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B978-3-437-23149-0.00022-6

10.1016/B978-3-437-23149-0.00022-6

978-3-437-23149-0

Formaler Aufbau eines psychiatrischen Begutachtung, psychiatrische:Aufbau des GutachtensBegutachtung, psychiatrische:Aufbau des GutachtensBegutachtung, psychiatrische:Aufbau des GutachtensGutachtens

Tab. 22.1
Abschnitt des Gutachtens Wesentliche Inhalte
Deckblatt
  • Absender, z. B. Klinikbriefkopf

  • Adressat

  • „Im Auftrag der/des …, vom …, erstellen wir das folgende wissenschaftlich begründete psychiatrische Gutachten über …, geboren am …, wohnhaft … Aktenzeichen/Geschäftsnummer: …“

Fragestellung
  • „In diesem Gutachten soll zu folgenden Fragen Stellung genommen werden: 1., 2., 3. …“ (Zitat aus dem Gutachtensauftrag)

  • „Das Gutachten stützt sich auf die von/vom … überlassene Akte sowie die vom Probanden zusätzlich beigebrachten ärztlichen Bescheinigungen/Atteste … und die persönliche ambulante/stationäre Untersuchung der/des …, die am … in der … (Klinik/Praxis) stattgefunden hat.“

I. Zusammenfassung des Akteninhalts
  • Kurze Darstellung der wesentlichen Inhalte der Akte

  • Einhalten einer nachvollziehbaren Struktur, z. B. zeitliche Ordnung der Befunde einer Akte, von den zurückliegenden zu den gegenwärtigen Befunden

  • Stark gekürzte Zusammenfassungen sind bei vielfacher Wiederbegutachtung zu einer bekannten Fragestellung möglich

  • Gelegentlich wünscht der Auftraggeber ausdrücklich keine Zusammenfassung des Akteninhalts; diesem Wunsch ist zu folgen

  • Zusätzlich vom Probanden beigebrachte Dokumente sind gesondert zusammenzufassen

II. Eigene Untersuchung
  • Feststellung der Identität: z. B. „Herr/Frau … konnte sich durch Bundespersonalausweis, Nummer … ausweisen.“

  • Hinweis auf Einhaltung des Rahmens einer Begutachtung: z. B. „Herr/Frau … kam pünktlich zum vereinbarten Termin und verhielt sich in der Gutachtensituation stets angemessen.“

  • Psychiatrische Untersuchung, z. B. dem Schema des Untersuchungsleitfadens folgend (Abb. 1.1, Anamnesebogen); dabei ist das „Herzstück“ ein differenziert formulierter, alle (auch die nicht auffälligen) Bereiche des psychischen Erlebens abbildender psychopath. Befund. Spezielle Teile der Anamnese (z. B. Sexualanamnese) sind nur dann zu erheben/im Gutachten zu nennen, wenn ein Bezug zur Fragestellung besteht

  • Immer dem Problem angepasste, ergänzende objektivierende Untersuchungsbefunde (Fragebogeninstrumente, strukturierte Interviews, mit allg. Anerkennung; z. B. HAMD und BDI; SKID I, SKID II Interview, M. I. N. I. etc., 1.2.5). Bei komplexen Fragestellungen neuropsycholog. Zusatzgutachten erwägen

  • Je nach Fragestellung spezielle Aspekte erfassen: z. B. bei Arbeits-/Berufsunfähigkeitsbegutachtung „pos. und neg. Leistungsvermögen“ erfassen; dabei auch Freizeitaktivitäten erfragen, typischen Tagesablauf schildern lassen

  • Körperliche Untersuchung: Ein psychiatrisches Gutachten umfasst eine orientierende neurolog./internistische Untersuchung, soweit notwendig ergänzt durch Laborbefunde (z. B. bei V. a. Alkoholmissbrauch, bei Medikamenteneinnahme stets einen Wirkstoffspiegel bestimmen)

  • Diagnose: Formulieren einer aus den vorhergehenden Befunden nachvollziehbaren Diagn. und Einordnung in ein Klassifikationssystem unter Nennung der Codierung, z. B. ICD-10: F20.0

III. Beurteilung und Beantwortung der Gutachtensfragen
  • Bezug auf Akteninhalt: Widersprüche in/zu früheren Untersuchungen erläutern, Akteninhalt würdigen (z. B. Behandlungskontinuität, Angemessenheit der gewählten Behandlung, Folgerichtigkeit der Therapieschritte etc.)

