen Hypoglykämien frühzeitig einer adäquaten Therapie zuzuführen und damit irreversible Hirnschädigungen zu vermeiden.
Darüber hinaus ist die frühzeitige persönliche Kontaktaufnahme zu den Mitgliedern der Arbeitsgruppe erwünscht, da es sich um eine seltene und außerdem extrem heterogene Krankheitsgruppe handelt und Empfehlungen nicht die individuelle Beratung ersetzen können.

Leitsymptome

Hyperinsulinismus kongenitaler (KHI) Leitsymptome Das biochemische Leitsymptom des Hyperinsulinismus ist die Hypoglykämie.
Allgemeine klinische Symptome der Hypoglykämie:
  • Lethargie, Trinkschwäche, Zittrigkeit, Unruhe, Schwitzen, Tachykardie, afebriler Krampfanfall.

  • Neonatalperiode: Bei Neugeborenen sind Apnoen, Blässe, Zyanose, Hyperreflexie, muskuläre Hypotonie, Hypothermie, Hyperexzitabilität, schrilles Schreien unspezifische Symptome.

Empfehlung

Bei akut auftretenden „neurologischen Symptomen“ (insbesondere afebrile Krampfanfälle ohne bekannte Vorerkrankung) soll die sofortige, patientennahe Glukosemessung aus der venösen/kapillären Vollblutprobe mit einem zugelassenen Point-of-Care-Messsystem erfolgen.
Gleichzeitig soll eine 2. Probe zur Glukosemessung im Labor abgenommen werden. Bei Blutentnahme und Versand in das Labor innerhalb von 24 h soll der Behälter einen Zusatz eines sofort (z. B. Citrat/Citratpuffer) und verzögert wirkenden Glykolysehemmers (NaF) sowie Zusatz eines Gerinnungshemmers (EDTA oder Heparin) enthalten (vergleiche AWMF-Leitlinie „Gestationsdiabetes mellitus“; www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/057-008.html).

Differenzialdiagnosen der Hypoglykämie

Hyperinsulinismus kongenitaler (KHI) Differenzialdiagnosen Transiente neonatale Hypoglykämien:
  • Frühgeburtlichkeit

  • Hypotrophie

  • Makrosomie

  • Diabetes der Mutter während der Schwangerschaft (transienter Hyperinsulinismus, vgl. AWMF-Leitlinie zur „Betreuung von Neugeborenen diabetischer Mütter“, www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/024-006.html, › Kap. B6)

  • Perinataler Stress (u. a. Asphyxie oder Sepsis)

Rezidivierende Hypoglykämien im Neugeborenen-, Säuglings- und Kindesalter:
  • Hormonmangel: Kortisolmangel, GH-Mangel (oft in Kombination bei Hypopituitarismus – nach entsprechenden Zeichen suchen, wie z. B. Mikropenis/Maldescensus testis, Mittelliniendefekt etc.)

  • Störung der Fettsäureoxidation und Ketogenese

  • Störung der Glukoneogenese/Glykogenolyse

Bei den häufigsten differenzialdiagnostisch zu berücksichtigenden Ursachen der neonatalen (nicht hyperinsulinämischen) Hypoglykämie besteht kein exzessiv erhöhter Glukosebedarf zur Aufrechterhaltung der Euglykämie.
Der V. a. (persistierenden) Hyperinsulinismus ergibt sich bei:
  • Ausgeprägter (neonataler) Hypoglykämieneigung

    • Blutzucker < 1,7 mmol/l (< 30 mg/dl) am 1. Lebenstag

    • Blutzucker < 2,5 mmol/l (< 40 mg/dl) nach den ersten 24 Lebensstunden

    • Blutzucker < 3,1 mmol/l (< 55 mg/dl) nach 72 Lebensstunden

  • Hohem Glukosebedarf von über (8–)10 mg/kg/min zur Aufrechterhaltung der Euglykämie

  • Über die ersten 2–4 Lebenstage hinaus persistierender Hypoglykämieneigung: Blutzuckerwerte < 55 mg/dl (3,1 mmol/l) ohne Risikofaktoren

  • Über die ersten 7–10 Lebenstage hinaus persistierender Hypoglykämieneigung: Blutzuckerwerte < 55 mg/dl (3,1 mmol/l) bei Vorliegen von Risikofaktoren

Empfehlung

Ergibt sich nach o. g. Kriterien der V. a. einen Hyperinsulinismus, soll die spezifische Diagnostik ohne Verzögerung in die Wege geleitet werden.
Bei SGA-Neugeborenen und Frühgeborenen sind transiente Formen des Hyperinsulinismus (Dauer bis zu 9 Monate) beschrieben.
Syndromale Erkrankungen können mit hyperinsulinämischen/nicht hyperinsulinämischen Hypoglykämien assoziiert sein (insbesondere Beckwith-Wiedemann, Kabuki, Turner; diverse weitere beschrieben).

