© 2019 by Elsevier GmbH

Bitte nutzen Sie das untenstehende Formular um uns Kritik, Fragen oder Anregungen zukommen zu lassen.

Willkommen

Mehr Informationen

B978-3-437-22345-7.50007-2

10.1016/B978-3-437-22345-7.50007-2

978-3-437-22345-7

Hepatoblastom

D. von Schweinitz

K. Becker

DEFINITION UND BASISINFORMATION

Das Hepatoblastom (HB) ist der häufigste primäre Lebertumor des Kindesalters mit einer Inzidenz von 1,6 Fällen pro 1 Million Kinder (0–14 Jahre). Es besteht eine männliche Prädisposition mit einem Verhältnis m:w = 1,6:1,1. Ein ausgesprochener Altersgipfel liegt zwischen 6 Monaten und 3 Jahren. Damit ist das HB nach dem Neuroblastom und dem Nephroblastom der dritthäufigste abdominelle Tumor in dieser Altersgruppe (2). Der Anteil des HB an allen malignen Neoplasien des Kindesalters liegt bei 1% (0–14 Jahre) (3). Weltweit ist ein Trend zu einer Inzidenzzunahme des HB zu verzeichnen. Grund dafür ist wahrscheinlich eine deutliche Zunahme von Patienten mit extremer Frühgeburtlichkeit und sehr niedrigem Geburtsgewicht in den Industrienationen. Denn diese beiden Faktoren sind mit einem erhöhten Risiko für das spätere Auftreten eines HB vergesellschaftet (4). In seltenen Fällen besteht eine Assoziation des HB mit verschiedenen genetischen Erkrankungen, insbesondere dem Beckwith-Wiedemann-Syndrom sowie anderen Hemihypertrophien als auch dem Edwards-Syndrom (Trisomie 18) und der familiären Polyposis coli (FAP) (5).
Beim HB handelt es sich zumeist um einen großen und gut durchbluteten, unifokalen Tumor, bevorzugt im rechten Leberlappen. Eine extrahepatische Lokalisation findet sich selten. Fernmetastasen treten meist erst bei fortgeschrittener Tumorkrankheit auf, Lymphknotenabsiedlungen finden sich selten. Meistens kann das HB aufgrund seiner guten Chemosensibilität und dem Altersgipfel gut vom kindlichen hepatozellulären Karzinom (HCC), Altersgipfel Schul- und Jugendalter, abgegrenzt werden, das insgesamt eine deutlich schlechtere Prognose hat als das HB (6).

