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B978-3-437-21833-0.00016-4

10.1016/B978-3-437-21833-0.00016-4

978-3-437-21833-0

Trauma und Resilienz

Wolfgang Wöller

Johannes Kruse

  • 16.1

    Einleitung181

  • 16.2

    Zusammenhänge zwischen psychischen Traumatisierungen und psychischen sowie psychosomatischen Störungsbildern182

  • 16.3

    Neurobiologie der posttraumatischen Belastungsstörung183

  • 16.4

    Individuelle Verarbeitung traumatischer Einflüsse und posttraumatische Persönlichkeitsentwicklung184

  • 16.5

    Resilienz185

  • 16.6

    Posttraumatisches Wachstum186

  • 16.7

    Resilienz, Emotionsregulierung und das Prinzip der Ressourcenaktivierung187

  • 16.8

    Ausblick187

Einleitung

Psychische TraumatisierungenPsychische Traumatisierungen gelten als bedeutsame ätiologische Faktoren bei zahlreichen psychischen und psychosomatischen Störungsbildern. Ungeachtet seiner klinischen Bedeutung blieb der Begriff des psychischen Traumas über lange Zeit unscharf definiert. Dies gilt auch für die Definition der ICD-10 (WHO 2000), die unter einem TraumaTrauma(tisierungen)Definition ein „belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer, mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde“ versteht. Sie wurde als unzureichend und unvollständig betrachtet, da auch Ereignisse, denen die Merkmale der außergewöhnlichen Bedrohung oder des katastrophalen Ausmaßes fehlen (z. B. Erfahrungen sexuellen MissbrauchsSexueller Missbrauchpsychische Traumatisierung), in hohem Maße traumatisch wirksam sein können.
Anders als frühere Klassifikationen gibt die neue amerikanische DSM-5-Klassifikation (APA 2013) im Zusammenhang mit den Diagnosekriterien der posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS)Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)Traumadefinition genauere Auskunft darüberTrauma(tisierungen)Definition, was unter einem psychischen Trauma verstanden werden soll: die Exposition gegenüber einer tatsächlichen oder angedrohten Todesbedrohung, eine schwere Verletzung oder ein sexueller Übergriff. Zusätzlich werden konkrete Szenarien der Exposition genannt. Von einem psychischen Trauma ist dann zu sprechen, wenn eine Person
  • ein traumatisches Ereignis direkt erlebt;

  • persönlich Zeuge davon ist;

  • erfährt, dass das traumatische Ereignis einem engen Familienmitglied oder nahen Freund geschehen ist (wobei die tatsächliche oder drohende Todesgefahr entweder gewaltsam oder schicksalhaft entstanden sein kann);

  • aus erster Hand eine wiederholte oder extreme Exposition gegenüber aversiven Details des traumatischen Ereignisses miterlebt, die sich nicht auf die Darstellung in Medien oder Filmen beschränkt.

Anders als im DSM-IV (APA 2000) wurde die subjektive Reaktion mit intensiver Angst, Hilflosigkeit, Ohnmacht und Schrecken nicht mehr als Kriterium aufgenommen, da sie nach Auffassung der Expertengruppe nicht zur Vorhersage des Auftretens einer PTBS beiträgt.
Die Breite der psychischen Traumatisierungen umfasst somit die Auswirkungen schwerer Verkehrs- oder Arbeitsunfälle ebenso wie die Folgen von physischer, sexueller und emotionaler Gewalt im persönlichen Nahbereich und im Umfeld von Krieg und politischer Unterdrückung. Im Hinblick auf die Entstehung psychischerPsychische StörungenTrauma(tisierungen) und psychosomatischer StörungenPsychosomatische Erkrankungenpsychisches Trauma kommt Traumatisierungen durch physische Misshandlung, sexuelle Übergriffe und emotionale Misshandlung in der Kindheit und Jugend eine besondere Bedeutung zu.
Trauma(tisierungen)TypologieEine breit akzeptierte Typologie potenziell traumatischer Ereignisse unterscheidet nach Terr (1991):
  • Typ-I-Traumata: plötzlich und überraschend einsetzende einmalige TraumatisierungenTrauma(tisierungen)einmalige (Typ I)

  • Typ-II-Traumata: chronisch kumulativ einwirkende TraumenTrauma(tisierungen)chronisch kumulative (Typ II)

Typ-I-Traumen oder „SchocktraumenSchocktrauma“ können Naturkatastrophen oder Verkehrsunfälle, aber auch Vergewaltigungen oder räuberische Überfälle sein. Demgegenüber wirken chronisch kumulative Traumen im Sinne einer Dauerbelastung auf die Betroffenen ein. Dazu zählen Kriegsereignisse, Gefangenschaft, Folter, Geiselhaft, aber auch MisshandlungenMisshandlung, MissbrauchMissbrauch und VernachlässigungVernachlässigungKindheit in der Kindheit sowie häusliche GewaltGewalterfahrungenhäuslicheHäusliche Gewalt im Erwachsenenalter.
Die gesamtgesellschaftliche Bedeutung psychischer TraumatisierungenTrauma(tisierungen)gesamtgesellschaftliche Bedeutung unterlag lange Zeit einer massiven Verleugnung, von der auch die professionelle Welt der Psychologie, Psychiatrie und Psychosomatischen Medizin nicht ausgenommen war (Aries 1998; Armstrong 1985). Erst in den letzten Jahrzehnten hat sich ein Wandel vollzogen, indem das hohe Schädigungspotenzial traumatischer Einflüsse nun auch in der Fachöffentlichkeit angemessen gewürdigt wird.
In den letzten Jahren konnten hinreichend verlässliche Daten zur PrävalenzTrauma(tisierungen)Prävalenz psychischer Traumatisierungen in der Allgemeinbevölkerung ermittelt werden. So berichteten in einer repräsentativen Stichprobe der deutschen Bevölkerung aus dem Jahr 2010 12 % der Befragten über körperlichenMissbrauchpsychische TraumatisierungKörperlicher Missbrauchpsychische Traumatisierung, 12,5 % über sexuellenSexueller Missbrauchpsychische Traumatisierung und 14,9 % über emotionalen MissbrauchEmotionaler Missbrauch. Schwere bis extreme Ausprägungen wurden mit 2,8 % für körperliche MisshandlungenMisshandlungpsychische Traumatisierung, mit 1,9 % für sexuellen Missbrauch und mit 1,6 % für emotionalen Missbrauch angegeben (Häuser et al. 2011). Bei einer Bewertung der Daten ist zu berücksichtigen, dass traumatische Erfahrungen einer dissoziativen AmnesieAmnesiedissoziativeDissoziative Amnesiepsychische Traumatisierung unterliegen können, sodass tendenziell eher von einer Unter- als von einer Überschätzung der gesamtgesellschaftlichen Bedeutung ausgegangen werden muss. Der aus der hohen Prävalenz psychischer Traumatisierungen resultierende Schaden für die psychische Gesundheit der Bevölkerung hat erhebliche Auswirkungen auf die Inanspruchnahme medizinischer und psychologischer Angebote.
Für den größten Teil der Allgemeinbevölkerung äußert sich die psychische Reaktion auf psychische TraumatisierungenTrauma(tisierungen)Belastungsreaktion, akute durch die Erfahrung intensiver Bedrohung in einer akuten vorübergehenden Störung ohne dauerhafte funktionelle Beeinträchtigungen. Sie wird in der ICD-10 als „Akute BelastungsreaktionBelastungsreaktion(en)akute beschrieben. Jedoch entwickelt eine signifikante Minderheit in Reaktion auf das intensive Bedrohungserleben die Langzeitsymptomatik der PTBSTrauma(tisierungen)posttraumatische Belastungsstörung, die mit einer erheblichen Funktionseinschränkung verbunden ist. Sie ist Ausdruck einer anhaltenden abnormalen Adaptation der neurobiologischen Systeme an die traumatische Stressbelastung.
Hat sich eine länger dauernde traumatische Reaktion mit entsprechender Traumafolgesymptomatik und/oder Persönlichkeitsveränderung ausgebildet, kann diese die individuellen Bewertungssysteme und Bewältigungskapazitäten beeinflussen. Sie kann dazu beitragen, dass soziale Netzwerke sowie institutionelle und therapeutische Unterstützung weniger genutzt werden, was sich negativ auf die weitere Symptomentwicklung auswirkt.
Umgekehrt kann eine Nutzung sozialer Netzwerke und institutioneller Hilfsangebote zumindest einen Teil der TraumafolgestörungenTraumafolgestörungenSchutz- und Resilienzfaktoren abpuffern. In vielen Fällen tragen Schutz- und Resilienzfaktoren trotz hochgradig belastender Lebensumstände zu einer überwiegend gelingenden Lebensbewältigung und weitgehender Symptomfreiheit bei. Nicht selten bilden psychische Traumatisierungen und die mit ihnen verbundenen leidvollen Erfahrungen den Ausgangspunkt für eine Persönlichkeitsentwicklung, die mit dem Begriff des „posttraumatischen WachstumsWachstum, posttraumatischesPosttraumatisches Wachstum“ umschrieben wird. Die Variabilität der Reaktionen auf traumatische Einwirkungen und die Bedingungen für die Entwicklung von ResilienzTrauma(tisierungen)Resilienzentwicklung sind in den letzten Jahren zum Gegenstand intensiver Forschung geworden.

