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B978-3-437-24911-2.00028-6

10.1016/B978-3-437-24911-2.00028-6

978-3-437-24911-2

Tic-Störungen nach DSM-5

Tab. 28.2
Tourette-Syndrom
persistierende motorische oder vokale Tic-Störung
vorläufige Tic-Störung
andere spezifizierte Tic-Störungen
unspezifizierte Tic-Störungen

Diagnosekriterien für das Tourette-Syndrom

Tab. 28.3
A. Bestehen von multiplen motorischen und einem oder mehreren vokalen Tics. Diese müssen nicht gleichzeitig bestehen.
B. Bestehen der Tics für mindestens 1 Jahr.
C. Beginn vor dem 18. Lebensjahr.
D. Typische Fluktuationen der Tics im Verlauf.
D. Die Tics sind nicht durch Substanzen (z.B. Kokain) oder andere Erkrankungen (z.B. M. Huntington) bedingt.

Typische Merkmale einer Tic-Störung

Tab. 28.4
Beginn der Tics vor dem 18. Lebensjahr, im Mittel zwischen dem 6.-8. Lebensjahr
Motorische Tics beginnen typischerweise im Mittel 2–3 Jahre früher als vokale Tics
Zu Beginn bestehen meist gering ausgeprägte einfache motorische (im Gesicht und am Kopf) und vokale Tics (schniefen, räuspern)
Typischerweise liegt das Maximum der Tics zwischen dem 10.–12. Lebensjahr
Tics schwanken im Verlauf spontan hinsichtlich Art, Lokalisation, Intensität, Komplexität und Frequenz
Tics können meist kurzeitig willentlich unterdrückt werden
Mehrheitlich wird ein kurzes, den Tics vorangehenden Vorgefühl empfunden
Tics werden typischerweise durch zahlreiche situative Faktoren beeinflusst: Emotionale Anspannung (Stress, Angst, aber auch Freude) führt häufig zu einer Zunahme, hingegen Ruhe, Entspannung, aber auch Konzentration zu einer Verminderung der Tics.

Differenzialdiagnosen

Tab. 28.5
Dissoziative „Tic-ähnliche“ Bewegungen stellen zweifelsohne die schwierigste Differenzialdiagnose dar. Zuweilen treten auch eine Tic-Störung und eine dissoziative Bewegungsstörung gleichzeitig auf.
Neurologische Bewegungsstörungen (wie M. Huntington, Chorea Sydenham, Neuroakanthozytose und M. Wilson) sind in aller Regel leicht abzugrenzen, da neben den Tics meist auch andere Bewegungen bestehen, für eine Tic-Störung untypische Symptome auftreten und der Verlauf verschieden ist.
Medikamentös induzierte Tics sind selten und zeigen nicht die in Tab. 28.4 genannten Charakteristika einer Tic-Störung.
Tics können auch im Rahmen einer Zwangsstörung, einer ADHS oder einer Autismus-Spektrum-Störung auftreten. Je nach Symptomkonstellation ist dann ggf. zusätzlich die Diagnose einer Tic-Störung zu stellen.
Gutartige Bewegungsstereotypen treten nicht selten im Kindergarten- und Grundschulalter auf und sollten nicht mit Tics verwechselt werden.

Komponenten des HRT

Tab. 28.6
Psychoedukation zu unterschiedlichen Aspekten von Tics und Tourette-Syndrom
Wahrnehmungstraining zum Vorgefühl
Competing Response Training (CRT): Identifizierung und Einübung einer Gegenbewegung
Generalisierungstraining
Entspannungstraining mit Atemübungen und progressiver Muskelrelaxation nach Jacobson
Training im Umgang mit unvorhersehbaren Ereignissen
Funktionsanalyse, um Situationen und Ereignisse zu identifizieren, die regelhaft zu einer Verschlechterung der Tics führen
Belohnungssystem