HISTOPATHOLOGISCHE KLASSIFIKATION UND MOLEKULARBIOLOGIE

Das Hepatoblastom ist ein hochmaligner, epithelialer Tumor, der aus primitiven Vorläuferzellen des Leberparenchyms besteht, die gemäß den unterschiedlichen Stadien der Leberentwicklung differenziert sein können (fetal, embryonal, makrotrabekulär und cholangioblastisch). Zusätzlich können mesenchymale Strukturen wie z.B. Osteoid, Knorpel, selten auch glatte Muskulatur oder rhabdomyoblastenartige Elemente vorhanden sein. Von einer teratoiden Differenzierung spricht man, wenn neuroektodermale Strukturen, muzinöse Drüsen, Plattenepithelinseln, pigmentierte Zellen u.a. vorhanden sind. Es wird angenommen, dass embryonale HB aufgrund ihrer höheren Proliferationsrate eine etwas schlechtere Prognose haben als fetale HB, wobei dies bisher noch nicht in Studien validiert werden konnte. Man geht heute davon aus, dass die bisher als kleinzellige undifferenzierte Hepatoblastome bezeichneten Tumoren eine kleinzellige Variante der malignen Rhabdoidtumoren in der Leber darstellen. Patienten mit diesen Tumoren präsentieren sich mit einem AFP (α-Fetoprotein) < 100 ng/ml und haben eine sehr schlechte Prognose. Eine Bestimmung der INI1-Expression muss in diesen Fällen unbedingt durchgeführt und gegebenenfalls mittels molekulargenetischer Untersuchungen weiter untersucht werden (7).
Selten kommen vor allem im Vorschulalter Tumoren mit nebeneinanderliegenden histologischen Charakteristika von HB und HCC vor, die als sogenannte maligne transitionelle Leberzelltumoren (TLZT) bezeichnet werden. Diese Tumoren verhalten sich biologisch wie HCCs mit aggressivem Wachstum und Gefäßinvasion sowie früher Fernmetastasierung in die Lunge und haben eine entsprechend schlechte Prognose (8).
Chromosomale Veränderungen als auch molekulargenetische Alterationen finden sich bei der Mehrzahl der HBs. Beim HB im Rahmen eines Beckwith-Wiedemann-Syndroms treten z.B. Allelverluste bei Chromosom 11p15.5 auf, die zu einem Verlust des Tumorsuppressorgens H19 und konsekutiv zu einer Aktivierung von IGF2 führen (9). Mutationen im APC-Gen (Adenomatous-polyposis-coli-Protein) finden sich im HB trotz der Assoziation mit der FAP noch vergleichsweise selten, dafür treten andere genetische Aberrationen, die den Wnt-Signalweg („wingless“, „Int-Gen“) betreffen, in 70–90% der HB auf. Die Aktivierung des Wnt-Signalwegs führt u.a. zu einer Akkumulation von ß-Catenin in den Tumorzellkernen. Dies führt dann über eine Exprimierung von Wnt-Zielproteinen zur Proliferation der Tumorzellen (10). Untersuchungen hinsichtlich epigenetisch veränderter Tumorsuppressorgene im HB haben gezeigt, dass die Methylierung von Promotorenregionen im HB häufig ist und es dadurch u.a. zu einer Suppression von antiproliferativen Regulatoren kommt (11). Die auf molekulargenetischer Ebene derzeit prognostisch bedeutendste Entdeckung ist die von Cairo et al. mit der DNA-Microarray-Methode entdeckte 16-Gen-Signatur, die HB mit differenzierter Histologie und gutem klinischem Outcome (C1-Tumoren) von fortgeschrittenen Tumoren mit undifferenzierter Histologie und schlechtem Outcome (C2-Tumoren) unterscheidet (12).

LEITSYMPTOME

Klinisch präsentiert sich das HB als ein oft tastbarer, abdomineller Tumor – gegebenenfalls begleitet von Fieber, Abgeschlagenheit, Störung des Ess- und Trinkverhaltens und Gewichtsverlust. Symptome wie Pubertas praecox, Ikterus, akutes Abdomen bei Tumorruptur oder Thrombozytose treten nur selten auf.

DIAGNOSTIK UND STADIENEINTEILUNG

Diagnostik

Labor
Spezifische Tumormarker:
  • AFP (α-Fetoprotein): wichtigster Turmomarker! Erhöht in 80–90% der Patienten (cave: Normalwerte der jeweiligen Altersstufe beachten!), HB mit niedrigem AFP (< 100 ng/ml) sind aggressiv und haben eine sehr schlechte Prognose.

  • β-HCG (humanes Choriongonadotropin): erhöht in ca. 20% der Patienten.

Unspezifische Labordiagnostik:
  • Blutbild

  • Leberenzyme

  • Ferritin

  • LDH

  • Titer hepatotroper Viren

  • CEA, NSE, gegebenenfalls Katecholamine im Urin z.A. Neuroblastom

Bildgebung
  • Abdominelle Sonographie mit Farbdoppler

  • MRT bzw. CT des Oberbauchs mit Kontrastmittel

  • CT des Thorax mit Kontrastmittel

  • Gegebenenfalls FDG-PET/CT, Leberszintigraphie, Leberangiographie bei speziellen Fragestellungen

Histologie
Zur histologischen Diagnosesicherung kann eine Tumorbiopsie entweder offen, laparoskopisch oder durch eine perkutane Stanzbiopsie entnommen werden. Feinnadelpunktionen mit zytologischer Diagnostik sind nicht ausreichend. Die Biopsie wie auch später das Tumorresektat sollten konventionell histologisch in Paraffin und immunhistochemisch untersucht werden. Die Diagnose sollte immer durch einen Referenzpathologen gesichert werden.
Gemäß den Richtlinien der GPOH (Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie) kann bei Kindern zwischen 6 Monaten und 3 Jahren mit einem Lebertumor und einem Serum-α-Fetoprotein > 1.000 ng/ml und mindestens dem 3-fachen AFP-Wert der Altersnorm auf eine bioptische Sicherung der Diagnose verzichtet werden, da in diesen Fällen immer ein HB vorliegt (2).

