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Selbsthilfegruppen

Jürgen Matzat

  • 53.1

    Einleitung569

  • 53.2

    Selbsthilfegruppen: Heilsame Gespräche ohne Therapeuten569

  • 53.3

    Anonymous-Gruppen („12 Schritte“): Eine ganz eigene Tradition571

  • 53.4

    Gemeinschaftliche Selbsthilfe bei körperlichen Erkrankungen571

  • 53.5

    Stand der Forschung572

  • 53.6

    Selbsthilfe-Kontaktstellen: Die zentrale Infrastruktur vor Ort573

  • 53.7

    Kooperation von Ärzten und Psychotherapeuten mit Selbsthilfegruppen573

Einleitung

SelbsthilfegruppenDer Psychoanalytiker und Gruppentherapeut Michael Lukas Moeller, Promotor der Selbsthilfebewegung in Deutschland, bezeichnete Selbsthilfegruppen als Identitätswerkstatt, Gruppenselbstbehandlung und Bürgerinitiative (Moeller 1987: 329). Nach Klauer (2005: 428) stehen sie etwa in der Mitte zwischen Psychotherapie und sozialer Unterstützung. Sie sind keine Psychotherapie, aber sie haben psychotherapeutische Selbsthilfegruppenpsychotherapeutische EffekteEffekte, und sind mittlerweile in unserem Gesundheitswesen als „vierte Säule“ anerkannt (Matzat 2002).
Ihre Anzahl in Deutschland wird auf bald 100 000 geschätzt, ihre Mitglieder auf 2–3 Mio. (Hundertmark-Mayser und Möller 2004). Ihr Themenspektrum reicht von Allergie bis Zöliakie, von Angst bis Zwang, aber auch von Alleinerziehenden bis zu Zwillingseltern. Über 7 000 Gruppen sind im Suchtbereich tätig (Janßen und Schneider 2013), und die Recherche im Rahmen eines Forschungsprojekts über Selbsthilfegruppen für psychisch und psychosomatisch Kranke erbrachte etwa 5 000 „Psycho“-Selbsthilfegruppen (Meyer et al. 2004). In diesem Bereich ist seither eine starke Zunahme zu beobachten.

Selbsthilfegruppen: Heilsame Gespräche ohne Therapeuten

Selbsthilfegruppen sind freiwillige, meist lose Zusammenschlüsse von Menschen, deren Aktivitäten sich auf die gemeinsame Bewältigung von Krankheiten, psychischen oder sozialen Problemen richten, von denen sie – entweder selber oder als Angehörige – betroffen sind. Sie wollen mit ihrer Arbeit keinen Gewinn erwirtschaften. Ihr Ziel ist eine Veränderung ihrer persönlichen Lebensumstände und häufig auch ein Hineinwirken in ihr soziales und politisches Umfeld. In der regelmäßigen, oft wöchentlichen Gruppenarbeit betonen sie Authentizität, Gleichberechtigung, gemeinsames Gespräch und gegenseitige Hilfe. Die Gruppe ist dabei ein Mittel, die äußere (soziale, gesellschaftliche) und die innere (persönliche, seelische) Isolation aufzuheben. Die Ziele von Selbsthilfegruppen richten sich vor allem auf ihre Mitglieder und nicht auf Außenstehende; darin unterscheiden sie sich von anderen Formen des Bürgerengagements. Selbsthilfegruppen werden nicht von professionellen Helfern geleitet; manche ziehen jedoch gelegentlich Experten zu bestimmten Fragestellungen hinzu.Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen

Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen, zit. nach Matzat (2004: 17 f.)

