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B978-3-437-21833-0.00040-1

10.1016/B978-3-437-21833-0.00040-1

978-3-437-21833-0

„Baum, Kreuz, Wege“

„Weggabelung mit Kreuzen“

„WIE“

„Entwurzelter Baum“

„Baum mit schwarzem Stamm“

„Blühender Baum am Wege“

Indikation und musiktherapeutisches VerhaltensstörungenMusiktherapiePsychosomatische ErkrankungenMusiktherapieNeurosen/neurotische StörungenMusiktherapieMusiktherapieIndikationenKrisen(situationen)MusiktherapieInteraktionsstörungen, MusiktherapieVorgehenBeziehungsstörungenMusiktherapie

Tab. 40.1
Indikationsgebiet Therapieziel Musiktherapeutischer Ansatz
Psychovegetative und psychosomatische Funktionsstörungen Beziehungsaufnahme zu den somatisierten Impulsen Körperwahrnehmung, Entspannen zu Musik, Bewegen zu Musik
Neurosen, konfliktbedingte intrapsychische Beziehungsstörungen Beziehungsaufnahme zu den konflikthaft abgespaltenen Erlebnisanteilen Spielerisch-improvisierende Exploration dieser Erlebnisanteile und Durcharbeitung
Interaktionsstörungen, interpersonale Beziehungsstörungen, Verhaltensstörungen Wahrnehmung und Verbesserung sozialkommunikativer Fähigkeiten Beziehungsklärende und kommunikationsanregende Spielangebote, gruppendynamische Improvisationen
Krisen im Wert- und Sinnbereich, Krisen in der 2. Lebenshälfte Entwicklung und Ordnung kognitiver und ästhetischer Strukturen Wahrnehmen eigener musikalischer oder anderer kreativer Potenziale

AWMF-Leitlinien zur Anwendung von Musiktherapie in der Psychosomatik

Ausdrückliche Empfehlung:

  • Sedierung in der gastrointestinalen Endoskopie (Deutsche Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselkrankheiten)

Empfehlung im Rahmen eines multimodalen Behandlungsansatzes:

  • Psychosoziale Versorgung in der pädiatrischen Hämatologie und Onkologie (Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin)

  • Fibromyalgie-Syndrom (Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Schmerztherapie)

  • Chronischer Unterbauchschmerz der Frau (Deutsche Gesellschaft für Frauenheilkunde und Geburtshilfe)

  • Umgang mit Patienten mit nichtspezifischen, funktionalen und somatoformen Körperbeschwerden (Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie; s. a. Schmidt 2014)

Kreativtherapien

  • 40.1

    Kunsttherapie Flora von Spreti und Philipp Martius461

    • 40.1.1

      Einleitung461

    • 40.1.2

      Fallvignette Kunsttherapie: „Todeswege – Lebenswege“:462

    • 40.1.3

      Patient – Bild – Therapeut464

    • 40.1.4

      Zur Geschichte464

    • 40.1.5

      Stand der Kunsttherapie464

    • 40.1.6

      Studienlage465

    • 40.1.7

      Forschungsansätze465

    • 40.1.8

      Spezielle Indikationen465

  • 40.2

    Musiktherapie Hans Ulrich Schmidt und Horst Kächele466

    • 40.2.1

      Einleitung466

    • 40.2.2

      Historische Aspekte zur Musiktherapie in der deutschen Psychosomatik466

    • 40.2.3

      Überblick über musiktherapeutische Behandlungsmethoden467

    • 40.2.4

      Forschung zur Musiktherapie in der Psychosomatik468

    • 40.2.5

      Klinische Einsatzbereiche der Musiktherapie in der Psychosomatik468

    • 40.2.6

      Indikationen zur Musiktherapie in der Psychosomatik469

Kunsttherapie

Flora von Spreti

Philipp Martius

Einleitung

KreativtherapienKunsttherapieKunsttherapieKunsttherapie ist eine, im Feld der ressourcenorientierten psychotherapeutischen Verfahren, noch junge künstlerische Therapieform. Im Verlauf von nicht einmal 25 Jahren erfuhr sie beachtliche Anerkennung und Verbreitung und fand zunehmend Eingang in klinische Einrichtungen. Erste Stellen für Kunsttherapie wurden in psychiatrischen und psychosomatisch-psychotherapeutischen Kliniken geschaffen (von Spreti et al. 2005/2012; Martius et al. 2008), denen rasch weitere klinische Einsatzfelder folgten, z. B. in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, Onkologie, Kardiologie und Palliativmedizin. Auch in der klinischen Behandlung von Traumafolgestörungen (Reddemann 2012) und demenziellen Erkrankungen und in der Prävention (Titze 2007) hat sich Kunsttherapie als ressourcenförderndes und autonomiestärkendes Verfahren bewährt.
Die schnelle Verbreitung des Verfahrens wird auch an der in den letzten 15 Jahren stetig wachsenden deutschsprachigen Literatur zur Kunsttherapie ersichtlich (s. Literaturliste).
Kunsttherapie hat viele Namen (Mechler-Schönach 2012): Über 40 unterschiedliche Bezeichnungen sind für die künstlerisch-therapeutische Methode auf dem Markt. In diesem „Sprachdschungel“ setzte sich in den letzten Jahrzehnten die Bezeichnung „Kunsttherapie“ durch, eine Übersetzung des englischen Begriffs „art therapy“.
In der Kunsttherapie sind die Patienten nicht gehalten, „Kunst zu machen“. Doch werden sie angeregt, sich mit Pinsel, Stift und Farbe auf die Reise in ihre innere Welt zu begeben und in Begleitung des Therapeuten neue Spiel- und Handlungsräume zu entdecken! Dabei dienen häufig die Bildthemen der äußeren Welt, übertragen auf das bildnerische Objekt, als Schlüssel zu der inneren Welt der Patienten.
Neo Rauch, zeitgenössischer Künstler, zitiert in seinen Bildern immer wieder bekannte historische und literarische Szenen und nimmt damit auch Bezug auf eigene unbewusste, innere Themen. Seine Aussage „… es geht nicht um Geschmack und um Gefallen, es geht um verwendbare Vergangenheit …“(Spiess 2011) lässt manches Biografische in seinen Werken aufscheinen. Das Entstehen psychischer Störungen hat u. a. immer auch mit Vergangenheit zu tun. Die „verwendbare Vergangenheit“ wird auch in den Werken der Kunsttherapie die Bausteine und Versatzstücke liefern, die zu einer für Patient und Therapeut begehbaren Brücke, über die psychosomatische Symptomatik hinaus, hin zum verdrängten und abgespaltenen psychischen Hintergrund weisen kann.