Diagnostik

Biochemische Basisdiagnostik

Empfehlung

Die Blutentnahme zur Differenzialdiagnostik soll in der Hypoglykämie (< 45 mg/dl/
< 2,6 mmol/l) erfolgen. Ein Hypoglykämie-Abnahmeset sollte bereitstehen.
Wenn die Proben nicht sofort verarbeitet werden können (z. B. nachts, am Wochenende), sollen sie abzentrifugiert und das Serum/Plasma bis zum Versand eingefroren werden.
Bestimmt werden:
  • Glukose und Laktat

  • Insulin, C-Peptid aus Serum (bei älteren Kindern ggf. Proinsulin)

  • ß-Hydroxybutyrat (im Labor oder als Ketostix im Blut)

  • Freie Fettsäuren im Plasma/Serum (abzentrifugieren und einfrieren!)

  • Wachstumshormon und Kortisol (Plasma/Serum)

  • Aminosäuren im Plasma, Acylcarnitinprofil im Trockenblut (Filterpapierkarte)

  • Organische Säuren im 1. Urin nach Hypoglykämie

  • NH3

Interpretation der biochemischen Basisdiagnostik
Für persistierenden Hyperinsulinismus sprechen:
Hauptkriterien:
  • Insulinkonzentration im Plasma > 3,0 mU/l während einer Hypoglykämie mit einer Blutzuckerkonzentration < 45 mg/dl (2,6 mmol/l)

  • Niedrige freie Fettsäuren und Ketonkörper; cave: geringe Spezifität bei kurzer Nüchternphase vor Blutentnahme/schnellem Abfall der Blutzuckerkonzentration

Nebenkriterien:
Altersentsprechende Konzentrationen gegenregulatorischer Hormone (GH und Kortisol) in der Hypoglykämie.

Cave

Bei rezidivierenden Hypoglykämien ist eine weniger ausgeprägte Gegenregulation adäquat und dann nicht Ausdruck eines GH- oder Kortisolmangels.

Empfehlung

Die Diagnostik soll von einem (pädiatrischen) Endokrinologen/Diabetologen oder einem Arzt mit Erfahrung in Diagnostik und Behandlung von Patienten mit Hyperinsulinismus durchgeführt/beurteilt werden.

Weiterführende Diagnostik

Ergibt sich aus der biochemischen Basisdiagnostik der V. a. persistierenden Hyperinsulinismus, soll die weiterführende Diagnostik eingeleitet werden. Durch molekulargenetische Untersuchungen können sich bereits Hinweise auf eine diffuse Form (primär konservative Therapie) oder eine fokale Form (primär operative Therapie) ergeben.
Empfehlung zur molekulargenetischen Diagnostik:
Bei V. a. KHI aus der biochemischen Basisdiagnostik sollen die Gene ABCC8, KCNJ11, GCK, GLUD1 sequenziert werden.
Empfehlungen zur Lokalisationsdiagnostik:
Wird eine paternal vererbte, in heterozygoter Form vorliegende Mutation in ABCC8 oder KCNJ11 nachgewiesen, soll zur Lokalisationsdiagnostik 18F-Dopascan (PET-CT/MRT) erfolgen. Eine ausreichende Erfahrung in der Durchführung und Auswertung bei KHI im Kindesalter ist unbedingt notwendig (› Kap. 8 „Adressen“).
Die Lokalisationsdiagnostik soll nicht durchgeführt werden bei:
  • gut definierten, in homozygoter Form vorliegenden rezessiven Mutationen in ABCC8 oder KCNJ11,

  • dominanten Mutationen in ABCC8 und KCNJ11, GCK, GLUD1, die beweisend für eine diffuse Form sind.

In allen weiteren Fällen (Compound-Heterozygotie für rezessive Mutationen oder maternal vererbte rezessive Mutationen in ABCC8 oder KCNJ11) sollte eine Lokalisationsdiagnostik nach individueller Abwägung erfolgen.

