© 2021 by Elsevier GmbH

Bitte nutzen Sie das untenstehende Formular um uns Kritik, Fragen oder Anregungen zukommen zu lassen.

Willkommen

Mehr Informationen

B978-3-437-23021-9.00020-5

10.1016/B978-3-437-23021-9.00020-5

978-3-437-23021-9

Kinder und Jugendliche

Oliver Bilke-Hentsch

Olaf Reis

  • 20.1

    Einleitung350

  • 20.2

    Früherkennung von Suchtproblemen bei Jugendlichen351

  • 20.3

    Klinische Verlaufsformen und Komorbidität351

  • 20.4

    Diagnostik352

  • 20.5

    Für das Jugendalter besonders relevante Suchtmittel und Verhaltenssüchte353

  • 20.6

    Therapieplanung354

    • 20.6.1

      Grundsätzliches354

    • 20.6.2

      Wahl des Settings355

    • 20.6.3

      Pharmakotherapie356

  • 20.7

    Fazit für die Praxis356

Kernaussagen

  • SuchterkrankungenKinder und Jugendliche siehe AdoleszenzDie Adoleszenz stellt in vielerlei Hinsicht eine vulnerable Phase in der Konsumbiografie dar und sollte daher gesondert diagnostiziert, behandelt und wissenschaftlich untersucht werden.

  • Die Komplexität jugendlicher Suchtproblematiken entsteht durch ihre vielfache Verknüpfung mit Entwicklungsaufgaben dieses Lebensalters.

  • Probleme und Standardtechniken der Früherkennung und Diagnostik von Komorbiditäten werden beschrieben, wobei auf die Therapieplanung besonderer Wert gelegt wird.

  • Auch für Jugendliche existieren unterschiedliche Behandlungssettings, die nach Einzelfall sorgfältig gewählt werden sollten.

Einleitung

Suchtmedizinisch ist das JugendalterJugendalter siehe Adoleszenz von Bedeutung, da in dieser Altersperiode der Umgang mit Suchtmitteln erlernt wird, seien sie stoff- oder nicht stoffgebundener Natur. Häufig werden im Alter zwischen 12 und 20 Jahren nicht nur die ersten Erfahrungen mit unmittelbaren Folgen (Rausch, Kontrollverlust, Kater), sondern auch mit psychosozialen Konsequenzen (Anerkennung vs. Ablehnung durch signifikante Andere, Konflikte mit Institutionen, Bewältigung von Problemen etc.) gemacht. In die „Weichenstellungen der Konsumbiografie“, also die von Jugendlichen getroffenen Entscheidungen, gehen biologische und psychosoziale Aspekte ein, die eng mit Entwicklungsaufgaben des Jugendalters verknüpft sind (Reis 2016).
Am Ende dieser durch die postmoderne Leistungsgesellschaft geprägten Lernphase (Schulte-Markwort 2015) soll der „autonome Konsument“ stehen. Er vermag es, seinen Platz in einer konsumierenden Gesellschaft zu bestimmen, wobei partizipative und gesundheitliche Aspekte zu balancieren sind. In diesen Weg des zunehmend autonomen Lernens sind Fehler und Irrtümer ausdrücklich eingeschlossen (Østergaard 2009).
AdoleszenzSuchtgefährdungDamit ist ein Aspekt der Suchtmedizin bei minderjährigen Patienten herausgestellt: Es ist primäre Aufgabe der Diagnostik, temporäre (entwicklungsinhärente) und anhaltende (potenziell pathologische) Problematiken voneinander zu trennen. Akute schwere Alkoholintoxikationen (sog. „Komasaufen“) z. B. sind überwiegend „mangelnder Erfahrung“ zuzuschreiben (Reis et al. 2009; Groß et al. 2016) und markieren keineswegs den Beginn einer Erkrankung im engeren Sinne.
Als „anhaltend“ soll eine Problematik bezeichnet werden, wenn eine Suchterkrankung noch nicht ausgeprägt ist, die Konstellation von Gebrauch sowie personalen und umweltlichen Risiken jedoch auf eine Suchtgefährdung hinweist. Damit ist die Identifikation einer primären Suchtgefährdung ein Alleinstellungsmerkmal der suchtmedizinischen Arbeit mit minderjährigen Patienten. Insbesondere der frühe Substanzkonsum vor oder zu Beginn der Pubertät (ca. 9. bis 12. Lebensjahr) stellt einen eigenständigen gravierenden Risikofaktor dar, der häufig auf hohe Suchtgefährdung verweist.
Die AdoleszenzAdoleszenzBelohnungslernen ist aus biologischer Perspektive eine besondere Lebensphase. In dieser Zeit muss der Jugendliche eine funktionierende Balance aus vermutlich zwei basalen neuronalen Prozessen erlernen, die seine weitere Konsumbiografie steuern (Khurana et al. 2015). Das Verhältnis von Belohnungsreaktion (reward seeking) und exekutiver Kontrolle entscheidet demnach während der Adoleszenz, ob es beim gelegentlichen Experimentieren bleibt oder ob ein anhaltender Konsum (Progression) folgt. Zu den eher frontal gesteuerten exekutiven Kontrollfunktionen gehören Inhibitionsdefizite oder die Fähigkeit zum Belohnungsaufschub. Diese stehen lebenslang den mesolimbisch markierten Belohnungsreaktionen gegenüber, die während der Adoleszenz verstärkt gelernt werden. Das verstärkte Belohnungslernen ist möglicherweise eine Folge erhöhter Empfindlichkeit der Dopaminrezeptoren (Perreault et al. 2014).
In Deutschland wird seit einigen Jahrzehnten epidemiologisch eine kontinuierliche Abnahme des Drogenkonsums bei Erwachsenen und in der breiteren Jugendbevölkerung verzeichnet. Seit 2004 berichtet der Drogenaffinitätsbericht der BZgA für männliche Jugendliche (12–17 Jahre) eine unregelmäßige Abnahme für Lebens-, Jahres- und Monatsprävalenzen von 2004 bis 2011, danach eine leichte Zunahme (Orth 2016). In der Risikogruppe der regelmäßigen Cannabiskonsumenten ist die Prävalenz nach einem Zwischenhoch von 2012 bis 2014 wieder leicht zurückgegangen (von 2,2 auf 1,1 %), seit 1993 jedoch auf dem Niveau zwischen 1 und 2,6 % stabil. Für weibliche Jugendliche werden leicht steigende Tendenzen für Lebenszeit, Jahres- und Monatsprävalenzen berichtet (2011–2015). Regelmäßige Konsummuster sind seltener als bei Jungen (0,5 %) und verzeichnen ebenfalls einen Rückgang gegenüber einem Hoch in 2014 (1,5 %). Auch hier bleibt der Anteil der regelmäßigen Konsumentinnen über die letzten zwei Jahrzehnte eher konstant zwischen 0,5 und 2,5 % (Orth 2016).
Eine abgegrenzte, in den letzten Jahren erheblich gewachsene Problemgruppe bei Adoleszenten stellt die pathologische Internet- und MediennutzungAdoleszenzpathologischer Internet- und Mediengebrauch dar (Bilke-Hentsch et al. 2014a). Im Gegensatz zu anderen Süchten scheint die ComputerspielInternet- und ComputerspielabhängigkeitKlassifikation- und Internetsucht ein jugendlastiges Phänomen zu sein (Rehbein et al. 2013). Die derzeitige Diagnosepraxis erlaubt eine Codierung im Bereich der Impulskontrollstörungen. Während das pathologische GlücksspielGlücksspielenpathologisches (Glücksspielsucht)Klassifikation nach ICD-10 derzeit in der Kategorie F63.0 codiert wird, erfolgt die klassifikatorische Zuordnung einer Internet-/Computerspielabhängigkeit in der Kategorie F63.8 (sonstige abnorme Gewohnheiten und Störungen der Impulskontrolle). Das DSM-5 hingegen führt die Kategorie der „non-substance related disorders“, worunter unter 312.31 die „gambling disorder“ aufgeführt wird, die der F63.8 entsprechen soll (www.dsm5.org).

