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B978-3-437-22485-0.00035-X

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Posttraumatische Verbitterungsstörung (Posttraumatic Embitterment Disorder, PTED)

Michael Linden

Reaktive psychische Störungen und Anpassungsstörungen

Lebensbelastungen, Katastrophen-, Verlust- und Kränkungserlebnisse können zu psychischen Erkrankungen führen und spielen auch in der klinischen Praxis eine große Rolle (Amiel-Lebigre et al. 1995; Despland et al. 1995; Fava et al. 2001; O‘Brien 1998; Strain et al. 1998; Fischer und Riedesser 1999; Paykel 2001; Maerker und Rosner 2006; Linden 2003, 2011). Die ICD-10 (WHO 1992) unterteilt diese reaktiven psychischen Störungen im Kapitel F43 (Reaktionen auf schwere Belastungen und Anpassungsstörungen) in die Kategorien der akuten Belastungsreaktion (F43.0), der posttraumatischen Belastungsstörung (F43.1) und der Anpassungsstörungen (F43.2) sowie im Kapitel F6 (Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen) in die andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung (F62.1). Es handelt sich zwar um häufige, aber dennoch vergleichsweise unscharf definierte Kategorien, die zudem nach den geltenden diagnostischen Algorithmen nur dann diagnostiziert werden sollen, wenn nicht die Kriterien für eine andere Achse-I-Störung gegeben sind, was sie zu einer diagnostischen Restkategorie macht.

Ausblick auf ICD-11

In der vorläufigen Version der ICD-11 wie auch im amerikanischen DSM-5 findet sich im Abschnitt der trauma- bzw. stressassoziierten Störungen ein Code für Anpassungsstörungen (6B43 bzw. 309).
Eine Ausnahme ist die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS; engl. „posttraumatic stress disorder“, PTSD) als Reaktion auf ein „belastendes Ereignis oder eine Situation außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigen Ausmaßes, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde“ (WHO 1992), die zu einer charakteristischen Psychopathologie mit Angst und Panikerleben, Hyperarousal, Vermeidungsverhalten und Intrusionen führt. In der täglichen Praxis wird diese eng gefasste und als Angststörung zu verstehende Kategorie der PTBS häufig auch für Belastungsreaktionen benutzt, die nicht aus der Konfrontation mit einem lebensbedrohlichen Ereignis, sondern mit einer lebensüblichen Belastung hervorgegangen sind. Es besteht daher die Notwendigkeit einer weiteren differenzialdiagnostischen Differenzierung und Präzisierung der Anpassungsstörungen.

Resümee

Anpassungsstörungen sind nur zu diagnostizieren, wenn keine andere psychische Störung vorliegt, und sind daher eher selten.

Die PTBS ist zu diagnostizieren, wenn durch intrusive Erinnerungen an Panikerleben ständig neue Angst- und Panikgefühle hervorgerufen werden, nicht jedoch als Reaktion auf sonstige negative Lebensereignisse.

Verbitterung als Folge von belastenden Lebensereignissen

Neben Angstreaktionen kennt jeder Mensch auch Verbitterungsgefühle in der Folge von Ungerechtigkeit, Herabwürdigung oder Vertrauensbruch (Linden 2017). Verbitterung kann in unterschiedlichem Kontext sowie in unterschiedlicher Form und Intensität auftreten (Linden und Rotter 2018). In besonders ausgeprägten Fällen kann es, analog zur PTBS, zu einer posttraumatischen Verbitterungsstörung kommen, einer abgrenzbaren Sonderform der psychoreaktiven Störungen im Sinne einer spezifischen Reaktion auf eine schwere Belastung (ICD-10: F43.8). Sie sind im ärztlichen und psychiatrisch-psychotherapeutischen Alltag wie auch insbesondere in der Forensik oder bei Gutachtenfällen zu beobachten. Sie gehen einher mit Intrusionen, Hyperarousal, ausgeprägter Herabgestimmtheit, agoraphobisch anmutender Vermeidung, sozialem Rückzug und als Leitaffekt Verbitterung und Aggression gegen sich selbst und die Umwelt leiden. Es kommt in vielen Fällen zu einer Chronifizierung mit schwerer Beeinträchtigung von sozialer Anpassung, Lebensführung und Lebensqualität. Die diagnostischen Kriterien der posttraumatischen Verbitterungsstörung („posttraumatic embitterment disorder“, PTED) werden im Folgenden zusammengefasst und anhand eines Fallbeispiels (Box O1.1) erläutert (Linden 2003, 2017; Linden et al. 2004, 2007; Linden und Maercker 2011; Linden und Rutkowski 2013).

