© 2019 by Elsevier GmbH

Bitte nutzen Sie das untenstehende Formular um uns Kritik, Fragen oder Anregungen zukommen zu lassen.

Willkommen

Mehr Informationen

B978-3-437-21833-0.00023-1

10.1016/B978-3-437-21833-0.00023-1

978-3-437-21833-0

Relatives Risiko (Hazard-Ratio) für kardiovaskuläre MortalitätKardiovaskuläre ErkrankungenMortalität, ArbeitsstressArbeitsstresskardiovaskuläre Mortalität nach dem Ausmaß von Arbeitsstress (Anforderungs-Kontroll-ModellAnforderungs-Kontroll-ModellValmet-Studie, Modell beruflicher GratifikationskrisenGratifikationskrisenmodellValmet-Studie) in der Valmet-StudieValmet-Studie; adjustiert nach Alter, Geschlecht, beruflicher Stellung des Vaters

(mod. nach Brunner et al. 2004) [L106]

Effekt des Verausgabungs-/ArbeitsbelastungenVerausgabungs-/BelohnungsquotientenBelohnungsquotienten auf Anstiege von C-reaktivem Protein (CRP) und Von-Willebrand-Faktor (vWF) unter mentalem Stress. Mittelwerte und Standardabweichungen adjustiert nach Alter, Körpergewicht und Ausgangswerten (N = 74 Männer; 33,1 ± 8,6 Jahre; Hamer et al. 2006)

[L106]

Arbeit, Gesundheit und Krankheit

Johannes Siegrist

  • 23.1

    Orientierende Übersicht251

  • 23.2

    Arbeit, Gesundheit und Krankheit in modernen Gesellschaften252

    • 23.2.1

      Der Wandel von Arbeit und Beschäftigung und seine Bedeutung für die Gesundheit252

    • 23.2.2

      Physische Arbeitsbelastungen253

    • 23.2.3

      Psychosoziale Arbeitsbelastungen253

  • 23.3

    Empirische Befunde256

    • 23.3.1

      Evidenz aus epidemiologischen Studien256

    • 23.3.2

      Evidenz aus experimentellen und quasi-experimentellen Studien258

  • 23.4

    Folgerungen für ärztliches Handeln259

    • 23.4.1

      Erfassung von Belastungen und Ressourcen im ärztlichen Gespräch259

    • 23.4.2

      Therapeutische und präventive Maßnahmen260

  • 23.5

    Ausblick261

Orientierende Übersicht

Dieses Kapitel befasst sich vorwiegend mit soziologischen und sozialepidemiologischen Aspekten des Zusammenhangs zwischen ArbeitGesundheit und KrankheitArbeit, Gesundheitund ArbeitGesundheit und Krankheitund ArbeitKrankheit. Stresspsychologische AspektePsychologische und psychobiologische Stresspsychobiologische AspekteAspekte des Stressgeschehens, das im Zusammenhang mit Arbeitsbelastungen bedeutsam ist, stehen in anderen Kapiteln dieses Buches im Vordergrund (bezogen auf koronare Herzkrankheit insb. Kap. 78).

Patientengeschichte

Herr A., 51 Jahre, war seit einigen Jahren als deutscher Entwicklungshelfer in einem afrikanischen Land tätig. Er hatte sich in eine leitende Position hochgearbeitet und war für den Ausbau des Straßennetzes in den Provinzen zuständig. Obwohl er sich mit größtem Einsatz für diesen Ausbau – bekanntlich eine wesentliche Voraussetzung für die wirtschaftliche Entwicklung eines Gebietes – engagierte, kämpfte er gegen eine übermächtige Zentralregierung, die diesen Ausbau zu behindern und zu blockieren suchte (denn dadurch sah sie ihre eigene Machtstruktur gefährdet). Herr A., der seit Jahren ein mäßiger Raucher war und auch erhöhte Blutfettwerte aufwies, ansonsten aber bei bester Gesundheit war, hatte in den vergangenen 2 Jahren ein immer größeres Arbeitspensum zu erfüllen. Die Konflikte mit der Regierung spitzten sich zu, und es wurden entscheidende Verhandlungen in der Hauptstadt angesagt. Es war nicht mehr daran zu denken, an den Wochenenden zur Familie zu fahren. Herr A. gönnte sich keine freie Minute mehr. Unter diesem Druck steigerte er seinen Zigarettenkonsum. Häufig wurde nachts sein Schlaf gestört, die beruflichen Probleme waren übermächtig geworden. Am ersten Verhandlungstag – seine Niederlage zeichnete sich bereits ab – sank er in einer Pause auf der Toilette bewusstlos zusammen. Er starb an Herzversagen (Siegrist 1991: 131 f.).

Das dramatische Fallbeispiel verdeutlicht die engen Wechselwirkungen zwischen einer beruflich stark belastenden Situation, dem sozialen Stressor, und dem BewältigungsverhaltenBewältigungskompetenzBerufstätige der arbeitenden Person (speziell dem Einfluss psychischer Disposition, hier in Form eines übersteigerten beruflichen Engagements). Ebenso verweist es auf die Bedeutung der – hier fehlenden – psychosozialen Ressourcen (z. B. in Form von sozioemotionalem Rückhalt) Sozioemotionaler Rückhaltund schließlich auf eine im Gefolge sich anbahnende Erschöpfungsspirale, die, begleitet von gesundheitsschädigendem Verhalten und ungeklärten Schlafstörungen, einen psychophysischen Zusammenbruch – das manifeste Krankheitsereignis – einleitet.
Obwohl in der Beziehung zwischen Arzt und Patient die Komplexität der individuellen Lebenssituation stets berücksichtigt werden sollte, erscheint im ärztlichen Handeln eine Strukturierung und Typisierung der komplexen Wirklichkeit unumgänglich. Sie orientiert sich nicht nur an der verfügbaren klinischen Erfahrung, sondern vor allem an wissenschaftlichen Erkenntnissen zu Risiko- und Schutzfaktoren von Erkrankungen.
Die wissenschaftlich angeleitete Medizin schöpft ihre Erkenntnisse aus drei Quellen: der biomedizinischen Grundlagenforschung, der klinischen Forschung und der epidemiologischen, die Lebenswelt ganzer Bevölkerungsgruppen untersuchenden Forschung. In diesem Kapitel stehen Erkenntnisse aus der epidemiologischen Forschung im Vordergrund, wobei Stressoren StressorenArbeitsweltArbeitStressorenund Ressourcen RessourcenArbeitsweltder Arbeitswelt in ihrem Bezug zu Gesundheit und Krankheit untersucht werden.
Einleitend wird der Wandel von Arbeit und Beschäftigung skizziert, der sich als Folge von technischem Fortschritt und ökonomischer Globalisierung in modernen Gesellschaften abzeichnet (Kap. 23.2.1). Ein wesentlicher Aspekt dieses Wandels betrifft das Zurückdrängen physischer, physikalischer und chemischer Arbeitsbelastungen, Arbeitsbelastungenderen Analyse Gegenstand der traditionellen Arbeitsmedizin ist (Kap. 23.2.2). Im Vordergrund stehen nunmehr neben erhöhten Risiken des Arbeitsplatzverlustes psychomentale und sozioemotionale Belastungen ArbeitsbelastungensozioemotionaleArbeitsbelastungenpsychomentaleund Ressourcen, zu deren Erfassung Theorien und Methoden der Soziologie und Psychologie erforderlich sind (Kap. 23.2.3). Hier werden zwei besonders umfangreich getestete theoretische Modelle exemplarisch dargestellt: das Anforderungs-Kontroll-Modell Anforderungs-Kontroll-Modellund das Modell beruflicher Gratifikationskrisen. GratifikationskrisenmodellEs wird gezeigt, wie ihre Erklärungskraft anhand epidemiologischer und experimenteller bzw. quasi-experimenteller Studien überprüft werden kann.
Im Hauptteil des Kapitels (Kap. 23.3) wird der gegenwärtige Kenntnisstand zum Einfluss psychosozialer ArbeitsbelastungenpsychosozialeArbeitsbelastungen auf somatische Somatische ErkrankungenArbeitsbelastungenArbeitsbelastungensomatische Erkrankungenund psychische Störungen zusammengefasst, wobei der Tatsache Rechnung getragen wird, dass die Evidenzlage zu kardiovaskulären Erkrankungen und zu affektiven Störungen besonders weit entwickelt ist. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf Ergebnissen zu Determinanten der Krankheitsentstehung, die auf der Basis prospektiver epidemiologischer Beobachtungsstudien erzielt wurden. Zusätzlich werden vereinzelt vorliegende Befunde aus katamnestischen Studien zum Krankheitsverlauf nach Erstmanifestation referiert. Obwohl der Schwerpunkt der Darstellung auf der Erwerbsarbeit Erwerbsarbeitnegative Auswirkungenliegt, werden nichtmonetäre Formen Arbeitnichtmonetäre Formender Arbeit (z. B. Ehrenamt, Hausarbeit) in ihren Auswirkungen auf Gesundheit in die Analyse einbezogen, soweit belastbare empirische Ergebnisse vorliegen. Neben diesen epidemiologischen Ergebnissen (Kap. 23.3.1) stehen Befunde aus experimentellen und quasiexperimentellen Studien im Zentrum, da sie neue Einsichten in die zugrunde liegenden psychobiologischen Prozesse ermöglichen (Kap. 23.3.2).
Anknüpfend an das einleitend zitierte Beispiel wird in Kap. 23.4 nach den praktischen Folgerungen des dargestellten Kenntnisstandes für ärztliches Handeln gefragt. Wie können psychosoziale Risiko- und Schutzfaktoren des Arbeitslebens in ihrer Bedeutung für das individuelle Krankheitsgeschehen erkannt und beurteilt werden (Kap. 23.4.1)? Und welche präventiven bzw. interventiven Maßnahmen stehen dem Arzt zur Verfügung (Kap. 23.4.2)? Das Kapitel endet mit einem kurzen Ausblick (Kap. 23.5).

