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B9783437223655.10001-8

10.1016/B9783437223655.10001-8

9783437223655

Abb. K2-1

Therapeutischer Stufenplan

Dosisempfehlungen für die Therapie mit Tranexamsäure

Tab. K2-1
Applikation Bolus Erhaltungsdosis
Kinder Peroral 15–25 mg/kg am Vorabend oder
1,5–2 × Dosis am Tag des Eingriffs
15–25 mg/kg 3–4 ×/Tag
Intravenös 10–15 mg/kg am Tag des Eingriffs 10–15 mg/kg 3 ×/Tag
Jugendliche ≥ 50 kg Peroral 1,0–1,5 g am Vorabend oder
1,5–2 × Dosis am Tag des Eingriffs
1,0–1,5 g 3–4 ×/Tag
Intravenös 0,5–1,0 g am Tag des Eingriffs 0,5–1,0 g 3 ×/Tag

Dosisempfehlung für Desmopressin bei Kindern und Jugendlichen

Tab. K2-2
Patienten Therapie Präoperative Prophylaxe
Intranasal Intravenös Intravenös 60 min vor dem Eingriff
≤ 12 Jahre 150 µg (1 Sprühstoß) 0,3–0,4 µg/kg über 30 min 0,3–0,4 µg/kg über 30 min
> 12 Jahre 300 µg (2 Sprühstöße)
≤ 50 kg KG 150 µg (1 Sprühstoß)
> 50 kg KG 300 µg (2 Sprühstöße)

Thrombozytopathien – Therapie (S2k)

R. Knöfler

W. Eberl

W. Streif

Definition und Basisinformation

Angeborene Störungen der Thrombozytenfunktion sind eine komplexe Gruppe von Erkrankungen, die meistens mit einer milden bis moderaten Blutungsneigung einhergehen. Einige Erkrankungen, wie die Thrombasthenie Glanzmann und das Bernard-Soulier-Syndrom können sich schon im Neugeborenenalter und in der frühen Kindheit mit einer spontanen Blutungsneigung manifestieren. Die Blutungsneigung von angeborenen Störungen der Thrombozytenfunktion ist zwar grundsätzlich schwer vorhersehbar, sie nimmt aber typischerweise nach der Pubertät ab. Bei Mädchen manifestiert sich eine vermehrte Blutungsneigung besonders häufig beim Eintritt der Menarche. Im Erwachsenenalter stehen Blutungen bei einer Herausforderung des Gerinnungssystems, wie invasiven Eingriffen, insbesondere Operationen und Traumata, als Manifestation der Thrombozytenfunktionsstörung im Vordergrund.
Die vorliegende Leitlinie soll die Blutungsprophylaxe und -behandlung von angeborenen Thrombozytopathien bei Kindern und Jugendlichen erleichtern. Zur rationalen Behandlung ist eine grundlegende Beurteilung der vorliegenden Störung notwendig (2). Es wird an dieser Stelle ausdrücklich auf die AWMF-S2k-Leitlinie „Diagnose angeborener Störungen der Thrombozytenfunktion“ verwiesen (Register-Nr. 086-003, www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/086-003l_S2k_Thrombozytopathien_2012-10.pdf). Es wurden einzelne Kapitel erarbeitet. Soweit sinnvoll und notwendig, wird auf alters- und geschlechtsspezifische Unterschiede hingewiesen.
Maßnahmen zur Blutungsprophylaxe und Behandlung der akuten Blutung werden gegliedert und bewertet dargestellt: Allgemeine Maßnahmen, lokale Maßnahmen, Medikamente, Hormone, Thrombozytentransfusion und weitere Maßnahmen.
Die Leitlinie ersetzt nicht die individuellen Behandlungsentscheidungen durch einen erfahrenen Arzt. Bei komplexen Krankheitsbildern („Syndromen“) müssen die krankheitsspezifischen Probleme im Kontext betrachtet und die Behandlungsmaßnahmen modifiziert werden.
Die Leitlinie ist nicht geeignet für Patienten, die eine plättchenfunktionmodifizierende/-hemmende Behandlung erhalten.