Therapie

Medikamentöse Therapie

Hyperinsulinismus kongenitaler (KHI) Therapie Stabilisierung der Blutzuckerkonzentration (Neuroprotektion):
Die persistierende Hypoglykämie führt im Säuglings-/frühen Kindesalter schnell zu irreversibler Schädigung des ZNS.

Empfehlung

Bei rezidivierenden Hypoglykämien und V. a. Hyperinsulinismus soll in jedem Fall die Therapie schnell und konsequent erfolgen, noch bevor die Ergebnisse der Diagnostik bekannt sind. Ein konsequentes Vermeiden von Hypoglykämien (Aufrechterhaltung einer Blutzuckerkonzentration > 3,1 mmol/l [> 55 mg/dl]) ist zu gewährleisten.
Glukosegabe
  • Glukoseinfusion intravenös.

  • Bei hohem Bedarf ist hierzu anfangs häufig ein zentralvenöser Zugang erforderlich.

  • Im Notfall kann zur Überbrückung auch eine Dauersondierung von Dextrose, eine Anreicherung der Nahrung durch Kohlenhydrate (auf 10–15 g Kohlenhydrate/100 ml) ggf. mit Gabe über eine nasogastrale Sonde oder die Gabe von Dextrose-Gel 40 % bukkal (200 mg/kg, d. h. 0,5 ml/kg) erfolgen.

  • Überwachung und Therapieanpassung: Engmaschige Blutzuckerkontrollen zumindest in 2- bis 3-stündlichen Abständen.

Empfehlung

Solange die Blutzuckerwerte < 2,2 mmol/l (< 40 mg/dl) liegen, sollen Blutzuckerkontrollen alle 15–30 Minuten stattfinden. Die Therapie ist entsprechend anzupassen.
(Medikamentöse) Therapie in der Akutphase: Glukagon i. v. oder s. c.
  • Zunächst Nachweis der Glukagonwirkung durch einmalige Bolusgabe von 30 µg/kg s. c. (ein fehlender Anstieg des Blutzuckers spricht gegen Hyperinsulinismus).

  • Anschließend zusätzlich zur Glukoseinfusion Dauerinfusion mit Glukagon mit 5–10(–30) µg/kg/h (meist < 1–2 mg/Tag).

Cave

Eine Interaktion mit Medikamenten/Elektrolyten in Infusionslösungen ist möglich, daher ist möglichst ein separater i. v. Zugang für Glukagon zu verwenden (schlechte Löslichkeit, insbesondere Okklusionsgefahr!).
  • Die zeitgleiche Glukoseinfusion sollte über einen anderen venösen Zugang verabreicht werden, damit bei Okklusion eines Katheters zumindest eine Therapie weiterwirkt. Gute Erfahrungen bestehen mit einer kontinuierlichen Glukagongabe über eine subkutan liegende Verweilkanüle (off label!). Die Konzentration der Lösung ist so zu wählen, dass eine Laufrate von ca. 1 ml/h erreicht wird. Auch hier sind eine enge Überwachung und häufige Systemwechsel erforderlich, da es häufig zu Okklusionen der Kanülen kommt.

    Mit einer Glukagontherapie ist häufig die Vermeidung oder Verkürzung der Lagedauer von zentralvenösen Zugängen und eine Reduktion der hyperkalorischen Energiezufuhr möglich. In Einzelfällen kann die Therapie für Wochen bis Monate durchgeführt werden.

    Überbrückend (z. B. kein i. v. Zugang) ist die Verabreichung von repetitiven Glukagon-Einzeldosen von 30–100 µg/kg/ED s. c. oder i. m. möglich.

Cave

  • Bei sehr hohen Glukagondosierungen (> 2 mg/Tag) wurden vereinzelt schwere Nebenwirkungen beobachtet (z. B. reversibles Erythema necrolyticum).

  • Die Glukagonwirkung ist abhängig vom Leberglykogengehalt. Eine ausreichende Glukosezufuhr muss gesichert werden.