Box O1.1

Diagnostische Kriterien der posttraumatischen Verbitterungsstörung (PTED)

A. Kernkriterien der PTED
  • Es ist ein einmaliges schwerwiegendes negatives Lebensereignis zu identifizieren, in dessen Folge sich die psychische Störung entwickelt hat.

  • Dem Patienten ist dieses Lebensereignis bewusst, und er sieht seinen Zustand als direkte und anhaltende Konsequenz aus dem Ereignis.

  • Der Patient erlebt das kritische Lebensereignis als „ungerecht“.

  • Wenn das kritische Ereignis angesprochen wird, reagiert der Patient mit Verbitterung und emotionaler Erregung.

  • Der Patient berichtet wiederholte intrusive Erinnerungen an das Ereignis. Teilweise ist es ihm sogar wichtig, nicht zu vergessen.

  • Die emotionale Schwingungsfähigkeit ist nicht beeinträchtigt. Der Patient zeigt normalen Affekt, wenn er abgelenkt wird, oder kann beim Gedanken an Rache lächeln.

B. Zusatzsymptome der PTED
  • Der Patient nimmt sich als Opfer und hilflos wahr und sieht sich nicht in der Lage, das Ereignis oder seine Ursache zu bewältigen.

  • Der Patient macht sich selbst Vorwürfe, das Ereignis nicht verhindert zu haben oder nicht damit umgehen zu können.

  • Der Patient meint, dass es ihm „egal“ sei, wie es ihm gehe, und dass er nicht wisse, ob er die Wunde heilen lassen wolle.

  • Der Patient kann Gedanken an einen Suizid bis hin zu einem erweiterten Suizid äußern.

  • Der Patient hat ein Bedürfnis, Gerechtigkeit wiederherzustellen, einschl. Rache- oder Aggressionsfantasien.

  • Die emotionale Grundstimmung ist dysphorisch-aggressiv-depressiv getönt und erinnert auf den ersten Blick an eine Depression mit somatischem Syndrom (sog. endogene Depression).

  • Der Patient kann eine Reihe unspezifischer somatischer Beschwerden zeigen, z. B. Schlafstörungen, Appetitverlust oder Schmerzen.

  • Der Patient berichtet über eine phobische Symptomatik, die eng mit dem Ort oder Urheber des kritischen Ereignisses verbunden ist.

  • Der Antrieb ist reduziert und wirkt blockiert. Der Patient erlebt sich weniger als antriebsgehemmt, sondern eher – im Sinne einer Antriebsverharrung – als antriebsunwillig.

C. Differenzialdiagnose
Die Symptomatik kann nicht durch eine vorbestehende andere psychische Erkrankung erklärt werden.

Fallbeispiel

Eine 52-jährige Patientin wird unter Einschaltung des Medizinischen Dienstes der Krankenkasse zur stationären Behandlung zugewiesen, weil sie seit 1 Jahr arbeitsunfähig ist. Sie berichtet über Herabgestimmtheit, Antriebsminderung, Hoffnungslosigkeit, Schlafstörungen und vielfache körperliche Symptome, sodass der Verdacht auf eine Depression bestand. Sie zieht sich zurück, vermeidet es, aus dem Haus zu gehen, und bekommt Erregungszustände beim Vorschlag, in einen Supermarkt zu gehen, woraus sich das Bild einer Agoraphobie ergibt. Sie erklärt, nicht mehr arbeitsfähig zu sein und eine Rente beantragen zu wollen.

