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B978-3-437-23149-0.00003-2

10.1016/B978-3-437-23149-0.00003-2

978-3-437-23149-0

Wernicke-Mann-Wernicke-Mann-GangGangbild Gangstörungen

[L190]

Lagerungstraining nach Brandt Lage(rungs)schwindel: Lagerungstraining nach Brandt

[L157]

Aphasische Wernicke-AphasieWernicke-AphasieTranskortikale AphasienTranskortikale AphasienLeitungsaphasieLeitungsaphasieBroca-AphasieBroca-AphasieAphasische SyndromeAphasische Syndrome Syndrome

Tab. 3.1
Syndrome (A. = Aphasie) Spontansprache Nachsprechen Wortverständnis Benennung Lesen Schreiben Lokalisation
Broca-A. Nicht flüssig, phonematische Paraphasien, Agrammatismus + +/– Gyrus frontalis inferior und frontales Marklager, Insel
Wernicke-A. Flüssig, phonematische und semantische Paraphasien, Neologismen, Paragrammatismus Gyrus temporalis superior und angrenzender Parietallappen
Leitungs-A. Flüssig, Paraphasien + +/– + + Gyrus supramarginalis (Fasciculus arcuatus): Verbindung zwischen Broca- und Wernicke-Areal gestört
Globale A. Nicht flüssig, Automatismen, Stereotypien Komb. der drei vorgenannten
Transkortikale motorische A. Nicht flüssig ++ + +/– + Anterior des Broca-Areals
Transkortikale sensorische A. Flüssig, Echolalie ++ Parietotemporale Areale
Transkortikale gemischte A. Nicht flüssig + Komb. der beiden oben genannten
Amnestische A. Flüssig, Wortfindung stark gestört + + +/– +/– Hinterer Temporal-, unterer Parietallappen
Subkortikale A. Uneinheitliches Muster, Paraphasien + +/– +/– +/– +/– Putamen und Thalamus, thalamokortikale Verbindungen, meist dominante Hemisphäre

ApraxienApraxien

Tab. 3.2
Form Definition Untersuchung Läsion
Ideomotorisch Zerfall der Handlungsgestalt trotz intakten Handlungsentwurfs. Fragmentarische Handlungsabläufe mit Auslassen einzelner Anteile oder vorzeitigem Abbruch Ausdrucksbewegungen wie Drohen, Winken. Vorgestellte Objekte gebrauchen lassen, z. B. aus einem Glas trinken, rauchen. Bedeutungslose Bewegungen imitieren lassen: z. B. Handrücken auf die Stirn legen. Komplexe Bewegungsabläufe befolgen lassen: z. B. mit dem Zeigefinger auf rechtes Ohrläppchen zeigen Sprachdominante Hemisphäre
Cave: Bei Aphasie auch gestört
Ideatorisch Richtiger Handlungsablauf, aber in falscher Situation oder an falschem Objekt z. B. Kugelschreiber auseinander- und wieder zusammenbauen, Flasche aufschrauben, Glas einschenken, trinken Temporoparietal, sprachdominante Hemisphäre
Bukkofazial Gesichtsapraxie. Störung der Koordination des Schluck- und Sprechakts (häufig auch bei Aphasien)

Klinische Unterscheidung zwischen Spastik und ZahnradphänomenZahnradphänomenKlappmesserphänomenKlappmesserphänomenRigorSpastikSpastikRigorRigor

Tab. 3.3
Spastik Rigor
Muskeltonus In Ruhe normal, beim ruckartigen passiven Durchbewegen einschießend; Klappmesserphänomen (plötzlicher Tonusverlust) In Ruhe ↑, gleichmäßige Tonuserhöhung bei passiver Bewegung (wie Bleirohr), wächserne Bewegung, bei ruckartigen Bewegungen z. T. Zahnradphänomen
Verteilung der Tonussteigerung Flexoren der Arme, Extensoren der Beine Flexoren stärker als Extensoren an allen Extremitäten
Unwillkürliche Bewegungen Evtl. spinale Automatismen Können vorhanden sein
MER Normal
Pyramidenbahnzeichen Pos. Neg.
Lähmung Vorhanden Nicht vorhanden

Klinik und Ätiologie der Wernicke-Mann-GangWernicke-Mann-GangWatschelgangWatschelgangTrendelenburg-GangTrendelenburg-GangSteppergangSteppergangGangstörungenGangstörungenGangstörungen

Tab. 3.4
Typ Klinik Ätiologie
Zerebellär-ataktisch Breitbasiger Gang mit unregelmäßiger Schrittfolge und Schwanken zur erkrankten Seite; Standunsicherheit, Romberg-Versuch neg. MS; Tumoren, Blutungen und Ischämien des Kleinhirns; toxisch (Alkohol); Kleinhirndegeneration, paraneoplastisch
Sensibel-ataktisch Abrupte Schritte unterschiedlicher Länge. Beine werden unterschiedlich hoch angehoben, oft mit hörbarem Auftritt; Romberg-Versuch pos. Kompensation über visuelles System, oft Stürze in der Nacht, wenn die visuelle Kompensation ausfällt PNP, MS, Vit.-B12-Mangel, Tabes dorsalis, Friedreich-Ataxie; spinale Tumoren mit Hinterstrangsympt.
Hemispastischer Wernicke-Mann-Gang (Abb. 3.1) Bein ist steif, Fuß supiniert, lateraler Fußrand schleift auf dem Boden. Spielbein wird außen um das Standbein geschwungen (Zirkumduktion). Arm ist gebeugt, schwingt nicht mit. Evtl. bilateral, bei spastischer Paraparese Zerebrale Ischämie, Blutung, MS, Hirntumoren, spinale Raumforderung
Gebundener Gang Beine sind steif, leicht in den Knien gebeugt, die Schritte kurz, schlurfend und breitbasig. Oberkörper ist vornübergebeugt. Arme leicht gebeugt, schwingen nicht mit Parkinson-Sy., Alter (franz: „marche à petits pas“, gehen wie auf einem nassen, glatten Holzsteg)
Steppergang Gleichmäßige Schrittlänge mit hängender Fußspitze. Knie werden stark angehoben, damit Fußspitze nicht schleift. Hörbares Auftreten Einseitig bei Läsion des N. peroneus, Poliomyelitis, bds. bei Charcot-Marie-Tooth-Sy., spinaler Muskelatrophie oder Muskeldystrophie
Watschelgang (Trendelenburg) Zum Standbein geneigter Oberkörper, Absinken der Hüfte zum Spielbein durch mangelnde Fixierung (Schwäche der Mm. glutei med.). Verstärkt beim Treppensteigen und Aufstehen Wurzelläsion L5 (meist Bandscheibenvorfall), Muskeldystrophie, M. Kugelberg-Welander, Hüftdysplasien
Gangstörung bei NPH Breitbasiger, langsamer, kleinschrittiger, schlurfender, am Boden klebender Gang; steife Körperhaltung, Körperdrehung en bloc. Kein Rigor, Tremor oder Ataxie Hydrozephalus; DD: M. Parkinson
Frontale Gangstörung Breitbasiger, langsamer, kleinschrittiger, zögernder, schlurfender, am Boden klebender Gang. Gebeugte Körperhaltung. Initial Verbesserung durch Hilfe, später zunehmende Schrittverkürzung bis zur Gangunfähigkeit Frontale Infarkte, frontal betonte Mikroangiopathie, M. Alzheimer
Dystoner Gang Langsamer, unsicherer Gang; überlagerte überschießende choreoathetotische/dystone Bewegungen (Plantarflexion, Dorsalflexion, Inversion, Drehungen von Becken und Rumpf) Chorea Huntington und andere Choreaformen, Dystonien, M. Wilson
Psychogene Gangstörung Häufig werden o. g. Bewegungsstörungen imitiert. Das Bein wird nachgeschleift oder nach vorn geschoben. Gang wie auf Stelzen. Häufig gute Beweglichkeit im Bett Histrionische Persönlichkeit, somatoforme Störungen

Läsionslokalisation bei sensiblen Ausfallsymptome, sensibleAusfallsymptome, sensibleAusfallsymptomen

Tab. 3.5
Läsionsort Klinik Ätiologie
Peripherer Nerv Hypästhetisches Areal ist wg. Überlappung der Schmerzfasern größer als hypalgisches und gibt Versorgungsgebiet exakter an. MER und Muskeltonus ↓, Schweißsekretionsstörung. Reizsympt., motorische Ausfälle, trophische Störungen, begrenzt auf das Versorgungsgebiet Trauma, Kompression, Kompartmentsy.
Hinterwurzel Segmentale Hypästhesie oder -algesie (Dermatome). Erhöhung des spinalen Drucks (Husten, Niesen, Pressen) führt zu Reizsympt. (Schmerzen, Hyperpathie). Bei isolierter Wurzelschädigung fällt wg. Überlappung mit Nachbarsegmenten nie das komplette Segment aus Bandscheibenvorfall, Neurinom, degenerative Knochenveränderungen
Hinterstränge Reizdiskrimination, Tasterkennen und Vibrationsempfindung beeinträchtigt, häufig Par- oder Hypästhesien. Sensible Ataxie, Romberg-Versuch pos. A.-spinalis-post.-Sy., Tabes dorsalis, funikuläre Myelose
Tractus spinothalamicus Kontralateral dissoziierte Sensibilitätsstörung: Verminderte Empfindlichkeit für Temperatur und Schmerz bei erhaltener Berührungsempfindlichkeit Brown-Séquard-Sy., A.-spinalis-ant.-Sy.
Hirnstamm Ataxie oder Lähmung; meist in Komb. mit HN-Ausfällen. Häufig gekreuzte Sy. Sensibilitätsstörungen perioral und an den Händen Blutung, Ischämie, Tumoren, Basilaristhrombose
Thalamus Kontralateral sind alle Sensibilitätsqualitäten betroffen; zusätzlich Hyperpathie, Choreoathetose, Ataxie, evtl. Hemianopsie, Thalamusschmerz Ischämie, Blutung, Tumor
Kortex Hemihypästhesie, Feinmotorikstörung, Dysdiadochokinese. Diskrimination, Tasterkennen, einfache Berührungsempfindlichkeit oft intakt. Keine Schmerzen Ischämie, Blutung, Tumor

Ätiologie und Klinik des Meningismus

Tab. 3.6
Ätiologie Klinik Anamnese
Entzündlich Bakt. oder virale Meningitis Lichtscheu, Fieber, Leukozytose Fieber, Tropenaufenthalt, Zeckenbiss
Meningoenzephalitis Wesensveränderung und Bewusstseinsstörung
Hirnabszess Hemiparese und fokale Krampfanfälle
Vaskulär SAB Stärkste Kopfschmerzen, Hemiparese, Bewusstseinsstörung Doppelbilder
Epi- oder subdurale Blutung Wesensänderung, Anfälle, Hemiparese Trauma vor Tagen bis Mon.
Tumoren der hinteren Schädelgrube mit Einklemmung Erbrechen, Ataxie, HN-Ausfälle Okzipitaler Kopfschmerz, bekanntes Tumorleiden

