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B978-3-437-24911-2.00034-1

10.1016/B978-3-437-24911-2.00034-1

978-3-437-24911-2

Abb. 34.1

(aus: Koch et al. 2015). [L231/G404]

Einflussfaktoren auf chronischen beruflichen Stress

Abb. 34.2

[L231/G404]

Erklärungs- und Veränderungsmodell chronischen beruflichen Überlastungserlebens (Koch et al. 2015).

Das sog. Burnout-Syndrom

Ulrich Voderholzer

  • 34.1

    Einführung553

  • 34.2

    Entwicklung und aktueller Stand des Burnout-Konzepts553

  • 34.3

    Positiver Beitrag des Burnout-Phänomens555

  • 34.4

    Differenzialdiagnostische Überlegungen556

  • 34.5

    Chronischer beruflicher Stress und psychische Erkrankungen556

  • 34.6

    Therapie557

  • 34.7

    Prävention beruflicher Belastungen am Arbeitsplatz559

Einführung

Das vorliegende Buch verfolgt das Ziel, die evidenzbasierten, auf Leitlinien beruhenden Erkenntnisse zur Therapie der wichtigsten psychischen Störungen in prägnanter Form darzustellen. BurnoutBurnout ist zu Recht keine wissenschaftlich anerkannte Diagnose und auch die bisherigen Versuche einer Konzeption und psychotherapeutischen Behandlung der „Diagnose Burnout“ entsprechen keinen zufriedenstellenden wissenschaftlich-klinischen Standards. Ein eigenes Kapitel zu diesem Thema gehört nach diesen Kriterien nicht in dieses Buch. Demgegenüber beeinflusste die in den letzten Jahren zunehmende Bedeutung des sog. Burnout-Syndroms aber mindestens zwei positive Entwicklungen, die die Wahrnehmung und das Ansehen aller psychischen Störungen in der Bevölkerung nachhaltig verändern können: Zum einen wurden ein verstärkter Einbezug der subjektiven Perspektive der Betroffenen und eine Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen gefördert. Zum anderen wurde die Psychotherapie zunehmend für die gesundheitliche Bedeutung beruflicher Belastungen sensibilisiert und bezieht diese seither intensiver in den therapeutischen Prozess mit ein. Mittlerweile liegt daher ein wachsendes Repertoire psychotherapeutisch fundierter Interventionsprogramme zur Behandlung beruflichen Überlastungserlebens vor, wobei die wichtigsten klinisch relevanten Aussagen zum Burnout-Syndrom im Folgenden kurz zusammengefasst werden.
Die Fachgesellschaft DGPPN sieht in der gegenwärtigen Burnout-Diskussion erhebliche Verwirrungen und potenzielle Fehlentwicklungen und veröffentlichte ein Positionspapier (Berger et al. 2012; www.dgppn.de), auf das hiermit zusätzlich hingewiesen werden soll.

Entwicklung und aktueller Stand des Burnout-Konzepts

Der Begriff Burnout geht auf den in Deutschland geborenen und in die USA emigrierten Psychoanalytiker Herbert J. Freudenberger (1927–1999) zurück, der selbst im Rahmen einer beruflichen Verausgabung ein Gefühl des Ausgebranntseins erlebte und als Erster (Freudenberger 1974) eine Publikation zum Burnout-Syndrom verfasste. Seither hat der Begriff weite Verbreitung und Anerkennung vor allem bei Betroffenen gefunden, die die Symptome, die seither mit diesem Begriff in Verbindung gebracht werden, an sich erleben. Nach einer auf die Sozialpsychologin Christina Maslach (z. B. Maslach et al. 2009) zurückgehenden Klassifikation wird das Burnout-Syndrom mit zahlreichen psychischen und somatischen Symptome assoziiert: BurnoutSymptome
  • emotionale Erschöpfung: u. a. ein Gefühl der Überforderung und des Ausgelaugtseins, Energiemangel, Tagesmüdigkeit, Niedergeschlagenheit, Verlust der Regenerationsfähigkeit, Schlafstörungen sowie andere körperliche Beschwerden wie belastungsbedingte Magen-Darm-Beschwerden, Kopf- und Rückenschmerzen

