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B978-3-437-23149-0.00016-0

10.1016/B978-3-437-23149-0.00016-0

978-3-437-23149-0

Wege der SexualstraftäterbehandlungSexualstraftäterbehandlung

[L157]

Forensische Psychiatrie

Martin Rieger

Cornelis Stadtland

  • 16.1

    Gutachter: Auftrag und Voraussetzungen Cornelis Stadtland508

  • 16.2

    Grundsätze der medizinischen Begutachtung der Schuldfähigkeit im Strafrecht Cornelis Stadtland508

  • 16.3

    Fragen im Strafrecht (erwachsene Täter) Cornelis Stadtland509

    • 16.3.1

      Einleitung509

    • 16.3.2

      § 20 StGB: Schuldunfähigkeit510

    • 16.3.3

      § 21 StGB: Verminderte Schuldfähigkeit510

    • 16.3.4

      Eingangsmerkmale (1. Stufe der Beurteilung)511

    • 16.3.5

      Funktionsbeeinträchtigungen (2. Stufe der Beurteilung)512

    • 16.3.6

      Mindestanforderungen bei Schuldfähigkeitsbegutachtung (BGH 2005)513

    • 16.3.7

      Ergänzende testpsychologische Persönlichkeitsdiagnostik514

    • 16.3.8

      Maßregelvollzug514

    • 16.3.9

      Kriminalprognose515

  • 16.4

    Forensische Kinder- und Jugendpsychiatrie Martin Rieger517

    • 16.4.1

      Vorbemerkungen517

    • 16.4.2

      Strafrechtliche Verantwortungsreife (§ 3 JGG)518

    • 16.4.3

      Strafrechtliche Zuweisung für Heranwachsende (18.–20. Lj.) nach § 105 JGG518

    • 16.4.4

      Kriminalprognose519

    • 16.4.5

      Begutachtung der Glaubhaftigkeit kindlicher Zeugen520

    • 16.4.6

      Gutachten zu Voraussetzungen von sorgerechtlichen Eingriffen520

    • 16.4.7

      Gutachten zur geschlossenen Unterbringung nach § 1631b BGB521

Gutachter: Auftrag und Voraussetzungen

Cornelis Stadtland
  • Auftrag an Gutachter: Gutachter, psychiatrischer:AuftragForensische PsychiatrieBegutachtung, psychiatrische

    • Beantwortet Fragen von Gerichten und Behörden an Psychiater

    • Beantwortet Fragen zur Begutachtung und Behandlung Psychische Störungen:Begutachtungpsychisch kranker Rechtsbrecher

  • Besondere Voraussetzungen des Psychiaters als Gutachter: Gutachter, psychiatrischer:Voraussetzungen/Besonderheiten

    • Juristisches Denken verstehen

    • Gesetze und Vorschriften kennen

    • Juristen Fachwissen in verständlicher Weise vermitteln

    • Wissenschaftliche Standards beachten

  • Besonderheiten und rechtliche Stellung des Gutachters:

    • Direkte Verantwortung ggü. der Öffentlichkeit

    • Vertragsverhältnis zum Auftraggeber

    • Proband ist nicht nur Subjekt, das autonom in eine Behandlung einwilligt, sondern auch Objekt, über das Befunde erhoben und an Dritte weitergegeben werden

    • Verschiedene Interessenlagen von Auftraggeber und Untersuchten

    • Rechnungslegungsvorschriften (Justizvergütungs- und Entschädigungsgesetz)

    • Begutachtungspflicht

    • Beeidigung möglich

    • Haftung für fehlerhafte Gutachten

Aufklärung des Probanden über:

  • Rolle des Gutachters

  • Auftraggeber der Begutachtung

  • Verfahrensgang der Begutachtung

  • Abstrakte Konsequenzen der Begutachtung

  • Fehlen von Schweigepflicht und Schweigerecht für den Gutachter

  • Mitwirkungspflicht und Verweigerungsrecht bei der Begutachtung

  • Grenzen gutachterlicher Kompetenz

Grundsätze der medizinischen Begutachtung der Schuldfähigkeit im Strafrecht

Cornelis Stadtland
  • Mehrstufiges Beantwortungsschema: Schuldfähigkeit:Grundsätze der BegutachtungBegutachtung, psychiatrische:Schuldfähigkeit

  • Psychiater benennt psychopath. Funktionseinschränkungen.

  • Gericht zieht die juristischen Schlussfolgerungen.

    • Diagnose stellen (ICD-10 oder DSM-5):

      • Ohne Diagnose keine Einschränkung der Einsichts- und Steuerungsfähigkeit (seltene Ausnahmen evtl. bei Affektdelikten)

      • Klin. Diagnose allein genügt nicht

    • Ausmaß der durch die klin. Diagnose beschriebenen Störung beschreiben: In aller Regel erst bei schwerer Ausprägung Zuordnung zu einem Eingangsmerkmal des § 20 StGB (s. u.)

