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B978-3-437-22061-6.50372-4

10.1016/B978-3-437-22061-6.50372-4

978-3-437-22061-6

Carnitin-Palmitoyltransferase-2- und Carnitin-Acylcarnitin-Translocase-Mangel

Im Neugeborenenscreening in Deutschland erfasste Stoffwechselkrankheiten1

Tabelle C1-1
Verdachtsdiagnose Kurzbezeichnung Zuweisung zum Stoffwechselzentrum2
Biotinidasemangel Bio Kontakt nächster Werktag, Vorstellung ambulant
Klassische Galaktosämie GALT Vorstellung sofort stationär
Hyperphenylalaninämien
– Phenylketonurie (Kofaktordefekte) – PKU – Vorstellung nächster Werktag, ambulant oder stationär
– Milde Hyperphenylalaninämie – MHP – Kontakt nächster Werktag, Vorstellung ambulant
Ahornsirupkankheit MSUD Vorstellung sofort stationär
Medium-Chain Acyl-CoA-Dehydrogenase-Mangel MCAD Kontakt sofort, Vorstellung nächster Werktag ambulant
Long-Chain 3-OH-Acyl-CoA-Dehydrogenase-Mangel/mitochondrialer trifunktio-neller Proteinmangel LCHAD/mTFP (MTP) Vorstellung sofort stationär
Very-Long-Chain-Acyl-CoA-Dehydrogenase-Mangel VLCAD Vorstellung sofort stationär oder ambulant
Carnitin-Palmitoyltrans-ferase-1a-Mangel CPT-1 ambulant Kontakt sofort, Vorstellung nächster Werktag
Carnitin-Palmitoyltrans-ferase-2-Mangel CPT-2 Vorstellung sofort stationär
Carnitin-Acylcarnitin-Translocase-Mangel CACT Vorstellung sofort stationär
Glutarazidurie Typ I GA 1 Kontakt sofort, Vorstellung nächster Werktag stationär oder ambulant
Isovalerianazidurie IVA Vorstellung sofort, stationär oder ambulant

1

Das Bundesland Hessen hat in einem eigenen Screeninggesetz das Krankheitsspektrum erweitert.

2

Die weiterführende Diagnostik muss unter der Leitung eines Arztes mit Erfahrung in der Diagnostik und Behandlung angeborenener Störungen des Intermediärstoffwechsels erfolgen. Jedes Kind mit klinischen Auffälligkeiten ist sofort in einem Stoffwechselzentrum vorzustellen.

Konfirmationsdiagnostik bei Verdacht auf angeborene Stoffwechselkrankheiten aus dem Neugeborenenscreening

M. LINDNER

R. SANTER

U. SPIEKERKÖTTER

J. ZSCHOCKE

ZIEL DER LEITLINIE

Eine frühzeitige Diagnosestellung und Behandlung vor der Manifestation klinischer Symptome verbessert die Prognose für viele Patienten mit angeborenen Stoffwechselkrankheiten. Deshalb existiert in der Bundesrepublik Deutschland ein Neugeborenenscreening. Durch die Richtlinie des Gemeinsamen Bundesauschusses der Ärzte und Krankenkassen vom 21.12.2004 wird das Neugeborenenscreening für Deutschland geregelt. Neben organisatorischen Verantwortlichkeiten legt die Richtlinie auch das Spektrum der zu untersuchenden Krankheiten fest (s. Tab. C1-1).
Im Neugeborenenscreening werden Verdachtsdiagnosen gestellt, die durch geeignete Anschlussuntersuchungen bestätigt oder ausgeschlossen werden müssen. Ein einheitliches Vorgehen hierfür ist bisher nicht festgelegt, obwohl die Betreuung betroffener Patienten in Deutschland in einer überschaubaren Zahl spezialisierter Einrichtungen erfolgt.
Die sichere Bestätigung bzw. der sichere Ausschluss der Diagnose sind essenziell, da eine Verzögerung einer notwendigen Therapie, aber auch unnötige Therapien, vermieden werden müssen. Darüber hinaus sind zuverlässige Daten zu den Inzidenzen dieser seltenen Störungen unbedingt notwendig.
In der vorliegenden Leitlinie wird die Konfirmationsdiagnostik für die zwölf eingeschlossenen angeborenen Störungen des Intermediärstoffwechsels definiert.
Die im Neugeborenenscreening erfassten endokrinologischen Krankheiten (konnatale Hypothyreose, Adrenogenitales Syndrom) sind nicht Gegenstand dieser Leitlinie, da die Arbeitsgemeinschaft Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie (DGKED) für diese eine eigene Leitlinie erstellen wird.

