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B978-3-437-26803-8.00022-1

10.1016/B978-3-437-26803-8.00022-1

978-3-437-26803-8

Abb. 22.1

[J787]

Unterschiedliche Aspekte des Alter:AspekteAlters und des alten Menschen. Alle abgebildeten Menschen sind älter oder alt und doch völlig unterschiedlich – jeder Versuch, ein einheitliches Bild des alten Menschen zu zeichnen, muss scheitern.

Abb. 22.2

Verschiedene Altern:VerlaufAlterungsverläufe (verändert nach Nikolaus und Zahn). Linie 1: Stark beschleunigter Alterungsprozess ab dem sechsten Lebensjahr bei Progerie (vorzeitige Vergreisung). Linie 2: Risikofaktoren (Bluthochdruck, Rauchen) führen zu einer schnelleren Alterung. Nach einem Akutereignis (z. B. Schlaganfall) kann durch therapeutische Intervention eine Besserung der Lebenserwartung und der Lebensqualität erreicht werden (gestrichelte Linie). Linie 3: Rasche Funktionsbeeinträchtigung und mehrjährige Phase der Behinderung und Pflegeabhängigkeit, wie sie für Demenzkranke typisch ist. Linie 4: „Normales“ AlternAltern:normales. Bis ins hohe Alter bestehen nur leichte Beeinträchtigungen. Die Phase von Behinderung und Pflegeabhängigkeit ist auf wenige Monate beschränkt (durch Therapien oft aber erheblich verlängert). Linie 5: Idealtypischer Verlauf des Alterns („in hohem Alter auf der Parkbank entschlafen“).

Abb. 22.3

[J787]

Als Senior-Senior-BeraterBerater noch mal etwas Neues kennenlernen oder sich ausruhen – beides kann zufrieden oder unglücklich machen.

Abb. 22.4

[V655]

AlterssimulationsanzugAlterssimulationsanzug (hier AgeExplorer.de®). Mit einem Alterssimulationsanzug eine Tasse Kaffee einzuschenken macht die Einschränkungen alter Menschen „fühlbar“ und lässt verstehen, warum alte Menschen mit so vielen Alltagstätigkeiten Probleme haben und lange dafür brauchen.

Abb. 22.5

[J787]

Krise Tod. HinterbliebeneVerluste nahestehender Menschen, von Freunden, Verwandten und vielleicht des Ehepartners, häufen sich im Alter. Bei sehr alten Menschen kann es sein, dass sie die letzten Überlebenden von mehreren Geschwistern oder vielen Cousins sind – keine leichte Situation.

Abb. 22.6

[W193]

Der Altersaufbau der deutschen Bevölkerung, AltersaufbauBevölkerung von 1910 bis 2060 (geschätzt).

Abb. 22.7

[J787]

GehhilfenGehhilfen zu akzeptieren fällt vielen alten Menschen anfangs sehr schwer. Richtig angepasst, ermöglichen sie aber vielen Menschen Mobilität und soziale Kontakte und beugen (weiterem) Funktionsabbau und Stürzen vor.

Abb. 22.8

[Foto: J787]

Sich in einen Demenzkranken hineinzuversetzen, sich immer wieder zu verdeutlichen, wie schwer ein Leben ohne Erinnerungen ist, hilft „verrücktes“ oder „paranoides“ Verhalten zu verstehen und erleichtert den Umgang.

Übersicht über die Abnahme von Organfunktionen, AbnahmeOrganfunktionen, AbnahmeOrganfunktionen, AbnahmeOrganfunktionen, AbnahmeOrganfunktionen im Alter.

Tab. 22.1
Altersbedingte Veränderungen Folgen und mögliche Probleme
Herz-Kreislauf-System
  • Herzmuskelhypertrophie und -umbau (vermehrtes Bindegewebe) in Arbeitsmyokard und Erregungsleitungssystem

  • Abnahme der Koronardurchblutung

  • Abnehmende Elastizität der Gefäße

  • Verlangsamte Kreislaufreflexe

  • Abnahme von maximaler Herzfrequenz, Herzkraft, Herzschlag-, Herz-Zeit-Volumen

  • Verminderte körperliche Belastbarkeit, z. B. bei Anstrengung, in Höhe, perioperativ

  • Systol. und diastol. Blutdruckanstieg

  • Neigung zu orthostatischer Blutdruckregulationsstörung

Atmungssystem
  • Abnahme der Thoraxbeweglichkeit

  • Elastizitätsverlust der Lungen

  • Verlust an Alveolen

  • Abnahme des Flimmerepithels

  • Abnahme von Atemvolumina und maximaler Sauerstoffaufnahme

  • Geringere Leistungsreserven, z. B. bei Anstrengung, in Höhe, perioperativ

  • Höheres Infektionsrisiko

Bewegungsapparat
  • Abnahme von Mineralgehalt und Knochendichte

  • Dünner-/Rauerwerden des Gelenkknorpels

  • Abnahme von Muskelmasse und -kraft (Einlagerung von Fett- und Bindegewebe)

  • Osteoporose, höhere Frakturneigung

  • Schmerzen v. a. bei Gelenkbelastung

  • Geringere Kraft und Leistung

  • Schwäche

  • Gangunsicherheit, Stürze, Mobilitätseinschränkung

Harnsystem
  • Abnahme von Nierendurchblutung, glomerulärer Filtrationsrate, Konzentrations- und Verdünnungsfähigkeit

  • Vermindertes Durstempfinden

  • Abnahme des Blasenfassungsvermögens

  • Schwäche der Beckenbodenmuskulatur, geringerer Harnröhrenverschlussdruck

  • Bei Männern Prostatavergrößerung

  • Elektrolytstörungen

  • Labilerer Wasserhaushalt

  • Störungen der Blutdruckregulation

  • Langsamere Ausscheidung von Medikamenten

  • Häufiger nächtliches Wasserlassen

  • Verminderte Drangzeit, Urininkontinenz

Verdauungssystem und Stoffwechsel
  • Zahnverlust

  • Verminderte propulsive Darmbewegungen

  • Veränderte Darmflora

  • Verminderte Leberenzymleistung

  • Essprobleme (Förderung von Mangelernährung)