Zusammenhänge zwischen psychischen Traumatisierungen und psychischen sowie psychosomatischen Störungsbildern

Angst(störungen)TraumatisierungenIn spezifischer Weise ist die PTBS mit einer Traumaätiologie verbunden, jedoch reicht das Spektrum der Störungen, bei denen Zusammenhänge mit psychischen Traumatisierungen nachweisbar sind, weit darüber hinaus. Als wichtigste Störungsbilder, die während des ersten Jahres nach einem traumatischen Ereignis auftreten, wurden depressive StörungenDepression/depressive StörungenTraumaätiologie, die PTBSPosttraumatische Belastungsstörung (PTBS)Traumaätiologie, Angst- und PanikstörungenPanikstörungenTraumaätiologie und verschiedene Formen von Phobien beschriebenPhobienTraumaätiologie (Bryant et al. 2010).
Trauma(tisierungen)ErkrankungsrisikopsychischesEine größere Zahl von Studien zeigt Zusammenhänge zwischen psychischen Traumatisierungen in der Angst(störungen)KindheitsbelastungsfaktorenKindheitTrauma(tisierungen)in der Kindheit und einer breiten Vielfalt späterer psychischerPsychische StörungenKindheitstraumata und psychosomatischer StörungenPsychosomatische ErkrankungenKindheitstraumata. Zwar ist im Einzelfall der Nachweis des kausalen Zusammenhangs zwischen traumatischen Erfahrungen in der Kindheit und einer Psychopathologie im Erwachsenenalter wegen der Vielzahl intervenierender Einflüsse schwierig; doch lässt die Fülle der korrelativen Zusammenhänge keinen Zweifel an der Mitwirkung kindheitstraumatischer Erfahrungen bei der Entstehung dieser Störungsbilder. So erhöht sexueller MissbrauchSexueller MissbrauchDepressionsrisiko in der Kindheit die Wahrscheinlichkeit, im Erwachsenenalter eine schwere Depression zu entwickeln, um das Vierfache (McCaulex et al. 1997). Dissoziative SymptomeDissoziative StörungenGewalterfahrungen, frühe treten gehäuft sowohl nach sexueller Gewalt wie nach anderen Formen der Misshandlung im KindesalterMisshandlungim Kindesalter auf (Vermetten et al. 2007). Somatoforme StörungenSomatoforme StörungenTraumaätiologie und insbesondere somatoforme SchmerzstörungenSomatoforme SchmerzstörungTraumaätiologie sind eine häufige Folge schwerer Traumatisierungen (Paras et al. 2009).
Ebenso wie bei den genannten Störungen finden sich auch bei anderen Störungsbildern wie Angststörungen, EssstörungenEssstörungenKindheitstraumata, sexuellen FunktionsstörungenSexuelle FunktionsstörungenKindheitstraumata, AbhängigkeitserkrankungenAbhängigkeitserkrankungenKindheitstraumata und PersönlichkeitsstörungenPersönlichkeitsstörung(en)Kindheitstraumata Zusammenhänge mit psychischen Traumatisierungen in der Kindheit. Doch betreffen die Zusammenhänge – sieht man einmal vom Störungsbild der PTBS ab – nie alle, sondern immer nur einen Teil der betroffenen Erkrankten (Sack et al. 2013; Wöller 2013). Unter den Persönlichkeitsstörungen weisen vor allem Patienten mit einer emotional instabilen PersönlichkeitsstörungEmotional instabile PersönlichkeitsstörungKindheitstraumata (Borderline-Persönlichkeitsstörung)Borderline-PersönlichkeitsstörungKindheitstraumata und solche mit einer dissozialen PersönlichkeitsstörungDissoziale PersönlichkeitsstörungKindheitstraumata hohe Raten von Traumatisierungen in ihrer Vorgeschichte auf; bei den meisten anderen Persönlichkeitsstörungen finden sich, soweit verlässliche Forschungsdaten vorliegen, geringere, aber gleichwohl beachtliche Raten an Traumatisierungen (Wöller 2013, 2014Wöller 2013Wöller 2014; Zanarini et al. 2002).
Um die Komplexität der Folgesymptomatik nach TraumatisierungenTrauma(tisierungen)Folgesymptomatik in Kindheit und Jugend abzubilden, wurde der Begriff der „komplexen posttraumatischen BelastungsstörungPosttraumatische Belastungsstörung (PTBS)komplexeKomplexe posttraumatische Belastungsstörung (Herman 1993; Sack et al. 2013; Reddemann und Wöller 2016) vorgeschlagen, der voraussichtlich Eingang in die derzeit noch in Vorbereitung befindliche ICD-11 finden wird (Maercker et al. 2013). Unter diesen Begriff fallen auch typische traumabedingte Veränderungen der PersönlichkeitPersönlichkeitsveränderungtraumabedingte mit negativen selbstbezogenen Kognitionen und schwerwiegenden Defiziten der Selbstwertregulation (Wöller 2013).
Psychische TraumatisierungenTrauma(tisierungen)Erkrankungsrisikosomatisches erhöhen auch das Risiko für die Entwicklung von somatischen ErkrankungenSomatische ErkrankungenTraumaätiologie, wie z. B. kardiovaskulären Erkrankungen, Diabetes mellitus und Autoimmunerkrankungen. Diese Zusammenhänge wurden zunächst anhand großer bevölkerungsrepräsentativer Querschnittstudien ermittelt (u. a. Rich-Edwards et al. 2010, 2012Rich-Edwards et al. 2010Rich-Edwards et al. 2012; Lukaschek et al. 2012).
Mittlerweile liegen erste prospektive Studien vor, die den Einfluss schwerer Traumatisierung auf die Entwicklung einer kardiovaskulären ErkrankungKardiovaskuläre ErkrankungenTraumaätiologie oder eines Diabetes mellitusDiabetes mellitusTraumaätiologie beschreiben (Widum 2012; Crum-Cianflone et al. 2014). Diesen Studien zufolge sind für das erhöhte Erkrankungsrisiko bei traumatisierten Menschen unterschiedliche Mechanismen verantwortlich. Einerseits sind Traumatisierungen und PTBS mit einem ungesunden Lebensstil assoziiertTrauma(tisierungen)Lebensstil, ungesunder. So finden sich höhere Raten an Nikotinabhängigkeit, Adipositas und Schlafstörungen bei Menschen mit schwerer Traumatisierung. Sie gelten als Risikofaktoren für die Entwicklung einer KHKKoronare Herzkrankheit (KHK)Traumaätiologie und eines Diabetes mellitus. Andererseits gibt es zunehmend Evidenz, dass traumatische Erlebnisse zu einer erhöhten Vulnerabilität für somatische Erkrankungen durch langfristige Veränderungen in den neurobiologischen Systemen führen, insbesondere bei Personen mit genetischer Vulnerabilität.