Früherkennung von Suchtproblemen bei Jugendlichen

AdoleszenzSuchtproblemeFrüherkennungDie Entwicklung einer Suchtproblematik ist ein komplexes biopsychosoziales Geschehen, das die Konsumenten, ihre Umgebung und deren Interaktion betrifft (Tretter 1998). Darin spielen Risiken aufseiten des Individuums, der konsumierten Substanz und des sozialen Kontextes eine Rolle. Einige Grundmuster zeigen eine frühe Gefährdung und damit die Notwendigkeit einer frühen Intervention an:
  • Früher Beginn des Konsums (vor dem 12. Lebensjahr, ggf. präpubertär)

  • Schnelle Dosissteigerung

  • Zunehmend sozial isolierter Konsum, außerhalb von Peergroups

  • Einnahme von mehr als einer Substanz, wahllos oder gezielt

  • Abrupte und nachhaltige Wechsel der Peergroup

  • Teilnahme an drogenfokussierten Kulturen

  • Gedankliche Fokussierung auf Suchtmittelkonsum

  • Komorbide Problematiken, meist psychischer Natur

  • Frühe Devianz

  • Konsumierende Eltern

  • Funktionalität des Konsums in der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben

AdoleszenzSuchtproblemeRisikofaktorenDas Konzept dieser Risikofaktoren (s. o.) ist für das Gesamtverständnis und die Diagnostik eines individuellen Drogenproblems hilfreich. Die Früherkennungskriterien zeigen im Kern einige diagnostische Kriterien der späteren Suchterkrankung. Temporärer Konsum bei Jugendlichen meint, dass sie über mehrere Tage und intensiv Drogen gebrauchenAdoleszenztemporärer Konsum, dann längere Pausen mit scheinbarer Drogenfreiheit zeigen, um angesichts auslösender Ereignisse oder beim Wechsel in eine riskante Peergroup wieder in die Suchtverhaltensweisen zurückzufallen. Damit werden Beobachtungen über einen längeren Zeitraum, mehrfache Befragungen, die Einbeziehung verschiedener Bezugspersonen oder objektiver Maße (Laborwerte) notwendig.
Der Selbstdarstellung des Jugendlichen ist in dieser frühen Phase ebenfalls Bedeutung beizumessen, denn die Simulations- und Verschleierungstendenzen, die für den ernsthaft Drogenabhängigen typisch sind, finden sich in dieser Phase klinisch weniger ausgeprägt. Den Angaben eines durchschnittlich behandlungsbedürftigen Jugendlichen über Menge, Art der Drogen und Konsummuster kommt eine recht hohe Glaubwürdigkeit zu. Im forensischen Kontext stellt sich dies allerdings häufig anders dar.
Eltern sind ebenso wie bei anderen seelischen Störungen selten verlässliche Informationsquellen, denn vor ihnen wird der beginnende Drogenkonsum entweder sorgfältig versteckt, oder sie sind aufgrund dysfunktionaler Beziehungsmuster ihren Kindern bereits zu fern, um gut über sie Auskunft geben zu können. Eher werden valide Beobachtungen zu Gefährdungen im nahen Umfeld der Jugendlichen gemacht, weshalb andere Quellen (Partner, Freunde, Lehrer, Hausärzte, Trainer) einzubeziehen sind.
Jugendliche greifen häufiger zu leichter verfügbaren Drogen als Erwachsene, da sie meist über weniger Geld und Zugang zum Markt verfügen.
AdoleszenzFunktionalität des KonsumsDie individuelle Funktionalität des Konsums ist für die Beurteilung der Suchtgefährdung, für die Diagnostik und die Interventionsplanung von ausschlaggebender Bedeutung. So ist es ein relevanter Unterschied, ob ein sozial ängstlicher und schüchterner Pubertierender durch einen frühen Drogenkonsum Anschluss an Gleichaltrigengruppen oder an den „Partnermarkt“ sucht oder ob ein traumatisiertes Mädchen seine Flashbacks und Erinnerungen nur mit einem abendlichen Cannabis-Joint ertragen kann. Bei der Beurteilung ist zu beachten, dass die Jugendlichen selbst diese funktionalen Zusammenhänge oft nicht oder nur unzureichend erkennen oder reflektieren.

Resümee

In der Früherkennung von Suchtproblemen soll geprüft werden, ob und in welchem Ausmaß einschlägig bekannte Risiken vorliegen. Hauptaugenmerk sollte auf die individuelle Funktionalität des Konsums gelegt werden.

