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B978-3-437-22485-0.00038-5

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Abb. O4.1

Arbeitsüberlastung, Burnout, Depression oder andere psychische oder körperliche Erkrankungen

Abb. O4.2

Vulnerabilitäts-Stress-Modell

Differenzialdiagnosen zum Burnout (nach Korczak et al. 2010)

Tab. O4.1
Ursachen Krankheiten/Störungen
Somatisch
  • Anämie, Eisenmangel

  • Hypothyreose, Diabetes, Nebenniereninsuffizienz

  • Herzinsuffizienz, COPD

  • Niereninsuffizienz

  • Borreliose, HIV, Tuberkulose

  • Malignome, Lymphome, Leukämien

  • Entzündliche Systemerkrankungen

  • Degenerative Erkrankungen des ZNS

  • Schlaf-Apnoe-Syndrom, Restless-Legs-Syndrom

  • Medikamentennebenwirkungen

Psychisch
  • Chronic-Fatigue-Syndrom

  • Insomnie

  • Neurasthenie

  • Somatisierungsstörungen

  • Depression

  • Generalisierte Angststörung

  • Posttraumatische Belastungsstörung

  • Substanzmissbrauch (Alkohol, Tranquilizer)

Burnout

Mathias Berger

Michael M. Berner

Elisabeth Schramm

Terminologie

Historische Entwicklung

Der Begriff Burnout wurde erstmals von dem New Yorker Psychotherapeuten Herbert Freudenberger (1974) geprägt. Aufgrund selbst erlebter Erschöpfung durch eine Mehrfachbelastung als niedergelassener Psychotherapeut, als ehrenamtlicher Mitarbeiter in einer Ambulanz für drogenabhängige Jugendliche sowie als Dozent beschrieb er das Risiko, dass Menschen in sozialen Berufen durch idealistisches, übergroßes Engagement „ausbrennen“ können. Den aus der Raketentechnologie abgeleiteten Begriff übernahm er zur besonders bildlichen Darstellung eines Zustands, sich verausgabt und müde zu fühlen, verbunden mit Infektanfälligkeit, häufigen Kopfschmerzen, Magen-Darm-Problemen, Schlaflosigkeit, Kurzatmigkeit oder anderen vegetativen Symptomen. Im Kontakt mit Kollegen komme es zu emotionalen Ausbrüchen, leichter Reizbarkeit und rigidem, unflexiblem Denken. Diese Symptomatik sei nur exemplarisch, da das Burnout sich interindividuell sehr vielfältig darstellen könne. Freudenberger betonte, dass es sich nicht um eine seelische Erkrankung, sondern lediglich um das Resultat einer beruflichen Überlastung handele.
Die Psychologin Christina Maslach bemühte sich ab 1981 um eine operationale Definition und die Entwicklung eines Messinstruments zu deren Erfassung und Quantifizierung (Maslach und Jackson 1981). Sie definierte Burnout als das gemeinsame Auftreten von emotionaler Erschöpfung, Depersonalisation und verringerter Leistungsfähigkeit bei beruflicher Überforderung. Das von ihr entwickelte Maslach Burnout Inventory (MBI) erfasst mithilfe von 22 Fragen das Vorliegen von Symptomen dieser drei Dimensionen. Das für die Berufsgruppe der Therapeuten entwickelte Instrument wird bei ca. 90 % aller veröffentlichten Studien zu diesem Problem eingesetzt. Hingegen findet das von ihr im Nachgang für die Allgemeinbevölkerung entwickelte Instrument MBI-GS, von dem es keine validierte deutsche Version gibt, kaum Anwendung (Schutte et al. 2000). In den letzten Jahren hat sich der Begriff „Burnout“ insbesondere in Deutschland stark verbreitet und wird jenseits der sozialen Berufe mit zunehmender Unschärfe für jedwede Art von beruflicher Erschöpfung, aber auch häuslicher Überlastung, belastenden zwischenmenschlichen Beziehungen oder bei Überlastung im Leistungssport verwendet.
Rook (1998) stellte in einer Übersicht 16 unterschiedliche Definitionen des Begriffs „Burnout“ einander gegenüber. Weit verbreitet ist eine an den drei Dimensionen des MBI ausgerichtete Definition, die als wesentliche Elemente das Gefühl der emotionalen Erschöpfung und inneren Leere („emotional exhaustion“), die zunehmende Depersonalisation im Sinne einer Distanzierung zu den Inhalten der Arbeit und das fehlende Erleben von eigener Effizienz und Leistungszufriedenheit bei der Arbeit („personal accomplishment“) ansieht.

