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B978-3-437-23731-7.00015-6

10.1016/B978-3-437-23731-7.00015-6

978-3-437-23731-7

Bindungs-Explorations-BalanceBindungs-Explorations-Balance: Das Bindungsverhaltenssystem ist bei Unbehagen, Stress und Leid aktiviert, bei Wohlbefinden das Explorationsverhaltenssystem

Empathiemodell nach Decety und Moriguchi (2007)Empathie(fähigkeit)Modell nach Decety und Moriguchi

NetzwerkeFürsorgeverhalten, elterlichesHirnnetzwerke im elterlichen Hirn

(aus Feldman 2015)

Mütterliche Oxytocinspiegel und BondingBonding, mütterliche Oxytocinspiegel

Charakteristika des BindungsverhaltensBindungsmuster/-verhaltenKinderBindungsmuster/-verhaltenErwachseneKind(er)Bindungsverhalten von Kindern (in der fremden SituationFremde Situation) und entsprechender Bindungsrepräsentationen bei Erwachsenen (vgl. Strauß 2006) Bindung(sbeziehungen)sichereBindung(sbeziehungen)vermeidende (abweisende)Bindung(sbeziehungen)ängstlich-ambivalenteBindung(sbeziehungen)desorganisierteBindungsrepräsentationenunsicher-vermeidende (abweisende)Bindungsrepräsentationenunsicher-verwickelte (verstrickte)Bindungsrepräsentationensicher-autonomeBindungsrepräsentationenunverarbeitetes Trauma/Verlust

Tab. 15.1
Das Bindungsmuster kennzeichnendes kindliches Verhalten Bindungsrepräsentationen Erwachsener
Sicher Sicher-autonom
  • Offene Kommunikation positiver und negativer Gefühle

  • Gestresst durch Trennung

  • Aktives Drängen nach Nähe und Kontakt

  • Bindungsperson ist sichere Basis

  • Balance zwischen Bindungs- und Explorationsverhalten

  • Suche nach Nähe

  • Vertrauen in die Unterstützung durch die Bindungsperson

  • Offene, kohärente und konsistente Erzählung/Erinnerung

  • Leichter Zugang zu Erinnerungen

  • Fähigkeit zur Reflexion

  • Integration guter und schlechter Erfahrungen/Gefühle

  • Eher positive Sicht des Selbst und anderer

  • Vertrauen zu Bezugspersonen/Achtung von Bindungen (auch für die eigene Entwicklung)

  • Fähigkeit, Hilfe anzunehmen und zu geben

Vermeidend Unsicher-vermeidend (abweisend)
  • Umgeht schmerzvolle Zurückweisung durch Vermeidung

  • Keine offenen Anzeichen von Disstress

  • Ignoriert Bindungsperson bei Annäherung

  • Überaktivierung des Explorationsverhaltens auf Kosten des Bindungsverhaltens

  • Angst vor Zurückweisung

  • Ablenkung

  • Kurze, inkohärente und unvollständige Erzählung/Erinnerung

  • Geringe Antwortbereitschaft und Erinnerungsfähigkeit

  • Idealisierung der Kindheit

  • Affektarmut, Überregulation des Affekts

  • Geringe Mentalisierungsfähigkeit

  • Negative Sicht anderer/Abwertung von Bindungen und Betonung von Unabhängigkeit

  • Abwertung von Hilfe

Ambivalent Unsicher-verwickelt (verstrickt)
  • Ausgeprägte Belastung und Affekte (Angst, Wut)

  • Misstrauisch

  • Keine Toleranz für Trennung

  • Schwer zu beruhigen

  • Verzweiflung im Umgang mit Belastung

  • Suche nach Kontakt und Nähe bei gleichzeitiger Abwendung von der Bindungsfigur

  • Überaktivierung des Bindungsverhaltenssystems zuungunsten der Exploration

  • Angst vor Verlust

  • Inkohärente und inkonsistente Darstellung von Beziehungserfahrungen (ungeordnet, strukturlos, irrelevant, vage, weitschweifig etc.)

  • Aktuelle Verstrickung mit Bindungsperson und Überflutung von Erinnerungen

  • Affektreiche Darstellung vor allem mit Ärger, Ängstlichkeit (Unterregulation des Affekts)

  • Eingeschränkte Mentalisierung

  • Abhängigkeit von anderen, Mangel an Identität, Überbewertung von Bindungen

Desorganisiert Unverarbeitetes Trauma/Verlust
  • Keine durchgängige Strategie

  • Unvereinbare Verhaltensweisen und Widersprüche (Erstarren, Absencen, Stereotypien)

  • Keine Verarbeitungsstrategie bei Trennung

  • Gelegentlich Angst vor der Bindungsperson

  • Erzählungen von nicht verarbeiteten traumatischen Erlebnissen auf verwirrende/desorganisierte Weise

  • Fehler in Beschreibungen

  • Brüche im Affekt

  • Sprachliche Abweichungen vom Gesamteindruck als Indikatoren für dissoziierte Gedächtnisinhalte

Ausgewählte Methoden zur Erfassung von Bindung, Empathiefähigkeit und IntersubjektivitätIntersubjektivitätFragebögen/InterviewsBindung(sbeziehungen)Fragebögen/InterviewsEmpathie(fähigkeit)Fragebögen/InterviewsEBPR (Erwachsenenbindungs-Prototypen-Rating)AAI (Adult Attachment Interview)Empathy ScaleAAP (Adult Attachment Projective)EBPR (Erwachsenenbindungs-Prototypen-Rating)RFS (Reflective Functioning Scale)CATS (Client Attachment to Therapist Scale)BFKE (Bielefelder Fragebogen zu Klientenerwartungen)ECR-R (Experiences in close relationship questionnaire – revised)PMAP (Psychological Mindedness Assessment Procedure)IRI (Interpersonal Reactivity Index)SPK (Skalen psychischer Kompetenzen)

Tab. 15.2
Methode Autoren
AAI (Adult Attachment Interview) George, Main, Kaplan Standardisiertes Interview zur Erfassung bindungsrelevanter Erinnerungen
AAP (Adult Attachment Projective) George, West, Pettem Semiprojektives Verfahren zur Erfassung der mentalen Repräsentation von Bindung auf der Basis von Bildmaterial
EBPR (Erwachsenenbindungs-Prototypen-Rating) Strauß, Pilkonis, Lobo-Drost Interviewmethode zur Erfassung von prototypischen Bindungsmustern (Prototypenvergleich)
RFS (Reflective Functioning Scale) Fonagy, Target Verfahren zur Auswertung von Detailfragen aus dem AAI zur Beurteilung selbstreflexiver Funktionen
CATS (Client Attachment to Therapist Scale) Mallinckrodt Fragebogen zur Erhebung bindungsrelevanter Einstellungen gegenüber einem Psychotherapeuten
BFKE (Bielefelder Fragebogen zu Klientenerwartungen) Höger Fragebogen zur Erhebung von Erwartungen gegenüber einem Psychotherapeuten vor Therapiebeginn
ECR-R (Experiences in close relationship questionnaire – revised) Fraley, Waller Fragebogen zur Einschätzung der Bindungsangst und -vermeidung in nahen Beziehungen
PMAP (Psychological Mindedness Assessment Procedure) McCallum, Piper Videogestütztes Verfahren zur Beurteilung unterschiedlicher Stufen von Psychological Mindedness
ES (Empathy Scale) Persons, Burns Fragebogen zur Beurteilung der erlebten Empathie (i. d. R. eines Therapeuten)
EQ (Empathie-Quotient) Baron-Cohen Fragebogen zur Beurteilung der Empathie bei gesunden Erwachsenen
IRI (Interpersonal Reactivity Index) Davis Fragebogen zur Beurteilung von vier Dimensionen der Empathie
SPK (Skalen psychischer Kompetenzen) Huber, Klug, Wallerstein Diagnostisches Interview zur Erfassung verschiedener psychischer Kompetenzen, u. a. Empathie

Ausgewählte, für die therapeutische Beziehung relevante Charakteristika von Personen mit autonomer, vermeidend-abweisender und verstrickter BindungTherapeutische Beziehungbindungsrelevante CharakteristikaBindungsrepräsentationensicher-autonomeBindungsrepräsentationenunsicher-vermeidende (abweisende)Bindungsrepräsentationenunsicher-verwickelte (verstrickte)

Tab. 15.3
Bindungsrepräsentation Merkmale
Personen mit autonomer (sicherer) Bindung
  • … sind kooperativer, engagierter

  • … werden positiver wahrgenommen

  • … suchen aktiver Hilfe

  • … Zusammenarbeit ist „vergnüglich“ und „belohnend“

  • … profitieren mehr von Therapien

  • … entwickeln positivere/engere Arbeitsbeziehung

  • … fokussieren Probleme besser

  • … formulieren ähnliche Ziele wie ihre Therapeuten

  • … zeigen differenziertere Objektwahrnehmung

Personen mit abweisender Bindung
  • … suchen seltener Hilfe

  • … neigen zur Bagatellisierung von Problemen

  • … sind weniger bereit, an interpersonalen Problemen zu arbeiten

  • … zeigen häufiger Autonomiewünsche

  • … lösen „unbehagliche“, feindselige Reaktionen aus

  • … entwickeln weniger positive/kooperative Arbeitsbeziehung

  • … schätzen andere (in Gruppen) weniger freundlich und weniger dominant ein

  • … bewerten gruppenspezifische Wirkfaktoren als weniger hilfreich

  • … provozieren „dauernden Kampf um die Beziehung“

  • … entwickeln weniger Vertrauen

Personen mit verstrickter Bindung
  • … sind eher fordernd

  • … übertreiben eher bei der Problembeschreibung

  • … beschäftigen ihr Gegenüber und testen Grenzen

  • … provozieren Feindseligkeit

  • … vergessen ihr Gegenüber

  • … entwickeln sehr starke Bindungen an Therapeuten

  • … werden am ehesten für eine Therapie indiziert

  • … wünschen sich intensivere und häufigere Kontakte

Bindung, Empathiefähigkeit, Intersubjektivität

Bernhard Strauß

Sabine C. Herpertz

Kernaussagen

  • BindungBindung(sbeziehungen), EmpathiefähigkeitEmpathie(fähigkeit) und IntersubjektivitätIntersubjektivität sind eng aufeinander bezogene entwicklungspsychologische Konstrukte, die sich sehr früh im Säuglings- und Kleinkindalter vor Ausbildung des sprachgebundenen kognitiven Verstehens ausbilden.

  • Die BindungstheorieBindungstheorie beschreibt die Bedeutung früher Beziehungserfahrungen für die Entwicklung innerer Modelle des Selbst und des anderen in Form von affektiv-motivational-kognitiven Schemata. Aktuelle Ansätze schließen auch bedeutsame Beziehungen in der späteren Entwicklung ein.

  • Bereits bei Kleinkindern können z. B. mit der Technik der „Fremden Situation“ Fremde Situationsichere Bindungsmuster von vermeidenden, ambivalenten und desorganisierten abgegrenzt werden.

  • Die neurobiologische Forschung zu den Konzepten Bindung, Empathiefähigkeit und Intersubjektivität hat begonnen, die diesbezüglich vermittelnden Hirnnetzwerke zu klären, und deutliche Beziehungen zwischen dem elterlichen (Pflege-)Verhalten, Empathie und Bindung gezeigt. Insbesondere das Neuropeptid OxytocinOxytocin hat hier eine wichtige vermittelnde Funktion.

  • Bei den diagnostischen Instrumenten zur Erhebung des BindungsstilsBindungsstil ist an erster Stelle das Adult Attachment InterviewErwachsenenbindungsinterviewAdult Attachment Interview (AAIAAI (Adult Attachment Interview)) zu nennen, das die aktuellen Repräsentationen von Bindungserfahrungen auf der Basis eines Narrativs erfasst.

  • Nur bei einem geringen Anteil von psychiatrischen Patienten findet sich eine sicher-autonome Bindungsrepräsentation; allerdings konnten keine eindeutig störungsspezifischen Verteilungen von Bindungsmerkmalen festgestellt werden.

  • Psychotherapie aktiviert u. U. das Bindungsverhaltenssystem des Patienten, sodass Bindungsmuster Einfluss auf die Qualität der sich entwickelnden therapeutischen Beziehung, Gegenübertragungsreaktionen und das Behandlungsergebnis nehmen können. Psychotherapie scheint das Ausmaß an Bindungssicherheit steigern und Bindungsangst reduzieren zu können.