Blutungsprophylaxe

Eine Blutungsprophylaxe erfolgt vor allem vor invasiven Eingriffen bei Patienten mit bekannter Erkrankung. Bei Menorrhagie ist zur Prophylaxe ein hormonelles Kontrazeptivum und/oder die Einnahme eines Antifibrinolytikums wirksam (3, 4, 5, 6). Zur kontinuierlichen Prophylaxe bei Kindern liegen keine Informationen vor.

Allgemeine Maßnahmen

Patienten mit angeborenen Störungen der Thrombozytenfunktion sollen gegen Hepatitis A und B immunisiert werden, wobei Impfungen bevorzugt subkutan zu verabreichen sind. Außerdem ist den Patienten ein Notfallausweis mit Angaben zu Erkrankung, Behandlung, Empfehlungen zum Verzicht auf bestimmte Medikamente (ASS und NSAR) sowie die Kontaktdaten des betreuenden Zentrums zur Verfügung zu stellen. Bei planbaren Eingriffen soll ein Behandlungsplan erstellt werden. Zur Erhaltung oder Wiederherstellung der Hämostase ist ein konsequenter Ersatz von Blutverlusten und Korrektur einer Hämodilution mit dem Ziel der Stabilisierung des Hämoglobins auf 8–10 g/dl (5,0–6,2 mmol/l) erforderlich. Auf die orale Zufuhr von Eisen zur Verhütung einer Eisenmangelanämie ist gegebenenfalls zu achten.
Bei Patienten mit Thrombozytopathien mit zu erwartendem Transfusionsbedarf, wie häufig bei Thrombasthenie Glanzmann und Bernard-Soulier-Syndrom, sollte eine HLA-Typisierung erfolgen, damit bei Bedarf HLA-kompatible Thrombozytenkonzentrate zur Verminderung des Risikos einer Alloimmunisierung transfundiert werden können. Das Risiko der Entwicklung von Thrombozytenantikörpern kann nur durch die Vermeidung häufiger Thrombozytentransfusionen reduziert werden (1).

Lokale Maßnahmen

Lokale Maßnahmen erfolgen unabhängig von der zugrunde liegenden Störung der Thrombozytenfunktion. Zur Reduktion von Blutungen bei invasiven Eingriffen, wie Operationen oder Zahnextraktionen, können neben Kompression und chirurgischer Blutstillung lokal wirksame Hämostyptika eingesetzt werden. Auch das Anfertigen einer Abdeckplatte vor Durchführung von Zahnextraktionen, insbesondere bei Patienten mit schweren Thrombozytopathien, kann lokale Blutungen reduzieren (7). Bei Epistaxis können naphazolinhaltige Nasentropfen eingesetzt werden. Tranexamsäure kann auch lokal eingesetzt werden (› Abschnitt „Antifibrinolytika“). Der blutstillende Effekt lokaler Hämostyptika hängt von vielen Faktoren ab und kann nicht sicher vorhergesagt werden.
Lokale Hämostyptika:
  • Knochenwachs

