© 2020 by Elsevier GmbH

Bitte nutzen Sie das untenstehende Formular um uns Kritik, Fragen oder Anregungen zukommen zu lassen.

Willkommen

Mehr Informationen

B978-3-437-26803-8.00021-X

10.1016/B978-3-437-26803-8.00021-X

978-3-437-26803-8

Abb. 21.1

J787]

Mangelware Bewegung. Bei nicht wenigen Kindern und besonders Jugendlichen findet Wettkampf vor allem in virtuellen Welten statt. Dies gilt als wesentliche Mitursache der sog. Neuen Morbidität.

Abb. 21.2

[K115]

PhototherapiePhototherapiePhototherapie bei ausgeprägtem Neugeborenen-Ikterus (Gelbsucht).

Abb. 21.3

[J787]

Reifezeichen des Neugeborenen. Die KäseschmiereKäseschmiere oder Vernix Vernix caseosacaseosa ist eine schützende, grauweiße Schmiere auf der Haut.

Abb. 21.4

[J787]

Wiegen eines NeugeborenenNeugeborenes:wiegen.

Abb. 21.5

[K115]

Frühgeborenes in einem „Nest“ im Brutkasten (InkubatorInkubator). Je kürzer die Schwangerschaft, desto größer das Komplikationsrisiko.

Abb. 21.6

[O408]

StillenStillen:im Liegen im Liegen. Kind und Mutter sind einander zugewandt, damit das Kind die Brust erreichen kann, ohne den Kopf drehen zu müssen.

Abb. 21.7

[O408]

StillenStillen:im Sitzen im Sitzen: Der Ellenbogen der Mutter liegt entspannt auf, damit es nicht zu Verspannungen im Nacken-Schulter-Bereich kommt.

Abb. 21.8

[Foto: J787]

Beikostschema, angepasst an die Gepflogenheiten in Deutschland. Es soll eine einprägsame Hilfe sein, ein Muss ist es nicht. In den Folgemonaten isst das Kind zunehmend am Familientisch mit.

Abb. 21.9

Übersicht über KörperwachstumKörperwachstum und VitalparameterVitalparameter vom Neugeborenen- zum Erwachsenenalter.

Abb. 21.10

Längenwachstum und Gewichtszunahme:KindGewichtszunahme bei Jungen und Mädchen. Perzentil bedeutet „Hundertstelwert“. Eine Länge auf der 50. Perzentile bedeutet also, dass die Hälfte der gleichaltrigen Kinder gleich groß oder kleiner ist.

Abb. 21.11

[K303]

UmklammerungsreflexSuchreflex, oralerSchreitphänomenSaugreflexNackenreflex, asymmetrisch-tonischerMoro-ReaktionHandgreifreflexGreifreflexFußgreifreflexWichtige Reflexe des Neugeborenen.

Abb. 21.12

[M121]

Bild eines Fünfjährigen.

APGAR-Schema. Das von der Anästhesistin Virginia Apgar entwickelte Schema dient der Beurteilung der Vitalfunktionen bei Neugeborenen. Als Merkhilfe werden die Beurteilungskriterien so formuliert, dass ihre Anfangsbuchstaben das Wort „APGAR“ ergeben, wobei es mehrere Varianten gibt.

Tab. 21.1
Beurteilungskriterium Bewertung
0 Punkte 1 Punkt 2 Punkte
Aussehen (Hautfarbe) Blau (zyanotisch), weiß/blass Stamm rosa, Extremitäten blau Vollständig rosa
Puls Nicht wahrnehmbar < 100/min > 100/min
Grimassieren bei Manipulationen (z.B. Hautreiz, Absaugen) Keine Reaktion Grimassieren (Verziehen des Gesichts), geringe Reaktion Schreien, Husten, Niesen, abwehrende Reaktion
Aktivität und Muskeltonus Keine spontanen Bewegungen, schlaffer Tonus Wenig Bewegungen, geringer Tonus Aktive Bewegungen, guter Tonus
Respiration (Atmung) Keine (Apnoe) Flach, unregelmäßig Regelmäßige Atmung, kräftiges Schreien

Gesamtpunktzahl: 7–10 unauffällig; 4–6 mäßige Depression; < 4 schwere Depression, akute Gefährdung

Die Meilensteine der Entwicklung für die ersten Lebensjahre.Entwicklung:Meilensteine

Tab. 21.2
Alter Motorik Spiel/Soziales Sprache
3 Monate
  • Hebt Kopf in Bauchlage

  • Stützt sich in Bauchlage auf den Unterarmen ab

  • Führt in Rückenlage Hände zur Mittellinie, hält z. B. Rassel kurzzeitig fest

  • Verfolgt Gegenstand mit den Augen

  • Hält Blickkontakt, verfolgt Personen mit den Augen

  • Lächelt als Reaktion auf Zuwendung (z. B. Ansprache)

  • Reagiert auf Geräusche

  • Macht andere Laute außer Schreien (z. B. Gurren, Quietschen)

6 Monate
  • Hält Kopf im Sitzen

  • Greift Gegenstände, wechselt sie von einer Hand in die andere

  • Dreht sich im Liegen, oft auch vom Bauch auf den Rücken

  • Betrachtet Umgebung

  • Erforscht alles mit dem Mund

  • Streckt Arme aus, wenn es hochgenommen werden will

  • Dreht sich zu Geräuschquellen

  • „Erzählt“ in kurzen Silbenketten

9 Monate
  • Sitzt frei mit aufrechtem Rücken

  • Greift Gegenstände mit Daumen und Zeigefinger

  • Robbt, kriecht oder rutscht

  • Lässt Sachen los

  • Verfolgt fallende/weggenommene Gegenstände

  • Spielt „Verstecken“

  • Spielt mit den Füßen

  • Fremdelt

  • Bildet lange Silbenketten mit „a“

  • Ahmt Laute nach

  • Beginnt zu verstehen

12 Monate
  • Krabbelt

  • Steht, läuft an Möbeln

  • Ahmt z. B. Winken nach

  • Zeigt auf Dinge

  • Isst „Fingerfood“

  • Spricht zwei Wörter (Einwortsatz)

  • Versteht mehr

15 Monate
  • Läuft ohne Hilfe

  • Baut Turm aus zwei Klötzen

  • Isst mit dem Löffel (mit Kleckern), trinkt aus der Tasse

  • Wörter haben bestimmten Sinn (z. B. Wauwau = Hund)

