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B978-3-437-24911-2.00038-9

10.1016/B978-3-437-24911-2.00038-9

978-3-437-24911-2

Orthorexie

Ulrich Voderholzer

  • 38.1

    Definition601

  • 38.2

    Diagnostik und Differenzialdiagnostik602

    • 38.2.1

      Soziale Isolation und eingeschränkte Lebensqualität603

    • 38.2.2

      Testdiagnostische Verfahren603

  • 38.3

    Prävalenz und Verlauf603

  • 38.4

    Therapie604

Übersicht zum Krankheitsbild

Tab. 38.1
Prävalenz Etwa 1% in der Allgemeinbevölkerung (Hennecke 2007); in spezifischen Stichproben höher; unterschiedliche Befunde bezüglich Geschlechterverhältnis, tendenziell etwas mehr Frauen als Männer betroffen
Diagnostik Ähnlichkeiten v.a. zu Ess- und Zwangsstörungen;
empfohlene ICD-10-Kodierung: F 50.9 nicht näher bezeichnete Essstörung; Messinstrumente bislang von eher geringer Testgüte
Motive Erhaltung und Verbesserung der eigenen Gesundheit sowie ethisch-moralische und spirituelle Beweggründe
Mögliche Folgen der Erkrankung Mangelernährung, Gewichtsverlust, soziale Isolation, Beeinträchtigung der Lebensführung; Risikofaktor für die Entwicklung einer Essstörung (Kinzl et al. 2006)
Empfohlene Therapie Orientierung an den Leitlinien für Essstörungen und Zwangsstörungen

Definition

Bei der OrthorexieOrthorexie handelt es sich um keine offiziell anerkannte Erkrankung, das Phänomen wird aber zunehmend häufiger beobachtet. Der Begriff „Orthorexia nervosa“ wurde 1997 von Steve Bratman geprägt. Da es sich bislang um keine offizielle Diagnose handelt, erscheint die Bezeichnung „Orthorexie“ angemessener. Darunter versteht man ein rigides und extremes Ernährungsverhalten, bei dem die Qualität und Selektivität der Nahrung im Hinblick auf gesunde Ernährung eine große Rolle spielt. Dabei geht es nicht, wie bei der Anorexia nervosaAnorexia nervosa, um die Quantität der verzehrten Nahrung oder um Gewichtsreduktion und Schlanksein. Motive für eine orthorektische Ernährung sind vielmehr die Erhaltung und Verbesserung der Gesundheit, die Abwehr schwerer Erkrankungen sowie ethisch-moralische und spirituelle Beweggründe (Bratman und Knight 2000). Auch die Angst, dem Körper durch vermeintlich ungesunde Nahrungsmittel Schaden zuzufügen, kann zu orthorektischem Ernährungsverhalten führen. Eine stärkere orthorektische Symptomatik scheint außerdem mit Veränderungen im Bewegungsverhalten in Zusammenhang zu stehen, insbesondere wird ein erhöhtes Bewegungsbedürfnis mit zunehmender Symptomausprägung berichtet, das zu einer Steigerung der körperlichen Aktivität nach z.T. zwanghaften Mustern führt (Oberle et al. 2018). Eine wichtige Rolle im Rahmen der Orthorexie kommt bestimmten Ernährungsformen (z.B. VeganismusVeganismus) und NahrungsmittelunverträglichkeitenNahrungsmittelunverträglichkeiten (z.B. Gluten und Histamin) zu (Barthels et al. 2018). Ein bedeutender Teil der Betroffenen vermeidet bestimmte Lebensmittel strikt, obwohl keine tatsächliche Unverträglichkeit vorliegt. Ausschlaggebend für die Klassifikation ist aber nicht der gesundheitsbezogene Fokus der Ernährung, sondern die zwanghafte Ausführung. Studien zu Persönlichkeitsmerkmalen ergaben höhere Werte bezüglich Perfektionismus und Narzissmus für Personen mit orthorektischen Symptomen und konnten gehäuft das Vorliegen eines unsicheren oder vermeidenden Bindungsstils feststellen (Barnes und Caltabiano 2017; Oberle et al. 2017). Insgesamt liegen bislang wenig objektive Daten zur Orthorexie vor.