Als eine besondere Ausprägung gelten die GesprächsselbsthilfegruppenGesprächs-Selbsthilfegruppen, von Moeller auch „psychologisch-therapeutische“ SelbsthilfegruppenSelbsthilfegruppenpsychologisch-therapeutische genannt (Haller und Gräser 2012; Matzat 2007a, 2011; Moeller et al. 1984Haller und Gräser 2012Matzat 2007a2011Moeller et al. 1984). Im Vordergrund ihrer Arbeit steht die emotionale Be- oder Verarbeitung von Krankheiten und Krisen. Sie machen sich in besonderer Weise das Gruppenprinzip und die Heilkraft des Wortes zunutze. „Reden hilft!“ Oft sind es 6–9 Personen, die sich zu wöchentlichen Sitzungen von ca. 90 Minuten Dauer treffen. Das Setting entspricht also weitgehend dem, was in der Psychotherapie-Richtlinie (§ 18) für psychodynamische Gruppentherapie vorgegeben wird.
Man kann solche Gesprächs-Selbsthilfegruppen als eine Art Gruppentherapie ohne Therapeut verstehen. Gesprächs-Selbsthilfegruppen haben ihre Stärke in der Bearbeitung seelischer Probleme im Sinne neurotischer, psychosomatischer oder funktioneller Störungen, aber auch bei der seelischen Verarbeitung anderer Krankheiten und Krisen. Ihre GruppendynamikSelbsthilfegruppenGruppendynamik lebt von der unmittelbaren persönlichen Begegnung, von der Entwicklung vertrauensvoller kontinuierlicher Beziehungen untereinander, von Offenheit und Selbstenthüllungsbereitschaft, von Introspektion und Einfühlung, von aktivem Zuhören und dem Angebot neuer Sichtweisen, ausgehend von den Lebens- und Leidenserfahrungen der anderen Betroffenen.
Viele Mitglieder solcher Selbsthilfegruppen haben auch schon in irgendeiner Form professionelle psychotherapeutische Hilfe erfahren, von wenigen Beratungsgesprächen über längerfristige ambulante Behandlungen bis zu Aufenthalten in psychiatrischen oder psychosomatisch-psychotherapeutischen Kliniken (vgl. Höflich et al. 2007a, b; Kap. 50). Sie suchen Selbsthilfegruppen als eine Form der Nachsorge auf, als Auffrischung bei erneuten Problemen oder auch parallel als Ergänzung zu einer Einzeltherapie. Insbesondere unter Aspekten der Prävention (SelbsthilfegruppenPrävention/Rückfallprophylaxe PräventionSelbsthilfegruppenhier im Sinne von Rückfallprophylaxe), der Stabilisierung von professionell erzielten Behandlungserfolgen und der Rehabilitation (Korsukéwitz 2003); kommt diesen Gruppen enorme Bedeutung zu, die sicherlich auch ökonomisch zu Buche schlägt. Nicht ohne Grund hat die Deutsche Rentenversicherung (2007: 124) die „Vermittlung in Selbsthilfegruppen“ in ihre Klassifikation therapeutischer Leistungen in der medizinischen Rehabilitation aufgenommen. Auch in diversen Behandlungsleitlinien der AWMF werden sie als Ergänzung zur professionellen Therapie empfohlen und an deren Erstellung beteiligt (vgl. Matzat 2013).
Patienten bringen ihre Therapieerfahrungen in die Selbsthilfegruppenarbeit ein. Sie sind keineswegs naive Dilettanten, die eher noch weiteren Schaden anrichten, so wie es in der Anfangsphase der Selbsthilfegruppen-Bewegung von vielen Fachleuten befürchtet wurde (vgl. die Widerstandsanalyse von Moeller 2007, Kap. 3). Vielmehr ist SelbsthilfegruppenLaienkompetenzLaienkompetenz im psychosozialen Bereich (Müller-Kohlenberg 1996) weiter verbreitet und sehr viel wirksamer, als man gemeinhin annimmt. Die berühmte Vanderbilt-I-SelbsthilfegruppenVanderbilt-I-StudieStudie (vgl. Strupp 2000: 6) machte deutlich, wie erstaunlich erfolgreich Laientherapeuten sein können, wenn sie – spontan – bestimmte Variablen realisieren, die als unspezifische SelbsthilfegruppenWirkfaktorenunspezifischeWirkfaktoren in Psychotherapien gelten.

Idealerweise wird jedes Mitglied in einer Selbsthilfegruppe zum Co-Patienten und zum Co-Therapeuten zugleich und oszilliert, je nach Situation, zwischen diesen Rollen. Der Gruppentherapeut wird tendenziell ersetzt durch die Integration (nicht nur Addition) salutogener Potenziale (der gesunden Ich-Anteile der Mitglieder).

Gerade in Deutschland mit seinem besonders umfangreichen psychotherapeutischen Versorgungssystem und seiner tiefenpsychologischen Tradition ist entsprechendes Wissen längst in Alltagssprache und Alltagswissen eingesickert. Andererseits besteht selbstverständlich ein gewisses Risiko, dass sich Einzelne zu Mini-Therapeuten aufschwingen, dass persönliche Abhängigkeiten entstehen und ernsthafte seelische Probleme übersehen oder vernachlässigt werden.
Nach bald 40-jähriger Praxiserfahrung in der Anregung, Unterstützung und Beratung solcher Selbsthilfegruppen lässt sich allerdings sagen, dass diese Gefahr wohl eher als gering einzuschätzen ist. Die unkontrollierte Überhitzung von Emotionen kommt selten vor; das sehr viel häufigere Problem ist die Verflachung, der Ausbruch von Langeweile, ein Trend zum Kaffeeklatsch. Dass dies unbewusste Abwehrstrategien der Gruppen zur Vermeidung von Konflikten und „heißen Themen“ sein können, zeigt sich in supervisionsartigen Beratungsgesprächen mit Fachleuten, falls solche von den Gruppen in Anspruch genommen werden. Auch die Einfachheit des Dropout – man geht einfach nicht mehr hin – dient sicherlich oft als Ventil, wenn es jemandem zu eng wird. Die Chance zur Bearbeitung und zur möglichen Veränderung wird dann allerdings verpasst, und in gewissem Sinne wird auch die Selbsthilfegruppe als Ganzes geschädigt. Diese muss nämlich selber für ihr eigenes Weiterbestehen sorgen – eine Verantwortung, die Patienten in professioneller Gruppentherapie den Therapeuten überlassen können. Therapieabbrüche und Therapieresistenz, negative therapeutische Reaktionen und unerwünschte Nebenwirkungen sind zwar auch aus der professionellen Psychotherapie bekannt (Linden und Strauß 2013), aber die vergleichsweise hohe Dropout-Quote ist ein spezielles Problem gerade für Gesprächs-Selbsthilfegruppen-SelbsthilfegruppenDropout-Rate, da diese in besonderer Weise auf die kontinuierliche und verlässliche Teilnahme und Beteiligung ihrer Mitglieder am Gruppenprozess angewiesen sind.

Auch die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe erfordert ComplianceSelbsthilfegruppenComplianceComplianceSelbsthilfegruppen, wenn sie wirksam sein soll, und gewiss besteht auch hier ein Dosis-Wirkungs-SelbsthilfegruppenDosis-Wirkungs-ZusammenhangZusammenhang. Moeller (1978, Kap. 7) betonte daher das „Kontinuitätsprinzip“.