Differenzialdiagnosen der Rücken- und Tietze-SyndromTietze-SyndromScheuermann-KrankheitScheuermann-KrankheitRumpfschmerzenRumpfschmerzenRückenschmerzenRückenschmerzenKokzygodynieKokzygodynieKissing Spine DiseaseKissing Spine DiseaseInterkostalneuralgieInterkostalneuralgieIlioinguinalsyndromIlioinguinalsyndromDiskusprolapsDiskusprolapsBechterew-KrankheitBechterew-KrankheitBaastrup-KrankheitBaastrup-KrankheitRumpfschmerzen

Tab. 3.7
Lokalisation DD Klinik Diagnostik
HWS Diskusprolaps Meist mit radikulärer Ausstrahlung und neurologischen Ausfällen Rö, CT, MRT
HWS-Distorsion Paravertebraler Hartspann, Nackensteife Anamnese, Rö
BWS M. Scheuermann Nach körperlicher Belastung bei Jugendlichen
Osteoporose mit Deckplatteneinbrüchen Belastungsschmerz Stürze in der Anamnese, Rö
Intraspinale Prozesse (Tumor, Abszess) Brachialgie, Parästhesien, lokaler Klopfschmerz Anamnese, CT, MRT
M. Baastrup (Syn.: Kissing Spine Disease) Hyperlordose Druckschmerz der betroffenen Dornfortsätze
Knochentumoren/-metastasen/-entzündungen, Diszitis, Spondylitis (Tbc) Dumpfe, ziehende Schmerzen, ausgelöst durch Bewegung, lokaler Druck- und Klopfschmerz Rö, CT, MRT
Thorakal, abdominal Übertragener Schmerz Diffuser Schmerz im Bereich der Head-Zone bei Erkr. innerer Organe Internistisch/chirurg. Abklärung
Lumbal, sakral Diskusprolaps Meist mit radikulärer Ausstrahlung und neurolog. Ausfällen Rö, CT, Myelografie
M. Bechterew Nächtliche oder belastungsabhängige Schmerzen im seitlichen Sakralbereich Lokaler Druckschmerz am Gelenk, HLA-B27 i. S.
Spondylarthrose, Spondylose und Spondylolisthesis Gelegentlich radikuläre Ausstrahlung
Kokzygodynie (Prellung, Fraktur des Steißbeins) Steißbeinschmerz Trauma in der Anamnese, Rö
Rippen Interkostalneuralgie Gürtelförmig, segmental bei Entzündungen (Herpes zoster) oder Tumor Anamnese, Rö
Tietze-Sy. Schmerzhafte Schwellung der 1. oder 2. parasternalen Rippenknorpel Palpation
Ilioinguinal Ilioinguinalsy. Nach mechanischer Reizung (OP, spontan) Ausstrahlung in Leiste, Oberschenkelinnenseite, Skrotum bzw. Labium majus; Verstärkung durch Hüftstreckung, Besserung bei Beugung und Innenrotation, Sensibilitätsausfall in der Leiste Anamnese, Druckschmerz medial der Spina iliaca ant. sup.

Leitsymptome

Peter Häussermann

Michael Rentrop

  • 3.1

    Einleitung98

  • 3.2

    Psychiatrische Leitsymptome98

    • 3.2.1

      Allgemeines98

    • 3.2.2

      Bewusstseinsstörung98

    • 3.2.3

      Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen99

    • 3.2.4

      Denkstörungen100

    • 3.2.5

      Angst103

    • 3.2.6

      Zwang103

    • 3.2.7

      Sinnestäuschungen103

    • 3.2.8

      Ich-Störungen105

    • 3.2.9

      Störungen der Affektivität106

    • 3.2.10

      Antriebs- und psychomotorische Störungen107

    • 3.2.11

      Andere Symptome und Störungen107

    • 3.2.12

      Ausgewählte neuropsychologische Symptome108

  • 3.3

    Somatische Leitsymptome mit häufigem Bezug zu psychischen Störungen111

    • 3.3.1

      Vorbemerkung111

    • 3.3.2

      Rigor111

    • 3.3.3

      Tremor112

    • 3.3.4

      Gangstörungen114

    • 3.3.5

      Sensibilitätsstörungen115

    • 3.3.6

      Kopfschmerz117

    • 3.3.7

      Rücken- und Rumpfschmerzen119

    • 3.3.8

      Schwindel120

    • 3.3.9

      Tinnitus124

    • 3.3.10

      Transiente globale Amnesie (amnestische Episode)124

Einleitung

Leitsymptome stellen typische Krankheitszeichen dar, die den Untersucher rasch in die Lage versetzen, die differenzialdiagn. Abklärung einer Erkr. durchzuführen und Therapiemaßnahmen zu beginnen. Mit Identifikation eindeutiger Leitsympt. ist meist auch eine ätiolog. Vorstellung vom Krankheitsgeschehen verknüpft. Während die somatische Medizin eine Reihe krankheitstypischer Sympt. kennt, ist für die Psychiatrie insb. eine ätiolog. Einordnung problematisch. Letztlich kann sich hinter jedem Krankheitszeichen eine Vielzahl von Ursachen verbergen. Für psychische Krankheitszeichen ist typisch, dass sie nur die „phänomenolog. Endstrecke“ unterschiedlicher Prozesse darstellen. Leitsympt. dienen in der Psychiatrie daher zur Formulierung einer Querschnitts- oder Syndromdiagn. Algorithmus zur endgültigen diagn. Zuordnung (Abb. 1.14).

Psychiatrische Leitsymptome

Allgemeines

LeitsymptomePsychiatrische LeitsymptomeLeitsymptome:psychiatrischeIn enger Anlehnung an AMDP (12007995). Das AMDP-System. Manual zur Dokumentation psychiatrischer Befunde. 8. A. Göttingen: Hogrefe.
Die folgenden Begriffsbestimmungen sollen helfen, eine gemeinsame Sprache zur Formulierung psychopath. Befunde zu erhalten. Es handelt sich um Übereinkünfte, die teils als Kompromisse unterschiedlicher Auffassungen zustande gekommen sind.
Um dem Sinn von „Leitsymptomen“ näherzukommen, sind immer dann, wenn es über allg. Krankheitszeichen hinausgehende typische Zusammenhänge zu definierten Erkr. gibt, diese unter Vorkommen genannt. Im psychiatrischen Alltag müssen v. a. die Leitsymptome besondere Beachtung finden, die auf ein organisch bedingtes Geschehen hinweisen und damit ein sofortiges weiteres Handeln erfordern.

Bewusstseinsstörung

Bewusstseinsstörungen machen eine eingehende organische Abklärung dringend notwendig. Abgesehen von der Bewusstseinsverschiebung sind funktionelle psychische Störungen nicht mit Veränderungen des Bewusstseins verbunden. Ausschluss: Intox., neurolog./internistisches Krankheitsbild.

Hauptmerkmale
  • BewusstseinsstörungenBewusstseinBewusstsein: unterschiedlich verstanden und schwer zu definieren, am ehesten zu umschreiben mit der subjektiven Qualität unserer psychischen Vorgänge. Das Wissen darüber, dass es das Subjekt ist, das die Inhalte erlebt

  • OrientierungOrientierung: Gemeint ist das Wissen eines Menschen über Zeit, Ort, Situation und Person:

    • Zeitliche Orientierung: Datum (Tag, Monat, Jahr) Wochentag und/oder Jahreszeit

    • Örtliche Orientierung: gegenwärtiger Aufenthaltsort

    • Situative Orientierung: Bedeutungs- und Sinnzusammenhang der gegenwärtigen Situation

    • Zur eigenen Person: aktuelle persönliche oder lebensgeschichtliche Situation

Quantitative Bewusstseinsstörung
Bewusstseinsverminderung
Störung Bewusstseinsverminderungder Vigilanz, Einteilung in verschiedene Schweregrade:
  • Benommenheit: dösige BenommenheitSchläfrigkeit, bei welcher der Betroffene immer wieder auf das Gespräch zentriert werden kann

  • Somnolenz: SomnolenzSchläfrigkeit, durch äußere Reize wiederholt für kurze Zeit zu durchbrechen

  • Sopor: nur starke Reize lösen SoporReaktion aus, z. B. Schmerzreize

  • Koma: Betroffener auch durch Komastärkste Reize nicht mehr erweckbar

Qualitative Bewusstseinsstörungen
Bewusstseinstrübung
Qualitative BewusstseinstrübungBeeinträchtigung der Bewusstseinsklarheit. Der Pat. kann verschiedene Aspekte der eigenen Person nicht mehr sinnvoll miteinander verbinden; entsprechend sind Handeln und Mitteilung gestört. Vorkommen: z. B. Delir, oft verbunden mit Personenverkennungen, Unruhe, Ablenkbarkeit, Nesteln, Störung der Auffassung.
Bewusstseinseinengung
Das BewusstseinseinengungBewusstsein des Betroffenen erscheint wie ein engwinkliger und wenig beweglicher Lichtkegel auf einige wenige Bereiche zentriert. Vorkommen: z. B. bei abnormen Erlebnisreaktionen, nach Autounfällen, Dämmerzustand bei Epilepsien.
Bewusstseinsverschiebung
Subjektiver Eindruck,Bewusstseinsverschiebung die Außenwelt intensiver wahrzunehmen, einen erweiterten Erfahrungshorizont zu haben. Vorkommen: im Drogenrausch, nach Hypnose, bei schizophrenen oder manischen Sy.

Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen

Hauptmerkmale
  • Gedächtnis(störungen)AufmerksamkeitsstörungenAuffassung: Fähigkeit, AuffassungWahrnehmungen in ihrer Bedeutung zu begreifen und sinnvoll miteinander zu verbinden

    Orientierende Prüfung: Erklärung von Sprichwörtern („Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“; „Morgenstund' hat Gold im Mund“) oder Nacherzählen einer Fabel; alternativ Unterschiedserklärungen; Bsp.: Treppe – Leiter, See – Fluss, Kind – Zwerg

  • Konzentration: Fähigkeit, die KonzentrationAufmerksamkeit ausdauernd zu fokussieren.

    Orientierende Prüfung: einfache Rechnungen oder Rückwärtsbuchstabieren (z. B. Serial 7: 100–7, 93–7, 86–7 etc., Rückwärtsbuchstabieren von RADIO)

  • Merkfähigkeit: Fähigkeit, MerkfähigkeitEindrücke über mehrere Min. zu behalten.