Sie war als Verkäuferin in einem kleinen Familienunternehmen tätig, hat dort über 20 Jahre stets treu gearbeitet und eigene Ansprüche immer hinter der Aufopferung für den Betrieb zurückgestellt. Sie fühlte sich der Familie zugehörig. Als es zu wirtschaftlichen Schwierigkeiten kam, erhöhte sie ihren Einsatz noch und verzichtete auch auf ihr zustehende Rechte. An einem Freitag kurz vor Arbeitsschluss übergibt ein Bote ihr im Auftrag der Eigentümer einen Brief mit ihrer Kündigung. Niemand hat mit ihr geredet. Bis zu diesem Moment war sie eine psychisch unauffällige und leistungsfähige Person. Für sie „bricht eine Welt zusammen“; sie fühlt sich durch den Ablauf zutiefst gekränkt. Sie geht nach Hause und weint das ganze Wochenende. Am Montag geht sie nicht mehr in den Betrieb, obwohl der Kündigungstermin noch in weiter Ferne liegt; seitdem ist sie chronisch schwerstkrank und stark beeinträchtigt.

Sie sitzt nur noch zu Hause, hat sich von allen Sozialbeziehungen zurückgezogen, will nicht an ihre Zukunft denken, hat sich nicht nach einer neuen Arbeitsstelle umgesehen, weist das Angebot einer neuen Arbeit strikt zurück und ist nicht bereit, sich auf einen therapeutischen Kontakt einzulassen.

Psychopathologisch wirkt die Patientin verbittert, versteinert, antriebslos, herabgestimmt, beklagt Schlafstörungen und Appetitverlust und lässt Suizidgedanken und auch Fantasien eines erweiterten Suizids erkennen. Die Erwähnung der Auslösesituation führt zu einer emotionalen Entgleisung mit Tränenausbruch und heftigem vorwürflichem Klagen, innerlich voller Aggression gegen die Welt und insbesondere auch gegen sich selbst. Sie kann sich innerlich nicht von dem Vorgefallenen distanzieren, und es drängen sich ihr ständig Erinnerungen daran auf. Bei Ablenkung oder auch bei der Stimulation von Rachefantasien („Sie beobachten, wie Ihr früherer Chef vor Ihren Augen auf einer Banane ausrutscht?“, „Sie lesen, dass die Firma in Konkurs gegangen ist?“) wird eine ungestörte affektive Modulation bis hin zu einem breiten Grinsen erkennbar. Sie verweigert jegliche Mitarbeit bei der Behandlung und erlebt Therapeuten geradezu als Feinde, da sie nicht sieht, dass inzwischen statt der zurückliegenden Kündigung ihr eigener Zustand das Problem ist.

Bei Gesamtbetrachtung der vielgestaltigen Symptomatik unterscheidet sich die vorliegende Störung bezüglich Verlauf und Symptomatik deutlich von Depression, Angst- oder Persönlichkeitsstörungen und ist wegen der „traumatischen“ Entwicklung innerhalb von Minuten und der anhaltenden auslöserbezogenen Intrusionen ein Fall einer PTED.

