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B978-3-437-23021-9.00022-9

10.1016/B978-3-437-23021-9.00022-9

978-3-437-23021-9

Geschlechtsspezifische Aspekte der Sucht

Anil Batra

  • 22.1

    Epidemiologie370

    • 22.1.1

      Häufigkeiten des Konsums bei Männern und Frauen370

    • 22.1.2

      Folgen des Konsums bei Männern und Frauen371

  • 22.2

    Genderspezifische Entwicklungsbedingungen von Suchterkrankungen371

    • 22.2.1

      Vorbemerkungen371

    • 22.2.2

      Befunde zu genderspezifischen Merkmalen eines Substanzkonsums372

    • 22.2.3

      Liegen genderspezifische Unterschiede auch bei nicht substanzgebundenen Abhängigkeiten vor?373

  • 22.3

    Fazit374

Kernaussagen

  • Geschlechtsspezifische Unterschiede substanzbezogener Störungen sind mit höheren Konsumprävalenzen und einer höheren Komorbidität und Mortalität bei Männern verbunden.

  • Genderaspekte hängen mit biologischen (genetischen und hormonellen Unterschieden), biografischen Entwicklungsbedingungen sowie soziokulturellen Rahmenbedingen zusammen.

  • Genderaspekte sollten sowohl in der Prävention als auch im Rahmen von Aufklärung, Motivation, Beratung und Therapie Berücksichtigung finden.

Epidemiologie

SuchterkrankungenEpidemiologiegeschlechtsspezifische AspekteDie bereits in Kap. 2 beschriebenen epidemiologischen Daten zu Suchterkrankungen sollen an dieser Stelle unter geschlechtsspezifischen Aspekten beleuchtet werden.

Häufigkeiten des Konsums bei Männern und Frauen

Alkohol(abhängigkeit/-missbrauch)PrävalenzWährend die 30-Tage-Prävalenz des Alkoholkonsums und Rauschtrinkens bezüglich des risikoarmen Konsums im Jahr 2015 für Männer 59,2 % und für Frauen 53,3 % betrug und damit in einer vergleichbaren Größenordnung lag, zeigt die Quote für einen riskanten Konsum deutlichere geschlechtsspezifische Unterschiede: Alkohol(abhängigkeit/-missbrauch)geschlechtsspezifische Unterschiede
  • Männern wiesen mit 17 % deutlich häufiger als Frauen mit 13,4 % einen riskanten Konsum auf und betrieben auch häufiger ein RauschtrinkenRauschtrinkengeschlechtsspezifische Aspekte. An 1–3 Tagen pro Woche konsumierten 22,1 % der Männer Trinkmengen jenseits eines risikoarmen Konsums, dagegen nur 10,06 % der Frauen. An 4 oder mehr Tagen innerhalb der letzten 30 Tage tranken 13,7 % der Männer 5 oder mehr Gläser Alkohol, jedoch nur 4,1 % der Frauen.

  • Die Prävalenz alkoholbezogener Störungen nach DSM-IV lag bei Männern im Alter von 18–64 Jahren bei 4,7 % für die Kategorie „Missbrauch“ und bei 4,8 % für die Kategorie „Abhängigkeit“. Bei den Frauen lagen diese Zahlen mit 1,5 % (Missbrauch) bzw. 2,0 % (Abhängigkeit) deutlich niedriger.