  • Obstipationsneigung

  • Geringere Alkoholverträglichkeit

  • Langsamere Ausscheidung einiger Medikamente

Hormonsystem und Stoffwechsel
  • Verminderter Grundumsatz

  • Abfallende Spiegel vieler Hormone, besonders der Geschlechtshormone bei Frauen

  • Bei nicht angepasster Energiezufuhr Förderung von Adipositas

  • Bei Frauen Erlöschen der Fruchtbarkeit

  • Schlechtere Glukosetoleranz

  • Sonst eher geringe klinische Folgen

Immunsystem
  • Abnahme der zellulären und humoralen Abwehr

  • Verminderte Entzündungsantwort

  • Höhere Infektionsanfälligkeit

  • Zunahme bösartiger Tumoren

  • Anderes klinisches Bild von Infektionen

Nervensystem
  • Verlust von Nervenzellen und Synapsen

  • Abnahme der Transmitterkonzentrationen

  • Zunahme der Gliazellen

  • Ausbildung seniler Plaques, fibrillärer Veränderungen

  • Verminderte Nervenleitgeschwindigkeit

  • Durchblutungsminderung

  • Langsamere Informationsverarbeitung und Reaktionsgeschwindigkeit

  • Sinkende Gedächtnisleistungen

  • Aber: Langer Erhalt und Trainierbarkeit geistiger Fähigkeiten durch hohe Plastizität des Gehirns

Augen
  • Trübung und Elastizitätsverlust von Linse und Hornhaut, Glaskörpertrübung

  • Langsamere Pupillenreflexe, nicht mehr so weite Pupillenöffnung

  • Nachlassendes Farbensehen

  • Einschränkung der Nahakkommodation (Alterssichtigkeit)

  • Nachlassende Sehschärfe, verschwommenes Sehen

  • Vermehrter Lichtbedarf

Ohren
  • Verlust von Sinneszellen der Cochlea

  • Degenerative Veränderungen des Hörnervs

  • Schwerhörigkeit, zunächst für hohe Töne, dann auch gestörtes Sprachverstehen

Geschmacks- und Geruchssinn
  • Abnahme der Geschmacksknospen und Riechzellen

  • Unlust am Essen (Förderung von Mangelernährung)

  • Vermindertes Riechvermögen

Haut, Haare
  • Abnehmender Hautturgor

  • Erhöhte Verletzbarkeit, verlangsamte Wundheilung

  • Ergrauen der Haare, Haarausfall

  • Meist v. a. kosmetische Bedeutung

  • Erhöhtes Dekubitusrisiko

Typische Symptome der Demenz.

Tab. 22.2
Demenzbedingte Änderungen …
… im intellektuellen und kognitiven Bereich
  • Gedächtnisstörungen

  • Zerstreutheit, Konzentrationsstörungen

  • Orientierungsstörungen zu Ort, Zeit (Verlust des Tag-Nacht-Rhythmus), Situation, Personen

  • Probleme im sprachlichen Ausdruck/Sprachverständnis

  • Apraxien („Vergessen“ von Handlungsabläufen, z. B. Ankleiden)

… in Stimmung und Befindlichkeit
  • Interesselosigkeit

  • Affektiver Rückzug

  • Ängstlichkeit

  • Stimmungslabilität und Neigung zu diffuser Verstimmtheit

… im Verhalten
  • Apathie

  • Reizbarkeit, Aggressivität

… in den körperlichen Funktionen
  • In fortgeschrittenen Stadien zunehmender körperlicher Abbau bis zu völliger Pflegebedürftigkeit, Harn- und Stuhlinkontinenz

Der ältere Mensch

Lernzielübersicht

Was ist Altern?

  • AlternAltern ist ein biologisch vorbestimmter, unumkehrbarer Prozess, der sich nur schlecht definieren lässt.

Die unterschiedlichen Alterstheorien

  • Altern vollzieht sich auf biologischer, psychischer und sozialer Ebene. Keine der mehreren hundert Alterstheorien kann Altern umfassend und schlüssig erklären.

  • Bei den biologischen Alterstheorien gibt es zwei große Gruppen: Die einen sehen Altern als genetisch vorbestimmt, die anderen als exogen verursacht. Tatsächlich ist Altern wohl multifaktoriell bedingt und nicht zu verhindern.

  • Psychosoziale Alterstheorien fragen nach den Bedürfnissen des alten Menschen in seinem Bezug zur Gesellschaft (Aktivität? Rückzug?).

Die Veränderungen der Organsysteme im Alter

  • Alle Organsysteme altern. Folge ist eine nachlassende Anpassungsfähigkeit der Organsysteme (und damit des Gesamtorganismus).

  • Altern ist zwar nicht zu verhindern, aber zu beeinflussen. Es unterliegt großen individuellen Schwankungen.

Altern und Gesellschaft

  • Altern ist in unserer Gesellschaft eher negativ besetzt.

  • Alterungsprozesse schränken vor allem über 75-Jährige im Alltag ein bis hin zur Pflegebedürftigkeit. Durch die zunehmende Lebenserwartung wird die Zahl der Pflegebedürftigen in den nächsten Jahrzehnten erheblich zunehmen.

Die häufigsten gesundheitlichen Probleme älterer Menschen

  • Immobilität, Stürze und Verwirrtheit sind charakteristische medizinische Störungen im Alter, die oft zur Krankenhauseinweisung führen.

  • Eine besondere Rolle nimmt die Demenz ein. Sie ist die häufigste Ursache von Pflegebedürftigkeit im Alter, ihre häufigste Form, die Alzheimer-Demenz, ist bis heute unheilbar.

Was ist Altern?

Die Frage, was Altern ist und wann es beginnt, lässt sich kaum beantworten, denn es gibt bis heute keine einheitliche Definition des Alterns.
Die umfassendste Definition, wie sie etwa von dem Mediziner Max Bürger Mitte des letzten Jahrhunderts geprägt wurde, bezeichnet Altern als „… jede irreversible Veränderung der lebenden Substanz als Funktion der Zeit“.
Altern, Altersdefinitionso verstanden, beginnt nicht erst in höherem Lebensalter, sondern bereits bei der Geburt. Es beinhaltet damit beispielsweise auch die Entwicklung eines Kindes hin zum Erwachsenen.
Vier Kriterien, die Alterungsvorgänge kennzeichnen
Für den Alltag erscheint diese Alternsdefinition zu breit. Vier Kriterien helfen, Alterungsprozesse weiter einzugrenzen:
  • Alterungsvorgänge sind universal, sie sind für alle höheren Lebewesen gültig

  • Sie sind irreversibel, also unumkehrbar

  • Sie sind schädlich im Sinne einer verminderten Anpassungsfähigkeit für das betroffene Individuum

  • Sie sind biologisch-genetisch vorherbestimmt und damit nicht zu verhindern. Entsprechend lässt sich auch eine maximale Lebenserwartung festlegen – für den Menschen liegt sie bei etwa 120 Jahren.

