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BA03-9783437223853.10001-8

10.1016/BA03-9783437223853.10001-8

A03-9783437223853

Abb. A3-1

Erster bleibender Molar mit einer nicht kavitierten kariösen Läsion vor und nach der Applikation einer Fissuren- und Grübchenversiegelung

Abb. A3-2

Diagnostischer Entscheidungsprozess zur Fissuren- und Grübchenversiegelung

Arbeitsschritte bei der Fissuren- und Grübchenversiegelung am bleibenden Zahn

Tab. A3-1
Arbeitsschritte Fissuren- und Grübchenversiegelung
Zahnreinigung Rotierendes Bürstchen
Präparation des Schmelzes mit rotierenden Instrumenten Nein
Trockenlegung Absolute Trockenlegung (Kofferdam) oder relative Trockenlegung mit effektiver Absaugung zur Vermeidung einer Speichelkontamination
Säurekonditionierung 30–60 s am bleibenden Zahn
Schmelz- und Dentinbonding Grundsätzlich nicht erforderlich, zusätzlicher Auftrag eines Haftvermittlers aber möglich
Bevorzugtes Material Methacrylatbasierter Versiegelungskunststoff
Lichtpolymerisation Abhängig vom verwandten Material und Polymerisationslampe (i.d.R. 20 s)
Okklusionskontrolle und ggf. -korrektur Ja
Politur und Fluoridierung Ja

Fissuren- und Grübchenversiegelung (S3)

J. Kühnisch (federführend)

F. X. Reichl

R. Heinrich-Weltzien

R. Hickel

Einleitung

Fissuren- und GrübchenversiegelungKaries gehört nach wie vor zu den häufigsten Erkrankungen in der Bevölkerung. Im Kindes- und Jugendalter konzentriert sich der Kariesbefall auf die bleibenden Molaren bzw. deren Fissuren und Grübchen. Damit wird deutlich, dass diese Zahngruppe die Zahnflächen mit der höchsten Kariesgefährdung in dieser Lebensphase aufweist. Da die Fissuren- und Grübchenversiegelung auf die Verhinderung einer Kariesinitiation bzw. Arretierung kariöser Frühstadien exakt an diesen Kariesprädilektionsstellen abzielt, ist es erforderlich, die Fissuren- und Grübchenversiegelung einer evidenzbasierten Bewertung zu unterziehen.
Die S3-Leitlinie zur Fissuren- und Grübchenversiegelung stellt ein evidenz- und konsensbasiertes Instrument dar, um die Indikationsstellung, den kariespräventiven Wert, das Retentionsverhalten unterschiedlicher Werkstoffgruppen sowie die klinische Durchführung zusammenzufassen und schlussendlich zu verbessern. Eltern und Zahnärzte sollen damit bei der klinischen Entscheidungsfindung unterstützt werden. Die Leitlinie zielt darauf ab, ein angemessenes und wissenschaftlich begründetes Vorgehen anzubieten.
Die Leitlinie soll neben dem Beitrag für eine angemessene Gesundheitsversorgung auch die Basis für eine individuell zugeschnittene, qualitativ hochwertige Prävention bieten. Mittel- und langfristig soll so das Auftreten der Karies an Fissuren und Grübchen bei Kindern und Jugendlichen in der Bundesrepublik Deutschland gesenkt, optimalerweise jedoch verhindert werden.
Patienten sind primär Kinder und Jugendliche, da sie von dieser präventiven Maßnahme unmittelbar nach dem Durchbruch der bleibenden Molaren am meisten profitieren. Die Leitlinie gilt sowohl für Kinder ohne als auch mit Komorbiditäten. Geschlechtsspezifische Unterschiede sind nicht bekannt und werden daher nicht betrachtet.
Zudem dient die Leitlinie Eltern bzw. sorgeberechtigten Personen als Orientierungs- und Entscheidungshilfe zur Präventivbetreuung ihrer Kinder.
Die direkte Anwendergruppe der Leitlinie sind Zahnärzte sowie das zahnärztliche Fachpersonal. Indirekt kann die Leitlinie bei (Kinder- und Jugend-)Ärzten, weiteren Angehörigen der Gesundheitsberufe und Krankenkassen bzw. Krankenversicherern zur Anwendung kommen.