Positiv könnte man allerdings auch von einer Art Probeteilnahme zur Überprüfung der „Selbstindikation“ sprechen, die insgesamt zu einem Prozess der Selbstselektion der Teilnehmer führt. Wem es hilft, der bleibt. Neben dem eigenen Leidensdruck muss auch ein hohes Maß an Verantwortlichkeit für die anderen und für die Gruppe als Ganzes bei allen Beteiligten vorhanden sein. Es muss eine Art multiples Arbeitsbündnis geschlossen werden – und das auch noch in einer Gruppe, die eher zufällig, jedenfalls unsystematisch (bis auf die gemeinsame Betroffenheit) zusammengesetzt ist.
Gruppenselbsthilfe kann überhaupt nur bei einem hohen Maß von Engagement der Beteiligten gelingen. Psychoanalytisch würde man von gesunden Persönlichkeitsanteilen, Ich-Stärke oder Struktur sprechen, allgemeiner von notwendigen Ressourcen, über die die Gruppenmitglieder verfügen müssen. In der Debatte über Selbsthilfegruppen und ihre segensreichen Wirkungen wird dies allzu gern vergessen: Selbsthilfegruppen liefern nicht nur einen SelbsthilfegruppenInput/OutputOutput (Hilfe, Unterstützung, Information, Erfahrungsaustausch etc.), sondern sie benötigen auch einen Input, und der muss praktisch ausschließlich von den Mitgliedern selber kommen.
Wer jedoch solche Ressourcen nicht (oder nicht mehr oder noch nicht wieder) aktivieren kann (vgl. Grawe und Grawe-Gerber 1999), für den wird der Selbsthilfegruppen-Ansatz eben nicht infrage kommen. Ähnlich wie in der professionellen Psychotherapie muss zwischen Person und „Methode“ eine hinreichende Passung bestehen, sonst ist erfolgreiche Arbeit nicht zu erwarten. Aus diesem Grund sind Selbsthilfegruppen auch nicht wie übliche Versorgungsangebote planbar und verlässliche Leistungserbringer, aus diesem Grund kann die Teilnahme nicht verschrieben werden, und aus diesem Grund können sie keinen Versorgungsauftrag übernehmen.

Anonymous-Gruppen („12 Schritte“): Eine ganz eigene Tradition

Ein ganz besonderer Fall sind die Anonymen oder 12-Schritte-SelbsthilfegruppenAnonymous-GruppenSelbsthilfegruppen12-Schritte-SelbsthilfegruppenAnonymous-GruppenSelbsthilfegruppen. Sie dürften der populärste Selbsthilfegruppentyp überhaupt sein, und ihre Wirksamkeit ist wissenschaftlich gut untersucht (z. B. Bottlender und Soyka 2005; Humphreys 2004; Kownacki et al. 1999Bottlender und Soyka 2005Humphreys 2004Kownacki et al. 1999). Sämtliche Anonymous-Gruppen haben ihre jeweiligen Programme und Verfahrensweisen von den Anonymen AlkoholikernAnonyme Alkoholiker (AA) abgeleitet (Kap. 57). Es sind offene Gruppen; d. h., jederzeit können neue Betroffene hinzustoßen, ohne weitere Regularien, wenn sie nur den ernsthaften Wunsch haben, von ihrer Sucht loszukommen, emotional gesund zu werden und diese Gesundheit zu erhalten. Es gibt keine formale Mitgliedschaft, keine Vereinsvorstände, Satzungen o. Ä. Der Sitzungsleiter hat im Wesentlichen die Aufgabe, das Wort zu erteilen – eine Rolle, die in bestimmten Zeitabständen wechseln soll. Die Redebeiträge werden stets mit einer Art Bekenntnis eingeleitet („Ich heiße Peter, und ich bin Alkoholiker“ oder „Ich heiße Brigitte, und ich bin magersüchtig“), womit der sonst üblichen Verleugnung von Sucht und seelischer Krankheit demonstrativ ein Ende gemacht werden soll.
Inhaltlich bestehen sie aus Erzählungen über das eigene Schicksal, die Erkrankung, Versuche ihrer Bewältigung, Rückfälle und Rückschläge, wichtige Ereignisse aus der vergangenen Woche oder aus der Lebensgeschichte, Pläne und Vorhaben für die Zukunft, Ängste und Freuden. Die Gesprächsregeln der Anonymous-Gruppen verbieten es, nachzufragen oder Ratschläge zu erteilen; jeder spreche über sich selbst. Diese Redeweise ist für viele Menschen zunächst befremdlich, vor allem wenn sie bereits über andere Gruppenerfahrungen verfügen. Dennoch findet natürlich „identifikatorische Anonymous-Gruppenidentifikatorische ResonanzResonanz“ statt (vgl. Moeller 1996, Kap. 4). Was eben von anderen gesagt wurde, löst kognitive und insbesondere emotionale Reaktionen in den Zuhörern aus und wird ihre nächsten Redebeiträge beeinflussen, und dies umso mehr, da Anonymous-Gruppen vom jeweiligen Krankheitsbild her äußerst homogen zusammengesetzt sind – so jedenfalls die Selbstwahrnehmung der Anonymous-GruppenSelbstwahrnehmung der MitgliederMitglieder. Die Ähnlichkeit der Lebensläufe ist für neue Gruppenmitglieder oft frappierend. „Die anderen erzählen ja meine Geschichte!“, sagen sie. Erfolgreiche Gruppenmitglieder sind lebendige Hoffnung und Ansporn, selber auch Verantwortung zu übernehmen und einen eigenen Beitrag zur Genesung zu leisten. Und zwar mit und durch, zugleich aber auch für die anderen Gruppenmitglieder. „Du allein kannst es, aber du kannst es nicht allein“, heißt es bei den Anonymen Alkoholikern.
Eine andere Eigenheit der Anonymous-Gruppen drückt sich bereits in ihrer Namensgebung aus: Das Gruppenmitglied braucht seine Identität nicht preiszugeben. Die Anrede mit Vornamen ist obligatorisch; Angaben zur Person werden nicht verlangt. Es gibt keinerlei schriftliche Aufzeichnungen, keine Aktenführung. Die Aufforderung „Was du in diesen vier Wänden hörst, lass es hier!“ hängt in vielen Räumen, die von Anonymous-Gruppen für ihre Treffen genutzt werden. Diese Schweige(selbst)Anonymous-GruppenSchweige(selbst)verpflichtungverpflichtung und die weitgehende Anonymität sind gerade für Menschen mit SuchtkrankheitenSuchterkrankungenAnonymous-GruppenAlkoholabhängigkeit/-missbrauchAnonymous-Gruppen und seelischen Störungen von großer Bedeutung, um ihre Ängste vor gesellschaftlicher Missachtung und ganz realen Nachteilen zu dämpfen. Dies trägt erheblich zur Niederschwelligkeit solcher SelbsthilfegruppenSelbsthilfegruppenNiederschwelligkeit bei.

