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B978-3-437-21833-0.00012-7

10.1016/B978-3-437-21833-0.00012-7

978-3-437-21833-0

Dreidimensionaler Klassifikationsbaum (nach Dahl 1979). Die Emotion wird durch fortlaufende Entscheidungen in den hypostasierten Dimensionen bestimmt.

[L106]

Die propositionale Struktur der AffekteAffektepropositionale Struktur

[L106]

Emotion als Mittler zwischen Individuum und Umwelt

Rainer Krause

  • 12.1

    Begriffsfragen135

  • 12.2

    Zusammenfassender Definitionsversuch137

  • 12.3

    Modellvorstellungen über die Emotionen138

  • 12.4

    Emotion und Persönlichkeit141

  • 12.5

    Die soziale Konstruktion von Gefühlen141

  • 12.6

    Metamodelle affektiven Geschehens143

Begriffsfragen

Folgende Klassifikationsmerkmale sind im Umfeld von EmotionenEmotionenKlassifikationsmerkmale bedeutungsvoll:
Die zeitliche DauerSie schlägt sich begrifflich in der Unterscheidung Affekt – Stimmung nieder. Die Begriffe AffektAffektezeitliche Dimension und EmotionEmotionenzeitliche Dimension sind i. Allg. eher kurzen Ereignissen reserviert. Die zeitliche Dimension ist im Umfeld der Doppelfunktion der Emotionen als abbildendes und unterbrechendes System von Bedeutung (Moser 1996). Die erste Funktion ist unbegrenzt und wird klinisch in den Selbst- oder strukturellen AffektenAffektestrukturelle wie Stolz, Schuld- und Schamgefühlen erfassbar. Die SelbstaffekteSelbstaffekte sind für gewöhnlich un- oder vorbewusst und prägen als Stimmungen das sonstige psychische Geschehen (Lewis 2000; Berner 1988). Die unterbrechenden AffekteAffekteunterbrechende sind von hoher Intensität, kurzer Dauer und stark motivierender Kraft (Tomkins 1962). Sie sollen den Abbruch von laufenden Aktivitäten erzwingen und eine neue Aktivität bereitstellen. Sie sind per definitionem nicht unbewusst, aber sie können falsch interpretiert und durch andere Affekte überlagert bzw. gehemmt werden. Die entsprechenden Affekte sind AngstAngst(störungen), EkelEkel, WutWut, VerachtungVerachtung, TrauerTrauerprozess/-reaktion. Die entsprechenden Begriffe in der Literatur sind TriggeraffekteTriggeraffekte (Moser 1983, 1985) oder „change of current concern systemEmotionenchange of current concern systemChange of current concern system, Emotionen (Frijda 1996). Chronifizierungen von Triggeraffekten (z. B. „WeltekelWeltekel“) sind Zeichen einer Persönlichkeitsveränderung (Krause 1990).
Die hedonische TönungIm Allgemeinen werden angenehme von unangenehmen EmotionenEmotionenhedonische Tönung unterschieden. Neutrale Emotionen scheint es nicht zu geben. Neugier und Interesse werden als in der Tönung positiv erlebt (Frijda 1996).
Die IntensitätDer ErregungszustandEmotionenErregungszustandErregungszustand, Emotionen, die LeidenschaftlichkeitLeidenschaftlichkeit kann erheblich variieren. Ein AffektAffekteIntensitätEmotionenIntensität kann vollständig von einer Person Besitz ergreifen. Die entsprechenden Begriffe sind einerseits AffektsturmAffektsturm, AffekthandlungAffekthandlung bei Ausschaltung jeder kognitiven Kontrolle, andererseits Leidenschaft aufgrund der Durchschlagskraft eines bestimmten Affekts als handlungsleitendes Motiv. So kann Rache zu einem alles bestimmenden Motiv werden. Diese Form der Leidenschaftlichkeit kann mit hoher kognitiver Steuerungsfähigkeit gepaart sein. Auf der anderen Seite kann man affektive Zustände finden, die man als „interesseloses Wohlgefallen“ beschreiben kann und die in der Regel im Umfeld des ästhetischen Erlebens und der „Flow-ErfahrungenEmotionenFlow-ErfahrungenFlow-Erfahrungen, Emotionen“ anzusiedeln sind (Csikszentmihalyi 1992).
Die bewusste Erlebbarkeit durch den EmotionsproduzentenEs gibt emotionale ProzesseEmotionenErlebbarkeitAffekteErlebbarkeit, die durch den Affektproduzenten introspektiv nicht als solche wahrgenommen werden, obgleich es körperliche Indikatoren für ihr Vorhandensein gibt, die von anderen mit oder ohne Hilfsmittel registriert werden können. In der Begrifflichkeit der Affektäquivalente (Fenichel 1946) oder der occurring emotionOccurring emotion als von der experienced emotionExperienced emotion unterschieden (Moser 1996) ist diese Klassifikation enthalten. Das Angstsignal, das die Reaktivierung eines neurotischen Konflikts steuert, ist ein Affektrudiment und nicht bewusst (Freud 1926).
Die Erlebbarkeit durch die SozialpartnerEmotionenEmotionenErlebbarkeit können sicht-, hör-, fühl- und riechbar sein, oder sie können sich ohne äußere Phänomene im mentalen Bereich abspielen. TriggeraffekteTriggeraffekte sind i. Allg. sichtbar und gleichsinnig ansteckend für die SozialpartnerEmotionenAnsteckung, wohingegen die StimmungenStimmung und die monitorierenden AffekteAffektemonitorierende sekundär erschlossen werden müssen und – wenn überhaupt – zu komplementären Reaktionen führen. Offene Angst z. B. breitet sich dann aus, wenn der Ranghohe in einer Gruppe durch eine Wutreaktion der Urheber der Angst ist.
Die Anzahl der am emotionalen Prozess beteiligten ModuleSie schlägt sich in Klassifikationen wie „heiße“ und „kalte Emotionen“ nieder. Bei einer heißen EmotionEmotionenProzessmoduleEmotionenheiße/kalte sind die Peripherie des Körpers und die Physiologie beteiligt, bei einer kalten Emotion denkt man vorwiegend an kognitive Vorgänge. Diese Einteilung muss nicht deckungsgleich mit Intensität, Erlebbarkeit und Bewusstheit sein, obgleich die Schnittmenge der Zustände „heiß“, bewusst und intensiv groß ist. Die einzelnen Module funktionieren in alltäglichen Situationen relativ unabhängig voneinander, sodass z. B. wenig Übereinstimmung zwischen Ausdruck und Erleben zu finden ist (Krause 2012). Nur unter den Randbedingungen einer Notfallsituation wird aus dem weitgehend modular und parallel organisierten emotionalen System ein einheitliches Ganzes (Scherer 2000).
Emotionenkörperliche Subsysteme, beteiligteWir unterscheiden drei körperliche Subsysteme. Das erste hat eine eigene, nur der Mitteilung dienende Funktion, z. B. im Gesicht. Die anderen sind Formen der Bereitstellungen von affekttypischen Handlungen durch Veränderung der Bindegewebs- und Bewegungsmuskulatur und durch hormonelle Veränderungen. Die Verkleinerung des Körperumfangs in AngstAngst(störungen)Bindegewebsveränderungen und TrauerTrauerprozess/-reaktionBindegewebsveränderungen geht z. B. auf solche Bindegewebsveränderungen zurück. Der hohe Tonus der Bewegungsmuskulatur bei WutWutBereitstellungsaktivität kann ebenfalls als eine Bereitstellungsaktivität betrachtet werden. Das neurophysiologische Subsystem wird in Kap. 7 näher besprochen. In diesem Zusammenhang ist wichtig, dass die physiologischen Reaktionen sehr stark individuumspezifische Muster reflektieren und manche dieser Muster mit psychischen Störungen korrelieren (Marwitz und Stemmler 1998).
Ein ikonisches inneres MonitorsystemEmotionenikonisches inneres Monitorsystem verändert in Form einer physiognomischen Wahrnehmung die Objekte nach Maßgabe des AffektsEmotionenphysiognomische Wahrnehmung. So wird der InterruptaffektInterruptaffekt WutWutInterruptaffekt eine Sichtweise herbeiführen, die das behindernde Objekt als eben ein solches wahrzunehmen zwingt (frech, nutzlos, gefährlich und böse). Das heißt, jeder AffektAffekteprojektive Anteile hat einen projektiven Anteil, der die Weltsicht lebendig und eben affektiv macht (Krause 2012). Auf der anderen Seite führen spezifisch wahrgenommene Situationen zur Entwicklung der korrespondierenden Emotion. Durch die bloße Beschreibung der Erlebnisweise einer Situation kann die sich daraus entwickelnde Emotion mit hoher Wahrscheinlichkeit vorausgesagt werden. Das heißt, dass die Trennung zwischen Kognition und Emotion wenig Sinn macht. Emotionen sind spezifische Arten zu kognizieren (Bischof 1989; Lazarus 1993).