Klassifikation

In der Internationalen Klassifikation psychischer Störungen (ICD-10) wird Burnout nicht als psychische Erkrankung bzw. eigenständige Diagnose im Kapitel V (F-Diagnosen) geführt. Lediglich im Anhang, d. h. im Kapitel XXI – Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen und zur Inanspruchnahme von Gesundheitsdiensten führen – wird der Begriff unter der Ziffer Z73 „Probleme verbunden mit Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ angeführt. Hier wird unter Z73.0 „Ausgebranntsein“ mit den Unterpunkten „Burnout“ und „Zustand der totalen Erschöpfung“ aufgelistet. Die Burnout-Problematik könnte auch mit der Ziffer Z73.1 „Akzentuierung von Persönlichkeitszügen“, d. h. Typ-A-Verhalten (Verhaltensmuster, das durch zügellosen Ehrgeiz, starkes Erfolgsstreben, Ungeduld, Konkurrenzdenken und Druckgefühl charakterisiert ist), oder aber auch mit der Ziffer Z56 „Probleme in Verbindung mit Berufstätigkeit und Arbeitslosigkeit“ erfasst werden.

Ausblick auf ICD-11

Auch in der anstehenden Revision ICD-11 ist nicht geplant, dem Burnout eine eigene diagnostische Kategorie einer psychischen Erkrankung zuzuordnen.
Im DSM-5 wird Burnout ebenfalls nicht als eigenständige Diagnose erwähnt. Burnout kann lediglich unter Ziffer 68.20 „Probleme im Beruf“ eingeordnet werden. Entsprechend der initialen Definition von Freudenberger handelt es sich nicht um eine Erkrankung, sondern um ein zu beobachtendes Phänomen. Da Burnout keine zu behandelnde Krankheitsdiagnose in der ICD-10 darstellt, wurde es nicht in den Katalog der Deutschen Krankenkassen aufgenommen. Etwas anders wird das Problem des Ausgebranntseins von den Rentenversicherungsträgern behandelt. Die Rehabilitation zielt definitionsgemäß auf die Beseitigung oder Verminderung negativer Krankheitsfolgen auf den Ebenen der Funktionen, der Aktivitäten und der Partizipationen. Hierzu wird die Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) mit einer entsprechenden Funktionsklassifikation genutzt. Da etwa die Hälfte der Rehabilitanden unter einer vitalen Erschöpfung leidet (auch Erschöpfung der Reserven bzw. Burnout-Syndrom genannt), gilt Burnout nach differenzialdiagnostischer Abgrenzung von Folgen körperlicher Erkrankung, Chronic-Fatigue-Syndrom oder Neurasthenie als behandlungsbedürftig in der Rehabilitation (Gutenbrunner et al. 2005).