Die PTED ist wegen der Art und der Schwere der Psychopathologie und der daraus resultierenden Funktions-, Fähigkeits- und Partizipationsstörungen eindeutig krankheitswertig. Die Patienten sind regelhaft in Behandlung und unter Begutachtung, allerdings unter den verschiedensten sonstigen Diagnosen. Die Abgrenzung einer PTED ist die unabdingbare Voraussetzung für eine zielführende Behandlung. Sie definiert sich nicht darüber, dass eine Person von negativen Lebensereignissen betroffen ist. Tod, Scheidung, Kündigung usw. gehören zum menschlichen Leben. Der Mensch verfügt über die Fähigkeit der psychischen Widerstandsfähigkeit („resilience“), die es ihm ermöglicht, belastende Lebensereignisse zu verarbeiten (Staudinger at al. 1999). Erst wenn es zu bleibenden psychopathologischen Normabweichungen kommt, ist von Krankheit zu sprechen. Dies ist ähnlich wie in der Chirurgie, wo die Art der Fraktur krankheitsdefinierend ist und nicht, ob der Patient einen Skiunfall erlitten hat oder auf einer Banane ausgerutscht ist. Auch von außen betrachtet scheinbar bagatellhafte Erlebnisse können unter bestimmten Rahmenbedingungen – in der Chirurgie wie in der Psychopathologie – zu dramatischen Konsequenzen führen. Zusammenfassend bedeutet dies, dass die Psychopathologie und nicht der Auslöser diagnostisch wegweisend sind (Linden 2011). Verbitterung ist ein affektiver Zustand, der für den Betroffenen wie die Umwelt beeinträchtigender und schwerer zu ertragen ist als Angst oder Depression.
Verbitterung ist – ähnlich wie Angst – eine jedem Menschen geläufige Reaktion (Linden und Maercker 2011). Analog zu Angst gilt auch für Verbitterung, dass ab einer bestimmten Quantität eine neue krankheitswertige Qualität eintritt. Nach ersten epidemiologischen Erhebungen geben etwa 50 % aller Menschen an, dass sie in letzter Zeit ein Lebensereignis hatten, das sie gekränkt hat und immer noch eine entsprechende emotionale Reaktion in ihnen auslöst, wenn sie daran zurückdenken (Linden et al. 2007). Etwa 2 % der Befragten geben an, ein solches Erlebnis gehabt, sich seitdem von allen Sozialbeziehungen zurückgezogen zu haben und in ihrem Befinden schwer beeinträchtigt zu sein. Dies ist als Grundrate in der Bevölkerung anzusehen. Höhere Raten sind beispielsweise zu erwarten nach gesellschaftlichen Umbrüchen (Linden 2003; Joe et al. 2017), bei speziellen Kontextbedingungen z. B. am Arbeitsplatz (Ege 2010; Karatuna und Gök 2014; Michailidis und Cropley 2017; Sensky 2010) oder bei einer schweren Krankheit (Blom et al. 2012).

Resümee

Verbitterung ist eine Emotion, die jeder kennt und die bereits bei Kindern als Reaktion auf Herabwürdigung oder Vertrauensbruch zu beobachten ist. Analog zu Angst kann sie bei höherer Intensität und Dauer zu einem ernsthaften Krankheitszustand mit umfangreichen psychischen Zusatzsymptomen und schwerer Beeinträchtigung bis hin zu Suizid und sogar erweitertem Suizid werden.

Ätiologie der PTED

Differenzialdiagnostisch stellt sich die Frage nach vorbestehenden psychischen Krankheiten. Wie das Fallbeispiel zeigt, sind diese Menschen typischerweise eher leistungsstark als krank und schwächlich. Es finden sich auch keine Hinweise auf manifeste Persönlichkeitsstörungen im Sinne der ICD-10. Die Betroffenen sind vor dem Ereignis meist sozial gut integriert.
Dies ist möglicherweise ein Faktor, der bei der Entwicklung dieser Reaktion von Bedeutung ist. Einschneidende Kränkungen sind nur in Lebensbereichen möglich, die einer Person besonders viel bedeuten. Wer viel Einsatz im Beruf zeigt, ist dort verletzlich; wem die Familie über alles geht und wer deshalb seine ganze Biografie darauf abstellt, kann hier getroffen werden. Wem Ehre und Ansehen über alles gehen, ist in diesem Bereich angreifbar. Andererseits gilt aber, dass Menschen nur dann Großes leisten können, wenn sie ihr Leben unter ein wichtiges Ziel stellen. Psychologisch und in der kognitiven Psychotherapie spricht man von „Grundannahmen“ („basic beliefs“), die das Verhalten von Menschen über die Lebensspanne hin leiten und eine Verhaltenskohärenz ermöglichen. Wer Eigentum als wichtig ansieht, wird in vielen Lebenslagen (bis hin zum Zoobesuch mit den Kindern) sparsam sein und ein Haus bauen. Wenn er dann betrogen oder bei einer Erbschaft hintergangen wird, trifft ihn das besonders. Menschen reagieren mit Verbitterung, wenn sie in Bereichen verletzt werden, die ihnen sehr am Herzen liegen und in denen sie besonders leistungsfähig sind, d. h. nach einer Verletzung ihrer zentralen „basic beliefs“ (Beck et al. 1979).
Neben diesem inhaltlichen Schlüssel-Schloss-Charakteristikum scheinen Weisheitskompetenzen ein weiterer relevanter Faktor bei der Bewältigung von Lebenskrisen zu sein (Baumann und Linden 2008; Baumann 2018). Die Weisheitspsychologie ist eine neue Forschungsrichtung, die im Rahmen der Lebensspannenpsychologie entwickelt wurde (Baltes und Smith 1990; Staudinger und Baltes 1996; Staudinger et al. 1997; Sternberg 1998; Böhmig-Krumhaar et al. 2002). Weisheit ist definiert als „Expertise im Umgang mit schwierigen Fragen des Lebens (z. B. Fragen der Lebensplanung, der Lebensgestaltung und der Lebensdeutung)“ und stellt eine psychologische Fähigkeit dar, die hilft, komplexe und letztlich nicht eindeutig lösbare Lebensprobleme verarbeiten bzw. ertragen zu können. Box O1.2 gibt einen Überblick über wichtige Weisheitskompetenzen.

