© 2021 by Elsevier GmbH

Bitte nutzen Sie das untenstehende Formular um uns Kritik, Fragen oder Anregungen zukommen zu lassen.

Willkommen

Mehr Informationen

B978-3-437-23021-9.00025-4

10.1016/B978-3-437-23021-9.00025-4

978-3-437-23021-9

Einteilung der Substanzen, die zum pharmakologischen NeuroenhancementNeuroenhancement, pharmakologischesStimulanzienNeuroenhancement, pharmakologischesNichtstimulanzien (PN) eingenommen werden (Franke und Soyka 2015) Methylxanthine, pharmakologisches Neuroenhancement

Tab. 25.1
Stimulanzien Nichtstimulanzien
Frei verkäufliche (OTC-) Präparate Methylxanthine (z. B. Koffein) und koffeinhaltige Getränke wie Kaffee, Energydrinks, Koffeintabletten Phytopharmaka (z. B. Ginkgo biloba, Ginseng etc.)
Lifestyle- und Vitaminpräparate (z. B. Vitasprint®, Dextro Energy® etc.)
Homöopathische Substanzen und Präparate
Verschreibungspflichtige Substanzen Verschreibungspflichtige Stimulanzien, dem BtMG unterliegend (verkehrsfähig):
Methylphenidat (z. B. Ritalin®), Amphetamine (z. B. Attentin®)
Antidementiva, Antidepressiva, diverse Betablocker, Benzodiazepine
Illegale Substanzen Illegale Stimulanzien, dem BtMG unterliegend (nicht verkehrsfähig): Amphetamine (z. B. „Speed“, „Ecstasy“ etc.)

Psychopharmaka zum pharmakologischen Neuroenhancement und ihr Missbrauchspotenzial

Andreas G. Franke

  • 25.1

    Einleitung398

  • 25.2

    Stimulanzien zum pharmakologischen Neuroenhancement399

    • 25.2.1

      MPH und AMPH399

    • 25.2.2

      Modafinil400

    • 25.2.3

      Koffein400

  • 25.3

    Nichtstimulanzien zum pharmakologischen Neuroenhancement401

    • 25.3.1

      Ginkgo biloba401

    • 25.3.2

      Antidementiva401

    • 25.3.3

      Antidepressiva401

  • 25.4

    Prävalenzen des pharmakologischen Neuroenhancements402

  • 25.5

    Suchtmedizinische Aspekte402

  • 25.6

    Fazit für die Praxis403

Kernaussagen

  • Psychopharmaka, MissbrauchspotenzialSuchterkrankungenNeuroenhancement, pharmakologischesPharmakologisches NeuroenhancementNeuroenhancement, pharmakologisches (PN) beschreibt die Einnahme diverser Substanzen durch Gesunde mit dem Ziel, die eigene geistige Leistungsfähigkeit vor allem bezüglich Vigilanz, Aufmerksamkeit, Konzentration, Gedächtnis und Motivation zu verbessern.

  • Die eingenommenen Substanzen lassen sich in Stimulanzien (Methylxanthin-Typ wie Koffein, Amphetamin-Typ wie Methylphenidat, Amphetamine und Modafinil) und Nichtstimulanzien (verschreibungspflichtige Medikamente wie Antidementiva, Antidepressiva sowie frei verkäufliche Präparate wie Phytopharmaka [z. B. Ginkgo biloba]) unterteilen.

  • Die Einnahmeprävalenzen weisen je nach Studie große Unterschiede auf und bewegen sich, bezogen auf die Lebenszeit-, aber auch auf die 1-Jahres-Prävalenz, zwischen 1 und über 20 %.

  • Das Missbrauchs- und Abhängigkeitsrisiko ist sehr unterschiedlich und bei Nichtstimulanzien (nahezu) zu vernachlässigen; auch bei Stimulanzien vom Methylxanthin-Typ scheint das Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial gering zu sein, während es bei Stimulanzien vom Amphetamin-Typ nicht zu unterschätzen ist. Dies zeigt einen bislang unbekannten Zugangsweg in die Abhängigkeit von Amphetaminen.

Einleitung

Die Steigerung der eigenen Leistungsfähigkeit ist ein lange gehegter Menschheitstraum. Bereits in der hellenischen Antike wurden die Olympischen Spiele entwickelt, und Athleten maßen ihre Leistungsfähigkeit an- und miteinander. Während die Einnahme von diversen Substanzen zur körperlichen Leistungssteigerung als „DopingDoping“ bezeichnet wird und von der World Anti-Doping Agency im Spitzensport streng monitoriert wird (WADA 2014), gibt es im Breitensport kaum Kontrollen, wobei auch hier im Prinzip die gleichen Regularien gelten.
In Anlehnung an den Dopingbegriff im Sport wurde vor einigen Jahren der Begriff „HirndopingHirndoping siehe Neuroenhancement, pharmakologisches eingeführt, der die Einnahme von verschreibungspflichtigen Medikamenten und illegalen Drogen zur geistigen Leistungssteigerung durch Gesunde in Analogie zum Dopingbegriff im Sport beschreibt (Förstl 2009; Franke und Lieb 2010, 2013; Simon et al. 2006; Striegel et al. 2010).

Merke

Deutlich wertneutraler als der Begriff „Hirndoping“ ist der Begriff „pharmakologisches Neuroenhancement“ (PN). Er beschreibt die Einnahme diverser Substanzen durch Gesunde mit dem Ziel der geistigen Leistungssteigerung bezüglich Vigilanz, Aufmerksamkeit, Konzentration, Gedächtnis, Motivation, usw. über ein „normales Maß“ hinaus.

Zu den potenziellen Substanzen zählen sowohl verschreibungspflichtige Medikamente als auch illegale Drogen, aber auch frei verkäufliche, sog. Over-the-Counter (OTC-)Präparate (de Jongh et al. 2008; Förstl 2009; Franke und Lieb 2010, 2013; Maher 2008; Mehlman 2004; Soyka 2009). Die Einnahme von OTC-Präparaten wurde in der HISBUS-Befragung als „Soft-EnhancementSoft-Enhancement bezeichnet, das auch die Einnahme von homöopathischen Mitteln und Phytopharmaka sowie Vitaminpräparaten einschließt (Middendorf et al. 2012). Eine weitere Subdefinition stellt die des „Mood EnhancementMood Enhancement (ME) dar; der Begriff beschreibt die Einnahme von Substanzen, vor allem AntidepressivaAntidepressivaMood Enhancement, mit dem Ziel, die eigene Stimmung über das „normale“ Maß hinaus zu verbessern oder in Gesellschaft „gefälliger“ und selbstsicherer aufzutreten (de Jongh et al. 2008; Franke und Lieb 2013; Kramer 1993). Man darf allerdings nicht vergessen, dass auch die euphorisierenden Effekte von Amphetaminen durchaus zum ME gezählt werden dürften; die Definition des ME ist allerdings kaum verbreitet. Eine allgemein gültige Übereinkunft über die Verwendung der Begriffe gibt es bislang leider nicht. Die Rolle von Amphetaminen zum PN oder/und ME wird kontrovers diskutiert, von manchen Autoren allerdings gar nicht thematisiert, da für viele die kognitive Komponente eindeutig im Vordergrund steht.