Arbeit, Gesundheit und Krankheit in modernen Gesellschaften

Der Wandel von Arbeit und Beschäftigung und seine Bedeutung für die Gesundheit

Arbeit ist zielgerichtete Tätigkeit, deren Ergebnis auf der GesundheitBedeutung der ArbeitArbeitBedeutung für die GesundheitBasis bestimmter Fertigkeiten und Kenntnisse erzeugte Güter oder Dienstleistungen sind. Als Berufs- Berufsarbeitoder Erwerbsarbeit ErwerbsarbeitBedeutungbildet sie einen Kernbestandteil der wirtschaftlichen und sozialen Stellung von Menschen. Darüber hinaus dient sie der Erfüllung wichtiger psychischer und sozialer Bedürfnisse, ist zugleich aber auch mit bestimmten gesundheitlichen Risiken behaftet (s. u.). Arbeitsinhalte und -formen haben sich im Laufe der sozialen Evolution grundlegend gewandelt, am deutlichsten mit dem Umbruch von der Agrar- zur Industriegesellschaft, der sich zuerst in Nordwesteuropa im 18. und frühen 19. Jh. ereignet hat und in dessen Folge ein globaler wirtschaftlich-technischer Modernisierungsprozess eingeleitet wurde. Industriell wird eine Produktionsweise genannt, die durch den Einsatz von Maschinen zur Massenerzeugung von Gütern in der Lage ist. Ihre Dynamik erhielt diese Produktionsweise nicht nur durch wissenschaftlich-technische Fortschritte und durch den Wettbewerb um Gewinnchancen in einer privatkapitalistisch organisierten Marktwirtschaft, sondern auch durch die politisch-sozialen und demografischen Umwälzungen, die den Übergang von feudalen zu modernen bürgerlichen, demokratisch organisierten Leistungsgesellschaften bewirkten.
In der Phase industrieller Gesellschaften herrschte quantitativ die Industriearbeiterschaft vor, die sich auf Kosten des Agrarsektors stark ausbreitete. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg begann sodann infolge zunehmender AutomatisierungArbeitAutomatisierung der industriellen Produktion, aber auch als Folge eines zunehmenden Bedarfs an Dienstleistungen eine Verlagerung der Beschäftigungsverhältnisse vom sekundären Erwerbssektor (industrielle Produktion) in den tertiärenArbeitTertiarisierung Erwerbssektor (Dienstleistungen und Handel).
In den modernen westlichen Gesellschaften sind gegenwärtig mehr als zwei Drittel der Erwerbsbevölkerung im Dienstleistungssektor beschäftigt, wobei durch Fortschritte der mikroelektronischen Informationsverarbeitung ein umfangreicher Rationalisierungsprozess stattfindet. Davon am wenigsten betroffen sind Angehörige personenbezogener Dienstleistungsberufe (z. B. Gesundheits-, Erziehungs-, Bildungs-, Beratungs- und Sozialberufe). Ein wachsender Anteil von Beschäftigten lässt sich heute einem quartären Erwerbssektor zuordnen, in dem das Verwalten und Produzieren von Information zu einem dominanten Merkmal wird. Neben Materie und Energie tritt damit Information als dritte universelle Ressource in den Vordergrund der wirtschaftlich-technologischen und sozialen Entwicklung.
Dieser Wandel spiegelt sich nicht zuletzt im Geltungsverlust des Begriffs Industriegesellschaft und der Ausbreitung der Bezeichnungen Dienstleistungsgesellschaft Dienstleistungsgesellschaftund Informationsgesellschaft Informationsgesellschaftwider.
Mit der Verlagerung der Beschäftigten von den „älteren“ zu den „neueren“ Erwerbssektoren geht eine weitreichende Veränderung der Anforderungen und Belastungen von Tätigkeiten einher. Damit ändern sich auch die Beziehungen zwischen Arbeit und Gesundheit, da die von der industriellen Produktion ausgehenden physischen bzw. physikalisch-chemischen Einwirkungen auf die Gesundheit der Arbeitenden zurückgedrängt werden (Kap. 23.2.2). Zugleich treten neue Anforderungen und Belastungen in den Vordergrund: psychomentale Gesundheitsgefahrenpsychomentaleund sozioemotionale GesundheitsgefahrensozioemotionaleGesundheitsgefahren moderner ErwerbsarbeitErwerbsarbeitGesundheitsgefahren. Ihre Bedeutung wird vor dem Hintergrund einer seit einigen Jahrzehnten sich rasch ausbreitenden ökonomischen Globalisierung besonders klar sichtbar.
Der Begriff der wirtschaftlichen Globalisierung Globalisierung, wirtschaftlichebezeichnet im Kern die Ausweitung von Marktwirtschaft und moderner Technologie auf alle Länder der Erde. Mit ihr hat sich der grenzüberschreitende Waren-, Arbeits- und Kapitalmarkt in kurzer Zeit vervielfacht. Die Auswirkungen dieser Globalisierung auf die Beschäftigten in modernen westlichen Gesellschaften lassen sich am besten mit den Begriffen Arbeitsplatzunsicherheit Arbeitsplatzunsicherheitund Arbeitsintensivierung Arbeitsintensivierungbeschreiben. Einerseits führt die Verlagerung von Arbeitsplätzen in andere Länder sowie die wettbewerbsbedingte Rationalisierung von Arbeitsprozessen zu Personalabbau, steigender Arbeitsplatzunsicherheit und Flexibilisierung von Beschäftigungsverhältnissen. Andererseits wächst für Kern- und Randbelegschaften in den Hochlohnländern der Leistungsdruck in Form von Arbeitsintensivierung, Ausweitung der Arbeitszeiten oder zunehmender Vermischung von Arbeits- und Privatleben. Ausmaß und Intensität psychomentaler Beanspruchungen, Erfahrungen bedrohter Kontrolle und fehlender Sicherheit sowie emotionale Belastungen infolge fehlender oder als ungerecht erlebter Belohnungen begünstigen längerfristig über zentralnervöse Prozesse die Entwicklung stressassoziierter Erkrankungen. Den damit skizzierten Wandlungsprozess beschreiben die beiden nachfolgenden Abschnitte in der gebotenen Kürze.

Physische Arbeitsbelastungen

Trotz der erwähnten Verschiebung der Erwerbssektoren spielen physische ArbeitsbelastungenArbeitsbelastungenphysische in bestimmten Industriebranchen, bei gering qualifizierten Dienstleistungsberufen sowie in der Landwirtschaft nach wie vor eine nicht zu unterschätzende Rolle für die Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Beschäftigten. Immerhin finden wir gegenwärtig in den EU-Mitgliedstaaten noch jeden 4. Arbeitsplatz im produzierenden Gewerbe. Etwa jeder 6. Arbeitnehmer gibt in einer europaweiten Befragung an, gelegentlich Kontakt zu gefährlichen biologischen oder chemischen Substanzen am Arbeitsplatz zu haben. Knapp 30 % verbringen zumindest einen Teil ihrer täglichen Arbeitszeit unter Lärmeinwirkung. Besonders verbreitet sind ergonomische ArbeitsbelastungenergonomischeBelastungen wie Arbeit in schmerzhafter Körperhaltung oder repetitive Bewegungen, in bestimmten Berufsgruppen (z. B. Baugewerbe) überdies das Heben schwerer Lasten (Parent-Thirion et al. 2007). In Berufen mit ausgeprägten physischen Arbeitsbelastungen treten arbeitsbedingte Unfall- und Verletzungsgefahren gehäuft auf.
An der Grenze zwischen physischen und psychomentalen ArbeitsbelastungenpsychomentaleArbeitsbelastungen ist die Schichtarbeit SchichtarbeitArbeitsbelastungenSchichtarbeitanzusiedeln. Ihre physischen Auswirkungen ergeben sich in erster Linie aus gestörten Biorhythmen, die nach langjähriger Exposition einzelne Organsysteme (insb. das Herz-Kreislauf-System) durch Dysregulation und Fehladaptation schädigen. Ihre psychischen Auswirkungen sind vor allem sozialen Anpassungsprozessen (Vereinbarkeit von Arbeitszeiten und außerberuflichem Alltag) zuzurechnen. Gegenwärtig arbeiten etwa 17 % der in den EU-Staaten Beschäftigten in Schichtarbeit, wobei der Prozentsatz der von Nachtschichtarbeit NachtschichtarbeitBetroffenen deutlich geringer ist. Die vorherrschende Schichtart ist der (rotierende) Wechsel zwischen Früh- und Spätschicht. Die überwiegende Mehrzahl aller Untersuchungen zum Zusammenhang zwischen Schichtarbeit und Gesundheit findet mehr negative als positive Auswirkungen, sowohl bzgl. psychischer als auch physischer Gesundheit (Perrucci et al. 2007).
Viele der durch die arbeitsmedizinische Forschung identifizierten physikalischen und chemischen StressorenStressorenchemische/physikalische am Arbeitsplatz sind durch Maßnahmen des Arbeitsschutzes verringert worden. Beispiele stellen das Asbestverbot, der Gehörschutz bei Lärmexposition, Strahlenschutzmaßnahmen sowie Schutzkleidung bei gefährlichen Substanzen dar. Durch die Einführung von Grenzwerten und die Implementierung von Arbeitsschutzbestimmungen, Arbeitsschutzbestimmungenderen Einhaltung von staatlicher Seite überprüft wird, werden physikalische und chemische Gefahrenquellen am Arbeitsplatz begrenzt. Der Schutzanspruch zeigt sich auch in Maßnahmen der sozialen Sicherung, da Erkrankungen, die eindeutig als Folge beruflicher Exposition zu bewerten sind, als BerufskrankheitenBerufskrankheit zum Empfang finanzieller Kompensationsleistungen berechtigen.
Der Stellenwert physischer ArbeitsbelastungenphysischeArbeitsbelastungen bei der Beurteilung der Krankheitslast in der Erwerbsbevölkerung variiert von Land zu Land. Selbst innerhalb der EU bestehen nach wie vor beachtliche Unterschiede bzgl. des institutionalisierten Arbeitsschutzes und seiner Überwachung. In Schwellenländern ist der entsprechende Problemdruck besonders hoch.
Jedoch nicht nur zwischen Ländern, sondern auch innerhalb der Länder variiert dieser Stellenwert, insbesondere nach Branche und Erwerbsstatus. Physische ArbeitsbelastungenArbeitsbelastungenphysische stellen ein häufiges Problem bei sog. prekärer Beschäftigung Beschäftigung, prekäredar. Darunter versteht man eine legale Beschäftigung mit oder ohne Arbeitsvertrag, die durch niedrige Arbeitsplatzsicherheit, besondere Schwere oder Gefährlichkeit der Arbeit, mangelnden Arbeitsschutz und niedrige Bezahlung gekennzeichnet ist. Niedrigqualifizierte Beschäftigte in Zeit- und Leiharbeit stellen diesbezüglich eine besondere Risikogruppe dar.