  • Bei einem niedrigen Sozialstatus waren die Differenzen im Konsumverhalten noch ausgeprägter (37,3 % mit riskantem Alkoholkonsum gemäß Audit-C bei Männern im Vergleich zu 18,1 % bei Frauen). Bei einem hohen Sozialstatus lag die Problemhäufigkeit bei Männern mit 41,2 % gegenüber 30,5 % bei Frauen ebenfalls höher, wenngleich der Unterschied weniger ausgeprägt war. Der „riskante Alkoholkonsum“ war bei Männern in der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen mit hohem Sozialstatus am häufigsten, bei Frauen dagegen am höchsten im Alter zwischen 18 und 21 Jahren bei Personen mit einem mittleren Sozialstatus (41,2 %). Mindestens einmal im Monat zeigten 32,8 % der Männer mit mittlerem Sozialstatus ein Rauschtrinken, jedoch nur 11,3 % der Frauen in dieser Gruppe. Die geringste Häufigkeit eines Rauschtrinkens berichteten Frauen mit einem niedrigen Sozialstatus in der Altersgruppe der 33- bis 44-Jährigen (7,1 %) sowie in der Gruppe der 65- bis 79-Jährigen (6,3 %), Männer in der Gruppe mit hohem Sozialstatus (17,2 % bei den 65- bis 79-Jährigen bzw. 22,4 % in der Gruppe der 45- bis 64-Jährigen; WHO 2015; Bartsch 2017; Rühl 2017; Rummel et al. 2017).

TabakkonsumPrävalenzDie Prävalenz des Tabakrauchens lag in der letzten Mikrozensus-Erhebung des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2013 bei Frauen über alle Altersgruppen hinweg betrachtet mit 20,3 % um etwa knapp 9 % niedriger als bei den Männern (29,0 %). Für die Prävalenz der Tabakabhängigkeit nach DSM-IV bei Erwachsenen im Alter von 18–64 Jahren werden bei Männern 12,5 %, bei Frauen „nur“ 5,0 % angegeben. Den höchsten Raucheranteil wiesen Männer im Alter zwischen 30 und 39 Jahren (40,7 %) auf, Frauen dagegen in der Altersgruppe zwischen 20 und 29 Jahren (28,8 %), was als Hinweis auf einen früheren Ausstieg aus dem Tabakkonsum interpretiert werden kann. Der Sozialstatus nimmt auch beim Rauchen Einfluss auf die Konsumhäufigkeit, allerdings in anderer Weise als beim Alkoholkonsum: Tabakkonsumepidemologische AspekteDie höchsten Raucherquoten fanden sich bei Frauen in der Gruppe der 30- bis 44-jährigen Personen mit niedrigem Sozialstatus und in der Gruppe der 18- bis 29-jährigen Männer mit niedrigem sozialem Status. Beeindruckend ist die deutlich höhere Prävalenz des Rauchens bei Frauen in der Gruppe der Personen mit hohem Sozialstatus zwischen 18 und 19 Jahren (36 vs. 28,7 %).
Laut epidemiologischem Suchtsurvey ist die Häufigkeit des Rauchens bei den 18- bis 59-jährigen Männern in den letzten 20 Jahren stärker gesunken als bei den Frauen (–15 % vs. –6 %). Wenngleich sich im gleichen Zeitraum die Raucherquote bei den 12- bis 17-jährigen Jungen und Mädchen auf 8 % absenken ließ, waren im gesamten Zeitraum keine Unterschiede in der Entwicklung des Rauchens bei höheren Altersgruppen zu beobachten.
Laut Drogenaffinitätsstudie 2015 zeigen Männer in der Altersgruppe der 12- bis 17-Jährigen eine höhere Wahrscheinlichkeit für den Konsum irgendeiner illegalen Droge (8,4 vs. 6,5 % der Frauen in dieser Altersgruppe). Dies wird im Wesentlichen durch die Konsumfrequenzen für CannabisCannabis/Cannabinoidegeschlechtsspezifische Aspekte des Konsums bestimmt (8,1 vs. 6,3 %). In der Gruppe der 18- bis 64-Jährigen liegen im Epidemiologischen Suchtsurvey 2015 die Daten in ähnlichen Größenordnungen: 7,4 % der Männer und 4,9 % der Frauen konsumierten im Verlauf der letzten 12 Monate Cannabis, 2,6 % der Männer und 2,0 % der Frauen nutzten irgendeine andere Droge, z. B. Amphetamine, Ecstasy, LSD, Opioide, Kokain oder neue psychoaktive Substanzen. Die 12-Monats-Prävalenz einer CannabisabhängigkeitCannabis/CannabinoideAbhängigkeit/MissbrauchPrävalenz oder eines Cannabismissbrauchs liegt bei Männern bei etwa 0,8 % im Vergleich zu Frauen bei 0,2 % in der Altersgruppe der 18- bis 64-Jährigen. Damit sind in diesen Altersgruppen etwa 260.000 Männer und 58.000 Frauen betroffen.
Die Verordnungshäufigkeit von HypnotikaHypnotikaKonsumhäufigkeit ist in der Altersgruppe der 65- bis 85-Jährigen bei Frauen deutlich höher (8 % vs. 5 % bei den über 85-jährigen Männern). Zwischen dem 65. und 85. Lebensjahr zeigt sich bei einer durchschnittlichen Quote von 3 % in den unteren Altersgruppen ein deutlicher kontinuierlicher Anstieg der Konsumbereitschaft mit dem Alter: In den älteren Gruppen verdoppelt sich der Anteil auf ca. 6 %.
Auch andere europäische Staaten berichten ähnliche Verteilungen der Konsumhäufigkeiten bei Männern und Frauen. So finden sich über verschiedene Industriestaaten hinweg Hinweise auf eine etwa 4-fach höhere Häufigkeit von Alkoholproblemen bei Männern, ein Überwiegen der Raucherquoten bei mittelalten bis älteren Männern, dagegen eine Angleichung der Konsumquoten im Bereich des Cannabiskonsums.
Die aktuellsten Daten der WHO zeigen indes, dass Geschlechtsunterschiede in den letzten Jahren etwas geringer geworden sind (WHO 2015; Minutillo et al. 2016).