Merke

Es gibt viele Begriffe, welche die Einnahme von diversen Substanzen zur geistigen Leistungssteigerung beschreiben, bislang aber noch keine eindeutige und unumstrittene Definition.

Bei den zum PN eingenommenen Substanzen lässt sich eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen Stimulanzien und Nichtstimulanzien vornehmen (Tab. 25.1), die bislang auf Kosten anderer Einteilungen nicht vorgenommen wurde und insbesondere unter Berücksichtigung des Missbrauchs- und Abhängigkeitsaspekts eine hohe Relevanz hat. Sie wurde für bzw. in einer Übersichtsarbeit für Fortschritte Psychiatrie und Neurologie entwickelt (Franke und Soyka 2015).
Zu den StimulanzienStimulanzienMethylxanthin-Typ gehören zum einen Substanzen vom Methylxanthin-Typ wie KoffeinKoffein(abhängigkeit)Neuroenhancement, pharmakologisches mit diversen koffeinhaltigen Produkten und Präparaten (Kaffee, „caffeinated drinks“, im Speziellen Energydrinks, Koffeintabletten). Die Terminologie der „EnergydrinksEnergydrinks“ wird allerdings im amerikanischen bzw. englischen Sprachgebrauch als „caffeinated drink“ dargestellt, wobei hier die Grenzen zwischen koffeinhaltigen Getränken und „Energydrinks“ im deutschen Sinne nicht trennscharf sind.
Zum anderen gehören Substanzen vom Amphetamin-Typ wie MethylphenidatMethylphenidat (MPH; z. B. Ritalin®), Amphetamine (AMPH; z. B. Attentin®, Adderall®) und ModafinilModafinil (z. B. Vigil®) zur Gruppe der Stimulanzien (de Jongh et al. 2008; Förstl 2009; Franke uand Lieb 2010, 2013; Mehlman 2004; Normann et al. 2010; Soyka 2009). Zu den Nichtstimulanzien gehören OTC-Präparate wie das Phytopharmakon Ginkgo bilobaGinkgo biloba, pharmakologisches Neuroenhancement (z. B. Tebonin®), diverse Lifestyle- und Vitaminpräparate (z. B. Vita sprint® usw.) sowie verschreibungspflichtige Antidementiva und Antidepressiva (de Jongh et al. 2008; Förstl 2009; Franke und Lieb 2010, 2013; Mehlman 2004; Normann et al. 2010; Tab. 25.1). Die Rolle von Betablockern und Beruhigungsmitteln wird kritisch diskutiert; sie dienen eher als „Downer“ nach der stattgehabten Einnahme von AMPH-Stimulanzien (DAK 2009; Maher 2008; Middendorf et al. 2012).
In diesem Kapitel werden zunächst die am weitesten verbreiteten Stimulanzien und Nichtstimulanzien zum PN in ihren klinischen Effekten anhand systematischer und aktueller klinischer Studien und vor allem anhand klinischer Studien mit naturalistischen Designs dargestellt (Kap. 25.2 und Kap. 25.3). Anschließend wird kurz auf die Verbreitung der PN-Substanzen eingegangen (Kap. 25.4), und schließlich werden die Substanzen in suchtmedizinische Kategorien eingeordnet (Kap. 25.5).

Stimulanzien zum pharmakologischen Neuroenhancement

Merke

StimulanzienNeuroenhancement, pharmakologischesNeuroenhancement, pharmakologischesStimulanzienDie Gruppe der Stimulanzien zum PN besteht aus Stimulanzien vom Amphetamin-Typ und Stimulanzien vom Methylxanthin-Typ. Zum Amphetamin-Typ gehören legale und illegale Stimulanzien wie Amphetamine und Amphetaminderivate (Amphetaminartige Stimulanzien (ATS)Neuroenhancement, pharmakologischesz. B. Ritalin® und „Speed“). Zum Methylxanthin-Typ werden koffeinhaltige Präparate und Getränke gerechnet. Stimulanzien vom Amphetamin-Typ spielen im Bereich Missbrauch und Abhängigkeit eine wesentliche Rolle.

MPH und AMPH

MethylphenidatNeuroenhancement, pharmakologischesAmphetamin(abhängigkeit/-missbrauch)Neuroenhancement, pharmakologischesMPH ist ein verschreibungspflichtiges Medikament (z. B. Ritalin®, Concerta® u. v. m.), das dem Betäubungsmittelgesetz (BtMG) unterliegt. Gleiches gilt für AMPH (z. B. Attentin®, Adderall® usw.). Beide Medikamente sind sowohl verkehrsfähig als auch verschreibungspflichtig und unterliegen dem BtMG. Gleichzeitig gehört die Gruppe der AMPH aber auch zu den illegalen Drogen; diese wiederum gelten als nicht verkehrsfähig (z. B. „Speed“, „Ecstasy“ usw.). Indiziert und zugelassen sind MPH-/AMPH-Präparate vor allem zur Behandlung der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHSMethylphenidatIndikation). Mittlerweile ist teilweise auch eine Zulassung für die Behandlung von ADHS bei Erwachsenen erfolgt (je nach Antrag des jeweiligen Herstellers).
Nach zunächst „unretardierten“ Präparaten sind mittlerweile die gängigen Präparate retardiert. Bereits dies mag einem gewissen Abhängigkeitspotenzial Rechnung tragen.
MethylphenidatWirkmechanismenAmphetamin(abhängigkeit/-missbrauch)WirkmechanismenDie Wirkung verläuft über eine Blockade von präsynaptischen Noradrenalin- und Dopamintransportern, wobei sie durch eine fehlende negative Rückkopplung die monoaminerge Neurotransmission steigern. Im Gegensatz zu MPH haben AMPH einen zusätzlichen Wirkmechanismus: nämlich die direkte Freisetzung vesikulär gespeicherten Dopamins. Das Resultat ist eine aktivitätsunabhängige und somit deutlichere Steigerung der monoaminergen, insbesondere der dopaminergen Aktivität (Mariotti et al. 2013).
Bedingt durch die oben genannten Wirkmechanismen steigern AMPH gemäß einer älteren eigenen Übersichtsarbeit bei gesunden Personen Vigilanz, Aufmerksamkeit und Konzentration und verkürzen Reaktionszeiten in simplen Reiz-Reaktions-Tests; dabei fielen die Effekte bei Schlafmangel der Probanden in den vorliegenden Studien deutlicher aus (Franke et al. 2013).
Darüber hinaus wiesen Repantis et al. (2010) in einer Metaanalyse auf positive Effekte auf einzelne Domänen des Gedächtnisses hin. Dies sind vermutlich – wie auch bei Koffein – mittelbare Effekte, die durch eine Vigilanz- und somit Aufmerksamkeits- und Konzentrationssteigerung erklärbar sein könnten.
Im Tiermodell, das natürlich nicht einfach auf den Menschen übertragbar ist, führte eine Infusion von MPH in den präfrontalen Kortex von Ratten zu einer signifikanten Verbesserung des Arbeitsgedächtnisses (Spencer et al. 2012). Eine systematische Übersichtsarbeit von Linssen et al. (2014) über die Gabe von einzelnen Dosen von MPH bei Gesunden weist auf deutlich prokognitive Effekte von MPH hin. Diese konnten bei fehlenden Effekten auf visuelles Lernen und Gedächtnis vor allem in den Bereichen Arbeitsgedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit, verbales Lernen und Gedächtnis, Aufmerksamkeit und Vigilanz, schlussfolgerndes Denken und Problemlösekompetenzen verzeichnet werden.
Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit über die Effektivität von MPH zum PN weist auf eine verbesserte kognitive Performance bei neuen Aufgaben und aufmerksamkeitsbedingten Aufgaben hin. Die gleiche Arbeit weist allerdings auch auf eine verbesserte Informationskonsolidierung unter AMPH hin (Bagot und Kaminer 2014).
Wood et al. (2014) berichten in ihrer Übersichtsarbeit über ein „cognitive enhancement and impairment“ durch Stimulanzieneinnahme und beschreiben eine U-förmige Dosis-Wirkungs-Beziehung. Diese U-förmige Dosis-Wirkungs-Beziehung wird von mehreren Autoren postuliert (u. a. Lieb, Gründer) und lässt darauf schließen, dass bei geringem kognitivem Niveau eine Steigerung durchaus möglich ist, bei gutem Niveau allerdings keine Steigerung bzw. bei besonders gutem Niveau sogar eine Schwächung kognitiver Leistungen die Folge ist.