Insgesamt kann physischen Belastungen am Arbeitsplatz ein ursächlicher Anteil an der Morbidität und Mortalität in der Erwerbsbevölkerung zugeschrieben werden, der bei Beschäftigten in niedrigen sozialen Schichten besonders ausgeprägt ist. Neben arbeitsbedingten Unfällen und Verletzungen stehen muskuloskelettale Beschwerden im Vordergrund. Gemeinsam mit Berufskrankheiten und weiteren, durch kumulierte Arbeitsbelastungen bedingten Gesundheitsrisiken (Kap. 23.2.2) tragen sie zu einer erhöhten Quote krankheitsbedingter FrühberentungenFrühberentung bei (Dragano 2007).

Psychosoziale Arbeitsbelastungen

ArbeitsbelastungenpsychosozialeDie Wandlungsprozesse, denen Strukturen der Erwerbsarbeit in modernen Gesellschaften unterliegen, beziehen sich nicht allein auf die erwähnte TertiarisierungArbeitTertiarisierung und Automatisierung der ArbeitArbeitAutomatisierung sowie auf das Anwachsen der mit Informationserzeugung und -verwaltung befassten Berufe. Vielmehr werden sie durch soziodemografische Entwicklungen (höherer Frauenanteil; alternde Belegschaften) und wachsende ökonomische Verflechtungen des Kapital-, Waren- und Arbeitsmarktes mitbestimmt. Verkürzte Produktionszyklen, steigender Wettbewerbsdruck, häufige Arbeitsreorganisation infolge von Unternehmensfusionen und Auslagerungen, erhöhte, teils freiwillige, teils erzwungene berufliche Mobilität, steigende Arbeitsplatzunsicherheit und Diskontinuität von Erwerbsverläufen kennzeichnen die Situation vieler Beschäftigter. Mit diesen strukturellen Bedingungen gehen veränderte soziale Beziehungen in Organisationen und Betrieben einher, so vor allem ein Verlust an stabilen innerbetrieblichen Bindungen und solidarischem Handeln und ein erhöhter Konkurrenzdruck, der sich unter dem Diktat der Gewinnmaximierung nicht selten in Handlungsweisen niederschlägt, die durch Rücksichtslosigkeit und Gewalt gekennzeichnet sind (MobbingMobbing).
Es bestehen somit für große Teile der Erwerbsbevölkerung vielfältige Quellen wiederkehrender psychomental und sozioemotional belastender Erfahrungen. Will man jedoch deren gesundheitsgefährdende Wirkungen erfassen, so muss diese Belastungsqualität von der umgangssprachlichen Vorstellung von Stress abgegrenzt werden. Im Unterschied zur Alltagssprache werden krankheitswertige Stressreaktionen in der Arbeitswelt in erster Linie durch herausfordernde, als wichtig eingeschätzte Situationen ausgelöst, die mit den der Person verfügbaren Mitteln und Fähigkeiten nur schwer oder gar nicht gemeistert werden können. Es handelt sich somit um Erfahrungen eines drohenden oder realen Verlusts der Handlungskontrolle. Dabei wird die Intensität der Stressreaktion durch die zu erwartenden negativen Folgen moderiert (z. B. drohender Arbeitsplatzverlust oder gesundheitliche Folgen für andere Personen, die hiervon direkt betroffen sind; Letzteres trägt zur Erklärung hoher Stressbelastung z. B. bei Fahr- und Heilberufen bei). Krankheitswertige Stressreaktionen imArbeitsbelastungenkrankheitswertige Stressreaktionen Erwerbsleben werden zudem überall dort erzeugt, wo erbrachte Leistungen nicht bzw. nicht angemessen gewürdigt werden und wo sich ein Ziel nach hohem Aufwand zerschlägt („Sisyphos-SyndromSisyphos-Syndrom“).
Von wiederkehrenden Erfahrungen bedrohter Kontrolle und bedrohter Belohnung gehen intensive Stressreaktionen auch deshalb aus, weil sie zentrale psychische Funktionen Stressreaktion/-reaktivitätpsychische Funktionender arbeitenden Personen beeinträchtigen, so insbesondere das Erleben von Selbstwirksamkeit und positivem Selbstwertgefühl. Die unter diesen Bedingungen verstärkt aktivierten Stressachsen im Organismus und ihre langfristigen Folgen für Funktionsweise und strukturelle Veränderungen einzelner Organsysteme sind von der medizinischen Stressforschung der vergangenen Jahrzehnte umfangreich untersucht worden und können an dieser Stelle als bekannt vorausgesetzt werden (Überblick in Rensing et al. 2006). Besonders intensiv sind Stressreaktionen infolge bedrohter Kontrolle und Belohnung im Fall eines Arbeitsplatzverlusts und daran anschließender längerer Arbeitslosigkeit (zu erhöhten Erkrankungsrisiken Kap. 23.3.1).
Arbeitsstressmodelle
An dieser Stelle muss jedoch Arbeitsstressmodellegeklärt werden, wie die beschriebenen, die Stressreaktionen bedingenden Situationen und Dispositionen in der Arbeitswelt präziser definiert und gemessen werden können. Dies ist die Aufgabe theoretischer Modelle, die von der soziologischen und psychologischen Forschung entwickelt und bzgl. ihrer Eignung, arbeitsbedingte Erkrankungen zu erklären, getestet werden müssen. Einem theoretischen Modell kommt die Funktion zu, auf einer allgemeinen, abstrakten Ebene Merkmale belastender Arbeitsbedingungen zu identifizieren, die auf eine Vielzahl von unterschiedlichen Arbeitsplätzen und Beschäftigungsverhältnissen anwendbar sind und die zugleich Erklärungskraft im Hinblick auf unterschiedlich verteilte Erkrankungsrisiken in der Erwerbsbevölkerung besitzen. Ein theoretisches Modell ist umso gehaltvoller, je riskanter seine Vorhersagen, d. h. je höher der Neuigkeitswert und je größer der Verallgemeinerungsgrad der von ihm abgeleiteten Informationen sind. Zugleich steigt mit der empirischen Überprüfung das Risiko, dass die Annahmen eines Modells nicht bzw. nur teilweise bestätigt werden.
Viele der in der Forschung zu psychomentalen Belastungen im Erwerbsleben entwickelten Modelle zeichnen sich durch einen relativ geringen Spezifizierungsgrad aus, was eine strenge empirische Prüfung erschwert. Mit deutlicher Dominanz psychologischer Theorien konzentrieren sie sich stärker auf das Bewältigungsverhalten arbeitender Personen als auf situative Bedingungen, die Stress auslösen können (Stressoren). Eine angemessene Darstellung des Forschungsstands kann an dieser Stelle nicht erfolgen. Neuere Übersichten finden sich in den Publikationen von Cartwright und Cooper (2009) sowie Semmer (2003). Die beiden nachfolgend erörterten soziologischen ArbeitsstressmodelleArbeitsstressmodellesoziologische zeichnen sich dadurch aus, dass sie in den vergangenen Jahren bzgl. ihrer Erklärungskraft arbeitsbedingter Gesundheitsgefahren international besonders intensiv empirisch getestet wurden und dementsprechend zu einer Reihe neuer Erkenntnisse geführt haben.
An erster Stelle ist das Anforderungs-Kontroll-Modell ArbeitsstressmodelleAnforderungs-Kontroll-ModellAnforderungs-Kontroll-ModellArbeitsstresszu nennen (Karasek und Theorell 1990). Dieses auch Job Strain Job-Strain-ModellArbeitsstressmodelleJob-Strain-Modellgenannte Modell konzentriert sich auf Aspekte der Arbeitsorganisation und Arbeitsinhalte als Auslöser chronischer Stresserfahrungen. Arbeitsaufgabenprofile, die sich durch hohe psychische und physische Anforderungen und zugleich durch einen geringen Grad an Entscheidungsspielraum und Kontrolle über die Ausführung der Tätigkeit charakterisieren lassen, rufen chronische Stressreaktionen hervor und erhöhen dadurch langfristig das Risiko stressassoziierter Erkrankungen. Dabei wird der Quantität der Anforderungen besondere Beachtung geschenkt (Zeitdruck). Tätigkeiten mit geringem Entscheidungsspielraum begrenzen die Lernchancen und Entwicklungsanreize der sie ausführenden Personen; sie führen zum Erleben von Monotonie und behindern Erfahrungen der Selbstwirksamkeit. Klassisches Beispiel eines stressinduzierenden Arbeitsplatzes nach diesem Modell ist die Fließbandarbeit in der industriellen Fertigung; aber auch verschiedene einfache Dienstleistungsberufe lassen sich diesem Typus zuordnen. Verschärft werden Stresserfahrungen an solchen Arbeitsplätzen, wenn ein potenzieller Schutzfaktor, erfahrener sozialer Rückhalt bei der Arbeit, wegfällt (z. B. bei in Isolation durchgeführten Tätigkeiten). Das Anforderungs-Kontroll-Modell ist aufgrund der herausragenden stresstheoretischen Bedeutung der Dimension „Kontrolle“ bedeutsam. Allerdings bleibt es der Black-Box-Perspektive ArbeitsstressmodelleBlack-Box-Perspektiveverhaftet, da psychologische Merkmale der arbeitenden Person nicht berücksichtigt werden. Ferner stellt sich die Frage, ob eine Begrenzung von Stresserfahrungen auf Aspekte von Tätigkeitsinhalten angesichts des oben skizzierten Wandels der Arbeitsbedingungen angemessen ist.
Beiden Begrenzungen wird in einem zweiten soziologischen Arbeitsstressmodell Rechnung getragen, dem Modell beruflicher Gratifikationskrisen (GratifikationskrisenmodellArbeitsstressmodelleGratifikationskrisenmodellSiegrist 1996). Dieses Modell geht von der im Arbeitsvertrag angelegten sozialen Reziprozität der Tauschbeziehung zwischen Leistung und Belohnung aus, wonach für erbrachte Arbeitsleistungen angemessene Gratifikationen in Form von Lohn oder Gehalt, beruflichem Aufstieg bzw. Sicherheit des Arbeitsplatzes sowie Anerkennung und Wertschätzung gewährt werden. Ausgeprägte Stressreaktionen sind nach diesem Modell dort zu erwarten, wo einer fortgesetzten hohen Verausgabung keine angemessenen Belohnungen gegenüberstehen, d. h. in Situationen, die für Erwerbstätige durch hohe Kosten bei niedrigem Gewinn gekennzeichnet sind (Gratifikationskrisen). Im Modell werden drei Bedingungen spezifiziert, unter denen dies mit hoher Wahrscheinlichkeit der Fall ist:
  • 1.