    Orientierende Prüfung: Nennen von drei Begriffen, z. B. Zahl 34, Stadt Oslo und Gegenstand Aschenbecher. Aufforderung an den Pat., die Begriffe einmal nachzusprechen und sich einzuprägen. Erneutes Abfragen nach ca. 5 Min.

  • Gedächtnis: Fähigkeit, Gedächtnis(störungen)Eindrücke länger als 5 Min. zu speichern und Erlerntes aus dem Gedächtnis abzurufen

Prüfung durch Erfragen wichtiger und/oder alltägl. Lebensereignisse, z. B. Heirat? Abendessen des Vortages? Aktuelle politische/sportliche Ereignisse
Störungen
Konfabulation
Störung der KonfabulationMerkfähigkeit mit erheblichen Gedächtnislücken, die mit spontan produzierten, immer wieder neuen Inhalten gefüllt werden, die der Betroffene für Erinnerungen hält.
Orientierende Prüfung: im Verdachtsfall mehrmaliges Abfragen eines Ereignisses. Vorkommen: z. B. bei jeder mnestischen Störung, besonders beim Korsakow-Sy.
Paramnesien
Falsches ParamnesieWiedererkennen (Déjà-vu), Déjà-vuvermeintliche Fremdheit (Jamais-vu):
  • Ekmnesien: Jamais-vuEkmnesieStörung des Zeiterlebens, Vergangenheit wird als Gegenwart erlebt. Vorkommen: überwiegend bei organisch bedingten psychischen Störungen

  • Hypermnesien: HypermnesieSteigerung der Erinnerungsfähigkeit. Vorkommen: z. B. bei Fieber, psychischen Ausnahmezuständen, drogeninduziert

Denkstörungen

Formale Denkstörungen
DefinitionDenkstörungen:formaleGestört ist der Gedankenablauf im Sinne der Denkgeschwindigkeit, Kohärenz und Zielgerichtetheit der Gedankengänge. Vorkommen: unspezif., bei allen Arten psychischer Störungen, bei Gesunden etwa i. R. emotionaler Belastungszustände.
Klinik
  • Auffälligkeiten können auch die Sprache betreffen, mit grammatischen Fehlern bis hin zum Sprachzerfall bei schizophrenen Pat. (Schizophasie)Schizophasie

  • DenkhemmungDenkhemmung: Der Pat. erlebt sein Denken als blockiert, gebremst. Vorkommen: besonders häufig i. R. depressiver Störungen

  • DenkverlangsamungVerlangsamung: Das Denken erscheint dem Untersucher schleppend. Im Extremfall ist ein Gespräch wg. übermäßig langer Pausen kaum möglich.

  • Umständlich: Denken, eingeengtes/umständlichesWesentliches kann nicht von Unwesentlichem unterschieden werden. Zwischen den einzelnen Aussagen besteht jedoch ein inhaltlicher Zusammenhang.

  • Denken, eingeengtes/umständlichesEingeengt: Verhaftetsein an bestimmten Inhalten, wenigen Themen, Fixierung auf wenige Zielvorstellungen

  • PerseverationPerseveration: Wdh. gleicher Denkinhalte, Haftenbleiben an Worten oder Angaben, die vorher gebraucht wurden, nun aber nicht mehr sinnvoll sind

  • Grübeln:Grübeln dauerndes Beschäftigtsein mit bestimmten, meist unangenehmen Gedanken, die größtenteils mit der aktuellen Lebenssituation in Zusammenhang stehen. Bei starker Ausprägung deutliche subjektive Belastung, beeinträchtigte Leistung und Lebensgefühl. Vorkommen: besonders häufig i. R. depressiver Störungen

  • GedankendrängenGedankendrängen: Der Pat. ist subjektiv dem Druck vieler Gedanken ausgeliefert. Vorkommen: besonders häufig i. R. maniformer Störungen

  • IdeenfluchtIdeenflucht: Vermehrung von Einfällen, die z. T. nicht mehr zu Ende geführt werden können. Weitschweifig: Das Ziel des ursprünglichen Gedankengangs geht zwischenzeitlich durch neue Assoziationen verloren oder wechselt ständig. Vorkommen: besonders häufig i. R. maniformer Störungen

  • VorbeiredenVorbeireden: Obwohl eine Frage richtig verstanden wurde, wird eine inhaltlich unpassende Antwort gegeben. In der Beurteilung ist der Aspekt der richtig verstandenen Frage essenziell, daher explizit Nachfragen! Vorkommen: besonders häufig i. R. schizophrener Erkr. DD: aphasische Störungen

  • Gedankenabreißen, Gedankensperrung: plötzlicher GedankensperrungAbbruch Gedankenabreißeneines sonst flüssigen Gedankenablaufs oder des Sprechens ohne erkennbaren Grund. Vorkommen: besonders häufig i. R. schizophrener Erkr. Cave Absence, Bewusstseinsstörung, Lewy-Body-Demenz

  • Inkohärenz, Zerfahrenheit: Denken Denkzerfahrenheitund Sprechen Inkohärenzdes Pat. verlieren für den Untersucher den verständlichen Zusammenhang. Im Extremfall produziert der Pat. einzelne, scheinbar zufällig durcheinander gewürfelte Gedankenbruchstücke. Subjektiv kann ein zerfahrener Gedankengang dem Betroffenen noch sinnvoll erscheinen, z. B. wenn dieser von anderen psychopath. Sympt. (z. B. Halluzinationen, Ich-Störungen) beeinflusst wird. Vorkommen: überwiegend bei organisch bedingten psychischen Störungen oder schizophrenen Krankheitsbildern

  • NeologismenNeologismen: Wortneubildungen, die der sprachlichen Konvention nicht entsprechen und oft nicht unmittelbar verständlich sind. Vorkommen: besonders häufig i. R. schizophrener Erkr.

DiagnostikFormale Denkstörungen fallen dem Betroffenen selbst oder dem Untersucher im psychiatrischen Gespräch auf (s. o.). Häufig zeigen sich Störungen erst im Verlauf eines ausführlichen Gesprächs. Auffälligkeiten finden sich überwiegend in der Sprache.
Inhaltliche Denkstörungen
Überwertige Ideen
Denkstörungen:inhaltlicheAus gefühlsmäßig stark besetzten Erlebniskomplexen hervorgehende Ideen, Ideen, überwertigedie das gesamte Denken in unsachlicher/einseitiger Weise beherrschen. Überwertige Ideen werden meist verbissen und hartnäckig vertreten, Nachteile und Anfeindungen billigend in Kauf genommen.
Vorkommen: in allen Lebensbereichen, v. a. aber in Weltanschauung, Politik, Wissenschaft. Insg. steht dies dem gesunden Erleben nahe, Übergänge z. B. von der querulatorischen Fehlhaltung zum QuerulantenwahnQuerulantenwahn sind möglich
Wahn

Der Wahn als Symptom ist ein Hinweis auf eine schwerwiegende psychische Problematik. Vorkommen: bei organisch bedingten psychischen Störungen, Abhängigkeitserkr., affektiven und schizophrenen Psychosen.

Entwicklung, Ausprägung und affektive Beteiligung
  • WahnWahnideeWahnidee: objektiv falsche Beurteilung der Realität, an der mit unerschütterlicher Gewissheit festgehalten wird. Widersprüche zu eigenen früheren Erfahrungen bzw. dem Erleben, Wissen und Glauben der gesunden Mitmenschen werden vom Betroffenen nicht mehr berücksichtigt.

  • WahnstimmungWahnstimmung: Gefühl des Unheimlichen, Bedeutungsvollen, Veränderten; der Eindruck des Pat. „etwas sei im Gange“. Überwiegend ängstlich besetzt, gelegentlich euphorisch zuversichtlich. Ausgangssituation bei der Entstehung von Wahnideen.

  • WahneinfallWahneinfall: Übergang der unspezif. und vieldeutigen Wahnstimmung zur wahnhaften Überzeugung („jetzt weiß ich, was hier los ist, jetzt wird mir alles klar …“)

  • WahnwahrnehmungWahnwahrnehmung: Richtige Sinneswahrnehmungen werden in den Wahn einbezogen und erhalten eine abnorme Bedeutung. Meist werden Wahrnehmungen auf die eigene Person bezogen.

  • WahndynamikWahndynamik: bezeichnet den Grad der affektiven Beteiligung, mit der ein Mensch an seiner Wahnerkr. beteiligt ist. Cave: Eine hohe Wahndynamik ist ein (wenn auch unspezif.) Hinweis auf eine Selbst- oder Fremdgefährdung des Pat. und macht eine Behandlung dringlich!

  • Systematisierter Wahn:systematisierterWahn: Einzelne Wahnideen werden durch logische oder paralogische Verknüpfungen zu einem zusammenhängenden Wahngebäude ausgestaltet.

  • ErklärungswahnErklärungswahn: Wahn, mit dem ein Pat. seine Halluzinationen erklärt

Häufige Wahnthemen
  • BeziehungswahnBeziehungswahn: Menschen und Dinge in der Umwelt werden als auf die eigene Person bezogen erlebt. In TV, Radio oder Zeitung seien Dinge speziell seinetwegen veröffentlicht worden, ein Blick, ein Lachen beziehe sich zweifellos auf den Pat. Vorkommen: schizophrene Psychosen, hirnorganische Störungen

  • BedeutungswahnBedeutungswahn: Einem zufälligen Erlebnis wird eine besondere Bedeutung beigemessen. Vorkommen: v. a. schizophrene Psychosen

  • Beeinträchtigungs-/VerfolgungswahnBeeinträchtigungswahnVerfolgungswahn: Der Betroffene erlebt sich als Ziel von Beeinträchtigung oder Verfolgung.

    • Beeinträchtigungswahn: Typischerweise erlebt der Betroffene seine Umwelt als beleidigend, herabsetzend, ihm werde Schaden zufügt, oder er werde vernichtet.