Versuch einer Definition des alten Menschen
Die „Grenze“ zwischen Erwachsenenalter und Alter:DefinitionAlter (1.4) ist willkürlich. Im deutschsprachigen Raum wird sie meist bei 60–65 Jahren angesetzt und liegt damit nahe dem Zeitpunkt des Ausscheidens aus dem Berufsleben.
Infolge der erheblich gestiegenen Lebenserwartung dauert die Phase des Alters nicht selten über eine ganze Generation und umfasst den hoch aktiven Mittsechziger ebenso wie den bettlägerigen, pflegebedürftigen 90-Jährigen (Abb. 22.1). Deshalb wird das Alter weiter unterteilt:
  • Menschen bis 75 Jahre werden meist als ältere Menschen („junge Alte“) bezeichnet

  • Menschen zwischen 75 und 90 Jahren gehören zu den alten Menschen (gelegentlich auch „alte Alte“ genannt)

  • 90- bis 100-Jährige bilden die Gruppe der sehr alten Menschen oder Hochbetagten

  • Über 100-Jährige werden LanglebigeLanglebige genannt.

Diese Einteilung ist allerdings ebenfalls willkürlich und zudem nicht einheitlich.
Gerontologie, Geriatrie und Altenpflege
Die Wissenschaft von den körperlichen, psychischen und sozialen Vorgängen des Alterns heißt GerontologieGerontologie (AlternsforschungAlternsforschung, geron = Alter), die Lehre von den Krankheiten des alternden und alten Menschen GeriatrieGeriatrieGeriatrie (AltersheilkundeAltersheilkunde).

Pflege alter Menschen

Die Altenpflege wird durch den zunehmenden Anteil älterer Menschen in allen Bereichen der ambulanten und stationären Pflege an Bedeutung gewinnen. Pflegende alter Menschen benötigen durch die im Alter häufigeren Erkrankungen mit ihren gegenseitigen Beeinflussungen fundiertes medizinisches und (allgemein-)pflegerisches Wissen.

Die unterschiedlichen Alterstheorien

Altern beeinflusst alle Aspekte menschlichen Seins. Es ist ein biologischer, psychischer und sozialer Prozess.
Es gibt zwar mehrere hundert Alterstheorien, die den Alterungsvorgang in seinen Dimensionen zu beschreiben, erklären oder ergründen versuchen. Jede davon hat jedoch ihre Mängel, keine ist allumfassend und schlüssig. Entsprechend gibt es auch noch kein Mittel, um Altern zu verhindern, allen Anti-Aging-Produkten zum Trotz. Höchstwahrscheinlich finden die Vorgänge des Alterns auf verschiedenen Ebenen statt, und die verschiedenen Alterstheorien ergänzen einander.

Die biologischen Alterstheorien

Biologische Alterstheorien Alterstheorie:biologischekonzentrieren sich auf die Struktur- und Funktionsveränderungen von Zellen, Organen und Organismus und fragen nach den Ursachen des Alterns. Ganz grob lassen sich zwei große Gruppen unterscheiden:
  • Eine Gruppe von Theorien sieht den Alterungsprozess als Folge endogener Faktoren. Das Altern ist im Menschen verankert, also genetisch vorherbestimmt

  • Die zweite Gruppe sieht exogene, also von außen kommende Einflüsse als Auslöser des Alterns.

Das Altern als genetisch vorbestimmtes Geschehen
Innerhalb einer Art (also Individuen weitgehend gleichen Erbguts) differiert die Lebenserwartung vergleichsweise wenig, zwischen verschiedenen Arten jedoch stark. So leben Fliegen im Mittel 30 Tage, Kaninchen 6 Jahre und Pferde 25 Jahre. Auch innerhalb einer Art zeigt sich eine starke Erblichkeit der Lebenserwartung: Kinder langlebiger Eltern leben meist erheblich länger als der Durchschnitt der Bevölkerung.
  • Bei der GenregulationsmodellGenregulationstheorie werden für die Lebensphasen Entwicklung, Fortpflanzung und Alter jeweils verschiedene Abschnitte des Genoms (Erbguts) als zuständig bzw. aktiviert angenommen. Gene, die den Alterungsvorgang (mit) steuern, Gerontogeneheißen Gerontogene. Vieles diesbezüglich ist noch unklar. Sicher beeinflussen aber zahlreiche Gene den Alterungsvorgang und wird nicht eine genaue Zahl von Lebensjahren im Erbgut festgelegt

  • An den Chromosomenenden befinden sich DNA-Abschnitte, die Telomer-Theorieals TelomereTelomere bezeichnet werden und denen eine „Schutzkappenfunktion“ zugeschrieben wird. Bei jeder Zellteilung werden diese Telomere ein Stück kürzer. Die Telomertheorie geht davon aus, dass die Telomerlänge die Zahl der möglichen Zellteilungen und damit das menschliche Leben begrenzt (Telomere als „biologische Sanduhr“, Hayflick-Hayflick-LimitLimit). Das Enzym TelomeraseTelomerase, das nur in Keimbahn- und Embryonalzellen (sowie Tumorzellen!) aktiv ist, kann verkürzte Telomere wieder verlängern

  • Nach der Somatische Mutationstheoriesomatischen Mutationstheorie, somatischeMutationstheorie lassen mit dem Alter die zelleigenen DNA-Reparaturmechanismen nach, welche die ständig entstehenden Mutationen beseitigen. Folgen sind Veränderungen und Funktionsstörungen von Eiweißen und Enzymen, die schließlich zu Altern und Tod des Menschen führen.