    Bei fehlender Arbeitsplatzalternative (z. B. aufgrund geringer Qualifikation oder eingeschränkter Mobilität)

  • 2.

    Bei ungünstigen Arbeitsverträgen, die aus strategischen Gründen über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten werden (z. B. zum Zweck der Erzielung prospektiver Wettbewerbsvorteile in hochkompetitiven Berufen)

  • 3.

    Bei Vorliegen eines (angesichts von Leistungssituationen) spezifischen psychischen Bewältigungsmusters, das durch eine distanzlose, übersteigerte Verausgabungsneigung gekennzeichnet ist – häufig einhergehend mit einer unrealistischen Einschätzung der gestellten Anforderungen und der zu erwartenden Belohnungen.

Das Modell berücksichtigt somit die Interaktion zwischen Merkmalen der Arbeitssituation und Merkmalen des Bewältigungshandelns arbeitender Personen. Ferner trägt es durch Einbeziehung von Aspekten des Arbeitsmarktes (Lohnniveau, Karrieremuster, Arbeitsplatzsicherheit) Entwicklungen des Erwerbslebens Rechnung, die sich im Zeitalter der Globalisierung durch hohe, häufig erzwungene Mobilität, durch erwerbsbiografische Diskontinuität, durch Arbeitsmarktsegmentierung und erhöhte Risiken eines Arbeitsplatzverlustes kennzeichnen lassen.
Beide Modelle ergänzen sich eher, als dass sie in Konkurrenz zueinander stehen. Sie unterscheiden sich hinsichtlich der analytischen Schwerpunkte, der stresstheoretischen Verankerung (eingeschränkte Handlungskontrolle im Anforderungs-Kontroll-Modell; verletzte soziale Reziprozität im Gratifikationskrisenmodell) sowie hinsichtlich der praktischen Folgerungen für die betriebliche und überbetriebliche Gesundheitsförderung (s. u.). Da manche Berufe sowohl durch Aspekte des Job-Strain-Modells Job-Strain-ModellArbeitsstressmodelleJob-Strain-Modellals auch durch jene des Gratifikationskrisenmodells geprägt sind, sind hier kumulierte Stresswirkungen zu erwarten. Dies hat sich in verschiedenen empirischen Studien, die die beiden Stressmodelle gleichzeitig geprüft haben, bestätigt (Peter et al. 2002).
Messung und Überprüfung
Zur Messung von Arbeitsstress ArbeitsstressMessung und Überprüfunggemäß den beiden Modellen sind standardisierte, psychometrisch gut charakterisierte Fragebogen entwickelt worden.
Das Anforderungs-Kontroll-ModellAnforderungs-Kontroll-ModellJob Content Questionnaire wird anhand des Job Content Questionnaire Job Content Questionnairegemessen, wobei die beiden Skalen psychological demands und job decision latitude im Zentrum stehen (Karasek et al. 1998).
Das Modell beruflicher Gratifikationskrisen wird mit einem 22 Likert-skalierte Items umfassenden Fragebogen erfasst, der zum einen die beiden extrinsischen Komponenten „geforderte Verausgabung“ und „arbeitsbezogene Belohnungen“, zum anderen die intrinsische Komponente „berufliche Verausgabungsneigung“ abbildet. Das zentrale stresstheoretische Konstrukt der Gratifikationskrise wird mittels eines Quotienten aus den beiden extrinsischen Skalen gebildet. Je höher der Wert des Quotienten ist, desto höher ist die entsprechend unterstellte Stressbelastung (Siegrist 2015).
Zu beiden Messverfahren liegen ausführliche Informationen über ihre Reliabilität und Validität sowie ihre Anwendung in verschiedenen Sprachen vor.

Zur Überprüfung der Erklärungskraft stresstheoretischer Modelle bzgl. arbeitsbedingter GesundheitsgefahrenGesundheitsgefahrenarbeitsbedingte stehen unterschiedliche Untersuchungsansätze zur Verfügung. Am wichtigsten ist der methodische Ansatz der prospektiven epidemiologischen Beobachtungsstudie.Arbeitsstressepidemiologische Studien Sie gilt als Goldstandard dieser Forschungsrichtung, da die Erfassung der Exposition der Krankheitsmanifestation stets zeitlich vorgelagert ist (Ursache-Wirkungs-Beziehung) und da die Stärke der statistischen Assoziation (Odds-Ratio, relatives Risiko) unter Berücksichtigung des Einflusses konfundierender Variablen quantifiziert werden kann. Allerdings handelt es sich hierbei, im Gegensatz zu den weniger beweiskräftigen Fall-Kontroll-Studien und Querschnittstudien, um eine sehr zeit- und kostenaufwendige Forschung.

Eine wichtige Ergänzung epidemiologischer Forschung stellen experimentelle und quasiexperimentelle Studien dar. Sie liefern unter kontrollierten Bedingungen Hinweise auf die in statistischen Beziehungen lediglich unterstellten, nicht im Einzelnen nachgewiesenen Bindeglieder oder Mechanismen, die für krankheitswertige Folgen der Exposition verantwortlich sind.
In der Stressforschung stehen dabei psychobiologische Marker des autonomen Nervensystems, des endokrinen und des Immunsystems im Vordergrund. Experimentelle Studien in Form von Interventionen sind schließlich für die Krankheitsursachenforschung von besonderer Bedeutung, da eine Senkung des Erkrankungsrisikos als Folge einer gezielten Intervention als starker Hinweis auf eine kausale Beziehung betrachtet werden kann.
Im folgenden Abschnitt wird die aktuelle empirische Evidenz zum Einfluss psychosozialer Arbeitsbelastungen auf stressassoziierte Erkrankungen anhand der beiden beschriebenen Modelle zusammenfassend dargestellt. Dabei werden diejenigen Erkenntnisse mit Priorität berücksichtigt, die aus prospektiven Studien zur Vorhersage neu auftretender Krankheitsereignisse resultieren.