Stadieneinteilung

Eine präzise klinische Stadieneinteilung der HB ist für eine korrekte Risikostratifizierung und Therapieplanung unerlässlich. Zwischenzeitlich wird international ein einheitliches Eingruppierungssystem, das sogenannte PRETEXT-System („pre-treatment extension“) der Lebertumorstudiengruppe der Internationalen Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie (SIOPEL) verwendet. Das PRETEXT-System kategorisiert die Tumoren nach ihrer Ausdehnung in der prätherapeutischen Bildgebung und hat eine hohe prognostische Relevanz (13). Dabei werden die HB in vier verschiedene PRETEXT-Gruppen (I–IV) eingeteilt, je nachdem wie viele der vier chirurgischen Sektoren der Leber betroffen sind. So bedeutet z.B. PRETEXT II, dass zwei der vier Sektoren vom Tumor befallen sind und zwei aneinanderhängende Sektoren tumorfrei sind. Zusätzlich werden weitere Charakteristika der Tumorausdehnung mit großen Buchstaben erfasst, d.h. Invasion der Lebervenen (V) oder Pfortader (P), extrahepatische Tumorausdehnung (E), Metastasierung (M), Infiltration des Lobus caudatus (C), Lymphknotenbefall (N) und Multifokalität (F) (14). Das PRETEXT-System wird auch verwendet, um die Ausdehnung des Tumors nach jeweils zwei Zyklen neoadjuvanter Chemotherapie zu beschreiben, dann als sogenanntes POSTTEXT-System („post-treatment extension“) (15).

THERAPIE

Prinzipien der Therapiestrategie

Auch wenn die vollständige chirurgische Tumorentfernung letztendlich der entscheidende Schritt bei der kurativen Therapie des HB ist, steht bei fast allen HB die präoperative (neoadjuvante) Chemotherapie an erster Stelle. Eine initiale Resektion des Tumors ist nur in seltenen Fällen, in denen ein kleiner solitärer Tumor vorliegt (PRETEXT I und gegebenenfalls II), indiziert. In bis zu 90% der HB kommt es durch eine präoperative Cisplatin-haltige Chemotherapie zu einer deutlichen Tumorverkleinerung und einer Verbesserung der Resektabilität (16). Mit der aktuellen, kombinierten Therapiestrategie (präoperative Chemotherapie, Operation und postoperative Chemotherapie) wird eine durchschnittliche 5-Jahres-Überlebensrate von knapp 80% erreicht (17).
Derzeit von der GPOH empfohlenes Vorgehen
Kleine, sicher auf einen Leberlappen beschränkte HB (PRETEXT I und in Einzelfällen II) können primär mit einer Hemihepatektomie reseziert werden. Erscheint ein Tumor mit diesem Operationsverfahren nicht mit einem großen Sicherheitsabstand (> 1 cm) resektabel, ist eine primäre Chemotherapie indiziert. In diesem Fall kann die Diagnose entweder klinisch gemäß den unter „Diagnostik” genannten Kriterien gestellt werden oder bei den Patienten, die die entsprechenden Kriterien zur klinischen Diagnosestellung nicht erfüllen, durch eine bioptische Sicherung. Nach präoperativer Chemotherapie sollte erneut die Resektabilität evaluiert werden. Bei der folgenden Laparotomie sollte in jedem Fall ein Resektionsversuch durchgeführt werden, jetzt auch gegebenenfalls mit erweitertem Resektionsverfahren (erweiterte Hemihepatektomie). Bei noch nicht gegebener Resektabilität ist es sinnvoll, weitere Chemotherapie-Blöcke anzuschließen (18). Allerdings können HB unter Chemotherapie im Verlauf durch Hochregulierung von sogenannten Drug-Resistance-Molekülen eine Resistenz gegen Cisplatin-haltige Zytostatika-Kombinationen entwickeln (9). Es wird deshalb empfohlen, bei Abnahme des Tumoransprechens eine alternative Zytostatika-Kombination zu wählen (19).
Einteilung der HB in Risikogruppen
Zur Stratifizierung der Chemotherapie werden die HB in drei Risikogruppen eingeteilt (20):
  • Standard-risk-HB (SR): PRETEXT I, II oder III → 5-Jahres-OS > 90% (21)