    • Verfolgungswahn: Menschen in der Umgebung des Betroffenen seien seine Verfolger, deren Drahtzieher oder Hintermänner, er werde gefilmt, abgehört, mit technischen Apparaten überwacht. Vorkommen: v. a. schizophrene Psychosen

  • EifersuchtswahnEifersuchtswahn: wahnhafte Überzeugung, vom Partner betrogen oder hintergangen zu werden. Männer 2- bis 3-mal häufiger betroffen als Frauen. Klin.: Groteske Anschuldigungen bzgl. der Treue des Partners werden ausgesprochen. Die Aggressionen richten sich dabei gegen den Partner, nicht gegen den vermeintlichen Nebenbuhler. Syn.: Othello-Othello-SyndromSy. Vorkommen: hirnorganische Störungen, Alkoholabhängigkeit

  • Schuldwahn: Pat. ist Schuldwahnüberzeugt, gegen Gott, die Gebote oder gegen Gesetze verstoßen zu haben. Vorkommen: Depression, hirnorganische Störungen

  • Nihilistischer Wahn:nihilistischerWahn: Der Pat. glaubt, er lebe nicht mehr wirklich, nur zum Schein. Er leugnet die eigene Existenz, z. T. auch die der Angehörigen. Syn.: Cotard-Cotard-SyndromSy. Vorkommen: z. B. schizophrene, affektive Psychosen, hirnorganische Störungen, Migräne

  • Verarmungswahn: Der Betroffene Verarmungswahnwähnt seine finanzielle bzw. materielle Lebensgrundlage als bedroht oder verloren gegangen. Ältere Pat.: Sorge, die Kasse zahle den Krankenhausaufenthalt/ärztliche Behandlung nicht. Vorkommen: Depression, hirnorganische Störungen

  • Hypochondrischer Wahn:hypochondrischerWahn: Die eigene Gesundheit wird als bedroht oder verloren erlebt. Vorkommen: Depression, hirnorganische Störungen

  • GrößenwahnGrößenwahn: wahnhafte SelbstüberschätzungSelbstüberschätzung bis hin zur Identifizierung mit berühmten Persönlichkeiten der Gegenwart oder Vergangenheit. Inhalte können im Bereich des Möglichen bleiben, gehen aber oft darüber hinaus. Themen: ungeheure Machtfülle, unermesslicher Reichtum, Befähigung zur revolutionären Weltverbesserung, Pat. hält sich für einen Erlöser, Retter, Gott. Dies wird mit Eingebungen und Weisungen überirdischer Mächte begründet. Vorkommen: v. a. manische Episoden

Angst

  • Angst: unbestimmtes, ungerichtetes Gefühl des AngstUnwohlseins, erhöhte allg. Anspannung, verbunden mit vegetativen Veränderungen (Schwitzen, Puls-, Blutdruckerhöhung). Teils körperlich für den Betroffenen lokalisierbar (im Bauch, als Enge am Hals etc.). Vorkommen: i. R. einer Angsterkr. (9.2) meist als Panik oder generalisierte Angst oder unspezif. bei nahezu jeder psychischen Störung; bei Gesunden in Form von Furcht

  • Furcht: gerichtete ängstliche Anspannung, etwa ein(e) Furchtbestimmte(s) Ereignis/Situation betreffend

  • Misstrauen: ängstlich unsicheres Beziehen Misstrauenvon Wahrnehmungen auf die eigene Person

  • Hypochondrische Gedanken: sachlich Hypochondrische Gedankennicht begründbare, beharrliche Sorgen um die eigene Gesundheit

  • Phobien: gerichtete Angst vor PhobienSituationen oder Objekten mit der Entwicklung von Vermeidungsverhalten

Zwang

ZwangVorkommen: als Zwangserkr. (9.3) oder Begleitsympt. i. R. anderer psychischer Störungen (z. B. organisch bedingte, depressive oder schizophrene Erkr.)
  • ZwangsideenZwangsideen: Aufdrängen von nicht unterdrückbaren Denkinhalten, die vom Pat. selbst entweder als sinnlos oder in ihrer Penetranz als quälend erlebt werden

  • ZwangsimpulseZwangsimpulse: gegen inneren Widerstand bestehende, sich aufdrängende Impulse, bestimmte Handlungen durchzuführen

  • ZwangshandlungenZwangshandlungen: Handlungen, die aufgrund von Zwangsimpulsen oder -gedanken immer wieder durchgeführt werden müssen und vom Betroffenen als unsinnig empfunden werden (z. B. Waschzwang, WaschzwangKontrollzwangKontrollzwang)

Sinnestäuschungen

Definition

SinnestäuschungenUnterschieden werden illusionäre Verkennungen, Halluzinationen und Pseudohalluzinationen.
Illusionäre Verkennungen
Sinneswahrnehmungen werden Illusionäre Verkennungenverkannt; meist unter emotionaler Anspannung falsch gedeutet. Bsp.: Ein Kind hält im Halbdunkel des Kellers einen Besen für eine Hexe; oder Tapetenmuster werden für Fratzen gehalten. Vorkommen: unspezif., auch bei psychisch gesunden Menschen. Oft bei älteren Menschen mit Hör- oder Sehbeeinträchtigungen.
Halluzinationen

Definition

HalluzinationenTrugwahrnehmungen sind in jeder Sinnesmodalität möglich: akustische, optische, Geruchs-/Geschmackshalluzinationen, Körperhalluzinationen (taktile Halluzinationen, Störungen des Leibempfindens). Vorkommen: bei organisch bedingten Störungen (z. B. Intox., Entzugsdelir, Demenzen), affektiven Störungen (selten) und schizophrenen Erkr. (besonders häufig).
Akustische HalluzinationenHalluzinationen:akustische
  • Stimmenhören (Phoneme): Dabei Phonemelassen sich Stimmenhörenkommentierende Stimmen (sie begleiten das Tun und Handeln des Pat.) von imperativen Stimmen abgrenzen (diese geben dem Kranken Handlungsanweisungen). Manchen Pat. sind die Stimmen bekannt. Pat. berichten, dass sich zwei Personen über den Betroffenen unterhalten. Der Inhalt des von den Stimmen Gesagten ist meist unangenehm und herabwürdigend, selten verheißungsvoll. Manche Pat. geben an, lediglich einzelne Wörter zu hören, andere ein mehr oder minder unverständliches Gemurmel.

  • Akoasmen: andere akustische AkoasmenHalluzinationen, z. B. Knacken, Pfeifen, Schritte, Musik

Optische HalluzinationenHalluzinationen:optischeWahrnehmen von Lichtblitzen, Mustern, Gegenständen, Personen, Tieren, animierten bewegten Szenen.
Geruchs- und GeschmackshalluzinationenHalluzinationen:gustatorischeÜberwiegend unangenehme Geruchs- oder Geschmackswahrnehmung (gustatorische Halluzinationen), meist verbunden mit Vergiftungsängsten.
KörperhalluzinationenKörperhalluzination
  • Taktile Halluzinationen:taktileHalluzinationen: Meist Wahrnehmung, berührt/angefasst zu werden; aber auch tastende Wahrnehmung nicht vorhandener Dinge (z. B. kleiner Kristalle zwischen den Fingern)

  • Störung des LeibempfindensstörungLeibempfindens (Zönästhesien): qualitativ abnorme, neu-, Zönästhesienfremdartige sowie meist unangenehme Leibsensation. Typisch ist ein Gefühl, als würden sich die Organe verändern, bewegen, bestrahlt werden, brennen, Gegenstände würden daran ziehen. Bsp.: „Elektrischer Strom fließt durch meinen Bauch, das Herz und der Darm ziehen sich zusammen, mein Gehirn schwappt im Kopf hin und her.“

PseudohalluzinationenPseudohalluzinationenDer Betroffene ist sich der „Nichtrealität“ der Wahrnehmung bewusst.
Delusional Misidentification Syndromes (DMS)
Delusional Misidentification Syndrome (DMS)DMS nehmen eine Mittelstellung zwischen inhaltlichen Denkstörungen und Wahrnehmungsstörungen ein. Sie gehen über rein illusionäre Verkennungen hinaus, da neben der fehlerhaften (Wieder-)Erkennung auch eine unkorrigierbare Überzeugung bzgl. der Bekanntheit oder Unbekanntheit einer Person besteht. Vorkommen: bei Demenzerkr., seltener Schizophrenien, organische Störungen.
  • Capgras-Sy.: Capgras-SyndromPat. verkennt zumeist enge Bezugsperson nicht oder als verfremdet, wenn auch äußerlich unverändert

  • Fregoli-Sy.: Fregoli-SyndromPat. hält eine fremde Person für einen verkleideten Angehörigen

  • Intermetamorphose-Sy.: Intermetamorphose-SyndromPat. glaubt, zwei Personen hätten die Identität getauscht; sehr selten

  • Reduplikative Paramnesie: Reduplikative ParamnesieParamnesie:reduplikativesubjektive Überzeugung, eine Person (oft die eigene), Ort oder Objekt würden mehrfach bzw. in anderer Umgebung nochmals existieren

  • TV Sign: Pat. TV Signhält im Fernsehen Gezeigtes für real

  • Phantom-Border-Phänomen: Phantom-Border-PhänomenPat. wähnt Fremde in der Wohnung

  • Mirror Sign: Mirror SignPat. erkennt eigenes Antlitz im Spiegel nicht mehr

DMS sind möglicherweise Ausdruck einer Desintegration des neuronalen Lexikons. Ätiologisch wird eine Störung der Gesichtserkennung angenommen; neuroanatomisch scheinen limbische/re. frontal bzw. re. parietal gelegene Hirnareale und deren Konnektivität betroffen zu sein. Cave: Bei Auftreten schizophrener Psychosen erhöhtes Risiko fremdaggressiver Handlungen.

Ich-Störungen

Definition

Ich-StörungenGestört ist das Gefühl des Erlebens anderer, der Umwelt oder der eigenen Person. Zudem werden hier Veränderungen der Ich-Umwelt-Grenze und der Ich-Haftigkeit der Erlebnisse zusammengefasst. Vorkommen: überwiegend bei organisch bedingten Störungen, schizophrenen und schizoaffektiven Erkr.
Ich-Störungen gelten als besonders charakteristisch für schizophrene Krankheitsbilder (Erstrangsymptom der Schizophrenie:Ich-StörungenSchizophrenie nach Kurt Schneider). Derealisation und Depersonalisation können jedoch auch i. R. besonderer Belastungen bei psychisch Gesunden oder unspezif. bei nahezu jeder psychischen Störung vorkommen.
DerealisationDerealisation(ssyndrom)Personen und Gegenstände der Umgebung erscheinen unwirklich, fremd oder auch räumlich verändert. Dies erstreckt sich z. B. von dem Gefühl, „das Essen schmecke plötzlich so fade“, bis zu dem Eindruck, „die Menschen seien aus einem künstlichen Stoff, wie Marionetten, ohne wirkliches Leben“.
DepersonalisationStörung des Depersonalisation(ssyndrom)Einheitserlebens der Person im Augenblick, der Identität in der Zeit des Lebenslaufs. Der Betroffene fühlt sich selbst fremd, unwirklich, verändert. Bsp.: „Wenn ich depressiv bin, fühle ich mich so leer, kalt, wie tot“.
GedankenausbreitungGedanken des GedankenausbreitungBetroffenen sind anderen ohne sein Wollen/Zutun zugänglich; andere wissen, was er denkt.
GedankenentzugDer Betroffene Gedankenentzugerlebt seine Gedanken als weggenommen oder „abgezogen“.
GedankeneingebungGedanken und GedankeneingebungVorstellungen werden als fremd, von außen gemacht, gesteuert, eingegeben empfunden.

Andere Fremdbeeinflussungserlebnisse: Fühlen, Streben und Wollen werden als von außen gemacht erlebt.