Das Anonymous-Konzept hat eine bemerkenswerte Verbreitung gefunden, geografisch über die ganze Welt (Mäkelä et al. 1996), thematisch über verschiedene Süchte, auch für Angehörige von Suchtkranken und für Menschen mit anderen Problemen, z. B. die OA (Overeaters Anonymous) für Menschen mit EssstörungenEssstörungenAnonymous-GruppenOvereaters Anonymous, die EA (Emotions Anonymous) für Menschen mit Problemen der emotionalen Gesundheit (will sagen: mit psychischen StörungenPsychische StörungenAnonymous-Gruppen), die BA (Borderline Borderline-PersönlichkeitsstörungAnonymous-GruppenAnonymous), CoDA (Co-Dependent CoDA (Co-Dependent Anonymous)Anonymous) usw.

Diese Gruppen stellen wohl die erfolgreichste Laienbewegung im Gesundheitsbereich dar. In den USA sind sie extrem populär, werden oft fast mit der Selbsthilfegruppen-Bewegung gleichgesetzt. In Deutschland spielen sie in der öffentlichen, z. T. auch in der fachöffentlichen Debatte über Selbsthilfegruppen und deren Förderung vor allem deswegen nur eine untergeordnete Rolle, weil sie weitgehend expertenfern arbeiten und finanzielle Unterstützung von außen ebenso ablehnen wie politische Stellungnahmen und lobbyistische Interessenvertretung. In ihrem ganzen Ansatz sind sie radikal individuumzentriert („Ich muss das erste Glas stehen lassen!“).

Gemeinschaftliche Selbsthilfe bei körperlichen Erkrankungen

Ganz anders als mit den weitgehend innenorientierten Gesprächs-Gesprächs-SelbsthilfegruppenSelbsthilfegruppen oder den politisch bewusst abstinenten Anonymous-Gruppen verhält es sich mit den z. T. recht großen SelbsthilfeorganisationenSelbsthilfeorganisationen chronisch Kranker und Behinderter (Danner et al. 2009). Sie sind sehr wohl in der gesundheits- und sozialpolitischen Arena präsent. Sie nehmen Einfluss auf Gesetzgebungsverfahren, werden als Sachverständige gehört und vertreten die Interessen der Betroffenen ähnlich einer „Patientengewerkschaft“. Seit 2004 sind sie sogar im Gemeinsamen Bundesausschuss vertreten, dem obersten Beschlussgremium des deutschen Gesundheitswesens (Danner und Matzat 2007; Etgeton 2009Danner und Matzat 2007Etgeton 2009).
In ihren Verbandszeitschriften werden auch psychologische Themen, mögliche psychosomatische Zusammenhänge, Copingmechanismen, Auswirkungen auf Partnerschaft und Familie etc. aufgegriffen. Dies geschieht in Form von Erfahrungsberichten Gesprächs-SelbsthilfegruppenErfahrungsberichte BetroffenerBetroffener (bzw. Angehöriger) oder durch Gastbeiträge von Gesprächs-SelbsthilfegruppenBeiträge von FachleutenFachleuten.
Auf örtlicher Ebene entstehen Selbsthilfegruppen von Menschen mit körperlichen Erkrankungen, die zumindest teilweise psychosoziale Arbeit Selbsthilfegruppenpsychosoziale Arbeitleisten (vgl. z. B. Matzat 2012; Wendt 2003Matzat 2012Wendt 2003). Andererseits findet man gelegentlich bei bestimmten Selbsthilfegruppen auch antipsychologische Affekte, etwa wenn es um sog. Umweltkrankheiten oder somatoforme Störungen geht. Hier wird der Psychosomatiker eher als Bedrohung empfunden, da man ja „nicht verrückt“ ist, sondern „wirklich etwas hat“. Irrationale Krankheitstheorien können noch gegenseitig verstärkt werden. Kontakt zu solchen Gruppen wäre am ehesten über einen somatopsychischen Ansatz (Verarbeitung von Krankheitsfolgen) denkbar.
Von den SelbsthilfeorganisationenSelbsthilfeorganisationen können Betroffene Standardbroschüren beziehen, die Krankheitsbilder allgemeinverständlich erklären, Tipps für Ernährungsumstellung, Gymnastik oder Vorsorgeuntersuchung geben, Aufklärung über Diagnose- und Behandlungsmöglichkeiten leisten und schließlich Informationen über Rechtsansprüche etwa auf Kuren und Rehabilitationsmaßnahmen oder einen Schwerbehindertenausweis und entsprechende Vergünstigungen erhalten.