… Ein Bild vereint vielschichtig divergierende Zeiten, Orte, Erlebnisse, Gedanken und Gefühle. Ressourcen, bisher unbewusste künftige Lösungen, oder versteckte Konflikte der Vergangenheit offenbaren sich im gegenwärtigen Werk …

Titze (2015)

Fallvignette Kunsttherapie: „Todeswege – Lebenswege“:

Patientengeschichte

Beispiel aus der kunsttherapeutischen Behandlung einer suizidalen Patientin: Der Weg

Eine 24-jährige Pat., die wegen ihrer unzähligen suizidalenSuizidalitätKunsttherapieKunsttherapieSuizidalität Handlungen auf der Akutstation einer psychiatrischen Universitätsklinik bekannt und gefürchtet ist, malt eines Tages in der Kunsttherapie – nach vielen vorangegangenen düsteren Darstellungen (Abb. 40.1, Abb. 40.2) – zum Thema „Der Weg“ ein schwarzes Bild mit einem breiten weißen Streifen von links oben nach rechts unten. Ebenfalls von links nach rechts gestaltet sie im weißen Feld mit schwarzen Blockbuchstaben plakativ das Wort „Wie“ (Abb. 40.3).
Nach einer langen Phase des Containments von suizidalen, aggressiven und autoaggressiven Strebungen, die sich auch in den Bildern zeigten, sah die Therapeutin den Zeitpunkt gekommen, die destruktive Bilddynamik zu unterbrechen. In Erweiterung der eingeengten und bedrohlich wirkenden Gestaltungsaussage reagiert die Therapeutin bewusst paradox auf die provokativ-naive Frage der Pat.: „Wissen Sie vielleicht, was das bedeuten könnte?“ in ihrer Antwort sachlich-neutral: „Sie fragen sich in Ihrem Bild vielleicht, wie es mit Ihrem Lebensweg wohl weitergehen mag?“
Der Blick der Therapeutin auf den „Lebensweg“, verbunden mit dem gleichzeitigen Wissen um den „Todesweg“, erprobte eine neue Art der therapeutischen Begegnung auf der Bühne des Bildes, der nicht stereotyp nur vom Drama der „Todeslandschaften der Seele“ (Benedetti 1983) geprägt war.
Dabei kann die vorsichtige Umdeutung im Sinne einer Positivierung der negativ gemeinten Bildaussage vielleicht einen Patienten mit schizophrener oder affektiver Psychose entlasten, doch die an Persönlichkeits- bzw. Borderline-StörungBorderline-PersönlichkeitsstörungKunsttherapiePersönlichkeitsstörung(en)Kunsttherapie Leidenden können Positivierungen nur schwer aushalten. Hat der Therapeut dem Patienten damit nicht das altvertraute negative Agieren genommen, mit dem dieser bis jetzt die Gefühle von Leere und Spannung regulieren konnte, und ihn plötzlich in die Schrecknisse einer unerwarteten, positiven Erfahrung gestürzt? Immer wieder findet sich bei Patienten mit Borderline-Störung eine große Scheu vor jeglicher Veränderung ihrer dunklen, inneren Gefühlswelt. Vielleicht resultiert die Vermeidung neuer Erfahrung auch aus der Befürchtung, das Neue – durchaus auch Positive – könne nicht mehr so gut kontrolliert werden wie das Negative, aber dennoch Vertraute. Denn schon in früher Zeit brachte Veränderung selten Besseres. Um den Preis des selbstschädigenden Verhaltens haben diese Patienten gelernt, mit ihren schweren Defiziten irgendwie umzugehen und Negatives selbstwertschonend nach außen zu projizieren. In diesem Fall aber nahm die ressourcenorientierte Sicht der Therapeutin der Patientin die Möglichkeit, eigene destruktive Erfahrungen im Bild immer wieder – fast lustvoll – zu zitieren und mit manipulativer Macht der Therapeutin aufzubürden.

Patientengeschichte (Forts.)

Daher empfand die junge Frau, die im persönlichen Kontakt angepasst und hilfsbedürftig wirkte, die Positivierung der BildbotschaftKunsttherapiePositivierung der Bildbotschaft als überaus kränkend. Dass die Therapeutin überhaupt keine Ahnung von ihrem Leiden habe, sei ihr jetzt klar geworden, denn ihre wirkliche Frage sei doch gewesen: „Wie schaffe ich es, mich umzubringen?“ Nach langem Diskurs musste die Pat. schließlich widerstrebend einräumen, dass da eine kleine Unklarheit im Bild sei, weil sie ihren Todeswunsch nicht vollständig „drauf“ geschrieben habe. Das tragikomische Ringen um einen lebensbejahenden Aspekt der destruktiven Bildaussage, brachte die junge Frau – sichtbar wider Willen – zum Lachen. Sie meinte erstaunlich heiter, dass hier gefeilscht würde wie auf einem Basar. Doch schnell wandelte sich der heitere Augenblick des gemeinsamen Lachens in entwertende Anklage: „Sie Märchentante reden so einen Blödsinn! Sie checken überhaupt nicht, was wirklich Sache ist!“

Da Märchen u. a. die Aufgabe haben zu vermitteln, dass auch die stärkste Macht des Bösen selbst vom unscheinbarsten Guten besiegt werden kann, akzeptierte die Therapeutin diesen Vergleich. Immerhin hatte sich das von der Pat. entwertete „märchenhaft Positive“ für kurze Zeit zeigen dürfen.

Jener Moment der Erweiterung des eingeschränkten Blickwinkels der jungen Frau wurde zu einem kleinen Schritt auf dem langen, von Idealisierung und Entwertung, Macht und Bedürftigkeit geprägten Weg zum Überleben. Viele Bilder entstanden während ihres 6-monatigen Klinikaufenthalts, von denen einige hier gezeigt werden können (Abb. 40.4, Abb. 40.5, Abb. 40.6).

Das Bild als „Seelenbarometer“

Die Bilder erwiesen sich auch für das Team und den ärztlichen Therapeuten, mit dem die Kunsttherapeutin in engem Austausch stand, als zuverlässiger Gradmesser der seelischen Befindlichkeit der Patientin. Von Dunkelheit und Ausweglosigkeit wandelten sich die Darstellungen langsam zu einem lichteren Szenario und damit zu einem hoffnungsvolleren Blick auf ihren Zukunftsweg (Abb. 40.4, Abb. 40.5, Abb. 40.6).
SuizidalitätKunsttherapieKunsttherapieSuizidalitätNach Abklingen der schon sehr lange bestehenden chronischen Suizidalität konnte die Patientin erstmals zur weiteren psychotherapeutischen Behandlung in eine psychosomatische Fachklinik überwiesen werden. So bescheiden sehen manchmal die kleinen Schritte der Stabilisierung bei chronisch suizidalen Borderline-Patienten aus.