  • High-risk-HB (HR): PRETEXT IV, multifokal (F+), Gefäßeinbruch (V+, P+), Invasion extraheptischer Strukturen (E+) → 5-Jahres-OS 70–80% (22)

  • Very-high-risk-HB (VHR): PRETETXT I–IV mit Fernmetastasen (M+) und/oder AFP < 100 ng/ml → 5-Jahres-OS 50–65% (bib22, bib23)

Chemotherapie

Prinzipiell sprechen die meisten HB auf eine Chemotherapie an. Das wirksamste Zytostatikum ist Cisplatin (CDDP), das auch in Kombination mit anderen Medikamenten wie Carboplatin, Doxorubicin, Ifosfamid, Etoposid, Vincristin, 5-Fluorouracil und Irinotecan eingesetzt werden kann. Hier zeigen sich Ansprechraten von bis zu 93% (9). Die Therapieoptimierungsstudie HB99 der GPOH hat gezeigt, dass bei der Behandlung von SR-HB auf eine zusätzliche Gabe von Ifosfamid bei gleichen Ergebnissen verzichtet werden kann (17). Perilongo et al. konnten zeigen, dass bei SR-HB die prä- und postoperative Monotherapie mit Cisplatin in gleichen Überlebensraten resultiert wie die Gabe von PLADO (Cisplatin und Doxorubicin), allerdings wurden hier allen Patienten mindestens sechs Blöcke Cisplatin mit einer entsprechend hohen Toxizität (Hörvermögen, tubuläre Nierenschäden) verabreicht (21). Für HR-HB und VHR-HB zeigen intensivierte Kombinationschemotherapien mit alternierender Gabe von Cisplatin sowie Carboplatin und Doxorubicin die besten Ansprechraten (bib22, bib24). Diese Therapien haben sich als gleichwertig erwiesen wie die in der GPOH-Studie HB99 getestete Carboplatin/Etoposid-Hochdosistherapie mit autologer Stammzelltransplantation (17). Alternativ bzw. bei therapierefraktären HB oder Rezidiven können die vorwiegend in den USA angewandten Zytostatika 5-Fluorouracil und Vincristin oder Irinotecan eingesetzt werden (bib25, bib26).
Derzeit von der GPOH empfohlene Chemotherapie
  • SR-HB:

    • Kombinationstherapie SIOPEL 1 (27):

      • präoperativ PLADO × 2–3

      • postoperativ PLADO × 1

      • oder

    • Monotherapie SIOPEL 3-SR (21):

      • präoperativ CDDP × 4

      • postoperativ CDDP × 2

  • HR-HB:

    • Kombinationstherapie SIOPEL 3-HR (22):

      • präoperativ CDDP × 4 alternierend mit Carbo/Doxo × 3

      • postoperativ Carbo/Doxo × 2 alternierend mit CDDP × 1

  • VHR-HB:

    • Kombinationstherapie (dosisintensiviert) SIOPEL 4 (24):

      • präoperativ CDDP/Doxo × 3 (Zyklus A1–A3) + Carbo/Doxo × 1 (Zyklus B)

      • postoperativ Carbo/Doxo × 1 (Zyklus C)

Therapierefraktäre HB/Rezidiv:
  • Irinotecan (25) zusammen mit VCR

  • Kombinationstherapie (COG, Study AHEP-0731) (9)