Die sprachlich-semantische Fassung affektiven GeschehensAffektives Geschehensprachlich-semantische Fassung ist etymologisch als Beschreibungsversuch körperlicher Vorgänge (Angst – Enge) von Handlungstendenzen, physiognomischen Prozessen und projektiven Bildern („Könnte ihm in die Fresse schlagen“ – Wut) oder physiologischer Reaktionen verstehbar. In den indogermanischen Sprachen findet man ca. 450 solcher SprachzeichenEmotionenSprachzeichen (Davitz 1969). Sie sind nur dann in der Lage, die anderen affektiven Subsysteme zu mobilisieren, wenn sie durch Lernvorgänge (z. B. Konditionierung) mit ihnen verbunden wurden. Dies ist im Zusammenhang mit dem freien Assoziieren einerseits und intellektualisierenden Einsichten andererseits von Bedeutung.
Objekthaltigkeit vs. Objektlosigkeit von EmotionenEmotionenObjekthaltigkeit/-losigkeitAusgehend von der phylogenetisch vermittelten propositionalen mentalen Struktur der Affekte dürfte es eigentlich keine objektlosen Primäraffekte geben. PanikattackenPanikattackenAngstobjekt laufen nach Maßgabe ohne bewusste Kenntnis des Angstobjekts ab. Desgleichen ist das Phänomen „Angst vor der AngstAngst(störungen)vor der Angst“ generell dadurch zu kennzeichnen, dass das Ursprungsobjekt gegenstandslos geworden ist. Von der Struktur des Affektsystems her sind solche objektlosen AffekteAffekteobjektloseEmotionenobjektlose pathologisch, weil der Interrupt, den der Affekt herbeibringen sollte, nicht mehr möglich ist. Es gibt verschiedene Modelle, die eine unbewusste, wenngleich spezifische Angstverarbeitung erklären können. Le Doux (1998) fand mit auditiven Furchtkonditionierungsexperimenten einen kurzen, schnellen Weg vom sensorischen Thalamus zur Amygdala, der die sensorische Rinde umgeht, gleichwohl grobe Repräsentationsmuster des Angstobjekts vermittelt. Der Überlebenswert dieses schnellen Systems verwandelt sich in einen Schaden, wenn eine spätere Korrektur über die kortikale Bahn nicht möglich ist, was bei traumatischen Furchtkonditionierungen der Fall ist.
Ob diese Art der Bahnung auch für andere Emotionen wie EkelEkel, Ärger und Reize mit anderen Sinnesqualitäten gilt, ist noch unklar. Pankseep (1998) meint, er hätte vier basale affektive Schaltkreise entdeckt, wobei die Panikattacken in den des Bindungssystems gehören.
Klassifikation der Emotionen nach den Objekten, auf die sie gerichtet sindIm Allgemeinen haben Emotionen eine zu ihnen passende festgelegte kognitive Struktur, die – ähnlich wie die Proposition des gesprochenen Satzes – aus einem Subjekt, einem Objekt und einem Wunsch des Subjekts an das Objekt besteht. Emotionen, die einer solchen Struktur folgen, werden von manchen Autoren eben deshalb it-emotionsIt-emotions genannt, was man sinngemäß mit objektgerichteten EmotionenEmotionenobjektgerichtete übersetzen kann (De Rivera 1977). Im Deutschen haben wir diese AffekteAffektebeziehungsregulierende „beziehungsregulierend“ genannt (Krause 1990, 2012Krause, 1990Krause, 2012). Richtet sich die Emotion auf den Emotionsproduzenten selbst, sind also in der Proposition Subjekt und Objekt deckungsgleich, spricht De Rivera (1977) von me-emotionsMe-emotions, was man sinngemäß mit selbstreflexiven EmotionenEmotionenselbstreflexive übersetzen kann. Erstere sind deckungsgleich mit den oben erwähnten Interruptaffekten, Letztere mit den strukturellen Affekten. Sie setzen in Abhebung von den beziehungsregulierenden eine Ich-Spaltung in einen erlebenden und einen evaluierenden Persönlichkeitsanteil voraus, die selbst ein gewisses Ausmaß an strukturbildender Verinnerlichung benötigt (Lewis 2000).
Die Echtheit von EmotionenEmotionenEmotionenEchtheit werden häufig als falsch oder echt bezeichnet. FalschheitEmotionenFalschheit kann intendiert und bewusst sein und muss dann unter der Psychologie der DissimulationDissimulation bzw. SimulationSimulation und der LügeLüge abgehandelt werden. Sie kann aber auch unbemerkt und unbewusst „verfälscht“ werden. Einmal kann eine entstehende Emotion in einem Handlungsgeschehen systematisch falsch verortet werden, sodass etwa anstelle von Angst Erregung generiert wird. Das Weltuntergangsgelächter mancher Schizophrener oder die Entwicklung von Scham bei erfolgreichem Handeln würde man von der Lokalisation im Handlungsverlauf z. B. als nicht stimmig ansehen. Die veränderte Affektivität der Hysteriker ist vom zeitlichen Verlauf und der Gestaltbildung als solche erkennbar. So ist beim hysterischen Lächeln statt des N. zygomaticus major häufig der N. zygomaticus minor innerviert (Merten et al. 1996).
Eine besonders bedeutsame Form der UnstimmigkeitEmotionenUnstimmigkeit liegt vor, wenn an zu erwartenden Stellen keine Emotion entwickelt wird. Ist dies ein durchgängiges Merkmal, hat man es für gewöhnlich mit einer sehr schweren Störung zu tun (Krause 1990, 2000Krause, 1990Krause, 2000; McDougall 1984). Eine weitere Variante der Unstimmigkeit sind die Affektäquivalente, in denen nur physiologische Subsysteme aktiviert werden. Indikatoren für Echtheit findet man im Ausdruckssubsystem im zeitlichen Verlauf. Die meisten negativen objektbezogenen Emotionen bewegen sich wenigstens in ihren sichtbaren Anteilen in einem Zeitfenster von maximal 4 Sekunden. Gehen sie darüber hinaus, werden sie als nicht stimmig erlebt (Ekman 1985). Schließlich ist die zeitliche Verlaufskontur eines emotionalen Prozesses als Norm von Bedeutung. Während Ärger häufig langsam und kontinuierlich wächst und sich in entsprechenden Verläufen der Signale (z. B. Knurren) bzw. des Erlebens niederschlägt, gilt dies für ÜberraschungÜberraschung nicht. Man kann nicht langsam überrascht werden (Tomkins 1962, 1963Tomkins, 1962Tomkins, 1963).
Einbettung in HandlungsvollzügeEmotionenEmotionenEinbettung in Handlungsvollzüge tauchen an vorhersehbaren Stellen von Handlungsvollzügen auf, z. B. Ärger nach einer intentionalen Zielverhinderung durch ein Objekt, dem sich der Affektproduzent nicht unterlegen fühlt. Diese Struktur der Handlungsvollzüge ist weitgehend kulturinvariant und kann als die kognitive Innenseite der Emotionsentstehung betrachtet werden (Dörner und Stäudel 1990). Systematische Veränderungen dieser Platzierungen können zu Abwehrzwecken verwendet werden. So kann der „IsolierungIsolierung“ genannte Vorgang den intentionalen Zusammenhang einer Handlung durch Pausierungen magisch unterbrechen. Auf der anderen Seite steuern Emotionen aber Handlungen, indem sie diese unterbrechen und/oder andere Alternativen erzwingen (Fuchs 1985). In Freuds Theorie der SignalaffekteSignalaffekte, der Affekte als Interruptsysteme und der Vorstellungen über den „change of current concern“ Change of current concern system, EmotionenEmotionenchange of current concern systemist diese Klassifikation von Bedeutung (Freud 1926; Frijda 1996).
Wenn ansonsten negative Affekte als finites Handlungsziel angestrebt werden wie z. B. in der Angst-Lust (Balint 1960), liegt ebenfalls eine gezielte, häufig pathologische Veränderung des affektiven Prozesses vor (Krause 2012). Prinzipiell sind aber AffekteAffektehedonische Tönung und hedonische TönungEmotionenhedonische Tönung entgegen der oben eingeführten Einteilung entkoppelbar. Es kann also Wut-Lust, Ekel-Lust etc. geben. Solche VerkopplungenAffekteVerkopplungen können sehr komplex und weitgehend unbewusst ablaufen. Sie bilden die Basis für den Einfluss der Sozietät auf das Unbewusste der Einzelindividuen und werden deshalb von Tomkins (1991) emotional scriptsEmotional scripts und von Hochschild (1979) feeling rulesFeeling rules genannt.