Box O1.2

Weisheitskompetenzen

  • Perspektivwechsel: Inwieweit können die verschiedenen Perspektiven der am Problem beteiligten Personen erkannt werden?

  • Empathiefähigkeit: Inwieweit können Gefühle der am Problem beteiligten Personen erkannt und nachempfunden werden?

  • Emotionswahrnehmung und -akzeptanz: Inwieweit können eigene Gefühle wahrgenommen und akzeptiert werden?

  • Serenität: Inwieweit können die eigenen Emotionen beherrscht und eigene Standpunkte und Argumente mit emotionaler Ausgeglichenheit vorgetragen werden?

  • Fakten- und Problemlösewissen: Inwieweit liegt sowohl ein generelles als auch ein spezifisches (z .B. Lebensereignisse, Institutionen) Wissen um Probleme und die Möglichkeiten der Problembearbeitung vor?

  • Kontextualismus: Inwieweit besteht die Fähigkeit, die zeitliche und situative Einbettung eines Problems zu erkennen?

  • Wertrelativismus: Inwieweit können die Vielfalt von Werten und Lebenszielen und die Notwendigkeit, jede Person innerhalb ihres Wertesystems zu betrachten, wahrgenommen und akzeptiert werden, ohne dabei die eigenen Werte aus dem Auge zu verlieren?

  • Nachhaltigkeitsorientierung: Inwieweit können positive und negative sowie kurz- und langfristige Konsequenzen angesprochen und abgewogen werden?

  • Ungewissheitstoleranz: Inwieweit besteht ein Bewusstsein dafür, dass das Ergebnis des eigenen Handelns oder des Handelns Dritter nicht vorhersagbar und kontrollierbar ist, und inwieweit kann dies akzeptiert und ertragen werden?

  • Selbstdistanz und Anspruchsrelativierung: Inwieweit kann akzeptiert werden, dass man selbst nicht das Zentrum der Welt ist?

Weisheitskompetenzen sind Fähigkeit, die jedem Menschen zu eigen sind und auch bei alltäglichen „unauflösbaren“ Problemen benötigt werden (z. B.: Kaufe ich ein teures Bio- oder billiges Mengenprodukt und habe Geld oder auch nicht für einen Zoobesuch mit den Kindern?). Erst recht werden derartige Fähigkeiten benötigt, wenn Menschen in besonderer Weise durch einschneidende Lebensbelastungen gefordert sind. Aus dem klinischen Eindruck und empirischen Daten scheinen bei Patienten mit einer PTED Defizite in der Aktivierung weisheitsbezogener Leistungen vorzuliegen. Weisheitsstrategien können einem rigiden, dogmatischen, einseitigen, emotionsgesteuerten und unflexiblen Denken, das Verbitterung und selbstzerstörerische Resignation wahrscheinlicher macht, gegenübergestellt werden. Um es mit Friedrich Nietzsche zu sagen: „Der Zuwachs an Weisheit lässt sich genau nach der Abnahme der Galle bemessen!“

Resümee

Verbitterung ist eine Reaktion auf Kränkungserlebnisse, durch die zentrale Grundannahmen und Werte der Betroffenen infrage gestellt werden. Weisheit lässt sich verkürzt als die Fähigkeit zur Lösung unlösbarer Probleme definieren. Weisheitskompetenzen sind als Resilienzfaktor zu verstehen, der helfen kann, Lebensbelastungen ohne pathologische Reaktion zu verarbeiten.

