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B978-3-437-21833-0.00021-8

10.1016/B978-3-437-21833-0.00021-8

978-3-437-21833-0

Soziopsychosomatik

Burkhard Brosig

Julian Möhring

Kathrin Müller

  • 21.1

    Psychosomatik im historischen Kontext: Neubeginn nach 1945233

  • 21.2

    Familie und soziale Welt im Spiegel der Epidemiologie234

    • 21.2.1

      Epidemiologisch relevante Indikatoren234

    • 21.2.2

      Sozialer Status234

    • 21.2.3

      Migrationsspezifische Einflüsse auf die Gesundheit235

  • 21.3

    Politischer Wandel und Gesundheit236

  • 21.4

    Familiäre Risikofaktoren und Gesundheit237

  • 21.5

    Sozialisation und Gesundheit238

  • 21.6

    Sozialtherapeutische Interventionen und ihre Effekte239

    • 21.6.1

      Frühe Hilfen239

    • 21.6.2

      Familienerhaltende sozialtherapeutische Interventionen239

  • 21.7

    Eine zusammenfassende Perspektive auf Krankheit, Körper und Gesellschaft240

Psychosomatik im historischen Kontext: Neubeginn nach 1945

SoziopsychosomatikDie Geschichte der deutschen PsychosomatikPsychosomatikhistorischer Kontext weist im internationalen Vergleich einige Besonderheiten auf. Sie ist nicht ohne Kenntnis des historischen Kontextes zu verstehen. Insbesondere die Identifizierung vieler, gerade auch universitärer psychiatrischer, pädiatrischer und internistischer Einrichtungen mit den eugenischen Zielen der NS-Diktatur, kodifiziert im Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses (RGBl 1933), mit der Folge der Sterilisation und Vernichtung von chronisch Kranken, familiär durch Erbkrankheiten Stigmatisierten und psychiatrischen Patienten, führte nach 1945 dazu, dass Kliniken und Abteilungen an Universitäten entstanden, die sich als eigenständige Institutionen für Psychotherapie und Psychosomatik behaupten konnten (vgl. hierzu die medizinhistorische Analyse von Roelcke 2004a, b) und sich als psychosozialer Gegenentwurf zur etablierten medizinischen Praxis verstanden.
Der erste universitäre Lehrstuhl für Psychosomatik und Psychotherapie wurde 1962 am Klinikum der Justus-Liebig-Universität Gießen von Horst-Eberhard Richter eingenommen. Dieser Meilenstein universitärer Etablierung des Fachs Psychosomatik und Psychotherapie steht im Zusammenhang mit Alexander Mitscherlichs politisch und sozial engagiertem Wirken und seiner Aufarbeitung nationalsozialistischer Schuld nach 1945 (Mitscherlich 1980). Die Vernetzung von biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren konnte in Gießen besonders weitgehend institutionell verankert werden, weil es hier gelang, ein eigenständiges, interdisziplinäres Zentrum für Psychosomatische Medizin aufzubauen. In den Abteilungen für medizinische Psychologie, Soziologie und schließlich der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie konnte so eine interdisziplinär forschende Soziopsychosomatik entstehen.
Der emanzipatorische, vielfach kultur- und immer sozialkritische Gestus der Gießener psychosomatischen Bewegung, die ihre Wurzeln in der Psychoanalyse sah, spiegelte sich in den Forschungsthemen wider, die von Richter und seinen Arbeitsgruppen in den Jahren 1962–1992 aufgegriffen wurden. Dabei spielte die Aufarbeitung der NS-Geschichte und ihre Auswirkungen auf die medizinische Praxis eine zentrale Rolle (Richter 1986). Beispielhaft dafür war ein Projekt zur Krankheitsverarbeitung von Chorea Huntington, in der sowohl die nationalsozialistische Eugenik im Umgang mit dieser Erbkrankheit rezipiert als auch deren Auswirkungen auf Familiendynamik und Inanspruchnahme von prädiktiver Diagnostik reflektiert werden konnte (Brosig 1998).
Die psychosoziale Forschung ging dabei aus einer familientherapeutischen Tradition hervor. FamilieFamilieals psychosoziale Einheit wurde als eine psychosoziale Einheit verstanden, in der neben Motiven narzisstischer Spiegelung, biologischer Fortpflanzung, Beziehung und Bindung auch die Konflikte der Moderne besonders ausgeprägt hervortreten und zu für die Gesellschaft zukunftsrelevanten Krisen führen: Entfremdung in der Arbeitswelt durch Flexibilisierung von Arbeitszeit und -ort, unsichere, prekäre Beschäftigungen in einem Kontext globaler Konkurrenz schaffen ein Klima von existenzieller Verunsicherung und Anpassungsdruck bei Eltern und Kindern.
Die Auseinandersetzung des Ordinarius Richter mit der 68er-Studentenbewegung, die den „Muff unter den Talaren“ konfrontativ anging und eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem historischen Erbe von Nationalsozialismus, Autoritarismus und Militarismus erzwang, sensibilisierte dafür, sozialpsychologische Prozesse nicht nur auf der Ebene der Kleinfamilie zu reflektieren, sondern soziale Konflikte kontextuell mitzudenken: Dies ließ sich in den sozialen Aktivitäten ablesen, die von Mitarbeitern der Gießener Klinik geleistet wurden: Im Rahmen einer Stadtteilarbeit („Eulenkopf“) wurden Vereine im Sinne eines bürgergesellschaftlichen Engagements (vgl. Zimmer 2007) gegründet und ideell unterstützt und niedrigschwellige HilfePsychosomatikniedrigschwellige Angebote in psychosomatischen Beratungssettings angeboten. Dies sensibilisierte dafür, soziales Elend mit seinen psychischen Effekten besser zu verstehen.
Die bürgerlich-klinische Psychosomatik fand so ihre Entsprechung in der psychosozialen Brennpunktarbeit. Neben den „Hockern“ (den Psychoanalytikern hinter der Couch) fanden sich die „Rocker“ (die Sozialtherapeuten im Feld), um eine bekannte metaphorische Zuspitzung Richters (1986) zu zitieren. Beide Gruppen lernten voneinander.
Der dabei naheliegende präventive Gedanke, psychosoziale Not dort aufzufangen, wo noch keine lähmende Symptombelastung entstanden war, wurde von Michael Lukas Moeller durch die Förderung von SelbsthilfegruppenSelbsthilfegruppenpsychosoziale konsequent weiterentwickelt (Moeller 1981), ein weiterer Schwerpunkt der psychosozialen Forschung in Gießen: Selbsthilfe, nur anfangs thematisch angestoßen durch Professionelle und bei Bedarf unterstützt, wurde von der zunehmend bundesweit agierenden „Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen“ koordiniert (Matzat 1987). Sie war der solidarischen (d. h. im Kontext der Zeit möglichst: „hierarchiefreien“) seelischen Förderung ihrer Mitglieder verpflichtet. Erfolgreich auch in der Unterstützung von Familien mit chronischer körperlicher Erkrankung, sind Vertreter der Selbsthilfe inzwischen aus der medizinischen Versorgungslandschaft nicht mehr wegzudenken, vertreten sie doch – in der Gesundheitspolitik als dritte Macht neben Krankenkassen- und Ärzteverbänden – die Patienten als mündige Bürger.
Es würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen, historisch subtil die biologistische Wende der PsychosomatikPsychosomatikbiologistische Wende mit ihrer Hinwendung zu funktionell bildgebenden neuropsychologischen experimentellen Designs nach 1990 nachzuzeichnen. Ebenso wäre die bereits früher vollzogene Unterwerfung der Psychosomatik als Forschungsdisziplin unter die Paradigmen der randomisierten kontrollierten Forschungsdesigns zu beschreiben. In diesen Versuchen, Psychosomatik anzupassen, zu „professionalisieren“, wird vergessen, dass Interdisziplinarität und soziale Sensibilität konstitutiv für dieses Fach sind. Anleihen an Forschungsstrategien benachbarter Fächer sind zwar für das interdisziplinäre Querschnittsfach Psychosomatik unabdingbar, jedoch darf dabei die psychosoziale Gesamtausrichtung, die für das Fach entscheidend bleibt, nicht aus den Augen verloren werden.