  • Zynismus/Distanzierung/Depersonalisation: u. a. emotionale Distanzierung bis hin zu Feindseligkeit gegenüber Kollegen, Vorgesetzten und Kunden, Verlust von beruflichem Idealismus, zunehmende innere Distanz und Verlust der Identifikation mit der Arbeit, Frustration bzw. Verlust von Gefühlen für die Arbeit, Verbitterung und Schuldzuweisungen gegenüber Arbeitsbedingungen

  • verringerte Arbeitsleistung: u. a. das subjektive Erleben der Minderung der eigenen beruflichen Kompetenz, Leistungsfähigkeit und Kreativität

Die ursprüngliche Beschreibung ließ den Schluss zu, dass ein erhöhtes Risiko für Burnout besonders bei hochmotivierten, sich langfristig überfordernden und bevorzugt in sozialen Berufen tätigen Menschen, wie beispielsweise innerhalb des Gesundheitswesens, besteht (Bridgeman et al. 2018; Huber et al. 2018). Dieses Konzept spiegelt die persönliche Lebenserfahrung von Herbert Freudenberger wider: Er war selbst als Psychoanalytiker tätig, arbeitete zeitweise exzessiv (bis zu 16 h pro Tag) und überforderte offensichtlich erheblich die eigenen Leistungsgrenzen. Bei dieser Arbeitsbelastung muss außerdem zwangsläufig ein massiver Schlafmangel entstanden sein. Seine somit erstmalige Beschreibung von Burnout entspricht der Darstellung des eigenen psychischen und physischen Zusammenbruchs. Eine Assoziation mit Sozialberufen allgemein wurde inzwischen relativiert. In jüngster Zeit wurde Burnout in zahlreichen Angestelltenberufen oder Konstellationen, z. B. im Leistungssport, bei Hausfrauen oder auch bei Studenten, untersucht. Im Rahmen der DEGS1-Studie (Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland) wurden Häufigkeit und psychiatrische Komorbiditäten von selbstberichtetem diagnostiziertem Burnout-Syndrom in Deutschland erhoben (Maske et al. 2016, Jacobi et al. 2014). Mit einer Lebenszeitprävalenz von 4,2 % und einer 12-Monats-Prävalenz von 1,5 % wurden Burnout-Diagnosen seltener erhoben, als angenommen. Patienten mit einem selbstberichteten Burnout-Syndrom hatten oft eine psychische Erkrankung.
In einem aktuellen Review von Maslach und Leiter (2016) wird der gegenwärtige Stand der Forschung zum Burnout-Erleben zusammengefasst. Dabei wird betont, dass die bisherige evaluative Forschung noch sehr lückenhaft ist und zukünftige Herausforderungen, insbesondere bezüglich Therapiestrategien, mit dem Ziel der Rückkehr in das Arbeitsleben unternommen werden sollten. Hierin wird ein wesentliches Aufgabengebiet für zukünftige psychiatrische Forschung gesehen.
Klassifikation des Burnouts nach ICD-10
Die Auflistung der oben genannten, häufig mit Burnout in Verbindung gebrachten Symptome verdeutlicht, dass diese Symptome eine hohe Überlappung mit verschiedenen ICD-10-Diagnosen aufweisen, z. B. depressiven Episoden, nichtorganischen Insomnien, Neurasthenien und somatoformen Störungen. Die Abgrenzung eines Burnout-Syndroms gegen eines dieser Störungsbilder bleibt unscharf (Bianchi et al. 2015). Aktuell ist die Kodierung einer bestehenden ICD-Diagnose zu empfehlen. Sofern bei einem Burnout-Beschwerdebild die Kriterien einer ICD-Diagnose nicht erfüllt werden, kann die ICD-Ziffer Z73.0 (Burnout gleichbedeutend mit einem Zustand der totalen Erschöpfung) verwendet werden.
Messinstrumente
Das Maslach-Burnout-Inventar (MBI, Maslach et al. 2009) BurnoutMessinstrumentestellt mit 25 Items das mit Abstand am häufigsten eingesetzte Selbstbeurteilungsinstrument dar. Erfasst werden drei Dimensionen des Burnout: emotionale Erschöpfung, Depersonalisation und persönliche Leistungsfähigkeit. Klinisch validierte Cut-offs fehlen, die Autorin selbst beansprucht keinen Diagnosewert der erfassten Konstrukte. Vielmehr wurde das Instrument zur Erfassung eines organisationalen Phänomens von Überlastung einzelner Mitarbeiter im beruflichen Kontext entwickelt. Sie selbst empfiehlt die Ableitung organisationsbezogener (nicht personenbezogener oder gar medizinisch-psychotherapeutischer) Interventionen, etwa Maßnahmen der Arbeitsorganisation oder der Teamintervention.
Ätiologie
Mehrere Phasenmodelle versuchen, eine Entwicklung von Burnout in zwei bis zehn Phasen (vgl. Überblick bei Hillert 2012) zu erklären. Bisherige Versuche der wissenschaftlichen Fundierung der postulierten Entwicklungsstufen blieben jedoch unbefriedigend. Dem überzeugten Auftreten selbsternannter Experten zum Trotz fehlt jeglicher überzeugende Nachweis dieser Entwicklungsstufen. Von einer diagnoseähnlichen Verwendung dieser Burnout-Stufen ist daher dringend abzuraten.

