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B978-3-437-23021-9.00015-1

10.1016/B978-3-437-23021-9.00015-1

978-3-437-23021-9

Abb. 15.1

[L231]

Spielphasen: Verlauf der Suchtentwicklung (mod. nach Grüsser und Thalemann 2006)Glücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)Suchtentwicklung, VerlaufGlücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)Spielphasen

Abb. 15.2

[L231]

Analyse des Glücksspielverhaltens mittels SORK-ModellSORKC-Modell, GlücksspielsuchtGlücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)Verhaltensanalyse, SORKC-Modell

Glücksspiel

Klaus Wölfling

Kay Uwe Petersen

  • 15.1

    Phänomenologie280

  • 15.2

    Epidemiologie280

  • 15.3

    Störungsmodelle281

  • 15.4

    Klinik282

    • 15.4.1

      Diagnosekriterien282

    • 15.4.2

      Psychometrische Testverfahren283

  • 15.5

    Komorbide Störungen und Folgeschäden283

  • 15.6

    Psychotherapie284

    • 15.6.1

      Ziele284

    • 15.6.2

      Ambulantes Setting284

    • 15.6.3

      Stationäres Setting285

  • 15.7

    Pharmakotherapie287

Kernaussagen

  • Die Glückspielsucht hat mit etwa 1 % eine relativ geringe Bevölkerungsprävalenz, jedoch nehmen aktuell Online-Glücksspielangebote bei der problematischen Nutzung von Glücksspielen einen zunehmenden Anteil ein.

  • Die erhöhte Verfügbarkeit von (Online-)Glücksspielangeboten ist, bezogen auf die Pathologierate in der Bevölkerung, kritisch zu beobachten.

  • Obwohl bei höheren Schweregraden auch stationäre Behandlungen indiziert sein können, sind im Allgemeinen ambulante verhaltenstherapeutische Gruppen mit begleitenden Einzelgesprächen zu empfehlen.

  • Die Unterstützung der Behandlung durch Medikamente dürfte bei Vorliegen komorbider Störungen sinnvoll sein; bislang fehlt allerdings eine überzeugende pharmakologische Behandlung der Glückspielsucht.

Phänomenologie

Spielsucht siehe Internet- und Computerabhängigkeit, GlücksspielsuchtAbhängigkeitsubstanzungebundeneGlücksspielPatienten mit GlücksspielsuchtGlücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)Phänomenologie, die psychotherapeutische Hilfe suchen, berichten, dass es im fortgeschrittenen Stadium beim pathologischen Glücksspielverhalten nicht mehr ausschließlich um den finanziellen Gewinn, sondern eher um die durch das Glücksspiel erzeugte unmittelbare Regulation von Gefühlen, also das Herbeiführen von z. B. Entspannung, Erregung, Lustgefühl, Euphorie oder die Minderung von Missstimmungen geht. Eine aktive und angemessene Auseinandersetzung mit Problemen des Alltags rückt bei den Betroffenen immer mehr in den Hintergrund und wird über die Zeit der regelmäßigen Nutzung verlernt. Exzessives Glücksspielverhalten hat also im Verlauf der Erkrankung eher die Funktion, Problemverhalten auszublenden bzw. auch Suchtverlangen zu stillen als einen angenehmen, euphorischen Zustand herbeizuführen. Im Verlauf wird ein sich selbst verstärkender Kreislauf etabliert, bei dem das persistierende Glücksspielverhalten Folgeschäden und weitreichende soziale Probleme hervorruft.
Der Betroffene versucht, diese erneuten Belastungen und deren unangenehme, v. a. psychische Auswirkungen im verstärkt ausgeführten Glücksspiel „wegzuspielen“ und zu vergessen (Grüsser und Albrecht 2007). Das Spielverhalten wird im Verlauf nicht mehr, wie zu Beginn, zur Unterhaltung genutzt. Die um das Glücksspielverhalten entstandenen Probleme befördern die gedankliche Einengung auf das Spielverhalten und führen letztlich zu der Illusion, dass das erneute Spielen die entstandenen Problemlagen mit einem „großen Gewinn“ auflösen könne. Obwohl die Patienten objektiv erkennen können, dass das Glücksspiel (z. B. am Automaten) den Gesetzen des Zufalls unterliegt, beschäftigen sie sich mit unzähligen Strategien, wann die „große Ausschüttung“ zu erwarten sei und welche noch so kleinen Anzeichen dafür sprechen, dass dieses Mal der große Gewinn nahen würde (im Sinne von suchtspezifischen kognitiven Verzerrungen). Damit kann sich ein Circulus vitiosus etablieren. In diesem Teufelskreis der SpielsuchtTeufelskreis der suchtGlücksspielen kommt es zu immer mehr psychischen, sozialen und körperlichen Beschwerden, die allein durch das erneute Spielverhalten beseitigt werden sollen. Ein typischer Verlauf der Entstehung von pathologischem Glücksspiel bzw. einer Glücksspielsucht ist in Abb. 15.1 dargestellt.

Resümee

Glücksspielsucht

  • Die Entstehung einer Glücksspielsucht wird phänomenologisch von drei typischen „Spielphasen“ gekennzeichnet: Gewinnphase, Verlustphase (Glücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)Spielphasenbeginnende Pathologie) und Verzweiflungsphase, in der eine Behandlung der Suchterkrankung indiziert ist.