Klinische Verlaufsformen und Komorbidität

AdoleszenzSuchtproblemeFrüherkennungRegelmäßig erscheinen Jugendliche wegen der unmittelbaren Folgen oder der komorbiden Symptome des Konsums beim Arzt. Die häufige Einbettung der Suchtentwicklung in Komorbidität verlangt nach einer gründlichen Differenzialdiagnostik. Zu beachten sind vor allem Depressionen, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen, soziale Ängstlichkeit oder Schizophrenie und Traumafolgestörungen (Martins und Gorelich 2011). Körperliche Symptomatiken (z. B. Adipositas oder Diabetes) sollten ebenfalls nicht außer Acht gelassen werden, und auch (geistige wie körperliche) Behinderungen können eine Rolle spielen (Reis et al. 2017).
AdoleszenzSuchtproblemepsychische KomorbiditätDie psychischen Komorbiditäten der Sucht sind vielfältig (Essau et al. 2002). Die Art der Assoziation von Suchterkrankung und komorbider Störung ist unterschiedlich. Erstens kann die komorbide Störung der Suchtentwicklung im Sinne der Selbstmedikationshypothese vorausgehen. Zweitens sind Suchterkrankungen geeignet, selbst psychische Erkrankungen auszulösen. Beide Wege können als Entwicklungskontinuum verstanden werden, d. h. als verschiedene Stufen einer Erkrankung („heterotypische Kontinuität“). Drittens können Suchterkrankung und komorbide Störung eine gemeinsame Ursache haben. Neben den erwähnten komorbiden Störungen betrifft dies Angst- und Essstörungen, oppositionelles Trotzverhalten, Störungen des Sozialverhaltens und ADHS (Essau et al. 2002). Ein wesentlicher Mediator scheint zu sein, dass entweder die Suchterkrankung oder die komorbide Störung die Erfüllung einer oder mehrerer alterstypischer Entwicklungsaufgaben unwahrscheinlicher macht. Über diesen und andere Mechanismen verstärken Sucht und komorbide Störung einander und verringern die Erfolgswahrscheinlichkeit von Therapien.
Die chronifizierte Kernsymptomatik ähnelt der bei erwachsenen Patienten, mit einigen jugendtypischen Besonderheiten, die auch für VerhaltenssüchteVerhaltenssüchtejugendtypische Besonderheiten gelten:
  • Langfristiger und deutlicher schulischer und ausbildungsbezogener Interessensverlust

  • Fokussierung auf Beschaffung und Benutzung von Suchtmitteln

  • Nachlassende Wirkung bei gleicher Dosis

  • Regelmäßige Dosissteigerung und teils wahllose Kombinationen

  • Bei Absetzen oder längeren Pausen Entzugserscheinungen

  • Regelmäßiges zwanghaftes Denken an das Suchtmittel und seine positive Wirkung und an die entsprechenden sozialen Situationen des Konsums

SuchtSuchtKriminogenität wirkt daneben auch kriminogen, weshalb derartige Folgen bedacht werden sollten. Reyes et al. (2012) beschreiben für Jugendliche, sobald sie konsumiert haben, ein erhöhtes Risiko, Opfer oder Täter in einer Sexualstraftat („dating aggression“Dating Aggression) zu werden. Insbesondere Alkohol ist als Risikodroge für beide Geschlechter bekannt. THC hat dagegen keine zeitnahen Effekte, allerdings zeitübergreifende: Konsumierende Mädchen waren häufiger Opfer. Harte Drogen wiederum sind mit „dating aggression“ assoziiert, allerdings nur bei Jungen.
Die häufigste Folge des Gebrauchs illegaler Drogen jedoch sind Schulprobleme. Viele dieser Probleme sind wiederum schlecht vom „Umgang mit falschen Freunden“ zu trennen (Brière et al. 2014).

Resümee

Komorbide Problematiken sind für die Entstehung einer Sucht und ihre Chronifizierung sowie für die Therapierbarkeit und Rückfallprognose von hoher Bedeutung.

Diagnostik

AdoleszenzSuchtproblememultimodale DiagnostikAuch die Diagnosekriterien für Jugendliche orientieren sich an der ICD-10 oder am DSM-5. Anders als bei Erwachsenen bleiben die einzelnen Symptome weniger stabil, weshalb nicht Symptome zu addieren oder zu sammeln sind, sondern der Patient und seine Familie in ihrer Gesamtsituation und Entwicklung verstanden werden sollten.
Grundlage jeder Intervention in der Kinder- und Jugendpsychiatrie ist eine sorgfältige MehrebenendiagnostikMehrebenendiagnostik siehe Multiaxiales Klassifikationsschema (MAS) (sog. MAS) nach der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-10).
Mehrfache Anamnesegespräche und Fragebögen helfen, die Symptomatik einzugrenzen. Dabei sollte möglichst interdisziplinär vorgegangen werden, da weder biologisch-medizinische noch soziale Faktoren allein im Vordergrund stehen. Im Rahmen dieser ganzheitlichen Sicht ist die Entwicklungsbehinderung abzuschätzen, womit die eingeschränkte Fähigkeit des Patienten gemeint ist, seine alterstypischen EntwicklungsaufgabenAdoleszenzEntwicklungsaufgaben angemessen zu bewältigen. Auch der adäquate Umgang mit Drogen stellt eine Entwicklungsaufgabe dar, deren Bewältigung jedoch anderen nachgeordnet ist. Die Priorisierung von Entwicklungsaufgaben wie dem Abschluss einer Ausbildung, dem Aufbau tragfähiger Beziehungen zu Gleichaltrigen und Eltern oder dem Erhalt der Gesundheit ist daher oft Teil der Intervention. Die inadäquate Bewältigung von Entwicklungsaufgaben kann bereits bei geringen Drogenmengen und unregelmäßigem Konsum zu erheblichen sozialen Konsequenzen führen. Die oft erhobenen quantitativen Maße des „Wie viel“ und „Wie stark“ sind also zu ergänzen durch die Fragen des „Warum“, „Wann“, „Wo“ und vor allem „Mit welcher Folge“.

Merke

Die mehrfache Erfassung der Symptomatik und die Eigen-, Familien- und genaue Drogenanamnese bilden die Basis jeglicher Diagnostik. Hinzu kommt die genaue Einschätzung der sozialen und biologischen Folgen des Suchtmittelkonsums. Hierfür haben sich Fragebögen wie der CRAFFT-d (Tossmann et al. 2009) bewährt, sodass das persönliche Gespräch sich den interaktionellen, schulischen und Leistungsproblemen zuwenden kann und nicht die Details von Drogenmengen, Beschaffung etc. in den Vordergrund stellt.

Urinkontrollen können die Diagnostik ergänzen, auch wenn sie eher der Überprüfung des Einhaltens von Abstinenz und anderen Therapiezielen dienen. Die Haaranalyse ist für gerichtliche Zwecke z. T. angezeigt, hat für den praktischen Alltag aber meist untergeordnete Bedeutung. Ergänzt werden Anamnese und Labordiagnostik durch eine sorgfältige körperliche Untersuchung, da Jugendliche körperliche Erkrankungen häufig verschweigen und nicht regelmäßig zum Kinder- oder Hausarzt gehen. Erst die Suchtproblematik verweist dann auf andere körperliche Auffälligkeiten. Darüber hinaus gibt es Empfindlichkeiten und Empfänglichkeiten für Komplikationen von Suchtmitteln, sodass hier weiterer Diagnosebedarf besteht. Dabei ist an Allergien und Überempfindlichkeiten oder an verschleierte Erkrankungen (z. B. Urogenitalerkrankungen), sexuell übertragbare Krankheiten oder häufig an Asthma zu denken, z. B. im Zusammenhang mit Cannabiskonsum. Bildgebende Verfahren wie CT oder MRT, EEG- und andere apparative Untersuchungen sowie spezielle Labortests stehen im Hintergrund. Sie werden bei einer spezifischen Verdachtsdiagnose eingesetzt, etwa wenn es um die Diagnostik von Psychosen oder möglichen parallel bestehenden neurologischen Erkrankungen geht.