Pharmakotherapie von Tics

Tab. 28.7
Substanz Dosierung Empfehlung
Aripiprazol Beginn mit 2,5 mg/d morgens, Steigerung um 2,5 mg alle 3–7 Tage, übliche Dosis zw. 7,5–15 mg/d, max. 30 mg/d vermutlich Substanz mit günstigstem Nebenwirkungsprofil; bei starker Müdigkeit Einnahme abends
Tiaprid Beginn mit 1–2 × 50 mg/d, Steigerung alle 3–7 Tage um 50–100 mg, mittlere Dosis 3 × 100 mg/d, max. 3 × 200 mg/d neben Aripiprazol bei Kindern Substanz der 1. Wahl
Risperidon Beginn mit 0,5–1 mg, Steigerung alle 3–7 Tage um 0,5 mg; selten werden Dosierungen > 2 x 1–2 mg/d vertragen vermutlich nebenwirkungsreicher als Aripiprazol; gleichzeitige Wirkung auf impulsives und aggressives Verhalten
Sulpirid Beginn 1–2 × 50 mg/d, Steigerung alle 3–7 Tage um 50–100 mg, Zieldosis zwischen 2 × 200–400 mg/d vermutlich auch auf komorbide Zwänge wirksam
Pimozid Beginn mit 0,5 mg/d, Steigerung alle 7 Tage um 0,5 mg, Zieldosis zwischen 2–4 mg abends, selten höher Reservemedikament

Tic-Störungen und Tourette-Syndrom

Kirsten R. Müller-Vahl

Irene Neuner

  • 28.1

    Definition und Klinisches Bild469

  • 28.2

    Diagnose und Differenzialdiagnose470

  • 28.3

    Genetik und Neurobiologie471

  • 28.4

    Therapie471

    • 28.4.1

      Psychotherapie472

    • 28.4.2

      Medikamentöse Therapie472

    • 28.4.3

      Chirurgische Therapie und andere Stimulationsverfahren474

    • 28.4.4

      Behandlung psychiatrischer Komorbiditäten474

    • 28.4.5

      Neue Behandlungsstrategien474

Definition und Klinisches Bild

Im DSM-5 werden Tic-Störungen im neu eingeführten Kapitel zu Entwicklungsstörungen (im Abschnitt Bewegungsstörungen) aufgeführt (Tab. 28.2). Dabei wurde der Begriff „chronisch“ durch „persistierend“ ersetzt, um deutlich zu machen, dass auch eine über Jahre hinweg bestehende Tic-Störung remittieren kann. Der Begriff „vorübergehend“ wurde durch „vorläufig“ ersetzt, da es zu Beginn nicht möglich ist, den weiteren Verlauf einer Tic-Störung (vorläufig versus persistierend) vorherzusehen.