Neurobiologie der posttraumatischen Belastungsstörung

Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)neurobiologische KorrelateTrotz der Vielfalt der im Zusammenhang mit traumatischen Erfahrungen vorkommenden Störungsbilder hat die PTBS als das am besten untersuchte Störungsbild paradigmatische Bedeutung für die Traumaforschung erlangt. Eine größere Zahl von Studien hat sich mit den neurobiologischen Korrelaten der PTBS befasst. So konnten mittels bildgebender Verfahren konsistent strukturelle und funktionale Abweichungen in verschiedenen Hirnregionen identifiziert werden, namentlich im Bereich der Amygdala, des Hippokampus und des präfrontalen Kortex (Karl et al. 2006). Patienten mit PTBS wiesen z. B. eine verminderte Aktivität im präfrontalen Kortex auf (Milad et al. 2009). Die Symptomschwere korrelierte mit der Aktivität im präfrontalen Kortex (Shin et al. 2005).
Karl et al. (2006) konnten in einer Metaanalyse zeigen, dass Personen, die eine PTBS entwickelt hatten, ein geringeres Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)HippokampusvolumenHippokampusvolumen aufwiesen als nicht traumaexponierte Personen und traumaexponierte Personen ohne PTBS. Personen, die traumaexponiert waren, ohne eine PTBS entwickelt zu haben, hatten einen kleineren Hippokampus als nicht exponierte Personen. Eine weitere Metaanalyse zeigte, dass bei beiden Geschlechtern eine chronische PTBS quer über alle Traumatypen hinweg mit geringeren Hippokampusvolumina einherging (Kitayama et al. 2005). Die hippokampale Volumenreduktion kann als Ausdruck eines kumulativ toxischen Effekts wiederholter Exposition gegenüber erhöhten GlukokortikoidspiegelnGlukokortikoidspiegelHippokampusvolumen oder als Ausdruck einer erhöhten Glukokortikoidsensitivität verstanden werden. Lang anhaltender Stress und hohe Glukokortikoidspiegel schädigen den Hippokampus, indem sie zur Reduktion dendritischer Verzweigungen, zum Verlust von dendritischen Spines und zur Schwächung der Neurogenese führen (Fuchs und Gould 2000). Zwillingsstudien deuten darauf hin, dass verminderte Hippokampusvolumina auch ein prädisponierender genetischer Faktor für die Entwicklung einer PTBS sein können (Gilbertson et al. 2002).
Ein weiteres Merkmal der PTBS ist eine Hyperaktivität der Amygdala (Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)Amygdala, hyperaktiveShin et al. 2005). Dabei scheint eine Interaktion zwischen dem präfrontalen Kortex und der Amygdala, bei der die Amygdala nicht ausreichend durch den präfrontalen Kortex moduliert wird, für die Aufrechterhaltung der PTBS bedeutsam zu sein, mit der Folge einer Überaktivität der Amygdala (Rauch et al. 2006).
Neurochemische Veränderungen bei PTBS umfassen eine abnorme Regulation verschiedener NeurotransmitterPosttraumatische Belastungsstörung (PTBS)Neurotransmittersynthese, insbesondere von Katecholaminen und Serotonin, sowie abweichende Regulationen im Bereich der Peptide und Opioide. Die Veränderungen von Katecholaminen und Serotonin erklären diejenigen Aspekte der PTBS-Symptomatik, die mit Hyperarousal, erhöhter Schreckhaftigkeit und verstärkter Encodierung von angstbezogenen Erinnerungen verbunden sind (Strawn 2008). Veränderungen der endogenen OpioideOpiate/OpioidePTBS-Symptome finden sich beim PTBS-Symptom der emotionalen Betäubung, bei stressinduzierter Analgesie und bei dissoziativen Symptomen (Newport und Nemeroff 2000; Vermetten und Bremner 2002).
Veränderungen im Bereich der HHN-Achse und somit der Regulierung des Kortisolspiegels Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS)Kortisolproduktionsind ebenfalls ein charakteristisches Merkmal bei traumatischem Stress (Wewisse et al. 2007; Heim et al. 2000, 2008Heim et al. 2000Heim et al. 2008). Die Studien legen nahe, dass Personen, die eine PTBS entwickeln, geringere basale Kortisolspiegel aufweisen als Patienten ohne Traumaexposition. Gleichzeitig führen traumatische Erfahrungen bei Frauen zu einer anhaltenden Sensibilisierung der neuroendokrinen und autonomen Stressreaktion. So haben Heim et al. (2008) gezeigt, dass frühe Stresserfahrungen mit einer verminderten Feedbackhemmung der Stresshormonachse unter stimulierenden Bedingungen assoziiert sind. Dieser Befund deutet darauf hin, dass nach frühen Stresserfahrungen eine Resistenz der Glukokortikoid-Rezeptoren vorliegt, die dazu führt, dass unter aktuellen Belastungen die Kortisolausschüttung deutlich höher ausfällt, da die gegenregulatorischen Mechanismen verzögert greifen. Exzessiver Stress kann zu Schäden im Hippokampus führen, wobei hippokampale Neuronen nicht mehr ausreichend in der Lage sind, die Kortisolproduktion in der Nebennierenrinde zu modulieren (Bremner 2001).
Das Risiko, eine PTBS zu entwickeln, wird stark durch erbliche Faktoren beeinflusst. Nicht nur die Hippokampusvolumina (Gilbertson et al. 2002), auch die Neigung zu erhöhter Amygdalaaktivität (Hariri et al. 2002) unterliegt genetischen Einflüssen. Genetische Variationen in den entsprechenden neurobiologischen Systemen, insbesondere Polymorphismen von Transportergenen, tragen zu Unterschieden in den individuellen Reaktionen auf traumatische Einwirkungen und zum PTBS-Risiko bei (Broekman et al. 2007). Gen-Umwelt-Interaktionen spielen eine wichtige Rolle. So konnte gezeigt werden, dass stresserzeugende Lebensereignisse das Risiko für psychische und psychosomatische Erkrankungen bei den Trägern bestimmter Varianten von Transporter-Genen erhöhen, jedoch nicht bei den Trägern der alternativen Varianten dieser Gene (Feder et al. 2009).
Andererseits können traumatische Lebensereignisse und PTBS zu epigenetischen Veränderungen führen, die verantwortlich dafür sind, dass bestimmte DNA-Informationen zur Transkription nicht mehr zur Verfügung stehen. So wiesen z. B. Suizidopfer, deren frühkindlicher Missbrauch dokumentiert war, im Vergleich zu SuizidopfernSuizidalitätGlukokortikoid-Rezeptorgen ohne dokumentierten Missbrauch Veränderungen der Methylierung in der Promotorregion des Glukokortikoid-Rezeptorgens auf (McGowan et al. 2009). Das Ablesen dieses Gens ist somit erschwert. Die dadurch verminderte mRNA-Expression im Bereich der Glukokortikoid-Rezeptoren im Hippokampus bewirkt eine verminderte Rezeptordichte, die mit einer erhöhten Stressreagibilität assoziiert ist. Auch finden sich Unterschiede in der Länge der Teleomere – chromosomale Strukturen, die für die Steuerung der zellulären Lebenszeit wichtige Funktionen übernehmen – zwischen Personen mit PTBS und nichttraumatisierten Personen (Ladwig et al. 2013).