18 Monate
  • Baut Turm aus vier Klötzen

  • Trägt beim Laufen etwas in der Hand, läuft rückwärts

  • Isst „gut“ mit dem Löffel

  • Guckt Bilder

  • Kritzelt mit Stift

  • Befolgt einfache Aufforderungen

  • „Hilft“ im Haushalt

  • Zieht (einzelne) Kleidungsstücke aus

  • Spielt alleine

  • Wortschatz (Einwortsatz) mindestens zehn Wörter

2 Jahre
  • Kippt Rosinen aus einer Flasche (ohne Hilfe)

  • Rennt, geht Treppe im „Kinderschritt“ hoch, kann einen Ball werfen

  • Erkennt Dinge im Bilderbuch, folgt einfachen Geschichten

  • „Trotzphase“

  • Zieht (einzelne) Kleidungsstücke an

  • Spielt neben anderen Kindern, malt

  • Wortschatz mindestens 20 Wörter

  • Zweiwortsätze („Papa aua“)

3 Jahre
  • Springt, geht Treppe mit den Füßen abwechselnd hoch

  • Fährt Dreirad

  • Baut Turm aus acht Klötzen

  • „Warum“-Phase

  • Isst mit der Gabel

  • Zieht sich mit Hilfe an

  • Ist tagsüber trocken

  • Fängt an, mit anderen Kindern zu spielen

  • Bleibt woanders (Kindergarten)

  • Rasche Wortschatzvergrößerung

  • „Gutes“ Sprechen mit Pronomen (ich, du), Mehrzahl

4 Jahre
  • Hüpft

  • Steht 5 s auf einem Bein

  • Malt Kreis und Kreuz nach, kann mit einer Schere umgehen und einen Ball mit dem Fuß schießen

  • Zieht sich ohne Hilfe aus und mit etwas Hilfe an

  • Spricht weitgehend grammatikalisch richtig

  • Kennt Farben

5 Jahre
  • Hüpft auf einem Bein

  • Zeichnet Mensch aus sechs Teilen

  • Spielt Rollen-, Bauspiele

  • Befolgt Spielregeln

  • Versteht Argumente

  • Beachtet beim Erzählen die Reihenfolge

6 Jahre
  • Hüpft im Wechselschritt

  • Hat gute feinmotorische Fähigkeiten (z. B. beim Ausmalen, Basteln)

  • Isst mit dem Messer

  • Befolgt mehrschrittige Aufforderungen

  • Kann kurze Wege alleine gehen

  • Liest und schreibt den eigenen Namen

  • Hat mindestens einen guten Freund

  • Spricht grammatikalisch richtig

  • Erklärt anderen seine Überlegungen

Kinder

Lernzielübersicht

Einführung

  • Kinder:EntwicklungDie Entwicklung vom Baby bis zum Erwachsenen dauert fast zwei Jahrzehnte.

  • Diese Phase wird unterteilt in Neugeborenenperiode, Säuglings-, Kleinkind-, Kindergarten- und Schulkindalter, Pubertät und Adoleszenz.

Das Säuglingsalter

  • Am riskantesten sind die ersten Minuten und Stunden nach der Geburt.

  • Bestimmung von APGAR-Wert, Tragezeit und Geburtsgewicht ermöglichen die rasche Risikoeinschätzung bei Neugeborenen.

  • Ausschließliche Muttermilchgabe ist für 4–6 Monate die ideale Ernährung des Babys.

  • Danach wird pro Monat eine Mahlzeit durch Beikost ersetzt, bis das Kind um den ersten Geburtstag zunehmend am Familientisch mitisst.

Wachstum und Entwicklung

  • Im ersten Halbjahr und während der Pubertät wächst ein Kind am meisten.

  • Die Entwicklung verläuft zwar bei jedem Kind anders und ist von vielfältigen Einflüssen überlagert. Es gibt aber wichtige Orientierungspunkte.

  • Die Überprüfung dieser „Meilensteine“ der Entwicklung hat sich bewährt, um den Entwicklungsstand bei Babys und Kleinkindern einzuschätzen.

  • Auffällig ist vor allem, wenn sich die Entwicklung deutlich oder in mehreren Bereichen verzögert.

  • In Schulkindalter und Pubertät stehen weniger körperliche als mehr psychische und soziale Probleme im Vordergrund.

Einführung

Im Vergleich zu anderen Säugetieren entwickelt sich der Mensch langsam. Kein anderes Wesen braucht so lange, um erwachsen zu werden: Der vernunftbegabte Mensch kann seine vielfältigen Anlagen und Talente, seine „menschlichen Möglichkeiten“, nur in vielen Reifungsschritten entfalten.
Der Mensch – ein sich entwickelndes Wesen
Das große Thema des Menschen ist deshalb: Entwicklung. Bereits im Mutterleib durchläuft der Embryo Abertausende von Entwicklung:MenschEntwicklungsschritten, bis nach neun Monaten ein Wesen zur Welt kommt, das noch nicht einmal krabbeln kann – wenn man ein Fohlen anschaut, das schon ein paar Minuten nach der Geburt auf seinen vier staksigen Beinen steht, ein geradezu enttäuschendes Ergebnis.
Nach der Geburt geht der Entwicklungsmarathon weiter. Wahrscheinlich wird deshalb kein anderer Altersabschnitt in so viele Zeitbereiche untergliedert wie Kindheit und Jugend:
  • NeugeborenenperiodeNeugeborenenperiode (NeonatalperiodeNeonatalperiodeNeonatalperiode): 1.–28. Lebenstag

  • SäuglingsalterSäuglingsalterSäuglingsalter: 1. Lebensjahr

  • Kleinkindalter: 2.–3. KleinkindalterLebensjahr

  • KindergartenalterKindergartenalterKindergartenalter (frühes Kindesalter): 4.–6. Lebensjahr

  • SchulkindalterSchulkindalter: 7. Lebensjahr bis Pubertätsbeginn (ca. 12. Lebensjahr)

  • PubertätPubertätPubertät und AdoleszenzAdoleszenz (frühes bzw. spätes Jugendalter): Periode von der Entwicklung der sekundären Geschlechtsmerkmale bis zum Abschluss des Körperwachstums, also bis zum 18.–20. Lebensjahr. Gerade diese Phasen werden aber unterschiedlich definiert.