Epidemiologie und Verlauf

Entsprechend der unscharfen und uneinheitlichen Definition gibt es keine verlässlichen epidemiologischen Angaben. Auch das MBI bietet keine objektiven Parameter zur Diagnostik. Der Selbstbeurteilungsbogen wurde nicht mithilfe von Fremdbeurteilungsinstrumenten oder anderen objektivierbaren Kriterien validiert. Es wird zwar im MBI-Manual ein Cut-off-Wert für ein geringes, mittleres oder schweres Burnout angegeben, doch sind diese Werte aufgrund der angewandten Methodik der Testkonstruktion, vor allem aber wegen der fehlenden externen Validierung, keine diagnostisch gültigen und damit nutzbaren Instrumente für die medizinische Praxis, wie u. a. in einem HTA-Bericht des DIMDI konstatiert wird (Korczak et al. 2010). Dennoch herrscht unter einer großen Anzahl von Klinikern, Wissenschaftlern und Kostenträgern Einigkeit über die Relevanz des Burnouts, und es werden vielfältige Häufigkeitsangaben zu diesem Syndrom in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen, insbesondere in Deutschland, gemacht. So schätzen die Betriebskrankenkassen, dass rund 9 Mio. Menschen betroffen sind. Die Techniker-Krankenkasse (TK) ermittelte bei einer telefonischen bevölkerungsrepräsentativen Befragung rund 10 Mio. Tage Krankschreibung pro Jahr aufgrund von Burnout, was bedeuten würde, dass täglich 40.000 Arbeitskräfte deshalb am Arbeitsplatz fehlen. Die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz (EASG) schätzt, dass europaweit ca. 60 % aller Fehlzeiten auf beruflichen Stress zurückgehen. Die daraus sich jährlich ergebenden Kosten betrügen geschätzte 20 Mrd. Euro allein für Unternehmen in Deutschland (Übersicht bei Korczak et al. 2010). Gutenbrunner et al. (2005) referieren, dass etwa 80 % der Patienten in psychosomatischen Rehabilitationskliniken und etwa 50 % der orthopädischen Rehabilitationspatienten extrem auffällige Werte in einer Skala für vitale Erschöpfung aufweisen.
Für den Verlauf einer sog. Burnout-Störung gibt es eine große Anzahl miteinander konkurrierender Phasenmodelle, die etwa von Burisch (1989) vergleichend aufgeführt werden. Dabei wird häufig der Versuch unternommen, den Verlauf für unterschiedliche Berufsbereiche zu differenzieren. Die Tatsache, dass bei der Verlaufscharakterisierung der verschiedenen Autoren insgesamt 130 Symptome parallel aufgeführt werden, verdeutlicht die Unverbindlichkeit der vorgestellten Modelle (Korczak et al. 2010). Insbesondere entsteht oft eine Überschneidung mit Symptomen einer depressiven Episode (z. B. Schlafstörungen), die teils als Konsequenz eines längeren Burnouts, teils aber auch nur als Symptome eines sehr breit gefassten Burnout-Syndroms gesehen werden.
Abb. O4.1 zeigt eine für die Praxis nutzbare und mit der ICD-10 und dem DSM-5 vereinbare Einordnung des Burnout-Phänomens. Es kann davon ausgegangen werden, dass im üblichen (Arbeits-)Leben wiederholt vorübergehende Überlastungen auftreten, die mit sog. vegetativen Stresssymptomen wie Tremor, Schweißausbrüchen, Schlafstörungen bzw. nicht erholsamem Schlaf und einem allgemeinen Gefühl der Erschöpfung einhergehen. Diese Arbeitsüberlastungsfolgen sollten sich im Rahmen der üblichen Wochenenderholung oder von Kurzurlauben rasch zurückbilden. Bei länger anhaltender Überforderung kann der Begriff Burnout als Syndrom zur Charakterisierung eines Zustands chronischer emotionaler Erschöpfung, einer kritischen Distanz zu der als überfordernd erlebten Arbeit und einer Reduzierung der eigenen Leistungsfähigkeit bei vegetativen Stresssymptomen benutzt werden. Dieser sollte entsprechend ICD-10 und DSM-5 nicht als Krankheit, aber als beachtenswerter Risikozustand beurteilt werden. Falls der Betroffene nicht eine Lösung findet, um die Überlastung besser zu tolerieren oder zu reduzieren, bzw. sich die äußeren Umstände nicht ändern, kann das Risiko ansteigen, bei entsprechender Vulnerabilität an einer Depression, einer Angststörung, einem chronischen Schmerzsyndrom, einer Neurasthenie oder an Alkohol- bzw. Benzodiazepin-Missbrauch zu erkranken. Auch besteht eine Assoziation zwischen einem solchen länger anhaltenden Burnout-Zustand und dem Auftreten kardiovaskulärer, muskuloskelettaler, kutaner und allergischer Erkrankungen (Honkonen et al. 2006). Es gibt Hinweise, dass das Risiko für körperliche Erkrankungen mit dem Schweregrad des Burnouts zunimmt. Die den körperlichen Auswirkungen zugrunde liegenden psychobiologischen Mechanismen sind bisher nicht geklärt. Neuroendokrine und immunologische Veränderungen wurden bei Burnout-Patienten ebenso beschrieben wie bei Patienten mit Depression oder posttraumatischer Belastungsstörung (Überblick bei Korczak et al. 2010).
In diesen Fällen ist also davon auszugehen, dass bei den Patienten eine psychische oder physische Erkrankung entsprechend der internationalen Klassifikation von Erkrankungen der WHO vorliegt, bei der die Entstehung der Erkrankung aber im Zusammenhang mit einer deutlichen Aufgabenüberlastung zu sehen ist und das Krankheitsbild von den Charakteristika einer Burnout-Symptomatologie mit geprägt ist. Mit anderen Worten: Die ICD-Krankheitsdiagnose sollte durch die Ziffer Z73.0 (Burnout) als einen den Gesundheitszustand maßgeblich beeinflussenden Faktor ergänzt werden.