  • Gelatine

  • Gelatine-Thrombin-Matrix

  • Kollagenvlies

  • Kollagen + Gentamicin

  • Kollagen + Fibrinogen + Thrombin

  • Oxidierte regenerierte Zellulose

  • Kaolinhaltige Gaze

  • Fibrinkleber

  • Synthetische Kleber

Antifibrinolytika

Antifibrinolytika stellen eine wichtige Basismedikation zur Prophylaxe und Behandlung von Blutungen dar. Tranexamsäure (Cyklokapron®, Exacyl®) und Paraaminobenzoesäure (PAMBA®) hemmen die Aktivierung von Plasminogen zu Plasmin und damit die Fibrinolyse (8). Ein allgemein anerkannter Labortest zur Beurteilung der Wirksamkeit von Antifibrinolytika existiert nicht. Antifibrinolytika sind besonders effektiv bei Schleimhautblutungen, Epistaxis und Menorrhagien.
Eine wirksame Blutstillung wurde besonders bei Storage-Pool-Erkrankungen und dem Quebec-Syndrom beobachtet (› Abschnitt „Thrombozytenkonzentrate“) (9). Tranexamsäure kann sowohl lokal, peroral als auch intravenös eingesetzt werden. Paraaminobenzoesäure ist nur für die orale Gabe in Deutschland zugelassen. Tranexamsäure hat grundsätzlich eine hohe therapeutische Breite und kann mit allen anderen dargestellten Maßnahmen kombiniert werden. Bei invasiven Eingriffen hat sich die präoperative perorale und intravenöse Gabe zur Blutungsprophylaxe und -behandlung bewährt. Die erste Einnahme sollte oral bevorzugt am Abend vor dem OP-Tag (OP-Tag: 1,5- bis 2-fache Dosis, falls keine Gabe am Vorabend) oder alternativ intravenös am OP-Tag erfolgen. Die empfohlene Erhaltungsdosis bei oraler Gabe ist 20–25 mg/kg (Erwachsene 1,0–1,5 g) 3–4 ×/Tag; bei intravenöser Gabe 10–15 mg/kg (Erwachsene 0,5–1 g) 3 ×/Tag (› Tab. K2-1).
Daten zur Dauerinfusion von Tranexamsäure liegen vor allem aus dem kardiochirurgischen Bereich vor (10). Es wird ein Bolus von 10 mg/kg gefolgt von einer Dauerinfusion mit 1 mg/kg/h empfohlen (8). Für Kinder (5–40 kg) werden zum Erlangen einer Zielkonzentration von 20 µg/ml andere Dosen angegeben (10):
  • Bolus 6,4 mg/kg und

  • Erhaltungsdosis bei

    • 5 kg: 3,1mg/kg/h

    • ≥ 10 kg: 2,7 mg/kg/h

    • ≥ 15 kg: 2,5 mg/kg/h

    • ≥ 20 kg: 2,3 mg/kg/h

    • ≥ 25 kg: 2,2 mg/kg/h

    • ≥ 30–<40 kg: 2,1 mg/kg/h

    • ≥ 40 kg: 2,0 mg/kg/h

Bei renaler Retention ist eine Dosisreduktion nach den Herstellerangaben notwendig. Die Therapiedauer sollte in Abhängigkeit vom Eingriff festgelegt werden. Bei Behandlungen über Monate sind in der Literatur überwiegend Nebenwirkungen, wie Nausea, Diarrhö und passagere Sehstörungen beschrieben (11).
Zur Prophylaxe und Behandlung von Blutungen im Mundschleimhautbereich sind Mundspülungen mit Tranexamsäure sinnvoll. Tranexamsäure kann in trinkbaren Flüssigkeiten verdünnt werden. Bei anschließendem Verschlucken ist die Menge in die Gesamtdosis mit einzurechnen.

Sonderfall: Blutungen des Urogenitaltrakts

Bei Nierenblutungen/Blutung der ableitenden Harnwege (Hämaturie) sollten Antifibrinolytika aufgrund der Gefahr der Bildung von abflussbehindernden Blutgerinnseln nicht oder nur unter konsequenter Beobachtung eingesetzt werden. Nierenblutungen können effektiv durch eine forcierte Diurese kontrolliert werden.

Desmopressin (DDAVP)