Familie und soziale Welt im Spiegel der Epidemiologie

Für die Darstellung der Vernetzung von sozialen Bedingungen, Gesundheitsrisiken und Entwicklungschancen von Individuen haben wir eine Literaturauswahl getroffen, die auf Familien und Kinder fokussiert. Wie beschrieben, wirken sich im familiären Feld die sozialen KrisenKrisen(situationen)soziale besonders dramatisch aus: Entwicklungschancen mit Einschränkung kognitiver Entwicklung, emotionaler Differenzierung sowie Teilhabe an Sozialisationserfahrungen werden beschnitten. Zudem ist die epidemiologische Datenbasis zumindest für Deutschland in den Kindergesundheitsstudien KIGGS des Robert Koch-Instituts (RKI) (2007, 2014Robert Koch-Instituts (RKI) 2007Robert Koch-Instituts (RKI) 2014; Hölling et al. 2012) überzeugend, sodass belastbare Aussagen über das Zusammenspiel zwischen sozialer Herkunft und Gesundheit möglich sind. Dabei sind Migration und StatusGesundheitmigrationsspezifische Einflüsse besonders wichtig:

GesundheitEinflussfaktorenKinder und JugendlicheKinder und Jugendliche in Familien mit geringem sozialen Status haben eine höhere Prävalenz für Entwicklungsverzögerungen, psychische Auffälligkeiten, überhöhten Tabakkonsum und Übergewicht als jene aus Familien mit einem höheren Status. Auch ein beidseitiger Migrationshintergrund ist bei Kindern und Jugendlichen häufiger mit wichtigen Belastungsindikatoren verbunden.

Epidemiologisch relevante Indikatoren

Wie im Kontext der nationalsozialistischen Dienstbarmachung der Medizin beschrieben, gehört zum umfassenden Verständnis des Einzelnen in seiner Lebenswelt, die sozialen Differenzen und Konfliktlagen präsent zu haben. Der sozioökonomische Status der HerkunftsfamilienHerkunftsfamiliesozioökonomischer Status prägt Lebensentwürfe, EntwicklungschancenKind(er)Entwicklungschancen und Verfügbarkeit von Fördermöglichkeiten. Neben Einkommens- und Bildungsunterschieden zwischen Familien prägen insbesondere Migrationserfahrungen. Dies wird, im Sinne einer biopsychosozialen Ergänzungsreihe, durch psychoneuroendokrine und -immunologische Vermittlungswege realisiert, sodass eine psychosomatische Risikosituation entsteht.

Sozialer Status

Gesundheitsozialer StatusFamiliäre Statusunterschiede sind im europäischen Vergleich in Deutschland groß. Die Variable Sozialer StatusSozialer StatusFamiliesozialer Status (socio-economic status, SES) soll möglichst genau die ungleiche Positionierung einzelner Mitglieder innerhalb der Gesellschaft abbilden. Dabei werden neben dem Einkommen auch der Bildungshintergrund und die berufliche Stellung der Eltern verrechnet. Der Status von Kindern und Jugendlichen wird zudem durch den LebensstilLebensstil jenes Haushalts vermittelt, der die Lebenswelt und damit das primäre Sozialisationsumfeld bildet. Weitere Faktoren wie Zugang zu Medien und Freizeitangeboten können hinzutreten.
Als Hauptursache für ArmutArmutUrsachen gelten heute Arbeitslosigkeit und prekäre Beschäftigungsverhältnisse. Sie betreffen vorwiegend Personen im jungen und mittleren Erwachsenenalter, und somit viele FamilienFamilieArmut mit kleinen Kindern. Mindestens 15 % der Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren leben in armutsgefährdeten Haushalten (Statistisches Bundesamt 2011). Gerade Kinder und Jugendliche aus Familien, in denen beide Eltern arbeitslos sind, werden einem Risiko der „Vererbung“ von Armut ausgesetzt. Solche Benachteiligungen nehmen Einfluss auf psychosomatische Problemlagen, wie sie in der Kindergesundheitsstudie KIGGSKIGGS (Kindergesundheitsstudie)Kindergesundheitsstudie KIGGS des RKI (2007, 2014)RKI 2007RKI 2014 erfasst sind:
  • Armutsbetroffene KinderKind(er)Armut und Gesundheit und Jugendliche zeigen eine Häufung von Entwicklungsverzögerungen, insbesondere in den Bereichen des Spracherwerbs und der intellektuellen Entwicklung (Lampert und Richter 2009). In Selbsteinschätzungen werden häufiger psychosomatische Beschwerden wie Schlafstörungen, Bauchschmerzen und Gereiztheit genannt. Diese Kinder sind häufiger übergewichtig und neigen zu Nikotinkonsum. Auch die Mütter mit niedrigem sozialem Status akkumulieren relevante Schwangerschaftsrisiken. So kann u. U. ein niedriger sozialer Status schon vorgeburtlich wirksame erschwerende Bedingungen auf die Entwicklung des Kindes entfalten.

  • Einschränkungen der materiellen Versorgung wird bei Kindern und Jugendlichen oftmals durch ein geringeres Selbstwertgefühl und die Erfahrung mangelnder sozialer Teilhabe parallelisiert. Fehlende materielle Ressourcen lassen existenzielle Probleme in den Vordergrund treten und können zu einem Rückzug aus Aktivitäten mit Gleichaltrigen führen.