Modafinil

ModafinilModafinilNeuroenhancement, pharmakologisches wird unter den Präparatenamen Vigil® (Deutschland), Provigil® (USA) oder Alertec® (Kanada) vermarktet und unterliegt nicht dem BtMG. In Deutschland ist die einzige zugelassene Indikation die pharmakologische Behandlung der Narkolepsie.
Der Wirkmechanismus ist noch nicht vollends aufgeklärt. Modafinil wirkt neurochemisch auf das katecholaminerge, serotoninerge, glutamaterge, GABA-, Orexin- und histaminerge System. Viele dieser Effekte scheinen katecholaminerge Folgeeffekte zu sein (Minzenberg und Carter 2008). Darüber hinaus gilt Modafinil zwar als Stimulans, unterliegt aber nicht dem BtMG.
Eine frühere eigene Übersicht hat ergeben, dass Modafinil Vigilanz, Aufmerksamkeit sowie Konzentration, aber auch die Reaktionsgeschwindigkeit bei Gesunden verbessert (Franke und Lieb 2010). Darüber hinaus meinen Repantis et al. (2010), dass Modafinil auch positive Effekte auf einzelne Domänen des Gedächtnisses hat, ohne dass ein Schlafdefizit besteht, wobei bei prolongiertem Schlafdefizit auch durch die wiederholte Gabe von Modafinil der müdigkeitsbedingte Abfall kognitiver Leistungen nicht aufzuhalten war. Minzenberg und Carter (2008) haben neben anderen prokognitiven Effekten kognitiver Teilbereiche insbesondere prokognitive Aspekte in den Bereichen Arbeitsgedächtnis und episodisches Gedächtnis gezeigt.
Der Einsatz von 200 mg Modafinil bei unbeeinträchtigten Chirurgen führte bei Anwendung eines Teils der CANTAB-Testbatterie sowie unter Laparoskopiesimulation zu verbesserter Leistung in den Bereichen Arbeitsgedächtnis, planendes Denken/Verhalten, Problemlösekompetenzen und geistige Flexibilität. Psychomotorische Aspekte wurden dabei nicht beeinflusst (Sugden et al. 2012).
Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit über die Effektivität von Modafinil zum PN weist auf eine Verbesserung von Reaktionszeit, logischem Schlussfolgern und Problemlösekompetenzen hin (Bagot und Kaminer 2014).

Koffein

Koffein(abhängigkeit)Neuroenhancement, pharmakologischesKoffein gehört keineswegs zum AMPH-Typ der Stimulanzien, sondern zum Methylxanthin-Typ. Eine Tasse Kaffee mit ca. 150 ml Inhalt enthält zwischen 50 und 150 mg Koffein. Als einziges Präparat ist Coffeinum® in Deutschland zugelassen; es enthält pro Tablette 200 mg Koffein. Indiziert ist es zur sog. „kurzfristigen Beseitigung von Ermüdungserscheinungen“; die Tageshöchstdosis beträgt 400 mg/d. Es ist zwar apothekenpflichtig, nicht aber verschreibungspflichtig und somit ohne Rezept erhältlich.
Koffein(abhängigkeit)EnergydrinksDer wohl verbreitetste Energydrink ist Red Bull®. Eine Dose mit 250 ml enthält neben weiteren Bestandteilen 80 mg Koffein und 1.000 mg Taurin. Mittlerweile sind auch andere Dosengrößen verfügbar, die entsprechend andere Koffeinmengen bzw. -konzentrationen enthalten. Der Wirkmechanismus sowie die Effektivität von TaurinTaurin sind bis heute lebhaft umstritten (Giles et al. 2012; McLellan und Lieberman 2012).
Die molekularbiologischen Mechanismen von Koffein auf das ZNS sind genau wie im Fall von Modafinil noch nicht restlos aufgeklärt, wobei ausreichende Evidenz für die drei folgenden Wirkmechanismen bestehen: Koffein(abhängigkeit)Wirkmechanismen
  • 1.

    Inhibition des Abbaus von zyklischem Adenosinmonophosphat (cAMP) (vermittelt über Inhibition der zyklischen Nukleotidphosphodiesterase-Aktivität, die intrazellulär zur Akkumulierung von cAMP führt; daraus ergibt sich eine bessere Verfügbarkeit von cAMP mit längerer Persistenz der über cAMP als Second-Messenger ausgelösten Adrenalinwirkung; Fisone et al. 2004; Nehlig et al. 1992)

  • 2.

    Blockade von Adenosinrezeptoren (vor allem im Striatum; Ferre et al. 2008; Fisone et al. 2004)

  • 3.