Selbsthilfeorganisationen leisten in diesem Sinne Bildungsarbeit (health literacyHealth literacy) und tragen zum SelbsthilfeorganisationenEmpowermentPatientenEmpowermentSelbsthilfeorganisationenEmpowerment der Betroffenen bei.

Kühner et al. (2006) sowie Noeres et al. (2011) konnten z. B. zeigen, dass Brustkrebspatientinnen, die sich einer Selbsthilfegruppe angeschlossen hatten, sich von Nichtmitgliedern im Hinblick auf ihren Wissenstand über Erkrankung, Prävention und Nachsorge positiv unterschieden.
Die Verbesserung des Informationsstandes kann für den Betroffenen durchaus auch psychotherapeutische Effekte haben. Verwirrung, Desorientiertheit und Panik, wie sie infolge einer schwerwiegenden Diagnose auftauchen können, werden so verringert. Selbsthilfegruppen wirken Vereinsamung und sozialer Isolation entgegen, einem bedeutsamen Risikofaktor für eine verminderte Lebensqualität und bei manchen chronischen Krankheiten auch für eine schlechtere Krankheitsprognose (Holt-Lundstad et al. 2010).

Es ist bekannt, dass sich Menschen, die anderen helfen, vergleichsweise wohler fühlen und gesünder sind (Spitzer 2006a, bSpitzer 2006ab). Der Selbsthilfeforscher Frank Riessman (1965) sprach vom „helper therapy principle“Selbsthilfegruppenhelper therapy principle: Helfen hilft.

Durch die Ähnlichkeit oder sogar Gleichheit der Erkrankung sind Betroffene in Selbsthilfegruppen allerdings wohl auch vom sog. HelfersyndromHelfersyndrom (vgl. Schmidbauer 2004) stärker bedroht als professionelle Helfer, sind doch die Rollen des Hilfegebenden und Hilfeempfangenden bei ihnen nie klar zu trennen. Beide werden von ein und derselben Person verkörpert, je nach Situation, Krankheitsverlauf und Position in der Gruppe oder im Verband. Selbsthelfer verfügen bei drohender „Verstrickung in Übertragung und Gegenübertragung“ (Müller-Kohlenberg 1996: 201) in der Regel auch nicht über die Korrektive von Supervision oder kollegialer Beratung, auf die im professionellen Versorgungssystem zurückgegriffen werden kann. Allerdings können sie sich ggf. an Selbsthilfe-KontaktstellenÜbertragungSelbsthelferGegenübertragungSelbsthelfer (Kap. 53.6) wenden.