  • Übereinstimmung der vom Probanden angegebenen Beschwerden mit den objektivierenden Messinstrumenten; dabei auf Auffälligkeiten hinweisen, z. B. wenn Fremdrating einer Depression weit von Selbstrating abweicht (HAMD vs. BDI)

  • Hinweise auf aggravierendes, manipulatives Verhalten erfassen

  • Beantwortung der einzelnen Fragen des Gutachtens wie in der Fragestellung angegeben; z. B. zu 1. …

  • Zusammenfassung, soweit angemessen

  • Unterschrift: Für supervidierend tätigen Gutachter, z. B. Klinikdirektor Formulierung „Einverstanden aufgrund eigener Urteilsbildung“, für ausführenden Oberarzt und Assistenten „Einverstanden aufgrund eigener Untersuchung und Urteilsbildung“

Anhang Literaturhinweise

MdE bei psychischen Sucht(erkrankungen):ErwerbsminderungSchizophrenie:ErwerbsminderungPersönlichkeitsstörung(en):ErwerbsminderungOrganisch bedingte psychische Störungen:ErwerbsminderungMinderung der Erwerbsfähigkeit (MdE)Affektive Störungen:ErwerbsminderungErkrankungen

Tab. 22.2
Erkrankung Grad der MdE in Prozent
Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis:
  • Akute Erkrankung

  • Residuum; je nach sozialer Integration

50–00
0–100
Affektive Störungen, je nach Schweregrad und Störung der sozialen Anpassung 30–100
Organisch bedingte psychische Störung:
  • Leicht

  • Mittelgradig

  • Schwer

bis 40
bis 70
bis 100
Suchtmittelerkrankung:
  • Ohne Abhängigkeit

  • Mit Abhängigkeit, ohne körperliche Folgen

  • Mit schweren körperlichen Schäden

bis 10
bis 40
bis 100
Neurotische Störungen/Persönlichkeitsstörungen:
  • Leicht

  • Mittel

  • Schwer ausgeprägt

bis 10
bis 40
bis 100

Psychiatrische Begutachtung

Michael Rentrop

Patrick Rosenow

  • 22.1

    Bedeutung und Formen von Gutachten652

    • 22.1.1

      Aufgabe des Gutachters652

    • 22.1.2

      Auftraggeber und Stellenwert652

    • 22.1.3

      Formen von Gutachten653

  • 22.2

    Vorbereitende Schritte und Untersuchung653

    • 22.2.1

      Vorbereitung einer Begutachtung653

    • 22.2.2

      Untersuchung eines Gutachtenpatienten654

  • 22.3

    Erstellung eines psychiatrischen Gutachtens654

  • 22.4

    Häufige Fragestellungen657

    • 22.4.1

      Vorbemerkung657

    • 22.4.2

      Betreuung657

    • 22.4.3

      Geschäftsfähigkeit657

    • 22.4.4

      Haftfähigkeit659

    • 22.4.5

      Berufsunfähigkeit659

    • 22.4.6

      Erwerbsminderung659

    • 22.4.7

      Fragen nach der Kausalität660

  • 22.5

    Fehler in der Gutachtenerstellung661

Bedeutung und Formen von Gutachten

Aufgabe des Gutachters

Psychische Störungen:BegutachtungBegutachtung, psychiatrischeDie Erstellung psychiatrischer Gutachten gehört zu den häufigen Aufgaben im klin. Alltag. Dabei wird vom Gutachter erwartet, zu einem rechtlichen Problem aus Sicht des psychiatrischen Fachgebiets in – für med. Laien – nachvollziehbarer Form Auskunft zu geben und den eingenommenen Standpunkt zu begründen. Bei der Gutachtenerstellung ist streng darauf zu achten, sich ausschließlich zu den gestellten Fragen zu äußern; übergeordnete Schlussfolgerungen und rechtliche Bewertung sind Aufgaben des Gerichts.

Psychiatrische Gutachten, psychiatrisches\t\"siehe BegutachtungGutachten werden stets in einem zweistufigen Vorgehen erstellt. Zunächst wird die Frage geklärt, ob bei einer Person eine psychische Störung vorliegt; in der zweiten Stufe werden die Folgen dieser Störung für eine rechtliche Fragestellung bewertet. Wird keine psychische Störung festgestellt, erübrigen sich alle weiteren Fragen.