Resümee

Zusammenfassend kann davon ausgegangen werden, dass traumatische Einflüsse auf dem Weg über zytotoxische Prozesse zu strukturellen Läsionen und funktionellen Defiziten führen können. Chronische Exposition gegenüber Stress erhöht die Produktion von Stresshormonen, die in hoher Konzentration neurotoxische Auswirkungen haben, indem sie die Synthese von Neurotransmittern und die Sensibilität der Rezeptoren beeinflussen. Ein defizitäres Umfeld beeinträchtigt auf diese Weise die Entwicklung von Hirnstrukturen und Hirnfunktionen und trägt zu Veränderungen im Bereich der neuronalen Netzwerke, der Hirngröße und der HHN-Achse bei. Diese bewirken eine erhöhte Vulnerabilität für die Entwicklung psychischer und somatischer Erkrankungen.

Individuelle Verarbeitung traumatischer Einflüsse und posttraumatische Persönlichkeitsentwicklung

PersönlichkeitsentwicklungposttraumatischeDie individuellen Reaktionen auf potenziell traumatische Lebensumstände zeigen eine große Variabilität und werden durch eine Vielzahl von Faktoren beeinflusstTrauma(tisierungen)individuelle Verarbeitung. So hängt es von individuellen Bewertungsdimensionen, aber auch von persönlichen Vorerfahrungen ab, ob eine unbekannte Situation als Herausforderung, als Belastung oder als traumatische Überwältigung verarbeitet wird. Lindy (1993) spricht von der „traumaspezifischen Bedeutung“ als der persönlichen Bedeutung, die eine bestimmte Situation für das Selbstkonzept einer Person haben kann. Am Beispiel von Kriegstraumen lässt sich zeigen, wie sehr die Ausbildung von Traumafolgesymptomen davon abhängt, ob die im Kriegskontext auftretenden Gewalthandlungen vom eigenen Wertesystem legitimiert oder als im Widerspruch dazu erlebt werden.
Kontextbedingungen, darunter vor allem das Ausmaß der sozialen Unterstützung zum Zeitpunkt der Einwirkung des Ereignisses, entscheiden darüber, ob sich eine traumatische Reaktion entwickelt und ob sie sich, wenn sie sich bereits entwickelt hat, schnell zurückbildet oder nicht. Je schwerer die TraumatisierungTrauma(tisierungen)emotionale Unterstützung ist, umso wichtiger werden Umweltfaktoren der emotionalen Unterstützung (Ungar et al. 2013).
Zum Verständnis der im Zusammenhang mit traumatischen Erfahrungen einsetzenden PsychodynamikTrauma(tisierungen)Psychodynamik haben insbesondere psychoanalytische Autoren wichtige Beiträge geliefert. S. Freud (1920) hatte bereits die ökonomischen Aspekte der durchbrochenen Reizschranke mit unkontrolliert überflutender Angst und den Wiederholungscharakter von Traumaphänomenen beschrieben. Psychoanalytisch orientierte Autoren haben im Hinblick auf die Folgewirkungen traumatischer Erfahrungen seit Langem die subjektive Realität der Opfer für bedeutsamer gehalten als die objektiv feststellbaren Bedingungen zum Zeitpunkt der Einwirkung. Das Erleben von Hilflosigkeit, Ohnmacht und Ausgeliefertsein wurde als Ausdruck der Überwältigung des Ichs durch äußere oder innere Kräfte betrachtet und als entscheidendes Kriterium für eine psychische Traumatisierung angesehen (Freud 1920).
Spätere Autoren machten die PersönlichkeitsentwicklungTrauma(tisierungen)Persönlichkeitsentwicklung im Gefolge von Traumatisierungen in Kindheit und Jugend zum Gegenstand psychoanalytischer Betrachtungen. Ferenczi (1933/82) entwickelte die nach wie vor gültige Theorie der Introjektion traumatischer Beziehungserfahrungen mit ihren nachteiligen Auswirkungen auf die Entwicklung der inneren Normensysteme und des Selbstwertgefühls. Die Persönlichkeitsveränderungen nach Traumatisierungen in Kindheit und Jugend mit den umfassenden Scham- und Schuldgefühlen der Opfer sind plausibel durch diese Theorie erklärbar. Die Neigung traumatisierter Kinder, sich selbst die Schuld an MisshandlungenMisshandlungPersönlichkeitsentwicklung und Übergriffen zu geben, lässt sich aus der Notwendigkeit erklären, im Interesse des Bindungserhalts das Bild der „guten“ Eltern zu erhalten. Mit der Übernahme der Schuld und der Selbstdefinition als „böses“ Kind bewahrt sich das Kind die Hoffnung, dass die misshandelnden Eltern ihm wieder ihre Liebe zuwenden, sobald es sich ihnen wieder als „gutes Kind“ präsentiert.