  • Automatisierte Handlungsschablonen und kognitive Verzerrungen über den Erfolg des Glücksspielverhaltens dominieren im Verlauf der Suchterkrankung die Motive von betroffenen Spielern.

Epidemiologie

Glücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)EpidemiologieAuch wenn Schätzungen zur Prävalenz des pathologischen Glücksspiels in Deutschland derzeit noch als lückenhaft zu bezeichnen sind, so zeigen aktuelle Studien, dass die Glücksspielnutzung und die Glücksspielproblematik hierzulande durchaus weitverbreitet sind. So geben 71,5 % der Deutschen an, bereits Glücksspiele genutzt zu haben (Bühringer et al. 2007); im Jugendalter (12.–19. Lj.) war dies bei 69,2 % der Fall (Müller et al. 2014). Einer früheren epidemiologischen Studie zufolge wurden innerhalb der letzten 12 Monate von 49,4 % der Befragten regelmäßig Glücksspiele betrieben. Besonderer Beliebtheit erfreute sich dabei vor allem die Glücksspielform „Lotto“ (60,3 % Zustimmung), gefolgt von Lotterien, Sportwetten und Kasinospielen (Bühringer et al.2007).
Glücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)PAGE-StudieDie Ergebnisse der PAGE-StudiePAGE-Studie, pathologisches Glücksspiel, die 2011 in Deutschland durchgeführt wurde, beziffern die Verbreitung von pathologischem Glücksspiel bei den 14- bis 64-Jährigen in Deutschland mit 1 %. Glücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)PrävalenzDie Prävalenz unter den Jugendlichen(14–17 Jahre), welche die Kriterien des DSM-IV (APA 2000) für Glücksspielsucht erfüllen, wird sogar auf 1,5 % geschätzt (Meyer et al. 2011). Internationale Studien fanden vergleichbare Ergebnisse. Bondolfi et al. (2008) ermittelten beispielsweise in der Schweiz eine Prävalenz von 0,8 % für problematisches Glücksspiel sowie 0,5 % für abhängiges Glücksspiel.
Die PAGE-Studie untersuchte (anhand von 15.023 Probanden zwischen 14 und 64 Jahren) verschiedene Glücksspielangebote auf deren Gefährlichkeit in Bezug auf das Auslösen von pathologischem Glücksspiel. Glücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)PrädiktorenDie Ergebnisse legen nahe, dass besonders bei Sportwetten aller Art, Poker, Spielautomaten, dem großen und kleinen Spiel im Casino sowie privatem oder illegalem Glücksspiel eine erhöhte Wahrscheinlichkeit besteht, Symptome einer Abhängigkeit zu entwickeln. Das höchste Risiko, eine Glücksspielsucht zu entwickeln, besteht für Nutzer von Geldspielautomaten in Spielhallen oder gastronomischen Betrieben. Hier wurde ein erhöhter Faktor von 5,7 für den Zusammenhang zwischen Glücksspielart und Auftretenswahrscheinlichkeit von pathologischem Glücksspiel ermittelt (vgl. Meyer et al. 2011).
Methodisch zunehmend komplexer wird die Differenzierung von Prävalenzen sowie Prädiktoren für pathologisches Glücksspiel online und offlineGlücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)Online/Offline. Bedingt durch die digitale Revolution, die eine wachsende Verschmelzung der Medien zur Folge hat, gibt es immer mehr Angebote, die Elemente des klassischen Online-Glücksspiels mit Computerspielen verbinden. In einer Studie von Hurrelmann et al. (2003) ergab sich eine Prävalenz des problematischen Spielverhaltens von 3 % bei Jugendlichen zwischen 13 und 19 Jahren (N = 5.009). In einer Folgestudie von Müller et al. (2014) wurde hingegen eine Prävalenz von 1,7 % für Jugendliche im Altersbereich von 12–19 Jahren (N = 5.976) ermittelt, während die Prävalenz für zusätzlich gefährdete Glücksspielnutzer auf weitere 3,5 % geschätzt wurde.
Gleichzeitig betonten die Autoren, dass der Anteil genutzter Internet-GlücksspielangeboteInternet-Glücksspiel siehe Online-Glücksspiel stetig zunehme und es immer mehr zu einer Verschiebung von klassischen Glücksspielangeboten hin zum Online-GlücksspielOnline-GlücksspielPrävalenz käme, obwohl das Automatenspiel selbst bei Kindern und Jugendlichen einen großen Anteil bei der Varianzaufklärung zur Entstehung von pathologischem Glücksspielen beitrüge (vgl. Müller et al. 2014). Die beiden Studien unterschieden sich jedoch dahingehend wesentlich, dass 2003 ausschließlich „Cyberlotto“ als Online-Glücksspielform erfasst wurde. Die Arbeit von Müller und Kollegen berücksichtigte zusätzlich Angebote wie Internet-Casinos, Internet-Poker, Internet-Sportwetten sowie weitere Internetspiele und stellte signifikante Korrelationen mit Merkmalen psychischer Symptombelastung fest. Eine repräsentative Studie aus den USA (N = 2.274; 14- bis 21-Jährige) konnte eine Prävalenz von 2,1 % (Welte et al. 2008) problematisch Spielender nachweisen.
Anhand von Daten des Swiss Health Survey von 2007 folgerten Luder et al. (2010), dass die Spielfrequenz positiv mit dem Anteil an männlichen Befragten und der Höhe des Einkommens korrelierte. Weitere Ergebnisse aus der klinischen Forschung bestätigen, dass pathologisches Glücksspielen häufig mit substanzgebundenen Störungen, insbesondere der Alkohol- und Nikotinabhängigkeit einhergeht (Glücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)KomorbiditätHodgins et al. 2005). Auch eine häufige Verbindung zur narzisstischen und Borderline-Persönlichkeitsstörung sowie zur Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) in der Kindheit konnte nachgewiesen werden (Bagby et al. 2008).