BASISINFORMATION – ORGANISATION NEUGEBORENENSCREENING

Bei allen zwölf Krankheiten des Intermediärstoffwechsels handelt es sich um monogene, autosomal-rezessiv vererbte Defekte, deren natürlicher Verlauf stark variiert. Einige Patienten können bereits Symptome vor Eintreffen des Ergebnisses aus dem Neugeborenenscreening aufweisen (z.B. bei LCHAD/mTFP-Mangel, klassischer Galaktosämie, MSUD), während die Mehrheit im Neugeborenenalter asymptomatisch bleibt (PKU, Bio, MCAD, GA 1).
§10 Absatz (4) der Anlage 3 der Kinderrichtlinie regelt die Zuständigkeiten bei auffälligem Screeningbefund: „Der verantwortliche Einsender informiert unverzüglich die Eltern (Perso-nensorgeberechtigte). Dabei ist auf die Notwendigkeit einer schnellen, fachkompetenten Abklärung und Weiterbetreuung ausdrücklich hinzuweisen. …”
In der Praxis wird diese Aufgabe oft von den Screeningzentren unterstützt oder auf Wunsch der Einsender übernommen. Nach auffälligem Befund im ersten Neugeborenenscreening ergeben sich zwei Szenarien:
  • Aufgrund der Ausprägung des Befunds fordert das Screeninglabor entweder bei geringem Krankheitsverdacht und/oder niedrigem Risiko für das Auftreten von Krankheitssymptomen eine Kontrolluntersuchung aus einer 2. Trockenblutprobe an (Recall, z.B. bei milder Phenylalaninerhöhung), oder es empfiehlt

  • bei deutlichem Krankheitsverdacht und/oder beträchtlichem Gesundheitsrisiko die direkte Kontaktaufnahme mit oder die sofortige Vorstellung in einem spezialisierten Stoffwechselzentrum zur klinischen Beurteilung, zur Einleitung der Folgediagnostik und evtl. zur sofortigen Therapie (s. Tab. C1-1).

Jegliche Diagnostik, die über die Wiederholung der Untersuchung aus einer 2. Trockenblutkarte hinausgeht, sollte von dem Stoffwechselzentrum veranlasst und bewertet werden, das die weitere Betreuung des Patienten übernimmt!

GENERELLE ÜBERLEGUNGEN ZUR DIAGNOSTIK ANGEBORENER STOFFWECHSELDEFEKTE

Im Neugeborenenscreening wird mit speziellen Testmethoden, die auf eine Massenanwendung, niedrige Kosten und hohe Sensitivität ausgerichtet sind, durch Bestimmung der Konzentration krankheitstypischer Metabolite oder einer spezifischen Enzymaktivität nach angeborenen Defekten gesucht. Grundsätzlich muss eine aus dem Trockenblut gestellte Verdachtsdiagnose durch zusätzliche Untersuchungen bestätigt werden.

Das Ergebnis einer Wiederholungsuntersuchung aus Trockenblut kann nur in seltenen Fällen als abschließende Bestätigung der Verdachtsdiagnose gewertet werden.

Die Verdachtsdiagnose kann auf folgenden Ebenen verifiziert werden:
  • Metabolite:

    Nachweis pathologisch erhöhter oder verminderter Konzentrationen charakteristischer Stoffwechsel(zwischen)produkte in Körperflüssigkeiten.