Fissuren- und Grübchenversiegelung

Fissuren- und GrübchenversiegelungUnter einer Versiegelung wird der präventive Verschluss der kariesanfälligen Fissuren und Grübchen verstanden, um einer Kariesinitiation vorzubeugen und/oder kariöse Frühstadien zu arretieren (16). Die Fissuren- und Grübchenversiegelung ist damit eine zahnflächenspezifische Präventionsmaßnahme (› Abb. A3-1). Präventive Effekte an anderen Zahnflächen können nicht erwartet werden. Neben der Fissuren- und Grübchenversiegelung sind eine zahngesunde Ernährung, adäquate häusliche Mundhygienemaßnahmen sowie indikationsgerechte häusliche und professionelle Fluoridapplikation als wirksame und evidenzbasierte Bestandteile der Präventivbetreuung zu betrachten.
Die Versiegelung kann prinzipiell an allen Zähnen mit Fissuren oder Grübchen in der primären und bleibenden Dentition angewendet werden. Da der größte präventive Nutzen im Vergleich zu anderen Zahngruppen, wie Milchzähnen, bleibenden Schneide- und Eckzähnen sowie Prämolaren, an bleibenden Molaren zu erwarten ist, wurden vielfältige Fragestellungen vorrangig an den ersten und zweiten bleibenden Molaren untersucht.
Schlüsselempfehlung: Der kariespräventive Nutzen der Fissuren- und Grübchenversiegelung an Zähnen bzw. Molaren mit gesunden Fissuren und nicht kavitierten kariösen Läsionen ist belegt.
Evidenzstärke: I/Empfehlungsstärke: Stark /Konsensstärke: Stark
Schlüsselempfehlung: Anhand der vorliegenden Metaanalysen kann geschlussfolgert werden, dass mit der Fissuren- und Grübchenversiegelung eine Kariesinitiation und -progression verhindert werden kann.
Evidenzstärke: I/Empfehlungsstärke: Stark /Konsensstärke: Stark

Kariesverbreitung und Nutzung der Fissurenversiegelung in der Bundesrepublik Deutschland

KariesverbreitungZu Beginn der 1980er-Jahre wurde erstmals über einen deutlichen FissurenversiegelungKariesrückgang (Caries Decline) in kindlichen und jugendlichen Populationen westlicher Industrienationen berichtet, der sich bis in die Gegenwart fortgesetzt hat. Dieser Trend konnte in den beiden vergangenen Jahrzehnten auch in der Bundesrepublik Deutschland nachgewiesen werden. Bei den 12-Jährigen reduzierte sich der Kariesbefall bis heute regional unterschiedlich auf unter 1,0 DMFT.
Parallel zu dem beobachteten Caries Decline wurden ebenfalls Veränderungen im Kariesbefallsmuster offensichtlich. Bis etwa zum 13./14. Lebensjahr konzentriert sich der Kariesbefall mit 60 bis > 90% auf die Fissuren und Grübchen der Molaren. Damit wird deutlich, dass die bleibenden Molaren und deren Fissuren bzw. Grübchen die Zähne bzw. Zahnflächen mit der höchsten Kariesgefährdung im Kindes- und Jugendalter sind. Darüber hinaus verschob sich das klinische Erscheinungsbild kariöser Fissuren und Grübchen in den vergangenen Jahrzehnten von manifesten Läsionen zugunsten von nicht kavitierten Kariesvorstufen bzw. wurde deren weitreichende Bedeutung in der Epidemiologie erkannt.
Mit dem Kariesrückgang zeigte sich weiterhin eine Ungleichverteilung der Erkrankung Karies bei Kindern und Jugendlichen zuungunsten von sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen. Dieser Trend wurde im Rahmen der jüngsten Deutschen Mundgesundheitsstudie eindeutig bestätigt.
Karies ist damit nach wie vor eine prävalente Erkrankung im Kindes- und Jugendalter insbesondere dann, wenn nicht kavitierte kariöse Läsionen Berücksichtigung finden. Als Kariesrisikoflächen sind neben den Fissuren und Grübchen die Approximalflächen herauszustellen.
Die Fissuren- und Grübchenversiegelung wird in der Bundesrepublik Deutschland im Rahmen der Individualprophylaxe genutzt. In nahezu allen epidemiologischen Erhebungen der zurückliegenden beiden Jahrzehnte waren durchschnittlich etwa 2–3 Molaren pro Kind bzw. Jugendlichem versiegelt. Wurde das Retentionsverhalten mit berücksichtigt, so war ein Großteil der Versiegelungen oft nur partiell intakt.