Therapie der posttraumatischen Verbitterungsstörung

Die Therapie überdauernder Anpassungsstörungen und posttraumatischer Verbitterungsstörungen kann erhebliche Probleme aufwerfen. Insbesondere der Leitaffekt der Verbitterung führt oft zu einer Ablehnung therapeutischer Hilfsangebote („Die Welt soll sehen, was mir angetan wurde“). Eine Therapie wird schließlich auch erschwert durch eine fatalistisch anmutende resignativ-aggressive Grundhaltung des Patienten, die Verarbeitungs- und Änderungsprozesse sowie den Aufbau neuer Lebensperspektiven blockiert und eine Therapiemotivation erschwert.
Ein Therapieansatz ist die „Weisheitstherapie“, die wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Lebensspannenforschung und der Weisheitspsychologie zur Behandlung speziell von Verbitterungsstörungen nutzt (Schippan et al. 2004; Linden et al. 2006, 2007, 2011; Baumann und Linden 2008, Lieberei und Linden 2011). Sie ist als kognitive Verhaltenstherapie konzipiert, durch die der Patient in die Lage versetzt werden soll, das kritische Lebensereignis und die damit verbundene Kränkung und Herabwürdigung zu verarbeiten, sich davon innerlich zu distanzieren und neue Lebensperspektiven aufzubauen. Dazu wird auf bewährte kognitive Strategien der Einstellungsänderung und Problemlösung zurückgegriffen. Den hier verwendeten kognitiven Verfahren liegt insbesondere der Prozess des Reframing oder kognitiven Neubenennens zugrunde, um Neuinterpretationen, Reintegration des Erlebten sowie Änderungen des inneren Bewertungssystems anzustoßen. Aber auch Methoden wie Exposition, Wiederaufbau von Sozialkontakten und Förderung von Selbstwirksamkeitserfahrungen kommen zum Einsatz, um Meidungsverhalten und Rückzug aufzuhalten und Realitätsprüfungen zu unterstützen.
Eine Überwindung der PTED ist letztlich aber nur möglich, wenn es gelingt, die innere Kränkung zu verarbeiten, eine innerliche „Aussöhnung“ mit den verbitterungsauslösenden Ereignissen und Verursachern sowie ein aktives Abschließen der Vergangenheit mit einer Neuorientierung in die Zukunft und Perspektivfindung zu erreichen, wozu Weisheitskompetenzen beitragen können. Eine spezielle therapeutische Intervention ist die „Methode der unlösbaren Probleme“ (Baumann und Linden 2008). Die Erfahrung zeigt, dass verbitterte Patienten auch bei umfangreicher Vorarbeit häufig keine hinreichende Distanz zur eigenen Situation erreichen können, um ihnen unmittelbar daran neue Lösungswege aufzeigen zu können. Sie verfallen häufig wieder in die alten Argumentations- und Reaktionsmuster. Bei der „Methode der unlösbaren Probleme“ werden die Patienten daher an fiktiven Beispielproblemen in weisheitsaktivierenden funktionalen Problemlösungsansätzen trainiert, was die Gefahr von Reaktanz verringert. So wie man Selbstsicherheit in einem Selbstsicherheitstraining schulen kann, kann man auch Weisheit durch ein Weisheitstraining vermitteln.
Den Patienten werden hierfür fiktive Lebensprobleme vorgegeben, die dadurch charakterisiert sind, dass es sich um schwerwiegende negative Lebensereignisse mit mehreren Beteiligten und keiner eindeutigen Lösungsmöglichkeit handelt. Alle dargestellten Übungsprobleme sind kurze Schilderungen ungerechter und schwieriger, jedoch lebensüblicher Belastungen, die für den Betroffenen größtenteils unabänderlich und potenziell zur Verbitterungsauslösung geeignet sind. Bewusst lassen die kurzen Schilderungen viel Raum für Spekulationen und unterschiedliche Auslegungsweisen. Der Pool der Übungsprobleme enthält Beispiele für Arbeitsplatzkonflikte/Kündigung, Partnerschaftskonflikte, finanzielle Verluste, Familienprobleme, Krankheit und Tod (Box O1.3).