Empfehlung

Bei Neudiagnose eines Hyperinsulinismus sollten Glukagon und Glukose zur Aufrechterhaltung der Euglykämie verabreicht werden.
Anmerkung: Glukokortikoide sind unwirksam und sollen bei CHI nicht verabreicht werden.
Medikamentöse Dauertherapie
Bei Persistenz der Hypoglykämieneigung 7–10 Tage nach Geburt sollte eine Therapie angestrebt werden, die ohne intravenösen Zugang durchgeführt werden kann und auch zu Hause umsetzbar ist. Aufgrund der Heterogenität der Erkrankung und des sehr individuellen Ansprechens der Patienten auf die medikamentöse Therapie, empfiehlt sich spätestens zu diesem Zeitpunkt die Kontaktaufnahme/Verlegung des Patienten in eine spezialisierte Einrichtung mit Erfahrung in der Behandlung von Patienten mit KHI.
Medikamentöse Behandlungsoptionen
Diazoxid (Wirkungseintritt nach 3–5 Tagen):
  • Bei neonatal beginnendem KHI ist Diazoxid nur in ca. 5 % aller Fälle wirksam. Diazoxid soll parallel zu Glukagon/Glukose parenteral begonnen werden. Die meisten Neugeborenen mit persistierendem KHI und nachgewiesener Homozygotie oder Compound-Heterozygotie für Mutationen im ABCC8-Gen oder KCNJ11-Gen sprechen nicht oder nur unzureichend auf Diazoxid an.

  • Die langfristigen Dosisanpassungen des Diazoxids erfolgen in Abhängigkeit vom Auftreten von Hypoglykämien (cave: Dosiseffekt ist erst nach 36 h beurteilbar). Muss die Diazoxiddosis nicht mehr an das Körpergewicht angepasst werden und treten keine Hypoglykämien mehr auf, ist ein (stationärer) Diazoxid-Auslassversuch sinnvoll (z. B. mit 8–12 Lebenswochen), da es sich um einen transienten Hyperinsulinismus oder eine Remission handeln könnte. Dies ist im weiteren Verlauf insbesondere auch sinnvoll, wenn die Dosis unter 5 mg/kg KG/Tag liegt.

  • Auf mögliche weitere unerwünschte Arzneiwirkungen des Diazoxids achten (Hypertrichose dosisabhängig fast obligat, pulmonale Hypertonie, Neutropenie ca. 15 %, Thrombopenie ca. 5 %, Hyperurikämie ca. 5 % – entsprechende Laborkontrollen z. B. anfangs alle 3 Monate, später alle 6 Monate).

    Dosierung:

    • Initial: 5,0–7,5 mg/kg KG/Tag begleitend zur Therapie mit Glukose und/oder Glukagon.

    • Anpassung: Bei Bedarf alle 2 Tage um ca. 3–5 mg/kg KG/Tag steigern.

    • Maximaldosis: Wenn unter einer Dosierung von 15 mg/kg/Tag über 5 Tage keine Wirkung vorhanden ist, ist von einem Diazoxid-resistenten Hyperinsulinismus auszugehen und die Diazoxidtherapie abzubrechen.

      Komplettes Ansprechen = Stabilisierung des Blutzuckerspiegels im euglykämischen Bereich bei altersentsprechender oraler Kohlenhydratzufuhr und Nahrungspausen ohne Glukagongabe.

      Partielles Ansprechen = deutliche Senkung des Glukosebedarfs, jedoch nicht auf eine altersentsprechende Kohlenhydratzufuhr und keine Normalisierung der Nüchterntoleranz. Damit ist eine Erweiterung der Therapie erforderlich.

Hydrochlorothiazid:
Bei Diazoxiddosierungen > 10 mg/kg/Tag oder Ödemen kann zusätzlich Hydrochlorothiazid (0,5–1 mg/kg/Tag in 2 Gaben) gegeben werden (möglicherweise besteht zudem ein synergistischer Effekt zum Diazoxid). Insbesondere bei Frühgeborenen/Neugeborenen kann die durch Diazoxid verursachte Flüssigkeitsretention klinisch relevant werden (Linksherzbelastung, Lungenödem). Bei Langzeittherapie mit Hydrochlorothiazid sollte über das erhöhte Risiko für nichtmelanozytären Hautkrebs aufgeklärt werden.
Somatostatinanaloga:
Somatostatinanaloga sind für den Einsatz im Säuglings-/Kindesalter und für die Indikation des KHI nicht zugelassen. Die Aufklärung der sorgeberechtigten Personen über den „off label use“ und deren Einwilligung muss daher sorgfältig dokumentiert werden. Somatostatinanaloga sollen nur bei fehlendem oder insuffizientem Ansprechen auf Diazoxid oder bei limitierenden Nebenwirkungen eingesetzt werden. Sie stellen die derzeit wirksamste verfügbare Medikamentengruppe für die Dauertherapie dar. Auch hier finden sich bei schwerem KHI-Patienten, die nur partiell auf das Somatostatinanalogon ansprechen.
Octreotid (off label):
  • Gabe einer „Testdosis“ von 10 µg/kg KG (s. c.) als Einzeldosis sollte zu einem Blutzuckeranstieg in den eu- bis hyperglykämischen Bereich führen.