Das Altern als Folge exogener Einflüsse
Äußere Einflüsse sind sicher nicht alleinige Erklärung des Alterns, da Altern dann zu verhindern wäre. Sie haben aber gewiss Einfluss auf die Geschwindigkeit des Alterns.
Eine der wichtigsten Theorien aus dieser Gruppe ist die Theorie der Freie Radikalefreien Theorie:der freien RadikaleRadikale: Bei vielen Stoffwechselprozessen entstehen als giftige Nebenprodukte hoch Radikale:hoch reaktivereaktive Radikale (2.4.2), vor allem Sauerstoffradikale, Sauerstoffradikalewelche Membranproteine, Enzyme, Kohlenhydrate, Mitochondrien und DNA verändern bzw. schädigen. Diese punktuellen Schäden häufen sich an und führen so zu einem allgemeinen Funktionsrückgang der Zellen.
Endogene Radikalquellen sind z. B. Stress, Entzündungen oder starke körperliche Belastungen. Beispiele für exogene Radikalquellen sind Rauchen, Alkohol, UV-Strahlen (Sonnenbaden), Umweltchemikalien, aber auch einige Medikamente.
Umgekehrt ist es bei einigen Organismen gelungen, durch Kalorienrestriktion und damit Stoffwechselreduktion das Leben zu verlängern, allerdings um den Preis einer verminderten bis aufgehobenen Fortpflanzungsfähigkeit. Ob eine Radikalreduktion die Ursache für die Lebensverlängerung ist, ist unklar.
Die Zellen besitzen entgiftende Enzyme zur Neutralisation dieser Radikale:Theorie der freienRadikale. Der Gehalt an entgiftenden Enzyme:entgiftendeEnzymen (Superoxid-DismutaseKatalaseinsbesondere Superoxid-Dismutase, Katalase Glutathion-Peroxidaseund Glutathion-Peroxidase) in den Zellen einer Art korreliert sehr gut mit der Lebensspanne dieser Art. So enthalten z. B. Zellen der Menschenaffen bei etwa hälftiger Lebensspanne auch nur halb so viel dieser Enzyme wie menschliche Zellen.
Das Altern als multifaktorieller Prozess

Merke

AlterungsprozessAlterungsprozessAltern und Tod des Menschen sind unausweichlich und wesentlich genetisch bestimmt. Exogene Einflüsse können den Alterungsprozess aber (erheblich) beschleunigen oder verzögern: Viele Alterungsvorgänge, z. B. der Lunge, werden durch zusätzliche Schädigungen (etwa Rauchen) verstärkt und dadurch erst klinisch bedeutsam.

Auf der anderen Seite lassen sich zahlreiche körperliche und geistige Funktionen noch bis ins hohe Alter trainieren. Körperliche Bewegung mindert nicht nur den Muskelschwund, sondern nach heutigem Kenntnisstand auch das Demenzrisiko, und ein geistig aktiver und geübter alter Mensch kann ein besseres Gedächtnis haben als ein durchschnittlich trainierter junger Mensch. Und schließlich spielt auch der Zufall eine Rolle.

Aus dem Zusammenspiel verschiedenster endogener und exogener Faktoren ergeben sich individuell ganz unterschiedliche Alterungsverläufe. Trotzdem lassen sich typische Alterungsverläufe ausmachen (Abb. 22.2).

Die psychosozialen Alterstheorien

Psychosoziale Alterstheorien Alterstheorie:psychosozialefokussieren auf die Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft: Wie nehmen der Einzelne und die Gesellschaft Altern und Alter wahr, ist Altern in Zufriedenheit möglich? Auch hier gibt es die verschiedensten Theorien (alle stark vereinfacht):
  • Defizittheorie. Die DefizittheorieDefizittheorie ist einseitig mängelzentriert – Altern wird als Abfolge von Einschränkungen und Aufgeben von Rollen gesehen

  • Kompetenztheorie. Der Mensch möchte sich als Kompetenztheoriekompetent und fähig erleben

  • Aktivitätstheorie. AktivitätstheorieZufriedenheit im Alter bedeutet Aktivität, „Gebrauchtwerden“ (Abb. 22.3)

  • DisengagementtheorieDisengagementtheorie. Alte Menschen möchten sich aus der Gesellschaft zurückziehen, sich ausruhen und nicht mehr arbeiten müssen („verdienter Lebensabend“ Abb. 22.3)

  • Kontinuitätstheorie. KontinuitätstheorieWichtig für die Zufriedenheit ist v. a., Lebenssituation und Lebensstil beibehalten zu können

  • Theorie der selektiven Optimierung mit Kompensation (SOK).Theorie:der selektiven Optimierung mit Kompensation (SOK) Verluste sind im Alter zwangsläufig. „Erfolgreich altern“ heißt Ausnutzung noch vorhandener Ressourcen bei gleichzeitigem Ausgleich von Defiziten (durch andere Fähigkeiten, aber auch Hilfsmittel).

Die etwas überspitzten Formulierungen machen deutlich, dass auch hier jede der Theorien Wahrheit in sich trägt, aber keine allen Menschen gerecht wird. So ist die Aktivitätstheorie sicher ganz wichtig für den Erhalt der Selbstständigkeit. Andererseits trägt sie der unterschiedlichen Persönlichkeit und den geringeren Reserven alter Menschen nicht Rechnung. Und im Widerspruch zur Kontinuitätstheorie kann es auch zufrieden machen, sich nach der Berentung einen lang gehegten Traum zu erfüllen und sein Leben neu zu gestalten.

Die Veränderungen der Organsysteme im Alter

AltersveränderungenAltersveränderungen treten, wie in den vorangegangenen Kapiteln bereits dargestellt, an allen Organen auf, wobei die verschiedenen Organsysteme beim Einzelnens unterschiedlich schnell altern können. Tab. 22.1 gibt noch mal eine zusammenfassende Übersicht.
Die Alterungsprozesse schränken die Anpassungsfähigkeit zunehmend ein – die Funktionsreserve der Organsysteme wird immer kleiner. Zunächst geschieht dies unmerklich, dann treten bei starken Belastungen erste Einschränkungen auf, schließlich wird schon bei kleinen Belastungen und Störungen offenbar, dass „es nicht mehr so geht“ wie in jungen Jahren.

Pflege alter Menschen

Auch wenn ein alter Mensch noch „fit“ erscheint – schon bei einer harmlosen Erkrankung kann das nur noch labile Gleichgewicht kippen und sich der Gesundheitszustand deutlich verschlechtern.

Von entscheidender Bedeutung in der AltenpflegeAltenpflege sind das Wissen um die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen altersbedingten Veränderungen der Organsysteme und, darauf aufbauend, entsprechende Vorsichtsmaßnahmen zur Vermeidung von Komplikationen.