Differenzialdiagnose

Das Kernsymptom des Burnouts, die anhaltende Erschöpfung, kann aber auch eine unspezifische Folge einer Vielzahl von körperlichen und psychischen Erkrankungen sein. Diese Erkrankungen können zu einer Leistungsminderung am Arbeitsplatz oder in der Familie und damit auch zu den anderen weiter oben beschriebenen Burnout-Symptomen führen. Korczak et al. (2010) listen eine Vielzahl möglicher Verursachungen auf (Tab. O4.1).
Deswegen ist eine umfangreiche körperliche, laborchemische und apparative Untersuchung erforderlich, um eine primär somatische Verursachung von Burnout, die eine entsprechende Therapie erforderlich macht, nicht zu übersehen. Die Bedeutung körperlicher Erkrankungen als Ursache vitaler Erschöpfung wird u. a. an der hohen Prävalenz bei Patienten in orthopädischer oder kardiologischer stationärer Rehabilitation deutlich (Gutenbrunner et al. 2005).
Verwirrend ist in vielen Publikationen die Abgrenzung des Burnout-Begriffs gegenüber depressiven Erkrankungen bzw. deren Vermischung. Häufig werden beide Begriffe einander gleichgestellt. Depressivität wird aber auch als ein Symptomkomplex innerhalb eines breiten Burnout-Konzepts gesehen. Andere Autoren erachten Burnout als Vorstufe einer Depression. Die aussagekräftigsten Arbeiten zu dieser Sichtweise stammen von Ahola et al. (2005, 2007) aus Finnland. In umfangreichen Untersuchungen konnte die Arbeitsgruppe aufzeigen, dass Personen mit einem leichten Burnout – gemessen mit dem MBI – in 20 % der Fälle und Personen mit einem schweren Burnout in mehr als der Hälfte der Fälle die Kriterien einer Depression – gemessen mit dem standardisierten psychiatrischen Interview CIDI – aufweisen. Entsprechend den internationalen Diagnosekriterien ist in diesem Fall eine depressive Episode zu diagnostizieren. Sinnvoll wäre, die ICD-Diagnose „depressive Episode“ um die Ziffer Z73 (Burnout) zu ergänzen. Dadurch würde hervorgehoben, dass Entstehung, Aufrechterhaltung, aber auch Therapierbarkeit entscheidend mit einer Aufgabenüberlastung in Verbindung stehen.
Es trifft allerdings auch zu, dass insbesondere bei leichten, aber auch ausgeprägteren Formen einer Burnout-Symptomatologie nicht gleichzeitig die Depressionskriterien erfüllt sein müssen. Bei dieser Gruppe besteht jedoch nach den finnischen Untersuchungen eine 2,6-fach erhöhte Wahrscheinlichkeit, in den nächsten 3 Jahren eine Depression zu entwickeln. Wurde die berufliche Überlastung abgebaut, stellt sich dieser Effekt nicht ein.
Eine weitere Differenzialdiagnose ist die Neurasthenie. Sie ist eine in den westlichen Ländern mit nahezu 4 % häufig auftretende Erkrankung (Xiao et al. 1998), die nach Dilling (1986) wegen ihrer geringen sozialen Akzeptanz unterdiagnostiziert wird. Im Gegensatz zum Burnout führen bei Patienten mit Neuasthenie bereits relativ geringe körperliche und geistige Belastungen zur Erschöpfung. Ihr geht auch nicht eine Phase hohen Engagements und gesteigerter Leistungsbereitschaft voraus. Eine relevante Differenzialdiagnose ist auch eine nichtorganische Insomnie nach ICD-10-Kriterien. Das Krankheitsbild der Insomnie ist mit Tagesmüdigkeit, verminderter Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit verbunden. Andererseits fanden Vela-Boeno et al. (2008), dass Probanden mit hohen Burnout-Werten häufig unter klinisch relevanten Schlafproblemen bzw. geringer Schlafqualität leiden. Schlafstörungen können somit wie bei der Depression als (Frühwarn-)Symptom des Burnouts gesehen werden, wenn sie nicht – wie bei der Insomnie – als Verursachung der Tagesbeeinträchtigung erachtet werden. Falls eine den ICD-10-Kriterien entsprechende nichtorganische Insomnie durch massive Aufgabenüberlastung bedingt und aufrechterhalten wird, sollte auch in diesem Fall die ICD-Diagnose durch Z73 ergänzt werden.
Besonders schwierig ist die Abgrenzung gegenüber dem Chronic-Fatigue-Syndrom (CFS). Auch das CFS hat diagnostische Unschärfen. Es sollte nicht – wie für die Erschöpfung beim Burnout angenommen – Folge übergroßer Arbeitsbelastung sein.