Auswirkungen auf das Arzt-Pat.-Verhältnis:
  • Für die Arzt-Pat.-Beziehung bedeutet eine Begutachtung eine Einschränkung der ärztlichen Verschwiegenheitspflicht. Darauf und auf den Rollenwechsel vom behandelnden Therapeuten zum Sachverständigen ist ein Proband in einer Begutachtung ausdrücklich hinzuweisen.

  • Ein laufender Therapieprozess kann durch eine Begutachtung erheblich beeinträchtigt werden; daher muss im Einzelfall erwogen werden, ob ein dem Pat. lange vertrauter Therapeut geeignet ist, ein offizielles Gutachten zu erstellen.

  • In aller Regel wird dem Betroffenen und seinem Rechtsvertreter das Gutachten zur Verfügung gestellt; dies ist bei der Formulierung zu beachten.

Auftraggeber und Stellenwert

AuftraggeberGutachten können von verschiedenen Seiten in Auftrag gegeben Begutachtung, psychiatrische:Auftraggeberwerden:
  • Privatgutachten: durch eine an einem Verfahren beteiligte Person oder deren Rechtsvertreter. Wert einer solchen Begutachtung ist eingeschränkt: Begutachtung wird potenziell als „Gefälligkeit“ betrachtet. Evtl. Nutzen in Situationen, in denen Wiederaufnahme eines Verfahrens oder Überprüfung eines bereits vorhandenen Fachgutachtens erreicht werden soll

  • Psychiatrische Zusatzgutachten in Verfahren mit Hauptgutachten aus einem anderen med. Fachgebiet: immer dann, wenn der somatische Gutachter zur Auffassung gelangt, eine psychische Störung könnte Folge oder Ursache einer med. Fragestellung sein

  • Versicherungen/Berufsgenossenschaften: i. d. R. Fragestellungen zu Unfallfolgen und/oder Berufs- bzw. Erwerbsunfähigkeit. Meist zur Prüfung der Leistungspflicht oder Klärung von Fragen eines Kausalzusammenhangs (z. B. Unfall – psychische Folgeerscheinungen). Häufig werden psychiatrische Begutachtungen bereits vor einer rechtlichen Auseinandersetzung eingefordert

  • Gerichtliche Gutachten überwiegend aus öffentlichem Recht, Straf-, Zivil- oder Sozialrecht: Feststellung einer psychischen Störung und Beurteilung, inwiefern diese Störung definierte Fähigkeiten des Betroffenen einschränkt (häufige Fragestellungen 22.4.)

Um eine gemeinsame Verständigung zu ermöglichen, ist es unabdingbar, die in einer Begutachtung gefundene psychische Störung in Form einer Diagnose nach den aktuellen Klassifikationssystemen (ICD-10, DSM-5) abzufassen. In allg. Form umschriebene Diagn. sind nicht akzeptabel. Die Zuordnung im Klassifikationssystem soll–zumindest bei komplexen Fragestellungen–durch Bezug der einzelnen deskriptiven Kriterien auf das individuelle Problem des Probanden begründet werden.

Stellenwert psychiatrischer Gutachten
  • Das Gutachten dient dazu, dem Auftraggeber den psychiatrischen Sachverstand zur Verfügung zu stellen, über den nur ein Psychiater aufgrund seiner Kenntnis des gesamten Spektrums psychischer Störungen verfügt. In Strafverfahren ist es notwendig, über die Erstellung des Gutachtens hinaus alle Belange der Begutachtung vor Gericht als Sachverständiger mündlich darzustellen. Auf anderen Rechtsgebieten kann der Gutachter ebenfalls als Sachverständiger hinzugezogen werden.

  • Ein Gericht wird einem Gutachten nicht einfach folgen; vielmehr ist es Aufgabe des Richters, das Gutachten kritisch zu würdigen. Zudem haben die beteiligten Parteien das Recht, ergänzende Fragen zu stellen oder auf Widersprüche und Fehlannahmen im Gutachten hinzuweisen.