  • Die Effekte sind in den Kontext eines Familienklimas zu setzen, das den sozialen Mangel verstärken oder abfedern kann: So sind Alleinerziehende – ein globaler Trend – besonderen Risiken ausgesetzt.

  • Niedriger sozialer Status spiegelt sich oftmals in den mehrfach ungesunden familiären Wohnverhältnissen wider. Ungesunder Wohnraum, kaum Rückzugsmöglichkeiten für Kinder, problembelastete Nachbarschaften und mangelnder Zugang zu Freizeit und Sport bilden häufig die lebensweltliche Kulisse armutsgefährdeter Familien. Eine Spirale von Isolierung, mangelnder sozialer Integration und Teilhabe, Stigmatisierung und Bildungsferne droht ihren Anfang zu nehmen.

ArmutArmutsoziale Stigmatisierung und soziale StigmatisierungStigmatisierungsoziale müssen nicht in jedem Fall schicksalhaft sein: Schulen und Gleichaltrige bieten Kompensationsmöglichkeiten. Teilhabe hängt hier nicht allein vom materiellen Hintergrund ab. Institutionelles Engagement oder die Peergroup und deren Eltern können im Einzelfall die ökonomische Schlechterstellung abfangen und die Resilienz des sozioökonomisch belasteten Kindes fördern. Dennoch bleibt ein starker Zusammenhang zwischen Schichtzugehörigkeit und Entwicklungschancen bestehen: Die bereits erwähnte KIGGS-Studie verweist in ihren Ergebnissen auf stabile soziale Trends, die auch 9 Jahre nach Beginn der Studie gleichsinnig reproduzierbar waren. Befragt wurden in einer ersten Erhebungswelle 17 641 Kinder und Jugendliche im Alter von 0–17 Jahren und deren Eltern. Erklärtes Ziel war es, Risiko- und Schutzfaktoren bzgl. der Kinder- und Jugendgesundheit zu identifizieren. Neben Fragebogenbatterien für Kinder, Jugendliche und deren Eltern wurden zudem auch körperliche Befunde und wichtige Laborkennwerte zu Gesundheit, Belastungen und Entwicklung erhoben. Die Ergebnisse bilden den Zusammenhang von Status, Gesundheit und Entwicklungschancen deutlich ab (Lampert und Richter 2009).

Kinder und Jugendliche mit einem niedrigen sozialen Status waren dabei im Längsschnitt drei- bis viermal häufiger von psychischenPsychische Störungensoziopsychosomatische Aspekte Auffälligkeiten betroffen als jene mit mittlerem oder hohem Status.

Migrationsspezifische Einflüsse auf die Gesundheit

GesundheitEinflussfaktorenmigrationsspezifischeMigration ist in der Regel eine prägende Erfahrung für mehrere Generationen. Bei MigrantenMigranten/MigrationGesundheitsrisiken handelt es sich um eine heterogene Gruppe. Dementsprechend sind die Gesundheitsrisiken – von der Kultur des Herkunftslandes und dem Zeitpunkt der Migration abhängig – sehr unterschiedlich. Dies erschwert statistisch verallgemeinerungsfähige Aussagen (Schenk et al. 2008). Fragen der Kulturzugehörigkeit können im Alltag zu Problemen der Integration und somit zu schwereren Krisen kindlicher Identitätsbildung und kultureller Loyalität führen. Bei ungesicherter Aufenthaltsperspektive, die eine bedeutsame Subgruppe von Migranten betrifft, kumulieren die Risiken. Kinder aus Familien mit beidseitiger Migrationserfahrung (beide Eltern Migranten oder eigene Migrationserfahrungen der Kinder) leiden besonders unter geringerem Bildungserfolg und geringerem sozialem Status.
Bei der Lebensqualität, die Aufschluss über die subjektive Selbsteinschätzung der Lebenssituation gibt, findet sich zwar bzgl. des sozialen Status ein kleiner Effekt dahingehend, dass sich Kinder und Jugendliche mit niedrigem sozialem Status insgesamt als weniger zufrieden einschätzen (RKI 2007). Dies gilt jedoch nur für Migranten mit beidseitigem Migrationshintergrund, was verdeutlicht, dass Migrationserfahrung und sozialer Status sich nicht automatisch auf die Lebensqualität auswirken. Kinder und Jugendliche mit beidseitigem Migrationshintergrund sind gegenüber Gleichaltrigen mit einseitiger Migration und ohne Migration um ca. 50 % häufiger psychisch auffällig. Hinweise auf seelische Belastungen in den Bereichen emotionale Probleme, Hyperaktivität und Verhalten mit Gleichaltrigen (Schenk et al. 2008) ergeben sich bei 9,7 % der KinderKind(er)Migrationshintergrund und JugendlichenJugendlicheMigrationshintergrund mit Migrationshintergrund beider Eltern im Gegensatz zu nur 6,7 % jener ohne Migrationshintergrund.
Typische Entwicklungsaufgaben des Jugendalters wie die Ablösung vom Elternhaus können durch Migration gestört werden. Die erforderliche Neuorientierung an ein fremdes soziales Umfeld, oft im Kontrast zu den aus dem Herkunftsland tradierten Werten stehend, verschärft diese Ablösungsprozesse durch schwer lösbare Identitäts- und Loyalitätskonflikte, die transgenerational wirksam werden. Epidemiologische Kennwerte der kindlichen Entwicklung können diese komplexen Verhältnisse naturgemäß nur unvollständig abbilden. Das Körpergewicht als leicht messbare Variable mit hoher Gesundheitsrelevanz soll paradigmatisch herausgegriffen werden:
GesundheitEinflussfaktorenmigrationsspezifischeKinder mit einem beidseitigen Migrationshintergrund neigen deutlich häufiger zu Übergewicht und Adipositas als solche ohne Migrationserfahrung. Die Zunahme des Gewichts ist bei Migrantenfamilien deutlich weniger mit dem (niedrigen) sozialen Status assoziiert, als dies für Jugendliche ohne Migrationshintergrund gilt. Weiterhin sind Körperbild und Übergewicht kulturell codiert und somit nicht ohne kulturspezifisches Wissen vergleichbar. So schätzen sich normalgewichtige türkische Jugendliche im Gegensatz zu ihren Altersgenossen ohne Migrationshintergrund oftmals als zu dünn ein, während Eltern aus Westeuropa das Untergewicht der eigenen Kinder oft nicht als solches erkennen.
Das Gesundheitspräventionsverhalten wurde bzgl. der Zahnpflege als einem weiteren Paradigma erhoben, da die Vermeidung von Karies zum größten Teil durch selbstwirksames Verhalten erreicht wird. Insgesamt lässt sich eine durchschnittlich schlechtere Vorsorge bei Migranten nachweisen, die sich nicht allein auf deren sozialen Status zurückführen lässt.