Das Instant Aging
Vielen Menschen fällt es schwer, sich die altersbedingten Einschränkungen vorzustellen.
Instant AgingBei Instant Aging wird durch spezielle Simulationsanzüge (u. a. mit Spezialbrille, Ohrenstöpseln, Halskrawatte, Spezialweste, Handschuhen und Gelenkbandagen Abb. 22.4) versucht, das eingeschränkte Bewegungs-, Seh- und Hörvermögen eines älteren Menschen zu simulieren. Scheinbar banale Alltagstätigkeiten werden damit zu einer echten Herausforderung und manche Aufgaben völlig unlösbar.
Teilnehmer solcher Versuche und Schulungen sind insgesamt sensibler gegenüber den Problemen älterer Menschen. Sie achten z. B. mehr darauf, wie der Betreffende wohl mit seinem Essen zurechtkommt, und ordnen seltener Dosierungen halber Tabletten an.
Das biografische und biologische Alter
Zwei Menschen können unterschiedlich gealtert sein, obwohl sie im gleichen Jahr geboren wurden.
Die Gerontologie unterscheidet daher zwischen biografischem (kalendarischem, chronologischem) Alter und biologischem Alter.
  • Das biografische Alter:biografisches/biologischesAlter bezeichnet das am Kalender ablesbare Alter eines Menschen und ist somit einfach festzustellen

  • Demgegenüber informiert das biologische Alter über den aktuellen Gesundheitszustand und die Belastbarkeit eines Menschen. Ein biografisch 85-Jähriger, aber biologisch 75-Jähriger ist überdurchschnittlich rüstig und evtl. auch für große Operationen ohne Einschränkung geeignet. Ein biografisch 71-Jähriger, aber biologisch 80-Jähriger hingegen ist vorgealtert. Es gibt zwar mittlerweile Instrumente zur Schätzung des biologischen Alters, genau zu bestimmen ist es aber bislang nicht.

Altern und Gesellschaft

Das Altern in unserer Gesellschaft

Unsere Gesellschaft – zwiespältige Einstellung
In unserer Gesellschaft ist das Verhältnis zum AlternAltern:und Gesellschaft und zum alten Menschen zwiespältig: einerseits Jugendwahn und Ablehnung alter Menschen (nach wie vor Herausdrängen aus dem Berufsleben trotz gegenteiliger Appelle und Beteuerungen, Betrachtung als Kostenfaktor in der Kranken-, Pflege- und Rentenversicherung), andererseits zunehmendes Umwerben der alten Menschen als Konsumenten und im Dienstleistungssektor bis hin zur Bevormundung. Die insgesamt eher negative Haltung zum alten Menschen („jeder will alt werden, aber keiner will alt sein“) erleichtert es dem älteren Menschen nicht, die Veränderungen an sich selbst zu akzeptieren.
Zu hoffen bleibt, dass der zunehmende Nachwuchsmangel in der Arbeitswelt nicht nur zu einer der Not gehorchenden Wiedereinstellung älterer Arbeitnehmer führt, sondern zu einer echten Wertschätzung ihrer Erfahrung und Zuverlässigkeit.
Das soziale Altern
Altern:sozialesTraditionelle Rollenerwartungen orientieren sich vielfach an der Defizit- und Disengagementtheorie (22.2.2). Entsprechend unterstützen sie den alten Menschen zwar, fördern aber Passivität und engen seinen Verhaltensradius eher ein. Dadurch gehen körperliche, geistige und soziale Fähigkeiten mehr als nötig verloren. Die viele alte, insbesondere mobilitätseingeschränkte Menschen belastende Vereinsamung hat den gleichen Effekt: Besonders kommunikative und soziale Fähigkeiten werden nicht mehr in Anspruch genommen und verkümmern.
In diesem Sinn kann in Analogie zum biologischen Altern vom sozialen Altern gesprochen werden, wobei darunter insbesondere der Verlust psychophysischer Lebenskräfte und damit sozialer Aktionsmöglichkeiten zu verstehen ist.

Pflege alter Menschen

Eine ungünstige soziale Umgebung führt zum vorzeitigen Bedarf an pflegerischer Hilfe. Umgekehrt wirken sich soziale Kontakte und Aktivitäten günstig aus.

Die alten Menschen – sehr unterschiedlich
Ältere und alte Menschen sind sehr unterschiedlich:
  • Viele ältere Menschen haben zwar „Zipperlein“ und teils ernsthafte chronische Erkrankungen, diese sind aber im Alltag oft kompensiert und schränken auch Aktivitäten wie Sport oder Reisen nur wenig ein. Meist erst bei den über 75-Jährigen werden Krankheit und Pflegebedürftigkeit zum Problem

  • Die älteren Menschen haben ganz unterschiedliche Vorstellungen von ihrem „RuhestandRuhestand“: Die Palette reicht von gar keinen Vorstellungen und „ewigem Urlaub“ über die intensivere Beschäftigung mit der Familie, Hobbys oder ehrenamtlichen Tätigkeiten bis hin zur Seniorenuniversität oder Auslandseinsätzen im ehemaligen Beruf

  • Auch die finanziellen Möglichkeiten der älteren Menschen sind sehr unterschiedlich: Nicht wenige RentnerhaushaltRentnerhaushalte haben z. B. durch betriebliche Altersvorsorge oder Ersparnisse ein recht hohes Pro-Kopf-Einkommen, andererseits ist AltersarmutArmut gerade bei älteren, verwitweten Frauen ohne eigene Rentenansprüche und ohne Ersparnisse ein echtes Problem, das die Bewältigung des Alltags massiv erschwert.

Hinzu kommen unterschiedliche Persönlichkeiten. Jeder nimmt es als selbstverständlich, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene völlig unterschiedliche Charakterzüge und Vorlieben haben. Bei alten Menschen ist dies nicht anders. Auch das bisher gelebte Leben prägt einen Menschen.

Pflege alter Menschen

Es gibt nicht „den“ alten Menschen. Pflege alter Menschen bedeutet auch, von Klischees Abschied zu nehmen und auf die unterschiedlichen Fähigkeiten, Ressourcen, Interessen und Vorlieben der alten Menschen einzugehen. Ein Grundsatz in der Pflege alter Menschen ist aber die aktivierende Pflege:aktivierendePflege.

