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B978-3-437-24911-2.00037-7

10.1016/B978-3-437-24911-2.00037-7

978-3-437-24911-2

Abb. 37.1

[L231]

Geschlechtsspezifische 12-Monats-Prävalenz psychischer Erkrankungen in der erwachsenen Allgemeinbevölkerung in Deutschland, N=5303 (Jacobi et al. 2016; Jacobi et al. 2014).

Abb. 37.2

[L231]

Diagnoseverteilung bei ambulanten, stationären und rehabilitativen Einrichtungen: Anteil Versicherter differenziert nach Diagnosegruppen. Alle Versicherten mit Diagnose einer psychischen Störung (F0-F5) im Untersuchungszeitraum 2005–2007 (N = 3 275 399) (Gaebel et al. 2013).

Abb. 37.3

[L231/X359]

Übersicht zur stationären Versorgungssituation psychiatrisch erkrankter Erwachsener in Deutschland 2002–2014 anhand der Anzahl der Behandlungsbetten in Psychosomatik sowie Psychiatrie und Psychotherapie (Gesundheitsberichterstattung des Bundes 2014a).

Abb. 37.4

[L231/X359]

Fallzahlen behandelter Patienten in psychiatrischen Fachabteilungen 2004–2012 (Gesundheitsberichterstattung des Bundes 2014a).

Abb. 37.5

[L231/X359]

Bei den Ärztekammern registrierte Ärztinnen und Ärzte mit Gebiets- und Facharztbezeichnung: Facharztzahlen im Bereich der Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie im Jahr 2014 (Gesundheitsberichterstattung des Bundes 2014a); PP = Psychologischer Psychotherapeut, FA = Facharzt; Daten aus dem Jahr 2013.

Abb. 37.6

[L231]

Inanspruchnahme stationärer, ambulanter und weiterer Institutionen in der Lebenszeit bzw. in den letzten 12 Monaten bei spezifischen psychischen Erkrankungen (bezogen auf die Lebenszeit N = 1677 bzw. die letzten 12 Monate N = 1194);

LD = Lebenszeit Diagnose, IA = Inanspruchnahme (Mack et al. 2014).

Abb. 37.7

[L231]

Inanspruchnahme stationärer, ambulanter und weiterer Institutionen in der Lebenszeit bzw. in den letzten 12 Monaten bei Patienten mit einer psychischen Erkrankung (bezogen auf die Lebenszeit N = 1677 bzw. die letzten 12 Monate N = 1194); (Mack et al. 2014).

Abb. 37.8

[L231]

Verteilung der lebenszeitlichen ambulanten Inanspruchnahme bei Patienten mit einer Lebenszeit psychiatrischen Erkrankung in Prozent (Mack et al. 2014).

Abb. 37.9

[L231]

Daten über die Inanspruchnahme medizinischer Hilfe aufgrund psychischer Probleme in den letzten 12 Monaten bzw. irgendwann im Leben bei Personen mit und ohne Diagnose (mit dem Composite International Diagnostic Interview (WHO WMH-CIDI gestellt) (Mack et al. 2014).

Abb. 37.10

[L231/W193]

Übersicht der Krankheitskosten in Millionen Euro im Jahr 2008 (sämtliche Gesundheitsausgaben in unmittelbaren Zusammenhang mit der Behandlung, Prävention oder Pflege) (Statistisches Bundesamt 2008); VA = Verhaltensauffälligkeiten, VS = Verhaltensstörungen.

Kennzahlen und Fakten zu psychischen Erkrankungen in Deutschland

Ulrich Voderholzer

  • 37.1

    Die Bedeutung psychischer Erkrankungen weltweit589

  • 37.2

    Epidemiologie psychischer Krankheiten in der deutschen Allgemeinbevölkerung590

  • 37.3

    Häufigkeiten der F-Diagnosen in der Versorgung592

  • 37.4

    Versorgungssituation stationär und ambulant593

  • 37.5

    Verweildauer bei stationären Behandlungen bei F-Diagnosen595

  • 37.6

    Inanspruchnahme psychiatrischer/psychotherapeutischer Behandlungen595

  • 37.7

    Kosten598

  • 37.8

    Fazit und Ausblick599

Dieses Kapitel soll einen Überblick über einige relevante Zahlen und Fakten des Fachgebiets Psychiatrie und Psychotherapie sowie allgemein zur Versorgungssituation bei psychischen Erkrankungen in Deutschland geben. Das Kapitel erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und greift nur einige wichtige Aspekte zu dieser Thematik heraus.