Schlüsselempfehlungen zur klinischen Nutzung der Fissuren- und Grübchenversiegelung

Diagnostik vor der Fissuren- und Grübchenversiegelung

Fissuren- und GrübchenversiegelungDie Indikation zur Fissuren- und Grübchenversiegelung ist grundsätzlich erst nach einer kariesdiagnostischen Untersuchung zu stellen. Dies schließt die Nutzung der klinischen bzw. visuellen Untersuchung als auch ergänzender Verfahren mit ein.
Schlüsselempfehlung: Vor der Fissuren- und Grübchenversiegelung soll eine sorgfältige diagnostische Untersuchung dieser Areale erfolgen. Dabei soll als primäre Methode die visuelle Untersuchung an den gereinigten und getrockneten Zahnflächen eingesetzt werden.
Empfehlungsstärke: Stark /Konsensstärke: Stark
Schlüsselempfehlung: An nicht kavitierten kariösen Läsionen sollten ergänzende diagnostische Verfahren, wie z.B. die Röntgendiagnostik mit Bissflügelaufnahmen oder lichtoptische Verfahren indikationsgerecht genutzt werden, um versteckte Dentinläsionen zu erkennen (Kontraindikation für Fissuren- und Grübchenversiegelung).
Empfehlungsstärke: Moderat /Konsensstärke: Stark
Darüber hinaus sind das individuelle Kariesrisiko bzw. die zahnflächenspezifische Kariesaktivität als relevante Einflussvariablen bei der Indikationsstellung zur Fissuren- und Grübchenversiegelung zu nennen.
Schlüsselempfehlung: Eine Kariesaktivitäts- und Kariesrisikoeinschätzung sollte durchgeführt werden.
Evidenzstärke: I/Empfehlungsstärke: Moderat /Konsensstärke: Stark
Schlüsselempfehlung: Bei Kindern und Jugendlichen mit einem erhöhten Kariesrisiko und bestehender Kariesaktivität sollte die Fissuren- und Grübchenversiegelung prioritär eingesetzt werden.
Evidenzstärke: I/Empfehlungsstärke: Moderat /Konsensstärke: Stark

Indikationen und Kontraindikationen zur Versiegelung

Fissuren- und GrübchenversiegelungIndikationDie Indikationsstellung zur Fissuren- und Grübchenversiegelung erfolgt auf Grundlage der Karies- und Kariesrisikodiagnostik (› Abb. A3-2). Bei karies(risiko)freien Patienten kann aus heutiger Sicht auf die Fissuren- und Grübchenversiegelung verzichtet werden, da die Wahrscheinlichkeit einer okklusalen Kariesentwicklung bei sichergestellter präventiver Betreuung als gering eingeschätzt wird. Nichtsdestotrotz wird an Zähnen mit einem erhöhten zahnflächenspezifischen Risiko die Fissuren- und Grübchenversiegelung auch bei Nicht-Kariesrisikopatienten empfohlen.
Für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit einem erhöhten Kariesrisiko ist die Fissuren- und Grübchenversiegelung an gesunden und nicht kavitierten kariösen Läsionen wesentlicher Bestandteil der kariespräventiven Betreuungsstrategie. Bei Erwachsenen und älteren Patienten kann die Indikation zur Versiegelung restriktiver gestellt werden.
Die Indikation zur Fissuren- und Grübchenversiegelung an bleibenden Molaren sollte in folgenden klinischen Situationen gestellt werden:
  • Kariesfreie Fissuren und Grübchen bei Patienten mit einem erhöhtem Kariesrisiko. Dazu zählen z.B. Patienten mit Karieserfahrung im Milchgebiss sowie Patienten, die bereits einen kariösen bleibenden Molaren aufweisen.

  • Kariesfreie Fissuren und Grübchen mit einem anatomisch kariesanfälligen Fissurenrelief (nach subjektiver Einschätzung) unabhängig von der Kariesrisikoeinschätzung.

  • Fissuren und Grübchen mit nicht kavitierten kariösen Läsionen unabhängig von der Kariesrisikoeinschätzung.

  • Fissuren und Grübchen mit einem anatomisch kariesanfälligen Fissurenrelief an hypomineralisierten oder hypoplastischen Zähnen unabhängig von der Kariesrisikoeinschätzung.