    Einige Krankheiten sind alleine durch den Metabolitennachweis sicher zu diagnostizieren: Beispiel: Charakteristisches Profil der Aminosäuren im Plasma und/oder der organischen Säuren im Urin bei Ahornsirupkrankheit.

  • Enzymaktivität:

    Nachweis einer erheblichen Einschränkung einer Enzymaktivität.

    Bei Krankheiten, die nicht alleine durch veränderte Metabolite eindeutig diagnostizierbar sind kommt die Enzymaktivität dem „in vivo” biochemischen Phänotyp am nächsten. Bei einigen Krankheiten steht jedoch die Enzymaktivitätsbestimmung aus methodischen Gründen nicht zeitnah zur Verfügung.

  • Molekulargenetik:

    Nachweis von krankheitsverursachenden Mutationen homozygot oder compound heterozygot auf beiden Allelen des krankheitsspezifischen Gens (bei den im Neugeborenenscreening erfassten Stoffwechselstörungen handelt es sich durchgehend um autosomal-rezessiv erbliche Krankheiten). Die genetische Diagnostik kann bei einigen Krankheiten mit hochpräva-lenten Mutationen die Diagnose schnell und kostengünstig sichern (Beispiel: MCAD-Mangel, klassische Galaktosämie, LCHAD-Mangel), aber nur bei positivem Befund. Ein negativer molekulargenetischer Befund schließt eine Verdachtsdiagnose niemals aus. Daneben kann durch die Mutationsanalytik ein grenzwertiger Befund aus der Enzymaktivitätsdiagnostik u.U. besser in seiner klinischen Bedeutung eingeordnet werden.

Die Algorithmen unterscheiden sich also von Krankheit zu Krankheit in der Abfolge empfohlener Untersuchungen. Als „Einstiegsmethode” wurde versucht die am breitesten verfügbare Methode mit sicherer Diskrimination zwischen krank und gesund zu wählen. Lokale Gegebenheiten in den Behandlungs- und Diagnostikzentren können eine andere als die hier vorgeschlagene Untersuchungsmethode als die schnellste und/oder kostengünstigste erscheinen lassen.
Untersuchungen, die ausschließlich zu einer genaueren prognostischen Einordnung des Krankheitsbildes dienen, wurden nur in den Algorithmus aufgenommen, wenn sie nach Kenntnis der Autoren in den meisten Zentren durchgeführt werden.

GESTALTUNG DER FLUSSDIAGRAMME

In den folgenden Flussdiagrammen wird für jede der zwölf Stoffwechselkrankheiten ein diagnostischer Algorithmus dargestellt und, wenn es nötig erschien, durch einen kurzen erklärenden Text ergänzt.
Die Gestaltung der Flussdiagramme folgt internationalen Konventionen.

Gestaltung der Flussdiagramme

FLUSSDIAGRAMME – DIAGNOSTISCHE ALGORITHMEN

Biotinidasemangel

Der Biotinidasemangel (OMIM 253260) führt dazu, dass Biotin aus seiner Bindung mit freiem Lysin (Biocytin) oder Eiweiß-Lysin nicht freigesetzt wird und damit als Coenzym verschiedener Carboxylasen (Propionyl-CoA-Carboxylase, 3-Methylcrotonyl-CoA-Carboxylase, Pyruvat-Carboxylase, Acetyl-CoA-Carboxylase) nicht in ausreichender Menge zur Verfügung steht. Die Inzidenz beträgt ca. 1:60.000.

Biotinidasemangel

1 Eine erneute Bestimmung der Biotinidaseaktivität soll nach 2–12 Monaten bei allen Patienten erfolgen, da die Enzymaktivität „nachreifen” kann. Die endgültige Einordnung in einen kompletten oder partiellen Biotinidasemangel kann mehrfache Bestimmungen der Enzymaktivität erfordern.

Neugeborene sind in aller Regel klinisch unauffällig. Krampfanfälle, Hypotonie, Stridor, Hörverlust, Optikusatrophie, Hautsymptome, Alopezie und schwere, im Einzelfall tödliche keto-azidotische Krisen entwickeln sich im Alter von Wochen bis Monaten.
Der Erbgang ist autosomal-rezessiv (Gen-Lokus 3p25; Gen-Symbol BTD).

