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B978-3-437-21833-0.00020-6

10.1016/B978-3-437-21833-0.00020-6

978-3-437-21833-0

Folgen kriegsbelasteter Kindheiten

Kindheit kriegsbelastete, Folgen

  • 1.

    Allgemein: Risiko bei Vaterlosigkeit: erhebliche psychogene Beeinträchtigung

  • 2.

    Symptome: Kriegsgenerationpsychische Störungen

    • Diffuse allgemeine Ängste, PhobienPhobienKriegsgeneration, Panikattacken

    • Depressive SymptomeDepression/depressive StörungenKriegsgeneration (leichtere bis mittlere Ausprägung)

    • SomatoformeSomatoforme StörungenKriegsgeneration Beschwerden

    • BeziehungsstörungenBeziehungsstörungenKriegsgeneration (wiederholte Beziehungsabbrüche bzw. Beziehungsunfähigkeit)

    • IdentitätsstörungenIdentitätsstörungKriegsgeneration (verunsicherte oder eingeschränkte psychosexuelle Identität; Identitätsbrüche)

    • Vorsichtige, skeptische bis misstrauische Einstellung

    • Psychische MüdigkeitMüdigkeitpsychische

    • Spezifische ich-syntone VerhaltensweisenVerhaltensweisenich-synton gewordene, Kriegsgeneration (sparsam, altruistisch, geringe Rücksichtnahme auf sich selbst, freundlich, angepasst, „funktionierend“, planend/organisierend, sich absichernd)

    • Eingeschränkte psychosoziale FunktionsfähigkeitPsychosoziale Funktionsfähigkeit, Kriegsgeneration (Alltagsbewältigung); eingeschränkte LebensqualitätZeitgeschichtliche ErfahrungenLebensbewältigung

    • Erhöhte Nutzung des allgemeinen medizinischen Versorgungssystems bei eingeschränkter Inanspruchnahme von Früherkennungsuntersuchungen/Rehabilitation

    • Organische Symptome

  • 3.

    Störungen/Erkrankungen

    • a.

      Spezifisch:

      • Partielle oder vollständige PTBSPosttraumatische Belastungsstörung (PTBS)Kriegsgeneration (chronifizierte Form), oft mit Komorbidität

    • b.

      Unspezifisch:

      • AngststörungenAngst(störungen)Kriegsgeneration

      • Depressive SyndromeDepression/depressive StörungenKriegsgeneration

      • Somatoforme StörungenSomatoforme StörungenKriegsgeneration

      • Schwere chronifizierte AnpassungsstörungenAnpassungsstörungenKriegsgenerationKriegsgenerationAnpassungsstörungen

      • PersönlichkeitsveränderungenPersönlichkeitsveränderungKriegsgeneration

      • Körperliche Erkrankungen (insb. KHKKoronare Herzkrankheit (KHK)Kriegsgeneration)

Das Ausmaß von Betroffenheit ist deutlich höher anzusetzen, da Hochrisikogruppen bereits verstorben sind und im Heim Gepflegte nicht einbezogen wurden (Glaesmer 2014; Radebold 2005).

Frühe zeitgeschichtliche Erfahrungen und lebenslange Auswirkungen

  • 20.1

    Kindheit und Jugend im Zweiten Weltkrieg (1939–1945) Hartmut Radebold217

    • 20.1.1

      Konfliktorientierte Perspektive217

    • 20.1.2

      Zeitgeschichtliche Einflüsse218

    • 20.1.3

      Zeitgeschichtliche Perspektive220

    • 20.1.4

      70 Jahre danach – lebenslange Folgen?!220

    • 20.1.5

      Aktuelle Fragen222

    • 20.1.6

      Diagnostisches Vorgehen223

    • 20.1.7

      Behandlungs- und Hilfsmöglichkeiten224

    • 20.1.8

      Fazit225

  • 20.2

    Transgenerationale Folgen des Holocausts Ilany Kogan225

    • 20.2.1

      Einführung225

    • 20.2.2

      Die Funktion von Enactment226

    • 20.2.3

      Die Ursache von Enactment227

    • 20.2.4

      Vom Enactment zur seelischen Repräsentation229

Kindheit und Jugend im Zweiten Weltkrieg (1939–1945)

Hartmut Radebold

Konfliktorientierte Perspektive

Patientengeschichte

Symptomatik, aktuelle Probleme und bisherige Entwicklung

Zweiter Weltkrieg, KriegsfolgenJugendlicheKriegsgeneration, Erfahrungen/PrägungenZeitgeschichtliche Erfahrungenlebenslange AuswirkungenKriegsgenerationGewalt- und Verlusterfahrungen, lebenslange AuswirkungenGewalterfahrungenlebenslange AuswirkungenDie 1935 geborene Frau C. suchte 50-jährig wegen sich verschlimmernder mehrjähriger Beschwerden (Migräneattacken, Magenbeschwerden, ausgeprägte Depressionen mit teilweiser Suizidalität) Behandlung. Sie lebte in einer schwieriger werdenden Ehe mit wenigen (auch sexuellen) Befriedigungsmöglichkeiten bei problematischer Ablösung von den heranwachsenden Kindern. Ihre konfliktträchtige Beziehung zu den alten Eltern bestand fort; sie wollten jetzt in ihre Nähe umziehen.
Als Älteste von drei Schwestern erlebte sie bis 1939 im Berliner Westen befriedigende erste Kindheitsjahre – wenn auch bestimmt durch Konkurrenzgefühle gegenüber beiden Schwestern. Ihre Mutter (frühe Vollwaise) hatte sich mittellos durchgeschlagen, eine kaufmännische Ausbildung absolviert und dann bei ihrem 10 Jahre älteren Mann Schutz, Sicherheit und Geborgenheit gesucht. Dieser war von 1939–1945 als Arzt in der Wehrmacht bis auf kurze Urlaube abwesend. So war die Mutter nach kurzer Ehezeit für die nächsten Jahre hart gefordert: Erziehung der drei Kinder, Haushaltsführung und Versorgung der Familie. Der als sehr schmerzlich empfundene Abschied vom Vater veränderte die Beziehung zur Mutter: Die früheren Konkurrentinnen verbündeten sich jetzt notgedrungen. Ab 1946/47 normalisierte sich das Familienleben allmählich. Der Vater leitete eine Klinik und wurde erneut zum heißgeliebten, verehrten und gleichzeitig idealisierten Mann, um den alle vier Frauen in der Familie eifersüchtig rivalisierten. Die Mutter litt ständig an chronifizierten Gallenbeschwerden.
Nach dem Abitur 4 Jahre Studium (Sprachen und Medizin), das aufgrund von Heirat und erster Schwangerschaft abgebrochen wurde. Die spezifische Tochter-Vater-Beziehung prägte alle weiteren Beziehungen zu Männern und damit auch den weiteren Lebensverlauf. Der Ehemann – wiederum ein deutlich älterer Arzt – wurde bald medikamentensüchtig und vorzeitig berentet. Um die Existenz der Familie und ihrer zwei Kinder sicherzustellen, arbeitete Frau C. dann viele Jahre im Krankenhausbereich (Sprechstundenhilfe, Hilfsschwester). Lange fühlte sie sich durch die Versorgung des Mannes, ihrer Kinder und der älter werdenden Eltern sowie einer neurologisch erkrankten Schwester als „Große“ in die Pflicht genommen. Ihre Motivation zur Behandlung war eindeutig: „Endlich etwas für mich persönlich zu tun und mit mir klar zu kommen.“ Eigene weitere Entwicklungsmöglichkeiten sah sie nicht.

Anfängliche Diagnose aus konfliktorientierter Perspektive

Im Krankenkassenantrag 1985 wurde eine neurotische Entwicklung aufgrund eines ödipalen Konflikts mit Beziehungsstörungen, Migräne und Magensymptomatik diagnostiziert. Die zunehmende depressive Verstimmung wurde auf die unlösbar erscheinenden konfliktträchtigen Beziehungen (Eltern, Ehemann, Kinder) bei fehlender weiblicher Identifizierungsmöglichkeit (Diagnose: depressive NeuroseNeurosen/neurotische Störungendepressive) zurückgeführt.

Behandlung (1. Teil)

Ihre 4-jährige (3-stündige) PsychoanalysePsychoanalyseKriegsgeneration war zunächst auf die Beziehung zum Vater zentriert. Lebenslang wünschte sie sich einen ständig anwesenden, sie anerkennenden, allein liebenden und beschützenden Vater. Der Schlaganfall und Tod des Vaters ermöglichten ihr intensiv zu trauern und Abschied zu nehmen. Danach konnte sie sich mit ihren rivalisierenden Beziehungen zur Mutter, den Schwestern und zur Tochter auseinandersetzen.
Typisch für Erwachsene im mittleren Lebensalter wurde ihre Behandlung durch vielfältige Ereignisse mitbestimmt: Trennung von dem Mann mit der Aufgabe, völlig selbstständig zu werden; schwierige Ablösung von den Kindern, insbesondere von der an einer Neurodermitis erkrankten Tochter; Umzug der alt gewordenen Eltern in ein hiesiges Seniorenheim sowie Aufnahme einer eigenen neuen Beziehung. Dazu musste Frau C. wegen einer Brustkrebserkrankung operiert und längerfristig nachbehandelt werden. Nach dem Tod des Vaters forderte die Mutter in noch größerem Umfang Unterstützung ein.

Behandlung (2. Teil)

Die während des ersten Analysejahres eher beiläufig erwähnten Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg erhielten zunächst für uns beide gefühlsmäßig kaum Bedeutung: so die zahlreichen Bombenangriffe mit den langen Nächten im Luftschutzkeller; die Zerstörung ihrer Umwelt mit dem Tod von Klassenkameradinnen; die Evakuierung 1943 aus Berlin in den Oderbruch und schließlich die schnelle Flucht vor der russischen Armee nach Norddeutschland. Oft werden derartige nur sachlich vermittelte Erfahrungen gefühlsmäßig in der Gegenübertragung wahrnehmbar. Bei mir bestand damals aufgrund meiner Kriegskindheit eine entsprechende Sperre. Erst im 2. und 3. Behandlungsjahr wurde Frau C. bewusst und nun auch für uns beide nacherlebbar, wie viel Angst, Schrecken und Verlassenheit ihre Kriegskindheit begleitet und geprägt hatten. Sie verstand nun auch ihre familiär auferlegten Delegationen: pflichtbewusst eigene Bedürfnisse zurückzustellen und sich um die Familie zu kümmern; die Mutter seelisch stabil zu erhalten sowie eigene Ängste, Verzweiflung und Wünsche nach Geborgenheit zurückzustellen bzw. überhaupt nicht zuzulassen.

Zeitgeschichtliche Einflüsse

Was geschah damals?
  • Im Zweiten WeltkriegZweiter Weltkrieg, Kriegsfolgen (1939–1945) starben von mehr als 18 Mill. deutscher Soldaten ca. 5,3 Mill. („Todesquote“ von ca. 28 %), von den Geburtsjahrgängen 1910–1925 jeder Dritte (ca. 34 %).

  • Ca. 14 Mill. Menschen verloren zwischen 1944 und 1947 ihre Heimat. 0,5 Mill. Zivilisten starben auf der Flucht und während der Vertreibung (über die Hälfte Frauen und Kinder). 0,5 Mio. wurden Opfer des Bombenkrieges.

  • Die Gefallenen/Vermissten hinterließen in Deutschland mehr als 1,7 Mill. Witwen, fast 2,5 Mill. Halbwaisen und 100 000–200 000 Vollwaisen. Daher wuchs ein Viertel aller Kinder nach 1945 vaterlos auf.

  • Im Frühjahr 1947 befanden sich noch 2,3 Mill. Kriegsgefangene in den Lagern der Alliierten und 900 000 in sowjetischen Lagern. Die Mehrzahl der Überlebenden kehrte bis 1950 zurück.

  • Vergewaltigt wurden ca. 1,9 Mio. Frauen: 1,3 Mio. in den ehemaligen deutschen Ostgebieten und während der Flucht und Vertreibung, 500 000 in der späteren sowjetischen Besatzungszone sowie 100 000 (d. h. jede 7. Frau) während der Eroberung von Berlin.