Positiver Beitrag des Burnout-Phänomens

Burnout als entstigmatisierender Begriff
Eines der größten Probleme bei der Therapie und Versorgung psychischer Erkrankungen ist nach wie vor die Stigmatisierung, die mit der Diagnose einer psychischen Erkrankung verbunden ist und auch von den Betroffenen als solche erlebt wird. Wenngleich Aufklärungsarbeit und wissenschaftlicher Fortschritt dazu beigetragen haben, dass die Stigmatisierung heute geringer sein dürfte als früher, wird es von sehr vielen Menschen immer noch als Schande oder Niederlage erlebt, sich wegen einer psychischen Erkrankung in Behandlung begeben zu müssen. Der Begriff Burnout erscheint für viele Menschen wesentlich akzeptabler, ggf. sogar ehrenvoll. Denn wer „ausgebrannt“ ist, muss vorher „gebrannt“ haben und präsentiert sich hierdurch im Grunde als idealistisch und bereit, sich zu verausgaben. Zudem entsteht mit diesem Begriff bei vielen Menschen die Assoziation, dass die Situation am Arbeitsplatz vorrangig zur Krankheitsentwicklung beigetragen hat. Hierdurch kann die persönliche Verantwortung gemindert und das Erleben eigenen Versagens auf selbstwerterhaltende Weise reduziert werden. Eine Untersuchung bei 133 stationär behandelten Patienten, vorranging mit depressiven Störungen, bestätigte die hohe Identifikation der Betroffenen mit dem Konstrukt Burnout (Hillert et al. 2012). Bei etwa der Hälfte der Betroffenen wurde dabei eine erhebliche Distanz zum Arbeitgeber deutlich.
Der Begriff Burnout kann im Beziehungsaufbau zu Patienten, die sich selbst mit diesem Phänomen identifizieren, zu Beginn der Therapie eine wichtige Rolle spielen. Insofern ist die Verwendung des Begriffs zunächst sicher legitim, sollte jedoch im weiteren Verlauf gemeinsam mit dem Patienten kritisch reflektiert werden.
Die Berichterstattung in den Medien fördert oft eine Krankheitsdefinition, die den Begriff Burnout mit einer Erkrankung von Leistungsträgern, d. h. idealistischen und „starken“ Persönlichkeiten gleichsetzt. Der Begriff Depression wird dagegen mit einer Erkrankung eher „schwacher“ Menschen verbunden (Berger et al. 2012). Inhaltlich trifft dies nicht zu, weswegen solche Interpretationen, die erneut die Stigmatisierung depressiv Erkrankter fördern würden, vermieden werden sollten.
Bedeutung beruflicher Belastungen in der Diagnostik und Therapie psychischer Störungen
Eine zunehmende Sensibilisierung von Behandlern wie Betroffenen für den Beitrag beruflicher Belastungen zur Entwicklung und Behandlung psychischer Erkrankungen ist ein weiterer positiver Aspekt der aktuellen Verbreitung des Begriffs Burnout. Im Bereich der vergleichsweise jungen Wissenschaft der Occupational Health Psychology (OHP, vgl. Quick und Tetrick 2003) liegen einschlägige Nachweise eines mit beruflichen Belastungen assoziierten erhöhten Erkrankungsrisikos vor, z. B. im Zuge beruflicher Gratifikationskrisen (Siegrist 2009; Lehr et al. 2009). Aktuelle Untersuchungen zeigen zudem, dass Kontextfaktoren wie Arbeitsplatzunsicherheit, wie sie in einer zunehmend flexibilisierten Arbeitswelt heutzutage gehäuft auftritt, zur Entstehung von Burnout und Depressivität beitragen können (Blom et al. 2018). Des Weiteren ergab eine Untersuchung unter deutschen Arbeitnehmern ein mit steigenden quantitativen Arbeitsanforderungen (d.h. Arbeitsumfang) erhöhtes Risiko für Burnout und Erschöpfung (Müller et al. 2018).
Deutlich stärker als bisher sollten berufliche Belastungen in die Psychotherapie einbezogen werden. Koch et al. (2014) geben einen Überblick über berufsbezogene Behandlungsangebote in der Psychotherapie, vor allem in der psychosomatischen Rehabilitation. Die vorliegenden, überwiegend als Gruppeninterventionen angebotenen Programme richten sich zum Teil gezielt an bestimmte Berufs- oder Diagnosegruppen bzw. vermitteln berufsübergreifend Strategien zum verbesserten Umgang mit Stress.
Zur Diagnostik wie auch zur Qualitätssicherung bieten sich entsprechend standardisierte Instrumente zur Erfassung psychischer Belastungen am Arbeitsplatz an, zu deren Auswahl die Toolbox der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) eine hilfreiche Übersicht liefert (Richter 2010). Zur Diagnostik und Indikationsstellung für berufsbezogenen Interventionen siehe auch Koch et al. (2015).