Auch dann ist das Thema Entwicklung jedoch nicht abgeschlossen: Viele Anlagen und Fähigkeiten kommen erst in den „reiferen Jahren“ zur Entfaltung, und tatsächlich entwickelt sich der Mensch bis zu seinem Tode in vielen Bereichen weiter.
Kindesvernachlässigung und -missbrauch
Kinder:MissbrauchKinder:VernachlässigungEine Kehrseite der langen Kindheit ist die lange Abhängigkeit. In einer Gesellschaft, in der persönliche Entfaltung, „messbare“ Leistungen, Geld und Konsum vielfach höher geschätzt werden als Familienarbeit, werden Kinder schnell als Störfaktor empfunden – mit möglicherweise fatalen Folgen.
Zuverlässige Zahlen zur Häufigkeit von Kindesvernachlässigung, körperlicher oder psychischer Kinder:MisshandlungKindesmisshandlung und sexuellem Missbrauch gibt es nicht, denn die möglichen Erscheinungsformen sind zahlreich und die Dunkelziffer ist hoch. Ca. 2 % der stationär aufgenommenen Kinder zeigen verdächtige Symptome, etwa nicht altersgerechtes Verhalten oder viele blaue Flecke an für Kinderstürze untypischen Stellen. Für ambulante Arztkontakte liegen praktisch keine zuverlässigen Zahlen vor. Haben Pflegende den Verdacht, dass ein Kind vernachlässigt, misshandelt oder sexuell missbraucht wird, besprechen sie ihren Verdacht immer mit (erfahrenen) Kollegen und Ärzten.
Die Krankheiten von Kindern
Kinder:KrankheitenBedrohten noch vor 100 Jahren vor allem Mangelernährung und Infektionskrankheiten die Gesundheit der Kinder, so sind es heute ganz andere, nicht minder schwerwiegende Probleme:
  • Etwa 15 % der Kinder und Jugendlichen in Deutschland sind übergewichtig oder sogar adipös und haben ein entsprechend hohes Risiko für Diabetes mellitus Typ 2 oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen bereits im jungen Erwachsenenalter

  • 16 % litten im letzten Jahr, 26 % irgendwann im Leben unter mindestens einer Allergie (z. B. Heuschnupfen, allergisches Asthma) oder Neurodermitis

  • Bei 20 % der Kinder und Jugendlichen gibt es Hinweise auf psychische Auffälligkeiten oder Verhaltensprobleme (alle Zahlen aus der KiGGS-Studie des Robert Koch-Instituts, Basiserhebung 2003–2006, 1. Welle 2009–2012).

Das Krankheitsspektrum bei Kindern und Jugendlichen hat sich von akuten zu chronischen und von körperlichen zu psychischen Erkrankungen hin verschoben. Hierfür wurde der Begriff Neue Morbidität:neueMorbidität (new epidemics) geprägt. Diese Erkrankungen sind aufs Engste mit dem Lebensstil verknüpft (Abb. 21.1) und somit zumindest prinzipiell vorbeugenden Maßnahmen gegenüber zugänglich.

Prävention

Bei Kindern bietet sich im besonderen Maße die Möglichkeit, Gesundheit zu fördern und Krankheiten vorzubeugen. Beraten werden zunächst die Eltern, mit zunehmendem Alter auch die Kinder und Jugendlichen selbst.

Kinder:VorsorgeuntersuchungenKinderärzte empfehlen zwölf Kindervorsorgeuntersuchungen (U1–U6 im Säuglingsalter, U7, U7a, U8, U9 bis zur Einschulung, U10 und U11 bis 10 Jahre) und zwei JugendgesundheitsuntersuchungenJugendgesundheitsuntersuchungen mit etwa 13 und 16 Jahren, wobei noch nicht alle Krankenkassen die U10, U11 und J2 übernehmen. Dadurch können viele Störungen erkannt werden, bevor sie den Eltern auffallen. Gleichzeitig bieten sie die Möglichkeit wiederholter Impfberatungen.

Falsche Ernährung und Bewegungsmangel sind wesentliche Risikofaktoren für fast alle „Zivilisationskrankheiten“. Ein „gesunder“ Lebensstil ist aber viel leichter in der Kindheit zu erlernen als im Erwachsenenalter. Entsprechend sollten auch Kontakte aus anderem Grunde genutzt werden, um über „gesunde“ Ernährung und Bewegungsförderung aufzuklären.

Ähnliches gilt für Alkoholkonsum und Rauchen: Aktiv- wie Passivrauchen ist für Kinder besonders schädlich. Besonders wirksam ist Gesundheitserziehung, wenn sie nicht mit „erhobenem Zeigefinger“ belehrt, sondern mit positiven Werten verbunden in den Alltag integriert und vorgelebt wird.

In alltäglichen Kontakten zu Eltern und Kindern können auch altersentsprechende Maßnahmen zur Unfallprophylaxe besprochen werden – von der Beaufsichtigung beim Wickeln und Baden und die Benutzung von Kindersitzen über Verkehrserziehung und Tragen von Fahrrradhelmen bis zur Gurtpflicht.

Das Säuglingsalter

Die Neugeborenenperiode

SäuglingDie ersten 28 Tage nach der Geburt werden auch als NeugeborenesNeugeborenenperiode (Neonatalperiode) bezeichnet. Hauptthema ist die „Gewöhnung an die Welt“.
Die Anpassung an das nachgeburtliche Leben
Die Geburt und die ersten Stunden danach sind risikoreich: Der Übergang von der Fremdversorgung durch die mütterliche Plazenta auf die Eigenversorgung des Neugeborenen erfordert eine tief greifende Umstellung des Organismus (postpartale oder Neonatale Adaptationneonatale Adaptation; Adaptation:NeugeborenesAdaptation = Anpassung).
  • Umstellung der Atmung: Schon während der Geburt wird die Atmung stimuliert. Viele Reize lösen dann den ersten Atemzug aus: Kälte, Berührung, Anstieg der Kohlendioxidkonzentration und Absinken der Sauerstoffkonzentration im Blut stimulieren das Atemzentrum im Stammhirn (9.7.3). Mit dem ersten Atemzug füllen sich die Lungen mit Luft, der erste Schrei entfaltet die Lungenbläschen weiter. Ein Zusammenfallen der frisch entfalteten Lungenbläschen wird u. a. durch einen dünnen Film von Lipoproteinen verhindert, der die Alveolen auskleidet und die Oberflächenspannung reduziert. Dieser Stoff wird als SurfactantSurfactant (Surface actice agent) bezeichnet (16.6)

  • Umstellung des Kreislaufs: Mit Entfaltung der Lungen sinkt der Druck im Lungenstromgebiet plötzlich ab; der Weg des geringsten Widerstandes für das Blut im rechten Herzen führt jetzt über die Lungenarterien zu den Lungen. Das nun nicht mehr benutzte Foramen ovale in der Herzscheidewand wird durch den gleichzeitig ansteigenden Druck im linken Herzen zugepresst; später verschließt sich auch die zweite Kurzschlussverbindung, der Ductus arteriosus Botalli (Abb. 20.9): Lungenkreislauf und Körperkreislauf sind getrennt

  • Infolge der Abkühlung und der zunehmenden Sauerstoffsättigung des Blutes ziehen sich die Nabelschnurgefäße zusammen. Die Hebamme schneidet die jetzt funktionslos gewordene Nabelschnur durch. AbnabelungDas Neugeborene wird abgenabelt

  • Energiestoffwechsel: Mit der Abnabelung wird die Energiezufuhr von der Mutter unterbrochen. Das Neugeborene greift nun auf seine eigenen Reserven zurück, nämlich das Glykogen (2.8.1) in der Leber und das braune Fettgewebe:braunesFettgewebe (5.3.5)