    • Diagnose bei entsprechender Ausprägung einem juristischen Eingangsmerkmal zuordnen:

      • Die durch die Störung bedingte Funktionseinschränkung beschreiben

      • Den anzuwendenden juristischen Krankheitsbegriff mit der Störung inhaltlich ausfüllen

      • Erst wenn der juristische Begriff pos. ausgefüllt wird, nächste Frage beantworten

      • Welche durch Gesetz oder Rechtsprechung bestimmte Funktionsbeeinträchtigung wurde durch die Störung bedingt?

      • Entwicklung einer Hypothese über störungsbedingte Funktionsbeeinträchtigung aufgrund des klin. Erfahrungswissens

  • Einschätzungen haben hypothetischen Charakter

  • Hypothesen beruhen auf klin. Erfahrung

  • Beantwortung der Frage, mit welcher Wahrscheinlichkeit Hypothesen zutreffen

  • Fragen beantworten, bzgl. derer der Gutachter besonders befähigt ist

  • Fragen an Gericht zurückgeben, die nach allg. Menschenverstand und Einfühlungsvermögen beantwortet werden können

  • Begriffe wie Schuldfähigkeit, Geschäftsfähigkeit, Verhandlungs- oder Prozessfähigkeit sind juristische Termini – Feststellung gehört nicht zu den eigentlichen Aufgaben des Sachverständigen

  • Zeitraum:

    • Psychopathologie zur Tatzeit ausschlaggebend

    • Auch Befunde aus zurückliegenden Zeiträumen beurteilen

  • Häufige Fehlerquellen:

    • Meinung zu juristischen Problemen kundtun

    • Zu Schuld, Absicht, Rechtmäßigkeit eines Geschäfts usw. Stellung nehmen

  • Unscharfe Grenzen:

    • Übergangsbereich zwischen psychiatrischer Befunddarlegung und juristischer Urteilsbildung

    • Gepflogenheit des Gerichts und Selbstverständnis des Gutachters haben Einfluss

Fragen im Strafrecht (erwachsene Täter)

Cornelis Stadtland

Einleitung

  • Med. Voraussetzungen für aufgehobene oder verminderte Schuldfähigkeit (§§ 20, 21 StGB)

  • Sozial- und Kriminalprognose psychisch kranker Rechtsbrecher vor Einweisung in Maßregel der Besserung und Sicherung oder vor Entlassung (§§ 63, 64, 66, 67d StGB)

  • Kriminalprognose bei Entlassung aus Sicherungsverwahrung, lebenslanger Haft und bestimmten Delikten mit mehrjähriger Haftstrafe (§ 57 Abs. 1 StGB)

  • Glaubhaftigkeit von Zeugenaussagen

  • Behandlung psychisch kranker Rechtsbrecher

§ 20 StGB: Schuldunfähigkeit

§20 StGB: Schuldunfähigkeit

SchuldunfähigkeitBegutachtung, psychiatrische:SchuldunfähigkeitOhne Schuld handelt, wer bei Begehung einer Tat wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung oder wegen Schwachsinns oder einer schweren anderen seelischen Abartigkeit unfähig ist, das Unrecht einer Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln.
BedeutungTäter ist schuldunfähig und wird nicht zu einer Strafe verurteilt. In der Praxis relativ selten.
VoraussetzungSiehe Gesetzestext. Täter war zum Tatzeitpunkt wg. Erkr. und Eingangsmerkmal unfähig, das Unrecht einer Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln, z. B. Wahn bei Schizophrenie:SchuldunfähigkeitSchizophrenie oder schwere Demenz:SchuldunfähigkeitDemenz.

§ 21 StGB: Verminderte Schuldfähigkeit

Verminderte SchuldfähigkeitSchuldfähigkeit:verminderteBegutachtung, psychiatrische:SchuldfähigkeitEingangsmerkmale der Schuldunfähigkeit können auch verminderte Schuldfähigkeit bedingen.

§21 StGB: Verminderte Schuldfähigkeit

Ist die Fähigkeit des Täters, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln, aus einem der in § 20 bezeichneten Gründe bei Begehung der Tat erheblich vermindert, so kann die Strafe nach § 49 Abs. 1 gemildert werden.
BedeutungTäter ist schuldfähig und wird i. d. R. auch zu einer Strafe verurteilt. Strafe kann gemildert werden. In der Praxis deutlich häufiger als § 20 StGB.
VoraussetzungTäter war bei Begehung der Tat in seiner Steuerungsfähigkeit erheblich vermindert, z. B. massive Intox. mit psychotropen Substanzen und Enthemmung oder psychotisches Residuum mit Beeinträchtigung der Impulskontrolle.
Therapie in Haft oder im Maßregelvollzugskrankenhaus
Beispiel SexualstraftäterAbb. 16.1.
  • Schuldfähigkeit erhalten oder nicht ausschließbar vermindert → Haft (bzw. Bewährungsstrafe)

  • Schuldfähigkeit vermindert oder aufgehoben und Zusammenhang mit Tat sowie weitere Gefährlichkeit → psychiatrisches Krankenhaus

Eingangsmerkmale (1. Stufe der Beurteilung)

Krankhafte seelische Störung
BeispieleKrankhafte seelische Störung, ForensikBegutachtung, psychiatrische:Eingangsmerkmale
  • Erkr. und Störungen, bei denen nach traditioneller Auffassung eine organische Ursache bekannt ist oder vermutet wird

  • Körperlich begründbare (exogene) Psychosen/psychotische Störungen:krankhafte seelische StörungPsychosen

  • Endogene Psychosen (schizophrene und affektive Psychosen)

  • Degenerative Gehirnerkr.