Patient – Bild – Therapeut

In der KunsttherapieKunsttherapietherapeutische Beziehung eröffnet die Gestaltung einen erweiterten Raum für Begegnung, therapeutische BeziehungTherapeutische BeziehungKunsttherapie und progressive Entwicklung. Das Bild wird zur Bühne, auf der sich das breite Spektrum seelischer Befindlichkeiten stets neu inszenieren kann. Dort spielt sich das Beziehungsdrama – Tragödie, aber manchmal auch Komödie – eines Konflikts ab. Auch die Regulierung von Nähe und Distanz kann auf der Probebühne des bildnerischen Werkes erkundet und in neuen Formen des Handelns (Probehandeln) auf dem Bildraum spielerisch eingeübt werden.
Der Schutzraum eines klar begrenzten Blattes Papier erlaubt dem Patienten in der therapeutischen Beziehung – in entlastendem Abstand zur eigenen Person – die Auseinandersetzung mit innerer Problematik. Dem Sinne nach sagt der Surrealist Rene Magritte, dass auf dem Bild alles geschehen dürfe, sogar ein Mord. So wird dem Patienten das Verstehen von Konflikt, Aggression und Autoaggression durch die „Sprache“ seiner Gestaltung nicht selten leichter fallen als eine verbale Klärung im direkten Austausch mit dem Therapeuten. Denn die bildnerische Darstellung schafft als triangulierendes Element einen erweiterten Begegnungsraum für das gemeinsame Sehen und Erkennen.
Daher ist gelungene Beziehungsaufnahme in der Kunsttherapie – neben einer wohlmeinenden therapeutischen Haltung zum Patienten – immer auch abhängig von der Akzeptanz seines bildnerischen Objekts, d. h. einer primär nicht deutenden und wertenden, aber achtsamen und wertschätzenden Wahrnehmung seines bildnerischen Werkes.
Manchmal – dies gilt auch für den Umgang mit Borderline-Patienten – kann der gut reflektierte humorvolle Umgang mit destruktiven Bildinhalten zum Anstoß progressiver Entwicklungen hilfreich sein. Dabei sollte der Ernst der Situation zu keiner Zeit aus dem Auge verloren werden. Doch durch das glückliche Ereignis eines gemeinsamen Lachens wird auch der bedrohlichsten Bilddarstellung ein positiver Aspekt abgerungen, der für den Augenblick die düstere Weltsicht erhellt.

Zur Geschichte

KunsttherapieGeschichteDie lange Tradition der Bedeutung der Künste für die Behandlung von Krankheiten des Leibes und der Seele ist bekannt (von Engelhardt 2005). Bereits die prähistorischen Malereien und Skulpturen der Steinzeit zeugen vom Glauben an die magische Kraft der Bilder.
Die Hoffnung auf die heilsame Wirkung der Künste zieht sich wie ein unsichtbarer Faden weiter über die Antike bis zur Neuzeit. Um 1900 erlangten die bildnerischen Werke der „Geisteskranken“ erstmals Beachtung durch Veröffentlichungen von z. B. Cesare Lomboroso, Walter Morgenthaler und Adolf Wölfli. Hans Prinzhorn (1922), der in den 1920er-Jahren diese „Bildnereien“ systematisch sammelte und dokumentierte, erkannte in der bildnerischen Tätigkeit der Kranken einen Versuch, die Symptome ihres psychischen Leidens zu mildern.
In der Folge entwickelte sich in Deutschland ein reges Interesse an l’Art Brut, und die Werke von „Außenseitern“ hatten nachhaltigen Einfluss auf die Kunst der Moderne. Erste kunsttherapeutische Ansätze dieser Zeit sind mit der anthroposophischen Medizin eng verbunden. 1927 wurden erstmals in einer Schweizer anthroposophischen Klinik künstlerische Therapien in die klinische Behandlung aufgenommen (Hauschka). Fast gleichzeitig gab es erste Impulse der Integration des bildnerischen Gestaltens als therapeutischem Ansatz in der Psychiatrie. Die Verbrechen des Nationalsozialismus an psychisch Kranken zerstörten neben vielem anderen auch diese positive Entwicklung. Schnell galten die Werke der Art Brut sowie die der meisten Expressionisten als entartete Kunst und viele namhafte Künstler aller Bereiche wie auch Vertreter der Psychoanalyse und manche Pionierinnen der Kunsttherapie (M. Naumburg, E. Kramer u. a.) mussten vor der Bedrohung an Leib und Leben aus Deutschland fliehen und emigrieren. Das hatte zur Folge, dass auch die Kunsttherapie sich in Deutschland erst spät wieder etablieren konnte.

Stand der Kunsttherapie

KunsttherapieTherapieformenAls die wichtigsten institutionellen Therapieformen sind heute kunsttherapeutische Gruppen als Teil klinischer multimodaler Therapiekonzepte zu nennen, ferner die Kunsttherapie als Einzeltherapie, kunsttherapeutische offene Ateliers sowie ambulante kunsttherapeutische Langzeitgruppen in der Nachbetreuung psychisch Kranker (von Spreti 2012). Kunsttherapeutische Projektarbeit hat sich vornehmlich im präventiven Bereich und in der Rehabilitation bewährt (Titze 2007; Martius et al. 2012).
Unterschiedliche Formen und Ausprägungen dieser Methode, die einerseits erweiternde Vielfalt bietet, erschweren andererseits eine systematische Darstellung oder gar die Konzeption einer einheitlichen Theoriebildung. Dennoch hat die Kunsttherapie sicher auch wegen der „bleibenden“ Anschaulichkeit der Bilder und Objekte, die „bildhaft“ die Befindlichkeit der Gestaltenden und auch den therapeutischen Prozess nachvollziehbar machen, in oben genannten medizinischen Bereichen ihren festen Platz gefunden. Auch ihr hohes ästhetisches Potenzial, ihr handlungsorientiertes, regressionshemmendes, ressourcenförderndes und autonomiestärkendes Konzept haben zu einer wachsenden Bedeutung dieses Verfahrens beigetragen.

Studienlage

KunsttherapieStudienlageGibt es Forschungskonzepte in der Kunsttherapie? Die Antwort darauf hängt im Wesentlichen davon ab, wie man wissenschaftliche Methodik definiert. Sicher gilt auch für die kunsttherapeutische Forschung, was für die Psychotherapieforschung ganz allgemein diskutiert wird. Es herrscht weitgehend Uneinigkeit über die Möglichkeiten einer dem Gegenstand angemessenen Evaluation (Kächele 2005). Zu fordern sind neben dem hohen Anspruch experimenteller Untersuchungen zusätzliche (Versorgungsforschungs-)Studien mit sog. naturalistischem Design, um die Praxisrelevanz zu belegen (Leichsenring und Rüger 2004).
Die künstlerischen Therapien sind in diesen auch berufspolitisch brisanten Auseinandersetzungen immer noch nicht ausreichend vertreten, obwohl in den letzten Jahren die Zahl der Forschungsprojekte deutlich angestiegen ist. Als Ausdruck dieses Mangels berücksichtigen wesentliche psychotherapeutische und psychiatrische Lehrbücher die Kunsttherapie bisher zu wenig oder gar nicht (Bergin und Garfield 2003; Möller 2006). Neben manchen Forschungsdefiziten aufseiten der Kunsttherapeuten ist aber auch anzumerken, dass die wachsenden kunsttherapeutischen Forschungsanstrengungen bisher nicht genügend in das Blickfeld professioneller Therapieforscher gelangt sind.