Empirische Befunde

Evidenz aus epidemiologischen Studien

Herz-Kreislauf-Krankheiten
In einer größeren Zahl prospektiver Studien wurde der Zusammenhang zwischen psychosozialen ArbeitsbelastungenArbeitsbelastungenHerz-Kreislauf-ErkrankungenHerz-Kreislauf-ErkrankungenArbeitsbelastungen, gemessen anhand der beiden genannten Modelle, und der Neuerkrankungsrate an koronaren bzw. kardiovaskulären Krankheiten überprüft, wobei sich die Mehrzahl auf das Job-Strain-Modell bezieht (Steptoe und Kivimäki 2012; Backé et al. 2012).Herz-Kreislauf-ErkrankungenJob-Strain-ModellJob-Strain-ModellHerz-Kreislauf-Erkrankungen
Abb. 23.1 gibt exemplarisch zu beiden Modellen die Ergebnisse einer Längsschnittstudie aus Finnland, der sog. Valmet-StudieValmet-Studie, wieder. Die Studie wurde an 812 männlichen und weiblichen Beschäftigten eines metallverarbeitenden Unternehmens über einen Beobachtungszeitraum von ca. 25 Jahren durchgeführt und enthielt initiale Befragungsdaten, anhand derer beide Arbeitsstressmodelle gemessen werden konnten. Informationen über die Todesursachen wurden vom nationalen Sterberegister erhoben. In dieser Studie wurden Informationen über sozioökonomische Bedingungen in zwei Phasen des Lebenslaufs gesammelt, zum einen während der frühen Kindheit (u. a. gemessen anhand des väterlichen Berufs), zum anderen bei Beginn des Berufslebens. Auch nach statistischer Kontrolle dieser sozioökonomischen Einflüsse sowie relevanter somatischer und verhaltensbezogener Risikofaktoren zeigte sich, dass das Risiko kardiovaskulärer Mortalität Kardiovaskuläre ErkrankungenMortalität, ArbeitsstressHerz-Kreislauf-ErkrankungenMortalität, ArbeitsstressinArbeitsstresskardiovaskuläre Mortalität der Gruppe derjenigen, die durch besonders hohe Werte bei der Messung von Arbeitsstress gekennzeichnet waren (oberes Tertil nach dem Anforderungs-Kontroll-Modell [links] bzw. nach dem Gratifikationskrisenmodell [rechts]) mehr als doppelt so hoch war wie das der Beschäftigten ohne nachweisbare Stressbelastung zu Beginn der Studie. Ebenfalls erhöht war das Risiko in der Gruppe mit mittleren Belastungswerten (Brunner et al. 2004). Die relative Risikoerhöhung in dieser Studie war allerdings stärker als dies in der Mehrzahl der jüngeren Studien der Fall ist (Steptoe und Kivimäki 2012).
Die Mehrzahl der prospektiven Studien wurde an männlichen Kollektiven durchgeführt; hier zeigten sich auch deutlichere bzw. konsistentere Ergebnisse als bei Frauen, und zwar unabhängig davon, ob Arbeiter, Angestellte oder Beamte untersucht wurden. Bei Jüngeren waren die Zusammenhänge ausgeprägter als bei Älteren, wobei die Effektstärke beider Stressmodelle etwa gleich stark war. Die Mehrzahl der Studien erfasste nichttödliche und tödliche Koronarereignisse; nur wenige bezogen sich auf Schlaganfälle oder andere vaskuläre Komplikationen. Auch subklinische Morbidität wurde bisher relativ selten prospektiv untersucht. Dennoch lässt sich angesichts einer relativ hohen Expositionsrate – zwischen 10 und 30 % der untersuchten erwerbstätigen Populationen waren von einer der beiden Formen von Arbeitsstress betroffen – und angesichts einer relevanten Inzidenz koronarer Ereignisse festhalten, dass die zusammenfassend festgestellte deutliche Risikoerhöhung Herz-Kreislauf-ErkrankungenArbeitsstresspräventivmedizinisch und gesundheitspolitisch bedeutsam ist (Siegrist 2015).
Die Evidenz für einen Zusammenhang zwischen Arbeitsbelastungen und Reinfarktrisiko Reinfarktrisiko, ArbeitsbelastungenArbeitsbelastungenReinfarktrisikonach Ersterkrankung ist bisher schwächer, da nur vereinzelte Studien vorliegen. Neue katamnestische Studien aus Kanada weisen jedoch überzeugend nach, dass Herzkranke, die nach beruflicher Wiedereingliederung an Arbeitsplätzen beschäftigt waren, die durch Job-Strain und Gratifikationskrisen gekennzeichnet waren, ein signifikant erhöhtes Reinfarktrisiko besaßen (Aboa-Eboulé et al. 2007; Aboa-Eboulé et al. 2011).
Umfangreiche Kenntnisse bestehen außerdem zum Einfluss psychosozialer Arbeitsbelastungen auf die Entwicklung kardiovaskulärer Risikofaktoren, so insbesondere von Bluthochdruck (Gilbert-Ouimet et al. 2013HypertonieArbeitsbelastungenArbeitsbelastungenHypertonie), atherogenen Lipiden und veränderten Fließeigenschaften des Blutes (Brunner 2002), metabolischem Syndrom (Chandola et al. 2006) sowie von verhaltensgebundenen Risikofaktoren (Siegrist und Rödel 2006). Dass chronische und subakute Stresserfahrungen im Erwerbsleben im vorgeschädigten Herz-Kreislauf-System zu gefährlichen Rhythmusstörungen HerzrhythmusstörungenArbeitsbelastungenund akuten KoronarsyndromenKoronarsyndrom, akutesArbeitsbelastungen beitragen können, ist in eindrucksvollen klinischen und epidemiologischen Untersuchungen belegt worden (Hemingway 2002).

Resümee

Insgesamt liegt ein überzeugendes Mosaik empirischer Befunde zum Einfluss von Arbeitsstress auf die verschiedenen Stadien und Entwicklungspfade kardiovaskulärer Erkrankungen vor. Allerdings ist es bisher erst in Ansätzen gelungen, diese Pfade in einem einheitlichen, im Längsschnitt geprüften Kausalmodell zu vereinen (Chandola et al. 2008). Für ärztliche Maßnahmen der Diagnostik, Therapie und Prävention wird es zudem hilfreich sein, das relative Gewicht personaler, vor allem psychischer Risikodispositionen (zu ihrem Stellenwert bei KHK Koronare Herzkrankheit (KHK)ArbeitsbelastungenArbeitsbelastungenkoronare HerzkrankheitKap. 78) im Vergleich zu arbeitsbezogenen Risikosituationen genauer bestimmen zuArbeitsbelastungenHerz-Kreislauf-ErkrankungenHerz-Kreislauf-ErkrankungenArbeitsbelastungen können.

Depressive Störungen
Depressive Störungen stellenDepression/depressive StörungenArbeitsbelastungenArbeitsbelastungenDepression aufgrund ihrer Prävalenz in der Allgemeinbevölkerung, aufgrund ihres bedeutsamen Beitrags zu krankheitsbedingten Fehlzeiten und Frührenten und schließlich aufgrund der mit Depression assoziierten Suizidgefahr ein sehr bedeutsames Gesundheitsproblem in modernen Gesellschaften dar. Bedenkt man zudem, dass Depressionen bei der Entwicklung und beim Verlauf koronarer Herzerkrankungen eine inzwischen überzeugend dokumentierte Rolle spielen (Nicholson et al. 2006) und vermutlich auch das Risiko von Stoffwechselerkrankungen erhöhen (Goldbacher und Matthews 2007), so wird diese Bedeutung weiter unterstrichen. Obwohl die Diagnostik depressiver Störungen schwieriger und weniger einheitlich ist als diejenige von koronaren Herzkrankheiten, werden doch neben psychiatrisch validierten Diagnosen aussagekräftige Fragebogeninstrumente in einer Vielzahl von epidemiologischen Studien eingesetzt.
Aus mehr als zwei Dutzend prospektiven Datensätzen liegen Ergebnisse zum Einfluss der beiden Arbeitsstressmodelle Depression/depressive StörungenArbeitsstressmodelleArbeitsstressmodelleDepressionauf die Entwicklung depressiver Symptome vor. So lässt sich Folgendes festhalten: Für Männer wie für Frauen zeigen sich konsistente, statistisch signifikante relative Risikoerhöhungen um durchschnittlich 80 % bei Vorliegen chronischer Stresserfahrungen im Erwerbsleben. Die Effekte sind etwas schwächer, wenn depressive Ereignisse aufgrund ärztlicher Diagnosen zugrunde gelegt werden; jedoch zeigen sie sich sowohl für das Anforderungs-Kontroll-Modell Depression/depressive StörungenAnforderungs-Kontroll-ModellAnforderungs-Kontroll-ModellDepressionals auch für das Modell beruflicher Gratifikationskrisen. GratifikationskrisenmodellDepressionDepression/depressive StörungenGratifikationskrisenmodellAn dieser Stelle soll darauf hingewiesen werden, dass Arbeitsplatzunsicherheit nicht nur als Teil des zuletzt genannten Modells, sondern auch als eigenständiger Risikofaktor zur Erklärung depressiver Störungen beiträgt (Stansfeld et al. 2006). Gleiches gilt für ein ergänzendes Konzept psychosozialer Arbeitsbelastungen: die bei der Arbeit erfahrene Organisationsungerechtigkeit. Für dieses Konzept sind ebenfalls eigenständige Effekte auf depressive Risiken belegt (Ndjaboué et al. 2012). Errechnet man aus den vorliegenden Daten das attributable RisikoRisiko, attributablesAttributables Risiko, dann lässt sich in statistischer Betrachtung etwa jede fünfte depressive Störung auf die hier untersuchten stressbedingten Einflüsse zurückführen.
Chronischer Stress im Erwerbsleben stellt lediglich eine von mehreren psychosozialen Risikobedingungen depressiver Störungen dar (Übersicht Kap. 63 und Kap. 65). Sein relatives Gewicht ist allerdings in epidemiologischen Studien recht zuverlässig ermittelt worden.

Resümee

Die aus den dargestellten Befunden ersichtliche gesundheitspolitische Bedeutung des Einflusses von Arbeitsbelastungen auf psychische Störungen wird durch eine auf umfangreichen Daten beruhende prospektive Studie aus Finnland weiter unterstrichen (Juvani et al. 2014). Danach werden Männer und Frauen in Berufen, die nach dem Gratifikationskrisenmodell im Mittel durch hohe Belastungswerte gekennzeichnet sind,FrühberentungArbeitsstressmodelleDepression/depressive StörungenFrühberentung wesentlich häufiger aufgrund einer psychischen Störung krankheitsbedingt frühberentetArbeitsbelastungenDepressionDepression/depressive StörungenArbeitsbelastungen als Beschäftigte in stressärmeren Berufen. Schließlich muss an dieser Stelle nachdrücklich auf die erhöhten Gefahren depressiver Störungen, ihre Folgen und Komorbiditäten im Fall von ArbeitslosigkeitArbeitslosigkeit, DepressionDepression/depressive StörungenArbeitslosigkeit hingewiesen werden (Dupre et al. 2012; Holleder 2013).