  • Durchgangssy., toxisch oder traumatisch bedingt (z. B. Alkoholrausch oder Drogen- bzw. Medikamentenintox.)

  • Epileptische Erkr., epileptische Dämmerzustände

  • Genetische Erkr., z. B. Trisomie 21 (Down-Sy.)

Tiefgreifende Bewusstseinsstörung
Tiefgreifende Bewusstseinsstörungen, ForensikBewusstseinsstörungen:tiefgreifende (Forensik)Bewusstseinsveränderungen, die bei einem ansonsten gesunden Menschen auftreten und zu einer erheblichen Beeinträchtigung seiner psychischen Funktionsfähigkeit führen. „Tiefgreifend“ = schwerste Beeinträchtigung. Selten, meist Folge starker affektiver Belastung, z. B. Wut, Angst oder Verzweiflung.
Schwachsinn
  • Schwachsinn, ForensikStörungen der Intelligenz, nicht auf organischen Grundlagen beruhend

  • Nicht darunter fallen die demenziellen Prozesse im Alter und die genetisch bedingten Formen der Intelligenzminderung (s. o. krankhafte seelische Störung)

  • Erst ab einer relativ ausgeprägten Minderbegabung

  • Anwendung hängt nicht allein vom IQ ab

  • Täterpersönlichkeit und Sozialisation beachten

  • Führt u. U. zu leichterer Verführbarkeit, verminderter Erregungskontrolle und unüberlegten Handlungen

Schwere andere seelische Abartigkeit
Abartigkeit, schwere seelische (Forensik)Häufigstes und oft umstrittenes Eingangsmerkmal. Sammelbegriff für Störungen, die nicht den ersten drei Merkmalen zugeordnet werden können.
Beispiele
  • Persönlichkeitsstörungen

  • Neurotische Störungen

  • Sexuelle Verhaltensabweichungen

  • Chron. Missbrauchsformen, ohne körperliche Abhängigkeit

  • Störungen der Impulskontrolle, z. B. das path. Spielen

  • Quantitative Begrenzung durch das Adjektiv „schwer“

  • Nur bei sehr schweren Funktionsbeeinträchtigungen (Ausprägung so stark wie z. B. bei psychotischen Erkr.)

  • Einbußen sozialer Kompetenz müssen ähnlich ausgeprägt sein wie z. B. bei psychotischen Erkr.

  • Ausmaß ist nicht von Bedeutung, wenn keine Spezifität der Störung für die inkriminierte Tat vorliegt

Funktionsbeeinträchtigungen (2. Stufe der Beurteilung)

  • Funktionsbeeinträchtigungen (Forensik)Begutachtung, psychiatrische:FunktionsbeeinträchtigungenNormative Entscheidung, bis zu welchem Ausmaß Einsicht in das Unrecht einer Handlung erwartet werden kann und bis zu welchem Grad Steuerung von einem Menschen verlangt wird.

  • Es ist mit empirischen Methoden nicht möglich, retrospektiv eindeutige Aussagen über das Ausmaß psychischer Beeinträchtigungen zu treffen.

  • Hilfestellungen für diese normativen Entscheidungen anbieten.

  • Letztendliche Entscheidung ist vom Gericht zu treffen.

Einsichtsunfähigkeit
  • EinsichtsunfähigkeitBegutachtung, psychiatrische:EinsichtsunfähigkeitKognitive Funktionen reichen nicht aus, das Unrecht eines Handelns zu erkennen.

  • Wenn Einsichtsunfähigkeit besteht, erübrigen sich weitere Fragen.

  • Wer Unrecht nicht einsehen kann, kann sich nicht entsprechend einer Rechtseinsicht steuern.

  • Erst wenn Einsichtsfähigkeit vorliegt, Prüfung der Steuerungsfähigkeit vornehmen.

Beispiele
  • Schwerwiegende intellektuelle Einbußen

  • Psychotische Realitätsverkennungen

Steuerungsunfähigkeit
  • SteuerungsunfähigkeitBegutachtung, psychiatrische:SteuerungsunfähigkeitEinbußen voluntativer Fähigkeiten, die zu einem Handlungsentwurf beitragen

Beispiele
  • Enthemmung

  • Beeinträchtigung innerer Freiheitsgrade und Handlungsspielräume

  • Unterbrechung der Kette zwischen antizipierender Planung, Vorbereitung und Handlung

  • Krankheitsbedingte Beeinträchtigung des Motivationsgefüges

Mindestanforderungen bei Schuldfähigkeitsbegutachtung (BGH 2005)