  • Im Bundesgebiet wurden Ende 1950 mehr als 2,1 Mill. „KriegsbeschädigteKriegsbeschädigte“ des Ersten und Zweiten Weltkrieges registriert (Radebold 2000, 2005).

Welche Prägungen und Erfahrungen gab es damals?
KriegsgenerationPrägungen Alle KinderKindheitKriegsgeneration, Erfahrungen/Prägungen und JugendlichenJugendlicheKriegsgeneration, Erfahrungen/Prägungen wurden damals vom Kindergarten an über die Schule bis zu den Jugendorganisationen („Deutsches Jungvolk“ 10–14 J., „Hitler-Jugend“ 14–18 J.; „Jungmädel“, 10–14 J., „Bund Deutscher Mädel“, 14–18 J.) systematisch nationalsozialistisch erzogen (Klönne 1999). Zusätzlich wurde oft die Erziehung der Säuglinge und Kleinkinder durch den damaligen Ratgeber „Die Deutsche Mutter und ihr erstes Kind“ mit bestimmt, den jede Mutter nach der Geburt erhielt. Gefordert wurde eine sachliche, streng regulierte Erziehung ohne gefühlsmäßige Nähe (Chamberlain 1997). Dieser Ratgeber wurde noch bis 1985 in hoher Auflage verlegt. Unverändert gehörte die körperliche Züchtigung auch nach 1945 zur üblichen Erziehung (Müller-Münch 2012).
Zusätzlich ist zu klären, welche direkten verbrecherischen Aktivitäten (Verfolgung der Juden und weiterer Gruppen, Misshandlung/Ausbeutung von Zwangsarbeitern, russischen Kriegsgefangenen) Kinder und Jugendliche damals miterlebten und entsprechend als solche erkannten.
Zusätzlich erlitten damalige Kinder/Jugendliche (Jahrgänge 1945/47 bis 1928/29) möglicherweise folgende Beschädigungen und TraumatisierungenTrauma(tisierungen)KriegsgenerationKriegsgenerationBeschädigung/TraumatisierungKriegsgenerationVerlusterfahrungen:
  • Miterleben zahlreicher BombenangriffeBombenangriffe/AusbombungenAusbombung, z. T. Miterleben der Städtezerstörungen (der „Feuersturm“ mit seinen zahlreichen Opfern betraf über 150 deutsche Städte).

  • EvakuierungenEvakuierungen der unter 10-Jährigen (zusammen mit der Mutter und weiteren jüngeren Geschwistern) oder erweiterte Kinder-LandverschickungenKinder-Landverschickung der über 10-Jährigen (mit z. T. langer Trennung von der Mutter und der weiteren Familie). FluchtFlucht(verhalten) (vor dem näher rückenden Krieg). VertreibungVertreibung mit zunächst Flucht und späterem Aufwachsen in einer fremden bis feindselig eingestellten Umwelt (Sprache, Religion, Lebensgewohnheiten etc.) mit der Folge von Heimatverlust und oft sozialem Abstieg der Eltern.

  • Lang anhaltende (Kriegsteilnahme und/oder GefangenschaftGefangenschaft) oder dauernde (gefallen, vermisst, an Krankheit verstorben) väterliche Abwesenheit. Dazu kehrten diese Väter oft physisch/psychisch versehrt/krank zurück. Selbst äußerlich unversehrt blieben sie häufig abgekapselt oder unerreichbar. Hunger, Unterernährung, Verarmung mit oft beschädigten Familienverhältnissen.

  • Zusätzlicher VerlustVerlust(erlebnisse)Kriegsgeneration der Mutter (Status als Vollwaise), weiterer Geschwister und näherer Verwandter (insb. der Großeltern).

  • Passive GewalterfahrungenGewalterfahrungenKriegsgeneration z. B. Verwundungen, Verschleppungen/KriegsgefangenschaftKriegsgefangenschaft, Vergewaltigungen sowie Miterleben derselben.

  • Mit zunehmendem Lebensalter aktive GewalterfahrungenGewalterfahrungenKriegsgeneration insbesondere bei Kriegshandlungen, Tötungen/Erschießungen.

Diese Ereignisse erfolgten kumulativ, aufeinander folgend und häufig langfristig andauernd. Geschätzt wird, dass 35–40 % dieser Jahrgänge nicht betroffen waren. 30–35 % erlitten sie mehrmonatig mit beeinträchtigenden bis beschädigenden und weitere 30 % mehrjährig bis lang anhaltend mit beschädigenden bis traumatisierenden Auswirkungen. „Beeinträchtigt“ heißt kurzfristig einwirkend mit zeitweiligen Einschränkungen; „beschädigt“ heißt langfristige Auswirkungen (z. B. Hunger mit Unterernährung, Verarmung, sozialem Abstieg, zerstörte Familienstruktur) (Radebold 2000, 2005).
Was wurde damals erlebt?
Diese Ereignisse bewirkten zentrale gefühlsmäßige Erfahrungen, z. B.: KindheitKriegsgeneration, Erfahrungen/PrägungenJugendlicheKriegsgeneration, Erfahrungen/PrägungenKriegsgenerationgefühlsmäßige Erfahrungen
  • Meine Welt und meine Umwelt werden bedrohlich und gefährlich, zumindest unsicherer. Ich bin dieser Situation völlig hilflos ausgeliefert.

  • Ich kann mich nicht auf diese Bedrohungen vorbereiten: Jeder BombenangriffBombenangriffe kann katastrophale Folgen haben.

  • Die Erwachsenen können oft nicht helfen – z. T. erleiden sie selbst Schaden.

  • Ich verliere meine direkte Kindheitswelt: Wohnung/Haus, Stadtviertel und aufgrund von Flucht/Vertreibung meine Heimat.

  • Ich bleibe mit meiner Angst, Panik, Verzweiflung und Verlassenheit allein, keiner fragt nach meinen Erlebnissen – geschweige denn, wie es mir geht.

  • Alle ringsum sind ob der Toten/Vermissten erstarrt. Wenn ich überhaupt trauern kann, muss ich dies für mich alleine.

Als Schutzfaktoren bei kriegsbedingten BelastungenBelastungenkriegsbedingte gelten: stabile, Sicherheit und Geborgenheit gewährende Mutter-Kind-Beziehung; Verfügbarkeit weiterer liebevoller Personen (stabile Familienkonstellation); Ersatzväter/-mütter; Unterstützung durch Gemeinde/Nachbarschaft; frühe Übernahme von Verantwortung und aktive LebensbewältigungZeitgeschichtliche ErfahrungenLebensbewältigung sowie Nutzung von Humor, Altruismus und Sublimierung (Werner 2007). Diese standen damals häufig weder akut noch nachfolgend zur Verfügung.
Bewältigt, verarbeitet oder abgewehrt?
Bewältigung(sstrategien/-verhalten)KriegsgenerationAbwehr(reaktionen)KriegsgenerationKriegsgenerationTraumatisierungBewältigungDas allgegenwärtig beobachtete katastrophale Elend der „KriegskinderKriegskindheit“ – geschätzt für Europa zwischen 13 (Zarah 2011) und 20 Mio. Halbwaisen (Werner 2001) – beunruhigte Mütter, Lehrkräfte, Ärzte und Fürsorgerinnen sehr. Zunehmend wurden Programme initiiert, um die äußere Lebenssituation (Ernährung, Kleidung, Unterbringung, Krankheitsbekämpfung, Unterricht) zu verbessern. Für ihre seelischen Verstörungen erhielten sie allerdings selten Hilfe. Ihre Mütter (bei meist abwesenden Vätern) konnten schon akut oft kaum Schutz, Sicherheit und Trost geben. Sie waren häufig selbst unfähig, mit ihren schrecklichen eigenen Erlebnissen zurecht zu kommen.
Die einzige ausführlich dokumentierte Beobachtung von 12 500 (auf die Insel Langeoog von 1946 bis 1950 zur Erholung verschickter) ausgeprägt beschädigter oder traumatisierter Kinder im Alter von 5–16 Jahren verdeutlicht beispielhaft ihre sich allmählich verändernden Reaktionen: Sie zeigen direkt nach dem Krieg (1946/47) ausgeprägte Symptome (Angstzustände, Panikattacken, Weinkrämpfe, Schlafstörungen etc.), VerhaltensauffälligkeitenVerhaltensauffälligkeiten, Kriegsgeneration (schulischer Leistungsabfall und Schwänzen, Rückzug, Verwahrlosung), ausgeprägtes Heimweh und reduzierte körperliche Entwicklung. Sie berichten ständig und spontan über ihre katastrophalen Erlebnisse. Ab 1948 sind Symptome/Verhaltensstörungen weitgehend verschwunden; Längenwachstum und Gewicht normalisieren sich; die Kinder werden gruppenfähig und berichten über ihre Erlebnisse nur noch auf Nachfrage sachlich, ohne affektive Beteiligung. 1950 wird das Heim aufgrund fehlenden Bedarfs geschlossen (Lippert und Keppel 1950).
Die Erwachsenen waren auch später mit der Versorgung und der Existenzsicherung (oft für Vertriebene dazu in einer fremden, ablehnenden Umwelt) völlig in Anspruch genommen; die (Groß- und Rest-)Familie verlangte vielfältige Unterstützung. Die Mütter vermochten oft nicht über ihre Verluste zu trauern, infolge auch ihre Kinder nicht (wie auch die später zurückkommenden Väter). Überall wurden lediglich überlebte „Abenteuer“ erzählt. Insgesamt setzten Eltern und Professionelle auf pädagogische und fürsorgerische Maßnahmen. Sie hofften, dass ihre Kinder im Vergleich zu ihnen „weniger mitbekommen“ hätten und „schneller vergessen“ würden.
KriegsgenerationTraumatisierungAbwehrreaktionenDie damals im Zeitverlauf beobachteten Reaktionen und Verhaltensweisen belegen einen mehrjährigen (unbewussten) AbwehrZeitgeschichtliche ErfahrungenAbwehrreaktionenAbwehr(reaktionen)Kriegsgeneration- und Bearbeitungsprozess. Er umfasste (gleichzeitig zur Abkapslung der mit den traumatischen Erfahrungen verbundenen Gefühle dienend) insbesondere vollständige Verdrängung, Verleugnung und Relativierung („wirklich Schlimmes habe ich nicht erlebt“, „andere haben viel Schlimmeres erlebt“); Generalisierung („derartiges haben doch alle erlebt“); Verkehrung ins Gegenteil („Erzählen der abenteuerlichen Geschichten“, fröhliches Verhalten und Spielen anstelle von Angst, Schrecken, Panik oder Verzweiflung), Spaltung von Inhalt und Affekt sowie Identifizierung mit den (insb. politischen) Ansichten der Eltern bzw. der eigenen sozialen Gruppe.
Die einzige spätere Untersuchung der Jahrgänge 1938 und 1945/46 zeigte für Verhalten, schulische Leistungen, Längenwachstum/Gewicht u. a. m. keine (auch testpsychologisch nicht nachweisbaren) Folgen mehr (Coerper et al 1964) – auch nicht für die Flüchtlingskinder (Brandt 1964). Diejenigen, die weiter durch „dissoziale“ Verhaltensweisen störten (geschätzt bis 500 000), waren allerdings inzwischen teilweise langfristig in über 3 000 Erziehungsheimen untergebracht (Wensierski 2006).
Somit schien die allseits gehegte Hoffnung großer kindlicher Plastizität bestätigt. Diese Kinder und Jugendlichen hatten offenbar eine erneute und vermutlich dauerhafte psychische Widerstandsfähigkeit (ResilienzResilienz(entwicklung)Kriegsgeneration) erreicht.
Übersehene Auffälligkeiten
KriegsgenerationAuffälligkeiten, überseheneAufgrund dieser Hoffnung übersah man eindeutig aus dem Rahmen fallende Entwicklungen Betroffener, so ihr fast automatisches „Funktionieren“ zusammen mit bravem angepasstem Verhalten und ihre freundliche, aber eher skeptische Einstellung mit Planen, Organisieren und Absichern. Ihre Stimmungslage war affektiv eher eingeschränkt und insgesamt depressiv getönt. Aufgrund der überall erlebten AggressionenAggression/AggressivitätKriegserfahrungen im Krieg wirkte ihre eigene Aggressivität herabgesetzt (sie erlaubte z. B. keinesfalls, sich zornig gegenüber einer verwitweten Mutter als einziger verbliebener Bezugsperson abzugrenzen). Sie zeigten weiterhin Fleiß, Pflichterfüllung bei geringer Rücksichtnahme auf eigene Bedürfnisse als zunehmend ich-synton gewordene VerhaltensweisenVerhaltensweisenich-synton gewordene, Kriegsgeneration. Die fast symbiotischen Beziehungen zu den damaligen Müttern erschienen üblich; sie ergaben sich offenbar notgedrungen aufgrund der räumlichen Nähe infolge fehlenden Wohnraums. Diese fühlten sich auch dadurch unterstützt, dass ihre (erstgeborenen) Kinder gern in der Position von „kleinen Erwachsenen“ selbstverständlich Aufgaben und Pflichten übernahmen. Viele damalige Kinder hatten nur eine kurz dauernde KindheitKindheitKriegsgeneration, Erfahrungen/Prägungen im Frieden oder bei Kriegsanfang erlebt und viele weitere in diesem Sinne überhaupt keine Kindheit. Somit fehlte ihnen auch die Erfahrung einer intensiv durchlebten PubertätPubertätKriegsgeneration.
Entsprechend kam auch für Frau C. ab der Pubertät ihrer Kriegskindheit während des jüngeren und mittleren Erwachsenenalters bewusst keine Bedeutung mehr zu. Sie „funktionierte“ trotz zunehmender Probleme und Konflikte.