  • Ausscheidungen: Schon der Fetus im Mutterleib gibt Urin ab. Spätestens 48 Stunden nach der Geburt erfolgt beim Neugeborenen dann der erste Stuhlgang, das MekoniumMekoniumMekonium (KindspechKindspech): eine zähe grünschwarze Masse, die u. a. aus abgeschilferten Darmepithelien, verschluckten Körperhärchen und eingedickter Galle besteht. Wird das Mekonium bereits intrauterin abgegeben (das Fruchtwasser ist dann grün), so deutet dies auf einen erheblichen Sauerstoffmangel des Fetus hin

  • Leber: DieLeber:Neugeborenes entgiftenden Leberenzyme sind zunächst noch nicht voll ausgebildet. Zusammen mit einem erhöhten Erythrozytenabbau mit hoher Bilirubinfreisetzung kann es deshalb in den ersten Lebenstagen auch beim gesunden Neugeborenen zu einer milden Gelbsucht (17.6.3) kommen, dem physiologischen Neugeborenen-Ikterus, physiologischerNeugeborenen-Ikterus:NeugeborenesIkterus. Meist normalisiert sich der Bilirubinspiegel von selbst. Ansonsten hilft eine Phototherapie (Abb. 21.2), z. B. auf einer Lichtmatratze, das angereicherte BilirubinBilirubin-Abbau wieder abzubauen.

Die Beurteilung der neonatalen Adaptation
Gerade weil die ersten Stunden nach der Geburt so „störanfällig“ sind, müssen die Geburtshelfer schnell und ohne aufwendige Hilfsmittel beurteilen können, wie gut ein gerade Geborenes die Umstellung bewältigt hat oder umgekehrt wie gefährdet es ist. Hierzu dient das APGAR-APGAR-SchemaSchema, bei dem eine, fünf und zehn Minuten nach der Geburt Aussehen (Hautfarbe), Puls (Herzfrequenz), Grimassieren und Schreien bei Manipulationen, Aktivität (Muskeltonus) und Respiration (Atmung) beurteilt werden (Tab. 21.1).
Die Beurteilung der Reife
Der Mutterleib ist für den sich entwickelnden Menschen für durchschnittlich 280 Tage (40 Schwangerschaftswochen 20.5) das optimale Milieu – nicht wesentlich länger oder kürzer. TragezeitSchwangerschaft:TragezeitNach dieser Tragezeit geborene Kinder sind in aller Regel reif und alle Funktionen optimal entwickelt. Die äußeren Zeichen einer abgeschlossenen intrauterinen Entwicklung heißen Reifezeichen, NeugeborenesReifezeichen (Abb. 21.3).
Neben der Schwangerschaftsdauer ist das Geburtsgewicht das wichtigste Maß für die Reife eines Neugeborenen (Normalgewicht 2.500–4.200 g, Abb. 21.4). Unter- und übergewichtige Neugeborene haben ein höheres Erkrankungsrisiko.
Die harmlosen Auffälligkeiten des Neugeborenen
Die Geschlechtshormonspiegel im Blut des Neugeborenen sind zunächst hoch, da während der Schwangerschaft mütterliche Geschlechtshormone über die Plazenta ins Blut des Ungeborenen gelangen. Folgen sind eine Neugeborenenakne, eine Schwellung der Brustdrüsen, evtl. sogar mit Absonderung von sog. Hexenmilch,Hexenmilch sowie vaginale Schleim- und Blutabsonderungen bei Mädchen. Mit dem Abbau der mütterlichen Hormone gehen diese Erscheinungen von selbst zurück.
Häufige und ebenfalls vorübergehende Hautauffälligkeiten bei Neugeborenen sind eine meist feine Hautschuppung, MilienMilien (kleine weiße, talggefüllte Pünktchen vor allem um die Nase) sowie das Neugeborenenexanthem (Erythema toxicum),Erythema toxicum ein Hautausschlag aus kleinen gelblich-weißen Pünktchen mit rotem Hof.
Die Eltern sollten über diese typischen Auffälligkeiten Bescheid wissen, da viele sonst sehr beunruhigt sind.
Das Neugeborenenscreening
Es gibt angeborene Erkrankungen des Stoffwechsels und des Hormonsystems, die beim Neugeborenen klinisch nicht erkennbar sind, aber bei frühzeitiger Behandlung eine wesentlich bessere Prognose haben als unbehandelt. Solche Erkrankungen sollen mithilfe des Neugeborenenscreenings NeugeborenenscreeningFersenbluterkannt werden. Vorzugsweise am dritten Lebenstag werden dem Neugeborenen wenige Tropfen Blut aus der Ferse entnommen, auf eine Filterpapierkarte getropft und ins Labor geschickt. Getestet wird unter anderem auf Schilddrüsenunterfunktion (11.5), Mukoviszidose (4.6.2), adrenogenitales Syndrom (11.6.5) und Phenylketonurie (17.9.7).
Die Probleme der Frühgeborenen
Schwangerschaft:FrühgeborenesEtwa 9 % der Neugeborenen werden vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche geboren (Abb. 21.5). Überleben können FrühgeborenesFrühgeborenes:ProblemeFrühgeborene derzeit ab etwa 500 g Geburtsgewicht (ca. 24. SSW), oft allerdings um den Preis bleibender Schäden.
Bei Frühgeborenen sind alle wichtigen Organe mehr oder weniger unreif, insbesondere Lungen, Gefäßsystem und ZNS. Ihnen drohen deshalb eine Vielzahl von Komplikationen und Erkrankungen, z. B.:
  • Atemstörungen wie etwa plötzliche Atempausen (Apnoen)

  • Surfactant-Mangel-SyndromSurfactant-Mangel-Syndrom (Surfactant 16.6, 21.2.1) mit schwerer Funktionsstörung der Lungen

  • Hirnblutungen oder Sauerstoffmangel des Gehirns

  • Mangelnde Kreislaufumstellung vom Fetal- auf den postpartalen Kreislauf (offener Ductus Botalli)

  • Unterzuckerung

  • Infektionen (Frühgeborenen-Sepsis).

Pädiatrie

Frühgeborenes:SpätschädenSpätschäden des Frühgeborenen betreffen vor allem das Gehirn als das gegenüber Sauerstoffmangel empfindlichste Organ sowie die Lungen, die durch die (zunächst lebensrettende) Beatmung geschädigt werden können. Die Folgen sind:

  • Störungen der motorischen und geistigen Entwicklung (von leichten Lernstörungen bis zu schwerer geistiger Behinderung)

  • Krampfanfälle

  • Chronische Lungenerkrankungen

  • Heute selten: Netzhautschäden bis zur Erblindung, ebenfalls durch die Sauerstoffgabe.