Merke

Entscheidend für die Diagnostik bei Jugendlichen ist zunächst der Zugang zum Klienten selbst. Häufig liegt die Motivation für den Erstkontakt mit dem Helfersystem nicht bei den Jugendlichen selbst, sondern bei „signifikanten Anderen“. Der Einbezug solcher Kontaktpersonen oder „Vermittler“ ist noch wichtiger als in der Erwachsenenarbeit (Reis 2012).

Tritt ein für suchtkranke TabakabhängigkeitJugendlicheJugendliche typisches Verschleierungs- und Dissimulationsverhalten hinzu, entstehen ungünstige interaktionelle Schleifen und Therapieabbrüche. Diese resultieren häufig daraus, dass der Therapeut und Berater dem Jugendlichen aufgrund seiner scheinbaren sprachlichen und sozialen Kompetenz mehr Gestaltungsmöglichkeit und Motivation einräumt, als dieser aufgrund der Drogenproblematik realisieren kann.
Zur umfassenden multimodalen Diagnostik gehört neben der Abklärung der psychiatrischen Erkrankung, des Suchtstatus und körperlicher Erkrankungen auch die Berücksichtigung anderer Risiken, etwa von Teilleistungsstörungen wie Lese-Rechtschreib-Schwäche und Rechenschwäche und allgemeines Intelligenzprofil. Sowohl Teilleistungsstörungen als auch Intelligenzminderungen erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer inadäquaten Bewältigung von EntwicklungsaufgabenAdoleszenzEntwicklungsaufgaben. Hinsichtlich der allgemeinen Intelligenz sollte ein besonderes Augenmerk auf diskrepante Intelligenzprofile gelegt werden. Dies bedeutet für den Jugendlichen in seiner Interaktion z. B., dass sprachliche Auseinandersetzung und soziale Planung scheinbar gut gelingen, die praktische Umsetzung aber scheitert.
Dieses Prozedere entspricht den üblichen Vorgehensweisen bei psychischen Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter im Sinne des multiaxialen Klassifikationsschemas (Remschmidt et al. 2012), dessen Anwendung auch und gerade für den Suchtbereich anzuraten ist (Box 20.1).

Box 20.1

Multiaxiales Klassifikationsschema (MAS) seelischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter

Multiaxiales Klassifikationsschema seelischer Erkrankungen (MAS) Adoleszenz Suchtprobleme multiaxiales Klassifikationsschema (MAS)
  • Achse 1: Psychiatrische Störung (Suchtdiagnose, komorbide Störung)

  • Achse 2: Teilleistungsstörungen

  • Achse 3: Intelligenzprofil

  • Achse 4: Körperliche Erkrankungen

  • Achse 5: Abnorme psychosoziale Umstände

  • Achse 6: Schweregrad

Für jede Achse sollte dabei der funktionale oder ggf. kausale Zusammenhang mit einer Suchterkrankung herausgearbeitet werden. Häufig stehen bei suchtkranken Kindern und Jugendlichen akute soziale, schulische oder medizinische Probleme im Vordergrund, die einerseits bewältigt werden müssen, andererseits nicht von einer langfristigen Prozessdiagnostik ablenken sollten.
Des Weiteren interessieren vor allem im Hinblick auf schulische oder Ausbildungsfragen neuropsychologische Funktionen, auch hier in der Regel erst nach einem alkohol- bzw. drogenfreien Intervall.
AdoleszenzSuchtproblemetestpsychologische DiagnostikDie testpsychologische Diagnostik unterstützt den klinischen Befund und hat besondere Bedeutung bei Komorbidität. Für das Screening auf psychiatrische Komorbiditäten kommen Standardfragebögen für Eltern/Lehrer zum Einsatz. Ebenso Teil der MAS-Diagnostik ist die Bestimmung des Intelligenzniveaus; bei entsprechenden Hinweisen empfiehlt sich auch Testdiagnostik bezüglich Teilleistungsstörungen der Sprache und/oder der schulischen Fertigkeiten. Bei allen Testungen sollte der aktuelle Suchtstatus beachtet werden, da Einbußen in der Intelligenzleistung durch sowohl akuten als auch etwas zurückliegenden Gebrauch oder durch Entzugssymptome verursacht werden können.

Resümee

Die Diagnostik einer Suchtstörung sollte strukturiert (MAS), möglichst längsschnittlich und unter Einbezug mehrerer Quellen durchgeführt werden.

Für das Jugendalter besonders relevante Suchtmittel und Verhaltenssüchte

AdoleszenzSuchtmittelDie legal erhältlichen Suchtmittel wie Nikotin und Alkohol (je nach AltersstufeAlkohol(abhängigkeit/-missbrauch)Jugendliche) stellen neben CannabisCannabis/CannabinoideAbhängigkeit/MissbrauchJugendliche die relevantesten Suchtmittel bei Jugendlichen dar, gefolgt von AmphetaminenAmphetamin(abhängigkeit/-missbrauch)Jugendliche und anderen „Partydrogen“. Mit den Spezifika der Substanzen und den jeweiligen therapeutischen Ansätzen befassen sich die substanzbezogenen Kapitel eingehend. Adoleszenzpathologischer Internet- und MediengebrauchVerhaltenssüchtejugendtypische BesonderheitenSeit etwa 2005 ist zu den klassischen Abhängigkeitserkrankungen als jugendtypisches Phänomen die suchtartige Verwendung von internetbasierten Spielen, sozialen Medien und anderen elektronisch-interaktiv vermittelten Verhaltensweisen hinzugetreten (Kap. 15). Dieses Gebiet entwickelt sich sehr dynamisch und bedarf deshalb verstärkter Aufmerksamkeit.
Im Rahmen einer grundsätzlichen inhaltlichen Konzeptualisierung wurden folgende Diagnosekriterien zur Erfassung einer InternetabhängigkeitInternet- und ComputerabhängigkeitDiagnosekriterienInternet- und ComputerabhängigkeitKinder und Jugendliche vorgeschlagen (Übersicht bei Bilke-Hentsch et al. 2014a):
  • Verlust der Kontrolle über Nutzungszeit und Nutzungsdauer des Internet bzw. Computerspiels

  • Auftreten von Entzugserscheinungen, wenn das Medium nicht genutzt werden kann oder von relevanten Bezugspersonen reglementiert wird

  • Toleranzentwicklung

  • Aufrechterhaltung des Verhaltens trotz des Wissens um die schädlichen Konsequenzen

Analog stellen Meerkerk et al. (2009) mit dem Konzept des Compulsive Internet Use (CIUS)Compulsive Internet Use (CIUS) einen theoretischen Rahmen zur Verfügung, der die problematische Nutzung nicht direkt mit dem jeweiligen Nutzungsinhalt in Verbindung bringt, sondern vielmehr mit dem Vorliegen eines exzessiven bzw. abhängigen Verhaltens. Ein CIUS sollte sich in fünf charakteristischen Bereichen widerspiegeln (Meerkerk et al. 2009):
  • 1.