Resümee

Epidemiologie der Glücksspielsucht

  • In Deutschland gelten nach aktuellen Prävalenzschätzungen 1 % der 14- bis 64-Jährigen als glücksspielsüchtig. Glücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)Epidemiologie

  • Im Kindes- und Jugendalter (14–17 Jahre) wird von einer erhöhten Prävalenz von etwa 1,7 % problematischen Glücksspielern sowie weiteren 3,5 % gefährdeten glücksspielnutzenden Jungen und Mädchen ausgegangen.

  • Neuere Studien zeigen ein differenziertes Bild von Glücksspielangeboten, die im Internet breit verfügbar sind und die häufig und auch problematisch genutzt werden: Online-Glücksspielangebote nehmen bei der problematischen Nutzung von Glücksspielen einen zunehmenden Anteil ein.

Störungsmodelle

Die Forschungsliteratur zur GlücksspielsuchtGlücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)Störungsmodelle weist aus, dass Suchterkrankungen u. a. dadurch entstehen, dass der Betroffene lernt, seine AffekteAffektregulation und EmotionenEmotionsregulation durch den Konsum von Suchtmitteln wirkungsvoll und schnell zu regulieren. Zugleich werden jedoch andere angemessene Verhaltensweisen, die bisher regulierend auf die Gefühle wirkten und beispielsweise Freude erzeugten, durch den Suchtmittelkonsum verdrängt. Dies liegt vor allem daran, dass sie im Vergleich zu der starken Wirkung der Suchtmittel als nicht mehr attraktiv und belohnend genug empfunden und somit eingestellt werden (vgl. Grüsser und Thalemann 2006).
Als entscheidendes Element der Entstehung und Aufrechterhaltung von Glücksspielsucht postuliert die Forschungsliteratur vor allem Lernprozesse (Glücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)LernprozesseÜberblick in Grüsser und Thalemann 2006). Von besonderem Interesse sind hierbei die durch klassische und operante Konditionierung erlernten positiven Erwartungen an die Wirkung des Suchtmittels. So leistet das Modell der klassischen KonditionierungKonditionierungGlücksspielsuchtGlücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)klassische Konditionierung einen wesentlich Beitrag zur Erklärung der Entstehung und Aufrechterhaltung von Suchtverhalten sowie der Mechanismen des Rückfalls. Laut Modell können internale Reize (z. B. Emotionen oder Stresszustände) und externale Reize (z. B. der Anblick eines Glücksspielautomaten), die vorher neutral waren, über klassische Konditionierung mit dem Suchtmittelverhalten sowie dessen Wirkung verknüpft werden. Findet diese Assoziation zwischen neutralem Reiz und Suchtverhalten mehrmals hintereinander statt, so können die ehemals neutralen Reize als erlernte konditionierte suchtmittelassoziierte Reize einen motivationalen Zustand (konditionierte Reaktion) auslösen, der zu Suchtdruck und schließlich auch zur Ausübung pathologischen Glücksspielverhaltens führt.
Gleichzeitig spielt der Prozess der operanten KonditionierungGlücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)operante Konditionierung eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Suchtverhalten und Abhängigkeit. Der angenehme Effekt der Suchtmittel (z. B. Euphorie), der auf das Suchtverhalten folgt, wirkt als positiver Verstärker auf das Verhalten. Dabei gilt: Je größer die positiven Konsequenzen, die sich durch Glücksspiel ergeben, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass das Verhalten gezeigt wird. Ein typischer (generalisierter) Verstärker beim Glücksspielen ist das Gewinnen (Meyer und Bachmann 2000). Eine negative Verstärkung entstehtGlücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)Verstärkungsvorgänge, wenn Entzugserscheinungen oder Anspannungszustände – also allgemein aversive Zustände – wegfallen, sobald das Suchtmittelverhalten ausgeführt wird. Sowohl die positiven als auch die negativen Verstärkungsvorgänge tragen dazu bei, dass diese suchtbezogenen Verhaltenssequenzen wiederholt werden. Aufgrund des schwankenden Verhältnisses von Gewinn (Verstärkung) und Verlust (unverstärktes Spielverhalten) dient das Glücksspiel insgesamt als wirksamer intermittierender Verstärkungsplan. Auch die Verstärkungsmengen unterliegen permanenten Veränderungen, wobei die Verstärkung (Ergebnisfeedback) unmittelbar erfolgt.
Mit experimentellen Studien konnte belegt werden, dass sich diese Lernprozesse nicht nur auf die Entwicklung von Suchterkrankungen im Kontext psychotroper Substanzen beziehen, sondern auch maßgeblich an der Entstehung von VerhaltenssüchtenVerhaltenssüchteLernprozesse (substanzungebundenen SuchterkrankungenSuchterkrankungensubstanzungebundene) wie z. B. dem pathologischen Glücksspiel oder der Internetsucht beteiligt sind (vgl. Frascella et al. 2010). Konditionierte Verhaltenssequenzen werden im Gehirn als automatisierte kognitive Handlungsschemata codiert, die, wenn sie abgerufen werden, meist außerhalb der bewussten Kontrolle ablaufen. Erst wenn dieser automatisierte Prozess durch unvorhergesehene Ereignisse, die vom eigentlichen Handlungsschema abweichen (z. B. beim Raucher eine leere Zigarettenschachtel, beim Spieler das leere Konto, von dem nichts mehr abgehoben werden kann), unterbrochen wird, ist es dem Betroffenen möglich, das Spielverhalten als bewussten und verbalisierten Prozess wahrzunehmen (Tiffany 1990).
Ob Suchtverlangen immer, meistens oder nur manchmal bewusst wird und inwieweit affektive, motivationale oder kognitive Faktoren entscheidend für das Suchtverlangen sind, ist jedoch noch weitgehend ungeklärt.