  • 5–40 µg/kg KG/Tag s. c., in 34 Einzeldosen oder über eine Subkutanpumpe. Dosissteigerung um 3–5 µg/kg KG/Tag alle 2 Tage.

  • Cave: Es besteht ein erhöhtes Risiko für enterale Durchblutungsstörungen insbesondere bei Risikoneugeborenen (nekrotisierende Enterokolitis). Daher sollte eine Therapie nur bei klinisch gesunden Kindern möglichst erst ab einem Alter von 4–5 Wochen begonnen werden. Bei Frühgeborenen sollte bis zum errechneten Geburtstermin abgewartet werden!

Lang wirksame Somatostatinanaloga (off-label):
Beginn nach Nachweisen der Wirksamkeit und der Verträglichkeit der Octreotidtherapie. Auch im Säuglingsalter nach individueller Risikoabwägung zu rechtfertigen.
  • Lanreotid: 30–60 mg (auch bis 120–mg) alle 4–6 Wochen tief s. c. Cave: schmerzhaft, s. c. Knoten an den Injektionsstellen.

  • Monatsdepot Octreotid: Startdosis 10 mg i. m. alle 4 Wochen, Datenlage unsicher, Empfehlungen zur Aufdosierung in der Literatur verfügbar.

Weitere Therapieoptionen:
Für mTOR-Inhibitoren (Sirolimus), Pasireotide, Small Molecule Corrector of KATP Channel (Sulfonylharnstoffe, Carbamazepin), Glucagon-like Peptide 1 (GLP1), Insulinrezeptorblocker existieren bislang nur Einzelfallerfahrungen/-berichte, sodass diese an dieser Stelle nicht beurteilt werden können und klinischen Studien vorbehalten sind.

Empfehlung

Die medikamentöse Dauertherapie soll mit Diazoxid begonnen werden. Bei unzureichender Wirksamkeit sollten Somatostatinanaloga eingesetzt werden.

Notfalltherapie/Notfallausweis

Bei Infekten/Nahrungsverweigerung besteht die Gefahr von Hypoglykämien. Die Notfallintervention mit Glukoseinfusion und Glukagon sollte in einem Notfallausweis niedergeschrieben werden. Auch die Information, dass Glukokortikoide nicht angewendet werden sollen, sollte dort vermerkt werden.

Empfehlung

Alle Patienten sollen einen Notfallausweis mit genauen Anweisungen zur Medikamentenauswahl und -dosierung erhalten. Für die Notfalltherapie zu Hause sollen die Eltern geschult und in die Anwendung des „Hypokit“ eingewiesen werden.

Operative Therapie

Die operative Therapie ist bei fokalen Formen, bei denen der Fokus einer vollständigen Entfernung zugänglich ist, die Methode der Wahl. Auch bei diffusen Formen, bei denen die häusliche Betreuung aufgrund unzureichender Wirkung der medikamentösen Therapie nicht möglich ist, sollte die operative Therapie erwogen werden. Vor jeder Operation soll die Diagnostik mit 18F-Dopa-PET-CT/MRT erfolgen.
Wegen der Seltenheit der Erkrankung und möglichen Folgen der Operation (exokrine Pankreasinsuffizienz, Diabetes) sollte die operative Therapie Zentren mit entsprechender Erfahrung (> 5 operierte Fälle/Jahr) und Ausstattung (intraoperative histopathologische Beurteilung, Bildgebung) vorbehalten bleiben.

Empfehlung

Bei fokalen Formen des KHI sollte die operative Entfernung des Fokus als heilende Intervention durchgeführt werden. Auch bei therapierschwierigen/-refraktären diffusen Formen kann eine Operation zur Reduktion der Inselzellmasse angestrebt werden. Die Operation sollte nur in einem Zentrum mit Erfahrung in der Pankreaschirurgie bei KHI und nur nach Durchführung eines 18F-Dopascans erfolgen.

