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B978-3-437-22061-6.50637-6

10.1016/B978-3-437-22061-6.50637-6

978-3-437-22061-6

Progressionsrisiken bei unbehandelter Skoliose.

Tabelle W1-1
Cobb-Winkel [°] 10–12 Jahre alt 13–15 Jahre alt 16 Jahre alt
< 20 25% 10 0
20–29 60 40 10
30–59 90 70 30
> 60 100 90 70

Idiopathische Skoliose im Wachstumsalter

C. HASLER

A. MEURER

DEFINITION UND BASISINFORMATION

Eine idiopathische strukturelle Skoliose wurde von der Scoliosis Research Society1

1

Scoliosis Research Society (gegründet 1966), 555 East Wells Street, Milwaukee/USA/www.srs.org/info@srs.org

definiert als Seitverbiegung der Wirbelsäule von mehr als 10° Cobb-Winkel und Wirbelkörper-Rotation auf einem stehenden Röntgenbild mit klinisch fassbarer Rumpfasymmetrie beim Vorüberneigen (6). Weniger als 10° Krümmungsausmaß wird als skoliotische Fehlhaltung beschrieben.
Neben dem Formverlust in der Frontalebene ergibt sich jedoch im Sinne einer komplexen dreidimensionalen Deformität auch eine Abflachung des sagittalen Profils (Seitansicht), wie auch eine besonders augenfällige Rotation mit Ausbildung eines Rippenbuckels bei Skoliose der Brustwirbelsäule, respektive eines Lendenwulstes bei Beteiligung der Lendenwirbelsäule. Letzteres fehlt bei einer funktionellen Fehlhaltung, wie zum Beispiel bei einer schmerzbedingten Ausweichhaltung.

Häufigkeit

Idiopathische Skoliosen machen 90% aller Skoliosen im Wachstumsalter aus, wobei innerhalb dieser Gruppe die Adoleszenten-Skoliosen mit ca. 90% am weitaus häufigsten vorkommen.
Bei 16-jährigen Mädchen beträgt die Inzidenz 3 bis 4% für Kurven > 10° Cobb-Winkel und 0,5% für Kurven > 20° Cobb-Winkel.
Das Verhältnis weiblich/männlich variiert: Für kleine Kurven beträgt es 1:1, hingegen für Kurven > 20° 4:1 und bei behandlungsbedürftigen Kurven gar 7:1.

Ätiologie

Die Ätiologie ist nicht bekannt (idiopathisch). Es werden verschiedene Ursachen diskutiert.
  • Genetisch

  • Muskuläre Dysbalancen

  • Neurologische Ursachen

  • Bindegewebsveränderungen

  • Verminderte Knochendichten

  • Asymmetrisches, überschießendes Wachstum

  • Stoffwechselstörungen (z.B. Melatonin-Stoffwechsel)

Von den Gelisteten ist nur die genetische Komponente von praktischer Relevanz, vor allem bezüglich zukünftiger Evaluation des Progressionsrisikos und zur Beratung betreffend des Krankheitsrisikos von Verwandten, insbesondere Geschwistern. Das Risiko eines eineiigen Zwillings auch eine Skoliose zu entwickeln beträgt ca. 73%, beim Zweieiigen 36% und generell bei erstgradig Verwandten ca. 10% (2).

Pathogenese

Vermehrtes vorderes Wirbelwachstums führt zu einer Abflachung der Wirbelsäule (Lordosierung der Brustwirbelsäule) und zu einer konsekutiven Rotation in der Transversalebene und einer Lateraldeviation (Skoliose) in der Frontalebene. Es handelt sich bei der Skoliose also um eine echte dreidimensionale Deformität. Der Rippenbuckel respektive Lendenwulst befindet sich immer auf der Außenseite (Konvexität) der Krümmung.
Dieses pathogenetische Prinzip wird auch „rotational scoliosis” genannt und verdeutlicht, dass es sich bei der Skoliose um eine Wachstumsstörung handelt. Dies ist insofern von praktischer Bedeutung, als das Risiko einer Zunahme der Krümmung vor allem vom noch stattfindenden Wirbelsäulenwachstum abhängt und dessen Einschätzung daher von fundamentaler Bedeutung für die Beratung und Therapiewahl ist.