    Mobilisation von intrazellulärem Kalzium (Fisone et al. 2004; Franke und Soyka 2015)

Koffein(abhängigkeit)prokognitive EffekteEine eigene ältere Übersichtsarbeit über Koffeinmengen zwischen 50 und 600 mg Koffein (ein- bis mehrmalige Einnahme) bei Gesunden zeigte, dass einfache kognitive Domänen wie Vigilanz und Aufmerksamkeit durch Koffein signifikant gesteigert werden; die Reaktionszeit in einfachen Reiz-Reaktions-Tests scheint nur inkonsistent modifizierbar zu sein. Unter Schlafentzug sind die Effekte deutlicher (Franke 2009). Im Fall von Energydrinks sind die Studienergebnisse ähnlich. Eine Studie an Drosophila melanogaster unter Kombination von Koffein und Taurin zeigt deutlichere provigilante Effekte auf die Tiere (Lin et al. 2010).
In einer Cochrane-Metaanalyse wurden die Effekte von Koffein auf die Verletzungs- und Irrtumsgefahr von Schichtarbeitern untersucht. Während gezeigt werden konnte, dass Koffein über die Verbesserung von „concept formation“, Urteilskraft, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Orientierung und Wahrnehmung die Anzahl von Fehlern insgesamt reduzierte, konnte auch gezeigt werden, dass Koffeinkonsum gegenüber Kurzzeitschlaf (engl. „naps“) bei der Fehlerhäufigkeit überlegen war. Unglücklicherweise konnten die Autoren keine Studien einschließen, die Koffeineffekte auf Verletzungen bei Schichtarbeitern untersucht hatten (Franke und Soyka 2015; Ker et al. 2010).
Fußballspieler zeigten in Simulationen unter Koffeineinwirkung kognitiv verbessernde Effekte wie z. B. präziseres Spielverhalten (Foskett et al. 2009). Dies schlägt die Brücke zum körperlichen Doping, wobei Koffein von der WADA lediglich monitoriert wird und nicht mehr auf der Liste der verbotenen Substanzen („prohibited substances“) zu finden ist (WADA 2016).
Wesnes et al. (2013) zeigen in ihrer recht aktuellen Studie zu Energydrinks unter Nutzung von kognitiven Testverfahren gering bis mittelgradig ausgeprägte prokognitive Effekte – dies allerdings nur unter der Vorbedingung des vorangegangenen Schlafentzugs.
Eine für dieses Buch im Suchtkontext viel wesentlichere Arbeit (Literaturübersicht) über die psychosozialen Effekte von EnergydrinksEnergydrinkspsychosoziale Effekte weist neben weiteren Befunden auf die hochfrequente Nutzung von Energydrinks gepaart mit Alkohol hin. Dies führe zu risikofreudigerem Verhalten und zu exzessiver Tagesschläfrigkeit am Folgetag des Konsums, da die Energydrinks in Kombination mit Alkohol vorwiegend nachts getrunken würden (Ishak et al. 2012). Passend zu diesem Befund äußerte Wesensten (2014) im Hinblick auf den Koffein- und Energydrinkkonsum Bedenken bezüglich Substanzmischungen und Schlafstörungen, wobei Letztere am Folgetag des Konsums auftraten.

Nichtstimulanzien zum pharmakologischen Neuroenhancement

Neuroenhancement, pharmakologischesNichtstimulanzienDie Nichtstimulanzien spielen im suchtmedizinischen Kontext kaum eine Rolle und werden daher hier deutlich verkürzt dargestellt.

Merke

Nichtstimulanzien spielen im Vergleich zu den Stimulanzien im Bereich Missbrauch und Abhängigkeit gemäß ICD-10-Definition keine sonderlich große Rolle.

Ginkgo biloba

Neuroenhancement, pharmakologischesGinkgo bilobaGinkgo biloba, pharmakologisches NeuroenhancementGinkgo biloba wird vornehmlich von älteren Menschen eingenommen, deren Ziel oftmals die Prävention etwaiger demenzieller Erkrankungen oder tatsächlich die erhoffte Besserung normaler kognitiver Funktionen ist. Der Anteil der Konsumenten in der Altersgruppe der über 60-Jährigen hoch gebildeten Personen in Deutschland, die Ginkgo mit dem Ziel des PN einnehmen, betrug in einer Studie von Franke et al. (2014) immerhin 15 %. Daneben gibt es gemäß Arzneimittelfachinformation weitere Indikationen (z. B. periphere arterielle Verschlusskrankheit, Tinnitus). EGB 761, die Substanz des asiatischen Ginkgobaums, wird in der S3-Leitlinie zur Behandlung der Demenz mittlerweile empfohlen, wenn auch mit einem geringen Evidenzgrad. Die Effektivität wird durch Antioxidanzien (Flavonoide, Terpenoide) vermittelt; weitere Wirkmechanismen werden postuliert (Diamond und Bailey 2013).
Übersichtsarbeiten zur Wirkung von Ginkgo biloba zum PN vornehmlich unter jüngeren und gesunden Probanden zeigen keine prokognitiven Effekte bei Gesunden (Franke 2009; Solomon et al. 2002). Allerdings liegen zum Extrakt EGB 761 der Fa. Schwabe bislang keine Metaanalysen vor.

Antidementiva

Neuroenhancement, pharmakologischesAntidementivaNeuroenhancement, pharmakologischesAntidementivaZur Gruppe der Antidementiva gehören zwei Substanzklassen mit unterschiedlichem Wirkmechanismus, die in Deutschland zur Behandlung der Alzheimer-Demenz zugelassen sind:
  • AcetylcholinesteraseAcetylcholinesterase-Inhibitoren-Inhibitoren (ACh-I), die zu einer ubiquitären Inhibition der Acetylcholinesterase und somit zu einer Erhöhung der Acetylcholinkonzentration im synaptischen Spalt führen; dazu gehören Donepezil, Galantamin und Rivastigmin (Indikation: milde bis mittelschwere Alzheimer-Demenz).

  • Partialagonisten am glutamatergen NMDA-Rezeptor, zu denen MemantinMemantin gehört (Indikation: mittelgradige bis schwere Alzheimer-Demenz).

Eine ältere Übersichtsarbeit zeigt, dass von den verfügbaren Substanzklassen keine Steigerung der kognitiven Domänen Vigilanz, Aufmerksamkeit, Konzentration und Reaktionszeit bei Gesunden ausgeht. Bei verschiedenen neuropsychologischen Gedächtnistests zeigten sich allerdings widersprüchliche Testergebnisse (Franke 2009). Bei einer Untersuchung von Piloten in Flugsimulatoren nach 1-monatiger Applikation von Donepezil schien Donepezil die Performance bei komplexen Flugsimulatoraufgaben aufrechtzuerhalten (Yesavage et al. 2002).