Folgen des Konsums bei Männern und Frauen

Suchterkrankungengeschlechtsspezifische KonsumfolgenMänner konsumieren Alkohol, Tabak oder illegale Drogen nicht nur häufiger in riskantem oder gefährlichem Umfang, sondern sterben auch häufiger an den Folgen des Alkoholkonsums, an tabakassoziierten Erkrankungen sowie an durch Drogenkonsum bedingten Infektionskrankheiten oder Überdosierungen. Einzig für den Konsum von verordneten Arzneimitteln mit psychotroper Wirkkomponente liegt ein umgekehrtes Geschlechterverhältnis mit Überwiegen des Frauenanteils vor.
Bei zuletzt 1.226 drogenbedingten Todesfällen im Jahr 2015 lag der Anteil der weiblichen Drogentoten bei 16 %, überwiegend verursacht durch Opioide bzw. Opiate oder einen Mischkonsum (mit anderen illegalen Suchtmitteln, Alkohol und/oder Medikamenten). Männer verursachen bei einer evtl. generell erhöhten Risikobereitschaft in höherem Maße alkoholbedingte Verkehrsunfälle mit Personenschaden. Frauen sind mit 1.724 von 13.361 erfassten alkoholisierten Personen bei Verkehrsvorkommnissen deutlich in der Minderzahl.
Geschlechtsunterschiede bilden sich auch in den Wahrnehmungsquoten von Behandlungsangeboten ab: Das Verhältnis von 1 : 3 zeigt sich sowohl für stationäre als auch ambulante Behandlungsmaßnahmen. 42.977 Frauen und 127.020 Männer nahmen im Jahr 2015 ambulante Behandlungsangebote in Anspruch; 10.729 Frauen und 31.282 Männer waren in stationärer Behandlung.

Merke

Männer konsumieren häufiger Alkohol, Tabak sowie illegale Drogen und sterben häufiger an den Folgen substanzbezogener Störungen.