Störungen der Affektivität

Vorkommen: Affektstörungenunspezif., bei psychisch Gesunden und i. R. aller psychischen Störungen. Dabei sind einzelne Ausprägungen durchaus unterschiedlich verteilt. Affektlabilität, -inkontinenz vermehrt bei organisch bedingten psychischen Störungen, Gefühl der Gefühllosigkeit und Störungen der Vitalgefühle bei depressiven Krankheitsbildern, Dysphorie, Euphorie und Reizbarkeit besonders häufig bei maniformen Krankheitsbildern, Ambivalenz, Parathymie und Affektstarre bei schizophrenen Erkr.
  • Affektlabilität: Affektlabilitätnach Anregung von außen erfolgt schneller Stimmungswechsel

  • Affektinkontinenz: AffektinkontinenzUnfähigkeit, Affekte zurückzuhalten, schneller Wechsel bei kleinsten Anlässen, z. T. Steigerung der Intensität der gezeigten Gefühle

Affektlabilität und insb. Affektinkontinenz lässt an eine organisch bedingte psychische Störung denken und macht eine sorgfältige organische Abklärung notwendig.

  • Ratlosigkeit: RatlosigkeitAffektausdruck, der eine kognitive Störung begleitet: Ein Pat. wirkt stimmungsmäßig wie jemand, der sich nicht mehr zurechtfindet. Er versteht nicht mehr, was um ihn geschieht, erscheint dem Untersucher hilflos, verwundert.

  • Gefühl der Gefühllosigkeit: Reduktion oder GefühllosigkeitVerlust affektiven Erlebens. Der Betroffene gibt an, sich weder freuen noch trauern zu können; er empfindet eine oft quälende emotionale Leere. Charakteristische Störung des Affekts bei einer schweren Depression/Melancholie.

  • Störungen der Vitalgefühle:Vitalgefühle, Störung der Verlust des Erlebens eigener Kraft, Lebendigkeit, körperlicher und seelischer Frische. Klagen wie „alles fällt mir so schwer, alles drückt mich nieder“ sind typisch.

  • Deprimiert, hoffnungslos, ängstlich: jede für sich, oft aber auch in Komb. auftretende Befindlichkeiten. Manchmal von den Pat. als quälende Gestimmtheit beklagt, z. T. aber auch aus Mimik und Verhalten erschließbar.

  • Klagsam, jammerig: Gemeint sind Pat., die ihre Beschwerden vielfach verbal und/oder averbal zum Ausdruck bringen und dadurch überwiegend ablehnende Reaktionen anderer erleben.

  • Innerlich unruhig:Unruhe Zustand der GetriebenheitGetriebenheit, Pat. fühlen sich aufgewühlt, innerlich gehetzt. Vorkommen: sowohl bei depressiver als auch bei gehobener affektiver Stimmung.

  • Dysphorie: Dysphoriemissmutige Grundstimmung; übellaunig, mürrisch, ärgerlich

  • Reizbarkeit: Reizbarkeitunterschwellige oder offene Aggressivität

  • Euphorie: Euphorieübersteigertes Wohlbefinden, große Zuversicht, gehobenes Vitalgefühl

  • Schuldgefühle, gesteigertes Selbstwertgefühl, Verarmungsgefühle: VerarmungsgefühleSelbstwertgefühl:gesteigertesSchuldgefühlesind von entsprechenden Wahninhalten abzugrenzen

  • Ambivalenz; Ambitendenz: gleichzeitiges Vorhandensein Ambivalenzgegensätzlicher Gefühle, Wünsche, Intentionen. Oft werden solche Zustände als quälend erlebt.

  • Parathymie: ParathymieGefühlsausdruck und berichteter Erlebnisinhalt stimmen nicht überein. Ein Pat. berichtet unbeteiligt oder lachend über bedrohliche, ängstigende Wahnvorstellungen. Ein „Verlegenheitslächeln“ ist hier nicht gemeint.

  • Affektstarre: AffektstarreVerminderung der affektiven Ausdrucksfähigkeit, damit sind jedoch keine Rückschlüsse auf tatsächliche innere affektive Erlebnisse des Betroffenen zu ziehen.

Antriebs- und psychomotorische Störungen

Psychomotorische StörungenAntriebsstörungenVorkommen: unspezif., bei psychisch Gesunden und i. R. aller psychischen Störungen. Antriebsarmut und -hemmung besonders häufig i. R. eines depressiven Sy. oder organisch bedingter psychischer Störungen. Antriebssteigerung und Unruhe finden sich häufig bei maniformen Erkr., Manierismen oft i. R. schizophrener Erkr., Stupor, Negativismus und Befehlsautomatismus i. R. einer katatonen schizophrenen Störung. Ein Stupor findet sich ebenfalls gelegentlich bei schweren depressiven Erkr.
  • Antriebsarmut: Mangel an Initiative, Energie, Anteilnahme

  • Antriebshemmung: Zustand, bei dem der Betroffene selbst seine Energie als gebremst oder blockiert erlebt

  • Antriebssteigerung: erhöhtes Maß an Vitalität, Energie, Schwung, Tatendrang

  • Motorische Unruhe: gesteigerte ungerichtete UnruheAktivität. Das Spektrum reicht von „nervösem“ Händereiben über Nestelbewegungen bis zum Umherlaufen. Steigerung bis zur Tobsucht möglich

  • Parakinese: qualitativ abnorme, meist Parakinesekomplexe Bewegungen, die häufig Gestik und Mimik, aber auch das Sprechen betreffen. Vorkommen: z. B. bei Tic-Störungen oder katatonen Schizophrenien

  • Manieriert/bizarr: Alltagshandlungen, die dem Beobachter eigentümlich verändert, verschnörkelt erscheinen

  • Theatralisch: übertrieben wirkende Handlungen, die in ihrer Ausführung einen selbstdarstellerischen Charakter beinhalten

  • Mutismus: Wortkargheit bis Verstummtsein. Spricht ein Betroffener nur noch mit ausgewählten Personen, so bezeichnet man dies als elektiven Mutismus.Mutismus:elektiver

  • LogorrhöLogorrhö: verstärkter Redefluss

  • Stupor:Stupor schwere Antriebshemmung bis hin zur völligen Regungslosigkeit. Vorkommen: ganz überwiegend i. R. katatoner Schizophrenien oder schwerer depressiver Erkr. Dabei im Fall katatoner Störungen verbunden mit einem Verharren in bizarren und unbequemen Körperhaltungen, teils von außen demonstrierbar, im Sinne einer wächsernen Biegsamkeit, wächserneBiegsamkeit (Flexibilitas cerea).Flexibilitas cerea

  • NegativismusNegativismus: Ausgeführt wird stets das Gegenteil des Verlangten.

  • BefehlsautomatismusBefehlsautomatismus: scheinbar willenlose Umsetzung von außen gegebener Anweisungen

Cave: Negativismus/Befehlsautomatismus sind zusätzliche charakteristische psychopath. Auffälligkeiten bei katatonen Sy.

Andere Symptome und Störungen

Schlafstörungen
(Schlafstörungenauch 10.2)
  • Fehlende Schlaf:unerholsamerSchlaferholsamkeit: Gefühl des nicht ausreichenden Schlafs, kann sowohl bei normaler wie auch verkürzter, selten auch bei verlängerter Schlafdauer auftreten

  • EinschlafstörungenEinschlafstörungen: Dauer bis zum Einschlafen > 30 Min.

  • DurchschlafstörungenDurchschlafstörungen: mehrmaliges Aufwachen in der Nacht, das vom Betroffenen als beeinträchtigend wahrgenommen wird

  • FrüherwachenFrüherwachen: Vorverlegung des Aufwachzeitpunkts > 1 h, Unmöglichkeit wieder einzuschlafen

  • HypersomnienHypersomnie: vermehrtes Schlafbedürfnis, z. B. bei saisonalen affektiven Störungen. Oft einhergehend mit fehlender Schlaferholsamkeit

Soziale Kontakte
Soziale KontakteEvtl. KontaktstörungenStörungen in der Begegnung und dem Austausch mit anderen Menschen, im Sinne von Rückzug/Isolierung oder auch sozialer Umtriebigkeit mit Missachtung üblicher Verhaltensregeln → möglicher Hinweis auf Chronifizierung, z. B. einer schizophrenen Psychose. Gerade bei älteren Pat. sind viele psychische Erkr. mitbedingt durch den zunehmenden Mangel an sozialen Kontakten und der daraus resultierenden sozialen Deprivation.

Das Vorhandensein und die Qualität sozialer Kontakte sind wesentliche Faktoren bei der Progn. einer psychischen Störung!

Suizidalität
SuizidalitätSuizidgedanken, -handlungen, Einteilung in verschiedene Schweregrade:
  • Latent: passive Todeswünsche, keine konkreten Suizidpläne, z. B.: „Am liebsten möchte ich morgen gar nicht mehr aufwachen“

  • Manifest: abgrenzbare Suizidpläne, die vom Betroffenen jedoch nicht unmittelbar umgesetzt werden. Erste Vorbereitungen zum Suizid, auch Pat. unmittelbar nach parasuizidaler Handlung/Suizidversuch ohne sofortige erneute Handlungsabsicht

  • Akut: Suizidplan und Handlungsabsicht, unmittelbar bevorstehender Suizidversuch, Z. n. Suizidversuch mit erneuter Handlungsabsicht

  • Extrem: Betroffener ist vollständig eingeengt auf Suizidgedanken bzw. Suizidhandlung und lässt sich nur durch körperliches Einschreiten seiner Umgebung von einem Suizidversuch abhalten

Selbstschädigung
Überwiegend Selbstschädigung/-verletzungin Ausprägung einer Selbstverletzung ohne Suizidabsicht auftretend. Am häufigsten findet sich das Zufügen von Brand- oder Schnittverletzungen, Schlagen des Kopfs gegen die Wand, Verschlucken spitzer Gegenstände. Vorkommen: besonders häufig i. R. der emotional-instabilen Persönlichkeit vom Borderline-Typ (11.1.5). Auch bei organisch bedingten psychischen Störungen und i. R. geistiger Behinderung.