Eine Feeling rulesEmotionenfeeling rulesfeeling rule ist das häufig nicht ausformulierte vorbewusste Wissen, welcher Person man in welcher Situation welches Gefühl „schuldet“. So schuldet man in unserer Kultur einer verlorenen, geliebten Person und deren Angehörigen das Gefühl „TrauerTrauerprozess/-reaktion“. Schwierigkeiten, die entsprechenden GefühleGefühleRegeln zu entwickeln, führen einerseits zu Schuld- und Schamgefühlen, andererseits zu „GesichtsverlustGesichtsverlust“ gegenüber der Referenzgruppe. Dies ist wichtig, weil der Austausch von Emotionen ein wesentliches Zahlungsmittel in allen Gruppen darstellt.

Die EmpathieEmotionenEmpathieEmpathie in den Varianten SelbstSelbstempathie- und FremdempathieFremdempathie schließt die Kenntnis dieser feeling rules einer Familie bzw. Kultur mit ein. Ansonsten kann man Empathie definieren als die Entwicklung einer Emotion für bzw. mit einer anderen Person unter korrekter Berücksichtigung der inneren Welt des anderen und seiner Verarbeitungsfähigkeit (Basch 1983; Körner 1998; Krause 2012; Wellendorf 1999).

Zusammenfassender Definitionsversuch

Scherer (1990) sieht Emotion „als Abfolge von aufeinander bezogenen, synchronisierten Veränderungen in den fünf Subsystemen Ausdruck, Körpermuskulatur, Physiologie, Erleben und Sprache, die durch die Bewertung eines externen oder internen Reizes als bedeutsam für die zentralen Bedürfnisse und Ziele des Organismus ausgelöst wird“.
Diese Definition schließt die folgenden konstitutiven Merkmale für die EmotionsentstehungEmotionenEntstehung, konstitutive Merkmale ein:
  • Handlungsziele

  • Relevanzentscheid

  • Diachrones und synchrones Geschehen in organisierten Subsystemen des Körpers und des mentalen Systems

Der diachrone Aspekt bezieht sich auf die Abfolge der Mobilisierung der Subsysteme. So kann die Bewertung einer Situation als relevant, unangenehm, zielbehindernd oder ungefährlich die Voraussetzung für die Entstehung der Emotion Ärger in den nicht kognitiven Subsystemen sein. Das Vorhandensein der Emotion Ärger in den nichtkognitiven Systemen kann aber auch zu spezifischen Kognitionsbereitschaften führen.
Diese Überlegung ist im Umfeld der Vorgänge von ProjektionenProjektion von Bedeutung. Die Mehrzahl der Forscher ist sich einig, dass man über die verschiedenen Subsysteme Zugang zum Gesamtkomplex haben kann, dass aber die einzelnen Systeme auch isoliert aktiv sein können. Ersteres heißt, dass man einen vollständigen Emotionsprozess über die Ausdruckskomponente, das physiologische, das kognitive, das ikonisch-bildhafte, das sprachliche und das neurophysiologische Subsystem prinzipiell abrufen kann (Bloch et al. 1987). Sie unterscheiden sich allerdings in der willentlich oder willkürlichen und der gedächtnismäßigen Verfügbarkeit. Während der sprachliche Zugang zu Emotionen für die meisten Personen relativ einfach scheint, ist eine willentliche neurophysiologische Ankurbelung ohne Verzicht auf Drogen nur beschränkt möglich.

Der intermodale Austausch zwischen den verschiedenen Subsystemen und ihre Synchronisierung scheinen einerseits hochgradig idiosynkratisch, andererseits lern-, kultur- und geschlechtsabhängig.

Während es in unserer Kultur in der Öffentlichkeit einer Gruppe gänzlich unmöglich scheint, bestimmte Emotionen als innerlich erlebt zu konzedieren (z. B. den Ekel vor einem anderen Menschen), wird er im Signalsystem sehr häufig gezeigt (Hufnagel et al. 1991; Krause 2012). Männern ist es durchaus möglich, Angst sprachlich zu konzedieren, sie wird aber fast nie gezeigt, wohingegen Frauen signifikant weniger Ärger zeigen, obgleich sie ihn gleich häufig erleben (Frisch 1996; Stearns 1992).

Modellvorstellungen über die Emotionen

EmotionenModellvorstellungenVersucht man, die oben aufgeführten Klassifikationssysteme und Definitionen in empirisch einigermaßen haltbare, einheitlichere deskriptive Modelle einzubetten, die für das Thema der Vermittlung zwischen Individuum und Umwelt bedeutsam sind, bieten sich mehrere, sich keineswegs ausschließende Ausarbeitungen an.
De Rivera (1977) und von ihm ausgehend Dahl (1979) haben, wie aus Abb. 12.1 ersichtlich, mit der Klassifikation der Objekte, auf die sich die EmotionenEmotionenVerortung richten, als Ordnungsgesichtspunkt begonnen. Die hedonische Tönung schließt sich an, und dann folgt eine Art von Vektorisierung im Raum. Die Links-rechts-Aufteilung ist nach Maßgabe der Autoren nicht als zwingend zu verstehen, sondern entstand aus der Untersuchung des semantischen Raums von Emotionswörtern.
Dieser Einteilung zufolge sind die it-emotionsIt-emotions explizit sozial, wohingegen die me-emotionsMe-emotions unsozial sind. So ist ein depressives Gefühl in jedem Fall „selbstbezogenEmotionenselbstreflexive“. Es wird auch diskutiert, ob die me-emotions nicht im Zuge von Verinnerlichungsprozessen die Spiegelung der erfahrenen it-emotions sind, und zwar dergestalt, dass sich die erfahrene Liebe in Zufriedenheit, der erfahrene Ärger in Depression umsetzt (Krause 1990). Ansonsten ist das Schema wenig ergiebig, einmal, weil es eine Reihe von sehr wichtigen Emotionen (z. B. Ekel) nicht erfassen kann, und zum anderen, weil es wichtige diachrone Prozessschritte wie etwa die Relevanzentscheidung ausgelassen hat.
Krause (2012) hat ein erweitertes Schema entwickelt, das von der explizit sozialen Natur der Primäremotionen ausgeht. Diesen Überlegungen zufolge muss man zumindest die objektbezogenen EmotionenEmotionenobjektgerichtete als BeziehungswünscheBeziehungswünsche definieren, die einen spezifischen kognitiven Aufbau haben, der stets ein Subjekt (Produzent des Affekts), ein Objekt (Adressat des Affekts) und einen spezifischen Interaktionswunsch zwischen Subjekt und Objekt beinhaltet. Je nach der hedonischen Tönung des Objekts, der relationalen Machtverteilung zwischen Subjekt und Objekt und der Verortung des Objekts im Erlebensraum des Subjekts kommt man zu den Einteilungen, die in Abb. 12.2 dargestellt sind.
In Bezug auf den OrtAffekteOrtsklassifikationEmotionenOrtsklassifikation gibt es vier Möglichkeiten. Das Objekt ist
  • im Subjekt, also im Mund oder Magen-Darm-Bereich,