Diagnostik und Differenzialdiagnostik

Es wird diskutiert, ob Orthorexie eine eigenständige Diagnose oder die Variante eines anderen Störungsbildes, bei welchem das orthorektische Verhalten ein Symptom darstellt, ist. Bislang handelt es sich um keine offiziell anerkannte Erkrankung, obwohl die Literatur in den vergangenen Jahren stetig gewachsen ist und die populärwissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema stark zugenommen hat.
Nach ICD-10 kann Orthorexie unter F 50.9 „nicht näher bezeichnete Essstörung“, nach DSM-5 unter „Störungen mit Vermeidung oder Einschränkung der Nahrungsaufnahme“ im Kapitel Fütter- und Essstörungen kodiert werden.
Bislang liegen keine einheitlichen diagnostischen Kriterien vor. Im Rahmen einer Studie stellte Vandereycken 2011 folgende Diagnosekriterien für OrthorexieOrthorexieDiagnosekriterien auf:
  • übermäßige Beschäftigung mit dem Thema gesunde Ernährung, bei der alle Lebensmittel und Inhaltsstoffe gemieden werden, die von den Betroffenen als ungesund angesehen werden (z.B. Konservierungsstoffe, künstliche Zusatzstoffe)

  • ungewöhnliche Sorge um die eigene Gesundheit

  • deutlicher Stress oder Beeinträchtigungen im sozialen und beruflichen Bereich oder in anderen wichtigen Lebensbereichen

  • als Folge der eingeschränkten Ernährung kann es zu Mangelernährung oder einem Gewichtsverlust kommen

  • Symptome treten nicht aufgrund einer anderen psychischen Störung (z.B. Anorexia nervosa) auf.

Auf ihrer Übersichtsarbeit aufbauend schlugen Varga und Kollegen 2013 folgende Diagnosekriterien vor, wobei die Folgen der Erkrankung nicht beinhaltet sind:
  • deutlich übertriebene Sorge um die Qualität der Ernährung, die sich in einem rigiden Ernährungsverhalten äußert

  • zwanghafte Gedanken und Zwänge bezüglich des Essens, der eigenen Gesundheit und der Wirkung von Nahrung auf die Gesundheit; diese Gedanken und Zwänge dominieren das eigene Leben

  • Ernährungsweise ist nicht Bestandteil eines diagnostizierten, gesundheitsbezogenen Problems oder einer medizinischen Empfehlung; wenn dem doch so ist, werden die Empfehlungen exzessiv und rigide ausgeführt

  • Körperbildstörung liegt nicht vor

  • Quantität der Nahrung ist unwichtig

  • keine Angst vor Gewichtszunahme

  • Verhalten liegt sechs Monate oder länger vor

  • Symptome treten nicht ausschließlich während Episoden einer anderen psychischen Störung (z.B. Zwangsstörung, Psychose) auf.

Klotter und Kollegen (2015) schlagen aus der Analyse bisheriger Literatur folgende 15 LeitsymptomeOrthorexieLeitsymptome für orthorektisches Ernährungsverhalten vor:
  • starke Fixierung auf „gesunde“ Ernährung

  • Berechnung des Mikronährstoffgehalts

  • Angst, durch bestimmte Lebensmittel zu erkranken

  • Klassifizierung von Lebensmitteln in „gesund“ und „ungesund“

  • fehlende Balance in der Lebensmittelauswahl

  • Genussunfähigkeit

  • Selbstbestrafung bei Abweichung vom Ernährungsplan

  • Mangel- und Fehlernährung

  • fortwährende Beschäftigung mit dem Thema Ernährung

  • Angst vor Kontrollverlust über Lebensmittelreinheit

  • Essverhalten symbolisiert Kontrolle und Sicherheit

  • Rituale bei Nahrungszubereitung und -aufnahme

  • ideologische Einengung

  • moralische Überlegenheit.