Genderspezifische Entwicklungsbedingungen von Suchterkrankungen

Vorbemerkungen

Die Entwicklung einer SuchterkrankungSuchterkrankungengenderspezifische Entwicklungsbedingungen ist von zahlreichen Faktoren abhängig. Die Forschungsliteratur zählt neben den substanzspezifischen Besonderheiten soziodemografische Aspekte, aber auch intraindividuelle Bedingungen wie psychiatrische Komorbiditäten oder biografische Entwicklungsbedingungen auf.
Lebensalter, Bildungshintergrund, aber auch kulturspezifische Merkmale nehmen mittelbar Einfluss auf die Prävalenz des Konsums, des Missbrauchs und der Abhängigkeit. Dahinter steht eine Beeinflussung einerseits der Entstehungsbedingungen, andererseits der gesundheitlichen und psychosozialen Folgen des Konsums psychotroper Substanzen, die auf eine Veränderungsmotivation einwirken können (Cotto et al. 2010).
Auch der Beitrag geschlechtsspezifischer Konsummerkmale wurde in zahlreichen Untersuchungen erörtert. Angesichts der eben beschriebenen weiteren beitragenden Faktoren muss schon vorab einschränkend angemerkt werden, dass auch geschlechtsspezifische Faktoren sehr stark von individuellen Begleitumständen geprägt sind bzw. mit zahlreichen anderen Faktoren interagieren. So sind geschlechtsspezifische Besonderheiten nicht ohne die Berücksichtigung des Lebensalters, geschlechtsspezifischer psychotroper Effekte der untersuchten Substanz, soziokultureller und religiöser Rahmenbedingungen, psychiatrischer Komorbiditäten und manchem mehr zu betrachten und vor diesem Hintergrund zu relativieren.
Einige Beispiele vorab: Die Häufigkeiten des regelmäßigen, starken und des abhängigen Rauchens sind bei Männern höher als bei Frauen. Dies gilt zwar im epidemiologischen Mittel, ist aber nicht über alle Altersgruppen in gleicher Weise gültig: So sind diese Unterschiede für mittlere und ältere Generationen beispielsweise viel deutlicher ausgeprägt als für weibliche und männliche Jugendliche. Hierbei sind kulturspezifische Besonderheiten zu berücksichtigen, die bei der Entwicklung des Rauchverhaltens vor 30–60 Jahren die weibliche Population viel mehr vor der Aufnahme eines regelmäßigen Tabakkonsums geschützt haben, als dies heute der Fall ist. Unter jungen Frauen war das Rauchen damals sehr viel weniger selbstverständlich. Daraus resultieren auch heute noch Unterschiede in der Prävalenz des Rauchens in mittleren bis höheren Altersgruppen, wenngleich heute bei den 12- bis 17-Jährigen keine signifikanten Unterschiede mehr zu finden sind. Zusätzlich bewirken biologische Bedingungen – die Motivation zu einer unbeschadeten Schwangerschaft – nach wie vor eine höhere Rauchstoppquote bei jungen Frauen im gebärfähigen Alter. In den hohen Altersgruppen wiederum werden die Prävalenzen durch unterschiedliche Überlebenszeiten von Männern und Frauen beeinflusst, was zu einer leichten Angleichung der Raucherquoten führt und damit entwicklungsbedingte geschlechtsassoziierte Unterschiede weniger augenscheinlich macht.