Tic-Störungen und Tourette-Syndrom – Übersicht zum Krankheitsbild

Tab. 28.1
PunktprävalenzTourette-Syndrom 0,4–0,7 %, vorübergehende Tic-Störung 3–19%, chronische motorische Tic-Störung 1,3–5%
Geschlechterverhältnism : w = 3–4 : 1
Charakteristisches ErkrankungsalterKindesalter zwischen 6–8 Jahren
Wichtigste KomorbiditätenZwangsstörung, ADHS, Depression, Angststörung
LeitlinienDGN: https://www.dgn.org/leitlinien/2390-ll-12-tics
DGKJP, DGPPN, DGN; DGKJ: https://www.awmf.org/leitlinien/detail/anmeldung/1/ll/028-025.html (in Überarbeitung)
European Society for the Study of Tourette Syndrome (ESSTS)(Cath et al. 2011; Roessner et al. 2011; Müller-Vahl et al. 2011; Verdellen et al. 2011, in Überarbeitung)
Canadian guidelines (Pringsheim et al. 2012)
American Academy of Neurology (AAN): im Druck
Die verschiedenen Tic-Störungen werden zunehmend als „Spektrum“ verstanden, in dem sie sich lediglich durch die Art und Dauer der Tics unterscheiden. Die vorläufige Tic-Störung stellt die mildeste Verlaufsform dar. Sie ist durch eine Dauer der Tics von maximal 1 Jahr gekennzeichnet. Diese Erkrankung tritt praktisch ausschließlich im Kindergarten- und Grundschulalter auf, geht meist nur mit geringen einfachen (motorischen) Tics einher und bedarf kaum je einer Behandlung. Das Tourette-SyndromTourette-Syndrom (auch Gilles de la Tourette-Syndrom, kombinierte motorische und vokale Tic-Störung, im Englischen auch Tourette’s disorder) stellt die häufigste Tic-Störung dar (Tab. 28.3, Tab. 28.4). Zu beachten ist, dass die Schwere der Tics (oder etwa das Bestehen einer Koprolalie) für die Diagnose unerheblich ist.
Tics werden definiert als plötzliche, rasche, wiederkehrende, nichtrhythmische, motorische Bewegungen oder Vokalisationen. Gestrichen wurde im DSM-5 der Terminus „stereotyp", um (motorische) TicsTic eindeutig von stereotypen Bewegungen abzugrenzen. Tics werden in Abhängigkeit von der Qualität und der Komplexität in vokale und motorische bzw. in einfache und komplexe Tics eingeteilt. Am häufigsten bestehen einfache motorische Tics wie Blinzeln, Grimassieren, Kopf rucken und einfache vokale Tics wie Räuspern, Schniefen und Hüsteln. Deutlich seltener – und meist erst im Verlauf nach einigen Jahren – treten komplexe Tics hinzu, darunter eine KoprolalieKoprolalie oder-praxie (Aussprechen obszöner Wörter, Zeigen obszöner Gesten), Echophänomene (Imitieren und Nachsprechen von Bewegungen und Lauten/Wörter anderer) oder PalilaliePalilalie (Wiederholen eigener Silben/Wörter).
Bei 80–90% der Patienten mit Tourette-Syndrom bestehen eine oder mehrere psychiatrische Komorbiditäten, am häufigsten eine ADHS, Zwänge, Depression, Ängste, Wutausbrüche, autoaggressive Handlungen und Schlafstörungen. Seltener finden sich eine Autismus-Spektrum-Störung oder andere tiefgreifende Entwicklungsstörungen.

Diagnose und Differenzialdiagnose

Die Diagnose einer Tic-Störung wird rein klinisch anhand der Anamnese und des Untersuchungsbefundes gestellt. Andere Erkrankungen, die mit Tics und hyperkinetischen „Tic-ähnlichen“ Bewegungen einhergehen können, müssen ausgeschlossen werden. Die typischen Merkmale einer Tic-Störung sind in Tab. 28.4 aufgeführt.
Bei eindeutiger klinischer Präsentation kann auf weiterführende Untersuchungen verzichtet werden. Je nach in Betracht zu ziehender Differenzialdiagnose sollten Laboruntersuchungen (z.B. bei V.a. M. Wilson, Neuroakanthozytose, M. Huntington), bildgebende Untersuchungen (bei V.a. syndromale oder entzündliche Erkrankungen) oder ein EEG (bei V.a. Epilepsie) durchgeführt werden (Tab. 28.5). Selbst- oder Fremdbeurteilungsskalen zur Beurteilung der Schwere der Tics sind im klinischen Alltag kaum von Bedeutung.

Genetik und Neurobiologie

Nach heutigem Kenntnisstand manifestiert sich eine Tic-StörungTic-StörungenGenetik, wenn neben einer genetischen Veranlagung epigenetische Einflussfaktoren vorliegen. Allerdings konnte bislang kein Kandidatengen identifiziert werden. Angehörige 1. Grades haben ein Risiko von ca. 5–10%, ebenfalls eine Tic-Störung zu entwickeln. Als Umweltfaktoren scheinen Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt relevant zu sein. Inwieweit Infektionen eine bedeutsame Rolle zukommt, ist weiterhin unklar. Es mehren sich Hinweise auf immunologische Veränderungen. Als sicher gilt, dass Tics durch eine Dysfunktion in kortiko-striato-thalamo-kortikalen Regelkreisen verursacht sind. Neben dem dopaminergen System scheinen auch andere Transmittersysteme involviert zu sein.