Medizinische Klassifikation

Nach Alter bei Auftreten
Da das Alter des Auftretens meist nicht genau bekannt ist, wird in der Regel das Alter bei Erstentdeckung zum Ausgangspunkt dieser Einteilung.
Infantil: 0–3 Jahre
Juvenil: 4–10 Jahre
Adoleszent: ab dem 11. Lebensjahr bis Wachstumsabschluss
Nach Krümmungsmuster und -ausmaß (5)
Das Krümmungsmuster wird beschrieben durch die anatomische Lokalisation des am weitesten nach lateral translatierten Wirbels, des Apexwirbels, und die Richtung der Krümmung, links oder rechts. Ergänzend werden die anatomischen Höhen der Endwirbel, das sind die am stärksten gegenüber der Horizontalen gekippten Wirbel, angegeben.
  • Thorakal (Apexwirbel T11 oder kranialer): am häufigsten, meist rechts konvex

  • Thorakolumbal (Apexwirbel T12/L1)

  • Lumbal (Apexwirbel L2 oder kaudaler)

S-förmige Krümmung: Dies entspricht der Kombination einer thorakalen und gegenläufigen lumbalen Krümmung gleichen Ausmaßes.
Gegenkrümmungen: Zur Erhaltung der Rumpfbalance werden Hauptkrümmungen natürlicherweise von Gegenkrümmungen, ober- oder unterhalb der Hauptdeformität, ausgeglichen. Diese zeichnen sich durch einen kleineren Cobb-Winkel, weniger Rotationsfehlstellung und eine größere Flexibilität aus.
Das Ausmaß der Skoliose wird mit dem Krümmungswinkel, das heißt dem Cobb-Winkel, ausgedrückt. Zu diesem Zweck werden Tangenten an die Deckplatte des oberen Endwirbels und die Bodenplatte des unteren Endwirbels eingezeichnet und zum Beispiel mit einem Goniometer der Winkel gemessen. Da es sich um eine dreidimensionale Deformität handelt, soll auch das sagittale Profil (Apex, Endwirbel, Cobb-Winkel) und die Rotationsfehlstellung des Apexwirbels beschrieben werden.
Eine Dokumentation zur genauen Beschreibung der Skoliose in der Krankengeschichte kann zum Beispiel lauten: Rechtsthorakale idiopathische Adoleszenten-Skoliose, 25° Cobb-Winkel, Apex T9, oberer Endwirbel T4, unterer Endwirbel L1.
Nach Flexibilität
Die Beweglichkeit der Wirbelsäule kann klinisch (subjektiv) oder mittels spezieller Röntgenaufnahmen (objektiv) evaluiert werden. Letztere, so genannte Funktionsaufnahmen, sind vor allem hinsichtlich der Operationsplanung von Bedeutung. Dabei wird der Patient entweder unter Längszug gesetzt (Traction view), über ein Kissen entgegen der Krümmung gebogen (Bending view) oder einfach im Liegen geröntgt.
Strukturelle Krümmung: in Korrekturaufnahmen nicht unter 25° aufrichtbar
Nicht-strukturell: auf weniger als 25° korrigierbar