Alkohol(abhängigkeit/-missbrauch)kulturspezifische EinflüsseKulturspezifische Einflüsse spielen in vermutlich fast allen Ländern der Welt nicht nur beim Tabak-, sondern auch beim AlkoholkonsumAlkohol(abhängigkeit/-missbrauch)kulturspezifische Einflüsse eine große Rolle: Eine schwere Alkoholintoxikation ist bei Frauen eher verpönt. Insbesondere der Zugang zu Alkohol ist in jüngeren Lebensdekaden durch Erwartungen an das Rollenbild der Frau, die zunächst in die reproduktive Phase eintritt und damit nicht nur Verantwortung für sich, sondern auch für die potenzielle Nachkommenschaft hat, für die Frau anders zu betrachten als für den Mann, der über viele Jahrzehnte hinweg in der Öffentlichkeit einen sehr viel leichteren Zugang zu Alkohol hatte bzw. sich in manchen Kulturen geradezu aufgefordert sah, soziale Interaktionen auch mithilfe eines (regulierten) Trinkverhaltens zu pflegen.
Suchterkrankungenpsychopathologische AuffälligkeitenPsychopathologische Auffälligkeiten im Sinne einer depressiven Erkrankung oder Dysthymie, einer ängstlich-unsicheren Persönlichkeitsstörung, einer emotional-instabilen Persönlichkeitsstörung, einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) oder einer Psychose gehen – so belegen zahlreiche Forschungsarbeiten – mit einem erhöhten Risiko für einen Substanzkonsum im Sinne einer Selbstmedikation einher – allerdings mit einigen geschlechtsspezifischen Unterschieden: Alkohol und Benzodiazepine haben beide ein Potenzial bei der Dämpfung aversiver Emotionen, seien es nun depressive Gefühle, Angstsymptome oder Trauer. Unterschiedliche Möglichkeiten des direkten Zugangs (z. B. Alkohol am Arbeitsplatz), Verschreibungshäufigkeiten von Ärzten (häufigerer Einsatz von Antidepressiva bei Frauen), unterschiedliche Fähigkeiten im Ausdruck emotionaler Bedürftigkeit, Auftreten von psychosozialen Problemen in anderen Lebensaltern (beruflicher Ein-/Ausstieg, Auszug der Kinder) u. v. m. erklären jedoch unterschiedliche Prävalenzen für den Konsum von Benzodiazepinen bzw. Alkohol bei Männern und Frauen.
Psychosoziale Lebensbedingungen sind häufig mitentscheidend für den ersten Zugang zu illegalen Drogen. Auch hier sind geschlechtsspezifische Verankerungen in einem begünstigenden sozialen Bezugsrahmen, in einer Peergroup, mögliche Erklärungsfaktoren für die Häufung des Konsums von harten Drogen insbesondere bei jugendlichen und erwachsenen Männern.
Es gäbe viel mehr mögliche Interaktionen aufzuführen. Eingangs soll nur auf die Komplexität der Zusammenhänge hingewiesen und betont werden, dass nicht allein geschlechtsspezifische biologische bzw. hormonelle Unterschiede als Ursache angesehen werden können.