Desmopressin (Desamino-1-Cystein-8-D-Argininvasopressin, DDAVP) ist ein synthetischer Abkömmling des Vasopressins. Als selektiver Agonist am Argininvasopressinrezeptor-2 zeigt es einen antidiuretischen, aber keinen vasokonstriktorischen Effekt. Desmopressin kommt als prophylaktische und therapeutische Maßnahme bei vielen angeborenen Thrombozytenfunktionsstörungen infrage (12, 13).
Desmopressin wirkt vor allem über einen Anstieg des Von-Willebrand-Faktors und des Gerinnungsfaktors VIII. Der hämostatische Effekt kann bei angeborenen Thrombozytopathien stark variieren. Bei einer nicht klassifizierten Thrombozytopathie mit Verlängerung der Verschlusszeit am PFA 100®/200® kann eine Austestung mit diesem Gerät sinnvoll sein (AWMF-S2k-Leitlinie „Diagnose angeborener Störungen der Thrombozytenfunktion“, Register-Nr. 086-003, www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/086-003l_S2k_Thrombozytopathien_2012-10.pdf).
Bei Rezeptordefekten, wie der Thrombasthenie Glanzmann und dem Bernard-Soulier-Syndrom ist Desmopressin in der Regel nicht wirksam. Beim Plättchentyp-Von-Willebrand-Syndrom (Pseudo-Von-Willebrand-Syndrom) kann Desmopressin zu einer spontanen Plättchenaggregation und Thrombozytopenie führen und soll deshalb nicht eingesetzt werden.
Desmopressin kann intravenös, intranasal oder subkutan verabreicht werden (› Tab. K2-2), wobei die Subkutanapplikation als Antihämorrhagikum in Deutschland nicht zugelassen ist. Desmopressin kann als Kurzinfusion (Minirin® parenteral) oder intranasal (Octostim®-Nasenspray) angewendet werden. Bei operativen Eingriffen sollte die i.v. Gabe präferiert werden. Die intranasale Anwendung ist insbesondere bei Kleinkindern häufig unzuverlässig. Bei wiederholten Gaben ist mit einer raschen Tachyphylaxie der hämostatischen Wirkung zu rechnen. Die Kontrolle der Flüssigkeitszufuhr und der Serumelektrolytwerte (cave: Hyponatriämie) sowie die tägliche Gewichtsmessung sind insbesondere bei wiederholten Gaben wichtig.
Eine Kombination von Desmopressin mit Tranexamsäure ist sinnvoll.
Aufgrund der antidiuretischen Wirkung von Desmopressin besteht das Risiko von Wasserretention, Hyponatriämie, Hirnödem und Krampfanfällen. Daher wird bei Patienten mit Anfallsleiden, Nierenfunktionsstörungen und bei Kindern unter 3 Jahren die Gabe von Desmopressin grundsätzlich nicht empfohlen. Häufige Nebenwirkungen sind das Auftreten von Flush und Kopfschmerzen.

Sonderfall

Bei akuten Blutungen und Epistaxis sollen aufgrund des unsicheren Ansprechens intranasale Gaben vermieden werden.
Bei schweren Blutungen mit relevantem Blutverlust soll Desmopressin aufgrund der potenziellen Interaktion mit einer möglicherweise notwendigen Volumengabe nicht verabreicht werden.

Rekombinanter Faktor VIIa (rFVIIa) und Thrombozytenkonzentrate

Bei Patienten mit bekannter schwerer Blutungsneigung ist die perioperative Gabe von rFVIIa oder eines Thrombozytenkonzentrates zu erwägen (› Abschnitt „Thrombozytenkonzentrate“).

Hormone

Verstärkte Menstruationsblutungen sind ein typisches Symptom einer Störung der primären Hämostase bei Jugendlichen. Blutungslokalisation ist in der Regel das stimulierte Endometrium (4). Zum Erfassen und Abfragen einer verstärkten Blutung kann der Pictorial Blood Loss Assessment Chart verwendet werden (14). Zur Behandlung eignen sich Antifibrinolytika (› Abschnitt „Antifibrinolytika“). Eine hormonelle Behandlung der akuten Blutung kann nach vorliegenden Konsensusleitlinien erfolgen (3). Beachtet werden muss, dass in Deutschland und Österreich nur Ethinylestradiolkombinationspräparate und Medroxyprogesteron als Handelspräparate angeboten werden. Die Abklärung der Ursache einer verstärkten Menstruationsblutung und die Behandlung mit Hormonpräparaten bei Mädchen mit angeborenen Thrombozytopathien sollen immer in enger Abstimmung mit erfahrenen Endokrinologen/Kindergynäkologen erfolgen.

Thrombopoetin-Analoga

Für die Wirksamkeit der Thrombopoetin-Analoga bei angeborenen Thrombozytopathien gibt es keine Evidenz.

Allogene Stammzelltransplantation

Die allogene Stammzelltransplantation ist eine Behandlungsoption bei wenigen ausgewählten Patienten mit nicht beherrschbarer Blutungsneigung oder schweren assoziierten Erkrankungen. Dazu gehören die Thrombasthenie Glanzmann mit Antikörpern gegen das Integrin αIIbβ3 (GlykoproteinIIb/IIIa) und schwerer therapierefraktärer Blutungsneigung sowie syndromale Erkrankungen, wie das Wiskott-Aldrich-Syndrom, bei dem der Immundefekt im Vordergrund steht (15, 16).