Zeitgeschichtliche Perspektive

Patientengeschichte (Forts.)

Erweiterte Diagnose

Erst im Verlauf der Behandlung wurden Einfluss und Ausmaß ihrer beschädigenden und traumatisierenden Erfahrungen bis zum 12. Lj. sichtbar. Diese umfassten eine kriegsbedingte väterliche Abwesenheit vom 5. bis zum 11. Lj. sowie Erfahrungen von BombenangriffenBombenangriffe, Flucht und passiver Gewalt – also kumulativ und fortlaufend. Daher wurde die vorliegende Störung rückwirkend als schwere chronifizierte AnpassungsstörungAnpassungsstörungenKriegsgenerationKriegsgenerationAnpassungsstörungen nach kumulativen Traumatisierungen in der Kindheit (F43.8 im Sinne von „sonstigen Reaktionen auf schwere Belastung“ nach der ICD-10) eingestuft. Unübersehbar bleibt, dass sich ihre zeitgeschichtlichen Erfahrungen im Rahmen eines ausgeprägten ödipalen KonfliktsKonflikteödipaleÖdipale KonflikteKriegsgeneration bei neurotischer Familienstruktur auswirkten.

Behandlungsergebnisse und Katamnese

In ihrer Analyse entwickelte sie sich bis zum 55. Lj. zu einer zunehmend selbstsicheren, aktiven, immer stärker ihr Leben genießenden und erkundenden Frau. Sie gestaltete ihre neue Beziehung nach eigenen Bedürfnissen mit ausreichender Selbstständigkeit (eigene Wohnung) und erlebte dauerhaft eine erfüllte befriedigende Sexualität. Sie lernte viele eigene Fähigkeiten kennen und vermochte sich abzugrenzen. Ebenso konnte sie sich angemessen mit ihrer bedrohlichen Krebserkrankung auseinandersetzen. Die Symptomatik verschwand weitgehend.
Bei einem katamnestischen Gespräch im Frühsommer 1999 (10 J. nach Analysenende) beschreibt sie als jetzt 64-Jährige rückwirkend gesehen ihre Psychoanalyse als „das Abenteuer ihres Lebens“. Sie kann weiterhin ihre familiären Beziehungen für sich selbst befriedigend gestalten und genießt ihre Beziehung unverändert intensiv. Sie ist sich ihrer Ängste vor dem Älterwerden wohl bewusst, fühlt sich aber gut ausgerüstet, diese neuen Lebensphasen kennenzulernen. Ihre Migräne – als deren Auslöser sie jetzt selbst unterdrückte Aggressivität und unbefriedigte Sexualität sieht – ist endgültig verschwunden (Radebold 2000).

70 Jahre danach – lebenslange Folgen?!

Zeitgeschichtliche Erfahrungenlebenslange AuswirkungenKriegsgenerationGewalt- und Verlusterfahrungen, lebenslange AuswirkungenGewalterfahrungenlebenslange AuswirkungenDie betroffenen Kinder und Jugendlichen vermittelten so jahrzehntelang der Öffentlichkeit das Bild, psychisch stabil zurechtkommender, freundlich angepasster, sich altruistisch verhaltender sowie häufig beruflich erfolgreicher Erwachsener. Sie definierten sich auch keinesfalls als „KriegskinderKriegskindheit“. Vonseiten der Wissenschaft (z. B. aus Sicht der Entwicklungspsychologie: Kruse und Thomae 1992) wurde weiterhin die These der ausgeprägten und fortbestehenden Plastizität schon möglicherweise Betroffener vertreten. Psychoanalyse, Psychosomatik, Psychiatrie (einschl. Alterspsychiatrie), Entwicklungspsychologie (einschl. Psychogerontologie) entwickelten sich in den letzten Jahrzehnten weitgehend ahistorisch. Die zeitgeschichtliche Forschung befasste sich ausschließlich mit der Ereignis-, aber nicht mit der Erlebnis- und Erfahrungsgeschichte. Zusätzlich verbot die deutsche Schuld, sich mit dem eigenem Leid – wenn auch hier von Kindern – zu befassen. Zunächst interessierten daher ab den 1990er-Jahren die fortbestehenden nationalsozialistischen Prägungen der Kinder der Täter (Bar-On 1993) und ihre transgenerationale Weitergabe (Rosenthal 1997). Infolgedessen blieben die möglichen spezifischen beschädigenden bis traumatisierenden Folgen bis 1999/2000 (Franz et al. 1999; Radebold 2000, 2005) weitgehend unerforscht. Schließlich berücksichtigten die wenigen deutschsprachigen epidemiologischen Untersuchungen Älterer (Förstl 2003; Weyerer und Bickel 2007) keine Anpassungs- und Belastungsstörungen und bezogen sich dazu nur auf heute über 85-Jährige (d. h. bei Kriegsende 1945 meist schon Erwachsene). Aufgrund der Internationalen Kriegskinderkongresse 2005 in Frankfurt/M. (Ewers et al. 2006; Radebold et al. 2006) und 2013 in Münster (Fooken und Heuft 2014) ist unser Kenntnisstand umfassender.
Entwicklungen Betroffener im Rückblick
Zeitgeschichtliche ErfahrungenEntwicklung BetroffenerBehandlungsberichte (Radebold 2000; Leuzinger-Bohleber et al. 2003; Adler 2007) und Biografien (Lorenz 2003; Bode 2004; Dörr 2007; Stargardt 2006) belegen unterschiedliche Entwicklungen Betroffener:
  • Lebenslang bestehen deutliche soziale, berufliche und finanzielle Einschränkungen bei eher leichterer depressiver und/oder ängstlicher Symptomatik und vielfältigen, ebenfalls leichteren funktionellen Beschwerden. Fortbestehende symbiotische Beziehungen zu den verwitweten Müttern bedingen oft eine weitreichende BeziehungsunfähigkeitBeziehungsstörungenKriegsgeneration.

  • Ab dem mittleren Erwachsenenalter manifestieren sich zunehmend ausgeprägte depressive und funktionelle Symptome. Mehrfach wiederholen sich Beziehungsschwierigkeiten oder Beziehungsabbrüche. Die Arbeitsfähigkeit zeigt sich zunehmend eingeschränkt. Dazu besteht eine verunsicherte psychosexuelle und/oder psychosoziale Identität. Frauen trennen sich zunehmend nach langjährigen Beziehungen.

  • Ab dem höheren Lebensalter zeigt sich erstmalig nach dem (als auferlegt empfundenen) Ausscheiden aus dem identitätsstiftenden Beruf eine deutliche depressive und funktionelle Symptomatik. Betroffene reagieren auf ihre zunehmenden Verluste (Trennungen, Tod der Mutter, des Partners und schon von Kindern) teils mit Erstarrung und innerlichen RückzugRückzuginnerlicher, teils mit sich verschlechterndem körperlichen Befinden. Sie können, wie schon in ihrer Kindheit, nicht trauern.

  • Lebenslang bis in die AlternssituationKriegsgenerationAlternssituation besteht im subjektiven Empfinden psychische, soziale und familiäre Stabilität. Insbesondere betroffene Männer erleben sich durch ihre Vergangenheit in keiner Weise beeinträchtigt und stellen sich als mit dem Leben zufrieden dar. Entgegen diesem vermittelten Selbstbild vermissen ihre Partnerinnen auf Dauer Selbstständigkeit, Übernahme von Verantwortung sowie Männlichkeit.

  • Lebenslang bis in die Alternssituation hält subjektiv und objektiv die bisherige psychische, soziale und familiäre Stabilität an. Selbstwahrnehmung und familiäre Einschätzung stimmen überein.