Ausgewählte neuropsychologische Symptome

Aphasien
DefinitionZentrale Aphasische SyndromeSprachstörung nach abgeschlossener Sprachentwicklung.
ÄtiologieSchädigung der Sprachregion, z. B. bei Schlaganfall, SHT, Hirntumoren, fokale (v. a. li-temporale) Hirnatrophie, z. B. bei FTLD, Enzephalopathien (Tab. 3.1).
Differenzialdiagnosen
  • Dysarthrie: Betroffen ist die Sprechmuskulatur (nicht die Sprache, diese ist eine höhere kortikale Funktion), z. B. sek. durch zentrale (kortikale) oder periphere (bulbäre) Lähmungen. Sprachverständnis, Grammatik, Schreiben und Lesen sind normal. Zerebelläre Dysarthrie: skandierende Sprache

  • Parkinson-Sy.: leise, verwaschene, nuschelnde Sprache (Hypophonie)

  • Stottern: bei seelischen Störungen oder frühkindlichen Hirnschädigungen

Apraxie
Zentrale Störung in der ApraxienAuswahl und folgerichtigen Organisation von Bewegungselementen oder von Einzelbewegungen zu Handlungsabfolgen bei erhaltener Kraft und Koordination (Tab. 3.2).
Andere neuropsychologische Symptome
  • Alexie: Leitungsunterbrechung des visuellen AlexieAssoziationskortex beider Hirnhälften. Lesen ist nicht möglich, wohl aber Buchstabieren und Schreiben

  • AkalkulieAkalkulie: Rechenstörung bei linksparietalen Läsionen.

  • NeglectNeglect: i. d. R. nach rechtsparietaler Läsion Nichtbeachtung der li. Körperhälfte, manchmal auch der li. Raumhälfte

  • AnosognosieAnosognosie: nach rechtsparietaler Läsion Nichtwahrnehmung oder Bagatellisierung eines neurolog. Ausfalls

  • ProsopagnosieProsopagnosie: Unfähigkeit, Gesichter zu erkennen

Somatische Leitsymptome mit häufigem Bezug zu psychischen Störungen

Vorbemerkung

Die im Folgenden abgehandelten somatischen Leitsymptome finden sich gehäuft i.R. psychischer und/oder somatischer Krankheitsbilder aus dem neuropsychiatrischen Grenzgebiet. Die ausführliche Darstellung soll helfen, valide Hypothesen bzgl. eines Störungsbildes zu formulieren und ggf. zielgerichtet weitere neurolog. Diagn. zu veranlassen.

Rigor

ÄtiologieErkr. Leitsymptome:somatischeRigordes extrapyramidalen Systems (Basalganglien); v. a. M. Parkinson, Neuroleptika-NW.
Differenzialdiagnosen
  • „Gegenhalten“: kontinuierliche und unwillkürliche Muskelanspannung. Passive Dehnung des Muskels führt zu konstantem Widerstand durch Aktivierung antagonistischer Muskelgruppen. Vorkommen: Frontalhirnschädigungen, Katatonie.

  • Spastik: Läsion des 1. Spastikmotorischen Neurons zunächst mit schlaffer Lähmung (Tab. 3.3), Spastik erst nach 3–4 Wo. Ursachen z. B.:

    • Gehirnschädigung, z. B. ischämischer Insult, Blutung, infantile Zerebralparese, MS

    • Rückenmarkschädigung: Trauma, vaskulär, zervikale Myelopathie

    • Motoneuronerkr.: z. B. ALS, spastische Spinalparalyse

Tremor

Kriterien zur Beschreibung eines Tremors

Frequenz: niedrig- (< 4 Hz), mittel- (4–7 Hz), hochfrequent (> 7 Hz)Tremorsyndrome, klinische
  • Tremorarten: RuhetremorRuhetremor, HaltetremorHaltetremor, AktionstremorAktionstremor, IntentionstremorIntentionstremor

  • Bewegungsamplitude: grob- oder feinschlägig

  • Lokalisation

Klinik und Diagnostik
  • Anamnese, Fremd-(Familien-)anamnese

  • Neurolog. Status

  • Neurophysiologie: EMG, Mehrkanal-EEG, MEP, Long-Loop-Reflex

  • Bildgebung: MRT (cCT); SPECT/PET

  • Labor: endokrinolog. und/oder immunolog. Untersuchungen

  • Klin. Test bei Ruhetremor: RuhetremorPat. sitzt, Arme liegen auf Unterlage auf. Evtl. kognitive Aufgabe zur Provokation einer Tremorverstärkung

  • Klin. Test bei AktionstremorAktionstremor: Einwärtsdrehung der Arme (Haltetremor), ungerichtete Beugung und Streckung (BewegungstremorBewegungstremor), Finger-Nase-, Finger-Finger- oder Knie-Hacken-Versuch

Klinische TremorsyndromeTremorsyndrome, klinische
  • Physiologischer Tremor:

    • Kommt bei allen (gesunden) Personen vor. Frequenz 8–13 Hz, proximal < distal, oft nur bei psychischer Erregung sichtbar. Amplitude ↑ bei Kälte

  • Essenzieller Tremor:

    • Hereditäres, sehr häufiges Krankheitsbild, im Alter zunehmend. Haltetremor: Kopf und Hände. In klassischer Form als bilateraler symmetrischer Haltetremor und/oder als isolierter Kopfwackeltremor („Ja-“ oder „Neinsage-Typ“). Abnahme nach Alkoholgenuss (in 50–70 %) z. T. mit Intentionstremor (≥ 20 %)

    • Ther.: Propranolol, Primidon oder Komb. beider Substanzen, Tiefenhirnstimulation im Thalamus (VIM), Gabapentin, Topiramat oder Clozapin. Ggf. Botulinumtoxin A

  • Primärer orthostatischer Tremor:

    • I. d. R. idiopathisch. Subjektive Standunsicherheit (selten auch Gangunsicherheit), z. T. mit Stürzen aus dem Stand bei unauffälligem neurolog. Befund

    • Diagn.: EMG der Beinmuskulatur: 13- bis 18-Hz-Tremor (diagn. beweisend)

    • Ther.: Versuch mit Gabapentin, L-Dopa oder Primidon

  • Aufgaben- und positionsspezifischer Tremor:

    • Bei spezialisierten, übertrainierten Tätigkeiten, z. B. Schreib- und Stimmtremor

    • Ther.: bei erfolgsloser Propranolol-Ther. Versuch mit Botulinumtoxin A

  • Dystoner Tremor:

    • Meist fokal beginnender Tremor mit irregulärer Amplitude, Frequenz < 7 Hz, nur ein(e) Extremität/Körperteil betroffen, der auch die klin. Zeichen einer Dystonie zeigt; Sistieren in Ruhe

    • Ther.: Versuch mit Botulinumtoxin, Trihexyphenidyl, Propranolol

  • Tremor beim Parkinson-Sy.:

    • Einteilung:

      • Typ I: klassischer Ruhetremor > 4 Hz, u. U. mit posturalem oder kinetischem Tremor gleicher Frequenz. Sistieren beim Übergang Ruhe – Aktion. Gelegentlich Latenz bis Auftreten eines Parkinson-Sy., dann Diagn. eines „tremordominanten M. Parkinson“. Fast immer einseitig beginnend, oft einseitig betont

      • Typ II: Ruhe- und Haltetremor unterschiedlicher Frequenz (Differenz > 1,5 Hz)

      • Typ III: reiner Halte- und Aktionstremor, i. d. R. > 5 Hz

    • Ther.: L-Dopa und/oder Dopaminagonisten, MAOH, Anticholinergika, Amantadin, Propranolol, Clozapin. Cave: Tremor schwieriger als Akinese und Rigor behandelbar

  • Zerebellärer Tremor:

    • Intentionstremor < 5 Hz, u. U. mit posturalem Tremor oder niederfrequentem Wackeltremor (= Titubation).Titubation Symptomatisch nach Kleinhirnläsion

    • Ther.: Versuch mit Primidon

  • Holmes-Tremor (rubraler Tremor): Holmes-TremorRuhe- und Intentionstremor < 4,5 Hz, mit großer Amplitude, u. U. mit posturalem Tremor. Symptomatisch mit Latenz von bis zu 2 J. nach Läsion von nigrostriatalen dopaminergen Bahnen und zerebellothalamischem System. Eine stereotaktische Beeinflussung kann versucht werden

  • Gaumensegeltremor: sympt. Gaumensegeltremorbei zerebellären oder Hirnstammläsionen, dann i. d. R. mit anderen neurolog. Sympt.; essenziell mit Ohrklicken

  • Medikamentöser oder toxininduzierter Tremor: unterschiedliche Phänomenologie. Sonderformen: tardiver Tremor (v. a. 3–5 Hz Haltetremor nach Neuroleptika-Langzeitther.)

  • Tremor bei peripherer Neuropathie: selten, v. a. bei demyelinisierenden Formen (Gammopathie, chron. GBS)

  • Psychogener Tremor: Psychogener TremorKomb. von Ruhe- und Aktionstremor, beim Muskeltonustest deutlich spürbare Co-Aktivierung der Antagonisten. Oft plötzlich auftretende Tremorattacken, die auch plötzlich wieder verschwinden können. Früher bei Rückkehrern aus dem Ersten Weltkrieg aufgetreten („Kriegszitterer“), aber auch nach Unfällen, tätlichen Angriffen, Angst, Schreck oder seelischen Belastungen (akute Belastungsstörung)

Gangstörungen

Tab. 3.4 Gangstörungen

Sensibilitätsstörungen

Reizsymptome
  • Sensibilitätsstörungen:ReizsymptomeParästhesie: Brennen, ParästhesienKribbeln, „Ameisenlaufen“, pelziges Gefühl, Wärme- und Kältemissempfindung. Radikuläre oder nervale Ausbreitung, bei längerem Bestehen auch atypische Ausdehnung (z. B. Schulterschmerz bei Karpaltunnelsy.) → meist keine Durchblutungsstörung, sondern neurogen bedingt: Nerv- oder Wurzelirritationen, PNP, funikuläre Myelose, sensibler Jackson-Anfall

  • Hoffmann-Tinel-Zeichen: Hoffmann-Tinel-ZeichenBeklopfen der Nervenläsion führt zu elektrisierenden Missempfindungen im Versorgungsgebiet des geschädigten Nervs (z. B. Karpaltunnelsy.)

  • Neuralgie: wellenförmiger, Neuralgieattackenweiser, „heller“, reißender/ziehender bzw. stechender Schmerz. Provokation durch Dehnung oder Druck von Nerv oder Wurzel (z. B. Husten, Niesen oder Pressen bei Wurzelkompression) → z. B. TrigeminusneuralgieTrigeminusneuralgie

  • Hyperpathie: unangenehmer, oft Hyperpathiebrennender Schmerz bei leichten Berührungen. Einsetzen des Schmerzes mit Latenz, Ausbreitung auf benachbarte Hautareale. Oft komb. mit Hypästhesie → partielle Nerven-, ischämische Hinterstrang- oder Thalamusläsionen

  • Kausalgie: dumpfer, Kausalgiebrennender, schlecht abgrenzbarer, bei Berührung verstärkter, heftiger Schmerz. Trophische Veränderungen. Häufig betroffen sind Nn. medianus und tibialis wg. hohen Anteils vegetativer Fasern → partielle Nervenläsionen

  • Stumpfschmerz: Sympt. wie Stumpfschmerzbei Kausalgie, oft komb. mit Hyperpathie. Ätiol.: Narbenneurom durch Fehlaussprossung regenerierender Nervenfasern

  • Phantomschmerz: hartnäckige, Phantomschmerzquälende Schmerzen durch Übererregbarkeit der kortikalen Repräsentation einer amputierten Gliedmaße

Ausfallsymptome
Sensibilitätsstörungen:AusfallsymptomeAusfallsymptome, sensibleVerminderung oder Auslöschung von Berührungs- (Hyp- oder Anästhesie), Temperatur- (Thermhypästhesie oder -anästhesie) oder Schmerzempfindung (Hyp- oder Analgesie), Tasterkennen (Stereoästhesie) und der Tiefensensibilität, Vibrationsempfinden (Pallhyp- oder -anästhesie), Lage- und Bewegungsempfinden (Gelenkstellung und -bewegung) (Tab. 3.5).