Long-chain 3-OH-Acyl-CoA-Dehydrogenase-Mangel (LCHAD)/Mangel des mitochondrialen trifunktionellen Proteins (mTFP)

Galaktosämie

Bei der klassischen Galaktosämie (OMIM 230400) handelt es sich um eine Störung des Kohlenhydratstoffwechsels. Sie betrifft die Konversion von Galaktose zu Glukose. Ursache ist ein genetischer Defekt der Galaktose-1-Phosphat-Uridyltransferase. Die Inzidenz beträgt ca. 1:60.000. Bei klassischer Galaktosämie kommt es ab Beginn der Ernährung mit laktosehaltiger Nahrung (Muttermilch oder Säuglingsnahrung) zu schweren Leber- und Nierenfunktionsstörungen, zentralnervösen Symptomen und später zur Katarakt. Viele Neugeborene sind bei Eintreffen des Screeningbefunds bereits klinisch symptomatisch, wobei oft wegen des Ikterus behandelt wird, ohne dass die bereits vorhandene deutliche Einschränkung der Blutgerinnung erkannt wurde. Bei positivem Screeningtest und Leberfunktionsstörung muss die Galaktosezufuhr auch vor der endgültigen Bestätigung der Diagnose sofort unterbrochen werden.
Variante Formen mit ausreichender Restaktivität (z.B. Duarte-2-Variante) können im Screening auffällig werden, entwickeln aber auch ohne Therapie nicht die o.g. klinischen Symptome. Der Erbgang ist autosomal-rezessiv (Gen-Lokus 9p13; Gen-Symbol GALT).
Da für die klassische Galaktosämie in Deutschland einige wenige hochprävalente Mutationen verantwortlich sind, kann die Diagnose oft molekulargenetisch schnell gesichert werden. Auf die Bestimmung der Enzymaktivität in Erythrozyten kann dann verzichtet werden. Die Quantifizierung von Gesamtgalaktose (Galaktose und Galaktose-1-Phosphat) kann auch im Trockenblut (semiquantitativ) erfolgen und eine Einschätzung der Ausprägung der Enzymdefi-zienz erlauben, wenn die Enzymaktivitätsbestimmung in Erythrozyten nicht zeitnah zur Verfügung steht. Daneben ist das klinische Bild in aller Regel hoch suggestiv.

Galaktosämie

Gal = Galaktose

Gal-1-P = Galaktose-1-Phosphat

Gal-1-P-UT = Galaktose-1-P-Uridyltransferase

GALT = Gensymbol für Galaktose-1-P-Uridyltransferase

Hyperphenylalaninämien

In den meisten Fällen (98%) ist die erhöhte Phenylalaninkonzentration im Blut (HPA) Merkmal unterschiedlich ausgeprägter Defizienzen der Phenylalaninhydroxylase (PAH) (OMIM 261600). Die Inzidenz beträgt ca. 1:6.500 (einschließlich nicht behandlungsbedürftiger milder Hyerphenylalaninämie).
Die behandlungsbedürftige Phenylketonurie (PKU) tritt bei 1:10.000 Neugeborenen auf. Sie ist klinisch im Neugeborenenalter nicht zu diagnostizieren, führt aber durch die toxische Wirkung des Phenylalanins auf das ZNS zu einer zunehmenden irreversiblen Entwicklungsverzögerung, die sich etwa ab dem 3. Lebensmonat deutlich zeigt.
Bei 20–30% der Betroffenen liegt ein Enzymdefekt mit beträchtlicher Restaktivität vor, die sich durch die Gabe des Kofaktors Tetrahydrobiopterin weiter stimulieren lässt.
Der Erbgang ist autosomal-rezessiv (Gen-Lokus 12q24; Gen-Symbol PAH).
Selten (in 1–2% aller Hyperphenylalaninämien) sind Defekte der Synthese und des Recyclings des PAH-Kofaktors Tetrahydrobiopterin (BH4). Die davon betroffenen Kinder zeigen oft in der Neonatalperiode bereits Symptome wie Frühgeburtlichkeit, gestörte Temperaturregulation, Trinkschwäche, neurologische Auffälligkeiten.
Da die Prognose der Patienten mit Kofaktordefekten bei sehr frühem Behandlungsbeginn deutlich besser zu sein scheint, muss in der Konfirmationsdiagnostik der zugrunde liegende Defekt schnell und sicher differenziert werden. Dies gelingt durch die Analytik der Pterinmetaboliten im Urin und die Bestimmung der DHPR-Aktivität im Trockenblut.
Da die Proben für das Neugeborenenscreening heute bereits in der 36.–48. Lebensstunde entnommen werden und die Phenylalaninkonzentration postnatal langsam und kontinuierlich ansteigt, muss bei initial erhöhter Phenylalaninkonzentration im Blut, die „nicht behandlungsbedürftig” erscheint, gegebenenfalls durch wiederholte Kontrollen sichergestellt werden, dass ein weiterer Anstieg und damit eine behandlungsbedürftige Phenylketonurie nicht übersehen werden.