Klinik

Diagnosekriterien

In Box 15.1 finden sich die diagnostischen Kriterien für das pathologische Glücksspielen („gambling disorder“), die im DSM-5 (APA 2013) im Kapitel Suchterkrankungen (Substance-related and Addictive Disorders) zusammengefasst werden.

Box 15.1

Kriterien für Störung durch Glücksspiel nach DSM-5 (Falkai et al. 2015)

Glücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)Diagnosekriterien nach DSM-5A. Dauerhaftes und häufig auftretendes problematisches Glücksspiel führt nach Angaben der Person in klinisch bedeutsamer Weise zu Beeinträchtigungen oder Leiden, wobei mindestens vier der folgenden Kriterien innerhalb eines Zeitraums von 12 Monaten vorliegen:
  • 1.

    Notwendigkeit des Glücksspielens mit immer höheren Einsätzen, um eine gewünschte Erregung zu erreichen

  • 2.

    Unruhe und Reizbarkeit bei dem Versuch, das Glücksspielen einzuschränken oder aufzugeben

  • 3.

    Wiederholte erfolglose Versuche, das Glücksspielen zu kontrollieren, einzuschränken oder aufzugeben

  • 4.

    Starke gedankliche Eingenommenheit durch Glücksspielen (z. B. starke Beschäftigung mit gedanklichem Nacherleben vergangener Spielerfahrungen, mit Verhindern oder Planen der nächsten Spielunternehmung, Nachdenken über Wege, Geld zum Glücksspielen zu beschaffen)

  • 5.

    Häufiges Glücksspielen in belastenden Gefühlszuständen (z. B. bei Hilflosigkeit, Schuldgefühlen, Angst, depressiver Stimmung)

  • 6.

    Rückkehr zum Glücksspielen am nächsten Tag, um Verluste auszugleichen (dem Verlust „hinterherjagen“ engl. „chasing“)

  • 7.

    Belügen anderer, um das Ausmaß der Verstrickung in das Glücksspielen zu vertuschen

  • 8.

    Gefährdung oder Verlust einer wichtigen Beziehung, des Arbeitsplatzes, von Ausbildungs- oder Aufstiegschancen aufgrund des Glücksspielens

  • 9.

    Verlassen auf finanzielle Unterstützung durch andere, um die durch das Glücksspielen verursachte finanzielle Notlage zu überwinden

B. Das Glücksspielen kann nicht besser durch eine manische Episode erklärt werden.
Bestimme, ob:
  • Episodisch: Die diagnostischen Kriterien werden zu mehr als einem Zeitpunkt erfüllt, wobei die Symptome zwischen den Phasen der Störung durch Glücksspielen für zumindest einige Monate abklingen.

  • Andauernd: Es werden durchgängig Symptome erlebt, welche die diagnostischen Kriterien dauerhaft über mehrere Jahre erfüllen.

Bestimme, ob: Glücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)Remissionskriterien
  • Frühremittiert: Nachdem zuvor die Kriterien für eine Störung durch Glücksspielen vollständig erfüllt waren, wird seit mindestens 3, aber weniger als 12 Monaten keines der Kriterien für eine Störung durch Glücksspielen erfüllt.

  • Anhaltend remittiert: Nachdem zuvor die Kriterien für eine Störung durch Glücksspielen vollständig erfüllt waren, wird zu keinem Zeitpunkt der letzten 12 Monate oder länger eines der Kriterien für eine Störung durch Glücksspielen erfüllt.

Bestimme den aktuellen Schweregrad: Glücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)Schweregrade
  • Leicht: 4–5 Symptomkriterien sind erfüllt.

  • Mittel: 6–7 Symptomkriterien sind erfüllt.

  • Schwer: 8–9 Symptomkriterien sind erfüllt.