    Der Internetgebrauch wird trotz der Absicht, ihn zu beenden, fortgesetzt.

  • 2.

    Internetgebrauch dominiert das Verhalten und Denken.

  • 3.

    Die Betroffenen erleben unangenehme emotionale Zustände, wenn sie das Internet nicht nutzen können.

  • 4.

    Das Internet wird genutzt, um negative emotionale Zustände zu mildern.

  • 5.

    Die Internetnutzung führt zu intra- oder interpersonellen Konflikten.

Im Gegensatz zu stoffgebundenen Süchten, bei denen z. B. Pharmakologie und Toxikologie der Substanzen bekannt sind, wurden für den Bereich der internetassoziierten Verhaltenssüchte derartige Kategoriensysteme erst nach und nach entwickelt. Diese beziehen sich u. a. auf Spieletypen, wie sie die Spieleindustrie selbst oder Landesmedienanstalten vorschlagen, und auf mediensoziologisch ermittelte Nutzertypen oder andere Parameter. VerhaltenssüchteInternet- und ComputerabhängigkeitDie folgende Einteilung hat sich in der Praxis bewährt (modifiziert nach Young 1999):
  • Pathologisches Online-Sexverhalten und Online-Pornografie

  • Pathologisches Chatten, E-Mail-/SMS-, MMS-Schicken, Benutzung von Messenger-Diensten („WhatsApp“)

  • Pathologisches Online-Rollenspiel (z. B. MMPORGs)

  • Pathologisches Online-Glücksspiel

  • Pathologisches Computerspielen mit Spielen hoch aggressiven und destruktiven Inhalts (sog. Ego-Shooter-Spiele)

  • Pathologisches E-Mail-Checking und zwanghaftes Recherchieren im Internet

  • Pathologisches Kaufen und Ersteigern

  • Multiple Medienabhängigkeit

Andere stoffungebundeneSuchtstoffungebundene siehe Verhaltenssüchte oder Verhaltenssüchte, die in den letzten Jahren als eigenständige Suchtbereiche diskutiert wurden (Kauf-, Sport-, Arbeits-, Sexsucht), sind hinsichtlich der diagnostischen Kriterien und vor allem im Hinblick auf einen evidenzbasierten therapeutischen Zugang noch in der Entwicklung (s. hierzu Bilke-Hentsch et al. 2014b).

Resümee

Neben Alkohol, Nikotin und Cannabis nehmen medienabhängige Süchte an Bedeutung zu. Auch in der Diagnostik der stoffungebundenen Süchte sollte zentral auf die Funktionalität abgehoben werden.

Therapieplanung

Grundsätzliches

AdoleszenzSuchtproblemeTherapieplanungAuf dem Boden der individuellen Risikokonstellation in der Vorgeschichte, des aktuellen Suchtverhaltens und der entlang des MAS diagnostizierten Auffälligkeiten und Erkrankungen ist insbesondere bei schweren Suchterkrankungen ein langfristiger, Rückschritte mit einbeziehender Therapieplan anhand der AWMF-Leitlinien unumgänglich.
Auch hierin ähnelt die Arbeit mit suchtkranken Minderjährigen in weiten Teilen der mit Erwachsenen. Wie bei Letzteren beginnt der interventive Verlauf mit der Diagnostik und nicht selten mit einer Akutintervention. Daran schließt sich die spezifische Therapie der Sucht und der Begleiterkrankungen an. Im Gegensatz zu Erwachsenen ist bei Kindern und Jugendlichen stets der sogenannte qualifizierte Entzug indiziert (AdoleszenzSuchtproblemequalifizierter EntzugThomasius et al. 2016).

Merke

Qualifizierter Entzug

„Qualifizierter Entzug“ meint, dass diese Interventionsphase komplexe, der Qualifizierter Entzug, Kinder und JugendlicheJugendlichkeit der Patienten angemessene Interventionen beinhalten soll, die über das Maß der Interventionen bei Erwachsenen hinausgehen. Dies betrifft den Einbezug sozial- und familientherapeutischer Maßnahmen, die Therapie von (oftmals) psychiatrischen Primärstörungen, die beständige Motivationsarbeit und die Lebensweltorientierung. Die individuelle Funktionalität des Konsums ist zentral. Ohne eine integrierte klinische Sozialarbeit und Sozialpädagogik bleiben Entgiftungsmaßnahmen, rein psychiatrisch-medizinisch orientierte Kriseninterventionen und allgemeine Psychoedukation wirkungslos. In einer späteren Phase werden Jugendliche innerhalb langfristiger Maßnahmen in den Alltag reintegriert, was alle Umwelten (schulische, soziale Kontakte, Gesundheit, Familie etc.) betreffen kann.
Suchtmedizinische Interventionen bestehen daher zu einem großen Teil aus regionaler Netzwerkarbeit. In der Praxis haben sich enge Kooperationen mit dem Kinder- oder Hausarzt bewährt. Auch nichtmedizinische Partner wie „Drogenlehrer“ oder Berater sind bedeutsam. Diese Partnerschaften sind in der Realität umso funktionaler, je stärker die kooperierenden Personen oder Einrichtungen dem Themenbereich gegenüber aufgeschlossen sind und/oder normative Vorgaben bestehen, etwa seitens der Schul- oder Gesundheitsbehörden.
AdoleszenzSuchtproblemeBehandlungsgrundsätzeGrundsätze der Behandlung von jugendlichen Patienten mit einer Substanzkonsumstörung sind (s. grundlegend AACAP 2005 sowie aktuelle AWMF-Leitlinien):
  • Primäres Behandlungsziel bei psychisch kranken Jugendlichen ist das Erreichen von AbstinenzAbstinenzJugendlicheAdoleszenzSuchtproblemeTherapieziele. Vertretbare Zwischenziele können im Einzelfall jedoch sein: Verringerung des Substanzkonsums und der sich daraus ergebenden negativen Folgen, Verringerung der Rückfallhäufigkeit und -schwere, Verbesserung des Funktionsniveaus des Jugendlichen.