LEITSYMPTOME

Symptome

Hauptgrund für die Erstkonsultation bei Skoliosepatienten ist meist eine von den Eltern oder dem Patienten selbst entdeckte Rumpfasymmetrie. Nur sehr selten stehen Rückenschmerzen im Vordergrund. Ansonsten werden Skoliosen bei Reihenuntersuchungen (Schul-Screening) oder nebenbefundlich entdeckt. Entsprechend dem aktuellen chronologischen Alter wird später die Skoliose klassifiziert.
Anamnestisch stehen die Festlegung des Wachstumsstadiums mit Fragen nach Menarche/Stimmbruch und Wachstumsspurt sowie das Aufdecken familiären Vorkommens im Vordergrund. Rückenschmerzen, obwohl nicht typisch für eine idiopathische Skoliose, sollen bezüglich Vorhandensein, Assoziation mit körperlicher Betätigung oder Ruhephasen, sowie des örtlichen und zeitlichen Vorkommens erfragt werden, um funktionelle Beschwerden oder skolioseunabhängige Parallelerkrankungen zu detektieren. Ebenso sollen gezielte Fragen zum Vorkommen von neuromuskulären oder Bindegewebserkrankungen bei Patienten oder Familienangehörigen gestellt werden, sowie zur kardiopulmonalen Leistungsfähigkeit inklusive Sportanamnese.

Klinische Befunde

Die klinische Befunderhebung soll strukturiert den nachstehenden Punkten folgen:
Wachstum
Da es sich bei der Skoliose um eine Wachstumsstörung handelt, ist die Erfassung des Wachstumsstadiums von entscheidender Bedeutung. Grundlage ist dabei die serielle, ca. 6-monatli-che klinische Erfassung von Steh- und Sitzgröße mit Eintrag in die Perzentilenkurve. Aus dem Vergleich der Steh- und Sitzgröße, aus dem Wissen, dass der Beinwachstumsspurt ca. 2 Jahre früher stattfindet als derjenige der Wirbelsäule und die Wirbelsäule einige Monate vor Menarche/Stimmbruch am schnellsten wächst, lässt sich der Wachstumsstatus eingrenzen. Skelettreife darf 2 Jahre postmenarcheal und bei weniger als 0,5 cm Körperwachstum innerhalb von 6 Monaten angenommen werden (9). Fehlende Zunahme der Sitzgröße kann bei fortschreitendem Wachstum allerdings auch einer Progression der Krümmung entsprechen. Ergänzend werden Gewicht und das Pubertätsstadium (Brustentwicklung, Behaarung) bestimmt.
Wirbelsäulen- und Rumpfmorphologie
Als wichtigstes Beweiskriterium einer strukturellen Skoliose imponiert das Vorhandensein und das Ausmaß des Rippenbuckels bei einer thorakalen Krümmung respektive des Lendenwulstes bei einer lumbalen Skoliose. Er entspricht der Deformität in der Transversalebene, also der Rotationsfehlstellung (und bei sehr starken Skoliosen auch der Verbiegung der Rippe selbst) und erlaubt eine grobe Schätzung der Verkrümmung in der Frontalebene (4). Grad Rippenbuckel multipliziert mit 3 ergibt den geschätzten Cobb-Winkel. Für die Lendenwirbelsäule wird mit Faktor 2 gerechnet. In aller Regel findet sich die Rippenprominenz rechts- und der Lendenwulst linksseitig.
Die korrekte Durchführung setzt ein horizontales Becken voraus. Beinlängendifferenzen müssen mit Brettchenunterlagen ausgeglichen werden. Alternativ kann im Sitzen untersucht werden. Der Patient wird aufgefordert, sich nach vorne zu beugen (Adams-Forward-Bending-Test). Dabei wird darauf geachtet, dass die Handflächen zusammengehalten in der Mitte zwischen den Beinen nach unten geführt werden. Die Messung selbst erfolgt bevorzugt mit einem Skoliome-ter, welches nach dem Prinzip einer Wasserwaage funktioniert und genauere Messungen erlaubt als ein Goniometer. Das Messgerät wird am Ort der maximalen Buckelbildung ohne Druck tangential auf die Rückenoberfläche aufgelegt und der Winkel direkt abgemessen, zum Beispiel lässt ein Rippenbuckel von 10° ca. eine Verkrümmung von ca. 30° Cobb-Winkel erwarten.
Werte unter 5° sind primär als nicht pathologisch, jedoch während des Wachstums als kontrollbedürftig zu betrachten (Nachkontrolle nach 4–6 Monaten). Die Pulsation der Aorta, welche mid-thorakal direkt dem Wirbelkörper asymmetrisch aufliegt, hat physiologischerweise eine gewisse Wirbelasymmetrie zur Folge.
Rippenbuckel- und Lendenwulst-Werte ≥ 5° sind als pathologisch zu betrachten und bedürfen einer radiologischen Abklärung.
Ergänzend wird die übrige dreidimensionale Morphologie des Rumpfes dokumentiert:
  • Schulterstand: Höhenunterschied in cm mit Akromiondach als Referenzhöhe. Stellung in der Sagittalebene z.B. Schulterprotraktion als Ausdruck einer Verkürzung des Musculus pectoralis (häufig bei Scheuermann-Kyphose).