  • Fissuren und Grübchen bei Patienten mit Allgemeinerkrankungen bzw. körperlichen und/oder geistigen Behinderungen, die eine effektive tägliche Mundhygiene nur begrenzt umsetzen können.

  • Partiell oder vollständig verloren gegangene Fissurenversiegelungen sollten bei unverändertem Kariesrisiko repariert bzw. erneuert werden.

Die Indikation zur Fissuren- und Grübchenversiegelung an Milchmolaren oder anderen bleibenden Zähnen kann bei einem erhöhten individuellen oder zahnflächenspezifischen Risiko in Erwägung gezogen werden.
Fissuren- und GrübchenversiegelungKontraindikationRelative Kontraindikationen zur Fissuren- und Grübchenversiegelung bestehen in folgenden Situationen:
  • Ist der betreffende Zahn noch nicht vollständig in die Mundhöhle durchgebrochen und sind die Okklusalfläche bzw. die palatinalen/bukkalen Grübchen nicht oder nur begrenzt einer adäquaten Trockenlegung bzw. Instrumentierung zugänglich, wäre auf die Versiegelung vorerst zu verzichten. Bis zum vollständigen Zahndurchbruch haben lokale präventive Maßnahmen, wie eine adäquate Plaqueentfernung und die Lokalapplikation von Fluorid(lack)en Vorrang. Bei Kariesrisikopatienten kann die temporäre Fissurenversiegelung mit einem GlasIonomerzement (GIZ; Prä-Fissurenversiegelung) in Erwägung gezogen werden. Dies ist eine einfache präventive, aber provisorische Interimslösung.

  • Bei Zähnen mit einer nachgewiesenen Dentinkaries im Bereich der Fissuren bzw. Grübchen ist die Versiegelung aus heutiger Sicht kontraindiziert und die minimalinvasive Füllungstherapie angezeigt.

  • Milchzähne, deren Exfoliation unmittelbar bevorsteht, bedürfen keiner Versiegelung.

Eine absolute Kontraindikation zur Fissuren- und Grübchenversiegelung besteht bei einer nachgewiesenen Allergie gegenüber Versiegelungsmaterialien oder einzelnen Materialbestandteilen.
Schlüsselempfehlung: Die Fissuren- und Grübchenversiegelung soll indikationsgerecht an gesunden Fissuren zur Kariesprävention und an Fissuren mit nicht kavitierten kariösen Läsionen zur Kariesarretierung zum Einsatz kommen.
Empfehlungsstärke: Moderat /Konsensstärke: Stark
Schlüsselempfehlung: Während bei Nicht-Risikopatienten die Indikation zur Fissuren- und Grübchenversiegelung an kariesfreien Zähnen restriktiv gestellt werden soll, profitieren Kariesrisikopatienten von der Fissuren- und Grübchenversiegelung besonders, weshalb die Versiegelung bei diesen Patienten bevorzugt durchgeführt werden soll.
Empfehlungsstärke: Moderat /Konsensstärke: Stark
Schlüsselempfehlung: An Fissuren und Grübchen mit nicht kavitierten kariösen Läsionen soll die Indikation zur Versiegelung im Kindes- und Jugendalter unabhängig von der Kariesrisikoeinschätzung mit dem Ziel der Kariesarretierung gestellt werden.
Empfehlungsstärke: Moderat /Konsensstärke: Stark

Materialauswahl zur Fissuren- und Grübchenversiegelung

Fissuren- und GrübchenversiegelungMaterialauswahlIm Rahmen einer Metaanalyse, welche die verfügbaren klinischen Studien mit einer Mindestlaufzeit von zwei Jahren berücksichtigte, wurde gezeigt, dass das Überleben bzw. Retentionsverhalten von Fissuren- und Grübchenversiegelungen in Abhängigkeit vom verwendeten Material Unterschiede aufweist. Auto- und lichtpolymerisierende Versiegelungsmaterialien wiesen dabei das günstigste Retentionsverhalten auf. Insbesondere Materialgruppen bzw. Vorgehensweisen, die auf eine Säurekonditionierung verzichteten, waren mit zum Teil deutlich höheren Verlustraten verbunden.
Schlüsselempfehlung: Es sollen Materialgruppen mit einer hohen Retentionsrate und damit Überlebenswahrscheinlichkeit bevorzugt in der klinischen Praxis eingesetzt werden. Dazu zählen niedrig visköse methacrylatbasierte Versiegelungskunststoffe, die in Verbindung mit der Säurekonditionierung angewendet werden. Bei Zähnen im Durchbruch bzw. wenn keine adäquate Trockenlegung möglich ist, kann alternativ der Einsatz von GIZ erwogen werden.
Evidenzstärke: I/Empfehlungsstärke: Stark /Konsensstärke: Stark
Schlüsselempfehlung: Lichtpolymerisate sollten als Einkomponenten-Materialien im Vergleich zu Autopolymerisaten bevorzugt verwendet werden. Die Materialien sind weniger techniksensitiv zu verarbeiten, da der Anmischvorgang entfällt und die sofortige Lichtpolymerisation die Behandlungszeit verkürzt.
Evidenzstärke: I/Empfehlungsstärke: Moderat /Konsensstärke: Stark