    VCR-Irinotecan + CDDP-5FU-VCR-Doxo

Chirurgische Therapie

Nach der Induktionschemotherapie ist die komplette Resektion des Tumors als auch gegebenenfalls der Fernmetastasen für das Überleben der Patienten essenziell. Wenn möglich sollten auch ausgedehnte HB mit einem Sicherheitsabstand von 1 cm anatomisch radikal reseziert werden gegebenenfalls auch unter Berücksichtigung erweiterter Resektionsverfahren und spezieller Techniken wie z.B. totale Okklusion der zu- und abführenden Gefäße etc. (28). Aktuelle Beobachtungen zeigen zwar, dass nach Chemotherapie Resektionsabstände von wenigen Millimetern bzw. mikroskopische Tumorreste im Resektionsrand (R1) keinen wesentlichen Einfluss auf das Überleben haben, dies wurde jedoch noch nicht in entsprechenden Studien validiert (9). Anatomische Resektionen wie Segmentresektion oder Lobektomien etc. sind unbedingt atypischen („wedge“) Resektionen oder Enukleationen vorzuziehen, da Letztere mit einem schlechteren Outcome vergesellschaftet sind (16). Auch Fernmetastasen müssen nach Chemotherapie reseziert werden, sofern sie mit bildgebenden Verfahren noch dargestellt werden können oder sich als Rezidive erneut präsentieren (2). Prinzipiell sollte die Resektion von HB von Chirurgen durchgeführt werden, die die entsprechende Expertise mit Lebertumorchirurgie bei Kindern haben, da postoperative Komplikationen zu einer Verzögerung der postoperativen Chemotherapie und einem schlechteren Überleben bei HR-HB führen (29).
Lebertransplantation
Risikoreiche HB-Resektionen (z.B. Ex-situ-Resektionen) sind aufgrund der guten Heilungsraten von HB-Patienten nach orthotoper Lebertransplantation (OLT) nicht mehr indiziert. Die verschiedenen internationalen Studiengruppen (COG, SIOPEL, GPOH) haben sich auf gemeinsame Richtlinien für die OLT beim HB geeinigt (15). Demnach sind multifokale HB über alle vier Sektoren (PRETEXT IV) eine Indikation zur OLT, da die komplette Eradikation aller intrahepatischen Metastasen durch die Chemotherapie unwahrscheinlich ist. Patienten mit inital nicht resektablem HB, d.h. zentraler PRETEXT IV-HB mit Gefäßinvasion, bei denen sich der Tumor durch die Chemotherapie nicht eindeutig zu einem PRETEXT III downstagen lässt, sind ebenfalls Kandidaten für eine primäre OLT (30).

Strahlentherapie

Die Strahlentherapie ist beim Hepatoblastom nicht als wirksam belegt. Sie wird deshalb nicht als Standardtherapie eingesetzt. Lediglich in Einzelfällen mit minimalem, nicht resektablem Tumorrest nach vorangegangener, intensiver Chemotherapie ist ihr postoperativer Einsatz zu diskutieren.

Modifikationen der Therapie

Alternative Therapietechniken können sich ergeben bei Nicht-Ansprechen des primären Tumors auf Chemotherapie (z.B. kleinzellig undifferenzierte Hepatoblastome) oder zusätzlichen Erkrankungen der Patienten, bei denen eine ausgedehnte Resektion oder OLT nicht infrage kommt (9). In solchen Fällen ist ein individuelles Vorgehen erforderlich. Die bisher vielversprechendste Methode ist die HACE (Hepatic Artery Chemoembolisation) oder TACE (Transarterial Chemoembolisation), bei der Zytostatika zusammen mit Gelatine oder Coils interventionell-radiologisch über die zuführenden Gefäße in den Tumor injiziert werden und zu einer Chemoembolisation und gegebenenfalls Volumenreduktion führen. Die Ansprechrate für lokalisierte HBs ist gut, wodurch die Resektabilität erhöht oder die Zeit bis zu einer OLT überbrückt werden kann. Allerdings ist die Komplikationsrate der HACE nicht unerheblich bis hin zu letalem Ausgang durch z.B. Embolisation von Lungengefäßen durch Trägersubstanzen (31).
Andere Therapietechniken, wie die Radiofrequenzablation, Laser oder Kryoablation, die in der Behandlung von Lebertumoren bei Erwachsenen eingesetzt werden, finden beim HB – wenn überhaupt – nur in einer palliativen Situation Anwendung (9).