Aktueller Kenntnisstand
Kumulierte psychoanalytische Behandlungserfahrungen (Leuzinger-Bohleber 2003; Radebold 2000, 2010), Sekundäranalysen von Längsschnittstudien (Franz et al. 1999; Grundmann 1992, Lieberz et al. 2011) und aktuelle repräsentative Querschnittsuntersuchungen (Brähler et al. 2007; Franz et al. 2007; Heuft et al. 2007; Maercker et al. 2008; Glaesmer 2014) verdeutlichen jetzt ausgeprägte (auch statistisch signifikante) Folgen bei Betroffenen (Box 20.1).
Die statistischen Daten, die Ereignisse und die resultierenden Erfahrungen (Kap. 20.1.2) verdeutlichen unter den zusätzlichen Perspektiven von Kumulation, Abfolge, bestehendem Entwicklungs-/Lebensalter sowie möglicherweise damals vorhandenen protektiven Faktoren, dass es weder das KriegskindKriegskinder noch die Kriegskindheit gegeben hat. Außerdem bestand oft eine neurotische Entwicklung: z. T. schon vorher vorhanden, z. T. sich dadurch verstärkend (s. Frau C. Kap. 20.1.1, Kap. 20.1.3) oder dadurch bedingt.
Psychodynamisch-zeitgeschichtlicher Verständniszugang
Kriegsgenerationpsychische Störungenpsychodynamisch-zeitgeschichtlicher VerständniszugangDie auffindbaren Folgen erscheinen in Bezug auf Symptome, Verhaltensweisen und Störungen zunächst unspezifisch, jedoch aus psychodynamisch-zeitgeschichtlicher Perspektive eindeutig spezifisch. Fragen nach „psychischer MüdigkeitMüdigkeitpsychische“, „psychosozialer FunktionsfähigkeitFunktionsfähigkeit, psychosoziale“ und „LebensqualitätLebensqualitätKriegsgeneration“ als mögliche Folgen sind erst neuerdings von (Forschungs-)Interesse. Die bekannte AngstsymptomatikAngst(störungen)Kriegsgeneration über 60-Jähriger wurde bisher als zu selbstverständlich zum Alter zugehörig angesehen. Spezifisch untersucht (Maercker et al. 2008) zeigt sich eine Rate von 7,25 % an partiellen und vollständigen PTBSPosttraumatische Belastungsstörung (PTBS)Kriegsgeneration in Deutschland – entsprechend den (abgefragten) Kriegsereignissen ab dem 60. Lj. weiter ansteigend – entgegen den bisher international beobachteten abnehmenden PTBS-Raten (Kap. 56). Sie treten im Alter chronifiziert oder als RetraumatisierungenKriegsgenerationRetraumatisierung/TraumareaktivierungRetraumatisierungen, Kriegsgeneration bzw. TraumareaktivierungenTraumareaktivierung auf. PhobienPhobienKriegsgeneration beziehen sich oft – anamnestisch belegbar – auf Vermeidungsverhalten bzgl. früherer traumatischer Situationen.
Damals fehlten die Väter in großem Umfang. Teils waren sie gefallen; teils waren sie mit ungewissem Schicksal lange in Kriegsgefangenschaft; teils blieben sie (ca. 1,1 Mill.) bis heute – oft erst spät als tot erklärt – vermisst (Kap. 20.1.2). Die damalige depressive Stimmungslage der „kleinen ernsten Erwachsenen“ wies auf ihre Schwierigkeit hin, über die Verluste dieser Väter zu trauern und sich abzulösen. Aufgrund einer ambivalenten ödipalen Konstellation wurde es ihnen unmöglich, Vorwürfe an diese Väter ob des Verlassenseins und damit Alleingelassenseins bewusst zuzulassen, geschweige denn zu äußern. So wurde das väterliche Objekt zum Introjekt – unterstützt häufig von der zu Erziehungszwecken von den Müttern vermittelten Idealisierung. So wurden die (unbewussten) Vorwürfe zu Selbstvorwürfen. Der Verlust des VatersVerlust(erlebnisse)des Vaters bedingte schließlich, dass damals und insgesamt lebenslang ein erlebbares und anfassbares Modell „Mann“ fehlte. In Verbindung mit den damaligen teils „schwachen“, teils „starken“ Kriegsmüttern bestanden für beide Geschlechter nur geringe Chancen, einer befriedigenden Identifizierung und Überkreuzidentifizierung mit den Folgen einer verunsicherten und eingeschränkten psychosexuellen und psychosozialen Identität (Radebold 2000; Stambolis 2012). Sich jetzt in der AlterssituationKriegsgenerationVerlusterfahrungen erneut häufende Verluste (Kap. 20.1.5) reaktivieren offenbar damalige Verlusterfahrungen. So erklärt sich die in der Berliner Altersstudie aufgefundene und im Vergleich zu anderen (nicht von Krieg betroffenen) europäischen Ländern hohe Rate von subdiagnostischer und leichterer Depressivität von zusammen 23 % (Helmchen et al. 1996).
Insbesondere die damaligen jüngeren Mütter konnten aufgrund eigener Ängste kein Sicherheit gebendes, verlässliches Bindungsangebot machen. Dazu bestand gegenüber Kleinkindern bei Flucht und Vertreibung eine hohe Ambivalenz. Sie konnten nicht ausreichend gut versorgt werden, und ihre Existenz verringerte die familiären Überlebenschancen. Entwickelte sich danach die bekannte symbiotische Beziehung, ergaben sich bei diesen Kindern sich lebenslang auswirkende Bindungs-und BeziehungsstörungenBeziehungsstörungenKriegsgeneration bis hin zur Beziehungsunfähigkeit.
Aufgrund der fortbestehenden Verwitwung dieser Mütter fehlten langfristig auch Erfahrungen der Paarbeziehung (Radebold 2000, 2010).
Die ich-syntonen Verhaltensweisen verdeutlichen eine komplexe Genese: Zunächst beweisen sie einen erfolgreichen Abwehr-und Bearbeitungsprozess traumatischer Erfahrungen. Sie verkörpern weiterhin ein Selbstbild, das durch familiäre und (eher vorbewusst) nationalsozialistische Erziehungsnormen sowie familiäre Delegationen und Parentifizierung mit geprägt wurde. Dazu erforderten die damals oft stark eingeschränkten Lebensverhältnisse eine notwendige Anpassung.

Patientengeschichte (Forts.)

Ein Schleudertrauma und spezifische Folgen

Angst(störungen)Kriegsgeneration2004 erlebt Frau C. als jetzt 69-Jährige einen unverschuldeten Auffahrunfall mit einem mittelschweren Schleudertrauma. Während die Schmerzzustände bald folgenlos abklangen, entwickelten sich wenige Tage später panikartige Angstzustände. Daher überlegte sie nach 4 Monaten, ihre Psychoanalyse fortzusetzen. Im 1-stündigen Gespräch erhält ein biografisches Detail plötzlich zentrale Bedeutung. In ihren Angstzuständen erlebt sie jetzt eine bestimmte Situation immer wieder: Die Mutter, sie und die zwei jüngeren Schwestern befinden sich im Frühjahr 1945 in einem Personenzug – gerade der russischen Armee entkommen – Richtung Schleswig, wo sie den ebenfalls geflüchteten Vater treffen wollen. Der Zug wird auf der Hochbrücke über den Nord-Ostsee-Kanal von englischen Jagdflugzeugen angegriffen und ständig beschossen. Frau C. muss als 9-Jährige – schutzlos ausgeliefert – die in Panik geratene Mutter und die beiden jüngeren Schwestern trösten und psychisch stabilisieren. Als sie im Gespräch diese Erfahrung mit mir deutlich vermittelter panischer Angst und Hilflosigkeit berichtet, kann sie meine Tröstung annehmen: „Sie haben etwas wirklich Schreckliches erlebt; keiner war da, der Sie als überfordertes Mädchen und dazu in Panik in den Arm nahm und tröstete. Dazu hatten Sie die Angst, den herbeigesehnten Vater nie mehr zu sehen.“ Die geklagte Angstsymptomatik klang innerhalb weniger Tage vollständig ab. Bis heute (Sommer 2008) geht es ihr weiterhin gut, und sie lebt befriedigt in ihrer Partnerbeziehung.

Ergänzte Diagnose

2004 führte der Auffahrunfall zu mehre Monate anhaltenden schweren Angstattacken (nach ICD-10 als Panikstörung F41.0 einstufbar). Die akut wiederbelebte spezifische Angstsituation verweist auf eine Retraumatisierung (Heuft 1999Retraumatisierungen, Kriegsgeneration). Die aktuellen Diagnoseschemata enthalten keine Möglichkeit der Diagnose einer komplexen PTBS. Damit ergab sich als aktuelle Diagnose: Retraumatisierung bei früherer komplexer BelastungsstörungPosttraumatische Belastungsstörung (PTBS)komplexe mit lang anhaltenden Folgen im Rahmen einer chronifizierten neurotischen Entwicklung.

Aktuelle Fragen

Welche damalige Wirklichkeit wird uns heute vermittelt?
Berichtete zeitgeschichtliche Erlebnisse werden bzgl. der Fakten als zuverlässig beurteilt (Hardt und Rutter 2004); sie werden eher aufgrund von Verdrängung, Scham und Schuld nicht erzählt.
Das „autobiografische Ich“ bewirkt, dass diese Erinnerungen lebenslang bearbeitet und angepasst werden. Schon der Moment ihrer Einspeicherung (mit höchst selektiver Wahrnehmung der Situation), nachfolgende verzerrte Erinnerungen sowie Fehlerinnerungen und eine narrative Standardisierung von Erlebniszusammenhängen können entscheidend dazu beitragen. Weitere Bedeutung kommt sozial akzeptierten und damit von der Umwelt nachvollziehbaren Inhalten sowie der jeweiligen Stimmungslage zu (Markowitsch und Welzer 2004).
Gerade jüngere Kinder mit unzureichenden, unvollständigen Erinnerungen (z. B. an wichtige Bezugspersonen wie Väter, an unbegreifliche katastrophale Situationen) greifen auf Erzählungen der Erwachsenen zurück, um sich diese allmählich als letztendlich selbst erlebte anzueignen. Der damalige Abwehr- und Bearbeitungsprozess (Kap. 20.1.2) bewirkte hier, dass bereits nach mehreren Jahren zunehmend nur noch Fakten erinnerbar und berichtbar waren. Die uns heute vermittelte damalige „Wirklichkeit“ wird angesichts der eigenen Alternssituation (vorbewusst) einerseits durch stabilisierende Erinnerungen („Abenteuer“, erlebte Freiheit, befriedigende Kindheit) und andererseits durch stärker zugelassene bedrohliche, beunruhigende Erinnerungen (angesichts von aktuellen Verlusten und neuen erschreckenden Erfahrungen wie z. B. Unfällen, schwerwiegenden Operationen) bestimmt. Aufgrund aktueller Akzeptanz wird zunehmend häufiger über schwer traumatisierende Erfahrungen wie z. B. Vergewaltigungen – wiederum als Fakten eingebracht – berichtet (Kuwert und Freyberger 2007). Die unbewusst mitvermittelten Gefühle werden oft nur durch Teilidentifizierung und in der Gegenübertragung wahrnehmbar (Kap. 20.1.6). In der Regel erbringt erst eine langfristige psychotherapeutische Behandlung eine weitgehend vollständige „Geschichte“ (Radebold 2000, 2010).
Risiko Alternssituation?
Alter(n)KriegsgenerationZeitgeschichtliche ErfahrungenAlternssituationKriegsgenerationAlternssituationDie Jahrgänge (1945/47 bis 1928/29) befinden sich jetzt als über 70-Jährige im höheren Erwachsenenalter. Sie werden mehrheitlich aufgrund ansteigender Lebenserwartung das hohe Erwachsenenalter (ab dem 80. Lj.) erreichen – kultur- und lebensgeschichtlich unbekannte Lebensphasen.
Bei mehrfach Betroffenen (Kap. 20.1.2) zeigen sich aktuell ängstlich/depressive Stimmungslage, abwartende/misstrauische Einstellung sowie eingeschränkte Alltagsbewältigung mit der Folge insgesamt reduzierter Lebensqualität. Sie nutzen keine Früherkennungsuntersuchungen, und notwendige Behandlungen erfolgen nicht konsequent (Radebold 2012) – ungünstige Voraussetzungen, um bestehende Kontakte zu verbessern, neue Beziehungen (z. B. nach Partnerverlust) aufzunehmen, Interessen nachzugehen und (auch ökonomisch) gegebene Lebensmöglichkeiten zu genießen (wahrscheinlich verkörpern die in der Öffentlichkeit vorwiegend wahrgenommenen „aktiven lebenslustigen Senioren“ gerade Nichtbetroffene). Verstärkt drohen Trauma-Reaktivierungen und Retraumatisierungen (Heuft 1999).
Was wurde transgenerational weitergegeben?
Im Ersten WeltkriegErster Weltkrieg (1914–1918) fielen 2,4 Mill. Soldaten („Todesquote“ 17 %); 2,7 Mill. kehrten versehrt zurück. Sie hinterließen 600 000 Witwen, 968 000 Halb- und 65 000 Vollwaisen – meist materiell schlecht versorgt und verarmend. Aufgrund der ab 1915 zunehmenden schweren Hungersnöte erhöhte sich die Sterberate von Kranken, Älteren und Kindern erheblich. Die Kinder zeigten zunehmend ausgeprägte Verhaltensauffälligkeiten (Stambolis 2014). Für vaterlos aufgewachsene Jungen wurde später eine deutlich gestörte IdentitätsbildungKriegsgenerationIdentitätsbildung, gestörte beschrieben (Clauß 1931).
Diese damaligen Kinder/Jugendlichen waren damit die erste vom Krieg betroffene Generation. Als junge Erwachsene erlebten sie dann den Zweiten Weltkrieg. Ihre Kinder, also die beschriebenen „Kriegskinder“ (Jahrgänge 1928/29 bis 1945–1947), erscheinen als zweite vom Krieg betroffene Generation. Ihre Kinder sind die dritte Generation und zurzeit wächst die vierte Generation auf (Radebold et al. 2008; Lamparter et al. 2013). Damit fehlen den Kindern und Jugendlichen der ersten Generation als späteren Vätern und Müttern die Möglichkeiten der Identifizierung und Überkreuzidentifizierung und damit die Chance einer sicheren Identitätsbildung.
Kriegsgenerationtransgenerationale PrägungenDie Angehörigen der dritten Generation befinden sich jetzt im mittleren Erwachsenenalter (50–70 J.) und artikulieren zunehmend deutlicher und sich dessen selbst bewusster ihre transgenerationalen PrägungenPrägung(en)transgenerationale (Kriegsgenerationen) (Ustorf 2008; Bode 2009).
Sie klagen über:
  • Ihre Erziehung nach unverständlichen und nie erklärten Grundsätzen („Man isst alles auf“, „man wirft nichts weg“ u. a.)

