© 2020 by Elsevier GmbH

Bitte nutzen Sie das untenstehende Formular um uns Kritik, Fragen oder Anregungen zukommen zu lassen.

Willkommen

Mehr Informationen

BR01-9783437225154.10001-8

10.1016/BR01-9783437225154.10001-8

R01-9783437225154

Frühgeborenen-Nachsorgeuntersuchung: (Zeitpunkt)

Tab. R1-1
Untersuchungsgang Spezifische Symptome und mögliche Instrumente Mögliche weiterführende Maßnahmen und Konsequenzen
Allgemeine Anamnese
Spezifische Behandlungsanamnese vorbestehender Probleme
Somatischer Befund
Neurologisch-orthopädischer Befund
Entwicklungsdiagnostik
Sozio-emotionale Entwicklung
Prävention

Sozialpädiatrische Nachsorge extrem unreifer Frühgeborener mit einem Geburtsgewicht unter 1000 Gramm (S2k)

C. Wurst

Vorbemerkung

Frühgeboreneextrem unreifeIm Dezember 2018 wurde die unter Federführung der DGSPJ überarbeitete und aktualisierte Leitlinie „Sozialpädiatrische Nachsorge extrem unreifer Frühgeborener mit einem Geburtsgewicht unter 1000 Gramm“ von der AWMF online publiziert (S2k-Leitlinie, Registernummer 071-013, www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/071-013.html).

1

Alle Verweise im Text beziehen sich auf die AWMF-Leitlinie „Sozialpädiatrischen Nachsorge extrem unreifer Frühgeborener mit einem Geburtsgewicht unter 1000 Gramm“, Registernummer 071-013.

Diese Leitlinie war erstmals im November 2013 veröffentlicht worden. Im Folgenden sollen die wesentlichen neuen Aspekte dieser für jeden Kinderarzt relevanten Thematik kurz dargestellt werden

2

Bei diesem Artikel handelt es sich um einen Kommentar zur AWMF-Leitlinie 071-013.

.