Ahornsirupkrankheit (MSUD)

Die Ahornsirupkrankheit (OMIM 248600) ist ein Defekt im Abbau der verzweigtkettigen 2-Oxosäuren (früher: α-Ketosäuren), die aus dem Abbau der Aminosäuren Leuzin, Isoleuzin und Valin stammen. Die Inzidenz beträgt ca. 1:140.000.
Die MSUD führt in ihrer klassischen Ausprägung zu lebensbedrohlichen Symptomen in der Neonatalperiode. Daneben gibt es attenuierte oder chronisch rezidivierende Varianten, die bei Nichtbehandlung ebenfalls zu einer Beeinträchtigung der geistigen Entwicklung führen können.
Die Untereinheiten E1α, E1β, E2 und E3 der branched-chain ketoacid dehydrogenase sind auf unterschiedlichen Chromosomen kodiert. Der Erbgang ist autosomal-rezessiv (Gen-Loki 19q13.1-q13.2, 6q14, 1q31, 7q31-q32; Gensymbole BCKDHA, BCKDHB, DBT, DLD).
Defekte der E3-Untereinheit (Dihydrolipoamid-Dehydrogenase, DLD-Gendefekte), die gleichzeitig als Untereinheit der 2-Oxoglutarat-Dehydrogenase und der Pyruvat-Dehydrogenase fungiert, werden auch als Ahornsirupkrankheit Typ III bezeichnet, führen durch die gleichzeitige Beeinträchtigung aller 3 Enzymfunktionen aber zu einem biochemisch differenzierbaren Krankheitsbild.
Unter den varianten (milden) Formen der Ahornsirupkrankeit werden auch Patienten mit Defekten der Protein-Phosphatase 2Cm (Gensymbol PPM1K) vermutet.

Hyperphenylalaninämien

DHPR = Dihydropteridin-Reduktase

MHP = Milde Hyperphenylalaninämie (nicht behandlungsbedürftig)

Phe = Phenylalanin

PKU = Phenylketonurie

1 Der BH4-Test wird empfohlen, wenn das Ergebnis der Urin-Pterinanalytik und der DHPR-Bestimmung im Trockenblut nicht innerhalb von 48 Stunden zur Verfügung steht. Patienten mit Kofaktorsynthese-oder -Recycling-Defekten können bereits ab Diagnosestellung im Neugeborenenalter mit Sapropterin (Handelspräparat Kuvan®) behandelt werden.

Die Frage der BH4-Responsivität bei PAH-defizienter HPA ist im Neugeborenenalter nicht behandlungsrelevant, da Sapropterin erst ab Vollendung des 4. Lebensjahres für die Behandlung dieser Patienten zugelassen ist (eine AMG-Studie zur Behandlung ab dem Neugeborenenalter befinden sich nach Kenntnis der Autoren in Vorbereitung).