  • Unerklärliche Symptome, insbesondere Ängste (z. B. vor „Sirenenklängen und Feuerwerk“, „Katastrophen“)

  • Bindungsschwierigkeiten und Träume, in denen offenbar die Kriegserfahrungen der Eltern nacherlebt werden

  • Mangelnde gefühlsmäßige Nähe der Eltern zu ihnen (z. B. fehlende Umarmung, liebevolle Zärtlichkeit)

  • Das fehlende Gespräch über die elterlichen Erfahrungen im Krieg (schon diese zweite erfuhr diesbezüglich nichts von der ersten Generation); über ähnliche Erfahrungen berichten die Kinder von Holocaust-Überlebenden in Israel (Kap. 20.2).

Sie wissen, dass ihre Eltern versuchten, ihnen eine äußerlich verwöhnende (Zimmer, Spielzeug, Taschengeld, Ferien) und Sicherheit vermittelnde Kindheit zu schaffen (also das, was die Eltern selbst nicht hatten) mit vielen Chancen der Berufswahl. Sie haben gespürt, dass sie ihre Probleme und Konflikte in der Kindheit und Jugend selbstständig lösen mussten, da diese von ihren Eltern im Vergleich zur eigenen Geschichte als „unbedeutend“ eingestuft wurden. Ein Teil von ihnen konnte sich zu gesellschaftlich und sozial engagierten sowie selbstkritischen und empathischen Erwachsenen entwickeln (Lamparter et al. 2013).
Zunehmend wird ihnen bewusst, dass sie bisher das Leben und die Geschichte ihrer Elterngeneration gelebt haben. In ihren Psychotherapien besteht nun die späte Aufgabe, sich dieses bisher zumeist unbewussten transgenerationalen Eingebundenseins bewusst zu werden und Trauer über die zerstörerischen Prägungen und traumatischen Erfahrungen der eigenen Kindheitsfamilie zuzulassen. Erst dann wird es möglich, ein eigenes Leben in Abgrenzung zu führen.

Diagnostisches Vorgehen

Psychische StörungenKriegsgenerationdiagnostisches VorgehenKriegsgenerationpsychische Störungendiagnostisches VorgehenUm die jeweils individuellen zeitgeschichtlichen Erfahrungen und ihren möglichen Einfluss auf die derzeitige Symptomatik und Lebenssituation zu erkunden, bedarf es eines mehrstufigen Vorgehens (Radebold 2005).
Betroffene suchen bisher selten wegen ihrer „Kriegskindheit“ (psychotherapeutische) Hilfe, da sie ihre heutige Symptomatik keinesfalls auf ihre früheren zeitgeschichtlichen Erfahrungen beziehen. Viele Ältere hatten bisher erlebt, dass ihre diesbezüglichen Erzählungen kaum interessierten und als für die heutige Lebenssituation unwichtig eingestuft wurden oder sogar auf massive Ablehnung stießen. Bei entsprechender Vermutung hilft folgende Frage: „Wie ich sehe, gehören Sie zum Jahrgang …; bekanntlich hat Ihr Jahrgang viel erlebt.“ Für im Vergleich deutlich Jüngere erleichtert die Formulierung „Sie gehören zum Jahrgang …; ich habe inzwischen gelernt, dass Ihr Jahrgang viel erlebt hat“ den Zugang.
In der hausärztlichen Praxis, in der Klinik oder bei der Pflege fallen manchmal bestimmte sich als schwierig erweisende Verhaltensweisen auf. Zugang schafft die Frage: „Könnte es sein, dass Ihre damaligen Erfahrungen aus der Kriegs- und Nachkriegszeit dazu beitragen, dass Sie so wenig auf Ihre Krankheit Rücksicht nehmen/sich unseren Pflegeangeboten so ablehnend gegenüber verhalten?“ Wenn zutreffend, erfolgt dann in der Regel ein längerer sachlicher, faktenbezogener Bericht. Seltener werden dabei zugleich die dazugehörigen Gefühle wie Kummer, Verzweiflung und Trauer vermittelt. Wichtige, jetzt nachfragbare Hinweise auf wahrscheinlich weitreichende Folgen sind Informationen über lang anhaltende Abwesenheiten bzw. dauerhafte Verluste (Vater, Mutter, weitere Geschwister), über Verlust von Sicherheit, Geborgenheit und Heimat (AusbombungAusbombung, Flüchtlings- oder Vertriebenenstatus), über weitere direkte traumatische Ereignisse – oft gefolgt von weiteren Hinweisen über die direkte Nachkriegszeit. Für viele Betroffene ist es eine seit Jahrzehnten (manchmal sogar im bisherigen Leben) erstmalige und damit unbekannte Situation, einem anteilnehmenden Professionellen zu begegnen.
Ein weiterführendes Angebot („Wenn Sie möchten, bin ich bereit, mit Ihnen über ihre damaligen [jetzt schon als schrecklich, kummervoll, belastend etc. benennbaren] Erfahrungen weiter zu sprechen“) ermöglicht den Betroffenen, für sich selbst zu verstehen, welche Anteile der eigenen Geschichte mit welchen Gefühlen wiederbelebt wurden. Der Professionelle erhält inzwischen die Chance, mithilfe einer Teilidentifizierung zu verstehen, was diese sachlich berichteten Fakten psychodynamisch und gefühlsmäßig bedeuten könnten.
Diese Aspekte lassen sich in einem zweiten Gespräch gezielt ansprechen (insb. Bedeutung und Auswirkungen dieser Erfahrungen). Inwieweit konnte über Verluste getrauert werden? Inwieweit fühlte man sich durch die Familie in die Pflicht genommen? Inwieweit möchte man sich selbst als Professioneller mit diesem Thema befassen? Bei sich selbst wahrgenommene intensive Gefühle (eigene Anteile in der Gegenübertragung?) können auf eigene biografische (persönliche oder familiäre) Betroffenheit hinweisen.
Wichtig ist, eingebrachte Gefühle wie Angst, Kummer, Verzweiflung, Weinen (selbst angstfrei) zuzulassen: „Sie haben etwas Schreckliches erlebt, und Sie sind als damaliges Kind daran nicht schuld.“ Die nun bestehende Beziehung ermöglicht die notwendige weitere diagnostische Abklärung bzgl. bestehender Störungen, möglicher Komorbidität und SuizidalitätSuizidalitätKriegsgeneration (Hucklenbroich et al. 2014).

Behandlungs- und Hilfsmöglichkeiten

Kriegsgenerationpsychische StörungenBehandlungsoptionenPsychische StörungenKriegsgenerationBehandlungsoptionenBei diesen ersten Gesprächen besteht gleichzeitig die Aufgabe einer allgemeinen Beratung in der Abklärung der Frage, ob (aktuell, später oder in welchen Lebenssituationen und in welchem Umfang) Hilfestellung gewünscht wird.
Auch in der hausärztlichen Praxis besteht die Chance, bei auffallenden Verhaltensweisen eine wahrscheinliche Erfahrungsgeschichte gezielt anzusprechen. Das Spektrum möglicher Hilfestellung umfasst Beratung, Psychotherapie, selbstständige Aktivitäten sowie pflegerische und seelsorgerische Unterstützung (Radebold 2005).
Im Sinne psychosozialer Beratung bieten sich Einzelgespräche sowie Gespräche in Gruppen an. Vertiefende Einzelgespräche (meist in längeren Abständen) helfen, die damalige Situation und insbesondere bis heute anhaltende Folgen besser zu verstehen; sie motivieren weiterhin, im Bedarfsfall eine Psychotherapie zu beginnen oder selbstständige Aktivitäten zu entwickeln. „Kriegskinder-GruppenKriegskinder-Gruppen“ als Angebote psychotherapeutischer Institutionen/Beratungsstellen bieten die (oft erstmalige) Chance, sich unter professioneller Leitung über eigene Erfahrungen und unterschiedliche eigene Bewältigungsstrategien auszutauschen (8–10 Teilnehmer in 10 Sitzungen). Zeitgeschichtliche ErfahrungenLebensbewältigung
Eine unverändert mögliche, sinnvolle und aussichtsreiche ambulante Psychotherapie (Heuft et al. 2000; Radebold 2005) schafft die Möglichkeit, dann auch das „beschädigte innere Kind“ anzusprechen und zu verstehen. Sie ermöglicht als Fokaltherapie (15–20 h bei ½-halbjähriger Dauer) einen (nachgeholten späten) Trauerprozess. Sie bewirkt als eher längerfristige Psychotherapie (50–150 h, 1- bis 2-jährig) zusätzlich eine verbesserte Partnerschaft, erwachsenengerechtere Beziehungen zu Geschwistern und zu den infolge wahrscheinlicher transgenerationaler Weitergabe beeinträchtigten eigenen Kindern bei der Suche nach (verschütteten) Ich-Fähigkeiten für eine befriedigendere Lebensqualität; sie hilft letztendlich diese zeitgeschichtlichen Beschädigungen und Traumatisierungen bewusst als Bestandteil der eigenen Biografie zu akzeptieren. Bei hoher Schamschwelle (insb. aufgrund früherer Vergewaltigungen) kann eine internetgestützte SchreibtherapieSchreibtherapie (Knaevelsrud et al. 2011) helfen.
Eine anfängliche (teil-)stationäre Behandlung (gerontopsychiatrische Tageskliniken, psychosomatische Kliniken mit speziellen Angeboten für über 60-Jährige) bietet stabilisierenden (bei Bedarf auch psychopharmakologischen) Schutz zum Kennenlernen dieser oft so katastrophalen Vergangenheit und motiviert für eine ambulante Psychotherapie (Thiemann et al. 2012; Wunner et al. 2014). Die Teilnahme an diesbezüglichen Gruppenangeboten vermeidet die früher erlebte Vereinzelung.
Viele Betroffene möchten – gemäß lebenslang erprobtem Verhalten – wiederum selbstständig aktiv werden. Eine wichtige Möglichkeit dafür bietet das Verfassen der eigenen Biografie – zumindest das Beschreiben der damaligen Erfahrungen. Der dabei ablaufende „therapeutische“ Prozess beinhaltet bekanntermaßen das Wiederbeleben damaliger Erfahrungen und der damit verbundenen Affekte, das Sammeln/Sichten einzelner Erlebnisse sowie ihr Zusammenführen zur individuell erlebten „Geschichte“ – sei es allein, sei es im Rahmen einer Schreibwerkstatt. Ihre anschließende Veröffentlichung fördert die (erstmalige oder erneute) Chance, darüber in der Familie und im Freundeskreis zu sprechen. Oft werden anlässlich dieser BiografiearbeitBiografiearbeit erstmals vorhandene Briefe, Tagebuchaufzeichnungen und weitere vererbte Unterlagen/Dokumente gelesen sowie Stätten früherer Ereignisse, Erfahrungen (Heimatort, Evakuierungsort, Flucht-/Vertreibungsorte sowie Gräber) aufgesucht. Die Begleitung durch einen nahestehenden Angehörigen (Partner, Geschwister oder Kinder) ist hierbei unbedingt anzuraten.
Interesse an und Erwerb von diesbezüglichen zeitgeschichtlichen Kenntnissen und ausreichende Information über die jeweilige Familiengeschichte stellen für Psychotherapeuten und weitere Behandler die entscheidende Voraussetzung für diese Arbeit dar. In Konsequenz wird häufig Supervision benötigt. Zu oft reaktiviert diese Arbeit Erinnerungen an eigene verdrängte, verleugnete oder erschreckende Biografieanteile sowie an entsprechende Erfahrungen von Mutter, Vater und Großeltern.

Fazit

Wie für diese „Kriegskinder“ als zweiter Generation belegt, bewirken bei Kindern und Jugendlichen derartige kriegsbedingte Erlebnisse und Erfahrungen offensichtlich einen lebenslang beeinträchtigenden „posttraumatischen“ Prozess, der bis in das höhere und hohe Erwachsenenalter (und damit vermutlich bis zum Lebensende) anhält (Lamparter und Holstein 2015; Radebold 2015). Die damals vermittelte „Normalität“ erweist sich rückwirkend als „scheinbare“ oder „pathologische“ Normalität und ebenso die vermutete lebenslange Resilienz als eine von vornherein „eingeschränkte“ Resilienz (Radebold 2000, 2005).