Psychometrische Testverfahren

Glücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)psychometrische TestsZur differenziellen Diagnose von pathologischem Glücksspiel finden sich einige psychometrisch basierte Testverfahren, die sich in der klinischen Praxis durchaus bewährt haben und z. T. eine gute psychometrische Validierung aufweisen können. Allerdings gilt es zu erwähnen, dass sich die hier aufgeführten Testverfahren größtenteils auf die etablierten Kriterien der ICD-10 (WHO 1992) und des DSM-IV (APA 2000) stützen und somit die inhaltlichen und strukturellen Veränderungen der Kriterien und ihrer Gewichtung, wie sie im neueren DSM-5 (APA 2013) zu finden sind, bisher nicht berücksichtigen. Zu diesen Modifikationen zählt vor allem die Auslassung des Items für Delinquenz, das sich auf die illegale Beschaffung von Geld zum Zweck der Fortführung des Glücksspiels bezog. Des Weiteren wurde auf strukturell-dimensionaler Ebene zum einen der Grenzwert für die Vergabe der Diagnose pathologisches Glücksspielen auf vier erfüllte Kriterien abgesenkt und zum anderen eine Differenzierung der Diagnose in leichte, mittlere und schwere Ausprägung der Symptomatik ermöglicht.
Zu den international üblichsten Verfahren zur Erfassung von pathologischem Glücksspiel zählt der South Oaks Gambling ScreenSouth Oaks Gambling Screen (SOGS; Lesieur und Blume 1987) – ein Fragebogen, der neben 40 weiteren Sprachen auch in deutscher Fassung vorliegt (Müller-Spahn und Margraf 2003). Die 20 Items des Testverfahrens sind anhand der Kriterien des DSM-III (APA 1987) operationalisiert und weisen sehr gute testdiagnostische Gütekriterien sowie eine umfassende internationale Validierung auf.
Als zeitökonomischstes und dennoch valides Verfahren ist besonders der kurze Lie/Bet QuestionnaireLie/Bet Questionnaire, Glücksspielsucht (Johnson et al. 1997) zu nennen (Box 15.2). Das Screeningverfahren umfasst ausschließlich zwei Items. Das erste Item befragt den Patienten, ob er jemals ihm wichtige Personen wegen Glücksspielverhaltens belügen musste. Anhand des zweiten Items wird der Drang des Probanden erhoben, Spieleinsätze während des Glücksspiels erhöhen zu müssen. Werden beide Items bejaht, so ist davon auszugehen, dass in diesem Fall eine Störung in Form von pathologischem Glücksspielverhalten vorliegt. Obwohl sich im deutschsprachigen Raum noch keine Befunde hinsichtlich der Validierung des Testverfahrens finden, beziffern Götestam et al. (2004) z. B. anhand von repräsentativen Stichproben eine äußerst hohe Testgüte (v. a. für Spezifität und Sensitivität) für die norwegische Version des Tests. So erzielt der Test mit hoher Wahrscheinlichkeit Ergebnisse, die zu denen längerer Fragebögen oder dem klinischen Urteil erfahrener Diagnostiker kongruent sind, ohne dabei den Vorteil der Ökonomie einzubüßen.

Box 15.2

Items des Lie/Bet Questionnaire nach Johnson et al. (1997)

  • 1.

    Haben Sie jemals gegenüber Menschen, die Ihnen persönlich sehr wichtig sind oder waren, über das Ausmaß Ihres Spielens lügen müssen? Lie/Bet Questionnaire, Glücksspielsucht

  • 2.

    Haben Sie jemals beim Spielen das Bedürfnis verspürt, immer mehr Geld einzusetzen?

Anhand von Screening ermöglichen die hier beispielhaft vorgestellten psychometrischen Tests, mit wenig zeitlichem Aufwand einen ersten diagnostischen Eindruck darüber zu erhalten, inwieweit eine mögliche Störung in Form von pathologischem Glücksspielen beim Patienten anzunehmen ist. Alle vorgestellten Instrumente verfügen über gute testdiagnostische Werte, die in zahlreichen internationalen Publikationen veröffentlicht wurden und eine hohe Treffsicherheit garantieren.