Resümee

Als genereller Trend zeichnet sich ab, dass die Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen mit zunehmendem Alter bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund und niedrigem sozialen Status sinkt, was meist als Schwellenangst medizinischen Institutionen gegenüber und als mangelnde Fürsorge gedeutet wird. Somit lässt die Migrationssituation einen langfristigen, tiefgreifenden Einfluss auf Gesundheitsverhalten und sozialen Erfolg erkennen.

Politischer Wandel und Gesundheit

GesundheitEinflussfaktorenWertorientierungenDie deutsche Wiedervereinigung kam für den Westen Deutschlands ebenso überraschend wie für den Osten. Sozialer Wandel bedeutete in diesem Fall, dass sich die gesellschaftliche Ordnung des Ostens auflöste und ein Übergang notwendig wurde, eine Neuausrichtung an einer zuvor außeralltäglichen und getrennt gehaltenen Gesellschaft. Während Einwohner der alten Bundesländer die Stabilität ihrer Routinen weitgehend wahren konnten und sich in ihrer demokratischen Wertorientierung bestätigt sahen, wurde diese unhinterfragte Alltagswelt zur Herausforderung für diejenigen, die ihre gesellschaftliche Ordnung unwiederbringlich überwunden sahen: „Nur wenn die Vorstellung einer stabilen Umwelt von anderen geteilt werden kann, wird es auch eine stabile Umwelt geben“ (Barberowski 2014).
Wurde im Jahr 2000 die Frage nach dem wichtigsten historischen Ereignis der letzten 100 Jahre gestellt, so antworteten Befragte aus den alten Bundesländern mehrheitlich, dies sei der Zweite Weltkrieg gewesen, während in den neuen Bundesländern mehrheitlich der Fall der Mauer als wichtigstes Ereignis angesehen wurde (Berth et al. 2006). Dieses Ergebnis verweist schlaglichtartig auf einen weitreichenden Kontinuitätsbruch, der eine Neuorientierung erforderlich machte und damit tief in den Prozess der Identitätsbildung der Bürger im Osten einwirkte.
Auf diese und zukünftige Entwicklungen blickt die Bevölkerung der neuen Bundesländer mitnichten nur zuversichtlich. Ganz im Gegenteil lässt sich anhand der sächsischen Längsschnittstudie, begonnen in späten 1980er-Jahren bis 2011, ein deutlich negativer Trend nachvollziehen. Dieser zeigt, dass in der Vorstellung der Befragten eine gesicherte Zukunft viel eher in der gesellschaftlichen Lage der DDR der 1980er-Jahre als in der Bundesrepublik der 2000er-Jahre möglich scheint (Berth et al. 2006, 2012; Förster et al. 2009). So sank die Zuversicht in allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen in Ostdeutschland von über 80 auf unter 30 % ab; gegenüber einer gelingenden persönlichen Zukunft ergibt sich ein weniger drastisches Bild. Trotz des Absinkens um 20 % waren zwischen 2000 und 2011 noch durchschnittlich 70 % der Befragten in dieser Hinsicht optimistisch (Berth et al. 2012: 290).
Abseits divergierender Wertorientierungen weisen epidemiologische Daten auf die gesundheitlichenGesundheitEinflussfaktorenSozialisation(sbedingungen) Auswirkungen unterschiedlicher Sozialisationsbedingungen hin. Die Wiedervereinigung stellt in diesem Zusammenhang gleichsam ein experimentum culturae dar. Wird der Verlauf epidemiologischer Kennwerte für die Atopie betrachtet, so ergibt sich, aufgeschlüsselt nach Geburtskohorten, folgendes Bild:
  • In der westdeutschen Bevölkerung waren Erkrankungen des allergischen Formenkreises (z. B. Heuschnupfen, Asthma) insgesamt sehr viel stärker verbreitet als im Staatsgebiet der ehemaligen DDR, wie Surveys des RKI in den Jahren 1990 und 1991 an Erwachsenen im Osten und Westen der Bundesrepublik ergaben. Die Befunde ließen sich sowohl in Fragebogendaten als auch im Serum-Test auf Antikörper gegen Inhalationsallergene (RAST) nachzeichnen.

  • Ausgehend von der in parallelen Messungen festgestellten höheren Luftverschmutzung im Osten wäre eigentlich zu erwarten gewesen, dass Soforttyp-Allergien in den neuen Bundesländern häufiger anzutreffen gewesen wären als in der alten Bundesrepublik.

Diese Differenz zugunsten der Bundesländer auf dem Territorium der ehemaligen DDR bestand jedoch nicht in allen Altersklassen. Erst bei denen, die 40 Jahre und jünger und somit nach der deutschen Teilung 1945 geboren waren, zeigten sich die Unterschiede, und zwar umso ausgeprägter, je jünger die Probanden waren. Somit erschien plausibel, dass bestimmte Faktoren in der frühen Kindheit sensibilisierend einwirken und sich darüber hinaus in beiden Teilen Deutschlands zunehmend different ausgestaltet hatten.
In der Interpretation dieser Befunde nennt das RKI hier insbesondere die nachfolgenden Faktoren: Die unterschiedlichen Erziehungsstile (90 % der Kinder im Osten erhielten einen Hortplatz) hatten ein Mehr an immunologischem „Training“ durch häufigere Infekte, insbesondere mehr durchgemachten Wurmerkrankungen zur Folge. Weitere Erklärungsansätze waren das differente Rauchverhalten der Eltern (schnellere Zunahme des Zigarettenkonsums im Westen) sowie eine höhere Exposition gegen Autoabgase (mehr Kraftfahrzeuge im Westen als im Osten) (Bellach und Thefeld 1994; Nicolai et al. 1997).
GesundheitEinflussfaktorenSozialisation(sbedingungen)Letztlich lassen diese Unterschiede die Hypothese aufkommen, dass bei vergleichbaren genetischen Ausgangsbedingungen in Ost und West unterschiedliche Sozialisationsbedingungen in der frühen Kindheit (einschließl. deren somatisch prägender Folgen) vorgelegen haben müssen, welche die differenten Prävalenzen beim atopischen Geschehen bedingt haben.
Für die somatische Relevanz von SozialisationsbedingungenSozialisationsbedingungen, somatische Relevanz sprechen auch neuere Ergebnisse aus dem KIGGS-Report zu 20 Jahren deutscher Einheit (Lampert 2010). Gesamtgesellschaftlich lässt sich eine breite Annäherung der Standards in der Gesundheitsversorgung konstatieren. Zur Vereinheitlichung des Gesundheitsniveaus führen jedoch auch gesundheitlich negative Entwicklungen:
  • Für die Verbreitung von Erkrankungen des allergischen Formkreises in den neuen Bundesländern bedeutet die Angleichung der Lebensverhältnisse eine nachweisbare und deutliche Zunahme seit der Wiedervereinigung. Der veränderte Lebensstil fällt mit dieser Entwicklung zusammen und verweist auf einen Zusammenhang zwischen der Prävalenz von Allergien mit dem sozialen Wandel, der in den neuen Bundesländern stattfindet. Wir haben es gleichsam mit der somatischen Gegenprobe im Prozess der Wiedervereinigung zu tun, was das Kulturargument unterstreicht.