Forschungsansätze

KunsttherapieForschungsansätzeDie Beforschung der Kunsttherapie kann zwei Ziele haben: Sie kann sich auf die Suche nach neuen relevanten Erkenntnissen begeben (Hypothesenbildung), oder sie kann versuchen, aufgestellte Hypothesen wissenschaftlich zu evaluieren (Hypothesentestung). In jedem Fall besteht der erste Schritt in einer konsequenten, einheitlichen und transparenten Dokumentation der Tätigkeit im Alltag anhand der Bilder (oder deren Fotos) und der manifestierten therapeutischen Beziehung in Form von Stundenprotokollen, Fragebögen o. Ä. (Greenwood et al. 2007; Elbing und Hacking 2001). Eine Outcome-Studie über die primär interessierende allgemeine Wirksamkeit wurde 2006 in Ulm als medizinische Dissertation publiziert. Darin wurden ausführlich die Auswirkungen der Kunsttherapie auf das körperliche und emotionale Empfinden der Patienten in einer quantitativen und qualitativen Analyse mit signifikanten Ergebnissen untersucht (Plecitity et al. 2006). Solche Forschungsansätze lassen hoffen! Kächele, ein engagierter und zugleich kritischer Verfechter der künstlerischen Therapien, hat vorgeschlagen, auch die reichhaltige narrative Kultur der verfügbaren Behandlungsberichte (von Spreti 1996, 1999, 2004, 2005, 2006von Spreti 2004von Spreti 2005von Spreti 2006) zum Thema qualitativer Forschung zu machen (Kächele 2008). Dazu bedarf es einer Theorie über die Konzeption eines „kunsttherapeutischen Narrativs“. Auch eine systematische Beurteilung der Bilder hinsichtlich formaler und inhaltlicher Kriterien erfordert eine auf qualitative Merkmale ausgerichtete Forschungsmethode, die über den bisherigen Stand hinaus weiter zu entwickeln wäre (Eitel et al. 2002; von Spreti und Rentrop 2001; Gruber 2002). Ein wichtiges Forschungsfeld könnte weiterhin die kunsttherapeutische Interaktion sein, z. B. mittels videogestützter Untersuchungen therapeutischer Prozesse.
KunsttherapieIndikationsstellungenFür kunsttherapeutische Vorgehensweisen sollten für die unterschiedlichen Krankheitsbilder differenziertere und begründbare Indikationsstellungen vorliegen. Damit könnte Antwort auf die Frage gegeben werden, welche gestalterischen Techniken und Interventionen sinnvoll und welche kontraindiziert für die jeweilige Erkrankung sein könnte (wie z. B. in der Traumatherapie in der Regel das Aufdecken und verbale Bearbeiten der traumarelevanten Bildmerkmale); hier herrscht weiterer Forschungsbedarf.
Ebenso ist die Frage, wie sich die verschiedenen Bildthemen (Körperbild, Portraitgestaltung, emotionale Befindlichkeiten wie z. B. Wut, Schmerz, Trauer, Angst) auf unterschiedliche Erkrankungen auswirken, bis jetzt nicht befriedigend beantwortet, obwohl es für all diese Bereiche ein solides Wissen gibt, das auf langjähriger praktischer Erfahrung beruht. Schließlich wissen wir immer noch (zu) wenig über die Wechselwirkungen unterschiedlicher Therapieansätze. Wirken sie „adjuvant“ oder „konträr“? Oder was unterscheidet z. B. in ihrer Wirkung tatsächlich die verbalen von den sog. „nonverbalen“ Therapien?
Und im Sinne der Grundlagenforschung ist die Frage unbeantwortet, ob und wie künstlerische Therapien mehrere Wahrnehmungskanäle aktivieren und damit den Weg zum vorsprachlichen Erinnerungsschatz bahnen können. Dabei ist ohnehin zu diskutieren, ob die Erschließung vorsprachlicher Erfahrungen (bei bestimmten Störungen, z. B. bei frühkindlicher Traumatisierung) überhaupt ein sinnvolles Therapieziel sein kann. Letztendlich wird eine Vernetzung der vielfältigen Ansätze der Kunsttherapieforschung in Zukunft unumgänglich sein.

Spezielle Indikationen

Wie in Kap. 40.1.7 ausgeführt, haben wir trotz zunehmender Praxiserfahrung ein eher spärliches wissenschaftlich belegtes Wissen zu der Frage, ob es eine spezifische KunsttherapieKunsttherapieIndikationen, spezielle für spezifische Gesundheitsprobleme psychosomatischer Patienten gibt. Für das Buch Kunsttherapie bei psychosomatischen Störungen (Martius et al. 2008) konnten die Herausgeber aber zu den meisten relevanten Arbeitsfeldern der psychosomatischen Medizin namhafte Autoren gewinnen. Das spricht zunächst einmal dafür, dass es wohl einen gemeinsamen „allgemeinen“ Wirkfaktor der künstlerischen Therapie zu geben scheint. Nach unserer Erfahrung kann Kunsttherapie mit den spezifischen Mitteln der Gestaltung einen eigenständigen Beitrag zur Behandlung leisten und in folgenden Bereichen hilfreich sein:
  • DiagnostikKunsttherapieDiagnostik: Psychopathologie und Psychodynamik werden sich, obwohl sie durch Patienten verbal nicht mitgeteilt werden, im Verlauf einer Bilderserie oftmals gestalterisch darstellen. Psychopathologische Syndrome oder unbewusste Konflikte eines Patienten zeigen sich oft in seiner Themenwahl und seinen Gestaltungselementen, z. B. in Farben, Symbolen und Bildaufteilung (von Spreti 2008).

  • TherapietechnikKunsttherapieTherapietechnik: Durch das gestaltete Objekt ergibt sich für den Patienten die Möglichkeit, innere Spannungen und Konflikte ganz konkret auf ein sichtbares und primär neutrales „Drittes“ zu projizieren. Diese Projektion kann mit dem Therapeuten geteilt, gleichzeitig aber auch eine Distanz dazu hergestellt werden. Dies scheint eine spezifische Form der therapeutischen TriangulierungKunsttherapieTriangulierung, therapeutische zu sein (Patient, Gestaltung, Therapeut), die eine weitere Besonderheit der Kunsttherapie aufzeigt. Die therapeutischen Interventionen können zwar das „Unerträgliche, Abgewehrte“ betreffen, doch findet durch die Gestaltung als entlastendes Drittes ein Ebenenwechsel statt, der die verbale Intervention ausschließlich auf die Bild-/Objektebene verlagert. Diese Distanz schaffende „Ich-fernere“ Vorgehensweise kann von Patienten bei belastenden Inhalten in der Regel besser akzeptiert werden als eine direkt auf den Patienten gerichtete störungsspezifische Intervention (Benedetti 2001; Martius und von Spreti 2002).