  • an der Körperperipherie des Subjekts,

  • im optisch apperzeptiven Feld des Subjekts, also visuell gegenwärtig, oder

  • mental repräsentiert, aber abwesend.

Die ObjekteObjektegustatorische werden je nach diesen Ortsrelationen als gustatorische, taktileObjektetaktile, visuelleObjektevisuelle bzw. mentaleObjektementale erlebt. In der Entwicklung des Kindes wechseln die AffekteAffektekindliche Entwicklung und die Objekte mit der Entwicklung der Bedürfnisstruktur ihre Erlebens- und Darstellungsmodalität, sodass z. B. die frühen Objekte gustatorischer Natur sind. Dies ist klinisch relevant, weil die Perzeption eines Objekts im Rahmen einer optisch wahrnehmbaren leib-seelischen Einheit – also in einer Haut steckend – ein später Erwerb ist. Die Konstituierung eines solchermaßen nach den Gesetzen der Geometrie organisierten Körperschemas kann unter bestimmten Randbedingungen einer gustatorischen, taktilen oder rein mentalen Objektkonstituierung Platz machen.
Die Prävalenz solcher Klassifikationen ist für die Beschreibung von psychopathologischen Prozessen von Bedeutung. Wer sich vor allem ekelt, ist von der Fantasie heimgesucht, alle Objekte hätten freien Zugang in seinen Subjektbereich. Während die OrtsklassifikationEmotionenOrtsklassifikation nur eine sehr einfache Unterscheidung perzeptiver Art voraussetzt, wird in der zweiten Klassifikation der Abb. 12.2 das Objekt hinsichtlich bereits gemachter Erfahrungen kogniziert. Das ErfahrungswissenAffekteErfahrungswissenEmotionenErfahrungswissen kann aus der Phylogenese stammen und/oder aus sich darauf aufbauenden individuellen Erfahrungen. Es sind archaische Klassifikationen, die das Objekt als wohltuend (benevolent), im weitesten Sinne „gut“ oder als schädigend, schmerzend, im weitesten Sinne „schlecht“ erscheinen lassen. Freilich wechselt für „gut“ und „schlecht“ wenigstens partiell auch die Darstellungsmodalität, je nachdem, wo das Objekt in Relation zum Subjekt ist.
„Schlecht“ im gustatorischen Bereich ist Übelkeit, „schlecht“ im taktilen Bereich ist Schmerz, wohingegen „schlecht“ im optisch-apperzeptiven Feld „Angst/Wut“ bedeutet. Die mit den Affekten korrelierten Konditionierungsprozesse verändern ihre Zeitkonstanten. So liegt bei EkelEkel das für Lernen optimale Intervall zwischen konditioniertem Reiz und der unkonditionierten Reaktion bei 3–4 Stunden, bei Schmerz und/oder Angst in Sekundengröße. Obgleich man mit einem rein optischen Objekt eigentlich keine schlechten Erfahrungen machen kann, legt die heutige Forschung nahe, dass bestimmte Gestaltkonfigurationen im optischen – wie im auditiven – Bereich aufgrund eines phylogenetisch erworbenen Pattern-Detection-VerfahrensPattern-Detection-Verfahren, Primäraffekte alle anderen PrimäraffektePrimäraffekte auslösen können (Orr und Lanzetta 1984).
Eine dritte, relativ grundlegende Klassifikation ist die Affekterelationale HandlungsmachtAttribuierung der relationalen HandlungsmachtHandlungsmacht, Emotionen, d. h. ob das Subjekt sich dem Objekt überlegen fühlt oder umgekehrt. Auch hier gibt es phylogenetisch erworbene Muster für Überlegen- vs. Unterlegenheit, z. B. Unterschiede des Körperumfangs zwischen Subjekt und Objekt. FreudeFreude signalisiert der Umgebung, dass die laufende Form der Interaktion zwischen Subjekt und Objekt weitergehen soll. Sie ist ein artspezifisches Reinforcement-System. Die anderen Affekte signalisieren jeweils einen Wunsch nach Veränderung einer laufenden Objektbeziehung.
Kognitiv kann man diese Wünsche als Propositionen mit den Aussagebestandteilen Subjekt, Objekt und gewünschte Interaktion formulieren. Objekt und Subjekt müssen jeweils in Termini des Ortes, in dem sich die Interaktion abspielt, betrachtet werden. So gibt es gustatorische Mundraumobjekte, die durch die „Interaktion“ in diesem Raum beschrieben werden können. EkelEkel repräsentiert so gesehen den Wunsch: „Du (Objekt), geh hinaus aus mir (Subjekt).“ WutWut repräsentiert den Wunsch, dass das Objekt verschwinden möge, wobei das Subjekt bleibt („Du verschwinde, ich bleibe“), wohingegen Angst den Wunsch repräsentiert, das Subjekt vom Ort des Objekts zu entfernen. Trauer repräsentiert den Wunsch, eine einmal gehabte Interaktion mit dem Objekt in einem der vier Bereiche wieder in Gang zu setzen („Du Objekt, komm zurück zu mir“). Die Abwesenheit eines „bösen“ Objekts ist im Moment der mentalen Vergegenwärtigung des Objekts von Erleichterung und Freude begleitet.
Die korrespondierenden organismischen bzw. mentalen Abläufe kann man gemäß Überlegungen der Semiotik ihrer IkonizitätEmotionenIkonizität, IndexikalitätEmotionenIndexikalität und SymbolizitätEmotionenSymbolizität wie folgt klassifizieren: Sättigung, Geborgenheit und Schmerz werden nach von Uexküll überwiegend durch IkonizitätIkonizität, Emotionen, abwechselnd aber immer nur durch geringe IndexikalitätIndexikalität, Emotionen und fehlende SymbolizitätSymbolizität, Emotionen gekennzeichnet sein. Freude, Kampf und Fluchtbereitschaft seien durch Ikonizität und ansatzweise Symbolizität charakterisierbar. Sehnsucht und Erleichterung beinhalten einzig einen erheblichen Anteil an Symbolizität. Nach Maßgabe der biologischen Semiotik sind Ikonizität und Indexikalität biologische Kategorien, die mit primärprozesshaftem Verhalten verknüpft sind, während die Symbolbildung soziale Übereinkünfte und damit menschliches sekundärprozesshaftes Verhalten voraussetzt.
Dieses Schema hat den Vorteil, dass es die mentale Repräsentation des Subjekt-/ObjektverhältnissesEmotionenSubjekt-/Objektverhältnis besser abbildet. So wird ein negativ valentes Objekt, das als Teilobjekt im Selbst lokalisiert wird, Ekel hervorrufen und nicht Ärger. Tatsächlich lässt sich zeigen, dass männliche Patienten mit einer schweren psychosomatischen Störung (Colitis ulcerosa) einerseits dadurch gekennzeichnet werden können, dass sie große Mühe haben, sich gegenüber Objekten interaktiv abzugrenzen (Schwab et al. 1993), und andererseits in einem ansonsten ganz reduzierten affektiven Ausdrucksmuster besonders viel Ekel zeigen. Dieser Leitaffekt im Ausdruck ist typisch für eben dieses Krankheitsbild und kann bei Konversionsstörungen, z. B. Patienten mit einem funktionellen Wirbelsäulensyndrom, und gleichzeitig bei paranoid-halluzinatorischen Schizophrenen nicht gefunden werden. Erstere lokalisieren das Objekt nicht im eigenen Systembereich, Letztere tun dies wohl, benutzen aber als Abwehr den Vorgang der ProjektionProjektion, der zur Reexternalisierung eines im Binnenbereich lokalisierten Objekts führt. Der korrespondierende Leitaffekt ist Verachtung (Hufnagel et al. 1991). Der Schluss vom Ausdruck auf die anderen Subsysteme ist nicht gerechtfertigt. So gaben viele Patienten mit KonversionsstörungenKonversionsstörungen/-syndromeEkel an, EkelEkelKonversionsstörungen zu empfinden; er ist aber im Ausdruckssystem kein Leitaffekt.
Diesem Modell zufolge versteht der Sozialpartner aufgrund eines phylogenetisch erworbenen Wissens den im spezifischen Affekt enthaltenen Interaktionswunsch. In einem Prozess der Co-Evolution haben sich zusammen mit den Affekten – als humanspezifischen BeziehungswünschenBeziehungswünschehumanspezifische – ein Zeichensystem und das Verständnis desselben entwickelt (Schwab 2000). Tatsächlich lässt sich zeigen, dass sowohl für die Produktion als auch für das Verständnis von EmotionenEmotionenVerständnis keine höheren kognitiven Funktionen und keine individuellen Erfahrungen notwendig sind, sodass wir schon bei Säuglingen davon ausgehen müssen, dass sie die EmotionEmotionenSäuglinge ihrer Sozialpartner entschlüsseln und imitieren können (Leventhal und Scherer 1987; Oliveira und Krause 1989). Obgleich die Organisation des perzeptiv-kognitiven Feldes des Kleinkinds nicht eindeutig zu definieren ist, kann es als gesichert gelten, dass bedeutungsvolle emotionale Interaktionen extrem früh stattfinden (Stern 1992). Man kann also nach dem heutigen Forschungsstand davon ausgehen, dass die frühen Formen der Wahrnehmung, wie Werner (1959) konstatiert hat, aktional und affektiv physiognomisch und damit sozial sind.
Das setzt nicht notwendigerweise eine Objekt- und Selbstauffassung voraus, obgleich die modernen Entwicklungspsychologen eher dazu neigen, frühe kognitive Korrelate von Selbst- und Objektrepräsentanzen anzunehmen (Stern 1992). In jedem Fall setzt aber die Existenz eines emotionalen MustererkennungssystemsMustererkennungssystem, emotionalesEmotionenMustererkennungssystem im frühen Kindesalter die Attribuierung von Intentionen voraus. Das Verständnis des affektiven Zeichens bedeutet die Attribuierung von Intentionalität hinter das Zeichen, im Sinne einer Voraussage der möglichen folgenden Handlung.
Tatsächlich hat eine ganze Reihe von Experimenten zeigen können, dass die Wahrnehmung der ObjektweltObjektwelt, Wahrnehmung nach Maßgabe der Affekte der signifikanten Bezugsperson wohl die wesentliche Form des Lernens in der Zeit bis zum 2. Lj. darstellt (Campos und Sternberg 1981). Dieser Vorgang wird social referencingSocial referencingEmotionensocial referencing genannt. Diese Studien haben gezeigt, dass Kleinkinder die affektiven Informationen aus den Reaktionsweisen der anderen Personen extrahieren und auf die ihnen unbekannte Objektwelt anwenden. Das bekannteste Beispiel ist die Reaktion auf den visuellen Abgrund, ein mit einer Glasplatte überdecktes Loch, über das die Kinder dann keineswegs hinüberkrabbeln, wenn die Mutter auf der anderen Seite ängstlich schaut, wohl aber, wenn sie lächelt.
Weit darüber hinausgehend haben zahllose Experimente zeigen können, dass die Affektivität des Sozialpartners das prominenteste Reinforcement-System der frühen Kinderzeit darstellt. Die AffekteAffektefrühkindliche Lernprozesse sind bei den folgenden frühkindlichen Lernprozessen von Bedeutung:
  • Klassische KonditionierungEmotionenKonditionierung, klassische/operanteKonditionierungklassischeAffekte/EmotionenAffekteKonditionierung, klassische/operante: Neutrale Stimuluskonfigurationen gewinnen durch Lernvorgänge die Fähigkeit zur Auslösung emotionalen Verhaltens. Die Gesetzmäßigkeiten dieser Vorgänge sind wohl bekannt, weil die meisten Konditionierungsvorgänge eigentlich AffektkonditionierungenAffekteKonditionierung, klassische/operante waren, meist aus dem Umfeld von Furchtkonditionierungen (Hilgard und Bower 1971). Die klassischen Konditionierungen müssen um das social referencing ergänzt werden.