Therapie

Aus Studien zur Lebensqualität ist bekannt, dass psychiatrische Komorbiditäten wie ADHS, Zwangsstörung und Depression häufig zu einer stärkeren Beeinträchtigung der Lebensqualität führen als die Tics. Daher sollte vor BehandlungsbeginnTic-StörungenTherapie stets geprüft werden, welche Symptome klinisch führend sind. Ohne Zweifel stellt die Psychoedukation einen wichtigen ersten Bestandteil jeder Behandlung dar. Oft führt dies bereits zu einer deutlichen Entlastung, sodass nachfolgend keine weitere spezifische Behandlung notwendig ist. Dabei kommt der Aufklärung des unmittelbaren sozialen Umfeldes eine ebenso große Bedeutung zu, wie Informationen zu Ursache, Verlauf und Komorbiditäten.
Ob darüber hinaus eine spezielle Behandlung der Tics erfolgen soll, muss gemeinsam mit dem Patienten (bzw. den Eltern) entschieden werden. Es gibt keine Hinweise darauf, dass die Nichtbehandlung der Tics nachteilige Auswirkungen auf die Ursache oder den Verlauf der Erkrankung hat. Allerdings sollten bei der Entscheidung auch mögliche psychosoziale Folgen bedacht werden.
Die Behandlung von Tics ist unabhängig von der Art der Tics oder der Tic-Störung. Die Behandlung von Kindern unterscheidet sich nicht grundsätzlich von der bei Erwachsenen. Im Allgemeinen sollte eine Therapie empfohlen werden, wenn die Tics stark ausgeprägt sind oder zu einer relevanten psychosozialen Beeinträchtigung führen. Der Patient sollte vor Behandlungsbeginn über das Therapieziel informiert werden, da sowohl eine Verhaltenstherapie (Tic-Reduktion um ca. 30–40%) als auch eine medikamentöse Behandlung (Tic-Reduktion um ca. 50%, zuweilen bis 80%) zwar zu einer bedeutsamen Verbesserung der Tics, nicht aber zu einer Symptomfreiheit, führen. Spontane Fluktuationen der Tics können im Einzelfall zu einer Fehlbewertung des Behandlungsergebnisses führen. Daher sollte die Therapie vor einer abschließenden Bewertung immer über längere Zeit (einige Monate) fortgeführt werden.

Psychotherapie

Die Einführung der VerhaltenstherapieTic-StörungenVerhaltenstherapie stellt ohne Zweifel die wesentliche Neuerung in der Behandlung der Tics in den letzten Jahren dar. Sofern vom Patienten gewünscht, sollte vor Einleitung einer Pharmakotherapie zunächst eine Verhaltenstherapie der Tics erfolgen. Dem steht in Deutschland allerdings die nur geringe Verfügbarkeit gegenüber.
In zwei großen Studien, die jeweils mehr als 100 Patienten einschlossen, konnte sowohl bei Kindern (Piacentini et al. 2010) als auch bei Erwachsenen (Wilhelm et al. 2012) gezeigt werden, dass das Habit Reversal Training (HRT) (Deutsch: Gewohnheitsumkehrtraining) in der Behandlung von Tics wirksam ist. Das HRT geht auf ein Behandlungskonzept aus dem Jahr 1973 zurück (Azrin und Nunn 1973) und wurde für die Therapie automatisierter und situationsunspezifischer Verhaltensauffälligkeiten (etwa Nägelkauen und Daumenlutschen) entwickelt. Allgemein wird heute empfohlen, dass HRT im Rahmen eines umfassenderen Therapieprogramms durchzuführen, der sogenannten Comprehensive Behavioral Intervention for Tics (CBIT). Hierfür sind neben einem englischsprachigen Manual (Woods et al. 2008) auch deutschsprachige Manuale für Kinder (Woitecki und Döpfner 2015) und Erwachsene (Müller-Vahl et al. 2018) verfügbar. CBIT setzt sich aus verschiedenen Behandlungskomponenten zusammen (Tab. 28.6). Das Hauptelement stellt das Identifizieren und Erlernen einer competing response dar, also einer Alternativbewegung, die im Idealfall mit der gleichzeitigen Ausführung des Tics inkompatibel ist. Wesentliche Bedeutung kommt auch dem Wahrnehmungstraining zu, wobei nach neueren Erkenntnissen eine erfolgreiche Behandlung mit HRT bzw. CBIT auch ohne die Wahrnehmung eines Vorgefühls möglich ist.
Als weitere – insgesamt aber seltener genutzte – Therapieform kann das Exposure and Response Prevention Training(ERP; Deutsch: Exposition mit Reaktionsverhinderung) eingesetzt werden. Es gilt als vergleichbar wirksam wie das HRT bzw. CBIT, auch wenn die Studienlage etwas schlechter ist (Verdellen et al. 2004). Während beim HRT für jeden einzelnen Tic eine Gegenbewegung ausgeführt wird, basiert das ERP auf einer willentlichen Unterdrückung aller Tics gleichzeitig. Dadurch soll der Automatismus durchbrochen werden, dass einem Vorgefühl immer auch ein Tic folgt. Es wird angenommen, dass durch die zunehmend längere Tic-Unterdrückung eine Gewöhnung an das Vorgefühl und dadurch eine Verminderung der Tics eintritt. In diesem Zusammenhang ist zu beachten, dass die willentliche Tic-Unterdrückung – entgegen früherer Annahme –nicht zu einem nachfolgenden Rebound mit überschießender Zunahme der Tics führt (Müller-Vahl et al. 2014). Darüber hinaus werden aktuell weitere Therapieansätze untersucht, etwa die Akzeptanz- und Commitment Therapie (ACT) sowie achtsamkeitsbasierte Ansätze.