Die Risiken übertragener Neugeborener
Auch Überschreitung des Geburtstermins um mehr als zwei Wochen bringt Schwangerschaft:ÜbertragungRisiken für das Kind mit sich: Übertragene Neugeborenes:übertrageneNeugeborene sind gefährdet, da die Plazenta nach der 40. Schwangerschaftswoche rasch „altert“ und dann nicht mehr genügend Sauerstoff und Nährstoffe bereitstellen kann. Die Neugeborenen fallen durch grob abschuppende Haut und fehlende Käseschmiere auf. Sie neigen zu Atem- und Kreislaufproblemen, Unterzuckerung und Infektionen.
GeburtseinleitungDeshalb wird der Geburtsvorgang bei einer Überschreitung der 42. SSW in der Regel durch Prostaglandin- oder Wehenhormongabe und evtl. Sprengung der Fruchtblase eingeleitet.
Das Wiedereinsetzen des Wachstums
Nach einer Übergangsphase von 3–10 Tagen, in der das Kind bis zu 15 % seines Körpergewichts – also bis zu 500 g! – verliert und die Bereitstellung der Muttermilch allmählich in Gang kommt, haben sich die Verdauungsorgane, Leber und Nieren den neuen Bedingungen angepasst. Das Kind nimmt jetzt wieder zu und wächst.

Die Ernährung des Säuglings

Säugling:Ernährung

Merke

Beste Ernährungsform für die ersten 4–6 Lebensmonate ist die ausschließliche Ernährung:SäuglingErnährung mit Muttermilch. Sie besteht zu 87 % aus Wasser, außerdem verschiedenen Eiweißen (einschließlich Kasein und Antikörpern), Fett, Milchzucker, Elektrolyten, Vitaminen und Enzymen.

Die Muttermilch
MuttermilchMuttermilchMuttermilch ist jederzeit optimal an die Bedürfnisse des Säuglings angepasst:
  • In den ersten Tagen nach der Geburt werden täglich etwa 50–100 g VormilchVormilch (KolostrumKolostrum) gebildet. Diese erste, gelbliche Milch enthält sehr viele mütterliche Antikörper, die den Säugling vor Infektionen schützen

  • Gegen Ende der ersten Woche wird die Milch flüssiger (ÜbergangsmilchÜbergangsmilch oder transitorische Milch)

  • Ab 2–3 Wochen nach der Geburt wird die reife Muttermilch produziert, die eiweißärmer, aber fett- und laktosereicher ist. Die Milchmenge steigt mit dem wachsenden Nährstoffbedarf des Säuglings auf bis zu 1.000 g täglich an.

Die Vorteile des Stillens
Obwohl industrielle Säuglingsmilchen heute in den Industriestaaten von hoher Qualität sind, hat Stillen Vorteile, die nicht zu „kopieren“ sind:
  • Muttermilch enthält mütterliche Abwehrstoffe (vor allem IgA-Antikörper) und Leukozyten, die den Säugling weniger anfällig für Infektionen machen

  • StillenStillen ermöglicht den intensivsten Kontakt zwischen Mutter und Kind, es ist hygienisch, praktisch und zudem preisgünstig

  • Gestillte Kinder sind insgesamt seltener krank. Stillen mindert das Risiko von späterem Übergewicht, evtl. auch das von Allergien und Diabetes mellitus Typ 1. Frühzeitiger Kontakt mit Kuhmilchprodukten wird vermieden, was das Risiko einer Kuhmilchallergie senkt

  • Bei der Mutter fördert Stillen die Gebärmutterrückbildung und die Gewichtsregulierung. Langes Stillen (maßgeblich ist die Gesamtstilldauer bei allen Kindern) mindert auch das Brustkrebsrisiko.

Heute hat sich das Feeding-on-Feeding-on-demanddemand durchgesetzt, bei dem das Kind trinkt, wann und so viel es will. Der gesunde Säugling „weiß“, wann er satt ist. Die meisten Kinder „kommen“ anfangs etwa alle 2–3 Stunden, brauchen mit einem Vierteljahr noch fünf Mahlzeiten und mit etwa einem halben Jahr noch vier.
Das routinemäßige Wiegen eines gesunden Kindes vor und nach jeder Mahlzeit wird nicht mehr empfohlen. Gewogen wird z. B. wöchentlich: Ein gesundes Kind legt im ersten Lebenshalbjahr pro Woche 150–200 g zu.

Pflege von Kindern

Wesentlich gefördert wird der Stillerfolg durch Rooming-Rooming-inin, bei dem das Kind die ganze Zeit, mindestens aber über Tag bei der Mutter ist und auch in deren Zimmer versorgt (z. B. gewickelt) werden kann. Wichtig ist außerdem eine gute Stillberatung durch Hebammen und Pflegende (z. B. zu Stillpositionen, Abb. 21.6, Abb. 21.7) – insbesondere Mütter, die zum ersten Mal stillen, werden durch widersprüchliche Ratschläge sehr verunsichert.

Milchbildung und -ejektion 20.5.3
Die industriellen Säuglingsmilchen
SäuglingsmilchAls MuttermilchersatzMuttermilchersatz, beispielsweise bei Stillhindernissen, stehen industriell hergestellte Säuglingsmilchen zur Verfügung. Basis ist in aller Regel Kuhmilch, die im Vergleich zur Muttermilch eiweiß- und mineralstoffreicher, jedoch kohlenhydratärmer ist und daher in ihrer Zusammensetzung geändert werden muss. Industrielle Säuglingsmilchen sind glutenfrei. Selbst hergestellte Säuglingsmilch ist nicht zu empfehlen.
SäuglingsanfangsnahrungenSäuglingsanfangsnahrungen können ab der Geburt zur ausschließlichen Ernährung und nach Einführung von Beikost bis zum Ende des ersten Lebensjahres für die Milchmahlzeiten gegeben werden.
  • Die dünnflüssigen Pre-MilchenPre-Milchen enthalten als Kohlenhydrat nur Laktose (Milchzucker) und werden wie Muttermilch „nach Bedarf“ gefüttert

  • Die sämigeren 1-Milchen enthalten daneben weitere Kohlenhydrate wie etwa Stärke. Sie sind zur Fütterung nach Bedarf weniger geeignet, weil sie möglicherweise die natürliche Appetitkontrolle des Säuglings unterlaufen.