Ätiologie

Aus der Fülle der diskutierten Verursachungsmodelle eines Burnouts lassen sich ein individueller, ein arbeits- und organisationspsychologischer und ein sozialwissenschaftlicher Ansatz herausarbeiten. Alle drei Aspekte sind im Einzelfall häufig miteinander verwoben und für das Verstehen einer Erschöpfungssituation beim Einzelnen, von größeren Arbeitsgruppen und im gesamtgesellschaftlichen Diskurs hilfreich.

Individueller Erklärungsansatz

Es gibt keine belastbaren Daten für eine lineare Korrelation zwischen dem objektivierbaren Ausmaß der Arbeitsbelastungen und dem Auftreten eines Burnout-Zustands. Die klinische Erfahrung spricht vielmehr für eine große Variabilität der individuellen Stresstoleranz. Entsprechend dem Vulnerabilitäts-Stress-Modell depressiver Erkrankungen (Abb. O4.2) ist anzunehmen, dass bei hochvulnerablen Individuen vergleichsweise geringe Stressoren zum Auftreten von vegetativer Symptomatologie, Erschöpfung und einem Überforderungsgefühl führen können. Wegen der diagnostischen Unschärfe des Burnouts gibt es – anders als bei der Depression – keine empirischen Risikostudien zur Genetik und zur Relevanz kindlicher Traumatisierungen oder anderen vorbestehenden Faktoren und Prädispositionen (z. B. Persönlichkeit). Zumindest für den Anteil von Burnout-Störungen, die als Vorläufer einer sich entwickelnden Depression zu verstehen sind, dürfte das Vulnerabilitäts-Stress-Modell der Depression von Relevanz sein.
Darüber hinaus werden individuelle Bedingungsfaktoren als prädestinierend für die Entwicklung eines Burnouts diskutiert. Auch hier gilt, dass die wissenschaftlichen Belege für eine prädiktive Relevanz dieser Faktoren spärlich sind. Die von Körner (2003) aufgelisteten persönlichkeitsbedingten Risikofaktoren wie hohes soziales Verantwortungsbewusstsein, Idealismus, Perfektionismusstreben, Opferbereitschaft, externale Kontrollüberzeugung, emotionale Labilität und geringes Selbstbewusstsein zeigen Überschneidungen mit dem Konzept des sog. Typus melancholicus als für Depressionen prädestinierende Persönlichkeitseigenschaften (Berger et al. 2019).