Die Bedeutung psychischer Erkrankungen weltweit

Psychische ErkrankungenPsychische ErkrankungenEpidemiologie sind weltweit sehr häufig und führen zu einer hohen sozioökonomischen Belastung (WHO 2008; Wittchen et al. 2011). So finden sich laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) unter den 20 häufigsten Ursachen weltweit für verlorene Lebensjahre (Disability Adjusted Life Year, DALY) auf Platz 3 depressive Erkrankungen und auf Platz 17 Alkoholmissbrauch/-abhängigkeit (WHO 2008). Betrachtet man nur Länder mit einem hohen Bruttoinlandsprodukt, stehen depressive Erkrankungen sogar auf Platz 1, Alzheimer und andere demenzielle Erkrankungen auf Platz 4 und Alkoholmissbrauch/-abhängigkeit auf Platz 5 (WHO 2008). Die WHO geht allerdings davon aus, dass 2030 aufgrund der verbesserten medizinischen Versorgung in den heutigen sog. Dritte-Welt-Ländern die Depression auch auf Platz 1 stehen wird (WHO 2008). Weiterhin war 2014 in Deutschland der zweithäufigste Grund für einen stationären Aufenthalt bei Männern die Diagnose „psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol (F10)“ (Statistisches Bundesamt 2014a). Im Gesundheitswesen spielen psychische Erkrankungen also eine sehr gewichtige Rolle.