Medikamentöse Therapie

Dopaminrezeptor-Antagonisten gelten als Therapie der ersten Wahl Tic-StörungenPharmakotherapiein der Behandlung von Tics. Obwohl Haloperidol nach wie vor das einzige in Deutschland zugelassene Medikament für die Behandlung von Tics ist und seine Wirkung als belegt gilt, sollte es wegen des deutlich größeren Nebenwirkungsrisikos nicht mehr eingesetzt werden. Als Therapie der 1. Wahl hat sich in den letzten Jahren Aripiprazol durchgesetzt, das mittlerweile in den USA auch für die Behandlung des Tourette-Syndroms zugelassen ist (Sallee et al. 2017). Es gilt derzeit als Medikament mit dem günstigsten Nebenwirkungsprofil. Bei Kindern kann alternativ Tiaprid eingesetzt werden. Die oft etwas stärkere sedierende Wirkung kann gerade bei Kindern mit komorbider ADHS günstig sein. Sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen gelten darüber hinaus Risperidon und Sulpirid als weitere Behandlungsoptionen. Als Reservemedikament kann Pimozid in Betracht gezogen werden (zur Dosierung Tab. 28.7).
Vermutlich sind auch andere typische und atypische Antipsychotika (wie Fluphenazin und Olanzapin) in der Behandlung von Tics wirksam, spielen im klinischen Alltag aber keine Rolle. Während die positive Wirkung zahlreicher Antipsychotika auf Tics außer Frage steht, stellt das Auftreten von Nebenwirkungen häufig einen limitierenden Faktor dar, der nicht selten zum Behandlungsabbruch führt. Da sowohl Wirkung als auch Nebenwirkungen dosisabhängig sind, gelingt zuweilen mit niedrigerer Dosis eine klinisch noch befriedigende Verminderung der Tics ohne gleichzeitiges Auftreten intolerabler Nebenwirkungen. Die häufigsten Nebenwirkungen sind Müdigkeit, Antriebsminderung, Gewichtszunahme und Sexualfunktionsstörungen. Insbesondere unter der Einnahme von Pimozid kann eine QTc-Zeit Verlängerung eintreten. Eine Hyperprolaktinämie stellt eine häufige Nebenwirkung dar, sollte aber nur bei gleichzeitig bestehenden klinischen Symptomen (etwa Gynäkomastie, Galaktorrhoe, Amenorrhoe) zu einer Umstellung der Behandlung führen. Tardive Dyskinesien treten – anders als bei anderen Erkrankungen – bei Patienten mit Tourette-SyndromTourette-SyndromPharmakotherapie hingegen kaum je auf. Die Dosierung sollte langsam einschleichend erfolgen. Im Verlauf ist häufig eine Anpassung der Dosis in Abhängigkeit von der aktuellen Ausprägung der Tics notwendig. Bei Kindern sollte bei zunehmendem Körpergewicht und scheinbar nachlassender Wirkung ggf. eine Dosissteigerung vorgenommen werden.