Einleitung

Schon während des Zweiten Weltkriegs begann der englische Psychiater und Psychoanalytiker John Bowlby (1907–1990) mit der Konzeption der BindungstheorieBindungstheorie, die ein entwicklungspsychologisches Modell für die Entstehung sozialer BeziehungenBeziehung(en)soziale und innerer Repräsentanzen von Bindungserfahrungen (kognitiv-affektiv-motivationale Schemata von Bindung) unterbreitet. Die Theorie geht davon aus, dass unterschiedliche Qualitäten der Bindung zwischen primären Bezugspersonen und einem Kind individuelle Unterschiede im Vertrauen gegenüber anderen sowie im Selbstvertrauen determinieren, ebenso wie die Bereitschaft, bei emotionaler Belastung um Hilfe zu bitten bzw. Hilfe zu geben. Die internalisierten Bindungserfahrungen beeinflussen sowohl bei KindernKind(er)Bindungserfahrungen als auch Erwachsenen die Fähigkeit, Affekte zu regulieren, Beziehungen aufzubauen und aufrechtzuerhalten.
Innerhalb der EntwicklungspsychologieEntwicklungspsychologieBindungstheorie spielt die Bindungstheorie, u. a. durch die bemerkenswerten Studien von Mary Ainsworth (1913–1999) bedingt, seit Langem eine wichtige Rolle. Erst in den späten 1980er-Jahren allerdings wurde die Theorie vermehrt auch in klinische Konzepte integriert (vgl. z. B. Cassidy und Shaver 2016; Strauß 2014). Seither erlebt die Bindungstheorie einen wahren Boom, was daran erkennbar ist, dass bindungstheoretische Aspekte innerhalb verschiedener psychotherapeutischer Schulen stärker beachtet werden und inzwischen eine gewaltige Zahl an Forschungsarbeiten zu Themen der klinischen Bindungsforschung vorliegt.
Die Theorie postuliert die Bedeutung früher Interaktionserfahrungen für die Bildung innerer Modelle des Selbst und anderer, die keineswegs nur als Repräsentationen im psychoanalytischen Sinn, sondern auch in Relation zu Konstrukten aus anderen theoretischen Richtungen wie Schemata, Skripten, Konzepten oder generalisierten Repräsentationen von Interaktionen (RIG, im Sinne von Daniel Stern) – also schulenübergreifend – zu verstehen sind. Die Annahmen der Bindungstheorie sind plausibel und klinisch relevant, weswegen sie vielen Forschern und Klinikern für ein besseres Verständnis von Psychopathologie und als konzeptueller Rahmen für die therapeutische Beziehung sehr brauchbar erscheinen. Die empirisch gut abgesicherte Bindungstheorie weist ferner deutliche Bezüge zu anderen Theorien auf, z. B. zur interpersonalen Theorie der Persönlichkeit, zu klinischen Theorien von Persönlichkeitsstörungen und psychodynamischen Theorien. Somit kann der Bindungstheorie eine integrative Bedeutung innerhalb entwicklungspsychopathologischer Theorien zukommen.

Begriffsklärungen

John Bowlbys auf evolutionsbiologischen Annahmen basierende Bindungstheorie postuliert ein primäres Bedürfnis nach Nähe (Bindung) zu einer Bindungsfigur, das von überlebenswichtiger Bedeutung ist. Ausgehend von den frühen Erfahrungen eines Kindes mit versorgenden (Bindungs-)PersonenBindungspersonen beschreibt die Theorie die Relevanz von Beziehungserfahrungen für die spätere Entwicklung und spätere Beziehungen, die Unterschiedlichkeit dieser Erfahrungen sowie die daraus resultierenden Verhaltensmuster und inneren Repräsentanzen.

Bindung

Eine gute primäre BindungsbeziehungBindung(sbeziehungen)primäre trägt dazu bei, dass ein Kind seine Welt, ausgehend von einer Basis emotionaler Sicherheit, explorieren kann (Abb. 15.1). Die frühen Erfahrungen mit bindungsrelevanten Bezugspersonen werden internalisiert und in ein inneres Arbeitsmodell von Bindung (inner working model)Bindung(sbeziehungen)inneres Arbeitsmodell integriert, das Erwartungen gegenüber Anderen, aber auch Bewertungen der eigenen Person umfasst. Störungen der frühen BindungFrühe Bindung, Störungen können zur Bildung unsicherer BindungsrepräsentationenBindung(sbeziehungen)unsichere im späteren Leben führen, die wiederum die Vulnerabilität für die Entwicklung psychopathologischer Symptome erhöhen. In den letzten Jahren hat sich die Evidenz dafür gehäuft, dass die frühen Erfahrungen mit Bindungen tatsächlich in gewissem Maße prädiktiv für erwachsene Beziehungen sind (Grossmann und Grossmann 2012).
Trotz nachgewiesener Diskontinuitäten und Unterschiede geht die moderne Bindungsforschung zu Recht davon aus, dass in der späteren Entwicklung andere bedeutsame Beziehungen die Qualität einer Bindungsbeziehung erhalten, z. B. die Beziehung zu „Mentoren“ im Berufsleben und Beziehungen zu Intimpartnern, auch wenn Bindungsbeziehungen jenseits der Kindheit naturgemäß den Charakter einer „zielkorrigierten Partnerschaft“ haben (die aus der Kompetenz resultiert, Ziele und Handlungen der Bezugsperson zu beeinflussen und Kompromisse herzustellen). Um allerdings die Kriterien einer Bindungsbeziehung zu erfüllen, müssen verschiedene, den Grundkonzepten der Theorie abgeleitete Merkmale vorhanden sein: Eine BindungsbeziehungBindung(sbeziehungen)Merkmale wird an folgenden Faktoren deutlich:
  • 1.

    Ausmaß an Protest und Stress, das im Fall von Trennung und Verlust erlebt wird

  • 2.

    Nutzung des anderen als Ziel für die Aufrechterhaltung von Nähe

  • 3.

    Nutzung des anderen (der im Moment der Aktivierung des Bindungssystems als stärker und weiser [stronger and wiser] erlebt wird) als sicherer Hafen und schützende Zuflucht in Zeiten von Belastung und

  • 4.

    der Nutzung des anderen als sichere Basis für die Exploration der Umwelt

Die Arbeitsgruppe von Mary Ainsworth hat wesentlich dazu beigetragen, das Bindungsverhalten von KindernKind(er)Bindungsverhalten in Abhängigkeit vom Verhalten der Bindungsperson zu beschreiben und damit Bowlbys Theorie zu untermauern:

Merke

Bindungsfiguren, die positiv, sensitiv und vorhersagbar auf das Kind reagieren, wenn das Kind belastet ist, bieten diesem eine sichere Umgebung, die es ihm ermöglicht, die Wirksamkeit des Ausdrucks seiner Gefühle zu validieren und ein Gefühl der Kontrolle über die Umwelt zu entwickeln.

Kinder, die derartige Entwicklungsbedingungen aufweisen, entwickeln eher ein sicheres und ausgewogenes Bindungsmuster, Bindung(sbeziehungen)sicheredas z. B. in der von Ainsworth u. a. entwickelten „fremden SituationFremde Situation“ durch ein zwischen Bindung und Exploration ausgewogenes Verhalten charakterisiert ist (Abb. 15.1):

„The balancing of the need for physical closeness to and psychological confidence in an attachment figure, with exploration is often called secure-base behaviour. Through such behaviour a sense of mastery and competency is achieved, new and extensive social relationships are developed, and a comfortable and productive sense of personal autonomy and balance in relationships is achieved.“

Hardy et al. (2004: 496)

Reagiert die Bindungsfigur zwar vorhersagbar, aber abweisend und unsensibel auf Belastungen und Ängste des Kindes, wird sich beim Kind zwar ein kausales Verständnis seiner Welt herstellen, es wird aber keine Vorstellung von der Bedeutung eigener Gefühle entwickeln. Solche Kinder werden vor allem den Ausdruck negativer Affekte verlernen bzw. – im späteren Leben – negative Gefühle mit falschen positiven Gefühlen überdecken. Personen mit dieser Erfahrung tendieren dazu, ihre Gefühle zu verbergen oder sie gar nicht mehr wahrzunehmen und Situationen stattdessen ausschließlich kognitiv zu bewerten. Das entsprechende BindungsmusterBindung(sbeziehungen)vermeidende (abweisende) wird seit Ainsworth' Untersuchungen als vermeidend oder abweisend bezeichnet.
Reagieren Bindungsfiguren überwiegend inkonsistent, verwickelt und unachtsam im Hinblick auf die Belastungen ihres Kindes, kann dieses keine Kontingenz bzgl. eigener affektiver Signale erlernen und wird seine Bedürftigkeit übermäßig zum Ausdruck bringen. Im späteren Leben entwickeln sich dann häufig Probleme mit Intimität, Schwierigkeiten mit Trennungen; die Personen erleben Furcht vor Zurückweisung aufgrund der Überzeugung, wenig Kontrolle über das eigene Leben und eigene Beziehungen zu haben. Das entsprechende BindungsmusterBindung(sbeziehungen)ängstlich-ambivalente wurde als ängstlich-ambivalent bzw. – im Erwachsenenalter – als verstrickt bezeichnetBindungsrepräsentationenunsicher-verwickelte (verstrickte).
Kennzeichen aller drei genannten Strategien ist, dass sie in sich konsistent und kohärent sind und dem Kind bzw. später dem JugendlichenJugendlicheBindungsmuster/Erwachsenen als bestmögliche Strategie dienen, ihr Bindungsbedürfnis zu befriedigen. Man spricht deshalb auch von organisierten Strategien. Ein relativ kleiner Anteil der untersuchten Kinder zeigt in Experimenten wie der fremden Situation bizarre, unvereinbare Verhaltensweisen und Emotionen, für die als weitere Kategorie der Klassifikation von kindlichem Bindungsverhalten die desorganisierte BindungBindung(sbeziehungen)desorganisierte eingeführt wurde.
Tab. 15.1 stellt die bei Kindern identifizierten bindungsrelevanten Verhaltensmuster den Charakteristika von Bindungsrepräsentanzen bei Erwachsenen gegenüber, die sich aus überwiegend mit dem AAI durchgeführten Untersuchungen an Erwachsenen ergeben haben. Dieses Interview versucht, die kognitiv-emotionale Verarbeitung von Bindungserfahrungen bei Erwachsenen („states of mind with respect to attachment“) durch eine sorgfältige Analyse der Inhalte und der Struktur bindungsbezogener Erinnerungen abzubilden.
Die ErwachsenenbindungsforschungErwachsenenbindungsforschung hat maßgeblich dazu beigetragen, die Entwicklung innerer Arbeitsmodelle von Bindung („affektiv-motivational-kognitive Schemata“) als Resultat früher Bindungserfahrungen ebenso wie die hohe Übereinstimmung zwischen der Qualität dieser Modelle oder Repräsentationen bei erwachsenen Bindungsfiguren und dem Bindungsverhalten von Kleinkindern zu bestätigen (Tab. 15.1; ausführliche Übersichten bei Strauß 2014; Grossmann und Grossmann 2012).
Eine Reihe von Konzepten der Bindungstheorie ist für die Psychotherapie höchst relevant. So hat sich die klinische BindungsforschungBindungsforschung mit der Bedeutung von Bindungsaspekten für die Diagnostik und Therapie spezifischer Störungsbilder (z. B. Borderline-Persönlichkeitsstörung, dissoziative Störungen, Angststörungen), mit der Bedeutung von Bindungserfahrungen als Risiko- bzw. Schutzfaktor für die Entwicklung von Psychopathologie und mit dem Bezug der Theorie zu anderen klinischen, insbesondere zur psychoanalytischen Theorie befasst. Auf die Befunde zur Bedeutung von Bindungsmerkmalen in der Psychotherapie und für die therapeutische Beziehung (Strauß 2006) wird in Kap. 15.6 eingegangen.