  • Lotmessung, frontal: die Schnur eines Senkbleis wird über C7 gehalten und die Seitabweichung (lateraler Rumpfüberhang, Lotverlust) gegenüber der Rima ani in cm gemessen.

  • Lotmessung, sagittal: Die Schnur eines Senkbleis wird von lateral her über den äußeren Gehörgang zentriert und die Abweichung gegenüber des Trochanter majors – ventraler oder dorsaler Überhang – in cm gemessen.

  • Beschreibung der Taillensymmetrie und der seitlichen Rumpfkontur als Formveränderung des Dreiecks zwischen Arm-Innenseite und Rumpf z.B. Abflachung oder Akzentuierung.

  • Sagittales Profil: Beschreibung und Messung der BWS-Kyphose und der LWS-Lordose z.B. mit einem Debrunner-Kyphometer oder Goniometer. Qualitative Beschreibung der Aufrichtbarkeit von hyperkyphotischen Anteilen als ganz, partiell oder nicht aufrichtbar, bevorzugt in Bauchlage unter maximaler Aufrichtung der Wirbelsäule (Abstützung mit gestreckten Armen).

  • Beckenposition: Drehung in der Frontalebene (Schiefstand) als Folge der Wirbelsäulendeformität, aufgrund einer infrapelvinen (anatomische und funktionelle Beinlängendifferenzen) oder intrapelvinen (intrinsischen) Beckenasymmetrie. Der Blick von oben erlaubt die Beurteilung der Schulter- und Beckenausrichtung in der Transversalebene, am besten bezüglich einer Tangente an beiden Fersen.

Halswirbelsäule: Haltung und Beweglichkeit liefern Kriterien zum Ausschluss kongenitaler Fehlbildungen (Klippel-Feil-Syndrom) als primäre Ursache einer (kompensatorischen) Verkrümmung der Brustwirbelsäule.
Vordere Brustwand: Trichter- oder Kielbrust
Hinweise für eine Rückenmarkpathologie sind lumbale Grübchen, pathologische Behaarung „hairy patch” oder Nävi, neu aufgetretene, vor allem asymmetrische Hohlfüße, Störungen der Miktion und Defäkation, Ganganomalien sowie Auffälligkeiten im Reflexstatus.
Funktionsprüfung: Finger-Bodenabstand, manuelle Redressierbarkeit der Krümmung, Länge der Ischiokrural- (Kniestreckdefizit bei 90° Hüftbeugung), der Quadrizeps- und der Trizeps-surae-Muskulatur.
Allgemeinorthopädischer Status: mit Erfassung der Gelenkbeweglichkeiten
Kursorischer Neurostatus: Bauchdeckenreflexe, periphere Eigenreflexe, Sensibilität, Kraftgrad der Kennmuskeln

DIAGNOSTIK

Zum Ausschluss einer Skoliose reicht die klinische Untersuchung mit Nachweis eines geringen (> 5°) Rippenbuckels oder Lendenwulstes. Bei ausgeprägterem Befund (≥ 5°) oder Hinweisen auf eine kongenitale Problematik ist eine konventionell-radiologische Abklärung angezeigt.
  • Röntgen. Die Ganzwirbelsäule (lange Kassette) wird stehend im postero-anterioren und lateralen Strahlengang geröntgt. Die Beckenkämme sollen mitabgebildet werden, um das so genannte Risser-Zeichen (Verknöcherung der Ileum-Apophyse) beurteilen zu können. Damit kann das Wirbelsäulen-Restwachstum und damit das Progressionsrisiko abgeschätzt werden.