Ahornsirupkrankheit (MSUD)

1 Xle steht für die Summe der Konzentrationen von Leuzin (Leu), Isoleuzin (Ile), Allo-Isoleuzin (Allo-Ile) und Hydroxyprolin (OH-Pro), die im Neugeborenenscreening mit Tandem-MS nicht differenziert werden. Bei früher Abnahme der Blutprobe ist Valin u.U. noch im Normbereich. BCKA, branched-chain ketoacids.

2 Manche Systeme zur Aminosäurenanalytik können Alloisoleuzin nicht sicher nachweisen/quantifizieren, da es mit Methionin/Cystathionin koeluiert.

Medium-Chain Acyl-CoA-Dehydrogenase-Mangel (MCAD)

Der MCAD-Mangel ist eine Oxidationsstörung mittelkettiger Fettsäuren. Er ist in der deutschen Bevölkerung kaukasischer Abstammung der häufigste Defekt der mitochondrialen Fettsäurenoxidation. Die Inzidenz beträgt ca. 1:10.000.
Ca. 10–15% der Betroffenen in nicht gescreenten Populationen zeigen bereits als Neugeborene symptomatische Hypoglykämien. In der Mehrzahl der Patienten manifestiert sich die Störung perakut mit schweren Hypoglykämien, metabolischer Azidose und Hepatopathie im Rahmen von Infekten mit reduzierter Nahrungszufuhr und/oder Fieber. In Familien symptomatischer Patienten wurden asymptomatische Verwandte mit dem gleichen Genotyp identifiziert.
Prinzipiell gilt für die Krankheitsgruppe der Fettsäurenoxidationsdefekte, dass das Acylcarnitinprofil im Trockenblut zum Zeitpunkt einer kompensierten Stoffwechsellage völlig unauffällig sein kann.
Der Erbgang des MCAD-Mangels ist autosomal-rezessiv (Gen-Lokus 1p31; Gen-Symbol ACADM).

Medium-Chain Acyl-CoA-Dehydrogenase-Mangel (MCAD)

Long-chain 3-OH-Acyl-CoA-Dehydrogenase-Mangel (LCHAD)/ Mangel des mitochondrialen trifunktionellen Proteins (mTFP)

Der LCHAD-/mTFP-Mangel (OMIM 609016, 609015) ist eine Oxidationsstörung langkettiger Fettsäuren. Die Inzidenz beträgt ca. 1:140.000.
Klinisches Bild und Manifestationsalter sind heterogen. LCHAD- und mTFP-Mangel lassen sich klinisch und im Acylcarnitinprofil nicht unterscheiden.
Patienten mit Manifestation des mTFP-Mangels in den ersten Lebenstagen versterben in aller Regel auch bei frühzeitiger Therapie. Schwer betroffene Patienten zeigen sich früh mit Kardiomyopathie, Hepatopathie, Hypoglykämie und Myopathie/Rhabdomyolyse. Im weiteren Verlauf erleiden viele der Betroffenen eine fortschreitende Retinopathie und eine periphere Neuropathie.
Das trifunktionelle Protein (mTFP) ist ein Heterooctamer aus jeweils vier Alpha- und vier Beta-Untereinheiten. Der isolierte LCHAD-Mangel, bei dem nur eine der drei Einzelfunktionen des mTFP betroffen ist, ist bei Kaukasiern durch die homozygot vorliegende Mutation c.1528G>C im Gen der alpha-Untereinheit verursacht. Andere Mutationen im Gen der Alpha-Untereinheit oder Mutationen im Gen der Beta-Untereinheit resultieren in einem kompletten mTFP-Mangel. Der Erbgang ist autosomal-rezessiv (Genloki 2p23, 2p23; Gensymbole HADHA, HADHB).