Die Degradierung des Kindes zum Objekt von Machtausübung und Bedürfnisbefriedigung der erwachsenen Person führt zu einer schweren Beeinträchtigung des Selbstwertgefühls und zu einer tief verwurzelten Überzeugung des Opfers, nicht nur unfähig und unwert zu sein, sondern auch kein Recht auf eigene Gefühle und Wünsche zu haben. Selbsthass und Ekel vor dem eigenen Körper und sexuellen Aspekten der eigenen Körperlichkeit sind häufige Folgen (Hirsch 1996).

Objektbeziehungstheoretische Ansätze konzipierten die Auswirkungen psychischer Traumatisierungen auf der Ebene der verinnerlichten Objektbeziehungen als Verlust der inneren Repräsentanz einer schützenden und tröstenden Bezugsperson. Zur Kompensation des existenziellen Bedrohungsgefühls setzen regressive Formen der Objektbeziehung ein. Am Beispiel der Vergewaltigungssituation lässt sich zeigen, wie durch das absolute Macht-Ohnmachts-Gefälle, das Gefühl völligen Ausgeliefertseins und das Erleben von vernichtender Demütigung eine Ich-RegressionTrauma(tisierungen)Ich-RegressionIch-Regression in Gang gesetzt wird, in deren Verlauf sich das Opfer hilfesuchend an den Täter wendet. Alle Rettungserwartungen und Bindungswünsche sind nun an ihn richtet. Die gleichzeitig einsetzende Erkenntnis, dass statt der ersehnten Hilfe weitere rücksichtslose Schädigung folgt, verstärkt die frühkindlichen Ängste vor völligem Alleingelassen-Werden und existenzieller Bedrohung und mit ihnen wiederum die regressiven, an den Täter gerichteten Rettungserwartungen (Ehlert-Balzer 1996).
In der Auseinandersetzung mit den Traumatisierungen während des HolocaustHolocaust(überlebende)Alexithymie wurden traumatisch bedingte Störungen der Symbolisierungsfähigkeit beschrieben (Grubrich-Simitis 1984). Die Schilderungen bildeten den Ausgangspunkt für neuere Theorien zu Defiziten der MentalisierungsfähigkeitMentalisierung(sfähigkeit)bindungstraumatische ErfahrungenTrauma(tisierungen)Mentalisierungsdefizite im Gefolge bindungstraumatischer Erfahrungen (Fonagy et al. 2004). Die seit Langem im Zusammenhang mit psychosomatischen Störungsbildern beobachteten alexithymen Phänomene konnten als traumatisch bedingte Defizite der Affektverarbeitung in Verbindung mit Mentalisierungsdefiziten verstanden werden.
Die Beobachtung, dass Traumaerinnerungen in stereotypen Verhaltensweisen, wiederkehrenden Träumen, Flashbacks oder sich zwanghaft aufdrängenden Gedanken mitteilen können, machte eine Auseinandersetzung mit der neueren GedächtnisforschungTrauma(tisierungen)Gedächtnisforschung notwendig (Schacter 1992) und bewirkte eine Renaissance der über Jahrzehnte kaum noch beachteten Arbeiten von Janet (1889). Ob von einem besonderen TraumagedächtnisTraumagedächtnis gesprochen werden kann, wurde in der Folgezeit zum Ausgangspunkt heftiger Kontroversen um den Stellenwert von äußerer Realität und innerer Verarbeitung in Form von Fantasien und Abwehrvorgängen (Wöller 2015).
Fischer und Riedesser (1998) unterscheiden die traumatische Situation mit ihren objektiven und subjektiven Aspekten von der traumatischen Reaktion und dem traumatischen Prozess, einer oft lebenslangen Auseinandersetzung mit der Tatsache der Traumatisierung.
Die traumatische ReaktionReaktionentraumatischeTraumatische Reaktion lässt sich in Anlehnung an Horowitz (1997) am Paradigma der Typ-1-Traumatisierung in Phasen gliedern:
  • Eine erste Phase ist durch heftige affektive Reaktionen der Angst, Wut und Trauer gekennzeichnet.

  • In einer zweiten Phase kommt es zu einem „PendelnTrauma(tisierungen)posttraumatisches Pendeln“ zwischen einer gedanklichen und gefühlsmäßigen Annäherung an das Trauma und einer Distanzierung durch emotionale Verleugnung und Vermeidung aller traumabezogenen Reize.

  • Auf diese Phase des „posttraumatischen Pendelns“ folgt die dritte Phase der Durcharbeitung und Erholung.

Der pathologischen Entwicklung entspricht in dem Modell von Horowitz (1997) eine Fixierung auf die beiden Enden des Pendels: Der Annäherung an das Trauma entsprechen die Intrusionen der PTBS, der emotionalen Distanzierung vom Trauma die psychische Betäubung (Numbing) und die Vermeidung traumabezogener Stimuli.
Der vielfach replizierte Befund, dass Opfer traumatischer Gewalt in Kindheit und Jugend mit einer um ein Vielfaches erhöhten Wahrscheinlichkeit im späteren Leben wieder Opfer von Gewalthandlungen und Übergriffen werden, kann unter unterschiedlichen psychodynamischen Perspektiven betrachtet werden. Aspekte der Affektregulation spielen hier ebenso eine wichtige Rolle wie bindungstheoretische Überlegungen und Aspekte der narzisstischen Regulation (Wöller 2005).
Aus der Perspektive kognitiv-behavioraler Modelle wurde immer wieder hervorgehoben, dass die Art und Weise, wie Menschen traumatische Ereignisse emotional und kognitiv verarbeiten, den Beginn und die Aufrechterhaltung einer PTBS beeinflusst. Wie ein Trauma gedeutet und eingeschätzt wird, hat einen Einfluss auf die Art der Erinnerung und trägt zur Entwicklung einer PTBS bei. Negative Selbstzuschreibungen im Sinne eigener Wertlosigkeit, Schlechtigkeit oder Schuld sowie Übergeneralisierungen sind für Patienten mit Traumafolgestörungen charakteristisch. Ungünstige Bewältigungsstrategien tragen zusätzlich zur Aufrechterhaltung der Symptomatik bei (Clark und Ehlers 2004; Nemeroff et al. 2006).