Weitere Anwendungen der Arbeitsstressmodelle
Der Beitrag der genannten Arbeitsstressmodelle zur Erklärung eingeschränkter Gesundheit ist nicht auf Herz-Kreislauf-Krankheiten und depressive Störungen begrenzt, wenngleich er bei diesen beiden Störungsbildern am intensivsten untersucht und bekräftigt wurde. Vereinzelt zeigen sich analoge Zusammenhänge zu Alkoholabhängigkeit (Head et al. 2004), zur Inzidenz muskuloskelettaler Beschwerden (Rugulies und Krause 2007) und zu eingeschränktem Funktionsvermögen (Reinhardt et al. 2013). Interessant ist ferner, dass Erfahrungen bedrohter Kontrolle und enttäuschter BelohnungserwartungenBelohnungserwartungen, enttäuschte ArbeitsstressmodelleBelohnungserwartungen, enttäuschtenicht nur der Entwicklung stressassoziierter Krankheiten Vorschub leisten, sondern auch die ArbeitsmotivationArbeitsmotivation schwächen, bis hin zu „innerer Kündigung“, Berufswechsel und vorzeitiger Berufsaufgabe (Karasek und Theorell 1990; Hasselhorn et al 2004; Siegrist et al. 2006). In einer US-amerikanischen Studie wurde sogar wissenschaftliches Fehlverhalten auf Erfahrungen verletzter Tausch- und Organisationsgerechtigkeit zurückgeführt (Martinson et al. 2006), und eine australische Untersuchung wies nach, dass bei Vorliegen gratifikationskritischer Erfahrungen Vorschriften im Straßenverkehr vermehrt missachtet werden (Hoggan und Dollard 2007).
Erweiterungen des Aussagenbereichs der hier betrachteten theoretischen Modelle ergeben sich jedoch nicht nur hinsichtlich der zu erklärenden Tatsachen, d. h. der Kriteriumsvariablen in empirischen Studien (stressassoziierte Krankheiten, Motivationskrisen, abweichende Verhaltensweisen), sondern auch hinsichtlich der vorhersagenden Größen, d. h. der prädiktiven Variablen, die durch das jeweilige Modell definiert werden. Konkret bedeutet dies, dass beide, das Anforderungs-Kontroll-Modell ArbeitsstressmodelleAnforderungs-Kontroll-ModellAnforderungs-Kontroll-Modellhäusliche Pflege, Hausarbeit, Ehrenamtund das Gratifikationskrisenmodell, Gratifikationskrisenmodellhäusliche Pflege, Hausarbeit, EhrenamtArbeitsstressmodelleGratifikationskrisenmodellin Leistungszusammenhängen jenseits der Erwerbsarbeit ihre Brauchbarkeit unter Beweis stellen können. In erster Linie gilt dies für Hausarbeit (HausarbeitChandola et al. 2004; Sperlich et al. 2013), für häusliche Pflege und Ehrenamt (Wahrendorf et al. 2006), aber auch für enge soziale Beziehungen, die durch langjährige wechselseitige Investitionen gekennzeichnet sind (Partnerschaft, Eltern-Kind-Beziehung). Hier sind überall, vor allem angesichts von Erfahrungen verletzter sozialer ReziprozitätSoziale Reziprozität, verletzte imArbeitsstressmodellesoziale Reziprozität, verletzte leistungsbezogenen Austausch, erhöhte Gesundheitsgefahren beobachtet worden (Chandola et al. 2007).
Die zuletzt erwähnten Befunde deuten darauf hin, dass bedrohte Kontrolle in herausfordernden Situationen, in denen Selbstwirksamkeitserfahrungen Selbstwirksamkeit(serfahrungen)ArbeitsstressmodelleArbeitsstressmodelleSelbstwirksamkeitserfahrungenblockiert werden, und enttäuschte Belohnung in Beziehungen, in denen das grundlegende Prinzip sozialer Reziprozität und damit indirekt das Selbstwertgefühl verletzt wird, in verschiedenen Bereichen gesellschaftlicher Wirklichkeit ihre krankmachende Wirkung entfalten. Für die Universalität pathogener Effekte von bedrohter Kontrolle und enttäuschter Belohnung im sozialen Austausch spricht auch die Beobachtung, dass die referierten Zusammenhänge zwischen beruflicher Stressbelastung und gesundheitlichen Risiken nicht nur in modernen westlichen Gesellschaften beobachtet wurden, sondern auch in fernen Kulturkreisen wie Japan (Tsutsumi und Kawakami 2005), China und Südostasien (Li et al. 2006).

Evidenz aus experimentellen und quasi-experimentellen Studien

Experimente besitzen den Vorteil, dass VersuchsbedingungenArbeitsbelastungenEvidenz aus experimentellen Studien und Reaktionen kontrollierbar und einzelne Variablen planmäßig beeinflussbar sind. Damit wird das Aufdecken kausaler Verknüpfungen erleichtert. Dies geschieht aber um den Preis einer oft geringen externen Validität, die künstlichen Versuchsanordnungen eigen ist. Von dieser Einschränkung sind Feldstudien nicht betroffen, in denen physiologische Reaktionen während der Arbeit ambulant registriert werden, allerdings mit dem Nachteil, dass zusätzliche, nicht gemessene Einflussfaktoren die Ergebnisse möglicherweise verzerren. Werden jedoch beide Verfahren, d. h. experimentelle Untersuchungen und Studien mit kontinuierlichen physiologischen Messungen, die unter lediglich bedingt kontrollierbaren Bedingungen durchgeführt werden, zum wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn eingesetzt, so ergibt sich aus der Synthese der ermittelten Ergebnisse ein zuverlässiges Bild. Dies trifft vor allem dann zu, wenn in einer Organisation gezielt Interventionen in dem Bestreben durchgeführt werden, krankmachende Arbeitsbedingungen so zu beeinflussen, dass in der Folge die gesundheitliche Gefährdung verringert wird.
In diesem Abschnitt werden ausgewählte Ergebnisse zu diesen Untersuchungsplänen dargestellt, wobei die in den Arbeitsstressmodellen identifizierten Variablen entweder direkt in die Versuchsanordnungen eingehen oder aber als Moderatoreffekte hinsichtlich physiologischer Reaktionen auf (experimentell induzierte oder am Arbeitsplatz vorhandene) Stressoren analysiert werden.
Ambulante Registrierung physiologischer Reaktionen während der Arbeit
ArbeitsbelastungenphysiologischeDem nachvollziehbaren Misstrauen gegenüber statistischen Befunden aus prospektiven epidemiologischen Studien kann am besten dadurch begegnet werden, dass die unmittelbaren Auswirkungen psychosozialer Belastungen während des Arbeitsalltags anhand physiologischer Registrierungen dokumentiert werden. Hierzu eignen sich Verfahren, die Blutdruck und Herzfrequenz messen, ebenso wie Verfahren wiederholter Messung von Hormonkonzentrationen im Blut oder im Speichel. In diesen Untersuchungen wird die Hypothese geprüft, dass psychosozial Belastete im Vergleich zu Nichtbelasteten signifikant veränderte Reaktionsmuster aufweisen. Reaktionsmuster unterscheiden sich dabei nach der Höhe der Mittelwertdifferenzen zwischen den Gruppen im Tagesverlauf. Zusätzlich wird erwartet, dass der Eintritt der Erholungsphase am Ende eines Arbeitstages bei Belasteten später erfolgt als bei Nichtbelasteten.
Verschiedene Studien haben eine erhöhte kardiovaskuläre Aktivität Arbeitsbelastungenkardiovaskuläre Aktivität, erhöhtewährend des Arbeitsalltags bei Beschäftigten dokumentiert, deren Arbeitsplatzprofil durch hohe Anforderungen und niedrige Kontrolle (Steptoe 2006) oder durch hohe Verausgabung in Kombination mit niedriger Belohnung gekennzeichnet war (Vrjikotte et al. 2000). Zugleich wurde eine erniedrigte HerzfrequenzHerzfrequenz, erniedrigteArbeitsbelastungenHerzfrequenzvariabilität festgestellt, möglicherweise ein Hinweis auf eine gestörte Balance zwischen sympathischer und vagaler Reaktionslage. In der britischen Whitehall-II-Studie waren systolische Blutdruckwerte in der Gruppe der Beamten, die eine übersteigerte berufliche Verausgabungsneigung aufwiesen, zugleich jedoch in der untersten Hierarchiestufe standen, signifikant erhöht (man denke an das oben erwähnte „Sisyphos-SyndromSisyphos-Syndrom“; Steptoe et al. 2004).
Ähnliche Differenzen wurden in Bezug auf Hormonkonzentrationen nachgewiesen, am häufigsten anhand von Speichel-Kortisol. ArbeitsbelastungenSpeichelkortisolDie Befunde sind allerdings nicht konsistent, da unter chronisch hoher Stressbelastung sowohl erhöhte als auch erniedrigte Hormonkonzentrationen ArbeitsbelastungenHormonkonzentrationenfestgestellt wurden (Kristenson 2006). Letzteres erklärt sich womöglich durch ein Herunterregulieren der Rezeptoren infolge chronischer Aktivierung.
Obwohl in den zitierten Studien versucht wurde, Störgrößen (z. B. körperliche Bewegung, diurnaler Rhythmus, Substanzkonsum etc.) zu kontrollieren, lassen sich die Ergebnisse nur mit Einschränkung im Sinne einer kausalen Verknüpfung interpretieren. Daher ist eine weitere Prüfung im Rahmen experimenteller Studien erforderlich.
Experimentelle Untersuchungen
Psychomentale StressorenStressorenpsychomentale imArbeitsbelastungenpsychomentale Labor konfrontieren die Versuchspersonen in der Regel mit herausfordernden mentalen Aufgaben oder schwierigen sozialen Situationen, die als Surrogatmarker von Erfahrungen bedrohter Kontrolle in der Lebens- und Arbeitswelt der Betroffenen interpretiert werden. Unter diesen experimentellen Bedingungen ist für eine Vielzahl von biologischen Größen eine veränderte Reaktionslage nachgewiesen worden. Dabei werden vorrangig zwei Reaktionsparameter untersucht: die Differenz zwischen Ausgangswert und maximaler Stressreaktion und die Dauer der Aktivierung bis zum Wiedererreichen des Ruhewertes. Stressinduzierte Anstiege sind für kardiovaskuläre Indikatoren, Katecholamine, Kortisol, Entzündungsmarker, Parameter des Immunsystems (Steptoe 2006) sowie, auf molekularbiologischer Ebene, für den Transkriptionsfaktor NF-kB (Bierhaus et al. 2003) nachgewiesen worden. Ähnliches gilt für eine verzögerte Erholungsphase.
Von besonderem Interesse im Kontext des hier behandelten Themas sind diejenigen experimentellen Studien, die anhand von Informationen zu den Arbeitsstressmodellen moderierende Effekte untersucht haben, d. h. signifikant erhöhte oder erniedrigte Reaktionsmuster auf psychomentale Stressoren bei Vorliegen hoher Belastungswerte.
Abb. 23.2 zeigt ein Beispiel für eine solche Untersuchung. Dabei wurden bei 74 gesunden Männern verschiedene psychomentale Labortests durchgeführt, wobei neben kardiovaskulären Reaktionen die Entzündungsmarker C-reaktives Protein (CRP) CRP (C-reaktives Protein)ArbeitsbelastungenArbeitsbelastungenC-reaktives Protein (CRP)und von-Willebrand-Faktor (vWF) Von-Willebrand-Faktor (vWF)Arbeitsbelastungenvon-Willebrand-Faktor (vWF)analysiert wurden. Die Probanden wurden anhand von Skalenwerten des Gratifikationskrisenmodells GratifikationskrisenmodellArbeitsbelastungeninArbeitsbelastungenGratifikationskrisen drei Tertile aufgeteilt. Die Abbildung illustriert den kontinuierlichen Anstieg der Entzündungsaktivität, gemessen anhand der Differenz zwischen Ausgangs- und Maximalwert, nach dem Ausmaß psychosozialer Stressbelastung. So war z. B. der Anstieg von CRP bei den Hochbelasteten mehr als 5-mal so hoch wie bei den Niedrigbelasteten (Hamer et al. 2006). Eine neuere Studie belegt überdies bei einem größeren Kollektiv männlicher Beschäftigter in Japan eine signifikant erniedrigte Anzahl natürlicher Killerzellen in Leukozyten bei Vorliegen gratifikationskritischer Erfahrungen (Nakata et al. 2011).
Angesichts der pathophysiologischen Bedeutung körpereigener Entzündungsreaktionen bei der Entwicklung kardiovaskulärer und metabolischer Störungen sind diese Befunde von Interesse. Jedoch sind auch für eine Reihe hormoneller Parameter Moderatoreffekte anhand der beiden Arbeitsstressmodelle nachgewiesen worden, wobei sowohl verstärkte als auch verminderte Reaktionsmuster beobachtet wurden (Steptoe 2006; Kristenson 2006). In einer neuen Studie erklärte z. B. die Variable „übersteigerte berufliche Verausgabungsneigung“ 13 % des gesamten Noradrenalinanstiegs bei experimentell induziertem Stress (Wirtz et al. 2008).
Interventionsstudien
Letztlich besteht ein zentrales Anliegen dieser Forschung in dem Nachweis, dass durch den Abbau von Arbeitsbelastungen positive gesundheitliche Effekte erzielt werden können. Bisher liegen aufgrund der großen methodischen Schwierigkeiten, eine Interventionsstudie nach den Regeln der Kunst durchzuführen, erst wenige Ergebnisse zu Gesundheitsindikatoren aus qualitativ hochwertigen Interventionsstudien ArbeitsbelastungenInterventionsstudienvor. Ein frühes Beispiel stammt aus Schweden, wo anhand des Anforderungs-Kontroll-Modells Arbeitsaufgaben systematisch erweitert und Angestellte einer Organisation in eine verbesserte Arbeitsorganisation einbezogen wurden. Als Ergebnis zeigten sich nicht nur signifikante Verbesserungen auf der Skala „Entscheidungs- und Kontrollspielraum“ des Arbeitsstressmodells, sondern auch ein deutlich günstigeres atherogenes LipidprofilArbeitsbelastungenatherogenes Lipidprofil, Lipidprofil, Arbeitsbelastungenselbst nach Kontrolle des Ernährungsverhaltens (Orth-Gomer et al. 1994). In einer Studie bei britischen Postangestellten wurde ebenfalls die Arbeit unter Beteiligung der Betroffenen neu organisiert, mit dem Ziel, mehr Autonomie und Kontrolle beim Arbeitsablauf herzustellen. Nach 1 Jahr wurden im Vergleich zur Kontrollgruppe in der Interventionsgruppe eine signifikant verbesserte psychische Gesundheit, Gesundheitpsychischeverringerte Fehlzeiten und verbessertes Funktionsvermögen festgestellt (Bond und Bunce 2001).
Unter den neueren Studien, welche die Wirksamkeit theoriebasierter Interventionen belegen, sticht eine in zwei kanadischen Krankenhäusern durchgeführte Arbeit hervor. Hier waren selbst nach 3 Jahren signifikant verringerte BurnoutBurnout-SyndromModeratoreffekte-Werte beim Pflegepersonal der stressärmeren Stationen nachweisbar (Bourbonnais et al. 2011; Siegrist 2015)Ermüdbarkeit/ErschöpfbarkeitArbeitsbelastungenArbeitsbelastungenErschöpfung.