Empathie

Der Begriff „Empathie“Empathie(fähigkeit)Definition wird in der Regel synonym mit dem Begriff der „EinfühlungEinfühlung“ gebraucht. Im allgemeinen Sprachgebrauch versteht man unter Empathie die Fähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen. Der Empathiebegriff geht auf den deutschen Philosophen Theodor Lipps zurück, der die Fähigkeit von Menschen, Fremdseelisches richtig zu erkennen, mit einer „Einfühlungstheorie“ erklärte. Er verstand unter Einfühlung einen Grundvorgang beim unmittelbaren Verstehen von Ausdruckserscheinungen. Einfühlung sei eine innere Handlung, eine imaginierte Nachahmung des Erlebens des anderen.
Nach Eckert (2007) war die sog. „RudimententheorieRudimententheorie“ des englischen Arztes W. B. Carpenter aus dem Jahr 1874 ein Vorläufer von Lipps' Einfühlungstheorie. Nach Carpenter wird nicht nur jede Wahrnehmung, sondern bereits die Vorstellung eines Bewegungszustands im Wahrnehmenden oder Vorstellenden den Antrieb zu gleichen Bewegungen erregen. Dieses Phänomen ist als Carpenter-EffektCarpenter-Effekt in die Psychologiegeschichte eingegangen und wird heute durch die neurobiologische Theorie der Spiegelneurone (Kap. 15.3.1) untermauert. Für Wilhelm Dilthey (1833–1911) war Einfühlung ein Nacherleben, wobei der Vorgang des Einfühlens als ein interaktiver kreativer Prozess aufgefasst wurde, der auch das Erleben desjenigen, der sich einfühlt, verändern sollte. Diese Konzeption ist auch in den meisten modernen Empathie-Definitionen enthalten.
Bischof-Köhler hat sich im Rahmen entwicklungspsychologischer Forschung mit der Entwicklung von Empathie befasst; sie versteht unter Empathie „… unmittelbar der Gefühlslage eines anderen teilhaftig zu werden und sie dadurch zu verstehen. Trotz dieser Teilhabe bleibt das Gefühl aber anschaulich dem anderen zugehörig. Darin unterscheidet sich Empathie von Gefühlsansteckung (z. B. bei Panik, Begeisterung oder ansteckendem Lachen), bei der die Stimmung des anderen vom Beobachter selbst Besitz ergreift und dabei ganz zu dessen eigenem Gefühl wird“ (Bischof-Köhler 1989: 26). Sie konnte experimentell nachweisen, dass diese Fähigkeit zur Empathie bereits bei Kleinkindern um die Mitte des 2. Lj. vorhanden ist, also schon deutlich vor dem sprachgebunden-kognitiven Verstehen. Als ihre Grundlage wird die Wahrnehmung des Ausdruckverhaltens des anderen (möglicherweise über Spiegelneurone, Kap. 15.3.1) und der Situation angesehen, in der dieser andere sich befindet. Im weiteren Entwicklungsverlauf (etwa ab dem 4. Lj.) bildet sich die Fähigkeit zur rationalen Perspektivübernahme auf der Basis einer Theory of MindTheory of Mind (ToM).

Intersubjektivität

Der Begriff „Intersubjektivität“Intersubjektivität wurde von Colwyn Trevarthen in die EntwicklungspsychologieEntwicklungspsychologieIntersubjektivität eingeführt und spezifiziert. Trevarthen (1990) versteht darunter die angeborene Kapazität, über direkte Wahrnehmung der Subjektivität der Beteiligten (d. h. dem nach außen gerichteten Ausdruck von Bewusstheit und Intentionalität durch sichtbare Aktivitäten mit physischen Objekten) eine emotionale Verbindung mit anderen herzustellen. Trevarthen unterscheidet eine auf echte Interaktionen gerichtete primäre Intersubjektivität und von einer sekundären Intersubjektivität, die Elemente und Ereignisse der Außenwelt einbezieht.
Während Trevarthen in seinem Modell von einer angeborenen sozialen KompetenzSoziale Kompetenz(en)angeborene ausgeht und vermutet, dass ein Säugling in erster Linie emotionale Reaktionen von seinen Bezugspersonen erwartet und sucht, fokussiert die Theorie von Schaffer auf kognitive und Wahrnehmungsfaktoren und nimmt an, dass ein Säugling erst graduell von der sozialen Kompetenz der Bezugspersonen „angesteckt“ wird, woraus sich dann seine Intersubjektivität entwickelt.

(Selbst-)Reflexivität

Bindung, Empathie(fähigkeit) und Intersubjektivität bezeichnen letztlich eng aufeinander bezogene entwicklungspsychologische Konstrukte. Es ist davon auszugehen, dass ein Säugling mit einem primären Bedürfnis nach Bindung zur Welt kommt und in Abhängigkeit von der Feinfühligkeit und Empathie der Bezugspersonen seine Fähigkeit zur Intersubjektivität (und Empathie) entwickelt bzw. ausformt. Aus den interaktiven Erfahrungen (insb. bis zum Ende des 1. Lj.) bildet sich ein inneres Arbeitsmodell von Bindung, das sich bei Kindern in bindungsrelevanten Situationen in qualitativ unterschiedlichem Verhalten äußert (Tab. 15.1), im weiteren Entwicklungsverlauf modifiziert wird und im Jugend- und Erwachsenenalter als mentale Repräsentanz von Bindungserfahrungen weiterhin wirksam bleibt.
Eckert (2007) führt aus, dass die Bindungsforschung einen nicht unerheblichen Beitrag zur „Wiederentdeckung“ der Empathie geleistet und die große Bedeutung der Empathie („FeinfühligkeitFeinfühligkeit“) der bindungsrelevanten Bezugsperson für die Entwicklung der überdauernden Bindungsmuster (inneres Arbeitsmodell) belegt habe. Die Weiterentwicklung des in der Tradition der Bindungsforschung sehr verhaltensnah konzipierten Merkmals der Feinfühligkeit führte zu dem Konzept der „metakognitiven SteuerungMetakognitive Steuerung“, das von Fonagy et al. (2004) aufgegriffen und unter dem Begriff „reflective functioningReflective Functioning ([Selbst-]ReflexivitätReflexivität (reflective functioning)) weiterentwickelt wurde. Die Erwachsenenbindungsforschung der letzten Jahre, insbesondere die Arbeiten der Arbeitsgruppe um Fonagy, haben gezeigt, dass eine organisierte, sichere BindungBindung(sbeziehungen)sichere eine wesentliche Basis für die Entwicklung reflexiver Funktionen darstellt. Darunter wird die Fähigkeit verstanden, sowohl die eigene Person als auch die anderen in Begriffen der Intentionalität bzw. des mentalen Befindens wahrzunehmen und zu verstehen. Im Idealfall gelingt eine korrekte Erfassung der Gefühle, Gedanken, Absichten, Wünsche und Meinungen und des Zusammenhangs mit dem daraus resultierenden Verhalten.
Diese Art der Reflexivität gilt als ein wesentlicher Bestandteil übergeordneter Konzepte wie Metakognition, Mentalisierungsfähigkeit bzw. der Theory of Mind (ToM). Die ToMTheory of Mind, ein Gefüge aus Gedanken, Wünschen und Absichten, mit deren Hilfe das Verhalten einer Person vorhergesagt werden kann, wird verstanden als:

„… aktiver Ausdruck der Fähigkeit zur Selbstreflexivität, die verantwortlich ist für die Entwicklung eines Selbst, das denkt und fühlt, sowie mit der Selbstrepräsentation eng verbunden ist. Im Gegensatz zur Introspektion beinhaltet SelbstreflexivitätSelbstreflexivität auch die Fähigkeit, Sinn und Bedeutung herzustellen und auf diese Weise Verhalten zu regulieren.“

Daudert et al. (2004: 102)

Fonagy hat das Modell entwickelt, wonach die Bindungssicherheit und ein daraus resultierendes „agentisches (auf Handlung ausgerichtetes) SelbstSelbstagentischesAgentisches Selbst“ die Grundlage bieten für die Entwicklung einer adäquaten und kohärenten Affektrepräsentation (Kap. 7), für die Ausbildung adäquater, selektiver Mechanismen der Aufmerksamkeit, die eine effektive Kontrolle der Umwelt ermöglichen, und die Mentalisierungsfähigkeit. Diese drei Aspekte wiederum bilden die Basis für eine Funktion, die Fonagy et al. (2004) als „interpersonalen InterpretationsmechanismusInterpretationsmechanismus, interpersonaler“ bezeichnen. Dieser Mechanismus wiederum steht in enger Beziehung zu dem Konstrukt des „epistemischen VertrauensVertrauen, epistemisches(epistemic trust), also des basalen Vertrauens in eine Bezugsperson als sichere Informationsquelle, das auch in therapeutischen Beziehungen eine große Rolle spielt (Fonagy und Allison 2014)
Die Arbeitsgruppe von Fonagy konnte u. a. zeigen, dass es einen deutlichen Zusammenhang zwischen der MentalisierungsfähigkeitMentalisierung(sfähigkeit)Bindungsmuster einer Bindungsfigur und der Bindungssicherheit eines Kindes gibt: Eltern, denen auf der Basis des Erwachsenenbindungsinterviews (AAI, Kap. 15.5) eine hohe Mentalisierungsfähigkeit bescheinigt wurde, hatten im Vergleich zu wenig selbstreflexiven Eltern eine 3- bis 4-fach erhöhte Wahrscheinlichkeit, sicher gebundene Kinder zu haben. Das Konzept der Mentalisierungsfähigkeit spielt sowohl in bindungstheoretischen Überlegungen zur Entstehung von psychischen Störungen eine große Rolle als auch im Zusammenhang mit Überlegungen zu den Zielstellungen psychotherapeutischer Behandlungen („enhancement of meta-cognition and the bringing about of integration of unmentalized internal working models [as] … a generic aspect of therapy“). Die Selbstreflexivität steht im Übrigen in enger theoretischer Verbindung zu anderen Konstrukten, die in der Psychotherapieforschung eine wichtige Rolle spielen, etwa zum Konstrukt der „psychological mindednessPsychological Mindedness (McCallum und Piper 1997).

Neurobiologie von Bindung, Empathie und Intersubjektivität

Empathie vermittelnde Hirnnetzwerke

Bindung(sbeziehungen)neurobiologische BefundeEmpathie(fähigkeit)HirnnetzwerkeIntersubjektivitätNeurobiologieDie NeurowissenschaftenNeurobiologie psychischer StörungenEmpathiefähigkeit haben sich inzwischen intensiv mit neurobiologischen Grundlagen von Bindung und Empathie beschäftigt. Hier ist zunächst auch eine genaue Definition von Begrifflichkeiten gefragt, wobei sich die nachfolgend verwandten Konstrukte mit den gleichnamigen Konstrukten aus der Psychologie und vor allem Entwicklungspsychologie nicht immer decken.
Decety und Moriguchi (2007) haben ein Modell der Empathie bestehend aus drei Facetten vorgelegt (Abb. 15.2):
  • 1.

    Affektive EmpathieEmpathie(fähigkeit)affektive als affektive Reaktionen auf andere Menschen; sie entstammt reflexiven MentalisierungsprozessenReflexive MentalisierungMentalisierung(sfähigkeit)reflexive und schließt die richtige Erkennung emotionaler Zustände ein.

  • 2.

    Regulatorische MechanismenEmpathie(fähigkeit)regulatorische Mechanismen, die den Überblick darüber bewahren, ob der entstehende Affekt seine Quelle beim anderen oder bei einem selbst hat.

  • 3.

    Kognitive Empathie Empathie(fähigkeit)kognitiveals Fähigkeit, die Perspektive anderer Menschen einzunehmen. Kognitive Empathie gründet sich auf ToM-Funktionen und setzt die Fähigkeit zur reflektiven MentalisierungReflektive MentalisierungMentalisierung(sfähigkeit)reflektive affektiver und kognitiver Zustände anderer Menschen voraus.