Merke

Die geschlechtsspezifische Betrachtung der Ursachen von Suchterkrankungen ist nur im Zusammenhang mit der biopsychosozialen Interaktion genderspezifischer Faktoren sinnvoll möglich.

Befunde zu genderspezifischen Merkmalen eines Substanzkonsums

Suchterkrankungengenderspezifische MerkmaleDer unterschiedliche Zugang zu psychotropen Substanzen in der Jugend und Adoleszenz legt den Grundstein für die genderspezifischen Unterschiede. Nationale Daten (NSDUH) aus sämtlichen Bundesstaaten der USA, die in den Jahren 2002–2005 erhoben wurden, zeigen, dass vorwiegend männliche Kinder und Jugendliche im Alter zwischen 12 und 17 Jahren sowie Adoleszente im Alter zwischen 18 und 25 Jahren signifikant höhere Zugangs- und Konsumraten für sämtliche Drogen mit Ausnahme von Sedativa und Tranquilizern aufweisen (Cotto et al. 2010). Mädchen im Alter zwischen 12 und 17 Jahren greifen allerdings laut dieser Untersuchung inzwischen häufiger zu Alkohol und nehmen auch häufiger Schmerzmedikamente, Stimulanzien oder Beruhigungsmittel ein. CannabisCannabis/CannabinoideJugendliche wird im Jugendalter häufiger von jungen Männern als von jungen Frauen konsumiert. In der Generation der Adoleszenten zeigt sich eine höhere Inanspruchnahme von Psychopharmaka bei Männern, allerdings eine höhere Abhängigkeitsquote bei Frauen. Die Kombinationen der Faktoren „Alter“ und „Geschlecht“ sowie die Art der Substanz bestimmen hier Konsumprävalenzen, Missbrauchshäufigkeit und die Abhängigkeitsentwicklung.
Geschlechtsspezifische Untersuchungen berücksichtigen mittlerweile mehr als die rein biologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Sie gehen vielmehr davon aus, dass Geschlechtseffekte auf dem Hintergrund soziokultureller und soziopolitischer Einflüsse gesehen werden müssen. In der englischsprachigen Literatur werden daher nicht „sex differences“, sondern Gendereffekte untersucht. Hierbei werden emotionale, kognitive und andere psychologische Mechanismen im Zusammenhang mit abhängigem Verhalten untersucht (Davis und Fattore 2015).
Die Wirkung von Drogen, aber auch von Verhaltensweisen, denen man eine süchtig machende Wirkung zuschreibt, wird durch Persönlichkeitsdimensionen, genetisch determinierte Eigenschaften wie Neugierbereitschaft („novelty seeking“ oder „sensation seeking“), Selbst(un)sicherheit sowie hormonell beeinflusste Aspekte dieser Persönlichkeitsvariablen beeinflusst (Davis und Loxton 2013).
Die Motivationslagen für einen DrogenkonsumSubstanzkonsum/-missbrauchMotivationSubstanzkonsum/-missbrauchgenderspezifische Aspekte sind bei Männern und Frauen sehr unterschiedlich. Während Männer Drogen eher im Zusammenhang mit sozialen Interaktionen nutzen, scheinen Frauen dies eher als Bewältigungsstrategie zur Überwindung negativer Stimmungszustände und emotionaler Unausgeglichenheit zu nutzen. Die intendierte positive Wirkung spielt bei Männern eine größere Rolle als bei Frauen, denen eher eine Motivation im Sinne einer Bekämpfung negativer Emotionen und Beseitigung von Stress etc., also ein Konsum im Sinne einer SelbstmedikationSubstanzkonsum/-missbrauchSelbstmedikationSelbstmedikation nachgesagt wird. Beobachtet werden darüber hinaus mehr soziopathische Symptome bei drogenkonsumierenden Männern, während Frauen im Zuge ihrer Selbstmedikation häufiger in Gefahr für einen abhängigen oder missbräuchlichen Konsum geraten, wenn eine affektive Störung zugrunde liegt (Haseltine 2000).