Differenzialdiagnostische Überlegungen

BurnoutDifferenzialdiagnoseAufgrund einer fehlenden klinischen Operationalisierung des Burnout-Syndroms liegen nur wenige bis keine belastbaren Daten zur Komorbidität mit etablierten ICD-10-Diagnosen vor. Wegen der breiten Überlappung von Symptomen des Burnout-Syndroms mit anderen psychischen Störungen, insbesondere mit einer depressiven Symptomatik, ist anzunehmen, dass bei einem subjektiv erlebten Burnout häufig eine depressive Episode vorliegt. Burnout ist jedoch nicht mit Depression gleichzusetzen, und eine sorgfältige Anamnese und Diagnostik sind wie bei allen psychischen Störungen unerlässlich. Zudem: Nicht in jedem Fall liegt eine psychische Störung vor. Burnout-Erleben kann ebenso eine (Früh-)Symptomatik einer spezifischen körperlichen Erkrankung sein, die Gefühle der Erschöpfung, Überforderung oder Insuffizienz zur Folge hat. Dies unterstreicht nochmals die Notwendigkeit einer genauen Diagnostik. In Anlehnung an Korczak und Kollegen (2010, nach Berger et al. 2012) muss ein Burnout-Syndrom differenzialdiagnostisch von folgenden Krankheiten abgegrenzt werden.
Psychosomatisch/psychiatrisch (ca. 60–70 % der Betroffenen):
  • nichtorganische Insomnien

  • somatoforme Störungen

  • Angststörungen, Zwangsstörungen

  • Anpassungsstörungen

  • Alkoholmissbrauch

  • Essstörungen

  • posttraumatische Belastungsstörung

  • depressive Erkrankung

  • Chronic-Fatigue-Syndrom (CFS)