Das Altern als Anpassung an Krisen
Trotz aller Unterschiede gibt es gemeinsame Problemfelder:
Alter:KrisenKrise BerentungBerentungBerentung. Erste große Krise des älteren Menschen ist der Abschied vom Berufsleben. Selbst eine zuvor herbeigesehnte Berentung kann innerhalb weniger Monate zur Lebenskrise werden: Jahrzehntelang waren Alltag wie auch Jahreszyklus durch den Beruf klar strukturiert und damit – selbst wenn die Arbeit als Last empfunden wurde – sinnerfüllt. Dieser „Taktgeber“ und „Sinnstifter“ fällt nun weg. Der Betroffene muss seinen Tagesablauf selbst gestalten. Nicht nur für den Rentner selbst, auch für dessen Partner ist die Umstellung häufig eine Belastung. Die meisten Ehefrauen klagen, dass sie sich ihre Zeit nicht mehr selbst einteilen können, und fühlen sich vom Ehemann eher kontrolliert und bei der Hausarbeit gestört als entlastet. Einige Paare beginnen sich regelrecht auf die Nerven zu gehen. Verschärft wird die Problematik evtl., wenn das verfügbare Einkommen sinkt, weil keine Ersparnisse oder andere Einkommen neben der Rente bestehen.
Krise Krankheitskrise, AlternKrankheit. Auch wenn der gesundheitliche Zustand heute 70-Jähriger durchschnittlich besser ist als vor 20 Jahren: Es ist nicht zu leugnen, dass Krankheiten im AlterAltern:und Erkrankungen zunehmen (22.5). Ältere und alte Menschen müssen verarbeiten, dass viele Krankheiten nicht mehr ausheilen, sondern bis zum Lebensende bestehen bleiben.
Bei einigen alten Menschen löst dieses Bewusstsein eine tiefe Krise aus, bei anderen verlagert sich der Fokus unbewusst immer mehr auf den Gesundheitszustand. Ein anderer Lebenssinn als die Bewältigung des gefährdeten Gesundheitszustands (des eigenen oder des Partners) und als die völlige Fixierung des Alltags auf das Management der Krankheiten scheint nicht mehr zu existieren.
Krise Tod. Noch eingreifender ist der Tod, PartnerTod nahestehender Menschen (Abb. 22.5), allen voran des Ehepartners. Der Hinterbliebene fühlt sich oft wie gelähmt, leer und sinnlos. In dieser Situation verstärken sich viele Gesundheitsprobleme (z. B. ist die Sterberate frisch verwitweter Frauen über 2–3 Jahre erhöht). Aber es gelingt vielen Witwen und Witwern nach einer gewissen Trauerzeit (½–2 Jahre), zu einem neuen Lebensrhythmus zu finden, indem sie sich neuen Lebensinhalten zuwenden. So kann eine Seniorensportgruppe positive Körpererfahrungen (wieder)bringen. Noch wichtiger ist ein (neu geknüpftes) Netz sozialer Kontakte, wo sich die Hinterbliebenen in ihrem Selbst bestätigt finden.

Merke

Nach heutiger Kenntnis ist die Zufriedenheit im Alter:ZufriedenheitAlter weniger von den tatsächlichen Problemen wie Rentenhöhe, Krankheiten oder Einsamkeit abhängig als vielmehr von der Fähigkeit, Krisen zu bewältigen, und der Bewertung der Lebenssituation und des bisherigen Lebens durch den Einzelnen. Die Bewältigung von Krisen wird entsprechend von vielen Autoren als entscheidende Entwicklungsaufgabe des alten Menschen gesehen.

Die Betreuung alter Menschen umfasst somit auch, den alten Menschen dabei zu unterstützen, dass er seine (verbliebenen) Chancen und Problemlösungsmöglichkeiten erkennen und wahrnehmen und sein Leben akzeptieren kann.

Das Altern unserer Gesellschaft – die demografischen Aspekte

Altern:DemografieLag die durchschnittliche LebenserwartungLebenserwartungLebenserwartung in Deutschland um 1900 für einen neugeborenen Jungen bei knapp 45 und für ein Mädchen bei etwas über 48 Jahren, so beträgt sie heute gut 77 bzw. 82 Jahre. Diese Entwicklung scheint nach wie vor anzuhalten. Ist erst einmal das 60. oder gar 80. Lebensjahr erreicht, sind diese Zahlen sogar noch höher. Die sog. fernere Lebenserwartung beträgt für einen 60-jährigen Mann gut 21 und für eine 60-jährige Frau fast 25 Jahre, im Alter von 80 Jahren 7,7 bzw. 9,1 Jahre, Tendenz ebenfalls steigend (alle Zahlen vom Statistischen Bundesamt Deutschland). Die Ursache für die höhere Lebenserwartung der Frau, LebenserwartungFrauen ist noch unklar und am ehesten in einem Zusammenspiel biologisch-genetischer und Umweltfaktoren zu suchen.
Steigende Lebenserwartung und sinkende bzw. konstant niedrige Geburtenrate führten und führen zu grundlegenden Änderungen im Altersaufbau der deutschen Bevölkerung, insbesondere zu einer Zunahme älterer Menschen. Der Altersaufbau der deutschen Bevölkerung hat von der Pyramidenform um 1910 über die Glockenform zur heutigen Zwiebelform gewechselt, in der die 40- bis 60-Jährigen dominieren. Um 2060 wird er wohl durch das Überwiegen aller Menschen eine Pilzform annehmen (Abb. 22.6). Waren 1960 nur 12 % der Deutschen älter als 65 Jahre, so sind es derzeit bereits 21 % und für 2060 werden 34 % geschätzt.

Pflege alter Menschen

Zwar ist Pflegequote, Alterdie Pflegequote, also das altersspezifische Risiko, pflegebedürftig zu werden, in den letzten Jahren etwas gesunken, da nicht nur die insgesamte Lebenserwartung, sondern auch die gesunde Lebenserwartung gestiegen ist. Aufgrund der starken Zunahmen alter Menschen wird aber die Zahl Pflegebedürftiger dennoch erheblich

zunehmen, von derzeit über 2 Millionen Menschen (2,7 % der Bevölkerung) auf 3,8 Millionen bei sinkender oder 4,5 Millionen bei konstanter Pflegequote im Jahr 2050, entsprechend schätzungsweise 5,4 % bzw. 6,5 % der Bevölkerung.

Heute werden die meisten alten Menschen vonPflege:Familienangehörige Familienangehörigen betreut. Bei Verheirateten pflegt meist der Ehepartner, bei Alleinstehenden Töchter oder Schwiegertöchter. Insgesamt pflegen viel mehr Frauen als Männer. Durch die Abnahme der Kinderzahl verteilt sich die Last auf immer weniger Schultern. Hinzu kommt, dass sich die Lebensplanung von Frauen in der letzten Generation grundlegend geändert hat: Die meisten sehen ihre Aufgabe nicht mehr allein in der Familie, sondern möchten Familie und Beruf, vielfach ist eine Berufstätigkeit beider Ehepartner schon aus finanziellen Gründen erforderlich. Eine oft jahrelange Pflege ist aber ohne weitere Hilfe nicht mit einer Berufstätigkeit zu vereinbaren. Die professionelle Pflege wird daher an Bedeutung zunehmen.