Komorbide Störungen und Folgeschäden

Glücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)psychische KomorbiditätPsychische Störungen, die den Alltag, das Verhalten und ggf. die sozialen Strukturen des Betroffenen massiv beeinträchtigen, bezeichnet man als Achse-I-Störungen. Laut der zuvor bereits erwähnten PAGE-Studie (N = 15.023 Personen im Alter zwischen 14 und 64 Jahren) litten 95,5 % der pathologischen Glücksspieler an mindestens einer weiteren Achse-I-Störung (Meyer et al. 2011). Am häufigsten traten Störungen auf, die mit Substanzkonsum in Zusammenhang stehen (89,8 %) bzw. die durch wiederholtes Konsumieren psychotroper Substanzen hervorgerufen wurden. Innerhalb der substanzgebundenen Störungen war die Tabakabhängigkeit (78,2 %) am häufigsten zu verzeichnen, an zweiter Stelle standen Störungsbilder, die mit Alkoholkonsum (54,9 %) assoziiert sind. Illegaler Substanzkonsum wurde bei 22,5 % der untersuchten pathologischen Glücksspieler als komorbid zur Hauptdiagnose festgestellt.
Insgesamt legen die Ergebnisse nahe, dass ein enger Zusammenhang zwischen dem Auftreten von pathologischem Glücksspiel und substanzgebundenenSuchterkrankungensubstanzgebundene Abhängigkeitserkrankungen zu verzeichnen ist. Affektive StörungenAffektive StörungenGlücksspielsüchtige waren als komorbide psychische Störungen bei insgesamt 63,1 % der pathologischen Glücksspieler als Zweitdiagnose identifizierbar. Im Einzelnen wurde bei einem Anteil von 57,2 % der pathologischen Glücksspieler eine unipolare depressive Störung diagnostiziert. Bipolare Störungen (inkl. Hypomanie) traten hingegen nur bei 7,5 % auf. Unter den komorbiden Störungen aus dem Bereich der neurotischen, Belastungs- und somatoformen Störungen waren vor allem AngststörungenAngststörungenGlücksspielsüchtige, die bei 37,1 % der pathologischen Glücksspieler auftraten, zu nennen (Panikattacken 23,8 %, PTBS 15,5 %, soziale Phobie 13,4 %).
Auch komorbide PersönlichkeitsstörungenPersönlichkeitsstörungenund SuchtGlücksspiel konnten bei einer Vielzahl der Untersuchten festgestellt werden. Diese zeichnen sich durch ein persistentes Muster psychischer Auffälligkeiten aus, welche die Lebensführung der Betroffenen negativ beeinträchtigen. Bei 33,5 % der Betroffenen konnte mindestens eine komorbide Persönlichkeitsstörung nachgewiesen werden. Am häufigsten wurde die Diagnose der komorbiden antisozialen PersönlichkeitsstörungAntisoziale Persönlichkeitsstörung, Glücksspielsüchtige (12 %) gestellt. Auch die zwanghafte Persönlichkeitsstörung (11,9 %), die Borderline-Persönlichkeitsstörung (9,4 %) und die selbstunsichere Persönlichkeitsstörung (8,9 %) waren bei einigen Probanden nachweisbar.
Die genannten Ergebnisse der PAGE-Studie konnten auch im Kontext internationaler Studien, die ebenfalls den Zusammenhang zwischen pathologischem Glücksspiel und möglichen komorbiden Erkrankungen untersuchten, größtenteils repliziert werden. In einer internationalen Metaanalyse, die zum Ziel hatte, die Studienergebnisse der letzten Jahre vergleichend darzustellen, wurden elf Studien aus der Schweiz, Südkorea, Kanada und den USA untersucht (Lorains et al. 2011). Die Ergebnisse belegen, dass auch auf internationaler Ebene und über den Vergleich einer Vielzahl an Studien die substanzgebundene Abhängigkeitserkrankung als häufigste komorbide Störung bei pathologischen Glücksspielern auftritt (57,5 %). Auch bei dieser Metaanalyse fand sich ein stufenartiges Muster der Häufigkeitsverteilung der einzelnen spezifischen substanzgebundenen Abhängigkeitserkrankungen, was sich größtenteils auch mit den Befunden aus der Studie von Meyer et al. (2011) deckt, die weiter oben bereits erwähnt wurde. Demnach war die häufigste komorbide Störung in Bezug auf substanzgebundene Krankheitsbilder bei pathologischem TabakabhängigkeitGlücksspielsüchtigeGlücksspiel die Nikotinabhängigkeit (60,1 %), gefolgt von den alkoholassoziierten Störungen, die immerhin noch bei fast einem Drittel der Befragten diagnostiziert werden konnten (28,1 %), sowie dem illegalen Substanzkonsum (17,2 %). Neben repräsentativen Stichproben aus der Normalbevölkerung schloss die Metaanalyse von Lorains et al. (2011) auch die Untersuchung von klinischen Stichproben ein. Bei den Letztgenannten wurden vor allem komorbide Störungen in Form von affektiven Störungen (37,9 %) und Angststörungen (37,4 %) diagnostiziert. Als häufigste affektive Störung wurde die Major Depression (23,1 %) identifiziert, gefolgt von bipolaren Störungsbildern (9,8 %). In Bezug auf Persönlichkeitsstörungen ergaben die Ergebnisse der Metaanalyse am häufigsten die Diagnose antisoziale Persönlichkeitsstörung (28,8 %Antisoziale Persönlichkeitsstörung, Glücksspielsüchtige).

Psychotherapie

Ziele

Glücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)TherapiezielePsychotherapieGlücksspielsuchtDie allgemeine Zielsetzung kognitiv-behavioraler Therapieprogramme für pathologisches Glücksspiel entspricht im Wesentlichen den Zielen der klassischen Therapie substanzgebundener Suchterkrankungen und umfasst folgende BereicheGlücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)kognitive Verhaltenstherapie:
  • Abstinenzerreichung

  • Umfassende Rückfallprävention

  • Langfristige Stabilisierung

  • Langfristige Erhaltung der Glücksspielabstinenz

Ambulantes Setting

Die ambulante Therapie besteht in der Regel aus Gruppensitzungen mit begleitenden Einzelgesprächen. Inhaltlich setzt die Behandlung vor allem auf kognitiv-strukturierende Module, z. B.:
  • Vermittlung von Problemlösestrategien (einschließlich Geld- und Schuldenmanagement)