  • TherapiefokusKunsttherapieTherapiefokus: Bei vielen psychosomatischen Beschwerden – vor allem jenen mit chronischem Charakter wie die somatoforme SchmerzstörungSomatoforme SchmerzstörungKunsttherapie oder der TinnitusTinnitusKunsttherapie – wird heute vorgeschlagen, dass der Behandlungsfokus auf der Verschiebung der Aufmerksamkeit weg vom (therapierefraktären) Symptom und hin zu symptomfreien Bereichen liegen sollte (Rief und Henningsen 2005). Die Stärkung von Ressourcen, so die Meinung der Experten, fördert am ehesten eine angemessene Krankheitsbewältigung. Für diese Vorgehensweise eignen sich die künstlerischen Therapien ganz besonders. Neben der Umlenkung des Aufmerksamkeitsfokus tritt im schöpferischen Handeln zeitgleich eine deutliche Aktivierung von z. B. selbstwertstabilisierenden Ressourcen ein. Entsprechende kasuistische Beispiele finden sich in Dannecker (2008), Gromes (2008) und von Spreti (2008).

Literaturauswahl

Bronisch and von Spreti, 2008

T. Bronisch F. von Spreti The role of paintings in suicide prevention D. Wassermann C. Wassermann Oxford Textbook of Suicidology 2008 Oxford University Press Oxford

Elbing and Hacking, 2001

U. Elbing S. Hacking „Nürnberger Beurteilungsskala“ und „Diagnostic Assessment of Psychiatric Art“. Neue Wege zur Evaluation der Bilder von Kunsttherapie-Patienten Zeitschrift für Musik-, Tanz-, und Kunsttherapie 12 2001 133 139

Gruber, 2002

H. Gruber Ausgewählte Aspekte zu Forschungsansätzen in der Kunsttherapie P. Petersen Forschungsmethoden künstlerischer Therapien 2002 Mayer Stuttgart

Kächele, 2008

H. Kächele Forschung in der Kunsttherapie? Ph Martius F. von Spreti P. Henningsen Kunsttherapie bei psychosomatischen Störungen 2008 Elsevier Urban & Fischer München 23 29

Martius and von Spreti, 2002

Ph Martius F. von Spreti Der kleine Albert Th Fuchs I. Jàdi B. Brand-Claussen Ch Mundt Kunst-Wahn-Welt 2002 Springer Heidelberg 335 348

Martius et al., 2008

Ph Martius F. von Spreti P. Henningsen Kunsttherapie bei psychosomatischen Störungen 2008 Elsevier Urban & Fischer München

Mechler-Schönach and von Spreti, 2005

Ch Mechler-Schönach F. von Spreti „FreiRaum“ – zur Praxis und Theorie der Kunsttherapie Psychotherapeut 50 2005 163 178

Plecitity et al., 2006

D.M. Plecitity A. Danner-Weinberger L. Szkura J. von Wietersheim Die Auswirkungen der Kunsttherapie auf das körperliche und emotionale Empfingen der Patienten. Eine quantitative und qualitative Analyse Medizinische Dissertation, Universität Ulm 2006

Von Spreti and Rentrop, 2001

F. Von Spreti M. Rentrop Das Selbstportrait im Verlauf psychischer Erkrankungen F. Von Spreti H. Förstl K. Breindl Ph Martius Selbstbilder in Kunst und Psychose 2001 Akademischer Verlag München 65 82

Von Spreti et al., 2005

F. Von Spreti Ph Martius H. Förstl Kunsttherapie bei psychischen Störungen 2005 Elsevier Urban & Fischer München

Musiktherapie

Hans Ulrich Schmidt

Horst Kächele

Einleitung

KreativtherapienMusiktherapieMusiktherapieMusiktherapie hat sich in den letzten drei Dezennien von einer großen Vielfalt unterschiedlichster nebeneinander stehender Ansätze und Konzepte zunehmend zu einer eigenständigen Therapierichtung entwickelt. Der Begriff „Musiktherapie“ ist zunächst eine summarische Bezeichnung für unterschiedliche musiktherapeutische Konzeptionen, die sich vorwiegend als psychotherapeutische Tätigkeit verstehen.
Das große Angebot musiktherapeutischer Aus- und Weiterbildungen im Rahmen staatlicher und privater Ausbildungsgänge spiegelt jedoch, wie aus einem Übersichtsreferat hervorgeht (Pesek 2005), nach wie vor nicht den Forschungsstand wider, der nötig wäre, um Musiktherapie insbesondere innerhalb der Disziplinen Medizin und Klinische Psychologie substanziell zu verankern.
Allerdings ist in den letzten Jahren eine deutliche Zunahme interessanter, sowohl qualitativ als auch quantitativ ausgerichteter deutschsprachiger sowie angloamerikanischer bzw. skandinavischer Studien zu verzeichnen.
Die berufsrechtliche Positionierung der Musiktherapie ist nach wie vor nicht verbindlich geregelt. Dies spiegelt sich zum einen in der relativ schlechten Bezahlung im stationären psychiatrisch-psychosomatischen Sektor, zum anderen in der unzureichenden Verankerung im ambulanten Bereich wider (z. B. Kächele et al. 2003).
Außer mit aktiver und rezeptiver Musiktherapie und der Kombination von Musiktherapie mit Entspannungsverfahren arbeiten Musiktherapeuten gelegentlich körpertherapeutisch. Der aktiven Musiktherapie mit freier Improvisation, angelehnt an die Arbeit mit freier Assoziation innerhalb analytischer und tiefenpsychologisch fundierter Verfahren, kam in der Entwicklung der deutschen Musiktherapie eine besondere Rolle zu (Decker-Voigt 1996; Jahn-Langenberg 2001; Timmermann 2004).

Historische Aspekte zur Musiktherapie in der deutschen Psychosomatik

Wegbereiter der Musiktherapiehistorische AspekteMusiktherapie im deutschsprachigen Raum waren musikliebende Ärzte, die Musik in die Krankenversorgung einzubeziehen suchten (z. B. Strobel und Huppmann 1978).
Professionell bedeutsame Entwicklungen der heutigen psychodynamisch-orientierten Musik-Psychotherapie kristallisierten sich in Wien und Leipzig heraus. Der Wiener Lehrgang – 1959 von Alfred Schmölz gegründet1

1

Heute als universitäres Hochschulstudium verankert

– war von Anfang an durch die Zusammenarbeit mit der universitären psychiatrisch-psychosomatischen 16-Betten-Station unter Erwin Ringel gekennzeichnet2

2

Von Beginn an gab es obligatorische Praktika auf der psychosomatischen Station. Bis 2001 entstanden in Wien 74 Abschluss- bzw. Diplomarbeiten, die das Feld „Musiktherapie in der Psychosomatik“ unter den verschiedensten Gesichtspunkten unter die Lupe nahmen (Gathmann 2001).