Antidepressiva

AntidepressivaMood EnhancementNeuroenhancement, pharmakologischesAntidepressivaAntidepressiva werden von manchen Personen zum „Mood Enhancement“, nicht aber zum eigentlichen kognitiven Enhancement eingenommen. Darüber hinaus werden sie nicht nur zur Steigerung der Affektlage über ein „normales“ Maß hinaus eingenommen, sondern auch, um in Gesellschaft selbstsicherer aufzutreten und die eigene „soziale Funktionsfähigkeit“ zu verbessern.
Nachweise für die missbräuchliche Einnahme dieser Antidepressiva zum ME sind vor allem Kramer (1993) zu entnehmen. Aber auch die US-amerikanischen Massenmedien bieten eine Fülle von Artikeln, die die Einnahme von Antidepressiva zum ME beschreiben.
Eine ältere eigene Übersichtsarbeit weist allerdings auf fehlende ME-Effekte von Antidepressiva hin (Franke 2009).

Prävalenzen des pharmakologischen Neuroenhancements

Merke

Neuroenhancement, pharmakologischesPrävalenzratenDie Verbreitung des pharmakologischen Neuroenhancements liegt zwischen 1 und über 20 % Lebenszeitprävalenz und ist in ihrer wissenschaftlichen und klinischen Relevanz umstritten.

Die Angaben sind davon abhängig, welcher Befragungsstil benutzt, aber auch nach welchen Substanzen gefragt wurde. Zudem findet eine lebhafte Auseinandersetzung zwischen den Forschern auf diesem Feld statt, die auf der einen Seite die Relevanz von PN aufgrund seiner angenommenen Seltenheit fast negieren und auf der anderen Seite PN für ein zukünftiges großes Problem im Public-Health-Bereich ansehen (Clemow und Walker 2014).
Seit 2008 steigt die Anzahl von Publikationen zum PN rasant an, was als steigende Relevanz des Themas gedeutet werden mag. Eine der ersten Übersichten über den Missbrauch von StimulanzienStimulanzienMissbrauchspotenzialStimulanzienKonsumprävalenz aus verschiedenen Gründen ist die systematische Übersichtsarbeit von Wilens et al. (2008). Sie zeigt eine 1-Jahres-Prävalenzrate für die Stimulanzieneinnahme von 5–9 % unter High-School-Schülern und von 5–35 % bei Collegestudenten. Jedoch bezieht sich diese Angabe keineswegs nur auf PN, sondern auf den generellen Missbrauch von AMPH.
Daten von Chirurgen lassen auf eine Lebenszeitprävalenz der Koffeinzufuhr zum PN von 53 % für Kaffee, von 39 % für Energydrinks und von 11 % für Koffeintabletten schließen. Die Lebenszeitprävalenz der Einnahme von verschreibungspflichtigen Stimulanzien zum PN beträgt 1 %, die von illegalen Stimulanzien 3 % (Franke et al. 2011a, b). Gezeigt werden konnte auch, dass die Gründe für die Einnahme vor allem die Legalität/Illegalität und die Wirksamkeit bzw. die Nebenwirkungen sind und von nicht wenigen Personen eine Abhängigkeitsinduktion gefürchtet wird. Konsumenten von AMPH zum PN weisen darüber hinaus eine höhere Prävalenzrate von Missbrauch und Abhängigkeit anderer psychotroper Substanzen auf (Franke et al. 2012a, b). Das HISBUS-Panel zeigt eine Lebenszeitprävalenzrate von 5 % für „Hirndoping“ und ebenfalls 5 % für „Soft-Enhancement“ (Middendorf et al. 2012). Unter Verwendung von Anonymisierungstechniken ergeben sich generell höhere Prävalenzraten für illegale Substanzen. Dietz et al. (2013) zeigen unter Verwendung einer Anonymisierungstechnik eine 1-Jahres-Prävalenz von 20 % für die Einnahme von illegalen Drogen, verschreibungspflichtigen Medikamenten sowie Koffeintabletten. Burgard et al. (2013) haben anhand einer Abwasseranalyse von Studentenwohnheimen in den USA gezeigt, dass die Menge an AMPH/MPH-Abbauprodukten im Abwasser mit den Stress- bzw. Klausurphasen der Studierenden assoziiert war.
Studien an Berufstätigen sind noch rarer als unter Studierenden. Dennoch liegen erste Forschungsergebnisse vor: Eine Online-Befragung in „Nature“ (Maher 2008) ergab eine Prävalenzrate von 20 % für die mindestens einmalige Einnahme von MPH, Modafinil oder Betablockern zum PN. Die postalische Befragung der DAK stellte 2009 und 2015 Prävalenzraten von 17 % für die Einnahme von Medikamenten zum PN oder zur Verbesserung der psychischen Befindlichkeit dar (DAK 2009, 2015). Eine Befragung von ca. 3.000 Chirurgen in Deutschland ergab eine Lebenszeitprävalenz für den Konsum verschreibungspflichtiger Medikamente und illegaler Drogen von 9 % und unter Verwendung einer Anonymisierungstechnik sogar von 20 % (Franke et al. 2013).