Stereotype geschlechtsassoziierte Vorstellungen von Männer- und Frauenwelten gehen davon aus, dass Frauen schwächer und hilfsbedürftiger sind, Männer dagegen in ihrer Männlichkeit mehr Risiko aufsuchen, im Rausch über ihre Grenzen hinausgehen können, die Männlichkeit ausleben. Wenngleich dies einer ethischen, moralischen und neurobiologischen Überprüfung nicht unbedingt standhält, so sind diese Schemata, so Vogt (2007), dennoch in den Köpfen der Betroffenen wie auch der Therapeuten verankert. Die Einnahme von Drogen ist häufig Ausdruck ritualisierter, geschlechts- und kulturspezifisch akzeptierter Handlungsweisen: So wird die Einnahme von Benzodiazepinen vielleicht ein Ausdruck von Schwäche, die Einnahme von Alkohol und Drogen als Ausdruck männlicher Stärke verstanden. Frauen dagegen nutzen den Alkoholkonsum häufiger als Männer, um negative Emotionen abzubauen (Abulseoud et al. 2013; Bekman et al. 2013).
Tatsächlich können aber auch – und daran denkt der Leser vermutlich zuerst, wenn über Genderaspekte in der Suchtentwicklung gesprochen wird – neurobiologische und hormonelle Unterschiede für manche der berichteten geschlechtsspezifischen Unterschiede verantwortlich gemacht werden (Lancaster 1994; Hu et al. 2004). So wurde insbesondere die Bedeutung von Hormonen wie ÖstrogenenSubstanzkonsum/-missbrauchhormonelle Aspekte und Progesteron bezüglich der subjektiven Wahrnehmung(sfähigkeit) von belohnenden Aspekten untersucht (Anker und Carroll 2011). Die Wirkungen der konsumierten Substanzen auf das endogene Opiatsystem und die HPA-Achse sowie deren spezifische dopaminerge Belohnungsintensitäten (Jacobs und de’Esposito 2011) scheinen mit der hormonellen Situation zu interagieren. Hormonelle Zustände, die mit dem Menstruationszyklus zusammenhängen, regeln u. a. die Wahrnehmung der Entzugssymptomatik bzw. deren Intensität (Allen et al. 2010). Auch für Raucher wurde beschrieben, dass die Intensität des Rauchens in Abhängigkeit von depressiven Symptomen, die im Zusammenhang mit dem hormonellen Zyklus auftreten können, kompensatorisch von der Raucherin gesteuert wird. Insbesondere Estradiol scheint in der Entwicklung einer Abhängigkeit bei Frauen einzugreifen (Ramoa et al. 2013).
Metabolische und konstitutionelle Besonderheiten, Substanzkonsum/-missbrauchmetabolische BesonderheitenKörpergröße, die Verteilung von Fett und Wasser im Körper oder Geschlechtsunterschiede in der Pharmakokinetik psychotroper Substanzen erklären die unterschiedliche Verfügbarkeit, aber auch Verträglichkeit des Substanzkonsums bei Männern und Frauen. Für Alkohol wurde beispielsweise beschrieben, dass die erhöhte metabolische Aktivität bei Männern sowie das höhere Verteilungsvolumen mit einer geringeren psychotropen Wirkung und weniger Intoxikationserscheinungen bei Männern einhergehen (Soldin und Mattison 2009).
Die Ausscheidungs- (renale und biliäre Elimination) und Abbaukinetik ist bei Männern schneller als bei Frauen. Ursächlich hierfür sind unterschiedliche Durchblutungsraten der Niere, eine unterschiedliche glomeruläre Filtrationsrate, Unterschiede in der tubulären Sekretion oder Rückresorption (Parlesak et al. 2002; Berg 2006). Männer weisen überdies einen höheren Grundumsatz auf, der zu einer beschleunigten Elimination von psychotropen Substanzen führen kann.
Letztlich können auch geschlechtsbezogene Unterschiede im zerebralen Rezeptorbindungsverhalten oder in den zerebralen Rezeptordichten eine unterschiedliche Wirkung von Opiaten erklären (Cepeda und Carr 2003). Frauen scheinen eine höhere Affinität zu belohnenden Aspekten einer Nahrungsaufnahme zu haben (Davis et al. 2013) und betreiben häufiger ein exzessives Sportverhalten, wobei unklar ist, ob dies evtl. einer zugrunde liegenden Essstörung zuzuordnen sein könnte (Mond und Calogero 2009). Andererseits scheinen die zerebralen Auswirkungen des Alkoholkonsums bei Frauen ausgeprägter zu sein (Wiren 2013).