Splenektomie

Eine Splenektomie bei Thrombozytopathie/-penie ist sehr selten sinnvoll.

Akute Blutung

Lokale Maßnahmen

Siehe hierzu › Abschnitt „Blutungsprophylaxe“.

Stufenplan

Für die rationale Behandlung der akuten Blutung wird ein Stufenschema empfohlen (› Abb. K2-1). Bei bekanntem Defekt orientiert sich die Behandlung nach den spezifischen Eigenschaften des Defekts.

Thrombozytenkonzentrate (TK)

Thrombozytentransfusionen werden zur Prophylaxe und Therapie von thrombozytär bedingten Blutungen eingesetzt. Die Indikationsstellung zur Thrombozytentransfusion ist abhängig von Thrombozytenzahl und -funktion, der Blutungssymptomatik und dem Blutungsrisiko sowie der Grunderkrankung.
Ferner gelten die Querschnitts-Leitlinien (BÄK) zur Therapie mit Blutkomponenten und Plasmaderivaten (hg. vom Vorstand der Bundesärztekammer auf Empfehlung des Wissenschaftlichen Beirats, 4. Aufl. 2014; www.bundesaerztekammer.de/fileadmin/user_upload/downloads/QLL_Haemotherapie_2014.pdf).
Herstellung und Eigenschaften
Thrombozytenkonzentrate können entweder aus Vollblut oder mittels Thrombozytapherese hergestellt werden. Das „Apherese-TK“ enthält die maschinell gewonnenen Thrombozyten eines Einzelspenders. Das „Pool-TK“ enthält die gepoolten Thrombozyten von 4–6 Spendern. In beiden Konzentraten sind im Durchschnitt 2–4 × 1011 Thrombozyten, die in ca. 300 ml Plasma oder Additivlösung (mit ca. 30% Restplasma) aufgeschwemmt sind. Eine geringe Menge an Erythrozyten und Leukozyten sind üblich.
Transfusion
Die Transfusion erfolgt über ein handelsübliches Transfusionsbesteck (170- bis 230-µm-Filter). Einmal geöffnete Beutelsysteme dürfen wegen der Gefahr einer bakteriellen Kontamination nicht mehr ins Lager zurückgenommen werden. Nach Transfusion werden ca. 60–70 % der Thrombozyten im Blutkreislauf angetroffen, der Rest reichert sich in der Milz an.
Auswahl des Thrombozytenkonzentrats
Der Therapieeffekt von „Apherese-“ und „Poolkonzentraten“ ist vergleichbar. Bei Patienten mit angeborenen Thrombozytopathien, die regelmäßig TK benötigen, sollten, so weit möglich, die entsprechenden HLA-Antigene berücksichtigt werden.
Patienten mit einer Thrombasthenie Glanzmann Typ I mit vollständigem Fehlen des Fibrinogenrezeptors (Integrin αIIbβ3 Glykoprotein IIb/IIIa CD41a) haben das höchste Risiko zur Entwicklung eines Thrombozyten-Antikörpers. Um das davon unabhängige Risiko für das Auftreten von HLA-Antikörpern zu reduzieren sind bei diesen Patienten Einzelspenderpräparate, also „Apherese-TK“, vorzuziehen.
Bei mangelndem Ansprechen sollen HLA-Antikörper und thrombozytenspezifische Antikörper zur optimalen Auswahl des Thrombozytenspenders bestimmt werden, um die Thrombozytentransfusion unter Berücksichtigung des individuellen Antikörpermusters zu ermöglichen.
Alle HLA-ausgewählten Thrombozytenkonzentrate, bei denen ein erhebliches Risiko für ein One-Way-HLA-Match (ca. 5%) vorliegt, sollen vor Transfusion bestrahlt werden.
Dosierung
Eine therapeutische Einheit (2–4 × 1011 Thrombozyten) für Erwachsene entspricht einer „Apherese-Spende“ oder einem „Pool-TK“ aus 4–6 Einzelspenden. Bei Kindern mit einem KG ≤ 15 kg sollen 10–20 ml TK/kg transfundiert werden. Bei einem KG > 15 kg soll die Erwachsenenstandarddosis verabreicht werden.
Monitoring
Bei einer akuten Blutung ist das Sistieren der Blutung die wichtigste Kontrolle des therapeutischen Effekts. Bei assoziierter Thrombozytopenie hilft die Beurteilung des Thrombozytenanstiegs. Bei der Thrombasthenie Glanzmann und dem Bernard-Soulier-Syndrom kann zur Ermittlung des Transfusionsbedarfs auch der entsprechende Nachweis von CD41/61 respektive CD42 positiven transfundierten Thrombozyten mittels Durchflusszytometrie zur Therapiekontrolle verwendet werden.