Stand der Forschung

SelbsthilfegruppenForschungsstandSelbsthilfegruppen haben keine einheitliche Vorgehensweise; sie sind keine „Methoden“ im engeren Sinne, keine health technology; sie sind nicht standarisiert, kontrolliert oder manualisiert. Sie sind vielmehr selbst gemacht, spontan, autonom, eigenverantwortlich, auf persönliche Erfahrungen und Vorstellungen gestützt, sozusagen „Bürgerinitiativen in Sachen eigener (seelischer) Gesundheit“. Eine soziale Bewegung (vgl. Borgetto 2013) lässt sich nicht randomisieren. Wer von den Selbsthilfegruppen spricht, unterliegt daher schnell einem Uniformitätsmythos.
Dies ist auch einer der Gründe für den vergleichsweise kleinen und fragmentarisch wirkenden body of evidence empirischer Selbsthilfegruppen-Forschung. Gegenstand (Art und Thematik der Selbsthilfegruppe), Methodik und Design (kaum kontrollierte Studien oder gar RCTs) sind höchst unterschiedlich. Als ein populäres – und gut untersuchtes – Beispiel kann hier auf die Sucht-Selbsthilfe verwiesen werden. Bei dauerhaftem Besuch einer Selbsthilfegruppe erlangen 70–80 % der Suchtkranken (von denen übrigens etwa 30 % ohne professionelle Vorbehandlung direkt zur Selbsthilfe gehen!) eine „zufriedene Abstinenz“ (Gövert 2004: 218SelbsthilfegruppenWirksamkeit). „Die generelle Wirksamkeit von Nachsorge, sei es in Form von Selbsthilfegruppen oder als professionelle Nachsorge, erscheint ausreichend empirisch nachgewiesen“ (Küfner 2004: 249), wobei die Präferenz des Patienten von entscheidender Bedeutung ist!
Eine interessante Studie, der man wegen ihrer Realitätsnähe im Sinne der Versorgungsforschung eine hohe externe Validität zubilligen möchte, ist die Replikation der berühmten Consumer Reports Study (Seligman 1996) für Deutschland durch Hartmann (2006). Er befragte – entsprechend dem amerikanischen Original – neben Psychotherapiepatienten auch Selbsthilfegruppenmitglieder. Über 88 % von ihnen gaben „viel“ oder „etwas“ Symptombesserung an, wobei 29 % „absolut“, 34 % „sehr“ und 29 % „ziemlich zufrieden“ mit ihrer Selbsthilfegruppe waren. Diese Werte waren fast identisch mit denen der Psychotherapiepatienten in der Studie. Ähnliche Befunde berichten Höflich et al. (2007a, b)Höflich et al. 2007ab. In einem Review von Effektivitätsstudien fanden Pistrang et al. (2008: 110) 12 Studien mit „limited but promising evidence“ dafür, dass Menschen mit psychischen Störungen von Selbsthilfegruppen profitieren. Zusammenstellungen weiterer Studien zur Wirksamkeit von Selbsthilfegruppen finden sich z. B. bei Bottlender und Soyka (2005), Borgetto (2004), Höflich et al. (2007a), Humphreys (2004), Klytta und Wilz (2007), Kyrouz et al. (2002) und Söllner (2003)Bottlender und Soyka (2005)Borgetto (2004)Höflich et al. (2007a)Humphreys (2004)Klytta und Wilz (2007)Kyrouz et al. (2002)Söllner (2003).
Folgendes Zitat von Klytta und Wilz (2007: 91) dürfte den Stand der Dinge zutreffend beschreiben: „Angesichts des naturalistischen Studiendesigns kann man deshalb durchaus von einer positiven Bilanz sprechen, die für die Effektivität von SHGs spricht.“ Oder wie es Humphreys (2004: 126 f.) nach Sichtung von über 500 Studien zur Wirksamkeit von Selbsthilfegruppen ausdrückt: „The facts we have so far are friendly.“
Was psychotherapeutische Wirkfaktoren in SelbsthilfegruppenSelbsthilfegruppenWirkfaktorenpsychotherapeutische angeht, sind wir auf Analogieschlüsse und Hypothesen ausgewiesen, da es eine systematische Prozessforschung jenseits klinischer Beobachtungen, Fallstudien und Selbsterfahrungsberichte von Betroffenen (z. B. Daum 1984; Lübke 1995; Matzat und Spangenberg 1989; Stübinger 1977; Taubmann und vo Wietersheim 2008; Vogel 1991Daum 1984Lübke 1995Matzat und Spangenberg 1989Stübinger 1977Taubmann und vo Wietersheim 2008Vogel 1991 sowie eine Vielzahl von Artikeln in den Selbsthilfegruppenjahrbüchern der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen seit 1999) nicht gibt.
Matzat (1999a) diskutiert in diesem Sinne einige intendierte Vorgehensweisen psychotherapeutischer Verfahren, die möglicherweise auch in psychologisch-therapeutischen Selbsthilfegruppen ihre Wirkung entfalten. Daneben dürften die bekannten gruppenspezifischen Wirkfaktoren (vgl. z. B. Strauß und Mattke 2015) auch in Selbsthilfegruppen zum Tragen kommen. Vermutlich sind aber auch hier eher die unspezifischen Faktoren (Kap. 32) entscheidend, vor allem die Beziehung (hier die zwischen den Gruppenmitgliedern), auch im Sinne einer guten therapeutischen Allianz (vgl. Wampold 2001), allgemeine salutogene Wirkfaktoren (Borgetto 2004: 169 ff.), die Vermittlung von Hoffnung, das Gefühl von Selbstwirksamkeit(serfahrungen)SelbsthilfegruppenSelbsthilfegruppenSelbstwirksamkeitSelbstwirksamkeit, die erfahrene Zuwendung und emotionale Unterstützung, letztlich eine tragende therapeutische Gemeinschaft mit einem „therapeutischen Milieu“, wie es auch für die professionelle Gruppentherapie oder die stationäre Psychotherapie beschrieben wird (Strauß und Mattke 2015).

Selbsthilfe-Kontaktstellen: Die zentrale Infrastruktur vor Ort

Selbsthilfe-Selbsthilfe-KontaktstellenKontaktstellen gelten neben örtlichen Selbsthilfegruppen und überregionalen Selbsthilfeorganisationen als das dritte Element der Selbsthilfe in Deutschland. Viele von ihnen sind aus der Selbsthilfebewegung heraus entstanden. Sie stehen sozusagen mit einem Bein in der professionellen und mit dem anderen in der Selbsthilfewelt. Ihre Wirksamkeit bzgl. Anzahl und Themenvielfalt von Selbsthilfegruppen in der jeweiligen Region konnte empirisch gezeigt werden (Stremlow 2006). Der Begriff „Selbsthilfe-Kontaktstelle“ hat sich in den letzten 30 Jahren zu einem Terminus technicus entwickelt, der auf ein Arbeitsgebiet mit spezieller Fachlichkeit, mit eigenen Fähigkeiten, Fertigkeiten und Werthaltungen hinweist (vgl. Bobzien et al. 2006; Matzat 1999).
Zu den grundlegenden Aufgaben der Selbsthilfe-KontaktstellenSelbsthilfe-KontaktstellenAufgaben gehört es,
  • Interessenten über das allgemeine Konzept von Selbsthilfegruppen zu informieren,

  • den Zugang zu bestehenden Gruppen zu eröffnen,

  • bei der Gründung neuer Gruppen behilflich zu sein,

  • bestehende Gruppen – sofern gewünscht – bei auftauchenden Problemen zu beraten,

  • als Drehscheibe den Selbsthilfebereich mit dem professionellen Versorgungssystem zu verknüpfen,

  • den Ansatz eigenverantwortlicher Selbsthilfegruppen-Arbeit öffentlich zu vertreten.