FolgenahrungenFolgenahrungen (FolgemilchenFolgemilchen) für die Zeit nach Beikosteinführung (2-Milchen ab dem sechsten, 3-Milchen ab dem 8.–10. Lebensmonat) sind ernährungsphysiologisch nicht notwendig. Sie haben einen höheren Protein- und Mineralstoffgehalt und enthalten meist mehrere Kohlenhydrate. Als alleinige Nahrung sind sie auch für ältere Säuglinge nicht geeignet.
HA-NahrungenHA-Nahrungen (hypoallergene Hypoallergene SäuglingsnahrungNahrungen, Hydrolysatnahrungen) werden Säuglingen mit erhöhtem Allergierisiko (also mit mindestens einem Elternteil mit Allergievorgeschichte) oder bereits vorhandener Allergie gegeben. Durch die starke Aufspaltung des Eiweißanteils soll das Risiko einer Allergie vermindert werden.
Sojanahrungen werden selten gefüttert, etwa bei Stoffwechselstörungen, die eine laktose- oder galaktosefreie Ernährung erfordern. Zur Verminderung des Allergierisikos eignen sie sich nicht.
Die Beikost
Für Europa wird empfohlen, frühestens ab dem fünften und spätestens ab dem siebten Lebensmonat schrittweise BeikostBeikost einzuführen, um den steigenden Bedarf des Kindes an Energie, Spurenelementen und Vitaminen zu decken. Der genaue Zeitpunkt kann von der individuellen Situation abhängig gemacht werden. Ausschließliches Stillen nach Beginn des fünften Lebensmonats mindert nach heutigem Wissen das Allergierisiko nicht weiter.
Reihenfolge und Art der Breimahlzeiten variieren von Land zu Land und sind ebenso wie der genaue Zeitpunkt am Tag weniger wichtig. In Deutschland wird zuerst ein Gemüse-Kartoffel-Fleisch-Brei eingeführt (Abb. 21.8), anderswo ein abendlicher Milch-Getreide-Brei.
Im Gegensatz zu früher wird heute empfohlen, mit glutenhaltigen Getreiden wie etwa Weizen im 5.–7. Lebensmonat noch während des Stillens zu beginnen, da dies nach heutigem Wissen das Risiko einer ZöliakieZöliakie (glutensensitive EnteropathieEnteropathie, glutensensitive) vermindern kann. Das kann ein Getreidebrei, aber auch ein Stück Brot „auf der Hand“ sein, sofern das Baby von seinen koordinatorischen Fähigkeiten weit genug ist. Auch Abwechslung (verschiedene Gemüse- und Obstsorten, gelegentlich Nudeln oder Reis) wird befürwortet.
Die Empfehlung, besonders „allergieträchtige“ Lebensmittel wie z. B. Fisch möglichst spät zu füttern, wurde verlassen, da sie keine Schutzwirkung gezeigt hat. Generell sollte nur ein Nahrungsmittel auf einmal eingeführt und dann eine Woche gewartet werden.
Selbst gekochter und industriell hergestellter Brei werden als gleichwertig angesehen. Er sollte in beiden Fällen keine Salz-, Zucker- oder Aromazusätze enthalten.
Nach Einführen von Beikost sollte weiter gestillt werden. Auch wenn nicht mehr gestillt wird, bleibt ein bestimmter „Milchsockel“, um den Kalziumbedarf des Kindes zu decken. Bis zum Ende des ersten Lebensjahres sollte das Kind keine Kuhmilch trinken, der Milchbrei kann aber ab dem sechsten Monat mit Vollmilch zubereitet werden.
Ab Einführung der dritten Breimahlzeit benötigt das Kind Getränke zur Deckung seines Flüssigkeitsbedarfs. Geeignet sind Trinkwasser sowie ungezuckerte Früchte- oder Kräutertees, die möglichst aus Tasse oder Becher und nicht aus der Flasche gegeben werden.
Ab dem 12. Lebensmonat kann das Kind zunehmend am Familientisch mitessen, wobei die Kinderportion nur leicht gewürzt und kaum gesalzen werden sollte.

Prävention

Zur RachitisprophylaxeRachitisprophylaxeProphylaxe:RachitisRachitisprophylaxe wird ab der zweiten Lebenswoche die Gabe von Vitamin Vitamin-D-HormonD empfohlen, am besten kombiniert mit Fluorid:KariesprophylaxeFluorid zur Prophylaxe:KariesKariesprophylaxeKariesprophylaxeKariesprophylaxe (z. B. Fluor-VigantolettenVigantoletten®).

Der plötzliche Kindstod

Der plötzliche Kindstod, plötzlicher (SIDS)Kindstod, kurz SIDS (sudden infant death syndrome)SIDS (sudden infant death syndrome) ist ein plötzlicher, nicht erklärbarer Tod eines Säuglings, dessen Ursache nach wie vor nicht in allen Details geklärt ist. Meist finden die Eltern das Kind ohne vorherige Warnzeichen tot im Bettchen.
Glücklicherweise sterben heute weit weniger Säuglinge daran als früher. Dies wird auf wenige Maßnahmen zurückgeführt:
  • Rauchfreie Umgebung

  • Stillen über mindestens sechs Monate

  • Rückenlage beim Schlafen, feste Matratze, Schlafsack, keine Decken, Kissen oder Kuscheltiere, Schlafzimmertemperatur 16–18 °C.

Wachstum und Entwicklung

Zahnentwicklung 17.2.2

Merke

Trotz gewisser Unterschiede zwischen den Organsystemen gilt als Faustregel: Kinder haben eine „höhere Taktfrequenz“ als Erwachsene (Abb. 21.9 und einzelne Organkapitel) – von der Atmung über Bewegungsdrang, Energiestoffwechsel, Flüssigkeitshaushalt und Herzfrequenz bis zum Wachstum, das beim Erwachsenen bei null liegt.

Das Körperwachstum

Das Längenwachstum
LängenwachstumLängenwachstumWachstum:KindKörperwachstum:KindIn keinem Lebensalter wächst ein Kinder:WachstumKind schneller als in den ersten Lebensmonaten, nämlich ungefähr 16 cm im ersten Lebenshalbjahr. Danach fällt die Wachstumsgeschwindigkeit ab und liegt im Kindergarten- und Grundschulalter bei etwa 6–7 cm pro Jahr. Entsprechend haben die meisten Kinder mit vier Jahren die Körperlänge verdoppelt, also die 100 cm überschritten.
Beim Mädchen mit etwa 11 und beim Jungen mit etwa 13 Jahren setzt der Pubertät:Wachstumsschubpubertäre Wachstumsschub, pubertärerWachstumsschub ein. Diese Zeitversetzung erklärt, warum Mädchen in der 6.–7. Klasse „weiter“ entwickelt erscheinen als gleichaltrige Jungen. Die endgültige Größe haben Mädchen etwa mit 16 Jahren, Jungen mit 19 Jahren erreicht. Vor allem die verlängerte pubertäre Wachstumsphase bei Jungen ist der Grund, weshalb Männer im Durchschnitt 10 cm größer sind als Frauen (Abb. 21.10).
Die Körperproportionen
Bis zum Ende des Wachstums verändern sich auch die Körperproportionen. KörperproportionenWährend zum Zeitpunkt der Geburt die Länge des Kopfes noch ein Viertel der gesamten Körperhöhe ausmacht, ist es beim Erwachsenen nur noch ein Achtel (Abb. 21.9). Auch das Verhältnis der Extremitäten zum Rumpf ändert sich: Das Längenwachstum der Beine und Arme übersteigt das des Rumpfes deutlich.
Die Gewichtsentwicklung
Etwa parallel zur Länge nimmt auch das GewichtGewichtsentwicklung zu: Im Alter von 4–5 Monaten hat das Kind sein Geburtsgewicht verdoppelt, mit 1 Jahr verdreifacht, mit 2–2½ Jahren vervierfacht, mit 6 Jahren versechsfacht und mit 10 Jahren verzehnfacht (Abb. 21.10).
Das Wachstum der einzelnen KöperorganeKörperorgane, Wachstum erfolgt dabei nicht immer parallel zum Körpergewicht: Das Gehirn hat schon beim 3-Jährigen 80 % der Endgröße erreicht, wohingegen die Hoden erst mit der Pubertät so richtig wachsen.