  • Operante KonditionierungKonditionierungoperanteAffekte/EmotionenAffekteKonditionierung, klassische/operanteEmotionenKonditionierung, klassische/operante: Das affektive Ausdrucksmuster wird durch instrumentelles Lernen und später durch willkürliche Kontrolle modifiziert. So verhalten sich die Mütter kontingent, geordnet und repetitiv auf die Emotionsausdrücke der Kinder und verändern somit deren Häufigkeit. Aufgrund des mütterlichen Verhaltens auf kindlichen Affekt konnte Malatesta (1988) die Expressivität und die Gefühlslage von Kindern im Alter von 2½–7½ Monaten vorhersagen.

  • BeobachtungslernenBeobachtungslernen, Emotionen und Imitation: Bandura unterscheidet beim BeobachtungslernenEmotionenBeobachtungslernen Aufmerksamkeits-, Behaltens-, motorische Reproduktions- und motivationale Prozesse. Für das AffektlernenAffektlernen aus ImitationEmotionenImitationImitation, Emotionen und Beobachtung dürften vor allem motivationale Prozesse eine Rolle spielen, da die Aufmerksamkeits- und motorischen Reproduktionsprozesse im Umfeld der Emotionswahrnehmung vorwiegend genetisch sind. Die Frage, welche Konsequenzen der Affektausdruck der Mutter für sie und das Kind hat, ist wohl von zentraler Bedeutung. Beobachtet das Kind eine Freudereaktion der Mutter und reagiert selbst mit einer solchen und die Mutter antwortet wiederum gleichsinnig, führt die Beobachtung des mütterlichen affektiven Verhaltens zu einer stellvertretenden Belohnung beider Protagonisten. So steigen i. Allg. die Korrelationen zwischen Mutter- und Baby-AusdrucksverhaltenAusdrucksverhaltenMutter-Kind-Beziehung/-BindungAusdrucksverhalten an, und mütterliche Imitation von Freude und Interesse in Form von Kreisreaktionen im Alter von 2½ Monaten sind mit der Häufigkeit von Freude- und Interessenreaktionen des Babys im Alter von 7–12 Monaten korreliert. Umgekehrt bleiben die für die Depression typischen affektiven Reaktionen von Müttern während der ersten 3 Monate post partum weit über das Abklingen der Depression hinaus wirksam.

  • Ansteckung und Affektinduktion: Über die bloße AnsteckungAffekteAnsteckungEmotionenAnsteckung hinaus, die auf eine Form der motorischen Mimikry zurückgeht, gibt es AffektinduktionenAffekteInduktion die über die Herstellung des gleichen Zustands hinausgehen (Malatesta und Haviland 1982).