Resümee

Zusammenfassend zeigt sich, dass sowohl Feldstudien mit ambulanten physiologischen Messungen als auch experimentelle Untersuchungen und InterventionsstudienArbeitsbelastungenEvidenz aus experimentellen Studien die epidemiologisch nachgewiesenen Zusammenhänge zwischen Arbeitsbelastungen und Gesundheitsrisiken stützen, sodass starke Argumente für das Vorliegen einer ursächlichen Beziehung sprechen.

Folgerungen für ärztliches Handeln

Erfassung von Belastungen und Ressourcen im ärztlichen Gespräch

Für psychosomatisch geschulte oder interessierte Ärzte steht zunächst die Frage im Vordergrund, wie gesundheitsgefährdende ArbeitsbelastungenErfassungArbeitsbelastungengesundheitsgefährdendeArbeitsbelastungenRessourcenArbeitsbelastungen bei Patienten im Verein mit den ihnen zur Verfügung stehenden Ressourcen zuverlässig erfasst und in die therapeutische bzw. präventive Arbeit einbezogen werden können. Dabei ist von vornherein klar, dass ärztliche Interventionen primär auf die sie aufsuchenden Personen und ihre engsten Vertrauten begrenzt bleiben und dass – mit Ausnahme von betriebsärztlich tätigen Arbeitsmedizinern – strukturelle Maßnahmen, die sich auf eine Veränderung von Arbeitsbelastungen beziehen, außerhalb der Reichweite ärztlichen Handelns liegenArbeitsbelastungenärztliches Handeln.
Während in der epidemiologischen und experimentellen Grundlagenforschung psychometrisch getestete, ökonomisch einzusetzende Messinstrumente bevorzugt werden, eröffnet sich dem Arzt im Gespräch mit dem Patienten ein genuiner Zugang zur individuellen Problematik. Voraussetzung ist allerdings eine nach den Regeln und Qualitätskriterien ärztlicher Gesprächsführung durchgeführte Kommunikation, die durch Empathie, aktives Zuhören, Wertschätzung des Gegenübers sowie Echtheit und Transparenz in den Mitteilungen des Arztes gekennzeichnet ist.
Welche Fragenkomplexe ArbeitsbelastungenFragenkomplexesind vom Arzt anzusprechen, von deren Beantwortung Hinweise auf Art und Schwere erfahrener Belastungen sowie auf verfügbare Schutzfaktoren erwartet werden können? Während das Anforderungs-Kontroll-Modell ausschließlich die Arbeitssituation betrachtet, berücksichtigt das Modell beruflicher Gratifikationskrisen die Interaktion von Arbeitssituation und individueller Disposition. Entsprechende Fragen sind jedoch in den weiteren biografischen Kontext zu stellen. Nachfolgend sind einige Beispielfragen zu einer berufsbezogenen SozialanamneseSozialanamneseberufsbezogene ArbeitsbelastungenSozialanamnese, berufsbezogeneaufgeführt:
  • Sind Sie (oder waren Sie, und falls ja, wie lange) berufstätig? In welchem Beruf (evtl. Hauptberuf, letzter oder gegenwärtig ausgeübter Beruf)?

  • Wie gut können Sie Ihre Fähigkeiten und Ihre Interessen in Ihrem Beruf zum Ausdruck bringen (Berufszufriedenheit)?

  • Waren (oder sind) Sie von einem der nachfolgenden Ereignisse betroffen: Arbeitslosigkeit (Häufigkeit, Dauer), Berufswechsel (Verbesserung, Verschlechterung), unfreiwillige Versetzung, Frühberentung (krankheitsbedingt oder aus anderen Gründen, unfreiwillig vs. freiwillig)?

  • Fühlen Sie sich bei Ihrer Arbeit sehr stark gefordert (überfordert)? Haben die Arbeitsanforderungen in letzter Zeit zugenommen (Überstunden, Arbeitsintensivierung innerhalb der regulären Zeit)?

  • Können Sie auf die Gestaltung Ihrer Arbeitsaufgaben Einfluss nehmen? Sind Sie weisungsgebunden? Werden Ihr Arbeitsablauf und Ihr Arbeitsergebnis unmittelbar kontrolliert?

  • Entspricht das, was Sie für Ihre Arbeit bekommen (Bezahlung, Anerkennung, Aufstiegschancen) Ihrem Arbeitseinsatz? Haben Sie das Gefühl, dass sich Ihre Anstrengungen bei der Arbeit lohnen?

  • Erhalten Sie Hilfe und Unterstützung bei der Arbeit: von Ihrem Vorgesetzten, von Ihren Kollegen? Gibt es dauerhafte Konflikte? Werden Sie ungerecht behandelt?

  • Machen Sie sich Sorgen um Ihren Arbeitsplatz oder Ihre berufliche Zukunft?

  • Wie leicht fällt es Ihnen, nach der Arbeit abzuschalten und zu entspannen? Wie stark sind Sie innerlich mit Ihrer Arbeit bzw. Ihrem Betrieb verbunden?

  • Gibt es Probleme bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie? Oder erleichtert die Familie oder eine andere enge Beziehung Ihren Umgang mit beruflichen Belastungen?

  • Haben Sie, abgesehen von Urlaub, eine regelmäßige Abwechslung von den Verpflichtungen des Alltags, z. B. in Form eines Hobbys oder einer Vereinstätigkeit?