Resilienz

Resilienz(entwicklung)Statt sich ausschließlich auf die negativen Folgen traumatischer Erfahrungen zu konzentrieren, hat sich die Resilienzforschung der Frage zugewandt, warum einige Menschen trotz potenziell traumatischer Lebensumstände nicht an einer TraumafolgesymptomatikTraumafolgestörungenResilienz erkranken oder sich von ihr zügig wieder erholen. Die aus dieser Fragestellung hervorgegangenen Modelle sind weniger defizit- und stärker kompetenzorientiert; sie haben sich als eine sinnvolle Ergänzung der Beschäftigung mit Traumafolgen erwiesen (McEwen 2002).
Trauma(tisierungen)ResilienzentwicklungEine erste Phase der Resilienzforschung befasste sich mit Persönlichkeitsvariablen von Personen, die eine gute Anpassung an belastende Lebensumstände zeigen. Dabei wurden Faktoren identifiziert, die bei einem breiten Spektrum von Traumatisierungen – von Traumen durch Naturkatastrophen, schweren Unfällen und Kriegseinwirkungen bis hin zu Traumatisierungen im persönlichen Nahbereich und im Kontext politischer Verfolgung – mit Resilienz assoziiert sind.
Traumafolgestörungenprotektive FaktorenResilienz(entwicklung)PersönlichkeitsfaktorenUnter den zahlreichen Persönlichkeitsfaktoren fand das Konzept HardinessHardiness, Resilienzfaktor (Kobasa 1979) breite Beachtung. Mit den Dimensionen „Kontrolle“, „Engagement/Selbstverpflichtung“ (commitment) und „Herausforderung“ konnte HardinessResilienz(entwicklung)Hardiness als wichtiger Resilienzfaktor identifiziert werden. Vietnamveteranen mit hohen Werten in den Hardiness-Dimensionen zeigten nicht nur weniger PTBS-Symptome; ihnen fiel es auch leichter, soziale Unterstützungsressourcen für den Umgang mit ihren PTBS-Symptomen zu aktivieren (King et al. 1998). Bei israelischen Kriegsgefangenen im Yom-Kippur-Krieg des Jahres 1973 wurde dem Faktor Hardiness ein direkter oder indirekter moderierender Effekt zugeschrieben, der nach Traumaexposition zu langfristiger positiver Veränderung führte und die Betroffenen vor Langzeitfolgen schützte (Waysman et al. 2001).
Als weitere mit guter Anpassung an belastende Lebensumstände verbundene Persönlichkeitscharakteristika konnten identifiziert werden: interner Locus of Control, Optimismus, Hoffnung, Selbstwirksamkeit, Anpassungsbereitschaft und Kohärenzgefühl. Personen mit hoher Resilienz weisen hohe Werte in Dimensionen wie Flexibilität, Selbstvertrauen, Neugier, Fähigkeit zur kreativen Problemlösung und Selbstkontrolle auf (Wilson und Raphael 1993).
Eine wichtige Rolle spielen weiterhin individuelle Einschätzungsprozesse und BewältigungsstileResilienz(entwicklung)Bewältigungsstile. Die Wahrnehmung und die Einschätzung von Stressoren können als moderierende Variable gegenüber der Entwicklung einer PTBS und anderer Traumafolgestörungen angesehen werden. Problemorientiertes CopingBewältigung(sstrategien/-verhalten)problemorientierte erwies sich als effektiver im Umgang mit traumatischem Stress als emotionales CopingBewältigung(sstrategien/-verhalten)emotionale (Folkman und Moskowitz 2000). Zwei Jahre nach dem Golfkrieg hatten Veteranen mit aktiven Bewältigungsstilen weniger PTBS-Symptome entwickelt als Veteranen mit vermeidenden Bewältigungsstilen (Sharkansky 2000).
Ein anderer Forschungsstrang befasst sich mit den Auswirkungen von BindungssicherheitBindungssicherheitResilienz(entwicklung)Resilienz(entwicklung)Bindungssicherheit und familiärem Umfeld auf die Entwicklung von Resilienz. Sichere Bindungen erhöhen das Potenzial, belastende Erfahrungen zu bewältigen (Masten et al. 1990). In einer sicheren Bindungsbeziehung lernt ein Kind, anderen zu vertrauen und ein Grundgefühl des Geschütztseins zu entwickeln. Wenn die Welt von Beginn an als sicher und vorhersagbar erlebt wird, wie dies bei sicherer Bindung der Fall ist, ist das Risiko eines destruktiven Einflusses traumatischer Lebensumstände geringer. In einer bahnbrechenden Studie konnte gezeigt werden, dass sich Kinder, die unter hochgradig belastenden Lebensumständen aufgewachsen waren, dann als resilient gegenüber späteren traumatischen Einwirkungen erwiesen, wenn ihnen im 1. Lj. mindestens eine Person zur Verfügung gestanden hatte, die ihnen stabile Fürsorge und angemessene Aufmerksamkeit zuteilwerden ließ (Werner 2000). In einer Übersicht über Längsschnitt- und Querschnittstudien zu Kindern, die in der Kindheit misshandelt oder sexuell missbraucht wurden, kommen Afifi und MacMillan (2011) zu dem Ergebnis, dass ein günstiges familiäres UmfeldResilienz(entwicklung)familiäres Umfeld konsistent als Prädiktor für Resilienz identifiziert werden konnte, vor allem wenn eine warme und unterstützende Beziehung zu einem nicht an der Misshandlung beteiligten Elternteil bestand. Bei Frauen mit sexuellen Missbrauchserfahrungen in der Kindheit erklärten die Lebensbedingungen der Familie 13–22 % der Varianz der psychischen Gesundheit, Charakteristika des Missbrauchs hingegen weniger als 3 % (McClure et al. 2007).
Die Fähigkeit, einen Sinn und Zweck im Leben zu sehen, ist ein weiterer wichtiger psychologischer Faktor der ResilienzResilienz(entwicklung)Sinnhaftigkeit des Lebens. In einem spezifischeren Sinn gilt dies für die Fähigkeit, Bedeutung in einer traumatischen Erfahrung und in dem Leben danach zu finden. Personen, denen dies gelingt, können ein persönliches Gefühl von Identität und Zugehörigkeit entwickeln, wenn sie sich innerlich an Menschen gebunden fühlen, die ebenfalls Opfer der gleichen traumatischen Erfahrungen sind (Rutten et al. 2013; Wilson und Raphael 1993).
Die vor allem in der ersten Phase der Forschung geübte Praxis, Resilienz als eine Persönlichkeitseigenschaft aufzufassen, wird nach heutiger Auffassung ihrer komplexen Natur nicht ausreichend gerecht. Sie berücksichtigt nicht genug, dass sich die Reaktion auf Stress und Traumatisierungen im Kontext vielfältiger Interaktionen mit anderen Menschen, verfügbaren Ressourcen, spezifischen Kulturen und Religionen, Organisationen, Gemeinden und Gesellschaften vollzieht. Tatsächlich interagieren zahlreiche biologische, psychologische, soziale und kulturelle Faktoren bei der Herausbildung von Reaktionen auf belastende Erfahrungen. Neuere Theorien fokussieren daher in einem breiteren Sinne nicht nur auf individuelle Eigenschaften, sondern auch auf soziale DeterminantenResilienz(entwicklung)soziale DeterminantenTraumafolgestörungensoziale Determinanten psychischer Gesundheit.