Suchtmedizinische Aspekte

Die Gruppe der (Psycho-)StimulanzienStimulanzienMissbrauchspotenzialPsychostimulanzienMissbrauchspotenzial wird in der ICD-10 und im DSM-5 zu den psychotropen Substanzen gerechnet („mental and behavioural disorders due to psychoactive substance use“). Die ICD-10 benennt hier nach Kokain (F14.-) explizit „psychische und Verhaltensstörungen durch andere Stimulanzien, einschließlich Koffein“.
Ob die Einnahme von Stimulanzien vom Methylxanthin-Typ (vor allem Koffein) zu Missbrauch und Abhängigkeit führen kann, wurde bereits in der Vergangenheit diskutiert. Man fand heraus, dass das abrupte Absetzen von Koffein zwar zu Entzugserscheinungen (z. B. Kopfschmerzen, Müdigkeit, Benommenheit) führen kann (nicht muss), aber nicht als Missbrauch oder gar Abhängigkeit im eigentlichen Sinne bezeichnet werden sollte (Hughes et al. 1992; Satel 2006), weshalb hier therapeutische Überlegungen zu Entzugsbehandlungen entfallen. Allerdings wurde gezeigt, dass Energydrinks häufig in Kombination mit Alkohol konsumiert werden und als problematisch anzusehen sind, da der Gebrauch gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen stattzufinden scheint (Ishak et al. 2012; Kaminer 2010).
In Bezug auf StimulanzienAmphetaminartige Stimulanzien (ATS)Missbrauchspotenzial vom AMPH-Typ schätzen die Vereinten Nationen, dass weltweit etwa 34 Mio. Menschen regelmäßig AMPH-ähnliche Stimulanzien missbrauchen (Iversen 2009). Der Missbrauch von AMPH-Stimulanzien hat eine lange Tradition, wie Berichte von Berühmtheiten (z. B. Elvis Presley) immer wieder zeigen (Iversen 2009). Vor allem in den USA kam es zu einem erheblichen Missbrauch von AMPH und MethamphetaminMethamphetamin(abhängigkeit/-missbrauch)Missbrauchspotenzial (Met-AMPH). Met-AMPH wurde zu einer der wichtigsten Drogen der „Armen auf dem Land“, ist mittlerweile aber genauso in urbanen Zentren zu finden. Besonders wichtige Motive des AMPH-Konsums sind sicher die bereits am Anfang des Artikels genannten euphorisierenden und energiesteigernden Effekte, die von bestimmten „Szenen“ (insbesondere der Technoszene) besonders gern implementiert werden. Auch die appetithemmende Wirkung zur Gewichtsreduktion ist dabei nicht zu verachten. Hier sei insbesondere auf zugelassene Präparate von Met-AMPH zur Gewichtsreduktion in den USA verwiesenMethamphetamin(abhängigkeit/-missbrauch)Wirkungen. Weitere ebenso wichtige Momente der Konsums sind sicher die klassischen Effekte des „High“-Seins, Partyzwecke und Experimentierlust (Tossmann et al. 2001; Wilens et al. 2008). Gahr et al. (2014) haben allerdings eine ganz andere „Indikation“ gezeigt: Die Mehrzahl der Fälle von missbräuchlich oral eingenommenem MPH dient pharmakologischem Neuroenhancement.
Besorgniserregend ist in Deutschland die starke Zunahme der Einfuhr von Met-AMPH („Crystal MethCrystal Meth siehe Methamphetamin(abhängigkeit/-missbrauch)“), vor allem aus der Tschechischen Republik (Stempel 2014). Eine exzellente Quelle zu solchen Daten war und ist sicherlich das jährlich erscheinende „Jahrbuch Sucht“ der DHS.
Amphetaminartige Stimulanzien (ATS)FolgeschädenFolgeschäden des Konsums von AMPH-Stimulanzien sind als nicht zu gering einzuschätzen und größtenteils über die neurochemischen Effekte von AMPH herzuleiten (Fleckenstein et al. 2007; Gouzoulis-Mayfrank und Daumann 2009): Zu den psychiatrischen Risiken gehören u. a. die AMPH-induzierten PsychosenPsychosen/psychotische Störungenamphetamininduziert. Die Toxizität beinhaltet neben den neurotoxischen Wirkungen auch Beeinträchtigungen der Herz-/Kreislauffunktionen. Häufig geht mit AMPH-Konsum gewalttätiges und kriminelles Verhalten einher, aber auch neurokognitive Störungen und selbstverletzendes Verhalten kommen vor. Nicht selten kommt es unter AMPH-Einfluss auch zu zwanghaftem und dauerhaftem Kratzen, in der Folge zu Hautgeschwüren und -abszessen. Hinzu kommt bei i. v. Konsum das Infektionsrisiko. Psychische Abhängigkeitsmerkmale stehen bei Stimulanzien dabei im Vordergrund (Iversen 2009).
Amphetaminartige Stimulanzien (ATS)Absetz/-EntzugssymptomeBeim Absetzen/Entzug von Stimulanzien vom AMPH-Typ ist eine mehr oder weniger lange Episode von depressiven Verstimmungen oder Dysphorie, begleitet von starkem Craving, zu beachten. Dies wird oft, wie beim Alkohol und anderen psychotropen Substanzen auch, durch bestimmte Umgebungs- oder Schlüsselreize angestoßen.
Amphetaminartige Stimulanzien (ATS)Abhängigkeit, PharmakotherapieIn einer Cochrane-Analyse zur Wirksamkeit von medikamentösen Therapien des AMPH-Entzugs konnten kaum aussagefähige Studien identifiziert werden; eine Standardtherapie existiert nicht (Srisurapanont et al. 2001). Bei Persistenz depressiver Symptome können Antidepressiva versucht werden. Sonst gibt es bislang keine evidenzbasierten pharmakologischen Strategien zur Entzugsbehandlung von Stimulanzien.
Kokain und verwandte Stimulanzien sind psychoaktive Substanzen mit einem besonders hohen psychischen Abhängigkeitspotenzial. Für die Kokainabhängigkeit wurden zahllose Medikamente (u. a. auch Modafinil) untersucht, ohne klaren Wirkungsnachweis (Ling et al. 2006; Shoptaw et al. 2009; Vocci und Ling 2005).
Analog zur Substitutionsbehandlung bei Opiatabhängigkeit wird die Substitution bei chronischen AMPH-Konsumenten diskutiert. Pilotuntersuchungen hatten relativ gute Ergebnisse gezeigt, eine Pilot-RCT an einer kleinen Stichprobe ergab jedoch keine signifikanten Effekte der Substitution mit Dexamphetamin (Lingford-Hughes et al. 2004; Shearer et al. 2001).
Während über das Missbrauchsrisiko derzeit viel diskutiert wird, findet sich kaum bzw. keine Literatur zum etwaigen Missbrauchs- oder Abhängigkeitsrisiko von ModafinilModafinilAbhängigkeits-/Missbrauchsrisiko. Letzteres scheint aber ein geringeres Missbrauchspotenzial zu haben, während ein Abhängigkeitspotenzial bislang nicht beschrieben ist (Minzenberg und Carter 2008).

Fazit für die Praxis

Sowohl die Verbreitung des Konsums pharmakologischer Neuroenhancer als auch ihre klinische Effektivität werden kontrovers diskutiert. Daten, die auf eine recht hohe Verbreitung und Lebenszeitprävalenz und teilweise sogar 1-Jahres-Prävalenz im zweistelligen Prozentbereich hinweisen, mehren sich allerdings. Dies gilt insbesondere für die verschreibungspflichtigen und illegalen Neuroenhancer der AMPH-Gruppe. Die Soft-Enhancer wie koffeinhaltige Substanzen und Getränke sind bezüglich ihrer Verbreitung bislang kaum untersucht, scheinen aber eine noch deutlich höhere Verbreitung zu haben. Studien zur Effektivität der Substanzen sind widersprüchlich, weisen aber mehrheitlich auf die Steigerung einfacher kognitiver Domänen hin. Vor allem bei Müdigkeit bzw. Schlafmangel/-entzug sind sie besonders effektiv. Insgesamt sind bei Müdigkeit/Schlafmangel die kognitiven Funktionen beeinträchtigt; unter der Einnahme von Neuroenhancern werden allerdings simple kognitive Domänen wie Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit gesteigert, sodass darüber auch bessere Testergebnisse für höhere kognitive Funktionen entstehen. Suchtmedizinisch sind Soft-Enhancer nicht von Relevanz. Die verschreibungspflichtigen und illegalen Neuroenhancer scheinen allerdings ein nicht zu unterschätzendes Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial zu haben, dem in der klinischen Medizin im Sinne von therapeutischen Bestrebungen Rechnung zu tragen ist.