Arbeits- und organisationspsychologischer Erklärungsansatz

Gegenwärtig werden als Ursache für zunehmende Klagen über Burnout vor allem Veränderungen in der Arbeitswelt diskutiert, die den Einzelnen bzgl. seiner Stressbewältigungsressourcen zunehmend überfordern würden. Arbeits- und Organisationspsychologen listen eine Vielzahl von entsprechenden Risikofaktoren auf, z. B. eingeschränkter Tätigkeits- und Handlungsspielraum, Übermaß an Verantwortlichkeit, Rollenambiguität, problembeladene Klientel, mangelnde Transparenz am Arbeitsplatz, mangelndes Feedback, übermäßige Überwachung/Kontrolle und Leistungserwartungen, mangelnde Einflussmöglichkeiten und geringe Aufstiegschancen (Burisch 1989).
Die Globalisierung führt zu einer immer breiteren und internationalen Konkurrenzsituation u. a. mit Billiglohnländern, d. h. Wirtschaftssystemen mit wesentlich geringeren Produktionskosten. Die Konkurrenzfähigkeit von Unternehmen wird häufig durch massive Stellenkürzungen und Rationalisierungen erreicht, was bei den verbliebenen Mitarbeitern zu einer verstärkten Arbeitsbelastung – verbunden mit der Angst vor weiterem Stellenabbau – führt.
Als weitere Ursache für Burnout insbesondere älterer Berufstätiger sind die wachsende Bedeutung von Computern und die ständig damit verbundenen innovativen Anforderungen zu sehen. Da mit dem Älterwerden die hierzu vornehmlich erforderliche fluide Intelligenz kontinuierlich abnimmt, kommt es gehäuft zu Überforderungssituationen (Wolf 2019). Außerdem nimmt u. a. durch die Computerisierung vieler Arbeitsplätze die Wahrscheinlichkeit permanenter externer Kontrollen der Arbeitsleistung zu, die kontinuierlich, oft allgemein kenntlich, rückgemeldet werden und die Vergütung bestimmen. Wirtschaftsökonomen und Wirtschaftspsychologen warnen schon seit Jahren vor den sich ausbreitenden leistungsorientierten jährlich wechselnden Bonuszahlungen, da sie die intrinsische Motivation schwächen, den Konkurrenzdruck steigern und bei Nichtauszahlung zu Demotivation führen (Layard 2005).
Während die Sozialpartnervereinbarung der Europäischen Union bzgl. Stress am Arbeitsplatz in vielen Mitgliedsländern zur Institutionalisierung von Gefährdungsbeurteilungen und zur Erfassung psychosozialer Gesundheitsrisiken geführt hat, hat sich diese Vereinbarung in Deutschland bisher kaum in Aktivitäten und Regelungen der Sozialpartner niedergeschlagen. Dies mag ein wichtiger Aspekt für die Beobachtung sein, dass das Thema Burnout in Deutschland besonders großen Raum einnimmt (Kamp und Pickshans 2011). Aber die Situation wird sich jetzt vielleicht auch in Deutschland ändern: Im Oktober 2013 wurde auch psychosozialer Stress als potenziell gesundheitsgefährdend in das Arbeitsschutzgesetz aufgenommen, sodass bei Nichtbeachtung mit Verordnungen bzgl. Sanktionen zu rechnen sein wird.

Sozialwissenschaftlicher Erklärungsansatz

Der Soziowissenschaftler Ehrenberg (2008) und der Philosoph Han (2010) bezeichnen Erschöpfung, Burnout und Depression quasi als Leitkrankheiten des beginnenden 21. Jahrhunderts, bedingt durch eine Ausuferung der Leistungsgesellschaft.
In der lange dominierenden Disziplinargesellschaft sei das Verhalten des Einzelnen sowohl im Privatleben als auch in der Arbeitswelt durch Gebote und Verbote autoritär gesteuert worden. Dieser autoritäre Druck sei durch die gesellschaftlich-demokratische Entwicklung der letzten Jahrzehnte in den Hintergrund getreten. An seine Stelle sei schrittweise das Diktat der Leistungsgesellschaft getreten, das den Einzelnen zu noch höherer Effizienz führe. Es werde ihm die Überzeugung vermittelt, dass er allein, unabhängig von seiner Herkunft, für seinen beruflichen Erfolg verantwortlich sei. Unbegrenzt in Aussicht gestellte Aufstiegschancen erzeugen den Eindruck einer zwingenden Freiheit zur Maximierung der eigenen Leistung und des erzielten Erfolgs. Han (2010) bezeichnet diesen Vorgang als den Weg in die Selbstausbeutung, indem der Ausbeutende gleichzeitig der Ausgebeutete ist. Diese paradoxe Freiheit erschwere das Erkennen von Überforderung und könne häufig nur durch das Gefühl der Erschöpfung begrenzt werden. Diesem Gedanken folgend ist das Phänomen der kontinuierlichen externen Kontrolle der erwarteten Leistungsmaximierung besonders belastend.