Epidemiologie psychischer Krankheiten in der deutschen Allgemeinbevölkerung

Für die Interpretation der folgenden Werte sei auf die wichtige Unterscheidung zwischen epidemiologischen und administrativen Daten hingewiesen (Mack et al. 2014). So ist Patienten oft nicht bewusst, zu welcher Berufsgruppe ihr Behandler gehört und nicht alle bei der Krankenkasse vermerkten Diagnosen werden dem Patienten auch tatsächlich rückgemeldet, was zu Diskrepanzen von epidemiologischen und administrativen Daten führt.
Eine große epidemiologische Studie zur Gesundheit Erwachsener in Deutschland und ihr Zusatzmodul Psychische Gesundheit (DEGS1-MH) (Jacobi et al. 2014) zeigte, dass rund 30 % (ca. 18 Mio.) der deutschen Erwachsenen (Frauen 33,5 %; Männer 22,1 %) jährlich die Kriterien für eine F1–6-Diagnose erfüllen. Dabei sind mehr Frauen als Männer (mit Ausnahme der substanzgebundenen Störungen), mehr jüngere als ältere Menschen und mehr Menschen mit niedrigerem als höherem sozioökonomischem Status von psychischen Erkrankungen betroffen. Psychische ErkrankungenPrävalenzAußerdem sind psychische Erkrankungen in den Großstädten etwas häufiger als in ländlichen Regionen (Jacobi et al. 2014). Abb. 37.1 zeigt die Häufigkeiten der psychischen Störungen in der Allgemeinbevölkerung Deutschlands. Eine europaweite Studie von Wittchen et al. (2011) ergab eine 12-Monats-Prävalenz von 38 % für das Auftreten einer psychischen Erkrankung, wobei im Vergleich zu der Studie von Jacobi et al. (2014) mehr psychische Erkrankungen eingeschlossen wurden. Eine Metaanalyse weltweiter epidemiologischer Daten zu psychischen Erkrankungen zwischen 1980 und 2013 ergab eine 12-Monats-Prävalenz von 17,6 % (Lebenszeitprävalenz: 29,2 %) (Steel et al. 2014). In einer internationalen Studie der WHO (Kessler et al. 2009) zeigten sich 12-Monats-Prävalenzen von 9,8–19,1 % (Lebenszeitprävalenz: 18,1–36,1 %). Die Unterschiede der Prävalenzzahlen sind womöglich auf interkulturelle Differenzen bezüglich der Symptomausprägung sowie der unterschiedlichen „Schwellen“, sich als krank einzustufen, zurück zu führen (Kessler et al. 2009). So sind psychische Störungen deutlich seltener in Nord- und Südostasien zu finden (Steel et al. 2014). Im Vergleich zwischen dem Bundesgesundheitssurvey 1998 (BGS98, Bellachet al. 1998) und dem DEGS1-MH fällt auf, dass die Prävalenzen relativ stabil geblieben sind. Jacobi et al. (2014) weisen darauf hin, dass methodische Unterschiede zwischen den Studien bestehen und somit der Vergleich mit dem Bundesgesundheitssurvey 1998 mit Vorsicht zu betrachten ist.
Die Krankenkassen hingegen berichten einen massiven Anstieg der Krankschreibungen und Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund psychischer Störungen in den letzten beiden Jahrzehnten (DAK 2016). Jacobi et al. (2014) erklären sich diese Diskrepanz durch eine Veränderung der öffentlichen Haltung bezüglich psychischer Störungen und die dadurch mutigere Diagnosevergabe sowie die damit verbundene Registrierung bei den Krankenkassen. Die Prävalenz psychischer Erkrankungen, so schließen die Autoren, habe sich nicht verändert, wohl aber die Aufmerksamkeit, die diese Erkrankungen bekommen. Auch Richter et al. (2008) fanden in ihrer Übersichtsarbeit zu 44 epidemiologischen Studien keine Beweise für die Zunahme psychischer Erkrankungen. Lediglich bei demenziellen Erkrankungen sei bedingt durch den demografischen Wandel ein Anstieg realistisch (Richter et al. 2008; Wancata et al. 2003). Vermutlich ist daher eher von höheren Behandlungsraten, jedoch nicht von einem Prävalenzanstieg auszugehen. Weiterhin spekulieren Richter et al. (2008), dass die steigende Lebenserwartung zu mehr depressiven Episoden, einem chronischen Verlauf sowie mehr sekundären depressiven Episoden aufgrund somatischer (z. B. Krebserkrankungen) und neurologischer (z. B. demenzielle Erkrankungen) Morbidität führen könnte. Allerdings gibt es Hinweise für einen Rückgang des Erkrankungsalters, wenn Geburtskohorten der vergangenen Jahrzehnte verglichen werden, wodurch der deutliche Anstieg von Behandlungsfällen bei Jugendlichen teilweise zu erklären ist. Ein möglicher Einflussfaktor auf die Entwicklung der Prävalenz psychischer Störungen könnte die gesellschaftliche Entwicklung sein. In den vergangenen Jahrzehnten hat es zahlreiche gesellschaftliche Veränderungen gegeben, die mit möglichen Risikoveränderungen für das Auftreten psychischer Störungen verbunden sein könnten. Mögliche Risikoerhöhungen betreffen z. B. die Veränderung gesellschaftlicher Rollen und die damit verbundenen Leistungserwartungen, vermehrte Migration und damit Risiken für die Etablierung stabiler sozialer Beziehungen, die Tendenz zu geringeren familiären Bindungen und damit stabilen Bezugspersonen, die bekannte Vulnerabilitätsfaktoren für depressive Erkrankungen darstellen. Auf der anderen Seite haben andere Risikofaktoren wie Kriegstraumatisierungen, Armut, Arbeitslosigkeit abgenommen, sodass einerseits neue Risikofaktoren hinzugekommen sind, während andere Risikofaktoren zurückgegangen sind. Auch biologische Faktoren wie z. B. der frühere Zeitpunkt der Menarche bei Mädchen mit dem Risiko einer Diskrepanz zwischen körperlicher und seelischer Reifung als Risikofaktor für emotionale Labilität werden als mögliche Faktoren z. B. für die zunehmende Häufigkeit depressiver Störungen bei Jugendlichen diskutiert.