Merke

Persönlichkeitseigenschaften, aber auch hormonelle, metabolische, konstitutionelle Besonderheiten sowie Merkmale der Pharmakokinetik und zerebralen Rezeptorbindung bestimmen genderspezifische Wirkungen psychotroper Substanzen.

Liegen genderspezifische Unterschiede auch bei nicht substanzgebundenen Abhängigkeiten vor?

Abhängigkeitsubstanzungebundenegenderspezifische UnterschiedeGeschlechtsspezifische Unterschiede finden sich nicht nur bei psychotropen Substanzen, sondern auch bei anderen als belohnend erlebten Tätigkeiten mit Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial: Verhaltensstörungen wie z. B. sexuelle Hyperaktivität, pathologisches Glückspiel, Internet- und Computerspielsucht, extreme sportliche Betätigung, „Kaufsucht“ und andere ähnliche Aktivitäten, die noch zwischen der Einordnung in süchtiges Verhalten und Impulskontrollstörungen oder zwanghaften Verhaltensweisen stehen, sowie eine exzessive Nahrungsaufnahme im Sinne eines Binge-Eatings, aber auch von schnell verfügbaren Kohlenhydraten sind durch zahlreiche suchttypische Merkmale wie starkes Verlangen, Toleranzentwicklung oder das Auftreten von Entzugssymptomen charakterisiert und weisen geschlechtsspezifische Besonderheiten und Merkmale in der Auftretenswahrscheinlichkeit und Intensität auf (Fattore et al. 2014).
Eigene Untersuchungen (Petersen et al. 2016) zeigen, dass zumindest das Inanspruchnahmeverhalten von Männern und Frauen bezüglich der Internetabhängigkeit bzw. Computerspielsucht im krassen Widerspruch zu den berichteten Prävalenzen dieser Verhaltensstörungen steht. Während davon ausgegangen werden kann, dass internetbezogene Abhängigkeiten bei Frauen und Männern in etwa gleichem Umfang zu beobachten sind, so sind 90 % der Personen, die spezifische Behandlungsangebote in Anspruch nehmen, männlichen Geschlechts. Dies mag auch darin begründet liegen, dass Jungen bzw. Männer eher von Computerrollenspielen abhängig werden, während die Abhängigkeitsentwicklung im Rahmen von internetbezogenen Störungen bei Mädchen und Frauen eher in der Nutzung von Kommunikationsportalen entsteht, was zu weniger sozialen Problemen führen dürfte. Hier wird abermals deutlich, dass die Wahrnehmung von Verhaltensstörungen in Bezug auf abhängige Verhaltensweisen nicht nur von der Substanz, deren psychotroper bzw. belohnender Komponente, von persönlichen Vulnerabilitäten und dem sozialen Umfeld abhängig ist, sondern einmal mehr auch von den Bemühungen des Einzelnen, nach einer therapeutischen Unterstützung zu suchen, oder vom Druck der Lebensumgebung auf eine Änderung des Problemverhaltens beim Indexpatienten beeinflusst werden kann.

Merke

Genderspezifische Unterschiede liegen bei stoffgebundenen und bei nichtstoffgebundenen Abhängigkeitserkrankungen vor.

Fazit

Männer haben ein deutlich höheres Risiko für die Entwicklung einer substanzbezogenen Störung als Frauen. Dies gilt zunächst generell in verallgemeinernder Weise für alle Suchtmittel in Form von Tabak, Alkoholika, Cannabisprodukten, aber auch für harte Drogen wie Kokain, Opioide, Amphetamine oder Halluzinogene oder deren Zubereitungen.
Eine im Vergleich zu Frauen höhere biologische, aber auch psychosozial, biografisch und kulturell bedingte Vulnerabilität für drogenspezifische Effekte bei Männern und eine hierdurch bedingte Ausdifferenzierung eines Suchtproblems, aber auch unterschiedliche Inanspruchnahmequoten von Beratungs- und Behandlungsangeboten beeinflussen sowohl die Entwicklungsbedingungen für einen riskanten, schädlichen oder abhängigen Substanzkonsum als auch dessen gesundheitliche und soziale Konsequenzen.
Der Wandel der Lebensbedingungen kann zu einer Angleichung der Konsumraten führen und neue Herausforderungen in der Prävention, Frühintervention und Behandlung mit sich bringen.

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