. Wichtiger Wegbereiter von ärztlicher Seite war hier später der Arzt und Psychotherapeut Peter Gathmann (2001).
In Leipzig wurde die von Christoph Schwabe (1987) entwickelte „MusiktherapieregulativeRegulative Musiktherapie“ (Schwabe und Röhrborn 1996) gefördert, die eingebettet in ein psychosomatisches Gesamtkonzept (hauptsächlich in den neuen Bundesländern, z. B. in Erlabrunn) angeboten wurde.
Gertrud Katja Loos, eine „Urmutter“ der westdeutschen Musiktherapie, beschreibt ihre Anfänge 1972 in Berlin-Spandau unter Harm Willms3

3

Zunächst gab es dieses Angebot nur in der Psychiatrie; Willms richtete ab 1975/76 dann auch in der Psychosomatik Musiktherapie ein (briefl. Mitteilung 12/02).

(Loos 2000). Loos entwickelte neue Wege, einerseits durch Improvisation das Körpererleben zu fördern, andererseits auch das verbale Reflektieren in die musiktherapeutische Arbeit einzubeziehen. Der Arzt und Psychotherapeut Willms, der sich früh mit der Indikations- und insbesondere Kontraindikationsfrage musiktherapeutischer Behandlung beschäftigte (1975), darf sicherlich als einer der wichtigen ärztlichen Wegbereiter der Musiktherapie in Deutschland gelten.
Parallel dazu entwickelte sich in Berlin unter der Musikerin Maria Schüppel in Zusammenarbeit mit Ärzten vorwiegend aus den Bereichen Innere Medizin und Onkologie eine Musiktherapiemethodik vor anthroposophischem Hintergrund. Wichtige Pionierarbeit leisteten in der Schweiz Decker-Voigt und Escher (1994) mit der Etablierung und dauerhaften Integration musiktherapeutischer Behandlung in einer Klinik für Innere Medizin.

Resümee

Eine Erhebung zur Etablierung der Musiktherapie in der Psychosomatik zeigt Folgendes: Musiktherapie ist in der Psychosomatik in Deutschland in relativ vielen Kliniken im allgemeinen Behandlungskontext und dort vorwiegend als tiefenpsychologisch-psychotherapeutische Methode integriert. Musiktherapeuten sind meist in multiprofessionelle Teams eingebunden, oft jedoch in ihrer jeweiligen Institution als einzige dieser Profession tätig. Kritisch muss festgehalten werden, dass die berufsrechtliche Positionierung noch nicht verbindlich geregelt ist. Die Einbindung in das Klinikkonzept und die Ausstattung sind sehr unterschiedlich, dabei in der Regel von der leitenden Person abhängig (Kächele et al. 2003).

Überblick über musiktherapeutische Behandlungsmethoden

MusiktherapieBehandlungsmethodenDer Musikbegriff wird in der Musiktherapie sehr weit gefasst: Er reicht von Musik als purer akustischer Schwingung, als Erleben musikalischer Phänomene über experimentierendes und gestaltendes Spiel mit Musik bis hin zu durch Musik ausgelöste Effekte und Veränderungen.
Im therapeutischen Prozess sind laut Hegi-Portmann et al. (2006) folgende Qualitäten der Musik bedeutungsvoll:
  • Musik als präsentatives Symbol

  • Musik als Bedeutungsträger

  • Musik als Bewegung

  • Musik als Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft

  • Musik als Kommunikation

Die Konstruktion eines Gegensatzes von „verbaler“ und „nonverbaler“ Therapie ist ein unglückliches Konstrukt (Kächele und Scheytt 1990). Es verkennt, dass explizit nonverbales Geschehen, wie es z. B. in der Musik- oder Kunsttherapie implementiert wird, immer in jene dialogischen Prozesse eingebettet ist, die für die Herstellung einer therapeutischen Beziehung unerlässlich sind. Sprache in der Musiktherapie dient insbesondere der Verbalisierung und Reflexion des musikalischen Geschehens.
Musikalisches Erleben und MusiktherapieKörpererlebenKörpererlebenMusik(therapie)Körpererleben sind eng miteinander verknüpft. Hegi-Portmann et al. (2006) erwähnen folgende Zusammenhänge:
  • Körper und Musik als früheste Prägungen

  • Körperreaktionen durch Musik

  • Wechselwirkung von Körper und Klangkörper

  • Körper als Musikinstrument

  • Analogien von Körper- und Musikausdruck

Neben den spezifischen musiktherapeutischen MusiktherapieWirkfaktorenWirkfaktoren gilt die Qualität der therapeutischen BeziehungTherapeutische BeziehungMusiktherapie auch in der Musiktherapie als wichtigster therapeutischer Wirkfaktor.

Musiktherapeutische Methodologie unterscheidet zwischen aktivem und rezeptivem Vorgehen im Einzel- oder Gruppensetting:
  • In der aktiven Musiktherapie Musiktherapieaktiveist der Patient selbst musikalisch tätig, spielt oder singt. Der Therapeut hört zu, spielt mit, gibt zunächst musikalisch, dann verbal Resonanz.

  • In der rezeptiven MusiktherapieMusiktherapierezeptive spielt der Therapeut live oder vom Tonträger Musik für den Patienten. Wenn möglich, wird das Erlebte anschließend gemeinsam verbal reflektiert. Der rezeptive Einsatz von Musik wird oft mit imaginativen oder entspannenden Verfahren verbunden.

Aktive und rezeptive Anwendung gehen in der Praxis häufig ineinander über.
Musiktherapeutische MusiktherapieBehandlungsmethodenBehandlungsmethoden im Einzelnen sind z. B.:
  • Improvisation

  • Gestaltung von Liedern

  • Übungen zu Körperwahrnehmung und Bewegung

  • RollenspieleRollenspieleMusiktherapie

  • Imaginatives Klangerleben

  • Hantieren mit Instrumenten

Folgende musiktherapeutische Orientierungen werden gegenwärtig überblickend zusammengefasst:
  • Tiefenpsychologische MusiktherapieMusiktherapietiefenpsychologische

  • Integrative MusiktherapieMusiktherapieintegrative

  • Verhaltenszentrierte MusiktherapieverhaltenszentrierteMusiktherapie

  • Schöpferische MusiktherapieschöpferischeMusiktherapie

  • Orff-MusiktherapieOrff-Musiktherapie

  • Guided Imagery and MusicGuided Imagery and Music

  • Regulative MusiktherapieMusiktherapieregulative

  • Musiktherapeutisches EntspannungstrainingMusiktherapieEntspannungstrainingEntspannungsübungen/-verfahrenMusiktherapie