Mit der Differenzierung in kognitive und emotionale Empathie werden zwei Prozesse beschrieben, die recht unabhängig voneinander ablaufen können. So kann ein Mensch über hohe kognitive Empathie bei verarmter emotionaler Empathie verfügen oder umgekehrt. Neurowissenschaftliche Befunde unterstreichen, dass es sich um distinkte Phänomene handelt, die auf unterschiedlichen neurokognitiven Netzwerken beruhen (zur Übersicht: Singer 2006). Dabei schließt Empathie als ein Mehr-Ebenen-Konstrukt, das von frühen ontogenetischen Erscheinungsformen einfacher emotionaler Ansteckung bis hin zu reifen und komplexen Formen der Perspektivübernahme reicht, höhere exekutive Funktionen, die Fähigkeit zum sprachlichen Austausch sowie o. g. unterschiedliche Mentalisierungsprozesse ein.
Evolutionär früh liegende Prozesse der affektiven EmpathieEmpathie(fähigkeit)affektive werden in der sensomotorischen Rinde sowie in Arealen des Spiegelneuronensystems wie der ventralen prämotorischen Region im vorderen inferioren frontalen Gyrus und dem inferioren parietalen Lobulus sowie in der anterioren Insel und in der AmygdalaAmygdalaaffektive Empathie prozessiert. Das SpiegelneuronensystemSpiegelneurone(nsystem)Empathie vermittelt entsprechend der emotionalen Simulationstheorie von Gallese und Goldman ein intuitives Verstehen sozialer Situationen, das automatisch, sozusagen reflexartig abläuft. Gallese (zur Übersicht: 2007) stellt dar, dass diese auf dem Spiegelneuronensystem beruhende besondere Dimension sozial-kognitiver Fähigkeiten eine verkörperte (engl. embodied) Fähigkeit ist, die es erlaubt, von der multimodalen Erfahrung des eigenen Körpers auf das Verstehen der Gefühle anderer zu schließen. Das Verstehen sensorischer Erfahrungen des Gegenübers beruht auf einer wechselseitigen Aktivierung somatosensorischer Hirnrindenareale; das bedeutet:

Merke

Menschen aktivieren eigene motorische, sensorische sowie emotionale Repräsentationen, während sie die Mimik und die Handlungen ihres Gegenübers beobachten. Auf dem Wege der spiegelbildlichen Simulation der Mimik und Motorik des anderen kann eine Person zielsicher auf die Emotionen des Gegenübers schließen, weil im Sinne der James-Lange-TheorieJames-Lange-Theorie der EmotionenEmotion(en)James-Lange-Theorie (Gefühle sind Begleiterscheinungen oder gar Folge körperlicher Vorgänge) die eigene, den anderen simulierende Mimik und Gestik Rückwirkung auf das eigene Gefühl hat.

Entsprechend können Aktivierungen im Bereich des primären somatosensorischen Kortex einschließlich dem prämotorischen Areal im inferioren präfrontalen Kortex in Experimenten beobachtet werden, bei denen anderen Menschen Schmerzreize appliziert oder andere Menschen taktil berührt werden (Chen et al. 2008). Auch ist die anteriore Inselregion aktiviert, wenn ein Mensch einen anderen leiden sieht, z. B. weil ihm Schmerzen appliziert werden oder auch weil er emotional leidet (Übersicht: Singer 2006). Affektive EmpathieEmpathie(fähigkeit)affektive, die keine kognitiven Funktionen benötigt, findet sich schon bei Primaten und entwickelt sich beim Kind bereits ab der 10. Lebenswoche in der frühen Interaktion mit der Mutter bzw. den Eltern und ist in ihrem Ausprägungsgrad bis ins Erwachsenenalter von frühen Bindungserfahrungen abhängig.
Das Spiegelneuronensystem arbeitet im Laufe der Hirnentwicklung eng mit dem ventromedialen präfrontalen Kortex zusammen, der in fortgeschritteneren Entwicklungsphasen in Zusammenarbeit mit der Amygdala die Fähigkeit prozessiertAmygdalaBindungsfähigkeit, Gefühle anderer Menschen durch Perspektivübernahme (ToM) zu begreifenSpiegelneurone(nsystem)Perspektivübernahme. Interessanterweise wiesen Erwachsene, die sich ein großes soziales Netzwerk aufgebaut hatten, eine stärkere funktionelle Konnektivität zwischen der medialen Amygdala und der ventromedialen präfrontalen Hirnrinde auf, was als Hinweis gewertet werden kann, dass dieses Netzwerk soziale BindungsfähigkeitBindungsfähigkeit, soziale abbildet; ein solcher Zusammenhang konnte allerdings für das Spiegelneuronensystem nicht nachgewiesen werden. Auch wurde in dieser Studie ein signifikanter Zusammenhang zwischen dem Amygdalavolumen und der Größe des sozialen Netzwerkes berichtet. Somit scheint das kortikolimbische Netzwerk, das die Salienz sozialer Signale und die Nutzung dieser Signale für gelungene ToM-Funktionen vermittelt, mehr Bedeutung für die Größe und Komplexität des sozialen Netzwerkes einer Person zu haben als Verbindungen innerhalb der Hirnrinde.
Das intuitive, reflexartige Verstehen anderer setzt nicht zwangsläufig eine bewusste Metarepräsentation der Gefühle anderer voraus. Vielmehr lernt das Kind in seiner weiteren Entwicklung, zwischen eigenen Gefühlen und denen des anderen zu diskriminieren. Eine adäquate und ausreichende FähigkeitEmotion(en)Diskriminationsfähigkeit zur Diskrimination zwischen eigenen und fremden Gefühlen verhindert eine Diffusion der Grenzen zwischen dem Selbst und dem Anderen und damit Ansteckungsphänomene, die zum unkontrollierbarem Mitleiden führen und ein eigentliches Mitleid, also ein tatsächliches emotionales Verweilen beim anderen, unmöglich macht. An dieser Diskriminationsfähigkeit ist u. a. das intakte Funktionieren des temporoparietalen Übergangs beteiligt.
Auch das Prozessieren von kognitiver EmpathieEmpathie(fähigkeit)kognitive schließt den temporoparietalen Übergang ein. Zudem sind der mediale Schläfenlappen einschließlich dem superioren temporalen Sulcus und damit Regionen beteiligt, die in die Beurteilung von Intentionen und Haltungen sowie Emotionen anderer involviert sind und so gesehen Mentalisierungsprozesse repräsentieren, die die Beurteilung von Emotionen ermöglichen. Die mediale temporale Lage dieser Areale stellt enge Beziehungen zwischen kognitiver Empathie und autobiografischem GedächtnisGedächtnisautobiografisches her, weshalb die Entwicklung dieser Fähigkeit eng mit höheren kognitiven Lernprozessen des Kleinkindes assoziiert ist. Zudem ist kognitive Empathie stark an den Spracherwerb gebunden. Kinder, die bis zum Alter von 4,5 Jahren regelmäßig bezüglich ihrer Entwicklung von kognitiv-empathischen Fähigkeiten untersucht wurden, besaßen zum Katamneseende umso bessere ToM-Fähigkeiten, je größer ihr Sprachschatz in Bezug auf Befindlichkeitszustände im Alter von 2,5 Jahren gewesen war. Interessant war auch, dass Kinder mit hoher ToM-Fähigkeit im Kindesalter diejenigen waren, die bereits mit 10,5 Monaten ein hohes Maß an geteilter Aufmerksamkeit (gemessen anhand von Blickfolgebewegungen) besaßen.
Wendet man die Unterscheidung dieser drei Systeme auf psychische Störungen an, so findet sich eine mangelnde Fähigkeit zur kognitiven Empathie typischerweise bei Patienten mit Borderline-PersönlichkeitsstörungBorderline-Persönlichkeitsstörungkognitive Empathie, mangelnde, die zudem im Sinne einer HypermentalisierungBorderline-PersönlichkeitsstörungHypermentalisierungHypermentalisierung (Beeney et al. 2015) keine ausreichende Fremd-/SelbstdifferenzierungFremd-/Selbstdifferenzierung aufweisen (Beeney et al. 2015). Inwiefern die Hypermentalisierung dem psychoanalytischen Konstrukt der projektiven IdentifizierungProjektive Identifikation zugrunde liegt, ist eine interessante Forschungsfrage für die Zukunft. Neurobiologisch findet sich bei Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörung in verschiedenen Studien eine Unteraktivierung in Hirnarealen, wie sie der kognitiven Empathie unterliegen (zur Übersicht: Jeung und Herpertz 2014). Erhöhte neuronale Aktivierung im somatosensorischen Kortex sowie verstärkte mimische Aktivität bei der Betrachtung von Gesichtsemotionen anderer Menschen sind neurobiologische Belege für defizitäre regulatorische Fähigkeiten bzw. unzureichende Selbst-/Fremddifferenzierung.
Demgegenüber zeichnen sich Menschen mit antisozialer PersönlichkeitsstörungAntisoziale Persönlichkeitsstörungemotionale Empathie, verarmte durch eine unbeeinträchtigte kognitive Empathie bei verarmter emotionaler Empathie aus. Befunde bei dieser Persönlichkeitsstörung oder Vorläuferstörungen im Kindes- und Jugendalter verweisen auf eine verminderte amygdalare Reagibilität bei der Betrachtung trauriger Mimik, wobei interessanterweise bei Instruktion zum Mitfühlen eine Aktivierung der Amygdala möglich erscheint (Meffert et al. 2013).

Elterliches Pflegeverhalten, Empathie und Bindung

Pflegeverhalten, elterlichesFürsorgeverhalten, elterlichesIn weitgehender Analogie zur Neurobiologie psychischer StörungenEmpathiefähigkeitDifferenzierung zwischen emotionaler und kognitiver Empathie schließt elterliches Pflegeverhalten bei Menschen zwei Fähigkeiten ein:
  • 1.

    Die Fähigkeit, kindliche Signale und Emotionen richtig wahrzunehmen, an ihnen Anteil zu nehmen und sie mit dem Kind zu teilen (entsprechend dem Konstrukt der emotionalen EmpathieEmpathie(fähigkeit)emotionale)

  • 2.

    Die Fähigkeit, im Sinne der ToM bzw. der kognitiven EmpathieEmpathie(fähigkeit)kognitive die Perspektive des Kindes einzunehmen, seine Bedürfnisse zu verstehen oder auch zu prädizieren

Netzwerke im elterlichen Hirn
Fürsorgeverhalten, elterlicheszerebrale NetzwerkeDiese beiden voneinander unabhängigen, wenn auch miteinander interagierenden elterlichen Fähigkeiten wurden durch funktionelle Bildgebungsstudien bestätigt. So wurde berichtet, dass während elterlichen Pflegeverhaltens sowohl das phylogenetisch ältere EmotionsnetzwerkEmotionsnetzwerkFürsorgeverhalten, elterlichesEmotions(regulations)netzwerk, bestehend aus paralimbischen insulären und zingulären Strukturen, aktiviert ist als auch das MentalisierungsnetzwerkMentalisierungsnetzwerkFürsorgeverhalten, elterlichesMentalisierungsnetzwerk, das den medialen präfrontalen Kortex, den superioren temporären Sulcus, den Temporalpol und den temporoparietalen Übergang einschließt (Übersicht in Feldman 2015; Abb. 15.3.).
Das Analogon zum emotionalen EmpathienetzwerkEmpathie(fähigkeit)emotionaleFürsorgeverhalten, elterlichesEmpathienetzwerkEmpathienetzwerk ermöglicht den Eltern, die Salienz kindlicher Signale zu erkennen, d. h. in einer komplexen Umwelt jederzeit für die Signale ihres Kindes erreichbar zu sein. In diesem Netzwerk sind des Weiteren solche Prozesse repräsentiert, die es den Eltern erlauben, intuitiv auf die Emotionen ihres Kindes zu reagieren bzw. mit dem Kind emotional mitzuschwingen, während das Mentalisierungs- bzw. das kognitive EmpathienetzwerkEmpathie(fähigkeit)kognitive die elterliche Fähigkeit vermitteln, vom Verhalten ihres Kindes auf seinen mentalen Zustand rückzuschließen und damit kindliche Bedürfnisse frühzeitig zu erkennen. Vergleicht man Hirnaktivierungen der Mutter mit denen des Vaters, so fällt auf, dass beide Geschlechter das Emotionsnetzwerk aktivieren, während sie an ihr Kind denken oder Bilder ihres Kindes sehen; Väter aktivieren allerdings zusätzlich – deutlicher als die Mütter – das MentalisierungsnetzwerkMentalisierungsnetzwerk.
Weitere zentrale Schlüsselregionen des elterlichen Gehirns sind das SpiegelneuronensystemSpiegelneurone(nsystem)elterliches GehirnFürsorgeverhalten, elterlichesSpiegelneuronensystem mit dem inferioren frontalen Gyrus und dem inferioren parietalen Lobulus sowie die supplementär-motorische Region. So wurde eine Aktivierung des Spiegelneuronensystems z. B. in einer Untersuchung von Lenzi et al. (2009) berichtet, in der Mütter aufgefordert waren, die Mimik ihres eigenen Kindes gegenüber der eines fremden Kindes zu beobachten und zu imitieren. Erwartungsgemäß waren das Spiegelneuronensystem, aber auch limbische Regionen bei der Beschäftigung mit dem eigenen stärker aktiviert als bei der mit dem fremden Kind. Auch korrelierte die Aktivität der Inselregion mit der Reflective-Functioning-Fähigkeit der Mütter.
Zusätzlich zu empathischen Fähigkeiten bedarf gelungenes elterliches VerhaltenVerhaltenelterliches der Motivation, mit dem Kind in Interaktion zu treten, und damit der Aktivierung des dopaminergen Belohnungssystems. Entsprechend berichtete Strathearn (2011) über Aktivierungen des ventralen Striatums und der ventralen tegmentalen Region, wenn Mütter das Gesicht ihres eigenen Kindes im Vergleich zu dem eines fremden Kindes betrachteten. Hierbei handelt es sich um Kernstrukturen des BelohnungsnetzwerksFürsorgeverhalten, elterlichesBelohnungsnetzwerkBelohnungsnetzwerk, das reich an dopaminergen Neuronen ist. Interessanterweise war nur die Betrachtung glücklicher, nicht aber die Betrachtung neutraler oder trauriger Mimiken ihres Kindes von einer Aktivierung nigrostriataler Hirnregionen begleitet. Schließlich erfordert die Interaktion mit dem eigenen Kind ein funktionierendes EmotionsregulationsnetzwerkEmotionsregulationHirnnetzwerkFürsorgeverhalten, elterlichesEmotions(regulations)netzwerk, das im medialen orbitofrontalen sowie im frontopolaren Kortex repräsentiert ist. Ein detailliertes Bild des Hirnnetzwerks für elterliche Fürsorge bzw. elterliches Pflegeverhalten gibt der Übersichtsartikel von Feldman et al. (2015).
Eltern-Kind-Interaktion und Oxytocin
Das Neuropeptid OxytocinNeuropeptideOxytocin übernimmt wichtige Aufgaben während der gelungenen Interaktion zwischen Eltern und Kind. OxytocinOxytocinEltern-Kind-InteraktionEltern-Kind-Bindung/Interaktion, Oxytocinspiegel wird während der Schwangerschaft, dann ausgelöst durch den Geburtsvorgang und das Stillen vermehrt im Wochenbett in den mütterlichen Blutkreislauf ausgeschüttet (zur Übersicht: Herpertz und Bertsch 2011). Oxytocin ist das entscheidende Hormon für den Milcheinschuss in die Brust. Verantwortlich für die gesteigerte Produktion, Ausschüttung und Verfügbarkeit von Oxytocin in Schwangerschaft und Wochenbett sind die erhöhten Östrogenspiegel.