Box O1.3

Problemvarianten für das Weisheitstraining nach der „Methode der unlösbaren Probleme“

  • Arbeitsplatzkonflikte/Kündigung:

    Herr Schmidt ist Abteilungsleiter und führt seit 25 Jahren erfolgreich eine Abteilung. Nach einem längeren Krankenhausaufenthalt wegen eines Arbeitsunfalls wird ihm die Leitungsfunktion entzogen und als Abteilungsleiter ein junger Universitätsabsolvent vorgesetzt.

    (Herr Schmidt, der neue Abteilungsleiter, der Personalchef)

  • Partnerschaftskonflikte:

    Herr Schmidt sitzt wegen angeblichen Betrugs ½ Jahr unschuldig in Untersuchungshaft. In dieser Zeit verlässt ihn seine Ehefrau.

    (Herr Schmidt, der Richter, die Ehefrau)

  • Finanzielle Verluste:

    Herr Schmidt wird durch die Schuld eines anderen Fahrers schuldlos in einen Verkehrsunfall verwickelt. Dabei entsteht ihm ein großer Sachschaden, für den keine Versicherung aufkommt. Die einzigen Zeugen saßen im Wagen des Unfallgegners und belasten Herrn Schmidt vor Gericht. Der Unfallgegner bekommt deswegen auch in der letzten Instanz Recht.

    (Herr Schmidt, der Unfallgegner, die Zeugen)

  • Familienprobleme, Krankheit und Tod:

    Frau Müller hat eine Rheumaerkrankung und ist deswegen hilfsbedürftig. Sie wird von ihrem Ehemann wegen einer anderen Frau verlassen.

    (Frau Müller, der Ehemann, die neue Frau)

Es empfiehlt sich, als erstes Übungsproblem ein Thema auszuwählen, das sich vom Problem des Patienten deutlich unterscheidet (z. B. Auswahl eines Partnerschaftsproblems, wenn der Patient wegen einer Kündigung verbittert ist). Dadurch gelingt es, die Problemlösestrategien zunächst mit mehr Distanz einzuüben. Weitere Übungsprobleme können dann aus dem jeweiligen Problemfeld des Patienten stammen, sollten jedoch noch Abweichungen zum eigenen Problem aufzeigen.
Zur Unterstützung eines strukturierten Lernprozesses wird der Patient gebeten, seine persönliche Betroffenheit mitzuteilen, wenn er sich in die Situation des Geschädigten versetzt. Anschließend soll er sich in die Situation der zweiten und dann der dritten Person versetzen. Dies ermöglicht die Einübung der Fähigkeit zum Perspektivwechsel, zur Empathie oder Wertrelativierung. Es werden dann aus der Sicht der verschiedenen Beteiligten Reaktionsoptionen erarbeitet, die sich hinsichtlich ihrer kurz- und langfristigen Effekte, emotionaler oder sachlicher Befriedigung und gerechter oder schadensbegrenzender Lösungen unterscheiden. Dazu wird der Patient auch angehalten, sich in verschiedene prototypische Lösungsperspektiven zu versetzen, indem er sich fragt: „Wie würde ein Manager so etwas angehen, ein Pfarrer, ein Psychologe, eine Großmutter, die mehrere Kinder durch den Krieg gebracht hat?“ Dies ermöglicht die Einübung von Wertrelativierung oder emotionaler Serenität.
Es geht bei der Weisheitstherapie nicht um eine Lebensberatung und Unterstützung bei der Bewältigung eines Lebenskonflikts. Es geht um die Besserung der Psychopathologie. Dies geschieht auch nicht durch die Erarbeitung von Konfliktlösungen, sondern durch die Förderung psychologischer Funktionen, die erforderlich sind, um eine Konfliktlösung erreichen zu können. Die Weisheitstherapie vermeidet daher auch weitgehend, direkt am Thema des Konflikts zu arbeiten. Stattdessen werden Weisheitsstrategien beispielsweise an Modellproblemen eingeübt. Auch bezüglich der Therapie gilt also, dass die Funktion und nicht der Inhalt das Therapieziel ist, was grundsätzlich auch als Unterschied zwischen Therapie und Beratung gelten kann.

Resümee

Verbitterung führt zur Abwehr von Hilfsangeboten und zur Resignation. Verbitterungsreaktionen sind daher schwer zu behandeln. Ein Therapieansatz besteht in der Aktivierung von Weisheitskompetenzen.

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