Besonderheiten der Begleittherapie

Die Begleittherapie während der Chemotherapie unterliegt keinen vom Hepatoblastom abhängigen Besonderheiten. Sehr junge Säuglinge mit ausgedehnten Hepatoblastomen unterliegen einem erhöhten Risiko eines Leberversagens unter der Chemotherapie. Die Begleittherapie nach Leberresektionen richtet sich nach den allgemein gültigen, kinderchirurgischen Regeln.

Zukünftige Entwicklungen

Sowohl die Behandlung als auch die Prognose von Patienten mit HB haben sich in den letzten Jahren entscheidend verbessert, insbesondere durch die internationale Zusammenarbeit der einzelnen Studiengruppen (GPOH, SIOPEL, COG, JPLT). Um prognostische Faktoren anhand von vielen Patientendaten besser analysieren zu können, wurde von den vier Studiengruppen das CHIC-Projekt (Children's Hepatic Tumors International Collaboration) gegründet, das sich anhand der gemeinsamen Daten aus allen vorangegangenen Studien mit der Analyse von internationalen Risikostratifizierungen für das HB befasst (32). Des Weiteren wird in absehbarer Zeit die erste internationale Studie für die Behandlung des HB und HCC, die PHITT-Studie (Paediatric Hepatic Malignancy International Therapeutic Trial), inauguriert werden. Neben dem Ziel einer Therapieoptimierung sollen in der PHITT-Studie auch die molekulargenetischen Alterationen mit prognostischer Signifikanz (12) prospektiv geprüft werden, um möglicherweise, wie schon bei anderen embryonalen Tumoren, auch beim Hepatoblastom eine Therapiestratifizierung nicht nur nach klinischen, sondern auch nach molekularen Faktoren zu ermöglichen. In neueren Untersuchungen wurden nun auch Substanzen identifiziert, die an definierten Molekülen von proliferationsassoziierten intrazellulären Signalwegen oder an Membranrezeptoren von Hepatoblastomzellen angreifen, das Wachstum dieser Tumorzellen hemmen und sich somit als gezielte Therapie gegen bestimmte Tumoren einsetzen lassen (Targeted Therapy) (11). Diese Substanzen müssen nun in vivo im Tiermodell und danach klinisch in Phase-I- und -II-Studien getestet werden.

VERLAUFSDIAGNOSTIK UND NACHSORGE

Als wichtigste Verlaufsparameter gelten die Tumormarker AFP und β-HCG im Serum, sofern diese Proteine durch den Primärtumor vermehrt ausgeschüttet wurden. Die Abnahme des Serum-AFP unter neoadjuvanter Chemotherapie korreliert signifikant mit der Prognose der Patienten (18). Bei Rezidivtumoren geht ein erneuter Anstieg des Tumormarkers AFP der Darstellbarkeit des Rezidivtumors mit bildgebenden Verfahren oft um ein bis zwei Monate voraus. Die wichtigsten bildgebenden Verfahren für Verlaufskontrollen und Nachsorge sind die Sonographie der Leber und die Röntgen-Thorax-Aufnahme. Weitere bildgebende Verfahren wie MRT des Abdomens und Thorax-CT sind in speziellen Fällen wie z.B. eines erneuten AFP-Anstiegs nötig.
Die Tumornachsorge sollte 6-wöchentlich mit körperlicher Untersuchung, AFP im Serum und 3-monatlich mit Sonographie Abdomen und Röntgen-Thorax p.a., im 2. und 3. Jahr 3-monatlich und ab dem 4. Jahr 6-monatlich über insgesamt mindestens 5 Jahre erfolgen. Zur Nachkontrolle hinsichtlich möglicher Langzeitfolgen der Chemotherapie sollten einmal pro Jahr die Leberwerte sowie Kreatinin und Phosphat im Serum gemessen, ferner ein EKG und nach Einsatz von Anthrazyklinen ein Echokardiogramm sowie ein Audiogramm zur Messung der Hörfunktion durchgeführt werden (s. auch AWMF-Leitlinie 025/003 „Nachsorge von krebskranken Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen“).