Merke

Das oxytocinerge System spielt eine zentrale Rolle in der Ausbildung der Bindung zwischen Eltern und Kind und ist sensibel für frühe Bindungserfahrungen und damit auch Unterschiede in der elterlichen Fürsorge.

Interessanterweise besteht eine signifikante Korrelation der Blutspiegel des Neugeborenen und seiner Eltern. So korrelieren sowohl die Oxytocin-Blutkonzentrationen bei Mutter und Kind wie auch die Höhe der Korrelationen der Oxytocinkonzentrationen von Mutter und Kind mit der Ausprägung an affektiver Synchronie zwischen beiden (Übersicht in Feldman et al. 2015). Ein ganz ähnlicher Zusammenhang fand sich zwischen väterlichen und kindlichen Oxytocinspiegeln während stimulierenden Pflegeverhaltens. Die Interaktion von stillenden Müttern mit ihrem Kind ist gegenüber der nichtstillender Mütter erleichtert, da das kindliche Massieren der mütterlichen Brüste zu pulsatiler Oxytocinfreisetzung mit höchsten Oxytocinspiegeln kurz nach dem Stillen führt. Zudem führt die Oxytocinausschüttung während des Stillens zu einer Absenkung des Stresshormons Kortisol und zur Reduktion von Noradrenalin.
Niedrige Oxytocinspiegel werden entsprechend im Urin, Blut und Liquor von vernachlässigtenVernachlässigungOxytocinspiegel KindernKind(er)Vernachlässsigung, bei Frauen mit MissbrauchserfahrungenMissbrauchserfahrungenOxytocinspiegel in der Kindheit sowie bei Frauen mit postpartaler DepressionDepression/depressive StörungenpostpartalePostpartale DepressionOxytocinspiegel (zur Übersicht: Feldman 2015) berichtet. Bei chronisch depressiven Müttern war ein erniedrigtes Oxytocin nicht nur bei ihnen selbst, sondern auch bei ihrem Kind und schließlich auch dem nichtdepressiven Vater des Kindes nachweisbar (zur Übersicht: Feldman 2015). Aus dieser Studie wurde zudem berichtet, dass die Kinder im Alter von 6 Jahren eine geringere Empathie und weniger soziales Interesse zeigten und bereits eine deutlich höhere Prävalenz an psychischen Erkrankungen, nämlich Angststörungen und oppositionelles Trotzverhalten, aufwiesen als die Kinder der nichtdepressiven Mütter. Auch mehren sich Befunde, die vermuten lassen, dass Oxytocin ein wichtiger Mediator der transgenerationalen Transmission kindlicher MissbrauchserfahrungenMissbrauchserfahrungentransgenerationale Transmission auf die nächste Generation ist. So berichteten Strathearn u. a. (Übersicht in Strathearn 2011), dass unsicher gebundene Mütter im Spiel mit ihren Kindern keinen Anstieg von Oxytocin zeigten, wie dies bei den sicher gebundenen Müttern zu beobachten war. Entsprechend war auch die neuronale Aktivität in der Hypothalamus-Hypophysen-Region der unsicher gebundenen Mütter signifikant geringer als bei den sicher gebundenen, wenn sie im MRT Bilder der Gesichter ihres eigenen Kindes im Vergleich zu Bildern von Gesichtern eines fremden Kindes gezeigt bekamen.
Mutter-Kind-Interaktion, synchroneMütter in synchroner InteraktionInteraktion(en)synchrone mit ihrem Kind zeigen im Vergleich zu einer Standard-Mutter-Kind-Interaktion eine höhere Aktivität im ventralen Striatum (sprich: dem Ncl. accumbensNucleus accumbens, Mutter-Kind-Interaktion) sowie auch eine Zunahme der funktionellen Konnektivität zwischen dem Ncl. accumbens und dem medialen präfrontalen Kortex, wobei interessanterweise die Stärke der Aktivität im Ncl. accumbens mit dem mütterlichen Oxytocinblutspiegel positiv korreliert. Zusammenfassend kann man feststellen (vgl. auch Abb. 15.4):
  • Oxytocin erleichtert die Mutter-Vater-Kind-Bindung über eine Aktivierung des Belohnungs- und Empathiesystems.Eltern-Kind-Bindung/Interaktion, Oxytocinspiegel

  • Die Synchronie zwischen Mutter/Vater und Kind wird über die Oxytocinausschüttung vermittelt.

  • Oxytocin interagiert sowohl mit dem Dopaminsystem als auch mit der Stressachse.

  • Die frühe soziale Umwelt formt das sich entwickelnde Oxytocinsystem.

Vieles spricht dafür, dass TraumatisierungenOxytocinsysteman der Bedrohungshypersensitivität traumatisierter Menschen, ihrer mangelnden Erlebnisfähigkeit von sozialer Belohnung sowie schließlich ihrer defizitären emotionalen Empathie ein nachhaltig gestörtes Oxytocinsystem beteiligt sein könnte. Die sich u. a. in der frühen Interaktion entwickelnde Oxytocin-Rezeptordichte im Ncl. accumbens – so zeigen Befunde bei Nagern – entscheidet über die Fähigkeit zur sozialen Annäherung im späteren Leben.
Allerdings sind auch genetische Faktoren an interindividuell unterschiedlichen Effekten des Oxytocinsystems beteiligtOxytocin-Rezeptorgen, StressvulnerabilitätStressvulnerabilität, Oxytocin-Rezeptorgen. So konnte die Beteiligung des Oxytocin-Rezeptorgens an der Vulnerabilität gegenüber frühen Stresserfahrungen aufgezeigt werden. Während Träger des rs2254298 GG-Allels negative Auswirkungen der Depression ihrer Mutter im Alter von 6 Jahren zeigten, erwiesen sich A-Allel-Träger resilient gegenüber dieser frühen Stresserfahrung, d. h., sie entwickelten weder eine Emotionsregulationsstörung noch einen desorganisierten Bindungstyp (Übersicht in Feldman et al. 2015). Auch konnte für das Oxytocin-Rezeptorgen rs53576 ein modulierender Effekt auf die Vulnerabilität gegenüber frühen Traumatisierungseffekten nachgewiesen werden, in dem nur Träger des GG-Allels, nicht aber des AA/AG-Allels emotionale Dysregulation und desorganisiertes Bindungsverhalten nach elterlichem Missbrauch entwickelten (Bradley et al. 2011). Nach Erkenntnissen derselben Gruppe leiden Träger des rs53576 GG-Allels nicht nur häufiger unter negativen Konsequenzen aversiver Umwelterfahrungen, sondern profitieren auch stärker von positiven Umwelterfahrungen, d. h., die genetische Ausstattung beeinflusst die Stärke der Prägung durch die soziale Umwelt unabhängig davon, ob sie positiv oder negativ ist. Eine Schlussfolgerung aus diesem Befund könnte sein, dass bei Trägern dieses Allels die Genexpression durch epigenetische DNA-Methylierung stärker moduliert werden kann als bei Trägern des AA-Allels. Insgesamt gibt es zunehmend Hinweise, dass das Oxytocinsystem besonders sensitiv gegenüber epigenetischen Effekten ist und seine Aktivität durch frühes interaktionelles Verhalten in besonderer Weise geformt wird.
Die Ergebnisse aus Belastungsstudien weisen darauf hin, dass eine (meist intranasale) Oxytocingabe typische Funktionsbeeinträchtigungen im sozialen Kontext kompensieren kann. So wurde nachgewiesen, dass die Hypersensitivität gegenüber sozialen Bedrohungsreizen bei Patientinnen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung nach Verabreichung von Oxytocin nicht mehr nachweisbar war und diese Normalisierung auf der Verhaltensebene auch mit einer Normalisierung der Amygdalaaktivität auf ärgerliche Gesichter einherging (zur Übersicht: Herpertz und Bertsch et al. 2015).
Oxytocin beeinflusst übrigens nicht nur die frühe Interaktion zwischen Eltern und Kindern sondern auch spätere Bindungen – sowohl im partnerschaftlichen Kontext als auch im sozialen Kontext im Allgemeinen. So wiesen Scheele et al. (2013) nach, dass Oxytocin bei Männern nicht nur die Einschätzung der Attraktivität der eigenen Partnerin erhöht (nicht aber die einer unbekannten Frau), sondern auch die neuronale Aktivität im Ncl. accumbens und damit im Belohnungssystem. Zudem konnte nach Gabe von Oxytocin eine Erhöhung der emotionalen Empathie, nicht aber der kognitiven Empathie nachgewiesen werden (Hurlemann et al. 2010).

Resümee

Es kann gefolgert werden, dass Oxytocin das BindungsverhaltenBindungsmuster/-verhaltenOxytocinsystem bei Menschen über die Modulation der folgenden Hirnnetzwerke beeinflusst:

  • Oxytocin als Modulator des SalienznetzwerksSalienznetzwerk im Sinne der Optimierung der automatisierten Verarbeitung emotionaler sozialer Reize,

  • Oxytocin als Modulator des BelohnungsnetzwerksBelohnungsnetzwerk im Sinne der Zunahme von Belohnungserleben in der sozialen Interaktion und

  • Oxytocin als Modulator des emotionalen EmpathienetzwerksEmpathienetzwerk.

Bindungsstil und neurale Korrelate sozialer Interaktionen im Erwachsenenalter
Beim Erwachsenen konnten neurowissenschaftliche Befunde zeigen, dass sowohl Annäherungs- und Vermeidungsverhalten als auch die Fähigkeit zur AffektregulationEmotionsregulationBindungsstil mit dem Neurobiologie psychischer StörungenBindungsstilBindungsstilBindungsstilEmotionsregulation variieren (Übersicht in Vrticka und Vuilleumier 2012). So zeigten sicher gebundene Personen eine geringere Amygdalaaktivität gegenüber sozialen Bedrohungsreizen als ängstlich und vermeidend gebundene Personen. Vrticka und Vuilleumier (2012) untersuchten Personengruppen mit den drei Bindungstypen sicher, vermeidend und ängstlich, indem sie ihnen emotionale Gesichter im Sinne eines positiven oder negativen Feedbacks auf ihre Leistung in einer Denkaufgabe darboten: Bei sicher gebundenen Personen war die Aktivität des ventralen Striatums und der ventralen tegmentalen Region auf positives Feedback (repräsentiert durch ein lächelndes Gesicht) erhöht, nicht aber in der Personengruppe mit vermeidendem Bindungsstil. Umgekehrt zeigten Personen mit ängstlichem Bindungsstil eine erhöhte Amygdalaaktivität auf ärgerliche Gesichter, die negatives Feedback repräsentierten, sowie in einer anderen Studie eine Korrelation zwischen erhöhter Amygdalaaktivität und Bindungsunsicherheit bei der Präsentation von Sätzen beobachtet wurde, die negative bindungsbezogene Bedeutungen aufwiesen (Übersicht in Vrticka und Vuilleumier 2012).