Sich wiederholende Komponenten der traumatischen Situation, „Lebenskrisen“ oder „Passagen im Lebenszyklus“ können auch und gerade während des Alterns ein bisher latentes Traumaschema stimulieren und auch noch nach jahrzehntelanger subjektiv erlebter psychischer und psychosozialer Stabilität zur Symptomreproduktion beitragen (Fischer und Riedesser 1998).

Aktuelle Eindrücke bewirken durch assoziative Verknüpfungen mit früheren diesbezüglichen Ereignissen und Erfahrungen Trauma-Reaktivierungen sowie aktuelle Schädigungen entsprechender RetraumatisierungenRetraumatisierungen, Kriegsgeneration (Heuft 1999). Betroffene bedürfen auch jetzt und erst recht in ihrer Alternssituation einer unverändert möglichen (psycho-)therapeutischen Hilfestellung.
Von diesem Krieg mit seinen schrecklichen Folgen waren überall in Europa Kinder/Jugendliche z. T. noch viel ausgeprägter betroffen, so etwa in Russland (Bonwetsch 2009) und Polen (Seegers 2014). In der ehemaligen DDR war die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und seinen Folgen für die Älteren besonders tabuisiert.
In der Konsequenz muss bei allen weiteren (auch gerade bei jüngeren) vermutlich Betroffenen, z. B. früheren DDR-Einwohnern, wie bei Flüchtlingen und Emigranten gezielt nach derartigen kriegsbedingten Einwirkungen geforscht werden. Jetzt zeigen sich entsprechende Auswirkungen der DDR-Diktatur (Seidler und Froese 2006). Weitere Behandlungserfordernisse bestehen für die (Trauma-)Opfer aktuellerer Konflikte und Kriege (z. B. im früheren Jugoslawien und jetzt im Nahen Osten).

Resümee

Als generelles Fazit bedarf das biopsychosoziale Krankheitskonzept der zeitgeschichtlichen Ergänzung:

Wir haben eine Geschichte, wir sind Geschichte, wir verkörpern Geschichte, und wir haben diese Geschichte weitergegeben!

Literaturauswahl

Adler, 2007

C. Adler „Die Kriegskinder werden alt“. Psychologie: in der Kindheit erlebte Traumata Geriatrie Journal 9 1 2007 26 30

Bode, 2009

S. Bode Kriegsenkel. Die Erben der vergessenen Generation 2009 Klett-Cotta Stuttgart

Dörr, 2007

M. Dörr „Der Krieg hat uns geprägt“. Wie Kinder den Zweiten Weltkrieg erlebten 2007 Campus Frankfurt a. M., New York

Fooken and Heuft, 2014

I. Fooken G. Heuft Das späte Echo von Kriegskindheiten. Die Folgen des Zweiten Weltkriegs in Lebensverläufen und Zeitgeschichte 2014 Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen

Franz et al., 2007

M. Franz J. Hardt E. Brähler Vaterlos: Langzeitfolgen des Aufwachsens ohne Vater im Zweiten Weltkrieg Z Psychosom Med Psychother 53 2007 216 227

Heuft et al., 2006

G. Heuft A. Kruse H. Radebold Lehrbuch der Gerontopsychosomatik und Alterspsychotherapie 2. A. 2006 Reinhardt, UTB München

Heuft et al., 2007

G. Heuft G. Schneider A. Klaiberg E. Brähler AusgebombtPsychische und psychosomatische Spätfolgen des Zweiten Weltkrieges Z Psychosom Med Psychother 53 2007 228 243

Lamparter et al., 2013

U. Lamparter S. Wiegand-Grefe D. Wierling Zeitzeugen des Hamburger Feuersturms 1943 und ihre Familien 2013 Vandenhoek & Ruprecht Göttingen

Markowitsch and Welzer, 2005

H.J. Markowitsch H. Welzer Das autobiographische Gedächtnis. Hirnorganische Grundlagen und biosoziale Entwicklung 2005 Klett-Cott Stuttgart

Radebold, 2004

H. Radebold Kindheiten im II. Weltkrieg und ihre Folgen 2004 Psychosozial-Verlag Gießen

Radebold, 2009

H. Radebold Die dunklen Schatten unserer Vergangenheit. Ältere Menschen in Beratung, Psychotherapie, Seelsorge und Pflege 3. A. 2009 Klett-Cotta Stuttgart

Radebold, 2015

H. Radebold Spurensuche eines Kriegskindes 2015 Klett-Cotta Stuttgart

Rosenthal, 1997

G. Rosenthal Der Holocaust im Leben von 3 Generationen. Familien von Überlebenden der Shoa und von Nazi-Tätern 1997 Psychosozial-Verlag Gießen

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C. Seidler M. Froese Traumatisierungen in (Ost-)Deutschland 2006 Psychosozial-Verlag Gießen

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E.E. Werner Resilienz- und Protektionsfaktoren im Lebensverlauf von Kriegskindern. Ausgewählte empirische Studien I. Fooken J. Zinnecker Trauma und Resilienz 2007 Juventa Weinheim 47 56

Zarah, 2011

T. Zarah The Lost Children Reconstructing Europe's Families after World War II 2011 Harvard University Press Cambridge, MA

Transgenerationale Folgen des Holocausts11Übersetzung des englischen Textes durch Michèle Adler. Der Originaltext trägt den Untertitel From Enactment to Mental Representation.

Ilany Kogan

Einführung

Der HolocaustHolocaust(überlebende)transgenerationale Folgen war ein verheerendes Ereignis, das die Geschichte der Menschheit für immer verändert hat. Dabei handelte es sich um einen bis dahin beispiellosen systematischen Versuch, durch die Ausrottung unschuldiger Menschen „Rassenreinheit“ zu erzielen. Historisch sind auch andere mit Genoziden einhergehenden Tragödien nachweisbar. Aber nur der Holocaust umfasste einen Generalstabsplan zur willentlichen Auslöschung einer Gruppe von Menschen, die als untauglich für ein Leben auf dieser Erde in Gemeinschaft mit anderen erachtet wurden. Bergmann und Jucovy behaupten (1982: 4):

The concept adopted by the Nazis in devising the Final Solution was the fulfilment of an ideology of hate – an apocalyptic end in itself. Sophisticated technology was applied to the organized and relentless slaughter of a people – a slaughter on a scale surpassing any anti-semitic crimes of the past.

Mit der Ermordung von 6 Mio. europäischen Juden wurde die Grenze zwischen Menschlichem und Unmenschlichem aufgehoben und gleichzeitig eine reiche, blühende Kultur vernichtet.
Wer den Holocaust überlebte, erlitt unmittelbare und länger dauernde Schäden, u. a. posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS)Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)Holocaust-Überlebende und anhaltende Zeichen von VernichtungsangstVernichtungsangst wie z. B. Misstrauen, Neigung zur Isolation und Abstumpfung der Gefühle. Oft entwickelten die Überlebenden schwere DepressionenDepression/depressive StörungenHolocaust-Überlebende mit ausgeprägtem sozialem Rückzug und tiefer Apathie (Lifton 1986). Für viele war es schwierig, den Wiedereinstieg ins Leben zu finden, und viele hatten, was die Gründung einer neuen Familie anbetraf, ausgesprochen ambivalente Empfindungen (Kristal 1986).
Der Holocaust wirkte sich nicht nur auf die Überlebenden aus, sondern weltweit auch auf das Leben der Zweit- und Drittgeneration. Viele Forscher gehen davon aus, dass die Übertragung von TraumafolgenTraumafolgestörungenHolocaust-Überlebende und Konflikten der Überlebenden auf ihre Kinder unvermeidlich ist (Kestenholz 1972; Trossman 1986; Rosenthal 1999). Sie schließen aus ihren Forschungsarbeiten, dass die traumatischen Erlebnisse im Holocaust die Beziehungsfähigkeit beeinträchtigen und die Überlebenden dadurch unfähig würden, „gute Eltern“ zu sein. Dies habe schädliche Auswirkungen für sie selber und für ihre Nachkommen. Gampel (2005) beschreibt dies als Metapher: Die in die Psyche und den Körper der Holocaust-Überlebenden eingebrannten Spuren haben eine „radioaktive“ Wirkung auf ihre Nachkommen. Barocas und Barocas (1973: 821) stellen fest:

“Based on clinical experience with such patients (children of survivors) our impression is that these individuals present symptomatology and psychiatric traits that bear a striking resemblance to the concentration camp survival syndrome described in the international literature”.

Das auf die zweite Generation übertragene Vermächtnis besteht in der TrauerTrauerprozess/-reaktionVerleugnung, Holocaust-Überlebende, die den Eltern verwehrt wurde. Für die Opfer war die Verleugnung des Trauerns Teil eines langwierigen Anpassungsprozesses nach dem Holocaust, mit dem Ziel, den Lebensunterhalt verdienen und Kinder großziehen zu können. Die Energie, die aufgewendet werden musste, um das tägliche Leben in Gang zu halten, ließ nicht viel Zeit zum Trauern. Das Vergessen von traumatischen Erinnerungen diente der Anpassung an das Alltagsleben, führte aber auch zum Verlust von Selbstanteilen aus der eigenen Vergangenheit (Laub und Lee 2003). Als Preis für die Erlangung von Widerstandsfähigkeit (ResilienzResilienz(entwicklung)Holocaust-Überlebende) in der Anpassung nahmen die Überlebenden und ihre Nachkommen emotionalen Schaden. Die Überlebenden hinterließen in ihren Kindern Gefühle, die in den folgenden Generationen zu Verletzlichkeit führten – Gefühle von Schmerz, Scham und Schuld und das zwingende Bedürfnis, die Geschichte der Eltern im eigenen Leben unbewusst wieder zu beleben (zu agieren), um die transgenerationale TraumatisierungTrauma(tisierungen)transgenerationale zu bewältigen.
In diesem Beitrag liegt das Hauptgewicht auf dem Mechanismus des Enactments (Holocaust(überlebende)EnactmentEnactmentHolocaustvon Bergmann 1982 „Konkretisierung“ [= Umsetzung in die Realität] genannt). Meine Untersuchungen zu diesem Mechanismus beruhen auf meiner umfangreichen beruflichen psychoanalytischen Erfahrung mit der Übertragung des Holocaust-Traumas auf die verschiedenen Generationen und ihre Auswirkungen auf das Leben der Kinder von Holocaust-Überlebenden – ein Phänomen, das sich häufig bei Kindern von Überlebenden, vor allem in der Anfangsphase ihrer Analyse, findet.
Meiner Meinung nach dient der Mechanismus des Enactments im Zusammenhang mit dem Holocaust der Vermeidung von schmerzlichen Erkenntnissen und Erinnerungen (dem Ziel des Acting-out vergleichbar; Freud 1905Acting-in/-out, Holocaust1914). Gleichzeitig stellt es für den Patienten die einzige Möglichkeit dar, ein verinnerlichtes Erlebnis, das er dem Therapeuten vermitteln will, wieder zu erleben (wie im Prozess des Acting-in, Hinshelwood 1989). In Holocaust(überlebende)Acting-in/-outdiesem Sinn beinhaltet Enactment Merkmale sowohl von Acting-out als auch von Acting-in.
Mein Konzept des Enactments im Zusammenhang mit dem Holocaust unterscheidet sich von dem der Psychoanalytiker, die vor allem die interaktiven Aspekte betonen und glauben, dass Enactment – oder „Aktualisieren“, wie Sandler und Sandler (1978) es nennen – das wiedergibt, was in der Beziehung zwischen Patient und Analytiker passiert, und das sich in der Rolle des Analytikers in diesem Prozess widerspiegelt (Schafer1982; McLaughlin 1992; Renik 1993; Jacobs 1991, 2000). Ich definiere Enactment als den Zwang der Nachkommen von Holocaust-Überlebenden, die Erlebnisse der Eltern wiederzubeleben, indem sie diese in ihrem eigenen Leben in konkreten Handlungen ausleben (unbewusst inszenieren). Daher bezieht sich Enactment in dem von mir verwendeten Sinne nur auf die Externalisierung von traumatischen Themen der Vergangenheit und nicht auf das, was im Rahmen der Beziehung zwischen Patient und Analytiker in der analytischen Situation geschieht.