Literatur

Bagot and Kaminer, 2014

K.S. Bagot Y. Kaminer Efficacy of stimulants for cognitive enhancement in non-attention deficit hyperactivity disorder youth: a systematic review Addiction 109 2014 547 557

Burgard et al., 2013

D.A. Burgard R. Fuller B. Becker Potential trends in attention deficit hyperactivity disorder (ADHD) drug use on a college campus: wastewater analysis of amphetamine and ritalinic acid Sci Total Environ 450–451 2013 242 249

Clemow and Walker, 2014

D.B. Clemow D.J. Walker The potential for misuse and abuse of medications in ADHD: a review Postgrad Med 126 2014 64 81

DAK – Deutsche Angestelltenkrankenkasse, 2009

DAK – Deutsche Angestelltenkrankenkasse Gesundheitsreport 2009. Analyse der Arbeitsunfähigkeitsdaten. Schwerpunktthema Doping am Arbeitsplatz 2009 DAK Forschung, IGES Institut GmbH Berlin/Hamburg

DAK – Deutsche Angestelltenkrankenkasse, 2015

DAK – Deutsche Angestelltenkrankenkasse Gesundheitsreport 2015 2015 DAK Forschung, IGES Institut GmbH Berlin/Hamburg

de Jongh et al., 2008

R. de Jongh I. Bolt M. Schermer B. Olivier Botox for the brain: enhancement of cognition, mood and pro-social behavior and blunting of unwanted memories Neurosci Biobehav Rev 32 2008 760 776

Diamond and Bailey, 2013

B.J. Diamond M.R. Bailey Ginkgo biloba: indications, mechanisms, and safety Psychiatr Clin North Am 36 2013 73 83

Dietz et al., 2013

P. Dietz H. Striegel A.G. Franke Randomized response estimates for the 12-month prevalence of cognitive-enhancing drug use in university students Pharmacotherapy 33 2013 44 50

Ferre et al., 2008

S. Ferre F. Ciruela J. Borycz Adenosine A1-A2A receptor heteromers: new targets for caffeine in the brain Front Biosci 13 2008 2391 2399

Fisone et al., 2004

G. Fisone A. Borgkvist A. Usiello Caffeine as a psychomotor stimulant: mechanism of action Cell Mol Life Sci 61 2004 857 872

Fleckenstein et al., 2007

A.E. Fleckenstein T.J. Volz E.L. Riddle New insights into the mechanism of action of amphetamines Annu Rev Pharmacol Toxicol 47 2007 681 698

Förstl, 2009

H. Förstl Neuro-Enhancement. Gehirndoping Nervenarzt 80 2009 840 846

Foskett et al., 2009

A. Foskett A. Ali N. Gant Caffeine enhances cognitive function and skill performance during simulated soccer activity Int J Sport Nutr Exerc Metab 19 2009 410 423

Franke and Lieb, 2009

A.G. Franke K. Lieb Missbrauch von Psychopharmaka zum „Cognitive Enhancement InFo Neur Psych 11 7–8 2009 42 50

Franke and Lieb, 2010

A.G. Franke K. Lieb Pharmakologisches Neuroenhancement und Hirndoping – Chancen und Risiken Bundesgesundheitsbl Gesundheitsforsch Gesundheitsschutz 53 2010 853 859

Franke and Lieb, 2013

A.G. Franke K. Lieb Pharmacological neuroenhancement: substances and epidemiology E. Hildt A.G. Franke Cognitive Enhancement – An Interdisciplinary Perspective 2013 Springer Heidelberg 17 27

Franke and Soyka, 2015

A.G. Franke M. Soyka Pharmakologisches Neuroenhancement aus Sicht der Suchtmedizin Fortschr Neurol Psychiatr 83 2015 83 90

Franke et al., 2011a

A.G. Franke C. Bonertz M. Christmann Non-medical use of prescription stimulants and illicit use of stimulants for cognitive enhancement in pupils and students in Germany Pharmacopsychiatry 44 2011 60 66

Franke et al., 2011b

A.G. Franke M. Christmann C. Bonertz Use of coffee, caffeinated drinks and caffeine tablets for cognitive enhancement in pupils and students in Germany Pharmacopsychiatry 44 2011 331 338

Franke et al., 2012a

A.G. Franke K. Lieb E. Hildt What users think about the differences between caffeine and illicit/prescription stimulants for cognitive enhancement PLoS One 7 2012 e40047

Franke et al., 2012b

A.G. Franke C.E. Schwarze M. Christmann Charakteristika von Studierenden, die pharmakologisches Neuroenhancement mit Stimulanzien betreiben: eine Pilotstudie Psychiatr Prax 39 2012 174 180

Franke et al., 2013

A.G. Franke C. Bagusat P. Dietz Use of illicit and prescription drugs for cognitive or mood enhancement among surgeons BMC Med 11 2013 102

Franke et al., 2014

A.G. Franke I. Heinrich K. Lieb A. Fellgiebel The use of Ginkgo biloba in healthy elderly Age (Dordr) 36 2014 435 444

Gahr et al., 2014

M. Gahr R.W. Freudenmann C. Hiemke Abuse of methylphenidate in Germany: Data from spontaneous reports of adverse drug reactions Psychiatry Res 215 2014 252 254

Giles et al., 2012

G.E. Giles C.R. Mahoney T.T. Brunye Differential cognitive effects of energy drink ingredients: caffeine, taurine, and glucose Pharmacol Biochem Behav 102 2012 569 577

Gouzoulis-Mayfrank and Daumann, 2009

E. Gouzoulis-Mayfrank J. Daumann Neurotoxicity of drugs of abuse – the case of methylenedioxyamphetamines (MDMA, ecstasy), and amphetamines Dialogues Clin Neurosci 11 2009 305 317

Hughes et al., 1992

J.R. Hughes A.H. Oliveto J.E. Helzer Should caffeine abuse, dependence, or withdrawal be added to DSM-IV and ICD-10? Am J Psychiatry 149 1992 33 40

Ishak et al., 2012

W.W. Ishak C. Ugochukwu K. Bagot Energy drinks: psychological effects and impact on well-being and quality of life – a literature review Innov Clin Neurosci 9 2012 25 34

Iversen, 2009

L. Iversen Speed, Ecstasy, Ritalin. Amphetamine – Theorie und Praxis 2009 Huber Bern

Kaminer, 2010

Y. Kaminer Problematic use of energy drinks by adolescents Child Adolesc Psychiatr Clin N Am 19 2010 643 650

Ker et al., 2010

K. Ker P.J. Edwards L.M. Felix Caffeine for the prevention of injuries and errors in shift workers Cochrane Database Syst Rev 5 2010 CD008508