Häufigkeiten der F-Diagnosen in der Versorgung

Die Auswertung von Sekundärdaten dreier Ersatzkassen und der Deutschen Rentenversicherung von 9,92 Millionen Versicherten zwischen 2005 und 2007 ergab, dass etwa 33 % Kontakt mit dem Gesundheitswesen aufgrund einer psychischen Störung hatten (Gaebel et al. 2013). Psychische ErkrankungenDiagnosehäufigkeitDiese Zahlen passen somit gut zu den epidemiologischen Daten von Jacobi et al. (2014): 27,7 % wiesen eine psychische Erkrankung (ohne Nikotinabhängigkeit) auf. An mindestens zwei psychischen Störungen litt etwa die Hälfte (bei Jacobi et al. 2014 nur ca. 22 %) und bei 95,7 % wurde mindestens eine somatische Diagnose kodiert (Gaebel et al. 2013). Etwa 10 % der Allgemeinbevölkerung mit einer psychischen Erkrankung hatten drei Diagnosen und ca. 13 % vier oder mehr Diagnosen (Jacobi et al. 2014). Die häufigsten stationären Behandlungsdiagnosen sind Störungen durch psychotrope Substanzen (35 %), gefolgt von affektiven Störungen (24 %; Gesundheitsberichterstattung des Bundes 2017). Abb. 37.2 zeigt den prozentualen Anteil der einzelnen F-Diagnosen.

Versorgungssituation stationär und ambulant

Eine epidemiologische Studie von Jacobi et al. (2016) zur fachärztlichen ambulanten Versorgung bei psychischen Erkrankungen ergab – im Gegensatz zu administrativen Daten der gesetzlichen Krankenkassen – keinen Zusammenhang zwischen der Anzahl der Facharztsitze und dem regionalen Behandlungsbedarf. Psychische ErkrankungenVersorgungssituationEs zeigten sich kleine regionale Diskrepanzen bezüglich der Prävalenz psychischer Erkrankungen, jedoch große hinsichtlich der Versorgungsdichte durch entsprechende Fachärzte (zwischen 0 und 27 Nervenärzte pro Kreis; zwischen 2,8 und 76,8 Psychotherapeuten pro Kreis). Im internationalen Vergleich ist das Versorgungsnetz für psychiatrische Erkrankungen in Deutschland quantitativ gut aufgestellt (OECD 2013). In Deutschland arbeiten 13 767 Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie bzw. Nervenheilkunde. Davon sind 5 997 ambulant und 6 424 stationär tätig (Bundesärztekammer 2018). 70 % der Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie bzw. Nervenheilkunde sind älter als 50 Jahre. Der Anteil weiblicher Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie bzw. Nervenheilkunde beträgt 48 % (Bundesärztekammer 2018). Im Jahr 2017 wurden 509 neue Facharztbezeichnungen erteilt. In den letzten zehn Jahren war die Zahl der Neuanerkennungen relativ konstant – jährlich wurden durchschnittlich 535 neue Anerkennungen vergeben (Bundesärztekammer 2018). 2016 waren 41 657 Psychologische sowie Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten in verschiedenen Bereichen tätig. 33 517 von ihnen haben in ambulanten Einrichtungen und 6 933 in stationären oder teilstationären Einrichtungen gearbeitet (Gesundheitsberichterstattung des Bundes, 2017). Darüber hinaus verfügten 2016 16 059 Fachärzte anderer Disziplinen über die Zusatzbezeichnung „Psychotherapie“ oder „Psychoanalyse“, von denen 11 265 niedergelassen sind (Bundesärztekammer 2018).
An der spezialisierten vertragsärztlichen Versorgung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit psychischen Erkrankungen nahmen 2017 in Deutschland 31 418 Psychotherapeuten und 6 939 spezialisierte Fachärzte teil.