Sonderfall: Quebec-Syndrom

Beim Quebec-Syndrom kommt es zu einer Überexpression von Urokinase-Typ Plasminogenaktivator in den Thrombozyten mit konsekutivem proteolytischem Abbau mehrerer α-Granula-Proteine und Hyperfibrinolyse im Blutgerinnsel. Therapeutisch wird zur Blutungsprophylaxe und -stillung primär der Einsatz von Antifibrinolytika empfohlen (9).

Antifibrinolytika und Hormone

Siehe hierzu › Abschnitt „Antifibrinolytika“ und › Abschnitt „Hormone“.

Rekombinanter Faktor VIIa (rFVIIa)

Rekombinanter FVIIa ist für die Behandlung von Blutungen und zur Blutungsprophylaxe bei Thrombasthenie Glanzmann mit Thrombozytenalloantikörpern und früherem oder aktuellem Refraktärzustand auf die Transfusion von Thrombozytenkonzentraten zugelassen.
In der klinischen Praxis wird rFVIIa aber auch für Patienten mit diversen Thrombozytopathien, wie der Thrombasthenie Glanzmann ohne Antikörper und dem Bernard-Soulier-Syndrom mit/ohne Antikörper erfolgreich eingesetzt (17). Oftmals wird rFVIIa auch dazu verwendet, um den Bedarf von Thrombozytenkonzentrattransfusionen zu vermeiden bzw. zu reduzieren (18).
Wenn durch allgemeine und lokale Maßnahmen keine Blutstillung zu erwarten ist oder erreicht werden kann, soll rFVIIa frühzeitig nach Beginn der Blutung eingesetzt werden (19). Die empfohlenen Dosen für die wiederholte Bolusapplikation schwanken zwischen 80 bis 120 µg/kg KG rFVIIa alle 2–4 h (20). In Einzelfällen wurden thromboembolische Komplikationen beschrieben (20). Eine Kombination mit Tranexamsäure ist zu empfehlen.
Verfahren zur Konsensbildung
Die vorliegende Leitlinie wurde unter Leitung der Ständigen Kommission Pädiatrie der Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung durch die Mitglieder Werner Streif, Ralf Knöfler und den Vorsitzenden Wolfgang Eberl erstellt.
Weitere Autoren
O. Andres, T. Bakchoul, F. Bergmann, K. Beutel, R. Dittmer, S. Gehrisch, S. Gottstein, S. Halimeh, J. Haselböck, W. Hassenpflug, S. Heine, S. Holzhauer, S. King, C. M. Kirchmaier, M. Krause, W. Kreuz, S. Lehners, W. Lösche, R. Mahnel, A. Nimtz-Talaska, M. Olivieri, H. Rott, C. M. Schambeck, A. Schedel, F. H. Schilling, M. Schmugge, R. Schneppenheim, U. Scholz, T. Scholz, H. Schulze, A. Siegemund, G. Strauß, K. W. Sykora, C. Wermes, V. Wiegering, I. Wieland, B. Zieger, R. B. Zotz
Korrespondenzadresse
Prof. Dr. med. Ralf Knöfler
Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin
Universitätsklinikum Carl Gustav Carus an der Technischen Universität Dresden
Fetscherstr. 74
01307 Dresden

Literatur

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