PROPHYLAXE

Eine sinnvolle Prophylaxe ist nicht bekannt.

Verfahren der Konsensbildung

Informeller Konsensus. Im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) erstellt durch die Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie (GPOH) und der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH).
Mitglieder der Expertengruppe
Dietrich von Schweinitz, München (DGKCH, GPOH); Jörg Fuchs, Tübingen (DGKCH, GPOH); Beate Häberle, München (DGKCH, GPOH); Michael Frühwald, Augsburg (GPOH); Norbert Graf, Homburg (GPOH); Claus Petersen, Hannover (DGKCH); Irene Schmid, München (GPOH); Thorsten Langer, Lübeck (GPOH), Thorsten Simon, Köln (GPOH); Ivo Leuschner, Kiel (Pathologie, DGP, GPOH)
Beratende wissenschaftliche medizinische Fachgesellschaften
  • Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ)

  • Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie (GPOH)

  • Deutsche Gesellschaft für Kinderchirurgie (DGKCH)

  • Deutsche Gesellschaft für Pathologie (DGP)

Leitlinienkoordination
Ursula Creutzig (Hannover) und Thomas Lehrnbecher (Frankfurt)
Aktualisierung: 12/2010
Letzte Aktualisierung: 06/2016
Nächste Aktualisierung geplant: 06/2021

LITERATUR

1

M Tulla F Berthold N Graf Incidence, Trends, and Survival of Children With Embryonal Tumors Pediatrics 136 2015 e623 e632

2

D von Schweinitz Management of liver tumors in childhood Semin Pediatr Surg 15 2006 17 24

3

P Kaatsch D Grabow [The German cohort of long-term survivors of childhood cancer. A population-based cohort in the German Childhood Cancer Registry] Bundesgesundheitsblatt Gesundheitsforschung Gesundheitsschutz 55 2012 843 851

4

H Ikeda Y Nakamura Trends in incidence of childhood malignant solid tumors in Japan: Estimation based on hospital-based registration J Pediatr Surg 50 2015 1506 1512

5

P Czauderna D Lopez-Terrada E Hiyama Hepatoblastoma state of the art: pathology, genetics, risk stratification, and chemotherapy Curr Opin Pediatr 26 2014 19 28

6

HM Katzenstein MD Krailo MH Malogolowkin Hepatocellular carcinoma in children and adolescents: results from the Pediatric Oncology Group and the Children's Cancer Group intergroup study J Clin Oncol 20 2002 2789 2797

7

D Lopez-Terrada R Alaggio MT de Dávila Towards an international pediatric liver tumor consensus classification: proceedings of the Los Angeles COG liver tumors symposium Mod Pathol 27 3 2014 472 491

8

A Zimmermann The emerging family of hepatoblastoma tumours: from ontogenesis to oncogenesis Eur J Cancer 41 2005 1503 1514

9

D von Schweinitz Hepatoblastoma: recent developments in research and treatment Semin Pediatr Surg 21 2012 21 30

10

A Koch A Waha W Hartmann Elevated expression of Wnt antagonists is a common event in hepatoblastomas Clin Cancer Res 11 2005 4295 4304

11

M Eichenmüller I Gruner B Hagl Blocking the hedgehog pathway inhibits hepatoblastoma growth Hepatology 49 2009 482 490

12

S Cairo C Armengol A De Reyniès Hepatic stem-like phenotype and interplay of Wnt/beta-catenin and Myc signaling in aggressive childhood liver cancer Cancer Cell 14 2008 471 484

13

DC Aronson JM Schnater CR Staalman Predictive value of the pretreatment extent of disease system in hepatoblastoma: results from the International Society of Pediatric Oncology Liver Tumor Study Group SIOPEL-1 study J Clin Oncol 23 2005 1245 1252

14

DJ Roebuck D Aronson P Clapuyt 2005 PRETEXT: a revised staging system for primary malignant liver tumours of childhood developed by the SIOPEL group Pediatr Radiol 37 2007 123 132

15

RL Meyers G Tiao J de Ville de Goyet Hepatoblastoma state of the art: pre-treatment extent of disease, surgical resection guidelines and the role of liver transplantation Curr Opin Pediatr 26 2014 29 36