Pflege alter Menschen

Der zu erwartende Anstieg der Pflegebedürftigkeit bringt für den Einzelnen, aber auch für Staat und Gesellschaft und in noch größerem Maße für die Berufe im Gesundheitswesen soziale, finanzielle und wirtschaftliche Herausforderungen mit sich.

Die häufigsten Gesundheitsprobleme älterer Menschen

Geriatrie

Obwohl Altern ein physiologischer Prozess ist und keine Krankheit, erkranken alte Menschen viel häufiger als junge Menschen, insbesondere an chronischen Erkrankungen. Typischerweise hat der alte Mensch nicht nur eine, sondern mehrere Erkrankungen gleichzeitig (MultimorbiditätMultimorbidität). Zunächst sind Unabhängigkeit und Lebensqualität des Individuums bedroht, später auch seine Lebensfähigkeit.

Die Auswirkungen der modernen Medizin auf die Pflegebedürftigkeit werden kontrovers diskutiert. Einerseits kann die moderne Medizin nicht nur das Leben verlängern (manchmal um viele Jahre), sondern auch Selbstständigkeit erhalten. Andererseits gelingt die Lebensverlängerung nicht selten um den „Preis“ von Pflegebedürftigkeit.

Immer mehr setzt sich eine ganzheitliche Sichtweise des alten Menschen durch: Mit zunehmendem Alter ist nicht mehr Ziel, eine bestimmte Erkrankung mit allen zur Verfügung stehenden Therapien zu behandeln, sondern die Funktionen, die der alte Mensch im Alltag braucht, zu optimieren und seine Selbstständigkeit zu erhalten oder wiederherzustellen.

Unter Geriatrische Syndromegeriatrischen Syndromen versteht man bei alten Menschen gehäuft auftretende Symptome oder Funktionsstörungen, vor allem die „geriatrischen Is“:
  • Immobilität

  • (Bewegungs-)Instabilität

  • Einschränkungen (engl. impairment) der Wahrnehmungsorgane (z. B. Altersschwerhörigkeit)

  • Inappetenz (Appetitlosigkeit, Mangelernährung)

  • Intellektueller Abbau

  • Inkontinenz

  • Isolation.

Die Immobilität

Viele ImmobilitätAlter:Immobilitätältere Menschen leiden unter Bewegungseinschränkungen bis hin zur Bettlägerigkeit. Die Ursachen der Immobilität sind vielfältig:
  • Verminderte allgemeine Belastbarkeit, z. B. durch Herz- und Lungenerkrankungen

  • Am Bewegungsapparat verminderte Beweglichkeit, abnehmende Kraft

  • Neurologisch Abnahme von Koordinationsfähigkeit und Reaktionsgeschwindigkeit (z. B. auch der Gleichgewichtsreaktion), außerdem definierte neurologische Erkrankungen wie etwa Lähmungen nach einem Schlaganfall, Bewegungsstörungen beim Morbus Parkinson oder Störungen des Lageempfindens bei Polyneuropathie

  • Sehbehinderung und ungeeignete Brillen (z. B. erhöhte Stolpergefahr durch Nichterkennen von Kabeln)

  • Vornübergeneigte Körperhaltung (verstärkt durch Verlagerung des Körperschwerpunkts nach vorne eine vorhandene Gangunsicherheit)

  • Unsicherheit, Angst, insbesondere nach vorangegangenen Stürzen.

Die Folgen und pflegerischen Maßnahmen
Jede länger dauernde Immobilität beeinträchtigt die Lebensqualität des Patienten erheblich.
Sie fördert außerdem eine ObstipationObstipation (Verstopfung 17.8.5), einen DekubitusDekubitus (durchgelegene Hautpartien 8.3.4), eine PneumoniePneumonie (LungenentzündungLungenentzündung 16.7), eine OsteoporoseOsteoporose (Knochenabbau 6.1.2), weiteren Muskelabbau sowie Leistungsminderung des Kreislaufsystems und setzt dadurch oft eine Abwärtsspirale in Gang.
Die psychischen Reaktionen der Patienten reichen von aggressivem Verhalten gegenüber sich selbst und anderen (Pflegenden!) bis zu Passivität und Rückzug in kindliche Verhaltensmuster. Sehr häufig sind depressive Verstimmungen, die ebenfalls die Immobilität verstärken.
Entsprechend ist bei älteren Patienten Immobilität, wenn irgend möglich, zu vermeiden, wobei individuell angepasste Hilfsmittel gute Dienste leisten können (Abb. 22.7).
Falls im Rahmen einer akuten Erkrankung Bettruhe unbedingt erforderlich ist, sollen Physiotherapie und Bewegungsübungen im Bett (auch zwischendurch) den weiteren Funktionsverfall möglichst gering halten. Hierzu müssen Pflegende alte Menschen erfahrungsgemäß viel häufiger motivieren als jüngere.
Zusätzlich muss durch sorgfältige Prophylaxen den oben genannten Folgen der Immobilität vorgebeugt werden, da sie die vorhandene Immobilität verstärken und für die weitere Prognose des Patienten nicht selten entscheidend sind.

Die Stürze

Mit der ImmobilitätImmobilität:Sturz gehen oft wiederholte Stürze im AlterStürze einher, die – abgesehen von den Verletzungsfolgen – die Unsicherheit und Immobilität des Patienten weiter verstärken und häufig die Einweisung in ein Krankenhaus oder den Umzug in ein Altenheim begründen.
Zu Stürzen führen – abgesehen von den bereits erwähnten Ursachen einer Immobilität – außerdem Schwindel:im AlterSchwindel (z. B. infolge kurzzeitiger Durchblutungsminderung des Gehirns, Herz-Kreislauf-Erkrankungen), plötzliche kurzzeitige Bewusstseinsverluste (Synkopen), Blutdruckregulationsstörungen, Medikamente (insbesondere Beruhigungs- und Schlafmittel) und der Wechsel in eine ungewohnte Umgebung.
Schwindel und Stürze alter Menschen ohne eindeutige Ursache sollten daher stets diagnostisch abgeklärt werden, z. B. durch Langzeit-EKG. Nicht selten kann allerdings keine eindeutige Ursache gefunden werden.
Die Sturzprophylaxe
SturzprophylaxeProphylaxe:StürzeSStürze sind oft folgenschwer – sturzbedingte Verletzungen sind gerade bei älteren Menschen nicht selten prognoseentscheidend. Die Pflegenden ermitteln daher bei jedem Pflegebedürftigen das individuelle Sturzrisiko mithilfe eines standardisierten Erhebungsinstruments (Assessment) und planen darauf basierend die weiteren Maßnahmen.
Generell achten Pflegende sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich auf eine möglichst sichere Umgebung:
  • Darauf achten, dass insbesondere auf dem Weg zur Tür und zur Toilette keine Stolperfallen sind (z. B. lose Teppiche, Kabel). Toilette und Bad bewusst auf Rutschgefährdung inspizieren