Kopfschmerz

Differenzialdiagnosen
Neurologische UrsachenKopfschmerz:UrsachenKopfschmerz:DD
  • Akute, stärkste Kopfschmerzen (4.3)

    • Intrakranielle Blutung: Übelkeit, Erbrechen, Bewusstseinsstörung, Hemiparese, Aphasie

    • SAB: Meningismus, HN-Ausfälle, Bewusstseinsstörung

    • Meningitis: Meningismus, Fieber, Desorientiertheit, Verwirrtheit. Entzündungszeichen im Labor

    • Sinusvenenthrombose: Krampfanfälle, bilaterale fokale neurologische Zeichen, evtl. Fieber. Entzündungszeichen im Labor.

Bei diesen Verdachtsdiagn. immer notfallmäßige zerebrale Bildgebung, wenn o.B. ggf. LP (z.B. Blut, Pleozytose, Bakterien).

  • Akute oder chronische starke Kopfschmerzen

    • Grippaler, fieberhafter Inf.

    • Spannungskopfschmerz

    • Sinusitis (klopfschmerzhafte NNH), Otitis media (druckschmerzhafter Tragus), Herpes zoster oticus (Hauteffloreszenzen)

    • Liquorunterdrucksy. bei Z. n. LP

    • Posttraumatisch

    • Intrakranielle Raumforderung: STP, fokale neurolog. Zeichen

    • Tolosa-Hunt-Sy.: Refraktionsanomalie, Doppelbilder, Glaukom (retroorbitale Schmerzen)

    • Analgetika-Kopfschmerz: anamnestischer Analgetika-Abusus

    • Karotis-/Vertebralis-Dissektion: ziehende Hals- oder Nackenschmerzen; ggf. Horner-Sy. ipsilateral

    • Arteriitis temporalis: temporal betonte, dumpfe Dauerschmerzen über Wo. A. temporalis druckempfindlich und geschwollen, evtl. Sehstörungen, Muskelschmerzen, BSG ↑

    • Myoarthropathie: Druckschmerz des Kiefergelenks

Internistische Ursachen
  • Art. Hypertonie, Phäochromozytom, Anämie, Hypoglykämie

  • Medikamente (Nitrate, Ergotamin, Analgetika, Kalziumantagonisten), Alkohol und Alkoholentzug, Urämie

  • Ophthalmolog. Ursache: Glaukom

DiagnostikKopfschmerz:Diagnostik
  • Anamnese:

    • Qualität: pulsierend, drückend, klopfend, stechend, spitz, dumpf

    • Intensität: Arbeiten oder Schlafen möglich?

    • Lokalisation

    • Zeitlicher Verlauf: neu, nie gekannt, zunehmende Häufigkeit

    • Begleitsympt.: z. B. Erbrechen; Triggermechanismen z. B. Kauen, Sprechen, Trinken oder Berührung

    • Vorerkr.: z. B. bekannte Hypertonie, vorangegangene LP, Spinalanästhesie

    • Medikamenteneinnahme

  • Klin. Untersuchung: Klopfschmerz (z. B. NNH), Meningismus, A. temporalis schmerzhaft verdickt oder Tragus druckschmerzhaft

  • Apparativ: evtl. cCT, MRT, LP, EEG, Spiegelung des Augenhintergrunds, DSA

Meningismus

  • Meningismus immer stationär abklären (CT, LP) (Tab. 3.6)!Meningismus

  • Bei schmerzhafter Nackensteife Meningismus auch prüfbar durch Kernig-ZeichenKernig- und Brudzinski-Brudzinski-ZeichenZeichen

DD: degenerative HWS-Veränderungen, Nackenrigor, Strychninvergiftung, Tetanie, Stiff-Person-Sy.
Postpunktioneller Kopfschmerz
DefinitionKopfschmerzen nach LP (2.1.1). Meist bei jungen Menschen, F > M.Kopfschmerz:postpunktioneller
KlinikDumpfer, okzipitaler, in den Nacken ausstrahlender Schmerz mit Übelkeit, gelegentlichem Erbrechen, Ohrdruck, Tinnitus und Nackensteifigkeit 1–2 d nach LP, für 2–7 d anhaltend. Deutliche Besserung durch flaches Liegen.
TherapieKonsequente Flachlagerung, bei stärkeren Beschwerden Paracetamol oder NSAID. Vermehrtes Trinken ist ohne Wirkung, Infusionen sind fraglich wirksam. Koffein oder Theophyllin p. o. sind manchmal wirksam. In schweren Fällen Kortison absteigend 80–60–40 mg, alternativ oder bei persistenten Beschwerden epidurale Eigenblutinjektion (Blood Patch), gut wirksam; frühestens 24 h nach LP durchführen.
ProphylaxeMit möglichst dünner atraumatischer Nadel punktieren (z. B. Sprotte-Nadel).

Rücken- und Rumpfschmerzen

Tab. 3.7 Rumpfschmerzen Rückenschmerzen

Schwindel

Definition
SchwindelScheinbewegungen, die durch gegensätzliche Informationen der Sinnesorgane entstehen. Kann physiologisch als Reizschwindel oder path. mit zentraler, vestibulärer oder psychogener Ursache auftreten. Schwindel ist gerade bei älteren Menschen eines der häufigsten Sympt. für eine ärztliche Konsultation.
Einteilung
  • DrehschwindelDrehschwindel: gerichtet; Gefühl als würde sich der Raum ständig um einen drehen → z. B. bei M. Menière

  • SchwankschwindelSchwankschwindel: ungerichtet; „wie auf einem Schiff“, als ob „der Boden schwanken würde“ → z. B. bei Phobien

  • Lagerungsschwindel/Lage(rungs)schwindelLageschwindel: ungerichtet oder Drehschwindel; nur nach Kopfbewegung oder Änderung der Körperachse → z. B. bei Perilymphfistel, Otolithen

  • LiftschwindelLiftschwindel: ungerichtet; Gefühl zu sinken oder angehoben zu werden → z. B. bei orthostatischen Störungen

Diagnostik
  • Anamnese:

    • Schwindelform (s. o.)

    • Häufigkeit: Dauer- oder Attackenschwindel

    • Begleitsympt.: z. B. Übelkeit, Erbrechen, Doppelbilder, Hörstörung, Nystagmus, Ataxie, Fieber, HN-Störungen, Bewusstseinsstörungen

    • Medikamentenanamnese: z. B. Carbamazepin, Phenytoin, Antihypertensiva, Antiarrhythmika

    • Begleiterkr.: z. B. Herzinsuff., Herzrhythmusstörungen, Hypo-/Hypertonie, Inf.

  • Immer Nystagmusprüfung Nystagmusmit Frenzelbrille: Verstärkung durch Aufhebung der Fixation

  • HNO-Konsil: Vestibularis- und Hörprüfung

  • Bei weiteren neurolog. Befunden: evtl. AEP, EEG, ENG; Doppler-Sono, cCT, MRT (bei V. a. zentrale Ursache)

  • Evtl. internistische Abklärung: z. B. EKG, Langzeit-EKG, Schellong-Test, ggf. Kipptischuntersuchung

Physiologischer Reizschwindel
Bewegungsschwindel
KlinikBenommenheit,Reizschwindel, physiologischer BewegungsschwindelMüdigkeit, periodisches Gähnen, Blässe, leichter Schwindel, vermehrter Speichelfluss, Übelkeit, Erbrechen und Apathie, z. B. bei Autofahrten oder Seereisen. Säuglinge und Kleinkinder sind resistenter als ältere Menschen. Spontane Remission innerhalb von Stunden nach Wegfall des auslösenden Reizes.
Therapie
  • Physikalisch: Gewöhnung durch intermittierende Reizexposition

  • Kopffixierung, Hinlegen, wenn möglich visuelle Kontrolle der Fahrzeugbewegung

  • Medikamentös: Dimenhydrinat 100 mg einmalig p. o. oder Scopolamin 0,5 mg als Pflaster ½ h vor Fahrtbeginn. NW: Sedierung, vermindertes Reaktionsvermögen, Mundtrockenheit, Verschwommensehen

Höhenschwindel
KlinikVisuell Höhenschwindelausgelöste Stand- und Bewegungsunsicherheit mit Angst und vegetativen Begleitsympt. Oft familiär gehäuft.
DifferenzialdiagnoseAkrophobie (Akrophobiekonditionierte phobische Reaktion mit Dissoziation von subjektiver und objektiver Fallgefahr).
TherapieVerhaltensther. Prophylaxe durch Festhalten, optische Fixierung nahe gelegener stationärer Dinge.
Peripher vestibulärer Schwindel
Benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel
Schwindel:peripher vestibulärerLage(rungs)schwindel: benigner paroxysmalerHäufigste peripher-vestibuläre Schwindelform (ca. ⅓). Altersgipfel 50.–70. Lj.
KlinikKopfneigung nach vorn oder zur Seite ruft mit einigen Sek. Latenz heftigen Drehschwindel mit Übelkeit und rotierendem Nystagmus für 10–60 Sek. zum unten liegenden Ohr hervor.
KomplikationenHörschädigung.
TherapieLagerungstraining (z. B. nach Brandt, Abb. 3.2). Beschwerdefreiheit nach 2–3 Wo. Bei (seltener) Therapieresistenz selektive Neurektomie.
PrognoseSpontanes Abklingen nach Wo. bis Mon., Rezidive sind aber möglich.
Neuronitis vestibularis
Neuronitis vestibularisAkuter einseitiger Vestibularisausfall; zweithäufigste Schwindelursache (etwa ¼). Erkrankungsgipfel um 50. Lj. Wahrscheinlich viral oder parainfektiös.
KlinikSchweres Krankheitsgefühl, über Tage heftiger Drehschwindel, Fallneigung zum betroffenen Ohr, Übelkeit und Erbrechen. Thermische Untererregbarkeit des ipsilateralen horizontalen Bogengangs. Rotierender Spontannystagmus zur gesunden Seite, VOR gestört. Spontanbesserung durch zentrale Kompensation nach 2–3 Wo.
Therapie
  • Akutphase: Bettruhe, Kopf ruhigstellen