Somatisch:
  • degenerative Erkrankungen des ZNS

  • Borreliose, HIV, Tuberkulose

  • entzündliche Systemerkrankungen

  • Anämien, Eisenmangel

  • Hypothyreose, COPD

  • Niereninsuffizienz

  • Malignome, Lymphome, Leukämien

  • obstruktives Schlafapnoe-Syndrom, Restless-Legs-Syndrom

  • Medikamentennebenwirkungen

Chronischer beruflicher Stress und psychische Erkrankungen

Im Unterschied zur vergleichsweise schwachen Konzeptionalisierung und wissenschaftlichen Fundierung des Burnout-Syndroms liegt eine Reihe gut fundierter arbeitsbezogener Stresskonzepte vor, welche die Erklärung chronischen beruflichen StresserlebensStresserlebenberuflich erlauben und der Ableitung berufsbezogener Stressinterventionen dienen können.
Ein Fokus arbeitsbezogener Stresskonzepte (Abb. 34.1; ausführlich in Koch et al. 2015) liegt z. B. auf der Definition gesundheitsrelevanter Arbeitsplatzmerkmale (Stressoren) wie z. B. Veränderungen am Arbeitsplatz, die eine Anpassungsleistung des Betroffenen erfordern. Dabei scheint dem Ausmaß individueller Entscheidungsspielräume (Kontrolle) eine zentrale Rolle zuzukommen. Darüber hinaus sind zuletzt vermehrt Ansätze der Gerechtigkeit bzw. der Balance von beruflicher Verausgabung und erlebter Belohnung (z. B. das Modell der beruflichen Gratifikationskrise von Siegrist) und der Bedrohung des Selbstwerterlebens bei der Arbeit (Stress-as-Offence-to Self nach Semmer) ins Blickfeld gerückt. Während klassische Stressbewältigungstrainings zumeist Kognitionen und Verhalten unter Belastung adressieren (vgl. das transaktionale Stressmodell nach Lazarus), können ressourcenbezogene Ansätze (z. B. die Theorie der Ressourcenerhaltung nach Hobfoll) oder neuere Konzepte der Regeneration zentrale Phänomene beruflichen Überlastungserlebens (z. B. den Verlust von gedanklicher Distanzierungsfähigkeit) erklären und behandeln helfen. Die aktuelle Diskussion zum Thema ständiger Erreichbarkeit an Feierabenden und dem Wochenende, z. B. durch Smartphones, macht deutlich, dass Schnittstellen zwischen den Lebensbereichen Arbeit und Privatleben wesentlich mehr Berücksichtigung verdienen.

Therapie

BurnoutTherapieDa Burnout schwach operationalisiert und nicht als Diagnose anerkannt ist, sind Therapieempfehlungen nicht mit denen störungsspezifischer Ansätze vergleichbar. Wissenschaftlich belastbare Studien zur spezifischen Therapie von Burnout liegen kaum vor. Evidenzbasierte Therapieempfehlungen können sich daher nur auf die komorbide psychische oder somatische Erkrankung beziehen. Bei Vorliegen einer Depression gelten z. B. die Empfehlungen der S3-Leitlinie für unipolare Depression. Praxiserfahrungen legen nahe, dass durch störungsspezifische Therapie allein kein Transfer auf berufliches Überlastungserleben vorausgesetzt werden kann (Nieuwenhuijsen et al. 2008). Die allgemeine Annahme eines quasi-automatischen Transfers symptombezogener Therapie auf den beruflichen Alltag scheint sich nicht zu erfüllen. Umgekehrt liegen jedoch Hinweise vor, dass die Wirksamkeit symptombezogener Therapien in Hinblick auf die Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit durch die zusätzliche Berücksichtigung auslösender und die Symptomatik aufrechterhaltender beruflicher Belastungsfaktoren verbessert werden kann (Schene et al. 2007). Daher ist bei Vorliegen von beruflichem Überlastungserleben der Einbezug berufsbezogener Behandlungsinhalte zu empfehlen (Koch et al. 2015). Generell liefern bisherige Untersuchungen Hinweise für die Überlegenheit personenbezogener, individueller Interventionen gegenüber organisationsbezogenen Maßnahmen bei der Reduktion emotionaler Erschöpfung (Dreison et al. 2018). Unter den organisationalen Interventionen zeigte ein Job-Training/Edukation die stärksten Effekte (Dreison et al. 2018).
Neben der Möglichkeit von Individualberatungen liegen zunehmend evaluierte berufsbezogene Interventionen vor:
  • achtsamkeitsbasiertes Stressmanagement-Programm (Limm et al. 2011)