Formen von Gutachten

Ärztliche Bescheinigungen/AttesteBegutachtung, psychiatrische:Formen von GutachtenAttestÄrztliche BescheinigungKürzeste Form psychiatrisch-gutachterlicher Äußerung, Umfang bis zu 1 Seite; häufige Anwendungen: Initiierung einer Betreuung, ärztliche Bescheinigung zur Frage der Prüfungsfähigkeit. In Form von Formularen, z. B. Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung.
FormulargutachtenFormulargutachtenVereinfachtes gutachterliches Verfahren mit begrenzter Aussagekraft; Beantwortung vorgegebener Fragen, überwiegend im Sinne eines Multiple-Choice-Fragebogens; Einschätzungen etwa der Leistungsfähigkeit in der Beantragung von Leistungen einer Berufsunfähigkeitsversicherung, vor einer ausführlichen Begutachtung. Auch zur Einleitung rehabilitativer Maßnahmen bei langer Arbeitsunfähigkeit oder Klärung der weiteren Aufenthaltsdauer bei Klinikaufenthalten.
Freie GutachtenGutachtensform bei allen komplexen Fragestellungen, allg. Aufbau 22.3.

Vorbereitende Schritte und Untersuchung

Vorbereitung einer Begutachtung

  • Begutachtung, psychiatrische:VorbereitungErforderlich ist eine schriftliche Einladung des Probanden, mind. 2 Wo. im Vorfeld. Dabei über Zeitpunkt und Ort der Begutachtung, Zweck sowie Dauer der Untersuchung informieren. Soweit nötig klären, ob eine problemlose Verständigung mit dem Probanden möglich ist, ggf. frühzeitig Dolmetscher (21.3.7) bestellen. Über mitzubringende Dinge informieren (Ausweis, Behandlungsunterlagen, ggf. Zeugnisse).

  • Erscheint ein Proband nicht zum vereinbarten Termin, zweiten Kontaktversuch unternehmen; erfolgt erneut keine Reaktion, das Gutachten an den Auftraggeber zurückgeben.

  • Zeitgleich mit dem Probanden ist der Auftraggeber zu informieren, bis wann das Gutachten abgeschlossen sein wird.

  • Aufgrund der langen Abläufe bei Gerichtsverfahren max. Bearbeitungszeit von 3 Mon. einhalten.

  • Vor Beginn der eigentlichen Probandenuntersuchung Akte lesen und in den wesentlichen Aspekten für das spätere schriftliche Gutachten zusammenfassen. Häufig reicht es, zunächst die relevanten Aktenblätter zu markieren. Besonders wichtig: die konkrete Frage des Auftraggebers des Gutachtens erfassen und als Leitlinie für die angewandten Untersuchungsinstrumente nutzen.

Untersuchung eines Gutachtenpatienten

  • Begutachtung, psychiatrische:UntersuchungZunächst Begrüßung, Vorstellung und Erläuterung der Untersuchung. Hinweis auf die eingeschränkte ärztliche Schweigepflicht (s. Kasten)

  • Prüfung der Identität des Probanden (Ausweis, Führerschein)

  • Allg. ausführliche psychiatrische Untersuchung (1.2), ergänzend körperliche Untersuchung

  • Einsatz spezieller Untersuchungsinstrumente zur Objektivierung der klin. Untersuchung sowie Prüfung der im Einzelnen geforderten Funktionen

  • Grundsätzlich stehen alle Informationen, die dem Gutachter bekannt werden und nicht mit der Frage der Begutachtung zusammenhängen, wiederum unter SchweigepflichtBegutachtung, psychiatrische:SchweigepflichtSchweigepflicht.

  • Der Gutachter ist dazu verpflichtet, das Ergebnis der Begutachtung vor der Abfassung des schriftlichen Gutachtens und Weiterleitung an den Auftraggeber für sich zu behalten.

  • Alle Unterlagen, die vom Probanden zusätzlich beigebracht werden, müssen dem Gutachten in Kopie beigefügt und somit allen Beteiligten zugänglich gemacht werden.

Erstellung eines psychiatrischen Gutachtens

Formaler AufbauTab. 22.1
RechnungstellungBegutachtung, psychiatrische:RechnungstellungGutachten fallen i. Allg. nicht in den Leistungskatalog der Krankenversicherungen und werden gesondert abgerechnet. Es lassen sich drei Vergütungsgruppen unterscheiden, für die zum Stichtag der Manuskripterstellung (Sept. 2015) folgende Vergütungssätze gelten:
  • 1.