  • Formell: Schuldfähigkeit:Begutachtung, Mindestanforderungen

    • Auftraggeber und Fragestellung nennen

    • Ort, Zeit und Umfang der Untersuchung beschreiben

    • Aufklärung dokumentieren

    • Untersuchungs- und Dokumentationsmethoden (z. B. Beobachtung durch anderes Personal, Einschaltung von Dolmetschern) erklären

    • Erkenntnisquellen (Akten) und subjektive Darstellung des Untersuchten sowie Beobachtung und Untersuchung exakt angeben und getrennt wiedergeben

    • Zusätzlich durchgeführte Untersuchungen (z. B. bildgebende Verfahren, psycholog. Zusatzuntersuchung) trennen und erläutern

    • Interpretierende und kommentierende Äußerungen kenntlich machen, Trennung von Wiedergabe der Informationen und Befunde

    • Trennung von gesichertem med. (psychiatrischem, psychopath., psycholog.) Wissen und subjektiver Meinung oder Vermutungen

    • Offenlegung von Unklarheiten und Schwierigkeiten und den daraus abzuleitenden Konsequenzen

    • Aufklärungsbedarf an Auftraggeber mitteilen

    • Aufgaben- und Verantwortungsbereiche der beteiligten Mitarbeiter kenntlich machen

    • Übliche Zitierpraxis beachten

    • Klar und übersichtlich gliedern

    • Auf Vorläufigkeit des schriftlichen Gutachtens hinweisen

  • Inhaltlich:

    • Vollständigkeit der Exploration, insb. zu den delikt- und diagnosenspezif. Bereichen (z. B. ausführliche Sexualanamnese bei sexueller Devianz und Sexualdelikten, detaillierte Darlegung der Tatbegehung)

    • Untersuchungsmethoden benennen

    • Bei nicht üblichen Methoden oder Instrumenten: Erläuterung der Erkenntnismöglichkeiten und deren Grenzen

    • Diagnosen unter Bezug auf das zugrunde liegende Diagnosesystems (ICD-10 oder DSM-5)

    • Differenzialdiagnose erläutern

    • Funktionsbeeinträchtigungen darstellen

    • Ausmaß dieser Funktionsbeeinträchtigungen beim Untersuchten bei Begehung der Tat prüfen

    • Diagnose dem gesetzlichen Eingangsmerkmal korrekt zuordnen.

    • Schweregrad der Störung transparent darstellen

    • Tatrelevante Funktionsbeeinträchtigung unter Differenzierung zwischen Einsichts- und Steuerungsfähigkeiten beschreiben

    • Alternative Beurteilungsmöglichkeiten darstellen

Ergänzende testpsychologische Persönlichkeitsdiagnostik

Begutachtung, psychiatrische:Persönlichkeitsdiagnostik, testpsychologischeHypothesengeleiteter Prozess: Hypothesen aufgrund der Fragestellung und Aktenanalyse aufstellen, Hypothesen mithilfe von Testverfahren und Verhaltensbeobachtung prüfen.
Testpsycholog. Beurteilung von Persönlichkeitseigenschaften:
  • Allg. Täterbeschreibung; für Straftat relevante Persönlichkeitsmerkmale beschreiben (z. B. bei Körperverletzung – Erregbarkeit)

  • Bestimmte Persönlichkeitseigenschaften (§§ 20, 21 StGB):

    • z. B. Schwachsinn: bei IQ < 80 prüfen

    • z. B. schwere andere seelische Abartigkeit: bei schwerer sexueller Deviation prüfen

Maßregelvollzug

§ 63 StGB: Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus
Maßregelvollzug:nach § 63 StGB

§63 StGB: Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus

Unterbringung:strafrechtlicheUnterbringung:in psychiatrischem KrankenhausHat jemand eine rechtswidrige Tat im Zustand der Schuldunfähigkeit (§ 20) oder der verminderten Schuldfähigkeit (§ 21) begangen, so ordnet das Gericht die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an, wenn die Gesamtwürdigung des Täters und seiner Tat ergibt, dass von ihm infolge seines Zustands erhebliche rechtswidrige Taten zu erwarten sind und er deshalb für die Allgemeinheit gefährlich ist.
  • Praktische Bedeutung:

    • Ist Schuldfähigkeit aufgrund einer Erkr. oder Störung aufgehoben oder erheblich vermindert, hat das Gericht zu prüfen, ob aufgrund der Störung weitere erhebliche Delikte zu erwarten sind.