  • Wichtige Effekte im Gesundheitsverhalten Jugendlicher zeigen sich auch in den Problemfeldern Drogengebrauch (nach der Wende überschießend mehr als vor der Wende und mehr als im Westen) und im Rauchverhalten.

Wenig beeinflusst wurde positives Gesundheitsverhalten von Familien in den Bereichen Impftreue und Inanspruchnahme von Vorsorgeuntersuchungen, die in der DDR zu den elterlichen Pflichten gehörten und auch noch nach der Wende von den Eltern im Osten freiwillig in hohem Maße in Anspruch genommen wurden. Gleichzeitig nahmen auch Eltern im Westen diese präventiven Maßnahmen vermehrt in Anspruch, sodass sich ein Lerneffekt zwischen Ost und West ergab.
Zum Zusammenhang von Wiedervereinigung und Gesundheit gehören auch gesellschaftliche Trends, mit denen sich junge Menschen in den neuen Bundesländern konfrontiert sehen. In der Zeit zwischen 1990 und 2007 kam es dort zu einem Bevölkerungsrückgang um 2,7 Mio. Menschen, während die alten Bundesländer im gleichen Zeitraum einen Bevölkerungszuwachs von 1,9 Mio. Menschen verzeichnen konnten. Neben den hohen Abwanderungsraten spielt ein intensiver Geburtenrückgang in den Jahren 1990–1995 mit in diesen demografischen Prozess hinein. Zum Zeitpunkt der Wende verfügten die neuen im Vergleich zu den alten Bundesländern über die jüngsten Altersstrukturen, heute gehören sie demografisch zu den ältesten. Es sind vor allem junge Menschen, die aus den neuen Bundesländern wegziehen. Die größeren Städte ausgenommen, zieht es auch Migranten eher in die alten Bundesländer.
Das Brutto-Inlandsprodukt (BIP), kurz nach der Wende bei 43 % des westlichen BIP, stieg zwar auf 68 % des Westniveaus. Dennoch stagnierte das durchschnittliche Privatvermögen auf niedrigem Niveau. Arbeitslosigkeit und Armutsrisiko sind ungleich höher. All dies führt zu mehr sozialem Stress und letztlich geringerer Akzeptanz gegenüber Migranten. So haben sich – bei vergleichbarem Konsumniveau und ähnlichem Lebensstil – bestimmte Eckpunkte der Ost-West-Differenzen in den Lebensverhältnissen nach wie vor nicht angeglichen.

Familiäre Risikofaktoren und Gesundheit

GesundheitEinflussfaktorenfamiliäreRund 76 % der minderjährigen Kinder leben bei verheirateten Eltern, 7 % bei unverheirateten Eltern und immerhin 17 % bei nur einem Elternteil. Die Daten des Statistischen Bundesamtes differenzieren nicht zwischen leiblichen, Stief-, Pflege- oder Adoptiveltern. Sie zeigen jedoch deutlich, dass Minderjährige in Ostdeutschland mit 58 % seltener bei verheirateten Eltern leben, wobei sie auch häufiger in einer nicht ehelichen Partnerschaftsform geboren werden. Auch das Zusammenleben mit nur einem Elternteil ist in Ostdeutschland 2010 mit 24 % deutlich höher als in Westdeutschland mit 15 %. Die Zahl der Kinder in alleinerziehenden Familienkonstellationen stieg weiterhin insgesamt von 13 % im Jahr 2000 auf 19 % im Jahr 2012 (Statistisches Bundesamt 2016; BMFSFJ 2012).
Dies zeigt, dass ein beträchtlicher Teil von Kindern in Deutschland mit der Trennung der Eltern und in der Folge den besonderen Belastungen von Alleinerziehenden konfrontiert ist. Der positive und gleichsam gesundheitsfördernde Einfluss des Zusammenlebens beider Eltern zeigte sich in signifikantem Maße mit einer guten allgemeinen Gesundheit der Kinder. Das positiv erlebte Zusammenleben der Eltern mit positiv erlebtem Familienklima wirkt sich ebenfalls günstig auf die Gesundheit der in diesen Familien lebenden Kindern und Jugendlichen aus (Rattay et al. 2012).
AlleinerziehendeGesundheitsrisikenDie Belastungen von alleinerziehenden Eltern hingegen werden in den Bereichen der Emotionalität und Verhaltensstörungen bei Kinder und Jugendlichen deutlich (Rattay et al. 2014; Scharte und Bolte 2012). Darüber hinaus war auch ein reduziertes Gesundheitsverhalten bei Kindern aus alleinerziehenden Familien zu beobachten. Bei Jungen zeigten sich vermehrt adipöse Kinder und Jugendliche (Scharte und Bolte 2012). Es fehlt an erzieherischem Einfluss auf das Essverhalten und an Anreizen für mehr sportliche Aktivität. Gerade bei Alleinerziehenden, die einer beruflichen Tätigkeit nachgehen, bleibt oft wenig Zeit für gemeinsame Mahlzeiten. Das Familienleben wirkt dadurch entleerter, die Familienmitglieder vereinzelter. Mehr Medienkonsum, weniger Außenaktivitäten, damit mehr Adipositas und eine größere Akkumulation weiterer Faktoren, welche die Gesundheit negativ beeinflussen, sind die Folge.
Spannend in diesem Zusammenhang ist die epidemiologische Feldstudie von Regnerus (2012). Hier wurden Amerikaner im Alter von 18–39 Jahren bzgl. des Aufwachsens in verschiedenen Familienarrangements und ihrer persönlichen weiteren Entwicklung befragt. Im Wesentlichen wurde der Frage nachgegangen, wie sich ein Kind aus einer homosexuellen Elternschaft im Vergleich zu Kindern aus anderen Lebensformen entwickelt hat. In der Ergebnisdarstellung zeichnete sich im Spiegel von multivariaten Analysen ab, dass Kinder aus homosexuellen Beziehungen, aus heterosexueller biologischer Elternschaft und aus anderen Formen der Elternschaft (etwa aus Adoptionsfamilien oder auch aus Familien mit alleinerziehendem Elternteil) unterschiedliche epidemiologische Kennwerte aufwiesen:
  • Kinder aus lesbischen Beziehungen erreichten weniger gute Bildungsabschlüsse, dies galt auch für Kinder aus schwulen Beziehungen.