  • MRT. Eine weiterführende Diagnostik in Form einer MRT der gesamten Wirbelsäule (Hirnstamm bis Sakrum) ist nur bei Verdacht auf eine intraspinale Pathologie (Tethered cord, Diastematomyelie, Syringomyelie) angezeigt (s. unter „Anamnese” und im Abschnitt „Klinische Befunde”).

  • CT. Die Indikation zur Computertomographie stellt sich bei der idiopathischen Skoliose nicht, sondern nur im Rahmen der präoperativen Planung bei kongenitalen Skoliosen z.B. vor Halbwirbelentfernungen.

Differenzialdiagnose

  • Scheuermann-Skoliose (linksseitiger Rippenbuckel mit Hyperkyphose der BWS)

  • Fehlbildungs-Skoliose (angeborene Wirbel-Fehlformen). Diese werden, falls relevant, meist schon in den ersten Lebensjahren erkannt.

  • Neuromuskuläre Skoliosen zum Beispiel im Rahmen einer Muskelerkrankung, Zerebralparese, Myelomeningozele

  • Skoliose im Rahmen von Syndromen

  • Skoliose bei Bindegewebs- und Knochenerkrankungen

Klinischer Score

SRS-22-Fragebogen (STS = Scoliosis Research Society) (1).

THERAPIE

Da die Ätiologie der idiopathischen Skoliose nicht bekannt ist, kann es aktuell auch keine kausale Therapie geben.
Nur für Korsette (3, 8) und operative Korrekturen existieren wissenschaftlich fundierte Daten über deren Wirksamkeit.
Für alternativmedizinische Ansätze, wie sie von den Patienten und vor allem Eltern manchmal eingefordert werden, liegt kein Nutzen-Nachweis vor, obwohl mittlerweile über 100 Methoden beschrieben sind, welche bei Skoliosen zur Anwendung kommen, darunter zum Beispiel die Osteopathie, Kraniosakraltherapie, Spiraldynamik usw. Ebenso umstritten ist, ob mit Krankengymnastik inklusive stationärer Intensivrehabilitation ein Einfluss auf die Progression oder gar Korrektur erzielt werden kann. Auch hier fehlt die Evidenz.

Therapieziele

Das primäre Ziel besteht darin, trotz fortschreitendem Wachstum eine weitere Progression zu verhindern. Als Progression wird eine Zunahme des radiologischen Cobb-Winkels von > 5°, das heißt mehr als der Messfehler, bezeichnet.
Mit einem Cobb-Winkel von < 40° bei Wachstumsabschluss, wird eine weitere Progression und damit eine spätere versteifende Operation mit hoher Wahrscheinlichkeit verhindert.
Eine eingehende Patientenaufklärung zu Beginn der Therapie soll folgende Punkte einschließen:
Eine echte, dauernde Korrektur der bestehenden Krümmung gelingt in der Regel mit konservativen Maßnahmen nicht, sondern im besten Fall stabilisiert sich die Krümmung nach Absetzen eines Korsetts auf dem Niveau des Ausgangsbefundes. Schmerzen sind weder für behandelte noch unbehandelte Skoliosepatienten typisch, können jedoch bei thorakolumbalen und lumbalen Krümmungen gehäuft auftreten.
Bei Krümmungen unter 80–90° steht die kosmetische Beeinträchtigung im Vordergrund. Funktionelle oder kardiopulmonale Beeinträchtigungen sind erst ab einem Winkel von 90° zu befürchten. In Extremfällen kommt es zur Ausbildung eines Cor pulmonale mit entsprechendem Mortalitätsrisiko.
Lähmungen sind bei einer idiopathischen Skoliose nicht zu befürchten, auch wenn sie unbehandelt sehr weit fortschreitet. Die operative Aufrichtung birgt ein sehr geringes Lähmungsrisiko (< 1/1000).