Die Beratung von Selbsthilfegruppen-Interessenten mit seelischen und psychosozialen Problemen sowie die Kooperation mit „Psycho“-Selbsthilfegruppen (Matzat 2007b; Meyer 2004; Moeller 2007) hat in der Selbsthilfe-Kontaktstelle einen besonderen Stellenwert.
Kontaktstellen für Selbsthilfegruppen haben sich in doppelter Weise zu einer Drehscheibe zwischen dem professionellen Versorgungssystem und dem Selbsthilfesystem entwickelt. Zum einen werden sie vermehrt von Fachleuten der medizinischen und psychosozialen Versorgung in Anspruch genommen, die nach Selbsthilfemöglichkeiten für ihre jeweilige Klientel fragen. Man denke etwa an Rehabilitationskliniken, die oft weit entfernt vom Heimatort der Patienten stationäre Behandlungen durchführen und natürlich genau wissen, dass ein längerfristiger Therapieerfolg nur über die Stabilisierung vor Ort im Alltagsleben gesichert werden kann, oder an niedergelassene Psychotherapeuten, die sich von Selbsthilfegruppen eine Art Nachsorge für ihre Patienten versprechen, wenn die Dosisbegrenzung der Psychotherapie-Richtlinie das Ende der Behandlung erzwingt. Umgekehrt informieren Selbsthilfe-Kontaktstellen anfragende Betroffene oft auch über professionelle Einrichtungen, an die sie sich noch mit ihren Problemen wenden könnten, darunter häufig solche aus dem Gebiet der Psychosomatik und Psychotherapie. Informationen über Selbsthilfe-Kontaktstellen wie auch über landes- bzw. bundesweite Selbsthilfeorganisationen sind bei den unten aufgeführten nationalen Selbsthilfezentren erhältlich.

Kooperation von Ärzten und Psychotherapeuten mit Selbsthilfegruppen

Wenn Selbsthilfe-Kontaktstellen die SelbsthilfegruppenKooperation mit Ärzten/Psychotherapeutenzentrale Einrichtung zur themenübergreifenden Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen vor Ort sind, so besteht doch bei vielen Selbsthilfegruppen darüber hinaus ein dringendes Interesse an der Kooperation mit spezialisierten Experten. Die Patienten möchten sich durch Fachvorträge über die jeweiligen Krankheiten sowie diagnostische, therapeutische und rehabilitative Möglichkeiten informieren und eigene Erfahrungen, z. B. mit Nebenwirkungen und sonstigen Folgen medizinischer Maßnahmen, diskutieren. Der zweite große Wunsch der Selbsthilfe an Ärzte und Therapeuten ist die Zuweisung neuer Interessenten.
Slesina und Knerr (2007) konnten zeigen, wie sich die Zusammenarbeit von Ärzten und Selbsthilfegruppen über die letzten Jahre gestaltet hat. Krankenhäuser und Praxen bieten eine ideale Gelegenheit, Patienten auf die Existenz von Selbsthilfegruppen und SelbsthilfeorganisationenSelbsthilfeorganisationen hinzuweisen und ggf. zur Teilnahme zu ermutigen (vgl. z. B. Laumen und Langenbach 2014). Von besonderer Bedeutung dürfte die Zusammenarbeit von Reha-Einrichtungen (Kap. 52) mit der Selbsthilfe sein (Lindow et al. 2011). Dies setzt allerdings einen hinreichenden Informationsstand der Profis und eine selbsthilfefreundliche Einstellung voraus. Befragungsergebnisse hierzu von Scholze (2008) zeigen ein positives Bild. Die in den KVen organisierte Ärzteschaft bemüht sich seit Jahren um eine bessere Kooperation mit der Selbsthilfe (Litschel 2009). Wie sich das im Einzelfall konkret gestalten kann, hat der Diabetologe Hans-Peter Filz (2012) beispielhaft gezeigt.
Eine besonders elaborierte Form der Beratung von bzw. mit Selbsthilfegruppen von psychisch und psychosomatisch Kranken stellt das „Gesamttreffen“ SelbsthilfegruppenGesamttreffendar, wie es von Moeller und seiner Arbeitsgruppe in Gießen entwickelt wurde (Moeller 1996, Kap. 8). Hierzu werden alle Selbsthilfegruppen zu „Psycho“-Themen der Region eingeladen, um ihre Erfahrungen mit der Gruppenselbsthilfe auszutauschen, aufgetretene Schwierigkeiten zu bearbeiten und Anregungen für das weitere Vorgehen zu erhalten. Die Leiter des Gesamttreffens, psychotherapeutisch versierte Selbsthilfegruppen-SelbsthilfegruppenBeraterBerater, haben hier nicht nur Moderatorenfunktion, sondern geben auch fachliche Kommentare, helfen zum Verständnis von Widerständen und stellen Wissen aus der professionellen Einzel- und Gruppentherapie zur Verfügung. Je länger sie diese Arbeit tun, umso mehr werden sie auch zu „Hütern“ des in den Selbsthilfegruppen gesammelten Praxiswissens. Dabei ist eine ressourcenorientierte Grundhaltung der Selbsthilfegruppen-Berater von zentraler Bedeutung. Es gilt, Lösungsideen zu entdecken und zu entwickeln, die in der jeweiligen Gruppe – oder in den Geschwistergruppen auf dem Gesamttreffen – bereits vorhanden, aber vielleicht noch nicht ausgesprochen waren. Die wichtigste Technik besteht darin, nicht vorschnell kluge Antworten, brillante Deutungen oder erfolgversprechende Handlungsanweisungen zu geben, sondern durch Rückfragen bei allen Vertretern der Selbsthilfegruppen nach lehrreichen Erfahrungen und spontanen Ideen zu fragen. Der Berater soll als Modell dafür stehen, dass in Selbsthilfegruppen in aller Regel das Potenzial vorhanden ist, die anstehenden Fragen erfolgreich zu bearbeiten.
Ein analoges Vorgehen empfiehlt sich bei der Beratung, Supervision oder Starthilfe für einzelne Psycho-Selbsthilfegruppen (z. B. Daum und Leszczynska-Koenen 1991; Maurer et al. 1991; Matzat und Spangenberg 1989Daum und Leszczynska-Koenen 1991Maurer et al. 1991Matzat und Spangenberg 1989), um das „Umkippen“ der Selbsthilfegruppe in eine professionell geleitete Gruppentherapie zu vermeiden.
Bereits etabliert und seit Langem unbestritten ist die Zusammenarbeit zwischen dem professionellen Versorgungssystem und Selbsthilfegruppen vor allem auch als Nachsorgemöglichkeit im Bereich der Suchterkrankungen (Bürkle 2004; Hüllinghorst 2007Bürkle 2004Hüllinghorst 2007). Im Suchtbereich ließe sich wohl ohne große Übertreibung von einem „Kunstfehler“ sprechen, wenn versäumt würde, einen Patienten über Selbsthilfegruppen zu informieren. Jedenfalls ist es dort absoluter Standard. Es ist zu vermuten, dass dies in absehbarer Zeit auch für andere Fachgebiete der Medizin zutreffen wird. Die Kooperation mit Selbsthilfegruppen dürfte aus Patientensicht zu einem Qualitätsmerkmal von Kliniken und Praxen werden.Selbsthilfeorganisationenzentrale InformationsstellenSelbsthilfe-Kontaktstellenzentrale InformationsstellenSelbsthilfegruppenzentrale Informationsstellen