  • Ähnlich waren auch Kinder aus Scheidungsfamilien, Stieffamilien und Familien mit nur einem Elternteil akademisch benachteiligt, wobei Kinder aus homosexuellen Familienformen die niedrigsten schulischen Abschlüsse erreichten.

  • Parallel dazu konnten Kinder aus diesen spezifischen Lebensformen auch weniger Haushaltseinkommen erwirtschaften, waren also ärmer.

  • Kinder aus diesen besonderen familiären Lebensformen rauchten häufiger Marihuana, sahen mehr fern, wurden häufiger polizeilich auffällig, hatten mehr rechtliche Vergehen, die auch juristisch verfolgt wurden, und hatten mehr sexuelle Partner, als dies bei den bereits beschriebenen Vergleichsgruppen der Fall war.

Diese Ergebnisse standen allerdings in scharfem Gegensatz zu Publikationen bzgl. homosexueller Elternschaften, die bislang die Grundlage für die Beratungspraxis und für die Entscheidungen der Familiengerichte waren.
Ebenfalls wurde untersucht, inwieweit die Ausbildung einer chronischen Erkrankung mit der Familienkonstellation zusammenhängt. Es zeigte sich allgemein bzgl. der Ausbildung einer chronischen ErkrankungChronische Krankheitenfamiliäre Risikofaktoren bei Kindern bis 17 Jahren ein 1,45-fach erhöhtes Risiko innerhalb von Einelternfamilien (Rattay et al. 2012; Scharte und Bolte 2012).
Betrachtet man die soziale Kompetenz von chronisch kranken KindernKind(er)chronisch kranke, so findet sich in Metaanalysen, dass unter den chronischen Erkrankungen insbesondere Adipositas, Bluterkrankungen, Rheuma, Krebs und gastrointestinale Störungen (in dieser absteigenden Reihenfolge) psychosozial belastend sind. Gegenüber Kontrollgruppen sind die Effekte der Chronizität mit Effektstärken (Cohen's d) von 0,3–0,8 als klein bis mittelgroß einzuschätzen. Insgesamt schätzen Eltern ihre Kinder als stärker belastet ein als die Kinder sich selbst. Dabei scheint die innere, oft neurotische Verarbeitung im Vordergrund zu stehen. Verhaltensprobleme treten seltener auf. Bevorzugt wird internalisierendes gegenüber externalisierendem Problemlösungsverhalten.
Variablen wie die Dauer der Erkrankung (zu Beginn stärker als im weiteren Verlauf), das Alter (in der Pubertät stärker als in früheren Jahren), das Geschlecht (Jungen stärker als Mädchen) und die ethnische Herkunft (bei höherem Migrantenanteil stärkere Stigmatisierung als bei geringerem Anteil in der Umgebung) scheinen eine wichtige Rolle zu spielen. Die stabilisierende Wirkung flankierender psychosozialer Maßnahmen in Bezug auf Akzeptanz und Verarbeitung der chronischen Erkrankungen kann im historischen Vergleich nachgezeichnet werden. Dies bildet sich auch darin ab, dass die empirisch gemessene Belastung chronisch kranker Kinder bei Veröffentlichungen vor 1990 stärker nachweisbar ist (immer gemessen über die Effektstärken der Stigmatisierungs- und Beeinträchtigungsparameter), als dies bei später erschienenen Publikationen, etwa zwischen 2001 und 2011, der Fall ist. Somit kann empirisch aufgezeigt werden, dass stigmatisierende und sekundär neurotisierende Verhaltensweisen durch chronische Erkrankungen angestoßen werden. Dies kann jedoch in hoch entwickelten Ländern mit guter psychosozialer Versorgung und gutem Sozialstatus der Familien relativiert werden.
Der Stellenwert psychosozialer Einflussfaktoren auf das Krankheitsmanagement ist empirisch am Beispiel des Diabetes mellitusDiabetes mellitusKrankheitsmanagement, psychosoziale Einflussfaktoren Typ 1, einer modellhaften chronischen Erkrankung, gut belegbar: Konflikte mit den Eltern, in Zwist und Trennung resultierende Spannungen der Eltern untereinander, mangelnde Kommunikation und Aufsicht in den Familien, all diese Faktoren fungieren als wichtige Störelemente in der Optimierung der Stoffwechseleinstellung. Umgekehrt gelten adäquate Kommunikation in Familien, konsequente und doch nicht dominierend-gängelnde Kontrolle der Blutzuckerwerte, hohe Expressivität in der Emotionalität und gute affektive Beziehung als Prädiktoren für einen gelingenden Umgang mit Diabetes mellitus.

Sozialisation und Gesundheit

GesundheitEinflussfaktorenSozialisation(sbedingungen)Individuation, Ablösung und Identitätsentwicklung sind an Familien- und Feldkonstellationen gebunden und realisieren sich in einem spezifischen historisch-politischen Umfeld, dem gesellschaftlichen Kontext. Die Zunahme von Statusdifferenzen (Reich gegen Arm), Umwälzungen politischer Herrschaftssysteme (Oben gegen Unten), Migrationsbewegungen (Drinnen gegen Draußen) und die Zuspitzung von Generationskonflikten (Jung gegen Alt) wirken prägend auf die Sozialisationsprozesse von Kindern und Jugendlichen ein. So abstrakt die Sprache der Soziologie dies auch immer abbilden mag, so konkret wird dies in einem psychosomatischen Kontext an Indikatoren der gesunden Entwicklung ablesbar. Parallel dazu muss die rasante körperliche und seelische Entwicklungsdynamik von Kindern mit bedacht und in einen interpretativen Gesamtzusammenhang gestellt werden. Dabei entstehen oszillierende Bewegungen zwischen Anlehnung und Ablösung, Identifikation und Entfremdung, bis schließlich ein eigener Weg im Sinne der Individuation des Subjekts gefunden werden kann. Diese Zusammenhänge sollen am Beispiel von Gesundheit und Sozialisation verdeutlicht werden.

KrankheitKrankheitSelbstwirksamkeit wird heute nicht mehr allein als schicksalhaft empfunden. Der selbstbestimmte Einfluss („SelbstwirksamkeitSelbstwirksamkeit(serfahrungen)“) auf das persönliche gesundheitliche Wohlbefinden, die erhöhte Lebenserwartung und eine zunehmende Sensibilität für den Wert „Gesundheit“ als Ressource lässt Krankheit als eine kritische, aber in Abhängigkeit von körperlichem Zustand und Alter bewältigbare Phase zur Wiedergewinnung von Vitalität begreifen.