Führen eine Verhaltenstherapie und Antipsychotika nicht zu einer befriedigenden Reduktion der Tics, stehen nur wenige weitere Behandlungsalternativen zur Verfügung. Es kann ein Versuch mit dem Dopaminspeicher-Entleerer Tetrabenazin unternommen werden, der aber relativ häufig zu Müdigkeit und Depression führt. Noradrenerg wirksame Substanzen wie Clonidin, Guanfacin und Atomoxetin haben nur bei gleichzeitig bestehender ADHS eine (geringe) Tic-reduzierende Wirkung (Weisman et al. 2013). Wiederholt wurde über positive Wirkungen von Cannabis und cannabisbasierten Medikamenten wie Delta-9-Tetrahydrocannabinol (THC)berichtet (Müller-Vahl et al. 2003; Abi-Jaoude et al. 2017). Eine abschließende Bewertung ist jedoch bislang nicht möglich. In einer kontrollierten Studie wird über positive Effekte des GABAerg wirksamen Topiramat berichtet (Jankovic et al. 2010). In Einzelfällen kann eine Behandlung mit lokalen Botulinumtoxin-Injektionen in Betracht gezogen werden. Dies ist für Patienten geeignet, deren Tics umschrieben sind und durch gut identifizierbare und zugängliche Muskeln hervorgerufen werden. In China durchgeführten Studien zufolge sind das Ningdong- (Zhao et al. 2010) und das 5-Ling-Granulat (Zheng et al. 2015) wirksam in der Behandlung von Tics. Diese traditionellen chinesischen Medikamente spielen aber weder in Europa noch in den USA eine Rolle. Dopamin-Agonisten wie Pergolid und Pramipexolgelten mittlerweile als unwirksam in der Behandlung von Tics. Der Einsatz von immunmodulatorischen Substanzen (inklusive Immunglobulinen) wird ausschließlich im Rahmen von Studien empfohlen, da ihr Nutzen bislang unklar ist. Von einem unkritischen Gebrauch von Antibiotika zur Behandlung von Tics (unter der Annahme einer bakteriellen Ursache) muss abgeraten werden.

Chirurgische Therapie und andere Stimulationsverfahren

Seit 1999 werden bei erwachsenen Patienten mit schwerem, ansonsten therapieresistentem Tourette-SyndromTourette-SyndromHirnstimulation operative Therapien mit tiefer Hirnstimulation durchgeführt (Vandewalle et al. 1999). Nachdem anfangs in offenen unkontrollierten Studien und Fallserien über gute Behandlungsergebnisse berichtet wurde, waren die Ergebnisse kleiner kontrollierter Studien überwiegend negativ (Welter et al. 2017; Ackermans et al. 2011). Unklar ist auch, welches der günstigste Zielpunkt ist. Am häufigsten wurden bisher Stimulationen in mittelliniennahen Thalamuskernen und im (motorischen und limbischen Teil) des Globus pallidus internus durchgeführt. Eine abschließende Bewertung der Wirksamkeit der tiefen Hirnstimulation ist derzeit nicht möglich (Martinez-Ramirez et al. 2018).
Es liegen keine Hinweise vor, dass andere Stimulationsverfahren wie die transkanielle Magnetstimulation oder die Elektrokrampftherapie in der Behandlung von Tics wirksam sind.