Resilienz ist, so betrachtet, weniger ein individuelles Konstrukt als vielmehr ein dynamischer Prozess, bei dem individuelle und biologische Faktoren auf komplexe Weise mit sozialen und Umweltfaktoren interagieren, um eine Person in die Lage zu versetzen, trotz hochgradig belastender Lebensumstände ihre seelische Gesundheit aufrechtzuerhalten oder schnell wiederherzustellen.

Entsprechend begreift die Definition der American Psychological Association (2014) Resilienz als einen Prozess der Anpassung trotz widriger Lebensumstände in Form von traumatischen Einwirkungen, Bedrohungen oder anderen bedeutsamen Quellen von Stress.

Forschungsmethodisch entsprechen einem solchen Verständnis komplexe Modelle, die vielfältige Interaktionen abbilden können (Welter-Endelin und Hildenbrand 2012).
Im Vergleich zur umfangreichen PTBS-Forschung steht die Forschung zur Neurobiologie der Resilienz eher am Beginn. Allgemein lässt sich sagen, dass sich die neuronale Aktivität hoch resilienter Menschen deutlich von derjenigen von Personen mit geringer Resilienz unterscheidet. In psychobiologischer Hinsicht wird Resilienz als Flexibilität psychologischer und physiologischer Systeme bei der erfolgreichen Adaptation an Stressoren konzeptualisiert. Eine wichtige Rolle scheint den neuronalen Schaltkreisen zuzukommen, welche die Belohnungsreaktionen vermitteln (Charney 2004; Feder et al. 2014; Russo 2012). Ein besonders potenter protektiver Faktor ist offenbar ein Neurotransmitter, der Neuropeptid-YNeuropeptid YResilienzentwicklung genannt wirdResilienz(entwicklung)Neuropeptid-Y; er bindet an Rezeptoren von Neuronen im präfrontalen Kortex und verändert deren Reaktion auf Noradrenalin im Sinne einer Bremswirkung. Besonders hohe Spiegel wurden bei sehr resilienten Personen unter Stresseinwirkung gefunden (Morgan et al. 2002). Bei Patienten mit chronischer PTBSPosttraumatische Belastungsstörung (PTBS)Neuropeptid-Y nach Kriegstraumatisierungen fanden sich signifikant niedrigere Spiegel von Neuropeptid-Y im Liquor als bei gesunden Probanden. Ein anderer Forschungszweig untersucht die Rolle sozialer Unterstützung und des OxytocinOxytocinResilienzentwicklung-Systems für die Ausbildung von Resilienz (Olff 2012).
Traumafolgestörungenepigenetische Veränderungen Das Prinzip der erfahrungsabhängigen Plastizität gestattet es, dass das Gehirn einer Person auf verschiedene Stimuli mit dynamischen Anpassungen reagieren kann (Davidson und McEven 2012). Erfahrungsabhängige Mechanismen finden sich auf zellulärer und auf molekularer Ebene. Auf molekularer Ebene kann die epigenetische Regulierung der Gentranskription als Schlüsselmechanismus angesehen werden, der die Adaptation an externe Stimuli auf molekularer Ebene steuert. Epigenetische Veränderungen umfassen Prozesse der Neurogenese und der synaptischen Plastizität. In Tierstudien ließ sich nachweisen, dass die Hirnentwicklung und die Entwicklung wichtiger Funktionen wie Gedächtnisbildung, Lernen, Motivation und diejenige der Belohnungssysteme durch die epigenetische Regulation der Genexpression gesteuert werden (Feng et al. 2010).

Posttraumatisches Wachstum

Ein erst in den letzten Jahren in den Fokus gerückter Aspekt von Resilienz betrifft Phänomene, die mit dem Begriff des „posttraumatisches WachstumsPosttraumatisches Wachstum“ beschrieben werdenResilienz(entwicklung)posttraumatisches Wachstum. Zu posttraumatischem Wachstum kann es kommen, wenn Menschen sich mit ihren traumatischen Erfahrungen auf eine tiefgreifende und bedeutsame Weise auseinandersetzen (Tedeschi und Calhoun 2004). 30–70 % der Personen, die eine Traumatisierung erlitten haben, berichten auch über positive Veränderungen im Gefolge dieser Erfahrung (Joseph und Butler 2010). Sie beschreiben tiefgreifende Veränderungen in der Art, wie sie ihr Leben und ihre persönlichen Beziehungen seit der traumatischen Erfahrung gestaltet haben. Die Veränderungen sind nicht als direkte Folge der Traumatisierung zu verstehen; vielmehr können sie als ein Resultat ihrer erfolgreichen Anstrengungen der Bewältigung begriffen werden. Posttraumatisches Wachstum ist ebenso ein Prozess wie das Ergebnis eines Prozesses. Als entscheidend werden immer wieder emotional unterstützende und wertschätzende Beziehungen und ein Gefühl genuiner Akzeptanz durch andere genannt.
Im Einzelnen tragen zahlreiche individuelle, kontextuelle und kulturelle Faktoren zum Phänomen des posttraumatischen Wachstums bei. Persönliche Variablen, die zu posttraumatischem Wachstum beitragen, sind Offenheit, Pflichtgefühl und ein freundlicher Umgangsstil (Karanci et al. 2012). Allgemein wird davon ausgegangen, dass das Vorkommen von posttraumatischem Wachstum nicht mit einer geringeren Stressbelastung durch die traumatische Erfahrung gleichzusetzen ist; sie zeigt jedoch, dass gerade nach sehr stark belastenden Lebenseinflüssen neue Perspektiven und ein neues Lebensverständnis entstehen können (Tedeschi und Calhoun 2004). Dabei kann die Zuschreibung von Bedeutung als ein wichtiger Bestandteil der Heilung von einem Trauma angesehen werden (Park 2007).