Eine an Stärke gewinnende Biopolitik, wie sie in Präventionsmaßnahmen und dem Ausbau von Public-Health-Programmen anklingt, ist deutliches Symptom eines Wertewandels, der zunehmend die soziale Wirklichkeit nach Resilienz und Risiko bewertet und daraus Normen zu erzeugen versucht, wie sie sich in der Praxis der Bonusprogramme von Krankenversicherungen abzeichnet.
Der Erhalt von Gesundheit und Produktivität wird schon heute von einigen Soziologen als Leitcode interpretiert, der weit über die medizinische Praxis hinaus bis in die Poren des Alltags eingedrungen ist und Lebensstile prägt (vgl. Dippelhofer-Stiehm 2008). Die während der Sozialisation erfahrene soziale Wirklichkeit steht nicht still, sondern ist wie die Gesellschaft selbst im steten Wandel. Die Anforderung, sich als Individuum im sozialen Kontext zu verorten und diesen aktiv zu gestalten, trifft aber auf unterschiedliche, auch biologisch grundierte, Entwicklungsprozesse im Leben junger Menschen, welche die Stadien der individuellen Entwicklung definieren.
Gesundheitsoziopsychosomatisches ModellAktuelle Modelle der Sozialisation hegen den Anspruch, ältere Konzepte der Adaptation in einen akteurzentrierten Ansatz der produktiven Aneignung von Wirklichkeit (Hurrelmann 2006) zu überführen, in dem es nicht mehr nur um Anpassung geht, sondern auch um die individuelle Gestaltung der Sozialisation. Diese integrierende Ausrichtung zielt auch darauf, psychische und biologische Entwicklungen in den Prozess der Vergesellschaftung einzubeziehen. Um zu einem soziopsychosomatischen Modell zu gelangen, ist die Verflechtung biologischer und psychologischer Abläufe in mikro- und makrosoziologischen Bedingungsgefügen zu betrachten. Orientierungsleistungen mit Bezug auf die eigene Identität sind folglich immer dann besonders schwierig, wenn eine Separationsleistung erforderlich ist, da der Bruch mit eingeübten Routinen Konflikte provozieren kann und in eine offene Zukunft hinein erprobt werden muss.
Ein anderes Beispiel für die Konflikt- und Prozesshaftigkeit dieser Entwicklungsaufgaben ist die Entscheidung für einen Bildungsweg, eine Subkultur oder einen Lebensstil, der vom familiären Alltag deutlich abweicht. In diesen Separationsprozessen steckt ein kreatives, identitätsbildendes und emanzipatorisches Potenzial. Dieser Prozess ist schwierig und führt vor allem in einem durch einen niedrigen sozialen Status belastenden Umfeld häufiger zu psychischen Krisen. Kommt die Aufgabe hinzu, die medizinischen Anforderungen einer chronischen Erkrankung mit in den Alltag integrieren zu müssen, werden die beschriebenen Prozesse durch ein Mehr an Vorgaben und disziplinierender Kontrolle umso krisenhafter. Der altersentsprechende Wunsch nach mehr Autonomie wird durch die krankheitsimmanente höhere Anpassung und Kontrolle konterkariert.

Sozialtherapeutische Interventionen und ihre Effekte

Frühe Hilfen

SozialtherapieFrühe HilfenRisikofamilienFrühe HilfenUm Familien zu unterstützen, die sich in Krisen befinden oder Risikofaktoren aufweisen, die ein präventives Handeln einfordern, haben sich in Deutschland auf vielfältige Art und Weise regionale und überregionale Programme der Frühen HilfenPsychosoziale Prävention(sprogramme)Frühe Hilfen etabliert (vgl. die Übersicht über präventive Konzepte in Kap. 30). Es zeigt sich, dass die Pluralität der Programme zur Frühen Hilfe eine wissenschaftliche Evaluation ihrer Wirksamkeit erschwert. Klare Leitlinien darüber, wann, wie und durch welche ausgebildeten Helfer die betroffenen Familien unterstützt werden sollten, fehlen daher nach wie vor.
Frühe HilfenWirksamkeit(sstudien)So zeigen etwa Taubner et al. (2013) in ihrer strukturierten Literaturübersicht (Metaanalyse), dass es gerade in Deutschland an begleitenden Studien zur WirksamkeitSozialtherapieWirksamkeit(sstudien) dieser sozialtherapeutischen Maßnahmen mangelt. Zudem musste konstatiert werden, dass sich z. B. in der mütterlichen Symptombelastung im Prä-post-Vergleich (d = .28) und im Vergleich zur Kontrollgruppe (d = .22) nur ein geringer positiver Effekt der Programme zu Frühen Hilfen nachweisen ließ. Ebenfalls im Prä-post-Vergleich zeigt sich bzgl. der maternalen Kompetenzentwicklung immerhin ein kleiner Effekt (d = .40). In den untersuchten Bereichen des sozialen Unterstützungserlebens sowie der psychischen und physischen Entwicklung der Kinder konnte jedoch kein Effekt nachgewiesen werden. Zudem konnte in der Metaanalyse gezeigt werden, dass Interventionen mit niedrigschwelligem Zugang effektiv waren (d = .29).
Interventionen bei Risikokindern (d = .29) waren effektiver als Interventionen bei Risikoeltern (d = −.10). Hintergrund ist hierbei, dass ein chaotischer Bindungsstil im Sinne eines belastenden Temperaments der Kinder immer dann reduzierbarer ist, wenn die Eltern vergleichsweise frei von eigenen seelischen Belastungen sind und über ein gewisses Maß an Stabilität verfügen (Bakermans-Kranenburg et al. 2005). Mit einer Effektstärke von d = .23 konnten die Autoren zeigen, dass psychosoziale Interventionen, die nach dem 6. Lebensmonat des Kindes starten, am effektivsten sind. Als Hintergrund der Effektivität werden die bereits vollzogene Annahme der neuen Familiensituation und die Entwicklung eines Problem- und Konfliktbewusstseins diskutiert. Beginnt die Unterstützung vor dieser Entwicklung, kann das noch nicht adaptierte Familiensystem die Annahme der Unterstützung blockieren. Parallel dazu dokumentiert die Metaanalyse von Nievar et al. (2010), dass bei RisikofamilienRisikofamilienHausbesuche häufigere Hausbesuche einen größeren Effekt bewirken als Programme mit weniger Hausbesuchen.