Merke

Diese Ergebnisse legen nahe, dass in die Vermittlung von sozialer Belohnung und sozialer Bedrohung involvierte Hirnsysteme sich in ihrer Aktivität in Abhängigkeit vom erwachsenen Bindungsstil unterscheiden.

Andere Studien beschäftigten sich mit dem Zusammenhang von vermeidendem Bindungsstil mit aversiven sozialen ErfahrungenBindung(sbeziehungen)vermeidende (abweisende). So berichteten DeWall et al. (2011), dass ein vermeidender Bindungsstil mit einer geringeren Aktivität in der anterioren Inselregion und im dorsalen anterioren Zingulum in einem sozialen Ausschlussparadigma korrelierte. In einer großen repräsentativen Stichprobe schließlich fanden Schneider-Hassloff et al. (2015), dass in einer interaktiven Mentalisierungsaufgabe (Prisoner's Dilemma Game) ein vermeidender Bindungsstil positiv und ein ängstlicher Bindungsstil negativ mit der Aktivität in der rechten Amygdala, in mittelliniennahen präfrontalen Strukturen sowie im beidseitigen inferioren frontalen Gyrus assoziiert waren. Diese Daten wurden von den Autoren dahingehend interpretiert, dass vermeidend mehr als ängstlich gebundene Personen in einer Mentalisierungsaufgabe Hirnareale aktivieren, die in Emotionsregulation und kognitive Kontrolle involviert sind. Auch konnte für vermeidendes Bindungsverhalten gezeigt werden, dass es mit einem bevorzugten Rückgriff auf Unterdrückung von negativen Emotionen anstelle von wirksameren Regulationsmechanismen wie Neubewertung einhergeht (s. auch Kap. 10). So konnten Vrticka and Vuilleumier (2012) zeigen, dass Personen mit vermeidendem Bindungsstil eine höhere Aktivität im dorsolateralen präfrontalen Kortex und in der linken Amygdala während Neubewertung an den Tag legen, was auf einen wenig erfolgreichen Einsatz dieser Emotionsregulationsstrategie schließen lässt.

Resümee

Zusammenfassend legen die Befunde nahe, dass der individuelle Bindungsstil Einfluss auf Hirnsysteme nimmt, die an basalen interpersonellen Funktionen wie Annäherung und Vermeidung sowie Affektregulation beteiligt sind, indem er die Aktivität in zugrunde liegenden Netzwerken moduliert. Allerdings steht diese Forschung noch am Anfang und beruht bis heute häufig noch auf rein korrelativen Ergebnissen in recht kleinen Stichproben.

Entwicklungspsychopathologie: klinische Manifestationen von Bindungsunsicherheit und eingeschränkter Empathie/Intersubjektivität

EntwicklungspsychopathologieBindungsunsicherheitIntersubjektivitäteingeschränkteBindungsunsicherheit, klinische ManifestationenIn einem Lehrbuch zur störungsorientierten Psychotherapie wird ein Leser sich die Frage stellen, ob die hier beschriebenen Konstrukte in spezifischer Weise mit Merkmalen bestimmter psychischer Störungen verbunden sind. Die Antwort auf diese Frage ist ein relativ eindeutiges „Nein“. Bezogen auf die Empathie z. B. beschreibt Eckert (2007) die Phänomenologie von EmpathiestörungenEmpathiestörungenEmpathie(fähigkeit)eingeschränkte in der Klinik zwar prototypisch anhand von Beispielen psychotherapeutischer Interaktionen mit Borderline-Patienten, die darin skizzierten Arten von Empathiestörungen (z. B. geschärfte Fremdwahrnehmung bei stark getrübter Selbstwahrnehmung, Probleme bei der Symbolisierung eigener Erfahrungen oder dem Erleben anderer) können aber sicher auch bei Patienten mit anderen Störungen (und vielleicht auch – nur seltener – bei Gesunden) auftreten.
Seit entwicklungspsychopathologische Theorien im engeren Sinne zur Erklärung der Entstehung psychischer Störungen herangezogen werden, wird akzeptiert, dass es eine breite Palette von Risiko- und Schutzfaktoren für die Entwicklung von psychischen Symptomen und Störungen gibt.
Zu den hier beschriebenen Konstrukten und ihrem Zusammenhang mit psychischen Störungen lässt sich Folgendes sagen: In klinischen Stichproben liegt der Anteil der Patienten, die eine sicher-autonome BindungsrepräsentationBindungsrepräsentationensicher-autonomeBindungsrepräsentationenAAI im Sinne des AAI aufweisen (Tab. 15.1), im Mittel deutlich unter 20 % gegenüber deutlich mehr als 50 % in Stichproben Gesunder. In einer Reihe von Stichproben mit Borderline-Patienten liegt er bei 5 % und darunter. Speziell in Stichproben von Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen ist auch der Anteil derer mit unaufgelösten bindungsrelevanten Traumatisierungen und Verlusten besonders hoch. Dieser Befund mag dahingehend interpretiert werden, dass mit zunehmender Beeinträchtigungsschwere auch mit einer ausgeprägteren Bindungsunsicherheit, schwerwiegenderen Störungen der Empathie (und Mentalisierungsfähigkeit) zu rechnen ist und/oder häufiger Traumatisierungen vorliegen. Angesichts der Annahme, dass Störungen der Bindungsentwicklung primär entweder durch Störungen in der Interaktion eines Individuums mit Bindungspersonen – wahrscheinlich je früher und intensiver, desto ausgeprägter (Braun und Bogerts 2000) – oder aber durch Traumatisierungen erfolgen, wäre dies bindungstheoretisch plausibel.
Die mittlerweile vorliegenden empirischen Studien zur Bindungsrepräsentation bei Erwachsenen mit unterschiedlichen psychischen Störungen (Zusammenfassungen bei Strauß 2008; Cassidy und Shaver 2016) deuten nicht auf störungsspezifische Verteilungen von Bindungsrepräsentationen bzw. -merkmalen. Die Mehrzahl der Patienten aus verschiedenen diagnostischen Gruppen wird den Studien zufolge als ambivalent/verstrickt – oft gekoppelt mit unverarbeiteten Traumatisierungen – klassifiziert. Bei Patienten mit somatoformen StörungenSomatoforme Störungenunsicher-vermeidende/abweisende Bindung ist ein Überwiegen von unsicher-vermeidenden/abweisenden Bindungsrepräsentationen typisch. Ob die berichteten Verteilungen aber tatsächlich repräsentativ sind, ist insofern unklar, als z. B. zu erwarten ist, dass abweisend gebundene Personen quasi „naturgemäß“ seltener Hilfe suchen.

Resümee

Zusammen genommen ist also zu vermuten, dass Menschen, die psychotherapeutische Hilfe suchen, mit hoher Wahrscheinlichkeit eine unsichere Bindung aufweisen und in diesem Zusammenhang auch in ihrer Empathiefähigkeit und ihrem „interpersonalen Interpretationsmechanismus“ im Sinne von Fonagy u. a. beeinträchtigt sind. Die Konsequenz dieses Befunds ist, dass die hier beschriebenen, empirisch gut gesicherten Konstrukte grundsätzlich in der Psychotherapie eine bedeutende Rolle spielen und in der Diagnostik, im Therapieverlauf und bei der Bewertung von Behandlungsergebnissen berücksichtigt werden sollten.

Diagnostische Methoden zur Erfassung von Bindung, Empathie und Intersubjektivität

Angesichts der Zunahme der Forschung zu den hier diskutierten Konstrukten fokussieren Psychotherapeuten bei der Diagnostik und Indikationsstellung von Psychotherapien wahrscheinlich mehr denn je auf Bindungsmerkmale, Empathie und Intersubjektivität. Aus der Forschung zu dieser Thematik hat sich inzwischen auch eine Fülle von standardisierten, reliablen und validen diagnostischen Verfahren ergeben, die durchaus auch im klinischen Kontext anwendbar sind bzw. die klinische Diagnostik bereichern könnten.
Tab. 15.2 fasst eine Reihe von Methoden zusammen, die für die Erfassung von Bindungsmerkmalen und damit verbundener Konstrukte entwickelt wurden. Anders als die genannten Fragebögen sind die Interviewverfahren naturgemäß sehr aufwendig und deshalb nur bedingt für den Einsatz im klinischen Alltag geeignet.
Die Erfassung von Bindungsmerkmalen bei Erwachsenen hat durch die Entwicklung des Adult Attachment Interview (AAIAAI (Adult Attachment Interview)) einen wesentlichen Schub erhalten. Dieses halbstrukturierte Interview fokussiert primär auf die Erinnerung früher Bindungsbeziehungen, den Zugang zu bindungsrelevanten Gedanken und Gefühlen und die Beurteilung des Einflusses von Bindungserfahrungen auf die weitere Entwicklung. Das AAI erfasst somit die aktuelle Repräsentation von BindungserfahrungenBindungserfahrungenAAI auf der Basis eines Narrativs, d. h. die aktuelle emotionale und kognitive Verarbeitung dieser Erfahrungen bei Erwachsenen. Einige Fragen des AAI lassen sich gut in klinische Interviews integrieren, so etwa die Frage nach Beschreibungen der primären Bindungspersonen mit Eigenschaftswörtern und damit verbundenen konkreten Erinnerungen, Fragen nach Reaktionen auf Trennungen und Verluste etc.BindungsrepräsentationenBeurteilung
Im Zusammenhang mit der klinischen Bindungsforschung wurden inzwischen auch zahlreiche Fragebogenmethoden entwickelt, die im klinischen Kontext ökonomischer einsetzbar sind als Interviews. Grundsätzlich ist bei der Anwendung von Fragebögen allerdings zu bedenken, dass diese „nur“ die bewussten Aspekte von Bindungserfahrungen erfassen können, was innerhalb der Bindungsforschung immer wieder zu Diskussionen über ihre Eignung Anlass gibt. Speziell im Hinblick auf die therapeutische Anwendung wurden Fragebogenmethoden entwickelt, die Bindungsaspekte in der Beziehung zum Therapeuten zum Inhalt haben.
Interessanterweise gibt es offensichtlich nur wenige Methoden, die Empathie bzw. Empathiefähigkeit bei Patienten direkt zu erfassen versuchen. EmpathieskalenEmpathieskalen wurden in erster Linie benutzt, um damit die therapeutische Beziehung zu bewerten (z. B. mit der Empathy ScaleEmpathy Scale von Persons und Burns). Empathie wird via Fremdbeurteilung auch innerhalb der Skalen psychischer Kompetenzen (SPKSPK (Skalen psychischer Kompetenzen)) erfasst, die außerdem auch „Bindung in Beziehungen“ und „Gegenseitigkeit“ messen.