Die Fallgeschichte zu Beginn des Kapitels hat die Dynamik der Belastungs- und Bewältigungskarriere ArbeitsbelastungenDynamik der Belastungs- und BewältigungskarriereArbeitsbelastungenFallbeispieleiner von chronischem Arbeitsstress betroffenen Person veranschaulicht. Energieraubende Anpassungsleistungen, wiederkehrende Erfahrungen von Bedrohung und Enttäuschung und den sie begleitenden negativen Emotionen setzen letztlich einen Prozess der Erschöpfung Ermüdbarkeit/ErschöpfbarkeitArbeitsbelastungeninArbeitsbelastungenErschöpfung Gang, der sich zunächst in diskreten Symptomen ArbeitsbelastungenSymptome, diskretemanifestiert. Hierzu zählen rasche Ermüdbarkeit, nachlassende Energie, gesteigerte Irritierbarkeit und unkontrollierte Affektäußerungen. Oft gehen damit eine gesteigerte motorische Unruhe, eine eingeschränkte Fähigkeit, Spannungen abzubauen und sich von obsessiven Gedanken und Sorgen zu lösen, und schließlich ungeklärte hartnäckige Schlafstörungen einher. Im ärztlichen Gespräch sollten solche Anzeichen beachtet und angemessen bewertet werden, da sie u. U. eine psychophysische Krisensituation ankündigen. Eine Objektivierung dieser Symptome anhand biologischer (kardiovaskulärer, hormoneller, inflammatorischer etc.) Marker kann aufgrund fehlender populationsbezogener Normwerte und mangelnder Spezifität zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur eingeschränkt empfohlen werden.

Therapeutische und präventive Maßnahmen

Eine wichtige Aufgabe des Arztes besteht darin, Patienten über die aus ärztlicher Sicht bedeutsamen Aspekte der Arbeitsbelastungentherapeutische MaßnahmenArbeitsbelastungenpräventive Maßnahmenanamnestisch erfassten Informationen in Kenntnis zu setzen und mit ihnen gemeinsam mögliche sich daraus ergebende Konsequenzen zu erörtern. Dabei steht die Stärkung vorhandener psychischer und sozialer Ressourcen Arbeitsbelastungenpsychische/soziale Ressourcenebenso im Vordergrund wie der Abbau akuter Belastungen.
Ärzte müssen an dieser Stelle selbstkritisch prüfen, wie weit sie zur Durchführung psychotherapeutischer bzw. verhaltenstherapeutischer Maßnahmen der Stressbewältigung Stressbewältigung/-managementArbeitsbelastungenArbeitsbelastungenStressbewältigungund Ressourcenförderung qualifiziert sind und sollen ggf. ausgewiesene Experten in diese Arbeit einbeziehen bzw. die Arbeit an diese delegieren. Diese Maßnahmen umfassen u. a.:
  • die bewusste Wahrnehmung und das Erleben eigener Stressreaktionen in relevanten Situationen anhand eines gesteigerten Gespürs für psychophysische Zustände der Erregung und Anspannung;

  • die durch Visualisieren und Erinnern aktualisierten, mit Spannungszuständen assoziierten Kognitionen, Emotionen und Verhaltensweisen;

  • die Erfahrung psychophysischer Entspannung und ihre gezielte Herbeiführung anhand von Methoden des autogenen Trainings bzw. der progressiven Muskelrelaxation;

  • den Abbau übersteigerten Leistungsstrebens und unrealistischer Anforderungsbewertungen im Beruf;

  • die Stärkung psychosozialer Kompetenzen bei der Bewältigung von Belastungen (Selbstbehauptung, Distanzierungsfähigkeit, Toleranz, Optimismus, Humor, Vertrauen).

Einzelne Maßnahmen zur Stressbewältigung können mit Gewinn in Form von Gruppenarbeit durchgeführt werden (Siegrist und Silberhorn 1998; Kaluza 2004). Die Wirkung der angeführten Maßnahmen wird dadurch gesteigert, dass Therapeuten von ihren Patienten Rückmeldungen über zu Hause oder am Arbeitsplatz durchgeführte Übungen, deren Erfolge und Misserfolge anfordern und dadurch, dass zur Unterstützung von Lern- und Umstellungsprozessen schriftliche, audiovisuelle oder computerbasierte Hilfsmittel eingesetzt werden.
Der präventiv oder therapeutisch ausgerichteten ärztlichen Arbeit sind angesichts der aufgezeigten strukturellen Zwänge moderner Erwerbsarbeit deutliche Grenzen gesetzt. Auch sind Phänomene wie mangelnder sozialer Rückhalt oder Konflikte mit Vorgesetzten und Kollegen bei der Arbeit einer direkten, vom Arzt in die Wege zu leitenden Intervention nicht zugänglich. In letzterem Fall stehen Maßnahmen des Führungstrainings, der Personal- und Organisationsentwicklung in Unternehmen zur Verfügung, die vor allem im Rahmen betrieblicher Gesundheitsförderungsprogramme umzusetzen sind (Siegrist 2015).

Aufgabe des Arztes ist es in diesem Zusammenhang, Patienten auf Chancen betrieblicher GesundheitsförderungsmaßnahmenGesundheitsförderungbetriebliche ArbeitsbelastungenGesundheitsförderung, betrieblichehinzuweisen, Informations- und ggf. Beschwerdeinstanzen zuArbeitsbelastungenInformations- und ggf. Beschwerdeinstanzen benennen und durch Arztbriefe entsprechenden Handlungsbedarf anzumahnen.

Bei der Bescheinigung von Arbeitsunfähigkeit, Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungder Begutachtung von Anträgen auf Gewährung einer Erwerbsminderungsrente und anderen Begutachtungen kommt dem Arzt die verantwortungsvolle Aufgabe zu, den Kenntnisstand zu arbeitsbedingten Gesundheitsgefahren nach bestem Wissen geltend zu machen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass selbst im eingeschränkten Rahmen der Arzt-Patient-Beziehung wesentliche Hilfestellungen zur Erkennung und wirksamen Verminderung gesundheitsgefährdender beruflicher Belastungen möglich sind. Es gilt, diese Optionen gezielt wahrzunehmen und zu nutzen, um auf diese Weise zur Verminderung gesellschaftlichen Leidens beizutragen.

Ausblick

In diesem Kapitel sind die negativen Auswirkungen der Erwerbsarbeit Erwerbsarbeitnegative Auswirkungenauf die menschliche Gesundheit stärker betont worden als ihre positiven Folgen. Dies hängt nicht zuletzt mit den Zielgruppen zusammen, an die sich dieses Lehrbuch wendet: den mit Diagnostik, Therapie und Prävention von Erkrankungen befassten Gesundheitsberufen. Es ist jedoch deutlich geworden, dass die Einsicht in krankmachende Bedingungen der Arbeit zugleich den Blick auf ihre gesundheitsfördernden Aspekte öffnetErwerbsarbeitgesundheitsfördernde AspekteArbeitgesundheitsfördernde Aspekte. So können wir aus dem Gesagten folgern, dass unter günstigen Bedingungen zumindest drei für Wohlbefinden und Gesundheit zentrale psychische Bedürfnisse im Medium beruflicher Arbeit ihre Erfüllung finden können: fortgesetzte Erfahrungen der Selbstwirksamkeit, ein gesichertes positives Selbstwertgefühl und ein Gefühl der Zugehörigkeit zu nahe stehenden, Anerkennung gewährenden Menschen.
Auch können wir genauer beschreiben, wie solche günstigen Bedingungen der Erwerbsarbeit aussehen sollen. Dazu zählen zumindest:
  • ein anspruchsvolles, nicht überforderndes Arbeitsaufgabenprofil mit hoher Autonomie und reichhaltigen Lern- und Entwicklungschancen; angemessene Erfahrungen von Erfolg und sozialer Anerkennung sowie materielle Gratifikationen für erbrachte Leistungen;

  • ein vertrauensvolles Klima der Zusammenarbeit sowie des fairen und gerechten Umgangs;

  • eine aus Sicht der Arbeitenden sinnerfüllte und gesicherte Perspektive der Leistungserbringung.

Angesichts der skizzierten Herausforderungen moderner Erwerbsarbeit im Zeitalter der Globalisierung, angesichts einer zunehmenden Verwischung von Grenzen zwischen beruflichem und nichtberuflichem Leben und schließlich angesichts der Ausbreitung von Tätigkeitsfeldern jenseits traditioneller Erwerbsarbeit ist es geboten, in Forschung und Praxis zu einer Stärkung gesundheitsfördernder Arbeitsverhältnisse beizutragen.

Literaturauswahl

Bourbonnais et al., 2011

R. Bourbonnais C. Brisson M. Vézina Long-term effects of an intervention on psychosocial work factors among healthcare professionals in a hospital setting Occup Environ Med 68 2011 479 486

Cartwright and Cooper, 2009

S. Cartwright C. Cooper The Oxford Handbook of Organizational Well-Being 2009 Oxford University Press Oxford

Chandola et al., 2008

T. Chandola A. Britton E. Brunner H. Hemingway M. Malik M. Kumari Work stress and coronary heart disease: what are the mechanisms? Eur Heart J 29 5 2008 640 648

Hamer et al., 2006

M. Hamer E. Williams R. Vuonovirta The effects of effort-reward imbalance on inflammatory and cardiovascular responses to mental stress Psychosom Med 68 2006 408 413

Juvani et al., 2014

A. Juvani T. Oksanen P. Salo Effort-reward imbalance as a risk factor for disability pension: the Finnish Public Sector Study Scand J Work Environ Health 40 2014 266 277

Karasek and Theorell, 1990

R.A. Karasek T. Theorell Healthy work. Stress, Productivity and the Reconstruction of Working Life 1990 Basic Books New York

Ndjaboué et al., 2012

R. Ndjaboué C. Brisson M. Vézina Organisational justice and mental health: a systematic review of prospective studies Occup Environ Med 69 2012 694 700

Rensing et al., 2005

L. Rensing M. Koch B. Rippe V. Rippe Mensch im Stress 2005 Elsevier Urban & Fischer München

Steptoe and Kivimäki, 2012

A. Steptoe M. Kivimäki Stress and cardiovascular disease Nat Rev Cardiol 9 2012 360 370

Holen Sie sich die neue Medizinwelten-App!

Schließen