  • Neurologische MusiktherapieneurologischeMusiktherapie

  • Musikmedizinische Therapie

Forschung zur Musiktherapie in der Psychosomatik

Musiktherapiein der PsychosomatikPsychosomatikMusiktherapieNach wie vor besteht eine Diskrepanz zwischen einer immer stärkeren Etablierung von musiktherapeutischen Verfahren in der (stationären oder ambulanten) Versorgung und Ausbildung und dem notwendigen Vorliegen systematischer Studien zu Grundlagen- und MusiktherapieForschungAnwendungsforschung in der Musiktherapie.
Wosch und Frommer (2002) weisen ermutigend darauf hin, dass die Musiktherapie als ein in seiner akademischen Etablierung inzwischen vorangeschrittenes Fach mittlerweile durchaus eigene Forschungspotenz aufweise. Dabei spiele die Entwicklung von musiktherapeutischen Einzelfallprozessforschungsdesigns sowohl mit qualitativer als auch quantitativer Ausrichtung eine zentrale Rolle. Der Versuch der Erfassung von Spielmustern bis hin zu kleinsten emotionalen Bewegungen (z. B. Wosch 2002; Inselmann 2007; Inselmann und Mann 2000,) könnte hilfreich sein, um gerade für die Psychosomatik den Stellenwert musiktherapeutischer Behandlung im Kanon verschiedener Behandlungsansätze genauer zu fassen.
MusiktherapieAnwendungsbereicheEin perspektivisch wichtiges psychosomatisches musiktherapeutisches Forschungsfeld stellt zunehmend die OnkologieOnkologische PatientenMusiktherapie dar (Rose et al. 2004). Hier werden z. B. Fragen zu Lebensqualität, Angst, Depression/depressive StörungenMusiktherapieDepression Chronischer SchmerzMusiktherapieoder Schmerzbewältigung berührt.
In einer neueren Metaanalyse musiktherapeutischer Interventionsstudien von 1990 bis 2004, in die 69 kontrollierte (n = 3 146) und 56 Prä-Post-Studien (n = 1 260) eingingen, gibt Pesek (2005) für alle Studien eine Effektstärke von 0,82 für aktive und 0,74 für rezeptive MusiktherapieMusiktherapieEffektstärken an. Sie weist darauf hin, dass von 25 Studien aus dem deutschsprachigen Raum 15 aus den Jahren 2000–2004 stammen. Diese aktuelle Metaanalyse schlüsselt auf, wie viele der untersuchten Studien sich im Hinblick auf die vom Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie 2002 definierten Anwendungsbereiche im engeren Sinne auf Psychosomatik beziehen: 14 Studien fallen unter „Psychosomatische Medizin“ (kardiovaskuläre Erkrankungen, funktionelle gastrointestinale Erkrankungen, Asthma, Tinnitus, COPD), 13 unter „chronischen Schmerz“ (Rheuma, Kopfschmerzen, Migräne, Rückenschmerzen). Überwiegend wurde rezeptive Musiktherapie angewendet. Bei der Untersuchung einzelner für die Effektstärkenberechnung zugrunde gelegter „besonders therapiespezifischer Variablen“ (2005: 12) stellt Pesek mit einer Effektstärke von 0,78 die Variable „musikalisches und kommunikatives Verhalten“ heraus und verweist hier auf eine Studie von Danner und Oberegelsbacher (2001), welche die Frage nach unspezifischen und spezifischen musiktherapeutischen Wirkfaktoren bei psychosomatischen Patienten katamnestisch untersuchten. Dabei fanden sie bei einer Gruppe von 71 ehemals stationär behandelten psychosomatischen Patienten, die zu fast 50 % auch an Körperbeschwerden litten, drei mögliche spezifische Faktoren:MusiktherapieWirkfaktoren
  • 1.

    Ausdruck, Darstellung und Kommunikation mittels Musik

  • 2.

    Aktives musikalisches Beziehungsangebot des Musiktherapeuten

  • 3.

    Musiktherapeutisches Durcharbeiten und Möglichkeit zur musiktherapeutischen Transformation

Dabei erklärt der erste Faktor bereits 42 % der Varianz. Die höchsten Effektstärken beschreibt Pesek für die Variable „chronischer Schmerz“ (Chronischer SchmerzMusiktherapie0,98), die niedrigste für akuten Schmerz (0,46). Müller-Busch und Hoffmann (1997) fanden für 12 Schmerzpatienten mit Fibromyalgie, chronischer Polyarthritis und muskuloskelettalen Beschwerden sowohl eine Verminderung der Schmerzintensität als auch eine Verbesserung der schmerzbedingten Funktionseinschränkungen nach der Behandlung mit Musiktherapie nach Nordoff/Robbins. Hillecke et al. (2005) stellen aus 25 musiktherapeutischen Studien zum Thema Schmerz zwischen 1986 und 2002 vor allem drei mögliche Auswirkungen musiktherapeutischer Behandlung heraus: Verringerung der Schmerzstärke; Verbesserung des Schmerzerlebens und der Schmerzbewältigung; Verbesserung in den Komorbiditäten (z. B. Angst, Depression). Zu einigen musiktherapeutischen Behandlungsfeldern (chronischer, nichtmaligner Schmerz; Migräne bei Kindern; Tumor-, Schmerz- und Nierenerkrankungen) liegen bereits Buchveröffentlichungen zur evidenzbasierten Musiktherapie vor (Hillecke 2005; Leins 2006; Wormit 2008).
In einem Verzeichnis aller deutschsprachigen musiktherapeutischen Promotionen (www.leopold-mozart-zentrum.de) finden sich Psychosomatik und Psychotherapie in drei größeren Bereichen wieder:
  • Musiktherapie bei psychosomatischen ErkrankungenPsychosomatische ErkrankungenMusiktherapie im engeren Sinne

  • Einordnung der Musiktherapie innerhalb des psychotherapeutischen „Kanons“

  • Physiologische und psychologische Einflüsse von Musik

Von ca. 250 z. T. noch laufenden Promotionen lässt sich ca. ein Fünftel der Psychosomatik und Psychotherapie zuordnen. (s. a. Schmidt 2014).