  • Aufbau von Verhaltensalternativen und alternativen Fertigkeiten

  • Soziales Kompetenztraining

  • Maßnahmen zur Rückfallprophylaxe

Wie in vielen therapeutischen Programmen ist auch hier die ExpositionsbehandlungGlücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)Expositionstherapie von entscheidender Bedeutung (Smith et al. 2015). Systematische Reviews zeigen, dass vor allem kognitiv-behavioral fundierte Therapieformen sehr gute Effekte bei der psychotherapeutischen Behandlung von Glücksspielsüchtigen aufweisen (Cowlishaw et al. 2012). Merkouris et al. (2016) konnten in einem systematischen Review zu Prädiktoren des BehandlungserfolgsGlücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)Behandlungserfolg, Prädiktoren bei pathologischen Glücksspielern zeigen, dass Assoziationen zwischen den erfolgreichen Behandlungsergebnissen und dem Beschäftigungsstand, den Spielschulden, Persönlichkeitsmerkmalen und dem Motivationszustand, eine Veränderung des Suchtverhaltens herbeizuführen, bestehen. Je eher die Patienten keine Spielschulden mehr hatten, zum Zeitpunkt der Therapie in Beschäftigung waren, Persönlichkeitsmerkmale wie geringe Werte in der ausgeprägten Suche nach Neuem, Neurotizismus oder Sensation-Seeking aufwiesen und stärker motiviert waren, die Sucht zu bekämpfen, desto bessere Behandlungsergebnisse wiesen die verschiedenen Therapiestudien auf.
Glücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)ambulante BehandlungEine ambulante Therapie ist vor allem bei Patienten indiziert, die über ein stabiles soziales Gefüge verfügen, das sie zusätzlich unterstützen kann. Darunter fallen mehrere Faktoren wie z. B. ein Arbeitsplatz oder eine intakte Partnerschaft, die entscheidend dazu beitragen können, die angestrebte stabile Abstinenz zu erreichen. Braun et al. (2014) postulieren, dass Menschen mit der Diagnose „pathologisches Glücksspiel“ meist dann eine Therapie beginnen, wenn sie mehrere diagnostische Kriterien der Störung erfüllen und an Spielautomaten oder online gespielt haben. Patienten mit subklinischer Glücksspielsucht suchen hingegen vermehrt dann therapeutische Hilfe auf, wenn um große Einsätze gespielt wurde, sie alleinstehend und älter sind oder rauchen. Für die Wahrscheinlichkeit, eine Therapie aufzusuchen bei gleichzeitig regelmäßigem Alkoholkonsum, wurde dagegen ein negativer Zusammenhang beschrieben.

Stationäres Setting

Indikationen
Auch die Behandlung im Rahmen einer stationären Therapie ist Teil des therapeutischen Behandlungsrepertoires. Sie ist in der Regel dann indiziertGlücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)stationäre Behandlung, wenn es sich um komplizierte Fälle mit einer Vielzahl an komorbiden Störungen handelt. Eine Kategorisierung pathologischer Glücksspieler in verschiedene Gruppen ist laut Petry und Jahrreis (1999) anhand unterschiedlicher psychischer Komorbiditäten möglich:
  • Gruppe A umfasst Patienten, die zusätzlich eine stoffgebundene Abhängigkeit aufweisen.

  • Patienten, die Gruppe B zugeordnet werden, leiden hingegen an einer depressiv-neurotischen Persönlichkeitsstörung.

  • In Gruppe C sind dagegen Personen mit Persönlichkeitsstörungen vom selbstunsicher-vermeidenden Typ kategorisiert. Hierzu zählen solche Patienten, die eine zusätzliche stoffgebundene Abhängigkeit (Gruppe A) oder eine depressiv-neurotische (Gruppe B) bzw. eine Persönlichkeitsstörung (Gruppe C) aufweisen.

  • Schließlich gibt es noch die Gruppe D der Glücksspieler mit einer zusätzlichen psychischen Störung, die für sich genommen eine psychosomatische Rehabilitation erfordert.

Weiterhin ist eine stationäre Aufnahme sinnvoll, wenn eine ambulante Therapie wiederholt ohne Erfolg durchlaufen wurde, als nicht aussichtsreich eingeschätzt wird oder keine ambulante Therapieeinrichtung in akzeptabler Entfernung vom Wohnort des Patienten zur Verfügung steht (Meyer und Bachmann 2000). Durch die intensive Betreuung ist es möglich, auch Patienten mit geringem Problembewusstsein und niedriger Veränderungsbereitschaft adäquat zu behandeln. Auch bei Patienten, die aufgrund von z. B. geringer Motivation Schwierigkeiten haben, konsequent am Programm teilzunehmen, den erstellten Behandlungsplan einzuhalten oder wenig Eigeninitiative zeigen, ist die stationäre Behandlung dem ambulanten Setting vorzuziehen. Ein weiterer Faktor, der eine stationäre Behandlung indiziert, ist eine instabile private Situation des Patienten (keine stabile Wohnsituation, Geldsorgen, Arbeitslosigkeit etc.) oder ein fehlendes soziales Unterstützungsnetz bis hin zu Kontakten, die möglicherweise eine destabilisierende Wirkung auf den Patienten ausüben. Der stationäre Aufenthalt sollte auch dann in Betracht gezogen werden, wenn der Patient in die Delinquenz abzugleiten droht oder die akute Gefahr einer Suizidalität bzw. Suizidversuche vorliegen. Im letztgenannten Fall sollte jedoch zunächst eine Behandlung in einer psychiatrischen Institution erfolgen, bevor auf die stationäre Rehabilitationsmaßnahme zurückgegriffen wird.
Besonders entscheidend im stationären Setting ist das Ende der Behandlungsphase sowie der Übergang in das gewohnte Umfeld, da der Patient meist über viele Wochen in einer Klinik untergebracht ist und Rückfälle unbedingt zu vermeiden sind.

Resümee

Psychotherapie der Glücksspielsucht

  • Bei der psychotherapeutischen Behandlung von pathologischem Glücksspiel kommen größtenteils verhaltenstherapeutische Maßnahmen zum EinsatzGlücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)Psychotherapie.

  • Bei der ambulanten Behandlung werden in der Regel Gruppensitzungen mit begleitenden Einzelgesprächen eingesetzt.