Einleitung

Die Fortschritte in der Geburtshilfe und Neonatologie der letzten Jahrzehnte haben dazu geführt, dass die Mortalität von Frühgeborenen mit extrem niedrigen Geburtsgewicht < 1000 g bzw. mit extremer Unreife mit einem Gestationsalter unter 28 SSW kontinuierlich abgenommen hat. Während noch Ende der 1970er-Jahre die Überlebensraten unter 30% lagen, stiegen sie auf über 70% in den 1990er-Jahren und liegen heute bei fast 80% (1–3).
Im Vordergrund steht heute die Sorge um die Langzeitmorbidität, insbesondere mit Bezug auf die neurologische und kognitive Entwicklung bei den Frühgeborenen mit einem Gestations­alter unter 26 SSW und noch mehr bei den Frühgeborenen an der Grenze der Lebensfähigkeit (< 24 SSW). Hier besteht ein hohes Risiko bleibender Behinderungen. Die Diagnosen der Zerebralparese (CP) und der Intelligenzminderung als die beiden häufigsten Formen der Behinderung treten mit einer Häufigkeit von 8–15% bzw. 10–25% bei Kindern < 28 SSW auf (4–6). Hochgradige Seh- und Hörstörungen erwartet man in dieser Reifeklasse bei je 1–3% (6–8). Mit zunehmender Unreife steigt auch das Risiko des Auftretens somatischer, kognitiver und psychosozialer Störungen. Übereinstimmend belegen longitudinale Kohortenstudien aus unterschiedlichen Ländern, Reviews und Metaanalysen Langzeitfolgen extremer Frühgeburtlichkeit auf Kognition und Verhalten über das Schulalter bis in die Adoleszenz und das Erwachsenenalter (1, 4, 9–14).
In der Nachsorge sollte neben den schwerwiegenden somatischen, kognitiven und psychosozialen Folgen der extremen Frühgeburtlichkeit der Fokus auch auf die rechtzeitige Erkennung kognitiver Teilleistungsstörungen und auf seltenere Komplikationen mit somatischen Folgen gelegt werden (15). Besondere Aufmerksamkeit wird in zunehmendem Maße der Interaktion zwischen Kind und Eltern und den Verhaltensauffälligkeiten der Kinder gewidmet (16).
Entwicklungsneurologische und psychologische Nachuntersuchungen der extrem unreifen Frühgeborenen sind notwendig, um sowohl die motorischen und sensorischen als auch die kognitiven und psychischen Auffälligkeiten möglichst früh und umfassend zu erkennen und bei Bedarf rechtzeitig geeignete Fördermaßnahmen einzuleiten. Die vorliegende Leitlinie richtet sich auf die Versorgung der extrem unreifen Frühgeborenen mit einem Geburtsgewicht von unter 1000 Gramm. Bis zur Veröffentlichung weiterer ergänzender Leitlinien für die Frühgeborenen-Nachsorgeuntersuchungen spezifischer Patientengruppen eignen sich die vorliegenden Leitlinien ebenso für frühgeborene Kinder mit weitgehend unkomplizierten Verläufen in der Neonatalzeit, um mögliche Entwicklungsrisiken und spätere Auffälligkeiten frühzeitig identifizieren zu können.
Der Nachsorgebedarf frühgeborener Kinder endet nicht nach dem Schuleintritt. Nach Beginn der Schulzeit ist eine individuelle Nachsorgeuntersuchung empfehlenswert, um die Notwendigkeit weiterer unterstützender Maßnahmen zu überprüfen. Dies ist insbesondere dann notwendig, wenn die Nachuntersuchungen bis zum 6. Lebensjahr Hinweise auf eine beeinträchtigte motorische, kognitive, sprachliche oder sozio-emotionale Entwicklung zeigen. Die weitere Unterstützung der Kinder und Familien sollte dementsprechend in einem individuell angepassten Behandlungskonzept mit zumeist interdisziplinären und multiprofessionellen Angeboten erfolgen. Besondere Vorbereitung und Begleitung bedürfen Übergänge in der Schule und die Transition in die Erwachsenmedizin mit Erreichen der Volljährigkeit.
Die Leitlinie richtet sich an alle mit der Nachsorge betrauten Ärzte, also an die Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin in Praxen, Kliniken und sozialpädiatrischen Zentren. Auch Ärzte im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) sollten die Leitlinie kennen und anwenden. Ziel der Leitlinie soll die Vernetzung von Kompetenz zum Wohle der frühgeborenen Kinder unter der Führung der verantwortlichen niedergelassenen Pädiater mit in der Nachsorge tätigen Fachpersonen sein. Niedergelassene Kinder- und Jugendärzte sind erste Ansprechpartner für Familien mit einem frühgeborenen Kind. Sie müssen entscheiden, ob die Kompetenz und Ressourcen in ihren Praxen für eine adäquate Nachuntersuchung gegeben sind oder andere Strukturen dafür genutzt werden müssen. Das vorliegende Stufenkonzept der entwicklungs-und sozialpädiatrischen Versorgung sollte hierbei Anwendung finden (17). Die SPZ oder entsprechend qualifizierte Einrichtungen sollen hierzu ihre speziellen Ressourcen und Erfahrungen in Entwicklungsneurologie und -psychologie sowie hinsichtlich Diagnostik und Therapieplanung einbringen.
Die folgende tabellarische Darstellung (› Tab. R1-1) ist als Empfehlung gedacht und hat zum Ziel, durch eine strukturierte Anamneseerhebung und Untersuchung Diagnostik- und Dokumentationsmöglichkeiten der Frühgeborenen-Nachsorgeuntersuchung aufzuzeigen.
Für jede Nachuntersuchung gilt Folgendes: Alle Vorbefunde sind in diagnostische und therapeutische Entscheidungen einzubeziehen und gegebenenfalls Kontrolluntersuchungen zu veranlassen. Insbesondere die Ergebnisse der Früherkennungsuntersuchungen (U-Untersuchungen) sind zu berücksichtigen. Die sozialpädiatrische Nachsorge nach dieser Leitlinie soll keine Parallelstruktur zu den Früherkennungsuntersuchungen darstellen, sondern eine sinnvolle Ergänzung und Unterstützung bei den Kindern mit entsprechenden Bedarfen.
Die Durchführung aller Nachuntersuchungen kann in Abhängigkeit der Situation des Kindes und der Familie an mehreren Tagen stattfinden, sollte aber immer in einem angemessen engen Zeitfenster erfolgen.