    • Wenn §§ 20 oder 21 StGB pos. vorliegen

    • Wenn Störung, die zur Annahme der §§ 20/21 StGB führt, nicht nur vorübergehend besteht

    • Wenn Straftaten in einem engen Zusammenhang mit der Störung stehen

    • Wenn Straftaten erheblich sind (u. a. Straftaten gegen Leib und Leben schwere Sexualstraftaten)

  • Ziel der psychiatrischen Maßregel: Besserung und Sicherung:

    • Sicherung = Behandlung, dass eine künftige Gefährdung der Allgemeinheit vermieden wird

    • Auch bei ther. Erfolglosigkeit besteht Aufgabe der Sicherung

§ 64 StGB: Unterbringung in einer Entziehungsanstalt
Maßregelvollzug:nach § 64 StGB

§ 64 StGB: Unterbringung in einer Entziehungsanstalt

Unterbringung:in EntziehungsanstaltHat eine Person den HangHang, alkoholische Getränke oder andere berauschende Mittel im Übermaß zu sich zu nehmen, und wird sie wegen einer rechtswidrigen Tat, die sie im Rausch begangen hat oder die auf ihren Hang zurückgeht, verurteilt oder nur deshalb nicht verurteilt, weil ihre Schuldunfähigkeit erwiesen oder nicht auszuschließen ist, so soll das Gericht die Unterbringung in einer Entziehungsanstalt anordnen, wenn die Gefahr besteht, dass sie infolge seines Hangs erhebliche rechtswidrige Taten begehen wird.
  • Eingangsvoraussetzungen:

    • Hang und Übermaß sind juristische Begriffe

    • Nicht abhängig von aufgehobener oder verminderten Schuldfähigkeit (§§ 20 und 21 StGB)

    • Auf 2 J. begrenzt

    • Nur wenn hinreichend konkrete Aussichten auf Erfolg der Behandlung bestehen

    • Konkrete Aussicht von Heilung oder Verhinderung eines Rückfalls mit dem Hang über eine erhebliche Zeit

    • Nur wenn Täter von erheblichen rechtswidrigen Taten abgehalten wird, die auf den Hang zurückgehen

    • Sonst wie bei Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus

§ 126a StPO: Einstweilige Unterbringung
  • Unterbringung:einstweiligeEinstweilige UnterbringungWenn die Voraussetzungen für die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus oder in einer Entziehungsanstalt nach den §§ 63 oder 64 StGB vorliegen

  • Anordnung durch Haftrichter aufgrund eines psychiatrischen Gutachtens

  • Dauert bis Hauptverhandlung oder bis die Voraussetzungen entfallen

  • Ermöglicht frühzeitige Behandlung psychisch kranker Rechtsbrecher

Entlassung aus der Maßregel
Maßregelvollzug:EntlassungWenn keine Höchstfrist im Gesetz festgesetzt ist (2 J. bei Unterbringung nach § 64 StGB), ist die Entlassung aus den Maßregeln nur von der Rückfallprognose abhängig.
§ 67d StGB: Dauer der Unterbringung
Unterbringung:DauerIst keine Höchstfrist vorgesehen oder ist die Frist noch nicht abgelaufen, so setzt das Gericht die weitere Vollstreckung der Unterbringung zur Bewährung aus, wenn zu erwarten ist, dass der Untergebrachte außerhalb des Maßregelvollzugs keine rechtswidrigen Taten mehr begehen wird. Mit der Aussetzung tritt Führungsaufsicht ein.

Akteneinsicht des Patienten im Maßregelvollzug

  • Maßregelvollzug:AkteneinsichtAlle patientenbezogenen Aufzeichnungen sind dem Pat. grundsätzlich zugänglich (Bundesverfassungsgericht), auch Aufzeichnungen über hypothetische Therapiepläne, Gegenübertragungen, handschriftliche Notizen etc.

  • Sorgfältige Dokumentation eingedenk des neu gestärkten Rechts auf uneingeschränkte Akteneinsicht des Pat. erforderlich.

Kriminalprognose

  • Kriminalprognose:ErwachseneBegutachtung, psychiatrische:KriminalprognoseExperimentelle Überprüfung der progn. Aussagen ist praktisch nicht möglich und in den meisten Fällen nicht zu verantworten.

  • Ungünstige Prognose führt meist zwangsläufig zu einer weiteren Unterbringung.

Kernfrage bei Kriminalprognosen

„Wer wird wann unter welchen Umständen mit welchem Delikt rückfällig, und wie können wir es verhindern?“
Klassische Methoden zur Risikoabschätzung
  • Intuitive Methode: Kriminalprognose:RisikoabschätzungBegutachtung, psychiatrische:Risikoabschätzung

    • Aufgrund von theoretischem Allgemeinwissen und subjektiver Erfahrung

    • Stark fehlerbehaftet

    • Stark abhängig von der Erfahrung (auch der fehlerhaften!) des Untersuchers

  • Statistische Methode:

    • Basiert auf empirischen Untersuchungen

    • Faktoren werden ermittelt, die statistisch mit hoher Rückfälligkeit korrelieren

    • Hohe Genauigkeit für Gruppenvergleiche

    • Oft für den individuellen Einzelfall nicht ausreichend

  • Klinische Methode:

    • Aufgrund biografischer Anamneseerhebung wird von der Vergangenheit über die derzeitige Situation auf die Zukunft extrapoliert

    • Stark abhängig von Erfahrung des Untersuchers

    • Oft sehr ungenau

Beispiele moderner Methoden zur Risikoabschätzung
  • Aktuarische Prognosen (engl. actuarial predictions):