Behandlung

Wegen der fehlenden allgemein akzeptierten operationalisierten Diagnosekriterien gibt es bisher keine verbindlichen evaluierten Therapieempfehlungen. In einer Vielzahl von Ratgebern geht es jeweils um
  • 1.

    das Bewusstmachen der arbeitsbezogenen Problemfelder sowie die Suche nach Entlastungsmöglichkeiten und um

  • 2.

    die Vermittlung von Methoden der Selbstachtsamkeit, des Stressmanagements, der Entspannung und Konfliktlösung.

Die Grenzen der Prävention und der Intervention sind unscharf. Hillert und Marwitz (2006) empfehlen für Interventionsprogramme die
  • Entlastung von Stressoren,

  • Erholung durch Entspannung und Sport sowie die

  • Reduktion von häufig extern induzierten Perfektionszielen.

Eine randomisierte, kontrollierte Studie (RCT) mit 108 Stockholmer Sozialarbeitern, von denen 68 hohe Werte in der Perceived Stress Scale (PSS) aufwiesen, ergab, dass vier 3-stündige Sitzungen einer Acceptance and Commitment Therapy (ACT) gegenüber einer Wartegruppe überlegen waren. Dieser positive Effekt bezog sich auch auf die drei Maslach-Symptomkomplexe des Burnouts mit einer Effektstärke von 0,3–0,4 (Brinkborg et al. 2011).
Zur Frage der Behandelbarkeit von Burnout als beginnende oder leichte Depression kann die Studie von Hegerl et al. (2009) herangezogen werden. In einer RCT wurde bei 368 hausärztlichen Patienten mit einer minoren Depression der Effekt von kognitiver Verhaltenstherapie (KVT) im Vergleich zu einer Selbsthilfegruppe als Psychotherapie-Placebo bzw. von einem Serotonin-Wiederaufnahmehemmer im Vergleich zu einem Placebo untersucht. Sowohl Sertralin als auch KVT waren ihren Kontrollbedingungen jeweils überlegen. Da bei depressiven Erkrankungen, die durch eine Burnout-Konstellation mitgeprägt sind (Z73), bisher nur in Ansätzen spezifische psychotherapeutische Strategien konzipiert und vor allem evaluiert wurden, sollten verhaltenstherapeutische, tiefenpsychologische und interpersonelle Therapien mit Methoden ergänzt werden, die sich in der Praxis bei Arbeitsüberlastungsfolgen bewährt haben. Hier besteht jedoch deutlicher Forschungsbedarf.
Aus arbeits- und organisationspsychologischer sowie sozialwissenschaftlicher Sicht scheint ein vornehmliches Abwälzen des Problems auf das Gesundheitssystem nicht der adäquate Lösungsweg zu sein. Vielmehr fordern etwa Kamp und Pickshans in einem Gutachten der Hans-Böckler-Stiftung (2011), die Ausschaltung von zur Erkrankung führendem Stress am Arbeitsplatz zu einer gesetzlichen Verpflichtung des Arbeitgebers zu erheben. Anders als in Deutschland sei dies in anderen EU-Staaten wie Belgien, Dänemark, Frankreich, den Niederlanden etc. bereits mit Erfolg geschehen. Dies mag einer der Gründe sein, warum das Burnout-Phänomen gerade in Deutschland besondere Relevanz erhalten hat. Somit ist also die wesentlichere Aufgabe nicht die Behandlung existierender Burnout-Betroffener, sondern im Sinne betrieblicher Gesundheitsprävention und -förderung die Vorbeugung des Auftretens von Burnout. Denkbare Instrumente sind hier z. B. die Verpflichtung von Arbeitgebern, bei gemeldeten psychosozialen Überlastungen eine arbeitsmedizinische Prüfung zu veranlassen, sowie die Umsetzung von Arbeitszeitmodellen und-begrenzungen und die Durchführung von Supervisionen und Coaching, insbesondere des Führungspersonals, zur Schaffung eines förderlichen Arbeitsumfelds und zur Burnout-Prävention (Übersicht s. Herr Berger, ich habe hier für diese Publikation die von der BAuA empfohlenen bibliografischen Angaben gewählt …

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