Die Meilensteine der Entwicklung

Die Spanne des Normalen ist bei der kindlichen Entwicklung breit: Ein Kind, das bereits mit 11 Monaten läuft, ist genauso „normal“ wie eines, das erst mit 15 Monaten den ersten Schritt wagt.
Trotzdem hat es sich bewährt, grobe „Orientierungsmarken“ zu setzen, die Meilensteine der Meilensteine der EntwicklungMeilensteine der EntwicklungEntwicklung (Tab. 21.2). Weicht ein Kind von diesen Meilensteinen ab, muss es nicht unbedingt krank sein, sollte aber genau beobachtet werden.
Das Neugeborene
Reflexe:NeugeborenesDas Verhalten eines Neugeborenes:ReflexeNeugeborenen ist stark von Reflexen geprägt, die ganz überwiegend sein Überleben sichern sollen. Beispiele sind der Saug- oder der Greifreflex (Abb. 21.11). Die Reflexe verschwinden in den Folgemonaten in einer typischen Abfolge. Bestünde z. B. der Greifreflex weiter, könnte das Baby nicht das zielgerichtete Greifen und Loslassen erlernen.
Das Neugeborene liegt in Beugehaltung, die Hände sind gefaustet, es kann Arme und Beine bewegen, den Körperstamm hingegen fast nicht. Es kann den Kopf zwar von der einen Seite zur anderen drehen, jedoch nicht länger „halten“.
Schon in der ersten Woche reagiert das Neugeborene auf Licht und Geräusche. Es zeigt Interesse am menschlichen Gesicht und beruhigt sich durch An-den-Körper-Nehmen. Im zweiten Monat entwickelt sich das soziale Neugeborenes:LächelnLächeln als Antwort auf Zuwendung und vertieft die Eltern-Kind-Beziehung.
Das Baby mit drei Monaten
Das drei Monate alte Kind kann in Bauchlage Kopf und Schultern heben und für längere Zeit halten, es stützt sich dabei auf die Unterarme (UnterarmstützUnterarmstütz). Auf dem Rücken liegend führt der Säugling seine Hände in der Mittellinie vor dem Körper zusammen. Das Kind beobachtet die eigenen Hände und folgt bewegten Objekten von einer Seite zur anderen.
Die Kommunikation mit der Umwelt wird intensiver – das Kind lächelt seine Bezugspersonen an und freut sich, wenn es etwas Angenehmes oder Interessantes erblickt.
Das Baby mit sechs Monaten
Der Säugling von sechs Monaten greift seit Längerem gezielt, wobei er die Gegenstände zwischen Finger und Handfläche fasstGreifen, palmares (palmares Greifen). Die Kopfkontrolle ist jetzt erreicht, d. h., der Kopf kann in allen Positionen voll gehalten werden. Das Baby stützt sich in der Bauchlage auf die geöffneten Hände und dreht sich ohne Hilfe in die Rückenlage (… und fällt dabei leicht vom Wickeltisch). Es beginnt zu sitzen, wobei es sich zunächst noch mit den Armen abstützt.
Das Sehen ist wesentlich verbessert, das Hören weitestgehend ausgereift. Das Baby fängt nun an, Silben zu bilden.
Die Kontakte zwischen Eigenwelt und Außenwelt laufen sehr stark über den Mund; über den Mund nimmt der Säugling nicht nur die lebenswichtige Nahrung auf, er erfährt auch Lust und Beruhigung (entspanntes, freudiges Nuckeln) und erforscht die Umwelt (alles verschwindet im Mund). Die Erfahrungen dieser Phase tragen ganz entscheidend zum Aufbau des UrvertrauenUrvertrauens oder aber UrmisstrauenUrmisstrauens bei.
Das Baby mit neun Monaten
Das Baby dreht sich vom Rücken auf den Bauch, setzt sich aus der Bauchlage alleine auf und sitzt frei. Es steht mit Festhalten, kann sich aber nicht alleine wieder hinsetzen. Das Kind beginnt zu Krabbelnkrabbeln – nichts ist mehr vor ihm sicher.
Allmählich entwickelt das Kind denPinzettengriff Pinzettengriff, d. h. greift „feiner“ zwischen Daumen und Zeigefinger. Auch die Sprachentwicklung macht Fortschritte – das Kind bildet Silbenketten und verändert bei seinem „Plappern“ Lautstärke und Tonhöhe.
Der Säugling kann sich zunehmend allein beschäftigen, wirft gerne Spielzeug auf den Boden und beginnt seine Bezugspersonen nachzuahmen („Winke-winke“). Er kennt seinen Namen und versteht „nein“. Fremden gegenüber ist er oft ausgesprochen misstrauisch (FremdelnFremdeln).
Das Einjährige
Das Kind krabbelt viel, läuft mit Festhalten an einer Erwachsenenhand und macht evtl. erste freie Gehversuche. Es benutzt die ersten „sinnvollen“ Wörter, z. B. „Mama“ oder „da“, versteht aber wesentlich mehr.Einjährige
Das Einjährige isst Fingermahlzeiten selbstständig, liebt Gib-und-Nimm-Spiele und genießt es, im Mittelpunkt zu stehen.
Das Zweijährige
Die „lebenspraktischen“ Fähigkeiten nehmen rasant zu: Das Kind steigt Treppen (zwei Füße pro Stufe), kann rennen, isst „gut“ mit dem Löffel und trinkt aus dem Becher.Zweijährige
Um den zweiten Geburtstag beginnt das Kind in Zweiwortsätzen zu sprechen (z. B. „Ball haben“). Es schaut die Bilder im Bilderbuch nicht mehr nur an, sondern hört auch kurzen, einfachen Bilderbuchgeschichten zu. Beim Spielen kann es z. B. Greif- oder Einlegepuzzle legen und einen Ball werfen.
Das Kind kann einfache Anweisungen befolgen. Gleichzeitig fängt es an, seinen Willen zu erproben – der Ausdruck „TrotzalterTrotzalter“ ist bezeichnend.