    • Anleihen aus der Versicherungsmathematik

    • Weiterentwicklung der statistischen Methode

    • National und international validierte Prognoseinstrumente

    • Kriterienorientierte Vorhersagetechniken und -modelle

    • Aufwendigste und in vielen Untersuchungen genaueste Methode

    • Erfordert oft entsprechende Weiterbildung des Gutachters

    • Bei entsprechender Voraussetzung des Gutachters wichtiger Baustein des Gutachtens

  • EDV-gestützte Kombinationsansätze aus Risikofaktoren, Prognoseinstrumenten und Evaluationsmethoden:

    • Stark umstrittene Verfahren

    • Auch durch unerfahrene Gutachter anwendbar

    • Fehlende Transparenz

    • Vorhersagegenauigkeit bisher unklar

    • Reliabilität und Validität kaum überprüfbar

    • Ein sich nur auf solche Ansätze stützendes Gutachten ist zurzeit nicht zu empfehlen

Risikofaktoren für Rückfälle bei Straftätern
Statische RisikofaktorenStraftäter, RückfallrisikoBegutachtung, psychiatrische:Rückfallrisiko
  • Anamnestische Daten

  • Persönlichkeitsgebundene Dispositionen

  • Kriminolog. Faktoren

  • Grundlage der aktuarischen Risikoeinschätzung

Kernfrage: „Um wen muss man sich Sorgen machen.“

Dynamische Risikofaktoren
  • Fixierte dynamische Risikofaktoren:

    • Fehlhaltungen und -einstellungen

    • Risikoträchtige Reaktionsmuster

    • Einschätzung der Behandlungsmöglichkeiten

Kernfrage: „Bei wem sind Änderungen möglich und erreichbar?“

  • Aktuelle, sich ändernde Risikofaktoren:

    • Klin. Symptomatik

    • Einstellung und Verhalten in verschiedenen Situationen, z. B. dissoziales Verhalten in einer Einrichtung

    • Beschwerden über Personal („Nicht ich bin das Problem, sondern die Institution“)

    • Bestreiten oder Verleugnen früherer Gewalttaten

    • Fehlen von Schuld und Reue

    • Unrealistische Zukunftspläne

    • Aktueller Alkoholmissbrauch

    • Aktuelle psychotische Symptomatik

    • Fehlende Compliance

Kernfrage: „Wann muss man sich Sorgen machen?“

Mindestanforderungen bei Prognosebegutachtung; Bundesgerichtshof (2006)
Prognosebegutachtung, Mindestanforderungen Zu beantwortende Fragen:
  • Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die zu begutachtende Person erneute Straftaten begehen wird?

  • Welcher Art werden diese Straftaten sein, welche Häufigkeit und welchen Schweregrad werden sie haben?

  • Wer wird am wahrscheinlichsten das Opfer zukünftiger Straftaten sein?

  • Mit welchen Maßnahmen kann das Risiko zukünftiger Straftaten beherrscht oder verringert werden?

  • Welche Umstände können das Risiko von Straftaten steigern?

Forensische Kinder- und Jugendpsychiatrie

Martin RiegerKinder- und Jugendpsychiatrie:forensische

Vorbemerkungen

Forensische Fragestellungen

  • Med. Voraussetzungen für aufgehobene oder verminderte Schuldfähigkeit (§§ 20, 21 StGB); (16.3.2, 16.3.3)

  • Strafrechtliche Verantwortungsreife (§ 3 JGG)

  • Strafrechtliche Zuweisung für Heranwachsende (§ 105 JGG)

  • Glaubhaftigkeit kindlicher Zeugen

  • Voraussetzungen zu sorgerechtlichen Eingriffen

Häufige Gründe für Hinzuziehung des Sachverständigen in Strafverfahren

  • Psychiatrische Vorerkrankung

  • Entwicklungsdefizite

  • Kapitaldelikte

  • Wiederholungstäter

  • Sexuelle Devianz

  • Intoxikation zur Tat/Sucht

Schuldfähigkeit 16.3.2, 16.3.3.

Strafrechtliche Verantwortungsreife (§ 3 JGG)

Verantwortungsreife, strafrechtlicheStrafrechtliche VerantwortungsreifeBegutachtung, psychiatrische:Verantwortungsreife, strafrechtlicheEin Jugendlicher ist strafrechtlich verantwortlich, wenn er zur Zeit der Tat nach seiner sittlichen und geistigen Entwicklung reif genug ist, das Unrecht der Tat einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln. Zur Erziehung eines Jugendlichen, der mangels Reife strafrechtlich nicht verantwortlich ist, kann der Richter dieselben Maßnahmen anordnen wie der Familien- oder Vormundschaftsrichter.
  • Bejahung: Anwendung Jugendstrafrecht.

  • Verneinung: keine Verurteilung, ggf. Erziehungsmaßnahmen.

Die strafrechtliche Verantwortungsreife wird im Regelfall durch das Gericht ohne Hinzuziehung eines Gutachtens entschieden. Untersuchungen durch einen Sachverständigen zu § 3 JGG erfolgen i. d. R. in Verbindung mit einer Begutachtung zur Schuldfähigkeit.

  • Sachverständiger benennt entwicklungspsychiatrische Funktionseinschränkungen.