Klinisches Vorgehen bei der Fissurenversiegelung

FissurenversiegelungKlinisches VorgehenDie Applikation einer Fissuren- und Grübchenversiegelung ist im Vergleich zur Füllungstherapie ein weniger zeitintensives und einfacheres Prozedere. Dennoch sind auch hier alle klinischen Arbeitsschritte (› Tab. A3-1) zur Qualitätssicherung sorgfältig auszuführen und eine gute Kooperation bei den kindlichen bzw. jugendlichen Patienten ist sicherzustellen. Eine Vierhandtechnik ermöglicht darüber hinaus die konsequente Einhaltung der nachstehend formulierten Qualitätsstandards sowie ein sicheres und effizientes Arbeiten (4).
Fissurenreinigung
FissurenreinigungIm Rahmen von klinischen Studien wurden unterschiedliche Vorgehensweisen bei der professionellen Zahnreinigung vor der Versiegelung nur in wenigen klinischen Untersuchungen in Relation zur Retention untersucht. Die Mehrheit aller klinischen Studien verweist auf eine vorab durchgeführte Zahnreinigung.
Schlüsselempfehlung: Die Zahnreinigung ist ein unverzichtbarer Teilarbeitsschritt der Grübchen- und Fissurenversiegelung und soll daher immer vor der Versiegelung erfolgen. Dieser Arbeitsschritt ist zudem Grundlage für eine korrekte kariesdiagnostische Untersuchung an den Fissuren und Grübchen.
Evidenzstärke: III–IV/Empfehlungsstärke: Stark /Konsensstärke: Stark
Trockenlegung
Fissuren- und GrübchenversiegelungTrockenlegungDer Einfluss der Trockenlegung auf die Retentionsrate von Fissuren- und Grübchenversiegelungen wurde in einzelnen vergleichenden klinischen Untersuchungen verifiziert. Die dokumentierten Retentionsraten deuten auf eine Gleichwertigkeit der absoluten im Vergleich zur relativen Trockenlegung hin.
Schlüsselempfehlung: Eine sichere Trockenlegung soll bei der Fissuren- und Grübchenversiegelung die Einhaltung der relevanten Arbeitsschritte, Konditionierung, Materialauftrag und Polymerisation gewährleisten. Kann kein vierhändiges Arbeiten mit relativer Trockenlegung im Praxisalltag umgesetzt werden, wird die Applikation der Fissuren- und Grübchenversiegelung unter Zuhilfenahme von Kofferdam empfohlen.
Evidenzstärke: III–IV/Empfehlungsstärke: Stark /Konsensstärke: Stark
Konditionierung der aprismatischen Schmelzschicht
Die äußere aprismatische SchmelzschichtSchmelzschicht, aprismatische, die unbehandelt einen adhäsiven Verbund zu Versiegelungsmaterialien verhindert, kann mit verschiedenen Methoden entfernt bzw. modifiziert werden. Als Standardvorgehen zur Herstellung eines adhäsiven Verbunds zwischen Zahnschmelz und methacrylatbasierten (Versiegelungs-)Kunststoffen gilt bis heute die SäurekonditionierungSäurekonditionierung. Damit wird die äußere aprismatische Schmelzschicht entfernt. Dies führt zur Freilegung der darunter liegenden Schmelzprismen. Im Ergebnis liegt ein mikroretentives Oberflächenrelief vor, das sich mit dem hydrophoben Versiegelungskunststoff verzahnt. Dieses Vorgehen ist seit Jahrzehnten Garant für die Langlebigkeit von adhäsiv befestigten Restaurationen oder Fissuren- und Grübchenversiegelungen. Typischerweise werden methacrylatbasierte Versiegelungsmaterialien in Verbindung mit der Säurekonditionierung eingesetzt.
Zur Schmelzkonditionierung findet mehrheitlich 35- bis 37-prozentige Orthophosphorsäure in Gelform (früher als Flüssigkeit) Verwendung. Gele zeichnen sich durch eine kontrollierbare und ortsständige Applikation aus und zeigten keine wesentlichen Unterschiede im Ätzmuster im Vergleich zu flüssigen Säuren. Nach gründlichem Absprayen der Säure und forcierter Trocknung muss eine kreidig-weiße Schmelzoberfläche sichtbar sein. Dieses Merkmal gilt als Kontrolle für einen erfolgreichen Ätzvorgang.
Die überwiegende Mehrzahl der klinischen Studien nutzte eine mindestens 30-sekündige Applikationszeit; lediglich wenige Arbeitsgruppen konditionierten den Zahnschmelz in klinischen Studien vor der Versiegelung kürzer.
Schlüsselempfehlung: Die Fissuren- und GrübchenversiegelungSäurekonditionierungSäurekonditionierungSäurekonditionierung stellt das Vorgehen der Wahl zur Konditionierung des Zahnschmelzes vor der Fissuren- und Grübchenversiegelung dar. Daher soll dieser Arbeitsschritt zur Anwendung kommen.
Evidenzstärke: II/Empfehlungsstärke: Stark /Konsensstärke: Stark