Unter den approbierten Psychotherapeuten sind 6 121 ärztliche Psychotherapeuten und 25 297 psychologische Psychotherapeuten (Gesundheitsberichterstattung des Bundes 2017). Pro Quartal nehmen etwa 1,2 Millionen gesetzlich versicherte Patienten psychotherapeutische Leistungen bei niedergelassenen Psychotherapeuten in Anspruch (Kassenärztliche Vereinigung 2017). Die häufigsten Behandlungsdiagnosen für ambulante Richtlinien-Psychotherapie sind neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen (82 %) sowie affektive Störungen (70 %; Multmejer 2014). Pro Quartal werden etwa 1,8 Millionen gesetzlich versicherte Patienten bei niedergelassenen Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie bzw. Nervenheilkunde behandelt (Kassenärztliche Vereinigung 2017). An der ambulanten Versorgung sind bundesweit zudem ca. 450 psychiatrische Institutsambulanzen (PIA) beteiligt. In den PIA wurden im gesamten Jahr 2014 etwa 2 Millionen Behandlungsfälle (erwachsene Patienten) verzeichnet (Neubert und Richter 2016).
Dennoch sind die Wartezeiten auf einen Therapieplatz bei einem Psychiater oder Psychotherapeuten oft sehr lang (ca. 3 Monate Wartezeit für einen Psychotherapieplatz, rund ⅓ wartet noch länger; BPtK 2011). Aufgrund einer zu geringen Anzahl an Kassensitzen werden zudem häufig Kostenerstattungsverfahren durchgeführt (Jacobi et al. 2016), was zeigt, dass die Versorgungssituation erheblichen Optimierungsbedarf aufweist.
Im Rahmen einer Revision der Richtlinie wurden 2017 die Psychotherapeutische Sprechstunde und die Psychotherapeutische Akutbehandlung eingeführt. Laut einer Umfrage unter Vertragspsychotherapeuten hat sich die durchschnittliche Wartezeit auf einen Ersttermin beim Psychotherapeuten dadurch von 12,5 auf 5,7 Wochen verringert. Bis zum Beginn einer Richtlinientherapie vergehen dieser Befragung zufolge durchschnittlich 19,9 Wochen (BPtK 2018). Auch dies war von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich, die Wartezeit betrug aber auch in den bestversorgten Bundesländern im Durchschnitt 15,8, in den schlecht versorgtesten 23 Wochen.Trotz Einführung der psychotherapeutischen Sprechstunden gibt es bei den langen Wartezeiten für ambulante Psychotherapie keinen Durchbruch, auch Patienten, die sich in einer psychischen Krise befinden, erhalten durchschnittlich erst drei Wochen, nachdem bei ihnen eine Akutbehandlung als notwendig erachtet wurde, einen ersten Behandlungstermin.
Die folgenden Abb. 37.3, Abb. 37.4 und Abb. 37.5 sollen anhand administrativer Daten zeigen, wie viele ambulante und stationäre Behandler für die Behandlung einer psychiatrischen Erkrankung verfügbar sind und wie viele Patienten behandelt werden. In Abb. 37.3 ist zu sehen, dass die Anzahl an Betten in der Psychosomatik in den vergangenen 14 Jahren deutlich gestiegen ist. Diese Entwicklung ist zum einen auf den Anstieg der Bettenzahl in psychosomatischen Fachkliniken und auf neue psychosomatische Abteilungen, aber auch auf die Umwandlung psychiatrischer in psychosomatische Abteilungen in großen Kliniken zurückzuführen. In Deutschland standen 2016 insgesamt 55 976 psychiatrische Krankenhausbetten in 409 Fachkliniken bzw. Fachabteilungen an Allgemeinkrankenhäusern zur Verfügung. Jährlich werden dort mehr als 800 000 stationäre Behandlungen durchgeführt. Die Verweildauer eines Patienten in einem psychiatrischen Krankenhaus beträgt durchschnittlich 23,4 Tage (Statistisches Bundesamt 2017). 2016 standen insgesamt 14 457 tages- und nachtklinische Behandlungsplätze in 393 Einrichtungen für Psychiatrie und Psychotherapie zur Verfügung (Statistisches Bundesamt 2017).