    Private Gutachten, z. B. Versicherungen: Abrechnung in GOÄ. Wert: 67,02 Euro je angefangene Arbeitsstunde

  • 2.

    Berufsgenossenschaftliche Gutachten: Unabhängig von der Länge eines Gutachtens bei wissenschaftlich begründetem Gutachten 236,16 Euro oder ausführlicher wissenschaftlicher Begründung 317,58 Euro. Sollte im Vorfeld klar werden, dass eine Gutachtenerstellung damit nicht zu begleichen ist, muss eine höhere Rechnung mit der auftraggebenden BG verhandelt werden.

  • 3.

    Gerichtsgutachten: Aufteilung in:

    • M1: 65 Euro pro begonnene Stunde bei einfachen gutachterlichen Fragen (z. B. Betreuung)

    • M2: 75 Euro pro begonnene Stunde bei komplexeren Fragen, z. B. Erwerbsunfähigkeit

    • M3: 100 Euro pro Stunde bei hoch anspruchsvollen Fragestellungen, etwa Schuldfähigkeit, Kausalzusammenhängen, Opferentschädigung

Für die einzelnen Abschnitte des Gutachtens gelten folgende Richtwerte:
  • Aktenstudium: Akten mit med. Inhalt, 60 Seiten entsprechen 1 Arbeitsstunde

  • Untersuchung des Probanden: aufgewendete Zeit in Stunden

  • Ausarbeitung des Gutachtens: Beurteilung und Beantwortung der Gutachtensfragen 1 Seite entsprechend 1 Arbeitsstunde

  • Diktat und Durchsicht des Gutachtens 4 Seiten entsprechend 1 Arbeitsstunde

Häufige Fragestellungen

Vorbemerkung

Es werden lediglich einfache bis mittelgradig komplexe Fragestellungen aus der gutachterlichen Praxis dargestellt. Fragen des Strafrechts, etwa zur Schuldfähigkeit oder Progn. 16.3.

Betreuung

Betreuung:Begutachtung, psychiatrischeBegutachtung, psychiatrische:BetreuungEinrichtung über das Betreuungsgericht, auf Antrag (1.8.5) oder von Amts wegen (§ 1896 I BGB), wenn ein Volljähriger aufgrund einer psychischen Krankheit oder einer körperlichen, geistigen oder seelischen Behinderung seine Angelegenheiten ganz oder teilweise nicht besorgen kann.
Ersatz für die Vormundschaft, die nur noch bei Minderjährigen zur Anwendung kommt; wesentlicher Vorteil ist die Möglichkeit einer individuellen Anpassung der Betreuung an die Bedürfnisse des Betreuten, im Gegensatz zu einem allumfassenden Vormund.
Geregelt werden können u. a.: Zuführung zur ärztlichen Behandlung; Gesundheitsfürsorge, Aufenthaltsbestimmung; Vermögenssorge; Vertretung vor Versicherungen und Behörden, Abschluss von Heimverträgen, Öffnen und Anhalten der Post.
Gesetzlicher Betreuer kann jeder geschäftsfähige, volljährige Bürger werden. Grundsätzlich ist der Wunsch des Betreuten nach einer bestimmten Vertrauensperson zu berücksichtigen. Alternativ Möglichkeit der Bestellung eines Verwandten und, wenn keine geeignete Person zur Verfügung steht, eines Berufsbetreuers (gebührenpflichtig). Die Bestellung eines Betreuers ist nicht erforderlich, wenn der Pat. eine rechtsgeschäftliche Vorsorgevollmacht erteilt und/oder eine Patientenverfügung erstellt hat (§ 1901a BGB).