Bedeutung der Konstrukte für die Psychotherapie

Therapeutische Beziehung

Gemessen an den Kriterien für eine Bindungsbeziehung (Kap. 15.2.1) kann man annehmen, dass auch die therapeutische BeziehungBindung(sbeziehungen)therapeutische BeziehungTherapeutische Beziehungbindungsrelevante Charakteristika häufig eine Bindungsbeziehung ist:

„The client finds in the therapist someone who seems stronger and wiser than him- or herself. Thus, the client may interact with the clinician in ways that reflect expectations from other relationships.“

Dozier und Bates (2004: 167)

Speziell die Bereitstellung einer sicheren Basis für die Exploration ist ein wesentliches, bindungsrelevantes Charakteristikum einer therapeutischen Beziehung. Mehrere Autoren vertreten die Auffassung, dass Patienten z. B. (aber keineswegs nur) zu Beginn einer Therapie (einer „fremden Situation“) auf Verhaltensweisen zurückgreifen, die vom inneren Arbeitsmodell von Bindung bzw. den entsprechenden mentalen Zuständen (states of mind) abgeleitet sind, um mit unangenehmen Gefühlen fertig zu werden. Mallinckrodt (2000), einer der aktivsten Forscher auf dem Gebiet der Anwendung der Bindungstheorie im Kontext der therapeutischen Beziehung, entwickelte das Modell der „sozialen Kompetenzen im interpersonalen Prozess“ (SCIPSoziale Kompetenz(en)SCIP-ModellSCIP (Soziale Kompetenzen im interpersonalen Prozess)). Das Modell nimmt an, dass soziale KompetenzenSoziale Kompetenz(en)Bindungstheorie Fertigkeiten umfassen, die nötig sind, um zufriedenstellende und supportive Beziehungen zu entwickeln und aufrechtzuerhalten, sowie persönlichkeitsimmanente Eigenschaften, die diese Fertigkeiten steuern. Nach Mallinckrodt kann die Bindungstheorie auf der Basis früher Interaktionserfahrungen mit Bindungspersonen die Entwicklung sozialer Kompetenzen gut erklären. Diese wiederum wirken sich auf die soziale Unterstützung und die Qualität interpersonaler Beziehungen, den Umgang mit Belastungen, aber auch auf die psychotherapeutische Beziehung aus. Diese – so Mallinckrodt (2000) – trage dann Züge einer Bindungsbeziehung, wenn ein Patient dazu kommt, sich tatsächlich „auf den interpersonalen Prozess einzulassen“.
Die empirische Forschung zum Thema ist in erster Linie von der Frage bestimmt, wie internalisierte Schemata von Beziehungen sich im therapeutischen Kontext bemerkbar machen (angefangen von der Inanspruchnahme therapeutischer Hilfe über spezifische Beziehungsangebote und deren Bedeutung im Therapieprozess bis hin zu der Frage, ob und in welchem Maße auch die internalisierten BindungserfahrungenPsychotherapeut(en)internalisierte Bindungserfahrungen auf Therapeutenseite für die therapeutische Allianz bedeutsam sind). Einige Autoren gehen so weit, einen Teil der „allgemeinen Wirkfaktoren“ von Psychotherapie, die augenscheinlich für die Behandlungsergebnisse von größter Bedeutung sind, bindungstheoretisch zu erklären, etwa in dem Sinne, dass die Förderung des „sicheren Basisverhaltens“ in Therapien unterschiedlicher theoretischer Ausrichtung implizit oder explizit gefördert würde (vgl. Kap. 4.4).
Bezüglich der therapeutischen AllianzTherapeutische Allianz, Bindungs(un)sicherheit liegen mittlerweile Metaanalysen vor (Diener und Monroe 2011; Bernecker et al. 2014), in denen sich relativ deutlich zeigt, dass Bindungssicherheit erwartungsgemäß auch mit einer positiveren Allianz verknüpft ist und dass bindungsunsichere Patienten eher Gefahr laufen, innerhalb der Therapiebeziehung Probleme und Brüche zu erleben. In der Metaanalyse von Bernecker et al., die immerhin 24 Studien umfasste, fand sich eine durchschnittliche Korrelation von Bindungsvermeidung mit der Qualität der Beziehung, die bei −.13 lag, die durchschnittliche Korrelation von Bindungsangst und Allianz lag bei −.12.
In einer Reihe von eigenen Studien konnte gezeigt werden, dass offensichtlich die unterschiedlich gearteten Narrative von erwachsenen Personen über ihre Bindungserfahrungen (wie sie z. B. im AAI generiert werden) beim Zuhörer qualitativ unterschiedliche Reaktionen auslösen, was man als Hinweis dafür werten kann, dass Personen mit unterschiedlichen BindungsrepräsentationenBindungsrepräsentationenGegenübertragungsreaktionen auch verschiedene Gegenübertragungsreaktionen auslösen. Insbesondere abweisend/vermeidend Gebundene provozierten in unseren Untersuchungen eher negative Befindlichkeit, Feindseligkeit und allgemein negative Gegenübertragungsreaktionen (z. B. Martin et al. 2007). Wenn Therapeuten Narrative von vermeidenden Personen hörten, gaben sie an, diese ungern selbst behandeln zu wollen, was für die Versorgung dieser Gruppe vermutlich wichtige Implikationen hat (Strauß 2015). Eine Arbeitsgruppe aus Magdeburg hat kürzlich versucht, das experimentelle Paradigma unserer Gegenübertragungsstudien auch im neurobiologischen Kontext zu untersuchen und dabei gefunden, dass nach dem Anhören eines Narrativs einer vermeidenden Person eine verlängerte Aktivierung jenes zentralnervösen Netzwerks erfolgt, das soziale Aversion reflektiert (Amygdala, Insula, dorsaler anteriorer zingulärer Kortex). Diese Reaktion scheint sogar ausgeprägter bei Personen, die selbst eher unsicher gebunden sind (vgl. Krause et al. 2016).
Tab. 15.3 fasst die empirischen Befunde zu ausgewählten Charakteristika von Personen mit autonomer, vermeidend-abweisender und verstrickter Bindung, die für die therapeutische Beziehung relevant sind, zusammen.

Behandlungssetting

Bindung(sbeziehungen)therapeutischer ProzessBindung(sbeziehungen)BehandlungssettingBindungsperspektiven in der Psychotherapie haben sich mittlerweile sowohl thematisch (z. B. die Frage, in welchem Kontext das Bindungssystem im Psychotherapieprozess aktiviert wird) als auch im Hinblick auf die Behandlungssettings stark erweitert. Es liegen Befunde zur Bedeutung von Bindungsmerkmalen in der FamilienFamilientherapieBindungsmerkmale- und Eltern-Kind-TherapieEltern-Kind-Therapie, Bindungsmerkmale vor (Cassidy und Shaver 2016).
Erwähnt sei das Buch Attachment and Group Psychotherapy (Marmarosh et al. 2013), das veranschaulicht, dass unterschiedlich gebundene Personen sich in GruppenGruppenpsychotherapieBindungsmerkmale, in denen das Bindungssystem möglicherweise noch häufiger aktiviert wird, sehr unterschiedlich verhalten können. Beispielsweise seien – so Marmarosh et al. – verstrickte Gruppenmitglieder von der Bestätigung durch andere sehr abhängig, sie bräuchten die Gruppe als sicheres Objekt und Regulativ ihrer Emotionen, während vermeidende Gruppenmitglieder eher misstrauisch und entwertend wirken, mehr Unterstützung der Gruppenleitung bei der Exploration emotionaler Dysregulation und ein immer wieder beteuertes Sicherheitsgefühl benötigen. Die Autoren sehen in der Mischung unterschiedlich gebundener Personen insofern große Vorteile, als verstrickt Gebundene die Gruppe eher dazu antreiben, auch schmerzhafte Gefühle und Ängste zu explorieren, während die Vermeider manchmal dazu beitragen, sich nicht zu sehr auf ein Thema festzulegen. Sicher gebundene Gruppenmitglieder, auch wenn sie sich in therapeutischen Gruppen selten finden, wiederum können am ehesten modellhaft die Gefühle der anderen Mitglieder empathisch zum Ausdruck bringen, ebenso wie sie eher in der Lage sind, Erfahrungen von außerhalb mit dem Geschehen in der Gruppe zu verbinden.

Therapieprozess: Veränderung von Bindungsmerkmalen

Studien zur Veränderung von Bindungsmerkmalen in der PsychotherapiePsychotherapieBindungsmerkmale, Veränderung wurden kürzlich von Taylor et al. (2015) in einer Übersichtsarbeit zusammengefasst: In 14 Studien, die sich auf ganz unterschiedliche Stichproben, Störungsbilder und Therapiesettings beziehen und in denen auch sehr unterschiedliche Methoden zur Erfassung von Bindungsmerkmalen angewandt wurden, zeigte sich, dass im Therapieverlauf offensichtlich einheitlich eine Zunahme von Bindungssicherheit zu vermerken ist, wohingegen bindungsbezogene Angst abnimmt. Die Ergebnisse bzgl. Bindungsvermeidung scheinen nicht eindeutig zu sein. Immerhin spricht für die Stabilität des Gesamtbefunds, dass sich die beschriebenen Veränderungen über die unterschiedlichsten Studien hinweg einhellig zeigen.
Die Frage, ob Bindungsmerkmale tatsächlich auch von prädiktiver Bedeutung für die Behandlung sind, prüften Levy et al. (2011) in einer Metaanalyse von 14 Studien, in die insgesamt 1 467 Patienten eingeschlossen waren (darunter eine sehr große Stichprobe von Patienten in stationärer Psychotherapie). Hier zeigte sich ein deutlich positiver Zusammenhang zwischen Bindungssicherheit und TherapieerfolgTherapieerfolgBindungsmerkmale (Effektstärke d = .37), ein negativer Zusammenhang zwischen Bindungsangst und Therapieerfolg (d = −.46) sowie kein eindeutiger Zusammenhang zwischen Bindungsvermeidung und Therapieerfolg (d = −.01).
Wenn die Konstrukte Bindungssicherheit, Empathie und Intersubjektivität im Kontext der therapeutischen Beziehung reflektiert werden, müssen diese naturgemäß auch auf die Person des Psychotherapeuten bezogen werden. Wenn Empathiefähigkeit als ein Resultat der Bindungs- und Mentalisierungsentwicklung angesehen wird, wird die Frage nach der Bindungsgeschichte bzw. der Bindungsstil von PsychotherapeutenPsychotherapeut(en)Bindungsstil naturgemäß interessant. Erst langsam sammeln sich hierzu Befunde der empirischen Forschung (vgl. Strauß 2006 und die Übersicht bei Eckert 2008). Was die Bindungsmerkmale des Therapeuten anbelangt, so liegen bisher nur wenige Studien vor, von denen die Mehrzahl allerdings darauf hinweist, dass Therapeuten eine ähnliche Verteilung von Bindungsmustern aufweisen wie die Normalbevölkerung. Einen Hinweis auf die Konsequenz unsicherer Bindung von Therapeuten gibt eine Untersuchung von Schauenburg et al. (2010): Danach ging eine ausgeprägtere Bindungssicherheit bei Therapeuten mit einer besseren therapeutischen Beziehung und einem besseren Therapieergebnis insbesondere bei solchen Patienten einher, die schwerer gestört waren, d. h. komorbide Persönlichkeitsstörungen aufwiesen.
Im Hinblick auf die Bedeutung der BindungserfahrungenBindungserfahrungenTherapeut auf Therapeutenseite kommt Eckert (2008) zu dem Schluss:

„Der Therapeut sollte … in der Lage sein, dem Patienten eine ‚sichere Basis‘ im Sinne Bowlbys zu bieten. Das kann auch einem nicht sicher oder nur bedingt sicher gebundenen Therapeuten gelingen, solange sein eigenes Bindungssystem im Prinzip deaktiviert bleibt. Die zweite Bedingung, die ein nicht sicher oder nur bedingt sicher gebundener Therapeut erfüllen sollte, ist ein reflektierter und konstruktiver Umgang mit seinen Bindungsproblemen“.

Therapeutische Interventionen

Psychotherapiebindungstheoretische AspekteBei der Frage nach therapeutischen Interventionen, die auf die Förderung von Empathiefähigkeit, Intersubjektivität und auf die Modifikation des inneren Arbeitsmodells von Bindung abzielen, fallen zunächst therapeutische Grundbedingungen bzw. -haltungen ein, die in unterschiedlichen Psychotherapierichtungen seit Langem bedeutsam sind. Empathie bzw. empathische Fertigkeiten als therapeutische Grundhaltung wurden besonders ausführlich innerhalb der klientenzentrierten TherapietheorieKlientenzentrierte Therapietheorie beschrieben (vgl. Eckert 2007).
EmpathiePsychotherapeut(en)EmpathieEmpathie(fähigkeit)klientenzentrierte Therapietheorie ist danach ein komplexes Konstrukt, das viele unterschiedliche Aspekte einschließt. Deshalb schlagen Bohart et al. (2011) auch vor, drei Modalitäten zu unterscheiden:
  • 1.

    Eingefühltsein (empathic rapport),

  • 2.

    Kommunikation des empathisch Verstandenen (communicative attunement) und

  • 3.