  • Die Festlegung von Zielen sollte in enger Abstimmung mit dem Patienten, aber auch anderen betroffenen Personen und Institutionen, etwa dem Jugendamt, erfolgen.

  • Die Patienten sollen Problemeinsicht und die Motivation zu einer weiterführenden Behandlung erlangen.

  • Hohe Eigenmotivation ist wünschenswert, aber keine Voraussetzung für die Effektivität einer Behandlung; auch Sanktionen durch wichtige Bezugspersonen oder institutionelle Auflagen können den Behandlungserfolg verbessern.

  • Maßnahmen zur Verminderung der Abbruchwahrscheinlichkeit sollten eingeführt werden.

  • Die Jugendlichen benötigen bei jedem Therapieschritt Klarheit über die weitere Entwicklung, verlässliche Zusagen und transparente Kommunikation der Hilfeanbieter.

  • Verhaltensorientierte Interventionen sind unverzichtbare Komponenten jedes Behandlungsprogramms.

  • Familientherapeutische Interventionen sind ein außerordentlich wichtiger Bestandteil der Behandlung von substanzabhängigen Patienten (Kap. 20.6.2).

  • Die Wirksamkeit der Behandlung muss wiederholt durch objektive Befunde, in der Regel mittels Urinkontrollen und Bestimmung der Medikamentenspiegel im Sinne eines therapeutischen Drug-Monitorings, überprüft werden. Im Vorfeld sind im Rahmen der Entwicklung des Behandlungsplans verbindliche Absprachen darüber zu treffen, welche Konsequenzen ein positiver Testbefund nach sich zieht.

  • Die Zusammenarbeit mit sozialen Diensten, Schule und Jugendamt ist zur Entwicklung weiterer Lebensperspektiven für den Jugendlichen von hoher Bedeutung.

  • Das Erreichen dauerhafter Abstinenz ist an den Aufbau eines substanzfreien Lebensstils mit Beziehungen zu prosozialen abstinenten Jugendlichen und der Entwicklung geeigneter alternativer Freizeitaktivitäten gebunden.

  • Komorbide Störungen werden in ihrer Bedeutung für das Suchtgeschehen diagnostiziert und behandelt, nicht selten gleichzeitig mit der Sucht.

  • Die Indikation von Anschluss- oder längerfristigen Maßnahmen ist zu überprüfen, ggf. werden diese dann eingeleitet.

AdoleszenzSuchtproblemeNachbehandlungEinmal erreichte Behandlungserfolge sollten durch Nachbehandlungen stabilisiert werden. Die Rückfallwahrscheinlichkeit ist innerhalb der ersten 3 Monate nach stationärer Behandlung am größten. Jugendliche mit komorbiden psychiatrischen Störungen, hoher psychosozialer Belastung, geringem Interesse an Schule bzw. Beruf, geringen sozialen Fertigkeiten und wenig aktiver Freizeitgestaltung und Jugendliche, die in einer devianten Freundesgruppe verbleiben oder bei denen keine Nachbehandlung erfolgt, sind am stärksten rückfallgefährdet. Deshalb sollte im Rahmen der Behandlung ein kontinuierlicher Übergang des Patienten in die multimodale Nachbehandlung sichergestellt werden.

Merke

Der netzwerkorientierte Einbezug „signifikanter Anderer“ in Nachsorge und Rückfallprophylaxe, seien es drogenfreie Freunde, Lehrer oder sorgeberechtigte Erwachsene, kann die Effektivität der Intervention verbessern.

Wahl des Settings

AdoleszenzSuchtproblemeBehandlungssettingGrundsätzlich ist bei Suchterkrankungen Minderjähriger gemäß den wissenschaftlichen Leitlinien das am wenigsten einschränkende Setting zu wählen. Danach sind ambulante Therapien den teilstationären und stationären Maßnahmen vorzuziehen. In praxi werden Suchterkrankungen bei Kindern und Jugendlichen oft erst in einem späteren Verlaufsstadium entdeckt, sodass ambulante Maßnahmen nur bei hoher Frequenz und hoher Flexibilität zum Einsatz kommen können. Teilstationäre Ansätze bei dieser Patientengruppe sind zumindest in den deutschsprachigen Ländern wenig üblich und kaum erforscht (Ausnahme: UKE Hamburg), weshalb der Hauptteil der akuten Versorgung im stationären Bereich liegt.
Das (ambulante oder stationäre) Behandlungsteam sollte sich frühzeitig die Gesamtperspektive des Patienten bzw. Klienten vor Augen führen.
Geht es um das übergeordnete Therapieziel der absoluten Abstinenz wie bei jungen Heroinabhängigen, jungen schwer Kokainabhängigen, schizophren erkrankten Cannabisnutzern oder adoleszenten Alkoholkranken, so unterscheidet sich der Therapieplanungsprozess grundsätzlich von den Klienten, bei denen der abhängige Drogenkonsum als Teil einer psychiatrischen Gesamtthematik gesehen werden kann und daher vorübergehenden oder sekundären Charakter hat. Für diese zweite Patientengruppe sind Ansätze wie „safer use“ oder „harm reduction“ zu diskutieren. Dabei ist frühzeitig der Nikotinkonsum, der teilweise als Ersatzdroge fungiert, zu thematisieren. Hier empfiehlt es sich, Wichtigkeiten und Prioritäten der Abstinenzstufen sowohl für das Behandlungsteam als auch für den Klienten und seine Familie darzulegen.
Nach der Erfassung der schulischen Vorgeschichte und der aktuellen Leistungsfähigkeit sollte die Therapieplanung von Anfang an auf schulische und berufliche Rehabilitation und Integration abzielen. Sekundärziele wie etwa eine optimale Passung in eine Therapie-WG oder „aufarbeitende“ familientherapeutische Gespräche sollten nicht zu scheinbaren Hauptzielen erklärt werden. Damit verlangt die Therapieplanung nach konstantem Abstimmungsbedarf und Korrekturen (Box 20.2).