Natürlicher Verlauf (11)

Der natürliche Verlauf hängt vom Krümmungsausmaß und dem Alter, respektive dem Restwachstum ab.
Es ist mit den in Tabelle W1-1 dargestellten Progressionsrisiken bei unbehandelter Skoliose zu rechnen:

Korsett-Therapie (10)

Die typische Indikation umfasst Skoliosen mit einem Cobb-Winkel von 20–40° bei einem Patienten mit noch signifikantem Wirbelsäulenrestwachstum (Risser 0–III, < 1 Jahr nach Menarche). Das Korsett sollte bis zur Skelettreife getragen werden (≥ Risser IV, > 2 Jahre nach Menarche, < 0,5 cm Wachstum/6 Monate)
Nebst der optimalen Passform mit maximal möglicher Krümmungskorrektur hängt der Erfolg im Wesentlichen von der Tragzeit (Compliance) ab, welche mehr als 22 h pro Tag sein sollte. Das Korsett sollte von einem Skoliose-erfahrenen Orthopädie-Techniker in Kenntnis des Röntgenbefundes angepasst werden. Als häufigste Korsett-Typen werden Hartschalenkorsette wie das Cheneau- und das Boston-Korsett verwendet. Für flexible Korsette, zum Beispiel SpineCor, besteht noch keine genügende Datengrundlage.
Korsette können in 60–70% der Fälle eine Krümmungszunahme verhindern, das heißt sie können den natürlichen Verlauf ändern und das alters- und krümmungsabhängige Progressionsrisiko (bis ca. 90° für Cobb-Winkel < 40°) um bis zu ca. 60–70% reduzieren (10).
Im Ganzen betrachtet werden allerdings etwa 10–20% der Patienten trotz Korsett-Therapie später operiert werden müssen.

Operative Therapie

Aus der Tatsache, dass Krümmungen über 40–50° Cobb-Winkel mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nach Wachstumsabschluss zunehmen, ergibt sich eine relative Indikation zur operativen, instrumentierten Aufrichtung. Ab 80–90° wird zwecks Verhinderung einer kardiopulmonalen Problematik dringend eine Operation empfohlen.
Ziel des Eingriffs ist eine Korrektur des Cobb-Winkels (durchschnittlich ca. 60–70%), die Balancierung des Rumpfes in der Sagittal- und Koronarebene, eine Symmetrisierung der Taillen, Schultergleichstand, sowie die Korrektur der Rotationsfehlstellung, das heißt eine Reduktion des meist kosmetisch störenden Rippenbuckels/Lendenwulstes.
Vor dem 10. Lebensjahr, das heißt vor dem pubertären Wachstumsspurt kommen nicht-versteifende, wachstumsrespektierende Verfahren zum Einsatz, um Zeit bis zur definitiven Operation zu gewinnen.
  • < 10 Jahre: Repetitive korrigierende Gipskorsette, welche in Narkose unter manueller Korrektur angelegt werden.

    Dies ist ein heute nur noch selten angewandtes Verfahren, hat jedoch den Vorteil einer kostengünstigen und komplikationsarmen Therapie.

    Wachstumserhaltende oder stimulierende Implantate wie Growing rods (Wachstumsstäbe), VEPTR (vertical expandable prosthetic titanium rods), Shilla procedure bedingen (abgesehen von Shilla) ca. 6-monatliche Folgeeingriffe zum Nachstellen der Verlängerungsstäbe.

  • 10 Jahre: Dorsale und/oder ventrale instrumentierte Aufrichtung und Spondylodese (Versteifung).

    Dabei wird die Wirbelsäule mit Pedikelschrauben und/oder Haken instrumentiert und mit Stäben (Derotations- oder Translationsverfahren) korrigiert. Je fortgeschrittener und steifer die Krümmung, desto risikobehafteter ist der Eingriff. Vorzugsweise soll die Indikation bei einem Krümmungswinkel unter 60° gestellt werden.