Die Funktion von Enactment

EnactmentFunktionHolocaust(überlebende)EnactmentFunktionKinder von Überlebenden sind häufig Träger der unvollendeten Trauerarbeit ihrer Eltern. Infolgedessen machen sie von diversen Verschiebungsmechanismen Gebrauch, die man TrauerersatzhandlungenTrauerprozess/-reaktionErsatzhandlungen nennen kann. Einer dieser Mechanismen ist das Enactment, dessen Funktion der Vermeidung von psychischem Schmerz dient.
Bei den Nachkommen der Holocaust-Überlebenden umfasst das Enactment Merkmale einer manischen Abwehr, die ihren Ausdruck in Verleugnung, Omnipotenzwünschen und Idealisierung finden. Enactment ist durch symbolische Ersatzhandlungen charakterisiert, die in der Gegenwart ausgelebt werden, unbewusst aber den verstorbenen nahen Angehörigen gelten. Eltern und Kinder teilen Fantasien, die von den Kindern konkretisiert werden, indem sie diese auf die Umgebung übertragen und mit der aktuellen Realität verweben, anstatt sie zu verbalisieren. Solange die Fantasien aufrechterhalten werden, können sowohl die Eltern als auch die Kinder mit Vehemenz leugnen, dass Mitglieder der elterlichen Familien ermordet wurden. Anstelle von Trauerarbeit werden die Toten oft idealisiert; archaische Fantasien in Bezug auf die Verstorbenen beeinflussen Affekte und Handlungen. Die Toten in der Fantasie am Leben zu erhalten verlangt ein Enactment, das konkret „beweist“, dass sie noch am Leben sind. Diese Art Enactment führt zu einem Leben in zwei verschiedenen Realitäten: Die eine ist diejenige der traumatischen Vergangenheit der Eltern, die andere ist die eigene jetzige Wirklichkeit.
Ein weiterer Aspekt von Enactment bei Nachkommen von Holocaust-Überlebenden findet in der Verschmelzung von Vergangenheit und Gegenwart Ausdruck. Dies ist eine weitere Art der Realitätsverleugnung. So kann ein Nachkomme von Holocaust-Eltern eine andere Person (unbewusst) veranlassen, sich so zu verhalten wie diejenige in der jetzigen Realität und zugleich wie ein Mensch aus der traumatischen Vergangenheit der Eltern. Ein derartiges Enactment drückt ein Bestreben nach Realisierung von Objektbeziehungen zu realen und fantasierten Objekten aus. In diesem Sinn ist Enactment eine Unterkategorie von „Aktualisierung“ (Sandler und Sandler 1978). Dabei handelt es sich um einen unbewussten Prozess, der eine Person veranlasst, einen anderen Menschen auf eine ganz bestimmte Art zu behandeln, damit dieser ihren Wunsch erfüllt, anstatt ihn direkt darum zu bitten. Dieser Prozess bezieht sich beim Enactment im Gegensatz zur „Aktualisierung“ nur auf traumatische Themen der Vergangenheit und erzeugt dadurch eine besondere Dringlichkeit.

Diese Formen des Enactments, insbesondere diejenigen, die in den Anfangsstadien der Analyse auftauchen, bilden die einzige Möglichkeit für den Patienten, ein verinnerlichtes Erlebnis, das er dem Therapeuten vermitteln will, wieder zu erleben. In diesem Sinn schließt Enactment die Merkmale von Acting-in einHolocaust(überlebende)Acting-in/-out. Dies kann später von Nutzen sein, um dem Patienten das Erkennen des Ursprungs seiner zum Enactment führenden Fantasien zu ermöglichen.

Die Ursache von Enactment

EnactmentUrsacheKinder von Überlebenden haben keine bewusste Erinnerung an den Holocaust. Die Erinnerung an den HolocaustHolocaust(überlebende)EnactmentUrsache besteht aus historischem Stoff und „Geschichten“ – erzählten und wiederholt erzählten sowie solchen, die stillschweigend von Generation zu Generation weitergegeben werden (Axelrod et al. 1978; Barocas und Barocas 1973; Kestenberg 1972; Klein 1971; Laufer 1973; Lipkowitz 1973; Rakoff 1966; Sonnenberg 1974; Laub und Auerhahn 1993; Auerhahn und Laub 1998; Brenner 2002). Diese Erinnerung stempelt die Träger zu Geheimnisträgern (Micheels 1985). Kinder, welche die Last der Erinnerungen, die nicht ihre eigenen sind, zu tragen haben (Auerhahn und Prelinger 1983), geben die Dramen der inneren Welten ihrer Eltern oft wieder, indem sie diese in ihrem eigenen Leben reinszenierenReinszenierung (Enactment) (Krell 1997; Phillips 1978; Laub und Auerhahn 1984; Kogan 1995, 1998Kogan 1995Kogan 1998aKogan 1998b). Dieses häufig gewalttätige Enactment schließt das Vermischen von Todeswünschen mit potenziell gefährlichen Situationen ein. Ursächlich sind in vielen Fällen VerfolgungsängsteVerfolgungsängste, die sich zu wahnhaften Fantasien paranoiden Ausmaßes entwickeln können. Diese Verfolgungsängste sind durch eine fehlende Abgrenzung zwischen der eigenen und anderen Personen, zwischen Vergangenheit und Gegenwart und zwischen innerer und äußerer Realität geprägt.

Der Kern des Zwangs, die traumatischen Erlebnisse der Eltern im eigenen Leben zu inszenieren, besteht aus einer Art Identifikation mit dem geschädigten Elternteil. Dies nennt man primitive IdentifikationIdentifikationprimitive (Freyberg 1980; Grubrich-Simitis 1984; Kogan 1995, 1996, 1998Kogan 1995Kogan 1996Kogan 1998aKogan 1998b).

Diese Identifikation führt das Kind zum Verlust des Selbst und zur Unfähigkeit der Differenzierung zwischen dem Selbst und dem geschädigten Elternteil. Für mich ähnelt dieses Phänomen der Identifikation, die im pathologischen TrauerprozessTrauerprozess/-reaktionpathologische stattfindet. Freud (1917) beschrieb diese Identifikation als einen Prozess, in dem der trauernde Mensch versucht, das Objekt (die verlorene geliebte Person) „zu besitzen“. Durch Identifikation wird er selbst das Objekt, anstatt ihm nur zu gleichen. Dies geschieht, wenn der Trauernde das Objekt verleugnet und es gleichzeitig auf „kannibalistische“ Weise aufbewahrt (Grinberg und Greenberg 1974; Green 1986). Diese Form der Identifikation bildet den Kern der Unfähigkeit der Nachkommen, sich von den Erlebnissen der traumatisierten Eltern abzugrenzen und ein eigenes Leben aufzubauen.
Die häufig beobachtete Koexistenz der globalen Identifikation der Nachkommen einerseits und die Verleugnung oder Unterdrückung des elterlichen Traumas andererseits erzeugt im emotionalen Verständnis des Kindes eine Lücke. Ich habe diese Lücke als seelisches LochSeelisches Loch bezeichnet. Dieses „seelische Loch“ kann als ein Zustand betrachtet werden, in dem sich das bewusste Unwissen vom Holocaust („das Loch“) auf der einen Seite der Münze befindet, während bewusstes Wissen der anderen Seite der Münze aufgeprägt ist.
Meiner Meinung nach ist das „seelische Loch“ ein psychisches Gebilde und gleichzeitig auch ein schwarzes Loch; es ist eine Abkapselung aller Fantasien, die sich auf die traumatische Vergangenheit der Eltern beziehen, eine Abkapselung, die sich auf das ganze Leben des Patienten auswirkt. Mein Gebrauch des Begriffs „seelisches Loch“ unterscheidet sich von anderen Formulierungen: So betrachten z. B. Kinston und Cohen (1986: 338) es als fehlende psychische Struktur, Laub und Powell (1995: 992) bezeichnen es als „leeren Kreis“. Es gehört nicht in die Kategorie von „Leere“ (negative Halluzination, leere Psychose, leere Trauerarbeit), die mit dem von Green (1986) beschriebenen Problem der Leere oder des Negativen verbunden ist.
Ich glaube, dass das „seelische Loch“ im Falle der Holocaust-Überlebenden auf eine andere einzigartige Art und Weise gebildet wird: Es entsteht durch die VerleugnungVerleugnungtraumatische Vergangenheit oder VerdrängungVerdrängungtraumatische Vergangenheit des Traumas der Eltern (ein Trauma, das sich die Nachkommen mittels „primitiver Identifikation“ selbst zuschreiben). Es kann auch durch die Verdrängung der Spuren des Traumas durch die Nachkommen entstehen. Kinder von Eltern, die ihre Trauer- und Schuldgefühle im Zusammenhang mit ihrer traumatischen Vergangenheit erfolgreich durcharbeiten und den Kindern ihre Geschichte erfolgreich vermitteln konnten, erlebten ein solches „seelisches Loch“ in ihrer psychischen Realität weitaus seltener.
Versuchen wir zu verstehen, wie das „seelische Loch“ entstanden ist. Selbst in Familien, in denen ein „Pakt des Schweigens“ herrscht, wäre ein Kind imstande, Einzelheiten der schweren elterlichen Traumata zu erraten. Mit fortschreitender kognitiver Entwicklung beginnt das Kind, die Vergangenheit seiner Eltern zu erforschen. Eltern, die traumatische Ereignisse verleugnen oder verdrängen, könnten sich dann dazu gezwungen sehen, dem suchenden Kind unbewusst zu vermitteln, dass das Objekt seiner Nachforschungen nichts ist, das sich im Leben der Eltern ereignet hat. Vielmehr ist es ein schlechter Gedanke des Kindes, ein böser Traum, etwas, das man so schnell wie möglich vergessen sollte (Grubich-Simitis 1984). Infolgedessen werden die traumatischen Ereignisse der Eltern zu etwas Furchtbarem umdefiniert, das der inneren Welt des Kindes entstammt. Dieser Vorgang resultiert einerseits aus dem, was die Eltern dem Kind erzählen, andererseits aus der Art, wie das Kind dies erlebt. Reales wird irreal.
Durch diese Prozesse wird, was bekannt oder nahezu bekannt war, „unbekannt“. Das „Unbekannte“ oder das, was nicht erinnert werden kann, wird zur Quelle unbewusster Fantasien des Kindes über die traumatische Vergangenheit der Eltern. Das führt zu dem Zwang, diese Fantasien im Jetzt auszuleben (unbewusst zu inszenieren). Im folgenden Beispiel möchte ich das Enactment von Wahnvorstellungen darlegen, die von der „unbekannten“ Vergangenheit der Eltern stammen.

Patientengeschichte

Hannah2

2

Eine ausführlichere Beschreibung dieses Falls findet sich in Kogan (1993, 1995)Kogan (1993)Kogan (1995).