Soziale Isolation und eingeschränkte Lebensqualität

Differenzialdiagnostisch sollten folgende Störungen ausgeschlossen werden: Anorexia nervosa, Bulimia nervosaBulimia nervosa, weitere Essstörung – nicht näher bezeichnetEssstörung – nicht näher bezeichnet, ZwangsstörungZwangsstörung, SchizophrenieSchizophrenie bzw. wahnhafte Störung, HypochondrieHypochondrie, Angst- bzw. SomatisierungsstörungSomatisierungsstörung (Klotter et al. 2015).
Orthorektisches Verhalten zeigt Ähnlichkeiten mit unterschiedlichen Störungsbildern, eine klare nosologische Zuordnung kann nicht getroffen werden. Die dauerhafte Beschäftigung mit Essen, die selektive Nahrungsauswahl sowie die strenge Kontrolle der Nahrungszufuhr finden sich auch bei einer Anorexie, ebenso Zwangsrituale beim Essen (Barthels et al. 2018). Das rigide Befolgen selbst auferlegter, starrer Regeln und die steigende Anspannung bei „Regelverstößen“ (auch in Bezug zum Bewegungsverhalten) stellen den Bezug zu Zwangsstörungen her (Brytek-Matera 2017). Die Uneinsichtigkeit bezüglich der Unangemessenheit der eigenen Ansichten (Ich-Syntonie), die sich laut Bratman auch in „Missionierungsversuchen“ der Umgebung widerspiegelt, erinnert an Persönlichkeitsstörungen, v.a. an die zwanghafte PersönlichkeitsstörungPersönlichkeitsstörung, zwanghafte (Gottschalk 2012). Die Nähe zur Hypochondrie wird durch die übermäßige Sorge um und Beschäftigung mit der eigenen Gesundheit deutlich (Barthels et al. 2017).

Testdiagnostische Verfahren

Aufgrund des nicht genau definierten Konzepts der Orthorexie liegen bislang keine validen Messinstrumente vor. Ein von Bratman entwickelter Selbsteinschätzungstest (Bratman und Knight 2000) und die darauf basierenden Fragebögen ORTO-15 (Donini et al. 2005) und ORTO-11 (Arusoğlu et al. 2008) sind nur unzureichend reliabel und bislang nicht ausreichend hinsichtlich ihrer Validität untersucht (Gottschalk 2012), aufgrund sehr hoher Prozentzahlen in Surveys mit der Bratman-Skala ist eher von einer Überschätzung der Häufigkeit auszugehen. Die Düsseldorfer Orthorexie-Skala (Barthels et al. 2015) hat gute testpsychologische Eigenschaften und legt in bisherigen Studien ein eigenständiges Konstrukt der Orthorexie nahe.