Verweildauer bei stationären Behandlungen bei F-Diagnosen

Die durchschnittliche Verweildauer beträgt in Kliniken für Psychiatrie und Psychotherapie 22,5 Tage und in Kliniken für Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik 41,7 Tage (Statistisches Bundesamt 2014b). Die unterschiedliche Verweildauer in Krankenhäusern ist stark abhängig von der F-Diagnose. Es bestehen große Unterschiede je nach Diagnosegruppen, die kürzesten mittleren Verweildauern entstehen bei den Suchterkrankungen, die längsten bei affektiven Störungen, Essstörungen und im kinder- und jugendpsychiatrischen Bereich.

Inanspruchnahme psychiatrischer/psychotherapeutischer Behandlungen

Ergebnisse der epidemiologischen DEGS1-MH Studie (Jacobi et al. 2013) zeigten, dass unter den Befragten, die in den letzten 12 Monaten die Kriterien einer psychiatrischen Diagnose erfüllten, nur 23,5 % der Frauen und nur 11,6 % der Männer im vorangegangen Jahr und 48,7 % bzw. 33,2 % irgendwann in ihrem Leben aufgrund der psychischen Erkrankung das Gesundheitssystem in Anspruch nahmenPsychische ErkrankungenInanspruchnahmeverhalten (Mack et al. 2014). Unter den Betroffenen mit einer psychiatrischen Diagnose über die Lebenszeit wandten sich im vorangegangen Jahr 20,2 % der Frauen und 10,3 % der Männer und irgendwann in ihrem Leben 47,8 % der Frauen und 33,6 % der Männer aufgrund ihrer psychiatrischen Erkrankung an das Gesundheitssystem. Besonders ältere Menschen mit einer 12-Monatsdiagnose suchten nur sehr selten aufgrund der psychiatrischen Erkrankung medizinische Hilfe in den letzten 12 Monaten auf (Frauen: 14,8 %; Männer 4 %) (Mack et al. 2014). Die Diagnosegruppe mit der höchsten Inanspruchnahme medizinischer Hilfe waren Betroffene mit psychotischen Erkrankungen, die mit der geringsten Personen mit Substanzabhängigkeiten (Abb. 37.6; Mack et al. 2014). Eine komorbide depressive Erkrankung erhöhte allgemein die Inanspruchnahme medizinischer Hilfe (Jacobi et al. 2014; Mack et al. 2014).
Den epidemiologischen Daten von Mack et al. (2014) zufolge wenden sich Betroffene mit einer psychischen Erkrankung am häufigsten an eine ambulante Hilfeeinrichtung (Abb. 37.7), dabei wird der Psychotherapeut am häufigsten aufgesucht (Abb. 37.8). Erster Befund stimmt mit den administrativen Daten von Gaebel et al. (2013) überein, letzterer jedoch nicht. So kamen Gaebel et al. (2013) zu dem Ergebnis, dass ambulant ca. ¾ der Betroffenen ausschließlich von Allgemeinmedizinern und 27–64 % stationär in somatischen Abteilungen behandelt wurden. Der Unterschied ist womöglich auf die einerseits epidemiologischen Daten von Mack et al. (2014) und andererseits auf die administrativen Daten von Gaebel et al. (2013) zurückzuführen (mögliche Ursachen: Unkenntnis der Patienten wer sie behandelt; Vergabe von psychiatrischen Diagnosen ohne das Wissen des Patienten; Mack et al. 2014).
In Abb. 37.9 ist das allgemeine Inanspruchnahmeverhalten aufgrund psychischer Probleme mit und ohne Diagnose in den letzten 12 Monaten und auf die Lebenszeit bezogen dargestellt. Aktuelle Daten von Groschwitz et al. (2017) zeigen, dass von 2500 Befragten etwa 16 % mindestens einmal im Leben psychiatrische oder psychotherapeutische Hilfe in Anspruch genommen haben und etwa die Hälfte mit Psychopharmaka behandelt worden ist. Die Daten zeigen, dass eine deutliche Diskrepanz zwischen der Häufigkeit psychischer Erkrankungen und dem Aufsuchen entsprechender Hilfe in der Allgemeinbevölkerung besteht. Wie häufig Betroffene medizinische Hilfe in Anspruch nehmen, ist den Daten von Mack et al. 2014 und Groschwitz et al. 2017 zufolge auch von soziodemografischen Faktoren abhängig. So nahmen Unverheiratete, Singles, Alleinlebende und Arbeitssuchende (Studenten, Arbeitslose, Rentner) häufiger medizinische Hilfe aufgrund psychischer Probleme in Anspruch; der Bildungsstand spielte dabei keine Rolle.