Pflege von Kindern

Pflegende achten im täglichen Kontakt auf Zeichen einer gestörten Entwicklung. Weitere Diagnostik ist nötig, wenn ein Kind:

  • Mit drei Monaten einen auffälligen Muskeltonus hat (asymmetrisch, schlaff/steif), nicht mit den Augen fixiert oder sich nicht zu Geräuschquellen dreht

  • Mit sechs Monaten nicht greift oder Laute/Silben ausprobiert

  • Mit einem Jahr nicht steht oder gar nicht „spricht“ (gezielte Doppelsilben)

  • Mit 1,5 Jahren nicht frei läuft

  • Mit zwei Jahren nicht spricht oder Aufforderungen nicht versteht.

Das Dreijährige
Nicht umsonst beginnt mit drei Jahren das Kindergartenalter: Das Dreijährige ist sauber und trocken bei Tag und teils auch bei Nacht. Es kann sekundenlang auf einem Fuß stehen und Dreirad fahren. Das Kind kann nun auch etwas schwierigere Anweisungen befolgen (z. B. unter Aufsicht Hände waschen und abtrocknen) und lässt sich meist gerne vorlesen.Dreijährige
Dreijährige malen (z. B. Sonne, Menschen aus Kopf mit Gesicht, Armen und Beinen), legen (einfache) Puzzles und fangen an, mit Schere und anderem Bastelmaterial umzugehen. Sie beginnen, mit anderen Kindern zu spielen, bleiben aber dabei sehr auf sich bezogen (egozentrisch).
Das Dreijährige spricht „gut“ und oft viel, fragt ständig „warum?“ und kennt einige Kinderlieder.
Der Schulanfänger
Um den Schulbeginn kann das Kind mit Messer und Gabel sowie etwas später auch mit Werkzeugen umgehen. Die feinmotorischen Fähigkeiten sind gewachsen (z. B. bindet das Kind eine Schleife, malt mit Details Abb. 21.12) und werden auch durch den Schulalltag ständig weiterentwickelt.Schulanfänger
Der Schulalltag prägt auch das SoziallebenSozialleben, Schulkind. Der Beginn des Schulkindalters bringt zunächst wieder eine Labilitätsperiode, das Kind ermüdet leicht, zeigt wenig Ausdauer und ist Stimmungen unterworfen.
Das (Grund-)Schulkind
GrundschulkindSchulkindAbstraktionsfähigkeit und schlussfolgerndes Denken machen große Fortschritte, obschon das Kind noch vorwiegend anschaulich denkt. Das Kind sammelt, experimentiert und stellt funktionsfähige Dinge her.
Das Kind freut sich an Bewegung und Sport und grenzt sich zum anderen Geschlecht ab, spielt z. B. häufig nur mit gleichgeschlechtlichen Freunden.
Im späten Grundschulalter löst sich das Kind mehr und mehr aus der unmittelbaren elterlichen Fürsorge, beginnt Einsicht in die sozialen Aufgaben innerhalb von Familie und Gruppe zu gewinnen und vermag seine Fähigkeiten planmäßig einzusetzen.
Der Jugendliche
Das Jugendalter zwischen dem 13. und 20. Lebensjahr ist ein Abschnitt des Übergangs. Es imponiert ein letzter körperlicher Wachstumsschub (Abb. 21.10), der Körper wird schlaksig, und mit Stimmbruch bzw. Brustentwicklung stellen sich die sekundären Geschlechtsmerkmale ein. Die Fähigkeit, Kinder zu bekommen, erreichen junge Mädchen mit etwa 14 und junge Männer mit etwa 16 Jahren. Mit etwa 18 Jahren (Frauen) bzw. 20 Jahren (Männer) Lebensjahr ist die körperliche Entwicklung abgeschlossen.Jugendliche
Psychisch zeigt sich die nahende Pubertät oft durch Widerspruchsgeist vor allem den Eltern gegenüber, und die Jugendlichen orientieren sich sehr stark an Gleichaltrigen (PeergroupPeergroup). „Rebellische“ Phasen wechseln oft abrupt mit solchen, in denen der Jugendliche überraschend „vernünftig“ erscheint. Auch die Stimmung schwankt teils erheblich. Forscher erklären sich dies durch Umbauvorgänge im Gehirn, insbesondere im Stirnlappen des Großhirns. Weitere Kennzeichen der Pubertät sind Kreativität und Experimentieren – von Kleidung und Frisur über Sportarten bis zum Einüben neuer Rollen, etwa im Sportverein. Gefährlich wird es, wenn mit AlkoholAlkohol, Pubertät und anderen Drogen experimentiert wird, denn diese richten, möglicherweise bedingt durch den Umbau des Gehirn, in der Pubertät dort besonders großen Schaden an. Das Risikobewusstsein insgesamt ist oft eher gering.
Bedingt durch die neue „hormonelle Interessenlage“ wendet sich die Aufmerksamkeit des Jugendlichen ab von den gleichgeschlechtlichen Gruppen hin zu gegengeschlechtlichen Partnern, woraus meist im 15.–17. Lebensjahr die ersten länger haltenden Beziehungen entstehen.
Demgegenüber wird das soziale Erwachsenendasein, also die finanzielle und berufliche Selbstständigkeit, in den Industrieländern immer später erlangt, was nicht selten zu Konflikten führt.

Wiederholungsfragen

  • 1.

    Welche Phasen werden im Kindes- und Jugendalter üblicherweise unterschieden? Charakterisieren Sie die „Hauptthemen“ dieser Phasen. (21.1, 21.3.2)

  • 2.

    Was versteht man unter der „Neuen Morbidität“? (21.1)

  • 3.

    Welches sind die wichtigsten Anpassungsvorgänge unmittelbar nach der Geburt? (21.2.1)

  • 4.

    Wie kommt es zum Neugeborenen-Ikterus? (21.2.1)

  • 5.

    Was ist das APGAR-Schema, wie funktioniert es? (21.2.1)

  • 6.

    Wie viel wiegt ein gesundes Neugeborenes? (21.2.1)

  • 7.

    Wie unterscheiden sich Vormilch und reife Muttermilch? (21.2.2)

  • 8.

    Wie wird ein gesunder Säugling ernährt? (21.2.2)

  • 9.

    Wie verläuft in groben Zügen das körperliche Wachstum zwischen Geburt und Erwachsenenperiode? (21.3.1)

  • 10.

    Welche Meilensteine ermöglichen eine Beurteilung des kindlichen Entwicklungsfortschrittes in den ersten drei Jahren? Stellen Sie drei Altersabschnitte genauer dar. (21.3.2)

Holen Sie sich die neue Medizinwelten-App!

Schließen