Box 20.2

Spezifische Aufgaben des Therapeuten bei suchtkranken Kindern und Jugendlichen

Adoleszenz Suchtprobleme Therapeutenaufgaben
  • Lebensweltnahe Beratung (online und offline)

  • Realistische Therapieplanung entlang pragmatischer Ziele

  • Regionaler und virtueller Peergroup-Bezug

  • Vorbildfunktion qua Alter und prosozialer Orientierung

  • Salutogenetischer und ressourcenorientierter Grundansatz

  • Kenntnis des gesellschaftlichen und schulischen Wandels

  • Hilfe bei psychosozialen Übergängen und Transitionsphasen

Mögliche strafrechtliche Vorwürfe oder laufende Verfahren gegen Jugendliche oder Mitglieder der Peergroup sind häufig ebenso zu berücksichtigen wie Schulden und finanzielle Abhängigkeitssituationen. Beides sind Themenbereiche, die bei der Diagnostik leicht vernachlässigt werden und später den Therapieverlauf erheblich beeinflussen.
Genau wie bei der Symptomerhebung und der Diagnostik hat sich also der Planer von Therapieprozessen mit einem pragmatischen diagnostischen Misstrauen stets selbst zu fragen, ob wirklich alle relevanten Einflussgrößen erfasst und bewertet worden sind. Suchtkranke Jugendliche überraschen die Therapeuten und Sozialpädagogen immer wieder, auch mit ungeahnten Ressourcen, die es dann gezielt zu fördern gilt.
Im Einzelfall ist die Therapieplanung im Sinne einer personalisierten Behandlung individuell vorzubereiten und abzustimmen. Dabei bedient sie sich typischer Bausteine aus anderen Therapieansätzen wie der Gruppentherapie, der Pharmakotherapie, der Familientherapie und anderer Methoden. Insbesondere erlebnisorientierte Therapieformen, in denen Jugendliche etwa zu naturnahem, kooperativem und selbstwertstärkendem Verhalten angeregt werden, finden zunehmend Beachtung und wurden als Therapieoption für die S3-Leitlinie „Alkohol“ konsentiert (s. AWMF-Register Nr. 076-001). AdoleszenzSuchtproblemefamilienzentrierte InterventionenFamilienzentrierte Interventionen werden, ob in der Therapie oder der Prävention, grundsätzlich empfohlen. Die Metaanalyse von Vermeulen-Smit et al. (2015) stellt heraus, dass universelle Ansätze besser funktionieren als selektive oder indizierte und dass Interventionen bei Marihuana effektiver sind als bei anderen illegalen Drogen. In den letzten Jahren haben sich für die Therapie insbesondere schwerer Verlaufsformen Verfahren durchgesetzt, die neben der Familie auch andere Bereiche des Alltags umfassen. Beispielgebend sei hier die mehrdimensionale Familientherapie (MDFT)Mehrdimensionale Familientherapie (MDFT) aufgeführt (Gantner 2016), in der sich die Interventionen nicht nur auf den Jugendlichen selbst, sondern auch auf seine unmittelbare Umgebung (Freunde, Schule) richten. Derartige Mehr-Ebenen-Verfahren sind kosten- und arbeitsintensiv und sollten vor allem in Fällen mit hohem Interventionsbedarf angewandt werden.

Pharmakotherapie

AdoleszenzSuchtproblemePharmakotherapieGrundsätzlich ähnelt die symptomorientierte Pharmakotherapie bei suchtkranken Jugendlichen der bei Erwachsenen. Akzeptanz und Kooperation sind ein wichtiges und problematisches Thema bei Jugendlichen. Die Erarbeitung einer langfristigen Compliance steht vor kurzfristigen Anfangserfolgen. Bei chronifizierten Cannabisabhängigen sind ggf. die neueren Antipsychotika erst nach Wochen der Behandlung optimal einzusetzen, wenn die dem THC eigene Wirkung abgeklungen ist.
In der Anfangsphase sind mehrere eingehende Gespräche über die Notwendigkeit einer Pharmakotherapie zu führen, ist die Dosis nach klinischem Bild anzupassen und eine häufige grundsätzliche Skepsis gegenüber „Chemie“ abzubauen. Man muss stets bedenken, dass ein Teil der z. B. schizophren erkrankten KlientenCannabis/CannabinoideAbhängigkeit/MissbrauchADHS-Patienten oder auch der Patienten mit ADHS z. B. CannabisCannabis/CannabinoideAbhängigkeit/Missbrauchschizophren Erkrankte als „Selbstmedikation“ für sich gefunden hat und nur mühsam Abschied von dieser scheinbaren Lösung findet.
Auch beim drogenkonsumierenden Jugendlichen ist der primäre Einsatz atypischer Antipsychotika zur Behandlung psychotischer Symptome gemäß den aktuellen Leitlinien indiziert. In praxi kommen am häufigsten Substanzen wie Olanzapin, Risperidon und Quetiapin zum Einsatz, oft unterstützt durch die klassischen niederpotenten Neuroleptika wie Pipamperon oder Chlorprothixen. Aripiprazol gewinnt klinisch zunehmend Eingang in die Behandlung, besonders bei ausgeprägtem „amotivationalem Syndrom“ und Minussymptomatik.
Die (Weiter-)Behandlung eines ADHS stellt im Kontext von Suchterkrankungen eine besondere Herausforderung dar. Hier ist die Kosten-Nutzen-Gefahren-Abwägung in mehreren Therapieschritten je nach Entwicklungsphase und Anforderung (Entzug – Entgiftung – Reintegration in die Arbeitswelt) mehrfach durchzuführen.
Eine signifikante Entzugssymptomatik im Jugendalter – die überwiegend beim Konsum illegaler Drogen, nur selten bei überhöhtem Alkoholkonsum auftritt – sollte in ähnlicher Weise wie bei Erwachsenen (Kap. 7) behandelt werden. Eine medikamentöse Verminderung der Entzugssymptomatik stellt bei jugendlichen Patienten, insbesondere bei Psychotikern, keine Ultima Ratio, sondern eine Behandlung lege artis dar.

Resümee

In der Behandlung von Suchterkrankungen bei Kindern und Jugendlichen finden auch Psychopharmaka ihre Anwendung.

Fazit für die Praxis

Diagnostik, Therapie und Rehabilitation von Kindern und Jugendlichen mit Suchtproblemen sind exemplarische Kooperationsfelder verschiedener Disziplinen. Sie können durch gemeinsame Anstrengung der unterschiedlichen Professionen adäquat entwickelt und verbessert werden. In Zukunft sollte die lokale und überregionale interdisziplinäre Vernetzung weiter intensiv gefördert werden (Bilke-Hentsch 2012). Wechselseitige Kooperationen, Zusammenarbeit der zuständigen Behörden und gemeinsame Fort- und Weiterbildungen sollten institutionalisiert werden (Gahleitner et al. 2013). Gegenseitige Wertschätzung der beteiligten Berufe sollten ebenso selbstverständlich sein wie ihre definierten Verantwortungen und komplementären Aufgaben.
Damit erweitert sich die suchtmedizinische Betreuung von Jugendlichen um Aspekte der indizierten Prävention, der Früherkennung sozialer und seelischer Störungen und der Einbettung des Suchtgeschehens in den Kontext jugendspezifischer Entwicklungsaufgaben. Auch klassische Aufgabenfelder wie die Therapie- und Beratungsplanung mit Konzentration auf Rückfallprophylaxe und soziale Integration bedürfen einer jugendspezifischen entwicklungspsychiatrischen Ausformung.

