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BS01i-9783437225451.10001-8

10.1016/BS01i-9783437225451.10001-8

S01i-9783437225451

Hypertrophe Pylorusstenose

M. Metzelder

Definition und Basisinformation

Die hypertrophe PylorusstenosePylorusstenose, hypertrophe (HP) ist eine im Säuglingsalter auftretende Erkrankung des Magenausgangs, die mit einer eingeschränkten Magenentleerung einhergeht und klinisch mit schwallartigem Erbrechen imponiert (1, 2). Sie tritt typischerweise in Form einer Hypertrophie der Ringmuskulatur am Pylorus im Alter von 3–8 Wochen auf und betrifft Knaben viermal häufiger als Mädchen (3). Neben Faktoren wie Flaschennahrung und Frühgeburtlichkeit werden eine abnormale Innervation oder ein Fehlen terminaler nervaler Strukturen in der Pylorusmuskulatur mit konsekutiv fehlender Relaxation als Ursache diskutiert (4). Zudem scheinen genetische Faktoren für das Auftreten bei Nachkommen eines betroffenen Elternteils verantwortlich zu sein (5). Als eine weitere Ursache konnte in einer Metaanalyse die postnatale Behandlung mit dem Makrolidantibiotikum Erythromycin insbesondere während der ersten 2 Lebenswochen detektiert werden (6). Eine Assoziation von HP mit Erythromycineinnahme der Mutter während der Schwangerschaft bzw. während des Stillens wird derzeit kontrovers eingeschätzt (7, 8). Als weitere mögliche Ursachen wurden in einer Metaanalyse Erstgeburtlichkeit und Kaiserschnittentbindung angeführt (9), zudem wurde in einer großen dänischen Kohorte bei Patienten mit kongenitalen Herzvitien eine erhöhte Inzidenz von HP (10) festgestellt. Ebenso scheint maternales Rauchen eine Rolle zu spielen.

Leitsymptome

  • Schwallartiges oder projektilartiges, nichtgalliges Erbrechen im kurzen Intervall nach NahrungsaufnahmePylorusstenose, hypertropheErbrechen

  • Zunehmende Häufigkeit und Ausmaß des Erbrechens

  • Gedeihstörung trotz guten Trinkverhaltens

  • Dehydratation, Gewichtsverlust, Abnahme der Urinmenge

  • Eingefallene Fontanelle, verminderter Hautturgor, Lethargie

  • Ikterus in bis zu 8 % der Betroffenen (ikteropylorisches Syndrom)

  • Gelegentlich tastbare Resistenz im Oberbauch („Olive“), peristaltische Welle des Magens durch die Bauchwand sichtbar

Diagnostik und Differenzialdiagnose

Labordiagnostik

Pylorusstenose, hypertropheDiagnostikDie Labordiagnostik umfasst Blutbild, Elektrolyte, Kreatinin, Harnstoff, Glukose, Blutgasanalyse, bei Ikterus zusätzlich direktes/indirektes Bilirubin. Typischerweise findet sich eine hypochlorämische, hypokaliämische metabolische Alkalose aufgrund persistierenden Erbrechens saurer Valenzen und einem Verlust von Natrium, Kalium und Salzsäure. Durch eine renale Gegenregulation mit Retention von Natriumionen und vermehrter Ausscheidung saurer Valenzen kommt es zudem zu einer paradoxen Azidurie. Mit fortschreitender Dehydratation werden vermehrt Kaliumionen über den Urin ausgeschieden, um den Verlust an Wasser und Natriumionen zu kompensieren (11, 12). Dadurch entsteht ein Circulus vitiosus, der mit adäquater intravenöse Flüssigkeits- und Elektrolytsubstitution zu behandeln ist. Die präoperative Bestimmung der Chloridionen bzw. das Ausmaß der Hypochlorämie triggert die Menge und Frequenz der Flüssigkeitsboli als wesentlicher Parameter (12, 13).

Bildgebung

Die Diagnose der HP wird sonografisch gestellt und gilt ab einer Länge des Pyloruskanals von > 14 mm und einer Pyloruswanddicke von > 3 mm als gesichert (11), wobei die Länge des hypertrophierten Muskels mit der Dauer der klinischen Symptomatik zu korrelieren scheint. Der Nachweis einer pathognomonisch fehlenden Pylorusrelaxation gelingt in der sonografischen Real-Time-Beurteilung (14). Da die Sensitivität der sonografischen Untersuchung 99 % und die Spezifität 100 % beträgt, kommt eine Kontrastmitteldarstellung des Ösophagus, Magens und oberen Dünndarms lediglich in Ausnahmefällen mit untypischer Symptomatik und nicht eindeutigem Sonografiebefund in Betracht (15).

Differenzialdiagnosen

Differenzialdiagnostisch kommen in Betracht:
  • Gastroösophagealer Reflux

  • Gastrointestinale Infektion

  • Intestinale Lageanomalie (Malrotation)

  • Invagination des Darmes

  • Stoffwechselstörung (hier: Verifizierung des Neugeborenenscreening zum Ausschluss metabolischer Erkrankungen erforderlich!)