  • AffektabstimmungAffektabstimmung: Des Weiteren gibt es affektive soziale Phänomene, die sich als sehr wesentlich herausgestellt haben, die in die Choreografie des Erwachsenenverhaltens übergehen. Es handelt sich dabei um die zeitliche Synchronisierung von gleichzeitig ausgeführten Verhaltensweisen, welche die Sinnesmodalitäten im Dialog überschreiten, z. B. Vokalisierung und Blick einerseits und das Einklinken dieser Verhaltensweisen in die zeitliche Struktur der Verhaltensweisen des Partners. Man kann diese Phänomene Selbst- und FremdsynchronisierungenAffekteSelbst- und Fremdsynchronisierung nennen, wobei beides Hand in Hand geht, sodass das Baby in den Rhythmus mütterlichen Verhaltens eingebettet wird. Die Parameter der Abstimmung werden von Stern (1992) in der Intensität des zeitlichen Verlaufs und der Gestalt der Bewegungsabläufe gesehen, die sich in ganz verschiedenen Sinnesmodalitäten zeigen können. Solche Fehlabstimmungen sind für gewöhnlich das behaviorale Korrelat psychischer Erkrankungen der Mütter (Malatesta und Haviland 1982).

In mehreren unserer Untersuchungen lassen sich die Gefühlserlebnisse, die am Ende einer Begegnung mit einem validen Fragebogen erfasst wurden, zu einem sehr hohen Prozentsatz aus der zeitlichen Organisation der Affekte vorhersagen (Merten 1996).
Schließlich gibt es Synchronisierungen im Sinne der Erhaltung von rhythmischen Aktivitätszyklen. Die von Stern (1992) VitalitätsaffekteVitalitätsaffekte genannten intra- und intersubjektiven Zustände finden ihren Niederschlag in dieser intermodalen und interaktionellen Synchronizität zwischen Mutter und Kind, die bereits 20 Minuten nach der Geburt beobachtet werden kann. Intermodal bedeutet, dass die „Kanäle“, in denen sich das Verhalten manifestiert (z. B. Stimme, Blick, Körperbewegungen) in gewissem Rahmen austauschbar sind. Die mit diesen Verhaltensweisen verbundenen affektiven Zustände scheinen konstitutiv für die Entwicklung von Lebensfreude. Sie sind es auch, die bei auffälligen psychopathologischen Entwicklungen als erste verschwinden (Ellgring 1989).

Emotion und Persönlichkeit

EmotionenPersönlichkeitsmerkmaleDie Stabilität emotionalen Verhaltens über längere Zeitperioden scheint bei Weitem höher zu sein als bei anderen PersönlichkeitsmerkmalenPersönlichkeitsmerkmaleEmotionen. Für „Ängstlichkeit“ bei männlichen Kindern im Alter von 1–8 Jahren ist dies nachgewiesen (Bronson 1970). Das Gleiche gilt für „Bindung“ und „Aggression“ sowie „Schüchternheit“ vom 2. bis 4. Lebensjahr.
Da die EmotionenEmotionenAuslösebedingungen spezifische Auslösebedingungen haben, die ich mit den Propositionen beschrieben hatte, könnte es sein, dass die hohe Stabilität an der Häufigkeit und Intensität der stets gleich bleibenden auslösenden Kontexte liegt. Möglich wäre allerdings auch, dass die Stabilität weniger aus den Auslösern stammt als aus dem Selbstsystem, das durch eine bereits vorhandene Bereitschaft bestimmt ist, eine Emotion bevorzugt zu entwickeln. Diese Emotion bewirkt dann sekundär eine spezifisch veränderte Weltwahrnehmung, die wiederum zu solch häufigem Ausdruck und Erleben führt.
Die Zwillingsforschung zeigt, dass auf der Ebene der MimikMimik, Emotionen und der VitalitätsaffekteVitalitätsaffekte von einer hohen genetischen Determination ausgegangen werden muss. Schließlich kann es sein, dass die hohe Stabilität aus der Prävalenz einer Emotion der wichtigen Beziehungsperson stammt: Wenn eine Mutter sehr ängstlich ist, dann wird sie in ihrem Ausdrucksverhalten viel Angst zeigen, auch wenn sie es vermeintlich kontrolliert. Dieses Verhalten wirkt auf das Kind als unkonditionierter Stimulus und führt zu konditionierten Furchtreaktionen auf alle die Situationen und Stimuli, in denen die Mutter die Angst gezeigt hat. Was die innere Abbildung solcher Konditionierungsprozesse betrifft, bedeutet das einfach, dass die Objektwelt zunehmend als bedrohlich codiert wird und die Anzahl der potenziellen Auslöser für weitere Furchtreaktionen fortlaufend ansteigt. Für die anderen Emotionen kann man sich ähnliche Szenarien ausdenken. Wenn man so hohe Stabilitätswerte bekommt, kann man i. Allg. davon ausgehen, dass die verschiedenen Einflussfaktoren zusammenwirken.
In der Beziehung sind die verschiedenen Lernprozesse vereinigt und systematisiert. Das BindungsverhaltenBindungsverhaltenEmotionen ist im Wesentlichen um solche affektiven Mehrfachdeterminierungen herum angesiedelt. Sensitive Reaktionen der Mutter auf die Signale des Kindes während des Fütterns, bei Hautkontakt, wenn das Kind weint und beim Spiel während der ersten 3 Monate führen zu sog. sicheren Bindungen am Ende des 1. Lj. (Sameroff und Ende 1989; Kap. 11).
Mittlerweile sind die Forschungsarbeiten bis ins Erwachsenenalter ausgedehnt worden und lassen eine recht hohe Kontinuität vermuten (Bretherton 1988), die sich dann wiederum in der emotionalen Handhabung des Umgangs mit den eigenen Kindern zeigen lässt, sodass wahrscheinlich einer der wesentlichen transgenerationalen MechanismenEmotionentransgenerationale Mechanismen gefunden wurde. Malatesta (1988) hat – ausgehend von den BindungstypologienBindungstyp/-typologien des 1. Lj. – eine Furcht-, Ärger- und Trauerorganisation der Persönlichkeit beschrieben, für deren Existenz beeindruckende Evidenz vorliegt. Je höher das Lebensalter, desto stärker wird allerdings der Einfluss der Sozialpartner und damit – in den Fällen hoher Stabilität – die Partnerwahl. Sie müssen in ihrer präferierten Affektivität ein Komplement der in den Affekten auszudrückenden oder fehlenden Beziehungswünsche übernehmen.
In der Beschreibung der Funktion des steuernden Objekts für den Angstpatienten durch König (1991) ist dies geschehen. Diese Emotions- und Beziehungsgestaltung selbst ist wieder in den mikro- und makrosoziologischen Gefühlsregulationsbereich eingebettet, den Tomkins (1991) als „ideoaffektive Lage“ und Hochschild (1990) als „Gefühlsarbeit“ und „GefühlsskriptGefühlsskripts“ bezeichnet hat. Darauf soll nun im letzten Teil eingegangen werden.