Hannah, eine in Israel lebende Ausländerin, bemühte sich um eine Analyse, weil sie unter einem Gefühl von DerealisationDerealisation(ssyndrom)Nachfahren von Holocaust-Opfern und ihrem Unvermögen litt, mit dem Leben fertig zu werden. Sie war die Tochter eines Holocaust-Überlebenden, dessen erste Frau im Holocaust umgekommen war und der sich die meiste Zeit des Krieges versteckt gehalten hatte. Er litt zeit seines Lebens an einer larvierten DepressionDepression/depressive Störungenlarvierte und enthüllte seiner neuen Familie nie etwas von seiner Vergangenheit. Im ersten Jahr der Analyse hörte Hannah durch einen Vetter vom Schicksal und den Todesumständen der ersten Frau ihres Vaters. Erst jetzt wurde das Geheimnis der jetzigen Frau und den Kindern offenbart, und Hannahs Vater spendete im Gedenken an seine erste Frau Geld an eine Institution in Israel. Anschließend folgten viele Enactment-Episoden, die Hannahs unbewussten Versuch darstellten, das Schicksal der ersten Frau des Vaters in ihrer aktuellen Lebensrealität zu reinszenieren. Die Tatsache, dass sie in Israel von der Feindseligkeit der arabischen Nachbarn umgeben lebte, verband sie mit Fantasien über die Vergangenheit ihres Vaters.
Hier eine Beschreibung eines ihrer Enactments: Hannah eilte nach einer Europareise zurück in die Analyse. Sie war in einem panischen und äußerst ängstlichen Zustand und erzählte, dass sie in großer Gefahr sei, weil „ein Araber sie verfolge“. Es stellte sich heraus, dass sie während ihrer Europareise in der Hotelhalle einen elegant gekleideten Mann getroffen hatte, bei dem es sich ihrer Meinung nach um einen arabischen Spion handelte. Obwohl sie nicht die israelische Staatsangehörigkeit hatte und erst einige Monate in Israel lebte, erzählte sie ihm sofort, dass sie Israelin sei. Nach einem gemeinsamen Abendessen und Kinobesuch ging Hannah mit dem Mann auf sein Zimmer, wo sie Geschlechtsverkehr hatten, ohne ein Wort zu wechseln. Plötzlich realisierte sie, dass sie nicht einmal wusste, wie der Mann hieß. Sie wurde von Panik erfasst und gab vor, die Toilette aufsuchen zu müssen. Dort zog sie sich schnell an, packte ihre Handtasche und verließ das Zimmer. Zwei Stunden später saß sie im Flugzeug nach Israel.
Nach ihrer Rückkehr rief Hannah im Hotel an, weil sie dort ein Paar Schuhe vergessen hatte. Sie hinterließ ihre Adresse, damit man die Schuhe nachschicken konnte. Unmittelbar nachher suchte sie mich ganz verzweifelt auf, weil sie überzeugt war, dass der „arabische Spion“ sie verfolgte.
Hannah brachte diese Episode mit dem Film „Der Nachtportier“ in Verbindung, den sie Jahre zuvor gesehen hatte. Sie berichtete, dass der Film einige Zeit nach der Befreiung der Konzentrationslager spielte. Darin wurde die Begegnung zwischen einer jüdischen Frau, die als Jugendliche interniert gewesen war, und dem Nazioffizier geschildert, der dort ihr Peiniger gewesen war. In dieser Begegnung setzte sich die Vergangenheit gegenüber der Gegenwart durch und die Protagonisten, getrieben von einer inneren Macht, nahmen ihre Rollen des Opfers und Verfolgers im KZ wieder auf. Der Mann verging sich an der Frau und brachte sich – unfähig, in die Realität zurückzukehren – anschließend um.
In der Übertragung versuchte ich, Hannahs Bedürfnisse, ihre mit der ersten Frau ihres Vaters zusammenhängenden unbewussten Wünsche und Fantasien zu verstehen („seelisches Loch“). Ich machte sie darauf aufmerksam, dass sie mir die Rolle ihres Retters übertrug, während sie diese Frau zum Leben erwecken wollte, indem sie in ihre Haut schlüpfte. Aber – so fügte ich hinzu – sie versuche unbewusst, die erste Frau ihres Vaters „umzubringen“, indem sie sich der Gefahr aussetzte, vom Araber/Nazi ermordet zu werden.
Im Verlauf dieser Phase der Behandlung gewann sie ein gewisses „affektives Verständnis“ (Freud 1915) für ihre Enactments. Ich möchte mich nicht in Details dieser Phase verlieren und nur erwähnen, dass Hannah nach der oben erwähnten Episode und in dem Gefühl, von ihrer Analytikerin unterstützt zu werden, den Mut aufbrachte, ihren Vater über seine traumatische Vergangenheit zu befragen. Ihre Diskussionen erbrachten ein unerwartetes Resultat. Sein absehbarer Tod hatte den Vater so beschäftigt, dass er beschloss, seine Autobiografie zu schreiben und Hannah zu bitten, sein Buch herauszugeben.
In der Analyse wurde uns klar, dass Hannah sich durch die Annahme dieser Aufgabe bereit erklärt hatte, die konkreten Details des väterlichen Traumas kennenzulernen und es überdies in einer Vergangenheit zu lokalisieren, die nicht ihre eigene ist. Erst dann war es uns möglich, mit den Trauer- und Schuldgefühlen zu arbeiten, die ihrem Vater gehörten und ihr auf nonverbale Weise vermittelt worden waren. Dank dieses langen Durcharbeitungsprozesses wurde es Hannah schließlich möglich, besser zwischen sich und ihrem Vater zu unterscheiden, auch zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Realität und Fantasie.

Vom Enactment zur seelischen Repräsentation

Meiner Meinung nach besteht die wirksamste Methode, den Zwang zur Reinszenierung des Traumas (Enactment)Holocaust(überlebende)Enactmentseelische RepräsentationEnactmentseelische Repräsentation als Abwehr gegen die Trauerarbeit zu beseitigen und ihn in einen kognitiven Modus umzuwandeln, indem man den Betroffenen hilft, die Bedeutung des Traumas im Leben der Eltern zu finden, es in einen sinnvollen Kontext einzubinden und somit der Vergangenheit der Eltern zuzuweisen.
Während der ersten Phase einer Analyse kümmert sich der Analytiker um das Erkennen von Inhalt und Emotionen, die durch elterliche Verdrängung des Traumas unzugänglich geworden sind, und um die Spuren, welche die Verdrängung im Kind hinterlassen hat. Das (mögliche) EnactmentEnactmentaffektives Verstehen wird in ein „affektives Verstehen“ umgewandelt, indem man die „unbekannte“ Geschichte der Eltern wiederfindet, die Verdrängung aufhebt und anschließend durcharbeitet (Freud 1915). Diese Form des affektiven Verstehens ermöglicht, dass bisher voneinander abgespaltene Gedanken und Gefühle wieder verknüpft werden und das Bedürfnis, die Geschichte der Eltern im aktuellen Leben zu reinszenieren, wesentlich vermindert wird.
Die Suche nach Information – mit dem Ziel, dass der Patient diese Enactments aufgeben kann – ist für die Nachkommen Überlebender ein schwieriges Unterfangen. Ich glaube, dass in den Anfangsphasen einer Analyse nur eine unterstützende, umsorgende und haltgebende therapeutische Beziehung, welche die große Angst des Patienten mindert, und haltgebende Deutungen, die dem Patienten helfen, seine Kräfte zu mobilisieren, hilfreich sind. Sie erlauben dem Patienten, die Bedeutung des elterlichen Traumas zu entdecken. Sie stärken die psychische Organisation des Patienten derart, dass die Fragmentierung des Selbst und die potenziell lebensbedrohlichen Reinszenierungen zum Stillstand gebracht werden können (Kogan 1995, 1996, 1998, 2001, 2007a, bKogan 1995Kogan 1996Kogan 1998aKogan 1998bKogan 2001Kogan 2007aKogan 2007b).
Die Suche nach Informationen dient auch der Differenzierung und Bildung eines neuen und selbstständigen Selbst und kann auf dieser Ebene von Qualen und Ängsten begleitet sein. Auf der bewussten Ebene hat das Kind Angst, dass seine Fragen zur Vergangenheit den Vater oder die Mutter zwingen könnte, die schmerzlichen und traumatischen Erinnerungen noch einmal zu erleben, und dass dies eine Gefahr für sein/ihr psychisches Überleben bedeuten könnte. Unbewusst wünscht sich das Kind, die Geschichte des Elternteils kennenzulernen. Dies wären ein Schritt hin zur Differenzierung und eine Entlastung von der Vergangenheit, die es als potenzielle Gefahr für den Elternteil empfindet. Diese Suche wird meistens durch die haltgebende Atmosphäre in der Analyse sowie dadurch erleichtert, dass der Patient den Analytiker als Verbündeten bei dieser Suche annimmt.
Häufig ist die Behandlung hier nicht zu Ende, und es steht in den weiteren Phasen der Analyse noch eine Menge psychische Arbeit bevor. Erst nach der Anfangsphase des Haltgebens, in der das Selbst des Patienten gestärkt wird, ist es möglich, dass Interpretationen des unbewussten (Er-)Lebens nicht nur annehmbar, sondern auch notwendig werden. Im Verlauf dieser späteren Phasen wird es möglich, das fehlende Stück elterlicher Geschichte zu bearbeiten. Dieses Stück steht oft in Verbindung mit Gefühlen von Scham und Schuld beim Kind.
Nicht immer tritt die Geschichte des Elternteils problemlos an die Oberfläche; man muss sie aktiv suchen. Die stützende Haltung des Therapeuten erleichtert dem Patienten die Entdeckung des Teils der elterlichen Geschichte, der das „Loch“ füllen wird. Dies geschieht, indem über konkrete Einzelheiten aus der elterlichen Vergangenheit nachgeforscht wird. Ein Beispiel dafür ist Hannahs Bereitschaft, die autobiografische Schilderung der Holocaust-Vergangenheit ihres Vaters herauszugeben.

Die Konstruktion eines intaktes Narrativs, das die Wissenslücken des Kindes füllt, das Unaussprechliche aussprechbar macht und das Bewusstsein der Realität und der Schrecken des Holocausts mit der Gegenwart verwebt, ermöglicht es den Nachkommen der Überlebenden, allmählich Trost aus diesem abgespaltenen Wissen zu schöpfen, das von uneingestandenen Affekten und Angst begleitet war. Die Ereignisse und Bilder, die den Ausgangspunkt der traumatischen Wunde des Kindes bilden, kann man rekonstruieren, sodass die vom Bewusstsein abgespaltenen und diffus reinszenierten Fragmente aus einer Welt der Verfolgung aufgeklärt werden. So ermöglicht die Deutung von bruchstückartigen Re-Enactments dem Patienten ein Bewusstsein für Re-Enactment, HolocaustHolocaust(überlebende)Re-Enactmentdie Realität des Traumas – ein Bewusstsein, das zu einem erfüllteren Leben beiträgt.

Obwohl es sich hierbei nur um die Anfangsphase der Therapie handelt, wird die Patientin jetzt in der Lage sein, ihren Abwehrkampf gegen die Trauer wenigstens teilweise aufzugeben. Letztendlich wird die in den späteren Phasen der Analyse fortgesetzte Trauerarbeit die Patientin von der Last der Vergangenheit befreien und ihr zu einem stärkeren und besser integrierten Selbst verhelfen.

Literaturauswahl

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N.C. Auerhahn D. Laub Intergenerational memory of the Holocaust Y. Danieli International Handbook of Multigenerational Legacies of Trauma 1998 Plenum New York, London 21 43

Barocas and Barocas, 1973

H.A. Barocas C.B. Barocas Manifestations of concentration camp effects on the second generation Am J Psychiatry 30 1973 820 821

Bergmann and Jucovy, 1982

M.S. Bergmann M.E. Jucovy Generations of the Holocaust 1982 Basic Books New York

Brenner, 2002

I. Brenner Foreword V.D. Volkan The Third Reich in the Unconscious 2002 Brunner-Routledge New York xi xvii

Garland, 2002

C. Garland Thinking about trauma J. Holmes Understanding TraumaA psychoanalytical approach 2002 Karnac London, New York 9 31

Jacobs, 2000

T.J. Jacobs Unbewusste Kommunikation und verdeckte Enactments in analytischen Setting U. Streeck Erinnern, Agieren und Inszenieren 2000 Vanderhoeck & Ruprecht Göttingen 97 127

Kogan, 2000

I. Kogan Die Suche nach Geschichte in den Analysen der Nachkommen von Holocaust Überlebenden. Rekonstruktion des „seelischen Lochs“ L. Opher-Cohn J. Pfäfflin B. Sonntag Das Ende der Sprachlosigkeit? 2000 Psychosozial-Verlag Gießen 163 183

Kogan, 2001

I. Kogan Die Suche nach Gewissheit: Enactments traumatischer Vergangenheit U. Streeck Erinnern, Agieren und Inszenieren: Enactments und szenische Darstellungen im therapeutischen Prozess 2001 Vandenhoeck & Ruprecht Göttingen 127 143

Kogan, 2007a

I. Kogan The Struggle against Mourning 2007 Jason Aronson New York

Kogan, 2007b

I. Kogan Escape from SelfhoodBreaking Boundaries and Searching for Oneness 2007 IPA Publications London

Rosenthal, 1999

G. Rosenthal Der Holocaust im Leben von drei Generationen: Familien von Überlebenden der Shoah und von Nazi-Tätern 3. korr. A. 1999 Psychosozial-Verlag Gießen

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