Behandlung psychiatrischer Komorbiditäten

Die Behandlung psychiatrischer Komorbiditäten (wie ADHS, Zwang, Depression) erfolgt entsprechend den Empfehlungen für diese Erkrankungen unabhängig von der Tic-Störung. Eine medikamentöse Therapie von Zwängen, Depression und Ängsten mit einem selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer kann mit einem Antipsychotikum (zur Therapie der Tics) kombiniert werden und führt mitunter zu einer gegenseitigen Wirkverstärkung. In der Behandlung einer komorbiden ADHS gilt Methylphenidat als Medikament der 1. Wahl. Die Annahme, dass Methylphenidat Tics hervorrufen oder anhaltend verstärken kann, gilt als widerlegt (Bloch et al. 2009). Als wirksamste Therapie wird eine Kombination von Methylphenidat und Clonidin angesehen.

Neue Behandlungsstrategien

Die Behandlungsmöglichkeiten für Tics sind insgesamt nach wie vor unbefriedigend, da die verfügbaren Therapien oft nur zu einer unzureichenden Verminderung der Tics oder aber zu klinisch relevanten Nebenwirkungen führen. Daher wird intensiv nach neuen Behandlungsstrategien gesucht. Aktuell sind Studien mit verschiedenen cannabisbasierten Medikamenten in Vorbereitung oder bereits gestartet, z.B. die von der DFG geförderte multizentrische plazebokontrollierte Studie CANNA-TICS zur Untersuchung der Wirksamkeit und Sicherheit des Cannabis-Extrakts Nabiximols (ClinicalTrials.gov Identifier: NCT03087201). Der Cannabinoid-Modulator ABX-1431, der zu einer Steigerung der Konzentration des Endocannabinoids 2-Arachidonylglycerol (2-AG) führt, war in einer Pilotstudie wirksam in der Behandlung von Tics (ClinicalTrials.gov Identifier: NCT03058562). In einer offenen unkontrollierten Studie führte die Kombination von Dronabinol (THC) und Palmitoylethanolamid (PEA)ebenfalls zu einer Tic-Reduktion (ClinicalTrials.gov Identifier: NCT03066193). Für beide Substanzen – ABX-1431 und THC+PEA – sind Folgestudien in Vorbereitung.
In einer Pilotstudie war deuteriertes Tetrabenazin (Deutetrabenazin), ein Hemmer des vesikulären Monoamintransporters (VMAT), in der Behandlung von Tics wirksam (ClinicalTrials.gov Identifier: NCT02674321). Aktuell wird in den USA und Europa eine Folgestudie bei Kindern mit Tourette-Syndrom durchgeführt (ClinicalTrials.gov Identifier: NCT03452943). Mit Ecopipam wird derzeit die Wirkung eines selektiven reinen Dopamin-D1-Antagonisten in der Behandlung von Tics untersucht (ClinicalTrials.gov Identifier: NCT02102698).
Wegen des Mangels an Therapeuten steht weltweit vielen Patienten eine Verhaltenstherapie mit HRT bzw. CBIT oder ERP nicht zur Verfügung. Daher werden aktuell internetbasierte Therapieansätze untersucht, etwa in der in Deutschland durchgeführten Studie ONLINE-TICS (ClinicalTrials.gov Identifier: NCT02605902; Jakubovski et al. 2016).

Die wichtigsten Behandlungsgrundsätze

  • Diagnosestellung und Psychoedukation stellen die Basis jeder Therapie dar.

  • Vor einer spezifischen Behandlung der Tics sollte geprüft werden, ob psychiatrische Komorbiditäten primär behandlungsbedürftig sind.

  • Wenn vom Patienten gewünscht und verfügbar, sollte zunächst eine Verhaltenstherapie mit HRT/CBIT oder ERP durchgeführt werden.

  • In der Pharmakotherapie der Tics gelten Aripiprazol und Tiaprid (bei Kindern) als Substanzen der 1. Wahl.

  • Bei Therapieresistenz stehen verschiedene experimentelle Therapien inklusive cannabisbasierter Medikamente und einer operativen Therapie mittels tiefer Hirnstimulation zur Verfügung.

  • Selbsthilfegruppen: Deutsche Tourette-Gesellschaft e. V. (www.tourette-gesellschaft.de), Interessenverband Tic & Tourette-Syndrom e.V. (www.iv-ts.de).

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