Geschäftsfähigkeit

GeschäftsfähigkeitBegutachtung, psychiatrische:GeschäftsfähigkeitVoraussetzung für den Abschluss rechtlich bindender Verträge (1.8.1).
Vorübergehend geschäftsunfähig sind Menschen mit Bewusstseinsstörungen (etwa i. R. eines epileptischen Anfalls), dauerhaft geschäftsunfähig sind Menschen, bei denen eine „nicht nur vorübergehende krankhafte Störung der Geistestätigkeit besteht, welche eine freie Willensbestimmung ausschließt“. Verträge, die in einem solchen Zustand geschlossen werden, gelten als nichtig, jedoch muss derjenige die Geschäftsunfähigkeit beweisen, der sich darauf beruft.
In der Prüfung der Geschäftsfähigkeit ist insb. darauf einzugehen, ob und in welchem Umfang ein Proband in seinem Denken und Handeln von Wahngedanken oder Trugwahrnehmungen gelenkt ist oder die Gesamtheit eines Problems infolge kognitiver Einschränkungen oder einer Bewusstseinsstörung ggf. nicht mehr erfassen kann.
Gutachterliche Fragen umfassen v. a., ob zu einem bestimmten Zeitpunkt eines Rechtsgeschäfts eine vorübergehende Geschäftsunfähigkeit bestanden hat und damit die normale Bestimmbarkeit durch normale Motive nicht mehr gegeben war.
Testierfähigkeit
TestierfähigkeitBegutachtung, psychiatrische:TestierfähigkeitSonderfall der Geschäftsfähigkeit: Gemeint ist die Fähigkeit, ein Testament zu errichten.
Rechtliche Fragen und Gutachtensaufträge tauchen häufig erst nach dem Ableben eines Menschen auf, der unmittelbar vor seinem Tod ein Testament geändert oder erstellt hat.
Allg. gilt: Eine schwere psychische Erkr., v. a. aber eine organisch bedingte psychische Störung (z. B. Demenz) schließt eine Testierfähigkeit aus. Die vonseiten mancher Verfahrensbeteiligten in der Argumentation gebrauchten „luziden Luzide IntervalleIntervalle“ trotz schwerer Erkr. existieren in der med. Erfahrung nicht.
Einwilligungsfähigkeit
EinwilligungsfähigkeitBegutachtung, psychiatrische:EinwilligungsfähigkeitEng verknüpft mit der Geschäftsfähigkeit: Gemeint ist die Fähigkeit, in eine med. Behandlung einzuwilligen, z. B. auch die Verabreichung von Medikamenten. Damit kann Einwilligungsfähigkeit auch bei nicht geschäftsfähigen Menschen gegeben sein, wenn jemand in der Lage ist, die Bedeutung einer Maßnahme zu verstehen, die Folgen einer Unterlassung und Konsequenzen der Durchführung zu erwägen sowie der ärztlichen Aufklärung zu folgen. Bestehen begründete Zweifel, ist eine Betreuung für den Bereich „Gesundheitsfürsorge“ zu bestellen.
In der Konsequenz heißt dies, dass es jedem Pat. freisteht, auch lebensnotwendige med. Eingriffe abzulehnen, solange sichergestellt ist, dass der Betroffene die Konsequenzen seines Handelns versteht und in seiner Entscheidung nicht von einer belangvollen psychischen Störung beeinflusst wird.
Zudem ist im Alltag zu beachten, dass nur ein zweifelsfrei einwilligungsfähiger Pat. gegen Unterschrift eine Behandlung verweigern oder eine Klinik entgegen dem ärztlichen Rat verlassen kann. Umgekehrt entspricht die „Nichtbehandlung“ eines nicht oder eingeschränkt einwilligungsfähigen Pat. dem Tatbestand einer strafrechtlichen unterlassenen Hilfeleistung.
Prozessfähigkeit
ProzessfähigkeitBegutachtung, psychiatrische:ProzessfähigkeitSonderfall der Geschäftsfähigkeit: Gemeint ist in einem Zivilprozess die Fähigkeit, Prozesshandlungen selbst oder durch einen selbst bestellten Vertreter (z. B. Rechtsanwalt) wirksam vorzunehmen. Prozessfähig ist, wer sich durch Verträge verpflichten kann. Prozessunfähig sind demnach Geschäftsunfähige oder betreute Volljährige bei Anordnung eines Einwilligungsvorbehalts.
Verhandlungsfähigkeit
VerhandlungsfähigkeitBegutachtung, psychiatrische:VerhandlungsfähigkeitEbenfalls Sonderfall der Geschäftsfähigkeit: Gemeint ist die Fähigkeit, i. R. einer strafrechtlichen Verhandlung die eigenen Interessen vernünftig wahrzunehmen, z. B. die Verteidigung nachvollziehbar zu organisieren und durchzuführen. Versetzt sich eine Person vorsätzlich in einen Zustand von Verhandlungsunfähigkeit, z. B. durch Substanzkonsum, so kann in Abwesenheit gegen ihn verhandelt werden.
Im Gutachten ist Verhandlungsunfähigkeit zu prüfen und zu begründen, zudem soll eine Aussage erfolgen, ob es sich um eine dauerhafte (z. B. bei Demenz) oder vorübergehende Verhandlungsunfähigkeit (z. B. schizophrene Psychose) handelt. Bei vorübergehender Verhandlungsunfähigkeit wird zudem eine Progn. über die Dauer des Zustands erwartet sowie Maßnahmen, welche helfen, die Verhandlungsfähigkeit wiederherzustellen.