  • Als Ergänzung oder Alternative zur ambulanten Behandlung kann es sinnvoll sein, eine stationäre Therapie anzuschließen. Dies ist insbesondere dann indiziert, wenn

    • ambulante Maßnahmen wiederholt keinen Erfolg brachten,

    • eine intensivere Behandlung aufgrund der Schwere der Störung nötig ist,

    • das ambulante Setting nicht erfolgversprechend ist (z. B. bei geringer Motivation).

Nach aktuellem Forschungsstand gibt es verschiedene therapeutische Methoden, deren Wirksamkeit in Bezug auf die Behandlung von pathologischem Glücksspiel belegt werden konnte. Dazu zählen vor allem verhaltenstherapeutische, tiefenpsychologische und psychoanalytische Ansätze. Auch die Integration mehrerer Techniken aus verschiedenen Therapieschulen in einem Behandlungsmanual ist nicht unüblich.
Verhaltensanalyse
Glücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)Verhaltensanalyse, SORKC-ModellEin Hauptbestandteil der Therapie von Glücksspielsucht besteht darin, automatisierte Gedanken und dysfunktionales Verhalten zu identifizieren, denn die Analyse des eigenen Verhaltens sowie die Förderung der Selbstbeobachtung sind entscheidend für die Unterbrechung des Suchtkreislaufs. Um die Selbstreflexion zu fördern, werden häufig adaptierte SORKC-Modelle eingesetztSORKC-Modell, Glücksspielsucht, die als Bestandteil von Verhaltensanalysen die Aspekte Situation (S), Personen- bzw. Organismusvariable (O), Reaktion (R, hier: Glücksspielverhalten) und Konsequenz untersuchen (C, engl. „consequence“) (Schneider und Margraf 2009). Die Variable Kontingenz, welche die Assoziationshäufigkeit zwischen Reaktion und Konsequenz beschreibt, wird hier aus Gründen der Übersichtlichkeit vernachlässigt.
Anhand wöchentlich auszufüllender Protokolle kann nach ca. sechs Gruppensitzungen ein individuelles SORKC-Modell erstellt werden, das eine Zusammenfassung bestimmter sich ähnelnder Situationen darstellt (Abb. 15.2). Neben den situations- und reaktionsbezogenen Variablen werden zudem die Konsequenzen als ergebnisorientierte Variable betrachtet. Dabei unterscheidet man zunächst zwischen kurzfristigen und langfristigen Variablen, um auch den zeitlichen Aspekten der Folgen des Glücksspielverhaltens Rechnung zu tragen. Neben der gewohnten Fokussierung auf kurzfristige Folgen (direkter Verlust oder Gewinn und damit einhergehende Gefühle von Ohnmacht oder Euphorie) soll es vor allem durch die Analyse der langfristigen Konsequenzen des Glücksspielverhaltens zur Einsicht in die Dysfunktionalität des eigenen Verhaltens durch den Patienten kommen. Dabei wird zwischen positiven und negativen Folgen unterschieden, wobei naturgemäß die langfristigen negativen Konsequenzen deutlicher und anhaltender hervortreten als die positiven kurzfristigen Konsequenzen.
Ziel der bewussten Wahrnehmung der konditionierten Trigger-Reize und der darauf folgenden automatisch ablaufenden kognitiven Verhaltenssequenzen ist die Durchbrechung des Suchtkreislaufs. Den Patienten wird es so ermöglicht, die individuellen Faktoren ihres Suchtverlangens zu erkennen und innerhalb der Gruppe Gemeinsamkeiten zu entdecken. Als Resultat der Bearbeitung des Arbeitsblattes soll eine bessere Einschätzung des wahrgenommenen Suchtverhaltens durch den Patienten erreicht werden.
Motivational Interviewing
Alternativ zu den oben genannten Ansätzen kommen auch andere Verfahren zum Einsatz, z. B. das Motivational Interviewing (MI)Glücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)Motivational InterviewingMotivational InterviewingGlücksspielsucht, das sich bereits als wirksame Methode bewährt hat. So konnte eine Metaanalyse von fünf RCTs eine kurzfristige Wirksamkeit der motivierenden Gesprächsführung als Behandlungsmethode von pathologischem Glücksspielen nachweisen (Yakovenko et al. 2015). Eine langfristige Effektivität war nur für die Abstinenzdauer belegt, nicht aber für die Menge an für Glücksspiel ausgegebenem Geld. Daraus lässt sich schließen, dass die Methode des MI größtenteils kurzfristig wirksam ist, wohingegen langfristige Effekte angesichts der wenigen Follow-up-Messungen nicht sicher nachgewiesen werden konnten.

Pharmakotherapie

Glücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)PsychopharmakotherapieEine additive Möglichkeit ist die Behandlung der Glücksspielsucht mit Psychopharmaka. Letztere umfasst vor allem die Gabe von selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) oder Opioidantagonisten. Weitere Studien prüften die Wirksamkeit von Opioidantagonisten, Glutamatagonisten, Antidepressiva, Stimmungsstabilisierern oder atypischen Neuroleptika auf Spielverlangen und Abstinenzdauer (van den Brink 2012). Anhand einer Metaanalyse von 14 randomisierten placebokontrollierten Studien (N = 1.024) konnte gezeigt werden, dass zumindest die Opioidantagonisten einen signifikanten, jedoch im Vergleich zur Kontrollgruppe (Placebo) geringen Mehrwert besitzen (Bartley und Bloch 2013). Somit ließ sich auch hier noch keine eindeutige Wirksamkeit belegen.

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