Schlüsselempfehlung: Die Einwirkzeit der Säure soll am unbehandelten Zahnschmelz vor der konventionellen Fissurenversiegelung mindestens 30 Sekunden betragen. Ein opakes Ätzmuster gilt als adäquates Ergebnis des Ätzvorgangs.
Evidenzstärke: II/Empfehlungsstärke: Stark /Konsensstärke: Stark
Schlüsselempfehlung: Eine Verkürzung der Fissuren- und GrübchenversiegelungSäurekonditionierungSäurekonditionierungSäurekonditionierung auf weniger als 30 Sekunden kam in einigen klinischen Studien zum Einsatz. Die Ergebnisse zeigen ein heterogenes Retentionsverhalten mit zum Teil sehr niedrigen Raten intakter Versiegelungen nach zwei Jahren Liegedauer. Es fehlen aussagekräftige und langfristige klinische Studien zu der Fragestellung, auf welche Zeit die Säurekonditionierung verkürzt werden kann, ohne dass mit Retentionseinbußen zu rechnen ist.
Evidenzstärke: II/Empfehlungsstärke: Offen /Konsensstärke: Stark
Schlüsselempfehlung: Die Anwendung von selbst konditionierenden Adhäsiven stellt eine Möglichkeit dar, den klinischen Arbeitsprozess zu verkürzen. Allerdings erreichen die bislang dokumentierten Retentionsraten nicht die mit dem konventionellen Vorgehen publizierten Überlebensraten. Daher kann die klinische Anwendung selbst konditionierender Adhäsive gegenwärtig nicht vorbehaltlos empfohlen werden.
Evidenzstärke: II/Empfehlungsstärke: Offen /Konsensstärke: Stark
Schlüsselempfehlung: Die Air Abrasion kann prinzipiell für die Vorbehandlung der Schmelzoberfläche vor der Fissuren- und Grübchenversiegelung genutzt werden. Dem steht jedoch ein zusätzlicher Geräteaufwand gegenüber.
Evidenzstärke: (II)III–IV/Empfehlungsstärke: Offen /Konsensstärke: Stark
Schlüsselempfehlung: Für die Nutzung der Laserkonditionierung zur Vorbehandlung der Schmelzoberfläche liegen nur unzureichende klinische Daten vor. Zudem ist ein zusätzlicher Geräteaufwand notwendig. Daher kann die klinische Anwendung der Laserkonditionierung gegenwärtig nicht vorbehaltlos empfohlen werden.
Evidenzstärke: III/Empfehlungsstärke: Offen /Konsensstärke: Stark
Applikation des Versiegelungsmaterials
Schlüsselempfehlung: Die Applikation des Versiegelungsmaterials soll grazil im Fissurenrelief erfolgen. Materialüberschüsse, die zu okklusalen Vorkontakten und einem partiellen oder vollständigen Retentionsverlust führen können, sollen vermieden werden.
Evidenzstärke: II/Empfehlungsstärke: Stark /Konsensstärke: Stark
Polymerisation, Okklusionskontrolle und Politur
Schlüsselempfehlung: Fissuren- und GrübchenversiegelungPolymerisationDie Polymerisationszeit ist abhängig von der Lichtintensität und dem Versiegelungsmaterial und soll in der Regel 20 Sekunden betragen. Hierbei beachten: Alle Versiegelungsanteile müssen vom Licht ausreichend erfasst werden. Nach der Aushärtung soll eine Fissuren- und GrübchenversiegelungOkklusionskontrolleOkklusionskontrolle erfolgen; interferierende Überschüsse sollen korrigiert werden.
Evidenzstärke: II/Empfehlungsstärke: Stark /Konsensstärke: Stark
Schlüsselempfehlung: Zur Entfernung der oberflächlichen Sauerstoffinhibitionsschicht soll eine Politur der Fissuren- und Grübchenversiegelung erfolgen. Zur Remineralisation geätzter, aber nicht versiegelter Schmelzareale wird die Lokalapplikation eines Fluoridpräparats empfohlen.
Evidenzstärke: II/Empfehlungsstärke: Stark /Konsensstärke: Stark
Monitoring
Schlüsselempfehlung: Fissuren- und GrübchenversiegelungMonitoringVersiegelte und unversiegelte Fissuren und Grübchen sollen einer regelmäßigen Kontrolle unterzogen werden. Die Verlaufskontrollen sollen sich an den durch die Kariesrisikoeinstufung festgelegten Intervallen orientieren.
Empfehlungsstärke: Stark /Konsensstärke: Stark
Schlüsselempfehlung: Im Fall eines Retentionsverlusts soll die Nachversiegelung entsprechend den Indikationsempfehlungen geprüft werden.
Empfehlungsstärke: Stark /Konsensstärke: Stark
Konsensusfindung
Die Erstellung dieser Leitlinie erfolgte unter der Federführung der Deutschen Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde e.V. (DGKiZ) und der Deutschen Gesellschaft für Zahnerhaltung e.V. (DGZ) im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK). Die Leitlinienentwicklung wurde beraten durch die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) und organisatorisch unterstützt durch das Zentrum Zahnärztliche Qualität (ZZQ).
Federführende Fachgesellschaften
  • Deutsche Gesellschaft für Kinderzahnheilkunde e.V. (DGKiZ)