16

J Fuchs J Rydzynski H Hecker The influence of preoperative chemotherapy and surgical technique in the treatment of hepatoblastoma—a report from the German Cooperative Liver Tumour Studies HB 89 and HB 94 Eur J Pediatr Surg 12 2002 255 261

17

B Haeberle D Schweinitz von Treatment of hepatoblastoma in the German cooperative pediatric liver tumor studies Front Biosci (Elite Ed) 4 2012 493 498

18

J Fuchs J Rydzynski D Schweinitz von Pretreatment prognostic factors and treatment results in children with hepatoblastoma: a report from the German Cooperative Pediatric Liver Tumor Study HB 94 Cancer 95 2002 172 182

19

J Fuchs U Bode D Schweinitz von Analysis of treatment efficiency of carboplatin and etoposide in combination with radical surgery in advanced and recurrent childhood hepatoblastoma: a report of the German Cooperative Pediatric Liver Tumor Study HB 89 and HB 94 Klin Padiatr 211 1999 305 309

20

R Maibach D Roebuck L Brugières Prognostic stratification for children with hepatoblastoma: the SIOPEL experience Eur J Cancer 48 2012 1543 1549

21

G Perilongo R Maibach E Shafford Cisplatin versus cisplatin plus doxorubicin for standard-risk hepatoblastoma N Engl J Med 361 2009 1662 1670

22

J Zsiros R Maibach E Shafford Successful treatment of childhood high-risk hepatoblastoma with dose-intensive multiagent chemotherapy and surgery: final results of the SIOPEL-3HR study J Clin Oncol 28 2010 2584 2590

23

M De Ioris L Brugières A Zimmermann Hepatoblastoma with a low serum alpha-fetoprotein level at diagnosis: the SIOPEL group experience Eur J Cancer 44 2008 545 550

24

J Zsiros L Brugières P Brock Dose-dense cisplatin-based chemotherapy and surgery for children with high-risk hepatoblastoma (SIOPEL-4): a prospective, single-arm, feasibility study Lancet Oncol 14 2013 834 842

25

J Zsiros L Brugières P Brock Efficacy of irinotecan single drug treatment in children with refractory or recurrent hepatoblastoma—a phase II trial of the childhood liver tumour strategy group (SIOPEL) Eur J Cancer 48 2012 3456 3464

26

JA Ortega EC Douglass JH Feusner Randomized comparison of cisplatin/vincristine/fluorouracil and cisplatin/continuous infusion doxorubicin for treatment of pediatric hepatoblastoma: A report from the Children's Cancer Group and the Pediatric Oncology Group J Clin Oncol 18 2000 2665 2675

27

J Pritchard J Brown E Shafford Cisplatin, doxorubicin, and delayed surgery for childhood hepatoblastoma: a successful approach—results of the first prospective study of the International Society of Pediatric Oncology J Clin Oncol 18 2000 3819 3828

28

P Czauderna J-B Otte DC Aronson Guidelines for surgical treatment of hepatoblastoma in the modern era—recommendations from the Childhood Liver Tumour Strategy Group of the International Society of Paediatric Oncology (SIOPEL) Eur J Cancer 41 2005 1031 1036

29

K Becker C Furch I Schmid Impact of postoperative complications on overall survival of patients with hepatoblastoma Pediatr Blood Cancer 62 2015 24 28

30

RL Meyers GM Tiao SP Dunn Liver transplantation in the management of unresectable hepatoblastoma in children Front Biosci (Elite Ed) 4 2012 1293 1302

31

P Czauderna G Zbrzezniak W Narozanski Pulmonary embolism: a fatal complication of arterial chemoembolization for advanced hepatocellular carcinoma J Pediatr Surg 40 2005 1647 1650

32

P Czauderna B Haeberle E Hiyama The Children's Hepatic tumors International Collaboration (CHIC): Novel global rare tumor database yields new prognostic factors in hepatoblastoma and becomes a research model Eur J Cancer 52 2016 92 101

Holen Sie sich die neue Medizinwelten-App!

Schließen