NACHSORGE

  • Während des Wachstums: Bei Skoliosen > 20° erfolgt alle 3–6 Monate eine klinische Kontrolle, bei Verdacht auf Progression (Zunahme des Rippenbuckels > 1–2°) auch eine radiologische. Bei klinisch nicht fassbarer Progression sollte sicher einmal pro Jahr eine Röntgenkontrolle erfolgen.

  • Nach Wachstumsende

    • < 20°, nicht operiert: keine weiteren Kontrollen

    • 20–40°, nicht operiert: eine radiologische Kontrolle 2–1 Jahre nach Wachstumsabschluss. Bei nachgewiesener Progression (> 5° Cobb-Winkel-Zunahme) soll bei Krümmungen < 40° nach einem weiteren Jahr eine Kontrolle erfolgen, bei Erreichen eines Cobb-Winkel > 40° sollte eine Operation diskutiert werden.

    • > 40°, nicht operiert: jährlich

  • Nach Spondylodesen, unabhängig vom Alter: In den ersten 2 Jahren werden jährlich eine radiologische und klinische Kontrolle durchgeführt. Bei stabiler Spondylodese und einem Cobb-Winkel < 40° sind keine weiteren Routinekontrollen erforderlich.

REHABILITATION

Eine routinemäßige stationäre Rehabilitation ist angesichts der Stabilität moderner Implantate und Operationsverfahren mit voller, sofortiger Belastungsfähigkeit im Alltag nicht gegeben. Eine physiotherapeutische, ambulante Beübung kann im Einzelfall bis 1 Jahr nach Operation sinnvoll sein.

Sportfähigkeit

Grundsätzlich besteht für Skoliosepatienten keine Einschränkung, sowohl im Hinblick auf die Sportart als auch auf den Belastungsumfang.
Ausnahmen sind:
  • Patienten mit fortgeschrittenen Krümmungen und erheblichen kardiovaskulären Funktionseinschränkungen. Für diese soll interdisziplinär individuell festgelegt werden, ob ein super-visioniertes Ausdauertraining den Verlauf günstig zu beeinflussen vermag.

  • Patienten mit weit nach kaudal in die LWS (L4 und tiefer) reichenden Spondylodesen sind vor allem für Sportarten mit hohen axialen Belastungen und/oder Rotationsbewegungen, wie zum Beispiel Tennis, Golf, alpiner Skilauf, ungeeignet wegen des Stresstransfers auf die wenigen noch freien kaudalen Segmente.

PRÄVENTION

Abgesehen von der Reihenuntersuchung sind keine Präventionsmaßnahmen bekannt.

PERSPEKTIVEN, AUSBLICK

Zukünftig werden wohl Vorhersagen des individuellen Progressionsrisikos mittels Bluttests oder Gentests möglich sein, was vor allem zu einen gezielteren Einsatz der Korsett-Therapie führen wird (7).
Aktuell werden operative Verfahren erforscht, welche die Deformität ohne Versteifung (Fusion, Spondylodese) korrigieren können (so genannte Non-fusion-Verfahren).
Erstellungsdatum: September 2009

LITERATUR

1

M Asher S Min Lai D Burton B Manna The reliability and concurrent validity of the scoliosis research society-22 patient questionnaire for idiopathic scoliosis Spine 28 1 2003 63 69

2

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3

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4

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5

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6

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7

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8

AL Nachemson LE Peterson Effectiveness of treatment with a brace in girls who have adolescent idiopathic scoliosis. A prospective, controlled study based on data from the Brace Study of the Scoliosis Research Society J Bone Joint Surg Am 77 6 1995 815 822

9

BS Richards RM Bernstein CR D'Amato GH Thompson Standardization of criteria for adolescent idiopathic scoliosis brace studies: SRS Committee on Bracing and Nonoperative Management Spine (Phila Pa 1976) 30 18 2005 2068 2075 discussion 2076–7

10

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11

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