Hinweis zur Benutzung der Leitlinie

Der Aufbau der tabellarisch dargestellten Leitlinie umfasst sechs Altersstufen, wobei jeweils das korrigierte Alter des Frühgeborenen gemeint ist:
  • Erstvorstellung nach Klinikentlassung

  • 6 Monate

  • 12 Monate

  • 2 Jahre

  • 3 Jahre

  • 5 Jahre

Die Terminierung ist abhängig von regionalen Gegebenheiten und gliedert sich jeweils in den „altersspezifischen Untersuchungsgang“ (Anamnese, Befund, Prävention) verbunden mit jeweils dazugehörigen „Symptomen und Instrumenten zur Erfassung“ sowie „möglichen weiterführenden Maßnahmen und empfohlenen Konsequenzen“. Auf diese Weise soll es den Nachuntersuchern möglich gemacht werden, einen schnellen Überblick über die altersspezifische Problematik und die notwendigen diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen zu erhalten. Abkürzungen finden sich im Glossar erläutert. Eine weitere Tabelle listet die vorgeschlagenen diagnostischen Verfahren auf.

Verfahren zur Konsensbildung

Der Leitlinie hat neben den Fachgesellschaften in der Leitliniengruppe auch der Vorstand des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ e. V.) zugestimmt.
Mitglieder der Leitliniengruppe
C. Wurst, H. Abele, C. Hertzberg, M. Peters, G. Reuner, C. Roll, M. Rüdiger, R. Trollmann, A. Weißbrodt, B. Wilken
Beteiligte Gesellschaften und Institutionen
  • Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin

  • Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe

  • Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin

  • Deutsche Gesellschaft für Hebammenwissenschaft

  • Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin

  • Gesellschaft für Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin

  • Deutsche Gesellschaft für Perinatale Medizin

  • Gesellschaft für Neuropädiatrie

  • Bundesverband „Das frühgeborene Kind e.V.“

  • Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin

Erstveröffentlichung: 11/2013
Überarbeitung: 12/2018
Nächste Überprüfung geplant: 11/2023

Literatur

 1.

Jeschke E, Biermann A, Günster C, Böhler T, Heller G, Hummler HD, et al. Mortality and Major Morbidity of Very-Low-Birth-Weight Infants in Germany 2008–2012: A Report Based on Administrative Data. Front Pediat 2016; 4: 23. Doi: 10.3389/fped.2016.00023.

 2.

Group E, Fellman V, Hellstrom-Westas L, Norman M, Westgren M, Kallen K, et al. One-year survival of extremely preterm infants after active perinatal care in Sweden. JAMA 301: 2225–33, 2009. Doi: 10.1001/jama.2009.771.

 3.

IQTIG – Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen, Hrsg. Bundesauswertung zum Erfassungsjahr 2017. Neonatologie. Qualitätsindikatoren. Berlin: IQTIG – Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen; 2017.

 4.

Pascal A, Govaert P, Oostra A, Naulaers G, Ortibus E, Van den Broeck C. Neurodevelopmental outcome in very preterm and very-low-birthweight infants born over the past decade: a meta-analytic review. Dev Med Child Neurol 60: 342–355, 2018. Doi: 10.1111/dmcn.13675.