Therapiekontrollen

Fastentoleranz/Überprüfung der Therapie
Die Wirksamkeit der Therapie soll über mehrfach tägliche Dokumentation der Blutzuckerkonzentration erfolgen. Diese kann mit einem konventionellen POCT-Gerät erfolgen. Wünschenswert ist die kontinuierliche Glukosemessung oder Flash-Glukosemessung (CGM/FGM) der Gewebeglukosekonzentration. Dafür ist ein Kostenübernahmeantrag bei der Krankenversicherung erforderlich, da die Geräte durch den GBA nur bei Diabetes mellitus und bei Verordnung durch einen Diabetologen freigegeben sind.

Empfehlung

Die Wirksamkeit der Therapie soll durch Bestimmung der Glukosekonzentration im Blut mindestens 4-mal täglich oder durch kontinuierliche Messung der Gewebeglukosekonzentration überprüft werden.

Empfehlung

Evaluationen der Fastentoleranz unter stationären Bedingungen sind sinnvoll und sollten durchgeführt werden, um Dosierungen und die Therapie insgesamt zu überprüfen.
Entwicklungsdiagnostik
Bei Kindern mit KHI besteht ein erhebliches Risiko für eine gestörte neurologische Entwicklung durch rezidivierende Hypoglykämien. Frühzeitig sollte daher die Mitbetreuung an einem sozialpädiatrischen Zentrum und die Durchführung strukturierter Entwicklungstest erfolgen.

Empfehlung

Die Mitbetreuung an einem sozialpädiatrischen Zentrum sollte ab Diagnosestellung eingeleitet werden.

Beendigung der medikamentösen Therapie

Remission: Ein Teil der konservativ behandelten Patienten weist im Verlauf der ersten Lebensjahre oder aber auch im Schulalter eine vollständige oder teilweise Remission auf. Sichere prädiktive Faktoren zur Vorhersage von Remissionstendenz und -zeitpunkt fehlen jedoch.

Weitere Informationen

Kontakte zu betroffenen Familien und zur Selbsthilfegruppe finden Sie bei:
Kongenitaler Hyperinsulinismus e. V.

Verfahren zur Konsensbildung

Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Kinderendokrinologie und -diabetologie (DGKED) e. V. in Zusammenarbeit mit der Arbeitsgemeinschaft für Pädiatrische Stoffwechselstörungen (APS), der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) e. V. und der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) e. V.
Leitlinienkoordination
Tomas Meißner, Düsseldorf; Anja Moß, Ulm
Leitliniengruppe
O. Blankenstein (Berlin), S. Empting (Magdeburg), S. Kummer (Düsseldorf), M. Lindner (Frankfurt), T. Meißner (Düsseldorf), K. Mohnike (Magdeburg), R. Santer (Hamburg)
Erstellungsdatum: 12/2019
Nächste Überprüfung geplant: 12/2024

Adressen

Autoren/Mitglieder der Arbeitsgruppe
Dr. med. Oliver Blankenstein
Institut für Experimentelle Pädiatrische Endokrinologie
Charité – Universitätsmedizin Berlin
Campus Virchow-Klinikum (CVK)
Augustenburger Platz 1
13353 Berlin
PD Dr. med. Peter Kühnen
Institut für Experimentelle Pädiatrische Endokrinologie
Charité – Universitätsmedizin Berlin
Campus Virchow-Klinikum (CVK)
Augustenburger Platz 1
13353 Berlin
Dr. med. Sebastian Kummer
Klinik für Allgemeine Pädiatrie, Neonatologie und Kinderkardiologie
Universitätsklinikum Düsseldorf
Moorenstr. 5
40225 Düsseldorf
PD Dr. Martin Lindner
Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
Universitätsklinikum Frankfurt
Theodor-Stern-Kai 7
60590 Frankfurt am Main
Prof. Dr. med. Thomas Meißner
Klinik für Allgemeine Pädiatrie, Neonatologie und Kinderkardiologie
Universitätsklinikum Düsseldorf
Moorenstr. 5
40225 Düsseldorf
Prof. Dr. Klaus Mohnike
Medizinische Fakultät
Universitätskinderklinik
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Leipziger Str. 44
39120 Magdeburg
Prof. Dr. med. René Santer
Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin
Universitäts-Klinikum Eppendorf
Martinistr. 52
20246 Hamburg

Literatur

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