  • berufsbezogene Gruppentherapie (z. B. SBA, Hillert et al. 2007)

  • berufsgruppenspezifische Programme wie das kognitiv-verhaltenstherapeutische Präventionsprogramm für Lehrer (AGIL, Hillert et al. 2012)

  • arbeitsbezogene Gruppenprogramme bei chronisch psychiatrischen Patienten (ZERA, Plößl et al. 2006)

  • interpersonelle Psychotherapie bei arbeitsstressbedingten depressiven Erkrankungen (Schramm und Berger 2013)

  • berufsbezogene Online-Trainings (Lehr et al. 2016)

Zur Ableitung berufsbezogener Behandlungselemente bietet sich ein allgemeines Erklärungs- und Veränderungsmodell chronischen beruflichen ÜberlastungserlebensErklärungs- und Veränderungsmodell chronischen beruflichen Überlastungserlebens an (Abb. 34.2), das bestehende arbeitsbezogene Stresskonzepte (Abb. 34.1) integriert. Hierin ist die individuelle Stressbewältigung von zentraler Bedeutung für das Ausmaß, in dem eine anhaltende berufliche Belastungssituation gesundheitliche Folgen haben kann. Chronisches berufliches Überlastungserleben wird demnach auf eine mangelnde Wahrnehmung und Reaktion auf Signale der Überlastung („Un-Achtsamkeit“), verstärktes Auftreten stressverschärfender Kognitionen und den Verlust gedanklicher Distanzierungsfähigkeit von Arbeitsbelastungen („Un-Denkbarkeit“), die Überforderung eigener Handlungsmöglichkeiten („Un-Möglichkeit“) und den Verlust der Regenerationsfähigkeit („Un-Erholung“) zurückgeführt. Wege der Entlastung umfassen entsprechend die Sensibilisierung für Signale der Überlastung („Achtsamkeit“), die kognitive Bearbeitung stressverschärfender Einstellungs- und Bewertungsmuster und die gedankliche Distanzierungsfähigkeit („Denkbarkeit“), die Erweiterung des persönlichen Handlungsrepertoires („Möglichkeiten“) und die Förderung der Regenerationsfähigkeit („Erholung“). Hierzu steht ein breites Spektrum einzel- und gruppenpsychotherapeutischer Interventionen zur Verfügung (siehe ausführlich: Koch et al. 2015), z. B. Elemente der Stressedukation, kognitive Interventionen zur Bearbeitung stressverschärfender Kognitionen in Bezug auf den Beruf, Vermittlung und Einübung alternativer Bewältigungsfertigkeiten (z. B. soziale Fertigkeiten und Fertigkeiten der Regulation des eigenen Selbstwerterlebens im Beruf) und die gezielte Bearbeitung des Regenerationsverhaltens. Im multimodalen stationären Behandlungssetting können diese berufsbezogenen Elemente sehr gut mit Angeboten der Entspannungs- und Bewegungstherapie, des Biofeedbacks, der Sozialtherapie und störungsspezifischen Behandlungselementen kombiniert werden. Die Wirksamkeit und eine lang anhaltende Stressreduktion zur Vorbeugung psychischer Erkrankungen und Schlafprobleme konnte für Stressmanagementprogramme bereits über einen Zeitraum von 7 Jahren bestätigt werden (Herr et al. 2018).
In der Praxis haben sich der Einstieg und die Fokussierung auf veränderbare Belastungsfaktoren als entscheidend erwiesen. Beispielweise sind gesellschaftliche Faktoren (z. B. Arbeitsmarktlage, Arbeitsplatzunsicherheit, zunehmende Verdichtung und Beschleunigung von Arbeitsabläufen), betriebliche Faktoren (z. B. Betriebsklima, Arbeitsorganisation und Führung) von individuellen Faktoren (Qualifikation, gesundheitliche Situation, persönliches Bewältigungsrepertoire) zu differenzieren. Im Rahmen medizinisch-therapeutischer Möglichkeiten stehen daher primär individuelle Faktoren als jene mit der höchsten persönlichen Veränderungswahrscheinlichkeit im Vordergrund.
Gerade bei ausgeprägter Hilflosigkeit und Resignation der Betroffenen ist eine ressourcenorientierte Perspektive auf gesundheitsförderliche Funktionen der Arbeit (z. B. soziale Kontakte, Sinnstiftung, Kompetenzerleben, Zeitstrukturierung) empfehlenswert, deren Wiedererstellung durch die therapeutische Bearbeitung beruflicher Anliegen in Aussicht gestellt werden kann. Als Einschlusskriterien zu berufsbezogenen Interventionen haben sich z. B. erhöhtes berufliches Belastungserleben, erhöhte Arbeitsunfähigkeitszeiten und eine negative Erwerbsprognose aus Sicht der Betroffenen bewährt. Hingegen können z. B. bei ausgeprägter Schwere der Symptomatik und laufendem Rentenverfahren andere Anliegen als die Vorbereitung des beruflichen Wiedereinstiegs im Vordergrund stehen. Im weiteren Verlauf der Behandlung sind zumeist die Bearbeitung sozialer Konflikte am Arbeitsplatz und die Vorbereitung auf erste Kontakte mit Kollegen und Vorgesetzen nach längerer Arbeitsunfähigkeit von zentraler Bedeutung.
Die Einleitung sozialmedizinischer Maßnahmen (vgl. Muschalla und Linden 2011a bzw. Muschalla und Linden 2011b), z. B. weiterführende Rehabilitationsmaßnahmen, berufliche Belastungserprobungen, stufenweise Wiedereingliederung, berufliche Neuorientierung, Beantragung eines Grads der Behinderung oder einer Teilerwerbsminderungsrente, kann den Einbezug von Sozialberatung erforderlich machen. Günstig kann ferner der Einbezug von Betriebsärzten und Arbeitsmedizinern sein, auch wenn dies in der aktuellen Praxis sicher seltener erfolgt als wünschenswert wäre.