  • Gericht zieht die juristischen Schlussfolgerungen (normenorientierte Entscheidung).

EinsichtsunfähigkeitKognitiver und werteorientierter EinsichtsunfähigkeitEntwicklungsstand reicht nicht aus, um Unrecht der Tat zu erkennen. Wenn Einsichtsunfähigkeit vorliegt, erübrigt sich Beurteilung der Handlungskompetenz.
HandlungsunfähigkeitEntwicklungsstand Handlungsunfähigkeitauf der Handlungsebene und Integration von Normen in die Handlungsentwürfe reichen nicht aus, um entsprechend der Einsicht zu handeln. Insb. entwicklungsbedingter Mangel an Verhaltenssteuerung und hemmenden Einflüssen auf die Handlungsabläufe.

Nicht aufholbare Entwicklungsdefizite (z.B. geistige Behinderung, tiefgreifende Entwicklungsstörung und Autismus) sind unter Eingangsmerkmale des §§20/21 StGB zu subsumieren (16.3.4).

Strafrechtliche Zuweisung für Heranwachsende (18.–20. Lj.) nach § 105 JGG

Strafrechtliche Zuweisung für HeranwachsendeHeranwachsende, strafrechtliche ZuweisungAnwendung des Jugendstrafrechts, wenn
  • 1.

    die Gesamtwürdigung der Persönlichkeit des Täters bei Berücksichtigung auch der Umweltbedingungen ergibt, dass er zur Zeit der Tat nach seiner sittlichen und geistigen Entwicklung noch einem Jugendlichen gleichstand, oder

  • 2.

    es sich nach Art, Umständen oder Beweggründen der Tat um eine Jugendverfehlung handelt.

Untersuchungsschritte:
    • Längs- und querschnittliche Beurteilung der Entwicklung

    • Einschätzung der Umweltbedingungen und insb. der sozialen Bezüge

    • Beurteilung des Einflusses des Entwicklungsstands auf Entstehung und Ausgestaltung der Tat

    • Prüfung des Entwicklungspotenzials

    • Empfehlenswert: Einsatz operationalisierter Skalen, z. B. Esser et al. (1991), MSchrKrim 74: 356–368

Wenn kein Entwicklungspotenzial mehr vorliegt, d.h., die Entwicklung des Heranwachsenden abgeschlossen ist, ist nach Rechtsprechung das Erwachsenenrecht anzuwenden.

Relevante Merkmale in der Beurteilung der Persönlichkeit des Probanden:
  • Soziale Selbstständigkeit und autonome Lebensführung

  • Zwischenmenschliche Beziehungen

  • Norm/Werteorientierung

  • Emotionale Stabilität

  • Soziale Kompetenz

  • Leistungsorientierung

  • Realistische Lebensplanung

  • Reflexion über eigenes Handeln

Kriminalprognose

Kriminalprognose:HeranwachsendeBegutachtung, psychiatrische:KriminalprognosePrognosegutachten im KJP-Bereich noch selten. Erforderlich bei Prüfung der §§ 63/64 StGB.
Methodische Aspekte der Kriminalprognose 16.3.9.
  • Nach Forschungsstand relevante Risikofaktoren für Rückfallkriminalität und Gewalttätigkeit von Jugendlichen: Rückfallkriminalität (Jugendliche), Risikofaktoren

    • Historische Faktoren:

      • Mehrfache Gewaltdelikte

      • Unterschiedliche Delikte (Versatilität)

      • Frühes Einsetzen der Aggression

      • Sozialverhaltensstörung vor 10. Lj.

      • Vernachlässigung/Missbrauch

      • Gewalt in Herkunftsfamilie

      • Inkonsistente Erziehung

      • Schulisches Versagen

    • Dynamische Faktoren:

      • Anschluss an dissoziale Peers

      • Dissoziale Einstellungen

      • Geringe Empathie und Reue

      • Impulsivität und Risikoverhalten

      • ADHS-Diagnose

      • Substanzmissbrauch

      • Fehlende Compliance

  • Nach Forschungsstand relevante Risikofaktoren für sexuelle Rückfallkriminalität Jugendlicher:

    • Rückfallkriminalität (Jugendliche), RisikofaktorenDeviante sexuelle Interessen

    • Mehrfache Übergriffe/Opfer

    • Einsatz deutlicher Gewalt

    • Übergriffe ggü. wesentlich jüngeren Kindern

    • Übergriffe mit männlichen Opfern

    • Eigene Viktimisierung

    • Dissoziale Orientierung

    • Fehlende Impulskontrolle

    • Selbstwertgefühl/Selbstbehauptung gering

    • Empathiedefizite

    • Problematische Aufwuchs-/Umgebungsbedingungen

    • Keine spezif. Ther.

    • Fehlende Compliance

Skalen und Checklisten zur Risikoeinschätzung bei jugendlichen Straftätern zum adjuvanten Einsatz in der Begutachtung sind zu empfehlen.

Begutachtung der Glaubhaftigkeit kindlicher Zeugen

Nur durch forensisch und klin.-ther. erfahrene Psychologen oder Kinder- und Jugendpsychiater.