Kosten

Die direkten Kosten, also die Kosten, die im Gesundheitswesen unmittelbar aufgrund psychischer Erkrankungen entstehen, belaufen sich in Deutschland auf rund 44,4 Milliarden Euro im Jahr. Für Rehabilitationsleistungen werden jährlich rund 2,6 Milliarden Euro aufgewendet (Statistisches Bundesamt 2017). Die Gesamtkosten aufgrund psychischer Erkrankungen inklusive direkter Kosten für die medizinische Versorgung und indirekter Kosten, z. B. durch Produktivitätseinbußen, betragen in der Europäischen Union mehr als 450 Milliarden Euro pro Jahr (Europäische Union 2016).
Weltweit werden die direkten und indirekten Kosten aufgrund psychischer Erkrankungen auf 2,3 Billionen Euro geschätzt. Die indirekten Kosten machen etwa zwei Drittel der Gesamtkosten aus. Geschätzt wird, dass sich die Krankheitskosten aufgrund psychischer Erkrankungen bis 2030 mehr als verdoppeln werden (Bloom et al. 2011).
Im Jahr 2015 wurden 14,1 % der Arbeitsunfähigkeitstage durch eine psychische Erkrankung verursacht. Die durchschnittliche Dauer der Krankschreibungen lag bei 34 Tagen (BPtK 2016). Psychische Erkrankungen sind mit 43 % auch der häufigste Grund für Frühverrentungen (Deutsche Rentenversicherung). Abb. 37.10 zeigt die Kosten in Abhängigkeit von der F-Diagnose.

Fazit und Ausblick

Psychische Erkrankungen haben bedingt durch ihre Häufigkeit und die dadurch entstehenden Kosten im Gesundheitssystem weltweit größte Relevanz. Obwohl in Deutschland die Möglichkeit besteht als Leistung des Gesundheitssystems professionelle Hilfe bei psychischen Erkrankungen in Anspruch zu nehmen, wird dies von der Mehrheit der Betroffenen nicht genutzt. Dieses Phänomen zeigt sich auch in anderen europäischen Ländern (Alonso et al. 2004). Zu den künftigen Herausforderungen wird es gehören, das stationäre, teilstationäre und ambulante System der Versorgung psychischer Erkrankungen besser zu vernetzen. In Anbetracht der hohen Zahl komorbider somatischer Erkrankungen bei psychischen Erkrankungen sowie eines erhöhten Risikos für psychische Erkrankungen bei (chronischen) somatischen Erkrankungen (z. B. Härter et al. 2007) ist auch eine bessere interdisziplinäre Vernetzung dringend notwendig. Ein erster Schritt hin zu einer Ausweitung des Angebots bei psychischen Erkrankungen, insbesondere bei der Akutversorgung und zur Vorbeugung einer Chronifizierung, ist die Möglichkeit für approbierte Psychotherapeuten, seit April 2017 Sprechstunden anzubieten und abzurechnen, sowie die Möglichkeit, eine Behandlung bei akuten Notfällen schneller einleiten zu können (Gemeinsamer Bundesausschuss 2016). Weiterhin bleiben die Hausärzte oft der erste Ansprechpartner für psychische Probleme. Aus diesem Grund wäre es dringend notwendig, Hausärzte für psychische Erkrankungen und evidenzbasierte Therapieformen für die einzelnen Krankheitsbilder zu sensibilisieren. Des Weiteren ist von großer Wichtigkeit, das umfangreiche Wissen zur Wirksamkeit von Therapieverfahren, wie es in den Leitlinien zusammengetragen ist, stärker in der Praxis zu implementieren. Untersuchungen zur Versorgungssituation haben gezeigt, dass evidenzbasierte Psychotherapieverfahren in der Praxis häufig noch nicht umgesetzt werden (Voderholzer et al. 2015). Die Qualität der Behandlung und die Messung der Qualität (Qualitätsindikatoren), sowohl im ambulanten, als auch im stationären Bereich, sind wichtige Herausforderungen für die Zukunft.

Das Wichtigste auf einen Blick

  • Psychische Erkrankungen gehören weltweit zu den die Lebensqualität am meisten einschränkenden Erkrankungen.

  • Etwa ⅓ der deutschen Erwachsenen litt im letzten Jahr an einer psychischen Erkrankung.

  • Nur ein sehr geringer Anteil von Betroffenen sucht auch entsprechende medizinische Hilfe.

  • Am häufigsten suchen Menschen mit einer psychotischen Erkrankung fachspezifische Hilfe auf; am wenigsten Menschen mit Suchterkrankungen.

  • Epidemiologische und administrative Daten sind häufig nicht kongruent.

  • Es bestehen große regionale Unterschiede in der Versorgung psychischer Erkrankungen.

  • Die Implementierung störungsspezifischer und leitliniengerechter Behandlungsmethoden muss verbessert werden.

  • Die Einführung von Qualitätsmessungen stellt eine Herausforderung für die Zukunft dar.

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