 5.

Johnson S, Marlow N. Early and long-term outcome of infants born extremely preterm. Arch Dis Child 102: 97–102, 2017. Doi: 10.1136/archdischild-2015-309581.

 6.

Hafstrom M, Kallen K, Serenius F, Marsal K, Rehn E, Drake H, et al. Cerebral Palsy in Extremely Preterm Infants. Pediatrics 141, 2018. Doi: 10.1542/peds.2017-1433.

 7.

Serenius F, Ewald U, Farooqi A, Fellman V, Hafstrom M, Hellgren K, et al. Neurodevelopmental Outcomes Among Extremely Preterm Infants 6.5 Years After Active Perinatal Care in Sweden. JAMA pediatrics 170: 954–963, 2016. Doi: 10.1001/jamapediatrics.2016.1210.

 8.

Serenius F, Kallen K, Blennow M, Ewald U, Fellman V, Holmstrom G, et al. Neurodevelopmental outcome in extremely preterm infants at 2.5 years after active perinatal care in Sweden. JAMA 309: 1810–1820, 2013. Doi: 10.1001/jama.2013.3786.

 9.

Molloy CS, Anderson PJ, Anderson VA, Doyle LW. The long-term outcome of extremely preterm (< 28 weeks’ gestational age) infants with and without severe retinopathy of prematurity. J Neuropsychol 10: 276–294, 2016. Doi: 10.1111/jnp.12069.

10.

Wolke D, Jaekel J. Langzeitüberlebensqualität ehemaliger kleiner Frühgeborener. Aktuelle Daten. Monatsschr Kinderheilkd 164: 673–684, 2016. Doi: 10.1007/s00112-016-0125-8.

11.

Asami M, Kamei A, Nakakarumai M, Shirasawa S, Akasaka M, Araya N, et al. Intellectual outcomes of extremely preterm infants at school age. Pediatr Int 59: 570–577, 2017. Doi: 10.1111/ped.13215.

12.

Mathewson KJ, Chow CH, Dobson KG, Pope EI, Schmidt LA, Van Lieshout RJ. Mental health of extremely low birth weight survivors: A systematic review and meta-analysis. Psychol Bull 143: 347–383, 2017. Doi: 10.1037/bul0000091.

13.

Adams-Chapman I, Heyne RJ, DeMauro SB, Duncan AF, Hintz SR, Pappas A, et al. Neurodevelopmental Impairment Among Extremely Preterm Infants in the Neonatal Research Network. Pediatrics 141, 2018. Doi: 10.1542/peds.2017–3091.

14.

Streiftau S, Bode H, Voigt F, Hummler HD, Schulze A, Herber-Jonat S. Schul- und Verhaltensauffälligkeiten nach extremer Frühgeburtlichkeit im Alter von 7 bis 10 Jahren. Kindheit und Entwicklung 23: 239–247, 2014. Doi: 10.1026/0942-5403/a000149.

15.

Infants EEFftCoN (Hrsg.). Caring for tomorrow, EFCNI White Paper on Maternal and Newborn Health and Aftercare Services. Karlsfeld 2011.

16.

Montagna A, Nosarti C. Socio-Emotional Development Following Very Preterm Birth: Pathways to Psychopathology. Front Psychol 7: 80, 2016. Doi: 10.3389/fpsyg.2016.00080.

17.

Interdisziplinäre verbändeübergreifende Arbeitsgruppe Entwicklungsdiagnostik (IVAN) des BVKJ dDudD. Stufenkonzept der Behandlung von Entwicklungsauffälligkeiten in einem interaktiven Dia­gnostik-/Therapiemodel 2015. www.dgspj.de/wp-content/uploads/2015-05-12-Publikationsfassung-INternet.pdf (letzter Zugriff: 17.07.2019).

Holen Sie sich die neue Medizinwelten-App!

Schließen