Zentrale Informationsstellen für alle Fragen zu Selbsthilfegruppen, Selbsthilfeorganisationen und Selbsthilfe-Kontaktstellen

NAKOS,

NAKOS (Nationale Kontakt- und Informationsstelle zur Anregung und Unterstützung von Selbsthilfegruppen), Otto-Suhr-Allee 115, D-10627 Berlin Tel: 030–31 01 89 60; Internet www.nakos.de

Österreich

ARGE Österreich, Simmeringer Hauptstr. 24, A-1110 Wien Tel: +43–1 740 40 28 55; Internet www.selbsthilfe-oesterreich.at

Schweiz

Selbsthilfe Schweiz, Laufenstr. 12, CH-4053 Basel Tel. 061–333 86 01; Internet www.selbsthilfeschweiz.ch

Literaturauswahl

Danner et al., 2009

M. Danner C. Nachtigäller A. Renner Entwicklungslinien der Gesundheitsselbsthilfe. Erfahrungen aus 40 Jahren BAG SELBSTHILFE Bundesgesundheitsbl 52 2009 3 10

Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen (1999 ff.)

Deutsche Arbeitsgemeinschaft Selbsthilfegruppen (1999 ff.) Selbsthilfegruppenjahrbuch www.dag-shg.de/service/jahrbuecher

Haller and Gräser, 2012

F. Haller H. Gräser Selbsthilfegruppen 2012 Beltz Juventa Weinheim und Basel

Höflich et al., 2007b

A. Höflich J. Matzat F. Meyer Inanspruchnahme von Selbsthilfegruppen und Psychotherapie im Anschluss an eine stationäre psychosomatisch-psychotherapeutische Behandlung Psychother Psychosom Med Psych 57 2007 213 220

Humphreys, 2004

K. Humphreys Circles of Recovery Self-help organizations for addictions 2004 Cambridge University Press Cambridge

Hundertmark-Mayser and Möller, 2004

J. Hundertmark-Mayser B. Möller Selbsthilfe im Gesundheitsbereich. Gesundheitsberichterstattung des Bundes. Heft 23 2004 Robert-Koch-Institut Berlin

Kyrouz et al., 2002

E. Kyrouz K. Humphreys C. Loomis A review of research on the effectiveness of self-help mutual aid groups B. White E. Madara The Self-Help Group Sourcebook. 7th ed 2002 American Self-Help Group Clearinghouse Cedar Knolls, NJ www.mazi.org.gr/images/stories/KyrouzHumphreys_2002.pdf

Moeller, 1996

M.L. Moeller Selbsthilfegruppen 1996 Rowohlt Reinbek

Moeller, 2007

M.L. Moeller Anders helfen. Selbsthilfegruppen und Fachleute arbeiten zusammen 2007 Psychosozial-Verlag Gießen

Pistrang et al., 2008

N. Pistrang C. Barker K. Humphreys Mutual help groups for mental health problems: A review of effectiveness studies Am J Community Psychol 42 2008 110 121

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