Prävalenz und Verlauf

Bezüglich der Häufigkeit von Orthorexie in der Allgemeinbevölkerung liegen bislang wenige verlässliche Daten vor, die meisten Untersuchungen beinhalten spezifische, vulnerable Subgruppen, z.B. Diätassistenten oder darstellende Künstler. Eine populationsbasierte Telefonumfrage innerhalb Deutschlands aus dem Jahr 2018 ergab eine Prävalenzrate für orthorektisches Essverhalten von 6,9% (Luck-Sikorski 2018). Orthorektische Symptome waren hierbei stärker ausgeprägt bei Teilnehmern mit depressiver Symptomatik, geringerem Bildungsniveau sowie vegetarischer Ernährungsweise (Luck-Sikorski 2018). Es ist davon auszugehen, dass die gefundenen Prävalenzen zwischen 6,9 % (Donini et al. 2004) und 45,5 % (Bosi et al. 2007) das tatsächliche Vorliegen einer Orthorexie in der Allgemeinbevölkerung deutlich überschätzen. Eine deutlich geringere Prävalenz von 1% fand sich im Rahmen einer Studie, die mit der Düsseldorfer Orthorexie-Skala an einer großen Stichprobe durchgeführt wurde (Hennecke 2007). In einer Subgruppe von Essstörungspatienten im stationären Bereich zeigten 45% der Erwachsenen und 50% der Jugendlichen orthorektisches Ernährungsverhalten (Greetfeld et al. 2017) im Rahmen ihrer Essstörung. Hinsichtlich der Geschlechterverteilung gibt es unterschiedliche Befunde.
Orthorexie kann als „Vorläufer“ einer Essstörung (Anorexia nervosa und Bulimia nervosa) auftreten und möglicherweise ein Risikofaktor für die Entwicklung einer schweren Essstörung sein. Es liegen jedoch auch Hinweise vor, dass durch orthorektisches Ernährungsverhalten möglicherweise eine deutlich ausgeprägte Essstörung „in Schach gehalten“ wird bzw. dass die Orthorexie nach einer schweren Essstörung auftritt (Kinzl et al. 2005, 2006), da mehr als die Hälfte der Personen mit Orthorexie im Lebensverlauf eine oder mehrere Essstörungsepisoden aufweisen (Schnyder et al. 2012).

Therapie

Da es sich bei der OrthorexieOrthorexieTherapie um keine anerkannte Diagnose handelt, liegen auch keine Leitlinien für die Behandlung vor. Daher ist die Orientierung an den Leitlinien der Behandlung ähnlicher Störungsbilder zu empfehlen, insbesondere an der Leitlinie für die Behandlung von Essstörungen sowie Zwangsstörungen (AWMF 2010, 2013). Hierbei sind v.a. Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie zu nennen.
Da die Überzeugung von der Richtigkeit der eigenen Ernährung eines der wesentlichen Merkmale der Orthorexie darstellt und der Leidensdruck in der Regel durch verminderte Alltagsfähigkeit und soziale Probleme entsteht, sind die Arbeit an der Ambivalenz und der Aufbau einer Veränderungsmotivation zentrale Bestandteile zu Beginn der Therapie.
Durch Psychoedukation sowie Expositionsübungen sollte als bedeutendes therapeutisches Ziel das Essverhalten wieder normalisiert und flexibilisiert werden. Bei Mangelernährung sollten alle für eine ausgewogene Ernährung erforderlichen Nahrungsmittel wieder verzehrt werden. Kognitive Verzerrungen und dysfunktionale Grundannahmen bezüglich „gesunder“ Ernährung lassen sich mithilfe kognitiver Techniken kritisch prüfen und verändern. Notwendig ist auch die Bearbeitung ursächlicher Faktoren für die Entstehung der Orthorexie. Da das orthorektische Verhalten oft eine Strategie der Emotionsregulation darstellt und somit eine hohe Funktionalität haben kann, ist das Erlernen adäquater Bewältigungsmechanismen für unangenehme Emotionen von großer Bedeutung. Ebenfalls sollten die entstandenen negativen Folgen auf zwischenmenschlicher Ebene, wie sozialer Rückzug und Isolation, therapeutisch beeinflusst werden.
Bei Mangelernährung und Gewichtsverlust ist die Behandlung körperlicher Folgeerkrankungen notwendig. Aufgrund der Nähe zu Zwangsstörungen kann auch eine Behandlung mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern in Erwägung gezogen werden; Studien liegen hierzu allerdings bislang nicht vor (Voderholzer 2013).

Die wichtigsten Behandlungsgrundsätze

  • In der Regel wenig Einsicht und geringe Bereitschaft für Behandlung

  • Therapie der Wahl: Psychotherapie

  • Ziele der Psychotherapie:

    • symptomorientiert: Erlernen eines normalen Essverhaltens

    • zugrunde liegend: Bearbeitung emotionaler Probleme

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