Very-Long-chain Acyl-CoA-Dehydrogenase-Mangel (VLCAD)

Der VLCAD-Mangel (OMIM 609575) ist eine Oxidationsstörung langkettiger Fettsäuren. Die Inzidenz beträgt ca. 1:50.000. Klinisches Bild und Manifestationsalter sind heterogen. Schwer betroffene Patienten zeigen sich früh mit Kardiomyopathie, Hepatopathie, Hypoglykämie und Myopathie/Rhabdomyolyse. Daneben gibt es Betroffene, die völlig asymptomatisch bleiben. Beim VLCAD-Mangel wurde mehrfach über falsch negative Befunde in der Konfirmationsdiagnostik berichtet. In aller Regel wurde bei den übersehenen Patienten eine 2. Trockenblutkarte im Screeninglabor untersucht mit dem Ergebnis eines völlig normalen Acylcarnitinprofils. Es wird daher empfohlen, sofort anschließend an den auffälligen Screeningbefund aus der ersten Testkarte die Konfirmationsdiagnostik über das betreuende Stoffwechselzentrum zu beginnen und keinen Recall anzufordern. Der Erbgang ist autosomal-rezessiv (Genlokus 17p13, Gensymbol ACADVL).

Very-Long-chain Acyl-CoA-Dehydrogenase-Mangel (VLCAD)

Carnitin-Palmitoyltransferase-1-Mangel (CPT-1a)

Der CPT-1a-Mangel (OMIM 600528) führt zu einer Störung des Transports der langkettigen Fettsäuren in die Mitochondrien. Bei Säugetieren finden sich die drei Isoenzyme (CPT-1a, CPT-1b, CPT-1c). Bisher sind nur Patienten mit einem Mangel des Isoenzyms CPT-1a beschrieben, das ausschließlich in der Leber und der Niere exprimiert wird. Der CPT-1a-Mangel zeigt daher die gleiche klinische Symptomatik wie der MCAD-Mangel (hypoketotische Hypoglykämie), selten eine renal tubuläre Azidose. Der CPT-1a-Mangel ist der einzige Defekt der Fettsäurenoxidation, der mit einem erhöhten freien Carnitin im Blut einhergeht. Der Erbgang ist autosomal-rezessiv (Genlokus 11q13, Gensymbol CPT1A).

Carnitin-Palmitoyltransferase-1-Mangel (CPT-1a)

Carnitin-Palmitoyltransferase-2- und Carnitin-Acylcarnitin-Translocase-Mangel

Die beiden Störungen lassen sich weder anhand des Acylcarnitinprofils noch aufgrund der klinischen Symptomatik unterscheiden. Der Algorithmus zur Konfirmationsdiagnostik ist in einer Abbildung (s. Abb. C1-10) dargestellt. Beide Krankheiten sind sehr selten. Da das Acylcarnitinprofil beim CPT-2-Mangel auch in Krankheitskrisen völlig unauffällig sein kann, ist die Krankheit möglicherweise unterdiagnostiziert.
Carnitin-Palmitoyltransferase-2-Mangel (CPT-2)
Der CPT-2-Mangel (OMIM 600650) führt zu einer Störung des Transports der langkettigen Fettsäuren in die Mitochondrien. Klinisches Bild und Manifestationsalter sind heterogen. Schwer betroffene Patienten zeigen sich früh mit Kardiomyopathie, Hepatopathie, Hypoglykämie und Myopathie/Rhabdomyolyse. Sie können angeborene Fehlbildungen aufweisen (Nierenzysten, ZNS-Fehlbildungen, faziale Dysmorphien). Daneben gibt es eine sich spät manifestierende „rein muskuläre” Form. Das Acylcarnitinprofil des CPT-2-Mangels ist nicht von dem des CACT-Mangels (s.u.) zu unterscheiden.
Der Erbgang ist autosomal-rezessiv (Genlokus 1p32, Gensymbol CPT2).
Carnitin-Acylcarnitin-Translocase-Mangel (CACT)
Der CACT-Mangel (OMIM +212138) führt zu einer Störung des Transports der langkettigen Fettsäuren in die Mitochondrien. Die Krankheit ist sehr selten. Der Defekt resultiert in heterogenen klinischen Phänotypen mit frühen lebensbedrohlichen und milderen, später manifesten Formen. Das Acylcarnitinprofil des CACT-Mangels ist nicht von dem des CPT-2-Mangels (s.o.) zu unterscheiden. Der Erbgang ist autosomal-rezessiv (Genlokus 3p21, Gensymbol SLC25A20).