Prävention beruflicher Belastungen am Arbeitsplatz

Um dem Gefühl des „Ausgebranntseins“ vorzubeugen, sollten verstärkt Möglichkeiten geschaffen werden, um psychosoziale Risiken am Arbeitsplatz zu reduzieren und persönliche Bewältigungsressourcen im Umgang mit Stress zu stärken. Ärzte, psychologische Psychotherapeuten oder Arbeits- und Organisationspsychologen können hier beratend in den Unternehmen oder bei Einzelpersonen tätig sein und auf Präventions- und Unterstützungsangebote, z. B. von Rentenversicherungen, Krankenkassen oder Betrieben, hinweisen (vgl. Löffler et al. 2011). BurnoutPrävention
Im Zuge der Primärprävention geht es nach Berger et al. (2012) vor allem um zwei Aspekte. Erstens sollten Arbeitsbedingungen so gestaltet werden, dass sie der Entstehung von Burnout entgegenwirken. Hierbei sind medizinische Risiken zu berücksichtigen, insbesondere aber die psychischen Belastungen, die durch ständige Veränderungsprozesse, und damit sich ständig wandelnde Arbeitsprofile, in der freien Wirtschaft und im öffentlichen Dienst bedingt werden. Psychosoziale Gefährdungsbeurteilungen erscheinen hierbei sinnvoll und notwendig. Zweitens sollten die Stärken und Ressourcen gefördert werden, um eine erhöhte Belastbarkeit sowie bessere Bewältigungsmöglichkeiten des Einzelnen zu gewährleisten.

Wichtigste Aussagen

  • Burnout ist keine ICD-Diagnose, sondern ein subjektives Krankheitskonzept.

  • Bei Schilderung eines Burnout-Syndroms ist eine sorgfältige somatische und psychiatrische Diagnostik entlang der Kriterien der ICD-10 unerlässlich.

  • Burnout-Erleben kann sowohl einen Risikozustand für somatische oder psychische Erkrankungen darstellen als auch die Folge davon sein. Die Therapie richtet sich primär nach der zu diagnostizierenden Störung.

  • Ergänzend ist der Einbezug psychotherapeutisch fundierter berufsbezogener Behandlungsansätze zu erwägen.

  • Die Verwendung des Begriffs Burnout kann entstigmatisierend und für den Beziehungsaufbau förderlich sein.

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