Literatur

AACAP Official Action, 2005

AACAP Official Action Practice parameter for the assessment and treatment of children and adolescents with substance use disorders JAACAP 44 2005 609 621

AWMF-Leitlinien

AWMF-Leitlinien www.awmf.org/leitlinien.html

Bilke-Hentsch, 2012

O. Bilke-Hentsch Suchterkrankungen bei Kindern und Jugendlichen M. Schmid M. Tetzer K. Rensch S. Schlüter-Müller Psychiatriebezogene Sozialarbeit 2012 Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 212 221

Bilke-Hentsch et al., 2014a

O. Bilke-Hentsch A. Aden T. Lemenager Pathologischer Internet- und Medienkonsum bei Kindern und Jugendlichen psychup2date 5 2014 309 324

Bilke-Hentsch et al., 2014b

O. Bilke-Hentsch A. Batra K. Wölfling Praxisbuch Verhaltenssucht 2014 Thieme Stuttgart

Brière et al., 2014

F.N. Brière J.S. Fallu J. Morizot M. Janosz Adolescent illicit drug use and subsequent academic and psychosocial adjustment: an examination of socially-mediated pathways Drug Alcohol Depend 135 2014 45 51

Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie and (Hrsg.) (, 2006

Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie Leitlinien zu Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen im Säuglings-, Kindes- und Jugendalter 2006 Deutscher Ärzte-Verlag Köln

Essau et al., 2002

C.A. Essau H. Stigler J. Scheipl Epidemiology and co-morbidity C.A. Essau Substance Abuse and Dependence in Adolescence 2002 Brunner-Routledge London 63 85

Gahleitner et al., 2013

S. Gahleitner K. Wahlen O. Bilke-Hentsch D. Hillenbrand Biopsychosoziale Diagnostik in der Kinder- und Jugendhilfe 2013 Kohlhammer Stuttgart

Gantner, 2016

A. Gantner Multidimensionale Familientherapie A. Batra O. Bilke-Hentsch Praxisbuch Sucht 2016 Thieme Stuttgart 74 84

Groß et al., 2016

C. Groß L. Kraus D. Piontek and the RISCA-Group Prediction of long-term outcomes in young adults with a history of adolescent alcohol-related hospitalization Alcohol Alcohol 51 1 2016 47 53

Khurana et al., 2015

A. Khurana D. Romer L.M. Betancourt Experimentation versus progression in adolescent drug use: a test of an emerging neurobehavioral imbalance model Dev Psychopathol 27 2015 901 913

Martins and Gorelick, 2011

S.S. Martins D.A. Gorelick Conditional substance abuse and dependence by diagnosis of mood or anxiety or schizophrenia in the U.S. population Drug Alcohol Depend 119 2011 28 36

Meerkerk et al., 2009

G.J. Meerkerk R. van den Eijnden A.A. Vermulst H.F.L. Garretsen The Compulsive Internet Use Scale (CIUS): some psychometric properties Cyberpsychol Behav Soc Netw 12 2009 1 6

Orth, 2016

B. Orth Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland 2015. Rauchen, Alkoholkonsum und Konsum illegaler Drogen: aktuelle Verbreitung und Trends. BZgA-Forschungsbericht 2016 Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Köln

Østergaard, 2009

J. Østergaard Learning to become an alcohol user: adolescents taking risks and parents living with uncertainty Addiction Res 17 2009 30 53

Perreault et al., 2014

M.L. Perreault B.F. O'Dowd S.R. George Dopamine D1-D2 receptor heteromer regulates signaling cascades involved in addiction: potential relevance to adolescent drug susceptibility Dev Neurosci-Basel 36 2014 287 296

Rehbein et al., 2013

F. Rehbein T. Mößle N. Arnaud H.J. Rumpf Computerspiel- und Internetsucht. Der aktuelle Forschungsstand Nervenarzt 84 2013 569 575

Reis, 2012

O. Reis Offene MomenteZur Effektivität und Individualisierung indizierter Suchtprävention. Forum für Kinder- und Jugendpsychiatrie Psychosomatik und Psychotherapie 4 2012 7 24

Reis, 2016

O. Reis Risiko- und Schutzfaktoren der Suchtentwicklung, entwicklungsdynamische Aspekte A. Batra O. Bilke-Hentsch Praxisbuch Sucht 2016 Thieme Stuttgart 8 15

Reis et al., 2009

O. Reis M. Pape F. Häßler Ergebnisse eines Projektes zur kombinierten Prävention jugendlichen Rauschtrinkens Sucht 55 2009 347 356

Reis et al., 2017

O. Reis B. Wetzel F. Häßler Mild or borderline intellectual disability as a risk for alcohol consumption in adolescentsA matched-pair study Res Dev Disabil 63 2017 132 141

Remschmidt et al., 2012

H. Remschmidt M. Schmidt F. Poustka Multiaxiales Klassifikationsschema für psychische Störungen des Kinder- und Jugendalters nach ICD-10 der WHO – Mit einem synoptischen Vergleich von ICD-10 und DSM-IV 2012 Huber Bern

Reyes et al., 2012

H.L. Reyes V.A. Foshee D.J. Bauer S.T. Ennett Developmental associations between adolescent alcohol use and dating aggression J Res Adolesc 22 2012 526 541

Schulte-Markwort, 2015

M. Schulte-Markwort burn out kids 2015 Pattloch München

Thomasius et al., 2016

R. Thomasius E. Thoms P. Melchers Anforderungen an die qualifizierte Entzugsbehandlung bei Kindern und Jugendlichen Sucht 62 2016 107 111

Tossmann et al., 2009

H.P. Tossmann L. Kasten P. Lang E. Strüber Bestimmung der konkurrenten Validität des CRAFFT-d. Ein Screeninginstrument für problematischen Alkoholkonsum bei Jugendlichen Z Kinder Jugendpsychiatr Psychother 37 2009 451 459

Tretter, 1998

F. Tretter Ökologie der Sucht 1998 Hogrefe Göttingen

Vermeulen-Smit et al., 2015

E. Vermeulen-Smit J.E.E. Verdurmen R.C. Engels The effectiveness of family interventions in preventing adolescent illicit drug use: a systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials Clin Child Fam Psychol Rev 18 2015 218 239

Young, 1999

K.S. Young Internet addiction: symptoms, evaluation and treatment L. Vande-Creek T. Jackson Innovations in Clinical Practi A source book 1999 Professional Resource Press Sarasota 19 31

Holen Sie sich die neue Medizinwelten-App!

Schließen