Glutarazidurie Typ 1 (GA 1)

Die GA 1 (OMIM 231670) ist eine Störung im Abbau der Aminosäuren Lysin und Tryptophan. Die Inzidenz beträgt ca. 1:100.000.
Neugeborene sind in aller Regel asymptomatisch. Die Mehrzahl der Betroffenen erleidet unbehandelt innerhalb der ersten beiden Lebensjahre eine schwere zentralnervöse Krise mit bleibenden neurologischen Defiziten. Milde Formen sind bekannt. Der Erbgang ist autosomal-rezessiv (Genlokus 19p13, Gensymbol GCDH).
Die Konfirmationsdiagnostik nach auffälligem Neugeborenenscreening ist in der S3-Leitlinie AWMF 027/018 „Diagnostik, Therapie und Management der Glutarazidurie Typ 1” niedergelegt (http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/027-018.html).

Isovalerianazidurie (IVA)

1 C5 im Trockenblut kann auch 2-Methylbutyrylglycin sein. Der 2-Methylbutyryl-CoA-Dehydrogenase-Mangel (OMIM #610006, *600301) ist eine sehr seltene Störung des Isoleuzinstoffwechsels, die vermutlich nicht zu klinischen Symptomen führt. Die Störung ist nicht Gegenstand des Neugeborenenscreenings.

2 Bei diesem Enzymdefekt kann die Analyse der organischen Säuren im Urin auch ein normales Ergebnis zeigen.

3 Pivalinsäure ist in einigen Antibiotika enthalten, die in Deutschland aber nicht eingesetzt werden, allerdings in fast allen anderen europäischen Ländern (z.B. Frankreich, Österreich, Schweiz).

4 In Grenzfällen kann bei nur milder Erhöhung von C5-Carnitin und Isovalerylglycin die Mutationsanalytik durchgeführt werden, um über die Notwendigkeit einer diätetischen Behandlung zu entscheiden.

Isovalerianazidurie (IVA)

Bei der IVA (OMIM 243500) handelt es sich um einen Defekt der Isovaleryl-CoA-Dehydroge-nase, die den 2. Schritt im Abbau der verzweigtkettigen Aminosäure Leuzin katalysiert. Die Inzidenz beträgt ca. 1:170.000–300.000 für die „klassischen” Formen. Patienten können sich mit einer akuten neonatalen Form oder später mit einer chronisch intermittierenden Form präsentieren. Seit der Einführung des Neugeborenenscreenings mit Tandem-MS sind auch milde Varianten bekannt, die sich anhand des Acylcarnitinprofils mit geringer erhöhtem Isovalerylcar-nitin präsentieren und genetisch bestätigen lassen.
Der Erbgang ist autosomal-rezessiv (Genlokus 15q14-q15, Gensymbol IVD).

Verfahren zur Konsensbildung

Erarbeitet durch die Arbeitsgemeinschaft für Pädiatrische Stoffwechselstörungen (APS)
Leitung und Endredaktion
Dr. Martin Lindner
Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin
Sektion für Angeborene Stoffwechselkrankheiten
Im Neuenheimer Feld 430
D-69120 Heidelberg
Mitglieder der Arbeitsgruppe
Dr. Martin Lindner (Heidelberg, Pädiatrische Stoffwechselmedizin)
Prof. Dr. René Santer (Hamburg, Pädiatrische Stoffwechselmedizin)
Prof. Dr. Ute Spiekerkötter (Düsseldorf, Pädiatrische Stoffwechselmedizin)
Prof. Dr. Johannes Zschocke (Innsbruck, Österreich, Humangenetik)
Weitere Informationen siehe Leitlinienreport
Erstellungsdatum: 03/2010
Nächste Überprüfung geplant: 03/2015

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