  • Deutsche Gesellschaft für Zahnerhaltung (DGZ)

  • Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK)

Beteiligung weiterer AWMF-Fachgesellschaften
  • Deutsche Gesellschaft für Kieferorthopädie e.V. (DGKFO)

  • Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ)

Beteiligung weiterer Fachgesellschaften/Organisationen
  • Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ)

  • Bundesverband der Zahnärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes e.V. (BZÖG)

  • Bundeszahnärzte-Kammer (BZÄK)

  • Deutsche Gesellschaft für Präventivzahnmedizin (DGPZM)

  • Freier Verband Deutscher Zahnärzte (FVDZ)

  • Kassenzahnärztliche Bundesvereinigung (KZBV)

Autoren
Jan Kühnisch (DGKiZ; federführender Autor und Leitlinienkoordination), Franz Xaver Reichl, Roswitha Heinrich-Weltzien (DGKiZ), Reinhard Hickel (DGZ)
Weitere Autoren
Prof. Dr. Christoph Benz (BZÄK), Karl-E. Bergmann (DGKJ), Carolina Ganß (DGPZM), Paul-G. Jost-Brinkmann (DGKFO), Andreas Kessler(Literaturrecherche), Burkhard Lawrenz (BVKJ), Dominik-Patrick Müller (Literaturrecherche), Pantelis Petrakakis (BZÖG), Prof. Dr. Christian Splieth (DGKiZ), Ralf Wagner (KZBV)
Methodische Begleitung
Regine Chenot (ZZQ), Monika Nothacker (AWMF)
Leitlinienbeauftragte der DGZMK
Silke Auras
Deutsche Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK)
Liesegangstr. 17a
40211 Düsseldorf
Kommentare und Änderungsvorschläge zur Leitlinie sind bitte an diese Adresse zu richten.
Jahr der Erstellung: 10/2005
Vorliegende 2. Aktualisierung/Stand: 01/2017
Gültig bis: 01/2022

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