Resilienz, Emotionsregulierung und das Prinzip der Ressourcenaktivierung

Die Fähigkeit, positive EmotionenEmotionsregulationResilienz zu generieren und innere positive Ressourcen zu mobilisieren, trägt ebenfalls zur Entwicklung von Resilienz bei. Die Forschung zur Rolle positiver Emotionen hat gezeigtResilienz(entwicklung)Emotionsregulation, dass Emotionen wie Freude, Interesse, Zufriedenheit und Liebe und die Möglichkeit, belohnende Erfahrungen zu machen, Verhaltensphänomene vermitteln, die mit zu einer effektiven Bewältigung führen und insofern mit Resilienz in Zusammenhang stehen. So lässt sich u. a. nachweisen, dass resiliente Personen nach belastenden und angstauslösenden Situationen schneller zu emotional positiv getönten Emotionen zurückfinden als weniger resiliente Personen (Tugade und Fredrickson 2004).
Resiliente Personen sind offenbar besser in der Lage, emotional positiv getönte psychische Inhalte – Erinnerungen, Kognition oder Imaginationen – zu mobilisieren und den traumatischen Erinnerungen oder Erinnerungsfragmenten zu assoziieren. Resilienz steht in engem Zusammenhang mit der Fähigkeit zur Emotionsregulierung durch Strategien der kognitiven Neueinschätzung, aber auch der Akzeptanz und der Achtsamkeit (Buhle et al. 2014). Im Hinblick auf die therapeutische Beeinflussung ist dieser Sachverhalt von größter Bedeutung. So finden psychotherapeutische Methoden zur Stärkung dieser Fähigkeiten zunehmende Beachtung (Ryff 2013). Methoden der RessourcenaktivierungRessourcenaktivierungTraumabewältigungTraumafolgestörungenRessourcenaktivierung haben sich bei der Generierung positiver emotionaler Zustände bewährt. Der Gedanke der RessourcenorientierungPsychotherapieRessourcenorientierung knüpft bei Theorien menschlicher Grundbedürfnisse an und ist gut mit modernen Theorien neuronaler Netzwerke vereinbar (Grawe 2004; Flückinger 2009).
Schließlich haben die neueren Forschungen zur GedächtnisrekonsolidierungTraumafolgestörungenGedächtnisrekonsolidierungGedächtnisrekonsolidierung, Traumabewältigung Befunde vorgelegt, welche die Möglichkeit der Modifikation traumatischer Erinnerungen nahelegen. Dazu kann es kommen, wenn eine traumatische Erinnerung wieder aufgerufen wird, während gleichzeitig eine Information mit entgegengesetzter Botschaft eintrifft, vor allem wenn es sich um eine Information mit positivem Ressourcenbezug handelt. Im Moment des Wiederaufrufens wird eine bereits konsolidierte Erinnerung labilisiert und dadurch modifizierbar, d. h., ihr molekulares Substrat wird formbar. Nach der vorübergehenden Labilisierung und der anschließenden Assoziation des neuen Inhalts kann sich die Erinnerung nun rekonsolidieren (Forcato et al. 2009). Ein theoretisches Modell, das die therapeutische Assoziation adaptiver Informationen an die traumatische Netzwerke mithilfe der traumabearbeitenden Methode EMDREMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing)Traumafolgestörungen abbildet, ist das AIPAIP (Adaptive Information Processing), Traumabewältigung-Modell („Adaptive Information ProcessingAdaptive Information Processing (AIP), Traumabearbeitung“, Hofmann 2009; Shapiro 2013). Vor dem gleichen Hintergrund wurde ein drittes psychodynamisches Theoriemodell neben dem Konflikt- und dem Strukturmodell entwickelt, das den therapeutischen Prozess der Assoziation dissoziierter Inhalte an die Repräsentanzenwelt des Alltagslebens beschreibt (Wöller 2016).

Ausblick

Die einander ergänzenden Perspektiven von Trauma und Resilienz haben das Verständnis zahlreicher Phänomene aus den Bereichen der Psychosomatischen Medizin und der Psychiatrie erweitert und einen wichtigen und dringend benötigten Paradigmenwechsel eingeleitet.
Die Traumaperspektive schuf neue therapeutische Zugänge für Störungsbilder, die mit einem herkömmlichen Pathogeneseverständnis nur schwer erreichbar waren. Sie nahm nicht nur die neurobiologischen Grundlagen der traumatischen Erinnerungsverarbeitung in den Blick. Indem sie dazu beitrug, einen großen Teil der traumaassoziierten Psychopathologie als Anpassungsreaktion auf traumatische Einwirkungen zu verstehen, vermittelte sie zudem eine therapeutische Haltung, die mehr als die bisherigen Therapieansätze geeignet ist, betroffene Patienten von unangemessenen Schuld- und Schamgefühlen zu entlasten.
Die Perspektive der Resilienz eröffnet zum einen neue Möglichkeiten der Prävention durch resilienzfördernde Interventionen. Auf der individuellen Ebene zielt sie auf die Stärkung von Faktoren wie Selbstwirksamkeit, Selbstkontrolle und soziale Kompetenz, insbesondere auch auf die Fähigkeit zur Inanspruchnahme von Hilfe. Jedoch beziehen resilienzfördernde Interventionen stets die familiären und gesellschaftlichen Kontextbedingungen ein (von Hagen und Röper 2007).
Darüber hinaus hat die Resilienzperspektive über das mit ihr verwandte Konzept der Ressourcenaktivierung unmittelbar die Entwicklung psychotherapeutischer Konzepte zur Behandlung traumabedingter Störungsbilder beeinflusst. Mit der gezielten Berücksichtigung von Fähigkeiten und Zielen des Patienten und der expliziten Förderung von Selbstheilungskräften gilt Ressourcenorientierung heute als ein wichtiger Bestandteil aller erfolgreichen Psychotherapien. Im Bereich der Traumafolgestörungen ist sie nahezu unverzichtbar geworden (Reddemann 2013; Wöller 2013, 2014Wöller 2013Wöller 2014).

Literaturauswahl

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R. Bryant M.L. O'Donnell M.C. Creamer The psychiatric sequelae of traumatic injury Am J Psychiatry 167 2010 312 320

Fischer and Riedesser, 2009

G. Fischer P. Riedesser Lehrbuch der Psychotraumatologie 4. A. 2009 Reinhard München, Basel

Häuser et al., 2011

W. Häuser G. Schmutzer E. Brähler H. Glaesmer Misshandlungen in Kindheit und Jugend. Ergebnisse einer Umfrage in einer repräsentativen Stichprobe der deutschen Bevölkerung Dtsch Arztebl Int 108 2011 287 294

Karl et al., 2006

A. Karl M. Schaefer L.S. Malta A meta-analysis of structural brain abnormalities in PTSD Neurosci Biobehav Rev 30 2006 1004 1031

Nemeroff et al., 2006

C.B. Nemeroff J.D. Bremner E.B. Foa Posttraumatic stress disorder: a state-of-the-science review J Psychiatric Res 40 2006 1 21

Reddemann and Wöller, 2016

L. Reddemann W. Wöller Komplexe posttraumatische Belastungsstörung 2016 Hogrefe Göttingen

Sack et al., 2013

M. Sack U. Sachsse J. Schellong Komplexe Traumafolgestörungen 2013 Schattauer Stuttgart

Tedeschi and Calhoun, 2004

R.G. Tedeschi L.G. Calhoun Posttraumatic growth: conceptual foundations and empirical evidence Psychol Inquiry 15 2004 1 18

Wöller, 2015

W. Wöller Neuere psychodynamische Theorien und Modelle zu Traumafolgestörungen U. Egle P. Joraschky A. Lampe Sexueller Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung. Erkennung, Therapie und Prävention der Folgen früher Stresserfahrungen 4. A. 2015 Schattauer Stuttgart

Wöller, 2016

W. Wöller Assoziationsmodell. Drittes psychodynamisches Theoriemodell neben Konflikt- und Strukturmodell? Psychotherapeut 61 2016 66 72

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