Die soziale Konstruktion von Gefühlen

Gefühlesoziale KonstruktionMan kann das „Soziale“ sowohl makrosoziologisch als auch familial definieren und wird beides nicht trennen können, denn die Eltern werden als Repräsentanten ihrer jeweiligen sozialen Klasse, Nation und sonstiger Gruppenzugehörigkeiten die Aufgaben der Entwicklung von Gefühlsschemata oder -skripts Gefühlsskriptsentsprechend der erzieherischen Erwartung der Makrosozietät zu erfüllen versuchen.
Der Erste, der sich in größerem Stil wissenschaftlich damit beschäftigte, war Elias (1976). Er versuchte, anhand der mit den Umgangsformen verbundenen AffektkulturAffekteUmgangsformen zu zeigen, dass die Entwicklung von Zivilisation als eine Form der Verinnerlichung mit einer steten Verlagerung des affektiven Lebens aus dem sozialen Raum in ein inneres Arbeitsmodell des Selbst beschrieben werden kann. Inhaltlich handele es sich um eine fortlaufende Erhöhung der Scham- und Ekelschwellen gegenüber der Affektivität, Intimität und Körperlichkeit des anderen. Mittels der Entwicklung der Tisch-, Trink-, Kampf- und Sexualsitten seit dem frühen Mittelalter versucht er aufzuzeigen, dass der Prozess des Verzichts auf offene individuelle Gewalt und Lust sowie die Abgabe der individuellen Gewalt an den Staat mit der Entwicklung neuer „Kampfformen“ wie Überlegung, Berechnung, Selbstbeherrschung, genaueste Regelung der eigenen Affekte, Kenntnis der Menschen und des sozialen Terrains einherging.
Die Verbindung von Lust und Gewalt als Teil der öffentlichen Unterhaltung wie das öffentliche, musikalisch untermalte Verbrennen von Katzen im Beisein des Hofes gilt nunmehr als unangemessen. Die Geschichte des Sports einerseits und der Hinrichtungen andererseits als sozial-kulturelle Veranstaltungen, deren Gewinn zumindest für die passiven Teilnehmer in der Entwicklung von Angst- und Ekellust bestand, reiht sich ein in die modernen Versionen der Horrordarstellungen und des Reality-Fernsehens, in dem die Inzidenzrate von Tötungen zur Erheiterung, allerdings in einer pseudorealen Scheinwelt angesiedelt, bei weitem höher ist als in allen vorhergehenden Kulturen.
Buck (1988) vertritt die Ansicht, dass es einen „AffekthungerAffekthunger“ gibt, der auch in Kulturen, in denen kein realer Anlass für die Entwicklung „negativer“ Affekte besteht, die Personen nach den Affekten entsprechenden, wenn auch fantastischen Situationen suchen lässt. Elias' (1976) These war, dass im Verlauf der Veränderung der Beziehungen der Menschen untereinander, z. B. im Sinne des unmittelbaren Verzichts auf Affektreaktionen, das Bewusstsein weniger affektgeladen wird und damit weniger unmittelbare Projektionen im Sinne der Wahrnehmung von Dämonen und bösen Objekten stattfinden, aber umgekehrt die Triebe und Affekte weniger bewusstseinsfähig werden. Im Zuge dieses Prozesses wandele sich das BewusstseinBewusstsein, Rationalitätsentwicklung selbst in Richtung auf eine zunehmende Rationalisierung. Neben der Rationalitätsentwicklung spiele die Verinnerlichung von Scham- und Peinlichkeitsempfinden als Motor des Aufbaus eines inneren Probehandelns anstelle des impulsiven Handelns eine zentrale Rolle.
Die Verinnerlichung von Scham und Peinlichkeit, zusammen mit dem Verzicht auf die Projektionen, schufen ab dem 16. Jh. den modernen Menschen. Manche dieser Überlegungen sind nicht unwidersprochen geblieben. So hat vor allem Duerr (1990) die vermeintliche Schamlosigkeit der vorneuzeitlichen Kulturen bestritten.
Die gegenwärtigen Emotionshistoriker (Hochschild 1979, 1990; Stearns 1994 a, bStearns, 1994aStearns, 1994b), die mit sehr viel breiteren Datenbasen arbeiten, sind weniger geneigt, linear auf eine Weltzivilisation ausgerichtete psychohistorische Modelle anzunehmen wie De Mausse (1982), Aries (1980) und Erdheim (1982), die sehr stark modellorientiert interpretieren. Trotz der vielfältigen ungelösten Probleme gibt es einen breiten Konsens bzgl. folgender Ansichten:
  • Es gibt gesellschaftlich definierte Normen in Bezug auf das GefühlserlebenGefühlserleben, gesellschaftlich definierte Normen, die sich auf Zeit, Ort, Anlass und Intensität des Erlebens beziehen. Die Entwicklung eben dieser Gefühle ist der unbewusste Tribut an die gemeinsame Situationsdefinition in einer Kultur. Deren Verletzung führt zu sekundären strukturellen Gefühlen der Schuld, Scham und/oder des Ausgeschlossenseins. Diese Regeln werden Gefühlsregeln (feeling rules)Gefühlsregelngenannt und beziehen sich auf das Tiefenerleben, also keineswegs die ritualisierte Imitation einer EmotionEmotionenVorzeigeregeln wie bei den sog. Vorzeigeregeln (display rules)Vorzeigeregeln, Emotionen (Ekman 1988).

  • Der Aufwand, die entsprechenden Gefühle zu entwickeln, wird GefühlsarbeitGefühlsarbeit genannt und umfasst die Unterdrückung spontaner unerwünschter Emotionen und die Evokation der gewünschten. Mittel dazu können die ritualisierten expressiven emotionalen GestenGesten, emotionale sein. Die innere und soziale Argumentationslogik im Umfeld der Gefühlsregeln geht implizit von einem Rechtsempfinden und Pflichtenkontext der Gefühle aus (Dank schulden, gerechter Zorn). Diese Gefühlsregeln sind essenzieller Kernbereich der Weltsicht einer Kultur und die Schaltstelle zwischen Ökonomie, KulturKulturGefühlsarbeit und Religion.

  • Die Folgekosten einer solchermaßen definierten Gefühlsarbeit, die mit den zunehmenden Dienstleistungssektoren die Arbeit der Zukunft überhaupt darzustellen scheint, sind ganz unbekannt. Untersuchungen an Krankenschwestern (Ekman 1988), Stewardessen (Hochschild 1990) und Psychotherapeuten (Aronson et al. 1983) lassen vermuten, dass eine kontinuierliche Erosion des emotionalen Erlebens zumindest eine nicht unwahrscheinliche Folge der professionellen Gefühlsarbeit sein könnte.

  • Fast alle Definitionen von psychischerPsychische StörungenGefühlsregeln und psychosomatischer KrankheitPsychosomatische ErkrankungenGefühlsregeln nehmen explizit Rekurs auf solche Gefühlsregeln, wobei die normativ fixierte Gefühlsreaktion eines „gesunden durchschnittlichen“ Experten die gesellschaftlich anerkannte oder umstrittene Messlatte darstellt.

Es ist unzweifelhaft, dass sowohl psychosomatische wie psychische Erkrankungen mit der Verletzung solcher GefühlsregelnGefühlsregelnpsychosomatische/psychische Erkrankungen zusammenhängen. So können die Gefühlsregeln selbst derart unbiologisch und gefährlich sein, dass sie die Vitalität und Überlebensfähigkeit sowohl von Einzelpersonen als auch Kulturen einzuschränken vermögen. Diese Befunde werden etwas ausführlicher bei Köhle et al. (1986) sowie Krause (2012) behandelt.
  • Obgleich es noch kein formalisiertes Wissen über die Zusammenhänge zwischen sozialer Regulation, Gefühlsregeln und physiologischen Reaktionen gibt, lasse sich zurzeit folgende tentative kulturübergreifende Befunde feststellen:

    • GefühlskontrolleGefühlskontrolle und wirtschaftliche Produktivität sind in 80 untersuchten Kulturen positiv interkorreliert (Lomax 1975).

    • Gesellschaftliche Macht und Ansehen schlagen sich in einer Asymmetrie der Gefühlsregeln nieder, die darin besteht, dass nur der Statushohe in den Gefühlsbereich des Statusniedrigen eindringen darf (Niederer 1975). So darf sich der Ranghohe nach dem Gefühlsbereich des Untergebenen erkundigen („Wie geht es uns heute?“), was Untergebene ohne explizite Erlaubnis nicht dürfen. Dieses im durchaus positiven Sinne paternalistisch zu nennende Verhalten wird auch Kindern gegenüber angewandt.