Haftfähigkeit

HaftfähigkeitBegutachtung, psychiatrische:HaftfähigkeitFähigkeit, in einer Strafvollzugseinrichtung leben zu können, den Sinn einer Haftstrafe zu verstehen. Richterliche Entscheidung, bei welcher der Gutachter lediglich med. Argumente erhebt (ernste Gefahr für Gesundheit und Leben).
Generell Unterscheidung von Erkr., die vor und solchen, die während eines Strafvollzugs auftreten. Erkr., die vor Antritt einer Haft beginnen, bedingen die Aufschiebung der Haft. Bei Erkr. während der Haft kann eine Haftstrafe unterbrochen werden, muss jedoch nicht, insb. wenn Interessen der öffentlichen Sicherheit gegen eine solche Unterbrechung sprechen. In derartigen Fällen erfolgt eine Behandlung in einem geeigneten Haftkrankenhaus.
Bei akuter psychischer Erkr. in Untersuchungshaft erfolgt eine Behandlung in Kliniken des Maßregelvollzugs.

Berufsunfähigkeit

BerufsunfähigkeitBegutachtung, psychiatrische:BerufsunfähigkeitRelevant bei privater Berufsunfähigkeitsversicherung mit teilweise unterschiedlichen Voraussetzungen. Verlust der Erwerbsfähigkeit im zuletzt ausgeübten Beruf, voraussichtlich 6 Mon. ununterbrochen außerstande, Versicherter kann keiner anderen, seiner Ausbildung, seinen Fähigkeiten und seiner bisherigen Lebensstellung entsprechenden beruflichen Tätigkeit nachgehen. Diese Bewertung erfasst neben den Gegebenheiten der Arbeitswelt die Ausbildung und individuelle berufliche Qualifikation eines Probanden. Bei Benennung alternativer Tätigkeiten im erlernten Beruf müssen diese realistischen Bedingungen der Berufswelt entsprechen.

Beispiel

So ist z. B. von Berufsunfähigkeit auszugehen, wenn ein Proband krankheitsbedingt auf die Möglichkeit einer Ablösung auf Zuruf angewiesen ist, diese Möglichkeit aber in der allg. Erfahrung nicht einzuräumen ist. Auch ist hinsichtlich der Berufsunfähigkeit die Anforderung an die individuelle kognitive Leistungsfähigkeit in einer akademischen Führungsposition i. Allg. höher anzusetzen als in einer einfachen angelernten Tätigkeit.
Im Gutachten sind, wie auch bei Erwerbsunfähigkeit, die wesentlichen beruflichen Anforderungen im Einzelnen zu prüfen. Daraus ergibt sich ein pos. und neg. LeistungsvermögenLeistungsvermögen.
Darüber hinaus sollen Freizeitaktivitäten erfasst werden. Auf Widersprüche ist zu achten; so ist es z. B. nicht plausibel, dass ein Proband über 4 h selbstständig mit dem Auto zum Gutachtentermin anreist, jedoch eine Konzentrationsspanne am Arbeitsplatz von unter 1 h angibt. Derartige Widersprüche müssen in die Beurteilung eingehen.