Kramer, 1993

P.D. Kramer Listening to Prozac 1993 Viking New York

Lin et al., 2010

F.J. Lin M.M. Pierce A. Sehgal Effect of taurine and caffeine on sleep-wake activity in Drosophila melanogaster Nat Sci Sleep 2 2010 221 231

Ling et al., 2006

W. Ling R. Rawson S. Shoptaw W. Ling Management of methamphetamine abuse and dependence Curr Psychiatry Rep 8 2006 345 354

Lingford-Hughes et al., 2004

A.R. Lingford-Hughes S. Welch D.J. Nutt British Association for Psychopharmacology Evidence-based guidelines for the pharmacological management of substance misuse, addiction and comorbidity: recommendations from the British Association for Psychopharmacology J Psychopharmacol 18 2004 293 335

Linssen et al., 2014

A.M. Linssen A. Sambeth E.F. Vuurman W.J. Riedel Cognitive effects of methylphenidate in healthy volunteers: a review of single dose studies Int J Neuropsychopharmacol 17 2014 961 977

Maher, 2008

B. Maher Poll results: Look who's doping Nature 452 2008 674 675

Mariotti et al., 2013

K.C. Mariotti L.G. Rossato P.E. Froehlich R.P. Limberger Amphetamine-type medicines: a review of pharmacokinetics, pharmacodynamics, and toxicological aspects Curr Clin Pharmacol 8 2013 350 357

McLellan and Lieberman, 2012

T.M. McLellan H.R. Lieberman Do energy drinks contain active components other than caffeine? Nutr Rev 70 2012 730 744

Mehlman, 2004

M.J. Mehlman Cognition-enhancing drugs Milbank Q 82 2004 483 506

Middendorf et al., 2012

E. Middendorf J. Poskowsky W. Isserstedt Formen der Stresskompensation und Leistungssteigerung bei Studierenden. HISBUS-Befragung zur Verbreitung und zu Mustern von Hirndoping und Medikamentenmissbrauch 2012 HIS Hochschul-Informations-System GmbH Hannover

Minzenberg and Carter, 2008

M.J. Minzenberg C.S. Carter Modafinil: a review of neurochemical actions and effects on cognition Neuropsychopharmacology 33 2008 1477 1502

Nehlig et al., 1992

A. Nehlig J.L. Daval G. Debry Caffeine and the central nervous system: mechanisms of action, biochemical, metabolic and psychostimulant effects Brain Res Brain Res Rev 17 1992 139 170

Normann et al., 2010

C. Normann J. Boldt G. Maio M. Berger Möglichkeiten und Grenzen des pharmakologischen Neuroenhancements Nervenarzt 81 2010 66 74

Repantis et al., 2010

D. Repantis P. Schlattmann O. Laisney I. Heuser Modafinil and methylphenidate for neuroenhancement in healthy individuals: a systematic review Pharmacol Res 62 2010 187 206

Satel, 2006

S. Satel Is caffeine addictive? A review of the literature Am J Drug Alcohol Abuse 32 2006 493 502

Shearer et al., 2011

J. Shearer A. Wodak R.P. Mattick Pilot randomized controlled study of dexamphetamine substitution for amphetamine dependence Addiction 96 2011 1289 1296

Shoptaw et al., 2009

S.J. Shoptaw U. Kao K. Heinzerling W. Ling Treatment for amphetamine withdrawal Cochrane Database Syst Rev 2 2009 CD003021

Simon et al., 2006

P. Simon H. Striegel F. Aust Doping in fitness sports: estimated number of unreported cases and individual probability of doping Addiction 101 2006 1640 1644

Solomon et al., 2002

P.R. Solomon F. Adams A. Silver Ginkgo for memory enhancement: a randomized controlled trial JAMA 288 2002 835 840

Soyka, 2009

M. Soyka Neuro-Enhancement aus suchtmedizinischer Sicht Nervenarzt 80 2009 837 839

Spencer et al., 2012

R.C. Spencer R.M. Klein C.W. Berridge Psychostimulants act within the prefrontal cortex to improve cognitive function Biol Psychiatry 72 2012 221 227

Srisurapanont et al., 2001

M. Srisurapanont N. Jarusuraisin P. Kittirattanapaiboon Treatment for amphetamine dependence and abuse Cochrane Database Syst Rev 4 2001 CD003022

Stempel, 2014

K. Stempel Rauschgiftlage 2012 DHS Jahrbuch Sucht 2014 2014 Pabst Lengerich 141 153

Striegel et al., 2010

H. Striegel R. Ulrich P. Simon Randomized response estimates for doping and illicit drug use in elite athletes Drug Alcohol Depend 106 2010 230 232

Sugden et al., 2012

C. Sugden C.R. Housden R. Aggarwal Effect of pharmacological enhancement on the cognitive and clinical psychomotor performance of sleep-deprived doctors: a randomized controlled trial Ann Surg 255 2012 222 227

Tossmann et al., 2001

P. Tossmann S. Boldt M.D. Tensil The use of drugs within the techno party scene in European metropolitan cities Eur Addict Res 7 2001 2 23

Vocci and Ling, 2005

F. Vocci W. Ling Medications development: successes and challenges Pharmacol Ther 108 2005 94 108

WADA – World Anti-Doping Agency, 2016

WADA – World Anti-Doping Agency Prohibited List www.wada-ama.org/sites/default/files/resources/files/2016-09-29_-_wada_prohibited_list_2017_eng_final.pdf 2016 (letzter Zugriff: 15.5.2018)

Wesensten, 2014

N.J. Wesensten Legitimacy of concerns about caffeine and energy drink consumption Nutr Rev 72 Suppl 1 2014 78 86

Wesnes et al., 2013

K.A. Wesnes M.L. Barrett J.K. Udani An evaluation of the cognitive and mood effects of an energy shot over a 6h period in volunteers: a randomized, double-blind, placebo controlled, cross-over study Appetite 67 2013 105 113

Wilens et al., 2008

T.E. Wilens L.A. Adler J. Adams Misuse and diversion of stimulants prescribed for ADHD: a systematic review of the literature J Am Acad Child Adolesc Psychiatry 47 2008 21 31

Wood et al., 2014

S. Wood J.R. Sage T. Shuman S.G. Anagnostaras Psychostimulants and cognition: a continuum of behavioral and cognitive activation Pharmacol Rev 66 2014 193 221

Yesavage et al., 2002

J.A. Yesavage M.S. Mumenthaler J.L. Taylor Donepezil and flight simulator performan effects on retention of complex skills Neurology 59 1 2002 123 125

Holen Sie sich die neue Medizinwelten-App!

Schließen