  • Antivertiginosa: z. B. Dimenhydrinat bis zum Abklingen von Übelkeit und Spontannystagmus

  • Balanceübungen mit zunehmendem Schwierigkeitsgrad im Liegen, Sitzen, Stehen und Gehen

Menière-Krankheit
Häufige Schwindelform (etwa 10 %), endolymphatischer Labyrinthhydrops mit periodischen Rupturen. Erkrankungsgipfel: 30.–50. Lj.Menière-Krankheit
Klinik
  • Drehschwindel, gerichtete Fallneigung, Blässe, Schweißneigung, Übelkeit, Erbrechen

  • Tinnitus, Druckgefühl im betroffenen Ohr, horizontaler Nystagmus, Hörminderung (Tieftonverlust), pos. Recruitment, thermische Untererregbarkeit der betroffenen Seite

  • Keine Prodromi, abrupter Beginn, dann langsames Abklingen

Therapie
  • Medikamentös: z. B. Betahistin

  • Chirurgisch: Entfernung des Hydrops bei medikamentöser Therapieresistenz und dauernden Beschwerden

Andere peripher-vestibuläre Schwindelformen
  • Schwindel:peripher vestibulärerAkute Labyrinthläsion: Dauerdrehschwindel bei akuter Labyrinthitis, Begleitlabyrinthitis bei Otitis media, Zoster oticus, als NW einer Antibiose, traumatisch, iatrogen, vaskulär, toxisch

  • Perilymphfistel: traumatisch, entzündlich, postop., durch Tumoren verursacht. Klinik: Lagerungsschwindel, sensoneurale Hörstörung, Tinnitus, Zunahme der Sympt. durch Pressen. Diagn.: durch Tympanotomie. Ther.: Bettruhe, leichte Sedierung, Laxanzien, körperliche Schonung; bleibt Spontanheilung aus: OP

  • Akustikusneurinom: zunächst langsam progrediente Hörminderung, erst später Dauerdrehschwindel und Nystagmus

Zentral vestibulärer Schwindel
  • Schwindel:zentral vestibulärerZentraler Lage(rungs)schwindel:zentralerLagerungsschwindel: Nystagmus ist nicht paroxysmal und wenig erschöpflich; meist auch andere Störungen der Blickfolge (Sakkadenstörung) → Tumor, Blutung, Ischämie oder Entzündung im Bereich der Vestibulariskerne oder des Kleinhirnwurms. Ist der Hirnstamm betroffen: Dauerdrehschwindel

  • MS: Schwankschwindelattacken,Schwankschwindel bis 100×/d; paroxysmale Dysarthrie und Ataxie. Ther.: Carbamazepin 600–1.200 mg/d p. o.

  • Basilarismigräne: Attackendrehschwindel Basilarismigränemit Sehstörungen, Ataxie, evtl. HN-Ausfällen und okzipitalen Kopfschmerzen

  • Vestibuläre Epilepsie: Attackendrehschwindel,Epilepsie:vestibuläre sekunden- bis minutenlang; Übelkeit, kein Erbrechen, dystone Bewegungen, Bewusstseinsstörungen, häufig akustische Sensationen. Bei Läsion im Temporallappen evtl. als Aura vor psychomotorischem Anfall. Diagn.: EEG, Herdbefunde. Ther.: Carbamazepin 600–1.200 mg/d p. o.

  • Downbeat-Nystagmusschwindel: Fallneigung Downbeat-Nystagmusschwindelnach hinten bei Arnold-Chiari-Fehlbildung, Intox. (z. B. Antiepileptika), MS; Tumoren, Ischämie, Blutung, Entzündung im Bereich des Hirnstamms; zerebelläre Degeneration. Ther.: Gleichgewichtstraining, Clonazepam

Nichtvestibulärer Schwindel
  • Phobischer Schwindel: häufige Schwindel:phobischerSchwindel:nichtvestibulärerSchwindelform

    • Klin.: subjektive Gang- und Standunsicherheit, Vernichtungsangst (wird meist nicht berichtet), deutlicher Leidensdruck. Tritt z. B. attackenweise auf Brücken, Treppen, Straßen, in leeren Räumen, großen Plätzen, Kaufhäusern, Theatern auf. Erstmanifestation oft bei besonderer Belastung. Rasche Konditionierung und Generalisierung. Vermeidungsstrategien

    • Ther.: verhaltensther. Desensibilisierung (wiederholte Exposition). Neurolog. Untersuchung zur psychischen Entlastung

  • Psychogener Schwindel: Häufig Schwindel:psychogenerbei Depression, schizophrener Psychose

  • Visueller Schwindel: SchwankschwindelSchwankschwindel Schwindel:visuellermit Stand- und Gangunsicherheit. Ätiol.: Brechungsanomalien, Fusionsstörung, Augenmuskelparesen mit Doppelbildern, unwillkürliche Augenoszillationen, nach Katarakt-OP mit Starbrille. Ther.: KG mit Training der Haltungsreflexe

  • Schwindel bei int. Erkr.: z. B. bei hypertensiver Krise, Hypogykämie

  • Pharmaka-NW: z. B. nach Antikonvulsiva, Tranquilizer,Schwindel:medikamentös ausgelöster Hypnotika, Antiemetika, AD, Anticholinergika, Antipsychotika, Dopaminagonisten, Muskelrelaxanzien, Aminoglykosiden und Antituberkulotika (irreversible Ototoxizität), Antihypertensiva (speziell Betablocker und Vasodilatatoren)

Tinnitus

DefinitionTinnitusVerschiedene Formen von Ohrgeräuschen (Klicks, Rauschen, Pfeifen), manchmal pulssynchron; rezid., konstant oder anfallsweise.
KlinikObjektivierbarer Tinnitus (mit dem Stethoskop hörbar): pulssynchrones (AV-Malformation, Aneurysma), kontinuierliches Rauschen (vergrößerter Bulbus jugularis, verschwindet bei Druck auf die distale V. jugularis), Serie scharfer Klicks (tetanische Kontraktionen des weichen Gaumens).
DifferenzialdiagnosenMit Drehschwindel und Hörstörung → M. Menière.Menière-Krankheit
  • Mit Hörstörungen → Otosklerose, akuter Hörsturz, akutes SHT, Lärmtrauma, bei Akustikusneurinom, durch ototoxische Medikamente (z. B. Aminoglykoside, Cisplatin), Schwermetalle

  • Ohne Hörstörungen → meist ungeklärte Ursache, gelegentlich medikamentös (Chinidin, Salizylate, Indometacin, Carbamazepin, Propranolol, L-Dopa, Aminophyllin, Koffein, Tetracyclin, Salbutamol)

Transiente globale Amnesie (amnestische Episode)

EpidemiologieTransiente globale Amnesie (amnestische Episode)Amnestische EpisodeAmnesie:transiente globaleJahresinzidenz 5–10/100.000 Einwohner, 75 % der Attacken im 50.–70. Lj., bis zu 18 % der Betroffenen erleiden mehr als eine TGA.
ÄtiologieUnbekannt. Vermutlich passagere Funktionsstörung des mediobasalen Temporallappens unter Einschluss des Hippokampus.
Häufig gehen der TGA valsalvaähnliche Atemmuster mit erhöhtem intrathorakalem Druck voraus, dadurch möglicherweise reduzierter venöser Rückstrom zum Herzen und intrakranielle venöse Hypertonie. Gelegentlich vorausgehendes emotional belastendes Erlebnis. Gelegentlich postkoital.
KlinikAkut einsetzende Störung aller Gedächtnisinhalte für 1–24 h (Mittel 6–8 h), in denen keine neuen Gedächtnisinhalte gespeichert werden können (retro- und anterograde Amnesie:antero-/retrogradeAmnesie). Zu Zeit und Situation häufig nicht, zur Person jedoch immer orientiert. Keine Vigilanzminderung, Pat. sind bewusstseinsklar und kontaktfähig. Pat. erscheinen ratlos, beunruhigt, stellen wiederholt Fragen nach der Zeit, den situativen Umständen. Während sie nicht in der Lage sind, die Gedächtnisstörung wahrzunehmen, sind sie sehr wohl fähig, auch komplexe zuvor erlernte Tätigkeiten wie Lenken eines Pkw oder Kochen auszuführen. Allerdings ist die Fähigkeit zur Navigation im Raum wie die deklarative Lernfähigkeit durch die (reversible) hippokampale Funktionsstörung stark beeinträchtigt.
Diagnostik
  • Akut beginnende und ausgeprägte Neugedächtnisstörung

  • Dauer mind. 1 h, Rückbildung innerhalb von 24 h

  • Fehlen fokal neurolog. Sympt. und zusätzlicher kognitiver Defizite

  • Keine Bewusstseinsstörung, keine Desorientierung zur Person

  • Kein vorangehendes Trauma oder Epilepsie

Zusatzuntersuchungen:
  • cCT, MRT, EEG (Pat. haben unauffälliges oder nur unspezif. verändertes EEG)

  • Extra- und transkranielle Doppler- bzw. Farbduplex-Sono

Differenzialdiagnose
  • Epileptischer Anfall. Peri- oder postiktal

  • Commotio Commotio cerebricerebri: Hinweise auf Trauma, Prellmarken, vorausgehende Bewusstlosigkeit

  • Amnesie nach zerebraler Angiografie insb. im Vertebralisstromgebiet: Versorgung der hinteren Abschnitte des Hippokampus aus der A. cerebri posterior

  • Intox.: Anamnese, Somnolenz, EEG-Veränderungen, toxikolog. Screening

  • Initialstadium einer Herpes-Enzephalitis: Fieber, subakutes Einsetzen, begleitende Sprachstörung, weitere fokal-neurolog. Auffälligkeiten

  • Blutung/Ischämie im Bereich von Hippokampus und Thalamus: Somnolenz, weitere kognitive und fokal-neurolog. Defizite

  • Psychogene Gedächtnis(störungen):psychogeneGedächtnisstörungen („Fugue“): oft jüngere Personen, z. B. nach emotionalem Trauma, meist nur retrograde Amnesie:antero-/retrogradeAmnesie. Dauer i. d. R.: > 24 h

Therapie und Prognose
  • Ambulant: Wenn klinische Diagn. sicher und Pat. unter Aufsicht einer Bezugsperson bleibt, ambulante Führung des Pat. ohne spezif. Ther. möglich. Pat. darf mind. 24 h nach der Episode kein Auto lenken

  • Stationär: Bei DD-Erwägungen mit diagn. Unsicherheit, dann auch zerebrale Bildgebung

ProphylaxeWg. des unbekannten Pathomechanismus können keine Empfehlungen gegeben werden. Am ehesten: Vermeiden von Valsalva-Manövern

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