  • Häufig als Zweitgutachten oder in Revisionsverfahren

  • Entwicklungspsychologisch ab Ende des 2./Anfang des 3. Lj. verwertbare Aussagen möglich, aber Berücksichtigung des Entwicklungsstands im EinzelfallGlaubhaftigkeit kindlicher ZeugenBegutachtung, psychiatrische:Glaubhaftigkeit kindlicher Zeugen

  • Vermeidung suggestiver Fragetechniken

  • Aussagepsycholog. Auswertung (Konsistenz, Detailtreue usw.) wiederholter Befragung mit Einschätzung der Evidenz

  • Berücksichtigung motivationaler Aspekte der Aussage

Gutachten zu Voraussetzungen von sorgerechtlichen Eingriffen

Gerichtliche Maßnahmen bei Gefährdung des Kindeswohls nach §1666 BGB

KindeswohlgefährdungGefährdung des KindeswohlsBegutachtung, psychiatrische:SorgerechtWird das körperliche, geistige oder seelische Wohl des Kindes oder sein Vermögen durch missbräuchliche Ausübung der elterlichen Sorge, durch Vernachlässigung des Kindes, durch unverschuldetes Versagen der Eltern oder durch das Verhalten eines Dritten gefährdet, so hat das Familiengericht, wenn die Eltern nicht gewillt oder nicht in der Lage sind, die Gefahr abzuwenden, die zur Abwendung der Gefahr erforderlichen Maßnahmen zu treffen.
  • Ergänzend § 1666a zur Verhältnismäßigkeit: Maßnahmen, mit denen eine Trennung des Kindes von der elterlichen Familie verbunden ist, sind nur zulässig, wenn der Gefahr nicht auf andere Weise, auch nicht durch öffentliche Hilfen begegnet werden kann.

  • Auftrag: durch das zuständige Familiengericht

  • Untersuchungsmethoden:

    • Detaillierte Einzelexploration des Kindes (relevante Aussagen möglichst wörtlich festhalten)

    • Entwicklungsdiagnostik

    • Exploration Eltern

    • Interaktionsbeobachtung Eltern-Kind

    • Untersuchungstermin im häuslichen Kontext

    • Akkurate körperliche Untersuchung (genaue und nachvollziehbare Dokumentation auffälliger Befunde, ggf. Foto)

    • Einbezug früherer med. Befunde (Haus-/Kinderarzt)

    • Sichtung/Erhebung fremdanamnestischer Daten

  • Wichtige Beurteilungsaspekte:

    • Seelischer, körperlicher und reifebezogener Entwicklungsstatus des Kindes

    • Bindungsverhalten des Kindes

    • Interaktionsverhalten der Eltern

    • Hinweise auf spezif. Vernachlässigungs-/Missbrauchs- und Deprivationssy.

    • Einschätzung des psychischen Status, der geistigen Fähigkeiten und der Persönlichkeit der Eltern/Bezugspersonen

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      Cave: Dissimulation bzgl. psychischer Erkr. und Sucht (ggf. Zusatzgutachten durch Erwachsenenpsychiater anregen)

    • Beurteilung der Erziehungskompetenz, der Ressourcen und des sozialen Umfelds

    • Ansätze für eine risikoadjustierte Interventionsplanung

    • Keine globale Einschätzung, sondern differenzierte Darstellung bzgl. jedes einzelnen Kindes und Elternteils (Umfang der Fragestellung beachten)

Erhebung akut gefährdender Momente für das Kind umgehend dem Familienrichter mitteilen, der ggf. Maßnahmen i.R. einer einstweiligen Anordnung trifft.

Gutachten zur geschlossenen Unterbringung nach § 1631b BGB

  • Unterbringung:geschlossene (§ 1631b BGB)Begutachtung, psychiatrische:Unterbringung, geschlosseneBetrifft geschlossene Unterbringung (GU) in Kliniken oder Jugendhilfeeinrichtungen

  • Familiengericht entscheidet auf Antrag der Sorgeberechtigten

  • Voraussetzungen: Kindeswohlgefährdung, insb. Abwendung einer erheblichen Selbst- oder Fremdgefährdung

  • Gutachten durch Kinder- und Jugendpsychiater oder forensisch erfahrenen Psychologen erforderlich

  • Gutachten erfordert eingehende psychopath. Untersuchung, ggf. ergänzt durch Testpsychologie, sowie Entwicklungsanamnese mit Berücksichtigung der sozialen Situation

  • Verhältnismäßigkeit beachten: niederschwelligere, insb. ambulante oder offen-stationäre Maßnahmen nicht aussichtsreich oder bereits erfolglos

  • Gutachten muss Dauer der voraussichtlichen Unterbringung angeben und begründen. GU Klinik meist 2–12 Wo.; GU Jugendhilfe meist 12 Wo. bis 12 Mon.

  • Gutachten muss benennen, ob Inhalt des Gutachtens dem Kind/Jugendlichen zur Kenntnis gebracht werden kann (i. Allg. bejahend)

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