  • Viele AffektregelnAffektregulationgeschlechtsspezifische sind geschlechtsspezifisch, wobei in den sog. patriarchalischen Kulturen eine Wechselwirkung zwischen Geschlechts- oder StatusregelnEmotionenGeschlechts-/Statusregeln existiert, die i. Allg. ontologisiert werden muss (Krause 2012). So wurde die für die viktorianische Zeit essenzielle Theorie von der natürlichen EifersuchtEifersucht der Männer, die sogar das Duellieren rechtlich ungefährlich machte, von einer Theorie der natürlichen weiblichen Eifersucht abgelöst (Stearns 1989). An Männer werden in der Regel höhere Kontrollanforderungen – was die BindungsemotionenBindungsemotionen betrifft – gestellt: Sie sollen bei Verlusten nicht hemmungslos weinen; wenn sie aber gar keine Gefühlsäußerungen zeigen, ist dies auch nicht angemessen, weil sie dann als kalt gelten. Ähnlich schwierige Gefühlsregeln gibt es für Frauen im Aggressionsbereich. Tatsächlich sind in diesen – sich in der Entwicklung befindlichen – Bereichen die geringsten Stabilitätswerte für die beiden Geschlechter zu finden (Bloom 1964).

  • Statushohe zeigen in öffentlichen Situationen überhaupt weniger AffekteAffekteStatusregeln, vor allem aber keine aus dem Furcht- und Bindungsbereich wie Angst und Trauer.

  • Die Gefühlsregeln sind immer Bestandteil von WeltanschauungWeltanschauung, Gefühlsregeln, IdeologieIdeologie, Gefühlsregeln und ReligionReligion, Gefühlsregeln, und die Mitglieder der verschiedenen Ideologien tauschen nicht nur Ideen aus, sondern insbesondere Gesten und Zeichen emotionaler Arbeit. Solche Zeichen sind i. Allg. bei weitem wirksamer als der materielle Wert der Güter.

  • Die Verkoppelung von Ideologie und GefühlsregelnGefühlsregelnund Ideologie scheint nach vielen Untersuchungen eine Art von Zweiteilung zu erlauben, die man ungefähr so beschreiben kann (Tomkins 1962, 1963, 1991Tomkins, 1962Tomkins, 1963Tomkins, 1991): Stark auf der Ungleichheit von Menschen beruhende Ideologien und Religionen beinhalten viele tabuisierte GefühleGefühletabuisierte im Bindungsbereich einerseits und eine differenzielle Steigerung im Angst-, Wut-Verachtungsbereich andererseits. Meist geht die Vergrößerung der „WutskriptsWutskripts“ und die Entwicklung von Feindbildern nach außen mit einer Geschlechts- und Generationsstratifizierung nach innen einher, in der Frauen, Kinder und niedrigrangige Personen als furchtsam, bindungssüchtig und gefährlich für die „Krieger“-Männer schematisiert werden, die vor allem stolz, verachtungsvoll und erhaben gegenüber den bindungsmotivierten Frauen reagieren sollen und ein Schmerz-Angst-Scham-Gefühlsskript aufbauen, das von Erdheim (1980) für die Azteken und von Stoller und Herd (1982) für eine Kopfjägerkultur in Neuguinea sehr genau beschrieben wurde.

    Das Festhalten der Ordnung, auch der Geschlechterordnung, bedarf fortlaufender Gefühls- und ritueller Arbeit. Es gibt eine angeblich natürliche Tendenz, dass die Krieger den Bindungsmotiven anheimfallen und auf die „Wut-Verachtungs-Skripts“ verzichten; deshalb werden die Frauen in solchen Kulturen leicht als „Hexen“ perzipiert und verfolgt.

    Nähere Zusammenhänge von Bindungs- und Autonomiemotivationen hat Bischof (1985) beschrieben. Die impliziten Gefühlsregungen erfolgreicher Psychotherapeuten sind von Grawe (1998), Krause (2012) und Merten (2001) ausformuliert worden. Im Wesentlichen verhalten sich erfolgreiche Therapeuten emotional komplementär im Ausdruck, wohingegen Laien in eine „empathische“ Reziprozität hineingezogen werden.

Tomkins hat die wesentlichen politischen und philosophischen Systeme auf die in ihnen enthaltenen Gefühlsskripts untersucht und herausgearbeitet, dass die Zweiteilung in egalitär/elitär über weite Strecken die ideoaffektive Position von SchamScham(gefühle) und Identifikation einerseits sowie Verachtung und Ärger als Motor der Desidentifikation andererseits reflektiert. Wann immer soziale Stratifizierung und ungerechtfertigte Ungleichheit in den Gefühlsregeln abgesichert werden müssen, erfordert dies Desidentifikations- und VerachtungsskriptsDesidentifikationsskriptsEmotionenDesidentifikationsskripts, wohingegen egalitäre Systeme wegen des Verpassens der Identifikation mit den anderen schaminduzierend sind (Tomkins und Demos 1995).

Metamodelle affektiven Geschehens

Affektives GeschehenMetamodelleEs gibt einige Versuche, Modelle des affektiven Prozesses zu entwickeln, welche die Aktualgenese der Gefühlsentstehung, die sozietalen Regulationsmomente und die psychophysiologischen Aspekte einschließen. Sie sind bestechend und für die Forschung anregend. Für ein solches Lehrbuch sind sie aber noch zu einseitig auf bestimmte Gegenstandsbereiche ausgerichtet.
Das Modell von Moser et al. (1991) ist explizit auf die innere mentale Regulierung ausgerichtet und berücksichtigt die sozialen Regulierungen allenfalls als innere simulierte Welten; das Modell von Bischof (1998) versucht die Affekte aus den Motivsystemen von Bindung und Autonomie abzuleiten. Frijdas (1986, 1988) Modell der affektiven Prozesse als Agenturen, die in spezifischer Weise die Motivstruktur verändern und eine spezifische Handlungsbereitschaft erzwingen, hat zu zwölf Gesetzesaussagen geführt. Für die Leser, die Anschluss an die Humanethologie suchen, ist Bischofs Modell (1998) zu empfehlen, für die Psychoanalytiker das von Moser et al. (1991) und für die Experimentalpsychologen das von Frijda (1996). Eine Integration wurde in Krause (2012) versucht.

Literaturauswahl

Bloch et al., 1987

S. Bloch P. Orthous G. Santibanez Effector patterns of basic emotions. A psychophysiological method for training actors J Social Biol Struct 10 1987 1 19

De Rivera, 1977

J. De Rivera A structural theory of the emotions. Psychological Issues Vol. 10 1977 International University Press New York

Frijda, 1996

N.H. Frijda Gesetze der Emotionen Zschr Pychosom Med Psychoanal 42 1996 205 221

Frisch, 1997

I. Frisch Eine Frage des Geschlechts? Mimischer Ausdruck und Affekterleben in Gesprächen 1997 Röhrig Universitätsverlag St. Ingbert

Hochschild, 1979

A.R. Hochschild Emotion work, feeling rules, and social structure Am J Sociol 75 3 1979 551 575

Hufnagel et al., 1991

H. Hufnagel E. Steimer-Krause R. Krause Mimisches Verhalten und Erleben bei schizophrenen Patienten und bei Gesunden Zschr Klin Psychol 20 1991 356 370

Krause, 2012

R. Krause Allgemeine Psychoanalytische Behandlungs- und Krankheitslehre 2012 Kohlhammer Stuttgart

Merten et al., 1996

J. Merten B. Ullrich Anstadt Th R. Krause P. Buchheim Emotional experiencing and facial expression in the psychotherapeutic process and its relation to treatment outcome. A pilot study Psychother Res 6 1996 198 212

Moser, 1996

U. Moser Die Entwicklung des Affektsystems Psyche 50 1996 32 84

Schwab, 2000

F. Schwab Affektchoreographien. Eine evolutionspsychologische Analyse von Grundformen mimisch-affektiver Interaktionsmuster 2000 dissertation.de – Verlag im Internet GmbH Berlin www.dissertation.de

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