  • Intoxikation

  • Fehler bei der Ernährung

  • Erhöhter Hirndruck

  • Nahrungsunverträglichkeit

Therapie

Präoperative Vorbereitung

Pylorusstenose, hypertropheTherapieSäuglinge mit einer Dehydratation (Gewichtsverlust) von weniger als 5 % und ausgeglichenen Elektrolyten können ohne Verzögerung operiert werden. Sonst erfolgt zunächst Nahrungskarenz und Entlastung des Magens durch eine nasogastrale Sonde. Orientiert am Allgemeinzustand des Kindes und dessen Urinausscheidung, dem Ausmaß der Dehydratation, dem Serum-Chloridspiegel und den Bikarbonatwerten erfolgt der Ausgleich der Flüssigkeits- und Elektrolytimbalance über einen peripheren Venenzugang. Die Flüssigkeitssubstitution erfolgt mittels halbisotoner Lösung (0,45 % NaCl, Glukose 5 %) mit 1,5-facher Menge des Flüssigkeitstagesbedarfs. Bei ausgeprägter Dehydratation kann eine initiale intravenöse Bolusgabe von isotoner Kochsalzlösung erforderlich werden. Nach Erreichen eines adäquaten Hydratationszustands mit regelrechtem Hautturgor, einer ausreichenden Urinproduktion > 1 ml/kg KG/h, ausgeglichenem Bikarbonat und Serum-Chloridwerten > 100 mmol/l erfolgt die operative Therapie (11–13, 16).

Operative Therapie

Das Prinzip der Pyloromyotomie nach Weber-Ramstedt besteht in der antimesenterialen Längsinzision der Serosa und der vollständigen Spaltung der darunterliegenden hypertrophen Ringmuskulatur des Pylorus bis in das Antrum unter Schonung der Schleimhaut. Neben offen chirurgischen Techniken stehen minimalinvasive Techniken, die sich nur wenig in Effizienz und Sicherheit unterscheiden, zur Verfügung (17–20).
Die Ergebnisse der Pyloromyotomie sind ausgezeichnet. Die häufigste intraoperative Komplikation betrifft die akzidentelle Schleimhauteröffnung bei < 5 % der Eingriffe (21) und erfordert die Übernähung mit resorbierbarem Nahtmaterial. Wundinfektionen treten laut einer Metaanalyse bei 0,3–12 % der Patienten auf. Inkomplette Myotomien wurden bei bis zu 2 % konventionell operierter und bis zu 5,5 % laparoskopisch operierter Kinder berichtet (22). Eine erforderliche Repyloromyotomie erfolgt über eine Erweiterung der vorhandenen Inzision oder eine separate Inzision des Pylorus an anderer Stelle. Die Mortalitätsrate beträgt < 0,1 % und ist häufig auf eine unzureichende präoperative Korrektur der metabolischen Alkalose zurückzuführen (23). Untersuchungen zum supraumbilikalen im Vergleich zum horizontalen Zugang konnten keinen Unterschied hinsichtlich des Operationserfolgs und der Komplikationsrate, jedoch ein besseres kosmetisches Ergebnis für den supraumbilikalen Zugang nachweisen (24). Die laparoskopische im Vergleich zur konventionellen Operation geht mit geringerem Erbrechen und niedrigeren Schmerzen, aber mit einer etwas höheren Rate an inkompletten Pyloromyotomien einher (25, 26).

Konservative Therapie

Klinisch sind konservative medikamentöse Verfahren von untergeordneter Bedeutung. Jedoch wurde in vereinzelten Studien über eine bis zu 85-prozentige Erfolgsrate bei oraler oder systemischer Applikation von Atropin berichtet, sodass die konservative Behandlung der HP bei Säuglingen mit einer Kontraindikation für die chirurgische Therapie zur Anwendung kommen kann (27, 28). Eine in diesem Zusammenhang aktuellere Metaanalyse aus 2018 (29) bestätigte eine geringere Effektivität von Atropin (80 %) in der HP-Behandlung gegenüber der Operation (100 %).

Nachsorge

Die Vorteile eines unverzüglichen postoperativen Nahrungsaufbaus konnten in zahlreichen Studien belegt werden, sodass Milchnahrung bereits 2–4 h nach der Operation verabreicht werden kann. Um den gastrointestinalen Transport nicht zu verzögern, sollten nichtsteroidale Analgetika anstelle von Opiaten bei der postoperativen Schmerzmedikation verabreicht werden. Bei erneutem Erbrechen ist der Nahrungsaufbau kurzfristig zurückzufahren und entsprechend wieder zu steigern (30–32).

Verfahren zur Konsensfindung

Erstellung im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie. Ziel war die Abstimmung der Leitlinie zum Management der hypertrophen Pylorushypertrophie im Säuglingsalter mittels Delphi-Konferenzen. Die Mitglieder der Lenkungsgruppe Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie (siehe Konsensusfindung am Beginn Kapitel S) fungierten als Expertengruppe. Beschlossen vom Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Kinderchirurgie 09.04.2020.
Erstellungsdatum: 04/2020
Nächste Überprüfung geplant: 2024

Adressen

Leitlinienkoordination/Autor
Univ.-Prof. Dr. Martin Metzelder
Medizinische Universität Wien
Universitätsklinik für Chirurgie
Klinische Abteilung für Kinderchirurgie
AKH Wien, Ebene 07
Währinger Gürtel 18–20
1090 Wien

Literatur

Literatur

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