Resümee

Insgesamt zeigt sich durch nationale wie auch internationale Studien im Kontext unterschiedlicher Rahmenbedingungen für diese Hilfen und vermittelt durch unterschiedliche Berufsgruppen eine moderat positive Wirksamkeit, bezogen sowohl auf Variablen von Müttern und Eltern, die die Fähigkeit zur Sorge um das Kind reflektieren, als auch auf Variablen kindlicher Entwicklung.

Familienerhaltende sozialtherapeutische Interventionen

Sozialtherapiefamilienerhaltende InterventionenRisikofamiliensozialtherapeutische Interventionen, familienerhaltendeÄhnlich moderate Effekte lassen sich für die Fragestellung beschreiben, ob psychosoziale Interventionsprogramme, auf der Ebene statistischer Evaluation nachweisbar, familienerhaltend wirksam werden können. Hierzu ist in den letzten 20 Jahren eine Reihe von Metaanalysen erstellt worden (Übersicht bei Brosig et al. 2014). Nach definierten Gütekriterien (Implementierung der Maßnahme, Kontrollgruppendesign, Qualität der statistischen Evaluation) wurden insgesamt 38 Studien zu 27 verschiedenen Maßnahmen identifiziert. Zwar erwiesen sich eine ganze Reihe von Interventionen nach den Kriterien der statistischen Signifikanz als erfolgreich, dennoch waren die Effektstärken insgesamt vernachlässigbar gering. Überspitzt formuliert konnten tendenziell förderliche Programme beschrieben werden, die aber letztlich keine bedeutsame Wirksamkeit entfalteten.
In neuere Analysen von familienerhaltenden Präventivmaßnahmen mit dem Ziel der Vermeidung von Inobhutnahmen wurden 20 empirisch anspruchsvolle Studien zu familienbezogenen Intensivmaßnahmen mit insgesamt 31 369 (!) teilnehmenden Familien einbezogen. Nun konnte ein sehr viel positiveres Bild gezeichnet werden:

Es zeigte sich, dass intensive präventive Familienarbeit (intensive family preservation programs) eine mittlere positive Effektstärke aufwies (Cohen's d = .5).

Sie war effektiv in der Prävention von extrafamiliärer Betreuung aufgrund latenter Kindeswohlgefährdung bei Multiproblemfamilien, aber nicht in Familien, bei denen familiäre Gewalt das Kernproblem war. Variablen wie Geschlecht des Kindes, Anzahl der Kinder im Haushalt, Erziehung durch einen Elternteil oder ethnische Zugehörigkeit („non-white“, stärkster psychosozialer Prädiktor) spielten eine Rolle. Auch die Arbeitsbelastung der Professionellen im jeweiligen Programm (Caseload, zweitstärkster Prädiktor) spielte eine wichtige Rolle: Somit konnte bei massiven Problemen in der Familie eine Inobhutnahme immer dann verhindert werden, wenn beide Eltern präsent waren, eher Mädchen als Jungen auffällig wurden, weniger Kinder in der Familie großzuziehen waren, die Eltern der europäisch-weißen Ethnie angehörten und die fallzuständigen Jugendämter nicht überlastet waren. Stand familiäre Gewalt im Vordergrund, waren familienbezogene Hilfen nicht effektiv.
Im Einzelfall kann dann jedoch wieder gezeigt werden, dass ein individualisierter, hochintensiver Unterstützungsplan familienerhaltend wirksam sein kann, wie am Beispiel einer Familie mit Münchhausen-by proxy-Agieren gezeigt werden konnte (Einzelfalldarstellung bei Brosig et al. 2014).

Eine zusammenfassende Perspektive auf Krankheit, Körper und Gesellschaft

Bei Familien zeigt sich vor dem Hintergrund belastbarer epidemiologischer Daten und auf dem Hintergrund einer Vielzahl von Studien und Metaanalysen, dass soziale und kulturelle Bedingungen mit den dazugehörigen Konflikten oft mehr zur Erklärung von Symptombelastungen und Gesundheitsrisiken beitragen als ethnische und biologisch-geschlechtsgebundene Faktoren.
Immer wieder steht die Psychosomatik in Gefahr, dieses Spannungsfeld im reduktionistischen Gestus der Professionalisierung als Psychotherapielehre zu entlasten, der Verführung durch psychobiologische Alleinvertretungsansprüche zu erliegen und sich dem interdisziplinären Anspruch zwischen Medizin, Psychologie und Soziologie zu entziehen (vgl. Layton 2006).
Der Körper trägt aber die Spuren der gelebten Geschichte und der sozialen Umwelt. Psychische Traumata sind gleichzeitig, symbolisch wie konkret, tief im Körper eingeschrieben – psychosomatische Narben, die latent ihre Wirkmächtigkeit entfalten.

Literaturauswahl

Berth et al., 2012

H. Berth E. Brähler M. Zenger Y. Stöbel-Richter Innenansichten der Transformation. 25 Jahre Sächsische Längsschnittstudie (1987–2012) 2012 Psychosozial-Verlag Gießen

Brosig et al., 2014

B. Brosig K. Tamble K.-P. Zimmer Familienorientierte Psychotherapie bei vernachlässigten Kindern Monatsschrift für Kinderheilkunde 162 2014 1104 1109

Lampert and Richter, 2009

T. Lampert M. Richter Gesundheitliche Ungleichheit bei Kindern und Jugendlichen K. Hurrelmann M. Richter Gesundheitliche Ungleichheit. Grundlagen, Probleme, Perspektiven 2009 VS-Verlag Wiesbaden 209 230

Layton, 2006

L. Layton Attacks on linking. The unconscious pull to dissociate individuals from their social context L. Layton N.C. Hollander S. Gutwill Psychoanalysis, Class and Politics. Encounters in the clinical setting 2006 Routledge London, New York

Matzat, 1987

J. Matzat Zur Bedeutung von Selbsthilfegruppen in der Gesundheitsvor- und -nachsorge Prävention 10 1987 75 79

Rattay et al., 2012

P. Rattay T. Lampert H. Neuhauser U. Elltert Bedeutung der familialen Lebenswelt für die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. Ergebnisse des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys (KiGGS) Zeitschrift für Erziehungswissenschaften 15 2012 145 170

Regnerus, 2012

M. Regnerus How different are the adult children of parents who have same-sex relationships? Findings from the New Family Structures Study Soc Sci Res 41 2012 752 770

Richter, 1986

H.E. Richter Die Chance des Gewissens 1986 Hoffmann und Campe Hamburg

Roelcke, 2004a

V. Roelcke Nazi medicine and research on human beings Lancet 364 suppl 1 2004 s6 s7

Zimmer, 2007

A. Zimmer VereineZivilgesellschaft konkret 2007 VS Verlag für Sozialwissenschaften Wiesbaden

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