  • Patienten auf fehlende oder unsichere (z. B. wackelige) Haltemöglichkeiten in Fluren, Treppenaufgängen oder Bad aufmerksam machen

  • Für ausreichende Beleuchtung sorgen

  • Kleidung und Schuhe des Patienten überprüfen. Die Schuhe sollten Halt bieten und rutschfest sein, die Kleidung darf nicht z. B. zu lang sein und dadurch zur Stolperfalle werden

  • Geeignete Gehhilfen besorgen (lassen). Viele ältere Leute meiden wegen Unsicherheit das Gehen, was die Unsicherheit aber noch verstärkt und somit in einen Teufelskreis führt.

Im Krankenhaus oder in einer Pflegeeinrichtung gilt zusätzlich:
  • Patienten bei der Aufnahme die Räumlichkeiten zeigen, notwendige Veränderungen möglichst morgens vornehmen

  • Klingel und Lichtschalter stets so anbringen, dass der Patient sie gut erreicht

  • Mit dem Patienten regelmäßig das Stehen, Gehen und den Umgang mit Gehhilfen üben. Ihn begleiten, bis er sich sicher fühlt.

Die akute Verwirrtheit

Als Verwirrtheit bezeichnet man ein komplexes Bild, unter anderem mit Desorientiertheit (Störung des normalen Raum- und Zeitempfindens), Denkstörungen im AlterDenkstörungen (beispielsweise verlangsamtes Denken, Wahnvorstellungen), Gedächtnisstörungen und gestörtem Schlaf-Wach-Rhythmus, gestörter:VerwirrtheitSchlaf-Wach-Rhythmus, gestörter:VerwirrtheitSchlaf-wach-Rhythmus.
Setzt eine Verwirrtheit plötzlich ein, so spricht man von akuter VerwirrtheitVerwirrtheitVerwirrtheit oder Delir.

Geriatrie

Die akute Verwirrtheit ist insbesondere bei über 70-Jährigen sehr häufig – Schätzungen reichen hinauf bis zu 50 % aller älteren Krankenhauspatienten.

Die Ursachen
Eine akute Verwirrtheit wird meist durch ein Zusammenspiel mehrerer ungünstiger Faktoren hervorgerufen. Hier sind zu nennen:
  • Medizinische Ursachen wie Hormonstörungen, Dehydratation (Austrocknung) durch zu geringes Trinken, zu niedrigen Blutdruck, Infektionen oder Schmerzen

  • Medikamentennebenwirkungen

  • Soziale Ursachen wie z. B. ein Ortswechsel (Umzug in ein Altersheim oder Einweisung in ein Krankenhaus), Verlust enger Bezugspersonen (z. B. Tod des Partners) oder Stress jeglicher Art.

Die pflegerischen Maßnahmen
Erster Schritt ist es, bei älteren Menschen auf Zeichen einer akuten Verwirrtheit zu achten, denn gerade wenn ein Patient ruhig ist, wird eine Verwirrtheit leicht übersehen.
Die Ursache lässt sich im Regelfall im Krankenhaus mithilfe körperlicher und technischer Untersuchungen herausfinden.
Wird die Ursache beseitigt, verschwinden die akuten Störungen oft. Allerdings beruht ein großer Teil der akuten Verwirrtheitszustände auf der Verstärkung einer bisher maskierten (latenten) Demenz.

Die chronische Verwirrtheit und Demenz

Eine chronische Verwirrtheit nimmt über Monate oder Jahre allmählich zu. Ganz überwiegend haben die Patienten dann eine DemenzDemenzDemenz, worunter man den organisch bedingten, fortschreitenden Verlust geistiger Fähigkeiten versteht, welche vorher vorhanden waren.
Die Betroffenen leiden unter Gedächtnisstörungen, Wahrnehmungsstörungen, Denkstörungen (z. B. Wahnvorstellungen), Desorientiertheit, Persönlichkeitsveränderungen und in der Folge auch körperlichem Abbau. Schwer Erkrankte erkennen nicht einmal mehr die nächsten Angehörigen, laufen rast- und scheinbar ziellos durch den Raum und zeigen ernste Störungen des Schlaf-wach-Rhythmus mit Bettflüchtigkeit, nächtlichem Herumwandern und langen Schlafperioden über Tag (Tab. 22.2, Abb. 22.8).
Die Demenz ist keine „normale“ Alterserscheinung, sondern eine Erkrankung, deren Häufigkeit allerdings mit steigendem Alter zunimmt: Weniger als 2 % der 65- bis 69-Jährigen, aber über 30 % der mindestens 90-Jährigen sind betroffen.

Pflege alter Menschen

Die Demenz ist die häufigste Einzelursache von Pflegebedürftigkeit im Alter. Ihre häufigste Form, die Alzheimer-DemenzAlzheimer-Demenz, ist in ihren wesentlichen Ursachen bis heute ungeklärt und unheilbar.

Zwar können die Hirnleistungsstörungen durch sorgfältige Behandlung und Pflege oft für eine gewisse Zeit gemildert werden, doch wird der Patient meist innerhalb einiger Jahre vollkommen von der Fürsorge anderer abhängig und verstirbt dann innerhalb weniger Jahre.

Wiederholungsfragen

  • 1.

    Welche Kriterien kennzeichnen Alterungsvorgänge? (22.1)

  • 2.

    In welche weiteren Zeitabschnitte wird das Alter häufig weiter unterteilt? (22.1)

  • 3.

    Welches sind die wichtigsten Alterstheorien? (22.2)

  • 4.

    Skizzieren Sie kurz die Altersveränderungen der Organsysteme, stellen Sie zwei Organsysteme genauer dar. (22.3)

  • 5.

    Mit welchen Lebenskrisen müssen sich die meisten Älteren auseinandersetzen? (22.4.1)

  • 6.

    Wie verändert sich derzeit die Altersstruktur in den Industriestaaten? (22.4.2)

  • 7.

    Welche Grundprobleme zwingen ältere Menschen häufig zur Bettlägerigkeit? (22.5.1)

  • 8.

    Welche Symptome kennzeichnen die Demenz? (22.5.4)

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