    Auf die Person bezogene EmpathieEmpathie(fähigkeit)personbezogene (person empathy, auch als experience-near understanding of the client's world oder background empathy bezeichnet)

Wie Eckert (2007) verdeutlicht, wurde Empathie in der klassischen Psychoanalyse lange Zeit nicht als ein wesentlicher Bestandteil des analytischen Prozesses angesehen. Das habe sich erst mit den Arbeiten von Kohut geändert. Der EmpathiebegriffEmpathie(fähigkeit)psychoanalytische/-dynamische Theorien in moderneren psychoanalytischen bzw. psychodynamischen Theorien unterscheidet sich nicht wesentlich von dem durch Rogers definierten. Krause (2011Therapeutische BeziehungEmpathie) sieht „eine zentrale Voraussetzung“ für eine qualitativ gute Beziehung zwischen Psychotherapeut und Patient darin, „dass der Therapeut den Patienten aus dessen Bezugsrahmen, den derselbe aber nicht notwendigerweise selbst kennen muss, heraus versteht. Dieser Verstehensvorgang schließt ein, sich selbst mit den Augen des Patienten sehen zu können, und dieses noch gar nicht ausformulierte innere Bild in Bezug auf die Kompatibilität mit dem Bezug auf die eigene Person zu prüfen. Dieser Vorgang ist schwerlich nur durch Nachdenken zu bewältigen, sondern setzt eine Teilhabe an der Gefühlswelt des Patienten und der mit ihr verbundenen Phantasien und Kognitionen voraus. Diesen Vorgang kann man Empathie nennen, wenn er gleichzeitig ein Wissen einschließt, dass die in mir entstandenen Gefühle vom anderen stammen, und dies ist mehr als ein definitorisches Erfordernis, dass das eigene Gefühl tatsächlich in systematischer und mir bekannter Weise mit der inneren Welt des anderen verknüpft ist“ (Krause 1997: 49 f.).
Auch in der kognitiven VerhaltenstherapieEmpathie(fähigkeit)kognitive Verhaltenstherapie wird EmpathieEmpathie(fähigkeit)kognitive Verhaltenstherapie als wichtige instrumentelle Fertigkeit des Therapeuten angesehen, wobei hier Empathie eher konkretisiert wird in Form von Bestätigung, Zustimmung und Gewährenlassen.
Die speziellen empirischen Forschungsergebnisse zur Empathie sind bei Bohart et al. (2011) nachzulesen. Daran wird auch deutlich, dass die Psychotherapieforschung inzwischen klar belegt hat, dass EmpathieEmpathie(fähigkeit)therapeutische Beziehung zu den „empirisch hinreichend gesicherten“ Aspekten einer therapeutisch wirksamen Beziehung gehört (Eckert 2007) und eine wichtige Voraussetzung für die Förderung der Empathiefähigkeit und IntersubjektivitätIntersubjektivität aufseiten der Patienten darstellt.
Therapeutische Interventionen, die spezifischer auf theoretische Konstrukte aus der Bindungstheorie gerichtet sind, werden erst in jüngster Zeit spezifiziert:

„Psychotherapy is a process through which clients divulge the most personal and vulnerable details of their life histories to an individual who is hopefully sensitive, nurturant, and caring. This interchange can be thought to parallel aspects of early interactions with an attachment figure. Ideally, the effective therapist's role is to provide the two functions of an attachment figure as conceptualized by Bowlby: that of a secure base and a safe haven.“

1

Übers. d. Autors: „Psychotherapie ist ein Prozess, in dessen Rahmen Klienten die persönlichsten und verletzlichsten Teile ihrer Lebensgeschichte gegenüber einem Individuum preisgeben, von dem sie hoffen, dass es sensitiv, fürsorglich und versorgend ist. Dieser Austausch ist in vielerlei Hinsicht mit frühen Interaktionen mit einer Bindungsfigur vergleichbar. Idealerweise ist die Rolle des effektiven Therapeuten damit verbunden, dass er die beiden wichtigen Funktionen einer Bindungsfigur übernimmt, wie sie Bowlby postuliert hat, die einer sicheren Basis und die eines sicheren Hafens.“

Borelli und David (2004: 272)1

Bowlby selbst hat sich nur wenig dazu geäußert, wie bindungstheoretische Aspekte in der psychotherapeutischen Praxis zu berücksichtigen seien. In einem seiner späteren Aufsätze definierte er fünf Aufgaben des Psychotherapeuten (Bowlby 1988)Psychotherapeut(en)Aufgaben:
  • Bereitstellung einer sicheren Basis für die Exploration

  • Exploration aktueller Beziehungen

  • Exploration der therapeutischen Beziehung

  • Vergleich aktueller mit früheren Erfahrungen, um das innere Arbeitsmodell von Bindung zu modifizieren die Neugestaltung von Beziehungen

Es gibt mittlerweile eine reichhaltigere Literatur zu diesem Thema, aus der auch Kliniker – z. B. bei der Lektüre von Falldarstellungen – Gewinn erzielen können, weswegen diese Konzepte auch zunehmend ihren Weg in die Aus- und Weiterbildung von Psychotherapeuten finden. Autoren wie z. B. Liotti (2002) weisen zu Recht darauf hin, dass die Annahmen der Bindungstheorie als sinnvolle Werkzeuge begriffen werden können, die dabei helfen, die therapeutische Arbeitsbeziehung durch eine Analyse bindungsbezogener „interpersonaler Schemata“ zu analysieren und besser zu begreifen. Ein Ziel einer psychotherapeutischen Behandlung aus bindungstheoretischer Sicht, so Dozier und Bates (2004), ist die direkte oder indirekte Modifikation des mentalen Zustands eines Patienten. Wie Psychotherapeuten damit umgehen, wissen wir bislang vornehmlich aus Fallbeschreibungen. Eine der wenigen Studien, die sich mit großem Aufwand auf die Analyse von Interventionen im Zusammenhang mit bindungsrelevanten Äußerungen befassten, stammt von Hardy et al. (1999). Dieser Studie zufolge werden offensichtlich die Reaktionen der Therapeuten durch den Bindungsstil der Patienten mediiert: Auf Klienten mit verstrickter Bindung reagierten die Therapeuten vorwiegend mit Interventionen, die zur Reflexion anregen sollten, auf abweisend gebundene reagierten sie eher mit Interpretationen.
Es mag also sein, dass Therapeuten sich bislang weitgehend intuitiv auf das durch Bindungserfahrungen beeinflusste Beziehungsangebot von Patienten einstellen und dass auch vor diesem Hintergrund erklärbar ist, dass die Zusammenhänge zwischen BindungsstilBindungsstiltherapeutische Beziehung und therapeutischer BeziehungTherapeutische Beziehungbindungsrelevante Charakteristika ebenso wenig eindeutig sind wie die Befunde zur prädiktiven Qualität von Bindungsstilen für den Behandlungserfolg. Die meisten Studien hierzu zeigen immerhin, dass das Ausmaß an BindungssicherheitBindungsstilBehandlungserfolg den Behandlungserfolg am besten vorhersagt. Dies ist auch vor dem Hintergrund der Annahme von Bindungsforschern zu verstehen, dass eine autonome Bindung als die primäre Strategie verstanden werden kann, die auch im Fall einer unsicheren Bindung – als basale autonome Repräsentanz von Bindung – einen gewissen Einfluss hat (vgl. Dozier und Bates 2004: 170: „treatment can capitalize on this underlying need for connectedness and coherence“). Im Hinblick auf unsichere Bindungsmuster ist die Ergebnislage uneindeutig und wahrscheinlich von Patientenmerkmalen, aber auch vom Behandlungsansatz bzw. -setting abhängig.
Konzepte aus der Bindungstheorie sind für den klinischen Alltag äußerst nützlich, so z. B. das Konzept der sicheren BasisSichere Basis, die Interaktion der Motive Exploration und Bindung, das Konzept des Trennungsprotestes und – aufbauend auf den Untersuchungen der Arbeitsgruppe von Fonagy – das Konzept der Mentalisierung, das auch dazu beiträgt, neuere Modelle für die therapeutische Kompetenz (und „Sensitivität“) zu entwickeln. Die von Fonagy und Bateman konzeptualisierte Mentalisierungsbasierte TherapieMentalisierungsbasierte Therapie (MBT), die mit dem Fokus auf einer Erhöhung der Mentalisierungsfähigkeit speziell für Patienten mit Borderline-Persönlichkeitsstörung entwickelt wurde (Kap. 24) geht davon aus, dass definitionsgemäß jede therapeutische Arbeit implizite Mentalisierung sein muss, dass Psychotherapie das Bindungsverhaltenssystem aktiviert und im günstigen Fall die Erfahrung einer sicheren Basis ermöglicht. Vor diesem Hintergrund, so Fonagy et al. (2004: 47), wird es möglich, dass ein Patient sich verstanden fühlt und Sicherheit empfindet und dass diese Sicherheit die „mentale Exploration“ erleichtert: „the exploration of the mind of the other to find oneself therein“.
Die Bindungstheorie hat ein hohes Integrationspotenzial. In einem Sonderheft des Journal of Psychotherapy Integration (Ausgabe September 2011) wurde die Bindungstheorie sogar als entscheidende Grundlage einer Psychotherapieintegration „gefeiert“. Fakt ist, dass in allen relevanten psychotherapeutischen Verfahren mittlerweile bindungstheoretische Überlegungen eine große Rolle spielen (vgl. Strauß und Schauenburg 2016). Dabei wird immer wieder darauf hingewiesen, dass Entwicklungsprozesse, speziell die Affekt- und Selbstregulation durch Spiegelung, wie sie für die Entwicklung einer sicheren Bindung maßgeblich und entscheidend sind, Parallelen zum Austausch in der therapeutischen Beziehung haben, in der im Idealfall das Bindungssystem und die Mentalisierung koaktiviert werden. Erst kürzlich hat Holmes (2013) für den Kontext der psychodynamischen Therapie beschrieben, dass Befunde aus der Säuglingsforschung (z. B. das Phänomen der partiell kontingenten Spiegelung) hervorragende Modelle für die Konzeptionalisierung des psychotherapeutischen Prozesses darstellen.

Zusammenfassung und Ausblick

Ausgangspunkt dieses Kapitels war eine Darstellung der Bindungstheorie, die in ihrer mentalistischen Erweiterung heute als wichtige entwicklungspsychologische Basis für die Entstehung von Empathie und Intersubjektivität gelten kann. Eine ganze Reihe von Befunden der klinischen Bindungsforschung hat bereits zu einem besseren Verständnis von Psychopathologie einerseits und der therapeutischen Beziehung und psychotherapeutischen Interventionen andererseits beigetragen. Gleichzeitig ist eine Intensivierung der Forschung zu den neurobiologischen Grundlagen von Bindung, Empathie und Intersubjektivität zu beobachten: Sie erlauben Hypothesen zu den Grundlagen der Konstrukte, die in der Psychotherapie so große Bedeutung gewonnen haben. Mittlerweile hat sich die Forschung auch zu einem genaueren Verständnis der neurobiologischen Basis von Bindung und ihrer entwicklungspsychologischen Verankerung geführt, wozu neuere Studien zur Bedeutung des Neuropeptids Oxytocin maßgeblich beitragen konnten.

Literaturauswahl

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A.C. Bohart R. Elliott L.S. Greenberg J.C. Watson Empathy J.C. Norcross Psychotherapy Relationships that Work 2nd ed 2011 Oxford University Press New York 89 108

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J. Cassidy P.R. Shaver Handbook of Attachment 3rd ed 2016 Guilford New York

Dozier and Bates, 2004

M. Dozier B.C. Bates Attachment state of mind and the treatment relationship L. Atkinson S. Goldberg Attachment Issues in Psychopathology and Intervention 2004 Lawrence Erlbaum Mahwah NJ 167 180

Feldman, 2015

R. Feldman Sensitive periods in human social development: new insights from research on oxytocin, synchrony, and high-risk parenting Dev Psychopathol 27 2015 369 395

Fonagy and Allison, 2014

P. Fonagy E. Allison The role of mentalizing and epistemic trust in the therapeutic relationship Psychother 51 2014 372 380

Fonagy et al., 2004

P. Fonagy G. Gergely E.L. Jurist M. Target Affektregulation, Mentalisierung und die Entwicklung des Selbst 2004 Klett-Cotta Stuttgart

Grossmann and Grossmann, 2012

K. Grossmann K.E. Grossmann Bindungen – das Gefüge psychischer Sicherheit 4. A. 2012 Klett-Cotta Stuttgart

Mallinckrodt, 2000

B.A. Mallinckrodt Attachment, social competencies, and the therapy process Psychother Res 10 2000 239 266

Singer, 2006

T. Singer The neuronal basis and ontogeny of empathy and mind reading: review of literature and implications for future research Neurosci Biobehav Rev 30 2006 855 863

Vrticka and Vuilleumier, 2012

P. Vrticka P. Vuilleumier Neuroscience of human social interactions and adult attachment style Front Hum Neurosci 6 2012 212

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