Klinische Einsatzbereiche der Musiktherapie in der Psychosomatik

Bei psychosomatischen Patienten fördert MusiktherapieAnwendungsbereicheMusik offensichtlich u. a. sozial kommunikative Fähigkeiten und emotionalen Ausdruck. In der Psychosomatik wird Musiktherapie z. B. bei Essstörungen, somatoformen Störungen (etwa funktionelle SchmerzstörungenSchmerzstörungen/-syndromefunktionelleMusiktherapie), Psychosomatosen (TinnitusMusiktherapieTinnitus, MigräneMusiktherapieMigräne, chronisch-entzündliche Chronisch entzündliche DarmerkrankungenMusiktherapieDarmerkrankungen), Angst(störungen)MusiktherapieAngststörungen und Depression/depressive StörungenMusiktherapieDepressionen eingesetzt (Tab. 40.1).
Ein wichtiger Behandlungsfokus liegt auf der Angstreduktion (z. B. Argstatter et al. 2006). In somatopsychischer Hinsicht spielt der Einsatz bei KrebserkrankungenMusiktherapieKrebs- und chronischen Erkrankungen (z. B. Dialyse) eine immer wichtigere Rolle, hier z. B. mit den Zielpunkten Schmerzreduktion und Verbesserung der MusiktherapieTherapiezieleLebensqualität (Schulz-Kindermann et al. 2006; Wormit et al. 2007). Einen umfassenden Überblick gibt z. B. Aldridge (1999). Ein wichtiger neuer Behandlungsfokus liegt auf der Prävention mit z. T. auch niedrigschwelligen psychotherapeutischen Behandlungsangeboten (z. B. Primär- und Sekundärprävention bei KHK).
Eine zunehmende Rolle spielen für musiktherapeutische Behandlungsangebote in Prävention und RehabilitationRehabilitationMusiktherapie neben onkologischen (Rose et al. 2004) auch neurologische Erkrankungen (Jochims et al. 2003; Thaut et al. 2004; Leins und Thaut 2007). In der neurologischen Rehabilitation liegt der Fokus auf der Verbesserung der sensorischen, motorischen und kognitiven Funktionen, dem Aufbau von interpersoneller Interaktion sowie emotionaler Stabilisierung. Der „Indikationskatalog MusiktherapieMusiktherapieneurologische Rehabilitation in der neurologischen RehabilitationRehabilitationneurologische“ (Baumann et al. 2006) verdichtet musiktherapeutische Erfahrungen zu vorläufigen Behandlungsleitlinien. Als spezifische Behandlungsfelder in der neurologischen Rehabilitation werden Wachkoma, Frührehabilitation, multiple Sklerose, Morbus Parkinson und Schlaganfall angeführt.

Indikationen zur Musiktherapie in der Psychosomatik

Die Regulative Regulative MusiktherapieMusiktherapieregulativeMusiktherapieIndikationenMusiktherapie gibt als wesentlichste Indikation „eine Wahrnehmungseinengung für körperliche und seelische Vorgänge an, sofern sie in der Pathogenese der Krankheit nachweisbar von Bedeutung ist. Oft handelt es sich um Personen mit sog. frühen Störungen, die Defizite in der Verbalisierungsfähigkeit, gestörte Ich-Funktion sowie die Unfähigkeit zur Herstellung stabiler Objektbeziehungen aufweisen“ (Schwabe und Röhrborn 1996: 241).
Geyer und Hessel (1996: 228) empfehlen die Anwendung von Musik zu Heilzwecken:
  • Rezeptive Musiktherapie, um Entspannungsprozesse zu fördern und die Fantasie anzuregen

  • Aktiv-Musiktherapieaktiv-produzierendeproduzierende Musiktherapie, um den Patienten zum Spielen zu animieren und interaktionelle Prozesse in Gang zu bringen

Theoretisch weiter und psychoanalytisch subtiler begründet und von Winnicotts Konzept des Übergangsraums inspiriert, diskutiert Janssen (1982) kreative Angebote im Rahmen einer Selbst- und Objektpsychologie, bei der neben der Förderung der Expressivität auch die Förderung der kommunikativen Fähigkeit eine bedeutsame Rolle spielt. Nach Tarr-Krüger (1990: 34) erweist sich der musiktherapeutische Ansatz „als besonders geeignet für Personen mit stark rationalisierender Abwehr, für Personen, die ihre Probleme nicht sprachlich fassen können, für Personen, deren kognitive emotionale und somatomotorische Ausdrucksfähigkeit reduziert ist“. Sie führt auch Gründe an, die gegen eine Musiktherapie sprechen, wobei sie sich auf ihre spezielle Erfahrung mit bulimischen Frauen bezieht. Loos (1986) beschreibt ausführlich die musiktherapeutische Behandlung essgestörterEssstörungenMusiktherapie Patienten.
Eine differenzielle Bewertung des Verfahrens bzgl. seiner Indikation unter Berücksichtigung der Störungsspezifität dürfte erst zu leisten sein, wenn wir Therapiestudien mit ambulanter Einzelmusiktherapie zur Bewertung heranziehen können.
MusiktherapieMusiktherapieLeitlinienempfehlungen findet sich mittlerweile in verschiedenen medizinischen Leitlinien, die z. T. auch die Psychosomatik betreffen. Aus den AWMF-Leitlinien (Stand März 2013) seien die Empfehlungen angeführt, die unmittelbar oder mittelbar die Psychosomatik betreffen (Box 40.1).

Literaturauswahl

Aldridge, 1999

D. Aldridge Musiktherapie in der Medizin. Forschungsstrategien und praktische Erfahrungen 1999 Huber Bern, Göttingen, Toronto, Seattle

Danner and Oberegelsbacher, 2001

B. Danner D. Oberegelsbacher Spezifische und unspezifische Wirkfaktoren der Musiktherapie. Katamnestische Erhebung an psychosomatischen Patienten einer psychiatrischen Klinik Nervenheilkunde 8 2001 434 441

Gathmann, 2001

P. Gathmann „Learning by doing“: eine psychosomatische Station als musiktherapeutisches Lernfeld D. Storz D. Oberegelsbacher Wiener Beiträge zur Musiktherapie Theorie und Klinische Praxis Band 3 2001 Praesens Wien 167 190

Hillecke, 2005

T.K. Hillecke Heidelberger Musiktherapiemanual: Chronischer, nicht maligner Schmerz H.V. Bolay A. Dulger H.J. Bardenheuer Evidenzbasierte Musiktherapie 2005 uni-edition Berlin

Jahn-Langenberg and Schmidt, 2001

M. Jahn-Langenberg H.U. Schmidt Erstbegegnungen im Vergleich– diagnostischer Eindruck einer musiktherapeutischen Sitzung und eines analytischen Erstinterviews Musikther Umsch 22 2001 173 184

Kächele et al., 2003

H. Kächele U. Oerter N. Scheytt-Hölzer H.U. Schmidt Musiktherapie in der deutschen Psychosomatik Psychotherapeut 48 2003 155 165

Pesek, 2005

U. Pesek MusiktherapieVersuch einer Metaanalyse. Bericht über die Ergebnisse einer Diplomarbeit im Studiengang Psychologie Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Unveröffentl. Manuskript 2005

Schmidt, 2014

H.U. Schmidt Musiktherapeutische Forschung in der Psychosomatik Psychodynamische Psychotherapie 13 2014 213 223

Schulz-Kindermann et al., 2006

F. Schulz-Kindermann H.U. Schmidt U. Hennings Künstlerische Therapien in der Onkologie: Konzepte und Forschungsergebnisse 27 2006 Deutscher Krebskongress Berlin

Wosch and Frommer, 2002

T. Wosch J. Frommer Eine Methode zur Erfassung von emotionalen Mikroprozessen. Musiktherapeutische Einzelfallforschung Psychother Psych Med 52 2002 433 435

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