Erwerbsminderung

ErwerbsminderungBegutachtung, psychiatrische:ErwerbsminderungRelevant bei gesetzlicher Rentenversicherung (§ 43 SGB VI).
Teilweise Erwerbsminderung, wenn Versicherter auf nicht absehbare Zeit außerstande ist, unter den üblichen Bedingungen des allg. Arbeitsmarktes mind. 6 h/Tag erwerbstätig zu sein. Volle Erwerbsminderung, wie vorstehend und außerstande mind. 3 h/Tag erwerbstätig zu sein. Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE)Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE), relevant bei privater und gesetzlicher Unfallversicherung (SGB VII): Festlegung funktioneller Einbußen für die Erwerbsfähigkeit, Angaben in einem Prozentrangbereich (Tab. 22.2); bei definierter Funktionseinschränkung z. B. werden selten auftretende zerebrale Anfälle mit einer MdE von 50–60 % eingeschätzt. Entsprechende tabellarische Einschätzungen existieren für den Verlust einzelner Gliedmaßen oder Sinnesfunktionen, z. B. Verlust der rechten Hand oder eines Auges.
Übertragbarkeit auf psychische Störungen problematisch, da Spielraum in der Beurteilung sehr groß.
Auch nach Anerkennung von Erwerbsminderung ist großer Wert auf die Ausschöpfung aller Behandlungsoptionen zu legen. Erwerbsminderung sollte v. a. bei jüngeren Probanden nur für einen begrenzten Zeitraum zuerkannt werden; erneute gutachterliche Untersuchungen in einem Zeitrahmen von 1–2 J. Die Progn. einer Störung aus dem neurotischen Krankheitsgebiet (z. B. somatoforme Störung, Fibromyalgie-Sy., Multiple Chemical Sensitivity etc.) scheint sich nach Herausfallen der Betroffenen aus dem Arbeitsumfeld und den damit verbundenen sozialen Bezügen eher zu verschlechtern.

Fragen nach der Kausalität

  • Frage nach der Entstehung einer Störung, relevant bei Unfall-, Haftpflichtversicherungen, rechtlichen Entschädigungsklärungen.KausalitätBegutachtung, psychiatrische:Kausalitätsfragen

  • Die Schädigung muss nach aller Erfahrung adäquat für den behaupteten Schaden sein; ohne die konkrete Schädigung darf der Schaden nicht erklärbar sein.

  • Bei mehreren Schädigungsursachen soll eine Wertung des Gewichts der Einzelursachen vorgenommen werden.

  • In die Begutachtung müssen die Faktoren der individuellen Prädisposition für die Schädigungsfolgen (Vulnerabilität), die Primärpersönlichkeit, die Umstände des Schadensereignisses selbst, Wege der Krankheitsverarbeitung und Faktoren eines möglichen Krankheitsgewinns eingehen.

Fehler in der Gutachtenerstellung

Begutachtung, psychiatrische:FehlerquellenTypische Fehlerquellen in der Erstellung von Gutachten:
  • Verlassen der als Gutachter geforderten neutralen Position durch zu große Nähe zum Probanden; insb. relevant, wenn der Gutachter gleichzeitig langjähriger Therapeut ist

  • Übersehen der eigentlichen Frage des Gutachtens oder wesentlicher Teile davon: besonders häufig bei unübersichtlichen Akten langjähriger rechtlicher Auseinandersetzung mit vielen Vorgutachten. Minimieren durch konsequente Suche nach der aktuellen Fragestellung und Diktat dieser in den ersten Teil des Gutachtens

  • Unübersichtliche Darstellung: Gefahr besteht, wenn kein vorgegebener klarer Ablauf bei der Gutachtenerstellung eingehalten wird (22.3.)

  • Unvollständige Untersuchung des Probanden/Fehlen objektivierender Untersuchungsinstrumente: als Fehlerquelle zu vermeiden, wenn Durchführung eines Gutachtens vor der Patientenuntersuchung strategisch geplant wird

  • Überschreiten der Grenzen des Fachgebiets: als Fehlerquelle relevant bei Begutachtung komplexer Krankheitsbilder mit Problemen in mehreren med. Bereichen

  • Überschreiten der Grenzen der Aufgaben eines Gutachtens: Eine Begutachtung darf nicht die Bewertung durch ein Gericht vorwegnehmen, sondern muss der Entscheidungsfindung des Richters dienen.

  • Missverständliche und schwammige Diagnosestellung: in den Augen der Juristen besondere Gefahr psychiatrischer Gutachten. Wird insb. genährt durch Anbieten vieler Differenzialdiagnosen, nicht nachvollziehbarer Begründung einer Diagnose oder Fehlen einer Zuordnung in ein Klassifikationssystem.

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